4
Bor dem Eintritt in das Ministerium
werden sollten, wie Anerswald, Vincke, Grabow. An jenem Tage blieb seinAntlitz ernst, mochte auch der Freiherr von Vincke noch so humoristisch erzählen,wie er beim Aussteigen aus dem Wagen unten an dem Schloßportal von demBerliner Janhagel ausgezischt worden sei, während den Temmes und d'EstersLebehochs gebracht wurden. Bismarck machte sich keine Illusionen über dieSchwierigkeiten der Lage, wenn auch die Royalisten laut triumphierten über denAusfall der Wahlen. Die Parteien standen sich nämlich numerisch ungefähr gleich,wenn man zu den Royalisten alle rechnete, die nicht ausgesprochene Demokratenwaren. Es war das eine s ehr mangelhafte Rechnung und dennoch war nach denEreignissen des Vorjahres dieses Resultat schon als ein großer Erfolg zu be-trachten, ein Erfolg, welcher zu einem guten Teil den Bemühungen Bismarck'sund seiner näheren Freunde zugeschrieben werden mußte. Bei der Begrüßungder Abgeordneten sagte ein aus Pommern Gewählter zum Abgeordneten für West-havelland: „Wir haben gesiegt!"
„Nein, wir haben nicht gesiegt," eutgegnete Bismarck ruhig, „aber wirhaben angegriffen, und das ist die Hauptsache; der Sieg soll erst noch kommen,aber er wird kommen!')"
Im Laufe der ersten Session (26. Februar bis 27. April 1849) nahmBismarck unter den Konservativen mehr und mehr eine führende Rolle ein. Umso mehr ries er durch seine freie, unerschrockene Kampfweise ^) oft den Zorn seinerGegner hervor.
I. D. H. Temme, welcher Mitglied derselben Kammer war, schreibt überBismarck in seinen „Erinnerungen": „Ich kam durch den Zufall des Loses mitihm in die nämliche Abteilung. In den Abteilungen lag der Schwerpunkt derVorberatungen, die jetzt in Kommissionen stattfinden. Sie kamen daher öftersund oft zu sehr lebhaften Debatten zusammen. Unsre Abteilung war wie durcheinen Eigensinn des Loses zusammengesetzt. Ein großer Teil, ich glaube, dergrößte Teil des hohen Adels ans der Kammer, war darin vertreten; dann kameine kleine Anzahl des niederen, ärmeren preußischen Adels; dann kamen ehrbare
y Vgl. Hesekiel, „Das Buch vom Grafen Bismarck." S. >52 ff.
2) Welche Stellung Bismarck am Schluffe dieser Session in der öffentlichen Meinungeinnahm, ersieht man am besten aus den Angriffen, die gegen ihn gerichtet wurden. „DemAbgeordneten zur preußischen zweiten Kammer, Freiherr» von Bismarck-Schönhausen, ist inAnerkennung seiner trefflichen antedilnvianischen Rede, welche er in der Sitzung vom 2l. Aprilüber die deutsche Frage gehalten hat, das Prädikat „Allernuterthänigster Unterthan" beigelegtworden." „Herr von Bismarck-Schönhansen läßt in seinem Wahlkreise Westhavelland-Zancheeine Adresse an den König besorgen, in welcher die Krone gebeten wird, das MinisteriumBrandenburg-Manteuffel als zu revolutionär zu entlassen und sich mit Ministern zu umgeben,welche weniger dem Umstürze des Bestehenden huldigen." — „Herr von Bismarck-Schönhansenhat den Baumeister des Sitzungsgebäudes gefragt, ob es denn gar nicht möglich wäre, dieWand der rechten Seite noch einige Fuß weiter hinanszurücken: sie ist ihm nicht rechts genug.Der Baumeister hat sein Bedauern ausgedrückt, die Wand selbst (nicht verrücken zu können,indessen dem Edlen von Bismarck wenigstens versprochen, in künftiger Session eine Nische fürihn einznschneiden, wenn er nämlich wieder gewählt werden sollte."