I.
Die Anfänge
der romanischen Plastik in der Schweiz.
Um die Mitte des XII. Jahrhunderts war es mit der plasti-schen Kunst in der Schweiz noch recht schlecht bestellt. Zu einerZeit, wo sich im benachbarten Frankreich, jenem mittelalterlichenKulturlande sondergleichen, schon eine reiche und üppige Früchtezeitigende bildnerische Thätigkeit entfaltet hatte , 1 gab es in demschönen Alpenlande — von etwaigen, nicht auf unsere Tage ge-kommenen Schöpfungen abgesehen — wenig, dem man den Nameneines Kunstwerkes zugestehen kann.
Nicht als ob es an dem Bestreben, sich künstlerisch zu be-thätigen, gefehlt hätte; die Ordensgeistlichen der zahlreichen blüh-enden Klöster waren wohl bemüht, ihren Gotteshäusern würdigenSchmuck zu verleihen, aber das Können blieb hinter dem gutenWillen zurück. Wo wir schon recht stattliche Leistungen derArchitektur verzeichnen können, 2 liegt die Plastik noch sehr imArgen. Es will scheinen, als ob die Umstände, welchen dieSchweiz heutigen Tages mit ihre Grösse und Blüte verdankt, injener Zeit eher hinderlich auf das Entfalten des künstlerischenGeistes eingewirkt haben.
1 Fast alle französischen Skulptorenschulen standen damals schonin hoher Blüte. Arles, Chartres und St. Denis waren schon vollendet.
2 Solche sind in konstruktiver Hinsicht die gewölbten Kirchenvon Grandson, Payerne, Bonmont u. s. w.