730 Chirurgie.
gen zu wollen, wie vielfach versucht worden ist,geht nicht an, u. alle diese Versuche müssen denStempel des Gezwungenen u. Willkürlichen tra-gen, weil die Verhältnisse des lebenden Körpersviel zu innig in einander eingreifen u. in einan-der übergehen, als daß sie eine derartige Scheid-ung zulassen könnten. Die trotzdem im praktischenLeben vorhandene ist also nicht als eine durch-greifende zu betrachten, sie ist sogar in vielerBeziehung wünschenswerth, ja nothwendig, umnamentlich den Lehrvortrag zu erleichtern. —Man unterscheidet in der CH. einen allgemeinenTheil, welcher sich mit den Krankheilen beschäftigt,die nicht einen bestimmten Sitz haben (Blutüber-füllungen, Entzündungen, Eiterungen, Verhärtun-gen, Erweichungen, Brand, Geschwülste rc.), undeinen speciellen, welcher Kenntniß von den Er-krankungen der einzelnen Systeme, Organe undGegenden gibt. Die chirurgische Therapeutikzerfällt in die Lehre der chirurgischen Heilmittel(Arzneien, Verbände, Instrumente, mechanischeVorrichtungen) und in die Lehre der chirurg.Operationen (Akiurgie), deren es blutige u. un-blutige gibt. Ein Theil dieser Operationslehre ist dienamentlich in den letzten Jahrzehnten zu so hohemAufschwünge gekommene Olt. onrtornm od. dieplastische CH., die den theilweisen Wiederersatzverloren gegangener Theile sich zur Aufgabe stellt,z. B. der Nase (Rhinoplastik), der Augenlider(Blepharoplastik), der Lippen (Cheiloplastik) rc.,oder auch den Verschluß widernatürlicher Öffnun-gen, z. B. des Kehlkopfes in Folge krankhafterVorgänge rc. Die dazu nothwendigsn gesundenHautlappen werden in der Nähe, gewöhnlich drei-ecksweise (Burow), mit großer Sorgfalt ausge-schnitten u. von ihrer Unterlage zum Theil gelöst,damit sie dann seitlich verschoben, an die betref-fende Stelle angelegt u. hier zusammengenähtwerden können. Die einstweilen bleibende Brücke,d. h. der Theil, der vorläufig noch die Verbind-nng mit der alten Umgebung erhält u. so die Er--nährung vermittelt, wird erst später getrennt, wenndie Lappen mit einander verwachsen sind. Berühmtwaren schon die alten Inder durch ihre künstlicheNasenbildung; sie nahmen den Lappen aus derStirn. Übertragungen ferner liegender Theile, z.B. der Haut des Oberarmes zur Nasenbildung,haben nicht den günstigen Erfolg u. werden heut-zutage kaum noch benutzt. Noch ungewisser ist dasfrüher geübte Verfahren, die entsprechenden Haut-stücke ganz zu lösen u. dann zu übertragen, weil siefast ansnahmelos durch Ernährungsmangel ab-sterben. — Als Abthcilungen der CH. ließen sichnoch anführen die Oll. oastrsnsis, die es mitden besonders im Kriege vorkommenden Verletz-ungen u. Erkrankungen zu thun hat, deren Spu-ren sich bereits bei Lykurgos finden, die abererst bei den Römern unter Cäsar, Liberins, Ger-manicns u. Trajanus zu hohen Ehren kam, dannwieder bis in das 13. Jahrh. hinein spurlos ver-schwand, u. die Oll. korsnoiz, die sich auf gerichtlicheBegutachtungen bezieht.
Während das Studium der Geschichte der Me-dicin jeden Wahrheitsfreund Niederdrücken muß, istes die Geschichte der Chirurgie, die erhebt. Frei-lich finden wir auch hier den Wechsel von Licht n.
Schatten, aber doch nicht jene verhängnißvollenRück-schritte, nicht jenes mehrfache Zurücksinken in diealte Barbarei, wenn einmal fester Fuß gefaßt war.Der Mangel an klarer Einsicht wird nicht verdecktdurch pomphafte Phrasen, sondern Einfachheit, Be-stimmtheit, Klarheit, Würde finden sich fast stetig inden Schriften der großen Meister aller Zeiten. Sohat diese Wissenschaft schon lange die Bezeichnung:LIsckioing. ekkioax, die wirklich helfende Medicin, sichverschafft u. sich zu einer bedeutenden Höhe undSicherheit emporgeschwungen, die namentlich inden letzten Jahren eine staunenswerthe gewordenist. — Die eigentliche Geschichte beginnt erst mitHippokrates (430 v. Chr.), wenn wir auch wissen,daß die feinsinnigen Inder schon sehr viel früherin der CH. Ausgezeichnetes leisteten u. selbst schonden Staar operirten. Kärglicher sind die Nach-richten von den Ägyptern u. Orientalen. InGriechenland wird Chiron (s. d.) gerühmt;aus der Ilias sind uns seine beiden SchülerMachaon u. Podalirios bekannt, gleich groß alsHelden u. Wundärzte, dieser als Erfinder desAderlasses; ferner Demokedes v. Kroton (524),der Leibarzt des bekannten Polykrates, der ihm2 Talente (SOOO N) Jahrgehalt gab. Bis zur Zeitdes Hippokrates macht die CH. bedeutende Fort-schritte; schon war die Trepanation bekannt, dieBehandlung der Wunden war einfach, die derKnochenbrüche und Verrenkungen der unseren fastgleich, das glühende Eisen wurde nach bestimm-ten Vorschriften mit Vortheil benutzt, die Augen-Heilkunde war theilweise ansgebildet. Neben Hippo-krates ist namentlich als Vertreter dieser Zeit u.Richtung Diokles v. Carysthos (364 v. Chr.) zunennen, der besonders als Anatom, wenn auchnicht in unserem Sinne, der CH. wesentlicheDienste leistete. Geringer waren die Fortschrittevon dieser Zeit bis zur Gründung der Alexan-drinischen Schule unter Herophilos u. Erasistra-tos (300 v. Chr.). Durch Alexanders Feldzügewaren die Kenntnisse außerordentlich bereichertworden; Herophilos u. Erasistratos öffneten jetztmenschliche Leichen, wasAristoteles nicht gewagthätte,u. leuchteten mit der Fackel der Anatomie den Zeit-genossen vor. Der Aufschwung der CH. war einganz bedeutender, sie fing an eine selbständigeStellung anzunehmen, denn bis dahin war ihreAusübung streng niit der der inneren Medicin ver-bunden gewesen. Erasistratos gab ein trefflichesWerk über die Wunden heraus, die Lehre derEingeweidebrüche wurde begründet (Gorgias,Heron, Sostratos), die des Steinschnittes vonHippo-kratischen Vornrtheilen befreit, die Augenheilkundeerweitert, die Lehre vergifteter Wunden, durchThiere beigebracht, mit ausgenommen, aber auchdie Anwendung der Bandagen u. künstlichen Vor-richtungen, namentlich bei Brüchen u. Verrenkun-gen, in das Übermaß ausgedehnt. Von Alexan-drien verbreitete sich die Kunst über die damalsbekannte Erde. Zu den Römern, welche die Heil-kunst als einen gemeinen Erwerb ansahen, kam100 v. Chr. Asklepiades v. Bithynien, nachdemhundert Jahre früher Archagathos zwar freundlichausgenommen war, aber nicht viele Geschäfte ge-macht hatte. Jener führte die bereits von denAlten empfohlene Eröffnung der Luftröhre bei