Druckschrift 
Zur Geschichte der Düsseldorfer Kunst, insbesondere im XIX. Jahrhundert
Entstehung
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

Aber Lessing war keine lehrhafte Natur, seine Zurückgezogenheit machte ihn zu einemFührer in irgend einem Sinne nicht geeignet, und in seinen Landschaften war das Persönlichezu stark, als dafs er in jener unpersönlichen Zeit und Schule etwas Anderes als höchstens etwaNachahmer hätte heranbilden können. Was Lessing in dieser Hinsicht abging, das befafs dafürein anderer junger Künstler, den sein ganzes Wesen ausschliefslich auf die Landschaftsmalereihinwies, der im Anfang allerdings durch Lessing angeregt wurde, dann aber seine eigenen Wegeging und bald als der eigentliche Lehrmeister und Gründer der Düsseldorfer Landschaftsmalereiauftreten konnte, im höchsten Mafse.

Johann Wilhelm Schirmer war seit 1825 schon Schüler der Akademie, hatte sich aber auchzunächst unter Kolbe, dann unter Schadow mit Evangelisten und ähnlichen Dingen abquälenmüssen. Schirmer war 1807 in Jülich, der alten Landeshauptstadt, als Sohn eines Buchbindersgeboren und als Buchbindergeselle nach Düsseldorf gekommen. Hier hatte ihm die Nähe derAkademie die Gelegenheit gegeben, einem längst genährten Hang zur Kunst nachzugehen, under war ohne alle Hülfsmittel als Schüler eingetreten. Während er am Tage in den Klassen seinPensum absolvirte, zeichnete er, durch Lessing angeregt, des Abends Landschaften und entschlofssich schliefslich, unter Zustimmung Schadows, sich ganz der Landschaftsmalerei zu widmen.Im Jahre 1828 sandte er sein erstes grofses Bild, einen „Urwald", zur Berliner Ausstellung, dasdort zwar anerkannt, aber doch nicht in dem Mafse gelobt wurde, wie des schon berühmtenLessings Arbeiten. Dafs es ein Urwald war, den der junge Mann an den Ufern der Dussel malte,ist schon recht bezeichnend für sein ganzes Wesen. Man hat Lessing den romantischen Landschafts-maler genannt, Schirmer den klassisch idealistischen und Andreas Achenbach, von dem noch dieRede sein wird, einen Virtuosen. Damit war die wissenschaftliche Etiquette gefunden, aber weiterauch nichts. Etwas davon mag ja auf Jeden zutreffen, aber gerade bei Schirmer ist die Bezeichnungschon deshalb zu eng und unrichtig, weil er zu verschiedenen Zeiten sehr tiefgehende Wandlungendurchgemacht und namentlich im Anfang den verschiedensten Einflüssen nachgegeben hat.

Lessing war allerdings insofern Romantiker, als er im Sinne der romantischen Figurenmalereihäufig einen poetischen Gedanken in seinen Landschaften zum Ausdruck zu bringen suchte.Dazu war ihm aber die figürliche Staffage meist unentbehrlich. Wo diese fehlte, bleibt alsromantischer Rest eine subjective beabsichtigte Stimmung, die nicht aus dem Anblick und ausder Vertiefung in die Natur herausgeholt, sondern vom Künstler in sein Bild hineingetragen ist.Das entspricht ebensosehr der Schule, als seiner Individualität. Lessing wäre jedenfalls auch50 Jahre später kein Landschafter im modernen Sinne geworden, der sich der Naturstimmunghingegeben und sie objectiv zu schildern sich bequemt haben würde, so wenig wie Schirmer.den man danach ebensogut einen Romantiker nennen könnte.

Die Bezeichnung eines Klassicisten verdient Schirmer in denjenigen Bildern, bei denen erim Anschlufs an Claude oder Poussin „ethnographische" — biblische oder sonst orientalischeLandschaften zu malen versucht, doch nur zum Theil, denn niemals hat er auch hier unterlassen,sich stets mehr an die Natur und zwar an die deutsche anzulehnen, die er häufig in ganz naiverWeise für seine biblischen Bilder verwendet, als an die klassischen Vorbilder. Und gerade indiesen biblischen Landschaften und ihren Staffagen ist etwas, das sie ebensogut nazarenerhaftromantisch erscheinen läfst, wie klassisch - idealistisch. Die Hauptsache ist wohl, dafs auchSchirmer sich selten mit dem Vorbild der Natur allein begnügt hat. Er componirte seine Land-schaften ebenso sorgfältig, wie die Romantiker ihre Historienbilder; seine Farben und Beleuchtungs-stimmungen sind nicht, wie fast immer bei Lessing, subjectiv empfunden, sondern überlegt, unddeshalb nicht immer überzeugend. Er ist Akademiker und baut seine Landschaften ganz consequentnach den berühmten drei Gründen auf. Zuweilen erscheint er als richtiger Romantiker auchdarin, dafs er direct vom Theater beeinflufst ist. Manche seiner dahingehörigen Stücke könntenohne weiteres für Skizzen zu Theaterhintergründen gelten, und bei einigen seiner grofsen Land-schaften zeigt sich geradezu das Princip der Coulisse: zu beiden Seiten grofse Massen, die sichoben vereinigen und in der Mitte einen tiefen Durchblick frei lassen. Dabei, und das ist einKennzeichen seiner ganzen Richtung und Schule, fehlt ihm das stereoskopische Sehen sowohl,als das Festhalten an einem optischen Mittelpunkt, den Lessing zwar nicht in dem Mafse, wiedie moderne Landschaftsmalerei, aber doch intuitiv bis zu einem gewissen Grade festhält.

Bei Schirmer und den Seinen ist Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund aufs genauestedurchstudirt, ebenso wie der für „Aussichten" schwärmende Spaziergänger mit dem Fernglas vorder Nase die verschiedenen Weiten durchnimmt und nachher von einer schönen Aussicht spricht,wenn er sich die Natur in eine Landkarte verwandelt hat.

196