Gotteshäusern des Bistums zum Vorbilde dienen musste, liegt jaauch sehr nahe, dennoch liegt der Fall auch häufig anders. DieErfahrung lehrt, dass nicht immer das prächtigere, grössere Kunst-werk das Modell des schlichten, kleineren bildete, dass vielmehrdas reichere und vollendetere häufig das jüngere ist. Dass derSt. Ursanner Portalbau einfacher als die Basler Pforte ist, liegtin der Natur der Sache und wird schon durch den Umstand, dasser einem viel schmuckloseren Gotteshause eingefügt wurde, bedingt.
Die vier Portalstatuen an den Eingangsseiten fehlen, ebensodie grosse Umrahmung mit den zehn Tabernakeln. Der Thürsturzist weggefallen und von der ganzen, reichen Ornamentik derGalluspforte ist nichts zu entdecken. Letztere wurde allerdingsdurch eine dem Anschein nach sehr lebendige und bunte, nochjetzt zum Teil erhaltene Bemalung ersetzt . 1
Trotzdem nun alle die angeführten charakteristischen Teileder Münsterthüre an der St. Ursanner fehlen, ist doch die Aehn-lichkeit beider eine ganz merkwürdige. Dies bewirken die Säulen-stellung, das Relief im Bogenfelde über der Thüre und mit ammeisten wohl die vielgliedrige, aus Rundstäben und Hohlkehlenzusammengesetzte, halbrunde Tympanoneinfassung. Schliesslichträgt das Herausspringen des Portals aus der Mauerflucht undseine horizontale Abdeckung sehr dazu bei, ihm den triumph-bogenartigen Charakter des Basler Werkes zu verleihen. Ausserdiesen generellen Analogien finden sich noch viele kleinere, aberdesto markantere Uebereinstimmungen. Kurz gesagt, die Ver-wandtschaft der Portale ist eine mehr als allgemeine, durch Zeitund Stil bedingte; es kann gar kein Zweifel darüber obwalten,dass ganz direkte Uebertragungen stattgefunden haben.
Doch davon später. Lassen wir, im Gegensatz zu unsererUntersuchung über das Münsterportal, hier einmal die historischeder stilkritischen Betrachtung vorangehen.
Rechts neben dem kreisrunden Fenster, welches die Kirchen-
1 lm Jahre 1896 wurde durch Albert Naef im Aufträge der«Schweizerischen Gesellschaft für Erhaltung historischer Kunstdenk-mäler» eine genaue Gesammt- und Detailaufnahme des St. UrsannerPortals mit wiederhergestellter vollständiger Polychromierung ange-fertigt, welche sich jetzt im Schweizerischen I.andesmuseum zu Zürichbefindet.