Auch die formale Gleichheit und der etwas hohe Sitz der Ohrenmuss hervorgehoben werden. Wenn man von dem Umstand ab-sieht, dass der sehr viel kleinere Massstab bei den Darstellungender Vincentius-Tafel dem Künstler das Ausarbeiten der Detailswesentlich erschweren musste, zeigt sich auch in der Behandlungdes Haupthaares bei beiden Bildwerken eine erstaunliche Ueber-einstimmung. Man vergleiche beispielsweise den Krauskopf desJohannes (Ap. T.) mit dem des Mannes, welcher auf der Vinc.T. mit erhobener Geissei zum Schlage gegen den Heiligen aus-holt. Bei beiden zeigt sich genau dieselbe kugelige Lockenform,bei beiden ist der Mittelpunkt der Lockenringel durch das gleiche,runde Bohrloch gebildet. Noch augenfälliger ist die Aehnlichkeitder Frisuren des vor dem Richterstuhle Dacians stehenden oderdes an die Säule gefesselten Märtyrer-Diaconen und des Jacobusauf der Ap. T. Hier bildet das Haar nebeneinander angeordnetesanfte Hügel, diese Hügel aber sind von feinen, parallel laufendeHaarsträhne andeutenden Rinnen durchfurcht.
Dasselbe gilt von den Bärten. Man beachte den Schnitt unddie Flächenbehandlung der Backenbärte, die über die Mundwinkelherabfallenden Schnurrbartenden. Der Vergleich der Körperpro-portionen wird durch das verschiedene Grossenverhältniss, dieUngleichheit der Bekleidung und Stellung der Figuren auf beidenReliefs erschwert.
Die von Rahn * 1 gemachte Wahrnehmung, die Figuren hättenzu kurze Arme, trifft mit wenigen Ausnahmen — z. B. der vonden Raben verteidigte Leichnam — zu. Sehr tüchtig ist dagegenbei beiden Bildwerken die Form und das Spielen der Hände ge-geben. Es wird schwer halten, eine unnatürliche oder verzeichneteHand zu entdecken, was ein rühmliches Zeugnis von der Naturbe-obachtung und Gestaltungsgabe des Künstlers ablegt. Wie beredtsind nicht die Gesten der sich mit einander unterhaltenden Apostel,von welcher Naturwahrheit andererseits die herabhängenden Händedes toten Heiligen (Vinc. T. links unten). Auch bei den zahl-
einer Masse, etwa wie mehrfach an Sculpturen im Zürcher Grossmünster,mit Blei ausgegossen. Thatsächlich steckt noch heute in den Augeneiniger Köpfe der Vinc. T., so z. B. in denen des einen Raben, eineharzige Substanz, welche jedoch auch späteren Ursprunges sein kann.
1 Rahn, a. a. O. p, 261.