Druckschrift 
3 (1825)
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

aller Art ein edles Herz erobern will. O wie vieleZupirus giebt es noch in der Welt, die verlarvtunter der schönen Gestalt der Liebe nur eigennützigeselbsüchtige Menschen sind, immer bereit, ihrer unwür,digen Leidenschaft Achtung, Tugend und Ehre dereraufzuopfern, welche sie zu lieben vorgeben. Ach, könnteman allen denen, die vor dem Gegenstände ihrer Liebeauf den Knieen liegen, in das offene Herz schauen,dann würde man den Götzen erkennen, welchem eigent-lich diese Verehrungen dargebracht werden. Ja, meinGraf, Ihr könnt es glauben, eben diese Leidenschaftist wie alle übrigen bloße Eigenliebe, und oft noch dazueine verächtliche. So sprach Helena mit einem sol-chen Feuer, daß ihr sonst glühendes Gesicht von dop-pelter Schönheit glänzte, da ihr die Erhabenheit ihrerGedanken und die Grundsätze eine hcldenmüthige Tu-gend, eine außerordentliche Erfahrung gewährten.

Da der Graf dieses hörte, sah er sich genöthigt,den Jrrthum zu bekennen, daß man in der Sprache derLiebenden das auch als großmüthige Huldigungen aus«giebt, was genau erwogen in der Waagschale der gesun-den Vernunft, nur Eigenliebe und niedrige Selbstsuchtist. Gegen diese Leidenschaft muß sich ein Jeder waffnen,den die Vernunft regieren soll, weil gerade diese Leiden-schaft allein der Ursprung aller unsers Elends ist. Hier-aus fließt aber eine traurige Folge, denn wenn es un-möglich ist. daß man seiner Eigenliebe widerstehe, sokönnen wir uns keine Hoffnung mehr machen, den