Aierers Sechste, vollständig umgearbeitete Auflage. Wierter Wand. Brasilienholz - Chopersk. Pierers Universal Converlations-LeMoii. Neuestes rucMsMisckes Mörteckuck aller Wissenschaften, Künste und Gewerbe. Sechste, vollständig nmgearbeitete Auflage. Mit zahlreichen Karten, Plänen und Illustrationen. Werter Wand. Brasilienholz — Chopersk. - .- Wertin und Leipzig. Literarisches Institut. 1876 . /?^LZz Alle Rechtevorbehaltm. Spaarmaun'sche BuchdruLerei (Bauer L WiAer! in OberL-n-s-n. K Brasilienholz, s. OLWalpmia. Brasilin 62282067, krystallinischer Farbstoff, im Sappan- oder falschen Sandelholz, sowie im Fernambnk- oder Brasilienholz enthalten; bildet goldgelbe, in Wasser, Alkohol u. Äther lösliche Nadeln. Die Lösungen färben sich mit Alkalien karminroth. Salpetersäure verwandelt es in Pikrinsäure. Clären. Brasilische Nüsse (Amerikanische Nüsse, Amazonenmandeln) find die Samen von LsitLollstia sxoolsa. Brasilnußöl, ein in den Nüssen der Lertbol- Istis, sxesisa enthaltenes blaßgelbes, geruchloses, in kochendem Alkohol lösliches, fettes Ol, welches bei 0° erstarrt. Clören. Braslaw, s. Bratzlaw. Brassen, s. Takelage. Brasse» (Brachsen, Abramis <7rrv.), Fischgattnng ans der Familie der Karpfen; Körper hoch, seitlich zusammengedrückt; Mund ohne Bartfäden; Rücken- u. Afterflosse ohne Knochenstachel, erstere kurz, steil abfallend, letztere sehr lang; Schwanzflosse tief gabelig ausgeschnitten; 5 Schlnndzähne jederseits in einfacher Reihe; der Bauch bildet zwischen der Bauchfloffe u. der Aftergrnbe eine scharfe, schuppenlose Kante. Dahin der Brach- s e n (Blei, Lrama ^).), stattlicher, bis 60 vm großer, gewöhnlich S—7, selbst bis 10 schwerer Karpfen; ausgezeichnet durch seinen stark seitlich zusammengedrückten, hohen Leib; Oberkopf und Rücken schwärzlich, Seiten silberglänzend, gelblichweiß, Kehle röthlich, Bauch weiß mit schwarzen Seitenpunkten, Flossen schwarzblau. Zur Zeit der Brunst wachsen auf der Haut der Männchen stumpf-kegelförmige, anfangs weiche und Weiße, später harte u. gelbe Warzen hervor. Die Weibchen setzen ihre ungefähr 140,000 Eier nachts an Wasserpflanzen ab. Der Brachsen findet sich sehr häufig u. meist in Gesellschaften in ganz Mittel-, Nord- u. OEuropa; nährt sich von Würmern, Jnsectenlarven u. Wasserpflanzen. Sein Fleisch ist wohlschmeckend, jedoch der zahlreichen Gräten halber wenig geschätzt; das der größeren Fische ist besser, als das der kleineren. Jedenfalls wird er eifrigst gefangen, zumal er für die Teichwirthschaft werthvoll ist. Die Zärthe (Meer-B.-Ruß-, Blauoder Meernase, vimbn L.) gehört vorzüglich OEuropa an; lebt in süßem, brackigem u. salzigem Wasser u. findet sich demgemäß in der Ostsee, im Frischen Haff u. den Ostseeflüffen, aber auch in den russischen Strömen des Schwarzen Meeres. Sie ist charakterisier durch die dicke, verlängerte, weit übergreifende Nase, das unterständige Maul und die weit nach hinten gerückte Afterflosse; Scheitel u. Rücken sind unrein braun oder blau, Seiten Heller, Unterseite silberglänzend, PierevS Universal-ConversationZ-Lerikon. 6. Ausl. I Rücken- u. Schwanzflosse bläulich, Bauch- u. Afterflosse gelblich; Brustflossen an der Wurzel roth- gelb. Mit Eintritt der Laichzeit (Ende Mai bis Anfang Juni) färben sich Oberleib, Schnauze, Kopf, Rücken u. obere Hälfte der Seiten tiefschwarz, seidenglänzend, Lippen, Kehle, Brust, Banchkante, sowie die paarigen Flossen dagegen lebhaft orangegelb. Außerdem bedeckt sich dann der Leib des Männchens stellenweise mit einem kleinkörnigen Ausschlage. Sie wird 25—35 om lang u. bis G LZ schwer. Zur Laichzeit vereinigt sie sich zu großen Schaaren u. wird dann zahlreich gefangen, was um so leichter ist, als sie dann in die Flüsse steigt, um dort zu laichen. Der Pleinzen (die Zope oder Schwuppe, baliorrw D.), in allen Flüssen Mittel-Europas, doch meist nur in der Nähe von deren Mündungen. Der kleine Kopf, das schief aufwärts gerichtete Maul u. die große Afterflosse kennzeichnen ihn; sein Rücken ist bläulich, Seiten u. Bauch silberweiß, die paarigen Flossen gelblich, die übrigen weißlich, alle schwärzlich gerändert u. gesäumt; wird 30 bis 35 om laug u. bis 1 KZ schwer. Eine seltenere Form, Abramis l-suoicartii ZaeLel wird von einigen Forschern als besondere Gattung ^bramiäoxsio v. Kebo/ck angesehen, von Anderen dagegen für einen Bastard zwischen Brasse u. Weißfisch gehalten. Thome. Brasseur de Bourbourg, Charles Eti- enne, franz. Abbe u. Historiker, geb. 8. Septbr. 1814 zu Bourbourg (Departement Nord); vor- theilhaft bekannt durch seine Schriften über die Geschichte der Ethnographie Amerikas; erhielt seine erste Ausbildung auf dem College zu St. Omer. Nachdem er bereits 1835—40 als Schriftsteller thätig gewesen, stndirte er zu Gent Philosophie u. Theologie, machte eine Reise durch Deutschland u. Italien u. vollendete seine Studien in Rom, wo er 1845 die Priesterweihe empfing. Im Aufträge der Propaganda nach NAmerika gesandt, hielt er sich zuerst in Boston auf, lehrte alsdann fast ein Jahr lang Kirchengeschichte am kath. Seminar zu Quebeck und ward 1846 endlich vom Bischof zu Boston zu seinem Generalvicar ernannt. Nach mehrfachen Forschungsreisen durch Nord- und Mittel-Amerika ward B. Almosenier der franz. Gesandtschaft in Mexico u. später geistlicher Administrator bei den Indianern des Nabinal im Departement Salama in Guatemala. Als die franz. Expedition nach Mexico unternommen wurde, war er eines der thätigsten Mitglieder der zur Erforschung dieses Landes gebildeten wissenschaftlichen Commission. B. starb 8. Januar 1874 in Nizza. Seine Werke über die Geschichte u. die Alterthü- mer Amerikas sind äußerst zahlreich u. werthvoll, u. besondere Erwähnung unter ihnen verdienen: Llistoirs cku Oanaäa, Par. 1852, 2 Bde.; 8i- 7. Band. 1 Brajjey ststrnssicn. stoirs stss natious eiviliss'ss stu Llexigue st ässgetheilten oder eingeschnittenen, blasigen oder I'^msrigus osntrals, Las. 1857—59, 4Bve. Dieses ' ^. Werk, Las sich fast ausschließlich auf in Amerika u. in der Bibliothek des Escurial gefundeneindianische Quellen stützt, gibt uns eine von ganz neuen Gesichtspunkten ausgehende Geschichte der alten JnLianervölker im mittleren Amerika n. der Eroberung ihrer Länder Lurch die Spanier. Die zu seinem Werke benutzten Quellen gab B. theilweise heraus unter dem Titel: 8opoI-Vub, in der Quichesprache, Par. 1861, n. dazu eine Grammatik dieser Sprache, das. 1864; Uelaeicm äs las oosas äs Yucatan, das. 1864. Ferner veröffentlichte er: ziomimeitts anoisns äu Asxigus, rsebsrobss sur Iss ruinös äs kalsngus st snr Iss oriZinss äs la oivUisation äu üloxigne, das. 1866; (juatrs lsttrss snr Is Rsxigus, historische Studien nach dem Pso-Xmontli, Par. 1861; dann Las von der Kritik hart angcsochtene Werk: Llanuserit Droano, etuäss sur Is Systems Zrapbigns et 1a lanxzus äes Uazms, Par. 1869, 1. Bd., u. endlich Siblistkegus Llexioo-SuatsinaUsnus, das. 1871. Bartling. Brassest, Thomas, hervorragender Eisenbahn- Unternehmer, geb. 1805 in Cheshire; übernahm den ersten Eisenbahncontract 1836 bei der Bir- miugham-Liverpooler Bahn, welchem nicht nur andere in Großbritannien folgten, sondern auch in der Schweiz, Frankreich, Belgien, den Niederlande», Dänemark, Norwegen, Spanien, Italien u. Österreich; auch bei der Mont-Cenis-Bahn war er betheiligt, ebenso bei Eisenbahubauten in Amerika u. Asien. Er starb 9. Dec. 1870 in St. Leonards. Srassics T., Pflauzengattnng aus der Familie der Cruciferen, Unterfamilie Oi-tlwxloesae-Lras- siaeas (XV. 2), ausgezeichnet durch linealische, stielrunde oder fast vierkantige, geschnäbelte Schoten, deren Klappen mit einem starken Mittet nerv, zuweilen mit zwei geschlängelten, aus zusammenfließenden Adern entstandenen Seitennerven versehen sind; Samen kugelig, Ireihig; am Embryo find beide Keimblätter zusammen einfach längsgefaltet, während das Wllrzelchen ihrer Rinne aufliegt. Arten: 1) Kohl (8. olsraosa L.), kahl; untere Blätter gestielt, obere sitzend, länglich, gezähnt; Traube der ziemlich großen hellgelben Blüthen schon während des Aufblühens locker; Kelch aufrecht; Staubfäden sämmtlich aufrecht; Schoten auf abstehenden Stielen aufrecht mit glatten, braunen Samen. Von dieser an den Küsten WEuropas wilden Pflanze werden bei uns zahlreiche Formen cnltivirt, nämlich a) 8. aespbalaHLi, mit verlängertem Stengel, vor der Blüthe ausgebreiteten, nicht zu einem Kopfe zusammengedrängtcn Blättern: aa) Blattkohl (Staudenkohl, 8. vulgaris TXT), mit flachen, buchtig-fiederspaltigen, grünen oder rotheu Blättern, meist nur als Vieh- fntter dienend; bb) Grünkohl, Braunkohl (8. gvsroikolia 26.), mit fiedertheiligen, grünen oder braunen Blättern mit eingeschnittenen Abschnitten, bekanntes Gemüse; b) Rosenkohl (8. gemmiksra 26.), mit verlängertem Stengel, halbgeschlossenen End- u. zahlreichen Seitenköpschen u. mit blasigen Blättern, ein weniger verbreitetes, feineres Gemüse; e) Wirsingkohl, Welschkraut (8, sakralsten, einen lockeren Kopf bildenden Blättern; ä) 8. capitata 2., mit kurzem Stengel, gewölbten, einen dichten, festen Kopf bildenden Blättern; umfaßt den grünlich-weißen Weißkohl u. Lenrothen Rothkohl; s) Kohlrabi, Oberkohlrabi (8. gongzäoäss D.), mit einem Stengel, welcher über der Erde zu einer weißen, fleischigen Knolle verdickt ist; t) Blumenkohl, Carviol (6. botrzäis 2.); die oberen Blätter- u. Blüthen- stiele find zu einer weißlichen, fleischigen Masse verdickt, in welcher die meist verkümmernden Blüthen verborgen sind. Bei den drei folgenden Arten sind die zwei kürzeren Staubblätter abstehend-aufstrebend u. die Samen grubig-punktirt. 2) Rübsen (8. kapa 2.), mit oberwärts ästigem Stengel, gestielten, leierförmigen, fiederspaltigen, steifhaarigen unteren Blättern, stengelumfafsenden, eiförmigen, gezähnten oberen Blättern u. goldgelben Blüthen, von denen die aufgeblühten die unentwickelten überragen; stammt wahrscheinlich aus SEuropa und wird bei uns in folgenden Formen gebaut: a) Sommerrübsen (8. annna Loe/i), mit dünner Wurzel, häufig als Ölfrucht gebaut; b) Winterrübsen (8. olsiösra 26.), mit dünner Wurzel, kräftigerein Stengel, größe- ren Schoten und Samen; e) weiße Rübe, Leltower Rübchen (8. rapit'sra, LtekLAe»-), mit verdickter, fleischiger Wurzel; st) 8. sampsstris 2., schwache, einjährige, unter der Saat und auf Schutt häufig verwilderte Form. 3) Raps (8. I7apus 2.), mit blau-grünen, etwas behaarten Blättern, von denen die unteren, gestielten fiederspaltig, die oberen, stengelumfassenden ganz- randig sind, n. mit lockeren Trauben, so daß die unentwickelten Blüthen die aufgeblühten überragen. Formen: a) Sommerraps (8. annna Loo/r), mit dünner Wurzel, einjährig; Ölfrucht; b) Winterraps (8. olsiksra zweijährig; Ölfrucht; o) Kohlrübe, Erdkohlrabi (bla- pobrassios 2.), mit fleischigem, knollig verdicktem Stengelgrunde u. Wurzel; Gemüse u. Viehfutter. 4) Schwarzer Senf (8. nixra Loe/r, sinapis niAia 2.), mit gestielten, grasgrünen, leierförmig gefiederten unteren u. lanzettlichen, ganzrandigen oberen Blättern, mit kleinen goldgelben Blüthen, aufrechten Fruchtstielen und Schoten, schwärzlichen oder braunrothcn Samen; findet sich in großer Menge am Ufer des Neckars von Tübingen bis Heidelberg u. am Main von Würzburg b,.- Kainz, außerdem hin und wieder unter der Saat, auch nicht selten wegen der Samen gebaut (8smsn sinapis); dieselben riechen u. schmecken sehr scharf u. enthalten myronsanres Kali, welches sich durch die Einwirkung eines gleichzeitig in denselben enthaltenen Ferments, des Myrosins, in ein brennend scharfes Öl, Schwefelcyanallyl oder Sensöl, Traubenzucker u. schwefelsaures Kali spaltet. Schon bei den Griechen u. Römern wurde der Samen angewendet, da er stark reizend auf die Absonderung der Schleimmembranen wie der Nieren wirkt; er wird vorzugsweise bei Verdauungsschwäche, gegen Hartleibigkeit, Blähungen, «tonische Wassersucht rc. angewendet, am beste» diätetisch zu Speisen (als Mostrich). Gepulvert und befeuchtet ans baust» 1,.), mit etwas verlängertem Stengel, un-sdie Haut gebracht, ruft er brennenden Schmerz, 3 Brassicanus Röche u. Blasenbildung hervor, daher seine häufige Anwendung in Form von Senfteigen zu Hautreizungen. Engter. Brassicanus, Johann (deutsch. Kölreuker), aus Konstanz, Bebels Schüler u. Nachfolg, aus dein Lehrstuhl der Eloquenz in Tübingen; schrieb eine der ersten brauchbaren lateinischen Grammatiken, 1510. Sein Sohn Joh ann Alexander B., geb. 1500 in Tübingen, wurde Professor in Wien, wo er 1589 starb. Brassier de St. Simon-Ballade, ein Zweig des alten, weitverzweigten französischen Geschlechtes B., welcher sich in Deutschland niederließ; aus ihm stammt: Graf Maria Joseph Anton, Sohn des im französischen Kriegsdienste verstorbenen Marie Louis Joseph, geb. 8. Aug. 1798 zu Brixlegg in Tirol; wurde in Schlesien erzogen, diente seit 1813 im preußischen Heere u. studirte dann in Berlin und Heidelberg die Rechte. Er trat 1826 in die diplomatische Carriöre ein, indem er zuerst Attache bei der preußischen Gesandtschaft in Petersburg wurde; von hier kam er 1829 als Legations-Secretär nach Constantinopel, 1833 nach Paris u. 1837 als Ministerresidcnt nach Athen; nachmals war er Gesandter in Stockholm, feit 1854 in Turin, seit 1862 in Constantinopel u. seit 1869 in Florenz; wurde 1857 für scinePerson in den preuß. Grafenstand erhoben. Er st. 22. Octbr. 1872 zu Florenz. In den Jahren 1859 u. 1860 hat er Cavour gegenüber die damalige legitimistische Haltung Preußens gegen das Turi- ner Cabinet bedeutend gemildert und dadurch de» Übergang der preußischen Politik zum Jahre 1866 erleichtert. Bauer.' Braten, Zubereitung des Fleisches, wobei dasselbe ohne alles, oder doch nur mit wenig Wasser dem Feuer ausgesctzt wird, so daß die nahrhaften löslichen Bestandtheile, welche beim Kochen theil- weise gelöst werden, beim B. im Fleische bleiben u. weich, mürbe n. an der Außenfläche gebräunt werden. Der Braten oder das gebratene Fleisch gewährt daher nicht nur eine sehr wohlschmeckende, sondern auch höchst nahrhafte und, wenn er nicht zu fett ist, leicht verdauliche Speise n. ist dem abgekochten Fleische unter allen Umständen vor- znziehen. Man brät am Spieße, wobei das Fleisch an einem spitzigen eisernen, mit einer Kurbel versehenen Stabe (Bratspieß), in einem eisernen Gestelle (Bratbock), Lessen aufrechtstehende Stanc.v t Haken oder Löchern versehen sind, neben einem Hvlzkohlenfeuer von einer Person oder mittes eines besonderen Apparats (Bratenwender) herumgedreht wird. Damit die Wärme nicht zu rasch verfliege, benutzt man auch wol eine Bratmaschine, welche aus einem blechernen Gehäuse besteht, in dessen Seitenwänden sich Einschnitte zur Aufnahme des Bratspießes befinden, während die Hintere Seite sich gegen den an einer eisernen Wand befindlichen Kastenrost, öffnet, die vordere aber mit einer Thür zum Öffnen versehen ist. Dabei muß das Fleisch beständig mit Fett begossen werden, wodurch die Oberfläche ge- , schmeidig erhalten u. das Verdunsten der wässerigen u. gallertartigen Flüssigkeiten gehindert wird. Um aber die durch die Hitze entstehende Kruste nicht zu dick im Verhältniß znm übrigen Fleische — Brcitiauu. werden zu lassen, muß der am Spieße zu bereitende B. von bedeutender Größe sein. Das ablaufende Fett wird in einer untergesctzten Pfanne gesammelt. Ferner brät man aus dem Roste (Bratrost), der aus eisernen Stäben zusammengesetzt ist. Von dieser Bereitungsart gilt das von dem Vorigen Gesagte, nur daß man hier auch kleinere Stücke Fleisch (Beefsteak, Rostbeef), schmackhaft zubcreiteu kann. Endlich in eisernen, kupfernen oder irdenen Pfannen (Bratpfanne) in einer Bratröhre oder einem Bratofen; bei zweckmäßiger Einrichtung ist gleiche Schinackhastigkeit u. zugleich mehr Reinlich, keit u. Ersparung an Holz u. Fett zu erreichen, als beim B. am Spieße. Brater, Karl Ludwig Theodor, deutscher Publicist, geb. 27. Juni 1819 in Ansbach; studirte die Rechte in Erlangen, Heidelberg u. Würzburg n. bekleidete, nachdem er seit 1847 Hilfsarbeiter im Justizministerium zu München gewesen war, 1848—50 das Bürgermeisteramt in Nürnberg, worauf er in Nördlingen und seit 1856 in München wissenschaftlich beschäftigt lebte. Seit 1858 gehörte er der bayerischen Zweiten Kammer an, wo er einer der Führer der Fortschrittspartei war, u. war 1859 einer der Mitstifter des Deutschen Nativnalvereins, dessen Bestrebungen er in Bayern wesentlich fördern half. Im December 1863 wurde er geschäftsleitendes Mitglied des Ausschusses der Deutschen Abgcordnetenversamm- lung. Er begründete 1850 die Blätter für administrative Praxis in Bayern, redigirte seit 1856 mit Bluntschli das Deutsche Staatswörterbnch n. gründete 1858 die Bayerische Wochenschrift, 1859 die Süddeutsche Zeitung u. 1865 die Wochenschrift der Fortschrittspartei und die autographirte Erlanger Correspondenz. Er starb 20. Oct. 1869 in München. Bratiann, 1) Jo an, rumän. Staatsmann, geb. 1822; trat schon frühe in Paris, wo er seine Erziehung erhielt, mit der die Bölkerrepublik anstrebenden Partei in Verbindung, suchte dann mit den Brüdern Golesco u. A. diese Ideen in seinem Vaterlande zu verwirklichen, mußte aber nach Unterdrückung der Revolution in der Walachei 1848 in die Verbannung nach Paris gehen; 1857 mit den anderen Verbannten in die Walachei zurück- gekehrt, agitirte er eifrigst für die Union beider Fürstenthümer, konnte aber, so lange Cnsa die Regierung führte, nie zu einiger Geltung kommen. Um so größeren Einfluß gewann er nach der Berufung des Fürsten Karl von Hohenzollern und wurde schon im März 1867 Minister. Jndeß durch seine dako-rumänischen Agitationen, die hauptsächlich eine Vergrößerung Rumäniens auf Kosten Siebenbürgens anstrebten, durch die zu dem Zwecke durchgeführte Erweiterung der Armeeorganisation u. a. erhöhte er die finanziellen Verwirrungen, u. Lurch die Zulassung der Judenverfolgungen brachte er das Land mit Österreich in Conflict. Dagegen näherte er sich mit Vorliebe Rußland, von dem seine Politik sogar mit Geld unterstützt worden sein soll, u. Preußen, was die Concession der für das Land so kostspieligen Stroußbergschen Eisen- bahnbautcn mit zur >olge hatte. Dem Drucke, den das Ausland der I: enfrage wegen übte, mußte B. endlich weichen u: > nahm im November 1863 -4 Brätling seine Einlassung. Von nnn ab wirkte er mit seiner Partei auf den Sturz des vorher von ihm so sehr beschmeichcltcn Fürsten und bildete mit Joan Ghika u. Golesco, nachdem in Plojesti 20. August 1870 die Republik ausgerufen worden, eine provisorische Regierung. Der Aufstand wurde indeß rasch unterdrückt, n. ebenso mißlang der von B. angezettelte Revolutionsplan, zu dessen Ausführung die Störung der von den Deutschen veranstalteten Feier des 22. März 1871 das Signal geben sollte; damals redigirte B. schon die Depeschen auf dem Telcgraphenbnreau, welche dem Lande die Kunde von der gelungenen Revolution bringen sollten. Er n. seine hohen Mitverschwo- rencn, darunter der Minister Joan Ghika, fahren jedoch fort, sich aus Erneuerung ihrer Pläne vor- znberciten. 2) Demeter, älterer Bruder des Vor., geb. 1818; ist in jeder Beziehung Gesinnungsgenosse Joans; er war unter dessen Ministerium Cultusminister u. agitirt jetzt mit diesem für eine dako-rumänische Republik. Briitliug, s. u. Blätterschwamm. Bratsberg, waldreiches u. gebirgiges Amt im norweg. Stifte Christianssand; 14,781 Hjüiv (268,5 IHM); 82,400 Ew. Gut B. im Kirchspiel Gjcrgcn war vor der Reformation Sitz des königl, Befehlshabers im Län B.; dabei der Capitclsberg mit den Rinnen einer Kirche, mit schöner Aussicht über das erzreiche Umland, welches von vielen, zum Thcil reißenden Gebirgsgewässern mit oftmaligen Wasserfällen durchströmt wird, die Säge- mühlcn für den lebhaften Ausfuhrhandel mit Bauholz treiben. Die Einwohner sind kraftvoll, nicht ohne Schulbildung u. sittenstreng, aber arm u. üben noch viele alte Gebräuche. Bratsche (Altgeige, Armgcige, Violstta, Viola aika, Viola äi braoeio, dah. deutsch B.), eine Violine, nur durch größeren Bau u. um eine Quinte liefere Stimmung von der gewöhnlichen unterschieden; hat 4 Saiten, e, A, ck, a, von denen die beiden ersten übersponnen, die beiden letzteren Darmsaiten sind; man spielt sie nach dem Altschlüssel. Im 15. u. 16. Jahrh. war sie häufig not 5 Sailen bezogen; die 5. war das o unserer Violine, daher die L-Saite jetzt noch die Quinte genannt wird. Vgl. Bogeninslrumente. Brattleboro, Ort im Weidham County des nordamcrik. Unionsslaates Vermont; dessen älteste Ansiedelung (vom I. 1725); Eisengießereien, Maschinenwcrkstätten; 4700 Ew.; besuchter Som- merauscuthalt mit Kaltwasser-Hcilanstalt, gegründet von Robert Wcsselhöft. Brahlatv (Braslaw), Kreisstadt im russ. Gouv. Podolien, am Bug, in der Umgebug sumpfiger Strecken gelegen; 5211 Ew. (1870). Wurde 1672 von den Türken genommen, aber 1675 von den Polen zurückerobcrt u. von Neuem befestigt. Branbach, Stadt im gleichnamigen Amte des Kreises Rhcingau im preuß. Negbz. Wiesbaden, Station der Nass. Bahn, am Rhein und einer Felswand, ans deren Gipfel die ehemal. Feste Marx- burg liegt, von Johann, zweitem Sohne des Landgrafen Ludwig V. von Hesscn-Darmstadt, erbaut, zetzt verpachtet; 1750 Ew. in der Nähe Silber- u. Knpferschmelzen, sowie einige Mincralbruunen, von denen der Dinkholder, dicht am Rhein, der — Braun. bekannteste ist. B. kommt schon in Urkunden des 12. Jahrh. vor u. wurde 1276 von Rudolf v. Habsburg zur Stadt erhoben; 1866 kam es mit Nassau an Preußen. Im Mai 1875 wurde ein großer Theil des Städtchens durch einen Wolkenbruch zerstört n. die Bewohner ihrer Habe beraubt. Brauen, Getränke über Feuer bereiten. Brauen, so v. w. Augenbrauen; s. n. Auge (S. 351). Braugerechtigkeit (lat. llns llraxancki, llns oorsvisiarum) war das ausschließliche, oft aus bestimmten Grundstücken als Realrecht beruhende Recht zum Brauen u. auch wol Schenken des Bieres. In den Städten gab es Braugilden, deren Mitglieder die Besitzer der Wohnhäuser in der Stadl waren, was mit dem schon im Sachsenspiegel enthaltenen Rechte der Städte zusammen- hiug, innerhalb der Bannmeile die Anlegung eines Brau- u. Malzhauses verbieten zu können. Als ausschließliches Liecht ist die B. iu Deutschland durch die jetzige Gewerbegesetzgebung beseitigt. Braun, gemeinsame Bezeichnung der licht- schwachen Schattirungcn von gelb, orange n. roth. Man unterscheidet ohne Rücksicht ans die zu Grunde liegende Farbe hell-, dunkel- u. schwarz braun, mit Rücksicht ans dieselben gelbbraun (als Haarfarbe, wenn nicht zu dunkel, blond genannt) und roth braun, sowie mit einer grünen Beimischung olivenbraun; außerdem zahlreiche gelb- uud rothbraune Schattirungcn, welche nach bekannteren Natur- u. Kunstproducien benannt werden, wie nuß-, zimmt-, chocoladen-, kaffe-, kastanienbraun rc.. Vgl. Farbstoffe und Färberei. Wimmcnauer Ll. Brau«, 1) Otto Philipp, gen. v. Montenegro, geb. 1798 in Kassel, wo sein Vater Sattler war; bestimmte sich für die Reitkunst u. nahm 1814 als hessischer Jäger zu Pferd am Kriege gegen Frankreich theil; 1816—17 stndirte er in Güttingen u. Hannover Veterinärkunde u. reiste 1818 nach NAmerikä. In Hayti, wo er als Stallmeister in die Dienste des Königs Heinrich getreten war, lernte er Bolivar kennen und ging mit demselben 1820 als Reiterosfizier nach Columbia. Hier kämpfte er gegen die Spanier u. half 1824 die entscheidenden Siege bei Junin u. Ayacucho gewinnen. Nach der Constituirung des Staates Bolivia 1825 wurde B. Brigadegeneral u. Statthalter der Departements La Paz, Oruro u. Cochabamba, nachher Kriegsminister u. Gcne- ralfeldmarschall. Nach dem Sturze des Präsidenten Santa Cruz durch Gamarra (1839) kehrte B. nach Europa zurück, lebte hier meist, in Dresden und Kassel und starb in letzter Stadt 24. Juli 1869. 2) Johann Wilhelm Joseph, kathol. Theolog, geb. 27. April 1801 zu Gronau bei Düren; stndirte seit 1821 in Bonn, wurde 1828 Repetent im katholisch-theologischen Couvictorium u. Privatdocent an der katholischen theologischen Facultät in Bonn u. 182? Professor für Kirchengeschichte u. neutestamentliche Exegese. Als Hermesianer mit dem Erzbischof Droste-Vische- ring entzweit und 1835 durch päpstliches Breve excommunicirt, unternahm er 1837 eine Reise nach Rom, um eine Revision des Hermesianischen Processes zu veranlassen. Er wurde jedoch ab-- Braun. M schläglich beschieden und endlich Ansang 1844 sus- H pendirt und zur Disposition gestellt. 1848 zum 4 Parlament in Frankfurt gewählt, gehörte er zur großdeutschen Partei, war auch 1850 Mitglied 1 der Ersten Kammer des Preußischen Landtages u. s nachher des Abgeordnetenhauses. Er st. 30. Sept. s 1883 in Bonn. B. schrieb u. a.: Biographische ^ Mittheilungcn über Cl. Aug. v. Droste-Hülshofs, ! Köln 1833; Die Lehren des sogenannten Herme- l sianismus, ebd. 1835; mit Elvenich: ^.ota Ro- j wann, Hann. 1838, u. Nelsbomata llwsl., ebd. ^ 1837; Deutschland und die Nationalversammlung, ) Aachen 1849; übersetzte St. Cyprians Büchlein s vom Gebete des Herrn, Brem., 2. Aust., 1835, u. - gab den Justinus Martyr, ebd. 1830, u. Lidlio- / tlreoa rsAnkarnm üclei, 1844, 2 Bde., heraus. - Er war 1831 mit Hermes und Droste-Hülshofs Mitbegründer der Zeitschrift für Philosophie und .katholische Theologie. Seit 1847 Vorstand des Vereins der Alterthumskunde in Rheinland, widmete er sich auch der Knust- u. Altcrthumswiffen- schaft u. schrieb in diesem Fache: Die Externsteine, Bonn 1858; Das Portal zu Remagen, ebd. 1859; Rafaels Disputa, Düsseld. 1859, u. zahlreichen Abhandlungen in der Zeitsch. des Vereins. 3) Karl Johann, Ritter v. Braunthal (Pseu- donym auch Jean Charles), Dichter u. Schriftsteller, geb. 1802 in Eger; privatisirte zuletzt in Wien n. starb hier 6. Januar 1867. Er schrieb: Die Himmclsharfe (geistliche Lieder), Wien 1826; Die Glückliche, ebd. 1826; die ästhetisch gebildete Dame, ebd. 1830; die Trauerspiele: Loda (1826); Graf Julian (1831), 2. Ausl., 1838; Die Geopferten (1835); die Dramen: Ritter Shakespeare . (1836) n. Don Inan (1842); Fragmente aus dem Tagebuche eines jungen Ehemannes, Wien 1833; Herrn Humors Wanderungen durch Wien u. Berlin, ebd. 1833; Novellen, ebd, 1834; Morgen, Tag und Nacht ans dem Leben eines Dichters, Lpz. 1834; Die stehenden Masken im Lustspiel des Lebens, ebd. 1836; Phantasie- u. Thicrstücke (Gedichte), ebd. 1836; Gedichte, neue Folge, Nürnb. 1839; Lieder eines Eremiten, Stuttg. 1840; Mission, Kaust. 1841, u. eine Anzahl von - Romanen, die ohne besonderen Werth sind. Seine .Gedichte sind oft durch den heitersten Humor ge- ; würzt; die ernsten Balladen zeichnen sich durch - gemüthvolle Tiefe ans; in seinen Dramen gelangte Her nicht zu künstlerischer Abrundung. 4) Alex- Lander, einer der berühmtesten neueren Botaniker, .. .geb. 10. Mai 1805 zu Regensburg; wurde zuerst "Professor der Botanik in Freiburg im Breisgau, '. 1850 in Gießen u. 1852 in Berlin, wo er auch die (Dircction des Botan. Gartens übernahm. Unter den zahlreichen Untersuchungen u. Abhandlungen B-s, die namentlich in den Monatsberichten und den Abhandlungen der Berliner Akademie, den Berichten des Botanischen Vereins für die Mark Brandenburg u. der Gesellschaft der naturforschen- den Freunde in Berlin enthalten sind, ist vor allen als epochemachend zu nennen seine vergleichende Untersuchung über die Ordnung der Schuppen der Tannenzapfen u. der Blllthen der Sonnenblumen rc. (Abhandl. der Leop.-Carol. Akademie Bd. 14); die Erscheinung der Verjüngung in der Natur, insbesondere in der Lebens- u. Bildungsgeschichte der Pflanze (Lpz. 1851), gehört zu seinen bedeutendsten Leistungen. Doch find auch noch als die wissenschaftliche Botanik wesentlich fördernd zu nennen: Richtungsverhältnisse der Saftströme in den Zellen der Charccen, Berl. 1852; Das Individuum der Pflanze in seinem Verhältniß zur Species, ebd. 1853; Pilzkrankheiten der Pflanzen, ebd. 1854; xsl§arnin nnieollularium gensra nova, Lpz. 1855; Über Obzlriilinm, Berl. 1856; verschiedene Schriften über Isoelss, LelaAmollL, tklrara, Narmlia, kilnlaria sto., über Parthenogenese bei Pflanzen, 1857; Polyembryonic, 1860 rc. Von großer Bedeutung sind seine zahlreichen Untersuchungen über die morphologischen Verhältnisse der Phanerogamen, ans Grund deren er zur Aufstellung eines natürlichen Pflanzensystems gelangte, das in Aschersons Flora der Prov. Brandenburg (Berl. 1864) abgedruckt ist n. in wissenschaftlichen Kreisen allgemein zur Geltung gekommen ist. 5) Kaspar, namhafter Lylograph, geb. 1807 in Aschaffenburg; widmete sich in München der Malerei, ging 1837, um die Technik der französischen lylographen kennen zu lernen, nach Paris. Nach München zurückgckchrt, gründete er 1839 mit v. Dessauer eine Tylographische Anstalt, aus welcher eine große Anzahl illnstrirter Prachtwerkc hervorging und welche, seitdem er sich mit Felix Schneider aus Leipzig 1843 associirt hatte, einen immer größeren Aufschwung nahm u. eine sehr wirksame Schule für xylographen wurde. Er verband mit derselben ein Verlagsgeschäft (Braun u. Schneider) und gründete 1844 die humoristische Zeitschrift: Fliegende Blätter, welche jetzt der Professor Ednard Ille rcdigirt. Von den von B. illustrirten Werken sind zu erwähnen: Das Nibelungenlied, nach Zeichnungen von Schnorr und Neureuther; der Volkskalender mit Illustrationen nach Kanlbach u. Cornelius; Illustrationen zu Musäus' Volksmärchen, zu Götz v. Berlichingen, zu der Cottai- schen Bilderbibel und die Münchener Bilderbogen. B. schrieb: Das Landwchrzeughaus in München. 6) Alexander Karl Hermann, einer der sächsischen Minister von 1848, geb. 10. Mai 1807 zu Plauen im Voigtlande; studirte in Leipzig die Rechtswissenschaften u. wurde Advocat in Planen; er saß 1839—42 in der sächsischen Zweiten Kammer u. unternahm dann, um das öffentliche und mündliche Gerichtsverfahren kennen zu lernen, eine Reise nach den Rheinländern, Württemberg, Holland, England n. Frankreich; 1845 wurde er wieder in die Kammer u. zu deren Präsidenten, gewählt. Nach dem Rücktritte des Ministeriums infolge der Märzereigniffe 1848 wurde B. 16. März Minsterpräsident und Minister der Justiz, nahm aber im Februar 1849 seine Entlassung n. wurde 1850 Amtshauptmann in Plauen, wo er 23. März 1868 starb. Sein Reisebericht erschien Lpz. 1846. 7) August Emil, bedeutender Alterthumforscher, geb. 19. April 1809 in Gotha; studirte seit 1826 in Göttingen und München und ging 1833 mit Gerhard nach Rom, wo er bei dem Archäologischen Institut angestellt wurde und 12. Sept. 1856 starb. Er wendete zuerst die Galvanoplastik zur Vervielfältigung von Kunstwerken an. B. gab heraus: II §1uäiric> cki Marille, Par. 1838; Die Kunstvorstellungen des ge- Braunau. stügeltcn Dionysos, München 183S; Tages und des Hercules u. der Minerva Hochzeit, 1839; Antike Marmorwerke, Lpz. 1843, 2 Bde.; Griechische Götterlehre, Hamb. 1850—54, 2 Bde.; Die Vorschule der Kunstmythologie, Gotha 1854, engl, von Grant, 1856, u. viele archäologische Monographien, z. B. Über die Ficoronische Cista, Lpz. 1850; Die Apotheose des Homeros, ebd. 1848; Die Ruinen u. Museen Noms, Braunschw. 1854, engl. 1855, n. gab die Passion des Duccio Buo- ninsegna, ebd. 1850, heraus. 8) Wilhelm August Detlef v., schwedischer Dichter, geb1813, gest. 1860; trat in den Militärstand ein, den er 1846 als Lieutenant verließ. Seine ersten Viktor erschienen 1837; er wurde bald sehr populär durch die Lebhaftigkeit, Leichtigkeit u. Ausgelassenheit seiner Lieder; auch Novellen u. Prosaskizzen lieferte er nicht wenige. Gesammelt sind seine Werke als: Lawlaäo arbeton, Stockh. 1867—70, 6 Theile (der 6. Theil in 2 Bänden). 9) Reinhold, Genremaler, geb. 25. April 1821 in Alteusteig (Württemberg) ; war für den Beamtcnstand bestimmt, trat aber 1836 an der Stuttgarter Kunstschule ein, kam 1844 nach München, wo er sich an Friedrich Boltz anschloß, infolge Lessen er sich der Idylle zuwendete. Rät seinen 30 Aquarellen aus dem württembergischen Volksleben brachte er als der Erste Sitten u. Gebräuche, Trachten n. Gewohnheiten als Maler in ein System, ohne dem didaktischen Element das Übergewicht über das künstlerische einzuräumen. Außerdem malte er neben vielen Genrebildern das Gefecht bei Waghäusel u. viele Lagerscenen. Erlebt in München. 10) Ludwig, Schlachten-u. Genremaler, Bruder des Vor., geb. 1836 zu Schwäbisch-Hall; erhielt den ersten Kunstunterricht an der Stuttgarter Kunstschule, bildete sich dann in München u. Paris; lebt jetzt in München. Bilder aus dem Schleswig-Holsteinischen, Deutsch-Österreichischen, Deutsch-Französischen Kriege; Turnier von 1496 in Nürnberg (für den Grafen v. Hunoldstein). In seinen Arbeiten bekundet sich lebendige Auffassung u. große Frische der Darstellung. 11) Karl, Justizralh u. Anwalt beim Oberlribunal in Berlin, geb. 20. März 1822 zu Hadamar in Nassau; studirte 1840 zu Marburg Philosophie, seit 1841 in Göttingen die Rechte; war von 1849—1866 Mitglied der nas- sauischen Zweiten Kammer, von 1858—63 Präsident derselben, neben dem verstorbenen vr. Lang, Führer der nationalen Partei in Nassau, seit 1859 ständiger Präsident des volkswirthschaftlichen Con- grcsses, seit 1867 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und Mitglied des Norddeutschen Reichstages, seit 1871 des Deutschen Reichstages. Von seinen zahlreichen literarischen Arbeiten, die zum Theil eine sehr scharfe Kritik hervorriefen, sind hcrvorzuhebeu: Die Zinswuchergesetze, Mainz 1858; Für Gewerbe- u. Zugfreiheit durch ganz Deutschland, Franks. 1860; Vier Briese eines Süddeutschen an den Verfasser der vier Fragen eines Ostdeutschen, Lpz. 1867; Frankfurts Schmerzensschrei und Verwandtes, Lpz. 1868; Parlaments- Briefe, Berl. 1868; Bilder aus der deutschen Kleinstaaterei, 4 Bde., Lpz. u. Berl. 1869—70; Während des Krieges, Lpz. 1872; Totäj u. Jokaj, Berl. 1873; Aus der Mappe eines deutschen Reichsbürgers, 3 Bde, Hannov. 1874; Mordgr» schichtcn, 2 Bde., Hannov. 1875. 12) Julius, talentvoller Archsolog, geb. 16.Juni 1825zuKarls- ruhe; studirte in Heidelberg, wo er Röths Schüler war, dessen Ansichten über Len Zusammenhang der griechischen u. orientalischen Philosophie von be. stimmendem Einfluß aus B. waren... Dieser machte ausgedehnte Reisen durch Italien, Ägypten, Palästina, Syrien, Klein-Asien,Griechenland u. veröffentlichte seine wissenschaftlichen Resultate, nicht ohne Widerspruch zu finden. Er docirte in Heidelberg (1853), Tübingen (1860) u. an der Akademie der Künste in München (1865). Aufreibende gelehrte Thätigkcit führte seinen frühen Tod herbei, 22. Juli 1869. Er schr.: Geschichte der Knust, in ihrem Enl- wickelungsgange Lurch alle Völker der Alten Welt hindurch aus dem Boden der Orts künde nachgewiesen: 1) Das Nilthal u. Mesopotamien mit den Siebenländern u. die phünik. Küsten; 2) Klein-Asien u. die hellenische Welt, Wiesbad. 1856—58, 2. Aust., mit einem Vorworte von F. Reber, ebd. 1873; Studien u. Skizzen aus den Ländern der alten Cultur, Mannh. 1854; Naturgeschichte der Sage,. Münch. 1864 ff.; Histor.Landschaften, Stuttg. 1867. Lj Löffler? S) Solomon? 5» u. S) Regnet. 11) Bauer 12j Brambach. Braunau, 1) Stadt in der gleichnamigen Bezirkshauptmannschaft in Ober-Österreich, im ehemaligen Jnnkreise, am Inn, über den eine Eisenbahnbrücke nach Bayern hiuüberführt, Grenzstation der Eisenbahn und des Telegraphen; Bezirksgericht; spälgothische Pfarrkirche aus dem 15. Jahrh.; Papier- und Feuerlöschmaschinen-Fabrik, Glockengießerei, in der Nähe große Dampfholzsägen; (1869) 2767 Ew. — B. soll als Brunduuum. schon Römerstation gewesen sein; es war seit 1672 wichtige Grenzfestung Bayerns, welche von den. Österreichern genommen, 1705 den rebellischen bayerischen Bauern nach 2maligem vergeblichem Sturme doch übergeben werden mußte. 1742 wurde B. von den Österreichern belagert; 9. Mai 1743. hier Sieg der Österreicher über die Bayern (s. Oesterreichischcr Erbfolgekrieg); 1779 erhielt es Österreich ; 1805 wurde es von den Franzosen eingenommen; nach dem Presburger Frieden behielten es dir Franzosen u. ließen die Befestigungen 1806. schleifen; 1809 kam es an Bayern, welches die Festungswerke wiederherstellte, es aber 1815 wieder an Österreich zurückgab. Hier wurde am 26. Aug. 1806 aus Befehl Napoleons I. der Nürnberger Buchhändler Joh. Palm erschossen, dem man 1866 daselbst ein lebensgroßes Bronzestandbild nach. Knolls Entwurf errichtete. 2) Braunow (vrau- nnvia), Stadt in der gleichnamigen Bezirkshauptmannschaft im ehemal. Kreise Königgrätz (Böhmen), an der Grenze von Preuß.-Schlesien, au der Steina;Benedictinerabtei, Gymnasium; mechanische Baumwollenspinnereien u. -Webereien, Bleichereien, Appreturanstalten, Fabrikation rother Tücher; 2660 Ew., mit den Vororten 4245. Die hiesige, 1609 erbaute protestantische Kirche, welche der Abt des Benedictinerklosters 1618 sperren ließ, gab einen der ersten Anlässe zum Dreißigjährigen Kriege; die Stadt wurde 1648 von den Schweden geplündert. Am 26. Juni 1866 rückte die preuß.Garde unter dem Kronprinzen über B. aus Schlesien in Böhmen ein Bräune — Brauneiseustcui. 7 Bräune (Med.). I. Collectivbezeichnung einer Anzahl Krankheiten, die entweder von ihrem Beginne an ihren Sitz im Kehlkopfe haben, od. die Neigung besitzen, von ihrem ursprünglichen Sitze in der Rachen- u. Mundhöhle aus ans den Kehlkopf sortzuschreiten u. daselbst durch Verengerung der Stimmritze Erstickungsgefahr herbeizuführen. Man unterscheidet eine dreifache B.: eine katarrhalische, eine häutige u. diphtheritische, die jedoch nur Grade eines n. desselben Leidens sind. Und zwar ist die katarrhalische die mildeste Form, d. h. diejenige, welche nur äußerst selten zum Tode führt n. in einer Schwellung u. wässerig-schleimigen Absonderung der Schleimhaut des Kehlkopfes besteht; die häutige B. diejenige B-form, bei welcher die obersten Schichten der Schleimhaut, das Epithel, der Sitz der Erkrankung sind, ein faserstosfiges Netzwerk, die sog. Croupmembran, an die Stelle des Epithels getreten ist; die diphtheritische B. endlich diejenige Form, bei welcher das ganze Schleimhautgewebe von einer kleinzelligen Wucherung u. von Eiterzellen durchsetzt ist u. schließlich die Ertödtung der Schleimhaut erfolgt. Die häufigste Form ist die katarrhalische B.; dieselbe befällt am liebsten Kinder vom 3.—5. Lebensjahre; sehr häufig werden schon früher von der katarrhalischen B. ergriffene Kinder von Neuem u. wiederholt von derselben befallen. In den letzten Jahren hat sich durch uns noch unbekannte Verhältnisse die vorwaltende Neigung zu diphtheritischorB. entwickelt, während die häutige B. immer seltener geworden ist. Solche Umänderungen des Charakters der Krankheiten werden östers beobachtet. Während die häutige B. eine ausschließliche Kinderkrankheit war, befällt die Diphtheritis auch Erwachsene, doch ist sie bei diesen niemals tödtlich. Alle B-sormen zeichnen sich durch einen charakteristischen tonlosen Husten aus, der in nicht wenigen Fällen unerwartet des Nachts anstritt n. mit mehr oder weniger Beschwerde, die Lust durch den Kehlkopf zu ziehen, verbunden ist. In sehr vielen Fällen steigert sich die Verengerung im Kehlkopfe zu bedeutender Höhe, u. die Kranken können nur mit großer Anstrengung noch etwas Luft durch den Kehlkopf bringen, wobei ein eigenthümlicher pfeifender Ton entsteht. Als begleitende Erscheinungen des B- hustens u. der pfeifenden, erschwerten Inspirationen beobachtet man häufig bei der katarrhalischen B. Schnupfen, Husten u. Fiebererscheinungen, bei der häutigen B. kleine, eichelförmige, weiße Auflagerungen ans den Mandeln, bei der diphtheriti- schen B. eine förmliche Austapezirung der Nachenhöhle, der Ganmenbögen u. Mandeln mit einer käsigen Masse; bis ans wenige Ausnahmen ist die Kehlkopssafsection durch Fortschreiten des Processes von der Rachenhöhle aus auf den Kehlkopf entstanden. In bösen Fällen von Rachen- u. Kehl- kopfsdiphtheritis zersetzen sich die käsigen zu übelriechenden Massen, verbreiten einen abscheulichen Gestank, n. die Kranken fangen an aus den kranken Stellen zu bluten (brandige B.). Die Behandlung besteht bei katarrhalischen B. in Anwendung feuchter Wärme (warme Milch mit Zucker zum Getränk, Einathmnng feuchter Dämpfe, Auflegen eines mit recht warmem Wasser getränkten Badeschwammes auf den Kehlkopf, gleichmäßig warme (18°) Zimmertemperatur; nur im Nothfalle, bei wirklicher Erstickungsgefahr darf ein Brechmittel gegeben werden; die Unsitte im Volke, bei jedem rauhen Husten ein solches zu geben, ist eine häufige Ursache der Entwickelung von Schwächlichkeit der Kinder. Bei der häutigen B. sind Eiswassercompressen aus Len Kehlkopf zu machen, Blutegel anznsetzen n. baldigst ein Brechmittel zu reichen. Nehmen die Erscheinungen trotzdem an Heftigkeit zu u. treten Erstickungserscheinungen oder Zeichen der beginnenden Kohlensänrevergiftung (Blaßwerden, anhaltende Schlafsucht rc.) ein, so ist so früh wie möglich der Luströhrenschuitt (Tracheotomie) zu machen. Bei der diphtherit. B. sind warme Breiumschläge aus den Hals, Lall elrlorionm innerlich und kräftige, aber flüssige Nahrungsmittel (Bouillon, Milch u. Ei, Wein) anzuwenden; außerdem die täglich 1 bis 2 Mal zu wiederholenden Auspinselungen des Halses mit Höllenstein, salzsaurem Eisen, absolutem Alkohol rc. II. Auch Hausthiere, bes. Pferde, Schweine, Hunde rc. sind der B. unterworfen. Man unterscheidet hier bes. die einsache B. als Entzündungskrankheit, meist von Erkältung herrührend, durch Geschwulst der Halsgegend, Hitze des Mundes, Ausfluß von Schleim aus demselben, Schwierigkeit des Niederschluckens, Athmnngsbeschwerde rc. erkennbar. Mitunter ist die Alhmungsbe- schwerde so bedeutend, daß die Thiere nur durch Ausführung der Tracheotomie (Lufiröhrcnichnilt) zu retten sind. Die gefährlichste Form der B. ist die brandige B., die nicht selten tödtlich u. beim Rindvieh n. bei Schweinen ein gewöhnlicher Begleiter des Milzbrandes ist. i> Kunze. ii> Schmidt.- Braune Farbcstoffc, s. Farbstoffe. Brauner Glaskopf, s. Brauneisenstein. Brauiicbcrgcr, vorzügliche Sorte Moselwein (s. d.). Brauneisenstein (Brauneisenerz, Limonit), Mineral von gelber, gelbbrauner bis schwarzbrauner Farbe, welches nur kleine, undeutliche Krhstalle, meist aber traubige, nierensörmige oder formlose Massen von faseriger, dichter oder erdiger Struktur bildet. Seine Härte ist — 5, sein spec. Gew. — 4, sein Pulver stets gelblich- braun. Chemisch besteht er aus einem Eisenoxydhydrat (I'siHgOg); als untergeordnete Bestand- theile finden sich Kieselsäure und Phosphorsäure. Vor dem Löthrohre erhitzt, färbt er sich roth, indem er sich in Wasser u. 80—8b pCt. Eisenoxyd zersetzt; in vielen Säuren löst er sich auf. Man unterscheidet folgende Varietäten: a) faseriger B., brauner Glaskops, strahlig-faseriger B., von verschiedener äußerer Form; b) dichter B., formlose Massen von dichtem Gefüge; <1) ockeri- ger B., erdig, mehr od. wenigerleicht zerreiblich. Der B. findet sich ans Gängen u. Stöcken, Lagern u. Neuern vorzüglich im älteren Gebirge, so z. B. im Siegenschen, bei Schmalkalden und Kamsdorf in Thüringen, Klausthal im Harz, im Erzgebirge, in Böhmen, Steiermark (Eisenerz), Kärnlhen (Hüt- tcnberg), Norwegen (Ulefoß), Spanien, Brasilien, SAfrika rc. Auf vielen Lagerstätten ist der B. mit Kalkstein oder Thon (Thoneisenstein) innig 8 Brauuclle — vermischt; zu den Thoneiseusteinen gehören theil- weise die in Nieren und Knollen abgesonderten Bohnerze, die sich namentlich im Jura finden. Wegen seines hohen Eisengehaltes u. der Leichtigkeit seiner Verarbeitung ist der B. in allen seinen Abarten, mit Ausnahme der phosphorsäurcreiche- ren, ein wcrthvolles Eisenerz. Hetzen Branuelle (^eoentor Lecstsk.), Gattung der Logelfamilie der Flüevögel, Ordnung der Sperlingsvögel, lerchengroß, von kräftigem Körperbau mit starkem, kegel-pfriemenförmigcm Schnabel, inittelhohen, kurzzehigen, stark bekralllen Füßen u. kurzem, breitem Schwänze; halten sich viel auf dem Erdboden auf u. leben wie die Lerchen, zu denen sie von den Sängern hiullberführcn, von Jnsecten u. Sämereien. Es sind treffliche Singvögel; ihr Nest wird im Gebüsche angelegt u. mit einfarbigen blauen Eiern besetzt. Es sind fast Standvögel, welche oft nur zur kalten Winterszeit fortziehen. Man kennt in Europa u. Asien12 Arten. Die wichtigsten sind: die Alpe n-B., Steinlerche, Alpeu-Flüevogel (Blllmtlerche, H.. alprnns L.), s. Flüevögel; die Hecken-B., Graukehlchen (^.. moclnlaris ^.), sperlingsgroß; Kopf, Hals, Vorderbrust schmutzig-schie- sergrau, Rücken trüb olivenfarbig, lcrchenfleckig; in Deutschland sporadig, dann aber häufig in Gärten u. der Nähe von Häusern; singt sreisitzend, bereits im ersten Frühling. Thonw. Braunfärben, s. Färberei. Braunfcls, 1) (Solms-B.) Standesherrschaft im preußischen Regierungsbezirke Koblenz; besteht aus den Bürgermeistereien B., Schöffengrund, Asslar u. Greisenstein; 20,000 Ew., meist evangelisch ; gehört jetzt zum Kreise Wetzlar. 2) Stadt ebenda, auf einer Basalthöhe, zwischen Solmsbach u. Jsarbach, Eisenbahnstation; Schloß; hier die Braunfelssche Alterthümersammlung (beschrieben von Schaum, 1819), fürstliche Bibliothek; künstliche Wasserleitung; 1700 Ew. B. wurde 946 (nach And. 935) von Eitel Crafft von Dahlheim gegründet; 1622 (1625) wurde es vom Grafen Ernst von Mansfeld erobert, aber bald darauf wurde Stadt u. Grafschaft dem kaiserlichen General Tilly eingeräumt; 1632 eroberte es Graf Konrad Ludwig wieder, nahm aber im Dec. 1634 eine liguistische Besatzung in B. auf, welche Graf Heinrich von Nassau im Jan. 1635 wieder vertrieb. 1640 wurde cs von den Franzosen besetzt, aber 1642 dem Grafen Johann Albert wieder geräumt. 1679 brannte das Schloß u. ein Theil der Stadt ab, jenes ließ Graf Heinrich wieder bauen; da mit dessen Tode die Grafschaft an die Solms-Greifenstcinsche Linie kam, ließ Graf Wilhelm Moritz das jetzige Schloß bauen u. residirte hier. Über das Haus Solms-B., s. Solms. Braunfels, Ludwig, deutscherPublicist, Dichter u. Übersetzer, geb. 22. April 1810 zu Frankfurt a. M.; studirte in Heidelberg seit 1829 Philosophie u. redigirte 1833—38 in Koblenz die Rhein- u. Moselzeitung, welcher er unter steten Kämpfen mit der Censur eine freisinnige Haltung zu geben wußte; bis 1841 studirte er Jurisprudenz in Bonn und ließ sich 1843 in seiner Vaterstadt als Rechtsanwalt nieder, welche Stellung er noch heute bekleidet. In den Jahren 1848—49, sowie 1857—66 war - Braunkohl. er Mitglied des Frankfurter Gesetzgebenden Körpers; 1866 hielt er sich eine Zeit lang in der Schweiz auf. Als Schriftsteller hat er sich neben seiner geschätzten journalistischen Thätigkeit auch als Historiker, als lyrischer u. dramatischer Dichter, bes. aber durch seine Ausgabe der Nibelungen mit Übersetzung, Franks, a. Bk. 1846, und als Übersetzer von spanischen Dramen (Festmahl des Belsazar, von Calderon; Don Juan und Fromme Martha, von Tirso de Molina, in 2. A. in^Meyers Bibliothek der ausländischen Classiker, Hivbnrgh, 1870; ferner: Das Unmöglichste von allen, von Lope de Vega, sowie Gräfin n. Zofe, freie Bearbeitung nach Demselben, in Dramen ans und nach dem Spanischen, Franks, a. M. 1856) einen geachteten Namen erworben. Eine Ausgabe des Don Quixote mit Übersetzung u. Commcntar wird von ihm erwartet. Braunfisch, eine Art Delphin (s. d.). Braunheu ist Wiesenheu, welches man nach der Mahd in Hausen durch Selbsterhitzung trocknet. Wenn das Gras einen Tag ab gew elkt hat u. weder Than, noch vom Regen herrührcnde Feuchtigkeit an demselben hastet, wird es in große, bis 6 m hohe n. ebenso breite, runde Haufen znsammengebracht u. festgetretcn. Hat der Hausen die bestimmte Höhe erreicht, so wird eine Lage Stroh daraus gebracht u. dann der Haufen nock) eine halbe Stunde festgctrcten. Wurde das Futter im richtigen Fcuchtigkcitsgrade zusammcn- gebracht, so entwickelt sich sehr bald eine starke Hitze, die bis auf 80° u. darüber steigt. Zn naß zusammen gebracht, ist die erzeugte Wärme nicht im Stande, die überflüssige Feuchtigkeit zu verdampfen, es tritt Vergährung ein. Ist der Haufen richtig angelegt, so fängt er nach einigen Tagen an zu dampfen, welches je nach der Witterung 4—8 Tage dauert. Nach 6—8 Wochen ist der ganze Proceß beendet, die Hitze vorüber u. das Futter zur Verwerthung geeignet. Das B. hat eine braune Farbe u. einen starken, angenehmen, honigartigen Geruch; liefert, weil nichts durch Heuen verloren geht, bedeutend Mehrgewinn an Futter, ist nahrhafter u. nimmt weit weniger Raum auf dem Heuboden ein, als Grünheu. Die Bereitung des B-s eignet sich besonders für Gebirgsgegenden, wo sich häufig feuchte Niederschläge ereignen, bes. aber bei der Grummt- ernte; sie ist aber auch überall da an ihrem Platze, wo die Futterernte in ungünstige Witterung fällt. Rhode. Braunit (Hartbraunstein, Hartmanganerz), Mineral, welches entweder kleine Krystalle des quadratischen Systems, oder körnige Massen bildet. Er ist hart (Härte — 6) u. spröde, undurchsichtig, eisenschwarz u. stark glänzend; spec. Gew. — 5; in Säuren löst er sich auf. Seiner chemischen Zusammensetzung nach ist er Manganoxyd (LIv^O^ mit 69 pCt. Mangan n. 31 pCt. Sauerstoff. Er findet sich mit anderen Manganerzen im Thüringer- Wald (Ilmenau,'Schmalkalden), im Harz (Mansfeld), im Fichtelgebirge (Wunsicdel), im Wcster- walde, in Pyrmont, NAmerika rc. Hetzer. Braunkehlchen, Vogel, so v. w. Braunkehliger Steinschmätzer. Braunkohl, s. u. Krauskohl u. Lrassioa. Braunkohle. 9 Braunkohle. Werner nannte das Material der tertiären Kohlenablagerungen seiner vorwiegend braunen Farbe wegen B., ini Gegensätze zur Schwarz- oder Steinkohle der älteren Formationen. Wenn auch zugegeben werden muß, daß die dunklere Farbe im Allgemeinen ein höheres Alter anzeigt, so ist dieselbe doch noch von anderen Fac- toren abhängig, namentlich von dem Druck überlagernder Erdschichten, Wärme rc. Daher finden sich sowol braune Kohlen in älteren Ablagerungen, als schwarze in tertiären, u. ist die Wernersche Unterscheidung eine rein geognostische. Die B. bildet lockere oder dichte Massen von erdigem, faserig-unebenem oder muscheligem Bruch und ist theils weich u. zerreiblich, theils hart u. politurfähig. Auf dem Bruche erscheint sie matt oder schimmernd, selbst fettglänzeud. Ihr spec. Gew. schwankt zwischen 1 u. 2,5; die Farbe ist bräunlichgelb bis ganz schwarz. Die chemische Zusammen- . setzung ist ähnlich jener der Steinkohle, doch ist ^ der Gehalt an Sauerstoff u. Wasserstoff ein größe- ü. rer. Die B. enthält Kohlenstoff 55—75 pCt., Sauerstoff 26—19 pCt. u. Wasserstoff 4,g—2,§ pCt. Von der frischen Holzfaser unterscheidet sich die B. durch einen größeren Gehalt an Kohlenstoff u. einen geringeren Gehalt an Sauerstoff u. Wasserstoff. Sie schmilzt nicht, wie einige Steinkohlen, ist aber leicht entzündlich u. verbrennt mit stark rußender u. übelriechender Flamme zu einer, leichten Kohle. B-n sind meist weniger bituminös, als fette Steinkohlen und geben schlechte Cokes. Von der Steinkohle unterscheidet sich die B. am leichtesten durch einen braunen, meist glänzenden Strich n. dadurch, daß sie heiße Kalilauge braun färbt. Der trockenen Destillation unterworfen gibt B. ein saures, Steinkohle ein ammoniakalisches Destillat. Man unterscheidet mehrere Arten von B.: 1) Muschelige B. (Pechkohle, gemeine B.) ist der Steinkohle äußerlich sehr ähnlich, unterscheidet sich jedoch durch die oben angeführten Merkmale. Sie ist von allen B-n am sprödesten und , härtesten, hat muscheligen Bruch u. ist fettglänzeud. Bei den dunkleren u. härteren ist die Holzstructur fast gänzlich verloren gegangen. Bituminöse Hölzer . von Kott im Siebengebirge zeigten die auffallende j Erscheinung, daß sie auf dem Ouerbrnche einer Pechkohle glichen, aus dem Längsbruche jedoch sehr deutlicheHolzstructur erkennen ließen u. nur matten .Glanz besaßen. In Berührung mit einem Eruptivgestein ist die B. zuweilen in eine Glanzkohle u. Stangenkohle nmgeändcrt (Meißner in Hessen). 2) Moorkohle (erdige B., Erdkohle) kommt am . verbreitetsten von allen B-n vor; sic bildet seinerdige m. staubartig zerreibbare, derbe Massen von schwarzer bis gelblich-brauner Farbe mit ebenen Bruche n. glänzendem Striche, enthält viel Feuchtigkeit n. erscheint daher oft schlammartig; auf trockener Lagerstätte zerfällt sie an der Luft. Verhärtete ..Stücke n. Lager derselben heißen Knorpel. Trotz der erdigen Beschaffenheit ist der Aschengehalt unter 12 pCt. 3) Bituminöses Holz (Lignit) kommt in ganzen Stämmen, an denen oft noch Äste u. Wurzeln vorhanden sind, u. mit deutlich erkennbarer Holzstructur vor, bildet Anhäufungen für sich allein, od. ist in erdiger B. eingebettet. Meist liegen die Stämme und sind stark plattgedrückt. Von Dechen erwähnt eines liegenden Stammes (kini- tes pouäsrosus), welcher bei einer Länge von 12 in und 4—5 in Breite nur 0„ m dick war. Bon Nöggerath wurden zuerst von Friesdorf bei Bonn aufrechtstehende Stämme beschrieben, darunter ein Stamm mit Wurzeln von 4 in Durchmesser in der Brusthöhe. Auf der Grube Bleib- tren an der Hardt im Siebengebirge, wo die Stämme in Moorkohle eingebettet sind, fanden sich auf einem Flächenraume von 22 Morgen 35 solcher aufrechtstchenden Baumstämme von i—3 in Durchmesser. In einer Höhe von 4—5 in waren dieselben gewaltsam abgebrochen. Von Hartig wurde an einem derselben das Alter auf 3000 Jahre berechnet. Außer den Holztheilen dieser Laub- u. Coniferenhölzer, welche letztere an Zahl überwiegen u. ausgestorbenen Thuja- u. Cypres- senarten von riesiger Größe angehören, findet sich auch Bast, Nadeln, Tannenzapfen u. Früchte. Die Nadelkohle im Elsaß, Thüringen n. a. O. besteht aus bräunlich-schwarzen, auf muscheligem Bruche fettglänzenden, biegsamen, oft über 2 ckm langen Nadeln, welche sich als isolirte Gefäßbündel von Palmen deutlich erkennen lassen n. ein wärmeres Klima dieser Gegenden in der Tcrtiärperiode beweisen. Sehr bemerkenswerth ist die 4) Blätterkohle, welche ähnlich der Birkenrinde sich in papier- dünne, lcderartige,biegsameHäute von hellbis dunkelbrauner Farbe aufblättern läßt. Die Blättcrkohlc besitzt hohen Bitnmengehalt u. ist auch an beigcmeng- tem Thon u. Kieselerde, welche die Schichtung il. einen großen Aschengehalt (oft mehr als die Hälfte) dieser Kohle bedingen. Ehrenberg wies in der Blätterkohle Kiesclinfnsorien nach u. hält sie für einen von Erdpech durchdrungenen Polirschiefer oder Blättertripel. Die sehr dünngeschichtetcn Blätterkohlen werden Papierkohle (Pappendeckel, DysoLit, Stinkkohle) genannt; sie brennen mit Gestank, welcher wol thierischen Resten zuzuschrei- bcn ist. In der Blätterkohle sind Fische, Frösche, Reste von Krokodilen u. Säugethieren, Vogelfedern, Jnsecten, sowie Blätter, Blüthenkätzchen mit Blüthcnstaub n. a. Dinge nieist wohl erhalten gefunden worden; doch sind diese interessanten Sachen in den Sammlungen nur schwer zu erhalten, da der beigemengte Eisenkies sich zersetzt u. die Stücke zerstört. 5. Alaunerde, granschwarzc, schieferige, an der Luft leicht zerfallende Masse, welche die B-n zu begleiten Pflegt. Fein vcr- theilter u. mit bloßem Auge nicht sichtbarer Eisenkies imprägnirt diese Massen. Accessorische Gc- mengtheile der B-n sind namentlich der Eisenkies oder Schwefelkies in Krystallen, Knauern und Kugeln, oft in großer Menge u. fein vertheilt, oder auf Klüften als Überzug, ferner Eisenvitriol, Gips, Eisenalann, Schwefel, Oxalit, Honigstein und bernsteinähnliche Harze, Retinite oder Rctin- asphalte.' Eigentlicher Bernstein findet sich erst in den jüngeren Terliärablagerungen. Wie die Steinkohle, bildet auch die B. Flötze nicht selten von großer Regelmäßigkeit und Mächtigkeit (oft über 15 m). Zu den stärkeren Flötzen gehören die von Halle (7 Lachter), Brühl zwischen Bonn und Köln (9—13 Lachter), Salzhausen in Hessen- Darmstadt (10 Lachter), Zittau in Sachsen (stellenweise über 15 Lachter). Selten finden sich mehrere 'V... 10 Bramlkohlcnformatioir — Bcamrschweig (Hcrzogthllin). Flötze über einander, wie in der Mark Branden- bnrq, wo sieben bekannt geworden sind. Als Zwischenmittel findet sich gewöhnlich plastischer Thon oder Sand. Die Verbreitung der B. ist eine sehr große; sie findet sich besonders im norddeutschen Flachende entwickelt. Von Bonn und löln zieht sich eine Ablagerung über den Westerwald bis in die Frankfurter Gegend. Sehr reich ist naurentlich das nördliche Böhmen; ebenfalls reichlich versehen mit B. sind die österreichischen Alpen, Frankreich u. NAmerika. Über die Bildung der B-n geben die heutigen Torfbildungen sicheren Ausschluß. Der sogen. Martors Dänemarks bildet sich in seichten, von Düne» abgeschlossenen Seen, indem die üppig wuchernden Sumps- u. Moospflanzen durch zeitweises Einbrüchen der Dünen begraben werden. Unter dem Drucke de§ Sandes entstehen geschichtete u. plati- gcdrllcktc Stämme enthaltende Massen, welche B-n ganz ähnlich sehen. Die riesenhaften Stämme der B-n, zwischen welchen ein reiches Thierleben sich entwickelt findet, müssen Waldungen gebildet haben, wie sie sich in ähnlicher Weise nur noch in den Tropen finden. Die Anhäufung des abfallende» Laubes, welche durch geknickte Stämme u. Aste während der verheerenden tropischen Orkane vermehrt werden, entspricht den Moder- u. Holzmassen, wie sie in vielen B-nlagern angetroffen werden. Das Vorkommen einzelner Ablagerungen spricht dagegen für Ansammlung von Treibholz. Die amerikanischen Flüsse führen oft ungeheure Holzmaffeu mit sich, welche sich theilS in den Delta ihrer Mündungen vorfanden, theils bis ins Meer geführt und, von Strömungen erfaßt, zu fernen Küsten geflößt werden. Im Laufe der Zeit werden sie von Wasser so durchdrungen, Laß sie wie Pfähle alter Wasserbauten ihre Schwimmfähigkeit verlieren, zu Boden sinken u. bedeutende Lager bilden. Je mächtigere Erdschichten sowol die auf- rcchtstehenden Stämme der Waldungen als das znsammengeflößte Treibholz der Tertiärzeit bedeckten, um so vollkommener Pflegt die Umwandelung in B. stattgefunden zu haben. Verwendung finden die B-n hauptsächlich als Brennmaterial, wobei sie als Stückkohle, Scheitholz, durch Zersägen n. Spalten gewonnen, oder in Form von Briqnettes u. Ziegeln angewandt werden. Zur Fabrikation von Briqueltes eignen sich nur bitu- mcnreichc Kohlen; sie werden bis zum Erweichen erhitzt u. in kräftigen Pressen geformt. Die unreinen erdigen B-n werden cingesumpft, in Formen gestochen u. wie Torfziegel benutzt. Auch werden B-n vielfach zur Darstellung von Solaröl und Paraffin verwendet. Erdige B. dient als braune Farbe (Kölnische Umbra). In Asturien, sowie bei Samte - Colombe im Dep. l'Aude werden sehr compacte B. (Pechkohle, Gagat, Jayet, Jet) zu Knöpfen, Rosenkränzen, Kreuzen, Franenschmuck u. dgl. verarheitct. Die Alaunerde benutzt man zur Vitriol- und Alaunerzeugung. Zu letzterem Zwecke macht man große Hausen, welche sich unter Zersetzung des beigemengten Eisenkieses n. Bildung von schwefelsaurer Thonerde stark erhitzen. Alkali, welches gewöhnlich nicht hinreichend vorhanden ist, muß zugesetzt werden. Lehmann. Brailiikohlenforiiration, s.Terliärformalion. Braunkohlenöl (Oleum pz-rcxmrbonionm)^ bei der trocknen Destillation der Braunkohle erhaltenes dickes, schwarzbraunes Öl von durchdringendem Geruch, durch wiederholte Destillation reiner zu erhalten; wurde früher als Mittel gegen Gicht und andere chronische Krankheiten benutzt. Clören. Braunkohlensandstein, sonst die die Braunkohlen umschließende Molaffe. Braunsberg, 1) Kreis im preuß. Regbez. Königsberg, auf beiden Seiten der Passarge,, von 20 , 2 « lcm der OBahn durchzogen; 982,g Usicm. (I7,b IIIM); 52,480 Ew. 2) Kreisstadt daselbst, an der Passarge, Eisenbahnstation; altes Schloßt I§-esnin lTosianum, im 13. Jahrh. gegründet, 1818 zu einer Bildnngsanstalt für junge Kleriker mit theolog. u. Philosoph. Facultät erhoben, kathol. Gymnasium, kath. Schullehrerseminar; Taubstum-- menanstalt; Freimaurerloge: Brunno zum Doppelkreuz; Aktienbraucrei, Flachsfactorei, große Amtsmühle; 10,470 Ew. Die Burg B. wurde 1241 vom Deutschen Orden erbaut u. nach dem Bischof Bruno von Olmütz genannt; rasch entstand nun auch die Stadt. Doch bald bedrängten die abgefallenen Preußen B. u. verbrannten Stadt und Schloß. 1279 wurde es unweit der alten Stätte wieder erbaut, trat der Hansa bei bis 1298; wurde 1520 vom Markgrafen von Brandenburg eingenommen u. 1626 zeitweilig von den Schweden besetzt, 1667 von Polen an Preußen verpfändet. Im Febr. 1807 war B. bei Gelegenheit der Stellung der Russen u. Preußen hinter der Passarge wichtig; s. Preußisch-Russischer Krieg von 1806—1807. Braunschweig, 1)Herzogthum in Norddeutschland, besteht aus drei größeren u. vier kleineren getrennten Theilen; der größte ist der nördlichste (Kreise B., Wolfenbüttel n. Helmstädt), zwischen dem preuß. Regbez. Magdeburg n. den preuß. LanddrosteienLüneburg u. Hildesheim; der andere größere Theil (Kreise Gandersheim u. Holzminden) liegt südwestl. davon u. grenzt im N. u. S. an die preuß. Landdrostei Hildesheim, im O. an den preuß. Regbez. Magdeburg u. im W. an den Regbez. Minden n. das waldecksche Fürstenihum Pyrmont; der dritte Haupttheil (Kreis Blankenburg) liegt östl. davon, zwischen Preußen u. Anhalt. Die kleineren Theile sind Enclaven, der größte mit dem Amte Kalvörde im preuß. Regbez. Magdeburg, zwei kleinere, Ölsburg n. Ost-Harm- gen in der Landdrostei Hildesheim, an der Lamme n. Innerste; der letzte ist das Amt Thedinghausen in der Landdrostei Hannover, links an der unteren Weser und Eyther. Das Herzogthum ist getheilt in folgende 6 Kreise: Braunschweig Wolfenbüttel Helmstädt Blankenburg Gandersheim Holzminden 543 Hs Icm 763 „ 788 „ 474 „ 548 „ 574 90,948 Ew. 60,741 „ 53,717 „ 22,537 „ 42,236 „ 41,585 „ 3690 Hjicm 311,764 Ew., wovon 300,196 Lutheraner, 2793 Reformirte, 7030 Katholiken, 574 christl. Sectirer u. Dissidenten u. 1171 Juden, welche in 13 Städten, 2 Flecken und 440 Landörtern leben; sie sind sämmt- 11 Brauuschwcig (Geogr. u. Statistik). lich sächsischer Abkunst, haben vorherrschend blaue Augen, blonde od. bräunliche Haare, sprechen plattdeutsch, die gebildeten ein sehr reines Hochdeutsch; die frühere einfache Kleidertracht der Bauern ist säst gänzlich verschwunden, u. der Landbewohner ist hinsichtlich der Kleidung vom Städter nicht mehr zu unterscheiden. Bodengestaltung. Der nördl. Theil ist meist eben, nur im O. ist Las mit hartem Holz bewaldete Elmgebirg (bis327m) u. einige Hügelreiheu, der Fallstcin, die Lichtenberge, der Dorm u. Asse; die beiden südlicheren Theile sind gebirgiger, haben im O. den Harz (Wormberg 971 m, Achlermannshöhe 936 m, Eversberg 679 m), sowie das Marmorgebirg mit Marmorvrüchen, die Baumanns- u. Bielshöhle, im W. das mit Laubholz bewaldete Gebirg des Solliuger Waldes (bis 448 m), der sich mit dem Logeier u. Hils ostwärts mit dem Harz verbindet. Flüsse: westl. bildet die Weser eine Strecke lang die Grenze u. fließt dann Lurch das braunschweigische Gediet; ihr fließen die Leine, Innerste, Fuse u. Aller (mit der Ocker) zu; der Elbe gehen zu die Ohre u. durch Saale u. Helme die Bode u. Zorge. Mineralquellen sind: eine erdig- salinijche Eisenquelle zu Helmstädt, eine eisenhaltige bei Ölber; ferner die Soolquellen zu Juliushall bei Neustadt-Harzburg (gegenwärtig eines der besuchtesten Bäder in Norddeutschland), die zu Schöningcn, Salzdahlum, zu Bärnsdorf u. Schöp- penslädt. Klima nicht überall gleich, ader gesund; im N. milder, als im gebirgigen S., wo die Winter sehr kalt sind; Frühling u. Herbst bes. sencht. Products: von Mineralien 1871: Eisenerze 1,987,642 Ctr., etwas Blei, Kupfer, Schwefelkies; Braunkohlen 4,329,592 Ctr., etwas Steinkohlen (Gesammtwerlh der Bergwerks-Producte 729,807 N); auHüttenproducten: Roheisen 571,492 Etr., Stabeijen 92,492Ctr., etwas Stahl, Kupfer, Blei, Silbern. Gold rc. (Gesammtwerlh 4,169,415 N); Kochsalz für 107,592 Ll. Die früher fiscali- scheu Hüttenwerke am Harz sind mit Ausnahme LesCommunionbergbauesbeiGoslar (mit Preußen) gegenwärtig in das Eigcuthum von Privatgesellschaften übergegangeu. Die Gebirge geben auch Marmor, Vitriol, Sandstein, Porzellanerde. Von Pflanzen: Getreide (bes. nördlich), Ölgewächsc, Gemüse, besonders bedeutende Spargelzucht bei B., n. dgl., Flachs, Hopsen, Obst (nicht zureichend, nur Borsdorser Äpsel werden ausgesührt), Färber- röthe, Cichorien, Tabak u. viel Holz; von Thieren: die gewöhnlichen Hausthiere, wildes und zahmes Geflügel (von elfteren in der Ebene bes. Gänse), viel Wild, Bienen. Das Land hat im Ganzen, mit Ausnahme der Gegenden am Harz und der Lüneburger Heide, einen fruchtbaren Ackerboden, n. mau rechnet 2 Theile auf Ackerland u. Gärten u. je einen Theil auf Wald, Wiesen u. Triften. Die Industrie erzeugt außer den gen. Metalleuim Bergbau, der betrieben wird, noch Glas, Spiegel, Porzellan u. Steingut; ferner Brauereien (Mumme u. bayerisches Bier), Cichorien- u. Tabakfabrikcn, Leinenweberei, Garnjpinnerei, Jute- u. Flachsspinnerei, Gerbereien, Fabriken in Holz u. Wolle, lackirten Maaren u. Wurstbereituug (Braunschweiger Leberwurst). Der Industrie steht bei dein Reichihum an Holz u. Mineralien noch ein bedeutender Ausschwung bevor. Bon größerer Bedem- ung ist der Handel, welchen bes. die Braunschweiger Messen u. die Eisenbahnen (Ende 1874 331 km, s. Braunschweig. Eisenbahnen), gehoben haben; die Chausseen sind in vortrefflichem Zustande. Lieh muß eingesührt werden, doch gibt es zu Harzburg ein Landgestüt, dessen Beschäler auf mehrere Stationen im Lande verthcilt sind. Wissenschaftliche Anstalten: Sonst war Helmstädt Landesuniversität, da aber diese 1809 vom König von Westsalen aufgehoben worden ist, hat Braunschweig seine Landcskinder nach Göttingen gewiesen und seine Freitische dorthin verlegt; es besitzt auch einen besonderen Studicn- sond, aus dem Vermögen der früheren Universität u. Klöster gebildet, mit 480,153 LI jährlicher Einnahme n. 395,430 LI Ausgabe, die für Kirchen, Bildungsanstalten u. wohlthälige Zwecke verwende: werden. Außerdem sorgen in der Stadt B. das Collegium Carolinum (Polytechnikum), 6 Gymnasien (zwei zu B., je 1 zu Wolsenbüttel, Blankenburg Helmstädt u. Holzminden), 1 Predigcrsemiuar in Wolfenbüttel, Baugewerkschule in Holzminden, Schullehrerseminarien u. Präparandenanstalten in B., Wolsenbüttel n. Blankenburg, außerdem noch Taubstummen- u. a. Anstalten für wissenschaftliche Bildung. Die Blinden-Anstalt wurde im I. 1874 mit der zu Hannover vereinigt. Berühmt ist die Bibliothek in Wolsenbüttel. Verfassung: B. gehört zum Deutschen Reiche. Laudesgrundgesetz ist die neue Laudschaftsordnung vom 12. Oct. 1832 (vgl. Pölitz, Votum über den Entwurf der Lau- desorduung, Lpz. 1831; Jürgens, Bemerkungen über denselben, Braunschw. 1831), zu der die Gesetze vom 19. März 1850 u. 4. Juli 1851, das Gesetz über die Zusammensetzung derLandcs- versammluug vom 22. Nov. 1851, das Wahlgesetz vom 23. Nov. 1851 u. das Gesetz vom 19. April 1852 wesentliche Änderungen eingesührt haben (vgl. Zachariä, Die deutschen Verfassungsgesetze der Gegenwart, S. 694 ff.). Der Herzog ist souveräner Laudessürst u. succedirl ans dem Gesammthause B. - Lüneburg erst im Mannesstamme, dann in weiblicher Linie, nach der Lineal- erbsolge n. dem Rechte der Erstgeburt. Die in einer Kammer vereinigten Landstände bestehen aus 46 Abgeordneten (von Landgemeinden 12, Stadtgemeinden 10, durch Wahlmänner; vcn Len Höchst- besteuerten 21 u. den Geistlichen 3, direct gewählt). Wählbarkeit unbeschränkt, der Austrag dauert sechs Jahre. Doch wird vor dem Beginne jedes ordenr- lichenLandtages, der alle 3 Jahre zusammentritt, die Hälfte der Abgeordneten neu gewählt. Tie Landstände haben das Recht der Steuerbewilliguug, der Zustimmung zu den Gesetzen, der Präsentation von 2 Räthen des Obergerichtes, der legislatorischen Vorschläge, der Anklage der Minister wegen verletzter Verfassung, der Annahme von Bittschriften u. Beschwerden u. deren Vortrages an den Landesherrn. Mit der obersten Leitung der Laudesverwaltung ist das unmiueli'ar unter dem Landesherrn stehende und collegialisch orgauisirte Staatsministerium beauftragt. Eine aus den Ministern, den Vorständen der höheren Behörden und den vom Herzog bes. ernannten Mitgliedern zusammengesetzte, in 6 Sectioueu ge- 12 Brmuischwcig (Googr. u. Statistik). theilte, durch Gesetz vom 12. Oct. 1832 organi- sirle Lüinisterialcomniission begutachtet als Staatsrath die Gesetzentwürfe u. wichtigen Landesange- legenheitcn; die Competenzstreitigkeiteu zwischen Justiz- und Verwaltungsbehörden werden durch eine aus höheren Justiz- u. Administrationsbebeamten zusammengesetzte Commission entschieden. Als Mittelbehörden bestehen für die Finanzen die Herzogliche Kammer zur Verwaltung der sämmtlichen Domänen u. Regalien mit drei abgesonderten Direktionen für die Domänengüter, Forsten u. Bergwerke; zur Verwaltung derSleuern ist die Steuerdirection mit zwei Abtheilungen, dem Stenercollegium für die direkten u. der Zoll- u. Steuerdirection für die indirekten Abgaben, bestellt. Für die obere Leitung des Landescredit- n. Finanzwesens, die Aussicht über das Nechnungs- nnd Cassawesen, die Lontrole, besteht noch ein Finanzcolleginm; zurtechnischen LcitnngderStaats- bauten und Beaufsichtigung des Bauwesens der Corporationen eine Bandirection, ferner eine kaiserl. Obcrpostdirection. Die frühere Herzog!. Eisenbahn- direction ist nach dem Verkaufe der Staatseisen- bahncn an eine Privatgesellschaft aufgehoben. Die innere Verwaltung u. Polizei wird durch 6 Krcisdirectionen in den 6 Kreisen des Herzogthums besorgt. Untcrverwaltungsbehörden sind die Magistrate der Städte u. für die Landgemeinden die Amtsgerichte. Jedem Kreiscommunalverbande steht eine von den Mitgliedern der Gemeinderäthe gewählte Kreisversammlung mit einem Kreisaus- schnsse zur Wahrnehmung der Gesammtinteressen des Kreises und zur Unterstützung in Ausübung des Obcraufsichtsrechtes über die speciellc Gemeindeverwaltung zur Seite. In den Städten bestehen neben den Magistraten Stadtverordnete, bei einer Bevölkerung von 2000 Ew. in einer Zahl von 9, bei von da bis 10,000 Ew. von 18, in B. von 27 Mitgliedern. Der Kreisausschuß bildet für jeden Kreis eine Kreiscommission, welche von denKreis- directoren zu befragen ist, wenn es sich um Vcr- theilung von allgemeinen Lasten und dergleichen handelt. Die Gerichtsverfassung schließt sich dem an. Entsprechend den 6 Verwaltungskreisen besteht für jeden derselben ein collegialisch eingerichtetes Kreisgericht, außerdem als Einzelgerichte 23 Amts- u. 2 Stadtgerichte (in B. mit 4 Bezirken u. Wolfenbüttel), u. als oberster Gerichtshof des Landes ein Obergericht in Wolfenbüttel. Bei Nichtigkeitsbeschwerden tritt der erste Senat des Obergerichtes, der außer dem Präsidenten mindestens mit 5 Richtern besetzt sein muß, als Cassationshof zusammen. Abgesondert von diesem allgemeinen Organismus besteht noch als speciel- les Gericht das Handelsgericht in B. mit 2 rechts- gclehrteu u. 3 kaufmännischen Mitgliedern für Handelssachen. Für Ablösung von Reallasten, Theilung der Gemeinheiten n. Modifikation der Lehen ist die Landesökoiiomic-Commission eingesetzt. Neben den Gerichten ist das Institut der Staatsanwaltschaft eingeführt mit der Befugniß, sowol in Strafsachen, als in Civilsachen das öffentliche Interesse wahrznnehmen. Bei jedem Kreisgerichte ist ein Staatsanwalt, in B. deren zwei, u. bei dem Obergerichte ein Oberstaatsanwalt mir einem Oberstaatsauwallsgehilfen angestellt. In Civilsachen bildet das Gemeine Recht noch heute die Grundlage; im Strafrechte das Deutsche Reichs-Strafgesetzbuch vom 31. Mai 1870. Für polizeiliche Übertretungen gibt es ein ziemlich weitgreifendcs Polizei-Strafgesetzbuch u. eine Anzahl specieller Polizeigesetze. Im Wechselrechte gilt die Allgemeine Deutsche Wechselordnung, welche an Stelle der Wechselordnung vom I.Aug. 1715 getreten ist. Der Civilproceß ist schriftlich, aber mit einem mündlichen u. öffentlichen Hauptverfahren verbunden; im Strafverfahren herrscht das Anklageprincip mit Öffentlichkeit n. Mündlichkeit, für die schwereren Fälle unter Zuziehung von Geschworenen. Der Schwurgerichtshof wird für jede Session aus dem Präsidenten des Cri- minalsenats des Obergerichtes, zwei Mitgliedern des Obergerichtes u. einem Mitglieds des betreffenden Kreisgerichtes (letzterer als Aushilfsrichter) gebildet. Die gesammte Gesetzgebung ist von Schlüter, Wolfenbütteler Landesverordnung, Wolfenb. 1729—31, 3 Bde., und von Steinacker, Holzm. 1837, gesammelt; Repertorien sind dazu von Fredersdorf, Braunschw. 1777—96, fortgesetzt von Küchenthal, ebd. 1818, 7 Bde.; Leiste, ebd. 1804; Bege, Helmst. 1831, 2 Bde.; Schneider, Braunschw. 1833, u. die neuere erscheint seit 1814 in der officiellen Gesetz- u. Verordnungssammlung. Außer den Zoll- u. Steuergesetzen sind für die Verwaltung wichtig: das Gesetz über den Civilstaatsdienst vom 12. Oct. 1832, die neue Gesindeordnung, das Gesetz über die neueMünz- verfassiliig vom 18. Decbr. 1834, die Ablösungs- u. Gemeinheitstheilungs-Ordnniig vom 20. Decbr. 1834 rc. Das Justizwesen ordnen die Gesetze vom 15. Jan. u. 3.Febr. 1814, vom 25. März 1823 u. vom 15. Octbr. 1832. Über das Privatrecht vgl. Du Noi, Anleitung zur Kenntnis; der Quellen u. Literatur des Braunschweig-Wolfenbüttel- schen Privatrechtes, Braunschw. 1792; Liebhaber, Einleitung in das Landrecht, ebd. 1792, 2 Bde., H. Zachariä, Grundriß des Privatrechtes, Gött; 1832; Rosenthal,Rechtsfragen, ebd. 1805; Schnei, der, Fragmente, Braunschw. 1836; Scholz, Juristisches Magazin, Wolfenb. 1827—32, 2 Bde.- nene Folge, Brannschweig 1835; A. Steinacker, Partikuläres Privatrecht des Herzogthums B., Wolfenb. 1843; Zeitschrift für Rechtspflege im Herzogthum B., 1853—75, 22. Jahrg. Die Kircheugewalt der lutherischen Confession steht dem Landesfürsten zu, welcher sie durch ein mit evangel. Geistlichen und Laien besetztes Consisto- rium ausübt, dessen Verfügungen durch 6 General- u. 33 Specialsuperintendenten vollzogen werden, neben denen wiederum die Kreisdirectionen als weltliche Consistorialbeamte (geistliche u. weltliche Visitatoren od. Commissarien) fungiren; den im Herzogthum anerkannten od. zugelassenen christl. Kirchen steht freie Religionsübung und gleicher Schutz des Staates, ihren Gliedern gleiches bürgerliches Recht zu. Dre Katholiken sind dem Bisthum Hildesheim zugetheilt. Die Juden (4 Synagogen) waren den Christen politisch schon vor 1848 und sind ihnen seitdem auch bürgerlich gleichgestellt; sie stehen unter dem Landesrabbinat zu B. Die Einkünfte sind für die Finanzperiode 1873—75 sür ein Jahr auf 7,429,400 u. die 13 Braunschweig (Geschichte). Ausgaben auf dieselbe Höhe veranschlagt; die Schulden betrugen am I.Jan. 1873 23,974,746 Thlr., worunter 12,647,600 gewöhnliche Eisen- bahnschnld u. 10 Will. Prämienanleihe zu Eisen- bahnzwcckcn. Die Ausgabe für die Civilliste erscheint nicht unmittelbar in der Staatsrechnung, da diese Civilliste mit großen Domänengütern do- tirt ist; nach Abzug der Verwaltungskosten sind pro 1873/75 2,187,498 N jährlich als Bezug des Hoses etatirt. Militär: 1 Infanterie-Regiment, 1 Husaren-Regimcnt, 1 Sechspfünder-Batterie zu 4 Geschützen n. 2 Landwehr-Bataillone; es gehört zum X. deutschen Armeccorps (die Infanterie ist jedoch seit 1871 dem XV. Corps im Elsaß zuge- theilt); Uniform aller Waffengattungen ist noch der schwarze Polrock. Landesfarben u. Feldzeichen: blau und gelb. Orden, Kreuze und Medaillen: s,) der Orden Heinrichs des Löwen in 4, u. das dabei gestiftete Verdienstkreuz in 2 Klassen; s. Löwenorden 4). b) Dienstanszeich- nungskreuz für 25 Jahre Dienste für Offiziere, e) das Kreuz für den Feldzug 1809. ä) Medaille für den Feldzug in Spanien, s) Medaille für Waterloo, die drei letztgenannten nur noch von sehr wenigen Inhabern getragen, I) Rettungsmedaille. Münzen, Maße n. Gewichte sind die allgemeinen deutschen. B. hat einen Vertreter im Bnndcsrathe u. drei Abgeordnete im Reichstage des Deutschen Reiches. Außer dem Herzogthum B. besitzt das Haus B. noch das Mediat- herzogthnm Öls in Schlesien, der Besitzer führt den Titel Herzog von B.-Öls; vgl. B.-Öls. Geschichte. I. Von der ältesten Zeit bis zur Theilung des Landes in das ältere Lüneburgische n. Wolfenbüttelsche Haus, 1267. Das Land, welches seit dem Ende des 12. Jahrh. B. heißt, hatten vormals sächsische Stämme inne, u. die ältere Geschichte desselben fällt mit derjenigen von Sachsen (s. d.) zusammen. Eine besondere Stellung nahm B. erst ein, als der Welfe Heinrich der Löwe infolge seines Streites mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa das Herzogthum Sachsen verlor, aber im Frieden 1194 die braunschweig. Erblande als Allod znrückerhielt. Er st. 1195 u. hinterließ 3 Söhne, Heinrich, Otto u. Wilhelm, welche gemeinschaftlich regierten bis 1203, wo sie ihr Erbe in Paderborn theilten. Heinrich erhielt Hannover mit dem westlichvonder Leinegelegenen Gebiete bis Göttingen hinauf, den westlichen Theil des Lüneburger Landes u. die nördlichen Gebiete mit Dithmarschen, Otto, 1198 als Otto IV. deutscher König geworden, das eigentliche B. mit Umgegend bis zur Leine u. dem Unterharz, Wilhelm die östlich gelegenen Lüneburgischen Lande mit der Stadt Lüneburg, dem Oberharz rc. Heinrich bekam noch durch Hei- rath die Pfalz u. führte nach seines Bruders Wilhelm Tode (1213—1221) die Regierung für dessen einzigen Sohn, Otto das Kind, welcher nach dem kinderlosen Ableben Ottos IV. (1215) und nach dem Tode Heinrichs, der nur 2 Töchter hinterlicß (1227), der einzige Erbe des welfischen Hauses wurde. Ein Streit, der mit Kaiser Friedrich II. dadurch entstand, daß die Töchter Heinrichs demselben ihre Erbansprüche verkauften und dieser die Stadt Braunschweig besetzte, wurde erledigt, indem Otto dem Kaiser 1235 das Schloß Lüneburg mit Herrschaft u. dieser dem Reiche zu Eigen übertrug u. darauf der Kaiser ans B. mit Gebiet u. aus der gesammten Herrschaft Lüneburg ein Herzogthum errichtete, das er an den zum Reichsfürsten erhobenen Otto zu Lehn gab, erblich für dessen Söhne u. Töchter. Olto regierte über dieses Herzogthum B.-Lüneburg bis 1252, wo ihm seine Söhne Alb recht ».Johann erst zu gemeinschaftlicher Regierung folgten; 1267 theilten sie so, daß Johann das Herzogthum Lüneburg u. die Stadt Hannover sammt einigen Schlössern erhielt, Albrecht aber das Herzogthum B., Kalenberg, Göttingen, den Weserdistrict und den Harz; die Stadt B. blieb Beiden gemeinschaftlich. Albrecht wurde damit Stifter der älteren B-ischen Linie, Johann der Stifter der älteren Lüneburger Linie, die 1369 erlosch. II. Das ältere B-er u. ältere Lüneburger Hans, seit 1267. Albrecht I. d. Gr. (IwnKns), der ältere Sohn Ottos, eine Hauptstütze des Landfriedens in NWDentschland, hintcr- ließ, als er 1279 starb, 3 Sohne, Heinrich den Wunderlichen, Albrecht den Fetten und Wilhelm, welche anfangs gemeinschaftlich regierten, 1286 aber theilten. Heinrich bekam das erst vom Vater erworbene Grubcnhagen, Albrecht Göttingen u. Wilhelm B. u. Wolfenbüttel. Die Linie B.-Grubenhagen (1286—1596) theilte sich wieder mehrere Male, bis Philipp I. ihre Theile wieder vereinigte (1526). Derselbe nahm 1534 die Reformation an. Er st. „155l, u. ihm folgte sein Sohn Ernst V., der Ältere, den er hatte in Wittenberg stndiren lassen n. der schon als Prinz in das Schmalkaldcner Bündniß trat u. für den Kurfürsten von Sachsen den Markgrafen Albrecht von Brandenbnrg-Kulmbach bei Rochlitz aufhob. Er wurde bei Mühlberg 1547 gefangen, bald darauf aber gegen Albrecht ausgewechselt. Als Regent war er besonders bemüht, dem Bergbau aufzuhclfen, u. legte die Gruben zu Klausthal an. Er trat unter der Bedingung, nicht gegen die Protestanten fechten zu müssen, in spanische Dienste n. starb kinderlos 1567. Ihm folgte Herzog Wolsgang, sein Bruder, der 1594 eine Kirchenordnung im Sinne der Reformation einführte, u. diesem sein 3. Bruder Philipp II., der 1596 starb. Mit ihm erlosch die Grnben- hagensche Linie, u. das Land fiel an Herzog Heinrich Julius von B.-Wolfenbüttel, mußte aber 1616 reichsgerichtlichem Erkenntniß zufolge an die Linie Celle abgetreten werden. Die von Albrecht demFetten gestiftete LinieB. - Göttingen vereinigte schon 1292 mit dem Tode des Stifters der Linie B.-Wolfenbüttel, Wilhelm, seines Bruders, Land u. Linie mit sich; doch dauerte die Vereinigung nur bis 1344, wo nach Otto des Milden Tode die beiden jüngeren Brüder, die bisher mit ihm gemeinschaftlich regiert, das Land theilten, Ernst Göttingen u. Magnus B.-Wolfen- bllttel erhielt. Diese Linie erlosch schon mit Trusts Enkel, Otto dem Einäugigen (doelos), der, ein Schützer der Städte u. ihrer aufstrebenden Macht, wegen Kränklichkeit schon 1435 die Regierung des Landes an Wilhelm den Siegreichen v. Kalenberg abtrat, für sich nur einige wenige II Braunschweig (Geschichte). Besitzungen behielt u. 1463 starb. Die vonWil Helm, Älbrcchts d. Gr. jüngstem Sohne, gestiftete Linie B.-Wolfcnbüttel fiel schon 1292 mit dessen Tode an Güttingen u. wurde von dieser Linie 1345 durch MagnuS I. den Frommen auss Neue abgezweigt. Dieser war durch eine reiche Heirath zu bedeutender Macht gelangt, veräußerte aber einen großen Theil seines Besitzes u. lebte mit seinem Sohne in fortwährendem Kampfe. 1369 folgte ihm dieser alsMagnusll. mit derKette (TorquatuS), so genannt, weil er immer eine silberne Kette um den Hals trug, zur Erinnerung daran, daß ihm sein Vater einst gedroht hatte, ihn hängen zu lassen. Schon bevor er zur Regierung kam, hatte er 1368, vom Bischof Gerhard von Hildesheim geschlagen u. gefangen bei Dinklar, um sich loskaufen zu können, dem Rathe der Stadt B. seinen Antheil an der Münze ahtreten müssen; zur Regierung gelangt, setzte er den Krieg mit Hildesheim fort, begann aber zugleich auch wegen der Erbfolge des 1369 ausgestorbenen Hauses B.-Lüneburg mit Herzog Otto u. Albrecht von Sachsen-Lauenburg, denen Wilhelm von Lüneburg 1355 die Nachfolge in Aussicht gestellt und Kaiser Karl IV. 1355 u. 1369 die Belehnung ertheilt hatte, den Lünebur gi schen Erbfolgekrieg, dessen Ende er aber nicht erlebte. Wegen Ungehorsams gegen die kaiserlichen Befehle geächtet, blieb er 1373 in der Schlacht bei Leveste gegen den Grafen Otto von Schaumburg. Ihm folgte erst sein ältester Sohn, Friedrich, der keine Thcilung mit den Brüdern Bernhard u. dem noch minderjährigen Heinrich zulassen wollte. Der Streit niit Albrecht von Sachsen ward nach dessen Tode durch seinen Erben Wenceslaus, dessen Töchter Friedrich u. Bernhard heiratheten, gütlich beigelegt; Friedrich nahm darauf B.-Wolfen- büttel, während Bernhard in Lüneburg dem Wcn- ceslauS folgen sollte u. 1385 folgte. Nun aber verlangte der inzwischen großjährig gewordene Heinrich auch Antheil an der Regierung in Lüneburg, u. nachdem Friedrich bei Winsen a. d. Aller den widerstrebenden Bernhard besiegt (1388), mußte derselbe die Herrschaft mit Heinrich theilcn. Friedrich wurde auf der Rückkehr von Frankfurt, wo er an Wenzels Stelle zum Kaiser gewählt werden sollte, von dem Grafen v. Waldeck 5. Juni 1400 bei Fritzlar überfallen u. erschlagen. Nun folgten beide Brüder, Bernhard u. Heinrich der Milde, gemeinschaftlich in B. u. Lüneburg n. bekriegten, da sie den Erzbischof von Mainz für den Anstifter des Mordes hielten, diesen, jedoch ohne Erfolg, mußten aber der Stadt B., welche ihnen Geld zum Kriege vorgestreckt, eine Vermehrung ihrer Privilegien zugcstehcn. 1404 Wir de Heinrich vom Grafen von der Lippe gefangen u. gegen das eidliche Versprechen von 100,> üo Goldguldcn losgelassen, der Papst sprach ihn jedoch vom Eide los, der Graf von der Lippe aber wurde geächtet. 1409 theilten die Brüder ihr Ländcrgebiet. Bernhard erhielt B., Heinrich Lüneburg u. Kalenberg; indcß wurde nochmals dieser Letztere Gründer der mittleren Linie B., Elfterer dagegen Gründer der mittleren Linie Lüneburg. „ III. Das mittlere Gesammthans B. L) Ältere Linie B. Herzog Bernhard I. regierte in B. bis 22. Aug. 1428. Da verlangten seine Neffen, des 1. Oct. 1416 verstorbenen Herzogs Heinrich Söhne, Wilhelm u. Heinrich, Herzöge von Lüneburg, die sich durch die Theilung von 1409 beeinträchtigt glaubten, eine neue Theilung, die auch 1428 zu Stande kam. Herzog Bernhard bekam Lüneburg u. Celle, seine Neffen aber B. n. Kalenberg (Hannover). Entgegender erst getroffenen Theilung regierte seit 1431 Heinrich der Fried- fertige B. u. Wilhelm der Siegreiche Kalenberg. Heinrich st. 7. Dcc. i<73 ohne Erben, u. alles Land fiel nun au Wilhelm, der schon seit 1435 von Otto dem Einäugigen die Göttingenschen Be- sitznngen abgetreten n. 1463 von diesem auch noch die Stadt Göttingen, das Gericht Uslar und das Schloß Münden als Erbe erhalten hatte. An vielfachen Kriegszügen gegen die Franzosen, Hussiten, Dänen, Türken, den Bischof von Hildesheim u. Karl von Burgund nahm er theil u. st. 25. Juli 1482. Er hinterließ 2 Söhne, Wilhelm II. u. Friedrich den Unruhigen, welche gemeinschaftlich regieren sollten; da aber der Jüngere in seinem Wahnsinne auf eine Theilung drang u. sich mit seines Bruders Feinden, den Hildesheimern, vereinigte, so ließ ihn dieser 1485 gefangen nehmen u. auf das Schloß Kalenberg u. von da nach Münden bringen, wo er 1495 ohne Erben starb. Wilhelm thcilte 1491 sein Land mit seinen Söhnen Heinrich u. Erich u. gab ihnen Wolfenbllttcl u. Kalenberg, wo sie gemeinschaftlich bis 14. Mai 1495 regierten. Auch Göttingen, welches er sich Vorbehalten hatte, trat er 1495 an Erich ab und starb, nachdem er 1498 ganz von der Regierung zurückgetreten, 1503 in Münden, a) Die Kalenberger Linie. Erich I., Sohn Wilhelms II., hatte lange Zeit mit der Stadt Göttingen zu kämpfen, die ihm erst 1513 huldigte. Er zeichnete sich, 1504 in Bayern u. Tirol für Kaiser Maximilian I. kämpfend, rühmlich aus, nahm theil an dem Sächsischen Kriege in OFrieslaud (1514), sowie an der Hildesheimer Stiftsfehde (1519 bis 1523), legte die Festung Erichsburg an, that viel für die Rechtspflege und lebte der Reformation in seinem Lande keine Hindernisse in den Weg. Er st. 30. Juli 1540. Sein Sohn n. Nachfolger Erich II. regierte unter Vormundschaft seiner Mutter, Elisabeth v. Brandenburg, bis 1546; trat, obgleich protestantisch erzogen, zu der Katholischen Kirche über, kämpfte gegen die Schmalkaldischen Bundesgenossen u. mit dem Markgrafen v. Brandenburg gegen Moritz von Sachsen, erbte Hoya u. Bruchhausen u. starb tief verschuldet u. kinderlos 8. Nov. 1584 in Pavia. Das Land fiel an Wolfenbüttel, d) Die Wolfenbütteler Linie. Heinrich I. (der Ältere oder Quade), Sohn Wilhelms II. u. Bruder Erichs I.; trat 1492 die Regierung über B. u. Wolfenbüttel an, hatte mit der Stadt B. vielfache Händel, weil dieselbe die Güter, welche ihr frühere Fürsten verpfändet hatten, nicht zurückgeben wollte, belagerte sie 1493 u. eroberte sie 1494, verschaffte ihr aber 1505 vom Kaiser das Privilegium für die schon seit 1492 abgehaltenen zwei Messen. Er blieb 23. Juni 1514 in dem OFriesischen Kriege u. hintcrließ 6 Söhne, von denen der älteste, Herzog Heinrich II. der Jüngere allein regierte. Er entwarf ein 1 ", Braurischwcig (Geschichte). Hausgesetz (?actum Hsnrico - IVilllelmiannm), die Primogenitur u. Untheilbarkeit des Landes betreffend; als sein Bruder Wilhelm sich dieser Bestimmung widersetzte, nahm ihn Heinrich gefangen u. hielt ihn 12 Jahre lang in Haft, bis er 1535 den Primogenitnrreceß Unterzeichnete. In der Fehde mit dem Bischof von Hildesheim ward er zwar in der Soltauer Heide geschlagen, erwarb aber 1523 den größten Theil von Hildesheim , betheiligte sich am Bauernkriege und an Kämpfen in Italien u. trat 1534 als Gegner der Protestanten auf, verband sich mit Herzog Georg von Sachsen u. wurde Anführer des gegen die Schmalkaldischen Bundesgenossen errichteten Bundes, hatte jedoch wenig Glück als solcher. Von den Städten B. u. Goslar mit Hilfe von Sachsen n. Hessen wurde er 1542 ans Wolsen- büttel vertrieben und 1546 mit seinem in Frankreich gesammelten Heere geschlagen und gefangen nach Ziegenhain gebracht, von wo er erst 1547, durch die Schlacht bei Mühlberg befreit, wieder in sein Herzogthum zurückkehrte. In seinen vielen späteren Fehden hatte er nicht mehr Glück, wie ihm auch seine Ehe mit dem Hvfsräulein Evs v. Trott manche Händel brachte, zumal er den mit ihr erzeugten Sohn Eitel Heinrich zu seinem Nachfolger haben wollte wider des Kaisers Willen. Dagegen gab er dem Lande manche gute Institutionen u. refvrmirte besonders im Rechts« wesen. Er st. 11. Juni 1568 u. hatte seinen Sohn Julius zum Nachfolger, einen eifrigen Protestanten , der die evangelische Lehre ausbreitete, Klöster in Schulen verwandelte, das Salzwerk Juliushall u. die Universität Helmstädt gründete n. das Römische Recht eiuführte. Ihm fiel 1584 Kalenberg n. Göttingen (s. oben) u. 1585 die Grafschaft Diepholz zu. Bei seinem Tode, 3. Mai 1589, folgte ihm sein Sohn Heinrich Julius, seit 1566 Bischof von Halberstadt. Dieser durch seine Bildung u. Gelehrsamkeit noch den Vater überragende Fürst reformirte von 1591 an Hal- berstadt, erbte 1596 Grubenhagen (s. oben), zog die Grafschaft Blankenburg und Regenstein als heimgefallcnes Lehn ein, ordnete die Verhältnisse der Landlente gegenüber den Gutsherren, führte das Schatzcvllegium ein, aus dem nachher ein landständischer Ausschuß wurde, u. starb in Prag im Juli 1613 während eines Besuches beim Kaiser Matthias. Sein ältester Sohn u. Nachfolger, Friedrich Ulrich, besaß weder die Kraft, seinen Besitz zu erhalten (er mußte 1617 Grnbenhagen an Lüneburg abtreten), noch die Entschlossenheit, das Wohl seines Landes und seiner Glaubensgenossen in der stürmischen Periode, in welche seine Regierung siel, wahrzu- nehmen, u. spielte im Dreißigjährigen Kriege eine schwankende Rolle. Er starb kinderlos 11. Aug. 1634, u. das Land fiel an August, Herzog von B.-Lüneburg-Dannenberg. L) Jüngere Linie B.«Lüneburg. Bei der Theilung 1409 zwischen den Söhnen des Herzogs Magnus II. (s. oben), war Lüneburg an Heinrich den Milden gefallen, der die Sicherheit der Heerstraßen förderte u. den räuberischen Adel züchngte, so daß er der König der Heiden genannt wurde; er st. 1416, u. ihm folgten seine Söhne Wilhelm n. Heinrich, die aber 1428 mit ihrem Oheim Bernhard tauschten (s. oben), welcher nun Herzog von Lüneburg u. Stammvater der mittleren Linie Lüneburg wurde u. 11. Juni 1434 starb. Er hintcrließ 2 Söhne, die gemeinschaftlich regierten, Otto den Lahmen (von der Heide) u. Friedrich den Frommen. Otto st. 1446 Plötzlich u. ohne Erben, n. nun führte Friedrich die Regierung allein. Mit der Geistlichkeit der benachbarten Hochstifter wurde er in Zwistigkeiten verwickelt, trat 1457 die Regierung seinen Söhnen Bernhard II. u. Otto dem Siegr eichen ab, welche aber vor ilim starben, Ersterer 1464, Letzterer 1471 u. übernahm sie daher wieder; er st. 1478. Ihm folgte sein Enkel Heinrich der Mittlere, Ottos Sohn, der sich in der Hildesheimischen Stiftsfehde mit dem Bischof Johann gegen seinen Vetter Heinrich von Wolfenbüttel verband n. die Bewerbung des Königs Franz I. von Frankreich um den Kaiserthron gegenüber KarlV. begünstigte. Als der Letztere zur Regierung kam, fürchtete er dessen Zorn, trat 1520 das Land an seine Söhne Otto ».Ernst ab u. begab sich außer Land, um der Reichsacht zu entgehen. Als seine Söhne 1527 die Resormatiou in ihrem Lande einführten, suchte er sich vergebens der Regierung wieder zu bemächtigen. 1527 entsagte Otto der Mitregicrung, gegen die Abtretung von Harburg, n. stiftete die Linie B.-Harburg, welche 1642 erlosch u. das Land Lüneburg hinterließ. Dagegen trat der 3. Bruder, Franz, mit ein, der aber 1536 sich mit dem Amte Gifhorn absurden ließ u. die Linie B.-Gifhorn stiftete, die aber 1649, La Franz ohne Söhne starb, mit ihm wieder erlosch. Ernst der Bekenner regierte nun in Lüneburg allein, zeigte sich als eifrigen Anhänger der protestantischen Lebre, trat 1546 zum SchmalkaldischenBunde, gerade als der unglückliche Krieg zwischen diesem u. dem Kaiser dem Ausbruche nahe war, erlebte aber Len Ausbruch nicht mehr, da er schon 11. Jan. 1546 starb. Ihm folgte sein ältester Sohn Franz Otto, u. da dieser schon 1559 ohne Kinder starb, seine jüngeren Brüder, die Herzöge Heinrich n. Wilhelm, die anfangs gemeinschaftlich regierten, 10. Sept. 1569 aber sich dahin verglichen, daß Heinrich seinem jüngeren Bruder oie Regierung abtrat n. sich als älterer bloß die Ämter Dannenberg, Lüchow, Hitzacker u. Scharnebeck vorbehielt. Er nannte seine Linie nun B.-Lüneburg-Dannenberg u. ward, da sein Sohn August später Wolfenbüttel erbte, Stifter der Linie Wolsenbüttel. Wilhelm, der jüngere Bruder, dagegen stiftete die Linie B.-Lüneburg, welche später die Knrfürstenwürde erhielt u. 1815 den Titel eines Königs von Hannover annahm (s. u. Hannover Gesch.). IV. Das jetzige Haus B., seit 1569. Heinrich, Herzog von B.-Lüneburg-Dannenberg, resi- dirte in Dannenberg u. st. 19. Jan. 1598. Sein ältester Sohn, Julius Ernst, führte die Regierung allein u. vereinte die Grafschaft Wustrow mit seinem Gebiete. Als 1634 das Haus B.-Wolfen- büttcl ausstarb, überließ er seinem jüngeren Bruder August, welcher in Hitzacker seinen Sitz hatte, alle Ansprüche auf die neue Erbschaft gegen eine Geldsumme; er selbst st. 1636. August erbte nun 16 Braunschwcig (Geschichte). auch sein Gebiet u. vereinigte cs mit Wolfenbuttel. Der Herzog von Lüneburg-Celle machte ihm indeß die Wolfenbüttcler Erbschaft streitig, u. es kam 1635 zu einem Vertrage, dem zufolge August Wolfcnbütte! behielt, Kalenberg, Hoya u. Diepholz aber an die Cellische Linie abtrat. Als er die Negierung übernahm, befand sich das Land in den traurigsten Verhältnissen, aber seiner Umsicht gelang cs, demselben eine bessere Zukunft zu sichern, weshalb ihm auch seine Zeitgenossen den Beinamen Lonex ckivimw, göttlicher Greis, gaben. Er ist auch der Gründer der Wolfenbüttcler Bibliothek. Nachdem die Kaiserlichen 1643 Wolfenbüttel geräumt hatten, verlegte er seine Residenz dahin, schloß 1642 einen Separatfrieden mit dem Kaiser, erhielt 1649 das Amt Lutter amBarcnbcrg, 1651 die Grafschaft Blankenburg, konnte aber die Streitigkeiten mit der Stadt B., die nach Ncichsfrciheit strebte, nicht zu Ende bringen u. st. 17. Sept. 1666. Über seine Theilnahme am Dreißigjährigen Krieg s. d. A. Ihn überlebten 3 Söhne, Rudolf August, Anton Ulrich u. Ferdinand Al- brccht; Letzterer stiftete die Linie B.-Bevern, Rndols August aber setzt- die Wolfenbüttcler Linie fort. Dieser war ein Fürst von großen Fähigkeiten u. Kenntnissen, unterwarf mit Hilfe der Lüneburger Fürsten 1671 die Stadt B. u. erhielt dieselbe als Eigcnthum, nachdem sie bisher Ge- sammtcigenthnm beider Linien gewesen war, mußte aber die Ämter Dannenberg, Lüchow, Hitzackcr, Wustrow n. Scharnebeck dagegen an Lüneburg abtrcten. Außerdem erwarb er 1672 das Amt Walkcnricd. Er st. 26. Jan. 1704, ohne männliche Lcibeserben zu hinterlassen, u. ihm folgte sein Bruder Anton Ulrich, der schon seit 1685 sein Mitregent gewesen. Dieser erwarb 1702 das Amt Campen n. ließ die Grafschaft Blankenburg zum Fürstcnthum erheben (1707), das nach seinem Tode sein jüngster Sohn Ludwig Rudolf erhielt. 1710 wurde er katholisch n. st. 27. März 1714. Sein Sohn August'Wilhelm, ein eifriger Protestant, solgte ihm u. suchte den Eindruck, welchen der Religionswcchscl seines Vaters hervorgebracht hatte, zu verwischen. Nach dem Tode des Königs Georg I. von Großbritannien strebte er vergeblich, die Kurwürde an sein Haus zu bringen. Er st. 23. März 1731 ohne Kinder, u. ihm folgte sein Bruder Ludwig Rudolf, seit 1714 Fürst von Blankenburg, der viele wohl thätige Einrichtungen traf, aber schon 1. März 1735, ohne Söhne zu hinterlassen, starb. Von seinen 3 Töchtern war eine, Elisabeth Christine, an den Kaiser Karl VI., die zweite, Christin«, an den Großfürsten Alexei von Rußland, u. die dritte, Antonie Amalie, an Ferdinand Albrecht II., Herzog von B.-Bevern, vermählt; dieser folgte dann auch seinem Schwiegervater in der Hauptlinie, starb aber noch in demselben Jahre, 3. Sept., die Regierung seinem ältesten Sohne Karl hinterlassend, welcher das Collegium Carolinum in B. gründete, die Universität Helmstädt von Georg II. von England allein überlassen bekam, derselben eine verbesserte Einrichtung gab, aber durch seine Prachtliebe u. durch den Antheil, den er am Siebenjährigen Kriege nahm, in welchem er 12,000 Mann zur alliirten Armee stellte, sein Land in große Schulden (11—12 Mill. Thlr.) stürzte, so daß von Reichs wegen der Lehnsconcurs eingctreten wäre, wenn nicht seit 1773 das Eingreifen des Erbprinzen wenigstens einige Ordnung in die Finanzen gebracht hätte. Er verlegte 1753 seine Residenz nach B. u. st. 26. März 1780. Karl Wilhelm Ferdinand, geb. 9. Oct. 1735, Karls Sohn, der älteste von 13 Geschwistern, der sich schon als Erbprinz während des Siebenjährigen Krieges als Feldherr auszeichnet hatte, folgte in der Regierung. Durch musterhafte Staats- wirthschaft hob er die Kräfte des Landes, durch kluge Sparsamkeit befreite er dasselbe von den Schulden, welche es drückten, beförderte Handel n. Fabriken, Acker- u. Bergbau u. die Forstcultur. 1788 unterwarf er als preußischer Feldmarschall Holland, aber im Kriege gegen Frankreich 1792 n. 1793 hatte er kein Glück u. legte zu Anfang von 1794 den Oberbefehl nieder. 1806 befehligte er die preußische Armee, wurde bei Auerstädt tödtlich verwundet u. st. 10. Nov. 1806 in Ottensen bei Altona, wohin er geflüchtet war, wenige Tage nachdem Napoleon I. das Machtwort gesprochen: das Haus B. hat aufgehört zu regieren. Gleich nach der Schlacht bei Auerstädt ließ Napoleon das Herzogthnm B. besetzen u. legte demselben eine schwere Contribution auf. Nach dem Frieden von Tilsit 1807 wurde bestimmt, daß dasselbe nicht an die rechtmäßigen Erben Karl Wilhelm Ferdinands zurückfallen, sondern mit Ausnahme des 1679 erworbenen, sonst bremischen Amtes Thedinghausen zu dem neuen Königreich Westfalen geschlagen werden sollte; es gehörte zu den Departements der Ocker, Leine u. des Harzes n. theilte während der siebenjährigen Fremdherrschaft alle Schicksale des Königreiches Westfalen. Nach der Schlacht von Leipzig kam B. 1 . Nov. 1813 an Friedrich Wilhelm, jüngsten Sohn des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand, der die Regierung 1813 antrat. Er war bis 1806 in preußischen Diensten gewesen, zum Generalmajor gestiegen, hatte dann in Bruchsal gelebt u. von dem 1805 ihm von seinem Oheim Friedrich August zugefallcnen Herzogthnm B.-Ols den Titel von B.-Ols geführt, 1809 als Führer eines Freicorps ein rcsultatlvses Unternehmen in NDeutsch- land gegen Napoleon commandirt u. war dann nach England gegangen. Er kehrte 22. Dcc. 1813 zurück, nahm das Land in Besitz und stellte ein Corps von 10,000 M. für die Verbündeten auf, marschirte mit 7000 M. 1815 in die Niederlande u. blieb 16. Juni 1815 bei Quatrebras. Bei seinen militärischen Liebhabereien u. seiner Nichtbeachtung der gewohnten ständischen Formen u. Rechte verwandelte sich der Jubel, mit dem er empfangen worden, bald in Mißstimmung, obwol er stets nur das Gute für sein Land gewollt. Seine Söhne Karl und Wilhelm waren noch minderjährig, weshalb der Prinz-Regent von England (nachmals König Georg IV.) als Obervormund die Regierung von B. übernahm. Die besondere Leitung der Regiernngsgeschäste besorgte aber von London aus der Graf von Münster in einer allerdings nicht mehr zeitgemäßen patriarchalischen, aber doch in so fern anerkcnnenswerthen Weise, als die materiellen Interessen gefördert u. damit die 17 § Braunschwc'ig (Geschichte). Nachwehen der früheren Regierung möglichst gehoben wurden. Namentlich wurde das Schuldenwesen des Staates geordnet. 1820 dem Lande eine allerdings den Zeitbedürfnissen nicht mehr entsprechende landständische Verfassung verliehen, Las Grundsteuergesetz regulirt, auch ein Oberappellationsgericht errichtet. Am 30. Oct. 1823 übernahm Herzog Karl die Regierung u. ließ r anfangs Alles, wie er es gesunden hatte; doch berief er die Stände nicht n. unterschrieb auch die ( grundgesetzlichen Reversalien nicht, weil er die ^ während seiner Minderjährigkeit vorgenommene s Verfassungsänderung nicht anerkennen wollte. 1826 ! H trat er seinem Bruder Wilhelm das Fürstenthum i § Öls ab und brachte 1827 mehrere Beschwerden gegen die vormundschaftliche Regierung vor, wo- > M durch sich ein ärgerlicher Schristenwechsel zwischen ihm u. dem König Georg IV. von Großbritannien ; entspann, wobei der Herzog denselben persönlich beleidigte. Auch gegen mehrere seiner Unterthanen ; beging er Ungerechtigkeiten, indem er alle Acte i f der Vormundschaft während des letzten Jahres ) ' seiner Minderjährigkeit, welche ein Jahr über sein 18 . Lebensjahr hinaus gedauert hatte, für un> ! ; giltig erklärte, sich dagegen auflehnte, daß jeder ! herzogliche Befehl contrasignirt werden sollte, na- > mentlich den Geheimrath von Schmidt-Phiseldek, der bei der Vormundschaft bctheiligt gewesen war n. im Anfang der Regierung Karls die sämmt- ' lichcn Geschäfte auss Sorgsamste leitete, aufs > Schnödeste behandelte, ja, selbst dessen Verhaftung befahl, der sich derselbe jedoch durch die Flucht entzog (April 1827). Zugleich verwendete er un- verhältnißmäßige Summen auf das Theater und folgie, unbekümmert um das Wohl des Landes, seinen persönlichen Liebhabereien u. Leidenschaften. Da Österreich u. Preußen den Herzog nicht zur Nachgiebigkeit gegen Georg IV. bewegen konnten, so kam die Sache vor den Bundestag, welcher am 26. Juli 1829 erklärte, daß der Herzog die Klagschrift gegen die vormundschaftliche Regierung zurückuehmen u. sich bei dem König von England entschuldigen müsse. Im Februar 1830 ließen die nach dem ihnen zustehenden Convocationsrechte im Mai 1829 zusammengetretenen Landstände eine Klagschrift wegen einseitiger Aufhebung der Ver- sassung an den Bundestag gelangen, u. da es das Ansehen gewann, als ob auch in dieser Sache der Herzog Unrecht behalten würde, so reiste derselbe, die Regierung seinem Günstling, demKanz- leidirector Bitter, überlassend, im Sommer nach Paris. Nach seiner Rückkehr im Aug. dess. Jahres fuhr er fort in der früheren Weise zu regieren, bis der Unwille des Volkes am 7. Sept. in einen Aufstand ausbrach, infolge dessen das Schloß in Flammen aufging u. der Herzog Karl floh. Schon am 10. Sept. übernahm sein Bruder, Herzog Wilhelm, die Regierung, aber nur provisorisch. Anfangs hatte Herzog Karl selbst seine Zustimmung dazu gegeben, nachdem er aber im Nov. 1L30 einen Versuch gemacht hatte, sich des Landes wieder zu bemächtigen, so übertrug der Bundestag laut Beschluß vom 2. Dec. dess. I. die Re- ^ gierung einstweilen an den Herzog Wilhelm, bis i die Agnaten über den Regierungswechsel selbst l entschieden, was schon in der nächsten Zeit zu Gunsten Wilhelms geschah; außerdem sprach der Bundestag die Rechtsgiltigkeit der Verfassung von 1820 aus. Herzog Wilhelm empfing darauf 25. April 1831 die Huldigung u. stellte die Verfassung von 1820 wieder her. Karl versuchte noch mehrere Male, aber immer ohne Erfolg, durch Verschwörungen u. Waffengewalt (so im Harz in einem Grenzdorf 1832 u. in Paris durch Werbeprojecte) in sein Herzvgthum zurückzukehren. Die Angelegenheiten im Innern gingen unter dem neuen Regenten ihren ruhigen Gang. Da die Verfassung von 1820 sich zu mangelhaft erwies, wurde ein neues Grundgesetz von der Regierung 1831 entworfen u. 1832 von den Ständen mit Modifikationen angenommen. Am 30. Juni 1833 wurde der 1. Landtag lnit den neuen Ständen eröffnet, u. es kamen bis zum Schluß der Sitzungsperiode im Mai 1835 mehrere Gesetze zu Stande, welche vor- theilhast auf die wirthschaftliche u. politische Entwickelung des Landes einwirkten, so eine neue Städteordnung u. ein Ablösungsgesetz. Dagegen wurde der Antrag auf Öffentlichkeit der Verhandlungen abgelehnt. Eher nachtheilig als fördernd für den Handel war der nur mit einer ganz geringen Majorität vom Landtage angenommene Anschluß an den Hannover-Oldenburgischen Steuerverein. Nach Verordnung vom 28. Dec. 1835 wurde der preußische Münzfuß statt des Conventionsmünzfußes eingeführt. Der Landtag 1836 trug eine liberalere Färbung. Er nahm ein Gesetz über Aufhebung der Feudalrcchte an, bewilligte den Credit zuin Bau der B.-Harzburger Eisenbahn u. führte mit dem neuen Etat eine gleichmäßigere Besteuerung des Gewerbebetriebes u. eine gleichmäßigere Vertheilung der Personalsteuer ein. Die außerordentlicheLandtagsversammlung vom 9.Nov. bis 19. Dec. 1839 beschäftigte sich mit dem Anschluß der braunschweig. Gebietstheile Blankenburg, Walkenried u. Kalvörde an den Preußisch-Deutschen Zollverein. Im April 1839 ward eine Amnestie den politischen Gefangenen B-s zu Theil. Der 3. Landtag vom Dec. 1839 bis Jan. 1842 brachte das neue Criminalgesetz u. andere für die innere Landesverwaltung nölhigeGesetze zu Stande. Die Verhandlungen der Ständeversammlnng von 1841 betrafen vorzugsweise die von der Negierung beabsichtigte Lossagung von dem Hannoverischen Steuervereine u. Len Anschluß an den Deutschen Zollverein, welcher auch zu Stande kam, mit noch einstweiligem Ausschluß des Weser- u. Harz- districts für ein Jahr. Auf dem 4. ordentlichen Landtage seit Ende Nov. 1842 kam es zwischen Ständen u. Regierung zu Mißhelligkeiten, theils wegen der von letzterer verweigerten Beschränkung des Militäretats u. Einführung des öffentlichen n. mündlichen Gerichtsverfahrens, theils wegen der von ihr beobachteten Handelspolitik. Die Lossagung von dem Hannoverischen Steuervereine hatte nämlich dem Lande Nachtheil gebracht, und nun sollte auch zufolge früherer Beschlüsse der Weser- u. Harzdistrict in den Zollverein ausgenommen werden, während Hannover den gehofften Anschluß verweigerte. Ain 7. März 1845 consti- tuirte sich in der Stadt B. eine Deutsch-Katholische Gemeinde auf Grund des Breslauer Glaubensbekenntnisses, u. die Regierung ,legte den Dcutsch- Pierers llniversal-Conversations-Lexikon. K. Ausl. IV. Band. 2 18 Braunschweig (Geschichte). Katholiken, wie den protestantischen Freunden in der Ausübung ihrer Gottesdienste keine Hindernisse in den Weg. Die 5. Ständeversammlung wurde 18. November 1845 eröffnet. Bei der Feststellung des Budgets versuchten die Stände von Neuem eine Reduktion des Militäretats zu Gunsten neuer Eisenbahnanlagen zu erwirken. Im April 1846 brach hierüber u. über einige andere Budgetsragen ein offener Conflict aus, nachdem die Landschaft den von der Regierung vorgeschlagenen Ausweg, die Streitfrage durch ein Bundesschiedsgericht entscheiden zu lassen, zurückgewiesen hatte. Darauf erfolgte 8. April die Verabschiedung des Landtages, u. die Regierung erklärte nun, die vorläufig von den Ständen nicht beanstandeten Budgetsätze seien als genehmigt zu betrachten, rücksichtlich der nicht genehmigten dagegen werde sie nach bestem Ermessen handeln, n. veröffentlichte infolge dessen ein Finanzgesetz. Den Nothsiaud im Anfänge des Jahres 1847 suchte die Regierung durch Verausgabung großer Summen für öffentliche Bauten zu mildern. Im März 1848 verursachte die französische Revolution auch in B. eine allgemeine Bewegung. Eine am 3. März ini Bürgervereine in B. beschlossene Adresse an den Herzog enthielt das Ansuchen um Volksbewaffnung, nur Oeffeutlichkeit der Ständeversammlung, der Stadtverordneten- u. Magistratssitzungen u. der Gerichte, um Schwurgerichte, Preßfreiheit, Volksvertretung am Deutschen Bundestage, Hinwirknng ans Zolleinigung des ganzen Deutschland, Zusam- nieuberufung eines außerordentlichen Landtages rc. Darauf erfolgte 13. März die Aufhebung der Censur, doch unter beschränkenden Maßregeln, u. die Einberufung der Stände aus den 25. März. Ein Tumult am 18. März in der Hauptstadt wurde von der Bürgerwehr u. dem Schützencorps unterdrückt. Bei der Eröffnung des außerordentlichen Landtages am 2. April sprach der Herzog den Wunsch einer Beseitigung der auf dem letzten Landtage unerledigt gebliebenen Differenzpunkte aus und sagte militärische Hilfe für Schleswig- Holstein zu, welche am 13. April dahin abmar- schirte. Die Öffentlichkeit der landständischen Verhandlungen wurde 5. Aprilcheschlossen. Der Landtag nahm das Gesetz über Öffentlichkeit u. Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens, Einführung von Geschworenengerichten in Strafsachen, über Freiheit der Presse u. des Buchhandels rc. an, sodann wurde der alte Streitpunkt über das Verhalten der Regierung hinsichtlich des vorigen Budgets bcigelegt, Ende Mai ein Gesetz über Zulässigkeit der Ehen zwischen Inden und Christen und 23. Juni ein neues Vereinsgesetz erlassen u. ini Aug. das neue Wahlgesetz angenommen; weiter folgten noch Gesetze über das Vereinsrecht, über die Volkswehren (dies nur provisorisch), über Aufhebung des Jagdrechtes auf fremdem Grund u. Boden. Der neue Landtag, 18. Dec. 1848 eröffnet, brachte eine neue Erscheinung: die neu gegründete demokratische Partei hatte einige Vertreter bei den Wahlen durchgcsctzl, die zwar eine äußerste Linke bildeten, aber, weil die Liberalen mit der Regierung in deren liberalem Verhalten überciustimmten, stets in der Minorität blieben. Die Thätigkeit dieses Landtages betraf außer dem Staatshaushalte eine große Anzahl der wichtigsten Gesetze für die innere Organisation, namentlich auch Aufhebung des bisherigen Grundsteuersystems u. Einführung einer allgemeinen Grundsteuer. Vor ihrer Vertagung bis zum 19. März sprach sich die Kammer 23. Dec. fast einstimmig für die Wahl eines erblichen Oberhauptes für Deutschland, u. zwar für Übertragung dieser Würde an die Krone Preußens aus, u. da der Herzog sich Mitte Januar 1849 in Frankfurt gleichfalls für die preußische Suprematie erklärte, so ging Ende März eine Deputation aus B. nach Berlin, um den König um Annahme der Kaiserkrone zu bitten. Am 6. Jan. 1849 erfolgte die Bekanntmachung der Grundrechte in B. Die inzwischen erstarkte contrerevolutionäre Bewegung rief Demonstrationen von Seiten der ihr entgegenstehenden Partei hervor, welche mehr u. mehr zum Republikanismus neigte. Am 2. Juni erklärte die Regierung der Kammer, daß sie auch ferner den Anordnungen der Centralgewalt Folge leisten werde. Am 11. Aug. wurde der Regierungsantrag auf Anschluß an den Dreikönigsbund von derMehrheit angenommen u.die Kammer vertagt. Im September erfolgte der Erlaß der neuen Gerichtsverfassung u. einer neuen Straf proceßordnuug nach den Grundsätzen der Öffentlichkeit und Mündlichkeit. Die Berathungen des Landtages von 1850 führten zu mehreren, die ganze Landesverwaltung vielfach umgestaltenden u. vereinfachenden Gesetzen, unter denen die Landgemeinden- u. Städteordnung das wichtigste war. Der Staatsminister von Schleinitz, der, bereits seit 1830 an der Spitze der Geschäfte, fast allein unter allen deutschen Ministern seine Stellung unter den Märzstürmen u. ihren Folgen zu behaupten gewußt, hatte es verstanden, ebenso dem Andrängen der Demokratie zu widerstehen, als den zeitgemäßen Forderungen nachzugeben. Dennoch konnte auch B. sich der rückwärts drängenden Strömung der Zeit nicht entziehen. Am 27. Mai gelaugte die Mittheilung der Regierung an die Landesversammlung, daß die Dresdener Mi- nisterialconfcrenzen die Veranlassung zu der Beschickung des neu erstandenen Bundestages gegeben, wodurch nun die rechtliche Möglichkeit erreicht sei, die nöthigen Reformen ans verfassungsmäßigem Wege vorznnehmen. Der Landtag genehmigte die Aufhebung der deutschen Grundrechte, mit Ausnahme der Abschaffung der Standesvorrechte und Gewährleistung der Preßfreiheit, u. gab im Oct. seine Zustimmung zu dem Gesetze über die Zusammensetzung der Landesversammlung, wonach der Landtag künftig, statt aus 54, aus 46 Mitgliedern bestehen sollte, die iudirect durch Wahl- collegien, 10 von den Städten, 12 von den Landbewohnern, 21 von den Höchstbesteuerten, 3 von der evangelischen Geistlichkeit, zu erwählen seien, u. 18. Nov. endlich auch zu dem neuen Wahlgesetze, das 25. veröffentlicht wurde. Außerdem brachte dieser Landtag noch Gesetze über allgemeine Wehrpflicht (bei der übrigens seit 1855 wieder Stellvertretung gestattet wurde), über Errichtung eines Handelsgerichtes in B., über Kirchenvorstände u. Gcmcindcschuleu rc. zu Staude. Mit Anfang des Jahres „1852 erhielt der Beitritt B-s zu dem Deutsch-Österreichischen Postverein 19 Brauuschweig (Geschichte). Geltung. Die Eröffnung des 7. ordentlichen Landtages fand 17. Febr. 1852 statt; Hauptgegenstand seiner Berathnngen bildete die Festsetzung des Staatshaushaltsetats für die laufende dreijährige Finanzperiode. 1853 schloß B. mit Hannover «inen Vertrag wegen des Eisenbahnbaues in den gegenseitigen Gebietstheilen ab. Die Versammlung gal> die Bewilligung von 2,980,000 Thlr. zum Bau der B-ischeu Südbahn, genehmigte den Gesetzentwurf, betreffend den Mißbrauch des Vereinsrechtes u. ertheilte ihre Zustimmung dazu, daß die Herzogliche Leihanstalt mit einem Capital von 500,000 Thlr. an der B-ischeu Bank be- thcilige. Das bisher in B. so frei entwickelte Vereinswesen erlitt einen schweren Stoß durch den Bnndcsbeschluß über das Vereinswesen von 1854, infolge deren sämmtliche Vereine und Verbrüderungen von Arbeitern mit politischen rc. Zwecken ansgehoben wurden. Der Buudesbeschluß wegen Mißbrauches der Presse von 1854 erfuhr mildere Auffassung und Durchführung. Mit Ende des Jahres 1854 wurde noch das neue Polizci- strafgesetzbuch zur Vollendung gebracht u. endlich auch das Statistische Bureau für das Herzogthum errichtet. Am 5. Juni 1856 trat der außerordentliche Landtag zusammen, wurde aber sogleich wieder auf den 3. Nov. vertagt u. das Wieder- zusammenkommen durch den Tod des Landtags- Präsidenten v. Schmidt-Phiseldek u. des Ministers ch. Schleinitz verhindert. In das Ministerium wurde A. Nov. v. Campe berufen. Auf dem außerordentlichen Landtage von 1858 wurden die Mittel zu Diner Cavaleriekaserue u. zur Eisenbahn Jerxheim- ßhelinstädt, aus dem Landtage von 1861 eine Erhöhung des Militäretats zu besserer Verpflegung der Soldaten u. die Mittel zur Errichtung einer Irrenanstalt in Königslutter, eines Gymnasial- Hkbäudes u. zur Umgestaltung des Collegium Carolinum in ein Polytechnicum bewilligt. Auf dem Landtage von 1863 u. 1864 erfolgten Vereinbarungen zwischen der Regierung u. der Landesver- trctnng über Reform der Gewerbegesetzgebung, des Steuerwesens, der Strafanstalten (Einführung der Einzelhaft), der Medicinalordnung, Aufhebung der Stolgebühren u. s. w. 1864 wurde das Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch eingeführt. Die Verbesserung der Besoldungen wurde ebenfalls in Angriff genommen. Aus der Landesversammlung selbst ergingen Anträge auf Einführung des freien Vcrjügungsrechtes des Eigenthllmers über bäuerliche Grundstücke, auf Einführung synodaler Ein- klchtnngen, auf Verwendung entbehrlicher Überschüsse aus der Hauptfinanzmasse zu gemeinnützigen Zwecken, um so Gemeinden u. Gemeindeverbäuden me Errichtung von Krankenhäusern aus dem Lande rc. zu ermöglichen. B. hat für sich das wenigen deutschen Staaten eigene Bewußtsein, seit 1818 sich zw einem Staatswesen entwickelt zu baben, welches vollkommen auf dem Priucip der Te bstverwaltung beruht, u. hat der Anerkennung dieses Princips auch seine materielle Entwickelung ZU danken. Als die Feindseligkeiten zwischen den beiden deutschen Großmächten 1866 zum Aus- bniche kamen, theilte die Regierung 18. Juni dem fmndychen Ausschuß durch Zuschrift mit, daß sie fia für Beobachtung einer parteilosen Stellung entschieden habe, wich aber endlich 6. Juli der wiederholten Sommation des preußischen Gesandten bezüglich der Bündnißfrage u. stellte das Contin- gent marschbereit; aber die B-schen Truppen kamen nicht zur Betheiligung am Kampfe. 1871 beschäftigte sich der Landtag besonders mit der Erbfolgefrage, da der Herzog Wilhelm (geb. 25. April 1806) kinderlos ist. Die nationale Partei geht in der Frage von dem Grundsätze ans, daß durch die Einverleibung Hannovers in den preußischen Staat die zwischen dem Hanse B.-Lüneburg (Hannover) u. dem Hause B.-Wslfenbüttel bestehenden Hausverträge, sowie die Bestimmung des B-ischen Staarsgrnndgesetzes von 1832, wonach die Regierung des Landes in dem fürstlichen Gesammt- hause B.-Lüneburg nach der Linealerbfolge u. dem Rechte der Erstgeburt im Manuesstamme u. nach Lessen Erlöschen ans die weibliche Linie vererbt wird, erschüttert, wenn nicht gar hinfällig geworden sei; das Herzogthum müsse daher nach dem Ableben des Herzogs an Preußen fallen, oder Reichsland werden. Ans der Commission der Landesversammlung aä ftoo kam, die Sache zur Entscheidung zu bringen, der Vorschlag, die Regierung möge an den Kaiser u. König Wilhelm I. die Bitte stellen, im Falle der Thronerledigung in B. die Regierung des Herzogthums mit allen durch die Verfassung der Regierungsvormundschast zustehenden Rechten u. Pflichten auf so lange zu übernehmen, bis ein anerkannter Thronfolger die Regierung definitiv anzutrcten unbehindert sei. Hier, aufließ sich die braunschweig. Regierung jedoch nicht ein, sondern erklärte 2. Dec. 1872 dem Landtage, sich stützend auf die Bestimmung des Staatsgrundgesetzes von 1832, daß danach nicht abgesehen werden könne, wie das Herzvgthnm B. mit einem anderen, insonderheit mit dem Staate Preußen sollte vereinigt werden können, daß aber auch, diese Möglichkeit vorausgesetzt, nicht denkbar sei, wie mit einer solchen Vereinigung der nur auf dem Wege der Eroberung herbeizuführende Verlust der Selbständigkeit des Herzogthums verbunden sein könne, da eben gegen Eroberung die Reichsversassnng eine unübersteigliche Schranke bilde. Da bei diesen entgegenstehenden Ansichten eine Einigung zwischen den Ständen u. der Regierung nicht zu erreichen war, so that die Regierung weitere Schritte, den Großherzog von Oldenburg u. dann Len König Johann von Sachsen für Übernahme der eventuellen Regentschaft bis zur Erledigung der Erbfolgefrage zu gewinnen, erhielt aber von beiden Seiten eine abschlägige Antwort, so daß die Frage heute noch unerledigt ist. Ebenso steht es auch mit einer anderen Frage: der Herzog weigert sich bis jetzt, eine Militärconvention mit Preußen abzuschließen, obschon B. der einzige Staat in Mittel- u. Norddcutschland ist, welcher eine solche noch nicht eingegaugen, n. obschon die Landesvertretung den Abschluß einer solchen verlangte. Der Kaiser beließ daher als Reichsfeldherr die braunschweigische Infanterie, welche im Kriege von 1870 mit dem deutschen Heere alle Mühen theilte, im Elsaß, und B. hat ein preußisches Regiment als Garnison. Vgl. G. Venturini, Das Herzogthum B. in seiner vormaligen u. gegenwärtigen Beschaffenheit, 2 * 20 Braunschwcia (Stadt). з. Aufl., Helmst. 1847; A. Lambrecht, Das Her- zogthnm B. geographisch, geschichtlich u. statistisch dargcstellt, Wolsenbünel 1863; Havemann, Gesch. der Land. B. n. Liincbiirg, Gotting. 1853—57, 3 Bde.; Sudendorf, Ilrknndcnbnch zur Gesch. der Herzogth. B. u. Liinebnrg, Hann. 1859—72, Bd. I.—VII.; v. Malortie, Beitr. zur Gesch. des B.- Lünebnrgischen Hauses u. Hofes, ebd. 1860—66; v. Bülow, Der Aufstand in B. 6. und 7. Sept. 1830, Leipz. 1858 u. 60; Die B-isch-Hannover. Angelegenheiten u. Zwistigkeiten rc., Berl. 1863, n. s. w. Zur Erbfolgefrage s. die Schriften von Wcdekind, Bohlman u. Zachariä rc. 2) (Stadt) Hauptstadt des Herzvgthums, an der Ocker, mit direcler Bahnverbindung nach Magdeburg, Hannover und über Kreiensen mit Kassel n. a. Öffentliche Plätze: der Burgplatz, auf welchem der eherne Löwe Heinrichs des Löwen seit 1172 (n. A. 1166) steht, der Schloßplatz mit dem Schlosse,. der Altstadtmarkt mit gothischem Springbrunnen, der Hagenmarkt mit dem Denkmal Heinrich des Löwen, nach dem Entwürfe des Stadtbaumeisters Winter, die Statue modellirt von A. Breymann, der Bronzeguß von G. Howaldt, n. der Bankplatz; meist krumme u. enge Straßen. Die alten Festungswerke sind seit 1797 abgetragen und in Promenaden verwandelt; ans ihnen steht zwischen dem August- u. Steinthore das 1822 errichtete Monument der beiden 1806 u. 18l5 im Kampfe gegen die Franzosen gefallenen Herzöge Karl Wilhelm Ferdinand u. Friedrich Wilhelm, ein 60 Fuß hoher eiserner Obelisk; daneben liegt der Windmühlenberg mit herrlicher Umsicht. Sieben Thore führen ins Freie. Unter den 10 Kirchen ist bemerkenswerth die Dom- (Stifts-, St.° Blasins-Mrche, von Herzog Heinrich dem Löwen 1173 gegründet, mit den Denkmälern desselben и. seiner Gemahlin u. mit der Fürstengrust der späteren braunschweigischen Herzoge, u. U. des Herzogs Ferdinand, des Feldherrn im Siebenjährigen Kriege,-des Prinzen Leopold, der bei Frankfurt a. d. Oder ertrank, des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand, der 1806 bei Auerstädt tödtlich verwundet wurde, und Friedrich Wilhelms, der 1815 bei Quatrebras blieb, der Königin Caroline von England rc.; die St.-Andreas-Kirche mit 107m hohem Thnrine, die Brüder- und Martinikirche, beide in gothischem Stil, die Katharinenkirche, die im Innern prachtvolle, zu großen Concerten u. Ausstellungen benutzte Ägidienkirche im reinsten gothischen Stil, die kathol. St.-Nikolaus-Kirche u. die rcsormirte Kirche; die Synagoge ist 1875 im gothisch-maurischen Baustil neu erbaut. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden zeichnen sich ans das Schloß (sonst der Graue Hos), mitten in der Stadt, eines der prachtvollsten Residenz- schlösser in Deutschland, mit der berühmten, nach Rietschels Entwürfe von G. Howaldt in Kupfer getriebenen Brunonia u. den beiden ebenfalls von Howaldt in Kupfer getriebenen Kolossal-Reiter- standbildern der Herzöge Karl Wilhelm Ferdinand n. Friedrich Wilhelm, nach Ponningers u. Häh- nels Modell; dabei ein kleiner Park mit schöner Allee; das Mosthaus in der Burg Daukwarde- (Tanquarde-)rode, sonst Residenz der Herzoge, jetzt Kaserne; Las Lanbschastsgebäude; die herzogliche Kammer; Las Zeughaus, Ausbewahrungsort für Kunstschätze u. Wafsenvorrälhe, früher Kirche des Panlincr Klosters; die neue Kaserne vordem Fallcrslcberthore u. der Bahnhof, beide von-Ott- mer erbaut; das im gothischen Stil gebaute, mit den Statuen der sächsischen Kaiser und hiesigen Herzöge gezierte Allsiadtrathhaus, mit dem jetzt hergestcllten Autorshose; das Ncustädter Rathhaus mit dem seit 1861 errichteten städtischen Museum .(ethnographische, germanische Münzsammlungen, Brunsvicensien); das im Jahre 1861 erbaute imposante neue Theater im Park ain Steinwege; ferner Las Gerichtshans, PosthanS, Leihhaus, Gewandhaus u. Bankgebäude; außerdem liegen mehrere schöne Gärten aus der Promenade und vor der Stadt, so der Hollandsche an dem Lessingplatze, neben welchem Rietschels Lessingstatne steht (sein Grabmal wurde Novbr. 1874 ausgerichtet), der Ebelingsche u. der Löbbeckeschc in der Nähe des Petrithores u. vor dem Angustthore der Vieweg. sche. Wissenschaftliche u. Kunstanstalten: dasMuseum im 2. Stocke des Zeughauses, enthält viele Antiken, Majoliken, Kunstsachen (der berühmte, im I. 1830 von dem Herzog Karl II. auf seiner Flucht mitgenommene Onyx, das sog. Mantuanische Gefäß, ist nach dein am 19. Aug. 1873 erfolgten Tode des Herzogs von der Erbin desselben, der Stadt Genf, ausgeliefert und dem Museum wieder übergeben), Kupferstiche u. Hand- zeichnungeu in 1500 Bänden, besonders aber alte werthvoüe Gemälde aus dem zur westfalischen Zeit abgebrochenen Schlosse zu Salzdahlum, ferner einige Privatgcmäldesammlnngen; 3 össent- Bibliotheken im 6oIIoNum O-rrolinnm, auf der Herzoglichen Baudirection u. die mit dem Stadtarchiv verbundene Stadtbibliothek, welcher die an Jncnnabeln u. alten seltenen Drucken reiche Bibliothek dss geistlichen Ministeriums und die frühere Rathsbibliothek cinverleibt sind. B. ist Residenz des Herzogs, Sitz des Geheimen Rathes, der Kammer, einer Äaiserl. Oberpostdirection und eines Kaiser!. Postamtes, des Lotteriedirectoriums u. desObersanitätscollegiums, desCommandosder40. Inf.-Brigade. Freimaurerloge: Karl zur gekrönten Säule. Bildung sanstalten: das Collegium Carolinum, 1745 gestistet, höhere technisch! Bildungsanstalt, Gymnasium, Realgymnasium. Schullehrerseminar, Bürgerschule, höhere Töchterschule, Taubstummenanstalt. Milde Stiftungen u. Wohlthätigkeitsanstalten: Ägi- dienkloster und Krenzkloster, beide protestantisch jedes mit 1 Domina, 1 Propste u. 11—14 Con ventualinnen (die Stifte St. Blasii (1173 voi Heinrich dem Löwen gestiftet) u. St. Cyriaci si»i in der westfälischen Zeit 1810 aufgehoben), 1t Beguinenhäuser, 3 Hospitäler, großes Waisenhaii! (Lsatas Nur. Vir§. (für 250 Kinder)) ws Schule u. kleines Waisenhaus sür 20 Mädchen, großes Krankenhaus mit Acconchiranstalt, Militäi- krankenhaus, gute Armenanstalleu unter eigenci Direktorium rc. Die Industrie B-s arbein bes. in Cichorien, Tabak, Zucker, Wollen- u» Baumwollenzeugen, Watte, Stärke, Gold u. Si berwaaren, Papiertapetcn, Papiermache, Papie formen, Leder, lackincnMaaren, Porzellan, Spie karten, Essig, Branntwein, Bier (Mumme), Wms 21 Bramlschweig - Bcvern. (Brannschweigcr Wurst), Honigkuchen rc. Der Handel besteht im Verkaufe dieser Erzeugnisse u. im Transits; er wird auch durch die 2 Messen (1492 gestiftet), nach den Leipziger u. Frankfurter die bedeutendsten in Deutschland, gehoben. Die Wintermesse fällt am Montag in der Woche, in welcher Maria Lichtmeß, die Sommermesse (die bedeutendste) in die Woche, worin der Lorenztag ist (daher auch Laurentiusmesse). Jede dauert 14 Tage; der Umsatz, bes. in Leder, Tuch, Baumwollen- u. kurzen Maaren, wie der Besuch fremder Kaufleute u. Fabrikanten, ist sehr bedeutend. Die Bank, 1853, die Kreditanstalt u. die Hypothekenbank, beide 1871 errichtet, sind die wichtigsten Finanzanstalteu. 21 Buchhandlungen, 1V Verlags- u. 11 Sortimentsbuchhändler, 12 Bnch- bruckereien, Schriftgießereien. Unter der Regierung des Herzogs Wilhelm seit 25. April 1831, hat sich B. zu bedeutender Ausdehnung emporgeschwungen. Nach der Volkszählung vom 1. Dec. 1871 zählte B. in 3799 Wohnhäusern 57,782 Ew., nach der polizeilichen Zählung vom Jahre 1874 65,346 Ew. B. ist Geburtsort von Meibom, Henke, Lafontaine, Gauß, des russ. Generals Bennigsen rc. Bei B. liegt noch Richmond, Park mit Schloß, u. die neue herzogliche Villa, von der Ocker bewässert, u. Watenbüttel, wo Jürgen 1534 das Spinnrad erfand. — B. wurde angeblich um 860 von Bruno, Sohn Ludolfs von Sachsen, gegründet u. nach demselben Brunswik genannt. Sein sagenhafter Bruder Dankward soll das Schloß erbaut haben u. dies nach ihm Dankwarderode genannt worden sein. Heinrich der Vogler vergrößerte den Ort und umgab ihn mit Mauern. Ludolf HI. gründete 1030 die St.-Magnus-Kirche, später die Ulrichskirche, u. 1031 kommt die Villa Brunswik in Urkunden zuerst vor. Seit 1090 wurde die Stiftskirche St. Cyriaci gebaut und 1112 das Ägidienkloster gestiftet. Heinrich der Löwe vergrößerte u. befestigte die Stadt, gab ihr Privilegien u. gründete die-Kathedrale St. Blasii; sein Sohn Otto baute die Stadt mehr aus. 1229 verkauften die beiden Töchter des Herzogs Heinrich, der zugleich Pfalzgraf ani Rhein war und ohne Söhne starb, B. anHeinrich, den Sohn des Kaisers Friedrich II., doch erkannte ihr Oheim Otto dies nicht an, rückte mit 2000 Reitern vor die Stadt n. nahm sie ein. Da ihm dies durch Hilfe der Bürger gelungen war, beschenkte er dieselben mit großen Freiheiten. Die Stadt schloß sich dem Hansabnnde an u. wuchs an Macht und Reichthum durch seine Handelsverbindungen. 1267 wurde, nach Trennung der Linie B.-Lünebnrg, die Residenz nach Wolfenbüttel verlegt; die Stadt B. unterstützte die Herzöge zu ihren Kriegszügen mit Geld, wofür diese ihr als Gegenleistung Privilegien ertheilten, oder Güter verpfändeten. 1492 wurden die Messen durch Heinrich denÄlteren gestiftet. Da dieser die verpfändeten Güter einlösen, B. sie aber nicht heransgeben wollte, so belagerte der Herzog 1493 B., n. die Stadt ergab sich ihm 1494 unter günstigen Bedingungen. Als Freundin der Reformation, die hier 1528 eingeführt wurde, kam B. 1540 in den Bann. Herzog Heinrich von Wolfenbüttel belagerte sie 1550, mußte aber auf kaiserlichen Befehl die Belagerung aufheben. 1615 unterwarf sich B. dem Herzog Friedrich Ulrich und huldigte ihm 1616, nachdem er alle Privilegien bestätigt hatte. Fast das ganze 17. Jahrh. kämpfte die Stadt mit den Herzögen um ihre Selbständigkeit, wurde aber endlich 1671 mit Waffengewalt vom Herzog Rudolf August bezwungen, worauf die 5 Weichbilder der Stadt, Altstadt, Neustadt, Sack, Hagen u. Altenwiek, vereinigt wurden. Unter Herzog Karl 1753 ward die Residenz nach B. verlegt. 1807 kam B. an das Königreich Westfalen, wurde zur zweiten Residenz erklärt u. das Schloß auf Kosten der Stadt zur königlichen Hofhaltung umgebaut, doch hat König Jeröme hier niemals residirt. Am 25. Sept. 1813 wurde B. von den Preußen überrumpelt und kam darauf wieder an seinen alten Fürstenstamm. 7. Sept. 1830 allgemeiner Aufstand, bei dem das Schloß in Flammen aufging u. der Herzog Karl entfloh. 1833—36 wurde das Schloß wieder aufgebaut, brannte aber in der Nacht vom 23. zum 24. Febr. 1865 wieder bis aus den rechten Flügel ab u. wurde nach dem früheren Plan wieder ausgcbaut. Am 25. Apql 1856 feierte B. das 25jähr. Regierungs-Jubiläum des Herzogs Wilhelm u. 19., 20. u. 21. Ang. 1861 das 1000jährige Bestehen der Stadt unter großen Festlichkeiten. Vgl. Ribbentrop, Beschreib, von B., 1789—91, 2 Bde.; Olfens Geschichtsbücher der Stadt B., heransgeg. von Vechelde, 1832; Lachmann, Geschichte der Stadt B., 1816; Schröder u. Aßmann, Die Stadt B., 1841; Urkundenbuch der Stadt B., Braunschw. 1861 f.; Dürre, Geschichte der Stadt B. im Mittelalter, 1861; Heusinger, Geschichte der Residenzstadt B. von 1806 bis 1831', 1861; Führer durch die Stadt B., 1858, 1861, 1873. Geogr. u. S, X. in Bram,schweig. Braunschwcig-Bevern, apanagirte Nebenlinie des Hauses Braunschweig-Wolfenbüttel, nach dem Tode des Herzogs August 1666 von dessen jüngstem Sohne Ferdinand Albrecht I. gestiftet n. 1735 durch Ferdinand, seinem jüngeren Sohne, erneuert; darunter bedeutend: 1) August Wilhelm, der Ältere, preuß. General, Ernst Ferdinands ältester Sohn, gcb. 1715 zu Braunschwcig; trat in preuß. Kriegsdienste, wohnte 1744 dem Feldzuge am Rhein bei, zeichnete sich im 1. u. 2. Schlesischen Kriege aus, ward General, schlug die Österreicher im Siebenjährigen Kriege 1756 bei Lowositz, nahm 1757 das verschanzte Lager bei Neichenberg u. war bei den Schlachten von Prag n. Kollin, befehligte dann in der Lausitz n. Schlesien, konnte jedoch Len Fall von Schweidnitz nicht verhindern u. ward bei Breslau 22. Nov. 1757 geschlagen. Um Friedrichs II. Zorn für den Augenblick zu entgehen, ließ er sich von den Österreichern gefangen nehmen. 1758 ausgewcchselt, ward er Commandant von Stettin, erhielt 1762 den Oberbefehl über ein Corps bei Reichenbach und schlug die Österreicher 7. August 1762. Nach dem Hu- bertusbnrger Frieden lebte er größteutheils zu Stettin; er st. daselbst 1782. 2) Friedrich Karl Ferdinand, jüngster Bruder des Vor., geb. 1742; machte erst in holländischen u. preuß. Diensten die Schlesischen Kriege u. als preußischer Generalmajor den Siebenjährigen Krieg mit, ward aber von Friedrich II. vernachlässigt u. ging 1760 22 Braunschweiqcr Grün — Brausehahn. als Generallieutenant in dänische Dienste, wurde Gencralinspecteur der Infanterie, Gouverneur von Rendsburg u. 1773 von Kopenhagen, legte diese Stelle 1784 nieder u. wurde Feldmarschall. Erlebte dann in Glücksburg; st. 1809. Mit ihm erlosch die Linie B.-B. Brannschweiger Grün, grüne Malerfarbe, die in Form eines lockeren Pulvers in den Handel kommt u. im Wesentlichen aus basisch kohlensaurem Kupseroxyd besteht. Man erhält es, indem man eine Lösung von Kupfervitriol in Wasser mit einer Auflösung von kohlensaurem Natron oder mit kohlensaurem Kalk zersetzt u. den Niederschlag mit heißem Wasser auswäscht u. trocknet. Die verschiedenen Nllancen (Nummern) des Handels werden durch Mischen desselben mit weißen Farbstoffen (Schwerspath, Zinkweiß, Gips) erhalten. Unter demselben Namen stellte man früher in Braunschweig eine Farbe dar, die aus basischem Chlorkupfer bestand, indem man Kupferbleche mit Salzsäure oder Salmiaklösung besprengt der Luft aussetzte. Das B. G. ist, wie alle Knpserver- bindungen, giftig; cs ist bei seiner Anwendung um so mehr Borsicht geboten, als es öfter mit deni äußerst gistigen Schweinfurter Grün vermischt Wird. HrM. Braunschwciger Mumme, ein von Christian Mumme zu Braunschweig 1492 erfundenes und hier gebrautes süßlich-bitteres u. vcrhältnißmäßig nahrhaftes Bier von dunkelbrauner Farbe. Man unterscheidet: die doppelte oder Siffs- u. die einfache oder Stadtmumme. Braunschweigische Eisenbahnen (1874/5): Länge 331 km. Anzahl der Locomoliven 158, der Personenwagen 224, der Güterwagen 2275. Einnahme (1874) 3,677,652 Thlr. Benennung der Linien: Pr. Grenze bei Vechelde-Braunschw.- Wolsenbüttcl - Oscherslebcn (84,«« km); Pr. Gr. bei Hvlzminden - Kreiensen - Börssum - Jerxheim- Schöningen-Helmstedt (152,„); Secsen-Gr. bei Gittelde (15,„ km); Wolfenbüttel-Harzburg (33^g km); Braunschweig-Königslutter-Helmstedt (41,„ km); Büddelstedt-Trendclbusch (Kohlenb., 3 ,,2 km). Inbetriebsetzung 1 . Dec. 1838 Braunschw.-Wolfen- büttel. Anlagccapital bei der Gründung 513,000 Thlr.; heutiges Anlagccapital 30,117,600 Thlr. Privatverwaltung seit 1869, vorher Staatsbahn; Directionssitz: Braunschweig. Braunschweigisches Stadtrecht, Stadtrecht der Stadt Brauuschweig; besteht ans mehreren Aufzeichnungen, die mit dem 13. Jahrh. anfangen. Die ältesten u. die Bezeichnung: Dat bescrevene recht, beruht vielleicht zum größeren Theil auf einem Freiheitsbriefe des Herzogs Otto I. von 1227 (abgedruckt inr 4. Bde. der Origsinos xrwlüeas) u. bildet auch in sprachlicher Hinsicht ein wichtiges Dokument der altniederdeutschen Sprache. Ein Willkürenbuch von 1402, mitge- theilt im 3. Bde. von Leibniz' Lerlpborss rsrum brrmsvic:., enthält nur eine dem Ende des 14. Jahrh. angehörige Privatarbeit, obwol man sie zuweilen sllr mit der ersten Aufzeichnung gleichzeitig erachtet hat. Außerdem gibt es noch mehrere Privilegien aus den Jahren 1314, 1400 u. 1408. Braunstein (Pyrolusit, Grau - Braunstein, Weichmanganerz), Mineral, welches undeutliche, meist nadelsörmige Krystalle des rhombischen Systems bildet, die zu strahligen, faserigen Massen von tropfstcinartiger od. nierenförmiger Oberfläche vereinigt sind, aber auch dicht u. erdig sich findet. Er ist weich (Härte — 2 , 5 ), abfärbend, undurchsichtig, schwach metallglänzend, von eisenschwarzer Farbe u. schwarzem Striche. Mit Schwefelsäure erhitzt, entwickelt er Sauerstoff, mit Salzsäure Chlor. Er besteht aus Mangan und Sauerstofs (Mangansuperoxyd UnO^ mit 63 pCt. Mangan u. 37 pCt. Sauerstoff). Die wichtigsten Fundorte sind: Thüringen (Ilmenau), Harz (Jlseld), Westfalen (Siegen, Arnsberg), Ober-Hessen (Gießen), das Erzgebirg (Johanngeorgenstadt), Mähren,Schlesien, Kärnten, Ungarn, Siebenbürgen, England, Frankreich, Schweden rc. In der Industrie findet der B. ausgedehnte Verwendung zur Darstellung von Chlor u. Chlorkalk, zum Entfärben des Glases, in der Porzellan- u. Glasmalerei als Maler färbe. H-tz«. Braunthal, Braun v., s. Braun 3). Braunvich, ein einfarbiges Rind, im östlichen n. südöstlichen Theil der Schweiz, von dunkelbrauner, dunkelgrüner bis hellgrauer Farbe; bei fast allen Thieren findet sich aber eine hellere Färbung am Maul, in der inneren Ohrmuschel, dem Damme, am Bauche u. an der Brust, und ebenso zieht sich ein hellerer Streifen über den Rücken. Die Thiere haben einen kurzen, breiten Kops, kurze, schwarze, oft mit weißen Spitzen versehene Hörner, ein breites Maul, breiten Rücken u. breites Kreuz, feinen, langen Schweif, breite, hohe Hüsten, kurze u. kräftige Extremitäten mit recht breite» oberen Partien u. gerade gestellten, breiten Sprnnggelenken. Die Kühe sind bei reichlicher Nahrung gute Milchgeber; die Ochsen schwere u. gute Arbeilsthiere; sie mästen sich gut, haben aber ein etwas grobes, starkfaseriges Fleisch. Brauordnung, 1) Regulativ, nach welchem in einem Lande oder in einer Ortschaft beim Bierbrauen verfahren wird. 2) (Braureihe)Reihenfolge, in welcher die Brauberechtigten eines Ortes brauen. Braur, Adrian, s. Brouwer. Brauron (a. Geogr.), Ortschaft in Attika, am Erasinos, südl. von Marathon, unweit des Meeres; jetzt Dorf Merkurin. Dabei ein Tempel der Artemis (welche den Beinamen Brauronia hatte), einst mit dem uralten Bilde der Göttin, welches Orestes u. Jphigenia aus der Taurischen Halbinsel mitgebracht hatten, welches aber die Perser nach Susa entführten. Hier wurde dieser Göttin alle 5 Jahre Las attische Nationalfest Lrauiomn gefeiert. Mädchen, in krokusfarbige, der Farbe des Bären ähnliche Gewänder gekleidet, brachten dabei als Ehrenjungfrauen Ziegen als Opfer zur Versöhnung der Artemis. Ein zu diesem Dienste geweihtes Mädchen hieß Arktos (Bärin); der Weiheact, wozu ein Mädchen zwischen 5 u. 10 Jahre alt sein mußte, hieß Arkteia. Brause, 1) der Zustand des Gährens, in welchem sich ein flüssiger Körper befindet; so: der Wein ist noch in der B. 2) Der durchlöcherte, blecherne Aussatz an der Röhre einer Gießkanne. 3) Aehnliche durchlöcherte Platten in Douchebäderit (s. u. Bad) u. an Feuerspitzen (s. d.). Bransehahn, so v. w. Kampfstrandläufer. 23 ^ Brausen - k llrausrn der Ohren, s. u. Ohrtönen. I Brausepulver (?ulvis ueroxirorus), Mischung ! Mi> kohlensanrem Alkali mit einer Säure, welche ! ! stärkere Verwandtschaft zum Alkali hat, als die ' : Kohlensäure. Dadurch wird letztere frei u. entweicht unter Aufschäumen der Flüssigkeit. Das . gewöhnliche B. wird aus 10 Th. doppelt kohlen- slmrem Natron, welches zuerst ins Wasser gethan werden muß, u. S Th. Weinsäure bereitet. Als Heilmittel wird es in verschiedenen Zusammensetzungen gebraucht, und zwar als beruhigendes Mittel bei Magen- und Berdauungsbeschwerden, bei heftigem Erbrechen, bei Blutwallungen. Beim i englischen B. hat man die Weinsteinsäure in U blauen, doppelkohlensaures Natron in weißen Pa- «! pierkapseln; zuerst löst man den Inhalt einer ^ blauen Kapsel, schüttet dann jenen aus der weißen Kapsel dazu, worauf sogleich das Brausen be- i ginnt. Wenn man zu dem Natron noch ein ab- s führendes Salz (Natronweinstein, Bittersalz) setzt, ' so bekommt man das abführende B., Seivlitzpulver ! pulvis aLroxporus laxaus Lsiälitrousis). Braut, die einem Manne zur Ehe verlobte Frauensperson, von der Zeit der Verlobung bis zur Trauung. Eigentlich hat das Wort aber auch ! und ursprünglich die Bedeutung einer weiblichen - Person, die mit einem Manne das Beilager voll- s ! zogen hat, denn das in der neuhochdeutschen Sprache ! abhanden gekommene, besond. in dem Mittelhoch- ! deutschen gewöhnliche Verbum Printen (brnt) heißt ^ Beilager halten, auch im außerehelichen Sinne; , daher dem Manne, welchem eine weibliche Person > verlobt ist (Bräutigam), an die ihm Verlobte Recht, welches selbst vor der Trauung von Verlobten erzeugte Kinder als eheliche erklärte, unter ^ der Annahme, daß ein Verlöbnis; durch den zwischen den Verlobten verübten Beischlaf sofort !! in eine gütige Ehe sich umwandle. Jndeß hat i diese Bestimmung längst keinen praktischen Werth ^ mehr, u. beschränken sich überhaupt in juristischer s ^ Beziehung die Befugnisse u. Verpflichtungen von i B. u. Bräutigam unter sich nur auf die gegen- f seitigen Rechtsansprüche zur Vollziehung der ver- j Iprochenen Ehe, oder bei Nicht-Vollziehung auf zu- ! reichende Abfindung oder Entschädigung des ver- ^ lassenen Theils von Seiten des verlassenden. ^ Um so reicher ist die Zahl der an den B-stand sich knüpfenden, vielfach noch bis auf unsere Zeit erhaltenen Volksgebränche. Die Einleitung zur s B-schaft ist hier n. da, besond. bei den Alpen- ! Mern n. in Alt-Rußland, die B-sch au, wobei die - Mädchen nach dem 15. u. 16. Jahre, nachdem sie - dor Ostern communicirt haben, durch erwachsene Freundinnen den heirathslustigen Jünglingen vorgestellt werden; oder es geschieht umgekehrt durch B'werber, welche ein heirathslustiger Mann zu Derjenigen schickt, welche er zur B. haben will, um die B - fchaft zu vermitteln, wofür der B- werber, wenn die Sache zu Stande kommt, von dem Bräutigam eine Belohnung (Kuppelpelz) er- — Braut. hält. Nach Römischem Rechte konnte der B-wcrbcr diesen Lohn fordern, er durfte aber nicht über V-» des Heirathsgntes, überhaupt nicht über 10Indras auri (Pfund Gold) steigen. Vor der Hochzeit erhält die B. von ihren Eltern außer der Aussteuer (B-schilling) die B-gabe (B-schatz, s. Dos), fürstliche Bräute von dem Lande eine B-steuer; die Töchter eines Gutsherrn ehedem von denlln- terthauen Getreide u. Vieh (B-Hafer, B-vieh, B-Hühner, wogegen Leibeigene die B-lösuug oder den B-kauf an den Leibherrn zahlten, wenn sie heiratheten (s. Bauernmiethe). Die B-leute geben sich gegenseitig die B-geschenke, namentlich gibt in manchen Gegenden noch die B. dem Bräutigam das B-Hemd, ein feines, mit Stickereien u. a. Zierrathen versehenes Hemd; hier u. da schenkt die B. auch am Hochzcittage den nächsten Verwandten solche Hemden; dagegen schenkt der Bräutigam der B. das Kleid, welches sie zur Trauung trägt (B-kleid). Den Festdienst am Hochzeitstage, die Begleitung zur Kirche, versehen die B-jungfern, B-führerinnen n. B- führer, junge Mädchen u. junge Männer, die verwandt oder befreundet sind; die B-jnngfern sind der B. beim An- u. Auskleiden behilflich u. pflegen den B-kranz zu besorgen u. anfzusetzen, der, ein Zeichen der Jungfräulichkeit, nur von jungfräulichen Bräuten getragen wird u. aus Laubwerk, meist von Myrten, gebunden wird, auch in Form einer Krone (B-kröne) hier u. da getragen wird. Bei den Juden war der Bräutigam bekränzt; bei den Römern trugen beide B-leute Kränze, u. noch im Mittelalter war dies bei den Christen gewöhnlich; jetzt trägt der Bräutigam nur noch ein Myrtensträußchen im Knopfloch oder an der Brust. In der Griechischen Kirche werden beide B-leute von dem Priester mit dem B-kranze geschmückt. In Rußland geschieht dies nur bei der ersten Vermählung; in Griechenland wird aber der Kranz auch bei einer zweiten -Vcrmähl- ung wenigstens auf die Schulter geheftet. In der Römisch-Katholischen Kirche geht der Hochzeit das B-examen vorher, welches den Zweck hat, theils den Grad der religiösen u. sittlichen Bildung der B-leute kennen zu lernen, theils die etwa der Verehelichung entgegenstehenden kanonischen Hindernisse , namentlich Blutsverwandtschaft und Schwägerschaft, zu erforschen. Die kirchliche Feier heißt die B-messe; bei den Katholiken ist dies die Messe, welche bei Einsegnung eines Ehepaares gelesen wird u. nach welcher das B-paar communicirt; bei den Protestanten die öffentliche Trauung in der Kirche, oder im Hause der B- eltern. In früheren Zeiten wurde auch über den B-leuten, welche zum ersten Mal heiratheten, beim Segen vor dem Ware der B-schieier ausgebreitet. Dieser, ein meist purpurfarbenes Tuch, wurde entweder von 4 Männern an den 4 Zipfeln gehalten (vgl. Chupa), od. von dem Priester dem Bräutigam auf die Schulter u. der B. auf den Kopf, beiden aber um den Nacken wie ein Rock gelegt. Am Abend der Hochzeit (s. d. A.) wird der B. in manchen Gegenden der B-kranz genommen (u. gewöhnlich unter die Hochzeitgäste vertheilt) u. ihr dafür die B-Haube, eine Mütze von Spitzen oder anderem seinen Zeug, aufgesetzt. 24 Brcmtcnte — Bravo. Zuletzt wird die B. von einer bejahrten Freundin, B-mutter, in das von derselben auch besorgte B- gcmach gesllhrt, wo das B-bett aufgeschlagen ist. B-bett u. B-gemach wurden ehemals mit bes. Formeln gesegnet. Abergläubische Gebräuche sowol in Bezug hierauf, als auch auf sonstige den B- stand betreffende Gegenstände u. Handlungen werden noch heute in verschiedenen Gegenden u. unter gewissen Bolksklassen in Anwendung gebracht. In Ostpreußen legt man z. B. dem B-kranze heilende Wirkung gegen Viehseuchen bei u. benutzt ihn in entsprechender Weise. Alte Kirchengesetze, wahrscheinlich fußend auf Tobias 6, 19 ff. u. im Zusammenhänge mit einer derartigen altjüdischen Sitte, untersagten dem Neuvermählten Paare die Ausübung seiner ehelichen Rechte in der ersten Nacht. Im Mittelalter wurde dies Gesetz wiederholt erneuert mit der Bestimmung, daß im Übertretnngssalle die Ehe ungiltig sei. Wollte man dies Gesetz umgehen, so mußte die Erlaubniß dazu dem Priester förmlich abgekauft werden. In Süddeutschland herrscht heute noch hin u. wieder der Glaube, daß sich die Neuvermählten die ersten 3 Nächte enthalten müßten, weil sonst die Ehe unglücklich sei. Lagai.» Schroot. Brautente, Art Ente (s. d.). Brautexamen, s. u. Braut. Brautführer (Baran^mxüuw) für den Mann, n. Brantführerinnen (Baranzmpsta) für die Frauen gingen aus der unter allen Völkern üblichen Sitte bei Schließung der Ehen auch in den kirchlichen Gebrauch über, schon durch die Lanonso von Nicäa 325. Sie gelten als Ehrenwächter der Brautleute u. Zeugen ihres ehelichen Versprechens. Im Orient begründete dieses Ver- hältniß, als der Taufpathenschaft entsprechend, sogar eine geistliche Verwandtschaft (s. auch unter Braut). «Mer. Briiutiaam, s. n. Braut. Braut in Haaren, s. MAslla. Brautjungfer, s. u. Braut. Brautschatz, 1) so v. w. Dos. 2) So v. w. Bauernmiethe. Brautschilling, so v. w. Aussteuer. Brautsteuer, 1) so v. w. Dos. 2) So v. w. Prinzessinsteuer. Brautthür (Ehethür), in Kirchen mit mehreren Eingängen diejenige Thür, innerhalb welcher die Halle war, worin Brautpaare getraut wurden. Brauweiler (Brautweiler), Dorf im preuß. Kreise u. Regbcz. Köln; 1024 vom Pfalzgrasen Ezo gestiftete u. 1061 erbaute Benedictinerabtei, die 1808 in eine Arbeits- u. Besserungsanstalt umgeschaffen wurde; 1100 Ew. Branwer, so v. w. Brouwer. Brav (nur in den nordgermanischen Sprachen vorkommendes, mit dem romanischen brave, bravo gleichbedeutendes Wort, eigentlich tüchtig, wie Einer sein soll), rechtschaffen, tapfer, unerschrocken, kühn; s. Bravi. Brava, 1) Insel, zu den Inseln des Grünen Vorgebirges im Atlantischen Ocean gehörig, auch San Jao genannt; an den Küsten sandig, im Innern gebirgig n. so fruchtbar, daß sie das Paradies dieses Archipels genannt wird; Salpeter- bereitung; 3 Häfen; etwa 4000 Ew., die von Schifffahrt leben. 2) (Brawa) Stadt u. Haupt- ort eines früher unter dem Sultan von Oman in Arabien, jetzt aber unter dem von Zanzibar stehenden Staatenbundes im Lande der Suahili ans der OKüste Afrikas, am Meere; Hafen, Lenchtthurm; Sklavenhandel; 5000 Ew. Bravade, s. n. Braviren. Bravais, August, geb. 23. Aug. 1801 zn Annonay; war erst Lieutenant in der franz. Marine, dann Professor der Astronomie in Lyon, hieraus der Physik an der Beols pohckoobniguo in Paris, seit 1854 Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Er machte viele wissenschaftliche Reisen nach Algier, Spitzbergen, Norwegen, der Schweiz, den Seealpen rc. n. schr. zahlreiche Abhandlungen in verschiedene wissenschaftliche Journale, namentlich in Lionvilles llonrnal mabbsmatigns. „ Brävalla-Heide (Bravallaslätten), Ebene im Öster-Gotland-Län (Schweden), zwischen dem Brä- vik n. Bara-Ä, bei Norrköping, wo die berühmte Brävalla-Schlacht zwischen Harald Hildetand, König von Dänemark, u. Sigurd Hring, König von Schweden, welch Letzterer siegte, 740 Vvrgefallen sein soll. Nicht zu verwechseln damit ist eine andere B. (Brävallahed), in der Landschaft Srnaland bei Wexiv, wo in sagenhafter Zeit die dortigen tapferen Weiber in Abwesenheit ihrer Männer die Dänen schlugen, wofür sie gleiches Erbrecht mit den Männern u. die Befugniß, kriegerischen Schmuck zu tragen, erhalten haben sollen. Bravi (italien.), 1) eigentlich Tapfere, Unerschrockene, Kühne. 2) Zum Morde eines Menschen Gedungene, bes. sonst in Venedig, Rom u. Neapel, doch auch in ganz Italien ehemals gewöhnlich; s. Bandit 2). 3) In der türkischen Reiterei Freiwillige, die sich gewöhnlich vor der Schlacht mit Opium berauschten u. sich dann blind in jede Gefahr stürzten. Braviken (Braviken), Meerbusen in der Ostsee, an der schwedischen Küste im Öster-Gotland-Län. Braviren (v. Fr.), Trotz bieten; daher Bravade, Hohn, Trotz, Prahlerei. Sravo (ital.), 1) Singular von Bravi (s. d.). 2) Brav! schön! herrlich! der Superlativ davon Bravi88imo! für mehrere Bravi! für eine Dame Brava! (ursprünglich in Italien) gebräuchlicher Beifallsruf bei öffentlichen Aufführungen, Theater, Concerten, Reden rc. Bravo, Don Nicolas, mexikanischer General u. Factionssührer, geb. um 1790; zeichnete sich schon 1811 in den Freiheitskriegen Mexicos aus, wurde aber von den Spaniern gefangen. Da er nach seiner Freilassung gegen die Errichtung des Kaiserthums unter Jtnrblde ankämpftc,ließ ihn dieser 1822 verhaften; wieder befreit, stellte er sich nach Jturbides Sturze mit Vittoria u. Negretto an die Spitze der Republik Mexico n. wurde 1824 Vice- präsident neben dem Präsidenten Vittoria. 1827 während der Eröffnung des Congresses trat er zu den Insurgenten Manoel Montanos u. zog sich nach Lulancingo, wurde aber von Guerrero geschlagen, gefangen u. auf 6 Jahre nach Guatemala verbannt; als Bustamente 1830 Präsident wurde, zurückgerufen u. gegen Guerrero geschickt, schlug er diesen u. ließ ihn 1831 erschießen. 1833 stand er wieder an der Spitze einer kleinen Armee gegen 25 Bravo-Murillo — Bray. die Regierung SantanaS. Nachdem er nocb den Krieg gegen Texas auf Seite Mexicos mitgemacht, zog er sich in die Einsamkeit des Privatlebens in einer kleinen Stadt der Ver. Staaten zurück. Bravo-Murillo, 1) Juan, span. Staats' mann, geb. im Juni 1803 zu Frejenal px la Sierra; studirte anfangs Theologie, wandte sich jedoch später den Rechtswissenschaften zu u. wurde 1825 in Sevilla Advocat; 1832 trat er in den Staatsdienst, gab jedoch 1835, als die Progressisten ans Ruder kamen, seine Stelle als Fiscal in Caceres auf n. kam nach Madrid, um hier theils als Advocat zu prakticiren, theils mit Pachcco, dem nachherigen Minister, ein neues juristisches Blatt, Lcäetin äs zurispruäsnoia, ins Leben zu rufen; er wurde hierauf kurze Zeit Secretär im Justizministerium u., nachdem er infolge der Revolution von La Granja (12. Aug. 1836) wieder aus dem Staatsdienste getreten, Mitarbeiter an L dem von ihm zur Opposition gegen die Progres- sistenpartei gegründeten Blatte M korvenir; 1837 '' trat er für Sevilla u., nachdem er nach Auflösung der Cortes im klloto seine Opposition fortgesetzt, 1839 . ^ für Avila in die Cortes, wo er nicht nur Haupt- s redner, sondern' auch Führer der Moderados war. l Als 1840 die Umsturzbewegung in Madrid aus- l brach, ging er, durch eine Verschwörung gegen die ) Regentschaft compromittirt, nach Frankreich, von wo 1 er erst nach dem Sturze Esparteros Juli 1843 nach l Madrid znrückkehrte, um seine advocatorische Thä- tigkeit wieder aufzunehmen. 1847 trat er ins Ministerium Sotomayor u. verwaltete vom 25. Jan. a bis Ende Marz das Jnstizdepartement, wurde im h Nov. dess. I. zum zweiten Mal ins Cabinet be- ^ rufen, um die Portefeuilles des Unterrichtes, des H Handels u. der öffentlichen Bauten zu übernehmen, s H u. behielt auch bei der abermaligen Ministerver- l sü änderung im Dec. diese 3 Departements. Im s ^ August 1849 übernahm er die Verwaltung der ! P Finanzen u. trat 28. Nov. 1850 ab, wurde jedoch 7? nach kurzer Unthätigkeit mit der Bildung eines neuen '(I Ministeriums betraut, in welchem er 1851 denVorsitz ^ übernahm, den er aber schon 1852, in seiner Stell- ung bei der Königin untergraben, an den Ge- Ä neral Lersundi abgeben mußte; er erhielt die Ver- Z walMng der überseeischen Besitzungen, wurde aber durch die Revolution vom Juni 1854 gezwungen, ilr das Land zu verlassen. Erst als Narvaez 1856 wieder ans Ruder kam, kehrte B. in sein Vater- H land zurück u. bot der Königin seine Dienste an, Ä die ihn von da ab auch mehrfach mit diplomatischen Missionen betraute. Er st. Mitte Januar 1873, ohne sonst noch politisch thätig gewesen zu sein, oder gar eine politische Rolle gespielt zu haben. 2) Don Luis Gonzalez, span. Minister, geb. 1811 in Cadiz; studirte die Rechte in Alcala de Henares u. ließ sich in Madrid als Advocat nieder. Ansangs Exaltado ».noch 1840 Gegner der Königin Christine, wurde er nachher ihr Parteigänger u. trat endlich ganz auf die Seite der Moderados, so daß er Ende 1843, nach dem Sturze des Ministeriums Olozaga, Ministerpräsident u. Minister des Auswärtigen wurde; infolge der seit der Rückkehr der Königin-Mutter immer zunehmenden Reaction trat er Ende April 1844 ab (s. Spanien) u. ging als Gesandter nach Lissabon, wo er bis 1847 blieb; dann verdächtig, gegen das Ministerium intriguirt zu haben, wurde er 1848 verhaftet u. nach Cadiz gebracht. Im August entlassen, wendete er sich nach Frankreich, kehrte aber 1849 nach Spanien zurück und hatte Ende Jan. 1850 ein Duell mit dem Abgeordneten Rios Rosas, welcher verletzende Äußerungen über ihn in der Kammer gethan hatte, wobei er schwer verwundet wurde. Nach O'Donnells Sturz 1854 wurde er wieder Gesandter in Lissabon. Nachher spielte er wieder eine Zeit lang den Liberalen u. wurde 16. Sept. 1864 in dem Ministerium des Herzogs v. Valencia Minister des Innern, trat aber im Juli 1865 mit den Ministern zurück, u. im Juli 1866 übernahm er unter dem Herzog v. Valencia das frühere Portefeuille wieder u. wurde nach dem Tode des Herzogs 24. April 1868 zugleich Ministerpräsident. Beim Beginne der Revolution im Sept. 1868 entließ ihn die Königin von S. Sebastian aus am 20. Sept., worauf er sich nach Bayonne wandte ». schließlich noch ins Lager der Carlisten überging. Er st. 2. Sept. 1871 zu Biarritz. L°gai.- Bravour (fr.), 1) eigentlich Tapferkeit, Stärke. 2) Kühnheit u. Ausdauer in der Production eines Kunstwerkes, befand, im Vortrage eines Musikstückes; daher Bravourarie (B-gesang), eine nur für sehr geschickte Sänger ausführbare, brillante Arie. Brawe, Joachim Wilhelm, Freiherr vou^ deutscher Dramatiker, geb. 4. April 1738 zu Weißenfels; studirte die Rechte; st., im Begriffe als Regierungsrath nach Merseburg überzusiedeln, 7. April 1758. Er schr. die Trauerspiele: Der Freigeist, Berl. 1758; Brutus (das erste deutsche Drama in 5füßigen reimlosen Jamben), herausg. von Karl Lessing, Berl. 1768. Braxton, County im Nordamerika,,. Unionsstaate WVirginia, u. 38° n. B. u. 80° w. L.; 6480 Ew.; Countysitz: Sutton. Brat), ehemalige Landschaft in der franz. Prov. Normandie, jetzt das Arr. Neufchatel im Depart. Seine inferieure bildend; waldig und gebirgig, schönes Weideland; bedeutende Viehzucht. Bray, altes, ritterschaftliches Geschlecht von normännischer Abkunft, vormals in der Normandie, jetzt in Bayern mit dem Majorat Steinburg- Jrlbach begütert, 1813 in Len Grafeustand erhoben und der katholischen Confessio,, folgend. 1) Graf Franz Gabriel, geb. 25. Dec. 1765 zu Rouen; wurde Malteser-Ritter u. machte einen Zug gegen Algier, kam 1789 zur franz. Gesandtschaft in Regeusburg, nach Ausbruch der Revolution als Geschäftsträger des Malteserordens, trat 1799 in bayerische Dienste, wurde bayerischer Legationsrath am Reichstage, später Gesandter in Berlin u. 1308 in Petersburg; ward 1813 in den Grafenstand erhoben, 1817 Staatsrath, 1819 Reichsrath, 1820 Gesandter in Paris u. 1827 in Wien u. resignirte 1831; er st. 3. Sept. 1832 auf seinem Gute Irlbach bei Straubing. B. schr.; Hollands Staatsverfassuug bis 1795, a. d. Franz, von Kaiser, Hof 1796; Vo^gAs nur valinss äs ZalrdourA st äs UviebsviiLlI, Berl. 1807, 2. A., 1808, als pittorssguss ste., 6 Hefte, ebd. 1825; Lssai eritigus sur I'siistoirs äs Io. lüvonis ste., Dorp. 1817, 3 Bde. 2) Otto 26 Brozos Santiago. Bray — Camillus Hugo, Graf v. B.-Steinburg, Sohn des Vor., geb. 17. Mai 1807 zu Berlin; widmete sich der Diplomatie u. war au mehreren europäischen Höfen der bayerischen Gesandtschaft attachirt, wurde 1843 Gesandter in Petersburg, im Mai 1846 Minister des Äußern, gab aber 13. Februar 1847 mit Abel seine Entlassung. Als der König Max II. den Thron bestieg, übernahm B. im April 1848 wieder das Portefeuille des Äußern, trat aber schon im März 1849 zurück; er kehrte auf seinen Posten nach Petersburg zurück, u. 1860 wurde er bayerischer Gesandter in Wien. Im Jahre 1870 wurde er nach dem Rücktritte des Fürsten Hohenlohe in das Ministerium des Äußern u. als Ministerpräsident berufen u. schloß im Nov. zu Versailles die Verträge ab, durch welche Bayern dem neuen Deutschen Reiche beitrat, nahm aber schon im Juli 1871 wieder seine Entlassung und kehrte auf seinen Gesaudtschaftsposten nach Wien zurück. Bray, 1) Salomou de B., niederländischer Historien- u. Porträtmaler, geb. 1597 zu Haarlem; st. daselbst 1664. Er gab heraus: Über die Vergrößerung der Stadt Haarlem, 1667. Sein größtes Verdienst aber war, daß er seine Söhne der Kunst zu- sührlc. Diese sind: 2) Jakob de B., Historien- u. geschätzter Porträtmaler, geb.1604zuHaarlem, gcst. 1664, u. 3 ) Dirk de B.; war erst Buchbiuderlchr- ling, ging späterzurKnnstüberu.istalsBlumenmaler u. Formenschncider (befand, im Figurenschneiden) bekannt; er st. nach 1675 als Mönch. 4 ) Anna Eliza, geb. Kcmpe, engl. Schriftstellerin, geb. um 1800 in Devonshire; wandte sich zuerst der Malerei zu, heirathete den Sohn ihres Lehrmeisters Stothard, ebenfalls Maler, u. begleitete denselben I8l8aus einerNeise durchNFrankreich u. Flandern. Nachdem sie 1820 Wittwe geworden war, lebte sie in London u. heirathete 1825 den Prediger Edw. Alkin B-, mit dem sie zu Tavistock in Devonshire bis zu dessen Tode 1858 lebte, worauf sie sich nach London begab, wo sie, obgleich längst fast erblindet, noch literarisch thätig ist. Sie erwarb sich eine große Beliebtheit durch ihre meist auch ins Deutsche übersetzten historischen Romane: Kaston äs Roix, Land. 1826; I'üs ivliits Ilaocks; Ille Protestant, 1829; Ritx ol I?it2-§orä. 1831; lüs Vatba, or tüeLIoor okkortnxal, 1834, 3Thle.; Warieißch, 1836, 3 Ede.; Vrsiaivn^ ok 'I'rslaivne, 1837, 3 Bde.; Oonrteua^ ol IValrsääon, 1838, 3 Bde.; Keurz- äs Römers^, 1845, 3 Bde.; gesammelt die historischen Romane als: iölovels anä Lomanoes, n. A., 1845 f., 10 Bde., deutsch von Bärmann, Kiel 1835—38, 21 Bde., u. von Bruckdräu, Augsb. 1837—39, 12 Bde.; dann Vriais ok Ilsart u. Vrials ol äomestis I-ils. 1848, 3 Bde. Außerdem verfaßte sie die Reiseschriften: Iwttsrs rriittsn änrivA a tour in Hormanäis sto., Lond. 1820; I'onr tdrouxli tüs monntains anä laires ol Lvitrsrlanä; die Biographien: Llemoirs olOdailss Ltotbarä (ihres ersten Gatten), ebd. 1823; Lite ok Vdomas Ltotkarä (ihres Schwiegervaters), 1851, 2. A., 1861; Lssnäel, 1857, und die Lebensbeschreibung B-S (ihres zweiten Gatten), mit dessen Gedichten (kostical Romains), 1859, 2 Bde., u. die Kindcrschrift: .4 Reep at tks Rixiss, 1852, sto. llra>a Äernö. ch Loz^e, Pflanzengalt., nach Graf Bray, ehemaligem Präsidenten der Regensburger Botanischen Gesellschaft, benannt, aus der Fam. der Cruciferen, Unterfam. Silignosaö-Lra- biäsas (XV. 2), mit linealischer Schote, deren convexe Klappen mit einem einzigen Rückennerv versehen sind; Samen in jedem Fache zweireihig mit flachen Keimlappen. Arten: L. alpina Kei-nd. LvMe, kleines, perennirendcs Pflänzchen mit lineal-lanzettlichen, ungetheilten oder wenig gezähnten Blättern u. weißen, eine Traube bildenden Blüthen; bisher bloß in der Gamsgrube und Leiter bei Heiligcnblnt in Kärnten, sowie an der SWSeite des Solsteines bei Innsbruck in Tirol. 8rs>ora (HsKsnia Tcrm.), Pflanzengatt, aus der Familie der Rosaceen, Unterfam. der Spiräaceen (XII. 2), benannt nach vr. Brayer in Constantinopel; baumartige Gewächse mit zottigen Zweigen, am Grunde durch die angewach- scnen großen Nebenblätter scheidenartigen, gefiederten Blättern und achselständigen, wiederholt gabelästigen, sehr reichblüthigen Trngrispen; Blüthen durch Fehlschlagcn diöcisch, von 2 häutigen, netzaderigen Deckblättern unterstützt; Untcrkelch kreiselförmig; Kelch doppelt, aus 8—10 2reihig gestellten Blättern bestehend, von denen in den männlichen Blüthen die inneren, in den weiblichen die äußeren länger sind; Blumenblätter 4—5, klein, lanzettlich; Staubblätter 15—20, perigynisch, in der weibl. Blüthe steril; 2 freie Carpelle mit einzelnen hängenden Eichen u. großer, fleischiger Narbe; Früchtchen eiförmig, mit eiweißlosem, hängendem Samen, die einen geraden Embryo enthalten. Einzige Art: L. antliolmintäea (Raxsnia nbz-ssiuioa IlMck.), in Abessinien. Die Blüthen u. Früchte sind in Abessinien schon seit 200 Jahren als wurmtreibendes Mittel im Gebrauch; in Europa wird sie erst seit 1840 arzneilich angewendet; namentlich werden die nahezu abgeblühten weiblichen, trocken röthlichen Blüthenrispen (Rlores Onsso) angewendet; die wirksamen Stoffe sind fettes Öl u. ein kratzendes, bitteres Harz (Koussin). Engler. Brazoria, County im nordamerikan. Unionsstaate Texas, u. 29° n. Br. u. 95° w. L.; vom Coloradoflnß durchzogen; starker Znckerbau; 7527 Ew.; Countysitz: Brazvria. Brazos, 1) County im nordamerikan. Unionsstaate Texas, u. 30° n. Br. u. 96° w. L.; 9205 Ew.; Conntysitz: Booneville. 2) Fluß im nord- amerikanischen Staate Texas, nächst dem Colorado der größte des Staates; entspringt im County Bexar und mündet in den Mcxicanischcn Meerbusen. Die Länge seines Laufes beträgt 1046 lcm, wovon während der Regenzeit (Febr. bis Mai) ungefähr 350 Lin, während des übrigen Jahres nur 50 Icm für Dampfschiffe fahrbar sind. An seinen Ufern Plantagen von Baumwolle, Zuckerrohr u. Mais, schöne Waldungen von Steineichen u. rothen Cedern. Brazos Santiago (Arm des heiligen Jakob), kleine Insel an der SOSpitze von Texas, nahe der Mündung des Rio Grande, mit dem einzigen Hafen u. Landungsplätze für größere Schiffe slidl. von Corpus Christi an der seichten u. stürmischen Küste jenes Staates. Wegen ihrer strategischen Wichtigkeit unterhält die Negierung der Ber. Staaten dort eine Trnppcnstation mit den nöthigen Brazza — Gebäuden. Die Insel ist eine öde Sandfläche u. wie auch das daranstoßende Festland durch eine regelmäßig während der heißen Jahreszeit wieder- kehrcnde Bsts moiAsus merkwürdig. Brazza, Insel im Adriatischen Meere, zum österreichischen Kreise Spalato in Dalmatien gehörig; 696 Hflcna (7H s^M); 15,500 Ew.; gebirgig (bis 786 in), stark bewaldet; bringt viel Wein (B-wein), Südfrüchte, vorzüglich Olivenöl hervor und trefflichen Marmor; Schaf- und Bienenzucht. Brüh (Brody), 37 Lin langer, bis 677 m hoher Gebirgszug im ehemaligen böhmischen Kreise Prag, zwischen der Beraun u. Moldau; waldig u. metallreich. Breal, Michel, Sprachvergleichen, geb. 1832 zn Landau in Rhcinbayern von jüdischen Eltern; studirte in Paris u. Berlin n. wurde 1866 Professor der vergleichendenSprachforschung amOolksAs äs Bräues. Er schr. die preisgekrönte Abhandlung: Bstnäs des oriZiuss äs 1a rsIiAiou roroastrisnns, 1862; mehrere kleinere Dissertationen und Artikel grammatischen u. mythologischen Inhaltes; tjnsl- gnss mots sur 1'iustrueticm pnbligns en Brsnes, 3. A., Par. 1872, und übersetzte Bopps vergleichende Grammatik: Orswmsirs eompavss äss lavssnss inäo-suroxssnnös I.—V.,Par. 1866—74, mit Register von F. Mennier. Breathitt, County im nordamerikan. Unionsstaate Kentucky, u. 37° n. Br. u. 83° w. L.; 5672 Ew.; Countysitz: Jackson. Breccie (ital., Lrümmergestein), Bruchstücke verschiedener Gebirgsarten, die mit einem Bindemittel zusammengekrttet sind. Die Größe der einzelnen Fragmente ist oft in derselben B. verschieden u. wechselt von Korn- bis Blockgrößc. B-n komnien fast in allen Formationen vor und sind größtentheils durch Znsammenschwemmcn u. Verkitten von schüttigen Massen entstanden. Die eckige Beschaffenheit ihrer Fragmente, welche sie hier von den aus gerundetem Material zusammengesetzten Conglomeraten und Puddingsteincn unterscheidet, beweist, daß sie von ihrer ursprünglichen Lagerstätte nicht weit fortgeführt wurden. Zu den häufigeren B-n gehört die Hornstein-B. (Qnarz- brockenfeld), aus scharfkantigen Bruchstücken durch Quazkryställchen, Amethyst, Rotheisenerze rc. verbunden; die Kalkstein-B., aus späthigen Kalksteinstücken oder Mnschelsragmenten (letztere bildet sich noch gegenwärtig ans dem durch die Brandung verursachten Muscheldetrirus); durch Einlagerung von Knochen entsteht die Knochen-B., welche in Höhlen überwiegend aus Knochen zusammengesetzt ist u. durch die Auffindung ältester Menschenrcste u. Artefacte große Berühmtheit erlangt hat; vulcanische B-n unterscheidet man, wenn die vulcanischen Durchbrüche von den Wänden dir Spalten n. Schlote Gesteinstrümmer loslösten und in ihre feuerflüssigen Massen einschloffen. Lehmanu. Breccien-Marmor (Lrseela), verschieden ge- färbte Kalksteinbruchstücke, durch Kalkmafle verbunden, oder aus dichtem, nicht wirklich unterbrochenem Kalkstein, der aber durch anders gefärbte Adern in Bruchstücke abgetheilt zn sein scheint; kleinere Stücke desselben nennt man Brocatella. Der Brechmittel. 27 B. kommt bes. in den Pyrenäen, doch auch in Si- cilien vor; er wird theils nach der Farbe der Bruchstücke, theils nach der des Bindemittels od. Grundes getheilt in: Breccie von Aleppo (Violetts sutios), wo violettes Cement weiße, scharfkantige Bruchstücke umschließt; von solchem sind die 8 Säulen in der Galerie der alten Maler in Paris, ans der sonstigen Augustinerkirche; Lrseois äorsts, Bruchstücke roth u. weiß, Bindemittel gelb; Lrsoois xsvousrrs, Grund weiß, Flecken roth; Bröseln skriesus, schwarzer numidischcr Marmor mit bunten Flecken. Brechbarkeit der Lichtstrahlen, s. Farben. Brechblock, Vorrichtung, um zähe Metalle, z.B. Rohschienen, Kupfer, Messing rc., leichter zerkleinern zu können. Sie besteht aus zwei aufrechten, ca. 35 om von einander ans einer starken Sohlplatte aufgegossenen Klötzen, aus welche die Metallbarren gelegt werden, um mit einem schweren Handhammer durchgeschlagen zu werden. Neuerdings wendet man Fallwerke und maschinelle Brechvor- richtungeu an. Brechdurchfall (Med.),Verbindung vonDnrch- fall mit Erbrechen; B. ini engsten Sinne oder Brechruhr ist die Cholera (s. d.); im weiteren Sinne tritt B. vorübergehend auf, vorzüglich zur Obstzeit im heißen Sommer, zur Zeit schnell wechselnder Temperatur im Frühjahre n. Herbste, sodann infolge von Vergiftungen (auch durch verdorbene Nahrungsmittel), die gewöhnlich eine Entleerung nach oben u. nach unten (Lmstoostlrsr- sis) Hervorrufen. Breche de Roland, Engpaß in den Pyrenäen, im Arr. Argelbs des französ. Dep. Ober- Pyrenäen, nur 100 m lang n. 12 m breit; beherrscht vom Marbore u. a. Bergen. Nach der Sage soll ihn Roland mit einem Schlage seines Schwertes geöffnet haben. Brechin, Stadt in der schottländischen Grafschaft Forfar, am South-Esk; Kathedrale aus dem 12.Jahrh.; Fabriken in Leinwand u. Garn, Bierbrauerei; 7959 Ew. Brechmittel (Vomitivs., Biusties, Vomitoris), Arzneimittel, welche eine Ausleerung des Magens nach oben (durch Erbrechen, s. d.) Hervorbringen. Mau benutzt sie zur Entfernung von im Mageu erzeugten (Schleim) oder dem Magen u. Darm- kaual angehörigen u. sie belästigenden Stoffe, oder zur Entfernung von im Übermaße genossenen und durch Unverdaulichkeit lästigen Speisen und Getränken, von im Magen selbst oder auch in der Speiseröhre befindlichen fremden Körpern (Münzen, Fischgräten rc.), von Gisten, um soviel als eben möglich von ihnen durch den Brechact ans dem Körper zn entfernen und dadurch unschädlich zu machen rc. Auch auf die Entleerung der Galle sollen sie in einfach mechanischer Weise (Anstrengung der Bauchpresse u. dadurch bewirkter Druck auf die Leber) wirken und dadurch die Entleerung von Concrementcn oder Schleimpfröpfeu aus den Gallenausführungsgängen befördern. Ferner werden sie benutzt, um zäh anklebende Schleimmassen oder häutige Bildungen (z. B. bei der häutigen Bräune) in den Luftwegen oder in dieselbe ge- rathene fremde Körper (Bohnen rc.) durch die Erschütterung während des Brechens u. Würgens zn 23 Brechnuß — locker» ». dadurch ein Anshustcn derselben zu erleichtern oder zu ermöglichen. Die allgemeine Wirkung der B. auf den Körper hat bis jetzt noch nicht hinreichend festgestellt werden können; doch scheint cs, als ob häufig Entzündungen nach der Wirkung eines B-s sich znrückbilden könnten, wenn sie noch nicht zu weit vorgeschritten waren, und daß die Absonderungsthätigkeit einzelner Organe (z. B. der Haut) erhöht werde. Denn bei den meisten Menschen stellt sich nach dem Erbrechen ein Schwitzen an einzelnen Theilen des Körpers vd. am ganzen Körper ein. Vielleicht beruht auch die Lockerung der zäh anklebenden Schlcimmassen in den Luftwegen auf der durch das B. hervorge- rnfenen vermehrten wässerigen Ausscheidung in denselben. Die Wirkung der B. tritt gewöhnlich, wenn sie in hinreichender Menge verabfolgt werden, schnell ein und bedingt meist eine allgemeine Abspannung und Erschlaffung der Kranken. Daher muß man mit der Verabfolgung von B-n besonders bei kleinen Kindern u. schwächlichen Personen sehr vorsichtig sein. Außerdem verbieten noch andere konstitutionelle Verhältnisse ihre Anwendung (z. B. Neigung zu Blutandrang nach dem Kopfe, zu Schlagfluß, Bluthusten oder Geneigtheit dazu, Brüche, Schwangerschaft, Vorfälle, Entzündungen des Magens, hohes Alter re.), oder gestatten sie doch nur unter gewissen, vom Arzte festznstellen- den Umständen. Bei manchen sonst gesunden Individuen bleiben die B. erfolglos, oder es tritt auch ihre Wirkung nur unter gefahrdrohenden Erscheinungen ein. Bei solchen Leuten muß man natürlich von der Verabfolgung von B-n Abstand nehmen. Gewöhnlich werden sie innerlich gegeben, d. h. znm Einnehmen (in Lösung, Pulvern rc.), doch können sie auch in Klystieren (dann aber muß die Dosis größer fein) gegeben werden. Sind beide Methoden nicht anwendbar und ist eine schnelle Darreichung angezeigt, so können sie auch unter die Haut eingespritzt werden. Die B. sind theils Mittel, welche die Magenschleimhaut reizen (Brech- wcinstein, Brcchwurzel, schwefelsanres Zink, Kupfervitriol), theils ekelerregende Getränke (laues Wasser mit ober ohne Zusatz von Butter), theils solche, die durch Reflexbewegung (s. d.) den Brechact aus- kösen, z. B. Kitzeln des Schlundes mit einem Finger oder einer Feder, den Finger in den Hals stecken rc. Das Erbrechen wird befördert durch Nachtrinkcn von lauem Wasser oder Kamillenthee. In kleinen (sogenannten nauseosen) Gaben, so daß kein wirkliches Erbrechen, sondern nur Ekel (dlausea) rintritt, werden sie zur sogenannten Ekelknr anqe- wcndet. Berns. Brechnuß, s. 1) Ourias; 2) Ltrvebnos. Brcchrrchr, s. Brechdurchfall. Brechstange (Hüttenw.), eisernes, bis 37^ ÜA n. mehr wiegendes, am Ende zugespitztes od. zu- geschärftcs, oft verstähltes Arbeitsgerät!) bei dem Hohofenbetriebe, der Stabeisen- n. Stahldarstell- nng, welches bes. in Anwendung kommt, wenn der Widerstand zähflüssiger Schlacken, glühender Metalle beim Arbeiten in Len §>fen hindert, oü. wenn fast glühende Productc in den Apparaten gehoben od. bewegt werden sollen. Leichte B-n nennt man auch oft Spieße, z. B. Schlackcnspieß zum Aufmachen des Schlackenstiches. Dürre. - Brcckerfcld. Brechung, 1) (Kriegsw.), so v. w. Brisnre l). 2) B. der Bewegung, die Ablenkung eines Körpers ans seiner Richtung, wenn er durch einen anderen undurchdringlichen Körper Widerstand findet. 3) B. des Lichtes, die Ablenkung, welche ein Lichtstrahl beim Übergang aus einem Mittel in ein anderes erfährt; s. u. Licht. 4) (Mus.) B. der Accorde, Vortragsart, nach welcher die Töne eines Accords nicht gleichzeitig, sondern nach einander gegeben werden. Geschieht dies nach bestimmten, vom Componisten selbst angezcigten Ton- solgen u. Notengaltungen, so heißt sie bestimmte B-, im Gegentheil unbestimmte, die jedoch für die schnellere Aufeinanderfolge der Töne, durch einen schrägen Strich, für die langsamere aber durch das Arpeggiozeichen angedeutct wird; dagegen B. der Intervalle, die Darstellung eines Tones mit Noten von kleinerem Zcitwerthe statt einer einzigen längeren. 5) Das im Hochdeutschen geltende Lautgesetz, wonach, namentlich in starken Verben, die Vocale 1 u. u des Stammes in o u. o verwandelt werden, wenn die Bildungsendsilben ein a haben; so althochdeutsch biitit (er hilft) u. Imiknn (sie halfen); dagegen beikant (sie helfen), bsiksn (zu helfen), bolkant (helfend), Ziboifan (geholfen); daher auch mittelhochdeutsch, obgleich hier das s, der Endung bereits in s abgeschwächt ist: billit, bullen; dagegen biiken, bslkon, belkent, Mimiken. Auch der Diphthong in erleidet die B. in io, welches jedoch im Mittelhochdeutschen in is geschwächt erscheint, und man sagt althochdeutsch mnbit, rnAlln, aber mobant, moban, eiobanti; mittelhochdeutsch: rinbot. ruAsn; msbsnt, rieben, riobont. Doch ist dies Lautgesetz nicht consequent durchgeführt; regelmäßig gilt es nicht, wenn die Stammvocale durch geminirtes m oder n oder durch Consonantenverbindungen wie n§, nci rc. vor der Einwirkung des a. geschützt sind. Brechnngscoefficicnt (Brechungs-Exponent, -Index, -Quotient, -Verhältnis)), die Zahl, mit welcher man beim Übergange des Lichtes aus einem Mittel in ein anderes den Sinus des Brechungswinkels mnlripliciren muß, um den Sinns des Einfallswinkels zu erhalten. Der B. für den Übergang aus dem leeren Raume in eine (durchsichtige) Substanz heißt der absolute B. dieser Substanz; derjenige sür den Übergang ans einer Suhstanz in die andere heißt der relative B. zwischen beiden Substanzen. Näheres s. u. Licht. Wimmenauer Ll. Brechungsvermögen, s. Licht. Brechwein (Vinnm stibiatum), eine Auflösung von 1 Theil Brechweinstcin in 250 Theilen Wein (Sherry, Malaga, Madeira oder Teres). Brechweinstcin (Partarus st.ikig.tus 8. eino- tions, Ltibio-Lali tartarioum), Doppelsalz von weinsteinsaurcm Kali u. weinstcinsaurem Antimonoxyd; wird entweder in Pulverform (höchste Gabe 0,20 §), od. in Wasser od. in Wein aufgelöst (Brech- wein) als Brechmittel gebraucht. Mit Wachs u. Harz vermengt kommt es als B-Pslaster u. mit Fetten als B-salbe gegen verschiedene Übel zur Verwendung (s. n. Anrimonialmittel). Brechwurz, s. 1) Lorroria; 2) Eöpbaslis; 3) lloniäinin. Breckerfeld, Stadt im Kreise Hagen des preuß. Regbez. Arnsberg, a. d. Empe; Fabriken in Brccknock — Brc'derode. 2S Seiden- u. Stahlwaaren; 1660 Ew. B. war wiederholt von großen Fcncrsbrünsten heimgesucht. Brcckuock, 1) Grafschaft im südl. Theil des engl. Flirsteuthums Wales; grenzt im N. an die Grafschaft Raonor, im W. an Cardigan u. Caer- marthen, im S. an Glamorgan und Monmouth (England), im O. an Monmouth und Heresord (England); 1954,g Hjbm Flächeninhalt, znm Theil ödes u. wüstes Land. Gebirge: Black-Mountains od. Fothoc (höchste Spitzen: Van od. B. Beacons 800 in, Capellante Mountains 743 m, Penycader Fawr 848 in); Ackerbau u. Viehzucht; Bergbau auf Eisen, Blei, Kupfer, Steinkohlen; Wollen- u. Halbmollenmanufacturen, Strumpfwirkereien; 59,901 Ew., was eine Abnahme von3pCt. gegen die Bevölkerung von 1861 ergibt. — Die Grafschaft wurde unter Wilhelm dem Rothen von Bernhard von Neumarck den Cambriern abgenommcn; von diesem erhielt sie mit Bernhards Tochter, Si- bylla, der Graf Milo v. Herford; nachdem sie andere Familien besessen, kam sie an die Straf- forüs u. dann an die Krone. 2) (Brecon) Uralte Hauptstadt darin, malerisch gelegen am Zusammenflüsse des Usk mit dem Honddu (daher auch der Beiname Abcrhonddu), durch einen Kanal bis Newport mit dem Meere verbunden; Ruinen eines alten Schlosses (Ely-Tower); schöne Kirchen, darunter Johannis-, Marien- u. Davidkirche; Christ- church College (ehemaliges Dominicanerkloster), mit einer Piss Aiammar svbool verbunden; Zeughaus; Leinenwebcrei, Strumpswirkerei; Handel; 6308 Ew. Breda, 1) ehemal. Baronie in der niederländ. Provinz NBrabanr; begriff unter anderen die Markgrafschast Bergen op Zoom u. die Grafschaft Hoogstrateu. Die Barone von B. waren ein angesehenes Geschlecht in Brabant. 1203 kam die Baronie B. an Brabant, u. 1212 besaß sie Gottfried von Bergen als Brabanter Lehn; 1280 starben die Besitzer im Mannsstamme aus, und nun wurde 1287 die Baronie unter Gottfrieds Urenkelinnen vertheilt und kam durch verschiedene Hände endlich 1351 an Las Haus Nassau. 2) Hauptstadt darin, au der Mark u. au der Aa, bis 1870 Festung; gehörte als solche zur Linie Gertruiden- burg, Mark n. Nooüe Vaart; die Umgebung konnte unter Wasser gesetzt werden; schöne protestantische Kirche mit dem Grabmal des Grafen Engelbert II. von Nassau (st. 1504), von Michel Angelo verfertigt, 3 katholische Kirchen; Militärakademie in dem alten Schloß; durch Eisenbahnen mitNozen- daal, Tilburg, dem Moerdyk und Rotterdam und durch einen Kanal mit der Maas in Verbindung gesetzt; Fabrikation : Wollcnzeuge, Teppiche, Tapeten, Leder, Bier; 14,765 Ew. — B., anfangs ein Flecken/ bekam 1252 vom Herzog Heinrich Stadtrechte, aber erst Heinrich von Nassau umgab sie 1534 mit Mauern, befestigte sie u. erneuerte 1536 das Schloß. Hier Unterzeichneten 16. Februar 1566 16 niederländische ELcllcute das sog. V°er Compromiß, eine Bittschrift, in welcher um Abstellung der vom König Philipp II. zufolge der Trideiuiner Kirchcnbeschlnsse geschärften Neligions- edicle n. um Aufhebung der Inquisition gebeten ward. Dieses Actenstück unterschrieben nach und nach 400 niederländische Edcllente, n. daraus entstand der sog. Verbonä cksr Pckvlcm. 1575 fand in B. der Congreß zwischen Spanien u. Len Niederländern statt (s. Niederlande, Gesch.). Herzog Alba besetzte B. für Spanien, doch übergab die spanische Besatzung 1577 die Stadt den Niederländern. Nachdem sie 1581 durch den Verrath des Barons Fresin, der als Kriegsgefangener hier war, wieder au Spanien gekommen war, nahmen sie die Niederländer 1590 unter Moritz von Nassau durch List wieder, indem sie B. durch 70 Soldaten, die in einem Torfschiffe versteckt waren überraschten. 1625 eroberte Spinola B. nach einer lOmouar- lichen Belagerung wieder für Spanien; doch kam die Stadt 1637 durch Friedrich Heinrich von Dramen wieder an die Niederländer. In B. schlossen 31. Juli 1667 England, Holland, Frankreich und Dänemark Frieden, wodurch der seit 1664 wegen Guinea geführte Krieg beendet wurde. 1746 und 1747 wurde hier wieder ein Congreß zur Vermittelung des Friedens zwischen Frankreich, Holland und England gehalten, doch hatte er kein Resultat (s. Österreichischer Erbfolgckrieg). Am 25. Febr. 1793 wurde B. von Dnmouriez für Frankreich erobert, zwar schon den 3. April den Verbündeten wieder eingeräumt, aber im Aug. 1794 von Pichegru berannt u. am 27. Dec. die Linien vor B. von demselben gesprengt. Da die Franzosen B. 1813 nicht stark besetzt hatten, bemächtigte sich der russische General v. Benkendorf Mitte Dec. 1813 B-s, welchem es abzunehmen die Franzosen 20. u. 21. Dec. einen vergeblichen Versuch machten u. nach dem Gefechte von B., eom preußischen General von Krasft angegriffen, wieder abzogen. Wenzelburger.« Breda, Karl Friedrich v., königl. schweb. Hofmaler, geb. 1755 zu Stockholm, gest. das. 1818; lernte bei Reynolds und nahm van Dyck zum Vorbild. Seine Porträts sind üi großem Stil gehalten u. trefflich gefärbt. Breda-Huhn, eine in Holland heimische Race, mit robustem Körper, hochgestellten, etwas befiederten Füßen, kleinern Federbüschcl auf dem Kopse u. hornartiger Vertiefung an Stelle des Kammes. Es gibt schwarze (gewöhnlich die kräftigsten und größten), weiße u. graue B.-Hühner; sie sind gute Leger, aber schlechte Brüter. Brederode, niederländisches Geschlecht, von den Grafen von Holland stammend; besaß große Güter, besonders an der Maas und Nonne, Las LanL- richteramt in Kennemerland. Nach ihnen wurde das 1010 von Sieghard erbaute, später zerstörte Stammhaus B. in NHolland bei Haarlem genannt. Merkwürdig ist besonders: Heinrich, Graf von B., geb. 1531 in Brüssel; betheiligte sich bei den niederländ. Unruhen und veranlaßte das Bredaer Compromiß (s. Breda 2), mußte aber endlich fliehen. In seinem Schlosse Culcmborg wurde von den Aufständischen der Name Geusen angenommen; er floh vor Alba nach Deutschland u. st. 16. Febr. 1568 auf Schloß Harenburg in Recklinghausen (s. Niederlande, Gesch.). Seine Güter wurden später durch die Genter Pacification seiner Tochter Gertrude zurückgegeben; diese starb ohne Erben, n. die Güter fielen an die durch Rynalds (st. 1556) jüngeren Bruder entstandene jüngereLinie, nach Anssterbeu derselben (1769) an dieGrafcn v.d. 30 Lippe, die 1727 das Hauptgut Vianen an Generalstaaten verkauften. W-nz-tburg-r. Wredow, Gabriel Gottfried, deutscher Historiker, geb. 14. Dec. 1773 in Berlin; studirte in Halle, wurde 1796 Collaborator u. 1802 Rector in Eutin, 1804 Professor der Geschichte in Helmstädt, 1809 in Frankfurt a. d. O. u. 1811 in Breslau; hier st. er 5. Sept. 1814. B. schr.: Entwurf der Weltkunde der Alten, Altona 1799, з. A., 1816; Handbuch der alten Geschichte, Geographie u. Chronologie, ebd. 1799, 6. Ansg., von Knnisch, ebd. 1837 u. 1851; Untersuchungen über einzelne Gegenstände der alten Geschichte rc., Altona 1800—1802, 2 Abth.; Weltgeschichte in Tabellen, ebd. 1801, 9. A., 1851; Merkwürdige Begebenheiten aus der allgemeinen Weltgeschichte, ebd. 1804, 34. A., 1872 (durch Harder), u. Umständliche Erzählung der merkwürdigsten Begebenheiten aus der allgemeinen Weltgeschichte, ebd. 1804, 15. A.. 1866; Chronik des 19. Jahrh., 1808—11, 5 Bde., vom 3. Bd. an fortgesetzt von Venturini; Grundriß einer Geschichte der merkwürdigsten Welthändel von 1796—1810, als Fortsetzung von Büsch, Welthandel neuerer Zeit, Hamb. 1810. Nachgelassene Schristcn, herausgeg. von Kunisch, Bresl. 1816, 2. A., 1823, mit B-s Lebensbeschreibung. Brcdsdorff, Jakob Hornemann, dänischer Gelehrter, geb. 8. März 1790 zu Njerninge ans Fünen. Nachdem er 1817 den philosophischen Doctorgrad erworben hatte, gewann er im selben Jahre die Preismedaille der Universität für Beantwortung einer mineralogischen Aufgabe u. machte eine Reise durch Deutschland, Italien, Schweiz u. Frankreich; er unternahm, nach Dänemark zurückgekehrt, viele gcognostische Untersuchungen als Secre- tär der Gesellschaft für Verbreitung der Naturwissenschaften, wurde 1828 Lector der Botanik u. Mineralogie an der einst so berühmten Ritterakademie zu Sorö. Er st. 16 . Juni 1841 in seinem Geburtsorte. Von B-s hinterlasseuen vielen Werken sind namentlich von bleibenden Werthe: Om Anr- «NKLI'NS tu sproAeuo8 IvranärinAsr (Von den Ursachen der Veränderung der Sprachen); Om runssicrlkteua vprinäslps (Von Entstehung der Runenschrift); I)s inapxis Ksoxuosb., mit Kupfern, и. Om tbs clitzmislis ntoiusra loräsIiuA i äs rwr- xnuwics 1s§omsr (Von der Vertheilung der Atome in den unorganischen Körpern). Jensscn-Tusch. Brcdstcdt, Marktflecken mit Stadtrechten im Kreise Husum des preuß. Regbez. Schleswig; Amtsgericht; 4 Schulen; Armenhäuser; Landbau, Viehzucht; Gewerbe, bes. Marktschuhmacherei, Brennereien u. Gerbereien; der Rapsbau ist bedeutend für den Handel; der nahe kleine Hafen Bungsiel ist die Zollstätte für B; 2133 Ew. Brec, Matth. Ignaz van B., geb. 22. Febr. 1773 in Antwerpen, Sohn eines armen Dekorationsmalers: bildete sich an der Akademie seiner Vaterstadt unter Wilh. Schadeken u. P. I. Rege- morter von 1789—94 u. ward dann Schüler von Vincent in Paris, von wo er 1804 als angesehener Künstler in seine Heimath zurückkehrte, um bald darauf zum ersten Professor der dortigen Akademie ernannt zu werden. König Wilhelm II. erhob ihn zu seinem Hofmaler; 1821 ging er nach Italien, u. 1827 ward er Akademiedirector in Antwerpen. Er st. 15. Dec. 1839. B. erblickte im Studium des Nackten und der Antike die Handhabe zur Regeneration der gesunkenen Kunst u. war einer der hervorragendsten Meister der Übergangsperiode, in welcher das Streben nach Naturwahrheit die schwülstige Manier der Zopfzeit in der Malerei verdrängte. Sein erstes Gemälde war Catos Tod; sein bedeutendstes ist: Der Tod P. P. Rubens', im Museum zu Antwerpen. Für das Rathhaus zu Leyden malte er: Die Vaterlandsliebe des Bürgermeisters van der Werff bei der Belagerung von Leyden 1576. B. schrieb auch: I-syons äs ctsssin (1820), ein ausgezeichnetes Werk. 3) Philipp Jakob van B., Geschichtmaler, Bruder und Schüler des Vor., geb. 1786 in Antwerpen; bildete sich in Paris unter Girodet, dann in Italien u. lebte seit 1818 in Paris, später in Brüssel, wo er 16. Febr. 1871 starb. Seine schön componirten Bilder werden bisweilen durch leichtfertige Behandlung geschädigt. Werke: Mala, Königin Blanca mit ihrem Sohne (Ludwig dem Heiligen); Maria von Medici mit Ludwig XII. vor Rubens; Gottfried von Bouillon in Jerusalem u. Der holländ. Capitän Barentz auf Novaja-Semlja. Regnet.' Bregaglia (Bregell), Thal, so v. w. Bergell. Bregenz, Hauptstadt des österreichischen Kron- landes Vorarlberg, am östlichen Ende des Bodensees, in reizender Lage; besteht aus der hochgelegenen Altstadt u. der neueren u. größeren unteren Stadt; Bezirkshauptmannschaft, Bezirksgericht; katholische und seit 1862 auch evangelische Kirche; Lehrerbildungsanstalt, mehrere Schulen, Landes- Mnseum mit Alterthums- u. naturwissenschaftlichen Sammlungen u. Bibliothek; Theater; Waisenhaus, Spitäler; mehrerere Seebadeanstalten; 2 Korn- Häuser; Fabrikation von Bijouterie- und Seiden- waarcn; Handel mit Holz, Getreide u. Cement- waaren; 3686 Ew.; in der Nähe Baumwollenspinnereien u. -Druckereien; Eisenbahnverbindung über Lindau mit Deutschland u. über St. Margarethen mit der Schweiz. Südlich von der Stadt in einer Höhe von 606 m ü. d. M. die Ruinen von Hohen-Bregenz, dem späteren Pfannenberg, jetzt unter dem Namen Gebhardsberg bekannt und so genannt von dem heil. Gebhard, Grasen von Montfort und Blschof von Konstanz, der dort geboren war; der schönen Aussicht wegen stark von Fremden besucht. — Das alte Brigantium oder Brigantia, wie die Römer es nannten, lag etwa 1 üm von der jetzigen Stadt und wurde von den Alemannen und Hunnen zerstört. Viele ausgegrabene Mauern römischer Gebäude, Bäder und eines ausgedehnten Begräbnißplatzes bezeichnen noch die Stelle der alten Stadt In der neueren Stadt B. walteten, als der Hauptstadt der Grafschaft B., seit dem Mittelalter (von beiläufig 790 an) die Grafen des Argen- u. Lenzgaues rc. u. nach deren Aussterben im 12. Jahrh. ein Zweig der Grafen von Montfort. Nachdem schon Markgraf Wilhelm von Höchberg, welcher die Gräfin Elisabeth von Montfort geheirathct hatte, seinen Antheil an B. 1451 an den Erzherzog Siegmnnd von Österreich verkauft hatte, veräußerte Graf Hugo von Montfort 1525 den Rest noch an Erzherzog Ferdinand. Die Stadt B. wurde 1079 vom Abt Ulrich von St. Gallen erobert u. ver- Brcdow — Bregenz. die 81 ! l Bregcnzer-Wald — Brchincr. brannt; vom 3. Dec. 1407 bis 13. Jan. 1408 belagerten sie vergebens die Appenzeller, wurden aber, da die Stadt frühzeitig durch eine Frau Namens Gutha gewarnt war, zurückgeschlagen u. fast vollständig anfgerieben. Zu ihrem Andenken werden noch jetzt vom November bis Febr. dem Ausrufen der 9. Abendstunde die Worte beigefügt: Ehre Gutha! 1646 wurde B. u. die B-er Klause vom schwedischen General Wrangel erobert; 1647 zogen die Schweden wieder ab, nachdem sie die Werke an der Klause zerstört u. das Schloß Hohen- B. in die Luft gesprengt hatten. T. in Bregenz. Bregknzer-Wald, Gebirgslandschaft im österr. Kronlande Vorarlberg, südöstlich von Bregenz, von der Bregenzer Aach u. ihren Nebenflüssen Lurchströmt, mit Höhen bis 1900 m; schöne Wälder u. Wiesen; Käsefabrikation, Weißstickereien nach schweizer Muster; viele Bewohner nähren sich von Holzarbeitenu. wandern im Sommer als Steinmetzen in die Schweiz; Hauptorte: Schwarzenberg, Geburtsort der Malerin Angelica Kaufsmann, u. Be- zau, Sitz des zur Bezirkshauptmamischaft Bregeuz gehörenden Bezirksgerichtes Bezan. Der B.-W. wird wegen seiner landschaftlichen Schönheit von Malern viel besucht. örogms (gr.), der mittlere Theil des Schädels, der Scheitel; daher Oosa breZmatw, die Scheitelknochen. Breguet, 1) Abraham Louis, berühmter Mechaniker, geb. 10. Jan. 1747 in Neuenburg; war Uhrenfabrikant in Paris und Mechaniker der französischen Marine; st. 17. Septbr. 1823 in Paris. Er erfand viele wichtige Verbesserungen in der Fabrikation der Uhren, u. a. doppelte Chronometer, u. in der Mechanik überhaupt, so Thermometer rc. 2) Louis, Enkel des Vor., berühmter Uhrmacher u. Physiker, geb. 22. Dec. 1808 iu Paris; arbeitete 1823—26 in der Schweiz in Uhrenfabriken u. übernahm 1833 die Werkstätte seines Vaters, des Uhrmachers der Marine. Infolge mehrerer Erfindungen wurde er auch Mitglied des Längeubureaus. Vorzüglich hat er sich in Frankreich um die Telegraphie verdient gemacht: er construirte 1845 den damaligen französische» Staatstelegraphen, welcher mit 2 Zeigern dieselben Zeichen gab, wie der optische Telegraph von Chappe; 1846 erfand er einen Blitzableiter für Telegraphen; 1849 lieferte er für die franz. Eisenbahn einen Zeigertelegraphen, welchen die Gebrüder Digney 1858 in einen Typendrucktelegraphen umwandelten. S. Blitzableiter f. elektr. Telegraphen. 2 ) Zetzsche." Brehat, Insel im Arr. Brieuc des Dep. Cötes du Nord, im Canal, an der NWKüste von Frankreich, 5 km lang, 3 km breit, 36 m hoch; 8 Landungsplätze, 2 Leuchtthürme; Fischerei, Schifffahrt; Handel; 1200 Ew. Brehm, 1) Christian Ludwig, namhafter Ornitholog, geb. 24. Jan. 1787 zu Schönau im Gothaischen; studirte 1807—1809 in Jena Theologie, wurde 1812 Pfarrer in Drakendorf bei Jena u. 1813 in Renthendorf bei Neustadt a. d. O., wo er 23. Juni 1864 starb. Er besaß eine große Vögel- pmmlung deren hoher Werth namentlich darin bestand, daß sie die vollständigsten Suiten der einzelnen Vögel enthielt, wodurch es möglich wurde, so feine Unterschiede, welche zur Begründung der B-schsn Subspccies nöthig sind, herauszufinden. Er schr.: Beiträge zur Vögelkunde, Neust. 1821 f., 3 Bde.; Lehrbuch der Naturgeschichte aller europäischen Vögel, Jena 1823 f., 2 Bde.; Handbuch der Naturgeschichte aller Vögel Deutschlands, Ilmenau 1831; Uber die Stuben-, Haus- u. alle der Zähmung werthcn Vögel, ebd. 1832; Der Vogclgesang, Lpz. 1836; Die Kunst, Vögel ans- zustopfen, Weim. 1842; Monographie der Papageien, Jena 1842—55, 14 Hefte; Vollständiger Vogelfang, Weim. 1855; Wartung, Pflege und Fortpflanzung der Kanarienvögel, Sprosser, Nachtigallen rc., ebd. 1855, 3. A., 1871; Naturgeschichte u. Zucht der Tauben, ebd. 1857. B. veröffentlichte außerdem zahlreiche ornithologische Abhandlungen in einer großen Anzahl von Zeitschriften; auch gab er die Zeitschrift Orners, Jena 1824—27, 3Hefte, heraus. 2) Alfred Edmund, Sohn des Vor., würdiger Nachfolger seines Vaters, geb. 2. Febr. 1829 bei Neustadt a. d. Orla; wurde frühe durch den häuslichen Einfluß für das Studium der Natur gewonnen, machte 1847—52 eine wissenschaftliche Reise nach Afrika, bezog dann die Hochschule in Jena, darauf in Wien, machte ausgedehnte Reisen nach Spanien, Norwegen und Lappland u. mit dem Herzog Ernst von Koburg nach den Bogosländcrn, wurde 1862 Director des Zoologischen Gartens in Hamburg, zog 1867 nach Berlin über, wo er Schöpfer des dortigen berühmten Aquariums wurde. Unter seinen zahlreichen Schriften bringen einzelne die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Reisen: Reiseskizzen aus NO- Afrika, Jena 1853; Ergebnisse einer Reise nach Habesch, Hamb. 1863; andere, u. zwar die meisten, sind naturgeschichtlichen, namentlich orni- thologischen Inhaltes: Leben der Vögel, Glogau 1861, 2. A., 1868, u. sein berühmtestes Werk: Jllustrirtes Thierleben, Bd. 1 — 5 Wirbelthiere, B. 6 niedere Thiere, von Taschenberg u. Schmidt, HilLburgh. 1863—69, 2. A., umgearbeitet u. verbessert, Lpz. 1874 ff. Mit Roßmäßler schrieb er: Die Thiere des Waldes, ebd. 1866—67, 2 Bde., u. mit Verschiedenen: Gefangene Vögel, ebd. 1872 ff., als Hand- u. Lehrbuch für Liebhaber u. Pfleger einheimischer u. fremdländischer Käfigvögel. Wie in diesen größeren Werken, suchte B. in zahlreichen Artikeln in Fach- u. Unterhaltungszeitschriften durch klare n. anziehende Darstellung die Wissenschaft iu weitere Kreise zu tragen. Brehmer, Heinrich, lübeckscher Staatsmann, geb. 22. Juni 1800 in Lübeck; studirte in Jena u. Göttingen die Rechte, wurde 1834 in seiner Vaterstadt Actnar im Departement für Handel, Wohlfahrtspolizei u.Jnnungsaugelegenhciten; nach kaum zweijähriger Wirksamkeit zum Mitgliede des Senats erwählt, wurde er in diplomatischen Angelegenheiten nach Kopenhagen, Berlin, Dresden u. an den Bundestag gesandt u. erhielt 1S44 im Comite über die Reform aller öffentlichen Wohl- thätigkeitsanstalten den Vorsitz, sowie er auch später in der Resormcommission über die Lübecksche Verfassung als Mitglied Antheil hatte. Nach der Wahl des Erzherzogs Johann zum Reichsverwcscr wurde er im Sommer 1848 als Bevollmächtigter Lübecks nach Frankfurt gesandt n. Dec. dess. Js. 32 Brchna — zum Bürgermeister von Lübeck gewählt; er nahm 1850 theil an den Dresdener Confercnzen, war 1851 Vertreter Lübects beim Bundestage, wurde 1855 Rathsmitglied u. Dirigent des Polizeiamtcs in Lübeck, 1861—62 Präsident des Senats und 1863 f. Viccpräsident. Brchlia, Stadt im Kreise Bitterfcld des preußischen Regbez. Merseburg, am Roitscher Bache; Privat-Jrrcnanstalt; Kümmel-, Krapp- u. Tabakbau; Zuckerfabr.; 2166 Ew. — Das alte Geschlecht der Grafen von B. stammte von den Grafen von Weitin her u. ward gestiftet von Gero, Sohn des Grafen Dietrich von Wettin u. der Gräfin Mechtild von Meißen. Zu Ende des 11. Jahrh. starb dieser Zweig mit Günther aus, u. Geros Neffe, Markgraf Konrad I. von Meißen u. Lausitz, erbte B.; chm folgte sein Sohn Friedrich I. (1156—86); diesem Otto I. Als dieser 1203 ohne Erben starb, wurde sein Bruder Friedrich II. Graf; dieser zog ins Gelobte Land, trat in den Templerorden n. st. 1221 . Sein Geschlecht st. 1289 mit Otto aus, nachdem er dem Erzbisthum Magdeburg u. a. Wettin n. Salzmünde vermacht hatte. Der Kaiser- Rudolf belehnte mit B. den Sohn des Herzogs Albrccht von Sachsen, Albrccht I. von Anhalt- Zerbst. Die Grafschaft kam 1424 nach Albrechrs III. Tode an Sachsen u. 1815 an Preußen. Brehons, eine alte Institution des keltischen Irland, Bezeichnung der Schiedsrichter in Streitigkeiten, gleich den gallischen Druiden, üroironliniss sind die im 10. Jahrh. geschehene Codificirung des alten irischen Gewohnheitsrechtes. Vgl. Maine, Xn- oient larvs ol Irelanck, Lond. 1875, 3 Bde. Brcidcnbach, Moritz Wilhelm August, Nechtsgelehrter, geb. 1796 in Offenbach; studirte in Heidelberg und Göttingen, wurde 1820 Hof- gcrichtsadvocat in Darmstadt, 1834 Regierungsrath n. 1836 Ministerialrath im Ministerium du Thrl, nach dessen Rücktritt 1848 Director des Ober- studienrathcs u. 1851 zugleich Mitglied des Ver- waltungsrathes der Bank für Handel u. Industrie; er st. 2. April 1857 in Darmstadt. B. war eines der thätigsten Mitglieder der Commission, die in Leipzig Las Deutsche Wechselrecht berielh; sehr geschätzt ist sein Commentarüber den allgemeinen Theil LeS Großherzoglich Hessischen Strafgesetzbuches, Darmst. 1842—45, 2 Bde. Breidenstein, Heinrich Karl, Componist u. Mi cheorctiker, geb. 28. Febr. 1796 zu Steinau in Kurheffen; nahm als freiwilliger Jäger an den Befreiungskriegen theil, studirte dann in Berlin u. Heidelberg Jurisprudenz. Sein Talent für Musik bestimmte ihn, dem juristischen Studium zu entsagen; er wirkte eine Zeit lang als Lehrer in Stuttgart u. Heidelberg, hielt in Köln u. Berlin Vorlesungen über Theorie der Musik u. wurde 1823 Professor derselben in Bonn. Schrieb Orgelstücke, Gesangswerke u. eine Singschule, welche große Verbreitung fand. Brcidhablik (nord. Myth.), Balders (s. d.) Wohnung. Dreier, Eduard, deutscher Romanschriftsteller, geb. 3. Nov. 1811 zu Warasdin in Kroatien-, diente zuerst im österreichischen Heere, ans dem er aber später trat, um sich in Wien der Schrift- stcllerci zn widmen. Von ihm sind über 60 Bde. - Breisach. Romane, meist historische, erschienen, gesammelt in 18 Bdn., Wien 1861—64. Breinig, Dorf im preuß. Regbez. u. Landkreise Aachen, zur Gemeinde Kornelimünster, gehörig; merkwürdige Alrerthüiner; Bleierz-, Galmei« und Eisengrnben; 1437 Ew. Breisach, 1) Alt-B., Stadt und Hanptort des gleichnam. Amtsbezirkes im badischen Kreise Freiburg, am Rhein; schöne Kathedrale; Land- wirthschaft u. in beschränkter Ausdehnung Handel und Schifffahrt; Eisenbahn nach Freiburg; eine Rheinbrücke zur Herstellung des Anschlusses der elsässischen an die badischen Bahnen wird gebaut; 3255 Ew. — B. war eine altkeltische Niederlassung auf steil abfallenden Hügeln, die anfangs auf ihrer OSeite vom Rhein bespült wurden, der aber nach und nach sein noch sichtbares ursprüngliches Bett verlassen hat, so daß B. ganz auf der rechten Rheinseite liegt. Bon den Römern (Valen- tinianus 369?) wurde B. befestigt u. Ilovs liri- siaons genannt; in der alemannischen Zeit erhielt die Landschaft davon den Namen Brisachgewe (Breisgau). Hier setzte sich der Psalzgras Eberhard fest, aber nach seinem Tode (939) wurde die Burg von Kaiser Otto I. erobert; 1002 kam sie in die Gewalt des Herzogs Hermann II. von Alemannicn n. wurde seither durch die Herzöge von Zähringen besetzt. Die Ansiedelung mit der Kirche und der Eckhardsberg ging im 12. Jahrh. an den Bischof von Basel geschenkweise über, und dieser trat die Hälfte davon dem Kaiser ab (1185). Nach dem Tode Bertholds V. von Zähringen ( 1218 ) u. während der Wirren des 13. Jahrh. kam der Bischof von Basel allmählich in den vollen Besitz. 1262 eroberte eS Graf Rudolf von Habsburg, trat es aber dem Bischof wieder ab. Kaiser Albrccht I. vereinigte es mit dem Reiche u. ließ dem Bischof nur einige Hoheitsrechte. 1469 überfielen es die Herzoge von Burgund, verließen es aber 1474 wieder. Jin Dreißigjährigen Kriege 1633—34 belagerte es Rheingras Otto Ludwig mit de« Schweden vergebens; 1638 kam es nach einer Belagerung von länger als einem Jahre u. mehreren Entsatzversuchen durch Capitulation in die Gewalt der Schweden u. Franzosen unter Bernhard von Weimar. 1639 versuchten die Kaiserlichen und Spanier vergebens, es wieder zu erobern, u. es kam im Frieden 1648 an Frankreich. Im Rys- wijker Frieden 1697 wurde es an Deutschland zu- rllckgegeben, worauf Ludwig XIV. Neu-B. und Fort Mortier auf dem rechten Ufer erbauen ließ; aber 1703 eroberten es die Franzosen durch Verschulden des CommandantenArco, welcher deshalb 1704 enthauptet wurde, von Neuem (s.. Spanischer Erbfolgekrieg), u. als ein Versuch der Österreicher, es durch List zu nehmen, mißlungen war, behaupteten es die Franzosen bis 1715, wo sie es nach dem Rastatter Frieden Zurückgaben. Karl VI. verstärkte hierauf die Festungswerke u. legte die starke Citadelle auf dem nahen Eckhardsberge an; 1743 räumten es die Österreicher, nachdem sie die Werke gesprengt hatten, und dis bald darauf einrückenden Franzosen vollendeten die Zerstörung; 1793 schossen die Franzosen vom jenseitigen Nhein- nser her die Stadt in Grund, befestigten sie abcr 1796 von Neuem, weshalb sie 1799 von den 33 Brcisgau. Österreichern euigeschlofsen wurde. 1801 leiteten die Franzosen den Rhein zu B-s Verstärkung wieder um die Festung herum, und 1805 wurden die Werke nochmals verstärkt; im Presbnrger Frieden (1805) kam B. an Baden, u. die Werke wurden nun gänzlich geschleift. Im I. 1870 wurde L.—6. Nov. von hier aus durch bad. Artillerie das Fort Mortier beschossen; es capitulirte 7. Nov. Vgl. Rosmann u. Ens, Geschichte der Stadt B., Freib. 1851. 2 ) S. Neubreisach. Brambach.» Breisgau (Brisgau, Brisachgau), Landstrich am Rhein, von Breisach (s. d.) benannt, eines der beträchtlichsten Gaue Deutschlands im Mittel- alter, zwischen Rhein, Basel-, Augst-, Sundgau, Ortenau u. dem Bislhum Straßburg gelegen; umsaßt die fruchtbare Rheinebeue mit dem Kaiserstnhl n. den südwestl. Schwarzwald mit seinen höchsten > u. schönsten Bergpartien; durchströmt von den klei- ^ neu Flüssen Elz, Dreisam, Wiese, Alb; besitzt die ! Bergseen: Feldsee, Titisee, Schluchsee. B. ward 1748 zu 60 (IW mit 150,000 Ew. gerechnet. ! Vom B. hat Baden einen aufgerichteten rothcn, goldgekrönten Löwen in silbernem Felde im Wap- l pen. Die ersten Bewohner des B-s waren Kelten, > denen nach der etwa 300jährigen Herrschaft der ! Römer Alemannen folgten, u. zwar der Stamm ^ / der Brisigaver. Im 10. Jahrh. wurde das Land von eigenen Grafen beherrscht, im 11.—13. Jahrh. von den Herzögen von Zähringen, deren letzter ! Berthold V. (st. 1218) war. Seine Erben waren § die Grafen von Urach u. Kyburg. Hedwig, die j Tochter des letzten Grafen von Kyburg, brachte, ^ an Rudolf von Habsburg verheirathet, diesem einen Theil des B-s zu. 1368 schloß sich F-reiburg an Österreich an, u. dieses bekam 1386 die Oberherrschaft fast über das ganze Land; zu Baden gehörten nur noch einige Theile. Die Habsburger regierten das Land durch Landvögte. Als während einer Verpfändung an Burgund 1470 der Landvogt Peter von Hagenbach seine Besugniß in will- : kürlicher Weile überschritt, wußten die Bewohner s des B-s ihre landständischen Rechte schließlich zur . Geltung zu bringen, so daß diese Stände selbst aus ! die Verwaltung (Regierung) großen Einfluß übten. Das B. theilte das Schicksal Österreichs bis zu Ende des 18. Jahrh. 1801 ward das B. von Österreich an den Herzog v. Modena abgetreten, l - doch von den Franzosen besetzt gehalten, bis 1803 l , ^Herzog Ferdinand das Land als Administrator > u. bald darauf als Herzog übernahm. 1805 kam > es an Baden u. Württemberg, welches letztere seinen Antheil vom B. gegen anderweitige Entschädigung ^ an Baden überließ: Karl Friedrich nahm 30. Juni 1806, 588 Jahre nach dem Aussterben des Haupt- I ßammes der Zähriuger, das Land seiner Ahnen in ! Besitz. Nach verschiedenen vorübergehenden Ein- theilungen wurde die Landschaft größtentheils dem Oberrheinkreise, später den Kreisen Freiburg und ! ' Lörrach (Landescommissariats-Bezirk Freiburg) zugewiesen. Ebenso wie in den größeren Ländern SW- Deutschlands (Bayern und Württemberg), erhielt . sich auch in dem kleinen B. die alte landständische < Verfassung' noch lange, nachdem diese Einrichtung vi den meisten anderen Gebieten Deutschlands, Namentlich des NOstens, längst unterdrückt und Pierers Uiüversal-ConverfationL-Lexiton. k. Ausl. I' selbst aus dem Gedächtnisse der Bewohner verwischt war. Hervorgegangen aus dem ursprünglichen Rechte aller Freien bei sämmtlichen germanischen Stämmen, mitzuentscheiden in allen wichtigen Angelegenheiten des Gemeinwesens, entwickelte sich später unter dem Feudalsystem hier wie überall das Ständewesen. B., Elsaß n. Sundgau waren damals vereinigt. Es bildeten sich Bünde, indem die Angehörigen eines Standes zur gemeinsamen Wahrung ihrer Rechte u. Freiheiten sich verpflichteten und dann auch ähnliche Übereinkünfte niit den Angehörigen der anderen Stände abschlossen. Schon ans dem Jahre 1327 ist ein Assccurationsbrief des Grafen Konrad von Freiburg u. seines Sohnes vorhanden, worin Beide den Bürgern der Stadt Freiburg das Recht verbriefen, sich zu verbinden, wann u. mit wem sie wollten. Ein Streit der Bürger dieser Stadt mit ihrem Grafen Egon ward 1368 unter Mitwirkung der Ritterschaft beigelegt. Als der verschwenderische Herzog Siegmund das Land an den auf Vergrößerung ausgehenden Herzog Karl von Burgund verpfändete, waren es die Stände, welche mit Anstrengungen u. Opfern der Pfandschaft ein Ende machten u. den Fürsten erst zur Änderung seiner Regierung u. dann 1400, als anch dies nicht ausreichte, zur Abdankung zwangen, worauf die Stände sich, unter Wahrung ihrer Rechte, dem österreich. Fürstenhause freiwillig unterwarfen. Nie ward einem neuen Regenten der Huldigungseid geleistet, ehe er vorgängig die Freiheiten n. Privilegien der Stände, dabei die jeder einzelnen Stadt, urkundlich bestätigt u. etwaigen Beschwerden abgeholfen hatte. Der Fürst bezog den Ertrag der Domänen, wogegen er aber den Aufwand für die Verwaltung bestreiten n. für die Landesvertheidigung sorgen mußte. Die Steuern waren freiwillige Gaben, welche in außergewöhnlichen Fällen von den Ständen dem Fürsten bewilligt, oder auch verweigert wurden. Im ersten Falle erfolgte deren Erhebung durch Beauftragte der Landschaft, niemals durch fürstliche Beamte; ebenso die Verwendung. Auch die Regierung und Verwaltung des Landes lag großeutheils in den Händen der Landschaft oder deren Beauftragten. So ward beispielsweise 1567 eine Polizeiordnung durch eine Commission entworfen, zu welcher die Regierung nur 4, die Landschaft dagegen 10 Mitglieder gesendet hatte; das Reglement für den Landprofoß aber ward ausschließlich von den ständischen Ausschüssen entworfen. Schon König Ferdinand I. u. Erzherzog Leopold hatten in ihren Wechselschriften mit Len B-er Ständen hervorgehoben, daß diese nicht nur in ganz Deutschland, sondern in der ganzen Christenheit die freiesten seien. Dies war allerdings etwas übertrieben. Thatsache ist aber, daß der Landvogt ihnen schwören mußte, daß der Fürst ohne ihre Zustimmung keine Truppen in das Land ziehe» durste u. daß die Organisation u. das Aufgebot der Landmiliz wesentlich von ihnen abhing. Als Kaiser Ferdinand I. eine Geldforderung mit der Bemerkung begleitete, alle anderen Länder gewährten ihren Fürsten mehr, mußte er die Entgegnung hinnehmen: „daß dieselben ihren Obrigkeiten viel- leicht auch mehr verbunden sein möchten, als sie, welche vermöge übergebener Reverse nichts schwing 5 Band. 3 34 Breislak — Breite. seien". Das Letzte anerkannte der Fürst ausdrücklich. Brauchte Derselbe Geld, so bedurfte es schon 1572 einer Verbürgung der Stände, nm ihm Credit zu verschaffen, wogegen er aber diesen Ständen genügende materielle Sicherheit durch Verpfändungen an sie gewähren mußte. Auch nach der Losreißung des Elsasses u. Sundgaues durch den Westfälischen Frieden dauerten diese Verhältnisse im B. im Wesentlichen fort. Nach dem Dreißigjährigen Kriege versammelten sich die Stände, und zwar wie gewöhnlich aus eigener Machtvollkommenheit, im I. 1651, diesmal zu Freiburg, früher meist zu Enfisheim (Elsaß). Die Ausdehnung der absoluten Fürstenmacht in ganz Europa machte sich von dieser Zeit an allmählich auch im B. wahrnehmbar. Allerdings hatte noch Maria Theresia die Landesfreiheiten verbrieft, worauf 1741 die Huldigung erfolgte. Allein durch eine eigenmächtige Verfügung dieser Fürstin vom 4. Juli 1764 wurde die Besorgung der meisten Geschäfte von der Gesammtheit der Stände an einen Ausschuß, einen landständischen Conseß übertragen. Nach einer Verordnung von 1791 sollte alljährlich wenigstens einmal eine größere Deputation znsam- mentreten. Als der Französische Revolutionskrieg ausbrach n. eine feindliche Invasion drohte, waren es die Stände, welche im Einvernehmen mit der Regierung 9. Nov. 1793 alle waffenfähigen Männer zur Laudesvertheidigung auftiefen. Obwol infolge der alleinigen Beachtung des stehenden Heerwesens im 18. Jahrhundert jede Organisation jehlte, ward eine solche doch in aller Eile mit Erfolg eingeleitet; die B-ische Landesmiliz gelangte bald dahin, neben den stehenden Truppen zur Laudesvertheidigung nachdrücklich Mitwirken zu können. Als die großen territorialen Veränderungen in Deutschland zu Anfang des jetzigen Jabrhunderts begannen, sträubten sich die B-er vergeblich, nach der Laune der Mächtigen willenlos einem Herrscher zugetheilt zu werden. Das Land ward 1803 dem Herzog von Modena und 1806 dem Markgrafen, späteren Großherzog von Baden übergeben. Hatte schon der Erste Veränderungen vorgenommen, welche in die alte ständische Verfassung eingriffen, so war es der erste öffentliche Regierungsact des Letzteren bei der Besitzergreifung, auf Grund der vom französischen Kaiser erhaltenen Souveränetätserklärung Vje alte ständische Verfassung vollständig aufzuheben. Dies geschah 30. Jan. 1806. Beiläufig zur nämlichen Zeit endeten die alten Stände in Bayern und Württemberg, mit dein B-ischen die letzten in Deutschland. Vgl. Bader, Die ehemaligen B-ischen Stände, Karlsr. 1846. Brambach.» tStändegesch.) Kolb. Breislak, Scipio, berühmter Geolog, geb. 1768 in Rom, wo sein Vater, ein geborener Schwabe, lebte; war anfangs Professor der Physik uud Mathematik in Ragusa, dann am Collegio Nazareno in Rom, wo er sich besonders mit Mineralogie u. Geologie beschäftigte. Er stellte auf Reisen, bes. in den Umgebungen Neapels bei Puzzuoli, mehrere Versuche mittels chemischer Apparate au, wurde daraus Lehrer der Physik an der Kriegsschule in Neapel, lebte abwechselnd auch in Rom u. Paris, wurde 1802 unter Napoleon Inspektor der Pulverfabriken im Königreich Italien in Mailand, später Director der Alaunsiedereien bei Solfatara. Er st. 15. Febr. 1826 in Mailand. B. schr.: ll'opoAraüs. Lsioa äslis. 6sm- panla, Flor. 1798, n. A. als Vo^uAss xllz-s. st litkoloAiquss ckans In 6a.Mpg.Anis, Paris 1801, 2 Bde., deutsch von Reich, Lpz. 1802; Introäu- rücms allg AsoloAia, Mail. 1811, 2 Bde., 2. A., franz., 1818, 3 Bde., deutsch von Strombeck, Braunschw. 1819 f., 3 Bde.; vesorlmons Asolo- Aloa äslla Immbgräig, Mail. 1822. Breite. 1) Astronomische B., der Winkelabstand eines Gestirnes von der Ekliptik. Sic ist nördliche od. südliche B., je nachdem das Gestirn, von der Ekliptik aus gerechnet, nach deren Nord- od. Südpol zu liegt. Nimmt man darin die Erde als Mittelpunkt der fingirten Himmelskugel an, so nennt man die B. eine geocentri- sche; dagegen eine heliocentrische, wenn man sich die Sonne als Mittelpunkt der Himmelskugel denkt. Bei den Fixsternen, deren ungeheure Entfernung den Unterschied unmerkbar macht, stimmen die heliocentrischen B-n mit den geocentrischen überein; dagegen weichen sie bei den anderen Himmelskörpern ab; doch läßt sich, wenn nur die Entfernung bekannt ist, die geocentrische B. leicht in eine heliocentrische verwandeln. Sonst bestimmte man die Punkte auf der Himmelskugel nur durch astronomische B. u. Länge, jetzt ist die Bestimmungsart durch gerade Aufsteigung oder Rectascen- sion und Abweichung oder Declination die gewöhnlichere. Hier ist dann der Äquator die Basis; betrachtet man als solche den Horizont, so be- stimmtm an die Position eines Gestirnes durch das Azimuth u. die Höhe. 2) Geographische B., der Abstand eines Ortes aus der Erde vom Äquator. Man gibt denselben nach Graden, Minuten u. Sekunden an, die man auf dem Meridian des Ortes mißt, dessen B. man bestimmen will. Da aber dieser Meridian von dem Äquator bis zum Pol nur ein Viertelkreis ist u. also 90° hält, so zählt man die B. auch nur bis zu 90" vom Äquator aus gerechnet und bezeichnet durch den Zusatz: nördliche B., südliche B. die Halbkugel, auf welcher der zu bestimmende Ort liegt. Außer der B. eines Ortes muß, damit seine Lage vollständig bestimmt sei, noch die Länge (s. d.) desselben angegeben werden. Auf der Karte findet man die B. eines Ortes, indem man den ihn durchschneidenden Parallelkreis bis zum Rande der Karte, wo der Grad desselben angegeben ist, verfolgt. Um zu erfahren, unter welchem Grade der B. derjenige Ort der Erde liegt, wo man sich gerade befindet, nimmt man die Astronomie zu Hilfe. Der Pol des Himmels würde nämlich, wenn man zum Pol der Erde gelangen könnte, dort genau im Scheitelpunkte des Beobachters stehen; dagegen erscheint derselbe dem Beobachter, welcher sich unter dem Äquator befindet, im Horizont. Geht der Beobachter nun weiter „nach dem Pol zu und hat sich z. B. 5" vom Äquator entfernt, so wird ihm der Himmelspol, dem er sich näherte, 5" über dem Horizont erhoben erscheinen. Die Polhöhe ist daher stets gleich der B. Kennt man also die Polhöhe eines Ortes, so kennt man auch die geographische B. desselben; vgl. Polhöhe. Die B-ngrade sind Meridiangrade, diese aber, weil 35 Breite Knochen u. Muskeln — Breithaupt. die Meridiane wegen Abplattung der Erde von der reinen Kreislinie etwas abweichen, einander nicht gleich, sondern nahe am Äquator kleiner u. nach den Polen hin zunehmend größer. Da diese Abweichung indessen nicht bedeutend ist, so nimmt man die Meridiangrade, wo es auf die größte Genauigkeit nicht ankommt, alle als gleich u. zwar 15 geographische Meilen groß an u. nennt die so bestimmte B. die beobachtete od. astronomische B., die hingegen, bei welcher man die Abplattung der Erde berücksichtigt, die wahre B. 3) (Markscheide!.) Wird vom Seigerpunkte auf die Mittagslinie eine gerade Linie wagerecht u. eine andere senkrecht gezogen, so heißt Las Stück der Mittagslinie, welche jene beiden Linien von demselben abschneidet, die B., die senkrechte aber die Länge von der magcrcchten. Die B. ist nördlich oder südlich, je nachdem sie in dem nördlichen oder südlichen Theil der Mittagslinie liegt. Die Lange nennt man östlich od. westlich, je nachdem sie sich auf der östlichen oder westlichen Seite der Mittagslinie befindet. Breite Knochen u. Muskeln, s- Knochen u. Muskeln. Breitenbach (Groß-B.), Marktflecken im schwarzburg-sondershansischen Amte Gehren, am Breitenbach; Fertigung von Holzwaaren (musikalische Instrumente) u. Porzellan, auch bedeutende Porzellanmalerei; 2513 Ew.; dabei Vitriol-, Schwefel- u. Alannwerk. Stammort der adeligen Familie Breitenbach. Breitenbrivcgung, bei den alten Astronomen die Entsernung eines Planeten von einem seiner beiden Knoten. Breitenbrunn, Pfarrdorf im Gerichtsamte Johanngeorgenstadt des königl. sächs. Regbez. Zwickau; Papierfabrik, Bitriolwerk, Blechwaaren- ! sabrikation, Eisenhüttenwerk Breitenhof; 2045 Ew. Breitenburger Rind, Rinderrace aus der Prov. Schleswig-Holstein in der Umgegend von Itzehoe; sein gebaut, mit etwas starkem Kopfe, mit kurzen Hörnern, schwarzem Halse und Wamme, scharfem Wiederriste u. Rücken, ebenem Kreuze, schön gewölbtem Leibe u. hohen, feinen Extremitäten; die Schultern sind schwach, die Schenkel dagegen musculös; gibt namentlich in der ersten Zeit der Lactationspcriode viel Milch. Breitenfeld, Dorf mit Rittergut im königl. sächs. Gerichtsamte u. Regbez. Leipzig; 209 Ew. Hier 7. September 1631 und 23. October 1642 Schlachten zwischen den Kaiserlichen u. Schweden, siegreich für Letztere, auch Schlachten bei Leipzig genannt. Erstere (durch ein Denkmal am Orte verewigt) sicherte das Bestehen des Protestantismus in Deutschland; die zweite führte zum Frieden zu Hamburg. (Bgl. Erinnerung an die Schlacht bei B., Lpz. 1831.) Auch ein Theil der Schlacht von Leipzig io. Oct. 1813 fiel bei B. vor. Breitengrade, s. u. Breite 2). Breitenstein, Städtchen im Kreise Biedenkopf des preuß. Regbez. Wiesbaden; Kupfergrube; 412 Ew. Breitenwang, Dorf im tiroler Bez. Reutte; hier starb auf seinem 2. Zuge nach Italien der Kaiser Lothar II., 3. Dec. 1137; Gedenktafel. Breithaupt, 1) Joachim Justus, Protest. Theolog, einer der Hauptvertreter des Spenerschen Pietismus, geb. 1658 zu Nordheim in Hannover; studirte seit 1676 Theologie in Helmstädt, wurde 1680 Conrector in Wolfenbüttel, ging 1681 nach Kiel, lebte dann in Frankfurt, wo er mit Spener in Verbindung trat, wurde darauf Professor der Homiletik in Kiel, 1685 Hofprediger u. Consistorial- rath in Meiningen, 1687 Stadtpfarrer u. Professor der Theologie in Erfurt, 1691 Professor der Theologie u. Magdeburgischer Consistorialrath in Halle u. 1705 zugleich Generalsuperintendent des Herzogthums Magdeburg und Propst des Klosters u. Pädagogiums U. L. F. in Magdeburg u. 1715 Abt des Klosters Bergen, daher er sich von dieser Zeit an abwechselnd in Magdeburg u. Halle aufhielt. Er st. 16. März 1732 im Kloster Bergen. B. schr.: Institubionss ttteolvAioae, Halle 1694, 2 Bde., 1716—32, 3 Bde.; Auszug als HisosZ oroäsnckoium st u^snäorum kuncka- montalss, ebd. 1700 u. ö.; Sieben Kreuzpredigten, Meiningscher Am'chied und Erfurtscher Anspruch, Erf. 1687t Poetische Übersetzung der Sprüche u. des Predigers Salomonis,Magded.17l7; koemata miseellansu, Magd. 1729; seine geistlichen Lieder finden sich zerstreut theils in seinen Schriften, theilS in Ändr. Luppius' Andächtig singender Chri- stemnund, 1692. Nachrichten über sein Leben gab G. A. Franke 1736 heraus. 2) Ludwig V.B., militärischer Schriftsteller, geb. 1783 in Kassel; besuchte die Bergakademie in Freiberg, wurde Cadet bei der württembergischen Artillerie, machte den Feldzug gegen Österreich 1809 als Adjutant mit, befehligte in den Feldzügen 1812—15 als Hauptmann eine reitende Batterie, wurde 1816 Major, 1822 Oberstlieutenant und Commandant des württembergischen Fußartilleriebataillons; starb pensionirt 1838 zu Winnenden. schr.: Technisches Handbuch für angehende Artilleristen, Stuttg. 1823, 2 Theile; Gedanken über die Vervollkommnung der Artillerie, Ludwigsburg 1824; Materialien für ein neues System der Artillerie, ebd. 1826; Allgemeiner Umriß für eine neue Organisation der Artillerie, ebd. 1828; Die Artillerie für Offiziere aller Waffen, ebd. 1831—34, 3 Bde.; Vorlesungen über die Systematik der Artillerie für Offiziere aller Waffen, herausgegeben 1841. Er gab seit 1819 die Zeitschrift für Kriegswissenschaft heraus. 3) Johann Friedrich August, berühmter Mineralog, geb. 18. Mai 1791 in Propstzella bei Saalfeld; studirte seit 1809 in Jena u. Freiberg u. wurde 1813 Edel- steininspeclor u. Hilfslehrer sau der Bergakademie u. 1827 Professor der Oryktognosie in Freiberg; er st. daselbst 22. Sept. 1873 als Oberbergrath a. D. Von seinen zahlreicken wissenschaftlichen Arbeiten sind zu erwähnen: Über die Echtheit der Krystalle, Freib. 1816; Charakteristik des Mineral- systcms, ebd. 1820, 3. A., Dresd. 1832; Die Bergstadt Freiberg, Freib. 1825, 2. A., 1847; Übersicht des Mineralsystems, Dresden 1830; Handbuch der Mineralogie, ebd. 1836—47, 3 Bde.; Die Paragenesis der Mineralien, Freiberg 1849; auch setzte er das größere Handbuch der Mineralogie von Hoffmann fort. 4) Johann Christian, Mechanikus, geb. 23. Juni 1736 bei Darmstadt; machte seinen Namen in wetteren s* 36 Breitinger Kreisen besonders durch Anfertigung physikalischer und astronomischer Instrumente bekannt, wurde Mcchanikus am Hofe des Landgrafen Friedrich, wo er die von Letzterem begründete Sammlung physikalischer u. astronomischer Instrumente leitete u. erweiterte. Er st. 1800 in Kassel. 5) Heinrich Karl Wilhelm, Sohn des Bor., geb. 22. Juni 1775 zuKassel; war erst Gehilfe seines Vaters, widmete sich dann mathematischen Studien u. wurde 1817 Professor .der Mathematik in Buckeburg; er starb daselbst 10. Juni 1856. Von seinen zahlreichen Schriften über angewandte Mathematik u. Technologie ist besonders die Beschreibung eines neu erfundenen Markscheide-Instruments, Kassel 1800, bemcrkenswerth. 6) Friedrich Wilhelm, Bruder des Vor., geb. 23. Juli 1780 zu Kassel; war erst Gehilfe seines Vaters, machte 1810 seinen Namen durch die von ihm angefertigten Gruben- compasse bekannt, verbesserte die Meßtische, Bussolenapparate und Nivellirinstrumente, baute die ersten Grubentheodoliten, lieferte in Deutschland die erste große Kreistheilmaschine, begründete 1827 das Magazin neuester mathematischer Instrumente, wurde Mllnzmeister und Conservator der physikalischen und astronomischen Abtheilung des Kasseler Museums; er starb 20. Juni 1855 in Kassel. 7) Georg August, Sohn des Vor., geb. 17. Nug. 1806 zu Kassel, Nachfolger seines Vaters; baute 1850 eine große und sehr genaue Längentheilmaschine, erhöhte die Leistungsfähigkeit des Theodoliten, erfand einen kleinen Grubentheodoliten, eine Kipprcgel, sowie mehrere Nivel- lirungsinstrumente. Sein rühmlichst bekanntes Institut liefert sämmtliche mathematische Meßinstrumente, transportable astronomische Instrumente, physikalische Apparate rc. t) Löffl-r. 4—7> Specht. Breitinger, Johann Jakob, literarisch-ästhetischer Theoretiker u. Kritiker, geb. 1. März 1701 in Zürich; studirte Theologie u. namentlich Philologie, wurde 1731 Professor am Gymnasium seiner Vaterstadt, zuerst für hebräische Sprache, dann für Logik u. Rhetorik, 1745 für griechische Sprache u. hiermit Canonicns; er starb 15. Der. 1776. B. wirkte sehr eifrig für die Jugendbildung u. die Kanzelberedtsamkeit seines Vaterlandes u. war ein vielseitiger Gelehrter u. Schriftsteller. Über seine Wirksamkeit auf dem Gebiete der Ästhetik u. deutschen Literatur s. d. Art. Bodmer. Breitkopf, 1) Johann Gottlob Immanuel, geb. 23. Nov. 1719 in Leipzig. Außer der von seinem Vater geerbten Buchdruckerei, die er sehr vergrößerte, legte er eine Schriftgießerei, eine Buch, und Musikalienhandlung, eine Musikaliendruckerei, Spielkartenfabrik und Tapetendruckerei an. Er st. 28. Jan. 1794. Ihm verdankt die Buchdruckerkunst viele Erfindungen, z. B. besseren Schnitt der Buchstaben u. den Notendruck mit beweglichen Typen. Auch machte er den Versuch, Chinesisch, Landkarten, ja selbst Porträts mit beweglichen Typen und Zeichen zu drucken. Noch bestehen die meisten seiner Etablissements unter der Firma: B. u. Härtel in Leipzig (s. Härtel). Auch trug er viel dazu bei, den unter den Buchdruckern bestehenden Pennalismus abzuschaffen. B. sch.: Über die Geschichte der Erfindung der Euchdruckcrkuust, Lpz. 1779; Über den Ursprung — Brcme. der Spielkarten, die Einführung des Leinenpapiers u. den Anfang der Holzschneidekunst, ebd. 1784 bis 1801, 2 Bde.; Bibliographie u. Bibliophilie, ebd. 1793. 2) Christoph Gottlob, Sohn des Vor., geb. 27. Jan. 1763, gest. 1800; gründete mit Härtel die erste musikalische Zeitung in Deutschland. Die Firma B. u. Härtel, letzt Härtels Söhnen gehörend, besitzt eine Musikalien- u. Buchhandlung, Buchdrucker«, Schriftgießerei mit Stereotypie u. Galvanoplastik, Lithographie, Notenstecherei u. Notendruck««. Breitköpfigkcit, eine den Cretinismus begleitende Schädelbildnng; man unterscheidet: a) einfache B. (Dickköpfe), Verwachsung der Scheitelbeine mit der Hinterhauptsschuppe; b) schiefe B. (Schies- köpfe), halbseitige Verwachsung von Scheitel und Stirnbein); o) Platycephalie (Flachköpfe); ä) Oxycephalie (Spitzköpfe), Verwachsung der. Lambda- n. Schuppeuuaht. Breitlauch, s. Porree. Breitling, ein mit der Ostsee in Verbindung stehender See in Mecklenburg; nimmt die War- now auf. Brcitmorchel, s. Lorostskla. Breitsaat, so v. w. Vollsaat. Brcitschlvert, schwäbische Adelsfamilie, von der ein Zweig früher in Österreich lebte; seit 1824 in Württemberg freiherrlich; Rittergut: Ehningen im württemb. Oberamte Böblingen. Breiumschlag (Lutaxlasma), Arzneizubereitung von breiartiger Consistenz, aus Kräutern, Blumen, weichen Wurzeln, Früchtenmark, Samen, verschiedenen Mehlarten, Semmelkrume, Sauerteig, Seife, Harzen rc. mit manchen Zusätzen, entweder durch bloßes Zerreiben oder Zerstoßen der tauglichen Substanzen allein, oder zugleich mit Vermischung mit Flüssigkeiten, od. durch Kochen derselben mit Wasser od. Milch od. anderer Flüssigkeiten bereitet, gewöhnlich wann, doch auch kalt auf äußere Theile des Körpers, meist auch gegen äußere Krankheiten, in Leinwand eingeschlagen oder auf dieselbe anfgestrichen, angewendet. Am gewöhnlichsten bedient man sich der sogenannten erweichenden Breiumschläge (mit sog. erweichenden Kräutern), um Eiterungen zu befördern, aufzulösen, Entzündungen oder Anschwellungen verschiedener Art zu zertheilen, Krämpfe u. Schmerzen zu stillen. Außerdem können die Breiumschläge auch so eingerichtet werden, daß sie reizend, zusammenziehend, besänftigend oder narkotisch kühlend, oder selbst rothmachend, wie die Senfpflaster, wirken sollen. Sie können durch einen feuchten Lappen, mit darübergelegtem Guttaperchapapier, Wachs- tafset oder sonstige luftdichte Einhüllung ersetzt werden. Brembo, Fluß in der italienischen Provinz Bergemo, 74 krm lang; kommt aus einem kleinen See am Pizzo del Diavolo u. fällt bei Brem- bato in die Adda. Von ihm ist ein Thal Val di Brembo genannt. Breme, Ludovico di, ital. Abbate, einer der eifrigsten Vertheidiger der romantischen Schule in Italien, geb. 1781 zu Turin; sollte in de» geistlichen Stand treten, wandte sich aber aus Neigung dem Studium der Sprachen u. der schönen Literatur jzu. Er gründete 1819 die Zeitschrift 37 Bremen (Staat; Geogr., Verfassung). siloueiliators, starb aber schon im Jahre 1830 zu Turin. Bremen, I) selbständiger Staat im Deutschen Reiche, von Oldenburg u. der preuß. Pro». Hannover begrenzt. Das 255 H>km (4,^ IIM).. große Gebiet besteht ans der Stadt B., den beiden Ämtern n. Hafenstädten Vegesack u. Bremerhaven u. dem am linken u. rechten Weserufer gelegenen, die Stadt umgebenden Landgebiete. Einwohnerzahl <1871): 123,090, davon kommen auf Bremen S2,909, Vegesack 3838, Bremerhaven 10,768, rechtes Weserufcr 14,574 u. linkes Weserufer 10,941. Nach der Konfession gibt es: Lutheraner 74,568, Reformirte 31,972, Evang.-Unirte 12,335, Rom.- Kath. 3416 u. Israeliten 435; die Übrigen Methodisten, Baptisten u. s. w. Die Gewässer des Landes (Weser, Lesum, Ochum, mit ihren Zuflüssen) sind ziemlich reich an Fischen. Die Erzeugnisse B-s bestehen fast ganz aus denen der Stadt; die der Ümgegend beschränken sich auf dem höher liegenden Boden auf etwas Getreide, Hanf, Flachs, Gemüse u. Obst; der meist sehr feuchte, tiefliegende Boden dient zur Grasgewinn- nng u. als Weideland. Hauptbeschäftigung der Stadt B. bildet der Handel; s. u. B., Stadt. Die gemäßigt demokratische Verfassung der Republik, ähnlich der von Hamburg n. Lübeck, ging hervor aus dem ereignißreichen Jahre 1848, wurde 8. März 1849 veröffentlicht, im März des Jahres 1852 aber mittels Einschreitens des Deutschen Bundes in mehreren wesentlichen Punkten außer Kraft gesetzt. Seit dem 21 . F-ebr. 1854 ist die Revision der Bremischen Verfassung von Senat u. Bürgerschaft beendet u. ihr eine feste Gestalt wiedergegeben. Die Staatsboheit beruht in Senat u. Bürgerschaft in Gemeinschaft; der unter Theilnahme der Bürgerschaft sich ergänzende Senat, zugleich Magistrat der Stadt u. früher Rath genannt, zählt 18 Mitglieder (Senatoren), wovon wenigstens 10 Rechtsgelehrte u. 5 Kaufleute sein müssen; zwei Mitglieder des Senats sind Bürgermeister, die Wahl derselben geschieht vom Senat, u. alle 2 Jahre tritt einer von ihnen aus; für die Dauer eines Jahres ist einer der Bürgermeister Präsident des Senats. Der Senat wirkt mit der Bürgerschaft in Ans- Übung der Staatsgewalt in allen Fällen, welche das Gesetz nicht anders bestimmt, gemeinschaftlich, hat jedoch die Leitung u. Oberaufsicht in allen Staatsangelegenheiten allein; in seinen Händen ruht ferner die vollziehende Gewalt überhaupt, das protestantische Episkopalrecht, Vertretung des Staates gegen Dritte u. in allen auswärtigen Angelegenheiten, das Gnadenrecht, die Polizeiver- waltung, sonst die Verfügung über die bewaffnete Macht. Die Bürgerschaft besteht aus 150 Vertretern der Staatsbürger (worunter 16 der Gelehrten, 48 des Handelsstandes, 24 der Gewerbetreibenden, 30 der übrigen Stadtbewohner, 12 der Städte Vegesack u. Bremerhaven u. 20 des Landgebietes); die Vertreter werden auf 6 Jahre gewählt, alle 3 Jahre geht die Hälfte ab; sie sind von keinerlei Instructionen abhängig und haben lediglich ihrer Überzeugung von dem, was das Wohl des Staates fordert, zu folgen. Gewählt wird nach einem Klassensystem; ein Präsident bildet mit einigen Vicepräsidenten u. einigen Schriftführern den Geschaftsvorstand der Corporation. Als Ausschuß der Bürgerschaft besteht das Bllrgeramt; dies hat fortwährend aufAus- rechthaltung der Verfassung, Gesetze n. Staats- einrichtnngen zu achten^ über wahrgenommene Mängel u. Beeinträchtigungen zu berichten, die Mittheilungen zwischen Senat n. Bürgerschaft zu vermitteln, die Versammlungen der Bürgerschaft zu veranstalten u. die Tagesordnung festzustellen. Übrigens kann jeder Vertreter auf vorschriftsmäßigem Wege Anträge zur Berathung u. Be- schlußnahme über einen Gegenstand anbringen. Die Versammlungen der Bürgerschaft sind öfsent- stich, nur in Ausnahmesällen finden geheime Sitzungen statt. „(Das früher sehr einflußreiche Collegium der Älterleute, Vorstand der Kaufmannschaft, ist seit 1848 eingegaugeu.) Gegenstände gemeinsamer Wirksamkeit von Senat n. Bürgerschaft sind vorzugsweise: Erlassung, Auslegung, Aufhebung u. Abänderung von Gesetzen, Genehmigung von Verträgen mit auswärtigen Regierungen, Verwaltung des gesammten Staatsvermögens, Organisation u. Verwaltung des Schulwesens, des Gewerbewesens rc. Für alle Zweige der Verwaltung bestehen aus Senat u. Bürgerschaft gemischte Deputationen. Das heutige Bremische Privatrecht beruht wesentlich auf zwei Grundlagen, dem deutschrechtlichen particularen Bremischen Stadtrechte u. dem recipirten Römischen Rechte, mit mannigfachen Modifikationen im Einzelnen. Als erste schriftliche Aufzeichnung jenes particularen Stadtrechtes, abgesehen von Aufzeichnungen einzelner Willküren u. statutarischen Bestimmungen aus früherer Zeit, ist das Stadtrccht vom Jahre 1303 anzusehen, festgesetzt durch Beschluß des Nathes n. der Gemeinde ohne Mitwirkung des Erzbischofs u. des Capitels. Dasselbe sollte zweifelsohne eine gesetzmäßige Fixirung der aus verschiedenen Zeiten stammenden zerstreuten statutarischen Bestimmungen bilden. Es enthält sowol civil-, als strafrechtliche Bestimmungen: dieselben stehen aber nicht in einem eigentlichen Zusammenhänge unter einander. Die Grundlage dieses ältesten Bremischen Stadtrechtes bildet vornehmlich Sächsisches Recht; daneben ist ein gewisser Einfluß des älteren Hamburgischen Stadtrcchtes nicht zu verkennen. Dazu kommen ferner Formen u. Entwickelungen autonomer Rechtsanschauuugen u. Begriffe. Die Wirksamkeit des genannten Stadtbuches dauerte bis in das erste Viertel des 15. Jahrhunderts. Im Jahre 1428 kam infolge von Mißhelligkeiten zwischen dem Rache u. den Bürgern eine neue Redaction an Stelle des alten Stadtrechtes zur Geltung. 1433 einigten sich Rath u. Bürger zu einer abermaligen Redaktion, welche recht eigentlich als das Grundgesetz des particularen Bremischen Rechtes angesehen werden kann. Dieses Stadtbnch, gemeiniglich äat. Loü genannt, zerfällt in zwei Bücher, deren erstes aus 105 Statuten u. einem Anhänge besteht, welcher criminalrechtliche Bestimmungen, die sogenannten Artikel sunäsr Aonuclb, enthält, während das zweite Buch 102 Oräsls gibt. Als Einleitung u. als Grundgesetz des Statuts gleichsam ist in 12 Artikeln des ersten Statuts der zwischen Rath 38 Bremen (Gesetzgebung, Rechtspflege). u. Bürgerschaft am Ende der damaligen Unruhen geschlossene Vergleich, genannt die Tafel, verzeichnet. Wenn das genannte Gesetzbuch, wenigstens was die polizeilichen n. processualischen Bestimmungen anlangt, im Laufe der Zeit seine Geltung verloren hat, so bilden die Bestimmungen desselben über das Güterrecht der Ehegatten u. Erbrecht noch heute praktisches Recht. Neben den Statuten existirte als Polizeigesetz ein Stadtbuch, genannt die üunäiAg Kolks (1450), von Neuem redigirt um das Jahr 1489. Die letzte Redaction, umfassend 132 Artikel, geschah um die Mitte des 18. Jahrhunderts (1756) u. enthält zum großen Theil noch heute gütiges Siecht, wenn zwar von geringerem Werthe für das Privatrecht (Art. 48 bis 50). Die Neue Eintracht von 1534 ist zwar sehr umfangreich, enthält aber wesentlich, von nicht wichtigen Bestimmungen für das Privatrecht abgesehen, nur eine Bestätigung des Stadtbuches u. der Tafel (neue Redactionen 1591 u. zu verschiedenen Zeiten). Neben dem Stadtrechte, zum Theil ganz selbständig, entwickelte sich vornehmlich seit der Zeit der Einwanderung der holländischen Ansiedler im Laufe des 12. Jahrhunderts in dein zur Stadt gehörigen Landgebiete, den sog.- Gehen, ein eigenes Landrecht, wovon das Deichrccht einen wesentlichen Bestandtheil bildet. Eine Aufzeichnung des Landrechtes der vier Gohen fand erst gegen Ausgang des 16. Jahrhunderts statt. Dazu kam im Jahre 1638 infolge Beschlusses der Gutsherren eine Nedaction des Gutsherrnrcchtes der vier Lande. Die spätere Entwickelung des städtischen Rechtes beruht wesentlich auf einer großen Menge von Einzelgesetzen, entsprechend dem Bedürfnisse der Zeit. Was die beiden zu B. gehörigen Hafenstädte Vegesack u. Bremerhaven betrifft, so gelten in beiden, abgesehen von einzelnen partikularen Instituten, die Gesetze u. Rechtsgewohnheiten der Stadt B., sofern selbige nicht rein localer Natur sind. Für die Stadt Bremerhaven geschah die Einführung dieser Gesetze durch die Verordnung vom 24. Mai 1827 (das Gebiet dieses Amtes stand zuvor unter Hannoverischem Rechte) u. für die Stadt Vegesack durch Verordnung vom 23. Nov. 1829. Das Gemeine Recht ist durch Particulargesetze mannigfach modificirt worden, vornehmlich auch in Bezug auf das Handels- u. Seerecht. Sammlungen der Gesetze u. Verordnungen B-s erschienen wiederholt, zuerst 1753, seit 1813 jährlich, wozu auch besondere Register ausgearbeitet worden sind. Vgl. Deneken, Vorlesungen über das Bremische Recht, Br. 1798; Post, Über allgemeine eheliche Gütergemeinschaft in Hinsicht auf Theilung u. Todesfall nach Bremischen Stadtgesetzen, Hann. 1802; Donandt, Versuch einer Geschichte des Bremischen Stadtrechtes, 1830; Berck, Eheliches Gllterrecht, 1832; Watermeyer u. Ölrichs, Beiträge zum Bremischen Rechte, I., 1337; Albers, Über den Gebrauch der Eigenen Wechsel rc., Arch. für civilist. Praxis, Bd. XXVIII.; Heineken, Die bremischen Einrichtungen zur Beförderung des Credits, Arch. für civilist. Praxis, Bd. XXVII.; Buett, Rechtsverhältnisse hinsichtlich gemeinschaftlicher Mauern; Schumacher, Über das Küstenpfand- rccht nach Brem. Rechte im Bremer Jahrbuche II.; Post, Das Samtgut, 1864; Post, Uber Zeerge- wette u. Niftelgerade im Brem. Jahrbuch II.; Post, Entwurf eines Gemeinen Deutschen u. Hansestadt-Bremischen Privatrechtes, 3Bde., 1866—1871. Die Rechtspflege wird durch die nach Maßgabe der Verfassung (Verfassung der Freien Hansestadt Bremen vom 21. Februar 1854, ZA 68 ff.) für diesen Zweck bestellten Gerichte geübt. Mit Ausnahme des Standesgerichtes, des Polizeigerichtes u. des Schwurgerichtes sind dieselben lediglich aus rechtsgelehrten Richtern zusammengesetzt. Die Wahl der Richter geschieht durch einen Ausschuß, gebildet aus Mitgliedern des Senats, der Bürgerschaft u. rechtsgelehrten Mitgliedern der Stadt-Bremischen Gerichte. Die Wahl der rechtsgelehrten Richter geschieht auf Lebenszeit; denselben steht nicht frei, neben ihren Amtsgeschäften andere Geschäfte zu treiben. Für Civilsachen bestehen als erste Instanz das Untergericht zu B., zuständig für alle Streitsachen unter 1000 N, für Handels- n. Wechselsachen, ferner das Handelsgericht, dieÄniter zu Vegesack u.zuBremerhaven, für Steuersachen das Steuergericht u. endlich das Obergericht nebst Erb-Handfestenamt u. Pupillencommission für alle Sachen über 1000 N, für Gesuche um gerichtliche Distractionen von Immobilien, für Klagen auf Eingehung oder Trennung der Ehe, Ehescheidung rc., für Nebensachen. Bei geringsügigen Massen ist eine Verweisung an das Üntergericht gebräuchlich. In zweiter Instanz entscheidet das Obergericht in denjenigen Sachen, die in erster Instanz der Cognition des Untergerichtes, des Handelsgerichtes, der Ämter rc. unterworfen sind. Dasselbe entscheidet zugleich als Läuterungsinstanz in vor ihm anhängigen Sachen; zudem ist Actenversenduug an eine Facnltät nicht ausgeschlossen. Als dritte Instanz besteht das den 3 Hansestädten gemeinsame Ober-Appellations- gericht zu Lübeck, resp. das Reichs-Oberhandelsgericht in Leipzig für Handels- u. Wechselsachen. In Criminalsachcn entscheiden das Schwurgericht u. das Criminalgericht, resp. das Polizeigericht u. die Untersuchungsrichter u. die Polizeigerichte in den Ämtern. Als Berufungs- u. Cassations- Instanz sungirt das Obergericht, abgesehen von schwereren Verbrechen, in denen es die erste Instanz u. das Qber-Appellationsgericht zu Lübeck die Cassationsinstanz bildet. Zur Förderung des Handelnder Gewerbe u. der Landwirthschaft bestehen verfassungsmäßigsolgenLeStaatsanstalten: a) Kaufmannsconvent u. Handelskammer. Der Kanfmannsconvent besteht aus Mitgliedern der Bremischen Börse u. hat über Handels- u. Schiff- sahrtsangelegenheiten zu berathen. 24 Mitglieder des Convents bilden als Geschäftsausschuß die Handelskammer; letztere ist Vorstand der Kaufmannschaft u. vertritt dieselbe gegen Dritte d) Gewerbeconvent u. Gewerbekammer. Der Gewerbeconvent wird von Len Genossen der verschiedenen Gewerbe auf eine gesetzlich bestimmte Anzahl von Jahren erwählt. Angelegenheiten, welche die Interessen des Gewerbestandes berühren, werden vom Gewerbeconvent berathen. Einige Senatoren u. 21 Mitglieder des Gewerbeconvents bilden die Gewerbekammer; sie hat auf Alles, was dem Gewerbewesen dienlich sein kann, ihr 89 Bremen (Finanzen, Militär re.). Augenmerk zu richten u. gutachtlich zu berichten, e) Kammer für Landwirthschaft. Diese besteht aus einigen Mitgliedern des Senats u. 20 praktischen Landwirtben; sie hat auf Alles zu achten, was Ackerbau u. Viehzucht dienlich sein kann. Alle Gesetze, welche sich speciell auf Handel, Gewerbe u. Landwirthschaft beziehen, müssen zuvor den betreffenden Kammern zur Begutachtung vorgelegt werden. Das Gebiet von B. gehört zu Len Theilen des Deutschen Reiches, welche vom Zollverein ausgeschlossen sind. Die Finanzabrechnung für das Jahr 1873 erzeigt an Einnahmen 11,894,908 Ll, an Ausgaben 11,295,347 Ll (darunter für die Polizei 564,294, für Schulen u. Bibliothek 559,894, für Straßen u. Häfen 1,237,296 Ll). Die Staatsschuld betrug Ende 1873 73,534,674 Ll, worunter für Eisenbahnen 46,394,400 Ll, für Hafenbauten 10,982,686 U ausgenommen sind. Militär: Bis zur Auflösung des Deutschen Bundes im Jahre 1866 gehörte B-s Contingent (nominell ein Bataillon Infanterie u. die entsprechende Artillerie u. Ca- valerie) mit den Contingenteu von Oldenburg, Lübeck u. Hamburg zur 2. Brigade 2. Division des X. Bundesarmeecorps. Die Cavalerie, Artillerie u. die Genietruppen stellte Oldenburg gegen eine Entschädigung. Die Mannschaft bestand ans angeworbenen Leuten. Seit der Gründung des Norddeutschen Bundes infolge des Bündnißver- trages vom 28. August 1866 ist in B. die allgemeine Wehrpflicht zum Gesetze erhoben. Am з. Juli 1867 hat die Bürgerschaft die Militär- convention mit der Krone Preußen genehmigt, wonach vom 1. October 1867 das bisherige Bataillon aufgelöst wurde. Die Stadt u. das Gebiet sind infolge dessen zur 33. Infanterie-Brigade 17. Division des IX. Armeecorps gezogen worden. Zur Zeit bildet das erste Hanseatische Infanterie-Regiment Nr. 75 die Besatzung der Stadt (1 Bataillon), in welcher sich zugleich das Bezirkscommando des 1. Bataillons des 1. Hanseatischen Landwehr-Regiments Nr. 75 befindet. Nationalsarben: die der anderen Hanseaten, weiß u. roth. Wappen: ein silberner, schräg rechts liegender Schlüssel mit aufwärts u. links gekehrtem Schließblatte im rothen Felde. Flagge: roth u. weiß, 5 Mal horizontal gestreift, hinter zwei Reihen ebensolcher geschachteter Vierecke. Im Bundesrathe des Deutschen Reiches hat B. eine Stimme, im Reichstage einen Abgeordneten. Geschichte. B-, welches Manche für das Phabiranum des Ptolemäos halten, kommt bestimmt erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts vor. 788 (?) gründete Karl d. Gr. hier ein Bisthum и. setzte Willehad zum Bischof ein. Dessen dritter Nachfolger war Ansgar, schon vorher Erzbischof von Hamburg, das er aber gegen die räuberischen Einfälle der Normannen nicht zu halten vermochte. Im 1.858 erfolgte die päpstliche Bestätigung der Vereinigung der beiden Kirchensprengel zum Erz- bisthum Hamburg-Bremen. Die Freigebigkeit Ottos I., welcher den Erzbischof Adaldag mit bedeutenden Privilegien ausstattete, kam auch dem Orte zu Gute. Handel u. Gewerbe blühten unter dem den Kaufleuten zugcsicherten kaiserlichen Schutze auf. Im 11. Jahrh. wurde B. unter den Erzbischöfen Bezelin u. Adalbert befestigt; der Neubau des um 1042 abgebrannten Domes, welchen Bezelin begann u. Adalbert in großartiger Weise fortsetzte, schädigte indeß die Besestigungsarbcitcn, u. das Geschick des Erzbischofs störte die Blüthe der Stadt in empfindlicher Weise. Erst im 12. Jahrh. treten die Bürger der Stadt selbständig hervor; ihre Theilnahme an dem Kreuzzuge Friedrichs I., dem sie das erste Privilegium zu verdanken hatten, ist wol ein Beweis für ihren Unternehmungsgeist. Am Beginne des 13. Jahrh. finden wir einen Bremischen Stadtrath, an dessen Spitze aber noch lange Zeit der erzbischöfliche Vogt stand. Erst am Anfänge des 14. Jahrh. kommen Bürgermeister vor, deren Auftreten die volle Eman- cipation der Stadt von der erzbischöflichen Gewalt bezeichnet. Gleichzeitig mit dieser Gewinnung städtischer Selbständigkeit beginnen nun aber Unruhen inmitten der Bürgerschaft, die bis zum I. 1433 zu einer Reihe blutiger Revolutionen geführt haben. In der Alten Eintracht des I. 1433 wurde das Regiment des Ralhes wieder befestigt u. blieb ein Jahrhundert nnanbctastet, bis infolge der Bewegungen der Reformatwnszeit im I. 1534 der sog. Ansstand der 104 Männer für kurze Zeit dem demokratischen Element noch einmal die Oberhand gab. Nach der schnellen Niederwerfung desselben wurde in der Neuen Eintracht, welche dann 3 Jahrhunderte lang das Grundgesetz des Bremischen Staates geblieben ist, die Gewalt des vollmächtigen Rathes aufs Nene begründet. Die inneren Zwistigkeiten sowol, wie die abgesonderte Stellung, welche B. gegenüber den anderen norddeutschen Städten einnahm, hat vom 13. Jahrh. an wiederholt zu Conflicten der Stadt mit der Hansa geführt. Zuerst im 1.1285 u. wiederholt im 15. u. 16. Jahrh. ist B. verhaust worden. Der Reformation wandte sich B. bereits im I. 1522 zu u. war in dem für die Evangelischen so unglücklichen Schmalkaldischen Kriege im I. 1547 der einzige Punkt in Nord- dentschland, an dem sich die siegreich vordringende katholische Reaction brach. Der lebhafte Antheil, welchen B. an den reformatorischen Bewegungen nahm, veranlaßte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. aufs Neue große innere Zwistigkeiten zwischen den Streng-Lutherischen und den Melan- chthonianern, welche sich an den Namen All-recht Hardenbergs knüpfen. Dieser selbst, der maßvolleren Richtung Melanchthons ergeben, mußte zwar aus der Stadt weichen, aber dem mächtigen Einflüsse Daniels von Büren des Jüngeren, eines der bedeutendsten Staatsmänner der bremischen Geschichte, gelang es dann dennoch, der reformirten Lehre gegen das orthodoxe Lutherthum den Sieg zu verschaffen. Bis zum Beginne unseres Jahrhunderts hat seitdem das Lutherthum eine nur geduldete Stellung in B. eingenommen. Der Dreißigjährige Krieg übte in so fern auf B. eine höchst nachtheilige Wirkung, als er einmal das mediatisirte Erzstist der gewaltsam aufstrebenden schwedischen Macht in die Hände spielte u. zweitens den seit Anfang des 16. Jahrh. von Oldenburg beanspruchten (Elsflether) Weserzoll legalisirte, durch welchen dem bremischen Seehandel empfindlicher Schaden erwuchs. Der schwedische Nachbar 46 Bremen (Geschichte). bedrohte sogar die Selbständigkeit der Stadt, u. im Stader Vergleiche (1654) konnte B. die Anerkennung seiner unabhängigen Stellung von Schweden nur durch das schwere Opser eines Verzichtes auf seine Besitzungen an der Unterweser, Bederkesa und Lehe erlangen. Als 1719 im Frieden von Stockholm das Herzogthum B. an Hannover gefallen war, erneuerten sich mit diesem die Streitigkeiten über die Reichsunmittelbarkeit der Stadt, gelangten indeß 1731 zu einem für B. günstigen Abschluß. Im I. 1803 gelang es B., die innerhalb der Stadt u. des Gebietes gelegenen hannoverischen Enklaven für sich zu gewinncu u. das Versprechen des Aufhörens des Elsflether Zolles nach 10 Jahren zu erhalten. 1810 zog Napoleon B. zum Französischen Reiche und erklärte es zur guten Stadt u. zur Hauptstadt des Departements der Wesermündungen. In dieser Zeit litt B-s Wohlstand durch Bedrückungen aller Art sehr viel; eine vorzeitige Erhebung gegen die Franzosen im März 1813 wurde blutig unterdrückt. Im Sept. 1813 ward B.indessenvon den Alliirten eingenommen u. war die erste Stadt, über welche die Verbindung mit England erneuert wurde. 1815 ward B. als Freie Stadt Mitglied des Deutschen Bundes u. kehrte zu ihrer früheren Verfassung zurück. 1820 gelang es ihr, sich von dem die Weserschifffahrt beeinträchtigenden Elsflether Zolle endlich zu bebefreien. 1827 erwarb B. durch Vertrag mit Hannover das Terrain zur Anlage von Bremerhaven (s. d.). Die Gründung eines Hafenplatzes für größere Seeschiffe (wozu Bürgermeister Smidt den Impuls gab) brachte dem Handel der Stadt wichtige Vortheile. Bei der politischen Bewegung, welche mit der Julirevolution 1830 in Deutschland eintrat, bildete sich eine Reformpartei zur Verbesserung der Verfassung in liberalem Sinne; aber die Verhandlungen der aus dem Senat u. dem Bürgerconvent zur Abfassung eines Verfaffungs- entwurfes zusammengetretenen Commission kamen zu keinem Resultat; nur aus dem gewöhnlichen Wege der Gesetzgebung traten einige neue Einrichtungen ins Leben. Im April 1845 kam der Vertrag zwischen Hannover u. B. wegen Anlegung einer Eisenbahn zu Stande, welche Ende 1857 eröffnet wurde. Im I. 1845 hatte der zunehmende Aufschwung des Handels auch zu dem Entschlüsse geführt, ein zweites großes Dock in Bremerhaven anzulegen, welches im I. 1851 dem Verkehre übergeben wurde. Die Bewegung im I. 1848 führte auch in B. am 6. März zu Ex- cessen, die besonders gegen das Institut der Thorsperre (welche wenige Monate darauf aufgehoben wurde) gerichtet waren u. erst durch das Einschreiten der Bürgerwehr u. Linie unterdrückt wurden. Dem Senat ward 8. März durch eine Deputation von Bürgern eine Petition um Gewährung einer zeitentsprechenden Verfassung und einer, Volksvertretung aus allgemeinen Wahlen, um Öffentlichkeit der, Sitzungen des Bürgerconvents, Preßfreiheit, Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen, Trennung der Justiz von der Verwaltung, Geschworenengerichte rc. übergeben. Die Aufhebung der Censur unter beschränkenden Preß- maßregeln ward alsbald verordnet u. ebenso die Erfullking aller übrigen Anforderungen verheißen u. die Öffentlichkeit der Bürgerconventssitznngen verfügt. Am 19. April wurde die Feststellung der definitiven Verfassung gemeinschaftlich durch Senat u. Bürgerschaft beschlossen, u. am 27. Dec. eröffnete die Bürgerschaft ihre Berathnngen über den neuen Verfaffungsentwurf, zu deren Beschlüssen der Senat 24. Febr. 1849 seine Zustimmung erklärte, worauf die Verfassung 18. April in Kraft trat. In der neuen, auf Grund der Verfassung zusammenberufencn Bürgerschaft war die radicale Partei wenigstens zu 2 Drirttheilen vertreten, u. im October wurde ein Führer der demokratischen Partei Mitglied des Senats. Am 9. Mai ward die Deutsche Reichsverfassung für B. veröffentlicht. Danach hatte der Senat durch Bürgermeister Smidt Verhandlungen wegen des Beitrittes B-s zu dem Dreikönigsbündnisse in Berlin anknüpfen lassen, welches auch endlich von der Bürgerschaft genehmigt wurde. Am 21. Nov. wurde das Einver- ständniß mit dem Beitritte B-s zu dem zwischen Österreich und Preußen abgeschlossenen Interim erklärt, u. im folgenden Jahre lehnte der Senat den Beitritt zu dem hannoverischen Sonderbunde ab. Es wurden 1851 auch die Gesetze über provisorische Einführung der Geschworenengerichte, über die Bestrafung der politischen Verbrecher, über die Presse, die zeitweilige Suspendirung des Vereinsrechtes, eine freisinnige Gewerbeordnung erlassen. Der Senat legte, sich stützend auf die Bundesbeschlüsse vom 23. Aug. (Verpflichtung der Regierungen zur Prüfung, ob die besonders seit 1848 getroffenen Einrichtungen u. erlassenen Gesetze im Einklänge mit den Bundesgesetzen stehen), der Bürgerschaft am 27. Sept. Vorschäge wegen Revision der Verfassung vor, die sich namentlich auf Abänderung des Wahlgesetzes, Berufung einer neuen Bürgerschaft u. Abänderung mehrerer Paragraphen der früheren Verfassung (Veto, Vereins- u. Versammlungsrecht, Zusammensetzung und Wahl des Senats) bezogen. Als die Bürgerschaft diese Anträge am 8. Oct. ablehnte, der Bundestag dagegen den Senat zu einem neuen Versuche der Durchführung seiner Pläne unter Zusage der etwa erforderlichen Bundeshilse aufforderte, reichte der Senat 23. December bei der Bürgerschaft sein Ultimatum ein, unter Wiederholung der Propositionen vom 27. Sept. Auch jetzt lehnte die Bürgerschaft die Annahme ab. Während dieser Streitigkeiten erfolgte der Tod des Bürgermeisters Nol- tenius, welcher zu einer neuen Uneinigkeit zwischen Senat u. Bürgerschaft Veranlassung gab, indem der erstere dem Anträge der letzteren, eine Neuwahl nach dem bestehenden Wahlgesetze anznord- nen, keine Folge gab. Als die Bürgerschaft bei ihrem Widerstande gegen die Verfassungsänderungen beharrte, schritt im I. 1852 die Bundesversammlung ein: durch Beschluß vom 6. März wurden die Vorschläge des Senats in Betreff der Beseitigung mehrerer Verfassungsbestimmungen als gerechtfertigt anerkannt; wegen der an ihre Stelle zu setzenden Bestimmungen wurde das Weitere Vorbehalten, eine Ergänzungswahl des Senats nach dem Gesetze von 1849 als unzulässig bezeichnet, die Abänderung einzelner Verfassungsbestimmungen, besonders über die Wahl für die Bürgerschaft, u. ein Gesetz über die De- 41 Bremen (Geschichte). putationen als uothwendig gefordert und endlich die Entsendung eines von Hannover zn ernennenden Bundescommissars angcordnet. Skachdem der Senat diesen Bundesbeschluß 19. März publi- cirt hatte, berief das Bürgeramt am 20. die Bürgerschaft zu einer außerordentlichen Sitzung u. stellte darin folgende Anträge: die Bürgerschaft solle erklären, daß der Senat verfassungsmäßig gehalten sei, für die durch das Ableben eines seiner Mitglieder eingetretene Vacanz sofort eine Neuwahl anzuordnen, unbekümmert um das ihm vom Bundesrage ertheilte Inhibitorium; daß der Bundestag nach den Grundgesetzen des Bundes nicht berechtigt sei, ein solches Inhibitorium zn ertheilen, daß dies demnach null u. nichtig sei; daß endlich, wenn der Senat bei seiner Weigerung, betreffend eine Neuwahl, beharre, die Bürgerschaft die gegenwärtigen 15 Mitglieder des Senats nicht ferner als Senat anerkennen könne u. sich außer Stande sehe, mit denselben in Verhandlung zu treten. Die Bürgerschaft erhob diese Anträge zum Beschluß. Bereits Tags vorher war der Bundescommissar, der ehemalige hannoverische Kriegsminister v. Jacobi, in B. einge- trofsen; an der Grenze des Freistaates aber waren hannoverische Truppen zusammengezogen. Hierauf erfolgte nun 29. März die Auflösung der Bürgerschaft, die Snspendirung der Verfaff- ungsparagrapheu über Presse, Vereins- u. Versammlungsrecht u. des provisorischen Schwurgerichtsgesetzes, sowie die Octroyiruug eines provisorischen Wahlgesetzes (nach den am 27. Sept. v. I. proponirten Vorschlägen des Senats) für eine neu einzuberufende Bürgerschaft, unter deren Mitwirkung die Verfassungsrevision endgiltig bewirkt werden sollte. Die Krisis verlief ruhig. Bereits unter dem 7. April wurden nach dem provisorischen Wahlgesetze, welches, die Bürgerschaft auf 150 Mitglieder beschränkend, auf die Vertretung der einzelnen Jnteressenkreise begründet war, die Neuwahlen für die Bürgerschaft ausgeschrieben. Zu den Versassungswirren kam auch noch eine kirchliche Angelegenheit, welche B. in Bewegung setzte: schon im I. 1851 war der Pfarrer Dulon von anderen Stadtgeistlichen unkirchlicher Lehre bezichtigt und vom Senat seine Zeitschrift, die Tageschronik, unterdrückt worden. Eine gleiche Beschwerde war jetzt von einer Anzahl Gemeindeglieder bei dem Senat wiederholt worden, und dieser suspensirte auf Grund eines bei der Heidelberger theologischen Facultät eingeholten Gutachtens Dulon 2. März 1852 von seinem Amte. Besonders die Demokratie gerieth deshalb in eine lebhafte Bewegung, die 11. März sogar zu einer bedrohlichen Manifestation gegen einen anderen Geistlichen führte, so daß Militär zur Herstellung der Ordnung herbeigezogen werden mußte. Da Dulon nicht widerrief, so entsetzte ihn der Senat im April seines Amtes. Dulon verließ noch in demselben Jahre B. u. Deutschland, wie sich überhaupt noch mehrere der radi- calen Parteiführer in das Ausland begaben. Am 14. Mai 1852 war die neu erwählte Bürgerschaft vom Senat eröffnet worden u. ging nun au die Berathung der Berfassungsrevision, ohne jedoch in allen Fragen mit dem Senat übereinznstim- men u. einen neu gesicherten Rechtszustand bis zum Schluffe des Jahres bewirken zu können. Im I. 1853 erfolgte die Auflösung der Bürgerwehr, sodann nahmen die Angelegenheiten betreffs der Regelung der Zollverhältnisse das allgemeine Interesse in Anspruch. Obgleich Preußen schon 1852 Verhandlungen mit B. wegen dessen Anschlusses an den Zollverein angeknüpft hatte, so war doch bis jetzt die Frage ihrer Lösung noch sehr wenig nahe geschritten. Unter der Bevölkerung B-s selbst waren die Stimmen über den Anschluß sehr getheilt; während unter der Kaufmannschaft sich im Ganzen nur wenig Neigung dazu zeigte, gab es im Gewerbestande um so mehr Anhänger desselben. Im August begannen die Verhandlungen mit den in B. versammelten Zollvereinsbevollmächtigten, und im September traten die hierzu bevollmächtigten Commissarien des Senats zu Berathungen mit den Deputaten der Bürgerschaft, der Handels- u. der Gewerbekammcr zusammen; doch blieben die Verhandlungen vorerst fruchtlos, und erst im Januar 1856 kam es zu einem, 1865 im December erneuerten Vertrage zwischen B. u. dem Deutschen Zollverein. Bekanntlich gehört die Stadt B. und der größere Theil ihres Gebietes auch heute nicht zuin Zollvereinsgebiete des Deutschen Reiches, ein Zustand, dessen Beseitigung vor der Hand auch von keiner Seite ernstlich angestrebt wird. Am 4. Mai 1853 war unterdeß die neue Verfassung in zweiter Lesung von der Bürgerschaft angenommen worden; doch erklärte sich der Senat mit einigen Punkten nicht einverstanden, u. als 21. Febr. 1854 endlich die revidirte Verfassung publicirt ward, blieben nach Vorschlag des Senats die noch streitigen Punkte der Art. 13 u. 16 , die Presse, sowie das Vereins- und Versammlungsrecht betreffend, außer Kraft, bis zu der im November 1855 erfolgten Vereinbarung über ein Preß-, Vereins- u. Versammlungsgesetz. Im I. 1865 begrüßte die Stadt B. in ihren Mauern das zweite deutsche Bundesschießen. Für B. insbesondere hatte das Fest die Schöpfung des Bürgerparks im Gefolge, einer Anlage, welche, lediglich aus freiwilligen Beiträgen geschaffen u. erhalten, sich des lebhaftesten Interesses der ganzen bremischen Bevölkerung erfreut. Die seit 1866 vollzogenen Umwandlungen im deutschen Staatsleben haben bekanntlich die staatliche Selbständigkeit B-s, dessen Truppen den Mainfeldzug an der Seite Preußens mitmachten, bestehen lassen, aber die verhältnißmäßig starke Jsolirung, in welcher B. sich befand, gelöst u. durch Beseitigung des 30 Jahre lang sehr unbequemen hannoverischen Nachbars dem wachsenden bremischen Verkehre große Erleichterungen geschaffen. Vgl. Rynesberg u. Scheue, Bremer Chronik, herausg. von Lappenberg, 1841; Roller, Versuch einer Geschichte der Neichsfreien Stadt B., Brem. 1799'—1804, 4 Thle.; Misegaes, Chronik der Freien Hansestadt B., ebd. 1828—32, 3 Thle.; Heincken, Die Freie Hansestadt B. u. ihr Gebier in topograph. rc. Hinsicht, ebd. 1836 s., 2 Bde.; Donandt, Geschichte des Bremer Stadtrechtes, 1830, 2 Bde.; Denkmale zur Gesch. u. Kunst der Fr. Hansestadt B., 1862 — 70, 2 Bde.; Bremisches Jahrbuch, 1864—74, Bd. 1—7; Bremisches Ur- 42 Bremen (Stadt; Geogr. u. Statistik). knndenbuch, 1. u.2.Bd., 1873—74; JohannSmidt, einGedenkbuch zurSäcularseier seinerGeburt, 1873. 2) Die StadtB., Hauptstadt u. Verkehrsmittelpunkt des gleichnamigen Freistaates, unter 53° 5' n. Br. u. 26° 28' ö. L., nach Hamburg die bedeutendste Handelsstadt Deutschlands, in ebener Gegend aus Sanddünen an der Weser, 96 km oberhalb deren Mündung, in gesunder Lage (durchschnittliche Jahreswärme -s-6 bis 8° R.), durch Eisenbahnen mit Bremerhaven, Hamburg, Berlin, Hannover, Paris (Paris-Hamburg) und den Niederlanden verbunden. Der Raum, welchen die Stadt einnimmt, beträgt 19,„ s^km, die Einwohnerzahl nach der Zählung von 1871 82,990, 1875 nach Schätzung 91,000. Die ver- hältnißmäßig spärliche Bevölkerung erklärt sich durch die schöne Bremer Sitte, das; in der Regel jede Familie ihr eigenes Haus bewohnt. Die Stadt zerfällt in die Altstadt am rechten, die Neustadt am linken Weserufer u. die Vorstadt, östl. von der Altstadt, jenseits der ehemaligen Befestigungen. Um diese älteren Stadttheile haben sich noch zwei neuere, Hastätt am rechten u. Bunten- thorssteinweg am linken Weserufer, gebildet. Den Hauptsitz des Geschästslebens bildet die Altstadt, mit engen n. krummlinigen Straßen und meist alterthümlichen Gebäuden, die aber immer mehr moderneren weichen. Die Vorstadt besteht größ- tcntheils aus solchen, n. zeigt sich hier überhaupt eleganteres Leben. Die Neustadt hat gerade u. breite Straßen, aber wenige schöne Gebäude. Der Raum zwischen der Alt- und der Vorstadt, den früher die Festungswerke entnahmen (Bremer Wall), ist zu schönen Anlagen umgewandelt, auf deren Erhöhungen das Denkmal von Olbers, das Kriegerdenkmal, eine Vase mit Abbildung des ehemaligen Klofterochsenumznges, die Blumenschule rc. sich befinden. Eine umfangreichere Parkanlage ist der im N. der Stadt befindliche Bürgerpark, weiter nördlich noch durch den Bürgerwald erweitert, welcher ans der früheren Bürgerwiese angepflanzt ist. Den Bürgerpark zieren kleine Seen u. mehrere hübsche Gebäulichkeiten. Die Alt« u. Neustadt sind durch drei Brücken, die große Weser-, die Kaiser- und die Eisenbahnbrücke, verbunden. Eine Brücke überschreitet außerdem die Kleine Weser, einen Arm der Weser an deren linkem Ufer. Die große Weserbrücke scheidet die Ober- u. die Unter-Weser, von denen jede einen Sicherheitshafen in B. hat, wozu noch der Holzhafen u. zahlreiche Krähne znm Laden u. Löschen kommen. Auch ist die Stadt durch Deiche gegen Überschwemmungen geschützt. Die bedeutendsten Gebäude der Stadt befinden sich um den Domhof n. den Rolandsmarkt, welch letzterer den Namen von dem seit 1412 auf ihm stehenden Stcinbilde des Roland, einem Wahrzeichen der Gerichtsbarkeit u. Marktfreiheit, den Namen hat. Jene Gebäude sind: die Domkirche, 1160 vom Erzbischof Adalbert erbaut u. unvollendet geblieben, unter ihr der Bleikeller mit Leichenmumien ans dem 15. Jahrh.; gegenüber das Rathhaus mit an Bildhauerarbei- ten reicher Hauptfaxade, 1410 im Renaissancestil erbaut, mit großer, mehrere Merkwürdigkeiten enthaltender Halle; unter dem Gebäude der berühmte Rathskellcr mit ausgezeichneten alten Rhein- u. Moselweinen in reich verzierten Stückfässern; in der Nähe die neue Börse (von 1864) mit großartigem Saal u. weitläufigen Räumlichkeiten, das Gildenhaus (von 1594), das Stadthaus rc.; endlich am Domhofe das neue, elegant eingerichtete Museum (Leseanstalt). Im Ban be- grifsen ist zwischen dem Domhvfe u. der Domheide, neben der Halle des Künstlervereins (mit großartigem Concertsaal), das Gebäude für die naturwissenschaftlichen Sammlungen. An der Domheide, welche das Standbild Gustav Adolfs ziert, stehen ferner das neue Reichspostgebäude n. das schöne Hauptschulgebände. Unter den übrigen Kirchen ist die Ansgarikirche ans dem 13. Jahrh. die bemerkenswertheste, davor das Standbild des h. Ansgar (s. d.). Auf dem Körnerwall der Vorstadt steht die Statue Theodor Körners. Sonstige bedeutende Gebäude sind: das Stadttheater auf dem Wall, die Kunsthalle, das städtische Krankenhaus mit Irrenanstalt, das Tivoli mit Sommertheater, die Vergnügungslocale der Tonhalle u. Centralhalle, das Arbeitshaus, das Armenhaus, das neue Zuchthaus in Oslebshausen u. das Ge- werbehans mit großen Sälen. Dazu kommen die drei Bahnhöfe, auf welchen Linien von Hannover u. Geestemünde, Hamburg u. Köln u. Oldenburg einmünden, sodann der Weserbahnhof zur Verbindung mit den Häfen, sowie die städtischen Gas- u. Wasserwerke. B. hat 9 städtische Volksschulen mit über 4000, 3 Staatsvolksschulen mit etwa 1500, 5 Districtsfreischulen mit 18—1900 Kindern, 1 höhere Hauptschule, bestehend aus dem Gymnasium, der Handelsschule u. der Vorschule für beide, zusammen mit gegen 900, 2 städtische u. 1 Privat-Realschule mit über 1100 Schülern; ferner 10 private höhere Töchterschulen, 5 Kinderbewahranstalten, 1 Taubstummenanstalt, 1 Lehrerseminar, 1 Navigationsschule, technische Anstalt, Zeichenschule und mehrere andere Lehranstalten Der Wissenschaft dienen außerdem die Stadtbibliothek mit 60 — 70,000 Bdn. u. viele wissenschaftliche u. künstlerische Vereine, von welchen zu nennen sind: Künstlcrvcrein, Historische Gesellschaft, Literarische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Verein für die deutsche Nordpolarfahrt (von welchem die Expedition von 1869 u. 70 unter Capitän Koldewey ausging), Protestantenverein u. Evangelischer Verein, Gewerbe- u. Industrie- Verein, Kaufmännischer Verein, Landwirthschaftl. Verein (veranstaltete 1874 eine internationale land- wirthschastliche u. Gartenbau-Ausstellung), Gartenbauverein, Nautischer Verein, Bauhütte (technischer Verein), Verein für bildende Kunst mit Kunsthalle, Volksschriften- u. Volksbildungsverein, Bildungsverein Vorwärts, 2 Freimaurerlogen: Zum Ölzweig u. Friedrich Wilhelm zur Eintracht, und mehrere andere Vereine. Außer dem bereits erwähnten Krankenhause gibt es noch eine Menge wohlthätiger Anstalten, Stiftungen, Krankenkassen, Waisenhäuser, Unterstützungsvereine, 1 schwedische Heilgymnastik-Anstalt rc. Die Alles bewegenden Elemente für B. sind Handel u. Verkehr. In den I. 1871—73 vertheilte sich der Bremer Handel, wie folgt, n. repräsentirte die dabei verzeichneten Werlhe in Millionen Reichsmark: Bremen (Handel u. Verkehr). 43 Berkehrsländer. Einfuhr. 1871. >1872. >1873. Ausfuhr. 1871. >18?2.11873. Zollverein .... Großbritannien . . Hamburg .... Oesterreich-Ungarn . Schweiz. Europäisches Rußland Schweden u. Norwegen Niederlande u. Belgien Frankreich .... UebrigeS Europa . . 148,7 11,2 »,« 1ö,g 1.5 2,0 6.5 4,s 2.5 166,2 72, g 14, s 11,1 19, g 6.7 2,5 »,l 2,5 4,2 147,2 64, g 16, ° 6,g 4.0 9,7 6,5 7.0 4.0 e,2 167,« 24,g 9.7 26,s 17,i 16,o °,S 6.0 2.0 3.7 228,o 17,7 14.0 83,s 19.0 11,5 »,I 11 . S 9,7 8 ,o 268,7 21 ,s 16,1 4S,i 12 .0 17.« 19.1 9.0 1.1 3.2 Europa . . 272, g 299,g 2S9,o 802,g 339,4 S9S,g Bereinigte Staaten . 129,g 116,7 164,o 112,0 116,4 90,4 Mexico u. C.-Amerila S,s 6 .S 4,o 1,2 1,8 Westindien .... I 0 ,o 14,0 17,o 8,1 2,0 S.l Columbia .... 11,7 12 ,« 0,6 9,0 9.g Brasilien .... 14,« 12,1 14,1 9,2 0,2 0,2 Übriges Amerika . . 3,0 7,1 4'S 2,0 4,2 8 .« Amerika . . 162,2 16S,o 20 S,o 129,., 124,7 99.7 Britisch-Ostindien 26, s 26,g 27,g 9,0 9,2 0,2 llebrigeZ Asien . . 1.2 2,4 9,o 0,7 1,1 0.4 Asien . . . 27,o 2 S,o 26,. 1,0 1,8 v.s Afrika . . . 4,2 7,5 3,0 9,4 9,5 9,5 Australien rc.. 0,7 1,0 8,2 0,8 0,8 0 .» Zur Ausrüstung der Handelsflotte . . — — 4,4 4.5 6,6 Total !40S,i!4!>6.-> jSM, 7 ft29.g!471,2 jsoi, > An Waaren entfallen 1873 von !>cr Eins» hr auf: 9,132,019 Lg Kaffe .... LI 15,133,903 63,111,135 - Roggen .... 10,736,962 24,129,800 - Speck, Schinken, Schmalz 18,405,402 88,621,631 - Reis .... 16,300.105 61,021,350 - Tabak .... 59,749,787 102,761,015 - Petroleum 31,828,834 43.613,065 - Baumwolle 70,660,895 4,349,027 - Schafwolle 15,140,781 3,051.960 - Wollengarn 23.675,610 2,606,266 - Baumwollengarn . 17,329,679 324,477 - Seidenwaarcn 12.093,616 1.716,312 - Wollen- u. Halbwollenwaaren 14,065,869 56,253 Mille Cigarren 5,630,610 Von der Ausfuhr entfallen auf: 7,894,497 Lg Kaff- .... LI IS.402.2S7 23760,700 - Speck, Schinken, Schmalz - 19,772,872 70,472,549 - Reiz . . . , - 17,884,794 49,262,680 - Tabak .... - 71,469,249 89,273,988 - Petroleum ... - 31,480,811 47,472,399 - Baumwolle ... - 73,814,647 6,464,698 - Schafwolle ... - 18,179,966 3,937,689 - Wollengarn ... - 23,571,638 2,114,964 - Bamuwollengarn . . - 16,198,669 316,468 - Seiden- u. Halbseidenwaarcn - 11,897,229 1,261,966 - Wollen- u. Halbwollenwaaren - 19,766,199 197,881 Mille Cigarren ... - 8,862,719 1874 ging die Einfuhr um 31,« u. die Ausfuhr um 50,g Mill. LI zurück. Bei elfterer Ziffer waren betheiligt: Cigarren mit 2,g, Speck, Schinken, Schmalz mit 6,g, Kaffe mit 3,«, Petroleum mit 3,« Mill. LI rc. Bei der zweiten Nohtabak mit 12„, Cigarren mit 3,«, Speck, Schinken, Schmalz mit 6,«, Kaffe mit 4,i Baumwolle mit 5,^, Petroleum mit 3,« Mill. LI rc. Der Aufschwung des Bremer Handels feit 25 Jahren ist übrigens ein ganz enormer, wie nachstehende Tabelle erweist: Einfuhr: 1857—61 1872—74 von Europa (in Mill. LI) 123„ 284„ „ Amerika 87,g 189,2 „ anderen Welttheilen 11.2 35,8 Im Durchschnitt 222,g 508,5 Ausfuhr: „ Europa ISO,« 363„ ,, Amerika 163,5 « anderen Welttheilen v„ 2,3 für die Handelsflotte 1/S 5,7 203«, 474„ Schiffsverkehr, a) Seeschifffahrt: 1874 angekommen 3407 Schiffe (990,101 Tonnen), abgegangen 3243 Sch. (903,015 T.). Davon entfallen auf die europäischen Häfen angenommen: 271» (370,987 T.), ab: 2798 (429,613 T.); auf die transatlantischen Häfen an: 688 (619,114 T.), ab: 450 (473,402 T.). Bei den europ. Häfen sind die deutschen mit etwa 50 pCt., bei den transatlantischen die nordamerikanischen mit 70 pCt. betheiligt. I>) Flußschifffahrt: 1874 angekommen 5846 Sch. (384,541 T.) abgegangen 5873 Sch. (390,483T.). Eisenbahnverkehr. 1874: a) in B. Versandt: 4,561,996 Ctr., Empfang: 5,459,117 Ctr. tz) in Bremerhaven-Geestemünde, Versandt: 5,685,078 Ctr., Empfang: 4,176,591 Ctr. Postverkehr. 1874: Briefe u. Postkarten 3,128,148, Drucksachen 501,228, Waarenproben 41,886, Pakete 530,074, Werthstücke 255,676 für 90,547,826 Thlr., außerdem Postvorschüsse für 288,070 Thlr. und Postanweisungen für 3,310,663 Thlr. An telegraphischen Depeschen wurden 466,141 Stück befördert. Der Wechselverkehr erreichte nach Betrag der stempelpflichtigen Wechsel 665 Mill. LI. Die Börse B-s ist vorherrschend Waarenbörsc; die großen Umsätze darin bedingen naturgemäß ein entsprechendes Wechselgeschäft. Das Geschäft in Effecten hingegen ist von keinem großen Belang. Zur Unterstützung einer solchen Geschäftsausdehnung befinden sich in B. an Banken: die Bremer Bank (die einzige, die in B. Noten aus- gibt, nämlich zu 100 LI u. augenblicklich noch zu 10 Thlr. Cour. (30 LIf pr. appoint), gegründet 1856 u. hervorgegangen aus der 1817 gegründeten Disconto-Kasse, Acticn-Capital 16,607,000 LI, Gesammtumsatz 1874 1104,2g Mill. LI, Dividende 6,2s pEt. (1873 7„pCt.); die Deutsche National- Bank, Actiencapital 11,250,000 LI, Gesammtumsatz 828„g Mill. LI, Nettogewinn 3,g pCt. (1873 5„g pCt.); die Bremische Hypotheken-Bank, für Realcredite, besonders hypothekarische, bestimmt, Actiencapital 1,328,571 LI (40 pCt.), ausgeliehen 2,056,921 LI, Nettogewinn 7,2g pCt. (1873 6,02 pCt.); die Commandite der Prenß. Bank (demnächst Reichsbank), seit Juli 1872, Gesammt- umsatz 503,2 Mill. LI (1873 710,« Mill. LI; die Filiale der Deutschen Bank, Berlin, Betriebskapital 1,660,714 LI, Gesammtumsatz 384,g Mill. LI, Nettogewinn 14,„z pCt. (1873 14,g2 pCt.; Agentur der Niedersächsischen Bank; Filiale der Kölnischen Wechsel-Bank. Tägliche Coursnotirun- gen der Geld-, Wechsel- und Effecten-Börse. Rhederei: 1874 hatte B-s Handelsflotte 193 Segelschiffe mit 117,829 Reg. Tons od. 333,550 obm Netto, mit einer Besatzung von 3171 Mann, n. 37 Dampfschiffe mit 59,715 Reg. Tons oder 168,964 vbm Netto, 15,571 Pferdekraft, 2796 Mann Besatzung. Die größte Nhederci B-s har die Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft, der Norddeutsche Lloyd (s. d.). Die Bedeutung der Rhcde- rei bedingt wieder nothwendig die der See-Asse- curanz, welche sowol durch bremische, wie durch Agenturen auswärtiger Gesellschaftenvcrtretenwird. Auch das Versicherungswesen in den Zweigen der Lebens-, Feuer-, Renten-, Vieh- u. Spie- gelscheibeu-Versicherungeu ist bedeutend. Im unmittelbaren Zusammenhänge mit der Rhederei steht 44 Bremen (Hcrzogthiim). ferner das Bremer Auswanderungsgeschäft (s. d. Art. Auswanderung). Die Industrie B-s ist nur zum Theil mit der überseeischen Einfuhr im directen Zusammenhänge, wie die Cigarrenfabrikation, welche aber ihre bedeutenden Fabriken größ- tentheils im Zollvereinsgebiete hat, während die Comptoire sich am Platze befinden, und welche unter den Zollverhältnissen Deutschlands und in den Vereinigten Staaten NAmerikäs überhaupt gelitten hat; die Reismühlen, welche die ganze Einfuhr an rohem Reis (1873: 88,621,531 Netto) poliren u. am Platze verkaufen; der Schiffbau, mit damit correspondirenden Rcepschläge- reien und Segelmachereien; Wollenwäscherei, die in 1874 1,250,000 üZ Schweißwolle verarbeitete. Außerdem sind von Bedeutung: Eisengießerei, besonders die der Actiengesellschaft Weser von Ruf für Brückenbau und Construction großer eiserner Dampf- u. Segel-Fahrzeuge, Nähmaschinen, Knopfloch-, Callmeyers Patent- u. Singers- System, Gold- u. Silber-Fabriken mit bed. Ausfuhr, Korkschneidereien, lehr bed. Brauereien mit großer Ausfuhr, Kistenfabriken u. Dampf-Schneidemühlen, Photographie in besonderem Ruf. Über den Verkehr s. oben. Durch Kanäle von der Wunne ab ist B. mit den Moorgegenden des Tenfelsmoo- res rc. in Verbindung gebracht, auf welchen eine zahlreiche Flottille von Torfkähnen B. mit diesem wichtigen Brennmaterial versorgt. Da B. sich — einige Gebietstheile am linken Weserufer (u. demnächst auch Vegesack) ausgenommen — dem Deutschen Zollverein nicht angeschlossen hat, so umgibt Las Gebiet B-s ringsum eine Zollgrenze. Das Genossenschaftswesen ist in B. vertreten durch die Gewerbebank, welche 1873 Vorschüsse geleistet im Betrage von 8,777,578 Ll, einen Reingewinn gemacht von 27,302 LI, einen Bestand an Spareinlagen hatte von 1,802,750 Ll; außerdem durch Rohstoffvereine, einen Consumverein, den Bremer Bauverei» zur Erleichterung des Erwerbes eines Hauses (Erbes) als Eigenthum. T. m Bremen. Handel u. Bertehr: Schroot. Bremen, ehemal. Herzogthum, jetzt zur Landdrostei Stade der preuß. Provinz Hannover gehörig; bestand ans dem ehemaligen Erzstiste B., dem Hochstifte Verden u. dem Lande Hadeln; war begrenzt östl. durch die Elbe, nördl. durch die Nordsee, westl. durch die Weser u. das Gebiet der Freien Stadt B., slldl. durch die Landdrostei Lüneburg. Das Herzogthum B. war zu der Römer- Zeit von den Chauken bevölkert, die, so wie die Friesen, welche die Marschländer bewohnten, im 4. Jahrh. mit den Sachsen verschmolzen u. mit ihnen an Englands Eroberung u. an den Kriegen mit den Franken theilnahmen. Karl d. Gr. besiegte sie, ließ seit 788 daS Christenthum in Nieder-Sachsen predigen u. gründete ein Bisthum, dessen erster Bischof, Willehad, seine» Sitz in B. nahm. Unter AnSgar wurde 849 das Erzbisthum Hamburg u. das Bisthum B. vereinigt, und der Sitz des Metropoliten kam wegen Hamburgs Zerstörung 849 nach B.; so wurde aus dem Bisthum das Erzbisthum B. Ansgars Nachfolger war St. Rembcrt (865—888). Da das Erzbisthum seine Bedeutung als Metropole der nord. Missionen durch die Zerstörung derselben durch die Normannen verloren hatte, so machte unter Adalgar, Rembcrts Nachfolger, der Erzbischof von Köln wieder Versuche, B. unter seine Diöcese zu bekommen, n. durch die Synode zu Tribur (895) wurde in seinem Sinne übcr B. verfügt. Dagegen wandte sich Adalgar an den Papst um Wiederherstellung seiner Metropolitanrechte, st. aber 9. Mai 909 vor Austrag der Sache; erst unter seinem Nachfolger Hoger wurde, da Köln an Frankreich gekommen war, B-s Hoheit wiederhergestellt. Erzbischof Unni ging 935 nach Schweden, welches zu seinem Sprengel gehörte, um dort das Christenthum zu predigen, u. st. daselbst 936. Unter Adalgag (st. 988) kamen die Bis- thümer Schleswig, Ripen und Aarhuns zum Erzbisthum Bremen. Adalbert I., Sohn des Pfalzgrafen Friedrich von Sachsen, erhielt von Kaiser Heinrich III. reiche Besitzungen, wogegen er Bernhard Billung nicht allzu mächtig werden ließ, auch gedachte ihm der Kaiser sein Erzbisthum zu einem Patriarchat zu erheben mit der Macht über alle norddeutschen Bisthnmer. Doch starb der Kaiser vor Ausführung der Idee, 1056, u. Adalbert nahm seit 1062 theil an der Regentschaft für Heinrich IV. 1066—69 war er fern vom Hofe, wo er sehen mußte, wie das Erzbisthum von den ihm zürnenden sächsischen Großen, des. den Billungern, verwüstet wurde; er st. 16. März 1072 zu Goslar. Sein Nachfolger Liemar, unter dem sich die dänischen BiSthümer nach der Gründung des Erzbisthums Lund von B. losrissen, wurde als Anhänger Kaiser Heinrichs IV. von dem Papste mit dem Bann belegt, 1088 vom Herzog Lothar von Sachsen gefangen u. mußte sich u. a. durch Abtretung der Schirmvogtei über die Stadt B. loskaufen. Unter Gerhard II. ward 1223 der Bischofssitz nach Beseitigung der oft wiedergekehrten Streitigkeiten der Domstifter von Hamburg, wo er bisher in der Regel gewesen war, nach B. gelegt. Gerhard ließ unterhalb B-s die Weser sperren n. daneben das Schloß Wittenburg bauen, um einen höheren Zoll zu erzwingen. Als die BremerSperruug ».Schloß zerstörten, verließ der Erzbischof B., und er und seine Nachfolger residirten in benachbarten Schlössern, bes. zu Bremervörde. 1289 war Giselbert Bischof. Die Stadt B., durch Handel reich geworden, entzog sich dagegen mehr u. mehr der Gewalt der Erzbischöfe, welche mit ihren Grcnz- nachbarn u. Vasallen in ununterbrochenen Fehden lebten, u. machte sich fast ganz unabhängig. Unter dem grausamen Christoph (1511—1558) begann die Reformation sich auch in B. zu verbreiten. Vergebens verfolgte e« sie; er ward vom Dom- capitel abgesetzt u. in ein Kloster gesperrt. Seine Nachfolger, zunächst sein Bruder Georg (st. 1566), dann Heinrich III. von Sachsen-Lauenbnrg (st. 1585) u. Johann Adolf, Prinz von Schleswig (legte 1596 sein Amt nieder), regierten friedlich. Joh. Adolfs Bruder, Johann Friedrich (st. 1634), in den Dreißigjährigen Krieg verwickelt, wurde erst von den Dänen, dann von den Kaiserlichen abgesetzt, später aber von den Schweden resrituirt. Sein Nachfolger Friedrich, Prinz von Dänemark, letzter Erzbischof von B., ward 1644 von den Schweden verjagt, und das Erzbisthum B. (mit 45 Bremen — Bremer Beiträge. Ausnahme der Stadt B.) u. das Stift Verden verblieben den Schweden im Frieden von 1648 als Entschädigung für die Kriegskosten unter dem Titel von Herzogtümern. Mittelpunkt der Verwaltung wurde Stade. Bei der 1675 gegen Schweden erklärten Reichsacht besetzten die Häuser Braunschweig u. der Bischof in Münster, Bernhard v. Galen, B. u. Verden, gaben sie aber 1679 zurück. 1709 ward B. u. Verden von den Schweden an Hannover versetzt u. von Preußen u. Wolfen- büttlcrn besetzt. 1712 eroberte es Dänemark bei dem Kriege mit Karl XII. (s. Nordischer Krieg), verkaufte es aber 1715 für 600,000 Thlr. an Hannover u. trat es im Frieden von 1720 gegen eine Nachzahlung von 190,000 Thlr. förmlich ab (s. ebd.). 1803 ward es von den Franzosen eingenommen, 1806 auf kurze Zeit von Frankreich an Preußen abgetreten, 1810 ein Theil zum Königreich Westfalen geschlagen, bald aber von Napoleon zurückgefordert u. das Ganze als Departement der Wesermündungen mit Frankreich, 1813 aber wieder mit Hannover vereint. Vgl. Johann Rode, 6ttron1oon brsmsnos, in 2 Bdn., von Leib- niz' Lorixt. rorum Lrunavio.; Pratje, DieHerzog- thümer B. u. Verden, Bremenl757 f., 2 Thle.; Kobbe, Geschichte u. Landesbeschreibung der Her- zvgthümer B. u.Verden, Güttingen 1824, 2 Thle.; Lappenberg, Quellen zur Geschichte des Erzbis- thums B., Bremen 1841. Bremen, s. Biesfliegen. Brcmenschwindel, Bremenlarvcnkrankheit od. Schleuderkrankheit, eine durch den Aufenthalt der Larven der Schafbreme (Osstrus ovis) in der Nase u. ihren Nebenhöhlen bedingte Krankheit der Schafe; kommt am häufigsten in den Monaten März bis Mai, wo die Larven ihre vollkommene Entwickelung erlangt haben, zur Beobachtung u. kennzeichnet sich durch Symptome der Nasenreizung, neben denen sich gradatim ein kachektischer Zustand entwickelt. Schmidt. Bremer, Connty im nordamerik. Unionsstaate Iowa, u. 42° n. Br. u. 92° w. L.; 12,528 Ew.; Countysitz: Waverly. Bremer, Fredrika, schwedische Novellendichterin, geb. 17. Aug. 1801 bei Abo i» Finnland; lebte mit ihrem Vater, einem reichen Kaufmann u. Bergwerkbesitzer, seit 1805 in Schweden (theils in Stockholm, theils auf dem Hofe Ärsta inSödermanland), später eine Zeit lang in Norwegen bei ihrer Freundin, der Gräfin Sonnerjhelm, wurde Lehrerin an einem Töchterinstitut in Stockholm u. bereiste Deutschland, England u. die,Ver- einigten Staaten; st. 31. Dec. 1865 auf Ärsta. Sie gehört zu den besten schwedischen Romanschriftstellern u. schrieb seit 1828 (schwedisch) eine Menge Novellen, z. B.: Die Töchter des Präsidenten, Nina, Die Nachbarn, Die Hcimath, Geschwisterleben, In Dalekarlien; diese früheren sind die wirklich werthvolliien. Ihren Ruhm außerhalb Schwedens, speciell in NAmerika und England, erwarb sie vielmehr durch ihre späteren philanthropischen u. informatorischen Tendenzromane, welche ästhetisch von sehr geringem Werthe sind. Ihre Novellen erschienen als looieuiuga.r ur llvaicknAsIikvvt, Stockh. 1835—43, 7 Bde., und bsokn, ur klvarä., 1844—48, 8 Bde., deutsch als Skizzen aus dem Alltagsleben, Lpz. 1841 bis 1853, 20 Bde., u. einzeln u. öfters ins Deutsche (Ausgewählte Schriften deutsch von Wollheim, 8 Bde., Vieles. 1841, 2.A., von Wollheim n. Runkel, in 3 Bdn., ebd. 1844), auch ins Englische, Französische u. Holländische re. übersetzt. Außer- dem schr. sie noch: NorANu-Vüoietor, 1842 (gegen Strauß' Bibelkritik, das Buch wird von schweb. Kritikern als Curiosum betrachtet), deutsch Morgenwache, Hamb. 1842, od. Morgendämmerung, Elb. 1842; Hemmen 1 äsn n^a, verläsn, Stockh. 1853, deutsch als Heimath in der Neuen Welt, Lpz. 1854—55; lükvet i Zumla. verläsu, 1860 bis 1P62. Nach ihrem Tode erschien Lzelkbio- Arapknslc» anbookninAar, drei etc. 1868. Gesammelte Schriften, deutsch,Lpz. 1857—63, 50 Bde. Bremer Beiträge oder nach dem vollständigen Titel: Neue Beiträge zum Vergnügen des Verstandes u. Witzes, Bremen u. Lpz. 1744—48, hieß eine deutsche Zeitschrift des 18. Jahrh; sie war ins Leben gerufen von den tüchtigsten Mitarbeitern der Belustigungen des Verstandes und Witzes, die Gottscheds eifriger Anhänger Johann Joachim Schwabe in Leipzig seit 1741 hcrausgab. Mittelpunkt des Dichterkreises, welcher die neue Zeitschrift herausgab, war Karl Christian Gärtner, dem sich gleich anfangs Johann Andreas Trainer u. Johann Adolph Schlegel zugesellten. Etwas später traten Johann Gottlieb Wilhelm Raöener, Konrad Arnold Schmid, Johann Arnold Ebert, Justus Friedrich Wilhelm Zachariä, Johann Elias Schlegel hinzu. Friedrich ».Hagedorn begünstigte das Unternehmen. Später wurden noch Christian Fürchtegott Geliert, Nikolaus Dietrich Giseke, zuletzt Gottlieb Fuchs u. Friedrich Gottlieb Klopstock dafür gewonnen. Fast alle diese Männer hat Klopstock in seiner schwungvollen Ode Wingolf besungen. Die meisten von ihnen wohnten damals in Leipzig; durch allmäliche Verpflanzung dar Meisten wurde der geistige Zusammenhang nicht aufgehoben. Die B. Beiträger wollten literarischen Frieden u. sagten sich deshalb von Gottsched los. Im Allgemeinen kamen sie zwar über den trockenen Lehrstil, über den Standpunkt der Correctheit nicht hinaus; sie bildeten sich vorwaltend nach französischen Mustern; die Mehrzahl ihrer Poesien trägt erkünstelte Stimmungen vor. Aber inner- halb dieses altmodischen Geschmackes regten sich die Keime einer frischen Entwickelung, eines bedeutenden Fortschrittes. Die Genossenschaft hatte keineswegs die Franzosen allein vor Angen; sie folgte auch in der zum Besseren führenden Hingebung an die englische Literatur dem von Haller, Hagedorn, Bodmer, Breitinger gegebenen Beispiel. Johann Elias Schlegel nahm Shakespeare gegen die Angriffe Gottscheds (1741) öffentlich in Schutz u. sprach eine für jene Zeit überraschende Bewunderung des großen Briten aus. Er Wat (1747) gegen die Abhängigkeit des deutschen Dramas von dem französischen auf, vertheidigte das englische und erklärte sich für die Wahl deutscher Gegenstände; er war Lessings Vorgänger. Leider st. Schlegel schon 1749, u. vorerst blieben seine Gedanken Theorien. Mit der Hingebung an die englische Literatur hing der Sinn für,volksthüm- liche heimische Stoffe zusammen. Zachariä schildert 46 Bremer Blau — Brems. in seinem Renommisten Gegenwärtiges. Gellert u. Rabener wurden volksbeliebte Autoren, jener in einer Stärke und einem Umfange, die uns nur bei Schiller und Uhland wieder begegnen. Gellert und Rabener wirkten segensreich; Gellert wurde, nach Hettners treffendem Ausspruche, ein kraecoptor Ksrmauiao. Endlich hatte der Bund einen Dichter ersten Ranges in seiner Mitte: in den B. B-n von 1748 erschienen die drei ersten Gesäuge des Messias, womit die neuere deutsche Dichtung den Rubicon überschritt. In Klopstock, der freilich über den Horizont seiner Freunde weit hinausging, stellte sich die deutsche Lyrik stolz und kühn auf die eigenen Füße und wurde zum gewaltigen Ausdrucke der höchsten Ideale. Vgl. Hettner, Literaturgesch. des 18. Jahrh., 3. Theil, 1. Buch, S. 377 ff.; Gödekcs Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, II. 2. A., 1862, S. 574 ff. Bremer Blau, Farbstoff, der in leichten, lockeren Stücken von blauer, etwas ins Grünliche ziehender Farbe in den Handel kommt. Es besteht aus einem Kupferoxydhydrat. Als Wasser- und Leimfarbe liefert es ein lichtes Blau; mit Öl angerieben, geht seine Farbe nach etwa 24 Stunden in schönes Grün über, eine Folge davon, daß sich das Kupferoxyd, mit Bestandtheilen des Öls (Palmitinsäure u. Ölsäure) zu einer grün gefärbten, seifenartigen Berbindung vereinigt; es führt deshalb auch Len Namen Bremer Gmln. Zu seiner Darstellung werden gleiche Gewichts- theile Kochsalz n. Kupfervitriol, beide vollkommen eisenfrei, mit etwas Wasser gemahlen, der steife Brei mit der gleichen Gewichtsmenge kleingeschnittener Kupferabfälle in den sogen. Oxydirkästen in etwa l omhohenLagen ausgeschichtet u. in einem kühlen Raume längere Zeit der gegenseitigen Einwirkung überlassen. Es entsteht zunächst Kupferchlorid, welches durch Aufnahme von Knpferoxyd und Wasser allmählich in eine grün gefärbte, unlösliche basische Verbindung (wahrscheinlich 6u01-l- 6uO-j-4lliO) übergeht. ZurBeförderung der Zersetzung wird die Masse alle 2 - 3 Tage mit einer kupfernen Schaufel nmgestochen. Nach 4—5 Monaten wird die Masse in großen Schlämmbottichen mit Wasser zu einem dünnen Schlamme angerührt, von dem nicht oxydirten Kupfer abgegossen, mit einer genügenden Menge Salzsäure versetzt u. in den sogen. Blaubottich (Blauback) mit klarer Kalilauge unter fleißigein Umrühren gefällt. Nach einigen Tagen gießt man die farblose Flüssigkeit von dem blauen Niederschlage ab, wäscht letzteren wiederholt mit reinem Wasser ab, bringt ihn auf Seihetücher, preßt und schneidet ihn u. trocknet ihn endlich langsam bei 30—35°; bei höherer Temperatur würde sich unter Abgabe von Wasser schwarzes Kupferoxyd bilden. Die oben erwähnte grüne basische Verbindung erhält inan auch durch gegenseitige Einwirkung von zerschnittenem Kupferblech, Kochsalz und verdünnter Schwefelsäure, oder durch Besprengen von Kupferblech mit einer Auflösung von Knpferhammer- schlag (Kupferasche) in Salzsäure. Hetzer. Bremer Grün (künstliches Berggrün), s. Bremer Blau. Bremerhaven, Stadt rechts an der Weser u. der Geestemündung, zum Gebiete der Freien Stadt Bremen gehörig, aber davon getrennt u. vom Gebiete der preuß. Prov. Hannover auf der Landseite umgeben, gegenüber der preuß. Stadt u. Eisenbahnstation Geestemünde, am linken Ufer der Geeste, 1827 auf einem von Hannover an Bremen käuflich abgetretenen Gebiete durch letzteres gegründet; ist regelmäßig gebaut, besitzt schöne Plätze u. Straßen, Gaseinnchtung, Wasserleitungen, Deiche gegen die Weserfluthen; schöne neue goth. evangel. Kirche, kathol. Kirche und luth. Kapelle; Realschule u. Volksschulen, zwei private höhere Töchterschulen; großartiges Auswanderer- Haus, Theater, Freimaurerloge: zu den drei Ankern. 3 Häfen (1830, 1851 —1866 und gegenwärtig errichtet) von 72,400, 82,700 und 66,200 (Zm mit Trockendocks, 4 Werften, Lagerhäuser, Dampskrähne, 4 gepanzerte Forts an der Wesermündung, 2 Leuchtthürme; telegraph. Zeitbellstation, Filiale der deutschen Seewarte und Agentur des Norddeutschen Lloyd. 1874 liefen in die beiden älteren Häfen 1700 Schiffe ein. Die (1871) 10,768 (1875 nach Berechnung 12,000 Ew.) finden ihren Erwerb meist in Schifffahrt, Schiffbau, Spedition, Handel mit Schifssutensilien rc. Eine directe Eisenbahnverbindung mit Berlin über Uelzen ist projectirt. X. in Bremerhaven. Bremerlehe, auch (Lehe), städt. Flecken, Amtssitz im Kreise Lehe der preuß. Landdrostei Stade, an der Geeste u. nahe der Weser; Wasserleitungen für das 3 üm entfernte Bremerhaven; kleiner Hafen; Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Dampfsägen, Ziegeleien, Fabrik, natürl. Mineralwasser; 6080 Ew.; ehemals Eigenthum der Stadt Bremen. Bremervörde, Stadt (seit 1852)im Geestkreise der preuß. Landdrostei Stade, Stat. der projectirten Bahn Geestemünde - Buchholz - Berlin; Amtssitz; Superintendentur; Schiffbau; Branntweinbrennerei, Bierbrauerei, Leim-, Knochenmehl- u. Tabakfabrikation; bedeut. Märkte; Schifffahrt; 2903 Ew. — Sonst residirten in dem 1122 vom Herzog Lothar von Sachsen erbauten Schlosse oft die Erzbischöfe von Bremen. 1547 nahmen die Bremer den Ört den Erzbischöfen ab; 1628 wurde derselbe von den Kaiserlichen erobert; 1632 bekam ihn der Erzbischof durch schwedische Hilfe wieder; 1645 eroberten u. 1646 verbrannten die Schweden B.; 1647 eroberten es die Dänen, gaben es aber 1658 im Roeskilder Frieden zurück; 1675 nahmen es die Braunschweiger ein, traten es aber 1680 wieder ab. Bremgarten, Stadt u. Bezirksort im schweizer Kanton Aargau, an der Reuß; schöne Kirche u. Rathhaus; Bezirksschule; Gerbereien u. Papierfabriken; 1630 Ew. — B. war früher Reichsstadt, kam aber mit der Zeit an das Haus Habsburg u. 1415 an die Eidgenoffen; 1529 führte Heinrich Bullinger, der hier geboren war, die Reformation ein; doch wurde 1531 die katholische Lehre restau- rirt, u. die Protestanten wunderten nach Zürich aus. 1656 u. 1712 in den Krieg der kathol. Kantone mit Zürich u. Bern verwickelt, wurde B. von den Zürichern erobert und im Frieden 1712 den Siegern überlaffen. 1793—95 hielt sich Louis Philipp in B. unter dem Namen Corby auf. Brems nebst Zusammensetzungen, s. Bremse. Bremsberg Bremsberg, s. u. Bremse und Bergbau Gieseler» Bremsen ('1'abanickas), Jnsectenfam. aus der Unterordnung der Fliegen, Ordnung der Zweiflügler; Körper breit u. etwas flach, mit großem, breitem Kopfe u. flachem, achtgliederigem Hinterleibe; die Augen des Männchens stoßen auf dem Kopfe zusammen; Endglied der Fühler gegliedert, ohne Borste und grisselförmigern Anhänge; der kurze, wagerecht vorstehende Rüssel hat beim Weibchen 6 Stilete, beim Männchen nur 4, da diesem die messerförmigen Mandibeln fehlen; die Tarsen der Beine haben je 3 Haftläppchen. Die Fliegen stechen empfindlich u. saugen Blut. Die Larven sind walzenförmig u. leben in der Erde. Dahin die Rindsbremse (ltabanus bovimw T.), 2 ein lang; Brustrücken schmu-tzigbrauu, durch gelbliche Behaarung ziemlich verdeckt; Flügel bränlich-grau mit gelb-braunem Geäder; Hinterleib vorherrschend wachsgelb, schwarz geflÄt, mit dreieckigen hellgelben Rückenflecken. Die Fliegen, namentlich die Weibchen, suchen sonnige Orte auf, fallen dort das Vieh an u. stechen cs so stark, daß das Blut herabrinut u. das Vieh wüthenü 48 Brcmulc — Brcndel. wird. Dem Menschen gegenüber sind sie scheu. An rauhen, dunklen Tagen sitzen sie an Baumstämmen, namentlich auch an schadhasten Eichbäumen, deren ausfließenden Saft sie saugen. Ende Juni, Anfang Juli legt die Fliege ihre Eier haufenweise zu je 3- bis 400 an Grasstengel ab. In etwa 2 Wochen sind die Lärvchen entwickelt; diese halten sich gesellig in lockerer Erde auf, wahrscheinlich von Graswurzeln lebend. Im Mai nach der Überwinterung ist die Made erwachsen, streift ihre Haut ab u. verwandelt sich in die 2 am lange Mumienpuppe, welche grau von Farbe ist, an dem Hinterrande der 8 Hinterleibsringe mit Fransen grauer Haare, am letzten Hinterleibsringe aber mit einem Borstenkranze versehen ist, mittels dessen sie sich aus der Erde emporarbeitet. Flicgennetze, Abkochungen von Walnußblättern in Essig, Abreibung mit frischen Walnußblättern, Tabakabkochungen u. Petrolenm- cinreibungen sind geeignete Mittel, die B. vom Vieh abzuhalten. Die Blindbremse (Llrr^ooxs ooeontisns T.) ist der vorigen ähnlich, aber nur etwa 8 mm lang; auch ist ihr Hinterleib mehr gerundet; ihre Flügel besitzen eine dunkle Binde; ihre Augen sind prächtig goldfarben. Sic lebt meist honigsaugend auf Blumen, in der Gewitterschwüle fällt sie aber auch Menschen u. Vieh an u. ist, wenn sie sich zum Saugen eingerichtet hat, blind gegen jede Gefahr, woher ihr Name; in Deutschland häufig. Die Regenbremse (8as- mutopüta pluvialis L.); Größe der vorigen; dunkelbraun, grau gezeichnet; Flügel schwarz-grau, hell marmorirt; Augen in der oberen Hälfte purpurn strahlend. Sie liebt es namentlich, bei Sprühregen oder vor Gewittern Thiere u. Menschen anzufallen. Die Renthiere Lapplands sollen unglaublich stark von ihnen heimgesucht werden, derart, daß in Folge der Wunden oft deren ganze Haut mit Ausschlag bedeckt ist. Diese und die vorige Art entwickeln sich wie die Rinds-B. — Nicht zu verwechseln mit den B. sind die Bremen; s. Biesfliegen. Thonw. Bremule, Ort im franz. Dep. der Eure, wo die Engländer unter Heinrich I. 1117 die Franzosen unter Ludwig III. schlugen, aber beide Könige gefangen wurden. Früher nannte man den Ort der Schlacht irrthümlich Brenneville. Brenchley, Julius L., engl. Reisender, geb. 1817 zu Maidstone in England, gest. im Frühjahre 1873; bereiste 1849 NAmerika, untersuchte mit Jules Remy während 4 Jahren die Sandwich- Inseln, bereiste dann mit diesem bis 1858 Amerika, u. zwar 1855 über Californien nach der Salzsee-Stadt Neu-Mexico, Panama n. Ecuador, wo sie den Pichincha u. Chimborazo bestiegen, ferner nach Peru, den Chincha - Inseln, Chile u. den Vereinigten Staaten, wo sie 1857 den Mississippi von der Quelle bis nach St.-Louis hin- abfuhren, u. kehrten darauf nach England zurück. Die Jahre 1858—61 vergingen mit Ausflügen nach Spanien, Sicilien, Algerien, Marokko rc. u. mit schriftstellerischen Arbeiten. Im I. 1862 traten sie eine Reise nach OAsien an. Nachdem sie Indien u. Ceylon besucht hatten, erkrankte Remy, u. B. setzte allein die Reise nach China, der Mongolei, Japan, Australien u. Neu- Seeland fort. Ende 1864 besuchte er im Aufträge des Gouverneurs Sir George Grey mit Lieutenant Meade die freundlich gesinnten Maori- Stämme am Taupo-See, machte 1865 auf der englischen Fregatte Curaxao die Fahrt nach den Samoa-, Freundschafts-, Fidschi - Inseln u. Neu- Hebriden mit u. beschrieb dieselbe in dem Prachtwerke: llottmAs änriuA tüs orniss ob 8. Ll. 8. Onrayao amonA tüs 8ontü-8ea Isianäs, Lond. 1873. Bon Australien kehrte er über China, die Wüste Gobi, Sibirien u. Rußland nach England zurück. Mit Reniy veröffentlichte er: llourns^ to 6roat-8s,It-I-aIcö Oitz-, 2 Bde., Lond. 1861. Seine reichen Sammlungen sind im Britischen, Museum u. in dem Museum seiner Vaterstadt aufbewahrt. Schroot. Brend'amour, Franz Robert Richard, verdienstvoller Lylograph, geb. 16. Oct. 1831 in Aachen; lernte mehrere Jahre bei dem Holzschneider E. Stephan in Köln u. gewann seine weitere Ausbildung durch Selbststudium, als dieser 1850 nach Paris ging. 1856 ging er nach Düsseldorf, wo er ein Atelier für Holzschneidekunst errichtete, das, unterstützt durch den Düsseldorfer Künstlerkreis, einen raschen Aufschwung nahm u. eine Reihe von bedeutenden, künstlerisch wohl ausgcführten Werken an die Öffentlichkeit brachte, so: Bilderkatechismus, nach R. Elster, Par. u. Düsseld. 1860; Jmmer- manns Oberhof, nachVautier, Berl. 1863; Walder- sees Jäger, nach Beckmann, ebd. 1865; Die Insel Capri, nach Lindemann Fromme!, Lpz. 1868; Die Insel Sicilien, nach Metzcner, ebd. 1870; Die acht Frescobilder Rethels, als Prämie des Kunstvereins für Rheinland u. Westfalen, 1871; Die Odyssee, nach Preller, Lpz. 1871; verschiedene prachtvoll ausgestattete Sammlungen deutscher Dichtungen rc. Fm I. 1871 übernahm B. die sämmtlichen xylographischen Arbeiten für die zu jener Zeit in Berlin entstandene Acticn-Gesellschaft Bazar (ein illnstr. Journal für Mode u. Belletristik), zu welchem Zwecke er daselbst eine Filiale errichtete. Nachdem dieses neue Kunstinstitut auch dort mit jedem Jahre an Ausdehnung gewonnen u. sich der besten künstlerischen Tätigkeit im Aufträge vieler Berliner Kunstverleger zu erfreuen hatte, etablirte B. 1874 sowol in Leipzig, wie auch in Stuttgart gleichfalls eine Filiale, so daß die Leistungen seiner künstlerischen Kräfte allen Kunstverlagshandlungen Deutschlands dadurch zugänglicher gemacht wurden. Seine xylogr. Kunst- Anstalt ist gegenwärtig die bedeutendste Europas, indem sie nahezu an 70 Künstler stetig beschäftigt. Brendel, 1) Franz, Lehrer der Musikgeschichte, Ästhetik u. Declamation am Leipziger Conservatorium der Musik, geb. 26. Nov. 1811 in Stolberg am Harz; studirte in Leipzig u. Berlin, wendete sich während eines längeren Aufenthaltes in Freibcrg der Literatur, bes. der Musikgeschichte zu, hielt in den ersten vierziger Jahren Vorlesungen über dieselbe in Dresden u. siedelte 1844 zur Übernahme der Redaction der Neuen Zeitschrift für Musik nach Leipzig über u. erhielt eine Professur am dortigen Conservatorium. In seiner Zeitschrift vertrat er mit Energie u. Geist die neuromantische Richtung, bes. F. Liszts und R.Wagners. Erst.25.Nov.1868. B.schr.: Grund- Vrenets Brcmrcr. 49 züge der Geschichte der Musik, Lpz. 1848, s. A., ebd. 1861; Geschichte der Musik in Italien, Deutschland u. Frankreich, 2 Bde., ebd. 1352, 5. A., 1874; Die Musik der Gegenwart u. die Gesammtkunst der Zukunft, ebd. 1854; F. Liszt als Symphoniker, ebd. 1859; Geistu. Technik im Klavierunterricht, Andeutungen zur methodischen Gestaltung desselben, ebd. 1867; gab mit Rich. Pohl heraus: Anregungen für Kunst, Leben u. Wissenschaft, ebd. 1856—61. 2 ) Albert, berühmter deutscher Thiermaler in Berlin, geb. 7. Juni 1827 daselbst; bildete sich in seiner Vaterstadt u. unter dem Einflüsse neuerer franz. Maler, namentlich Rosa Bonheurs, die er aber durch größere Lebeuswahrheit übertrifst. Am stärksten erweist er sich in der Darstellung der Schafe. Er entwickelt in seinen Compositivnen eine große Fülle von Phantasie, u. wird deren Werth durch effect- volle Behandlung noch erhöht. 1) Brambach. L) Regnet. Brenets (Aux-B.), Pfarrgemeinde im Bezirke Locle ves schweizer Kantons Neneuburg, am Abhange des Ponilleret im Thal des Doubs, welcher in der Nähe einen 26 in hohen Wasserfall bildet (Saut du Doubs); Uhren-, optische Jnstrumenten- u. Spitzenfabrikation; 1200 Ew. Brenier, Anatole, Baron, franz. Diplomat, geb. um 1806; war früher bei der Gesandtschaft in Lissabon u. London, nachher franz. General- consul in Warschau u. 1845 in Livorno; 1848 wurde er Director des Rechnungswesens im Departement des Auswärtigen, u. vom 24. Jan. - bis 11. April 1851 Minister der auswärtigen Angelegenheiten; 1852 ging er in außrrvcoeut- licher Mission im Aufträge der franz. Regierung nach Bern, Turin, Florenz, Rom u. Neapel u. war vom Novbr. 1855 bis Octbr. 1856 n. 1859 bis zum Einfalle Garibaldis Gesandter Frankreichs ! am neapolitanischen Hofe; 1861 wurde er Senator. Brenkenhoff, 1) Franz Balth. Schön- ^ berg v. B., verdienstvoller preuß. Staatsmann, j . geb. 15. April 1723 in Reideburg bei Halle; > war anfangs Page bei dem Fürsten Leopold von l . Anhalt-Dessau, seit 1745 Oberstallmeister u. später l Kammerdirector u. dann Mitvormuud für den jungen Fürsten Franz. Er legte sich später auf ! die Landwirthschaft, trat in prenß. Dienste, wo er ! .. 1762 Geheimer Finanzrath wurde u. den Auftrag ^ erhielt, in Pommern u. in der Neumark die Spu- ren des Krieges durch gute Einrichtungen zu ver- ! ? wischen. Er bewirkte des. in Roßwiese die Ent- l' Wässerung der Netze- u. Oderteiche; nachher erhielt > er die Verwaltung von Posen, wo er sich ebenfalls große Verdienste erwarb; der Kanal zwischen Netze u. Weichsel ist ebensalls sein Werk. Er st. 21. Mai 1780, nachdem er bei seinen Unter- ; uehmungen sein eigenes Vermögen eingesetzt hatte. Brennbar, fähig zu verbrennen, d. h. unter > Auftreten von Licht u. Wärme sich mit Sauer- s stoss zu verbinden. s Brcnnbüchl, Gasthaus zwischen Imst u. Wens ft in Tirol, in dessen Nähe 9. August 1854 König : Friedrich August von Sachsen verunglückte, zu : ^ dessen Andenken hier eine Kapelle errichtet ist. Brenne (La B.), sumpfige Landschaft im franz. Dep. Judre, zwischen Chateauroux u. Le Blanc; s.ss bedeutende Blutegelfischerei. sl Pierrrs UmveriV-TolwersatwnZ-Lerikon. 6. Ausl. I Brennen, s. Verbrennung. Brennen, die slavischen Bewohner der späteren Mark Brandenburg; daher dichterisch so v. w. Preußen. Brennenbcrg, Reinmanod. Reinmar von B., mittelhochdeutscher Dichter des 13. Jahrh., Adeliger aus der Gegend von Regensburg. Von ihm befinden sich Lieder u. Sprüche namentl. in der Pariser (Manessischen) Handschr. der Minnesänger. Brennende Liebe, s. I^ebum. Brenner, die am Ende einer Gasleitungsröhre angebrachte Vorrichtung, durch welche das Gas ausströmt. Zur Straßenbeleuchtung verwendet man am zweckmäßigsten Fledermaus- oder Schnitt- B. u. Fischschwanz- oder Zweiloch-B., deren Namen der Gestalt der Flamme u. der Ausströmungsöffnung beziehlich entsprechen. Ersteren gibt man den Vorzug bei kohlenstoffärmerem, letzteren bei kohlenstoffreicherem Gase. Gasverbrauch 0,^ bis O,^ ebm per Stunde, gewöhnlich 0,^ obm. Der Fledermaus-B. hat drei divergirende runde Löcher, die durch einen vertikalen Schnitt verbunden sind. Zum Behufe der Zimmerbeleuchtung bedient man sich derselben B. mit 0,^ bis 0,2s °dm stündlichem Gasverbrauch u. der Ar- gandschen V., bei welchen die Röhre in der hoh- len Wand eines Cylinders endigt u. das Gas aus den in dem oberen, ringförmigen Rande angebrachten Löchern ausströmt, deren Zahl 32 bis 40 beträgt, bei einem Gasverbrauche von 0,^ bis 0,2 cbm per Stunde. Man umgibt die Flamme mit einem Cylinder, so daß sie von einein inneren u. einem äußeren Luftzuge unterhalten wird u. ruhig brennt. Die Leuchtkraft der Flamme steigert sich bedeutend, wenn man zwei Flammen so nahe an einander anbringt, daß sie sich zu einer Flamme vereinigen, weil dadurch der innere Raum, in welchem die weißglühenden Kohlen- theilchen sich befinden (vgl. Beleuchtung) vergrößert wird. Um mit möglichst wenig Gas die größte Helligkeit zu erzielen, verwendet man Spar-B., deren Einrichtung,, meist dahin gehl, das Gas aus möglichst großen Öffnungen unter geringem Drucke ausströmen zu lassen. Ein gewöhnlicher B. kann dadurch zum Spar-B. umgewandelt werden, daß man die Austrittsöffnungen für das Gas vergrößert, während man den Zuleitungshahn möglichst geschlossen hält, oder in der Nähe der Ausströmung das Rohr dauernd verengt. B., deren Flammen zur Erhitzung dienen, müssen eine Mengung des Gases mit Luft vor der Verbrennung veranlassen, so daß die Flamme ihre Leuchtkraft verliert, aber um so stärker erwärmt und nicht an kalte Gegenstände Ruß ablagcrt. Früher ließ man das Gas in ein weiteres, unten offenes Rohr strömen, das oben durch ein Drahtnetz abgeschlossen war. In dem Rohre mengte sich das Gas mit Luft, u. die oberhalb des Drahtnetzes entzündete Flamme wurde durch dieses verhindert, sich nach unten zu verbreiten. In neuerer Zeit läßt man nach Bunsens Erfindung das Drahtnetz fort, macht dafür das Rohr, in welchem sich das Gas durch eine seitlich angebrachte Öffnung mit Luft mengt, eng u. verhältnißmäßig lang. Dann verhindert die Schnelligkeit des Gasstromes die Verbreitung der Flamme nach unten. Meseler.' Band. 4 50 Brenner Brennmaterialien. Brenner (Nana Lrsiwius), Alpenspitze in der Grafsch. Tirol (Österreich); zwischen Innsbruck u. Sterzing, 2034 in, an ihr liegt der tiefe Sattel des B. 1420 in; im Mittelalter hieß die Straße über denselben, welche die Kaiser meist bei der Römerfahrt benutzten, deshalb die Kaiser- straßc. 14. Aug. 1867 wurde über denselben die B. Bahn eröffnet, von Innsbruck bis Bozen, 127 km lang; auf dieser Strecke 27 Tunnel, darunter mehrere Kehrtunncl, der bedeutendste ist der Mühlthal - Tunnel, von 855 m Länge. Diese Bahn ist gegenwärtig die kürzeste Verbindung zwischen Deutschland und Italien, wichtig für den Verkehr mit Ägypten n. Ostindien n. von besonderem Vortheil für Venedig. Südl. vom Passe, bei der Station u. Festung Franzensfestc Verbindung mit der von O. ans dem Pustcrthal kommenden Bahnlinie. Vgl. Noe, B.-Buch, München 1869; Volpi, Über den B. nach Italien, 2. Ausl., Innsbruck 1869. Brenner, Richard, deutscher Reisender, geb. 20. Juni 1833 in Merseburg; war erst Forstmann im Harz, begleitete 1864 den Baron v. d. Decken ans seiner zweiten Reise nach OAsrika als Privatsccretär, entging aber dem Schicksal des Barons, der am 3. Öct. 1865 am Juba durch Eingeborene ermordet wurde, u. kehrte im April 1866 nach Deutschland zurück, begab sich aber in dems. Jahre auf Veranlassung der v. d. Deckenschen Familie wieder nach dein Schauplätze der Katastrophe n. brachte die Papiere v. d. Beckens in Sicherheit. Er bereiste dann des. das südl. Galla- Land im N. von Ost, welches er zuerst beschrieb. Im Februar 1868 kehrte er nach Zanzibar und von da über Aden nach Europa zurück. Anfang 1870 ging er für das kaufmännische Direktorium in St. Gallen (Schweiz), sowie für österreichische Firmen nach Aden n. der oslrsritänischen Küste, um dort neue Handelswege zu eröffnen, was ihm auch gelang. Gleichzeitig unternahm er Entdeckungsreisen in Oman, an der Somali- u. Galla- Küste, sowie in der Umgebung von Zanzibar. Im Sommer 1871 kehrte er krank nach Deutschland zurück, besuchte seine Vaterstadt, ging aber in demselben Jahre als österreich. Consnl nach Aden u. von da nach Zanzibar, wo er 22. März 1874 starb. S. die Berichte in Petermanns Geogr. Mitth., 1868, S. 361 u. 456, 1871, S. 390 n. 1873, S. 40 N. 60. Brcnnevillc, s. u. Bremule. Brcnnglas (Phys.), Sammellinse, welche znm Nnzünden brennbarer Gegenstände benutzt wird. Diese Anwendung der Sammellinsen beruht auf ihrer Eigenschaft, die Lichtstrahlen derart zu brechen, daß sich dieselben in einem Punkte hinter der Linse, dem Brennpunkte, vereinig . Wenn daher ein hinreichend großes u. dm.(nächtiges B. so gegen die Sonne gewendet wird, daß die Sonnenstrahlen senkrecht auf dasselbe fallen, so wirkt die Sonnenwärme im Brennpunkte so intensiv, daß brennbare Körper, in denselben gebracht, sich entzünden u. selbst schwer schmelzbare Körper verflüssigt od. verflüchtigt werden. Man verwendete daher früher Brenngläser zum Feueranmachen. Auch kugelige Flaschen, mit Wasser gefüllt, können als Brenngläser wirken, so daß dieselben eine Ursache von Feuersbrünsten werden können, wenn die Sonnenstrahlen durch sie zufällig auf eine in der Brennweite befindliche brennbare Substanz con- ccntrirt werden. Näheres s. u. Linse. Brennhaare, s. Haare. Brennholz, s. Brennmaterialien. Brcnnkegel, s. Noxa. Brennkrant, s. (llsmatis. Brennlinie u. Brennfläche (Phys.), die Linie, rcsp. Fläche, welche die Durchschnitlspunktc je zweier benachbarten, ton einer spiegelnden Hohlkngcl- oder Hohlcylinderfläche zurllckgeworfenc (Lstacnustioa), oder durch eine sphärische (oder cylindrische) Sammellinse hindurchgegangcnensvia- eanstiLa) Strahlen enthält n. sich deshalb durch besondere Helligkeit (u. Wärme) auszeichnet. S- Spiegel u. Linse. Brennlinsen, s. u. Brenngkas. Brcnmnatcrialien (Brennstoffe), brennbare ^ Substanzen von mineralischer oder vegetabilischer Natur, welche in ausreichender Menge vor- > kommen oder dargestellt werden können, um in der Industrie u. im häuslichen Leben als Wärmeerzeuger anwendbar zu sein. Die meisten rohe« Brennstoffe sind ans der Pflanzenfaser hervorge- gangen u. bilden vom Holz an eine in der Mineralisation fortschreitende Reihe bis zu der Glanzkohle und dem Anthracit, den ältesten geologischen Formationen. Man unterscheidet in dieser Reih« die nachstehenden Glieder: Torf, Braunkohlen, ! Steinkohlen und Anthracite. Die vorwiegenden Bestandtheile sind außer dem Kohlenstoffe noch ! Wassersioff u. Sauerstoff in wechselnder Menge, dann nicht brennbare, in gewissem Sinne feuerbeständige Gcmcngtheile, die Asche bildend, welche als Rückstand der Verbrennung znrückblcibt. Bes. zwei brennbare Elemente, der Kohlenstoff u. der Wasserstoff, bedingen als wesentliche Bestandtheile der Holzfaser die Brennbarkeit, Flammbarkeit und den Wärmeesfect der B. Die Brennbarkeit, d. h. die größere oder geringere Leichtigkeit, sich zu entzünden u. darauf fortfahren zu brennen, ist von der Porosität u. von der chemischen Zusammensetzung der B. abhängig. Begünstigt wird die Brennbarkeit hauptsächlich durch einen größeren Wasserstoffgehalt. Flammbarkeit ist die Eigenschaft gewisser B., mit Flamme zu verbrennen; La diese sich nur durch brennende Gase bilden kann, so müssen die wasserstoffreichsten B. auch die flammbarsten sein, während jene, welche fast keinen Wasserstoff enthalten, wie Holzkohle u. Coke, unmittelbar als feste Körper verbrennen u. keine Flamme geben können. Die längste Flamme geben Holz, Torf und einige Braunkohlen, die kürzeste dagegen Steinkohlen u. gewisse Braunkohlen. Der Wärmeeffect od. die Heizkraft eines Brennmaterials ist die bei dessen Verbrennung in der Luft entwickele, entweder in Bezug auf die Menge, oder ihren Grad gemessene Wärme. Die beim Verbrennen erzeugte Wärmemenge ist die Brenn- krast, die, wenn man sie auf den Preis des Brennmaterials bezieht, dessen Brennwerth gibt, a) HoIz Die Baumarten, welche man in Europa zur Heizung zu benutzen pflegt, sind: Laubhölzer (Ahorn, Birke, Buche, Eiche, Erle, Esche, Linde, Pappel, Ulme u. Weide) und Nadelhölzer (Fichte oder Brennmaterialien. 5l Rothtanne, Kiefer oder Föhre, Lärche u. Tanne oder Weißtanne). In der Praxis theilt man die Höher bezüglich ihrer Prorosität und somit ihres speclfischen Gewichtes inharte (Eiche, Birke, Buche, Mine, Esche), halb harte (Ahorn, Erle, Lerche, Kiefer) u. weiche (Fichte, Tanne, Linde, Weide). Die weichen, bes. die Nadelhölzer, entzünden sich leicht u. geben eine längere Flamme, als die harten, dagegen ein geringeres Glühseuer. Hierauf beruht ihre Anwendung zu verschiedenen Zwecken. Mail kann lufttrockenes Holz als zusammengesetzt betrachten aus 18—20 pCt. hygroskopischem Wasser u. 80—82 pCt. Holzsubstauz, oder, da letztere halb aus Kohlenstoff u. halb aus Sauerstoff u. Wasserstoff besteht, aus 40 pCt. Kohle (incl. Asche), 40 pCt. cheiii.gebundenem u. 20 pCt. hygroskopischem Wasser. Bei 120° 0. entweicht letzteres, u. es bleibt gedarrtes Holz zurück von der Zusammensetzung SO pCt. Kohle (incl. Asche) u. 50 pCt. chem. gebundenes Wasser. Da man das Holz selten dem Gewichte, vielmehr meist dem Volumen nach kaust, so geben die specifischen Gewichte der Hölzer direct ihren verhältnißmäßigen Werth an. Hierbei muß man jedoch auf die leeren Räume Rücksicht nehmen, deren Summe zum ganze» Volumen des Hausens in einem bestimmten Verhältnisse steht, b) Holzkohlen (s. d.). Bei der Verkohlung des Holzes sucht man die die Hitze absorbirenden Bestandtheile zu entfernen und den Kohlenstoff, welcher große Heizkraft besitzt, zurückzubehalten. Elftere Bestandtheile sind Las hygroskopische Wasser und die im Holze enthaltenen wasserbildenden Bestandtheile. Je nach der Größe, der Verwendung und der sonstigen Beschaffenheit nennt man die Holzkohlen Stück-, Schmiede-, Quandelkohlen, Kohlenklein oder Lösche u. Brände. Die Holzkohlen enthalten 81—96 pEt. Kohlenstoff, beiin Liegen an der Luft absorbiren sie aber 16 pCt. Feuchtigkeit u. Luft. Bei gleichem Gewichte besitzt die Holzkohle ein mehr als doppelt so großes Heizvermögen, als das Holz, bei gleichem Volumen ist der Unterschied weniger groß, indessen immer noch ansehnlich. o)Torf (s. d.) erzeugt sich durch Vermodern u. Verwesen bestimmter beim Wechsel der Jahreszeiten in stagnirenden Gewässern absterbenden u. zu Boden sinkenden Pflanzen. Die verschiedenen Torfarten zeigen nicht nur in der Beschaffenheit der ihren wesentlichen Bestandtheil bildenden Torfsnbstanz große Unterschiede, sondern auch in der Menge der mechanisch beigemengten erdigen Theile, welche oft nur wenige Procent ausmachen, zuweilen aber auch bis über 25 pEt. betragen. Auch ist der Wassergehalt mitunter, selbst bei äußerlich trockenem Torfe, bedeutend, weshalb es schwer ist, die Heizkraft des Torfes genau zu bestimmen. Nur läßt sich annehmen, daß der beste lufttrockene Torf besteht aus: 25 pCt. hygroskopischem Wasser, 75pCt. fester Torsmasse (incl. einige pCt. Asche), oder auch, da 100 Theile Torfmassc 60 Kohlenstoff, 2 Wasserstoff u. 38 chemisch gebundenes Wasser enthalten, aus 53,5 (25 -s- 28,5) pCt. chemisch gebundenem und hygroskopischem Wasser, 1,5 Wasserstoff und 45,» Kohlenstoff. Die Flammbarkeit des Torses kann zuweilen die des Holzes erreichen, ja, übertreffen; manche Sorten geben aber nur Flamme, wenn sie auf einem Roste oder in locker ausgeschichtete» Hausen verbrannt werden, während dieselben, in einzelnen Stücken angezündet, nur glimmen, ck) Braunkohle (s. d.) nennt man gewöhnlich die fossilen Kohlen der zwischen den Alluvialabla- gerungen u. dem eigentlichen Steinkohlengebirgr befindlichen Formationen, bes. aber die Kohlen der Tertiär-, Kreide- u. Juraformation. ES gibt eine Menge von Benennungen, welche durch das außerordentlich wechselnde petrographische Äußere der Braunkohlen veranlaßt sind: man unterscheidet das bituminöse Holz, den Lignit, die gemeine muschelige u. die erdige Braunkohle. Die Zusammensetzung der Braunkohle variirt nach dem Alter, dem Aschen- u. Wassergehalte; der Aschengehalt variirt von 0,5—50 pCt., beträgt aber im Durchschnitte 5—10 pCt. Das hygroskopische Wasser kann bei frisch geförderter Braunkohle bis 50 pCt. steige», beträgt aber im lufttrockenen Zustande im Durchschnitte 20 pCt. Die Brennbarkeit der Braunkohle ist geringer, als die des Holzes; die Flammbarkeit steht, was die Länge der Flamme betrifft, zwischen der des Holzes und der Steinkohle; an Heizkraft übertreffen lufttrockene Braunkohlen gedarrtes Holz um mehr als das Doppelte. 3 Tonnen Braunkohle sind in ihrer Wirkung — 1 Tonne Steinkohle »d. dem Gewichte nach 1 Theil Braunkohle—2 ,Theile Steinkohlen, o) Steinkohle (s. d.) ist die Kohle des eigentlichen Kohlengebirges, der Formation, welche zwischen dem devonischen Übergangsgebirge u. der Kupferschieferformation liegt. Manche Geognosten und Techniker nennen alle Kohlen Steinkohlen, die älter sind, als die tertiäre Formation. Nach ihrer petographischen Struktur theilt man die Steinkohlen in Pech- oder Kännel kohle mit muscheligem Bruche u. Pechglanz, Schieferkohle mit schieferigem, Blätterkohle mit dllnnschieserigem, Faserkohle mit faserigem, Rußkohle mit erdigem Bruche. Nach ihrem Alter u. damit zusammenhängend nach ihrer chemischen Zusammensetzung und ihrem Verhalten im Feuer bringt man die Steinkohle in vier für die Heizung wichtige Abtheilungen: aa.) Anthra- cit, die älteste, sehr dicht und nur in größeren Massen entzündbar, ist bes. ein nordamerikanisches Brennmaterial, bb) Backkohlen geben einen '.iisammengebackenen, klein- od. großblasigen Coke von metallischem Glanze. Ihres Wasserstoffgehaltes wegen lassen sie sich leichter entzünden, als die übrigen Steinkohlen; sic geben deshalb die längste Flamme u. eignen sich bes. zur Leuchtgasfabrika- tion, weniger für Rostfeuerungen, west sie beim Äusblähen den Rost leicht verstopfen; für Schmiedefeuer sind sie gut anwendbar'-(Schmiedekohlen), indem sie vor der Form beim Aufschwellen ein Gewölbe bilden, in welchem sich die Hitze concen- trirt. oe) Sinterkohlen hinterlassen einen dichten zusammengesinterten Coke von eisengrauer bis schwarzer Farbe u. oft metallisch glänzender Oberfläche; sie sind für Nostscuerungen u. überhaupt da, wo eine langsame, aber anhaltende Hitze erforderlich ist, sehr anwendbar, ckä) Sandkohlen schwinden beim Coken sehr stark u. hinterlassen einen weniger anwendbaren, aus kleinen, losen Stücken bestehenden Cokes. Die Asche der Steinkohlen variirt zwischen 0,5—20 pCt. u. ist zuwei- 4 » 52 Brennnessel - len reich an Schwefelkies, welcher die Anwendung der Steinkohlen beschränkt. Das Heizvermögen einer gewöhnlichen guten Steinkohle ist fast so groß, als das der Holzkohle u. doppelt so groß, als das des trockenen Holzes. In Flammöfen wirken 100 Volumen Steinkohlen — 700 Volumen Holz, 100 Gewichtstheile Steinkohle — 260 Gewichtstheile Holz; bei Siedeprocessen 100 Volumen Steinkohlen — 400 Volumen Holz ^ 400 Volumen Tors oder 100 Gewichtstheile Steinkohle — 160 Gewichtstheile Holz 250 Gewichtstheile Torf, k) Cokes (s. d.), die durch Verkohlen der Steinkohlen dargestellte Kohle. Man bezweckt durch das Verkohlen der Steinkohlen, den Kohlenstoffgehalt zu concentriren, nur eine höhere Temperatur erzielen zu können; die Entfernung der beim Brennen, namentlich bei der Zimmerheiz- nng, unangenehm, widrig riechenden Bestandtheile; ihnen die Eigenschaft zu benehmen, in der Hitze teigig zu werden; einen Theil des Schwefels des in ihnen enthaltenen Schwefelkieses zu entfernen. Alle Cokes bestehen hauptsächlich ans Kohlenstoff u. Aschenthcilen n. enthalten nach längerem Anf- bewahren eine veränderliche Menge hygroskopischen Wassers. Die Zusammensetzung gewöhnlicher guter Cokes ist 85 — 92 pCt. Kohlenstoff, 3 — 5 pCt. Asche, 5—10 pCt. hygroskopisches Wasser. Die Brennbarkeit ist wegen der Dichtigkeit ihrer Masse u. Mangels an fluchtigen Bestandtheilen sehr gering; sie erfordern zu ihrer Entzündung eine mehr oder minder starke Glühhitze und zu ihrem Fort- brcnncn einen gepreßten Luftstrom; Flammbarkeit zeigen die Cokes ebenso wenig, als die Holzkohlen; ihre Heizkraft ist etwas niedriger, als die einer guten ausgeglühten Holzkohle. §) Petroleum (s. d.), als Material zum Kochen mittels besonderer kleiner Kochherde (Petrolenmherde, s. d.). Ir) Gase. Man ist schon frühzeitig aus den Gedanken gekommen, gasförmige brennende Substanzen, die ans einem Apparat unbenutzt entweichen, als Brennstoff für irgend einen anderen Zweck zu benutzen. Die Benutzung der Gichtgase, die sich bei der Gewinnung des Eisens aus dem Hohofen entwickeln, führte Fabre du Faur dadurch in die Technik ein, daß er die Gase in einem Flammofen verbrannte und dadurch die zum Frischen (Puddeln) des Eisens erforderliche Temperatur hervorbrachte. Mit größtem Vortheil verwendet man jetzt die Hohofengase zum Heizen der Dampfkessel für die Gebläsemaschinen oder Walzwerke, vorzugsweise aber zur Winderhitznng n. daneben zum Rösten der Eisenerze. Ist nun gleich die Anwendung dieser Gase auf die Arbeiten des Hohofenbetriebes beschränkt geblieben, so hat sie doch zur Darstellung von gasförmigen B. ans festen Brennstoffen, die als solche entweder gar nicht, oder doch nur sehr unvortheilhaft zu verwer- then sind, Veranlassung gegeben. Die in besonderen Ösen (Generatoren) aus festen Brennstoffen erhaltenen brennbaren Gase nennt man Generatorgase; sie haben bereits allgemeine Anwendung gefunden, indem dadurch ein Mittel gegeben ist, Brennstoffe, die wegen schlechter Qualität zur Verwendung auf gewöhnliche Weise sich nicht eignen, z. B. Holzklein, nasse Sägespäne, geringe Sorten Torf und Braunkohlen, Kohlenlösche rc., - Brennpunkt. nutzbar zu machen. Die erzeugten Gase enthalten der Hauptsache nach Kohlenoxydgas, weniger Kohlenwasserstoffgas u. Wasserstoff. So z. B. hat man in Gegenden, wo die Anwendung des Torfes der Flugasche wegen für gewisse Zwecke unzulässig ist, ans Torf Torfgas als Brennmaterial dargestellt; man erhält so eine klare Flamme -ohne Asche u. benutzt dieselbe bes. zum Heizen von Glasöfen u. zu Abdampfungen. Auch das gewöhnliche Leuchtgas ist als Brennmaterial empfohlen u. häufig angewendet worden. In den meisten Verwendungen ist dasselbe indessen wol etwas theuer und durch Generatorgas ausrohenSteinkohlenzuersetzen. Künstliche B. sind industrielle Produkte, gewöhnlich ans Abfällen natürlicher Brennstoffe dargestellt und durch Beimischung von verschiedenen Bindemitteln zu compacten Stücken meist in Form von Ziegelsteinen (Briquettes) vereinigt. Die Bindemittel sind theils selbstBrennstoffe,theils nicht brennbare plastische Substanzen; im ersten Falle steigern sie die Leistungsfähigkeit des Präparats, im anderen Falle dienen sie nur als Bindemittel. Zu den erstgenannten gehört der natürliche u. der künstliche Asphalt, sowie die verschiedenen Arten des Steinkohlenpeches, während als bloßes Bindemittel gewöhnlich Thon- oder Lehmwasser genommen zu werden Pflegt. Der Darstellnngsproceß ist meist eine Combmation von Zerkleinerung, Mischen, Gestaltungsproceß, Pressen, unter Anwendung höherer Temperaturen, das Material Torf (in Form von Gruß u. auch von Schlamm), Braunkohlen u. namentlich Steinkohlengruß, wie sie direct ans der bergmännischen Förderung hervorgehen od. auf Brennstofflagerplätzen sich bilden. Aus letzterem Material, mit Steinkohlcntheer als Bindemittel, verfertigt man eine Art Briquettes, die Peras oder künstlichen Steinkohlen; die geformte (Pariser) Holzkohle wird aus Holzkohlenpulver, gleichfalls mit Steinkohlcntheer, dargestellt. Auch durch bloßes Zusammenpressen u. starkes Erhitzen von fettem Steinkohlengrnß, wobei der sich in der Hitze bildende Steinkohlentheer als Bindemittel dient, fertigt man Brcnnsteine, Kohlenziegel (Briquettes). Ein ähnliches Material wird ans Kohlenstaub u. einem aus verdorbenem Mehl mit gelöschtem Kalk, Pottasche od. Soda bestehenden Bindemittel hergestellt. Man muß die zu metallurgischen und anderen Feuerungen brauchbaren, in Massen zu fabricirenden künstlichen Brennstoffe wohl unterscheiden von solchen Präparaten, welche auch noch sauerstoffabgebende Körper enthalten und in ganz geschlossenen Räumen ohne Luftzutritt verbrannt werden, oder als Zündmaterial anznwenden sind. Dürre.' Brennnessel (Bot.), s. Urtioa. Brcnno, Fluß des schweiz. Thals Blegno (s. d.). Brennpalme ist Larzwta nrsns. Brennpunkt (lat. § 00 N 8 ), 1) (Phys.) der Punkt, in welchem Brenngläser und Brennspiegel die durch sie oder aus sie fallenden Sonnenstrahlen vereinigen, so daß dieselben hier eine große Hitze erzeugen; s. u. Linse u. Spiegel. 2) (Geom.) Wenn jede Tangente einer Curve die Winkel halbirt, welche entstehen, sobald man vomBerührungspunkte Gerade nach 2 bestimmten Punkten zieht u. rückwärts verlängert, so heißen diese Punkte die B-e Brennspiegel der Curve. Die Geraden bilden dann gleiche Winkel mit der Tangente, und wäre die Curve spiegelnd, so würde jeder von einem B-e ausgehende Licht- oder Wärmestrahl so reflcctirt werden, daß er auf dem durch die Geraden bezeichnten Wege durch den anderen B. ginge, od. doch (bei der Hyperbel) eine solche Richtung empfinge, als käme er von letzterem her. Nur Ellipse, Hyperbel n. Parabel haben B-c, n. zwar auf der Hauptachse; bei letzterer liegt jedoch einer im Unendlichen, so daß die nach ihm gezogenen Geraden Parallelen zur Achse sind u. man gewöhnlich sagt, die Parabel habe nur 1 B. Auch den Mittelpunkt des Kreises kann man als Vereinigung der 2 B-e ansehen; denn die Radien stehen senkrecht auf den Tangenten, n. ein Wärmestrahl vom Mittelpunkte würde zu ihm zurück reflectirt. Bremispiegel (Phys.), ein Hohlspiegel (oder eine einem solchen sich annähernde Combination kleiner ebener Spiegel); ein solcher vereinigt die auf ihn fallenden Wärmestrahlen der Sonne in einen einzigen Punkt (kleinen Raum), den Brennpunkt, so Laß dieselben hier einen bedeutenden Hitzeffect ansüben, u. kann deshalb zum Anzünden brennbarer Gegenstände, sowie Schmelzen schwer schmelzbarer Körper rc. benutzt werden; daher der Name B. Näheres s. u. Spiegel. Brennus (kelt. so v. w. König), 1) Heerführer der Gallier, welcher um 390 v. Chr., von einer Partei in Etrurien herbeigerufen, in Mittel- Italien einfiel, Clusium bedrohte, die Clusiner n. dann die Römer 18. Juli am Alliafluß schlug, Rom einnahm, dessen Bevölkerung geflohen war, die zurückgebliebenen Senatoren niedermachcn ließ, die Stadt plünderte u. verbrannte, aber das Capitol, wo die römische Mannschaft sich verschanzt hatte, lange vergeblich belagerte; nur gegen einen Preis von 1000 Psd. Gold wollte B. abziehen u. warf, als die Römer sich über falsches Gewicht beschwerten, sein Schwert in die Wagschale nnt dem bekannten Ausrufe: Vas viobio (Wehe den Besiegten)! Nach einer unglaubwürdigen Überlieferung wurde B. darauf von Camillns ans der Gabinischen Straße geschlagen; wahrscheinlich zog er ungehindert mit der Beute ab. 3) Heerführer der Kelten, der mit einem Schwarme von mehreren hunderttausend Menschen 280 v. Chr. in das nördl. Makedonien einfiel, während Cercthrius in Thrake (wo er Byzanz eroberte) und Bolgius in Jllyrien einfielen. Von da durchzog B. Thessalien, wurde aber von den verbundenen Griechen unter dem Athener Kalippos bei Thermopylä u. von Neuem in der Nähe von Delphi geschlagen, wobei ein furchtbares Unwetter den größten Theil seines Heeres vernichtete, u. tödtete sich selbst. Aus diesen Zügen stammten die 20,000 Kelten, die über Thrake nach Asien gingen u. dort das Galatische Reich gegründet haben sollen. Brennwerte, der Abstand des Brennpunktes vom Vrennglase oder Brennspiegel; s. u. Linse u. Spiegel. Brenta (ital.), Weinmaß in der Schweiz und Italien; in Bergamo ^ 70,g,, in Bern —37, in Mailand — 75,zs, in Rom — 175,^z, in Turin ^ 49,2g, in Verona — 70,Liter. Brenta, 208 üm langer F-lnß in der Land- — Brentano. 53 schast Venetien; entspringt südöstl. von Trient in Tirol aus dem See von Caldonazzv, tritt dann, durch mehrere Bäche verstärkt, nach Venetien; ist sehr reißend, wird bei Padua schiffbar, vereinigt sich bei Dolo mit dem Bacchiglione und fließt nach einem Laufe von 208 km bei dem Hafen Brondolo in das Adriatische Meer; speist mehrere Kanäle, wie den 150 km langen Berentella-Kanal zwischen B. u. Bacchiglione bei Padua, den B.- Morta-Kanal bei Dolo, der in die Lagunen mündet, n. durch dessen Vereinigung mit dem Mirano-Kanal die B. Novissima entsteht. Brentano, 1) Clemens, deutscher Dichter, geb. 8. Sept. 1778 zu Frankfurt a. M., Sohn des Trierischen Geheimrathes u. Präsidenten Peter Anton B.; besuchte das Gymnasium zu Koblenz u. sollte dann nach dem Willen seines Vaters, aber gegen den seinigen die Handlung erlernen. Durch des Letzteren Tod 1797 von diesem Zwange befreit, bezog er die Universität Jena. Hier n. in Weimar fand er durch Wieland, den Jugendfreund seiner Großmutter Sophie La Roche, bei den hervorragendsten Geistern Eingang. Näheren Umgang pflog er mit Ludwig Ticck u. Friedrich Schlegel. Im I. 1800 ging er nach Dresden u. dann an den Rhein, lebte hierauf bei Hanau auf dem Land- gute Savignys und lernte den Dichter Arnim kennen, der sein inniger Freund wurde. 1800 trat B. als Romantiker unter dem Schriftstellernamen Maria mit dem ersten Theil von: Gustav Wasas Satiren u. Poetischen Spielen auf, die sich in Tieckscher Manier an der Verhöhnung Kotzebues betheiligten, aber ihre Stacheln auch gegen eine Menge von anderen, zum Theil sehr angesehenen Schriftstellern u. literarischen Erscheinungen kehrten; 1801 folgte unter demselben Schrift« stellernamcn: Godwin od. Das steinerne Bild der Mutter (ein verwilderter Roman), Franks, a. M., 2 Bde., den B. schon 1798 begonnen n. zu dem ihn namentlich die leidenschaftliche Liebe zur Dichterin Sophie Schubart, Gattin des Professors Merean in Jena (geb. 1761 in Altenburg), angeregt hatte. Die Schrift ist von dem trüben, üppigen Geiste der Schlegelschcn Lncinde eingegeben; von sittlicher und künstlerischer Freiheit also fern, voll von Phantastereien, aber auch reich an charaktervollen u. naturkräftigen Zügen. Damals entstanden seine lyrischen Dichtungen: Auf demRhein, inseinen GesammeltenSchriftcnII. 99ff.; Die lustigen Musikanten, ebd. S. 333 fs.; Loreley, ebd. S. 391 ff. 1800 —1804 verweilte er bald in Jena, bald in Marburg bei Savigny, dann in Wien, auch viel an der Lahn u. am Rhein, wo er meist bei Franz von Lassaulx einkehrte. 1803 vermählte er sich mit seiner inzwischen von ihrem Gatten geschiedenen Freundin Sophie Merean. Sie war nun 42, er 25 Jahre alt. Nach einer sehr glücklichen Ehe wurde sie ihm 31. Oct. 1806 durch den Tod entrissen. In Heidelberg gab er 1806 ff. mit Arnim heraus: Des Knaben Wunderhorn, eine 3bändige Sammlung deutscher Volkslieder, die bei aller Unkritik u. Willkür der Re- daction eine bedeutende Wirkung sowol auf die deutsche Lyrik, als auf die im Entstehen begriffene germanistische Wissenschaft ausübte. 1807 entführte B. eine junge Nichte des Banquiers Bethmann 54 Brentano. in Frankfurt, Auguste Busmaun, brachte sie nach Kassel u. schloß mit ihr eine unglückliche Ehe, die schon nach Jahresfrist durch seine Flucht u. eine Scheidung endete. 1811 wohnte B. mit Arnim in Berlin zusammen, lebte dann etwa ein Jahr auf dem Familiengute Bukowau in Böhmen und zog hieraus nach Wien, 1815 wieder nach Berlin. Hier erfolgte, hauptsächlich durch den Ideenaustausch mir einer jungen frommen Dame, 1817 seine Bekehrung zuni strenggläubigen Katholicis- mus. Im Spätherbste 1818 lernte er die stigmati- sirte Nonne Anna Katharina Emmerich zu Dülmen in Westfalen kennen. Er nahm hier Mai 1819 seinen dauernden Aufenthalt, um sich in die Visionen dieses Mädchens zu Verliesen, deren Inhalt noch über die biblische Offenbarung hinausreichende Borgänge und Wunder der heiligen Geschichte waren. Er hielt es für die würdigste Aufgabe u. für eine hohe Gunst des Himmels, ihre Aussagen über diese gnadenreichen Gesichte in treuer Nachschrift auszubewahren. Nach ihrem Tode, 8. Febr. 1824, setzte er sein altes Wanderleben fort, das aber nun vielfach der Wirksamkeit für die Kirche galt. Im Oct. 1833 zog er nach München. Er st. 28. Juli 1842 in Aschaffenburg bei seinem Bruder Christian an der Wassersucht. Zur künstlerischen Läuterung u. Abrundung hat er es in seinen Productionen nur selten gebracht; aber in ihren oft wilden und verzerrten Gestaltungen spiegelt sich ein höchst merkwürdiges u. bedeutendes Leben, das mit Aufmerksamkeit, Unbefangenheit u. Liebe studirt sein will. Es ist dabei nicht zu vergessen, wie schwer B. für seine Fehltritte büßte u. wie viel schönes u. Edles in seinem Ge- mülhe lag. Eine unbefangene Kritik wird viel echtes Gold, namentlich in seinen Märchen u. in seinen Liedern, finden. Die bereits um 1811 gedichteten Märchen veröffentlichte Guido Görres ,znm Besten der Armen, nach dem letzten Willen des Verfassers", 2 Bdc., Stuttg. u. Tüb. 1846. Bon diesen Märchen hatte B. selbst nur eines herausgegeben: Gockel, Hinkel u. Gackeleia, Franks, a. M. 1838. Nicht wenige von B-s »olksthüm- lichen Liedern werden, so lange die deutsche Sprache lebt, unwiderstehlich auf deutsche Herzen wirken. Über die lyrische Abspiegelung seiner persönlichen Schicksale vgl. Clemens Arsten in den Blättern sür literarische Unterhaltung, 1852, II. S. 1205. Die phantafievollen Romanzen vom Rosenkranz wurden 1810 begonnnen und weit vorangeführt. Nach B-s damaligem Entwürfe war das Ganze ein apokryphisch-religiöses Gedicht, in welchem sich eine noch bei Jesu Leben entsprungene Erbschuld durch die Erfindung des Rosenkranzes aushebt. Das Werk erschien erst in den Gesammelten Schriften als 3. Band, aber nur fragmentarisch. Es ist eine ^romantische Faustiade, in welcher aber der Trieb u. Stolz des Wissens von Hause aus als dämonisch u. verwerflich geschildert wird". Werke B-s, außer den bereits erwähnten, find: Ponce de Leon, Lustspiel, Gött. 1804 (die erste Schrift B-s, die mit seinem Namen erschien, bereits im Sommer 1801 gedichtet); Beiträge zu: Tröst-Einsamkeit, Zeitung für Einsiedler, herausgegeben von Ludwig Achim v. Arnim, Heidelb. 1808; Der Goldfaden, «ine schöne alle Geschichte von Wickram aus dem 16. Jahrh., Heidelb. 1809; Die Gründung Prags, histor.-romantisches Drama, Pest 1815; Die mehreren Wehmüller u. ungarische Nationalgesichter, in Gubitz' Gesellschafter, Berl. 1817; Die Gcsch. vom braven Kasperl u. der schönen Annerl, eine ergreifende sociale Novelle, in den Gaben der Milde, Bd. 2, Berl. 1817; Aus der Chronika eines fahrenden Schülers, in der poetischen Sammelschrift: Die Sängerfahrt, von F. Förster, Berl. 1818; Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi, nach den Bettachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustinerin des Klosters Ag- netenberg zu Dülmen, nebst einem Lebensumriß dieser Begnadigten, Sulzbach 1843 u. ö. (ohne den Namen des Herausgebers). Gesammelte Schriften, Franks, a. M. 1852, 9 Bde. (unvollständig und unkritisch); Gedichte, Franks. 1854, in neuer Auswahl, 2. Aust., 1861; neue Ausgabe der kleineren prosaischen Schriften, Franks. 1862, 2 Bde.; Auswahl aus den gesammelten Schriften, von Diel, Freib. i. B. 1873, 2 Bde. Über B. vgl. außer den oben erwähnten Schriften: PhilippOltoRunges hintcrlassene Schriften, Hamb. 1840; Die Günde- rode, Berl. 1840, 2. A., 2 Bde.; Clemens B-s Frühlingskranz, von Bettina, 1844; Görres, Erinnerungen an den Dichter Clemens B., in den Histor.-Polit. Blättern für das kathol. Deutschland, Bd. 14 u. 15, 1844, 45; Emma Niendorf, Aus der Gegenwart, Bonn 1844. 8) Sophie, geb. Schubart, deutsche Dichterin, geb. 27. März 1761 zu Altenburg; verheirathete sich mit Mercau (Professor in Jena, später Amtmann in Saalfeld), und, von diesem 1803 geschieden, 1804 mit dem Vor. u. lebte mit ihm in Frankfurt a. M., da»n in Heidelberg; sie starb 31. Oct. 1806. B. schr.: Gedichte, Berl. 1800—1802, 2 Bdchn.; Kalathis- kos (eine periodische Schrift), Berlin 1801 f., 2 Bdchn.; den Roman: Amanda u. Eduard, Franks. 1803; Spanische u. italienische Novellen, Penig 1804—1806, 2 Bdchn.; Bunte Reihe kleiner Schriften, Franks. 1805, u. m. a. 3) Bettina, Schwester von B. 1), s. Arnim, Bd. 2, S.128. 4) Lorenz, Dictator Badens in der Revolution von 1849, geb. 1812 zu Mannheim; studirte die Rechte in Heidelberg u. war dann Advocat in Rastatt, Bruchsal u. zuletzt in Mannheim. Zu der liberalen Partei gehörend, wurde er 1845 hier in die Zweite Kammer gewählt, wo er sich seit dem März 1848 durch scharfe Reden gegen die Regierung auszeichnete, u. ging dann zum Parlament nach Frankfurt, wo er zu der Linken gehörte. Bei Heckers Schilderhebung 1848 betheiligte er sich nicht, vertheidigte aber den bei diesem Ausstande betheiligten Gustav Struve vor den Assisen in Freiburg, sowie seinen Freund Hecker im Parlament, wobei er durch einen Ausfall auf den Prinzen von Preußen eine der heftigsten Sturmscenen hervorrief. Im Mai 1849 wurde er zum Mitgliede des Landesausschusses und der aus 4 Mitgliedern bestehenden Executivcommission, sowie der Provisorischen Regierung u. des Triumvirats (s. Baden) gewählt. Daß er an dieser Stelle dem Terrorismus u. den Excefsen seiner Partei entgegentrat r.. im Gefühl der Schwäche mit dem Großherzog sich zu verständigen suchte, verstimmte dieselbe gegen ihn, u. nach dem Freiburger Beschluß vom 28. Juni, 55 Brciitford Laß Unterhandlungen mit dein preußischen Occu^ pationsheere als Vaterlandsverrath angesehen wer-! Len sollen, ergriff B. die Gelegenheit, seine Stelle niederznlegcn und 29. Juli aus Karlsruhe zuj fliehen. Die Constituireude Versammlung Badens schickte ihm Steckbriefe nach, worauf er sich in einer Erklärung vom 1. Juli aus Feuerthalen bei Schaffhausen zu rechtfertigen u. die Schwäche der Provisorischen Regierung auf seine College» und Struve zu schieben sich bemühte. Er wendete sich nach Zürich, wurde aber infolge des Bnndesraths- beschlusses vom 16. Juli mit aus der Schweiz ausgewiesen u. wanderte im Sept. über Frankreich nach NAmerika aus. Er ließ sich 1850 im Staate Michigan nieder, wo er als Farmer lebte; seit 1859 war er Advocat u. Redacteur der Illinois- Staats-Zeitung in Chicago u. bekleidete öffentliche Ämter im Staate Illinois. 1872 aber kehrte er nach Europa zurück u. wirkt als Consul der Ber. Staaten in Dresden. 5) Franz, deutscher Philosoph, Neffe von B. 1), geb. 1838 zu Marienberg bei Boppard; wurde 1866 Privatdocent, später Professor der Philosophie in Würzburg, verzichtete 1873 freiwillig auf diese Stelle u. folgte 1874 der Berufung zum ordentlichen Professor an der Universität Wien. Schr. u. a.: Über die mannigfache Bedeutung des Seienden nach Aristoteles, Freiburg 1862; Psychologie des Aristoteles, Mainz 1867; Psychologie vom empirischen Standpunkte, Leipz. 1874, Bd. 1. 6) Lnso, einer der hervorragendsten Vertreter der sog. neuen realistischen Schule der Nationalökonomie in Deutsch- lvnd, geb. 18. Dec. 1844 zu Aschaffenburg; besuchte die Universitäten München, Heidelberg, Würzburg u. Göttingen, begleitete 1868 den Di- rector des K. Statist. Bureaus Engel auf einer Reise nach England, widmete den englischen Ar- deiterverhältnissen, iusbes. den Gewerkvereinen, ein sehr eingehendes u. sorgfältiges Studium, als dessen wissenschaftliches Resultat sein Werk: Die Arbeitergilden der Gegenwart, 2 Bde., Lpz. 1871 u. 1872, erschien. Mit Recht dringt B. vor Allem aus exacte Beobachtungen der Thatsachen, u. die Genauigkeit, die er in dieser Beziehung verlangt u. selbst überall leister, ist ein Verdienst, dem nur Anerkennung u. Nachahmung zu wünschen ist. Nachdem B. 1871 sich an der Universität in Berlin habilitirt u. im Sommer 1872 an derselben Vorträge gehalten, erhielt er einen Ruf nach Breslau als außerordentlicher Professor (einen Ruf nach Basel hatte B. bereits früher abgelehnt), wo er 1873 zum ordentlichen Professor befördert wurde. Außer seinem akademischen Wirken betheiligte sich B. mit großem Geschick u. Talent an dem bes. seit dem ersten Congreß der sogen. Äathedersocialisten (s. d.) am 6. u. 7. Oct. 1872 zu Eisenach in dem Lager der deutschen Volks- wirthe lebhaft entbrannten Principienstreite zwischen akademischen Nationalökonomen u. den sog. Freihändlern (Manchesterschule) über die Ausgabe der Gesellschaft u. des Staates in der socialen Frage, u. zwar sowol durch seine persönliche Theil- nahme an den Verhandlungen, z. B- als Referent über Fabrikgesetzgebung, als auch in der Zeitungs- Presse durch seine Artikel im Hamburger Correspondenten gegen H. B. Oppenheim, welcher der — Brcnz. ^ieuen Richtung den Namen Kathedersocialismus ! gegeben hatte, ferner durch seine Schrift über Einigungsämter, Eine Polemik mit Hrn. vr. Alex. ! Mayer, Lpz. 1873, und endlich durch die gegen Bamberger: Die Wissenschaft!. Leistung des Hrn. L. Bamberger, ein Nachspiel zu Len Arbeitergilden der Gegenwart, Lpz. 1873. Außerdem schr. B. über die englische Chartistenbewegung u. Aufsätze in den Prcnß. Jahrbüchern. 6) Contzen. Brentford, Stadt in der engl. Grafschaft Middlesex, westlich von London, mit dem es Eisenbahnverbindung hat, an der Mündung des Breut in die Themse; Malz- u. Seifenfabr.; 11,100 E.; hier die Parlamentswahlen für die Grafschaft Middlesex; in der Nähe Sionhouse, Lustschloß des Herzogs von Northumberland, u. der Oster, leypark des Earls von Jersey. — Bei B. 1016 Sieg des Königs Edmund über die Dänen und 1641 Sieg des Königs Karl I. über die Parlaments» truppen; aus königl. Seite hatte sich der schottische Graf Patrick Ruthen von Forth ansgezeichnet, weshalb ihn Karl zum Grasen von B. machte. Dessen Geschlecht starb 1651 aus, u. 1689 übertrug König Wilhelm III. den Titel auf Friedrich, nachmaligen Herzog von Schömberg. Brentlvood, Stadt in der engl. Grafschaft Essex, nordöstlich von London, an der Eisenbahn von London nach Colchcster; Irrenanstalt; stärkt Brauerei u. Ziegelei; 3737 Ew. Brenz, 1) Fluß; entspringt bei Königsbroun im Württemberg. Jagstkreise u. fällt bei Gundelfingen in Bayern in die Donau. Sein Thal, Brenzthal, ist romantisch, fruchtbar u.wiesenreich. 2) Marktflecken daran, im Oberamte Heidenheim des Jagstkreises, Stat. der Bahn von Aalen durch das Breuzthal; alte Kirche, Schloß; 950 Ew. — B. war angeblich als Brivenes ein römisches Grenzcastell gegen die Alemannen; später wurde es württembergisches Kammergut; 1617 wurde es bei dem Vergleich (s. Württemberg) mit Wciltingen an Herzog Julius Friedrich, Stifter der Linie Wllrttemberg-Weillingen, abgetreten. Sein. Sohn Silvius trat, als er das Fürstenthum Als in Schlesien durch Heirath erlangte, B. um 30,000 Gulden seinen Brüdern Manfred u. Roderich ab, u. 1705 kam B. bei dem Tode Friedrich Ferdinands, des Sohnes von Manfred, an das Herzogthum Württemberg. Brenz (Brentius), Johann, protestantischer Theolog, geb. 24. Juni 1499 zu Weil in Schwaben; studirte in Heidelberg u. wurde 1514 Bacca- lareus, 1517 Magister, 1520 Canonicus daselbst. Schon 1518mit Lutherpersimlich bekannt geworden, wendete er sich der Reformation zu; erlas Collegia in Heidelberg u. wurde Canonicus an der dortigen Stiftskirche; eben sollte eine Untersuchung wegen Heterodoxie gegen ihn angestellt werden, als er 1522 Prediger in Schwäbisch-Hall wurde, wo er die Reformation entführte und das Schulwesen verbessern half. Er verfaßte zum Theil u. gab 1525 heraus das LMZraiimm Lusvloum, welches im Wesentlichen schon die Luther. Abendmahlslehre im Gegensätze gegen Ocolampadius' Schrift: Vs genuing. veiborum: lloo ssb oorpus sto., oxposi- tions, aufstellt. Er war 1529 bei der Disputation in Marburg u. 1530 beim Reichstage in Augs- 56 Brcnzc — Breschet. bürg, nahm auch an den Religionsgesprächen in Worms (1540) u. Regensburg (1541—46) theil; 1548 mußte er, wegen des Interim verfolgt, fliehen. Der Herzog von Württemberg gab ihm eine Zufluchtsstätte auf Burg Hohcnwisflingen bei Urach, dann auf Burg Hornberg im Schwarzwalde; seit 1550 lebte er an verschiedenen Orten, bis er 1553 Propst der Stiftskirche in Stuttgart wurde. Er verfaßte die dem Tridentiner Concil überreichte Württembergische Bekenntnißschrift. B.st. 11. Sept. 1570. Durch ihn erhielt unter Herzog Ulrich u. Christoph die Württemberg. Landeskirche ihre in der Hauptsache jetzt noch bestehende Einrichtung (Große Kirchenordnung 1559), wie er überhaupt durch Schriften (bes. Katechismen) u. Berathung der Fürsten u. Städte in Einführung der Reformation nächst Luther einer der bedeutendsten Reformatoren ist. Werke, Tüb. 1576 f., 8 Bde., Ainst. 1666, Fol. Lebensbeschreib, von Hartmann u. Jäger, Hamb. 1840, 2 Bde.; Hartmann, in: Väter der Luther. Kirche, 6. Th., Elberf. 1862.Mfler? Brenze, so v. w. Brennbare Mineralien. Brenzgan (m. Geogr.), Gau an der Brenz; jetzt das bayer. Bezirksamt Dillingen und das Württemberg. Oberamt Heibcnheim. Brenz-Katechin (Oxyphcnscmre) ein zu der Klasse der Phenole gehörender, durch trockene Destillation der Katechinsäure und anderer organischen Stoffe entstehender Körper. Brenzlich (empyreumatisch) nennt man den Geruch, den organische (pflanzliche oder thierische), sonst nicht flüchtige Substanzen annehmen, wenn sie bis zur beginnenden Zersetzung erhitzt werden; es zeichnen sich daher namentlich die Producte der trockenen Destillation, z. B. Theer, durch diesen eigenthümlichen Geruch aus, welcher von thierischen Körpern, z. B. Horn, Federn, herrührend weit unangenehmer ist, als von Stoffen aus dem Pflanzenreiche. „ Clären, Brenzliche Öle (Empyreumatische Öle) werden im Allgemeinen die bei der trockenen Destillation organischer Körper übergehenden Llartigen Pro- ducle genannt; dieselben sind Gemenge der verschiedenartigsten Körper, meist aus Kohlenstoff u, Wasserstoff bestehend, u. sind um so dunkler gefärbt, dickflüssiger u. schwerer flüchtig, je später sie im Verlaufe der Destillation übergehen. Sie be sitzen einen brandigen Geruch u. einen scharfen, unangenehmen Geschmack. In Wasser sind sie unlöslich, in Alkohol meist wenig, dagegen in Äther, flüchtigen u. fetten Ölen leicht löslich. Die meisten sind entzündlich u. brennen mit Heller, rußender Flamme. Zu den längst bekannten u. früher auch in der Mediciu gebräuchlichen gehören: das Wachsöl, Bcrnsteinöl, Dippels Thieröl u. a. Reich an b-n Ö-n sind die verschiedenen Theer- arten, wie der Steinkohlen-, Holz-, Braunkohleu- n. Torftheer, u. die aus denselben dargestellten Producte finden meist als Beleuchtungsmaterial Verwendung. Clären. Brcnzsauren (Pyrosäuren), die aus organischen Körpern (meist aus Säuren) durch Erhitzen entstehenden neuen Säuren, welche aus der ursprünglichen Säure sich meist durch Spaltung bilden, indem diese durch die neue Brenz- od. Pyrosäure u. in Kohlensäure oder Wasser, oder auch beide zerfällt. So spaltet sich z. B. die Gallussäure beim Erhitzen in Kohlensäure u. Pyrogallussäure, die Weinsäure in Kohlensäure, Wasser u. Brenzweinsäure, die Citronensäure in Wasser u. Aconitsäure, letztere in Kohlensäure u. Jtakonsäure rc. Clören. Brera, Palazzo di, s. u. Mailand. Brera, Valeriano Luigi, ital. Mediciner, geb. 15. Dec. 1772 zu Pavia; studirte in seiner Vaterstadt, ging 1793 nach Mailand, 1794 nach Wien, bereiste Ungarn, Polen, Deutschland, wurde 1796 als Arzt am großen Mailänder Hospital angestcllt, ging in demselben Jahre als außerordentlicher Professor nach Pavia, trat 1798 von der Professur zurück, übernahm sie später wieder, ging 1800 als Stadtphysicus nach Crema, 1806 als Professor der Pathologie u. Staatsarzneikunde nach Bologna, 1808 an Bondiolis Stelle nach Padua. Zum Etatsrathe u. ersten Arzte der Veue- tianischen Staaten ernannt, erhielt er seiner Kränklichkeit halber die Erlaubniß, in Padua wohnen zu dürfen, statt in Venedig, und wurde 1816 K. K. Rath u. Präsident der K. K. Franz-Akademie. Seiner Ämter später entsetzt, privatisirte er in Venedig; er st. hier 1840. B. schr. u. a.: Oxus- eula solseb. aä praxin msäioam spsetantia, Pavia 1797 — 1811, 10 Bde.; vivisione äella malattio katcka, sso. il sistsma äs Lrorvn, ebd. 1798; ^.nnotariong sulls ckivsrss malattüs, ebd. 1798, Crem. 1306 f., 2 Bde.; ^natripsoloAia, Pav. 1799, 2 Bde., Baffano 1814; Iwrioni sopra 1 prinoipali vsrwi äsl eorpo umano, Crem. 1802; Llsmoris üsieo-msäleirs sopra 1 prinoipali vsrmi äsl oorpo umano oto., ebd. 1808—12; Os eon- laZi s äslla oura äsl'ora sbksbti, Pad. 1819, 2 Bde.; 6ommsnbario olinioo psr la oura clella ickrokobia, Mod. 1820, u. gab mit Caldani heraus: Oioruals äi insciiolna, Pav. 1812—17, 12 Bde., seit 1818 als: bluovi oommentari ckr insckioiua g äi eliirurZia, u. seit 1834: Lmbolo^ia meckio. Die Meistenseiner Schriften wurden ins Deutsche, mehrere auch in andere Sprachen übersetzt. Thamhayn." Wrescello, kleine Stadt in der italienischen Provinz Modena, am rechten Po-Ufer; 4803 Ew. Hier 20. Mai 1427 Schlacht zwischen der vene- tianischen Flotte unter Bembo und der mailändischen, die mit einem Landheere unter Nic. Picci- uino B. belagerte. Bresche, die Öffnung, welche vom Feinde in den Wall einer belagerten Festung geschossen wird, um denselben ersteigen und erstürmen zu können; darüber, wie über die Anlage der Breschbat« terien s. Festungskrieg. Breschcbatterie, Angriffsbatterie, deren Geschütze den Zweck haben, Escarpenmauerwerk oder sonstige Mauerbauten einer Festung zu breschiren; s. u. Festungskrieg. Brescheschuß, Schuß, dessen Zweck das Breschiren rst; s. u. Schießen. Breschet, Gilbert, französ. Anatom, geb. 7. Juli 1784 zu Clermont-Ferrand; studirte Me- dicin, war Gehilfe in verschiedenen Pariser Hospitälern, dann Armenarzt am Oospios äos snkants- trouvös, promovirte 1812, wurde ordentlicher Wundarzt am Hötsl-llisu, 1818?rofssssuraFreAS an der medicinischen Facultät, 1819 Chef der 57 Breschctschc Kanäle — Breslau. anatomischen Arbeiten u. Professor der Anatomie, Physiologie u. Pathologie, Ritter der Ehrenlegion n. später consultkrcnder Wundarzt des Königs; er st. 1845 zu Paris. B. schr. außer einer Menge kleiner, in verschiedenen Zeitungen gedruckter Ab- Handlungenu. a.: 8nr I'üz'ärooexlialiäs, Par.1818; gar Iss voinos äs raodis sts., ebd. 1819; 8ur I'anns sontrs natnrs, ebd. 1821; 8ur Is svstsme veinsnx, ebd. 1827—29; Dss malaäies äss sn- kants, ebd. 1833, 2 Bde.; 8nr äiüsrsntss sspeoss ä'ansur^smss, ebd. 1834; 8nr I'oiAans äs 1'oräs, 2. Ausg., ebd. 1836; mit Rouffel de Bauzhme: 8nr In strnot.urs äs In psan, ebd. 1835; Du Systems Z'rnpdatigus, ebd. 1836, deutsch von Martini, Ouedlinb. 1837. Thamhayn. Breschetsche Kanäle (Oanales Lrsoüsti, Anat.), baumarttg verzweigte Kanäle in der Diplod (schwammigen Substanz) der Schadelknochen, in denen die Venen dieser Knochen verlausen, u. die entweder an der äußeren, oder inneren Tafel dieser Knochen mit bes.-Öffnungen (IPramins, äixlotoa) münden. Breschiren, Manerwerk (gewöhnt, die Escarpe) einer Festung mittels Geschützen so zerstören, daß ein Eindringen in die Festüng ermöglicht, d. h. eine gangbare Bresche hergestellt wird. S. u. Schießen. Brescia, 1) (Bresciano) Provinz in Italien (Lombardei); grenzt im N. an Tirol u. die Prov. Sondrio, im O. an die Prov. Verona, von ihr durch den Garda-See geschieden, im S. än die Prov. Mantua u. Verona u. im W. an die Prov. Tremona n. Bergamo; 4258 Usicin (77,^ s^ZM); 456,023 Ew. Im N. finden sich Berge der Rhä- tischen Alpen, im S. eine große Ebene mit fruchtbarem Boden. Flüsse: Oglio mit Mella u. Chiese, die in mehrere Kanäle anslanfen, Mincio an der OGrenze. Seen: Garda-See u. Lago d'Jseo. Das Klima ist mild u. gesund. Produkte:, Getreide, Flachs, Hanf, Oliven (mit starkem Ölgewinn), Eitronen, guter Wein, viel Seide. Die Provinz zerfällt in die Bezirke (Kreise) B., Salö, Breno, Chiari, Verolanuova u. Castiglione. 2) Hauptstadt darin, nahe der Mella, in der großen lombard. Ebene (Oontraäs. larAa), an einer Vorhöhe der Alpen; sonst Festung, jetzt nur noch das Schloß Falcone d'Jtalia auf einem Felsen als Citadelle; Eisenbahnverbindungen mit Venedig, Mailand, Bologna u. Tirol; Bischofssitz; Civil-, Criminal- u. Wechselgericht; alte Kathedrale aus dem 7. Jahrh., die neue, begonnen 1600 u. noch nicht vollendet, die ebenfalls sehr alte St.-Afra-Kirche mit berühmten Gemälden und andere Kirchen; Lycenm, königl. u. bischöfliches Gymnasium, Theologisches Seminar; die Libkiotiises, Husriniana von 40,000 Banden, Archive, Antiquitäten- u. Naturaliencabinet, Botanischer Garten; ein großes Krankenhaus, zwei Waisenhäuser; schönster Friedhof in Italien; im neueren Theil breite Staßen, schöne Spaziergänge an Stelle der ehemaligen Mauern, viele öffentliche Plätze mit Springbrunnen, vorzügliche öffentliche Gebäude, als: Palast des Municipio, mit merkwürdigem Uhrthnrm, der Palast Broletto, das Museo Patrio in einer Tempelruine, mit Alterthümern n. der berühmten Erzstatue der Victoria, Museo Civico (Gemälde- und Sculpturensammlung); Fabrikation von Seiden- waaren, Barchent, Strümpfen, Leinwand, guten Gewehren, Gold- u. Eisenwaaren (daher der beste Stahl Italiens B-ner Stahl ss. u. Stahls heißt), Papier, Leder, Schuhen, Hüten; ansehnlicher Handel, sowie Transite; 38,906 Ew.; 12 Dörfer machen die Vorstädte. — B. war als Brixia Stadt der Cenomaner, später der Jnsubrer. Nach dem zweiten Panischen Kriege wurde B. ein römisches Muni- cipium. 452 n. Ehr. wurde es von Attila verheert. Nachher kam es unter die Gewalt der longobardischen Könige; als Mitglied des Lombardischen Städtebundes nahm B. theil an dem Siege über Friedrich I. bei Legnano 1176, und seine Unabhängigkeit wurde anerkannt. B. hatte in dem Kampfe der Ghibellinen u. Gneisen durch Bürgerkriege viel zu leiden. Vom Kaiser Friedrich II. 1238 vergebens mit allen Hilfsmitteln belagert, wurde B. von Ezzelin nach dem Siege bei Corticella über die Städter 29. Aug. 1258 eingenommen. Schon 1259 mußte aber Ezzelin dem Markgrafen Oberto weichen; 1265 wurde Filippo della Torre Herr von B.; 1267 trat B. zu dem Guelfischen Städtcbuude; 1311 mußte es sich dem Kaiser Heinrich VII. ergeben, blieb aber immer Sitz der Guelfischen Partei. Azzo Visconti in Mailand u. Mastino Scala in Verona übertrugen 1330 die Signorie dem König Johann von Böhmen, der die Ghibellinen zurückführte. Seit 1337 waren die Visconti wieder Herren der Stadt, unter denen beständige Unruhen stattfandcn. 1426 eroberte Carmagnola B. für die Venetiauer, welchen es auch nach Beendigung des dicserhalb zwischen Mailand u. Venedig geführten Krieges verblieb; 1509 ergaben sich die Brescianer den Franzosen, machten aber 1512 unter Graf Ludo- vico von Avogadro einen Aufstand zu Gunsten der Venetianer u. trieben die französische Besatzung in die Citadelle. Gaston de Foix eroberte die Stadt wieder u. ließ sie 7 Tage lang plünden; erst 1517 wurde sie den Venetianern zurückgegeben. 1796 wurde B. von Napoleon Bonaparte genommen und hier zwischen ihm und Neapel ein Waffenstillstand geschlossen; darauf besetzten es die Österreicher unter Wnrmser, welche indeß nach wenigen Tagen von Augerean wieder daraus vertrieben wurden (s. Französischer Nevolutionskrieg). 1797 brach unter der Führung der Brüder Lecchi ein Aufstand zu Gunsten der französischen Einrichtungen ans. Durch den Frieden zu Campo Formio kam B. mit einem Theil Venedigs zur Italienischen Republik, dann zum Könige. Italien u. 1814 an Österreich. Im März 1848 erklärte sich B. für die Freiheit u. zwang die österreichische Besatzung zur Capitulation, mußte sich aber nach der Capitulation von Mailand ergeben; ,im März 1849 erhob sich B. abermals gegen Österreich, wurde aber vom 30. März bis 2. April bom- bardirt u. von Haynan genommen, der nun in barbarischer Weise als Sieger hauste und sich dadurch den Beinamen der Hyäne von B. zuzog. Auch 1859 stand es wieder mit gegen Österreich ans u. wurde mit der Lombardei an Piemont abgetreten. Brescia, Arnold v., s. Arnold 5). Breslau, 1) Regierungsbezirk der prenß. 58 Breslau. Prov. Schlesien; 13,475,2g Ilskm (246,«« s^M); (1871) 1,414,584 Ew. (also 105 pro sMin, in ganz Preußen 70 pro mim), wornnier 676,897 männl. Geschlechtes, ferner 820,408 Protestanten u. 573,219 Katholiken; 56 Städte, 8 Flecken n. 2245 Dörfer oder überhaupt 5785 Wohnplätze mit 144,397 Wohngebäuden; grenzt au die Regbez. Liegnitz, Posen, Oppeln u. au die österr. Länder Böhmen, Österreichisch - Schlesien und Mähren; Flüsse: Oder mit der Neiße, Ohlan, Lohe, Wei- stritz, Stöber, Weida, Bartsch; südöstl. gebirgig (Sudeten, mit dem Glatzcr u. Habelschwerdter Gebirge, Hochwald-, Enlengebirg, davor der Zob- ten, auf dem rechten Odenifer das Katzeugebirg); eingethcilt in die Kreise: Haupt» ».Residenzstadt B., Landkr. B., Bricg, Frankeustein, Glatz, Guh- rau, Habelschwerdt, Militsch, Münsterberg, Nams- lau, Neumarkt, Neurode, Nimptsch, Öls, Ohlau, Reichenbach, Schweidnitz, Steinau, Strehlen, Strie- ga», Trebnitz, Waldenburg, Polnisch-Wartenberg u. Wohlan. Die linke Oderseite ist productiver, als die rechte. Man gewinnt Getreide, Flachs, Hopfen, Obst, etwas Wein, Holz, Eisenerze, Arsenikcrze, Graphit, Marmor, viel Steinkohlen (1873: 43,794,308 Ctr., im Werthe von 6 , 7 g Mill. Thlr.), Braunkohlen rc. Die Viehzählung vom 10 . Januar 1873 ergab: 104,881 Pferde (davon 67,676 für den landwirthschaftlichen u. 14,948 für den gewerblichen Betrieb), 266 Esel, 489,557 Stück Rindvieh (282,447 Kühe), 1,020,946 Schafe (654,282 Merinos), 139,917 Schweine, 46,011 Ziegen rc. An Bienenstöcken bestanden 45,439, darunter 17,774 mit beweglichen Waben. Die Industrie ziemlich bedeutend, namentlich in Leinwand, Baumwollen-, Wollenzeugen und Chemikalien; die Gegend bei Reichenbach (Langen-Bie- lan) leistet darin Bedeutendes. In manchen Gegenden, wie z. B. Neurode, ist die industrielle Thätigkeit gegen früher znrückgegangcn. Dieselbe dehnt sich auch auf Fabrikation von Porzellan, Glas, Töpferwaaren, Papier u. s. w. aus. Klima gesund u. natürlich bei den Höhenunterschieden auch sehr verschieden. OWinde oft unangenehm heftig. Verkehr auf der Oder u. einem ausgedehnten Eisenbahnnetze lebhaft. Die Eisenbahnlinien sind folgende: Oberschlej. Bahn mit Theilen der Linien B.-Oswieciin, B.-Posen, Brieg-Neiße und der Strecke B.-Glatz-Habelschwerdt, zus. 295, Nicderschles.-Märkische 64„«, B.-Schweidnitz-Frei- burg 215, gi, B.-Warschau 43,««, Öls-Gnesen 56, Rechte-Odernfer-Bahn 73,««, zus. 748,g« icm, u. nimmt der Regbez.von den 35 Regbez. des preu- ßischcn Staates in dieser Hinsicht u. im Verhält- niß zur Einwohnerzahl die 19. Stelle ein. Die Steuer kraft des Regbez. wird durch folgende Angaben veranschaulicht. Auf je 100 der ge- sauimten Klassensteuerbevölkcrung sind für 1875 18, lg zur Klassensteuer veranschlagt (in ganz Preu- ßen 20 , 2 g), davon 8,gg mit einem Einkommen von 140—220 Thlr., 0 ,g 7 von 450 — 500 Thlr. u. 0 , 2 g von 900 — 1000 Thlr.; steuerfrei waren 37,g« "/« (im ganzen Staate 27,.«). 2) Landkreis hicrselbst, von der Oder und 103,«» Icm Eisenbahnen durchschnitten; 750,«g süsicm (13,2, UM); 68,927 Ew. 3) Hauptstadt hier, von ganz Schlesien n. dem nach ihm benannten kathol. eximirten Bisthum u. 3. Haupt- u. Residmzstadt der prenß. Monarchie, in einer weiten, im S. durch dis Sudeten, im N. durch die Trebnitzer Höhen begrenzten, bes. im südl. Theil überaus fruchtbaren Ebene, größtcntheils auf dem linken User der Oder, die hier mehrere Inseln (Sandinsel, Bllrgerwerder rc.) bildet, und unterhalb der eigentlichen Ohle- mündung; umfaßt 30 ,2 Hjicm (0^,« m>M) und bildet einen eigenen Stadtkreis. Schon 1291 wurde jedoch durch Herzog Heinrich V. ein Ohle- arm südlich um die Stadl geleitet, welcher, fast imnier stagnirend, nicht wenig zur Verunreinigung u. Verpestung der nahegelegenen Stadttheile beiträgt. Ein kurzer Oderarin geht südl. in die Ohle u. trennt östlich die Neustadt von der westlich gelegenen, weit größeren Altstadt, die jedoch, seit 1327 mit einander völlig vereinigt, seitdem eine Stadt bilden, wenn auch der Name Neustadt nicht verschwunden ist. Nach den Bränden von 1341—44 ließ der deutsche Kaiser Karl IV. als Herzog von B. die Stadt nicht bloß nach eigenem Plan wieder anfbauen, sondern auch über den Öhlegraben, hauptsächlich südlich hinaus erweitern. Noch später zog man einen zweiten Graben, den sog. Stadtgraben, auch ans dem linken Odernfer,. nur in größerer Peripherie, sonst ziemlich parallel j mit der Ohle, n. befestigte die inneren Wälle. So- war B. eine ziemlich bedeutende Festung dis 1807,. wo die Abtragung der Wälle u. Bastionen u. ihre Verwandlung in die schönen Baumalleen u. Blumenanlagen, die sog. Promenade, begann. Jenseits des Stadtgrabens liegen jetzt die Vorstädte: die Nikolaivorstadt im W., die Schweid- nitzer im S., die Ohlaner im O. (nach den einst innerhalb des Stadtgrabens vorhandenen Thoren so benannt); dazu kam früher gegen NO.^ nahe der Oder noch das Ziegelthor, u. jenseits der Oder ist die Sandvorstadt (nach der Sandinsel) u. die sog. Dominsel (seit der Abtragung der Festungswerke keine Insel mehr). Westlich, ebenfalls auf dem rechten Ufer, ist die weitläufige Odcrvorstadt, welche mit der Stadt durch die sog. Oderbrücke verbunden ist. Diese zerfällt, indem sie über die beiden, das Bllrgerwerder bildenden Oderarme geht, in 2 Abtheilungen. 12 größere u. kleinere Brücken verbinden die Oderufer u. die Inseln. Über die Ohlau führen allein 20 Brücken; im Ganzen hat die Stadt deren über 50 aufzuweisen. Plätze: der Ring, bildet ein großes Viereck, dessen Seiten zum Theil nach Häuserabzeichen: der Naschmarkt (von dem Obst- u. Gemüseverkanfe dort) im N., die Sieben-Kur- sürsten-Seite od. Paradeplatz (weil hier früher die Paraden abgehalten wurden) im W., die goldene Becherscite im S. u. die Grüne Röhrseite im O. genannt sind. Auf dem Paradeplatze steht vor dem neuen Stadthause die bronzene Reiterstatne Friedrichs d. Gr., 1842 von den Schlesiern erricht«, von A. Kiß; unweit davon beim Rathhause die 1861 enthüllte Reiterstatue Friedrich Wilhelms III., auch von Kiß; ans der Grünen Röhrseite steht die steinerne, etwa 5 in hohe Stanpsäule von 1492; in der Mitte des Platzes das alterthümliche, prachtvolle Rathhaus (in der Mitte des 14. Jahrh. entstanden, zog sich sein Ausbau ins 17. Jahrh. hinein; nur 2 Fensterreihen hoch, zerfällt es kir- Breslau. 5L chcnartig in 3 Längenräume, die innen u. außen mit den herrlichsten u. reichsten Blüthen spätgothi- schcr Ornamentik u. Sculptur ausgestattet find), dessen Kcllerraum ist der berühmte Schweidnitzer Keller (von einem ehedem berühmten Bier so genannt); der Blücherplatz, früher Salzring, ist kleiner u. mit der 1826 errichteten Blüchersiatue von Rauch geschmückt; das große Börsengebäude steht südlich am Platze; der Neumarkt, mit einem Neptunspringbrnnnen; vor dem Schweidnitzer Thor der Tauenzienplatz mit dem von G. Schadow ausgeführten Marmordenkmal des preußischen Generals, der die Stadt 1760 gegen die Österreicher glücklich vertheidigte; in der Nähe zwischen dem neuen. 1841 vollendeten, großen Theater (brannte lg. Juni 1865 ab, wurde 1867 neu erbaut u. wurde 13.—14. Juni 1871 abermals ein Raub der Flammen), einem Theil der Promenade, dem neuen Ständehause u. dem von Stüler 1846 erbauten SFlügel des königlichen Schlosses ist der größte Platz der Stadt, der Exercierplatz. Ansehnliche Wasserleitungen versehen die Stadt mit Flußwasser. B. hat 31 Kirchen, darunter 20 katholische: der Dom zu St. Johannes (aus der Mitte des 13. Jahrh., rn der Grundanlage eine roman. Pseilerbastlica, am Ende des 15. Jahrh. vollendet, später im Renaissance- u. Barockstil des 17. u. 18. Jahrh. erweitert), mit frühgothischem Chorraume u. 20 Kapellen, unter denen die St.-Elisa- «eth-Kapelle (1680 erbaut) zwar die prachtvollste ist, aber anderen mittelalterlichen an Würde des Stils nachsteht, mit vielen bedeutenden Werken der Malerei u. Bildnerei; die gothische Kapelle zum Heil. Kreuz mit einer gleich weiten Unterkirche gehört dem Ende des 13. u. Anfang des 14. Jahrh. an n. enthält die berühmte aus Thon gebrannte bunte Tumba des Stifters, Herzogs Heinrich IV.; die kleine gothische Martunkirche, einst herzogliche Schloßkapelle; die Sandkirche zu U. L. Frauen, eine großartige Hallenkirche mit schönen Gewölben u. Consoles, aus der Mitte des 14. Jahrh.; die Dorotheenkirche mit dem höchsten Dache der Stadt; die Dominicanerkirche hat einen schönen Giebel aus dem 14. Jahrh. u. einen neuen gothischen Altar mit gutem Bilde; in der Vincenzkirche liegt Herzog Heinrich II. unter seiner Tumba. Bon den evangelischen Kirchen ist die größte die zu St. Elisabeth (1257 angesangen, 1857 restaurirt und initGlasmalereien, Geschenke Friedrich WilhelmsIV., versehen), mit sehr hohem Mittelschiffe, vielen Denkmälern der Sculptur u. Malerei aus allen Jahrh., einem schönen, etwa 16 m hohen steinernen Sa- cramentshäuschen u. einem kolossalen, 102 m hohen Thurme; die evang. Maria-Magdalcnen-Kirche, auch mit vielen Denkmälern aller Art, prachtvollen Masgemälden und zwei durch eine Bogendrücke verbundenen Thürmen; die Bernhardinkirche hat uoch das alte, aus dem 15. Jahrh. herstammende Klostergebäude u. den Kreuzgang; die neue Elf- lausend-Jungfranen-Kirche; die Barbarakirche mit Tafelmalereien des 15. Jahrh.; die Hof- oder reformirte Kirche von 1750; die 1871 geweihte kath. Neue Michaelskirche; die große neue Syna- Loge ist die bedeutendste unter den 18 der Stadt. MerkwürdigeGebäude: das königl. Schloß, das Jnquisitoriat, ein herrlicher Rohziegelbau, Universitätsgebäude mit der lisoxoläin» u. einer Kirche, j. Matthiaskirche, Regiernngsgebäudc (sonst Hatzfeldsches Palais), Appellationsgerichtsgebäude (früher Bincenzkloster), königl. Bibliothekgebäude (früher Sandstiftsgebände),sürstbischöflichc Residenz auf der Dominsel, das im Floreminischen Palaststil erbaute neue, imposanteGouvernementsgebände, die Post, das neue Stadtgerichtsgebäude u. der 1857 vollendete Oberschlesische Bahnhof. B. ist Sitz des Oberpräsidenten der Provinz Schlesien und deS Präsidenten des Regierungsbezirkes, Fürstbischofs der Diöcese mit Domcapitel, des Generalcom- inandos des 6. Armeecorps, des Evang. Consisto- rinms, Appellationsgerichtes rc. Wissenschaftliche Anstalten: die Universität, in dem 1738 ausgeführten ehern. Jesuitcn-Colleginm, auf Betrieb u. unter Leitung der Jesuiten 1702 für die theologische u. philosophische Facultät als Ueopol- äina eingerichtet, 1811 mit der Frankfurter Universität (welche durch Privilegium des Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg vom Sonntag Estomihi 1506 gestiftet wurde) vereinigt u. dadurch zur vollständigen Universität erhoben, mit einer katholisch- n. evangelisch-theologischen, juristischen, medicinischen u. philosophischen Facultät; Bibliothek von 380,000 Bänden (darunter die an orientalischen Werken reiche RiblioUrsoa Habioii- tinna), Anatomischem Museum, Klinischem Institut, Sternwarte auf dem Univcrsitätsgebäude (unter 34° 42' 9" ö. L. n. 51° 6' 56,,." n. Br.), Botanischem Garten, Naturhistorischem Museum, Anstalten u. Sammlungen für Physik u. Chemie, Bildergalerie (800 Gemälde ans den eingezogenen Kirchen n. Klöstern), jetzt größtentheils der öffentlichen Bildergalerie im Ständehausc anvertraut, Sammlung schlesischer Altcrthümer u. antiker Gipsabgüsse, Schlesisches Provinzialarchiv (größtentheils aus Urkunden der aufgehobenen Klöster erwachsen; 1821 30,000 Stück) u. a. Verbunden mit der Universität sind die theologischen n. philologischen Seminarien. In letzter Zeit zählte die Universität meist zwischen 8—900 Studenten, früher zuweilen über 1000. Ferner ist B. der Sitz eines israelitischen Rabbinerseminars. Außerdem bestehen in B. eine Mcdicinisch chirurgische Lehranstalt u. ein Hebammcninstilut, Kunst-, Bau»- und Handwerksschule, Sonntagsschule, 70 Elementarschulen (einschließlich der Privatanstalten aller Confessionen); Provinzial-Blinden- u./Taubstummenanstalt. Höhere Unterrichtsanstalten: evangelische: Gymnasium St. Elisabeth, Maria Magdalena, Friedrichsgymnasium, Realschulen I. Ordnung, am Zwinger u. zum Heiligen Geist, Privat-Han- delsschule, städtische höhere Töchterschule zu St. Maria Magdalena; katholische: Königliches Gymnasium im aufgehobenen Matthiasstiste, katholisches Schullehrerseminar im aufgehobenen Nonnenkloster St. Jakob, Klerikal - Alumnat auf dem Dome u. Mädchenschule der Ursulinerinnen; simultan ist das Johannesgymnasium. Außer der Universitätsbibliothek bestehen noch die Rhe- digersche Bibliothek in der Elisabeth-Kirche, die Magdalenenbibliothek in der Magdalenen-Kirche, mit Bildersaal, der jetzt auch der Galerie im Ständehause einverleibt ist, u. die Bibliothek zu Sr. Bernhardin in der Neustadt, sämmtlich durch Ber- 60 Breslau. mächtnisse entstanden n. vermehrt, so wie noch einige kleinere an verschiedenen Anstalten. VonGe lehrten Gesellschaften bestehen die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cnltur, 180?, gestiftet, 1809 für wissenschaftliche Zwecke erweitert, in mehrere Secüonen für Geschichte, Medicin, Naturwissenschaften, technische Wissenschaften, Ökonomie, Pädagogik getrennt; besitzt Bibliothek u. Sammlungen, veranstaltet Ausstellungen u. gibt jährlich eine Übersicht ihrer Arbeiten heraus. Der Verein für Geschichte u. Alterthum Schlesiens gibt Quellenschriften n. eine Zeitschrift heraus u. hält monatlich Versammlungen u. Vorträge. Mehrere bedeutende in B. erscheinende Zeitungen (B-er Morgenzeitung (1874 Auflage 18,000), Schlesische Zeitung (Aust. 13,000), 1874 im Ganzen 19 Zeitungen u. Zeitschriften rc., über 30 bestehende Buch-, Kunst- u. Musikalienhandlungen n. über 30 Buch-, Kupfer- u. Steindruckereien beweisen einen regen geistigen Verkehr. Wohlthätigkeitsanstalten: das Kloster der Barmherzigen Brüder u. das Krankenhospital der Elisabethinerinnen verpflegen eine große Anzahl Kranker, jenes jährlich in u. außer dem Hause an 6000; ferner bestehen das Elisabeth- oder Matthiashospital (1253 von den Herzogen Heinrich u. Wladislaw gestiftet, 1820 erneuert), das große städtische Krankenhaus zu Allerheiligen, Dreifaltigkcits-, Hieronymus-, Elftausend-Jung- sranen-, Heilige-Geist-, katholische St.-Anna-, u. 3 Kinderhospitäler, jüdisches Hospital u. jüdisches Krankenhaus, Hospital sür alte hilflose Dienstboten, das Armenhaus, das Selenkeschc Institut für verarmte Kanflcute beider Confessionen, der Verein für hilfsbedürftige Handlungsdicncr, 8 Kleinkin- Lerschnlcn n. Vereine zur Beaufsichtigung der Erziehung von Armenkindern, mehrere Institute zur Versorgung der Armen mit ärztlicher Hilfe ».Arzneien u. a. Sämmtliche milde Stiftungen besitzen über 6 Mill. Ll an Capital und verwenden hiervon u. von anderen Einnahmen gegen 360,000 Ä. Die Industrie liefert bes.: Twiste, Leder, Zucker, Branntwein u. Liqncure, Gold u. Silbcr- waaren, Siegellack, chemische Maaren, Strohhüte, Röthe u. bedeutende Garracine, Essig, Öl, Cichorie, Möbel, Wagen, Klaviere, bedeutende Maschinenbauanstalten rc. Handel, Verkehr, Consum rc. B. ist der Hauptmarkt sür schlesische Fabrikate, wie Wolle u. Baumwollenwaaren, ferner für Zink, Eisen, Steinkohlen, Holz u. russischen Leinsamen. Es bestehen dort 1 Flachs- u. 1 Wollenmarkt, 4 Kram-, 4 Leder-, 5 Roß- u. Viehmärkte (einer der bedeutendsten der Welt, obwol in den letzten Jahren sehr zurllckgegangen; pro 1874 ca. 109,000 Ctr. Wolle zu Markt gestellt). Auf dem Schlachtviehmarkte wurden 1873—74 angetrieben: 6899 Ochsen, 7356 Kühe, 26,217 Kälber, 80,452Hämmel u. 43,260 Schweine, von denen ein großer Theil nach Berlin u. Dresden n. bes. Hämmel nach dem W. gingen. Auf dem Hauptsteueramte wurden 1874 424,352 Ctr. Maaren verzollt (Baumwollengarn 12,663, calcinirte Soda 19,254, Häute u. Felle 19,660, Maschinen 31,069, Wein 25,634, Südfrüchte 22,283 Ctr., Häringe 65,298, Kaste 90,032, Reis 78,630, Tabak 13,236, Öle u. Fette 35,439, rohe Schafwolle 10,149 Ctr.). Der Bicrconsum belief sich auf 375,700 lrl. Es bestanden im B-er Hauptsteueramte 107 Branntweinbrennereien u. 12 Runkelrübenfabriken; letztere verarbeiteten 2,117,373 Ctr. Rüben (30°/, von der Prov. Schlesien). In demselben Bezirke waren 10,845,„ du mit Tabak bepflanzt (18°/, von der Prov. Schlesien). Der Gascvnsum belief sich 1873—74 auf 3I7H Mill. Kbfuß. Die Oderschifffahrt (beständig in Abnahme begriffen) beschränkte sich auf 181 beladene Kähne u. 1677 Flöße. Der Eisenbahnverkehr war um so bedeutender (specielle Angaben fehlen); vier Bahnhöfe vereinigen 6 Linien. Der Telegraphenverkehr belief sich insgesammt auf 465,339 Depeschen (1873: 526,921). Der Postverkehr wies 1873 aus: 6,867,828 Briefe rc. von auswärts, 1,061,280 von einwärts; 917,082 Paket- u. Geldsendungen von auswärts, 161,092 von einwärts u. 12,296,307 Zeitungen nebst 137,344 bes. Beilagen. Es bestehen ein Handelsgericht, eine Börse u. 6 größere Bankinstitute: Gesamnitumsatz in Will. Thlr. Dividende. 1874 1873 1874 1) Königl. Bank 335,, 483, z 6 pCt. 2) Städt. Bank 32,j 46,4 4 3) Schles.Bankverein 134,, 150,, 5 4) B-erDiscontobank 503,, 590„ 3H 5) Schles.Vercinsbank315,, 330,, ? 6) B-er Wechslerbank 218,, 402,, ? Ferner 2 Sparkassen u. 2 Vorschußvereine, eine Schnhmacherassociation u. ein Consumverein rc. Die Schles. Feuerversicherungs-Gesellschaft erzielte eine Dividende von 17°/,. Freimaurerlogen: 2 Provinziallogen von Schlesien u. 3 Johannislogen: die Vereinigte zu den 3 Todtengerippen, zur Säule u. zur Glocke; Horus u. Friedrich zum goldenenSccpter. Zu öffentlichen u. Privatvergnügungen dienen: die ehemal. Festungswerke, jetzt in Alleen u. Spaziergänge, eine herrliche Promenade, verwandelt, fast um die ganze Stadt gehend; 2 Bastionen (Taschen- u. Ziegelbastion) sind als Berge, auf denen engl. Anlagen befindlich sind, stehen geblieben, letztere bes. durch ihre überraschende Aussicht ausgezeichnet; mehrere Theater; Pferderennen u. Thierschau, durch den Provinzialvereiu veranstaltet; viele Concert- (u. Tanz-) Gesellschaften, mehrere Singvereine, Liedertafeln; vieleSommer-n.Wintergärten, Conditoreien, Ressourcen (die kaufmännische mit schönem Garten, dem sogen. Zwinger); viele Vergnügungsörter: Scheitnig mit Park u. Villen an der Oder, Os- witz an der Oder, Pöpelwitz, Morgenau, Alt- scheitnig, Zedlitz u. Pirscham, Kleinburg; in weiterer Entfernung das Bad Öbernigk u. Trebnitz, Skarfine, Öls, Sibyllenort, Lissa, Zobten, Fürsten- stcin u. die Bäder Altwasser, Salzbrunn rc.,; mit der Eisenbahn in wenigen Stunden zu erreichen. B. hatte am 1. Dec. 1871 in 5347 Wohngebäuden u. 45,543 Haushaltungen 207,997 Ew., 1173 Nicht-Preußen, 121,185 Evangelische, 72,145 Katholiken, 751 sonstige Christen, 13,916 Juden rc.; Bevölk. 1816 68,733, 1852 112,194. Es ist Geburtsort von Garve, Gentz, Schleiermacher, Chr. v. Wolfs, Holtei, Häring (Alexis), Kopisch, Pa- nofka, Roscnfelder u. A. m. B-s Wappen, von Karl V. verliehen, ist ein quadrirter Schild mit Mittelschild. Im ersten Felde der böhmische Löwe, Breslau. 61 im zweiten der schlesische Adler, im dritten ein U, sin vierten der Kops Johannis des Evangelisten u. im Mittelschilde das Haupt Johannis des Läufers. Geschichtliches. B. (iVraoislarva-, IVrnolniv, lat. Mabisls-via), slavischen Ursprunges, war schon vor dem Jahre 1000 Bisthumsstadt u. gehörte mit Schlesien zu Polen. Schon nach 1034 brach in der allgemeinen Verwirrung des Polnischen Reiches das kaum unterdrückte Heidenthum wieder hervor, u. die Böhmen eroberten Schlesien und verbrannten 1038 B., das Kasimir erst 1054 gegen einen Tribut wieder freikaufte. 1109 stand Kaiser Heinrich V. vor B., mußte aber unverrichteter Sache heimkehren. Nach der Vertreibung des Herzogs Wladislaw II. (1148) setzte sich sein Bruder Boleslaw IV. in den Besitz Schlesiens, gab es aber nach Wladislaws Tode (1163) unter Vermittelung des Kaisers Friedrich I. Wladislaws Söhnen, von denen in der Theilung Boleslaw I. den größten Theil mit B. erhielt; dieser bildete seit 1201 unter seinem Sohne Heinrich I. dem Bärtigen eines der Herzogthümer Schlesiens (s. d.). Unter Heinrich II. belagerten die Mongolen 1241 die Stadt vergeblich, doch wurde sie niedergebranut, wie es heißt, von ihrer eigenen Besatzung. Die neue Stadt wurde nicht unmittelbar auf dem alten Platze, sondern daneben wieder aufgebant. Heinrich III. erwies der Stadt viele Wohlthaten u. beschenkte sie unter anderem 1261 mit dem Magdeburgischen Rechte. Heinrich IV. baute die Kreuzkirche als seine Grabstätte. Heinrich V. leitete zur größeren Befestigung u. Nutzbarkeit der Stadt 1291 einen Ohlearm um dieselbe. 1335 starb der letzte Herzog von B., Heinrich VI., u. hinterließ B. nach einem Erbvertrage dem König Johann von Böhmen, der, wie sein Sohn Kaiser Karl IV., sich als den sorgsamsten Pfleger des städtischen Gemeinwesens zeigte. I. I 1342 u. 1344 betrafen B. verheerende Feuersbrünste. Im 15. Jahrh. erreichte das Selbstgefühl der Bürger auch hier die höchste Steigerung und ließ es zu vielfachen Unruhen, Aufständen (so 1418 von Seiten der Zünfte, deren Gewaltausbrüche König Siegmund 1420 mit Hinrichtung von 23 Rädelsführern bestrafte), ja zu den hartnäckigsten Versuchen, sich der böhmischen Herrschaft ganz zu entschlagen, kommen. Die verderblichsten Fehden u Kriege mit der Ritterschaft, den Städten u. der Podiebradschen Partei (an einem Tage, 28. Aug. 1459, erhielt B. in 2 Körben 625 Fehdebriese) u. der Druck des Ungarnkönigs Matthias Cor- vinus, dessen Hilfe B. angesprochen u. dessen Vögte die städtische Herrschaft ganz brachen, waren die weiteren Folgen. Als dieser aber 1490 starb, vergriff man sich an seinem Landeshauptmann Heinz Domnik u. ließ ihn hinrichten. 1.527 kam B. u. Schlesien an Ferdinand von Ästerreich Die Reformation fand auch hier bald Eingang n erhielt Durch den Pfarrer Johannes Heß eine seste Gestalt, u. die Unbilden, welche dabei der alten Kirche angethan wurden, waren fast nicht geringer, als die Rechtsbeeinträchtigungen, die ein Jahrhundert später von der Gegenpartei auch in dieser durch besondere im Westfälischen Frieden bestätigte Freiheiten ausgezeichneten Stadt verübt wurden. Am 10. Aug. 1741 wurde B. von Preußen erobert u. 11. Juni 1742 hier der Friede zwischen Österreich u. Preußen, welcher den ersten Schleichen Krieg endigte u. wodurch Schlesien an Vreußen kam, abgeschlossen. Am 22.„Nov. 1757 and vor B. die Schlacht zwischen den Österreichern unter Prinz Karl von Lothringen n. den Preußen unter dem Herzog von Braunschweig-Bevern statt, in welcher der Letztere geschlagen n. gefangen wurde B. unter General Lestwitz 24. Nov. capitnlirte. Nach der Schlacht von Lenthen. 5. Dec. 1757 capitnlirte B. wieder, u. 18,000 Österreicher ergaben sich den Preußen als Kriegsgefangene. 1760 suchte General Laudon durch einen brnsquirten Angriff Beschießung B. zu überraschen, doch hielt sich General Tauenzien, n. die Belagerung wurde nach 5 Tagen aufgehoben (s. Siebenjähriger Krieg). 1793 Aufstand der Handwerksgesellen u. 1797 der Bürger; s. u. Schlesien (Gesch.). Im Dec. 1806 belagerten u. beschossen die Franzosen u. Bayern B. Der Commandant, General Thiele, brannte die Vorstädte nieder, capitnlirte aber 7. Jan. 1807; Preußisch-Russischer Krieg von 1806 u. 1807. Die Festungswerke wurden nun von den Franzosen gesprengt n. später, als der König den Platz der Stadt schenkte, bes. seit 1813 vollends abgetragen u. zum Theil in Spaziergänge verwandelt. Am 3. Febr. 1813 erließ der König von B. aus den Ruf: An mein Volk! welchem die Erhebung Preußens gegen Frankreich folgte. Im Juni wurde es einige Tags lang von den Franzosen besetzt, die es aber infolge des Waffenstillstandes wieder räumten. 1819 brach ein Aufstand unter den Handwerksgesellen aus, der jedoch bald gestillt wurde. 1841 richtete der Magistrat einen Antrag an die schlesischen Stände, daß diese den König Friedrich Wilhelm IV. bitten möchten, die Reichsstände zu errichten; der Antrag wurde von den Ständen verworfen, u. die Stadt zog sich eine zeitweilige Ungnade des Königs zu. Am 6. u. 7. Mai 1849 Volkstnmnlt; s. Preußen (Gesch.). Vgl. Klose, Gesch. u. Beschreibung der Stadt B., Bresl. 1780—83, 5 Bde.; Menzel, Topogr. Chronik von B., Bresl. 1805—8; Nikolaus Pol, Jahrb. der Stadt B., heransg. von Büsching u. Kunisch, 1813—24, 5 Bde.; Eschenloer, Gesch. der Stadt B. von 1440—79, heransg. v. Kunisch, 1827, 2 Bde.; Grünhagen, B. unter den Piasten als deutsches Gemeinwesen, 1861; Morgenbesser, B. u. seine Merkwürdigkeiten, Bresl. 1831; Nösselt, B. n. seine Umgebung, 2. Ausl., ebd. 1833; Bürkner u. Stein, Gesch. der Stadt B., ebd. 1851—53; B-er Urknndenbuch, heransg. von G.Korn, ebd. 1870, I.Bd. 4)Oberbergamtsbezirk; umfaßt die Provinzen Schlesien, Posen u. Preußen; es wurden im Jahre 1873 gefördert: an Steinkohlen 201,276,593 Ctr. (83 Mill. Ll), an Braunkohlen 8,724,768 Ctr. (1,379,600 N), u. producirten seine Hüttenwerke: 6,482,746 Ctr. Roheisen u. Rohstahleisen, 184,556 Ctr. Blei u. Glätte, 734,387 Ctr. Zink, 3333 Ctr. Kupfer u. 155,ss Ctr. Silber. X, — Handel, Berkehr, Kreditwesen !c.: Schroot. Breslau, Bisthum. Das Bisthum B. wurde > durch den polnischen König Boleslaw I. noch vor >1000 (zugleich mit Krakau) gegründet u. bald dar- 02 Breslau — Bresiüer. auf dem Erzbisthum Gnesen untergeordnet, in welchem Verhältniß es bis 1821 blieb. Die Geschichte der ersten 5 oder 6 Bischöfe ist sagenhaft Hieronymus (1051—1062) ist der erste beglaubigte Bischof; Walther I. (bis nach 1178) erbaute die Domkirche, u. zwar die erste von Stein, von der aber jede Spur verschwunden ist. Bald begannen die Streitigkeiten mit den schlesischen Herzogen u. dem Adel um die Gerichtsbarkeit u. den Zehnt, da auch die Bischöfe durch die Germani- firung des Landes gewannen u. dieselbe beförderten u. fo nnt den weltlichen Ansprüchen in Collision geriethen. Besonders mächtig wurde das Bisthum Lurch die Schenkung (1201) des Ottmachauscheu Landes (später das Neißesche genannt), durch den Bischof Jaroslaw (1189—1201), Sohn des Herzogs Boleslaw I. von Schlesien. Um 1244, nach der Verwüstung Schlesiens durch die Mongolen 1241, gründete Thomas I. (1232—68) die ältesten Theile des jetzigen Domes. Am 13. Juni 1290 erlangte Thomas II., aus dem edlen Ge- schlcchte Zaremba (1270—92), durch den Herzog Heinrich IV. von B. nach 4jährigem Kampfe, in welchem die äußersten weltlichen u. geistlichen Gewaltmittel verbraucht wurden, den großen Frci- heitsbrief, nach welchem alle bischöflichen Güter von allen Lasten n. Diensten freigesprochen wurden u. der Bischof auch die höchste Gerichtsbarkeit, das Mllnzrecht u. das fürstliche Recht erhielt. Er st. 14. März 1292. 1344 erwarb Precislaw von Pogarell oder Pogrclla (seit 1341, st. 4. oder 6. Apr. 1376) Stadt u. Bezirk Grotlkan durch Kauf, n. so hieß der B-er Bischof fortan Fürst von Neiße (s. o.) u. Herzog von Grottkau, wurde jedoch als solcher iu demselben Jahre Vasall der Krone Böhmens. Bischof Wenzel, Herzog von Lieguitz, st. 1419. Durch das Emporkommen der königlichen Gewalt u. des Bürgerthums erfuhr das Bisthum immer größere Einbußen u. sank endlich so, daß schon 1413, dann 1435 n. so fort fremde Bischöfe mit ihrem Schutze sich seiner an- nehmeu mußten u. Matthias von Ungarn, als Herzog von Schlesien, zuerst eine leidliche Ordnung in die weltlichen Angelegenheiten des Bisthnms brachte u. wieder eine allgemeine Steuer erheben konnte. Peter Nowack st. 1456; sein Nachfolger war Jodocus v. Nosenberg; vom April 1468 bis 9. Jan. 1482 war Rudolf aus Rüdesheim Bischof; dann Johann Roth (als Johann IV., st. 1506). Johann IV. hatte mit seinem Domklcrus ärgerliche Streitigkeiten, welche ihn der Tyrannei n. des Eigennutzes ziehen. Die Wahl eines Coadjutors gab Veranlassung zu dem Kolowratischcn Vertrage vom 3. Febr. 1504 (genannt nach dem böhmischen Kanzler Albrecht v. Kolowrat); derselbe setzte zwischen Fürsten u. Domcapitel gewisse Bestimmungen über das Verhältniß zwischen Staat n. Kirche fest u. beschränkte auch die bisher freie Wahl, indem ferner nur Schlesier, Böhmen, Mähren oder Lausitzer auf den Bischofsstuhl gelangen sollten. Doch hatte der Bischof seit der österreichischen Herrschaft (1520) fast immer zugleich die Oberlandeshauptmannschaft. Das Bisthum wurde daher seit dem 17. Jahrhundert meist an kaiserliche Prinzen oder jüngere Glieder auswärtiger Fürstenhäuser vergeben. 1742 kam das Bisthum unter dem Bischof Grafen v. Sinzendorf durch den B-er Frieden an Preußen, u. nur ein Theil der bischöflichen Besitzungen in dem Gebirge zwischen Schlesien und Mähren blieb unter Österreich,„weshalb der Bischof ein Vasall von Preußen u. Österreich wurde. Unter Joseph Christian, Fürst v. Hohenlohe-Bartenstein, seit 1795 der Nachfolger Philipps, wurde der in Preußen liegende Theil des bischöflichen Fürstenthums Neiße fäcularisirt; nur der in Österreich liegende Theil u. der fürstliche Titel blieb dem Bischof von B. 1812 wurde das Domcapitel neu organisirt. Mit dem Tode des Fürstbischofs 1817 trat bis 1823 ein Interregnum ein u. endete durch die Wahl Emanuels v. Schimonski, des bisherigen Bisthumsadministrators. Unter ihm wurde 1821 durch die Bulle Do saluto animarum das Bisthum von seinem in dem letzten Jahrh. immer lockerer gewordenen Verhältniß zu Gnesen gelöst u. die jetzige Verfassung des Bisthums nach allen Seiten hin definitiv regulirt. Er st. 1835. Der 1835 zum Fürstbischof erhobene Graf Leopold v. Sedlnitzky, der zur Evangelischen Kirche übertrat, resignirte 1840 und ging nach Berlin mit dem Titel eines Staatsrathes; st. 1871. Infolge dessen fand im Juni 1841 eine neueWahl statt, welche 27. Aug. dcss. Jahres auf Joseph Knauer fiel; dieser, erst 1843 vom Papste bestätigt, starb bald. 1845 wurde Melchior v. Die- penbrock (s. d.), bisheriger Bischof von Regens- bnrg, zum Fürstbischof von B. erwählt u. erhielt 1850 persönlich die Öberaufsicht über die katholische Seelsorge der ganzen preußischen Armee. 1853 folgte der Domherr Heinrich Förster (s. d.), welchem noch in demselben Jahre die Provinzen Brandenburg u. Pommern als Delegatur zuge- theilt wurden. Das Bisthum umfaßt demnach jetzt außer der preußischen Provinz Schlesien (mit Abzug der Grafschaft Glatz, die immer zum Erzbisthum Prag gehört hat, u. einiger Striche an der Grenze Mährens, die nach Olmütz gehören), einen Theil des österreichischen Schlesien u. seit 1821 u. 1853 iu dem oben bezeichnetcn Sinne die preußischen Provinzen Brandenburg u. Pommern. Vgl. Stenzel, Urkunden zur Geschichte des Bisthums B., Bresl. 1845; Grüuhagen, Lessssta episeopntns Vratislavisnoio, 1864 ff.; Ritter, Geschichte der Diöcese B., ebd. 1845 (I. Theil bis 1290); Schematismus des Bisthnms B., 1857; I. Heyne, Geschichte des Bisthnms u. Hochstiftes B., Berl. 1860 ff., 3 Bde. Wtfl-r.' Breslau, Herzogthum, s. Schlesien (Geschichte). Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn (1874): Länge 459 Icm; im Bau 207 Icw, wovon im Jan. 1875 31 icm (Rcppen-Küstrin) eröffnet wurden. Anzahl der Lrcoinotiven 97, der Personenwagen 220, der Gn>:wagen 2413. Einnahme 7,683,774 bl. Benennung der Linien: Breslau-Waldenburg (72 Icm), Frankenstein- Randten (135 Icm), Breslau-Küstrin (252 Icm); im Bau: Küstrin-Stettin-Swinemünde (174 Icm) u. Salzbrnnn-Friedland-Landgrenze (33 Icw). Zeit der Gründung 1837; der Inbetriebsetzung 1843. Anlagecapital bei der Gründung 4,500,000 Ll; heutiges Anlagecapital 114,000,00021. Privat- Verwaltung; Directionssitz Breslau. Bresnier, Louis Jaques, franz. Orientalist, 63 Brcssmik geb. II. April 1814 in Montargis, Dep. Loiret; siudirte in Paris die orientalischen Sprachen, nachdem er sich neben seiner täglichen Beschäftigung als Schriftsetzer die nöthige Vorbildung privatim verschafft hatte. Im Jahre 1836 libertrug ihm die französische Regierung die Leitung des Unterrichtes in der arabischen Sprache auf der algerischen Colonie. In dieser Stellung fungirte er 82 Jahre hindurch, u. cs gelang ihm durch seine vortreffliche Unterrichtsmethode, nicht allein die Kenntniß der arabischen Sprache daselbst zu fördern n. zu verbreiten, sondern auch ein eigenes militärisches Corps von arabischen Interpreten zu bilden u. zu organisiren. Er st. 21. Juni 1869 in Algier am Schlagfluß. Außer einigen Abhandlungen über den methodischen Unterricht in der arabischen Sprache, den eigenthümlichen Charakter des algerischen Dialekts u. die geistige Befähigung der Eingeborenen von Algier, die im äournsk ^siatigus vom Jahre 1838 veröffentlicht sind, gab er noch folgende Werke heraus: Oours pratügus st tkisorigus äs IsnAus srabs; vssruu- niizut, die arabische Grammatik des Llokmmmsä den Oavouä al 8s.niis,äszr, Text u. Übersetzung mit erläuternden Anmerkungen; Lntlloloxis ars.be ökementairs; Lbrsstoinatbis arabs; Pilsmonts äs ealliArapbis arabs u. kriueipss slsmsntaires äs In lavAus arabs. Breffant, Jean Baptiste Prosper, franz. Schauspieler, geb. 24. Oct. 1815 in Chalons-sur- Saöne; betrat 1835 die Bühne des Montmartre- Theaters, hatte das Glück, von Michelot unterrichtet u. in kurzer Zeit für das Varietö-Theater engagirt zu werden. 1339 wurde er gegen die Direction dieses Institutes contractbrüchig und spielte mit der größten Anerkennung in Petersburg, bis er auch dieses Engagement früher, als contractlich bestimmt war, verließ u. von 1846 bis 1854 in ersten Liebhaberrollen am Pariser Gymnasctheater excellirte. Seit 1854 Societär der 6omsäis Isi'anyrüso, hat ihn kein Anerbieten — das glänzendste nicht ausgenommen — veranlassen können, diese Stellung aufzugeben. B°s große Erfolge beruhen sowol auf seiner Darstellungs- lrast, wie seinem eleganten Benehmen, einer au- muthigen Stimme u. leicht beweglichen Gesichts- zügen. Bolingbroke in Scribes Glas Wasser wird als seine vorzüglichste Rolle bezeichnet. Auch hat sein treffliches Spiel Veranlassung gegeben, mehrere Provcrbes eigens für ihn zu schreiben. B-s Frau, geb. Dupont, spielte mit anmuthiger Gewandtheit naive Liebhaberinnen u. muntere Mädchen, während seine Tochter, mit dem russischen Fürsten Michael Kotschubey vermählt gewesen, unter ihrem Mädchennamen Alix L., die Romane Gabriel Pinson u. Eine Paria geschrieben hat. Im Juni 1869 starb sie. Kürschner. Breffc, ehemalige Grafschaft in Burgund, nun den Hauptbestandtheil des französ. Dep. Ain bildend, zwischen Rhone, Saöne, Burgund und der Schweiz; 3925 s^Icm; war in Ober- und Nie- der-B. getheilt. Unter deni Namen Brexia kommt es im 11 . Jahrhundert, als Lsätus Lrixius schon früher, u. zwar als ein Theil Burgunds vor. Der erste bekannte Graf ist Rudolf (im 11. Jahrhundert). Sibylle, die Erbtochter des letzten Grasen, — Brest. Guidos, brachte die Grafschaft 1272 dem Herzog Amadeus von Savoyen zu. 1585 nahm sie König Franz l. in Besitz; Frankreich gab sie jedoch im Frieden von Cambray 1559 zurück u. erhielt sie erst 1601 wieder im Frieden zu Lyon gegen Saluzzo, worauf sie mit der Krone vereinigt blieb. Bresiling, Sorte Erdbeere (s. d.). Brcfson, Charles, Graf v., franz. Diplomat, aus einer lothringischen Familie, geb. 1793 in Paris; wurde durch Hyde de Ncnsville in Columbia als Geschäftsträger accreditirt, erhielt nach der Revolution von 1830 eine außerordentliche Sendung nach der Schweiz u. wurde darauf der Gesandtschaft in London als erster Legationssecre- tär beigegeben. Im Nov. 1830 ging er nach Brüssel, um mit Cartwright der belgischen Regierung die betreffenden Beschlüsse der Londoner Conferenz mitzutheilen, u. wurde 1833 Gesandter in Berlin, wo er für die Herstellung eines guten Vernehmens mit Frankreich wirkte, denBesuch der franz. Prinzen inBerlin einleitete u. dieBeistinim- ung des Berliner Hofes zu der Vermählung des Herzogs von Orleans mit der Prinzessin Helene von Mecklenburg erwirkte. Er wurde im Mai 1837 Pair u. Graf. 1841 nach Paris berufen, um über die Befestigung von Paris sein llrtheil abzngeben, sprach er sich in einer merkwürdigen Rede für dieselbe aus. 1844 ging er als Gesandter nach Madrid, wo er die Doppelheirath der Königin Jsabella u. deren Schwester Luise zu Stande brachte, u. im Sommer 1847 nach Neapel, wo er 2. Nov. d. I. sich das Leben nahm. Bressuire, Hauptst. des gleichnam. Arr. im lranz. Dep. Deux-Sövres, am Dolo oder Argen- ron, Station der Orleans-Eisenbahn; Gericht 1. Instanz; Ackerbaugesellschaft; Wollenmanusacturen, Leinenweberei, Gerberei, Kalköfeu, Düngersabrik; Getreide- u. Viehhandel; 3369 Ew. Hier 11. Oct. 1793 Gefecht zwischen den Royalisten und Republikanern, Letztere unter Westermanu Sieger (s. Vendeekrieg); eigentlich Vorgefecht zu dem bei Chatillon. Brest, Hauptst. des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Finistöre, bedeutendste Hafenfestung Frankreichs, an einer sehr liefen Bucht des Atlantischen Oceans u. dem Flüßchen Penseld, Station der W- Bahn (Linie: PariS-B.); wird durch den Hasen in das eigentliche B. u. in die Vorstadt Recouvrance getheilt; steile finstere Straßen, nur das neue Quartier mit dem Paradeplatze ist schön gebaut; Handelsgericht, Gericht 1. Instanz,Marineintendauz, Direction der Marineartillerie; Synagoge; Schule für Mediciu, Chirurgie u. Pharmacie, Seeakade- mie, Schifffahrtsschule; 3 Bibliotheken, darunter die der Stadt von 25,000 Bün., Observatorium, Naturaliensammlung, Botanischer Garten, Schauspielhaus, Börse, Stadthaus- Sechospital, Werft, Seearsenal, große Magazine, Gerberei, Fabriken von Tauwerk, Segeltuch, Papier und Leder; Stockfisch-, Makrelen- u. Sardelleufang; Handel mit Getreide, Wein, Bier, Branntwein, Fischen; 66,272 Ew. (1872). Das ehemal. Bagno ist aufgehoben. Die Rhede von B. ist tief u. sicher, mit den Mündungen des Landerneau u. der Aulue; der enge Eingang (Le Goulet) ist von 5 Leucht- rhlirmen erhellt, durch starke Batterien gedeckt; i>4 Brestel — sie kann 500 Schiffe fassen, der eigentliche, durch ein Fort vertheidigte, 2875 in lange Kriegshafen aber 16 Linienschiffe u. über 50 kleinere Kriegsschiffe. Ein neuer Handelshafen wurde unter Napoleon III. begonnen. Eine 257 in lange Drehbrücke ist an der Mündung der Penfeld angebracht. Unterseeisches Kabel nach Sidney in NAmcrika. Regelmäßige Danipferoerbindnng mit New-Jork. Vor der Rhede liegt die Insel Be- nignel. Durch die Aulne u. deren künstliche Verbindung mit dem Blavet, dem Oust, der Vilaine u. Erdre ist B. mit Nantes verbunden (OarmI cks Huntes st Lrsst, 385 icm lang). — B. war im 9. Jahrh. ein Dorf mit Schloß; dieses, ans einem ehemaligen Römerwerke erbaut, stand schon zu Zeiten der fränkischen Herrschaft, wurde von dem Herzog von Bretagne im 11. Jahrh. aufs Neue stark befestigt; später ward es zwar von den Engländern genommen, fiel aber zu Ende des 15. Jahrh. wieder an die Herzoge von Bretagne, u. vergebens suchten sich die Engländer 1595 B-s wieder zu bemächtigen. Den Werth der Stadt erkannte zuerst Richelieu, dessen Befehle zur Errichtung eines Arsenals jedoch unausgeführt blieben. Erst durch Colberts Einfluß begann der Ban, u. B. wurde zum königlichen Kriegshafen erhoben. Vauban legte 1680—88 die jetzt noch bestehenden Festungswerke an. 1694 u. 1757 machten die Engländer einen vergeblichen Landungsversuch. 1793 machte die Stadt einen vergeblichen Versuch, sich gegen den Terrorismus des Convents anszulehnen. Am 1. Juni 1794 bei B. Seesieg der Engländer unter Howe über die Franzosen unter Villaret Joyeux, wobei die sranzösische Flotte 7 Linienschiffe verlor, von denen eins in den Grund gebohrt wurde. Vgl. Luvot, Historrs cks 1a vills st cku port cks II., Brest 1854 s., 4 Bde. Brestel, Rudolf, österreichischer Staatsmann, geb. 16. Mai 1816 in Wien; wurde hier 1836 Assistent bei der Sternwarte, 1841 Professor in Olmütz, 1844 supplirender Professor der Elementarmathematik an der Universität, auch 1848 Mitglied des Österreichischen Reichstages in Wien u. Kremsier, wo er mit der Linien stimmte. Deshalb im März 1849 von seiner Lehrerstelle entbunden, arbeitete er für Journale u. wurde 1856 Secretär bei der Kaiser!. König!. Privilegirten Creditanstalt für Handel u. Gewerbe. 1861 wurde er in den Niederösterreichischen Landtag u. von diesem erst in den Landesausschnß u. 1864 in das Abgeordnetenhaus gewählt; 1867 trafen dieselben Wahlen wieder ans ihn, u. 31. Dec. 1867 übernahm er das Portefeuille der Finanzen im Cisleithanischen Ministerium, blieb auch nach dessen Umbildung Lurch Hasner darin, gab dasselbe aber 12. April 1870 ab. Daraus Mitglied des Niederösterreich. Landtages, des Abgeordnetenhauses u. der Delegation, entwickelte er eine lebhaste oppositionelle Thätigkeit gegen die Regierung. Brest Litowsk, Kreisstadt im russ. Gouv. Grodno, Ausgangspunkt der Eisenbahn Brest-L.- Grajewo (s. d.), einst Hauptstadt eines Manischen Palalinats u. starke Festung am westlichen Bug u. am Muchawetz; Sitz eines griech. n. armenisch, kath. Bischoss; 3 Kirchen, 1 Kloster, 1 Synagoge; kais. Bretagne. Schloß; bedeutender Handel; 1871: 22,493 Ew. B. wurde 23. Mai 1657 von Schweden u. Brandenburgern infolge Capitulation genommen. Am 8. September 1794 schlug hier Suwarow den polnischen General Sierakowski entscheidend, wodurch das Ende des Polnischen Unabhängigkeitskampfes beschleunigt wurde. Brest-Litowsk-Grajewo, Eisenbahn in Nuß- land u.Russ.-Polen. Länge (1874): 202, 4 Werst (216 irm). 1873 eröffnet. 35 Locomotiven, 721 Waggons. Einnahme 1874 1 Will. Rubel. Bretagne, ehemaliges selbständiges Herzog, thum, später zu Frankreich gehörend; es ist die Halbinsel, welche Frankreich im NW. bildet, begrenzt durch den Canal, das Atlantische (Aqui- tanische) Meer u. landeinwärts durch Anjou, Maine, Poitou u. die Normandie; 33,953 Hjstm (616,a IHM); 1872 2,947,000 Ew. Das Land hat einen rauhen Gebirgs charakter, obwol die größten Erhebungen nur 385 in betragen; der ganze Landstrich besteht aus Thonschiefer u. ans Granitmassen, die im Innern des Landes nackte Kämme oder Gipfel, auch wol weite Spalten u. Schluchten, am Meere dagegen zerrissene u. felsige Buchten u. Klippen bilden; viel uncultivirtes Land, große Heidestrecken. Flüsse: Vilaine, Anne u. Blavet, die durch Kanäle verbunden sind (6s.na1 cks Brest ü Hantss), Ille u. Rance, ebenfalls durch Kanal verbunden. Producte: in den höheren Gegenden des Landes gedeiht Flachs u. Hanf, Wein nicht; an den Flüssen Getreide, Obst-, Wiesen- u. Forstcultur. Eisenbahnen s. u. den einzelnen Departements. Der Bretagner ist von lebhafter Einbildungskraft, ahnenstolz, düster, leidenschast- lich, kühn, bigott-katholisch u. anhänglich an das Hergebrachte; das Volk im Ganzen noch roh in Sitten, arm u. unwissend; die keltische Landessprache (s. u. Britannische Sprache) ist im Abnehmen begriffen. Die B-r sind sehr den alten Liedern u. Sagen ihrer Heimath u. dem Tanze ergeben; ihre Trachten u. Sitten sind alterthüm- liche. Die Industrie ist auf dasNothwendigste beschränkt; doch ist das Land für Frankreich sehr wichtig wegen seiner günstigen Lage zu Handel, Seefahrt rc.; zu Nantes, Bannes re. hat es lebhaste Handelshäfen, in Brest u. Lorient wichtige Kriegshäfen. Früher zerfiel die B. in die Haute- u. Basse-B., jetzt ist sie getheilt in die Departements Jlle-et-Vilaine, Loire-inferieure, Cötes du Nord, Morbihan u. Finistöre. — Die B. begriff das alte Armorica u. war von Kelten bewohnt, bes. vondenOsismiern,Cnriosoliten, Redonen, Venetern, dem mächtigsten Volke. 57 v. Chr. verbanden sich diese gegen Cäsar, wurden aber besiegt, u. Armorica bildete nun unter den Römern den westl. Theil der Provinz ImKcknnsnsis tsrtiu. Wegen der Stammverwandtschaft der Bewohner mit Len aus der jenseitigen Insel wohnenden Briten, nach And. weil von dort hierher Briten gewandert wären, wurde das Land seit dem 5. Jahrh. Lritawiia minor (Klein-Britannien) oder Lritannis, oiswa- rina, (Britannien diesseits des Meeres) genannt, woraus dann der Name B. wurde. Die B. befreite sich im 4. Jahrh. von der Herrschaft der Römer, mit denen sie jedoch noch lange zu kämpsen hatte, ebenso später mit den WGothen, Alanen, Brctannischc Sprache u. Literatur — Brct Harte. 65 t,'. Friesen. Ihre Städte bildeten mehrere Republiken, die unter sich einen Bund errichteten, deren mehrere auch mir der Zeit kleine Monarchien bildeten, die aber bald unter fränkische Oberhoheit kamen; doch dann u. wann erhoben sich kräftigere Fürsten wieder u. machten sich unter dem Königstitel unabhängig. Seit 874 war die B. zwischen die Grafen von Vannes u. Rennes getheilt, welche am Anfänge des 10. Jahrh. von den Normannen abhängig wurden. Aber 987 ward Conan I. Gras von Rennes, einziger Herr von B. und nahm auch den Titel eines Herzogs an. Seine Nachfolger wurden bald Frankreichs, bald Englands Basalten, welche beide Mächte sich um die B. stritten. Herzog Conan IV. rief gegen die Franzosen die Engländer zu Hilfe, verlobte seine Erbtochter Constanze mit Gottfried von Anjou, dem 3. Sohne des Königs von England, u. trat diesem 1166 das Land ab. Die B. war jetzt in zwei Parteien, die französische u. normannische, gespalten, u. die alte bretonische Sprache und Bolkseigenthümlichkeit litt darunter. AusCouanIV. (st. 1171) folgte sein Schwiegersohn Gottfried (st. 1186), dessen nachgeborener Sohn Arthur aus Anordnung seines Oheims, König Johanns von England, 1203 ermordet wurde. Philipp August von Frankreich erklärte deshalb als Oberlehnsherr den König Johann der französischen Lehen für verlustig u. eroberte 1203 die Normandie, 1SS4 Aquitanien u. 1206 B., wo nun Alix, eine Tochter Constanzens aus neuer Ehe, nebst ihrem A Gatten Peter von Dreux den Besitz der Herr- ^ schast als Grafschaft unter französischer Hoheit H erhielt. Beider Enkel Johann II. wurde 1298 von Philipp dem Schönen zum Herzog der B. 2 n. Pair von Frankreich erhoben. Seine Nach- fe kommen, unter deren Regierung beständige Kriege D zwischen England u. Frankreich um den Besitz L der B. geführt wurden, erloschen mit Franz II., H welcher, nachdem er vergeblich versucht, sich von Frankreich unabhängig zu machen, u. sich zu die- sein Zwecke mit England u. Burgund gegen Lud- x wig XI. verbunden hatte, 1488 starb. Seine Es Tochter Anna war erst mir König Maximilian I. q verlobt, wurde aber 1491 gezwungen, ihre Hand 'H Karl VIII. von Frankreich zu reichen, nach Les- D se» Tode sie feinen Nachfolger Ludwig XII. u. sz-ihre Tochter Claudia Lessen Nachfolger Franz I. H hcirathete. Hierdurch wurde die B. mit Frank- H reich vereinigt u. theilt seitdem die Schicksale die- E s-z Landes (s. u. Frankreich, Gesch.). Vgl. Daru, Ällistoiis äs 8., Par. 1826, 3 Bde., deutsch von fF Schubert, Lpz. 1831 f., 2 Bde.; Roujoux, His- s^toirs äss rolo st ä«8 äuss äs L., Par. 1829, P 2 Bde.; De Courson, Historrs äss psuplss Lrs- s tons, 1847, 2 Bde.; Ders., Im 8., V—XII. sis- fH olo, ebd. 1863; Le Saint, 8a 8. ansienns st woäerns, Limoges 1870. Msch.) Rhyn? Bretannische Sprache und Literatur. Die B. Sprache gehört zu dem kymrischen Zweige der keltischen Sprachen (s. d.), wird in der Nieder-Bretagne, dem alten Armorica (daher auch armoricanische Sprache), gesprochen u. zerfällt in bie Dialekte von Leon, Treguier, Bannes u. Cor- »ouailles. Grammatiken von Rostrenen, Rennes 1738; Dumonlin, Prag 1800; Le Gonidec, Par. PiercrL Uiiivcrs!>I-C.onversllticnL-Lex>kon. k. Aufl. IV. Baud. 1807, n. A., von Villemarquc, 1850; Wörterbücher von Rostrenen, Rennes 1732; Le Pelletier, Par. 1752; Le Gonidec, Angoulbme 1821, St. Brieuc 1847—1850. Was die Literatur anlangt, so sind, wenn von einem bretonischen Sagenkreise die Rede ist, darunter nicht Gedichte in bretannischer Sprache zu verstehen, sondern solche Sagen, welche von dort ausgcgangcn sind u. dorthin zurückweisen (s. u. Deutsche Literatur). Alte Volkslieder (8arra^-8rsir) sammelte Hersart de la Billemarque (Par. 1839, 2 Bde., n. A., 1846, deutsch von Hartmanu u. Pfau, Köln 1859) u. Sagen Souvcstre in 8oz or 8reton, Par. 1844; auch zahlreiche Mysterien wurden im 16. Jahrh. gedichtet, ebenso im 17. Jahrh. religiöse Gedichte u. ähnliche Schriften, z. B. von Michel Le Nobletz de Kerodern u. von Julien Maunoir, später von Marzin, Dcbrio, Lannion, Ricou, Brizeux, Goesbrand, Abbö Clcch. Die Bibel wurde 1827 von Le Gonidec übersetzt. Breteuil, 1) B.-sur-Noye, Flecken im Arr. Clermont des sranz. Dep. Oise, Station der Nordbahn; Fabriken in Leder, Wolleuwaaren, Papier, Fayence, landwirthschastlichen Maschinen; Märkte; 2940 Ew. Es ist bestritten, daß B. die Stelle des alten Bratuspantium einnehme. 2) Stadt im Arr. Evrcux des sranz. Dep. Eure, am Jton, Station der WBahn; Hohösen, Mühlen; Märkte; 2160 Ew. B. hatte ehemals Grasen; Robert Montfort erhielt die Stadl von König Heinrich III. von England geschenkt n. vererbte sie an seine Schwester Amua, welche sie 1210 an König Phitipp August verkaufte; darauf kam sie an König Karl von Navarra, der sie 1410 au König Karl VI. von Frankreich vertauschte. Breteuil, 1) Louis Auguste le Tonnelier, Baron v., sranz. Staatsmann, geb. 1733 zu Preuilly in Touraine; trat früh in Kriegsdienste, wurde 1758 französischer Gesandter bei dem Kurfürsten von Köln, 1760 in Petersburg, später in Stockholm, im Haag, Neapel u. 1775 in Wien; nachdem er noch 1783 dem Congreß von Teschen beigewohnt hatte, wurde er nach Frankreich zu- rückgerusen u. wurde Staatsminister. 1787 zog er sich vom Ministerium zurück, wurde aber 1789 auf kurze Zeit an die Spitze des Ministeriums gestellt. Nach der Erstürmung der Bastille rieth er dem König, mit den Truppen von Versailles nach Compibgne zu gehen; da der König dies nicht that, ging B. nach der Schweiz. Von 1792 bis 1802 lebte er größtentheils in der Gegend von Hamburg, kehrte dann nach Frankreich zurück u. st. 2. Nov. 1807 in Paris. 2) Gabriellc Emilie, s. Chätelet. Brct Harte, Francis, nordamerik. Dichter, geb. 1839 zu Albany, Staat New-Dork, wo sein Vater Mädchenlehrer war. Nach Verlust desselben ging er 1854 nach Kalifornien u. führte einige Jahre unter den Goldsuchern ein unstätes Leben, welches sein dichterisches Talent entwickelte. 1857 kehrte er nach San Francisco zurück, wurde Schriftsetzer, dann Mitherausgeber einer Wochenschrift, in der er Erzählungen veröffentlichte, wie X 8oxs vog, 8rom a Lalson/ n. a. 1864 wurde er Secretär der dortigen Münze u. blieb cs bis 1870. 1868 gründete er 'lüs Overlanä Vlontlä^ mit 66 Brctigny — durchschlagendem Erfolge. Hierin erschien Mrs Imolc ok IkoarmA 6amp, eine Erzählung, die seinen Ruf als Prosaiker begründete; ferner Mrs Outcasts okkolcer Llat, eine dramatische Erzählung; Llix^lss u. a. Seine Gedichte waren, zum Theil anonym, viel in Zeitschriften zerstreut, besonders in Californieu. Einer Sammlung seiner Schriften gab er den Titel Mrs ^rZsuauts ok 1849. 1871 gab H. seine Stellung als Herausgeber n. als Prof, der neueren Literatur an der Californischen Universität auf u. ging mit seiner Familie nach seiner Heimath zurück. Die zugänglichste Ausgabe seiner Werke ist beiTanchnitz m Leipzig erschienen, unter dem Titel kross and kootr)', 2 Bde.; Idzdls ok tilg LootllzUs, 1 Bd. Seine Oomplets 'Wortes in pross and postnp, mit Einleitung von Bellow, erschienen London 1872. Seine eigenartigen, bedeutenden Schöpfungen, gleich ausgezeichnet durch komische wie tragische Kraft, lassen noch bedeutendere erwarten. Sein begeisterter deutscher Übersetzer ist Freiligrath; ins Französische ist er theilweise von Dentzon übertragen, von dem auch ein Artikel über H. in der lksvus (Iss Dsux-Llondss. W. Körner. Brctigny, Weiler int Arr. Nogent-le-Rotrou des franz. Dep. Eure-et-Loir, Gemeinde Jours. Hier 8. Mai 1360 Friede zwischen England u. Frankreich, wodurch der in der Schlacht bei Maupertuis gefangene König Johann von Frankreich seine Freiheit wieder erhielt. Breton, s. Cape Breton. Breton, 1) Jules Adolphe, franz. Genre- u. Landschaftsmaler, geb. 1. Mai 1827 zu Cour- riöres (Pas de Calais); Schüler von Drolling n. F. Devigne. Er stellte zum ersten Mal 1855 aus n. erhielt vielfache Auszeichnungen. Er liebt es, das Landvolk bei Fest u. Arbeit zu schildern, u. beobachtete dieses Leben in seiner ganzen Härte u. Anstrengung. Er weiß den unbewußten Adel unter der groben Hülle zum lebendigen Ausdruck zu bringen. Seine Darstellung ist durchaus gediegen, Form u. Bewegung allzeit frisch der Natur entnommen. Vor Allem aber wirkt die malerische Behandlung durch die harmonisch ausgcbreitete Hülle von Lust u. Licht, die über dem Ganzen liegt u. im Tone den Charakter des Vorganges noch ° einmal ahnungsvoll ausspricht. Zu seinen besten Bildern gehören die Segnung der Felder, von 1857, die Ährenleserinnen, beide im Luxembourg, die Aufrichtung eines Christusbildes und namentlich Des Tages Ende. Übrigens gehtzneben dem idealen elastischen Zuge ein sentimentaler hindurch. 2) Don Manuel, B. de los Herrdros, span. Dichter, geb. 19. Dec. 1800 zu Quel in der spanischen Provinz Logrono; diente von 1814 bis 1822 im Heere, wurde hierauf im Finauz- departcment angestellt, daun Secretär der Intendanz von Jativa u. später zu Valencia, mußte aber nach der Restauration ,1823 seinen Dienst niederlegen; erst 1834 wurde er wieder bei der Provinzial-Civiladministration in Madrid ange- Aellt und war bis 1840 Bibliothekar an der Nationalbibliothek. Er schrieb das Lustspiel: L, la vezsx viruslas (1817) u. darauf über 150 Bühnenstücke, theils Originale, theils Überarbeitungen u. Übersetzungen; Auswahl daraus von Eugenio Brctschneidcr. de Ochoa in Nssoro äsl teatro espanol, Paris 1838; kosslas sueltas, Madr. 1831, Par. 1840, u. viele Satiren, wie: LI oarnaval, ebd. 1833; La llipoorssia, ebd. 1834; Lxistola moral sodis las sostumbrss cksl sißsto, ebd. 1841; La dssver- Luenxa, ebd. 1858. Werke, Madr. 1850 ff., 5 Bde. 3) Frau;. Pierre Hippol. Ernest, franz. Archäolog u. Zeichner, geb. 21. Oct. 1812; bildete sich unter Register, Watelet u. Champin u. durch, reiste dann in archäologischem Interesse Italien. Er schr.: Intrsduotion ä l'Iststoirs äs Lranes (mit Achille de Joustroy), Par. 1838 (Preisschrist); Llonumsuts aneiens et modernes (Bauwerke, mit 300 Holzschnitten), 1843, 2 Bde., ins Deutsche, Italienische, Spanische u. Russische übersetzt; kow- xsia, 1855, 3. A., 1869; ^tbsnss, 1862, 2. A., 1868, beide mit zahlreichen Zeichnungen, 0 R-gn-t. Wrctonischcr Sagenkreis, der Kreis der Heldensage, dessen Helden der Bretagne oder der Tafelrunde angehören; s. u. Deutsche Literatur. Bretons (Breyzards), die Bewohner der Bretagne; daher bretonische Sprache, so v. w. bretannische Sprache. Brctschneidcr, 1) Heinrich Gottfried, deutscher satir. Dichter, geb. 6. März 1739 in Gera; war anfangs sächs. Cornet, dann Rittmeister bei einem preuß. Frcicorps u. wurde von den Franzosen gefangen; 1763 in Freiheit gesetzt, wurde er Landeshauptmann in Nassau-Usingen, verließ diesen Dienst 1771 u. kam nach wechselnden Schicksalen in österreichische Dienste als Vice- Landeshauptmann zu Werschez im Banat, wurde 1778 Üniverfitätsbibliothekar in Ofen u. später Gubernialrath in Lemberg; 1809 als Hofrath pensionirt, lebte er in Wien u. starb 1. Nov. 1810 zu Krzimiz in Böhmen. Er schr.: Graf Esan (komisches Epos), 1768; Papilloten, Franks. 1769; Familiengeschichte des Junkers Ferdinand von Thon, Nürnb. 1775 f., 2 Bde.; Fabeln, Romanzen u. Sinngedichte, 1781; Almanach der Heiligen ans das Jahr 1788; Wallers Leben u. Sitten, Berlin 1793; Die freiwillige Beisteuer (ein Vorspiel), Lemb. 1^93; Berm. Nachrichten u. Bemerkungen, Erlang. 1816; Historische u. literarische Unterhaltungen, Kob. 1818; gab Meusel, Reise nach London u. Paris, Berl. 1817, gab Göckingk heraus. Man schreibt ihm auch den größten Theil der Nachrichten über Wien in Nicolais Reisen zu. 2) Karl Gottlieb, Protest. Theolog, geb. 11. Febr. 1776 zu Gersdorf in Sachsen; studirte seit 1794 in Leipzig, wurde 1804 Adjunct der philosophischen Fa- cultät in Wittenberg, 1807 Oberpfarrer in Schnee- berg u. 1808 Superintendent in Annaberg; 1816 ging er als Consistorialrath u. Generalsuperiuten- dent nach Gotha; er starb 22. Jan. 1848. B. war der bedeutendste Vertreter des sogen, rationalen Supranatnralismus, hervorragender Kanzelredner, von umfassender Gelehrsamkeit, praktisch überaus thätig im Kirchenregiment u. für Hebung des Schulwesens. Er schr.: Historisch-dogmatische Auslegung des N. T., Lpz. 1806; Systematische Entwickelung aller in der Dogmatik vorkommenden Begriffe, ebd. 1806, 4. A., 1841; Systematische Darstellung der Dogmatik u. Moral der apokry- phischen Schriften des A. T., ebd. 1806; Religionsvorträge über Tod, Unsterblichkeit n. Auferstehung, 67 Brett — Lpz. 1813; Handbuch derDogmatik der Evangelisch- lutherischen Kirche, 1814—18, 2 Bde., 4.A., 1838; Luther an unsere Zeit, 1817; Beleuchtung der 95 resormirten Streitsätze, welche Kl. Harms herausgegeben hat, 1818; Aphorismen über die Union der beiden Evangelischen Kirchen in Deutschland, , Gotha 1818; Über die Unkirchlichkeit dieser Zeit in Deutschland, ebd. 1820, 2. A., 1822; Lroba- j lüüa äs evanAsIü et spistolarum äoannis apo- i stoki inäols st oriAins, Lpz. 1820; Lvxieau ? mannals in 17. it., ebd. 1825, 3. A., 1840; Pre- ^ digten, an Sonn-u. Festtagen gehalten, ebd. 1823, , 2 Bde.; Lehrbuch der Religion u. Geschichte der ^ Christlichen Kirche, Gotha 1824; Apologie der L neueren Theologie des evangelischen Deutschland, st Halle 1826; Ob evangelische Regierungen gegen t den Rationalismus einzuschreiten haben, Leipzig r 1830; Grundlage des evangelischen Pietismus, ebd. 1833; Heinrich u. Antonio oder Die Pro- > seihten der Rom. u. Evangel. Kirche (theolog. Roman), Gotha 1826,5. A., 1842, engl, von Morris, 1834; Der St. Simonismus u. das Christenthum, - Leipz. 1832, schwed., von Stahl, 1834; Grund- . principien der evangelischen Theologie, Altenburg ' 1832; Casualpredigteu und Reden, 1834; Die / Theologie u. die Revolution, Lpz. 1835; Freiherr < von Sandau oder Die gemischten Ehen, Halle 1839, 4. A.; Die Unzulässigkeit des Symbol- Zwanges in der Evangelischen Kirche, ebd. 1841; - Clementine od. Die Frommen u. Altgläubigen unserer Tage, 1841; Die religiöse Glaubenslehre nach Vernunft u. Offenbarung, 1843, 4. A., 1846; j. Die deutsche Reformation der Kirche, 1844; Christas liches Andachtsbuch, Halle 1845, 2. A., 1849; Über die jetzigen Bewegungen der Evangel. Kirche b Deutschlands, Lpz. 1846; Über die unbedingte A Verpflichtung der evangelischen Geistlichen auf die H Kirchenbekenntnissc, Jena 1847; Kirchlich-politische L Zeitsragen, 1847. Er gab auch den Jesus Sirach B sgriech.), Regensb. 1806, das 6oryus Lskorma- H torum, Halle 1834—48, 15 Bde., fortgesetzt von Z Bindseil, u. Galvini, Lerne, Lsnrioi IV. rsMS H all. literae nonäum oäitas, Lpz. 1835, heraus, u. ?ist Verfasser von Deutschland u. Preußen od. Das / Interesse Deutschlands am preußischen Staate, H180S; Darstellung des Vierjährigen Krieges der ^Verbündeten mit Napoleon in den Jahren 1812 s8bis 1815, Annab. 1816, 2 Bde. Er war seit 1824 HMitherausgegeber des Halleschen Predigerjournals, Alwch Zimmermanns Tode 1838—46 auch der HDarmstädter Allgemeinen Kirchenzeitung. Seine (A Selbstbiographie (Ans meinem Leben), herausgeg. .ZvonHorstB.,Gotha1851, 2. A., 1852; Wllstemann, tIllemoria Lreteelinsiäsrl, ebd. 1848. 3 ) Herrn. WRvbert v., reußischer Minister, geb.1796 in Gera; sDstudirte in Leipzig die Rechte u. wurde in seiner MBaterstadt Regierungsadvocat u. Director mehre- S,rer Patrimonialgerichte, 1831 Regierungs- und ? Consistorialrath, 1840 Kanzler und Consistorial- 4 Präsident u. 1842 in den Adelstand erhoben, j Nachdem in Gera der Regierungssitz der jüngeren 1 Linie des Hauses Reuß vereinigt worden war, i wurde B. wirklicher Geh. Rath, 1849 Chef der > Regierung u. 1850 Minister und war Bevoll- I wächtigter bei den Dresdener Conferenzen; im » ilugust 1855 trat er von der obersten Leitung der Brettspiel. Regierung zurück u. wurde Präsident des Appellationsgerichtes und des Consistoriums in Gera, später aber Vorstand der Abtheilung für die Justiz im Ministerium u. Chef des Militärdepartements; er tratAug. 1867 im Ruhestand u. st. 3.März1870> 2) Löffler.' Brett, ein Stück Holz, welches länger als breit u. dick ist u. dessen beide Seitenkanten einander parallel sind, 3—8 in lang, höchstens 4 em dick (dicker nennt man es Bohle), 15—60 em breit; wird aus Baumstämmen geschnitten. Je nach Art n. Verwendung werden die B-er verschieden bezeichnet, z. B. Tischler-B-er, Kisten-B-er, Boden-B-er rc.; nach Maßgabe ihrer Dimensionen zerfallen sie in Spund-B-er (3,s em dick), Herru-B-er (2„ em), Schal-B-er od. Abschwarten (die Seitenstllcke des Stammes, woraus die B-er geschnitten worden). Gute B-er dürfen von gar keinen oder nur wenigen Ästen durchwachsen sein. Die B-er zu gewöhnlichem Gebrauche sind aus Fichten-, Kiefern-, Tannen-, Erlen- oder Eichstämmen, zu feinen Arbeiten (Fourniren) aus Apfel-, Bicu-, Nußbaum, Ahorn, Mahagoni rc. geschnitten. Das Schneiden der B-er geschieht gewöhnlich in Schneidemühlen meist durch Dampfkraft. Am stärksten wird die B-schnei- derei an den Productionsorten des Holzes selbst, so im Schwarzwalde, Fraukenwalde u. Thüringer- Walde, dann auch in Ostpreußen u. Polen, best aber in Schweden u. außereuropäisch in Canada betrieben. Der Hauptstapelplatz für polnische u. preußische B-er ist Danzig. Brette«, Stadt im gleichnam. Bezirksamte des badisches Kreises Karlsruhe, an der Saalbach, Eisenbahnstation der württemb. Bahn; stattliches Rathhaus; Weinbau, Rübenbau; Blechwaaren- u. Maschinenfabrik; 3433 Ew.; Geburtsort Philipp Melanchthons, dessen Bildsäule in einer der 3 Kirchen steht. — B. gehörte früher besonderen Grafen von B., nach deren Aussterben es an die Grafen von Eberstein, dann an die Markgrafen von Baden kam, welche es 1349 an Kurfürst Ruprecht I. von der Pfalz verkauften. 1504 wurde B. vergebens vom Herzog von Württemberg belagert, 1632 von den Österreichern geschleift, 1689 von den Franzosen verbrannt u. von den Kaiserlichen vollends geschleift. Brettigau, Thal, so v. w. Prettigau. Brettspiel, Collectivbenennung für eine Art von Spielen, welche auf einem gewöhnlich in Quadrate getheilten Brette mittels sogen. Steine oder Figuren gespielt werden; s. Damen-, Einsiedler-, Mühlen-, Puff-, Schach- und Trictrac- spiel. Schon im Alterthum wurden derartige Spiele geübt. Bei den Griechen gab es 3 verschiedene Arten, von denen aber, mit Ausnahme eines schach- artigen, des sog. Städtespiels, nähere Nachrichten fehlen. Auch die Römer hatten ein dem Schachspiel ähnliches Spiel (Imäus latrunoulorum). Ein anderes B. der Römer bildete eine Combi- nation von Dame u. Würfelspiel, indem die Bewegungen der Steine im Wesentlichen vom Falle des Würfels abhängig gemacht wurden. Die Mühle ist nach d«m Labyrinth der Alten gebildet u. ein schon früh bekanntes Spiel. Auch die Inder, Perser u. Chinesen kennen es. Schroot. 5 * 68 Brettspiel Brettspiel (Lieschgrasfalter, Bretlspielfaltcr, Hipparedla 6a1atea ^.), Schmettertingsart ans der Gattung Satyrsalter; Flügel gezähnt mit viereckigen, gelblich-weißen u. dunkleren Flecken wie ein Damcnbrelt, unten weißer u. mir einigen Augen geziert; 36—40 mm groß. Die 2,z bis 2 ein länge Raupe ist gelb-grün, etwas behaart mit Hellen Linien n. röthlichem Kopse; lebt im Frühjahre aus Wiesenklee n. Lieschgras; aus der gran-gelben Puppe entwickelt sich der Schmetterling im Juni; in Europa häufig. Bretwalda (angelsächsisch brztten veoMa, d. i. weithcrrschender, mächtiger König, u. And. der Britcnherrschcr), derjenige unter Len angelsächsischen Königen zur Zeit der Heptarchie in England, welcher bei gemeinschaftlichen Kriegen den Oberbefehl führte; s. England. Bretzel (auch Bräzel, wenn man es vom lat. bracollnm herleitet, bedeutet die zwei an den Handwurzeln übereinandergelegten Arme), Gebäck von Weizenmehl, Wasser u. Salz, in Form eines Ringes, Lessen Enden, wo der Ring schließt, über einander gebogen find und so noch bis zu dem entgegengesetzten Theile des Ringes reichen. Sie werden meist zur Fastnachtzeit gebacken, daher Fasten-B. Man hat den B. allerlei mytholog. Bedeutung beizulegen gesucht, die jedoch wenig Wahrscheinlichkeit haben. Bretzenheim, Dorf im Kreise Mainz der großherzogl. Hess. Prov. Rheinhcssen; 1000 Ew. B. soll an der Stelle von Sicilä stehen, wo Alex. Severus 235 ermordet wurde. Später war es eine Herrschaft, die nach dem Besitze verschiedener Familien zuletzt an Kurköln kam, von welchem sie um 1780 der Kurfürst Karl Theodor von Bayern erkaufte u. sie zur Grafschaft u. später zum Fürstenthum erheben ließ, beides zu Gunsten seines natürlichen Sohnes Karl August, nüt dessen Enkel 1863 das Geschlecht ansstarb. Bretzncr, Christian Friedrich, deutscher Dramatiker, geb. 10. Dec. 1748 in Leipzig; war Mitinhaber einer der größeren Handlung daselbst; er st. 31. Ang. 1807. B. ist der Bersasscr einer Anzahl von Lustspielen, Operetten n. Singspielen, von denen das Räuschchen sich am längsten aus der Bühne gehalten hat, während die Entführung aus dem Serail erst durch Andres, vorzüglich aber durch Mozarts Composition Bedeutung gewonnen hat. Gesammelt erschienen seine dramatischen Arbeiten als: Nene theatralische Bibliothek, Halle 1771; Schauspiele, 1792—96, 2 Bdc.; Operetten, Lpz. 1779; Singspiele, ebd. 1796, u. Schauspiele, 1808, 2 Bde. Auch hat B. nach Zeichnungen von Hogarth u. Chodowiecki den Roman: Das Leben eines Liederlichen, Lpz. 1787 s., n. Ausl., 1790 f., 3 Thle., 1820 verfaßt, der von ihm selbst dramatisirt u. 1792 von Reistrup ins Dänische übersetzt wurde. Kürschner. Breuberg, Burgruine in der glcichn. Standes- hcrrschaft im Kreise Neustadt, der großherzogl. Hess. Provinz Starkenbnrg; Überreste aus der Nömcrzeit. — Im Mannsstamme starben die Herren v. B. im 14. Jahrh. aus, woraus B. durch Elisabeth an den Grafen Rudolf von Wertheim kam; die eine Hälsle erhielt Graf Eberhard I. von Erbach, als Schwiegersohn des Grasen Mi- — Brctze. chael von Wertheim; die andere kam, ebenfalls Lurch Heirath, erst an Eppenstein, dann an Stol- berg u. 1574 an den Grafen Ludwig II. von Löwenstcin. Die Stolbergischc Familie führte deshalb fast 200jährigen Streit, der erst 1755 durch Landestheilung beigelegt wurde. Jetzt gehört die Herrschaft B. dem Fürsten von Löwenstein-Wert- Heim-Nosenberg und dem Grafen von Erbach- Schönbcrg gemeinschaftlich. Brenghcl, Maler, s. Brueghel. Breuncrit (Bracbytypes, Kalkhalord, Mag« nesitspath), krystallinische Massen von blätteriger n. körniger Textur, oft deutlich in Rhomboedern krystallisirend, Glasglanz bis Perlmutterglanz, durchscheinend bis durchsichtig, wasserhell, grau n. gelblich; die durch Kohlenstoff schwarz gefärbten Varietäten nennt man Anthrakomagnesitspath; besteht aus kohlensaurer Magnesia; Fundorte: Zillerthal und Fassathal, St. Gotthard, Hall in Tirol rc. Brennen (Breonen, Brennen), Volk inRhätien, früher auf den Alpen (in der Gegend des Brenner), später höher oben am Rhein, im 6. Jahrh. im Gebirgsthal des Inn (daher Valkeuseo); standen seit dem 7. Jahrh. unter den Bayern u. werden zuletzt im 9. Jahrh. erwähnt. Brenning, alte schwäbische Familie, ncuestens ausgestorben; bekannt sind: 1) Konrad von B., welcher 1514 Obervogt in Tübingen war u. mit seinem Bruder Sebastian, Vogt zu Weinsberg, hingerichtet wurde, weil sie in dem Verdachte standen, mit dem Kanzler Lamparter zu dem Vertrage von Blaubeuren mitgcwirkt zu haben, infolge dessen sich Herzog Ulrich 6 Jahre der Regierung begeben sollre. 3) Hans Jakob, Bruder von Büchenbach, geb. 1552; machte eine Reise nach Frankreich, England, Italien, Griechenland und dem Orient u. wurde nach seiner Rückkehr 1595 Oberhofmeister des Herzogs Johann Friedrich; er starb 1610. Seine Reisebeschreibung kam 1612 in Straßburg heraus. Die Acten seiner Sendung nach England in Heirathsangelegenheiten des Herzogs gab Schloßberger heraus in der Bibliothek des liter. Vereins in Stuttgart, 1866. Hartmann.' Breusch (franz. Bruche), Flüßchen im Unter- Elsaß; entspringt in den Vogesen bei Saales, bildet mehrere Arme u. fällt in Straßburg in die Jll; Länge 70 Lm. Der gleichnam. Kanal, 19,780m lang, geht der B. parallel u. wurde 1681 nach Vaubans Plan gebaut. Brevard, County im nordamerik. Unionsstaate Florida, u. 27° n. B. u. 80° w. L.; 1216 Ew.; Countysitz: Susannah. Breve (vom lat. drsvin, kurz, kurzer Brief), ursprünglich jeder kürzere schriftliche Erlaß, dann insbes. Erlasse des päpstlichen Stuhls, verschieden von Bullen (s. d.) u. den Nobns proprü, den Privatschreiben des Papstes. Die B-n sind die in einfacherer Form abgefaßten päpstlichen Erlaffe,, in denen es sich um Fälle von weniger hervorragender Bedeutung handelt. Das Papier u. die Schriftzüge entsprechen bei den B-n ihrem weniger solennen Charakter; sie sind mir dem Fischerringe gesiegelt und nur von dem Secretär der B-n unterzeichnet, werden öfters auch verschlossen, versendet, was bei Bullen nie stattfindet. Die Über- 09 Drsvs — öroviliüL'ues. schuft enthält den vollen Namen des Papstes mit der entsprechenden Anrede, z. B. ?. 8. IX. äilseto Mo salnksm et Xposiolie,,.» dsneäie- üouem. 8reve (ital., Musik), f. XRs drevs. Brevet (ft.), in Frankreich offener Brief, der einen Titel, eine Ernennung, Gnadenbezeigung documentirt; so 8. ä'mvsntiou, der Einem die Alleinbenutznng einer Erfindung zugesteht; s. Patent; daher brevetiren, einen Gnadenbrief er- theilen, zu Etwas berechtigen. In Frankreich u. der Schweiz wird auch ein Offizierspatent B. genannt. greve vists (ital.), so v. w. Kurze Sicht. groviarnnn (lat.), 1) kurze Übersicht über Etwas, Auszug, Jnventarium, Wirthschaftsbuch u. dgl.; daher 2) 8. XuAusbi (8. impsrii), Notizbuch der römischen Kaiser, worin der Bestand der Armee, die jährlichen Ausgaben u. Einnahmen des kaiserlichen Schatzes rc. ausgezeichnet waren; 3) 8. 'kbsoäosii jrmioris, so v. w. Xotikis üi^uitskum; 4) 8. psalmürum, ein Auszug ans dem Psalter u. Auswahl vorzüglicher Gebete auS demselben; soll vom St. Hieronymus verfaßt sein; 5) 8. romsmim (Kirchenw.), so v. w. Brevier. krsviarium ülanoisnum, bis zum 16. Jahrh. lex Romans VisiZotüorum genannt, ein Auszug aus den für die Römer im Westgothischen Reiche geltenden Quellen des Rom. Rechtes. König Manch II. (484—507) ließ dasselbe unter Leitung des Pfalzgrafen Gojarich von einem Collegium Nechtsgelehrter ausarbeiten, dann 506 zu Airu in der Gascogne von einer Versammlung von Bischöfen und röm. Notabeln genehmigen und durch Zusendung einer Ausfertigung an die Grafen publiciren. Derselben war eine historische Einleitung (Oommoniborium) beigefügt. Das 8. X enthält in 16 Büchern einen Auszug aus dem Ooäsr 8üsoüosiauus (s. d.) nebst einer Anzahl Novellen späterer Kaiser, außerdem in 2 Büchern eine Bearbeitung von Gajus' Institutionen, einen Auszug aus Paulus' Ssnkeutias rscspkss in 5 Büchern, dann 13 Titel aus dem Gregorianischen und 2 Titel aus dem Hermogenianischen Codex u. eine Stelle von Papiuianus. Neben dem Text läuft eine glossenähnliche Interpretation. Da es mehreren'späteren Rcchtsbüchern zu Grunde lag, ist es für die Geschichte des Röm. Rechtes nach Justinia- nus von besonderer Bedeutung geworden. Die einzige vollständige Ausgabe des 8. X. lieferte Johann Sichard unter dem Titel: Ooäicis lüeo- äosiani lübri XVI etc., Basel. 1528, wobei aber das Oommonikorium fehlt. Dieses ist in der neuen, sehr sorgfältigen Ausgabe von Hänel: Rex Romans Vizigotüornm etc., Leipz. 1849, mit enthalten. Außerdem existiren verschiedene Bearbeitungen in Handschrift; die lombardische Umarbeitung, um ' WO verfaßt, findet sich in Cautianns' Rexes 8ar- ^baronim, 4. Bd. Lesvistsrsr (lat.), die Verfasser der kaiserlichen Rescripte. Lrevioollis (lat.), kurzhalsig. Brevier (Rrevisrium romsnum, früher 6ur- eus), das vom päpstlichen Stuhl für die Priester borgeschriebene Gebetbuch für die täglichen Gebetsstunden im Gegensätze zu dem Plenarinm, dem Meßbnche. Die Zahl der Gebetsstunden sind gewöhnlich 7 (Soptsnuarium oküoinm, Ssptcnnarius), zuweilen auch 8 (Octonarirw): Roras rliurnss (Oküoinm äinrnum): Rrims, lertia, Sexta, Xona, Vespsrs, früh 6, 9, 12 ; 3 u. 6 Uhr; 8) Iloras nocturna« (Oküoinm noetnrnum): Oomplotorinm, vor dem Schlafengehen; 6) Natntinnm (Mette) od. Imnäss, früh 3 Uhr; zwischen beiden letzten zuweilen 8) Oküoinm moüiannm, um Mitternacht, welche aber gewöhnlich mit der Mette verbunden wird. Das B. ist vielfach geändert worden; seit den Bestimmungen durch Clemens VIII. (1602) u. Urban VIII. (1631) ist es unverändert geblieben. Danach besteht es aus 4 Theilen nach den Jahr- zeiteu (üismalls, vernalis, aostiva, anotnmnalia) u. jeder derselben ans 4 Abtheilungen: a) Ri-al- torium (Oräiuarlnm äs tempore), Psalnien für die kanonischen Stunden der einzelne» Tage; I>) Rroprium äs tempore, für die Feste, welche sich auf Christus beziehen; c) Rroprium üo Sanctis, für die Feste der Heiligen; ä) Oommuns sanoto- rrrm, für solche Feste, welche keine besondere Gebetsstunden haben. Dazu kommen als Anhänge: Oküoinm 8. Llarias, Oküoium üekunotorum s. mortuorum (das Todtenamt), Rsaimi Kraüuaios, ?s. poomtsutiais8, Rsnsäictio msusae etc. Das B. schließt sich au die urchristlichen, schon in der Apostelgeschichte bezeichneten Gebetszeiteu an, die sodann mit der Ausbildung des Mönchthums vermehrt u. bestimmter geregelt wurden. Der jetzigen Form des röm. B-s liegt zu Grunde das Anti- phonarium des Papstes Gregor d. Gr., abgekürzt und verbessert durch Hadrian I., Gregor III., Gregor VII., Jnnocenz III., Gregor IX., Nikolaus III. u. Clemens IX. Zur Zeit des Concils von Trient hatte fast jede Diöcese ihr eigenes B. Die im Aufträge der Väter des Concils besorgte revidirte Ausgabe des B-s sollte daher überall ausgenommen werden, wo das eigene B. keinen 200jährigen Bestand Nachweisen könnte. Verpflichtet zum täglichen B-gebete ist jeder Geistliche, der einen höheren Ordo (vom Subdiakonat an) hat, auch wenn er kein Beneficium besitzt. Ausgaben nach der Revision unter Urban VIII.: Antw. 1675, u. die neuesten, Wien 1833, 4 Bde., 1847 f., Mechelu 1836, 4 BLe., Kempten 1836, 4 Bde., Regensb. 1840, Wien 1842 rc. In der Griechischen Kirche heißt das Gebetbuch Mroloosiou (s. u. Griechische Kirche). Neuerdings wurde die Bezeichnung Brevier auch im profanen Sinne für zu häufigem Gebrauche bestimmte Bücher gebraucht, z. B. L. Schesers Laien-B,, Laubes Jagd-B. rc. Brevier, 1) Schriftgattung; s. u. Schrift. 2) (Schriftg.) Sonst so v. w. Quadrate. 3) So v. w. Durchschußquadrat. krovilingues (Kurzzüngler), Unterordnung der Eidechsen; Körper langgestreckt, oft schlangenähnlich; Zunge kurz n. Lick. Sie vermitteln den Übergang von der eigentlichen Eidechsenform zur Gestalt der Schlangen; denn ihr Becken n. Schul- tergllrtel sind oft nur andeutungsweise vorhanden, u. die Gliedmaßen können fehlen, wie bei der Blindschleiche; in anderen Fällen sind nur stummel- förmige Hintergliedmaßen vorhanden, oft ohne Zehen, wie bei der Panzerschleiche, oder mit nur 2 Zehen; bei noch anderen sind 4 stnminclartige. 70 Li'svilollueiitig. — BnaiKson. zehenlose Gliedmaßen vorhanden. Dahin die Familien der Sandechsen und Seitenfalter oder Wirbelschleichen; alles meist harmlose, an den Erdboden gefesselte u. von Würmern u. Jn- secten lebende Eidechsen. Thomo. örsviloquentis (Lrsvilogninm, lat.), so v. w. Brachylogie. krovi manu (lat., mit kurzer Hand), ohne Umstände, ohne Förmlichkeiten, kurzweg. Man Pflegt b. in. über die Antwort zu schreiben, die man auf demselben Blatte gibt, welches eine Bitte, ein Gesuch, eine Anfrage u. dgl. enthält. Lrevis (lat.), 1) kurz. 2 ) (Mus. — b. notn) Die kürze Note, im Gegensätze zur langen (longa, welche 2 oder 3 brsvss enthielt). In der Men- suralmusik war die b. Tacteinheit; ihre Gestalt ist 4eckig (II), u. ihr Zeitwerth entspricht unserer doppelten ganze Note. In der modernen Musik findet sie Verwendung beim Alla-Breve-Tact in ernsten, kirchlichen Compositionen, sowie zur Bezeichnung lang gehaltener Schlußnoten. Brewer, Poststation im Penobscot County des nordamerik. UniousstaatesMaine; ansehnl.Gewerbs- thätigkeit; 3214 Ew. Brewer, 1) Anthony, Dichter zu Karls I. Zen; trug viel zur Aufnahme der britischen Bühne bei; er schr.: I'Irs Oonntr^ 6ir1 (Lustspiel), 1647, und Mrs lovs-slelc Ling (Trauerspiel), 1655. 2 ) John Sherren, engl. Kirchcnhistoriker, geb. 1810 zu Norvich; wurde 1841 Professor in Oxford u. ist gegenwärtig daneben noch Prediger an Rolls Chapel in London. Er gab heraus: Füllers Oburolr Hrstorz-; R. Fields 01 ibs OlrnrvU; Oa- lenänrs ol Ltats knxsrs aus der Regierung Heinrichs VIII.; Werke von Roger Bacon; einen Elementar-Atlas der Geschichte und Geographie, London 1855, 3. A., 1865, u. mehrere kirchenpolitische u. dogmatische Schriften. Brewster, 1) Sir David, berühmter Physiker, geb. 11. Dec. 1781 zu Scdburgh in Schottland; widmete sich zuerst der Pharmacie, ging aber daun zu den Naturwissenschaften, namentlich der Physik über. Er wurde Secretär der königl. Gesellschaft in Edinburgh, Professor der Physik an der Universität zu St. Andrews. Seiner wissenschaftlichen Verdienste wegen wurde er zum Baronet u. 1859 zum Principal der Universität Edinburgh erhoben. Er verfolgte 1800 auf Newtons u. Grimaldis Bahnen die Erscheinung der Beugung, später der Polarisation des Lichtes, fand den Zusammenhang zwischen Krystallform u. der Zahl der Achsen der Doppelbrechung ans, entdeckte die elliptische Polarisation u. die Fluorescenz rc., so auch die sogen. B-schen Lichtfigurcn an unveränderten u. leicht geätzten Krystallen. In zahlreichen selbständigen Schriften u. Abhandlungen förderte er die Optik in Theorie u. Praxis außerordentlich. Besonders berühmt ist sein Msntiss ol Oxtlss. Mehrere seiner Erfindungen haben auch praktische Wichtigkeit, so seine componirten Linsen zur Beleuchtung auf Leuchtthürmen. Auch das Kaleidoskop und die gewöhnliche Form des Stereoskops sind von ihm erfunden. Bis ins höchste Alter behielt B. nicht seine Geistesstärke allein, sondern auch die Sinneskraft zu den feinsten und schwierigsten Beobachtungen. Er starb 10. Febr. 1868. B. schr.: On Isis kslsiäoscops, its Iristorz-, tbsoi 7 nnä eoirstruotioll, Edinb. 181S, 2. A., 1857; Oettsrs on natural rna^re, London 1831, deutsch von Wolf, Berl. 1833; 'I'rsatiso M oxties, ebd. 1832, deutsch von Hartmann, Qdlb. 1835, 2 BLe.; läks ok Isaas Hsrvtou, ebd. 1832, deutsch von Goldberg, Lpz. 1833, u. erweitert als LIemoIrs ol tUs liks, rvritin^s aä älssoverlss ok I. H., ebd. 1855, 2 Bde.; On miorossope, ebd. 1837; Mrs wartz-rs ok serenes (Galilei, Brahe u. Kepler), Edinb. 1841, 2. A., 1856; Mrs stsrso- seoxs, Lond. 1856; Nors rvorläs tlran ons, u. redigirte Läinbur§Ir Dnez-elopssära, 1808—30, 18 Bde.; LäinburAlr klrilosoplrieal äourval, 1819—32, ü. endlich das LäinburAlr äournal ok Lsisnss. Vgl.: Das Stereoskop von D. B. und seine neuesten Verbesserungen, von Dubosq und Helmholtz, Quedlbg. 1859. 2) Abraham, brit. Staatsmann, geb. 1796 zu Ballinuba in Irland; wurde Advocat in Dublin, unter dem Ministerium Peel Solicitor-General für Irland, unter dem Ministerium Aberdeen Attorney - General, trat jedoch 1855 in das Privatleben zurück. Unter dem Ministerium Disraeli wurde er 1867 Lord- Kanzler von Irland, durch die Wahl von 18SS aber beseitigt; starb 30. Juli 1874 in Dublin. Breyzards, s. n. Bretons. Brezillian (keltisch eigentlich Lroelr-allsan, d. i. Wald der Einsamkeit), Wald in der Bretagne, einer der vorzüglichsten Schauplätze der Wunder der Artussage n. der Thaten des jungen Parcival. Brialuwnt, Henri Alexis, belg. Militar- schriflsteller, geb. 25. Mai 1821 in Venloo; studirte auf der Kriegsschule in Brüssel u. wurde 1843 Lieutenant im Geniecorps, war 1847—5V Secretär des Kriegsministers Chazal, kam in den Generalstab, avancirte 1855 zum Hauptmann u. 1861 zum Major u. wurde dem Kriegsminister zugetheilt. B. hat wesentlichen Antheil an der Aufstellung des neuen Landesvertheidigungssystems und an den Befestigungswerken Antwerpens genommen. Er schr.: Oonsiäsrations polit. sb mW. zur In LslUgus, Brüssel 1851 s., 3 Bde.; kreeis ä'art milrtarrs, ebd. 1854; Ilistorrs än Ons äs IVellrnZton, ebd. 1856 f., 3 Bde., engl, von Gleig, Lond. 1859—60, 3 Bde.; Ktuäs sur la äsksnss äes Ütats st sur In kortiüoatlon, ebd. 1863, 3 Bde.; Hs eorps bsIZs än Llsxigus, ebd. 1864; Rstlsxlons ä'un soläat sur Iss äangsrs gut msnaesnt In Löl^igus, ebd. 1865; Oonsr- äerations sur ln rsorAanisation äs 1'armöo, ebd. 1866, und gründete 1850 das äournal äs 1'arwss bslgo. Brinnyon, Hauptstadt des gleichn. Arr. im franz. Dep. Ober-Alpen, starke Festung, an der Durance und Gnisane, zwischen hohen Bergen, die am höchsten gelegene Stadt Frankreichs (1321 m ü. d. M.), der Schlüssel gegen Piemont, von 7 Forts vertheidigt, welche durch unterirdische Gänge verbunden sind; bedeutender Waffenplatz; unregelmäßig gebaut; Brücke mit einen: Bogen von 39 in Spannung; Gericht 1. Instanz; Fabr. in Seide, Baumwolle, Tricots, Strümpfen, Tüchern». Hüten, Gerbereien, Destillationen; lebhafter Handel nach Italien; B-er Kreide (grüner, in leckige Stücke geschnittener Speckstein, der weiß Brianza — Bridgewatcr. '1 schreibt, vorzüglich von den Schneidern znin Ans zeichnen gebraucht) n. B-er Manna (von Ler- chenbäumen, s. Lerchenharz); 4169 Ew.; Steili kohlen in der Umgebung. — B. ist das alte Brigantinm (Brigantio) und gehörte als Stadt oder Castell der Segusianer znm Narbonensischcn Gallien. Die Gegend um B. war im Mittelalter wegen ihrer bergigen Lage und weil es zwischen Burgund u. Italien lag, so daß man nicht wußte, wozu es gehörte, fast ganz frei; später wurde es zur Dauphine gezogen u. 1349 mit Frankreich verbunden. Ludwig XIV. überließ es 1697 dem Herzog von Savoyen, doch kam es 1713 wieder zu Frankreich. Hier im Spanischen Erbfolgekriege Ende Juli 1709 Niederlage der Österreicher durch die Franzosen. Brianza, anmuthige, gegen 440 ssZIcm große Berglandschaft in der Lombardei, südl. vom Comcr- See; berühmt und viel besucht wegen ihrer landschaftlichen Anmuth u. ihres gesunden Klimas. Briare, Stadt im Arr. Gien des franz. Dep. Loiret, an der Loire, Station der Lyoner Bahn; Töpferei, Knopffabrik; Märkte; 4775 Ew. Hier beginnt der gleichnamige, mit dem Loing-Kanal verbundene u. auf diese Weise die Loire u. Seine verbindende, von Heinrich IV. begonnene u. 1638 vollendete Kanal; beide Kanäle zusammen haben 11 Schleichen. Brrareos, einer der Hekatoncheiren (Hundert- händigen) der griech. Mythe, auch Ägäon genannt; galt als Sinnbild der größten Stärke. Die Säulen des Herakles hießen auch Säulen des B. Er sollte unter dem Ätna hingestreckt liegen u. wurde daher auch für einen Kyklopen gehalten. Bricke, Fisch, so v. w. Neunauge. Bricole (fr.), Ab-, Rück-, Widerprall; daher bricoliren, einen Gegenstand treffen, nach welchem man nicht unmittelbar schießt, sondern indem man das Geschoß erst schräg an eine Mauer wirst, daß es an dieser abprallend den Weg nach dem Gegenstände nimmt; so schießt die Artillerie (Bri- cvlschuß) aus Batterien, welche so gerichtet sind (Bricolbattcrien); auch auf dem Billard und Kegelschub wird bricolirt. Briyonnet, 1) Guillaume, gewöhnlich der Cardinal genannt, geb. zu Tours; war General- director der Finanzen unter Ludwig XI. n. Fi- nanziiiillister unter Karl VIII., den er auf seinem Zuge gegen Neapel begleitete; wurde nach dem Tode seiner Gemahlin Geistlicher u. bald daraus Bischof von Nimes, St. Molo, Erzbischof von Reims u. Narbonne u. Cardinal; er starb 1514. B. schr. u. a.: Lxologia pro Imäovico XII., Rouen 1509. 3) Guillaume, Sohn des Vor., mystischer Theolog; war Bischof von Lodcve, dann Abt von St.-Germain des Pres in Paris, wo er mehrere freisinnige Gelehrte aufnahm n. vergebens eine Sittenreinignng unter den Mönchen herzustellen suchte; 1516 wurde er Bischof zu Meaux, wo er 1521 dem reformatorischen Lesbvrc, Farel, Roussel re. wieder eine Zufluchtsstätte er- öffnete, aber, selbst in den Verdacht der Ketzerei gekommen, 1524 seine Verbindung mit denselben löste; er st. 1534. Gedruckt sind von ihm zwei Synodalreden, Par. 1520 u. 1522; von seinem mystischen Briefwechsel mit Margarethe von An- goulbme, nachmaliger Königin von Navarra, ist einiges in Genius I,etbres äs ülar^uerito ä'^Iu- Zoulsms, Par. 1841, n. Xouvslles lottros äo la reine äs Xavarra, ebd. 1842, veröffentlicht. Löffler.' Bridell, Frederick Lee, engl. Landschaftsmaler, geb. 1831 zu Southampton, gest. 1863; vorerst Porträtmäler, trat er 1859 zum ersten Mal mit einem Colosseum im Mondlichte vor das größere Publicum, besuchte wiederholt Italien und bekundete in seinen Arbeiten poetische Auffassung, die aber nicht überall den Beifall fand, den sie verdiente. Die Hanptstärke seiner Bilder liegt im bewölkten Himmel. Werke: Der Liebestempel, Die Feenkönigin, Sonnenuntergang am Atlantischen Meere. R-gn-t. Bridge (engl.), Brücke; daher mehrere Städte- u. andere Namen. Bridgenorth, Stadt in der engl. Grafschaft Shropshire, an dem Severn, Eisenbahnstation; Leder-, Tuch-, Eisengeräth-, Pfeifen-, Thonwaa- ren- u. Lcimfabriken, Gerbereien, Strumpfwirkereien; Schiffbau; Malzhandel; 5876 Ew. Gridgeport, Stadt in der Grafschaft Fair- field im Staate Connecticut (NAmerika), an der Mündung des Pequonnock in den Long-Island- Sound; malerisch gelegen, schön gebaut, sehr gesund; 14 Kirchen; große Gewerbthätigkeit, Nähmaschinen- und Wagenfabrikcn; lebhafter Handel; Walfischfang; Eisenbahn nach New-Dork, New- Haven und Pittsfield; Seehafen; tägliche Dampfschifffahrt nach New-Iork; 18,970 Ew. Äridgeton, Hafen- u. Hauptstadt des County Cnmberland, Staat Ncw-Jersey in den Vereinigten Staaten von NAmerika; hübsch gebaut; 8 Kirchen; Rathhaus; 2 Gelehrteuschulen, öffentliche Bibliothek; Eisengießerei, Walzwerk u. Nagelfabrikation; lebhafter Handel; 6830 Ew. Bridgetown, Hauptstadt der westindischen Insel Barbadoes, auf der WKüste an der Carlislebai, deren Rhede an 500 Schiffe faßt; gut gebaut, mit vielen Plantagen umgeben; Sitz des Gouverneurs n. der verschiedenen Behörden; Gefängnis), Rathhaus, Citadelle; bedeutender Productcn- markt; 26,200 Ew. Die Stadt wurde 1845 durch eine Feuersbrunst fast ganz eingeäschert. Bridgcwllter (Bridgwater), 1) Stadt in der engl. Grafschaft Somerset, an der Eisenbahn von Bristol nach Exeter u. Plymouth, unweit der Mündung des Parrct in die B.-Bai; 7 Kirchen; schönes Rathhaus; College; Eisengießerei; lebhafter Handel; Schifffahrt; eine eiserne Brücke über den Parret verbindet die Stadt mit der Vorstadt Eastover; 12,059 Ew. — B., von den Normannen gegründet, kam durch die Familie Chaworth an das Herzogthum Lancaster, u. König Heinrich VIII. erhob 1539 Heinrich Dawbcny d'Aubigny zum Grafen v. B.; da er kinderlos starb, verlieh Jakob I. 1617 diesen Titel dem Lord-Kanzler Thomas Egerton. Im Jahre 1685 ließ sich hier der Herzog von Monmouth zum König ausrufen. 3) Städtischer Bezirk in der Grafschaft Plymouth im nordamerik. Staate Massachusetts, an der Eisenbahn von Fall-River nach Braintree; Normalschule; Schmelzöfen; 3760 Ew. Bridgewater, 1) Francis Egerton, Herzog v. B., geb. 1736; berühmt u. a. durch An- 72 Bridaewatcr-Kanal — Brief. legnng des Bridgewater-Kanals (s. d.) : ?. 8. März 1803. 2 ) Francis Henry Egerrc?., Gras o. B., geb. 11. Nov. 1758, jüngerer Sohn seines Hauses; wurde Geistlicher u. hielt sich grüß- tentheils in Paris ans; er erbte erst 1823 den Grasentitel (der Herzogstitel war früher in seiner Familie erloschen) nebst ansehnlichen Familiengütern und spielte den Sonderling. So hielt er eine große Anzahl Hunde u. Katzen, putzte dieselben wie Menschen ans, ließ sie ausfahren n. fütterte sie an seiner Tafel. Dabei vernachlässigte er keineswegs die Wissenschaften; er gab des Euripides Hippolytos, 1796, später die Fragmente der Sappho und die Biographie des Kanzlers Egerton, seines Ahnherrn, eine Denkschrift auf den Vor., 1807, und 8amilv ^nsoäotss, 1807 Fol., heraus. Er st. 12. Febr. 1829 zu Paris. In seinem Testament vom Jahre 1825 vermachte er 8000 Psd. Sterl. der Londoner Royal-Society behufs Herausgabe eines umfassenden Werkes über die Macht, Weisheit u. Güte Gottes, wie sie sich in der Schöpfung offenbaren; das Werk kam nach seinem Tode zu Stande unter dem Namen der B.-Bücher, deutsch, Stuttg. 1836—38, 9 Bde., n. A. in Bohns LelsutiLo Inbrarv, Lond. 1850 f. Er selbst hatte ein ähnliches Werk geschrieben und in wenigen Exemplaren abdrucken lassen. Weiter vermachte er dem Britischen Museum 12,000 Pfd. Sterl. zum Ankäufe von Handschriften. Bridgcwater-Kanal, Kanal inder engl. Grafschaft Lancaster, einer der ältesten Kanäle Englands, erbaut 1758—1772 auf Kosten des Herzogs Francis Egerton v. Bridgewater durch James Brind- ley; er hat seinen Ausgangspunkt bei Worsley- mill, geht 8 llm weit durch Berge u. Thäler, auf einem 13 m hohen u. 200 m langen Aquädnct über die Flüsse Jrwell u. Mersey u. trägt Kähne von 120—160 Ctr., welche bes. Steinkohlen und Quader von den Gütern des Herzogs nach Manchester n. Liverpool bringen. Die ursprüngliche Anlage war nur bis Manchester, später jedoch ließ der Herzog den Kanal noch von da über den Merseyflnß bis zum Trent- u. Mersey-Kanal führen und bei Runcorn in den Merseyflnß leiten; dieser zweite Kanal ist 31 üm lang, führt, durch 90 Schleusen bis zu 175 m gehoben, durch den Berg Herecastle, ist von 42 Brücken überbaut n. stellt die Wafserverbindung zwischen Liverpool u. Hüll (dem Irischen Meere u. der Nordsee) her. Die Gesammtkosten der Anlage belaufen sich auf 220,000 Pfd. Sterl. Bridlingtün, 1) Bai im East-Riding der engl. Grafschaft Dorkshire, mit gutem Ankergrnnde. 2 ) Stadt daran n. ander Eisenbahn; befestigter Hafen; Ruinen einer Angustinerabtei; 8res silram- war Lsliool; Hutfabriken; Handel, zwei Banken; 6203 Ew. 2 üm slldöstl. liegt B.-Quai; Seebäder n. Mineralquellen; schöne Promenaden. Bridport, Parlamentsflecken der engl. Grafschaft Dorset, am Brid, 2 km vom Meere (Canal La Manche) entfernt; Hafen; alte Kirche; schönes Rathhaus; Fabrikation von Segeltuch, Seiler- waaren u. Netzwerk; Schiffbau; bedeutender Seehandel; 7670 Ew. Brie, 1) Landschaft von 550 Hjkm in Frankreich, wovon ein Theil zu Ile de France (8. kranyoiso), ein anderer zu Champagne (8. ebampanoiss), gehörte, von der Vereinigung der Seine ». Marne an bis Sezanne sich erstreckend. Hier wird der 8rowa§s äs 8.. schmackhafter Käse, verfertigt; reich an Getreide, Weinbau. Sie hatte ihre eigenen Seigneurs, nach deren Aussterbcn das Land 1328 mit der Krone vereinigt ward; bildet jetzt einen Theil des Departement Scine-et-Marne. 2) B.» Comte-Robert, Stadt im Arrond. Mclnn des franz. Dep. Seine-et-Marne, am Mres, Station der Lyoner Bahn; gothische Kirche mit Glasmalereien u. Grabmälern; Lichter- n. Schrcibfedern- fabrikation, Gerbereien: Korn- und Käsehandel; 2714 Ew.; ehemals Hauptort von B. 1). — B. gehörte erst zu Dreux u. kam im 13. Jahrh. an Herzog Peter von Bretagne, durch Johanns II. Tochter, Bianca, an Artois, durch deren Tochter Margarethe an den Grafen Philipp von Evreux, durch deren Enkelin Blanca an König Karl V., ward darauf Apanage königlicher Prinzen u. endlich vom König Franz I. mck der Krone vereinigt. 3 ) B.-snr-Äarne, Ort bei Paris, bei dessen Belagerung 1870 öfter genannt (Ansfälle vom 30. Nov. u. 2. Dec.); s. u. Paris. Brief (v. lat. brsvo). I. Im nicht-technischen j Sinne. 1) Im Mittelalter jede kürzere Mittheilung, welche schriftlich zur Kenntniß einer Privatperson oder des Publicums im Allgemeinen gebracht'wurde. 2) Jede schriftliche Mittheilung, die in privater Weise von einer od. mehreren Personen an eine od. mehrere Personen gerichtet n. gewöhnlich verschlossen ist. Eigenhändig geschriebene B-e regierender Fürsten an Privat- od. moralische Personen als Antworten auf Gesuche oder als Ehrenbezeigung für geleistete Dienste nennt man Handschreiben. Regierende Fürsten wechseln unter einander als Privatpersonen B-e, als Vertreter der von ihnen regierten Staaten aber nur Botschaften n. Depeschen. Der B. soll die mündliche Rede ersetzen und wird wie diese in den meisten Fällen in der Erwartung einer Antwort, eines Meinnngsans- tausches an seine Adresse gerichtet. Das Hin- n. Herschreiben, der B-wechsel (Correspondenz) ist sonach ein schriftliches Gespräch. Hauptgattnnge» der B-e sind: 1) B-e über praktische Zwecke des äußeren Lebens, insbesondere Geschäfts-B.; 2) Höflichkeits- od. Convenienz-B.; 3) vertrauliche, insbesondere freundschaftliche B-e; 4) B-e über öffentliche Angelegenheiten; 5) wissenschaftliche und künstlerische B-e: Gattungen, die mehrfach in einander übcrgreifen. Der geschäftliche und besonders der kaufmännische Briefstil bildet das entgegengesetzte Extrem zu dem vertraulichen Stil. Das Streben, mit so wenig Worten wie möglich sein Begehren, seine Meinung und Absicht auszudrücken, um sich und dem Leser Zeit zu ersparen, gibt, dem kaufmännischen Stil Knappheit und Kürze, die jedoch nicht selten zur Corruption der gewöhnlichen Schriftsprache führt. Zwischen Geschäftsfreunden sind die ceremoniellen Eingangs- und Schlußphrasen in neuester Zeit auf ein geringes Maß reducirt worden, wie Lies jetzt auch in Briefen anderer Art geschieht u. hoffentlich immer mehr geschehen wird. — Die Correspondenzen hervorragender 73 Brief. Persönlichkeiten, besonders unter den alten Griechen und Römern, unter den Jtaliern, Franzosen, Engländern, Deutschen, Arabern, Persern, Türken, sind von jeher eifrig gesammelt worden. Sie enthalten eine unerschöpfliche Fundgrube für die tiefere Erkenntnis; der Geschichte, für die Einsicht in das politische, gesellschaftliche, sittliche u. religiöse Leben der Menschheit, in die Entwickelung der Kunst und Wissenschaft. Über diesen Zweig der Literatur verweisen wir ans die Hauptartikel, die sich mit der Literatur der einzelnen Völker beschäftigen. Eine pädagogisch-methodische Auswahl ans diesen Briefen, in erster Linie aus den griechischen, römischen n. deutschen, wäre der beste Briefsteller. Vgl. Geliert, Abhandlung vom guten Geschmack in Briefen (vor dessen Briefen), Leipz. 1751; Stockhausen, Grundsätze wohl eingerichteter B-e, Helmstädt 1763; Moritz, Anweisung zum B-schrerben, Berl. 1795. — Die Griechen u. Römer schrieben in den ältesten Zeiten ihre B-e auf Baumrinde oder Hplztäfelchen; später wählten sie hierzu mit Wachs überzogene Täfelchen (PadeUas; daher PabsUarins, der Briefträger). Als unter diesen Völkern der Gebrauch aufgekommen war, sich für ihre B-e der Pergamentdlätter zu bedienen, legten die Römer solche in der Form kleiner Bücher zusammen, umwickelten sie mit einem Faden, überzogen dessen Knoten mit Wachs od. einer Art von Siegelerde (Isrra s. Orsbs, asiabiaa) n. drückten auf diese mir ihrem befeuchteten Ringe das Siegel. Bei Griechen u. Römern schrieb der Verfasser seinen Namen an die Spitze des B-es, nie unter ihn; dann folgte der Name des Empfängers entweder elliptisch, Platon Loirratoi (Platon dem Sokrates), Llooro ^ttivo (Cicero dem Atticus), bei den Römern noch zuweilen mit dem Amtstitel des Schreibenden oder des Empfängers (z. B. 6iosro Imperator U. lüaslio asäili enruli, d. i. der Feldherr Cicero dem Curulischen Ädil M. Cölius), od. mit einer Bezeichnung des Wohlwollens, der Vertraulichkeit, der Zärtlichkeit, wie 6ajn8 Lompronio au», vxtiino, cinioissimo, avimao snas (Casus seinem, od. seinem besten, seinein liebsten Sempro- uius, seinem Leben), od. mit ausdrücklicher Beifügung der Wunschformel: bei den Griechen esiairoin, on prättein, sn ciiaZsin, d^iainsin (d. h. swünschtj Freude, Wohlsein, Gesundheit); bei den Römern salutsm xlnrimam äioit (gewöhnlich ab- brevirt 8. p. ä., d. i. sagt schönsten Gruß), oder bloß aslutsm ciioit (s. ä.), od. bloß salutsm (8.). Meist begannen die Römer die Briefe mit: 8. V. 8. L. L. V. (si valss, bsno ost; e§o valso, d. i. wenn du gesund bist, so ist es gut; ich bin gesund) u. schlossen mit vals od. salvs (d. i. lebe wohl, sei gegrüßt); die Griechen mit eüairs (freue dich), später mit ent^olisi, srroso (d. i. lebe wohl, bleibe gesund). Beifügung des Datums war nicht selten. Znm B-schreiben bedienten sich die Römer meist ihrer Diener (ad spistolis, a manu, Ama- nuensss). Die Anfänge der modernen Form der B-e, des. in Über- u. Unterschrift, findet man in der Zeit des byzantinischen Kaiserthums. Im vorigen und im Anfänge des gegenwärtigen Jahrhunderts waren auch fingirte Briefe in der Literatur aller Cultnrvölker sehr gebräuchlich, ja, es wurden ganze Romane u. . Novellen in B-en geschrieben. Vgl. Epistel. Über Len Briefverkehr s. u. Post. II. In juristisch-technischem Sinne heißen B-e verschiedene Schriften, welche ein zwischen zwei Personen abgesprochenes Rechtsgeschäft schriftlich beweisbar machen sollen. So spricht man von Lehr-B., Kauf-B., Fracht-B., Adels-B., Wech- sel-B. Daher B.-Inhaber, so v. w. Besitzer des Wechsels; gemachte B-e, so v. w. trasirte Wechsel. Auch ist das Wort B. in der Börsensprache u. bei Conrsberichten in dem Sinne des angebotenen Effectenpreises zu dem geforderten (Geld) besonders gebräuchlich. In rechtlicher Beziehung kommen Briefe theils civilrechtlich, theils criminalrechtlich in Betracht. A.) Im Ci- vilrecht nnterfallen die Briese dem allgemeinen Begriffe von Privaturkunden, welche zunächst dem Adressaten gehören. Gleich anderen Urkunden können sie hier oft zur Führung eines Beweises dienen und sind hierzu dann in derselben Weise zu gebrauchen, welche bei den übrigen nicht öffentlichen Documenten vorgeschrieben ist (s. n. Urkundenbeweis). Besitzt der Beweisführer die Briefe nicht selbst, so hat er zuvörderst mittels eines Editionsgesuches deren Herausgabe zu verlangen, welche besonders bei Handelsbriefen, insofern der Beweisfllhrer nur sein Interesse an der Einsicht der Briefe darthnt, nicht verweigert werden kann. Die Frage, ob Privatbriefe ohne Einwilligung des Schreibers zum Drucke befördert werden dürfen, wird von den Rechtslehrern verschieden beantwortet; auf jeden Fall ist eine solche Veröffentlichung ohne specielle Genehmigung des Briefschreibers oder dessen Rclicten verwerflich. L) Für das Criminalrecht bildet zunächst die Beschlagnahme der Briefe ein Mittel der Untersuchungsführnng. Neuere Proceßordnungen enthalten aber meist genauere Vorschriften über die Voraussetzungen, unter welchen sie stattfindcn darf, und über die Art, wie der Untersuchungsrichter dabei zu Werke zu gehen hat. Bei gewissen Verbrechen, z. B. Bankerott, hochverrätheri- schen Anschlägen n. Lgl., können Briefe um so sicherer zur Ermittelung der Wahrheit führen, als die Gedanken der Angeschuldigten in denselben in der Regel offener zu Tage treten und versteckte Pläne gerade durch sie in das Werk gesetzt zu werden Pflegen. Bei der Mehrzahl der Verbrechen ist jedoch eine verbrecherische Correspondenz etwas Ungewöhnliches u. deshalb auch die Untersuchung der Briefschaften ein ebenso nnnöthiger, als für den Angeschuldigten selbst immer besonders drückender Schritt. Der Untersuchungsrichter hat daher zunächst die Pflicht, bevor er zur Beschlagnahme von Briefen schreitet, sich zu vergewissern, ob init Grund ein Ersatz für die schwebende Üntersnchnng von der Beschlagnahme, bezw. Einsicht der Privat- correspondenz des Angeschuldigten erwartet werden kann. Die Beschlagnahme selbst geht dann in der Regel wie die Haussuchung vor sich. Dieselbe ist daher ordentlicher Weise nur von dem Richter, wo es angeht, in Gegenwart des Angeschuldigten oder der Angehörigen desselben vorzunehmen; mir ausnahmsweise sind auch die Polizeibehörden dazu berechtigt, doch sind dieselben alsdann meist ver- 74 Brief-Adcl - pflichtet, die weggenommenen Briefe sofort an die Criminalbehörde abzngeben. Die erste Durchsicht der Papiere soll auch stets nur im Beisein des Angeschuldigten oder eines seiner Angehörigen erfolgen, damit derselbe sofort über den Inhalt des Brieses sich rechtfertigen könne. Ist zu vermuthen, daß wichtige Briefe erst noch eingehen, so kann die Untersuchungsbchörde die Beschlagnahme derselben sich dadurch sichern, daß sie die betreffenden Postbehörden um Ablieferung der Briefe an das Gericht ersucht. Während einer Uutersuchnngs- oder auch einer Strafhaft darf der Gefangene in der Regel ohne Vorwissen des Gefängnißaussehers, dezw. des Gerichtes Briefe weder empfangen, noch absenden, sondern es haben dieselben dann zunächst offen durch die Hände des Aussehers oder Gerichtes zu gehen, fl) Außerhalb des Strasprocesses kann die eigenmächtige Ansichnahme und Eröffnung der Briefe eine strafbare Handlung sein; s. Briesgeheimniß. Briefbcstellgcbiihr ist die für Zustellung von Briefen an die Briefträger zu gestcllende Gebühr. In Deutschland u. anderen Ländern ist sie ausgehoben, da sie das Publicum belästigt n. dic Brief- bcstellung außerordentlich erschwert. Nach der Deutschen Postordnung von 1875 bestehen noch Bestellgebühren: L) Für Eilbestellung von Postsendungen nach dem Landbestellbczirke einer Postanstalt 50 Pf. L) Für Bestellung der gewöhnlichen Pakete im Ortsbestellbezirke, und zwar a) bei den Postämtern für Pakete bis 5 Lx 10 Pf., für schwerere 15 Pf.; b) bei den übrigen Post- austalteu 5 u. 10 Pf. 6) Für Bestellung von Briefen mit Werthangabe von über 1500—3000 LI u. von Paketen mit Werthangabe 10 Pf., über 3000 LI 20 Pf. v) Das Zeitungsbestellgeld beträgt jährlich bei Zeitungen, welche wöchentlich ein Mal oder seltener bestellt werden, 60 Pf.; bei Zeitungen, welche mehrmals, aber nicht öfter als ein Mal täglich bestellt werden, 1 LI 60 Pf. L) Für die Bestellung der amtlichen Verordnungsblätter beträgt die Gebühr jährlich 60 Pf. Briefe (Litcraturgesch.), 1) in der Bibel, so v. w. Apostolische Briese 1); 2) Poetische B., so v. w. Poetische Episteln; 3) B. des Junius, s. u. Junius. Briefgeheimnis) ist im Allgemeinen das jetzt auch verfassungsgcsetzlich anerkannte Recht des Einzelnen, die für ihn bestimmten, au ihn adrcs- sirten Briefe selbst zu eröffnen und über deren Inhalt zu verfügen. Dieses Recht ist in dreifacher Weise geschützt: 1) Eine Beschlagnahme von Briefen darf nur in den gesetzlich bestimmten Fällen u. Formen geschehen; s. Brief II., 8. Der Beamte, welcher diese gesetzlichen Vorschriften verletzte, würde, wenn nicht eine strafrechtliche Handlung damit vollzogen wäre, jedenfalls in: Disciplinar- verfahren zur Verantwortung zu ziehen sein. 2) Besonders ist gesetzliche Fürsorge getroffen, daß die mit der postmäßigen Behandlung der Briefe beauftragten Beamten nicht unbefugter Weise verfahren. Ein Postbeamter, welcher die der Post anvertrauten Briefe oder Pakete iu anderer als den im Gesetze vorgesehenen Fällen eröffnet, oder unterdrückt, oder einem Anderen wissentlich eine solche Handlung gestattet, oder ihm dabei wissentlich Hilsc - Briefmarken. leistet, wird mit Gefängniß nicht unter drei Monaten bestraft; auch kann gegen ihn auf Verlust der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter auf die Dauer von einem bis zu fünf Jahren er- kannt werden „(D. Reichs-Strafgesetzbuch ZK 35-t u. 358), auch Österreichisches Gesetz vom 7. April 1870, Französisches Strafgesetzbuch Art. 187; Merkel, in Holtzendorffs Strafrecht Bd. III. S. 843 und 1002). 3) Endlich ist auch das subjektive Briefrecht gegen die Verletzung, welche sich ein Dritter zu Schulden kommen lassen kann, geschützt. Abgesehen von den denkbaren Voraussetzungen einer civilrechtlichen Schädignngsklage, ist die vorsätzliche n. unbefugte Eröffnung eines verschlossenen Briefes durch Jemanden, zu dessen Kenntnißnahme der Brief nicht bestimmt war, an sich strafbar. Da es sich aber hier nur um die Verletzung der individuellen Rechtssphäre des Adressaten oder auch des Briefschreibers handelt, so tritt die Bestrafung nur auf Antrag ein. Die Strafe besteht nach dem Deutschen Reichs-Strafgesetzbuche Z 299 in Geldstrafe bis zu 100 Thlr. oder Gefängniß bis zu 3 Monaten. Den Briefen sind auch andere verschlossene Urkunden gleichgestellt. Grotefend. Briefmalcr, im Mittelalter eine zünftige Klaffe von Schreibern (Kalligraphen), welche Bücher abschrieben und mit gemalten Bildern verzierten. Vorzüglich Andachtsbücher wurden mit solchen, ziemlich rohen Malereien ausgcschmückt und aus Jahrmärkten zum Verkaufe gebracht. Auch Spielkarten, Holzschnitte u. in der ersten Zeit der Buch- druckerknnst die Anfangsbuchstaben einzelner Absätze und Capitel größerer Schriften wurden von ihnen theils aus freier Hand, theils durch Patronen von Metall illuminirt. Diejenigen, welche sich mit der Vrrvielsälrigung von Bildern und Schriften durch Anwendung von Patronen befaßten, nannte man auch Bricfdrncker. Briefmarken (Postmarken, Francomarken, engl. ikostuAs atamps, franz. Mmbrso-posts, Ls- tamxilloo), gedruckte, dem Papiergelde gleichstehende Werthzcichen, welche von der Post verkauft werden n. zur Frankirung von Poststücken (Briefen, Corre- spondcnzkarten, Geldanweisungen, Paketen) dienen. Sic tragen auf der Vorderseite das Wappen des Staates od. das Brustbild seines Beherrschers (in NAmerika das verdienter Männer) mit der Angabe des Werthes und haben auf der Rückseite einen Gnmmiüberzug, der zum Aufkleben der B. auf die Vorderseite des Briefes dient. Da das Briefporto nicht für alle Entfernungen gleich ist, so veröffentlichen die meisten Postämter Nachweise (Briefporto-Tarife), nach welchen Jeder die Höhe des Briefportos taxiren kann. Außer der Entfernung kommt dabei auch noch die Schwere der Briefe iu Betracht, zu deren Beurtheilung man sich der Brieswage bedient, welche das Gewicht des Briefes auf einer Scala angibt. Der Dortheil der Zeitersparniß sowol für den Absender, als für die Post ist ganz erheblich, u. würde ohne diese Einrichtungen ein Postverkehr, wie er heute besteht, kaum möglich sein, wie sie auf der anderen Seite den Aufschwung dieses Verkehres wesentlich gefördert haben, also sowol ein indirektes Bildungsmittel, als auch durch den erleichterten Verkehr ein Mittel zur Hebung der volkswirthschastlichen 75 Briefportotarif — Brieg. Verhältnisse bilden. Ähnliche Einrichtungen wie die B. kamen schon Mitte des 17. Jahrh. in Frankreich u. Anfang dieses Jahrh. in verschiedenen Staaten vor, kamen aber bald wieder ab. Der eigentliche Erfinder der jetzigen B. ist seit 1840 der engl. Postmeister Sir Rowland Hill. Allgemein wnrden die B. in allen civilisirten Staaten mit Anfang der fünfziger Jahre. Seit Ende der letzteren kam die Liebhaberei, B. zu sammeln, in Ausnahme, und es ist sogar unter dem Namen Philatelie eine Art Wissenschaft, die B-kunde, entstanden, zu deren Pflege Vereine sich bildeten u. Zeitschriften gegründet wurden. B.-Album, die B. aller Länder aufzunehmen bestimmt, sind in bedeutender Anzahl erschienen. Vgl. Moschkau, Katalog aller seit 1653 bis 1874 erschienenen B. rc., Lpz. 1874. Weiteres unter Philatelie. Briefportotarif, das Verzeichniß der für die Beförderung von Briefpostsendungen an die Post- anstalt zu zahlenden Gebühren. In den Bricf- portotarif fallen nicht bloß die eigentlichen Briefe, sondern auch die offenen Postkarten u. Correspon- denzen, die Drucksachen und Waarenprobcn, die Postanweisungen u. Postmandate, für deren Beförderung besondere, und zwar verhältnißmäßig niedrigere Taxen durch den Tarif sestgcstellt werden. Die Höhe des im Staate geltenden B-s hat den entschiedensten Einfluß auf die wirth- schaftliche und geistige Entwickelung des Volkes. Die Größe des Güteraustausches n. des geistigen Verkehres der Staatsangehörigen steigt mit dem Fallen desselben. Anderseits steigt mit der Zunahme des Postverkehres auch der aus dem Post- betriebe gezogene Gewinn, so daß ein entsprechend ermäßigter B. auch die Einnahme desjenigen, welcher die Post betreibt, zu erhöhen Pflegt. Die allgemeine Anerkennung des mehrseitigen Vortheils eines möglichst niedrigen B-s führte in neuester Zeit in allen europäischen Staaten zu einer Ermäßigung des B-s, sowol bei sich selbst, als auch für den gegenseitigen Briefvcrkehr mittels Postconventionen, welche ans die Erreichung eines einzigen internationalen B-s für ganz Europa abzielen. Dabei ward das früher bestandene System, das Briefporto nach der Entfernung des Bestellortes vom Aufgabeorte zu tarifircn, immer mehr durch das System einer einheitlichen, für jede Größe der Entfernung innerhalb des Postgebietes gütigen Portosatzes verdrängt. Mit der Einführung des Systems eines einheitlichen B-s machte England den Anfang, als es im Jahre 1840 an Stelle des bis dahin gegoltenen hohen »nd verschiedenartig abgcstuften Briefportos den Pennytarif setzte, welcher im I. 1871 neuerlich auf die Hälfte, also auf 5 Markpfennige für den einfachen Brief im britischen Postbezirke herabgemindert wurde. Von welchen Folgen diese Brief- portoermäßignng u. Tarisvereinfachung war, beweist die Thatsache, daß der Briesversand seit 1839—73 von ca. 80 DM. Stück aus 907 Mill. Briese u. 254 Mill. Kreuzbandsendungen gestiegen war. Für Deutschland mit Österreich trat im J. 1868 an die Stelle der bis dahin in den einzelnen Staaten gütigen verschiedenartigen B-e ein einheitlicher Portosatz, u. zwar von 1 Sgr. — 3 fachen Brief bis einschließlich 1 Loth Gewicht vhne Unterschied der Entfernung; für Drucksachen in Kreuz- oder Streifbänden bis einschließlich 24 Loth H Sgr. ^ 1 kr. südd. ^ 2 kr. österr. Währ.; für Postanweisungen und Postvorschußbeträge, mit Ausschluß von Österreich-Nngaru, bis 25 Thlr. einschließlich 2 Sgr., bis SO Thlr. 4 Sgr., resp. 6 kr. und 12 kr. südd. Währ. Mit Anfang 1875 hat sich dieser B. da- chin geändert, daß a) für Drucksachen bis 50 ^ Gewicht das Porto 3 Pf., über 50 bis 250 ^ 10 Pf., über 250 bis 500 K 20 Pfg. und über 500 § bis 1 30 Pf.; b) für Drucksachen, welche als außergewöhnliche Beilagen der durch die Post bezogenen Zeitungen n. Zeitschriften zur Einlieferung gelangen, für jedes einzelne Beilage- Exemplar ^ Pf., und o) für Waarenprobcn ohne Unterschied der Gewichte 10 Pf. beträgt; <1) als Gebühr für Postanweisungen bis 100 LI 20 Pf., über 100 bis 200 LI 30 Pf., über 200 bis 300 LI 40 Pf. und für Postvorschuß für jede LI oder für jeden Theil einer LI 2 Pf., zum mindesten aber 10 Pf. bei der Ansbezahlung eingehoben wird. Zwischen den übrigen europäischen Staaten sind die seitherigen, nach der Entfernung abgestuften B-e durch den auf dem internationalen Postcon- greß zu Bern im September 1874 vorbereiteten einheitlichen B. für alle europäischen Staaten, einschließlich die Nordamerikanische Union, mit Zugrundelegung der Taxe von 20 Pf. für den einfachen Brief seit 1. Juli 1875 bis auf wenige Ausnahmen schon in Kraft getreten. Maurus. Briefsteller, eigentlich ein Briefschreiber aus Auftrag in der Zeit, da die Schreibekunst noch nicht allgemein in Übung war, im Mittelalter ein Gewerbe, das aber natürlich mit Zunehmeu der Bildung in Verfall gerieth. In Ländern mit mangelhafter Volksbildung, namentlich inSEuropa, besteht es noch und wird oft ans offenen Plätzen verrichtet. In neuerer Zeit heißt B. ein Büch, welches für alle Fälle des Lebens zur Abfassung von Briefen praktische Anweisung ertheilt und zu diesem Behufs Beispiele von solchen enthält. Der älteste gedruckte B. erschien von Anton Sorg in Augsburg 1484; die bekanntesten neueren find die von Campe (22. Ausl., Quedlinburg 1874), Kiesewetter u. Rammler. Es gibt auch franz., engl., arab. u. B. in vielen anderen Sprachen. Brieftaube, s. Taube. Briefträger, Postbediensicte, welche die mit der Post beförderten Briefe den Adressaten in die Wohnung oder ins Geschäftslocal zu bringen haben. Brief u. Siegel, briefliche Urkunde über eine Sache, s. v. w. Document. Brieg, 1) ehemaliges Fürstenthum inSchle- sien, 1329—53 durch Boleslaw III., Sohn Herzogs Heinrich V. von Breslau, gegründet, u. nachdem es den Herzögen von Licguitz als Erbe zugefallen war, 1521 mit Georg I., der wieder eine Bricger Speciallinie gegründet, ansgestorben. Georg II. gründete 1537 durch Theilung mit Liegnitz eine neue Linie B.; nachdem sie in mehrere Zweige zerspalten war, erlosch sie 1664 wieder mit Georg III., n. B. kam wieder an Liegnitz; kr. südd. 5 kr. österr. Währ, für Len ein-js. Schlesien(Gesch.). 3) Kreis im prenß. Regbz. 76 Brivgel --- Bricnnc-lc-CHLtcou. Breslau, Theil des ehemaligen Fürstenthums B., zu beiden Seiten der Oder; eben und ziemlich fruchtbar; von 40,2s üin der Oberschles. Bahn u. der Bahn Neiße-B. durchzogen; 602,^ s^süm (10^ 55,165 Ew., die theilweise polnisch sprechen u. sich durch Ackerbau, starke Viehzucht, etwas Gewerbe u. Handel mit Leinwand u. Holz nähren. 3) Hauptstadt darin, ander Oder, Station der Oberschles. Bahn u. der Zweigbahn B.- Neisie; 5 Kirchen (darunter die evangelische Nicolaikirche), Synagoge; Schloß (Residenz der alten Herzoge); Provinzial-Gewerbe-, Gewerbeschule für Mädchen; Provinzial-Irren- und Straf-An- stalt; Freimaurerloge: Friedrich zur ausgehenden Sonne; Volksbank; Wasserleitung, Gasanstalt; Fabrikation von Leder (1874 über 1,050,000 ÜA), Tuch, Posamentierwaaren, Stroh- u. Buntpapier, Cigarren, Pappe, Eisen- u. Stahlwaaren, Maschinen, Zucker, große Mühle, Bierbrauerei; lebhafter Handel, Viehmärkte; 15,372 Ew.; Geburtsort von K. O. Müller u. Heinrich Wuttke. B. war 1241 noch herzogliches Jagdschloß; 1250 erhielt es durch Heinrich den Bärtigen Deutsches Recht; 1297 wurde es befestigt; nachdem es 1329 Sitz einer eigenen Linie der schlesischen Herzoge (s. B. 1) geworden war, wurde 1341 das Schloß erbaut. 1428 wurde die Stadt von den Hussiten verbrannt, 1595 von Herzog Joachim Friedrich von Neuem befestigt, 1633 von den Sachsen u. Schweden besetzt, aber nach dem Prager Frieden wieder geräumt; 1642 von den Schweden unter Torstenson belagert, aber von dem Erzherzog Leopold entsetzt; 1741 von den Preußen beschossen u. erobert (s. Österreichischer Erb- solgekrieg), wobei das Schloß abbrannte; 1806 von den Franzosen belagert u. erobert (s. u. Preußisch- Russischer Krieg von 1806—1807) u. 1807 geschleift. 26.Mai 1852großeFeuersbruiist. 4) Hauptort des gleichnam. Bezirkes im östl. Theil des schweizer Kantons Wallis, au der Mündung der Saltina in die Rhone, am Anfang der Simplon- slraße; gothischc Kirche, zu dem ehemaligen Je- snitencollcgium gehörig ; Schloß der Familie Stockaiper; Lavezsteingruben; Krystallmederlage; 1000 Ew. Der Ort wurde durch das Erdbeben 1755 fast ganz zerstört, aber später wieder aufgebaut. 8 üm davon das Briegerbad, Schwefeltherme von 37" 8., am rechten Ufer der Rhone. Briegel, Wolfgang Karl, geb. 1626; war erst Organist in Stettin, wurde 1650 Cantor u. dann Musikdirektor in Gotha u. 1670 Kapellmeister des Landgrafen Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt; er starb 1710 zu Darmstadt. B. verdrängte den alten Kirchen- u. Gemeindegesang durch den neuen Kunstgesang. Er besorgte das große Cantional- oder Kirchengesangbuch für Darmstadt, Darnist. 1687. Unter dem Titel: Letzter Schwanengesang, erschienen von ihm noch 1709 zu Gießen 20 vier- u. fllnfstintmige Trauergesänge. Brambach' Bricglcb, Hans Karl, ausgezeichneter deutscher Rechtsgelehrter, besonders Processualist, geb. I.Mai 1805 in Bayreuth; wandte sich, nachdem er zuerst Theologie, dann Jurisprudenz studirt, der Advocatur zu u. erhielt eine solche in Nürnberg. Hier zog er durch sein Werk: Über execu- torische Urkunden u. Executivproceß. Nürnb. 1839, 2 Thle., die Aufmerksamkeit der Gelehrten in der Weise auf sich, daß er 1842 einen Ruf an die Universität Erlangen erhielt u. zum ordentlichen Professor der Rechte daselbst ernannt wurde. Jndeß schon nach 3jährigem Aufenthalte folgte er einem neuen Rufe an die Universität Göttingen, nach Bergmanns Tode, u. hier sammelte er Zuhörer aus allen deutschen Landen um sich, eine Zierde der LlsorAis, ^.NAiista u. der deutschen Rechtswissenschaft, um welche er sich durch seine historische Begründung der Civilproceßtheorie, gestützt aus tiefe Studien der durch ihn auch bekannter gewordenen mittelalterlichen Proceßliteratur, ganz besonders verdient machte. In der Periode 1849 bis 1855 gehörte er der Ersten Kammer der hannoverischen Ständeversammlung an u. war hier namentlich thätig in der Commission für die neue Gerichtsordnung rc. Er schr. außer dem oben- genannton, seinem Hauptwerke: Rechtsfälle zum akademischen Gebrauche, 2 Hefte, Gött. 1848 u. 50; Einleitung in die Theorie der summarischen Pro- cesse, Lpz. 1859; Vermischte Abhandlungen, Erl. 1868, 1 Bd., u. gab den Tractat äaa. Paxioli st Lartoli äs summ. soAmtions, Erl. 1843, heraus. Lc-g-n- Briel, 1) (Brühl) Thal bei Mödling im österreichischen Uuter-Wieuerwaldkreise, mit 2 Dörfern, Hinter- u. Vorder-B., romantisch, mit Kalksteinfelsen, das malerischste Thal in der Umgegend von Wien, noch durch Kunst verschönert. 2) (Brielle) Befestigte Stadt in der nieder!. Provinz SHolland, auf der Insel Voorne, am Ausflüsse der Maas; geräumiger und stark besuchter Hasen; Peterskirche mit Glockenspiel (der Thurm der St. Katharinenkirche dient als Leuchtthurm); Stadthaus, Waisenhaus; Krapp- u. Getreidehandel; Fischerei, Lootserei; 4058 Ew. B. nahmen am 1. April 1572 die Meergensen, was der Anfang zur Befreiung der Niederlande vom spanischen Regiment war u. weshalb 1. April 1872 eine große Nationalfeier veranstaltet wurde. 1830—39 war es Station der niederländischen Flotille, welche die Maas gegen Belgien schloß. Brienne-le-Chäteau (B.-Napoleon), Stadt im Arr. Bar-sur-Aube des französ. Dep. Aube, Station der OBahn; neues Stadthaus, davor Statue Napoleons I. als Militärschüler; in einem ehemaligen Kloster bestand zu B. bis 1790 eine Militärschule (Bildungsanstalt Napoleons I.). Bei B. Schloß (welches bei der Schlacht 1814 ab- brannte), mit Bibliothek, Naturaliensammlung u. Gärten. B. macht mit B.-la-Bieille, 2 km davon, eine L>tadt aus. 1856 Ew. — Die Herren von B. (Briona), von denen 990 Engelbert v. B. urkundlich vorkommt, waren Lehnsleute von den Grafen von Champagne u. hießen seit 1104 Grafen v. B.-le-Chatelet. Der erste Graf war Erard; seine Nachkommen wurden Pairs von Champagne, sein Enkel Erard II. wurde König von Cypern u. sein Urenkel Johann König von Jerusalem; dessen Bruder Walther III. Fürst von Tarent (starb als Gefangener 1205); Walther IV., Sohn des Vor. starb als Gefangener in Ägypten, u. sein Sohn Walther V. fiel 1312 als Söldner in Griechenland. 1356 starb die Linie mit Walther VI. ans, der 1342 Florenz unterdrückt hatte 77 - Bricnne-le-Chätclct - «. bei Poitiers fiel u. dessen Schwester Isabelle die Grafschaft B. Walther, Herrn v. Enghien, zubrachrc, von dessen 2. Sohne Ludwig die Graf- schast durch dessen Tochter Margarethe an Johann von Luxemburg, Herrn von Beaurevoir, kam. Nachher kam die Grafschaft durch Kauf an den Staatssekretär Lomenie, welcher davon den Titel als Graf von B. annahm. Hier im Russisch- Deutschen Kriege 20. Januar 1814 Schlacht zwischen den Franzosen unter Napoleon u. der Schlesischen Armee unter Blücher, in der die letztere zum Rückzuge gezwungen u. Blücher im Schlosse beinahe gefangen wurde. Brienne-le-Chatelet, Grafengcschlecht (vgl. Brienne-le-Chatcau). Merkwürdig: 1) Johann, Titularkönig von Jerusalem (s. d.). 2) Walther IV., Sohn Walthers QI. und durch seine Mutter Enkel des Königs Tancred von Sinken; wurde Statthalter des Kaisers Friedrich II. in Jerusalem. Hugo von Cypern verheirathete seine Tochter Marie an ihn u. verlieh ihm die Grafschaft Jaffa. In der Schlacht bei Jaffa 1244 ward er gefangen u. 7 Jahre später in Ägypten von den Saracenen getödtet. 3) Hugo, des Vor. Sohn; begleitete Karl von Anjou nach Neapel u. erhielt dafür die von K. Friedrich II. eingezogene Grafschaft Lecce, S. Donato u. m. a. Er er- heirathete mit Isabelle von La Roche Athen, Theben, Korinth und Argos. 4) Walther V., des Vor. Sohn, Herzog von Athen; bediente sich der Catalonier zum Kriege gegen den Herzog von Patras u. Dnrazzo, entzweite sich aber bald mit seinen Bundesgenossen und blieb 1312 in einer Schlacht am Kephiffos. 5) Walther VI., Sohn des Vor.; wurde 1326 Karls von Neapel Statthalter in Florenz. 1331 versuchte er, wiewol vergebens, sich des Herzogthums Athen wieder zu bemächtigen. 1342 ernannten ihn die Florentiner zu ihrem Feldhauptman» u. wählten ihn 1343 zum Oberherrn auf Lebenszeit, er wurde aber nach Kurzem wegen seiner Tyrannei vertrieben; s. u. Florenz (Gesch.). Er ging nach Frankreich, wurde 1356 wegen seiner Heldenthaten im Kriege gegen die Engländer Connetable von Frankreich u. blieb 1356 in der Schlacht von Poitiers. 6) Cardinal v. B., s. Lomenie de Brienne. Brienz, Dorf im Bezirke Jnterlaken des schweizer Kantons Bern, in schöner, vielbesuchter Alpengegend, am B-er-See und am Fuße des B-er Rothhorns (2351 m), das die Grenze zwischen Bern, Luzern u. Unterwalden bildet u. großartige Aussicht darbietet; Seebäder, Molkenkur; mit den zu seinem Kirchensprengel gehörigen Ortschaften (Oberried, Eblingen, Schwanden, Hofstetten und Brienzwyler) 2605 Ew. Die hierfabricirten B-er Käse gehören zu den besten Sorten der Schwei- zerkäse. Ein Hauptindustriezweig ist die Holzschnitzerei, welche 600 Arbeiter beschäftigt u. sehr hübsche Sachen liefert. Der Bri enzer-See, von 21—2300 ui hohen Bergen umschlossen, 14 üni lang, 3 üm breit, etwa 590 m über dem Meere, 650 in tief, von der Aare gebildet, nimmt den Gießbach in einem prachtvollen Falle und die Lütschine auf, wird von Dampfern befahren und steht Lurch die Aare mit dem Thuncr-See in Verbindung» — Brigadcaufstellung. Brier Creek, Nebenfluß des Savannah im Warren County des nordam. Unionsstaates Ge- orgia. Hier 3. März 1779 siegreiches Gefecht der Engländer gegen die Amerikaner. Bries (ung. Breznobanya), Stadt in dem ungarischen Comitat Sohl, an der Gran; Bezirksbehörde; Piaristengymnasium; der hier bereitete Schafkäse (B-er Käse) ist ein bedeutender Handelsartikel; 3000, die Gemeinde 11,776 Ew., meist Slaven. Die Stadt erhielt schon 1380 vom König Ludwig I. mehrere Privilegien, u. Ferdinand III. erhob sie 1650 zu einer königlichen Freistadt. Briefen (Friedeck, Wombrzezno), Stadt im Kreise Kulm des preuß. Regbez. Marienwerder, zwischen dem Friedecker u. Schloßsee, Station der Prenß. Ostbahn; 3623 Ew. St. Brieuc (St. Brieu), Hauptstadt des gleichnamigen Arr. im franz. Dep. Cötes du Nord u. des Dep., an der Mündung des Gouet in die Bucht Anse de St. Brieuc (Canal la Manche), Station der Westbahn; Hafen (mit gefährlicher Einfahrt); Kathedrale; Bischofssitz; Gericht erster Instanz, Departementsbehörden; Seeschule, Ly- ceum, Seminar; Archäolog. Museum; Taubstummenanstalt; Ackerbaugesellschast; Fischerei; Granitbrüche; Baumwollen- u. Wollenspinncreien, Tuch- u. Hutfabrikatiou, Brauereien; Baumschulen; Handel mit Korn n. Vieh, Märkte; 15,253 Ew. Brich, Hauptstadt des gleicht!. Arr. im franz. Dep. Menrthc u. Mosel, am Mance, Station der OBahn; Schloß; Gericht erster Instanz; Banm- wollenspinnerei, Tuchfabriken, Färbereien; Ackerbau- u. Jndustriegesellschaft; 1996 Ew. Brigach, einer derQuellarme der Donau (s. d.). Brigade (vom italien. drixa, Streit, Geschäft; der Ursprung ist dunkel, vielleicht aus dem Keltischen), 1, 2 oder 3 unter einen gemeinschaftlichen Com- mandeur gestellte Regimenter. Man hat Infanterie-, Cavalerie- u. Artillerie-B-n. Die B-n sind die größten militärischen Truppenkörper, die aus einer Waffe bestehen, während in den Divisionen schon alle 3 Hauptwaffen (Inf., Caval. u. Artill.), vertreten sind; jedoch gibt man im Kriege häufig den Infanterie- und Cavalerie-B-n eine Batterie bei. Wird zu einem besonderen Kriegszwecke einer dann in der Regel detachirten Jnfanterie-B. Ca- valeric und Artillerie beigegeben, so nennt man sie wol eine combinirte B. Der B.-Comman- deur ist in der Regel Generalmajor, wenigstens Oberst (in Frankreich früher Llarsolial äs camp genannt.) In Deutschland hat jedes Armeecorps 4 Infanterie-, 2 Cavalerie- und 1 Artillerie-B.; die Jnsanterie-B.-Commandeure sind im Frieden die Militärvorsitzenden der Ober - Ersatzcommis- sionen (s. d.). Außerdem wird das Wort B. zuweilen für eine kleine Abtheilung Leute gebraucht, welche einen gemeinsamen Dienst haben, z. B. spricht man von Arbeiter-B-n bei fortificatorischen u. anderen Arbeiten. Brigadcaufstellung, früher von größerer Bedeutung (man hatte oft sehr complicirte Formen), jetzt nur noch als Rendez-vous-Stellung der Brigade und zur Parade in bestimmter Weise feststehend. In der Regel geschieht die Aufstellung in 2 Treffe», so daß die Bataillone des Hinteren Treffens ans die Intervalle der Bataillone des 78 Brigadier — Bnght. vorderen Treffens zu stehen kommen, wobei also bei gleicher Anzahl der Bataillone in den Treffen das Hintere nach einer Seite das vordere Treffen debordirt. Brigadier, 1) so v. w. Brigade-Commandeur. 2) In manchen Armeen ein Unlerosfizier, der nur wenige Leute commandirt, z. B. in der französ. Cavalerie dasselbe, was bei der Infanterie der Corporal. Brigand (fr., urspr. italien., von bri§a), Räuber, Freibeuter; daher Brigandage, Räuberei; Brigantes, im Mittelalter leichtes Fußvolk; Bri - gands, Soldtrnppen in Frankreich, die sich durch schlechte Aufführung bald in Verruf brachten, woher denn auch die ominöse Bedeutung des Wortes. Briganten (a. Geogr.), das mächtigste Volk im römischen Britannia, dem jetzigen Aorkshire, Westmoreland, Durham, Lancashire und Cumber- landshire, mit der Hauptstadt Eboracum; sie standen unter einem König u. wurden unter Vespasianus Lurch Cerealis unterworfen. Brigantier (a. Geogr.), Volk in Vindelicien, an der OSeite des Bodensees (Lrixantünus 1a- vu8); Hanptort Brigantia (jetzt Bregenz). Brigantine, kleines Kriegsschiff; s. u. Schiff. Brigg, zweimastigcs Seeschiff; s. u. Schiff. Briggs, 1) (Briggius) Henry, berühmter engl. Mathematiker u. Begründer des nach ihm benannten Logarithmensystems (s. u. Logarithmen), geb. nm 1556 zu Warley Wood bei Halifax in Uorkshire; wurde 1590 Professor der Mathematik am Gresham College in London, 1619 Prof, der Geometrie in Oxsord; er st. daselbst 26. Jan. 1630. Unter seinen zahlreichen Schriften haben ihn besonders die: voAuritirmorum vbilius prima, 1618 (die erste Probe seines neuen Log.-Systems, auf 8 Stellen berechnet), und die LritRmstüca, IvALiitir- mioa, 1620 (die erste vollständige Tafel der gem. Log. s. d. Zahlen 1—20,000 u. von 90,000 bis 100,000 ans 14 Stellen berechnet), unsterblich gemacht. Vgl. auch Minsiuger, Die gemeinen oder B-jchen Logarithmen der Zahlen, 2. Ausl., Augsb. 1845. 2) Wilhelm, berühmter Augenarzt, Mitglied der Königl. Gesellschaft zu London, geb. zu Norwich 1641; studirte in Cambridge Medicin, promovirte 1677 daselbst u. wurde 1699 Leibarzt Wilhelms III.; er st. 4. Sept. 1704. B. war der erste genauere Anatom des Auges. Seine neue Theorie über das Sehen wurde 1662 in den st'rsnsaotions pllilosopllkguss veröffentlicht, dann von ihm selbst in das Lateinische übersetzt unter dem Titel: blovs, tllsoria visionis, u. mit einer anderen geschätzten Schrift: OpkidkmImoArupkiiL 1685 n. 1686 in Leyden vereinigt herausgegeben. Zwei weitere Abhandlungen: Vs nsn partium osnli u. Vs siuscksm akkostibus sind nicht in die Öffentlichkeit gelangt. 2)Thamhayn. Brigham Boung, s. u. Doung. Brighclla (ital.), in der italienischen Volkskomödie die typische Maskenrolle eines verschlagenen Bedienten, die, in eine mit grünen Bändern geschmückte Livree gekleidet, eine bräunliche Gesichtsmaske von bäuerlichem Ausdrucke trägt. In der italienischen Komödie ein Genosse des Arlecchino, ist B. mehr der Erfinder loser Streiche, während Arlecchino sie ausführt. Seine Abstammung hat noch nicht endgiltig festgestellt werden können, und während ihn die bekannteste Fassung in Ferrara entstehen läßt, nennen andere Bergamo od. Brescia als seinen Heimathsort. Für letztere Stadt spricht eine Erzählung, die in B. die Personification eines Bundes der Bürger Brescias gegen dessen Adel erblicken will u. von dem Namen dieser Vereinigung: Brugella, B. ableitet. Da die Brugella zu Gunsten der Bergamasken gebildet wurde, so wäre auch der bergamaskische Dialekt B-s erklärt, wenn anders dieser Umstand nicht zu der Annahme be- rechtigt, ihn von Bergamo abstammen zu lassen. Kürschner. Bright, 1) Richard, bekannter englischer Arzt, der einer Art der Nierenerkrankungen den Namen gegeben hat, geb. 1788; promovirte 1813 in Edinburgh, wurde Arzt am Guys-Hospital, Lector der medicinischen Praxis, 1822 Censor am Königl. Collegium der Ärzte, seit 1837 außerordentlicher Leibarzt der Königin; er st. 19. (n. A. 16.) Dec. 1858. B. hat sich besonders bekannt gemacht durch seine Schrift: Reports ob msäioul sasss, Lond. 1827—31, 2 Bde.; Vslstoniun Isoturss on tlls kunotions ob tlls ubstomsu uuck soms ob tlls cliuMostio murks kor its ckossusss, London 1833; mit Th. Addison: Vlsmsnts ok tlis pruoties ok pbxsio, Lond. 1836. Außerdem finden sich noch verschiedene Aufsätze in Vonäon msciie. Var. u. Vouäon msck. sllirurA. vrunsaotions. 2) John, bekannt als Führer der Manchesterpartei, populärer engl. Agitator u. bedeutender Parlamentsredner, geb. 16 . Nov. 1811 in Greenbank bei Rochedale in Lancashire. Nachdem er bis zu seinem 15. Jahre seine Schulbildung auf einer Quäkeranstalt erhalten, trat er in das Geschäft seines Vaters, eines Baumwollenspinners, u. wurde, noch im jugendlichen Alter, der Partner seiner Brüder, Baumwollenspinner und -Weber zu Rochedale. Hier ward er mit den Principien der Volkswirth- schaft bekannt u. begriff schnell, daß das herrschende Schutzzollsystem den Fabrikdistricten Englands äußerst schädlich war. Deshalb zögerte er denn auch nicht, als einer der Ersten, 1838, in die berühmte Ligue gegen die engl. Korngesetze einzutreten, u. ward mit Cobden einer der kühnsten u. ausdauerndsten Redner dieser Verbindung, welche 1846 den Freihandel in England ein für alle Mal zur Geltung bringen sollte. Im April 1843 trat er als Parlamentscandidat für Durham auf, ward aber erst nach einer Niederlage im folgenden Juli gewählt u. bewahrte sein Mandat für diesen Ort bis 1847, wo er von Manchester ins Unterhaus gewählt wurde. In diesem Jahre schlug er als Heilmittel für die Hungersnoth in Irland die Einführung des Freihandels in diesem Lande vor. Ferner forderte er die Absenkung einer königl. Commission nach dem bedrückten u. schlecht verwalteten Indien. In den Volksversammlungen forderte er die Finanzreform, hauptächlich mit Hinsicht auf eine Reduction der kriegerischen Rüstungen und militärischen Ausgaben. B., der sich in seiner doppelten Eigenschaft als Großindustrieller u. Quäker stets dem Kriege widersetzt hatte, erhob sich 1854 heftig gegen den Abbruch der friedlichen Beziehungen zwischen England u. Rußland. Wegen dieser seiner Oppositon ward er November 1854 Brighton — Brightjche Krankheit. 79 za Manchester im Bildniß verbrannt. Bei den allgemeinen Wahlen im März 1857 entzogen ihm die erzürnten Wähler von Manchester sein Mandat, doch wnrde er wenige Monate später bei einer Nachwahl von Birmingham gewählt, welchen Wahlkörper er noch heute (1875) vertritt. Seit dieser Zeit ist sein Name hauptsächlich mit einer ausgedehnten Wahlreform, Aufhebung der Fideicommisse u. Entstaatlichung der Anglikanischen Kirche verknüpft. Im I. 1860 war B. einer der Hauptförderer des Abschlusses eines Handelsvertrages zwischen England u. Frankreich u. machte im folgenden Jahre die größten Anstrengungen, um den Ausbruch des Bürgerkrieges in NAmerika zu verhindern, und da ihm dies nicht gelang, so erklärte er stich offen für den Norden, dem er während des ganzen Kampfes ein getreuer Anhänger blieb. Die Annahme der vom conservativen Ministerium Derby - Disraeli vorgeschlagenen, auf feine Ideen basirten Reformbill in der Session von 1867 war für ihn eine hohe Genugthuung. Infolge dieses Durchdringens seiner Grundsätze trat B. 1868 als Handelsminister in das Ministerium Gladstoue ein, gab aber schon im Dec. 1870 wegen feiner geschwächten Gesundheit sein Amt auf. Er trat erst 11. April 1872 vorübergehend wieder im Unterhause auf u. nahm seinen Sitz als unabhängiger Liberaler ein. Auf Zureden Gladstones trat er 30. Sept. wieder ins Cabinet, und zwar als Kanzler des Herzogthums Lancaster. Obgleich ein entschiedener Freund der Nordamerikanischen Union, sprach er sich doch diesmal ganz in Übereinstimmung mit der öffentlichen Meinung gegen die sog. indirekten Ansprüche derselben im Alabamastreite ans. In einer Versammlung seiner Wähler zu Birmingham, welche ihn, da er sich wegen Annahme des Kanzleramtes einer neuen Wahl unterziehen mußte, aufs Neue zu ihrem Vertreter wählten, sprach er sich 22. Oct. für weitere Ausdehnung des Wahlrechtes, für Reform des Steuersystems, Abschaffung der Einkommensteuer und für Abänderung des irischen Unterrichtsgesetzes aus. Als infolge der allgemeinen Wahlen der Rücktritt des Ministeriums Gladstone, 17. Febr. 1874, nöthig wurde, schied auch B. wieder aus seinem Staatsamte. Als Staatsmann u. Verwaltungsbeamter hat B. keine glänzenden Proben abgelegt, doch als weitsehender, freidenkender Politiker und namentlich als Redner steht er unerreicht in seinem Vaterlande da. Seine Reden wurden 1869 von Rogers gesammelt herausgegeben unter dem Titel: 8xsoe1w8 ok tlle Ligbt. Hon. lolm L. ou guestious ok publle po- üoy. Eine vorzügliche Biographie B-s schrieb F. Wiesehahn: Eine Deutsche Warte, Bd. 6, S. 616 U. Bd. 7, S. 10 ff. 1> Thamhayn. 2) Bartling. Brighton, 1) (sonst Brighthelmstone) blühende Stadt u. eines der bedeutendsten Seebäder Englands in der englischen Grafschaft Sussex, in einem Steyne genannten Landstreifen, an der großen Bucht des Canals La Manche, die sich von Sel- sea-Bill bis Beachy-Head erstreckt; Hafen für 200 kleinere Schiffe; schöne, erst neu entstandene Straßen und Plätze, unter diesen besonders Crescent- der Kemp-Town, ein Halbzirkel der schönsten ebäude mit Platz, auf welchem die Bronzestatue Georgs IV. (von Chantrey) steht; reizende Spaziergänge u. Badeanlagen, namentlich die prachtvollen Mohammed Baths, ferner der im russischorientalischen, nach dem Kreml in Moskau von Georg IV. 1784—1827 erbaute Royal-Pavillon, jetzt Museum; 40 Kirchen; Unterrichtsanstalten, Armenschulcn; Rathhans, Markthalle; Theater, Aguarinm (das größte aller bestehenden, s. d. Art. Aquarium); Anfang dieses Jahrhunderts 7000 Ew., nach dem Census von 1871 90,011 Ew., nach vorläufiger Schätzung für Mitte 1875 111,089 Ew., während der Badesaison 80,000 Fremde; Fischerei; regelmäßige Dampfcrverbindungen mit Frankreich; Eisenbahnen nach London, Dover u. Southampton. In der Nähe eine Mineralquelle (schwefelsaurer Kalk, schwefelsaures Eisen, Chlornatrium, Chlormagnesium, Kohlensäure). Unweit B. ein 378 m langer, fast 3 m breiter, 1822 erbauter brückenähnlicher Damm (Ollain kier); er ruht auf Ketten, die auf jeder Seite von 4 gußeisernen hohlen Säulen getragen werden. — Hierin der Nähe landete 296 n. Chr. die römische Flotte unter Constantius; in der Umgegend hat man römische Alterthllmer gefunden. Der nachmalige König Karl II. versuchte nach der verlorenen Schlacht von Worcester von B. aus nach Frankreich zu flüchten, wurde jedoch gefangen. Die Stadt wurde 1703 u. 1705 von Seestürmen fast gänzlich zerstört; es war dann eine Zeit lang ein unbedeutender Fischerort, bis König Georg IV. es öfter zu seinem Sommer- und Herbstanfenthalte machte; von da an beginnt es rasch aufzublühen. Der Exkönig der Franzosen, Ludwig Philipp, verlebte in B. theilweise seine letzten Lebensjahre. 2) Städt. Bezirk im County Middlesex des nordanierik. Unionsstaates Massachusetts, an der Boston - Worcester Eisenbahn; Bank; Viehmarkt; 3600 Ew. Brightsche Krankheit. Dieselbe hat ihren Namen von dem Engländer Bright, welcher im I. 1827 zuerst den Nachweis lieferte, daß Eiweiß u. Faserstoffcylinder im Urin mit bestimmten anatomischen Veränderungen in den Nieren in Verbindung stehen. Die neuere Forschung hat diese anatomischen Befunde in einzelne Gruppen geordnet, u. nur einer Anzahl von ihnen vindicirt mau noch den Namen B. K. Es gehören hierher diejenigen Veränderungen, welche hauptsächlich in einer fettigen Entartung dec Epithelicn der Harnkanälchen bestehen, sowie diejenigen, deren Eigen- thümlichkeit auf einer Wucherung des zwischen den Harnkanälchen befindlichen Bindegewebes beruht. Bei den ersteren Veränderungen findet man die Nieren, u. zwar stets beide erheblich vergrößert, beim Durchschnitt hat die Nierenrinde ein gelbes Colorit, und man kann mit der Messerklinge Fett abstreichen; bei der zweiten Form ist anfänglich die Niere auch vergrößert, doch nicht entfernt so wie bei der ersteren Form; sehr bald verkleinert sich die Niere, schrumpft zusammen, u. auf Durchschnitten sieht man Bindegewebszüge die Niercn- substanz durchziehen, ja, nicht selten besteht die Nierensubstanz fast ganz allein aus hartem Bindegewebe. Über die Ursachen der B-n K., die sehr häufig zum Tode führt, weiß man sehr wenig. Man beobachtete sie bei Gichtischen, nach Erkält- 80 Sta. Brigitta — ungen, bes. nach Durchnässungen des schwitzenden Körpers, bei Bleivergiftung, bei Gelenkrheumatismus, nach Alkoholmißbrauch, nach Einwirkung des Sumpfgiftes. Sehr häufig kommt sie bei Scharlach vor. Ihre Erscheinungen bestehen hauptsächlich in Veränderungen der Urinmenge u. des Eiweißgehaltes des Urins, in Faserstoffcylindern u. Cylin« dern mit fettig entarteten Nierenepithelien ini Urin u. in Entwickelung allgemeiner Wassersucht, die entweder als solche zum Tode führt, oder sich mit nervösen Erscheinungen (Bewußtlosigkeit, Krämpfen rc.) verbindet, welche unter dem Namen urämische bekannt sind und in Beziehung zu im Blute zurückgehaltenen Harnbestandtheilen gebracht werden. Eine Heilung ist nur im Beginne zu erwarten. Ableitungen auf den Darm durch Abführmittel n. nach der Haut durch Schwitzmittel sind am meisten empfohlen, Harn treibende Mittel dagegen verboten, weil sie die Nieren reizen und das Übel verschlimmern würden. Vgl. I. B. Büchner, Llorbus LriZbti, Lpz. 1870. Kunze. Sta. Brigitta, 1) Schntzpatronin von Irland, deren Leben von der Sage mit Wunder- erzählnngen reich ausgeschmückt wurde; sie trat schon im 14. Jahre in ein Kloster und widmete sich der Erziehung junger Mädchen, stiftete viele Klöster, namentlich das zn Kildare; st. um das I. 523-, Tag: 1. Febr. 2) (Brigida) So v. w. Birgitta. Brigittenordcn, 1) Orden der Sta. Brigitta in Irland, gestiftet nach 480 von Sta. Brigitta mit den Klöstern Kildare und Armag, dann über viele Klöster verbreitet. Zn Ehren der Stiftcrin wurde von den Nonnen dieses Ordens ein ewiges hl. Feuer, Brigittensener erhalten, bis solches 1220 als ein heidnischer Gebrauch abgeschasst wurde. Im 11. Jahrh. erhielt der Orden die Regel St. Augustinus für regnlirte Chorfrauen und breitete sich auch ans das Festland aus; erwirb nicht selten mir Len Birgittenordcn verwechselt. 2) Brigittanernonnen u. Brigittaner- brüder, s. Birgittenorden. Brignoles, Hauptst. des gleichnam. Arr. im franz. Dcp. Var, ani Caramy, Station der Lyoner- Bahn, in einer schönen, fruchtbaren Gegend, zwischen Waldbergcn; gothische Kirche; Gericht 1. Instanz, Handelsgericht; Seidenspinnereien, Destilla- tionen, Gerbereien, Gipsöfen, Ziegeleien; Handel mit Brignoler Pflaumen (Brignons, Brig- nolcn, Brunellen), welche, von ihren Kernen befreit, an der Lust getrocknet werden; 5593 Ew. — B. hieß bis ins 12. oder 13. Jahrh. Bri- nonia. Die Grafen von Provence, bes. aus dem Hause Anjou, residirtcn oft daselbst. Es wurde 1536 von Kaiser Karl V. u. 1589 von den Li- guisten unter Hubert de la Garde erobert. Brigue (fr.), Bündniß Böswilliger, heimtückischer Anschlag, Jntrigue; daher Brigueur, Ränkemachcr, Erbschleicher; briguiren, durch unerlaubte Mittel Etwas erschleichen. Brihaspati (Vrihaspati), in der indischen Mythologie abwechselnd mit Brahmanaspati, Name eines vedischen Gottes, in welchem die Thätigkeit der Frommen personificirt ist, Herr der Andacht, des Gebetes, Vorbild des Priesters in der priester- lichen Würde. Seine Gemahlin Sara wurde von Brillat-Savarin. Soma, dem Mondgolte, geraubt. Am Himmel ist B. der Planet Jupiter. Brihuegc», Stadt in der span. Prov. Guada- laxara, am Tajo; Leinenweberei n. Tuchmachern; 4380 Ew. B. war in der maurischen Zeit ein königl. Lustschloß. Hier 9. December 1710 Ge- fangennehmnng von 5000 Engländern unter Stan- hope durch den Herzog von Vendöme. Bril (Brill), 1) Matthäus, niederländischer Historien- n. Landschaftsmaler, geb. 1550 in Antwerpen; lebte von Jugend auf in Rom und st, 1580 daselbst. Werke (Landschaften) al trosco in der 8ala> änoals des Vatican, in der Dresdener Galerie 2 Landschaften, die eine mit biblischer Figurenstaffage, Tobias u. Sara, die andere mit einer Schweinsjagd. 2) Paul, Bruder u. wahrscheinlich auch Schüler des Vorigen, geb. 1556 in Antwerpen; ging über Lyon nach Rom, wo er für die Entwickelung der Landschaftsmalerei von großem Einfluß wurde; er st. 1626 daselbst. In Italien sind seine Landschaften, Jagd- u. Fischerstücke sehr beliebt, obwol sie einen kalten, blau-grünen Ton haben. Werke: Landschaften, im Vatican, im neuen päpstlichen Saal in Rom u. in allen größeren Galerien, in Berlin ein Seestück n. der i Thurmbau zn Babel. Mehrere seiner Landschaften sind durch Stich vervielfältigt, auch radirte er selbst. 3) Jakob, geb. 21. Jan. 1639, gest. 28. Jan. 1700 zn Leyden, mystischer Pantheist, Pri- vatlehrcr u. Volksschriftsteller, der 40, nach seinem Tode 1705 in Amsterdam zusammen herausgegebene Schriften mystisch-erbaulichen Inhaltes ver, faßte. Regnet? Brileffos (a. Geogr.), Bergkette in Attika, die aus dem Kithäron gegen Eleusis nach S. ansstieg; der gegen W. bis zur Korinthischen Meerenge hinlaufende Arm -hieß das Öneische Gebirg oder Gerania. Der B. ist wahrscheinlich so v. w. Peutelikos. Brillant (fr., Adj.), glänzend, schimmernd, - funkelud; ausgezeichnet. Brillant, geschliffener Edelstein, bes. Diamant; Brillanetten, so v. w. Halbbrillanten, s. u. Diamant; daher Brillantier, Diamant-, üb»r- haupt Edelsteinschleifer; brillantiren, Edelsteine, bes. Brillanten, auch andere harte Dinge, z. B. Stahl, nach Art der Brillanten schleifen. Brillantfeuer, ein gewöhnliches Zündlicht mit etwas stärkerem (mehr Salpeter enthaltendem) Satze, welchem Feilspäne von Eisen oder Kupfer, od. die Bohrspäne aus den Gewehrfabriken beige- mischt werden, die dann bei dem Brennen weißglühende u. hellglänzende Funken geben; es wird als Feuerfontainc, Cascaden u. dgl. gebraucht. Brillantkäfer, so v. w. Juwelenkäfer. Brillat-Savarin, Anthe.me, franz. Schriftsteller, geb. 1. April 1755 in Belley; war 1789 De- putirter der Generalstaaten, wurde, als er seine Stelle als Präsident des Gerichtes in Am 1792 verlor, Maire in seiner Vaterstadt, mußte aber, als Föderalist verdächtig, fliehen und kehrte erst 1796 ans Amerika zurück, wurde dann Staats- secretär bei der Armee in Deutschland, nachher Cvmmissär des Directoriums u. 1800 beim Cassa- tionshofe angestellt; st. 2. Febr. 1826. Er schr.: Vuss st prajsts ä'eoonomie pol., Paris 1802; Brillen. 81 pbvsioiassis ckn§oüb, 1825, n. A., von Richerand, 18S4, 2 Bde., u. Balzac, 1840; Lossä bist. et crit. snr Is änel, Paris 1819. Seine amnuthig und geistreich geschriebene du §oüt ist der Hauptcodex der modernen Gastronomen. Boichert.» Brillen, in einer einfachen Weise vor den Augen anzubringende Vorrichtungen, welche entweder durch ihre lichtbrechende Eigenschaft die fehlerhafte optische Einstellung der Augen, oder auch die Sehachseneinstellung verbessern (dioptrisch wirkende Brillen), oder bloß zum Schutze der Augen dienen (Schutzbrillen). 1 ) Dioptrisch wirkende Brillen, dazu bestimmt, die optischen Fehler des Auges oder die Fehler der Accomodation u. der Refraction zu verbessern. Um ein richtiges Verständniß der optischen Eigenschaften des Auges und von der Wirkung der Brillen zu gewinnen, muß man, wie dies Kepler im Anfänge des 17. Jahrh. zuerst richtig erkannte, nicht die gesehenen Objecte im Ganzen, sondern vielmehr ihre einzelnen Punkte oder Flächenelemente in Betracht ziehen. Ein jeder sichtbare Körper läßt sich als eine Summe von leuchtenden Punkten auffassen, von deren jedem Lichtstrahlen radienartig nach allen Richtungen ausgehen. Ein Theil dieser Strahlen dringt durch die Pupille in unser Auge u. bewirkt, daß wir die Objecte sehen. Liegt ein leuchtender Punkt, wie der Punkt § in der Fig. 1, dem Auge verhältnißmäßig nahe, so wird Las Auge von einem Strahlenkegel getroffen, Lessen Strahlen (wie bes. die Randstrahlen i?L) erheblich unter einander divergiren. Je mehr sich der leuchtende Punkt, welcher die Spitze des Strah- lenkegels bildet, von dem Auge entfernt, um so spitzer wird der Lichtkegel, um so geringer die Divergenz seiner Strahlen, bis, wenn der Punkt in sehr große Entfernung gerückt ist, die Strahlen als unter einander parallel angesehen werden können. Obwol theoretisch betrachtet die Strahlen erst dann als unter einander parallel angesehen werden können, wenn sie von einem unendlich weit entfernten Object, etwa den Sternen, Herkommen, so ist es bei der geringen Öffnung der menschlichen Pupille, welche als Basis der das Auge treffenden Lichtkegel betrachtet werden kann, doch leicht ersichtlich, daß schon Strahlen, welche von einem 20 Fuß entfernten Object herrllhreu, im Berhältniß zu dem brechenden Winkel oder der Brechkrast des Auges (f. w. u.) so wenig divergent sind, daß sie als nahezu untereinander parallel angesehen werden können. Man denke sich nur in der Fig. 1 den Punkt § 20 Fuß oder auch nur 10 Fuß entfernt, so wird die geringe Divergenz der Strahlen im Vergleiche mit dem brechenden Winkel des Auges einleuchtend. Erst wenn die Objecte auf einige Fuß Entfernung dem Auge genähert find, beginnt eine erhebliche Divergenz der Strahlen, welche dann mit zunehmender Nähe rasch wächst. Das Princip, welches dem menschlichen Auge zu Grunde liegt, besteht nun darin, die von einem jeden Punkte eines Objects ausgehenden u. das Auge treffenden Strahlen vermöge der lichtbrechenden Eigenschaft des optischen Apparats (bestehend aus Hornhaut, Krystalllinse, s. Auge, Bd. II. S. 353) Pierers Universal-Couversatio,^-Lexikon. L. Nufl. I auf der lichtempfindenden Netzhaut zu einem reellen Bildpnnkte zu sammeln (vgl. die Figuren im Art. Auge, Bd. H. S. 354). Ebenso wie der leuchtende Objectpunkt die Spitze des das Auge treffenden Lichtkegels ist, so ist der Bildpunkt die Spitze des gebrochenen Strahlenkegels. Indem so jedem einzelnen Öbjectpunkte ein Bildpnnkt entspricht, entsteht auf dem ausfangcnden Schirme der Netzhaut des Auges ein deutliches optisches Bild des Öbjects, gerade so wie auf der präparirten Platte der photographischen Lamsra odsonra. Der Auflösung des optischen Bildchens in einzelne Bildpnnkte entspricht die anatomische Einrichtung der lichtempfindlichen Schicht der Netzhaut, welche gleichsam einen Mosaikboden darstellt, dessen einzelne mikroskopisch kleine Felder ebenso viele Sehnerven- Endapparate darstellen (Schicht der Stäbchen u. Zapfen, s. Fig. 4 der Tafel: Auge des Menschen, Art. Auge, Bd. II.). Zum deutlichen Sehen ist es erforderlich, daß das optische Bildchen genau auf diese musivische Schicht der Netzhaut falle; jeder Zapfen der Netzhaut wird dann nur von dem Lichte getroffen, welches von einem entsprechend kleinen Flächenelement des Gesichtsfeldes ausgegangen ist. Ist diese optische Bedingung erfüllt, so wird es von der Feinheit der empfindenden Elemente abhängen, wie viel Einzelheiten der gesehenen Gegenstände unser Auge unterscheiden kann, d. h. wie groß die Sehschärfe des Auges ist. Die verschiedenen Objecte stellen nun, damit ihr Bild genau auf die empfindende Netzhautschicht falle, je nach ihrer Entfernung verschiedene Anforderungen an die Brechkraft des Auges. Das in Fig. 1 dargestellte Auge lenkt die von einem weit entfernten Objectpunkte kommenden u. daher unter sich parallelen Strahlen mir mir so von ihrer Richtung ab, daß dieselben auf der Netzhaut zu einem scharfen Bildpunkte s, vereinigt werden. Die brechende Kraft dieses Auges kann man sich in der Figur durch den Winkel abn repräsentier denken. (Die Figur ist übrigens, wie auch die folgenden, abgesehen von den Größenverhältniffen, in so fern schematisch gehalten, als die Lichtstrahlen nur eine einmalige Richtungsändcrung oder Brechung an der Hornhaut bei kr erleiden, während in der That der Vorgang durch das Vorhandensein der Krystalllinse complicirtcr sich gestaltet.) Nach dem, was oben über den Parallelismus der Strahlen gesagt ist, ist es erklärlich, daß ein etwa 20 Fuß entferntes Object, damit sein Bild auf der Netzhaut scharf sei, keine wesentlich größeren Anforderungen an die Brechkraft des Auges stellt, als die unendlich weit entfernten Himmelskörper. Etwas Anderes ist es, wie viel wir von den einzelnen Objecten erkennen können. Von den weit entfernten Objecten werden wir, trotzdem ihre Bilder auf der Netzhaut scharf sind, dennoch wenig erkennen, weil die Bilder sehr klein sind. Liegen die Gegenstände viel näher, wie z. B. der Objectpunkt §, so daß tue von demselben ausgehenden Strahlen mit einer erheblichen Divergenz Las Auge treffen, so wird, wie sich aus der Vergleichung der Winkel abn und abr ergibt, eine entsprechend größere Brechkraft deS Auges erforderlich, wenn diese Strahlen nach ihrer Brechung auf der Netzhaut zur Vereinigung kommen sollen. V. Band. 6 82 Brillen. Ohne eine Vermehrung der Brechkraft würden die von § ausgehenden Strahlen vielmehr erst hinter der Netzhaut in b zur Vereinigung gelangen, u. die Netzhaut würde demnach nicht von der Spitze des gebrochenen Strahlenkegels, son- deru von einem Querschnitte desselben, einer Lichtscheibe 88, getroffen werden. Da nun den benachbarten Objectpunkten ebensolche Lichtscheiben Fig. 1. Normal gebautes (emmetropischesl Auge. oder Zerstreuungskreise entsprechen, die sich gegenseitig theilweise decken, so entsteht in diesem Falle ein verwischtes, verschwommenes Bild des Objectes; ein bestimmter Netzhautpnnkt erhält nicht Licht von einem einzigen, sondern von verschiedenen Objectpunkten, u. demgemäß ist auch das Sehen kein scharfes. Das menschliche Auge hat nun aber in der That die Fähigkeit, die Brechkraft seines optischen Systems selbstthätig zu ändern n. der Entfernung der Schobjecte anzupassen; es ist mithin ein Instrument, welches auf verschiedene Entfernungen eingestellt werden kann (Accomodationsver- mögen). Die Grenzen dieser Einstellung werden durch den sog. Fernpunkt u. den Nahpunkt des Auges bezeichnet. Der Fernpunkt entspricht dem Minimum, ver Nahpnnkt dem Maximum der disponiblen Brechkraft. Der Raum od. die Strecke zwischen dem Fernpunkte n. Nahpunkte wird das Accomodationsgebiet genannt. Bei einem optisch normal gebauten Auge liegt der Fernpunkt in sehr großer, unendlicher Entfernung; das Auge vermag im Ruhezustände seiner Acco- modation vermöge seines optischen Baues oder seiner Refract ion von sehr weit entfernten Objecten kommende, als parallel unter einander zu betrachtende u. demnach die geringsten Anforderungen an die Brechkrast stellende Strahlen, wie es die Fig. 1 darstellt, zu einem scharfen Bildpunkte auf seiner Netzhaut zu vereinigen. Da das Auge vermöge seiner Accomodation außerdem noch in seiner unmittelbaren Nähe befindliche Gegenstände scharf erkennen kann, so genügt es den größten Anforderungen u. verdient daher die von Donders eingesührte Bezeichnung des emmetropischen, d. h. das richtige Maß einhaltenden Auges (von mstrcm, das Maß, und op>8, Auge). Das aus seinen Fernpunkt eingestellte ruhende menschliche Auge läßt sich demnach einer 6amera oboeura vergleichen, welche auf entfernte Objecte, etwa eine Landschaft, eingestellt ist. Gerade so wie die matt geschliffene bildauffangende Glastafel der dunklen Kammer in der Brennweite der bildent- werfeuden Tonvexlinse liegt, so liegt auch die Netzbaut dieses Auges in der Brennweite des optischen Systems, welches, obwol zusammengesetzt, in seiner Wirkung doch vollkommen einer einfache» Convexlinse gleich!. Und zwar repräsentirt das ruhende menschliche Auge den Werth einer Convexlinse von sehr kurzer, ca. 15 mm großer Brennweite. Den Zuwachs seines Brechungsvermögens beim Sehen naher Objecte erreicht das Auge durch stärkere Wölbung seiner Krystalllinse, wodurch sich das Auge gleichsam noch eine Linse zulegt. In der That läßt sich, wie die totale Brech. kraft des ruhenden Auges, so auch die jedesmalige Accomodationsgröße durch den Werth einer Convexlinse numerisch ansdrücken. Unter Convex- oder Sammellinsen versteht man Gläser mit sphärisch gekrümmter Oberfläche, welche entweder auf beiden Seiten (bi- convex), oder nur auf einer Seite nach außen gewölbt oder convex sind, während die andere Seite plangeschliffen ist (plan convex). Es kann sogar eine Seite der Linse hohl oder concav geschliffen sein u. die Linse dennoch als Sammellinse wirken, wenn nämlich die Krümmung der convexen Seite stärker ist, als die der concaven. Solche Gläser heißen concav-convexe, oder positive Menisken, oder auch periskopische Gläser (s. unten). Sammellinsen, wie z. B. die biconvexe Linse vv (Fig. 2), haben die Eigenschaft, parallel unter einander auffallende Strahlen, wie z. B. die Strahlen nlr nb, so zu brechen, daß dieselben auf der entgegengesetzten Seite der Linse zu einem reellen Bildpunkte oder dem Brennpunkte k vereinigt werden. Umgekehrt werden Lichtstrahlen, welche von dem Brennpunkte § ausgehen, wie die Strahlen §b IP, durch die Linse so gebrochen, daß sie auf der anderen Seite parallel unter einander als im Irl? weiter gehen, als kämen sie von einem weit entfernten Object her. Denkt man sich daher eine solche Linse vor ein normal gebautes, auf seinen Fernpunkt eingestelltes Auge gesetzt, wie es Fig. 2 andeutet, so erhält jetzt dieses Auge von dem nahe gelegenen Punkte § her parallele Lichtstrahlen, und solche Strahlen vermag das Auge ohne alle active Ac- comodation vermöge seines optischen Baues zu einem scharfen Bildpunkte a auf seiner Netzhaut zu vereinigen. Die Vorgesetzte Convexlinse befähigt mithin das Auge, den nahe gelegenen Punkt b ohne Accomodation, d. h. ohne Vermehrung seiner eigenen Brechkrast, scharf zu sehen. Je stärker die Oberflächen einer Linse gekrümmt sind, um so stärker ist ihre Brechkrast, um so kürzer ist ihre Brennweite, d. h. die Entfernung des Brennpunktes von der Linse (das Genauere hierüber s. in dem Art. Linsen). Bei einer schwächer brechenden Linse liegt der Brennpunkt weiter von der Linse entfernt, Brillen. 83 die Brennweite ist größer, u. zwar steht die brechende Kraft einer Linse im umgekehrten Berhält- mß zu ihrer Brennweite, d. h. je größer die Brechkraft, um so kleiner ist die Brennweite u. umgekehrt. Betrachtet man die Brechkraft einer Linse, welche eine Brennweite von 1 Zoll hat, als Ein- Fig. 2. Wirkung einer Convexlinse. heit — j-, so hat eine Linse, deren Brennweite doppelt so groß oder — 2" ist, bloß eine halb so große Brechkraft, ihre Brechkraft ist — H, eine Linse von 8" Brennweite hat eine Brechkrast von ^ rc. Man bezeichnet auf diese Weise in der Optik unter Zngrundelage einer Linse von 1" Brennweite als Einheit die einzelnen Linsen nach dem optischen Werthe ihrer Brechkrast durch solche Brüche, deren Nenner ihre Brennweite in Zollen angibt. Um parallel auffallende Strahlen nach SK" hinter einer Linse zu einem Brennpunkte zu vereinigen, bedarf es daher einer Convexlinse von ^ Brechkraft oder kurz einer Convexlinse nach 18" einer Convexlinse ^ rc. Umgekehrt, um von einem Object, welches 36" vor einer Convexlinse liegt, nach der Brechung durch diese Linse paralleles Licht zu erhalten, bedarf es einer Linse von ist das Object bloß 18" entfernt, einer Linse von ^ — uw, für 12" Entfernung einer Linse von ^ Daraus geht hervor, daß die Anforderungen an die Accomodation des Auges mit der zunehmenden Nähe der Objecte entsprechend dem wachsenden Werthe der Divergenz der Strahlen in rascher Progression wachsen. Um einen Gegenstand scharf zu sehen, welcher 36" von dem Auge entfernt ist, muß das Auge feine Brechkrast um eine Convexlinse von ^ vermehren. Eine weitere Vermehrung um so daß die totale Zunahme ^ beträgt, befähigt das Auge, ein Object in 18" Entfernung deutlich zu sehen, dessen Distanz von dem ersten mithin 18" beträgt. Das ganze Accomo- dationsterrain von unendlicher Entfernung bis auf 36" ist daher in optischer Beziehung der Entfernung von 36" bis 18" gleichwerthig. Eine nochmalige Vermehrung um so daß der totale Zuwachs ^ ^ ^ beträgt, stellt das Auge aus 12" ein, also auf eine Entfernung, welche sich bloß um 6" von der vorhergehenden unterscheidet. Aus diese Weise überwindet derselbe Zuwachs von eine immer kleinere Strecke. Würde man als Einheit nicht eine Linse von 1" ^ 27 mm Brennweite annehmen, sondern eine der Stärke des optischen Systems des menschlichen Auges entsprechende Linse von 15 mm, so würde der nach dieser Einheit ausgedrückte jedesmalige optische Werth der Accomodation der direkte Bruchtheil der brechenden Kraft des Auges sein, und es würde sich noch deutlicher ergeben, daß die eigentlichen Anforderungen an die Accomodation des Auges erst in größerer Nähe beginnen und dann rasch zunehmen. Jedoch legt man in der Praxis der Brillenscala bis jetzt immer die Zolllinse als Einheit zu Grunde, da die Bestrebungen einzelner Augenärzte in neuerer Zeit, eine andere, auf dem Metermaße beruhende Einheit zu schaffen, bis jetzt zu keinem Resultat geführt haben. Das jugendliche emmetropische Auge ist nun im Stande, Gegenstände noch scharf zu sehen, welche ihm 4ns auf ca. 3" genähert sind; der Nah- punkt des Auges liegt also in 3", d. h. nach dem Vorhergehenden, das Auge ist im Stande, durch stärkere Krümmung seiner Krystalllinse seine Brechkrast um eine Convexlinse von 3" Brennweite zu vermehren. Die stärkere Wölbung der Krystalllinse wird durch einen besonderen Muskel, den Accomodationsmnskel, bewirkt (s. über den Mechanismus der Accomodation den Art. Auge, II. Bd., Seite 355). Mit zunehmendem Alter rückt der Nahpnnkt des Auges immer mehr hin- aus, die Accomodationsfähigkeit nimmt ab, und dies beruht hauptsächlich darauf, daß die im jugendlichen Zustande weiche Linse mit den Jahren härter wird u. daher einer Formveränderung größeren Widerstand entgegensetzt, als früher. Außerdem nimmt auch die Energie des Accomodations- muskels, wie die aller Muskeln des Körpers, mit dem Alter ab; mit dem 40. Jahre liegt der Nahpunkt ungefähr in 8", mit dem 50. Jahre schon in 16", u. alle Objecte, welche dem Auge nähe? liegen als 16", werden dann nicht mehr scharf gesehen. Sind die Gegenstände, die gesehen werden sollen, verhältnißmäßig groß, so können wir sie erkennen, trotzdem sie uns verschwommen erscheinen; handelt es sich aber um kleine Objecte, so sind die Zerstreuungskreise im Stande, das Erkennen unmöglich zu machen. In unseren ci- vilisirten Verhältnissen sind wir nun in der Lage, täglich lesen, schreiben u. andere feine Arbeiten verrichten zu müssen. Bei manchen künstlerischen Beschäftigungen steigern sich diese Anforderungen noch um ein Bedeutendes; für einzelne Berufsarbeiten reicht selbst das jugendliche normale Auge nicht aus: Miniaturzeichnen, Graviren, Uhrmacherarbeit machen die beständige Anwendung von Lon- pen, d. h. starken Convexlinsen, nothwcndig. Was 84 Brillen. unsere gewöhnliche Druckschrift anbelangt, so wird dieselbe im 40. Jahre von einem normalen Auge noch ohne alle Schwierigkeit gelesen. Nach einigen Jahren jedoch schon liest das Auge kleinen Druck, besonders abends, nur mit Mühe. Es kommt daher die Zeit, wo das Auge durch eine Convexbrille seine unzureichende Accomodation ersetzen muß. Wäre die Schleifung von B-gläsern nicht erfunden, oder wären aus irgend einem Grunde die-B. nicht mehr Jedermann leicht zugänglich, so würden größere Drucktypen allgemein die jetzt gebräuchlichen ersetzen. So erkennt, um dies an einem Beispiel zu erläutern, ein Weit- sichtiger die mit großen Lettern gedruckten Worte auf dem Haupttitelblatte fdieses Conversationslexi- kons ohne Zuhilfenahme einer Brille, nicht aber die klcingedruckten Worte. Ein normal gebautes Auge bedarf etwa vom 45. Jahre an zum Lesen einer Convexbrille, welche die richtige Einstellung des Auges auf den gesehenen Gegenstand ermöglicht. Uber den Grad der erforderlichen Convexität oder die Nummer des passenden B-glases lassen sich allgemeine Regeln nur schwer anfstellen. Im Allgemeinen genügt es zum Lesen u. Schreiben, vorausgesetzt, daß die Sehschärfe nicht krankhafter Weise herabgesetzt ist, den Nahpunkt mit Hilfe der Brille aus etwa 12" zu verlegen. In anderen Fällen ist es nothwen- dig, die deutliche Sehweite auf 8" heranzurücken. Beim Einträgen in große Register oder kaufmännische Bücher, bei der Beschäftigung mit gewissen musikal. Instrumenten ist es ausreichend, den Nah- Punkt auf etwa l'/s' zu verlegen, u. es sind deshalb schwächere Gläser erforderlich, als zum Lesen u. Schreiben. Die wirkliche Lage des Nahpunktes wird zu praktischen Zwecken mit hinreichender Genauig. keit dadurch bestimmt, daß man dem betreffenden Auge kleinen Druck zu lesen gibt u. die kürzeste Entfernung ermittelt, in welcher derselbe noch erkannt wird. Es sind hierfür bei den Augenärzten bestimmte Schriftproben in Gebrauch, welche eine hinreichende Auswahl der verschiedensten Druckgrößen bieten. So die Schriftproben von Jäger in Wien u. Snellen in Utrecht (s. u.). Die Wirkungsweise der Convexbrille bei Weitsichtigkeit ist nun leicht erklärlich. Angenommen, der Nahpunkt eines Auges sei auf 24" hinausgerückt und däs Auge wünscht in 8" scharf zu sehen. Um aus die Fig. 3. Wirlung einer Convexlinse auf ein weitsichtiges Ange. Entfernung von 8" zu accomodiren, muß das normale Auge seine ursprüngliche Brechkraft um eine Convexlinse ^ vermehren. Nun kann sich das untersuchte Auge noch aus 24" einstellen, es hat also ein Accomodationsvermögen, welches einer Convexlinse ^ entspricht, es braucht sich demnach bloß H weniger d. i. eine Linse noch zuzulegen, um auf 8" eingestellt zu sein. In der That bricht eine Linse vv (Fig. 3, in welcher § den Brennpunkt darstellt) von 12" Brennweite die Strahlen, welche von einem in l, 8" vor ihr gelegenen Objecte ausgehen, so, als kämen sie von einem 24" (I in der Figur) entfernten Object her (vgl. hierüber des Näheren Len Art. Linsen). Eine wichtige Rolle bei der B- bestimmung spielt die Sehschärfe der betreffenden Augen. Ist dieselbe herabgesetzt, was zu beur- theilcn Sache des Augenarztes ist, so verlangen die Augen größere Netzhautbilder, u. es darf diesem Berlangen unter Umständen durch eine stärkere Brille entsprochen werden, welche gestattet, die Objecte näher an die Augen heranzuhalten. Im Allgemeinen sei hier noch bemerkt, daß entsprechend dem allmählichen Hinausrücken des Nahpunktes mit den Jahren stärkere B. erforderlich werden. Die ersten B. gebrauche man anfangs nur abends und nehme Liese später zu Tagcsbrillen, sobald dieselben für den Abend nicht mehr anSreichen, u. auch in der Folge verwende man, sobald für den Abend stärkere Nummern erforderlich werden, die früheren Abendbrillen als Tagesbrillen. Rasche Abnahme des Accomoda- tionsvermögens, so daß in kurzen Zwischenräumen stärkere Gläser erforderlich werden, deutet aus ernstere Zustände u. verlangt vor Allem fachkundige Untersuchung. Während so mit dem zunehmenden Alter der Nahpunkt des Auges immer mehr hinausrückt u. die Accomodation des Auges für nahe Gegenstände endlich ganz verloren geht, bleibt der Fern Punkt des normal gebauten Auges an seiner Stelle. Das emmetropische Auge sieht auch im Alter (abgesehen von dem höheren Alter, wo unter Anderem die Linse des Auges etwas flacher zu werden scheint) ferne Gegenstände ohne Hilfe eines B-glases deutlich, und diese Eigenschaft beruht eben darauf, daß infolge des anatomischen Baues oder der Refraction des Auges die Netzhaut gerade in der Brennweite des optischen Systems liegt. Von dieser normalen Lage kann die Netzhaut nun nach zwei Richtungen abweichen, nämlich nach vorn u. nach hinten. Angenommen, das optische System (Hornhaut, Linse) des in Fig. 4 dargestellten Auges sei gerade so beschaffen, wie bei dem emmetropischen Auge Fig. 1, so werden die unter einander parallel auffallenden Strahlen mir mb nach der Brechung bei ungehindertem Verlaufe in dem Punkte a zu einem scharfen Bilde' Brillen. 85 sich vereinigen. Liegt aber der auffangende Schirm der Netzhaut nicht in dieser richtigen Entfernung, sondern dem brechenden System näher, wie es Fig. 4 darstellt, so fällt der Brennpunkt der parallelen Strahlen hinter die Netzhaut, u. die letztere wird daher nicht von der Spitze des gebrochenen Strahlenkegels od. dem Bildpunkte getroffen, sondern von dem Zerstreuungskreise so. Entfernte Objecte, deren Strahlen als unter sich parallel das Auge treffend angesehen werden können, werden daher von einem solchen Auge undeutlich gesehen, u. zwar um so undeutlicher, je weiter die Netzhaut von ihrer richtigen Lage nach vorn abweicht. Die Lage der Netzhaut eines solchen Auges würde mithin ein stärkeres optisches System erfordern, oder das vorhandene optische System ist relativ zu der Entfernung der Netzhaut zu schwach. Damit das Bild entfernter Objecte auf die zu nahe gelegene Netzhaut falle, müßte das optische System durch eine Convexlinse verstärkt werden, welche das Fehlende ersetzt. Der hier beschriebene Zustand ist der eines übersichtigen Auges. Dasselbe ist ein kleines Auge u. besonders in der Richtung der Sehachse von vorn nach hinten verkürzt, während das optische System durchschnittlich dem eines normal gebauten Auges gleich beschaffen ist. Für mit der Optik vertraute Leser ergibt sich sofort, daß das übersichtig gebaute Auge im Ruhezustände seiner Accomodatwn für convergente Lichtstrahlen Fig. 4. übersichtiges Auge. eingestellt ist, u. daß folglich der Fernpnnkt eines solchen Auges in negativer Entfernung (hinter dem Auge) gelegen ist. Da das von den entferntesten Olyecten herkommende Licht höchstens parallel, nicht aber convergent ist, so ist das übersichtige Auge auf Strahlen eingestellt, die für gewöhnlich (außer beim Sehen durch optische Instrumente) gar nicht Vorkommen; das Auge besitzt somit eine überflüssige Eigenschaft u. daher die von Don- ders eingeführte Bezeichnung des hypermetro- Pischen, d. h. des über das Maß hinausgehenden Auges. Der Grad der Übersichtigkeit hängt davon ab, wie viel die Netzhaut von ihrer normalen Lage nach vorn abweicht; er wird ausgedrückt durch das Convexglas, um welches das optische System des Auges verstärkt werden muß, damit parallel auffallende Strahlen auf der Netzhaut zur Vereinigung kommen. Nun besitzt das übersichtige Auge, gleichwie das normale Auge, das Vermögen, seine Brechkraft durch stärkere Wölbung seiner Krystalllinse bis zu einem gewissen <8rade selbst zu vermehren. So lange daher das Auge noch jugendlich ist, corrigirt eS beständig durch Anspannen seiner Accomodatwn die übersichtige Lage seines Fernpunktes u. vermag dann in die Ferne scharf zu sehen; aber dieser Theil des Accomodationsvermözens, den das Auge schon verwenden muß, um in die Ferne deutlich zu sehen, geht für das Nahesehen verloren, u. alle Beschwerden des übersichtigen Auges erklären sich aus der Überbürdung des Accomodatiousmuskels beim Sehen in die Nähe (vgl. Asthenopie u. Augenpflege in den Schuljahren). Die eigenthümliche nutzlose Lage des Fernpunktes eines übersichtigen Auges veranlaßt eine permanente Anspannung des Accomo- dationsmuskels, so daß das Auge seine Accomo- ^ dation willkürlich bis auf den Nullpunkt gar nicht ! wehr erschlaffen kann. Versucht man daher den Grad der Übersichtigkeit dadurch zu ermitteln, daß man dem Auge beim Sehen in die Ferne Convexgläser vorhält, so erscheint die Übersichtigkeit immer schwächer, als sie in der Thal ist. Demgemäß ist nur ein Theil der Übersichtigkeit manifest, der übrige dagegen latent, u. zwar ist der latente Antheil um so größer, je jugendlicher das Individuum ist. Erst bei vollständiger Lähmung der Accomodatwn durch Atropin Honimt der wirkliche oder absolute Grad der Übersichtigkeit zu Tage. Es genügt aber durchschnittlich, zur Aufhebung der Beschwerden des übersichtigen Auges beim Sehen in die Nähe ein Convexglas tragen zu lassen, welches dem manifesten Theil der Übersichtigkeit entspricht. Auch das Accomodationsver- mögeu des übersichtigen Auges nimmt mit den Jahren ab. Zu der Zeit, wo ein normales Auge überhaupt anfängt, zum Nahesehen sich einer Brille zu bedienen, tritt daher für das übersichtige Auge das Bedürfniß ein, die bis dahin gebrauchte Brille durch eine stärkere zu vertauschen. Als der Repräsentant eines hochgradig übersichtig gewordenen Auges ist dasjenige Auge zu betrachten, dessen Krystalllinse wegen eingetrctener Trübung (Grauer Staar) durch Operation entfernt werden mußte. War das Auge im gesunden Zustande ein normales Auge, so reicht nach Ausfall der brechenden Kraft der Krystalllinse die brechende Kraft der Hornhaut allein nicht inehr aus, die Strahlen aus der Netzhaut zur Vereinigung zu bringen. DaS Auge bedarf daher zum Sehen in die Ferne einer starken Convexbrille. Außerdem aber rst mit dem Wegfall der Krystalllinse auch das Accomodationsvermögen völlig verschwunden, das Auge bedarf daher zum Nahesehen (Lesen rc.) einer zweiten stärkeren Brille. Durchschnittlich genügt für das staar-operirte Auge, wenn es früher normal gebaut war, zum 86 Brillen. Sehen in die Ferne ein Convexglas von 4" Brennweite, zum Nahesehen von 2H" Brennweite. Den Gegensatz zu der Übersichtigkeit bildet die Kurzsichtigkeit oder Myopie, welche dadurch charakterisirt ist, daß das Auge relativ zu der Brechkraft seines optischen Systems zu lang gebaut ist, wodurch der Brennpunkt der parallelen Strahlen vor die Netzhaut fällt. Bis vor nicht langer Zeit nahm man gewöhnlich an, daß die Kurzsichtigkeit durch eine zu starke Wölbung der Hornhaut oder der Krystalllinse bedingt sei. Die Untersuchungen mit dem Ophthalmometer (s. d>), welches gestattet, die Krümmungsoberflächen des Auges sehr genau zu messen, haben indessen ergeben, daß ein kurzsichtiges Auge durchschnittlich dieselben Krümmungsoberflächen besitzt, wie ein normal gebautes Auge. Die Kurzsichtigkeit ist vielmehr anatomisch dadurch bedingt, daß der Augapfel nach hinten verlängert ist, wodurch die Netzhaut hinter den Brennpunkt der parallel auffallenden Strahlen zu liegen kommt. Angenommen, das optische System des in Fig. 5 dargestellten Auges sei gerade so beschaffen, wie bei dem emmetropischen Auge in Fig. 1, so fällt der Brennpunkt der parallelen Strahlen nach n, u. es würde, falls daselbst, wie in Fig. 1 , sich die Netzhaut befände, aus derselben ein scharfes Bild entstehen. Werden aber die Strahlen hier nicht aufgefangen, so divergiren sie von dem Bildpunkte aus von Neuem, sie überkreuzen sich, u. ans dem weiter nach hinten gerückten auffangenden Schirme der Netzhaut entsteht statt eines scharfen Bildpunktes ein Zerstreuungskreis ss, welcher um so größer ist, je weiter die Netzhaut nach hinten gerückt ist. Ferne Objecte werden daher von einem solchen Auge nicht scharf gesehen. Nun aber ist aus Fig. 1 ersichtlich, daß die von einem näher gelegenen Punkte § divergirenden Strahlen durch das ruhende optische System erst hinter der Netzhaut des normalen Auges in b zur Vereinigung gebracht werden. Ist daher die Netzhaut eines Auges nach diesem Punkte k> hinausgerückt, so erhält dieses Auge von dem nahe gelegenen Punkte § ein scharfes Bild auf seiner Netzhaut. Das Fig. 5. Kurzsichtiges sinyopisches) Auge. normale Auge mußte, um deu nahe gelegenen Punkt I' scharf zu sehen, wenn dessen Entfernung beispielsweise 12" beträgt, seine Brechkrast durch active Accomodation um eine Convexlinse von ^ vermehren. Das kurzsichtige Auge dagegen sieht diesen Punkt ganz scharf ohne alle active Accomodation, einfach vermöge seines anatomischen Baues. Der Punkt!' ist sonach der Fernpunkt dieses kurzsichtigen Auges. Liegt dieser Punkt 12" vor dem Auge, so besteht eine Kurzsichtigkeit von Die Lage oder Entfernung des Fernpunktes im jedesmaligen Falle hängt von dem Grade der Kurzsichtigkeit ab, u. dieser wiederum davon, wie weit die Netzhaut von der normalen Lage nach hinten gerückt ist. Es sei hier bemerkt, daß schon eine Verlängerung des Auges, resp. Nachhinten- rllckung der Netzhaut um A mm eine Kurzsichtigkeit zur Folge hat mit einer Fernpunktslage in 18", eine Verlängerung um 1 mm eine Fernpunktslage in 1V". Man unterscheidet niedere, mittlere u. hohe Grade der Kurzsichtigkeit. So lange der Fernpunkt nicht näher als 14" liegt, ist die Kurzsichtigkeit gering. Die Fernpunktslage zwischen 14" u. 6" umfaßt die mittleren Grade. Liegt der Fernpunkt des Auges näher als 6", so ist die Kurzsichtigkeit zu den hochgradigen zu rechnen. Die Kurzsichtigkeit ist in sehr vielen Fällen eine progressive, d. h. es findet mit den Jahren Lurch allmähliche weitere Ausdehnung des Hinteren Augapfelabschnittes ein Übergang von den niederen in die höheren u. höchsten Grade statt (s. auch Augenpflege in den Schuljahren). Um einen Gegenstand scharf zu sehen, der näher liegt, als der Fernpunkt, z. B. den Punkt k in der Fig. 5, ! dessen Strahlen demnach mit stärkerer Divergenz ! das Auge treffen, muß auch das kurzsichtige Auge ^ seine Brechkrast vermehren, d. h. sein Accomo- dationsvermögeu in Thätigkeit setzen. Nach dem, was oben bei Besprechung der Linsengesetze u. der Divergenz der Strahlen über die erst in größerer Nähe beginnende Erheblichkeit der an die Acco- ! modation des Auges gestellten Anforderungen gesagt ist, ist cs verständlich, daß ein kurzsichtiges Auge, dessen Fernpunkt beispielsweise in 12" und dessen Nahpuukt in 3" liegt, dennoch ganz dieselbe Accomodationsgröße (nämlich entsprechend einer ^ Convexlinse V» — V»—Vis) besitzt, wie ein emme- ! tropisches Auge, dessen Fernpunkt in unendlicher ! Entfernung u. dessen Nahpunkt in 4" liegt. Die Strecke von 4" bis 3" erfordert zur optischen Überwindung ganz dieselbe Vermehrung der Brechkrast um eine Convexlinse Vis, wie die Strecke von unendlicher Entfernung bis aus 12". Bei demselben optischen Werthe der Accomodation ist demnach das Accomodationsgebiet des normalen Auges von sehr viel größerer Ausdehnung, als das des kurzsichtigen Auges. Mit Hilfe der Concav- od. Zerstreuungsgläser ist das kurzsichtige Auge aber im Stande, sein ganzes Accomodationsgebiet zu verlegen u. auszudehnen. Man unterscheidet Brillen. 87 concave Zerstreuungslinsen, sowie convex-concave oder negative, zerstreuende Menisken. Die Zerstreuungslinsen haben die Eigenschaft, von entfernten Objecten kommende n. daher parallel unter einander auffallende Strahlen, wie die Strahlen mp, mb der Fig. 6 nach der Brechung als Irr, bst' so divergent zu machen, als ob sie von einem vor der Linse gelegenen nahen Punkte §, dem negativen Brennpunkte der Linse, herkämen. Die Entfernung des Punktes §vonderLinseistdie Brennweite; dieselbe ist negativ, weil die Strahlen sich hier nicht wirklich vereinigen, sondern nur von diesem Punkte auszugehen scheinen; liegt das Object nicht in großer Entfernung, sondern näher an der Linse, so daß die von ihm kommenden Strahlen mit einer gewissen Divergenz die Linse treffen, so werden diese Strahlen durch die Concavlinse noch divergenter gemacht, als ob sie von einem Punkte her- kämen, welcher der Linse noch näher liegt, als der Brennpunkt Ih Angenommen, die Concavlinse eo Fig. 6 habe eine negative Brennweite von 12", so gibt dieselbe den von entsernten Objecten kommenden Strahlen eine Richtung, als ob sie von dem in 12" gelegene» Punkte § herkämen. Solche Strahlen vermag aber das in Fig. 6 dargestellte kurzsichtige Auge vermöge seines anatomischen Baues ohne Weiteres zu einein scharfen Bildpunkte d auf seiner Netzhaut zu vereinigen. Das kurzsichtige Auge sieht also mittels des Vorgesetzten Concavglases jetzt entsernte Objecte deutlich, sein Fernpunkt ist von 12" in große Ferne gerückt, gleichzeitig aber auch das ganze Accomodationsgebiet vom Auge abgerückt. Will daher das kurzsichtige Auge mit der seine Kurzsichtigkeit corrigirenden Brille auch nahe Objecte deutlich sehen, so muß es, gerade so wie das normale Auge, sein Accomodationsvermögen in Thätigkeit setzen. Während z. B. das kurzsichtige Auge ohne Brille den Punkt seinen Fernpunkt, ohne alle Accomodation deutlich sah, geht das Auge, wenn es mit der Brille bewaffnet ist, dieses Vortheils verlustig. Denn da schon parallele, d. h. ohne alle Divergenz auffallende Strahlen durch die Concavlinse so divergent gemacht werden, Fig. 6. Wirlung einer Concavlinse. als ob sie von 12" herkämen, so müssen Strahlen, die schon an sich von einem in 12" gelegenen Punkte aus divergiren, durch die Brechung doppelt so stark divergent werden, d. h. als ob sie von 6" ausgingen. Ein annähernd richtiges Urtheil über den Grad der Kurzsichtigkeit oder über die Lage des Fernpunktes erhält man dadurch, daß man dem unbewaffneten Auge zunächst kleinen Druck vorhält u. die größte Entfernung ermittelt, in welcher derselbe noch gelesen wird. Benutzt man dazu die Snellenschen Probetafeln, so erhält man zugleich einen numerischen Ausdruck für die Sehschärfe des untersuchten Auges. Die Snellen- schen Probebuchstaben sind so construirt, daß Nr. 1 von einem Auge mit guter Sehschärfe ans 1 Fuß Entfernung noch erkannt werden muß, Nr. 2 auf Nr. 4 auf 4', Nr. 20 auf 20" u. s. w. Die Größe der Buchstaben nimmt zu dem Zwecke nach einem ganz bestimmten Maßstabe zu, so daß Nr. 1 auf 1' und Nr. 20 auf 20' gesehen unter demselben Sehwinkel erscheint (vgl. Art. Sehschärfe). Findet man demnach, daß ein kurzsichtiges Auge Snellen Nr. 1 auf 12" (1') zu lesen vermag, so ist dadurch zugleich ermittelt, daß die Sehschärfe dieses Auges eine normale ist. Daß dasselbe Auge in der Ferne nur mangelhaft unterscheidet, z. B. »nf 20' Snellen Nr. 20 nicht im Entferntesten zu lesen vermag, liegt daran, daß der Netzhaut von fernen Objecten keine deutlichen Bilder geboten werden, daher das Distinctionsvermögen oder die Sehschärfe nicht zur Wirkung kommen kann. Wird aber die Kurzsichtigkeit durch das passende Concav- glas corrigirt, so unterscheidet jetzt dieses Auge auch in der Ferne ebenso scharf, wie ein normales Auge, weil jetzt von fernen Gegenständen deutliche Bilder auf der Netzhaut entworfen werden. Die Sehschärfe, welche von dem feinen Bann, der Integrität der empfindenden Elemente abhängr, wird in der That durch die geringen u. mittleren Grade der Kurzsichtigkeit nicht alterirt. Mit den höheren Graden derselben, welche wegen der zunehmenden Dehnung des Auges nicht ohne entzündliche Veränderungen im Augenhintergrnnde u. in der Netzhaut verlaufen, ist dagegen meist eine Abnahme der Sehschärfe verbunden, so daßein solches Auge sowol in der Nähe, als auch, mit der passenden Brille versehen, in der Ferne keine volle Sehschärfe zeigt. Das den optischen Fehler der Kurzsichtigkeit corriqirende Glas ist nun dasjenige, dessen negative Brennweite gleich ist der Entfernung des Fernpunktes vom Auge. Nehmen wir eine Kurzsichtigkeit mit einem Fernpunkte in 12", so wird ein solches Auge mit Concavglas 16 oder 14 noch nicht ganz scharf in die Ferne sehen, wol aber mit Concav 12; dagegen sieht das Auge auch noch mit Concav 10 und noch stärkeren Gläsern deutlich in die Ferne, aber nur unter Accoino- dationsthätigkeit. Es folgt daraus, daß es bei^ der Bestimmung des Grades der Kurzsichtigkeit- 88 Brille». darauf ankommt, das schwächste Concavglas auszumitteln, mit welchem das Auge noch deutlich in die Ferne sieht. Soweit nun dieses die Kurzsichtigkeit neutrali- sirende Glas bloß zum Sehen in die Ferne benutzt werden soll, ist gegen seinen Gebrauch nichts einzuwenden, obwol man selbst für diesen Fall bei den höchsten Graden der Kurzsichtigkeit von einer vollständigen Correction meist Abstand nehmen wird. Etwas anderes aber ist es mit der Frage, ob diese Brille auch zum Lesen u. Schreiben verwandt werden darf. In der That gehört die B-bestimmung für das kurzsichtige Auge mit zu den schwierigsten», wichtigsten Aufgaben des Augenarztes, welche in jedem einzelnen Falle genau erwogen sein will. Es können daher hier nur einige allgemeine Gesichtspunkte angegeben werden. Nur wenn die Kurzsichtigkeit gering oder auch mittleren Grades (bis höchstens Vs) u. ohne progressiven Charakter u. das Auge im Übrigen, besonders hinsichtlich der Sehschärfe und des Accomodationsvermögens, normal ist, ist es erlaubt und vortheilhaft, das corrigirende Glas auch zum Lesen und Schreiben in B-nform zu tragen. Soll einKurzsichtigcr,mit seiner Brille gleichsam verwachsen, so muß er in einem solchen Falle mit dem Gebrauche der Brille frühzeitig, L. h. nach dem Ablauf der Pubertätsentwickelung, beginnen; seine Augen werden dann durch die Brille in jeder Hinsicht den normal gebauten, emmetropischen Augen ähnlich. In den 40er Jahren, wenn normale Augen zum Lesen einer Convex-Brille bedürfen, stellt sich für ihn dann das Bedürfnis) ein, für die Nähe ein schwächeres Glas zu benutzen, u. im späteren Alter wird er bei der Arbeit die Brille ganz bei Seite lassen, ja sogar, wenn seine Kurzsichtigkeit gering ist, zum Lesen rc. einer schwachen Convex-Brille bedürfen. Bei höheren Graden der Kurzsichtigkeit, die jedoch noch ein Lesen unserer gewöhnlichen Druckschrift in 10" bis 12" gestatten, ist es das beste, zum Lesen und Schreiben gar keine Brillen, nurbeimKlavierspielen etwa, wo ein Sehen in etwas größerer Entfernung verlangt wird, ein schwächeres Concavglas zu benutzen. Beträgt die Kurzsichtigkeit mehr als V- u. ist dabei die Sehschärfe nicht herabgesetzt und ein gutes Accomodationsvermögen vorhanden, so ist es, um bei der Arbeit einen größeren Abstand der Objecte von den Augen zu ermöglichen und somit die starke Convergenz der Sehachsen u. die daraus hervorgebende schädliche Spannung der Augen zu vermeiden, am zweckmäßigsten, durch ein Concavglas den Fernpunkt des Auges auf etwa 14" zu verlegen, so daß die hochgradige Kurzsichtigkeit in eine solche von Vn verwandelt wird. Es ist aber dann auch streng darauf zu halten, Laß bei der Arbeit, beim Lesen rc. die Objecte wirklich in einer Entfernung von etwa 12" vom Auge gehalten werden. Zum Sehen in die Ferne kann dann noch eine Lorgnette zu Hilfe genommen werden, welche den noch vorhandenen Rest der Kurzsichtigkeit aushebt. Besteht aber trotz der Concav-Brille beim Sehen in der Nähe die Neigung fort, die Objecte stark anzunähern, was besonders daun der Fall ist, wenn (wie es bei hochgradiger Kurzsichtigkeit leider so oft vorkommt) die Sehschärfe des Auges nicht normal ist, so ist der Gebrauch der Concavgläser nicht zu gestatten u. dann überhaupt durchschnittlich die möglichste Beschränkung des Sehens in der Nähe anzucmpfehlen. Noch ist kurz die B-bestimmung bei optischer Verschiedenheit beider Angen zu besprechen. Geringere Unterschiede, so daß das eine Auge etwa eine Kurzsichtigkeit von V-r, das andere von V» zeigt, kommen sehr häufig vor, jedoch auch sehr große Differenzen sind keine Seltenheit. Sehr gewöhnlich ist dann auch die Sehschärfe beider Angen eine ungleiche. In diesem Falle wird bei der Wahl der Gläser von dem schärfer sehenden Auge ausgegangen werden n. dem anderen Auge durchschnittlich dasselbe oder wenigstens ein nur wenig von demselben verschiedenes Glas gegeben werden müssen, da bei großer Differenz der Gläser die Nctzhautbilder beider Augen zu verschieden aus- fallen u. daher Doppelsehen eintreten würde. Was die Form der B. betrifft, so sind am meisten im Gebrauch u. auch am zweckmäßigsten die biconvexen u. biconcaven Linsen, welche auf beiden Seiten mit demselben Radius geschliffen sind. Die Gläser sollen in der Regel derart in das Gestell eingesetzt sein, daß die Augen so genau wie möglich durch die optische Mitte der Gläser sehen, resp. daß die Sehachsen mit den optischen Achsen der Gläser zusammenfallcn. Bei B., die nur zum Nahesehen dienen, müssen daher die optischen Mittelpunkte der Gläser einander etwas näher stehen u. die Gläser selbst eine dem Convergenzwinkel der Sehachsen entsprechendeNcig- ung erhalten. Diese sogen. Centrirung der Gläser mit den Augen ist besond. bei starken B. nothwendig (vgl. übrigens unten prismatische B.). Da die Objecte, wenn die Augen schief (unter einem Winkel zur Achse) durch die Gläser hindurchsehen, mehr oder weniger verzerrt erscheinen, so bildet sich beim B-nträger instinctiv die Gewohnheit aus, immer nahezu durch die Achsen der Gläser zu sehen u., statt die Augen hinter der Brille zu bewegen, vielmehr den Kopf mit der Brille zu drehen, wenn ein seitlich gelegenes Object seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Hiergegen empfahl Wollaston die positiven u. negativen Menisken als B. zu verwenden, welche dem Beobachter gestatten, schief hindurchzusehen, ohne daß die Bilder merklich leiden. Diese B. erhielten daher, weil die Augen sich freier hinter ihnen bewegen können, den Namen der periskopischen Gläser (von xsriskopsin sgr.j, umhersehen). Jedoch haben dieselben die biconvexen u. biconcaven B-n nicht verdrängt, weil bei schwachen Gläsern jener Übelstand nicht bedeutend ist u. bei starken Nummern die zu große Schwere der Menisken hinderlich ist. Unter Umständen ist sogar jene Verzerrung der Bilder im Stande, einen eigenthümlichen Fehler des Auges zu corrigiren, nämlich den Astigmatismus (s. d.), u. man findet häufig, daß Kurzsichtige mit Vorliebe schief durch ihre B-gläser sehen. Eine Darlegung dieser optischen Verhältnisse würde hier zu weit führen. Im Allgemeinen empfiehlt sich die ovale Form der B-gläser in einem Gestelle mit hinter de» Ohren zu befestigenden Flügeln, deren freies Ende umgebogen ist u. leicht federt (ohne Charnier). Brillen. 69 Besondere Rücksicht ist auch auf den Nasentheil der ' Brille od. den Steg zu nehmen. Derselbe muß den individuellen Verhältnissen des Nasenrückens bequem sich anpassen. Die Fassung der Gläser sei sicher, dabei aber nicht plump, um den Augen nicht zu viel Licht zu nehmen. Die Gläser sollen in einer solchen Entfernung von den Augen sich befinden, daß die Augenwimpern sich gerade noch ungenirr hinter ihnen bewegen können. Die Brille muß in dieser Lage fest verharren, ohne auf dem Nasenrücken herabzurutschen. Besonders bei Concav- B. ist darauf zu achten, daß die Gläser nicht weiter als in der eben angegebenen Entfernung vom Auge sich befinden, weil bei größerer Entfernung eine verkleinernde Wirkung der B. ein- tritt. Bei Convex-B. umgekehrt tritt unter diesen Umständen eine vergrößernde Wirkung auf. Um beim Blick in die Ferne bequemer über die Brille hinwegsehen zu können, hat man die obere Hälfte der Ringe abgeflacht (pantoskopische B. von Smee). Der Umstand, daß man beim Blick in die Ferne mehr durch die obere Hälfte, beim Sehen in der Nähe dagegen durch die untere Hälfte der B-gläser sieht, brachte zuerst Franklin, welcher für die Nähe andere Gläser gebrauchte, als für die Ferne, auf die Idee, sich eine Brille zu construiren, welche in der oberen u. unteren Hälfte verschiedene Brennweite besaß. Solche B. dienen besonders zur Bequemlichkeit Derer, welche für die Ferne ein Concavglas gebrauchen (weil sie kurzsichtig sind) und für die Nähe ein Convexglas (weil sie ein geringes Accomodationsvermögen besitzen). Diese B. werden jedoch im Allgemeinen selten angewendet (Franklinsche B., Vorrss L äoubls ko^sr). Das Material der B-gläser besteht meist aus Crownglas, u. zwar soll das zu Convex- und Concav-B. verwandte Glas durchschnittlich rein weiß, höchstens schwach blau od. rauchgrau gefärbt sein (s. u.). Über die Fabrikation der B., welche über Schalen geschliffen, nicht wie früher einfach ge- Lossenwerden (schlechte Sorten) s. u. Glasschleifeu. Flintglas u. Bergkrystall sind zwar härter, als Crownglas u. werden deshalb nicht so leicht verkratzt, haben aber den Nachtheil der größeren Farbenzerstrcuung u. eignen sich deshalb besond. für stärkere Nummern nicht so gut. Achromatische B - combinationeu verbieten sich wegen ihrer Schwere. Außer den eigentlichen B. gibt es noch zwei Arten von Lorgnetten, einmal solche, welche mit der einen Hand vor den Augen gehalten werden müssen u. deren sich bes. Damen bedienen, u. ferner sog. Zwicker od. Nasenklemmer, wie sie namentlich von Herren getragen werden. Dieselben sind, vorausgesetzt, daß die richtige Ceutrirung (s. o.) der Gläser mit den Augen gewahrt ist, ganz geeignet, um für kurze Zeit etwas zu betrachten; für den beständigen Gebrauch sind sie „unzweckmäßig. Über cylindrisch geschlissene B. s. d. Art. Astigmatismus, Bd. II. S. 246. Prismatische B. Um einen nahe vor den Augen befindlichen Gegenstand zu fixiren, müssen die Sehachsen beider Augen stark convergent gestellt werden, was durch die Contraction der inneren geraden Augenmuskeln erreicht wird (s.Art, Auge, Bewegungsapparat des Auges, Bd. II, S. 350). Besonders der Kurzsichtige ist gezwun-' gen, wenn er ohne Brille arbeitet, die Gegenstände stark anzunähern u. folglich stark zu con- vergiren, er verlangt demnach kräftige innere Augenmuskeln. Man findet aber gerade bei Kurzsichtigen häufig eine Schwäche (Jnsufficienz) dieser Muskeln u. ein Übergewicht der äußeren geraden Augenmuskeln. Die Augen sind dann nicht im Stande, die Sehachseneinstellung auf den nahen Gegenstand festzuhalten. In solchem Falle (sowie ferner bei Vorhandensein verwirrender Doppelbilder nach Augenmuskellähmung) können prismatische B. von Vortheil sein. Die Prismen (s. d.) lenken die Lichtstrahlen von ihrer Richtung ab, ohne die Divergenz der auffallenden Strahleu- bündel zu ändern, so daß die durch dieselben gesehenen Gegenstände seitlich verschoben erscheinen. Es können indessen bloß schwache Prismen (höchstens bis zu einem brechenden Winkel von 6° für jedes Auge) als B. verwendet werden, einmal wegen der Schwere derselben u. sodann, weil durch etwas stärkere Prismen farbige Ränder an den Gegenständen erscheinen (Farbenzerlegung). Bei der Jnsufficienz der inneren Augenmuskeln werden die Prismen, wie es Fig. 7 90 Brillenalk — darstellt, derart in das B-gestell eingesetzt, daß die Basis jedes Prismas nach innen (nasenwärts) gerichtet ist. Die Ablenkung der Lichtstrahlen ist dann eine derartige, daß die Sehachsen sich nicht ans Len nahe gelegenen Punkt m, sondern auf den weiter entfernt gelegenen Punkt d einzustellen brauchen. Die optische Einstellung des Auges bleibt dabei dieselbe, weil die Divergenz der Strahlen durch die Prismen nicht verändert wird. Man kann das Princip der prismatischen B. auch in der Weise verwenden, daß man die gewöhnlichen Concav- u. Convex-B. derart in das B-gestell einsetzt, daß die Augen nicht durch das Centrum jeder Brille, sondern durch die innere od. äußere Hälfte derselben sehen. Denn da diese Linsen in der Mitte dünner, resp. dicker sind, als am Rande, so hat eine Hälfte eines solchen B° glases für sich allein verwandt neben ihrer zerstreuenden oder sammelnden auch noch eine prismatische Wirkung. Besonders bei Kurzsichtigen kann man hiervon Vortheil ziehen, indem man die Distanz beider B - gläser von einander so groß macht, daß die Angen durch die innere Hälfte jedes Concavglases sehen, welche gleichsam ein Prisma mit der Basis innen darstellt. 2) Schntz-B. a) Solche, welche die Augen gegen mechanische Verletzungen bei gewissen Berufsarbeiten schützen sollen; s. Augenverletznngen. b) Solche, welche das Auge vor dem Einflüsse zu grellen Lichtes schützen sollen. Früher war eine Zeit lang Grün, heutzutage ist Blau die Modefarbe. Jedoch ist das blaue Licht keineswegs so indifferent u. ohne reizende Einwirkung auf das Auge, wie man gewöhnlich glaubt. Am zweckentsprechendsten sind vielmehr die sogen. Rauchgläser (Iwuäon smosto, Vsrrs ireutrs), welche von keiner bestimmten Farbe, sondern grau sind u. daher das weiße Sonnenlicht, den natürlichen Reiz unserer Netzhaut, gleichmäßig abschwächen, so daß eine Beleuchtung wie bei mäßig bedecktem Himmel entsteht. Um wo möglich das ganze Gesichtsfeld gleichmäßig zu beschatten, sollen die Gläser nhr- glassörmig geformt sein (sogen. Muschel-B.). «restliche Klappen von Seide zu diesem Zwecke sind zu verwerfen, weil sie das Auge zu sehr erhitzen. Aus demselben Grunde sind auch sehr dunkle Gläser den Augen schädlich, weil sie viel Licht absorbiren u. daher in der Sonne sich stark erhitzen. In ohnehin gedämpftem Lichte sollen die Schutz-B nicht getragen werden, weil sonst die Empfindlichkeit der Netzhaut gegen Licht noch mehr gesteigert wird. Über sogenannte Schiel-B. s. u. Schielen. Geschichtliches über B. Das Wort Brille kommt von LorMus, welches im Mittelalter einen wasserhcllen Edelstein bezeichnet?; verwandt damit ist das franz. briUsr, glänzen (Brillant, Edelstein). Obwol die Alten die Kunst des Glasschleifens verstanden und das Vorkommen concav und convex geschliffener Gläser unzweifelhaft ist, so ist aus Lein Alterthnm doch nur ein Beispiel bekannt, daß eine Linse, u. zwar eine Hohllinse zu dioptrischen Zwecken benutzt worden ist. Plinins (Hist. nab. Uk>. 37, oap. 5) berichtet, daß der Kaiser Nero den Gladiatorenkäinpfeu mit einem Smaragd zugeschaut habe. Da nun ans anderen Stellen bei Brillenschlange. Plinins u. Suetonius hervorgeht, daß Nero kurzsichtig war, so ist es wahrscheinlich, daß derselbe einen hohlgeschliffenen Smaragd besaß, der in der Mitte dünn genug war, daß man hindurchsehen konnte. Nach einem unfruchtbaren Zeiträume von 1000 Jahren ist der Araber Alhazen der erste, welcher in seinem Optioas Istsaaurus der Convexgläser Erwähnung thut (um 1100). Roger Bacon (1214—92) war ebenfalls mit ihrem Gebrauche vertraut. Die Erfindung der B. beruht darauf, daß man anfing, Linsen mit größerer Brennweite als früherhin zu schleifen, u. dies geschah in Europa zwischen 1280 u. 1311, wahrscheinlich um das Jahr 1290. Als der eigentliche Erfinder muß nach einer Grabschrift in der Kirche Santa Maria Maggiore zu Florenz Salvino d'Armato (gest. 1317) bezeichnet werden. Be. kannt gemacht wurde die Erfindung zuerst von dem Mönch Alexander de Spina (gest. 1313 in Pisa), welcher die Kunst des B-machens wahrscheinlich von Jenem erlernt hatte. In der letzten Hälfte des 14. Jahrh. waren die B. schon sehr verbreitet. Anfangs gebrauchte man nur die convexen B., später wurde es bei den Spaniern Modesache, B. zu tragen. Die erste Anwendung cylindrischer Gläser und der prismatischen B. fällt in unser Jahrhundert. Obwol schon Kepler im Anfänge des 17. Jahrh. eine richtige Erklärung der Wirkung der Concav- u. Convex°B. gegeben hat, so ist die scharfe Unterscheidung der Accomo- dations- u. Refractionsverhältnisse des menschlichen Auges doch erst in neuerer Zeit durch die bahnbrechenden Arbeiten von Prof. Donders in Utrecht erfolgt. Vgl. über B. : Die Anomalien der Resraction u. Accomodation des Auges, von Donders, deutsche Ausg., Wien 1866. Stammeshaus. Brillenkaiman, s. u. Alligator. Brillennase, so v. wie Europäische Nachtschwalbe oder Ziegenmelker (s. d.). Brillenschlange (kstaja Larir.), Gattung aus der Fam. der Prunknattern, Unterordnung der Furchenzähner, Ord. der Schlangen; Körper cylindrisch niit ungleich in schrägen Querreihen gestellten Schuppen; Kopf hoch viereckig; Schwanz kegelförmig, lang, spitz; Schwanzschilder in zwei Reihen. Ihre Giftzähne sind Furchenzähne, sie haben nämlich an ihrer Vorderseite eine Furche, welche mit einer Giftdrüse in Verbindung steht u. durch welche das Gift in die durch den Biß verursachte Wunde strömt; hinter den Giftzähncn stehen noch 1 bis 2 kleine, solide Zähne. Sie vermögen ihre acht vordersten Rippen nach vorn aufzurichten u. hierdurch den vorderen Theil des Rumpfes so stark auszuspreizen, daß er den Kopf an Breite bedeutend übertrifft. Diese Fähigkeit verschaffte ihnen den Namen Schildvipern, weil der betreffende Körpertheil von der Seile gesehen flach, schildartig aussieht; die gemeine B. führt aus demselben Grunde den Namen Hutschlange (6obra äi eaxsllo), da die ausgebreitete Stelle von der Rückseite gesehen einem Hute gleicht. Die hierher gehörenden Schlangen vermögen den Körper, gleichsam auf dem Schwänze sitzend, emporzurichten, in dieser aufrechten Stellung zu erhalten u. dabei mit dem Kopfe». Vorderkörper Bewegungen airszuführen, welche von Brillcnschote Gauklern als Tanz der Schlange angegeben werden. Die gemeine B., Hutschlange, 'Cobra di Ca- pello (Istaja tripnäiana Alsrr., Oolndor nass, L.)> bis 2m lang, lohgelb, unten weiß; auf dem Nacken erscheint die dunkle, gelbe Färbung nur als Tüpfelung auf hellerem Grunde; auf der Halsscheibe findet sich eine brillenartige Zeichnung. Diese Brille wird von 2 schwarzen Linien umrandet u. ist gewöhnlich bedeutend Heller, als der umgebende Farbenton, während diejenigen Stellen, welche den Gläsern entsprechen, entweder ganz schwarz sind, oder einen schwarz umrandeten, lichten Augenfleck besitzen. Doch wechselt diese Zeichnung bei einigen der bis jetzt unterschiedenen (über 12) Farbenvarietäten ab n. fehlt bei einer derselben sogar ganz. Sie ist über ganz SAsien, sowie den größten Theil der südasiatischen Inseln verbreitet; an bestimmte Örtlichkeiten scheint sie nicht gebunden, passende Verstecke u. genügende Nahrung reichen zu ihrer Ansiedelung aus; verlassene Bauten der Termiten scheint sie gern auszusuchen, desgleichen liebt sie die Nähe von Menschenwohnungen. Ratten, Mäuse, junges Geflügel, desgl. Frösche u. Echsen bilden ihre Nahrung. Im Allgemeinen ist sie träge, doch nicht nnbe- hend, auch vermag sie zu schwimmen u. etwas zu klettern. Den Menschen flieht sie. Ihr Biß ist im Stande, kleinere Thiere nach wenigen Minuten, den Menschen in einigen Stunden zu tödten. Als Gegengift gilt in Indien unverzügliches Ausbrennen der Wunde; desgleichen sog. Schlangensteine, welche sofort aus die Wunde gelegt werden. Ihrer Zusammensetzung nach sind dies gebrannte Knochen, welche in hohem Grade Blut aus der Wunde saugen u. daher wol durch Entziehung des vergifteten Blutes wirken mögen. Es ist bekannt, daß Gaukler mit den B-n ihre Künste treiben; dieselben beruhen aber weniger aus einer wirklichen Abrichtung, als aus einer genauen Beobachtung u. Anwendung der Lebensäußerungen des Thieres; auch sind die Künste selbst nicht weit her u. bestehen meist in einer mehr oder minder lebhaften Bewegung des erhobenen Vorderkörpers. Nicht wenige Gaukler fallen ihrem Gewerbe zum Opfer, andere sichern sich dadurch, daß sie der Schlange die Giftzähne ausbrechen, oder dieselben doch vor dem Tanze in Tuch beißen u. so ihr Gift verbrauchen lassen. , Es kann nicht wundern, Laß der B. in Indien mancherorts göttliche Ehren erwiesen, selbst Tempel erbaut werden. Der Schlangenfresser (Istaja opiliopimAg,), in Hinter-Jndien, Siani, Co- chinchina u. den benachbarten Inseln, 1^ bis 2 m lang, auf der Oberseite olivenbraun, auf der Unterseite blaß-gelb-grün, ist ebenfalls eine sehr giftige Schlange, aber einigermaßen dadurch nützlich, Laß er andere Schlangen, selbst seines Gleichen, verzehrt. Die ägyptische B., Haje, Speischlange (Ist. Haje), 1H bis 2H in lang, auf der Oberseite meist gleichmäßig strohgelb, auf der Unterseite lichtgelb, in der Halsgegend mehrere, verschieden breite, dunklere Querbänder; außer dieser Varietät, welche vorherrscht, gibt es manche andere, bis zum dunklen Schwarz - braun gefärbte. Der Verbreitungsbezirk der ägypt. B. ist ganz OAfrika. in Ägypten u. im Caplande ist — Brindisi. s>7 sie sogar häufig. Ihre Aufenthaltsorte sind verschieden: in Ägypten vorzugsweise im Felde und der Wüste, im Caplande im Urwalde u. den Öden. Kleine Sängethiere, wie Feld-, Renn- u. Springmäuse, Vögel, Kriechthiere u. Lurche bilden ihre Beute. Ihr Biß ist für diese in kürzester Frist u. selbst für den Menschen in wenigen Stunden tödtlich; derselbe soll sofort betäuben, so daß man in Ägypten den Tod durch ihren Biß für die leichteste Todesart hielt; so bediente sich ihrer denn Cleopatra, u. häufig wurde sie bei Hinrichtungen angewendet. Sie flieht den Menschen gerade nicht, greift ihn aber nngereizt nicht an; gereizt geht sie rasch zum Angriffe, selbst zur Verfolgung über. Wie die indische B., dient auch sie Gauklern bei Ausführung ihres Gewerbes. Noch wenig aufgeklärt ist die oft gemachte Be- hanptnng, daß die Schlange, wenn sie an einer gewissen Stelle des Nackens gedrückt werde, in eine Art von Starrkrampf verfalle, sich ihrer ganzen Länge nach strecke u. nun wie ein Stab benutzen lasse; eine Erscheinung, deren Kenntnis; u. Benutzung man schon den ägyptischen Zau- berern zu Mosis Zeiten znschreibt. Diese Schlange ist die Aspis der Griechen und Römer, die Ara (Lnchaufrichtende) der alten Ägypter; Letzteren war sie ein Zeichen der Erhabenheit, ihr Bild trug der König als Abzeichen seiner Hoheit an der Stirn. Thomo. Brillcnschote, Pflanze, so v. w. Bisoutolla. Brilliren (v. Fr.), schimmern, glänzen. Brilon, 1) Kreis im preuß. Regbez. Arnsberg, Theil des ehemaligen Herzogthums Westfalen, ans beiden Seiten der Ruhr; 789,g (14,, H>M); 38,100 Ew.; gebirgig, gut bewaldet; der Ackerbau gewährt nicht den Bedarf, beträchtlich ist die Viehzucbt; Bergbau auf Silber, Kupfer, Eisen, Blei, Galmei, Gips, Schiefer, Mennig; Industrie in Hüttenwerken, Weberei, Pottaschesiederei, Eisenwaaren, Papiersabrikation; 39,kein der Bcrgisch-Märkischen Eiseub. (obere Ruhrthal-Bahn) durchziehen den Kreis. 2) Hauptort darin, Station der Bcrgisch-Märkischen Eisenbahn; schöne uralte Hallenkirche; Kreisgericht; Gymnasium; Galmcibergwerk, Marmor- u. Kalk- spathbrüche; Jackenwirkerei; im Gemeindebezirke 4519 Ew. B. wird schon 973 erwähnt, kam 1220 in Besitz der Erzbischöfe von Köln und wurde befestigt. Es war Hansestadt u. nach Soest lange Zeit die Hauptstadt des Herzogthums Westfalen; es litt aber im Dreißigjähr. Kriege sehr u. gerieth in Verfall. Brimborions (fr.), Kleinigkeiten, Lappalien. Brindrsi, 1) Stadt im Bez. gleichen Namens, der italieu. Prov. Lecce (Terra d'Ötranto), an einem Busen des Adriatischeü Meeres, Station der Eisenb. Ancona-Otranto u. Hafenplatz der Dampfer des Österreich. Lloyd für dieFahrtenzwischenTriest, Ancona, Athen, Smyrna, Alexandria rc. u. überseeisch (über Suez) nach Australien-Neuseeland, Port- Natal-Mozambique-Zanzibar, Ceylon-Singapore» Batavia, China-Japan, Bombay-Madras-Cal- cutta; Erzbischof; Kathedrale mit merkwürd. Mosaiken, altes Castell (Gefängniß); geistliches Seminar, Collegium; 2 Hospitäler; 13,760 (ehemals 60,000) Ew. Der durch das Forte a Mare ge- 92 Brindlcy schützte schöne neue Hafen, vor welchem die kleine Insel St. Andrea liegt, ist seit 21. März 1845 zum Freihafen erklärt. Die Umgegend ist fruchtbar, doch »nangebaut u. ungesund. — B., bei den Griechen Brentesion, bei den Römern Brundisium oder Brundusinm, eine Stadt der Salentiner in Calabria, war von einer kretischen Colonie aus Knossos, nach And. von Ätoliern unter Diomedcs gegründet u. erhielt später Einwanderer aus Tarent, geführt von Phalantos, 245 v. Chr. römische Bewohner. Mit der Zeit wurde B. eine der größten Städte Unter-Italiens, bes. wegen ihres trefflichen Hafens, u. weil man gemeiniglich von hier aus nach Griechenland u. dem Orient überfuhr, weshalb auch die Via ^.xpia bis hierher verlängert wurde. Hier war der Tragiker Pacuvius geboren, u. Virgilius starb daselbst. Sulla erklärte die Stadt für frei, weil sie ihm bei seiner Rückkehr aus Griechenland den Hasen geöffnet hatte. 48 v. Chr. im Bürgerkriege suchte Cäsar den Pompejus, der hier seine Flotte sammeln wollte, einzuschließen, allein derselbe entwischte. Im Mittelalter wurde B. oft von den Saracenen genommen u. zerstört. Der Hafen war lange versandet u. unbrauchbar, ist aber in neuester Zeit hergestellt worden. Vgl. Della Monica, Nom. istor. äslla eittä äi Lrinäisi, Lecce 1648. Brindlcy, James, engl. Techniker, Erbauer des Bridgewater-Kanals ('s. d.), geb. 1716 zu Thornsett in Derbyshire, gest. 27. Sept. 1772. Er baute u. a. auch den Kanal zwischen Bristol u. Liverpool u. beschäftigte sich sogar mit dem Projekt, England u. Irland durch eine Schiffbrücke zu verbinden. Vgl. Smiles, äamss L. anä tiio variz- snZinssrs, Lond. 1864. Brinkmann, 1) Philipp Hieronymus, Maler u. Kupferätzer, geb. 1709 in Speyer, Schüler Dathans; zeichnete sich bes. in den Landschaften, bei denen er Rembrandt zum Vorbilde nahm, aus; starb als kurfürstl. Hofmaler u. Vorsteher der Bildergalerie in Mannheim 1760. 2) Karl Gustav v., schwed. Dichter u. Diplomat, geb. 24. Febr. 1764 in Bränekyrka bei Stockholm; wurde bei den Evangelischen Brüdern in Sachsen erzogen, studirte in Halle, Leipzig, Jena; war 1792—1812 Diplomat in schwedischem Dienste (in Paris, Berlin, London rc.) u. 1812—40 in verschiedenen Ämtern in Schweden angestcllt; er st. 1847 in Stockholm. Als deutscher Dichter trat er auf unter dem Pseudonym Selmar: Gedichte, 2 Bde., Lpz. 1789; lieferte unter eigenem Namen: Gedichte, Berl. 1804, u. Philos. Ansichten, Berl. 1806 (die Memoiren des Herrn von Selmar find nicht von ihm, sondern von Weltmann). Als schwed. Dichter trat er auf mit Lnilists verlä, wofür er 1821 den großen Preis der Akademie gewann; lieferte später Daukediläer u. andere Gedichte; seine schwedischen Gedichte, nebst einigen lateinischen u. englischen, sind gesammelt in Vitterirotskörsöic, 2 Thle., Stockh. 1842. 3) Heinrich Rudolf, Rechts- gclehrter, geb. 3. Jan. 1789 in Osterode am Harz; studirte in Göttingen, wo er 1812 sich als Privatdocent habilitirte u. 1813 Advocat, Procu- reur bei dem westfälischen Districtsgerichte und — Lrio. I Assessor des Criminalhofes wurde; 1814 wurde er Advocat bei dem Oberappellationsgerichte in Celle, 1817 Beisitzer des Göttinger Spruchcollegiums, 1819 Professor in Kiel u. 1834 Oberappellationsgerichtsrath daselbst; er st. 1847. B. schr.: Erbfolge nach dem 6oäo Napoleon, Gött. 1812; Über Len Werth des Bürgerlichen Gesetzbuches, ebd. 1814; Abriß der Lehre von den Klagen des Römischen Rechtes, ebd. 1816; Insti- tutionss juris Homani, guoä all oivA. utilita- tom spsetab, ebd. 1818, 2. A., Schleswig 1822; üotas snditansas aä 6all institntüonum oow- msntarios, Schlesw. 1821. Brinnlöhr, so v. w. Zindelbinde. Brinvilliers, Marie Madeleine, Mar- ' quise v. (geb. Dreux d'Aubray), franz. Giftmischerin; heirathete noch sehr jung (1651) den Marbchal de Camp Marquis v. B. Dieser führte einen jungen Cavalerieosfizier, Gaudin de St. Croix, bei ihr ein, der bald ein Liebesverhältniß mit ihr anknüpste u., von dem Manne verklagt, in die Bastille gesperrt wurde. Hier lernte er von dem berüchtigten Giftmischer Exili die Kunst, feine Gifte zu bereiten, u. theilte dieselbe nach seiner Freilassung der B. mit, mit welcher er seinen Umgang fortsetzte. Diese vergiftete ihren Vater, 2 Brüder, ihre Schwestern u. versuchte das Gift, das sie dem Backwerke beimischte, selbst an Armen u. Kranken im Hotel Dieu. Nur ihr Mann blieb verschont, da, wenn sie ihm Gift gab, St. Croix ihm Gegengift beibrachte. 1672 starb St. Croix infolge Unvorsichtigkeit bei Bereitung j des Giftes, u. in einer Schatulle, die der B. gehörte, fand man Gift. Die B. floh daraus nach England u. Lüttich, wurde aber von einem Polizeibeamten aus der Stadt gelockt, nach Paris gebracht, zum Tode verurtheilt u., nachdem sie Alles ringestanden, 16. Juli 1676 hingerichtet. Scribes Oper l>a margniss äs 11. behandelt ihr Schicksal. Vgl. Neuer Pitaval, 2. B., Lpz. 1842; Blanpain, I-a, marguiss äs L., Par. 1871. S. auch Oüambrs aräonts. Brinz, Alois, namhafter deutscher Nechtsge- lehrter, geb. 28. Febr. 1820 zu Weiler in Bayern; studirte in München zuerst Philologie, wandte sich aber dann der Jurisprudenz zu u. ging nach Berlin, wo er bes. Schilling hörte. Nachdem er 5 Jahre Rechtspraktiker gewesen war, habilitirte er sich in München u. ging dann als Professor nach Erlangen u. 1857 nach Prag, wo er, in den Böhmischen Landtag u. in den Österreichischen Reichstag gewählt, sich lebhaft an dem politischen Leben betheiligte. Bekannt ist seine Erörterung der Schleswig-Holsteinischen Successionsfrage. Nach dem Eintritte BelcrediS ins Ministerium folgte er einem Rufe als Professor nach Tübingen und von da 1871 als Professor des Römischen Rechtes nach München, lehnte aber 1872 einen solchen nach Wien ab. Er schr.: Die Lehre von der Compensatio«, Lpz. 1849; Lehrbuch der Pandekten, 1. Abth., Erl. 1857, 2. Abth., 1860—71; Lrdor aotüonuin, ebd. 1854; gab auch Kritische Blätter civilistischen Inhaltes, Erl. 1852—53, heraus. 6rio (ital.), Feuer; daher von Kris, mit Feuer, feurig, musik. Borwagsbezeichnung, die entweder allein, oder in Verbindung mit einer Tempo- 93 Brioche — Brissac. bezcichnung gebraucht wird, z. B. HIsZro von b.; vgl. Lrioso. Brioche, Jean, Zahnarzt, Erfinder vd. doch Vervollkommner der Marionettentheater; durchzog damit seit 1680 Frankreich u. die angrenzenden Länder, wurde aber in der Schweiz als Zauberer festgenommcn und erst wieder frcigegeben, nachdem er den Mechanismus seiner Puppen erklärt hatte; er st. in Paris. j Brion, 1) Philipp de B., s. sChabot. ! 2) F-rleoerne Elisabeth, die von Goethe ge- seiene Frieoertte von L>e>enycim, geb. 1754 zu Sesenheim bei Straßburq, Tochter des !Mki Predigers Joh. Jak. B.; lernte Goethe 1770 u. .z 1771 kennen, wurde spater von Remyolv Lenz K umworben, blieb aver unvermahltj jtükb 3. April ^ '1813 zu MußenheiMl 1'9'. Allg. 1866 wurde ihr ^ i von deutschen Verehrern Goethes ein Denkstein ^ gesetzt. Sie wurde Gegenstand mehrerer poen- schen Schriften u. literarhistor. Monographien. 3) Gustave, franz. Genremaler, geb. 24. Oct. 1824 in Rothau (Vogesen); studirte unter Guerin in Straßburg 1841—44, ging 1850 nach Paris. Er behandelt vorwiegend Scenen aus dem Leben elsässischer Landleute mit großer Wahrheit, wenn auch ohne höheren Schwung. Auch im histor. Fache versuchte er sich (der 6. Schöpfungstag), aber ohne Glück. Werke: Die Pilger von St. Ottilien; Begräbniß in den Vogesen; Elsässische Hochzeit; Seiltänzer im Mittelalter; Vorlesen aus der Bibel; Holzschlitten; Führer im Schwarzwald; Kartoffelernte während der Überschwemmung des Rheins, 1852. »> Regnet. Briönes (Brionische Inseln), drei Juselchen an der Küste von Istrien (Österreich), Pola gegenüber; von Fischern bewohnt; hier der graue Marmor, der das Material zu den Palästen der Stadt Venedig lieferte. Brionne, Stadt im Arr. Bernay des franz. Dep. Eure, an der Rille, Station der WBahn; Tuchmanufactur, Roth- u. Weißgerberei, Baum- wollenspiunerei, 2 Ölfabriken; 3550 Ew. Hier 1050 das B-nsische Concil, wo die Lehre Berengars verdammt wurde. Brioschi, 1) Carlo, geb. um 1782 inNJta- licn; war 1810—19 als österr. Ingenieur mit Triangulation in der Lombardei u. Toscana beschäftigt, seit 1820 Direktor der Sternwarte und Prosessor der Astronomie in Neapel; starb daselbst 7. Febr. 1833. Er schrieb: Ooiusutari astro- uomiei äslla Lpsoola, Louis äs Ls-poli, Neapel 1824—26. 2) Carlo, ital. Landschafts- u. Architekturmaler, geb. 1826 zu Mailand; zählt zu den tüchtigsten neueren Künstlern seines Vaterlandes u. ist in der Galerie des Belvedere in Wien durch einen: Eingang in die Kirche zu Bergamo vertreten. knüso (ital., Mus.), feurig, lebhaft, geistvoll; Vortragsbezeichnung; wird gebraucht wie esu drio. Brioude, Hauptst. des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Haute-Loire, am Allier; Brücke von einem Bogen (vielleicht Römerwerk); goth. Kirche; Gericht erster Instanz, Handelsgericht; Passemente- riesabr.; Märkte; 4616 Ew. — B. ist das Brivas der Alten, eine Stadt der Arverner u. gehörte sonst zum Aquitanischen Gallien. Hier st. St. Julianus Briquettes, s. u. Brennstoffe (künstliche). Brisbane, Hauptst. der Cvlonie Queensland in Neu-SWales (Australien), am Brisbane River; Kirchen verschied. Confessioncn; Gymnasium, gute Schule; Botanischer Garten; Hospitäler; Parla- mentshaus; Kaserne; bedeutender Handel in Wolle u. Holz; mehrere Eisenbahnlinien nach dem In- nern; 19,500 Ew. B. war bis 1842 Verbrecher- colonie, seitdem rasch aufblühend, Der B.-River ergießt sich in die Moreton-Bai. Brise heißt in der Schiffsspr. der Wind, so lange seine Stärke noch gestattet, beim Winde genügend Segel zu führen, um dem Schiffe Geschwindigkeit durch das Wasser zu verleihen, Fahrt zu machen. Wind von größerer Stärke wird dagegen Sturm genannt. Für die verschiedenen Stärken der B. sind die Bezeichnungen: flaue B., leichte B., frische B. u. starke B., auch handliche B., d. h. eine Windstärke, bei der die Segel noch gut handtiert werden können, üblich. Obwol seltener, wird auch mitunter der Ausdruck Kühlte für B. gebraucht (s. Wind). Brisebarre, Edouard Louis Alexandre, franz. Dramatiker, geb. 12. Febr. 1818 zu Paris; war zuerst Advocatenschreiber, daun Schauspieler, trat seit 1835 mit dramat. Arbeiten auf u. verließ bald wieder eine Stelle bei der Franz. Bank, die er angenommen hatte. Er st. 17. Dec. 1871 in Paris. Seine Hauptstärke liegt im komischen Fache; er versuchte sich aber auch im ernsten Drama u. verfaßte über hundert Stücke, theilweise in Gemeinschaft mit Eugen Nus. Am meisten Erfolg hatte sein Drama Leonard 1863. Brise'rs (auch Hippodameia od. Astynome genannt), schöne Tochter des Brises, Gemahlin des Mynes. Ihr Vater Briseus war aus Lyrnessos u. Priester daselbst od. König von Pedasos. Von Achilleus im Trojanischen Kriege aus dessen Streifzügen überfallen, erhängte er sich, weil er sich zum Widerstande zu schwach fühlte; die Tochter wurde gefangen u. des Achilleus Lieblingssklavin. Als sie von Agamemnon demselben genommen wurde, sagte sich dieser erzürnt von aller Theiluahme am Kampfe gegen Troja los (s. u. Trojanischer Krieg). Später erhielt Achilleus die B. wieder. Jene Scene ist im Anfänge der Ilias (Zorn des Achilleus) erzählt. Brissac, alte franz. Familie, eigentlich Cosse geheißen, nannte sich aber nach einer ihrer Besitzungen in Anjou B.: 1) Charles de Cosse, Graf v., franz. Marschall, geb. 1505; focht 1543 in Piemont, zeichnete sich bei Perpignan aus, focht 1544—46 gegen die Engländer u. Kaiserlichen in der Champagne u. in Flandern u. vertheidigte Landröcy, wurde 1547 Großmeister der Artillerie; 1550 ward er Marschall von Frankreich u. com- mandirte in Piemont gegen die Kaiserlichen, war 1559 Gouverneur in der Picardie, 1562 Com- mandant von Paris u. 1563 Gouverneur der Normandie; er st. 31 Dec. 1573. 2) Artus de Cosse, Graf v. Secondiguy, Bruder des Vor., geb. 1512; war Marschall von Frankreich u. ein Gegner der Hugenotten; er st. 15. Jan. 1582. 3) Timoleon de Cosse, Graf v. B., Sohn von B. 1), geb. 1543, ebensalls Gegner der Hugenotten; kämpft- 1565 gegen die Türken auf Malta 94 Brisseau - u. fiel 1569 vor Mucidan. 4) Charles II. de Cosse, Herzog v. B., Bruder des Vor.; war der Erste, der 1588 in Paris Barricadeu aufwarf, u. übergab 1594 Paris als Statthalter an Heinrich IV.; er wurde Marschall von Frankreich, 1611 Pair u. Herzog; st. 1621 zu Brissac in Anjou. 5) Louis Hercule Timoleon de Cosse, Herzog v. B., geb. 14. Febr. 1734, Pair, Befehlshaber der Schweizergarde; erhielt 1791 den Befehl über die constitutionelle Garde Ludwigs XVI., wurde in Versailles verhaftet u. in den Septembertagen 1792 ermordet. 6) Timoleon, des Vor. Sohn, geb. 1775; war zur Kaiserzeit Kammerherr der Kaiserin- Mutter u. wurde nach der Restauration Pair; er starb 1847. Bristcan, Pierre, franz. Mediciner, geb. 1631 zu Paris; studirte u. promovirte in Montpellier, war während der Feldzüge Ludwigs XIV. in den Lazarethen von Tournay, Mons u. Douai thätig u. starb auch hier 10. Sept. 1717. Er untersuchte au Leichen den Sitz des Staares und wies ihn mit größerer Bestimmtheit, als es bisher geschehen war, in der verdunkelten Krystall- linse nach, gab auch zur Operation eine breite, etwas ansgehöhlte Nadel an und veröffentlichte folgende Schriften: Xouvsllss obssrvatüons our 1a eataraets, Tournay, 1706; Luits äss odssrva- tions sur 1a eataraoto, ebd. 1708; Marts äs 1a «ataraoto st äu Alauoorua, Par. 1709, deutsch, Berl. 1743. Thamhay». Bristeau-Mirbel, Charles Franyois, franz. Botaniker, geb. 27. März 1776 zu Paris, Professor in Paris am laräiu äss Olantss; starb 12. Sept. 1854 zu Champerret bei Paris. Er beschäftigte sich des. mit der Anatomie u. Physiologie der Pflanzen u. schr.: Maits ä'anatoiuis st äs pir^siolsAis vsA., Par. 1802, 2 Bde.; dazu Lx- ziosition st äsksnss äs ina tlrsorrs äs 1'orAanr- «ation vsA., Par. 1808, 2. Aust., 1809; List, natur. äss plantss, Par. 1803, 2 Bde.; LIs- ruents äs ;>1iz'sioI. vs§. st äs bot., ebd. 1815, ü Bde.; lOsb. natur. äss vöAstaux, u. in. a. Auch finden sich zahlreiche Abhandlungen in den Llsä. Xeaä. äss Lsisuess, den Xnn. äu Llrr- ssnin u. den Oomptss-renäns. Brißlauch, so v. w. Schnittlauch. Briyon, 1) Brissonius), Barnabe, franz. Rechtsgelehrtcr, geb. 1531 in Fontenay-le-Comte; wurde 1575 Generaladvocat u. 1583 Präsident des Parlaments, dann Gesandter in England; er sammelte die Gesetze Heinrichs III. u. seiner Vorgänger (Oäs äs Henri III., 1587, Fol.). Während der Belagerung von Paris durch Heinrich IV. wurde er von den Liguisten, weil er ihnen ihr unregelmäßiges Betragen vorwarf, 15. Nov. 1591 ermordet. Er schr.: 1)s vsrborum, rzuas uä jus eivils psrtiuont, si^niüeations, Franks. 1557, von Heineccius, Halle 1743; Vs kormulis st solswnidus populi ronr. vsrhis, Par. 1583, Fol , Frkf. 1592, n. herausg. von Conradi, Halle 1731, u. a. m. 2) Mathurin Jacques, franz. Physiker, geb. 30. April 1723 in Fontenay- le-Comte; war Schüler u. Gehilfe Neaumurs, dann Prof. d. Physik am OollsAs äs Plavarrs, den Leolos centrales u. dem O^ess Lonaparte in Paris; st. zu Boissy bei Versailles 23. Juni — Brissot. 1806. Er schrieb: Vietlonvalrs raisonns äs pliMgus, Par. 1781, 2 Bde., 2. A., 1800, 6 Bde.; OrnitlroloAia, Par. 1760, 2 Bde.; 1,0 rsAne animal, Par. 1756; kssaotsur sxseiLgus äss eorps, Par. 1787, deutsch von Blumhof, Lpz. 1795; XouvsIIss äseouvertss asrostatiguos, 1784; Hist. nat. et elrimigus äss sudstaness wiusralos, 1797; Orineipes xlixsieo-elrimiguss, 4 Bde., 1800, u. viele Abhandlungen in Zeitschriften, namentlich in den Asm. Oaris. Bristol, 1) Pierre, franz. Arzt, geb. 1478 zu Fontenay-le-Comte; promovirte in Paris, suchte gegen den Einfluß der damals herrschenden arabischen Schule anzukämpfen u. die griechischen Ärzte zu Ehren zu bringen, vor allen den Hippo- krates. 1508 ließ er sich in Evora (Portugal) nieder. Die Erkrankung des Königs an einer Brustfellentzündung, der ihn rufen ließ, gab ihm Veranlassung, eine Lieblingsfrage zur erneuten Anregung zu bringen, ob man auf der dem erkrankten Organ entgegengesetzten Seite, also in größerem Abstande von ihm, zur Ader lassen müsse, wie es das revulsive Verfahren der Araber vorschreibt, od. auf derselben Seite in größerer Nähe, in der derivatorischen Weise der altgriechischen Ärzte. Den darüber mit dem kgl. Leibarzte Denis (Dionysius) entbrannten Streit konnte er nicht ausfechten, da er bereits 1522 einer Ruhr erlag. Seine Streitschrift: iVpoloAstisa äisesptatio qua äoestur xsr gnas losa sanAuis initcki ässisat io visesrum' iiiüammatiouibus, praessrtim in pleu- ritiäs, erschien erst drei Jahre nach seinem Tode in Paris, dann 1538 ebd., 1529 in Basel u. nach 100 Jahren 1621 und 1630 abermals in Paris mit der Lebensbeschreibung des Verfassers und Moreaus Abhandlung: Os sanguinis missiouo, ein Beweis, welche Bedeutung diesem lange anhaltenden Streite beigemessen wurde. 2) Jean Pierre B. d'Ouarville (Warville), franz. Schriftsteller, geb. 1. Jan. 1754 in dem Dorfe Ouarville bei Chartres; studirte die Rechte, wendete sich aber, von glühender Freiheitsliebe erfüllt, bald nach Vollendung seiner Studien der literarischen Beschäftigung zu; er wurde wegen einer Schrift gegen die Königin 1784 in die Bastille gesetzt, ging nach seiner Befreiung nach London, reiste 1788 nach Amerika, um für Abschaffung der Negersklaverei zu wirken, u. trug durch eine Menge politischer Schriften dazu bei, die französische Revolution vorznbereiten. Er hatte beabsichtigt, sich in dem freigewordenen NAmerika niederzulassen, als der Ausbruch der franz. Revolution ihn in sein Vaterland zurückrief, wo er namentlich das Journal Os Oatriots Iranyais hcrausgab. Zum Mitglieds der Gesetzgebenden Versammlung erwählt, schloß er sich den Girondisten an, zu deren Führern er alsbald gehörte, wirkte für Len Sturz des Königthums, dann aber gegen Len Terrorismus. An die Unvermeidlichkeit des Krieges glaubend und in der Absicht, den Feinden zuvorzukommen, trug er, als Berichterstatter bei zur Kriegserklärung gegen Österreich, England n. Holland. Er stimmte für Ludwigs XVI. Hinrichtung, mit Aufschub der Vollziehung, wurde aber mit seiner Partei 1793 von Robespierre unter dem Vorwände, daß er eine föderative Verfassung mit 2 Parlamenten her- 95 Bristol. stellen wolle, gestürzt, auf der Flucht nach der Schweiz verhaftet u. 31. Oct. 1793 guillotinirt. Die Jacobiner beschimpften sein Andenken; unter dem Direktorium erfolgte dessen Rehabilitirung, wobei auch seiner Wittwe (er starb völlig mittellos) eine Pension von 2000 Liv. verliehen ward. Die Zahl seiner Schriften, sämmtlich in freiheitlichem Geiste, ist sehr groß. Memoiren von seinem Sohne herausgeg., Par. 1830, 4 Bde. Unter den Jacobinern u. Royalisten entstand der Schimpfname Brissotin; man hieß B-s u. der Gironde Grundsätze Brissotinismus u. brauchte Bris- sotage für blauen Dunst, Beutelschneiderei und brissotiren für Beutelschneiderei treiben. 1) Thamhayn. Bristol, 1) Stadt in den englischen Grafschaften Gloucester u. Somerset, an den schiffbaren Flüssen Frome u. Lower Avon, über den drei Brücken führen, eine steinerne u. zwei eiserne (eine großartige Hängebrücke in 70 m Höhe über dem Flusse), 13 stm vom Meere, d. h. von der Severn-Mündung in den B.-Kanal (s. d.) entfernt (doch können die größten Seeschiffe mit der Fluth zur Stadt gelangen), eine der ältesten Städte Englands und einer seiner wichtigsten Handelsplätze; der SV..- theil links vom Avon (die Vorstädte Redcliff und Clifton) gehört zur Grafschaft Somerset, der rechts (die eigentliche Stadt) zur Grafschaft Gloucester; Bischofssitz (seit Heinrich VIII.); zahlreiche schöne Gebäude, 59 anglikanische n. 4 römisch-katholische Kirchen (außer einigen 86 Kapellen u. Bethäusern), darunter die Kathedrale (ursprünglich Augustinerkloster), die St.-Mary-Kirche in Redcliff, bischöflicher Palast, die kathol. Hauptkirche; Börse, Privatbanken, Handelspalast, Kauf- und Zollhaus, Bazar (1825 vollendet), schönes Rathhaus, in welchem 1864 die 50 m lange, 27 w breite u. 23^ m hohe berühmte Golobous Hall begonnen u. Sept. 1867 mit großen Feierlichkeiten eingeweiht wurde (sie kann 3000 Personen fassen u. hat ein Orchester für 400 Vortragende); See-Akademie, alte lateinische Schule, Kunstschule, Handelsschule, Medic. Institut, viele andere Schulen; Sternwarte, öffent- liüe Bibliothek; Literarisches Institut (VtReimoum, mit Bibliothek), Pneumatisches Institut; Botanischer u. Zoologischer Garten; Theater; viele Hospitäler u. Wohlthätigkeitsanstalten (unter denen das von dem Deutschen Gg. Müller 1835 begonnen« Waisenhaus, das 1304 Waisen beherbergt, die bemer- kenswertheste ist), Taubstummenanstalt, Blindeninstitut, Armenhaus, Besserungsanstalt für verirrte Mädchen; neuer Hafen u. große Docks. Die Industrie begreift Zuckerraffinerien, zahlreiche Fabriken von Teppichen, Wollen- u. Baumwollen- waaren, Spitzen, Segeltuch, Hüten, Leder, Seide, Seife, Fayence, Chemikalien, Eisen-, Kupfer-, Zink-, Zinn-, Messing-, Bronze-, Blei-, Farbe- u. Glaswaaren, Twistspinnereien, Bierbrauereien, Brennereien rc., Schiffbau. Der Handel von B. ist vorzüglich nach Westindien, Mauritius, Venezuela, Ostindien, Canada u. den Verein. Staaten (in 340 eigenen Schiffen von 500 bis 1000 Tonnen u. 47 großen Dampfern). B. treibt gleichfalls einen ausgedehnten Fruchthandel mit den Inseln des Mittelländ. Meeres, den Azoren, mit Spanien u. Portugal, sowie es in lebhaftem Handelsverkehre mit Rußland, Deutschland, SAmerika, Frankreich u. der afrikanischen Küste steht. Frü her hatte es einen bedeutenden Handel mit spanischen Wollen, doch ist dieser jetzt in Verfall gc- rathen, da andere Wollen die spanische verdrängt haben. Der auswärtige Handel nach Amerika besteht hauptsächlich in Eisen u. Kohlen u. wächst von Tag zu Tag ebenso wie die Einfuhr von den Verein. Staaten u. Canada, die vornehmlich in Baumwolle, Bauholz, Mehl, Tabak u. Terpentin besteht. Die Haupteinfuhrartikel von anderen Plätzen sind Zucker, Rum, Wein, Branntwein, Kaffe, Bauholz, Theer, Hanf, Palmöl, Häute u. Talg. Der Tabakhandel von B. ist sehr bedeutend; der 1868 dort verzollte Blättertabak betrug an 1,164,068 Pfund. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht des Seehandels von B. in Zwischenräumen von 1847—1868. Nach innen, ausschließlich oes Küstenhandcls. Nach fremden Häfen, einschlietzl. des Küstenhandels. 8 L 8 d d N (9 Pf. St. L? tL- Pf. St. 1847 372 546,763 V,S11,31t 1847 122 28,214 161,699 1850 646 643,217 1,042,316 1860 177 47,793 221,964 1862 956 266,965 1,317,117 1262 186 50,431 213,642 1864 866 231,976 1,103,000 1864 168 47,679 202,910 1866 1035 262,135 1,174,184 1866 170 45,560 231,790 1868 973 276,182 1,147,686 1868 190 56,403 216.842 1872 1091 386,357 1,026,516 1872 4618 536,209 ? ? - B. besitzt auch eineu sehr beträchtlichen inländischen u. Küstenhandel, der 1868 sich belief nach innen auf 573,320 Tonnen, nach außen auf 405,576 Tonnen. Der Binnenhandel von B. wird sehr durch verschiedene Eisenbahnen gefördert, von denen es ein großer Knotenpunkt ist, u. durch innere Wasserverbiudung mittels des Severn, Wye, Usk, Avon, Parret, Tone u. durch zahlreiche mit diesen Flüssen verbundene Kanäle. Nach der Zählung von 1871: 182,552 Ew. (1801 erst 61,153, 1851 137,328, 1861 154,093, nach vorläufiger Schätzung 1875 196,186). In der Nähe von B. werden Steinkohlen u. die sogenannten B-er Diamanten gefunden. Zwischen B. u. Clifton in einer reizenden Lage am Avon stark besuchte, den Karlsbader ähnliche Mineralquellen; sie enthalten schwefelsaures Natron, kohlensauren Kalk und Chlormagnesium, haben eine Temperatur von 18° Ik. und werden gegen chronische Brust- n. Nervenleiden, hartnäckige Diarrhöen, Blasenstein u. Störungen der Menstruation empfohlen. In der Nähe ist der Landsitz des Lord Clifford, Kingsweston. B. ist der Geburtsort der Dichter Chatterton, Coleridge u. Robert Southey u. des Seefahrers Cabot. — Nach der Sage stand B. schon im 4. Jahrh. v. Chr., bestimmt erwähnt wird es erst um 430 n. Chr. Früher war B. fest u. hatte ein Schloß, wo König Stephan von der Königin Mathilde gefangen gehalten wurde u. 1154 starb. 24. Oct. 1326 wurde die Stadt von den Truppen der Königin Isabelle gestürmt und erobert. Heinrich VIII. gründete das dortige Bisthum; das feste Schloß von B. wurde auf Cromwells Befehl zerstört; durch Schiffbarmachung des Avon 1727 hob sich der Handel der Stadt bedeutend. 18. Oct. 1831 gab der Einzug deS der Parlamentsreform opponirenden Parlaments- 96 Bristol-Bai Mitgliedes Sir CH. Wctherell zu Unruhen Anlaß, wobei das Zuchthaus verbrannt, das Stadthaus, der bischöfliche Palast, die Zollhäuser u. a. geplündert u. verheert wurden. Erst 21. Oct. wurde die Ruhe durch Truppen wiederhergestellt. Vgl. Corry u. Evans, Biatorz- ok L., 1816; Britton, Biatorz- anck antignities ok Bristol oatiioäral, Lond. 1834. 2 ) County im nordamerikanischeu Uuionsstaate Massachusetts; gute Häfen, ebener u. fruchtbarer Boden; reiche Eisenerzlager; 102,886 Ew. (1870). 3 ) County im nordamerikan. Unionsstaate Rhode-Jsland; 9421 Ew. 4 ) Stadt daselbst, ans einer Halbinsel, die sich südlich in die Narra- gauset-Bai erstreckt; Gerichtssitz; Eingangshafen; Fabriken; Handel; 1870: 5302 Ew. Während des Nordamerikanischeu Frciheitskampfes wurde die Stadt von den Briten bombardirt u. fast gänzlich nicdergebrannt. 5 ) Postort und Stadtbezirk im County Hartfort, Staat Connecticut, an der Hartford- u. Fishkill-Eisenbahn; Uhren- u. Knopffabrikation, Messing- u. Eisengießereien, Maschinenbauwerkstätten rc.; 3788 Ew. Bristol-Bai, Bucht an der WKüste des nordamerikan. Unionsterritoriums Alaska, unter 54" n. Br. u. 160° w. L. Bristoler Steine (Bristoler Diamanten), unechte Edelsteine (Spath), purpurroth, gelb tingirt u. röthlich; aus der Gegend von Bristol, besonders aus St. Mucentshof. Bristol-Kanal, großer Meerbusen des Atlantischen Oceans, an der WKüste von England zwischen Wales u. den Grafschaften Monmonth, Somerset, Devoushire u. Cornwall, in welchen der Severn mündet. An seiner NKüste der Milfordhafen, die Caermarthen-Bai (Mündung des Bnrry u. Towy), die Swansea-Bai (Mündung der Towe u. Neath; an der SKllste die Barnstable- oder Bidefort-Bai (Mündung des Torridge), die Brid- gewater-Bai (Mündung der Porret u. Brue. Mit der Fluth gelangen die größten Seeschiffe bis nach Bristol. Brisure (franz., d. i. Brechung), bei der bastionirten Befestigung der Theil der Courtine, welcher in der Richtung der De^nslinie gebrochen ist; s. u. Bollwerk. Britamna (a. Geogr.), der Name für die östliche der zwei nördlich von Gallien gelegenen Inseln (j. England n. Schottland) im Atlantischen Ocean, die auch von den Kreidefelsen der Küsten Albion (die Weiße) genannt wurden. Die westliche, kleinere Insel (j. Irland) hieß Jerne oder Hibernia (einheimisch Vergion), war von B. durch das Llaro Biberninm getrennt und bildete mit B. zusammen die Insnias Britanniens. Die Alten hatten von B. nur mangelhafte Kenntniß, sie stellten es sich in Form eines Dreieckes vor. Früh standen zwar die Phöniker in Handelsverkehr mit den Einwohnern, auch Pytheas aus Mas- silia hatte eine Expedition nach B. unternommen u. die Insel zur Hälfte umschifft, aber auch durch den zweimaligen Aufenthalt Cäsars daselbst (55 u. 54 v. Chr.), durch die Expedition des Claudius (43 n. Chr.) u. die sich daran knüpfenden Unternehmungen erhielt man wenig Aufklärung über B., u. selbst als Jul. Agricola 84 n. Chr. diese Insel umschifft hatte, blieb die Kenntniß derselben — Britannia. u. namentlich Hiberniens, mit dessen Einwohnern die Römer nur Tauschhandel trieben, sehr unklar. Daher lauten die Angaben über die Größe beider Inseln sehr verschieden. Gebirge: im N. (in 8. barbara) der Caledonische Wald (l'aisäonia Silva), das jetzige Schottische Hochgebirg. Flüsse: Avus, Tamcsis, Sabriana, Seteja u. a.; in Hi- bernien: Modonns, Oboca, Bubinda, Vindens, Logia. Die Einwohner (Britanner od. Britonen) waren keltischen Stammes, und zwar Kymren, Gälen u. Iberer. Die Kymren fanden sich zn Cäsars Zeit am weitesten südlich und hatten die Gälen mehr nördlich gedrängt. In der Mitte des 5. Jahrh. wurden dieselben von den Sachsen nach der Bretagne auszuwandern gezwungen. Seitdem hieß B. Britannia maior, im Gegensätze zu Britannia minor, der Bretagne. Die Briten standen unter eigenen Stammhäuptern (s. u. Clane), waren von schlankem, schönen Wüchse, gerader, biederer Gesinnung, bei einem einfachen Leben abgehärtete Leute; ihre Hauptnahrung war Fleisch n. Milch, ihre Kleidung bestand in Thierhäuten; sie hatten manche rohe Sitten, tätowirten sich z. B. u, hatten ihre Weiber in Gemeinschaft. Gegen ihre F-Ede waren sie grausam, nahmen aber unter der Herrschaft der Römer von diesen einige Bildung an. In der Schlacht fochten sie zu Fuße oder zu Roß, hatten aber auch Streitwagen; ihre Schilde waren klein u. rund, die sich erhebende Mitte lief in eine Spitze zu. Ihre Wohnorte waren große Berzäunmmen in den Wäldern; 10 bis 12 Männer, Väter, Brüder, Kinder, lebten mit ebenso vielen Frauen; Derjenige, welcher zuerst die Fran erkannt hatte, nahm sich der Kinder als der sei- nigen an. Ihre Sprache war ein keltischer Dialekt (s. Keltische Sprachen); über ihre Religion s. Britische Mythologie. Einzelne Völkerschaften in B. waren: Cantier, Ancaliter, Bibroker, Boresten, Durotriger, Segontiaker, Silurer, Dobuner, Tri- nobanter, Catuvellauner, Ceritaner, Cornarier, Briganten, Novanter, Otadiner, Ordowiker, Cale« donier (Picten u. Scoten) u. A.; in Hibernien: Jvernier, Velleborer, Ganganer, Menapier, Da- riner, Nobogdier u. A. Die Römer theilten B. in Britannia roinana, den eroberten Theil, und Britannia barbara oder Caledonia im N., wo die Caledonier wohnten. Gegen die Einfälle derselben sicherten sie sich die römische Provinz durch zwei große Wälle, den Hadrianswall (Pictenwall) und den Wall des Antoninus Pius. Der sogenannte Severuswall bestand vielleicht nur in Mauerwerken, die mit dem Antoninswalle in Verbindung waren. Über die Lage und Geschichte der Wälle vgl. die kritische Darstellung Hübners im 6orp. inner. lat. VII. S. 99, 191 u. die Karte am Schluffe. Unter Kaiser Severus war Britannia roinana in 2 Theile getheilt: Britannia inksrior, die älteren Besitzungen, u. Britannia snpsrior, die durch Agricola neu eroberten Länder im nördlichen n. westl. Theil; jede Provinz erhielt einen Prätor. Später wurde B. unter einen Bicarius gestellt, der unter dem Präfectus Prätorio von Gallien stand, und nach Diocletiauus in vier Provinzen getheilt: Britannia prima, der Theil im S., Britannia ssennäa, westlich von der Sabriana, Llaxima Ollosarisnsis, östlich von dem vorigen u. nördlich bis zum AvnS 97 Britanuiabrückc — Britisches Museum. (Hinüber), Blavia (!ae8arisn8i8, nördlich von dem vor. bis jenseits des Hadrianswalles, wozu unter Theodosios eine 5. Provinz kam, Valentia, nördlich vom Hadrianswallc. Unter den kleineren Inseln, die auch unter dem Namen Insulas Britanniens begriffen werden, waren die bedeutenderen: Bectis, Mona, Btmäao Insniao, Oroaäss Inanlas, Thule. Über die Provinzialverhältnisse B-s unter römischer Herrschaft gibt am ausführlichsten Aufschluß das (lorxns insorixtionnm latinarnm VII., Berlin 1873. Geschichtliches s. u. Großbritannien. Brambach.» Britanniavriicke, Röhrenbrücke von Eisenblech über die Menai-Straße, zwischen England (NWales) n. der Insel Anglesey, unweit der Stadt Bangor; ward Aug. 1846 bis März 1849 von Robert I Stephenson u. Willianr Fairbairn gebaut u. dient I zur Eisenbahnverbindung beider Ufer (Linie Chester- Holyhead). Ihren Namen hat sie von dem Bri- tanniafelsen, auf welchem die nächstdemBrücken- mittel gelegenen Pfeiler ruhen. Sie besteht aus ^ zwei 464 m langen, nebeneinanderliegenden, auf Pfeilern ruhenden Röhren von rechteckigem Querschnitt. Sie hat über dem Meeresarme vier Öffnungen, von denen die beiden mittleren je 140 m I n. die beiden äußeren je 70 m Spannung haben. I Die mittlere Höhe der Fahrbahn ü. d. M. beträgt I > etwa 37 m. Die Vorproben zur Ausführung dieses ^Riesenwerkes stellte Stephenson an einer Röhrenbrücke von 122 w Spannweite über den Conway an. Vgl. W. Fairbairn, aooonnt ob tirs Lriban- i ! m» anä llonrva^ Tudniar-Lriägss, Lond. 1849. l Britanniametall ist eine Legirung von neun Theilen Zinn u. einem Theil Antimon, welche ! wegen ihrer schönen silberweißen Farbe u. grö- ! ßeren Politurfähigkeit an Stelle des reinen Zinnes zu Tischgeräthen, Kaffe- u. Theekannen, Zuckerdosen rc. vielfach benutzt wird. Ihr spec. Gew. ist als Blech 7,««, als Guß 7,2« (reines Zinn 7,2g). Die Gegenstände werden mit Schnellloth gelöthet, aus hölzernen, mit Leder überzogenen Scheiben mit feinem Sande abgeschliffen u. mit Tripelpulver stolirt. Hetzer. Britanniens, 1) Beiname des römischen Kaisers Claudius, wegen der durch ihn bewirkten Unterwerfung von Britannien (47 n. Ehr.). 2) Beiname des Claudius Tiberius Germanicus (s. d.). Britannien, 1) (a. Geogr.) s. Britannia. " (N. Geogr.) S. Großbritannien, britisch-Birma, unter einem Chief-Com- missiouer stehende Landschaft des Indo-Britischen Reiches in Hinter-Jndien, ehemals zur Präsident- Bengalen gehörend, von S. nach 9t. sich von 10—23° n. Br. erstreckend; südl. u. westl. von der Bai von Bengalen u. dem Jnd. Ocean, nördl. von Bengalen u. Birma, östl. von Siam begrenzt, 212,580 dstma (4406 HjM); 2,562,323 Ew. Das Land, durchzogen von den Ausläufern der birmanischen Gebirgsketten, Jnmadong u. a., mit dem oberenLaufe u.denMündungen derFlüsseJrawaddi, Salüön, Koladja, zeichnet sich durch große Fruchtbarkeit aus — Erzeugnisse sind Tabak, Baumwolle, Zucker u. werthvolle Holzarten — u. geht seiner Bliithe entgegen. Hauptstadt ist Rangun. B.-B. ist getheilt in 3 Provinzen: Arracan, Pegu, Te- nasserim, von denen das in der Mitte liegende or 2)lN Br Pegu 1852, die beiden anderen schon 1826 von Birma an England abgetreten wurden; sie zählen zusammen 14 Districte (Näheres s. unter den einzelnen Provinzen). Britisch-Columbia, s. u. Canada. Britisch-Gniima, s. u. Guaiana. Britisch-Honduras, s. Balize 2). Britisch-Kaffraria, s. u. Kaffraria. Britisches Museum (engl. Britisir Nnssnm), eines der wichtigsten Nationalinstitute des Britischen Reiches zu London; dient zur Aufbewahrung verschiedener ebenso ausgedehnter, wie reichhaltiger wissenschaftlicher u. künstlerischer Sammlungen. Die Gründung dieses in jeder Hinsicht großartigen Museums ist dem Arzte u. Naturforscher Sir Hans Sloane zu danken, der während seines Lebens eine ausgedehnte u. gleichzeitig unvergleichliche Sammlung von naturgeschichtlichen u. Kunstgegenständen anlegte, zusammen mit einer werthvollen, auch an Handschriften reichen Bibliothek. Diese seine Sammlungen wurden infolge einer lctztwilli- gen Bestimmung (1753) durch seine Testamentsvollstrecker der Regierung für die Summe von 20,000 Pf. St. (nach seiner Angabe noch nicht der vierte Theil des Werthes) angeboren. Im Falle der Ablehnung aber sollte ein gleiches Angebot nach einander an die Akademien zu Petersburg, Paris, Berlin u. Madrid gemacht werden. Es ward jedoch mit Freuden angenommen; die noth- wendigen Summen wurden mittels einer Lotterie zusammengebracht u. die Sammlungen zusammen mit der Harleian u. der Cottonian-Bibliothck in Montagne-House in Great-Nussel-Street aufgestellt. Gedachtes Haus, damals eine der schönsten Privatwohnungen Londons, war für 12,250 Pf. St. angekauft, worden. Das neue Institut, von nun an B. M. genannt, ward 1759 eröffnet. Ankäufe u. Vermächtnisse folgten einander von Zeit zu Zeit in rascher Reihenfolge, u. Montaguc-House genügte zur Aufnahme aller dieser Erwerbungen, bis 1801 die ägyptischen Alterthümer eintrafen. Der Ankauf der Townley Marbles 1805 machte zu ihrer Aufnahme die Anlage einer Galerie nöthig. Diese aber genügte der fortwährenden Nachfrage nach Raum bald nicht mehr, u. es wurde beschlossen, das alte Haus abzubrechen u. ein neues zu bauen. Von dem Architekten Sir Robert Smirke wurden Pläne zu Gebäuden entworfen, doch keiner vor 1823 unternommen, in welchem Jahre der östliche Flügel des gegenwärtigen Baues zur Ausnahme der von Georg IV. geschenkten Bibliothek Georgs III. errichtet wurde. Nur langsam schritt das Unternehmen vorwärts; erst 1847 stand es vollendet da. Der Neubau, in der Hauptsache aus zwei Stockwerken u. einem Unterbau bestehend u. ein hohles Viereck bildend, dessen Seiten den vier Himmelsgegenden zngekehrt sind, ist im ionischen Stil aufgeführt. Die Hauptfayade, nach S. liegend, ist 82 m lang und mit 44 Säulen geziert, welche eine Höhe von 45 engl. Fuß n. an ihrer Basis einen Durchmesser von 5 engl. Fuß haben. Das Giebelfeld des Porticus, zu dem eine 38 m breite Freitreppe hinansührt, ist mit Sculpturen R. Westmacotts (s. d.) geziert, welche den Entwickelungsgang der Menschheit in Künsten und Wissenschaften darstellen sollen. Auf jeder Seite Pierers Universal-Conversations-Lexilon. k. Aufl. IV. Band. 7 st? Britischcs dss Museums liegt noch ein halbdetachirtes Haus,! welches die Wohnungen der höheren Beamten der Anstalt enthält; zusammen mit diesen beiden Häusern hat der ganze Bau eine Länge von 175^ m. Die große Borhalle, ein höchst imposanter Raum, ist im massiv dorischen Stil erbaut; sie enthält die Statue Sir Joseph Banks von Chantrey, eine ideale Darstellung Shakespeares von Roubiliac u. den schönen, großen, im Palaste des Hadrianus gefundenen Krater. Kanin waren die Pläne Smirkes zur Ausführung gekommen, als sich auch schon von Seiten aller Departements, namentlich aber von Seiten der Bibliothek neue Raumanfor- derungen geltend machten. Nach langem Zögern u. nach Verwerfung mancher Pläne wurde endlich der des damaligen Bewahrers der gedruckten Bücher, Panizzis, angenommen, der zum Resultat das zweckmäßigst eingerichtete Bibliothekgebäude der Welt hat. 1854 votirte das Parlament seine erste Geldbewilligung, und 1857 ward die neue Bibliothek eröffnet; sie kostete mit Einschluß der inneren Einrichtung 150,000 Pf. St. Dieser Neubau steht im Innern des durch die Museums- gebände gebildeten Viereckes, das er fast vollständig anssüllt. Er ist ein großer Rundbau mit Räumlichkeiten für die Bücher u. einer Lesehalle (skea- ckinA room); letztere hat 43,^ m im Durchmesser u. ist von einer 32,g, m hohen Kuppel überwölbt, welche der des Pantheons in Rom nur um 2 engl. Fuß an Höhe nachsteht. Die Lesehalle ist vorwiegend in Eisen ausgcführt, mit Luftheizung versehen u. ebenso bequem wie glänzend eingerichtet. Diese Anwendung von Eisen hat eine ganz außerordentliche Raumersparniß gestattet, denn während die Gewölbpfeiler im Pantheon 2300,a, in Platz einnehmen, beanspruchen die der Lesehalle nur 61,ss m. In gleichem Maße bemerkenswerth ist die Raumersparniß in der Aufstellung der Bücher. Die Büchergestelle sind aus holzgeränderten, leder- überzogenen, galvanisirten Eisenplatten, welche auf schmiedeeisernen Trägern ruhen. Sämmtliche Bücherschränke, mit Ausnahme der an der äußeren Gebäudewand, sind doppelt, u. nur ein der Länge nach in den Büchergestellen angebrachtes Drahtgitter dient zur Trennung der Bücher. Auf diese Weise konnte man im Innern des Gebäudes aller Wände entbehren, da diese durch die doppelten Bücherschränke gebildet werden. Diese Schränke sind 8 engl. Fuß hoch, mit 8 Büchergestellen, welche in gerader Linie eine Länge von 3 engl. Meilen haben u. über 1 Million Bände fassen können. Außerdem enthält die Lesehalle noch Raum für 60,000 Bände. So großartig nun auch jetzt das ganze Museum dasteht, so bietet es doch nicht Raum genug, um alle Sammlungen aufzustcllen, u. hat deshalb die Verwaltung beschlossen, ein neues Gebäude für die naturhistorische Abtheilung, d. h. für Zoologie, Botanik, Geologie u. Mineralogie, auf dem Platze zu errichten, wo 1862 in South-Kensington der internattonale Industrie- Palast stand. Das Parlament bewilligte zu diesem Behufs 1873 80,000 Pf. St., u. dies neue natur- bistorische Museum wird als Zweiganstalt des Brit. M-s Ende 1875 vollendet dastehen. Der Ge- sammtaufwand für das Brit.M. in den 110 Jahren seine? Bestehens (1752—1862) betrug 3,339,177 Museum. Pfd. St., wovon 87,868 Pfd. durch Privatpersonen geschenkt wurden. Die Verwaltung des B. M-s stand von jeher unter einer Körperschaft von 50 Curatoren (Loarä ok Mustsos), von denen einzelne ihre Stellung theils von Amts wegen einnehmen (wie der Erzbischof von Tanterbury, der Lord-Kanzler, der Sprecher des Unterhauses, der Premierminister, die Präsidenten der Rohal-Society u. anderer ge- lehrten oder Künstlcrgesellschafteii), theils die Familien Sloane, Cotton, Harley, Townlep, Elgin u. P. Knight vertreten, theils auf Lebenszeit gewählt werden. Die drei sog. Obercuratoren (skriu- olpal ll'rustsss) haben allein das Recht, alle Beamte des Museums zu ernennen, mit Ausnahme des Oberbibliothekars (krinoipuk lübrarian), den ^ der Souverän von zwei durch die Obercuratoren vorgeschlagencn Personen wählt. An der Spitze des Museums steht als oberster Beamter der Ober- bibliothekar, während jedes der 12 einzelnen Departements einen Bewahrer (Looper), dem in seinem Amte Gehilfen u. Aufwärter beigegeben ! sind, anvertraut ist. Außerdem stehen der Lesehalle I sowol, wie den vier naturwissenschaftlichen Abtheil- ungen besondere Oberbeamten (Lupsrivckonckouts) vor. Die Zahl der sämmtliche» Angestellten des Instituts beträgt 249, von denen einzelne, wie z. B. die Professoren Birch u. Owen (s. d.), einen europäischen Ruf genießen. Die jährlichen Unkosten werden durch parlamentarische Geldbewilligungen aus dem öffentlichen Schatze bestritten; nach dem Budget von 1873—74 betrugen sie 102,961 Pf. St. Dem großen Publicum ist das Museum Montags, Mittwochs, Freitags und Samstags geöffnet; die Benutzung der Lesehalle aber ist den mit Einlaßkarten Versehenen an allen Wochentagen gestattet. Ganz geschlossen bleibt das Institut außer an den Festtagen jede erste Woche in den Monaten Januar, Mai u. September. Die Anzahl der Besucher der allgem. Sammlungen, welche in den letzten Jahren sehr abgenommcn hatte, s wuchs durch Verlängerung der Besuchsstunden ganz kürzlich wieder; die Gesammtzahl der Besucher war 1874 601,843 , gegen 576,019 des vorhergehenden Jahres. Von diesen waren 104,727 Leser in der Lesehalle, was eine Dnrchschnittssumme von 358 täglich gibt, n. jeder dieser Leser consul- ! tirte im Durchschnitt 13 Bände pro Tag, was die ungeheure Summe von 1,361,451 im Jahre benutzten Bänden ausmacht. Die bedeutendste Abtheilnng des Museums ist die der gedruckten Bücher. Sie nimmt das ganze Erdgeschoß der nördlichen u. östlichen Seiten des im Innern des Viereckes errichteten Rundbaues ein n. einen beträchtlichen Theil des Parterres des Museums. Dem Bewahrer dieser Abtheilung stehen 3 Hilfsbewahrer, 43 Gehilfen u. 54 Aus- Wärter zur Seite. Den Grund zur Bibliothek legte Sloanes werthvolle Sammlung wissenschaftlicher Werke von 50,000 Bänden. Nachdem diese in Montague-House aufgestellt waren, kam zu denselben eine andere kleine Sammlung von 2009 Bänden, welche der Major Edwards 1783 der Nation vermacht hatte. 1757 schenkte Georg ll- die von den Königen Englands bis auf Heinrich VII. gesammelte Bibliothek gedruckter Bücher, Britisches Museum. 99 welche die des Bischofs Cranmer u. die des gelehrten Hugenotten Casaubon enthielt. Zu gleicher Heit überließ er dem Museum das von der König!. Bibliothek unter der Königin Anna erworbene wichtige Recht eines Pflichtexemplars von jedem in Großbritannien neu erschienenen Werke. Hierdurch wurde die Bibliothek ohne Ausgaben und Mühen mit der laufenden englischen Literatur versehen, u. die Cnratoren konnten die Fonds des Museums zum planmäßigen Ankäufe der älteren Literatur u. fremdländischer Bücher verwenden. Unter den späteren Vermehrungen sind zu nennen: Die reiche von Georg III. geschenkte, sich aus die Bürgerkriege in England zwischen 1640—60 beziehende Pamphletensammlung; die musikalischen Bibliotheken Sir Hawkins u. Burneys; Garricks Sammlung altenglischer Schauspiele, Bent- leys Sammlung alter Classiker, mit eigenhändigen Randbemerkungen; die juristische Bibliothek Hargraves; Sir I. Banks werthvolle und ausgedehnte Sammlung naturhistorischer Werke, u. eine große Anzahl von I. W. Crooker ange- kauster Tractate u. Pamphlete über die erste franz. Revolution von höchstem Werthe. Die wichtigste Vermehrung fand 1823 statt, als Georg IV. die herrliche von seinem Vater angelegte Bibliothek von 80,000 Bänden schenkte. Sie gehört unzweifelhaft zu den vollständigsten u. reichsten, welche jemals ein einzelner Mensch sammelte. 1346 ward dem Museum die 20,240 Bände umfassende Bibliothek CH. Grenvilles vermacht und ferner die 11,509 Werke zählende chinesische Sammlung R. Morrisons angekauft. Durch Vermächtnisse, Ankäufe n. Schenkungen ist die Bibliothek jetzt (1875) auf etwa 1 Million Bände angewachsen. Doch diese Zahl, so groß sie auch sein mag, repräsentirt nicht die immense Sammlung von besonderen u. bestimmten Artikeln in Trac- taten, Pamphleten u. Handschriften. Der jährliche Zuwachs ist sehr bedeutend, so wurden z. B. 1872 29,853 Bände, einschließlich Musik u. gebundener Zeitungen, hinzugefügt. Der erste Katalog der gedruckten Bücher ward 1813—19 in 7 Octavbändcn veröffentlicht. Doch der Zuwachs der Sammlung seit Veröffentlichung dieses Katalogs war so groß, daß die eingeschobene Kopie des Katalogs 1846 auf 82 Foliobände angewachsen war. Doch jetzt ist an seine Stelle ein handschriftlicher Generalkatalog getreten, der bis zum Buchstaben R ganz vollständig ist u. jetzt (1875) nahe an 2000 Foliobände zählt. Außerdem gibt es noch besondere Kataloge der Gren- Äe-Bibliothek, der Musik in 126 Foliobänden, der Zeitungen, der Pamphlete der konigl. Bibliothek n. s. w. Diese verschiedenen Kataloge stehen in der Mitte des Leseraumes in kreisförmigen Ständen, wo sie jedem Leser schnell zur Hand sind. Hier befinden sich auch die Kataloge der Nachschlagewerke, welche an der Mauer des Raumes aufgestellt u. von den Lesern ohne die Vermittelung eines Beamten aus den Bücherschränken genommen werden können. Diese Bücher, eine Handbibliothek von 20,000 Bänden bildend, sind mit großer Sorgfalt ausgewählt, um die verschiedenen Zweige des Wissens zu repräsentiren. Die Leichtig- eit des Gebrauches wird noch durch die Anwend ung verschiedener Farben in den Einbänden vermehrt, Farben, welche mit denen des überall ausgehängten Handkatalogs übereinstimmen. So sind z. B. die theologischen Bücher dunkelblau gebunden, die historischen roth, die philosvphischengrlinrc. Die Karten, Pläne u. topographischen Zeichnungen wurden 1867 von der Bibliothek getrennt, uin eine abgesonderte Abtheilung zu bilden. In dem Museum befinden sich über 50,000 von Verlegern veröffentlichte Karten u. 20,000 in Handzeichnungen. DieHandschriften sind einem Bewahrer, einem Hilfsbewahrer, einem Bewahrer für orientalische Handschriften u. 9 Gehilfen anvertraut; sie sind meist gebunden. Diese Sammlung ist besonders reich an Handschriften für die Geschichte Englands u. die ältere engl. u. franz. Literatur; doch dürfte sich kaum ein Gebiet der Geschichte oder Literatur finden, das nicht durch einzelne werthvolle handschriftliche Werke vertreten wäre. Unter den 5000 orient. Handschriften finden sich mehr als 1000 Bände arabische u. etwa ebenso viele persische; die aus den Klöstern an den Natron- Seen stammende syrische Sammlung umfaßt in 620 Bänden mehr als 1200 verschiedene Schriften. Das Juwel des ganzen Handschriftenschatzes ist der berühmte 6oäsx LUsxanckrinus der Heiligen Schrift, der Karl I. vom Patriarchen von Con- stantinopel geschenkt wurde. Die Sammlung von Kupferstichen n. Handzeichnungen, zu der der Grund durch das Ber- inächtniß Cracherodes 1799 u. durch die Erwerbung von Sheepshanks Sammlung (1836) gelegt wurde, ist in Schulen (die italienische, deutsche, holländische, französische, spanische, englische) ge- theilt u. enthält werthvolle Zeichnungen von Leonardo da Vinci, Rafael, Michel Angelo, Dürer, Holbein, Rubens u. L(. In Betreff der Nielli u. der Schwefelabgllsfe ist diese Sammlung wol die vollständigste in Europa. Die Alterthümer sind in den letzten zehn Jahren in vier Abteilungen eingetheilt worden: in die ägyptische u. assyrische, die griechisch-römische, Münzen u. Medaillen, britische u. mittelalterliche und Ethnographie. Die ägyptischen Alterthümer reichen hinauf bis 2000 Jahre v. Ehr. n. herab bis zur mohammedanischen Invasion 640 n. Ehr. DieSamm- lung stammt namentlich aus folgenden Quellen: Alterthümer, welche der britischen Armee bei dev Kapitulation von Alexandrien (1801) in die Hände fielen u. von Georg III. geschenkt wurden; Geschenke des Generals Vyse, des Herzogs von Northumberland, Sir Wilkinsons u. A., n. Ankäufe vom Grafen v. Bclmore, Salt u. Anastasie. Sie besitzt werthvolle Denkmäler kolossaler Plastik, den Stein von Roser n. die Tafeln von Abydos, sowie eine große Sr amlung von Mumien, darunter die des Königs Mykerinos, des Erbauers einer Pyramide. Die assyrischen Alterthümer, die bedeutendsten Europas, bestehen hauptsächlich ans den Statuen n. Basreliefs, welche 1847—50 u. 1851—56 durch Layard, Raffam, Loftns u. später durch George Smith in den altassyrischen Königs- Palästen zu Nimrud u. Kodjnndschik ausgegraben wurden, begreifen aber außer diesen Sculpturen auch noch mit Inschriften bedeckte Obelisken und eine große Anzahl kleinere Gegenstände in Elsen- 100 Britische Mythologie — Britton. bei», Glas (die Vase der SargenL) u. s. w. Die berühmteste» Stücke dieser Sammlung sind die theilweise 1872 bei Kodjundschik von George Smith entdeckten n. entzifferten Steintafeln, welche die Geschichte der Sintfluth u. des Baues des Thurmes bon Babel enthalten. (Vergl. George Smith: Mrs Liiaickvair Xooouvt ok tlro OsIuZs, London 1873; ^.ssxrian Oiseovsrrss, das. 1875). Die Abtheilung der griechisch-römischen Alterthümer steht unerreicht da und enthält in 12 Räumen u. a. die Phigalian Marblcs vom Apollotempel zu Phigalia (erworben 1815), die unschätzbaren El- gin Marblcs, hauptsächlich vom Parthenon zu Athen (augekauft 1816), die Lanthian oder Lycian Marb- les, welche durch Sir Charles Fellows 1842—46 von Tanthos in Kleinasien nach London gebracht, n. die Halicarnassian Marblcs, welche 1856—58 von Charles Newton an den Resten des alten Mausoleums zu Halikarnassos ausgegraben wurden. Der übrige Theil der Sammlung schließt mehrere berühmte Kunstwerke ein, wie die Venns von Ostia, den Diskoswerfer des Myron rc., u. ist in der Hauptsache aus der Townley-Galerie entstanden, die 1805 den Erben Charles Town- leys abgekaust wurde. 1864 erhielt sie einen bedeutenden Zuwachs durch den Ankauf eines Thcils der im Palast Farnese zu Nom aufgestellten u. dem Exkönig von Neapel gehörigen Alter- thümer. Die Sammlung der Münzen u. Medaillen, eine der schönsten Europas, an 140,000 Stück enthaltend in einem Werthe von über 3 Will. Pfd. St., ist chronologisch geordnet in 5 Abteilungen, nämlich in die griechische, römische, mittelalterliche u. moderne, englilche, orientalische. Hieran schließen sich die britischen n. mittelalterlichen Alterthümer u. die ethnographische Sammlung, die unbedeutend ist. Die naturhistorischeu Sammlungen, die, wie schon angegeben, in 4 Abtheilungen zerfallen n. der Obhut des berühmten Professors Owen anvertrant sind, sehen ihrer Übersiedelung in das neue Gebäude in Kensington entgegen. Vergl. außer den im Museum selbst verkäuflichen Führern: Vaux, 6uräs to tirs anti- guitios ok tbs Lrrtrslr Llusoum, Land. 1851; Sims, Manckbooü to tlrs librarz- ok kirs Lrrtrsir Lluseum, das. 1854) Edwards, I-rvos ok birs lounäors, auAmentors and visier bsnskaotors ok tbs Lritrslr Lluseum, Lond. 1870, 2 Bde.; Cowtan, Llsmorrs ok tirs Lritisir Nussum, ebd. 1872. Bartling. Britische Mythologie, die Religion der britischen Kelten. Der oberste Gott, gleichsam der Inbegriff aller übrigen Götterwesen, war Hu Gudarn (s. d.), dessen Mysterien waren in dem bardischen Ochsenstalle (Buard Beirdd) verwaltet. Andere Mysterien waren die auf der heiligen Insel von Tcnby in Pembroke, für welche Ta- liesins Lied Mic Dinbych ein festlicher Tempelgesang gewesen zu sein scheint. Berühmt war auch der Bardenorden von dem Kessel der Ceridwen, die als Mutter Erde verehrt wurde, als Inhaber von Mysterien. Der Sinn dieser Mysterien war, die Wiedergeburt des Menschen an dem Wechsellaufe der Natur n. ihren Erscheinungen zu zeigen. Inhaber der Mysterien u. Priesteräinter waren die Druiden. Heilige Orte waren Inseln, bes. Mona. Die Tempel (Caer, Cor, Cylch) waren runde, offene Plätze, umkreist von großen Steinen; die Altäre (Cromlechu, irisch Cromleacha) bestanden aus 3 Steinen; vgl. LooiÖnA-Ltonss. Geopfert wurden auch Menschen. Das Christenthum vermochte gänzliche Unterdrückung des Heidenthums hier nicht, u. noch jetzt finden sich unter dem irischen u. schottischen Volke viele aus demselben stammende Gebräuche. Hauptquelle ist die bardische Überlieferung, die am treuesten noch sich in Wales vorfindet (die ältesten Stücke derselben in Mrs N/vrrran areiiWolsAz- ok IValss, London 1801—1807, 3 Bde.), u. der Sagenkreis der Tafelrunde. Vgl. Davies, N/tirolvAx anä rites ok tirs Lrrtiskr llrurcks, Lond. 1809. Britisch-Nordamerika, s. Canada n. Neu- Fuudland. Britomartis, Nymphe von Kreta, Tochter des Zeus u. der Karme; vom König Minos ge- ' liebt, entfloh sie dessen Umarmungen u. stürzte sich in das Meer, wurde jedoch in einem Fischernetze gefangen u. gerettet, weshalb die Kreter sie Diktynna (Netzgöttin) nannten. Auf Ägina wurde sic, weil sie vor Andromedes fliehend in dem Haine der Artemis verschwand, als Aphäa (die Unsichtbare) verehrt. In Argos, Paträ rc. hieß ! sie Laphria; bei Späteren verschmilzt ihr Mythos mit dem der Artemis (s. d.). Britönen (Lrrttünss, a. Geogr.), so v. w. Britanner; s. n. Britannia. Brittinianer, Abzweigung der Augustiner-Eremiten. Sie haben ihren Namen von Brittini in der Mark Ancona; ihre Regel wurde von Gregor IX. bestimmt. Britton, John, bedeutender engl, topographischer u. antiquarischer Schriftsteller, geb. 7. Juli 1771 in Kingston-St.-Michael bei Chippenham ^ in Wiltshire, wo er die ersten 16 Jahre seines Lebens verbrachte, Sohn eines kleinen Farmers u. ländlichen Gewürzkrämers. In seinem 17. Jahre > ward er bei einem Wciuhändler in London in die Lehre gethan, daun wurde er Concipicnt bei einem Sachwalter u. erhielt hierauf ein Engagement für 3 Guineen die Woche, um für ein Londoner Theater, in der Nähe von Haymarket, zu schreiben u. daselbst zu recitiren u. zu singen. Seine Leidenschaft für das Theater bewahrte B. sein Leben lang; doch gar bald ward er geistesverwandten Studien zugeführt, denen er den Rest seiner Tage widmete. Einzelne kurze Artikel, die er für das Londoner j 8portill§ LlaAumus geschrieben hatte, brachten ^ ihn in Berührung mit seinem Verleger Wheble, der ihm den Auftrag ertheilte, die Lsautrss ok IViItssiirs (die Schönheiten Wiltshires) zu com- piliren, was er auch im Vereine mit einem jungen literarischen Freunde, Namens Brayley, ausführte. Das genannte Werk, von dem 1801 2 Bände erschienen (ein dritter kam 24 Jahre später heraus), erwarb B. einen Namen. Kurze Zeit darauf verfaßte er im Vereine mit Brayley auf gleiche Weise die Lsamtiss ok Lsäkoräskürs u. später gab er ein gelehrteres Werk heraus unter dem Titel LwoiritsotursI Lmtiguitüss ok LuAlsmä, Lond. 1807—27, 5 Bde. Eine seiner l wichtigsten späteren Veröffentlichungen war das Werk: Mrs LatReckral Lntiguitiss ok Ln§isnch 101 Brivcs — Broach. , ; 14 Folio- u. Quart-Bände, 1814—35, mit 300 sein ausgeführten Stichen. Seine in dem Zweige M der architektonischen n. topographischen Beschreib- M ungen u. Alterthümer verfaßten Werke sind 87 W an der Zahl, deren (neben ähnlichen anderen) M Herausgeber er war. Einige Jahre vor seindm M Tode veröffentlichte B. seine Autobiographie, Lond., W z Bde., u. 1 Separatband als Appendix, 1850; M diese Schrift ist eine wahre Fundgrube literarischer » Anekdoten u. von höchstem Interesse für Alterthnms- U forscher u. Künstler. Erst. 1. Jan. 1857. Bartling. U Brives (B.«la-Gaillarde), Hauptstadtdes gleich». V Air. im sranz. Dep. Corröze, an der Correze, 14 Station der Orleansbahn; Tribunal; Musselin- H gaze-Simoisin-Weberei, Kupfer- u. Kesselschmieden, D Wachsbleichen; Handel niit Vieh, Wolle, Wein, M Kastanien u. Nußöl; bekannt durch seine Hühner- M TMelpasteten; 10,765 Ew.; Geburtsort des iE Cardinals Dnbois, der Brüder D'Estang u. des l.Z Marschalls Brune, dessen Standbild hier errichtet ist. ID B. hieß im Alterthum Lrivs, Onretia u. war Stadt der Lemoviker. Hier wurde 584 Gundo- K bald zum König von Aquitanien erwählt. M Brixellnm (a. Geogr.), Stadt der Ananen K in Kallia oispaäana, am Einflüsse der Parma in M den PadnS; hier nahm sich der Kaiser Otho das - M Leben; jetzt Bresello. M Brixen (Brixentum, Brixina, Brixia), Haupt- -H ort der gleichnam. Bezirkshauptmannschaft im W österreich. Kronlande Tirol, am Zusammenflüsse lDZ der Eisack n. Rienz, umgeben von rebenbepflanz- !W tm Bergen; Sitz eines Fürstbischofs u. Domca- M pitels; Bezirkshauptmannschaft, Bezirksgericht; M siirstbischöfl. theologische Lehranstalt, Priester- a. W Knabenseminar, Obergymnasium, Franciscaner-, D Kapuziner-, Clarissen- u. Tertiarierinnenkloster, M englisches Fränleinstist, ^Collegium italienischer W Jesuiten; crwähnenswerthe Gebäude: Domkirche W(der jetzige Bau im Renaissancestil 1754 vollendet) UZ u. die sich daran anschließenden roman. Kreuz- ganze mit alten Wandgemälden u. vielen Grab- W steinen;Seidenzncht, Wei.nbM^bes.vonrothemWeiu; M1348 Ew.; Inder ÄHe "ein Mineralbad (Maria- M'Lmsen-Bad); unweit B. die 1833—38 erbaute W Franzensfcste, welche das Eisackthal beherrscht u. Bz die Skaßen u. Bahnlinien vom Brcnnerpasse u. Waus dem Pusterthal sperrt; ferner Tschötsch, Ge- burtsort Fallmerayers. — B. kommt zuerst im Hl Anfänge des 10. Jahrh. als Brichsna vor. 1027 wurde der Sitz des Bisthums Geben vom .^1 Bischof Alboin hierher verlegt u. dasselbe 1179 -4 teichsunmittelbar. 1080 wurde hier das Brixien- x j stsche Concil, eine Fortsetzung des Mainzer, gehal- gi j ten, wo an Gregors VII. Stelle Clemens III. ''ft Zum Papste erwählt wurde. Am 19. Febr. 1516 ' wurde die Stadt von den Franzosen unter Gaston de Foix gestürmt u. erobert; B. litt auch 1525 im Bauernkriege. Erst 1803 kam B. ganz an Österreich u. wurde mit Tirol vereinigt. An die frühere reichsunmittelbare Stellung des 937dstcm (17HM) großen Bisthums erinnert der Titel Fürstbischof. Brixenthal, ehemals zu Salzburg, jetzt zum Bezirke Kitzbüchel in Tirol gehöriges Thal; durch- Iwssen von der Brixenthaler Ache, die bei Haidach u> den Inn mündet; die Bewohner treiben starke Viehzucht. > Brixhain, Stadt in der englischen Grafschaft Devon, an der SKüste der Tor-Bai, am Canal La Manche; Hafenstadt der englischen Canalflotte; 4941 Ew.; in der Nähe Eisensteingruben n. Marmorbrüche. Hier landete 5. November 1688 Wilhelm III. von Oranien. Brixia (a. Geogr.), Stadt der Cenomancn in Oattia trausxaäana; jetzt Brescia. Brixlegg, Dorf in der österreich. Bezirks- hanptmanuschaft Kufstein, Kronland Tirol, unterhalb Innsbruck, am Inn, Station der Tiroler Bahn; 1200 Ew.; daselbst eine k. k. Berg- und Hüttenverwaltung, Kupferhütte, Zinkhütten. Schwefelsäure-Fabrikation. Das Hüttenwerk, 1450—1470 errichtet, ist seit 1870 Centraleinlösnngshütte für die ärarischcn Metallbergbane in Tirol u. Salzburg. Beliebter Sommeraufenthali. Krieg L., Pflanzengattung aus der Familie der Gräser od. Gramineen, Unters. Festucaceen (III. 2); Blüthen in seitlich znsammengedrückten, rundlichen, am Grunde gestutzten oder herzförmigen Ährchen mit gleichen gewölbten, abgerundet-stumpfen Hüllblättern u. ebensolchen am Grunde herzförmigen Deckblättern, kahlem Fruchtknoten, kurzem Griffel u. einfachen Narbenpapillen. Die glänzenden, zuletzt hängenden, wegen der dünnen Stiele sehr beweglichen Ährchen setzen eine lockere Rispe zusammen. Arten: Zittergras, Liebes- od.Ämou- rettengras (8. ineäis. L.), ausdauernd, mit aufrechter, zahlreiche kleine, herz-eiförmige Ährchen tragender, glatter Rispe; auf trockenen Wiesen in ganz Europa verbreitet. 8. iniuor L., wie vorige, aber einjährig, mit glatter Rispe u. dreieckigeiförmigen Ährchen; in SEuropa heimisch, bisweilen in Deutschland wie die folgende für Trocken- bonquets cultivirt u. verwildernd. 8. maxima L., mit wenigen sehr großen, eine oberhängende Rispe zusammensetzcnden Ährchen. Englir. Brizeux, Auguste, franz. Dichter, geb. 12. Sept. 1806 zu Lorient; st. im Mai 1858 zu Montpellier. Er sehr.: Narre (Idyll), 1831 u. ö.; 8ss Isrnairss (lyrische, meist patriotische, oft auch mystische Gedichte), 1841; 8ss 8rstons (ländlich beschreibende Dichtung vonhohem Schwünge), 1845; 8riinsl st Hola (sehr geschätztes Idyll), 1852; kUMorrss ck'L.rinorigns (Erzählungen aus der Bretagne), 1854; übersetzte in Italien, wo er sich einige Mal aufhielt, Dantes Hölle. Sämmt- liche Werke, herausgegeben von Saint-Nene Tail- landier, Par. 1861, 2 Bde. Brizo (d. i. die Schlummernde), Göttin auf Delos. Frauen opferten ihr, damit sie die zu ihnen kommenden Seefahrer beschützen möchte. Sie soll auch Orakel durch Träume gegeben haben. Brjansk, Kreisstadt im russ. Gouv. Orel, an der Desna; 18 Kirchen u. Kapellen, Kloster; Arsenal; Kanonengießerei, Branntweinbrennerei, Tuch- u. Glasfabrikation; Handel; 13,881 Ew. Ende Juli 1875 wurde B. zu zwei Dritteln vom Feuer zerstört. Brlad, s. Berlat. Broach (Barotsch, Baroach), 1 ) Collectorat der Präsidentschaft Bombay in Ostindien, am Golfe von Cambay; 3413 HZKm (62 HZ M); bewässert vom Nerbudda u. Dhadur; gesundes Klima; Pro- ducte: Reis, Tabak, Baumwolle; die Entwickelung 102 Broad Rivcr des Handels u. der Industrie ist durch mangelhafte Verbindungswege gehemmt; 298,889 Ew. 2) Stadt darin, am Nerbudda (Narinada), etwa 50 iem oberhalb dessen Mündung; 31,330 Ew. Die Stadt war früher weit bevölkerter, trieb einen blühenden Handel u. besaß eine berühmte Baumwollenindustrie, die sich meist in den Händen der hier seit 600 Jahren ansässigen Parsen befand; die feinere Weberei ist jedoch in den letzten De- cennien fast gänzlich durch den englischen Import niedergedrückt worden; der Handel ist aber wiederum im Aufblühen begriffen; der Schiffbau ist bedeutend, an Provision für Seefahrer ist Überfluß vorhanden. B. ist wahrscheinlich das Bary- gaza des Ptolemäos (s. d.) u. kam, nachdem es den Moslemin u. seit 1583 dem Großmogul gehorcht hatte, 1685 in die Gewalt der Mahratten. Von 1783—1803, wo es von den Engländern erobert u. definitiv incorporirt wurde, bildete es einen Theil des Reiches der Scindiah. Thielemaim.' Broad-Nivcr, s. n. Congaree. Broadway, Hauptstraße von New-Dork (s. d.). Broca, Paul, bedeutender sranz. Chirurg u. Anthropolog, geb. 1824 in St.-Foy-la-Grande (Gironde); ist Prof, der chirurgischen Pathologie u. Chirurg an den.Hospitälern La Pitie n. St. Antoine in Paris u. Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Von seinen chirurgischen Schriften seien besonders erwähnt die über die Einklemmung der Unterleibsbrüchc: Do 1'ötranAlsmont änns los Iwroios nbäomivnIos,Par. 1853 n. 1856; über Pulsadergeschwülste: Dos nnsnrisinos ob äs lenr braitsmenb, ebd. 1856; über Geschwülste; Iraibs äss tnmsnrs, ebd. 1865—69; außerdem findet sich eine Menge geistvoller Aufsätze in den einzelnen Fachjonrnalen, in der Encyklopädie für medicinische Wissenschaften n. der allgemeinen Encyklopädie; er gibt ferner einen Atlas der beschreibenden Anatomie in Verbindung mit Bonamy u. Beau heraus. Wie als Chirurg, hat er sich auch in der Anthropologie u. Ethnologie bereits eine ehrenvolle Stellung erworben. Seine hierher gehörigen Werke: I/öbllnoloAis äo In Dranes, ebd. 1859; Insbrnobions Asnsrnlss ponr Iss rsolrerolrss sntln'vyologigues, ebd. 1865; Dos Dasguss äe Lt.-äsan-äs-Dur (Lull, äs In Looiöt. aubllropol.), Par. 1868; Dos ötuäss antliropol. äopuis äix ans sn Durops et en ^msrigus (kovue äss Oonrs soioubiüguss), ebd. 1869; Nsinoirss sur los earno- töres pbz-sigues äo l'lronuno prsiristorigue , ebd. 1869; dlouvsUes reoderollgs sur l'anblrropoloAis äo 1a Dranos en Aonsrul st äs la Lasso-DrsbaAuo, 1870; Llsmoirss ä'a.nt1wopo1oAio, 1872, gehören zu den besten, die wir überhaupt besitzen. Tyamhayn. Brocardica (Drooaräi, Drooaräa), allgemeine Rechtsregeln, welche sich aus Stellen der Rechts- qucllen durch Interpretation ableiten lassen. Der Name soll von Burkard (bei Italienern u. Franzosen Brocard), Bischof von Worms (st. 1025), Herkommen, der eme häufig gebrauchte Sammlung von Kirchengesetzen hinterließ. Daher so v. w. kurze sprüchwörtliche Rechtsregeln. Brocat, dickes, schweres, seidenes Zeug, worin goldene n. silberne Figuren, Zweige n. Blumen rc. eingewirkt sind. Ist der Grnnd sehr reich, lo nennt man es Drap ä'or oder Drap ä'arZent.' ; — Bröchner. Orraye ist persischer Goldbrocat, welcher auf beiden Seiten gleiches Ansehen hat. Jetzt werden alle seidene, mit Blumen u. Figuren reich durch, wirkte Zeuge so genannt. Der B. diente ehedem zu Hauben, Paradewesten, Meßgewändern, Damen- kleivern, Möbelübcrzügen rc. Die schönsten liefert Lyon (von der Breite der 6ros äo Dourz), ! Tours, Paris, Venedig, Genua rc. ! Brocatfarbcn sind Bronzefarben von etwas gröberem Korn; vgl. Bronzefarben. Brocchi, 1) Carlo, s. Farinelli. 2) Gio- vanni Battista, ital. Naturforscher, Reisender u. Dichter, geb. 18. Febr. 1772 zu Bassano; widmete sich anfangs juristischen Studien in Padua, ging aber dann zu den Naturwissenschaften über. 1801 bestieg er den Lehrstuhl für Naturgeschichte in Brescia; auf seine mineralogischen Vorarbeiten hin wurde er 1809 im Bergdepartement des Königreichs Italien angestellt u. ihm so besondere Gelegenheit gegeben, die Bodenschätze des Landes, namentlich des Fassathals, auszuschließcn. Zugleich durchforschte er das vorher kaum betrc- tene Gebiet der Petrefacten u. machte zu diesem ! Zwecke eine Reise durch Italien, wobei er im Jan. 1812 das Glück hatte, einen heftigen Ausbruch > des Vesuvs beobachten zu können. So entstand ! sein bedeutendes Werk stsrutbabo äi eonolriliologin ; kossils snbapsnnlnn., 2 Bde., Mailand 1811. s Obgleich fleißiger Mitarbeiter an der Dibliotoon l itnlinna., fand er doch Zeit zu 2 größeren Wer- , ken: 6a.ba.IoAv rnAionabo äi uns. raeeolta. äi ! vooos äisposto oon oräins AsoAratioo psr servil» a.I1a. As 0 Anosig.DItg.Iia. (1817) u. Llenioria. äello sbatc» üsioo äel snolo äi Roms. (1820). 1822 vom Vicekönig von Ägypten nach Kairo berufen, nm die Aufsicht über die Bergwerke zu übernehmen, untersuchte er naiDsitlich die Smaragdgruben zu Sayd in Ober-Ägypten. Im Aufträge des Vicekönigs bereiste B. auch den Libanon u., obgleich seine Vertragszeit abgelausen war, Abessinien u. Nubien. 25. Sept. 1826 raffte ihn das Klima von Khartum hinweg, u. sein treuer Begleiter Bonavilla starb bald darauf in Theben. Seinen ganzen wissenschaftlichen Nachlaß, auch seine reiche» Sammlungen vermachte er testamentarisch seiner Vaterstadt. Vergl. Stoppani, Giambattista B., Mail. 1874. Broccoli (Spargelkohl), eine in England, Frankreich n. Italien allgemein gezogene Art Blumenkohl, welche aber in Deutschland, mit Ausnahme eines Theils der Rheinlande, des ungünstigen Klimas wegen nicht recht gedeihen will. Brache (fr.), eigentlich kurzer Spieß, Nagel; dann bes. goldene Nadeln mit größerer Platte oder Metallfignr zum Vorstecken, bes. für Damen. Die B-n waren schon im vorgeschichtl. Bronze- n. Eisenzeitalter gebräuchlich, sowie bei den Griechen n. Römern. Nachher in Vergessenheit gerathen, sollen sie durch Frau v. Sevigne unter Ludwig XlV> wieder in die Mode gekommen sein. Brochiren (Brochure), so v. w. Broschüren u. Broschüre. Bröchner, Hans, dänischer Philosoph pnn- theistischer Richtung, Professor au der Kopenha- gener Universität, geb. 1820. Von seinen Werken wären vorzüglich zu erwähnen: Om äet Re- Brocken — Brockcs. 103 liöso i äets Lsnbsä meä äst Humane, Kopcnh. 1869; Viärax ckil Oxkattelsen ak kirilosopbieus Instorisüs kläviülinx, ebd. 1870; kkiiosoxüiens Historie, 2 Thle., Kopenh. 1873—74. Brocken (Blocksberg, Bloxberg.LlonsLrnvtsrns) Hauptstock u. höchste Erhebung des Harzes, 1143 m ii. d. M.; bildet eine Gebirgsmasse, deren Grundfläche etwa 100 Hjlrm einnimmt. Der Berg hat die Form eines Kugelsegments, fällt jedoch ans der NSeite steiler ab, als auf der SSeite. Er besteht in seiner Hauptmasse aus Granit, welcher die Übergangsgebirge (Grauwacke, Thonschiefer, Gneis) durchbrochen hat u. von ihnen umlagert wird. Sein Abhang ist nur mit Zwergholz bewachsen, u. enthält große Moore, so das B-feld, ein sumpfiger, mit Granitblöcken übersäeter Abhang. Die Sehenswürdigkeiten des B-s sind der Hexenbrunnen, eine nahe bei dem Gipfel entspringende kalte Quelle; das Schneeloch, eine tiefe, meist mit Schnee gefüllte Schlucht, um die man im Hochsommer die botanischen Erscheinungen aller Jahreszeiten findet, u. die Tenfelskanzel u. der Hexenaltar, hoch emporragende Granitklippen. Auf dem Gipfel befindet sich das sogen. B-Haus, ein Wirthschaftsgebäude, welches, nachdem das 1800 vom Grafen Stolberg-Wernigerode erbaute 1835 abgebrannt, 1837ncbst einemAussichtsthurme wieder aufgebant u. 1860 als B-Hötel eingerichtet wurde, in dem jetzt 200 Personen logiren können. Auch befindet sich eine Post- u. Telegraphenstation daselbst, und es besteht im Sommer eine tägliche Omnibus-Verbindung mit Jlsenburg u. Wernigerode. Man übersieht von hier aus ein Gebiet, welches die Schweiz an Ausdehnung übertrifst: der Blick reicht nördl. bis Lüneburg und Celle, westl. bis Wilhelmshöhe bei Kassel, östl. bis Brandenburg, südl. bis zum Thüringer-Walde, doch gewährt er nur selten eine klare Aussicht in die Ferne, da der Gipfel meist auch von Nebel umlagert ist. Auch gehört der B. nicht zu den besuchtesten Thcilen des Harzes; die Zahl der Touristen, die den B. besuchen, beläuft sich nur auf etwa 6000 jährlich. Eine Auswahl von den Denksprüchcn, welche die B-besucher in das Fremdenbuch des B-s von 1753—1850 eingeschrieben haben, kam als B.-Stammbuch 1850 heraus, nachdem schon die Namen der B-besucher nebst deren Bemerkungen von 1753—90, Magdeb. 1791, herausgegeben worden waren. Man ersteigt den Berg gewöhnlich von Jlsenburg auf der NSeite, oder auch von Schierke, einem preuß. Pfarrdorse 1 Stunde südsüdöstl., bei dem sich die Fadensteinllippen u. die durch Abweichung der Magnetnadel bekannten Schnarcherfelsen befinden. Zu den Merkwürdigkeiten des B-s gehört auch das sogen. B-gespenst, das nichts anderes ist, als der auf eine vorüberziehende Wolkenschicht geworfeneSchat- ten des Beschauers. Der B. ist der umliegenden Gegend ein sicheres Wetteranzeichen. Ist er heiter, so bleibt das Wetter beständig, braut er hingegen oder setzt seinen Hut auf, d. h.: umgeben Dünste oder gar Wolken seinen Gipfel, so gibt es Regen. Diele Sagen knüpfen sich an den B. Die bekannteste ist die von den Hexenfesten in der Walpurgisnacht (1. Mai), wozu vielleicht geheime heidnische Zusammenkünfte im früheren Mittelalter Veranlassung boten. Am B. entspringen Bode, Ilse, Ocker u. Holzemme. Vgl. G. A. Leibrock, Der B., Goslar 1864; G. Heyse, Zur Geschichte der B-reisen, nebst Übersicht der B.-Literatur, 4. Aufl., Aschersl. n. Lpz. 1875. Schroot.' Wrackes, Barthold Heinrich, deutscher Dichter, gcb. 22. Sept. 1680 zu Hamburg, Sohn eines angesehenen Kaufmannes; besuchte das Jo- hanneum in seiner Vaterstadt, bezog 1700 die Universität Halle, beschäftigte sich dort eifrig mit der Rechtswissenschaft, übte sich am Reichskammergerichte zu Wetzlar in der Praxis, machte Reisen durch Deutschland, Italien, die Schweiz, Frankreich und Holland, nicht ohne große Gefahren und Verlegenheiten, die ihm aus dein Spanischen Erbfolgekriege erwuchsen, promovirtc in Leyden als Licentiat der Rechte u. kehrte gegen Ende des Jahres 1704 nach Hamburg zurück, wo er sich nun auf die Dauer niederließ. In sorgenfreier Muße lebte er jahrelang der Malerei, Musik u. Poesie. 1720 wurde er zum Senator gewählt u, in den folgenden Jahren mit politischen Sendungen nach Wien, Glückstadt, Berlin, Hannover betraut; 1728 bis 1729 verwaltete er die städtische Prätur, 1735 bis 1741 die Amtmannsstelle zu Ritzebüttel, 1741 wurde er Befehlshaber des Bürgermilitärs, 1743 Protoscholarch, 1746 Kaiserlicher Pfalzgraf. Er starb 16. Jan. 1746 zu Hamburg. Von den 12 Kindern seiner 22jährigen Ehe überlebten ihn die meisten, und gelangten mehrere zu ansehnlichen Ämtern. Als Dichter wurde er bei Lebzeiten sehr hoch geschätzt, aber bald nach seinem Tode vergessen. Die Schule des Marino, die ihn anfangs Lein Schwulste eines Hofmannswaldau u. Lohcn- stein annäherte, verließ er u. wurde zum Nachahmer Popes und Thomsons. Diese Dichter und seine malerischen Übungen u. Studien leiteten ihn auf die dichterische Naturbeschreibung hin, die er zur Hauptaufgabe seines Lebens machte. Dabei geht er freilich mehr mechanisch-zusammensetzend als organisch-bildend zu Werke; aber es gebricht ihm keineswegs überall an dem beseelenden lyrischen und musikalischen Element. Der deutschen Dichtkunst hat er, wenn auch in sehr unvollkommener u. pedantischer Weise, das Leben der Natur wieder aufgeschloffen und dabei trotz seines Mangels an höherem dichterischem Talent zur Entwickelung der deutschen Dichtersprache wesentlich beigetragen. Die Grundrichtung seines Ge- müthes war eine tiefe Religiosität, die aber, nicht ohne Einwirkung seines Freundes Reimarns, eine rationalistische Färbung hatte. Schriften: Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus, aus den vier Evangelisten in gebundener Rede vorgestellt, Hamb. 1712 u. ö.; Verdeutschter Bethlehemitischer Kindermord des Ritters Marino, Köln u. Hamb. 1715 n. ö.; Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in physikalischen u. moralischen Gedichten, 9 Bde., Hamb. 1723—45, rc. (der 9. Bd. enthält die Übersetzung von Th omsons Jahreszeiten); einen Auszug aus den ersten 5 Bdn. des Irdischen Vergnügens lieferten, mit Genehmigung des Dichters, Wilkcns u. Hagedorn, Hamb. 1738, neue Anfl. 1763; Versuch vom Menschen des Herrn Pope, da!. 1740; Harmonische Himmelslnst im Irdischen oder Auserlesene, theils neue, theils aus 104 Brocket Hall — Brvckhaus. dem Irdischen Vergnügen genommene u. nach den! bereicherter Gestalt bis zur 12. Aufl. (begonnen 4 Jahreszeiten eingerichtete musikalische Gedichte n. Cantaten, 1741, 2. Aufl., 1744; Schwanengesang in einer Anleitung zum vergnügten und gelassenen Sterben, Hamb. 1747 (wenige Jahre vor B-s Tode gedichtet), n. s. w. Brocket Hall, Dorf in der engl. Grafschaft Hertford: Landsitz Lord Palmerstons, der das. 18. Oct. 1865 starb. Brockhaus, berühmte Bnchhändlerfamilie, 1) Friedrich Arnold, geb. 4. Mai 1772 in Dortmund; widmete sich seit 1788 in Düsseldorf dem Kausmannsstande, etablirte sich 1795 in seiner Vaterstadt, verlegte sein Geschäft 1801 nach Arm heim u. 1802 nach Amsterdam; an letzterem Orte errichtete er 1805 eine deutsche Buchhandlung, verließ 1810 wegen der durch die französische Besitznahme Hollands eingetretenen Verhältnisse Amsterdam und ging nach Mtenbnrg, wo er ein neues Verlagsgeschäft etablirte. Bereits in Amsterdam hatte er 1808 das damals ins Stocken gerathene Conversations-Lexikon durch Kauf an sich gebracht, dem er in der 2. u. den folgenden Auslagen eine höhere Bedeutung gab. Der immer wachsende Umfang seines Geschäftes bewog ihn, zu Ostern 1817 nach Leipzig überzusiedeln, wo er mit demselben eine Druckerei verband u. nach u. nach sein Geschäft zu einer der größten Buchhändlerfirmen Deutschlands gestaltete. Er unternahm außer dem Conversattons-Lexikon mehrere Zeitschriften, so die Deutschen Blätter, Altcnb. 1813—16, die Zeitgenossen, das Literarische Conversationsblatt (jetzt Blätter für literarische Unterhaltung), Hermes, Isis u. m., das Taschenbuch Urania rc., den Verlag mehrerer bedeutenden Werke. Nach mannigfaltigen Anfechtungen, namentlich von Seiten auswärtiger Censurbchörden u. verschiedenen literar. Streitigkeiten, bes. mit Müllner, st. er 20. Aug. 1823. Es gebührt ihm der Ruhm, die Literatur nach großartigen Ansichten u. chrenwerthen Grundsätzen, mit selbständiger Einsicht u. Kraft in erfolgreicher Weise gefördert zu haben. Vgl. über ihn: F. A. B., sein Leben u. Wirken, geschildert von seinem Enkel (4) Heinr. Ed. B., Bd. 1, Leipzig 1872. Das von ihm begründete Verlagsgeschäft wurde nach seinem Tode 6 Jahre lang durch seine beiden ältesten Söhne u. einen Procuristen für die Erben verwaltet, worauf es 1829 in den alleinigen Besitz der Elfteren überging. Der älteste Sohn 2) Friedrich, geb. 23. Sept. 1800 in Dortmund, der bei Vieweg in Braunschweig die Buchdruckerei erlernte, übernahm bes. die Leitung des Druckereigeschäftes, das er bald zu einer bedeutenden Höhe hob. Er trat 1850 jaus dem Geschäfte, das in den alleinigen Besitz von B. 3) überging, lebte seitdem auf seinem Gute Prossen bei Schandau u. dann zu Dresden, wo er 14. Aug. 1865 starb. Der technische Theil des Geschäftes war durch ihn mit einer Schriftgießerei, Buchbinderei, Maschinenwerkstätte, Kupferdruckerei und Stahl- fiecherei vermehrt worden. Der 2. Sohn, 3) Heinrich, geb. 4. Febr. 1804 in Amsterdam, unterzog sich vorzugsweise der Leitung des buchhändleri- scheu Zweiges des Geschäftes, her nach des Vaters Tode fortwährend erweitert ward. Das Conver- 1875) sortgcsührt. Demselben schlossen sich u. a. an: Die Gegenwart 1848—56, 12 Bde.; Unsere Zeit, als Jahrbuch zum Conversations-Lexikon, 1857—64, 8 Bde., und derselben neue Folge: Monatsschrift znm Conversations-Lexikon, 1865 ff.; das Bilder-Conversations-Lcxikon; der Systemat. Bilderatlas znm Converiations-Lexikon, 1844 bis 1851, 2. Anfl., 1869—75, u. das Kleinere Con. versations-Lexikon, 1854 ff., 4 Bde., 1854—56, 2. Aufl., 1861—64. Die vom Vater begonnenen großen periodischen Unternehmungen wurden zum Theil nach umfassenderen Plänen sortgeführt; andere traten hinzu, u. a. das Histor. Taschenbuch von Raumer, das Pfennigmagazin u. seit October 1837 die Leipziger Allgemeine Zeitung (seit 1843. Deutsche Allgemeine Zeitung); Gutzkows Unterhaltungen am häuslichen Herde, 1852—64; Prutz' Deutsches Museum 1853—65. Die Gleditschische Buchhandlung wurde 1831 angekäust u. die in deren Verlag erscheinende Allgem. Encyklopädie von Ersch u. Gruber fortgeführt. Eine neue Ausdehnung gewann die Handlung durch Gründung einer Buchhandlung für deutsche u. ausländische Literatur in Paris u. Leipzig, 1837, unter der Firma B. L Avenarius, von der jedoch die Pariser 1844 verkauft u. die in Leipzig 1850 mit der Firma des Hauses vereinigt wurde. Dieser Zweig des Geschäftes wurde 1856 noch erweitert durch Hinzufügung eines Antiquariats, so daß das Etablissement alle Hauptzweige des Buchhandels in sich vereinigt, wie es anderseits mit allen technischen Hilfsmitteln u. «Anstalten ausgestattet ist. Es bestehen Filialen in Wien (seit 1864) u. Berlin (seit 1871). Die Zahl der Verlagswerke der Firma betrug Ende 1871 2552 in 5551 Bdn. Heinrich B. war 1842 bis 1848 Mitglied der sächs. Zweiten Kammer; er st. 15. Nov. 1874 in Leipzig. Die Firma F. A. B. ging nunmehr in das alleinige Eigenthum von B. 4) u. 5) über. 4) Heinrich Eduard, älterer Sohn des Vor., geb. 7. Aug. 1829 zu Leipzig; trat nach vollendeten Universitätsstudien u. Promotion als Dr. pbil. 1850 in das väterliche Geschäft u. wurde 1854 Theilhaber desselben. Er gehört seit 1871 dem Deutschen Reichstage als Abgeordneter des 20. sächsischen Wahlkreises an u. schrieb die oben erwähnte Biographie von B. 1. 5) Heinrich Rudolf, jüngererSohn vonB.3, geb. 16. Juli 1838 zu Leipzig; trat 1855 in das väterliche Geschäft, dem er nach mehrjährigem Aufenthalte im Auslande zum Zwecke der Erweiterung seiner buchhändler. Kenntnisse, seit 1863 als Theilhaber angehört. 6) Hermann, Orientalist, der jüngste Sohn von B. 1, geb. 28. Jan. 1806 in Amsterdam; stndirte in Leipzig, Göttingen und Bonn oriental. Sprachen, hielt sich einige Jahre in Frankreich u. England auf, privatistrte dann in Dresden, wurde 1839 Professor in Jena u. 1841 in Leipzig, wo er seit 1848 ordentl. Professor der altindischen Sprache u. Literatur ist, seit 1873 mit dem Titel eines Geh. Hofraths. Er st. hier 5. Jan. 1877. Er schr.: Über den Druck sanskritischer Werke mit lateinischen Buchstaben, Lpz. 1841; gab heraus: k?ra- boälia 6anäi'oäazm, von Krischna Misra, Leipz. 1835; Labsia 8srib-8äHAra, Märchensammlung sations-Lexikou wurde in immer verbesserter und. von Somadeva, sanskrit. und deutsch, Leipz. 1839; Brockmcmn — Brod. 105 Nachscbebis persische Bearbeitung der Sieben weisen Meister, 1845; den Venäiäaä 8aäg, 1850; Die Lieder des Hafis, 1855 ff., u. redigirte bis 1853 die Zeitschrift der Deutschen Morgenländi- fchcn Gesellschaft n. seit 1856 die Allgcm. Ency- klopädie von Ersch u. Gruber. 7 ) Friedrich Clemens, älterer Sohn des Vor., geb. 14. Febr. 1837 zu Dresden; studirte Theologie, wurde 1865 Pastor an der Johanniskirche in Leipzig u. 1872 Professor an der Universität daselbst; er sihr.: Gregor von Heimburg (Beitrag zur deutschen Geschichte des 15. Jahrh.), Leipz. 1861; Aurelius Prudentius Clemens, cbd. 1872. 8) Friedrich Arnold, jüngerer Sohn von B. 6, geb. 21. Sept. 1838 zu Dresden; studirte die Rechte, wurde 1863 Docent in Jena, 1871 Professor ves Staats- u. Strafrechtes in Basel, 1873 in Kiel. Er schr.: Das Legitimitätsprincip, eine staatsrechtliche Abhandlung, Lpz. 1868. Brockmann, Johann Franz Hieronymus, deutscher Schauspieler, geb. 30. Sept. 1745 zn Grätz in Steiermark; kam frühzeitig zu einem Bader in die Lehre, nach deren Ablauf er ein abenteuerliches Leben führte, bis er 1760 zu Laibach als Schauspieler auftrat. Durch Vermittelung des Grafen Durazzo 1765 für die Wiener Bühne engagirt, trat er 1767 der Kurzschen Gesellschaft in Würzburg bei, um endlich nach langem Umherirren in Hamburg an Fried. Lndw. Schröder den trefflichsten Lehrer zu finden. Nachdem B. bei seinem ersten Auftreten mißfallen hatte, errang er sich bald Beliebtheit im Lustspiel, später, als erster Hamlet, Othello re. auf der deutschen Bühne unvergängl. Ruhm in der Tragödie. 1778 wurde er nach Wien berufen, nachdem er im Dec. deK vorhergehenden Jahres mit Beifall in Berlin gastirt u. eine Medaille auf ihn geprägt worden. 1789—90 Director der Wiener Hofbühne, st. er 12. April 1812. Der wahre Ausdruck der Leidenschaft war ihm versagt, in allem Anderen aber zeigte er sich als Meister, den Meyer von Bram- stedt nicht grundlos den ersten Helden-, Liebhaberund Charakterspieler Deutschlands nannte. Zu seinen besten Leistungen werden neben dem Hamlet, Falstaff u< a. Shakespearcschcn Rollen der flatterhafte Ehemann, Regulus, Beaumarchais, Weißlingen, Prinz in Emilia Galotti, Hauptmann Abslut in den Nebenbuhlern u. a. gezählt. Unbedeutend ist B-s dramatische Schriftstellerei. Kürschner. Brockville, Stadt im District Johnstown der i Prov. Ontario in Canada, am St. Lorenz; gut gebaut; 1 Presbyterianer- u. 5 andere Kirchen; Districtsschule; Mühlwerke; Dampfbootverbindnng mit Kingston u. Montreal; 4200 Ew. B. erhielt seinen Namen zu Ehren des 1812 bei Queenston , gegen die Amerikaner gefallenen englischen Generals Brock. Brod (Brot), Gebäck ans mehligen Substanzen, besonders aus Getreidemehl, gewöhnlich ohne weitere Zuthaten. I. Das B. besteht aus Krume, einer schwammigen, elastischen, mehr od. weniger weißen, überall mit größeren n. kleineren Löchern durchwebten, mehr od. minder säuerlich riechenden Masse, u. Rinde, einem harten, zerbrechlichen u. trockenen Stoffe. Die nährenden Eigenschaften des B-es beruhen ans seinem Gehalte an stickstoffhaltigem Kleber, Stärkemehl u. Zucker. Diese Be- standtheile sind in gutem B-e so gemischt, daß sie zum Wicderersatze der Stoffe des menschlichen Körpers eine passende Grundlage darbieten (vgl. Nahrungsmittel). B. wird von verschiedenen Ge- treideartcn bereitet. Weizen-B. (Wciß-B.) ist besonders in England, Frankreich, Belgien, der Schweiz und Süddcutschland gebräuchlich. Gemeiniglich nimmt man an, daß B. vom feinsten Mehl das beste u. daß die Weiße des B-es der Beweis seiner guten Beschaffenheit sei; wogegen die Wissenschaft lehrt, daß gröberes u. schwärzeres B. weit nahrhafter ist, indem dasselbe alle Stoffe enthält, die zur Ernährung der verschiedcnenTheile des menschlichen Körpers wesentlich nothwendig sind, was beim Weizen-B-e nicht der Fall ist. Winterweizen liefert besseres, als Sommerweizen. Gutes Weiß-B. muß weiß, lockerkrnmig, schwammig, elastisch und die Rinde gelb, glatt, scharf u. mürbe sein. Das Roggen-B. (Schwarz-B.), in Norddeutschland vorherrschend, ist das nahrhafteste und,! wenn es gut ausgebacken und nicht frisch ist, am leichtesten verdauliche B. Sommerroggen ist besser, als Winterroggen. Vor dem Bäcker-B-e verdient das Hans'backcn-B. den Vorzug, weil es besser ausgebacken ist n. deshalb nicht so leicht austrocknet; iii der Regel ist cs auch von erheblich besserer Qualität. Ebenfalls vor- znziehcn ist das Com miß-B. n. der westfälische Pumpernickel, in welch letzterem die Kleie beigemengt bleibt, aber schwerer verdaulich ist, weil die Kleie Faserstoff enthält. Gersten-B. ist schwer, gröber u. streng, ans der Oberfläche rissig, auch weit austrocknender, als Roggen-B. Hafer-B., welches in den Gebirgen SchottlandS u. in Schweden gebacken wird, ist schwarz, streng, grobkrumig, spröde u. trocken. Aus mehreren Fruchtarten, Gerste, Hafer, Linsen, Erbsen, Roggen, Dinkel, vermischt, bäckt man ein Gemang-B. Aus Roggen u. ^ Gerstemchl erhält man ein wohlschmeckendes, gesundes B. Auch eine Mischung von 2/g Roggen oder Dinkel und Vz Hafermehl liefert ein sehr gutes, schmackhaftes B. Weniger tauglich zu B. ist aber das Mehl von Hülsenfrüchten, weil dasselbe, wenn auch mehr eiweißähnliche Stoffe als das Getreide und selbst der Weizen, so doch nur wenig Kleber enthält u. fast alles mit großer Menge Mehl von Hülsenfrüchten vermischte B. schwer u. wenig verdaulich ist. Reis-B. geht in der Regel nicht gut auf, besser, wenn man von kohlensaurem Natrum und Salzsäure so viel nimmt, daß sie einander neutralisiren, und beide abgesondert schnell unterknetet. Mais-B. fällt weiß, trocken, schmackhaft, jedoch grob u. schwer u. krümelig aus. Die Rangordnung der Getreidearten in Bezug auf die Nahrhaftigkeit stellt obenan den Weizen, es folgen: Roggen, Hafer, Gerste, Reis u. zuletzt der Mais. B., das aus Wurzeln (Rüben), Knollen (Kartoffeln rc.), Baumfrüchten rc. znbereitet ist, hat als Nahrungsmittel nur geringen Werth, der noch dadurch vermindert wird, daß dergleichen Gebäck obendrein meist sehr schwer verdaulich ist. II. Da das B. als das einfachste n. natürlichste Nahrungsmittel aller Klassen eines der unmittel- barsten Bedürfnisse des Lebens ist, so macht sich die Preisbewegung desselben vor jeder anderen Waare am stärksten in der Bevölkerung fühlbar u. wirkt stets ans das Sinken n. Fallen anderer Verbranchsartikcl, je nachdem sie mehr od. weniger die Stelle des B-es vertreten, ein. Von Alters her wurde cs daher als eine wichtige Aufgabe des Staates angesehen, seinen Angehörigen billiges B. zu schaffen und der natürlichen, wie der künstlichen Thenernng desselben entgegenzuwirken. Gegenüber der natürlichen Thenernng, die in schlechten Ernten ihren Grund hat, sind indeß alle Bestrebungen des Staates so gut wie wirkungslos gewesen, da die Anlage und Verwaltung so großer und vieler Getreidemagazine, als nöthig wären, um einen starken Ernteansfall zu decken, ferner dieSchwierigkeiten, welche die Austheilung der Vorräthe haben würde, um auch den Vorgesetzten Zweck zu erreichen, eine derartige Vorsorge unausführbar, ja selbst nutzlos machen würde. Um einer künstlichen Thenernng vorzubeugen, die durch gemeinsames Handeln der Getreide- u. B- verkäufer, da eben das B. unentbehrliches Lebens- bedürfniß ist, leicht hervorgerufen werden könnte, sind oft polizeiliche Maßregeln von Seiten des Staates od. einzelner Städte angeordnet worden. Dahin gehört die B-taxe, ein Tarif für die verschiedenen B-qnalitäten, welcher nach der Höhe der Gctreidepreise in gewissen Zeitfristen von den städtischen Behörden festgestellt wird. Ein solcher Tarif nimmt Rücksicht auf die Menge, Beschaffenheit u. den Preis des Getreides, auf die Güte ii. Menge des Mehls, die Mahlkosten, den Aufwand für die B-bereitung, den Unterhalt u. einen billigen Gewcrbsgewinn für die Bäcker. Zu diesem Behnfe sind öftere vorgängige Mahl- u. Backproben erforderlich. Im Allgemeinen haben aber solche Taxen wenig Werth, da die Beschaffenheit des Getreides eine sehr verschiedene ist; deshalb sind auch in neuester Zeit die B-taxen an vielen Orten aufgehoben worden. Durch Veröffentlichung der Preise, zu welchen die einzelnen Bäcker ihr B. verkaufen, hat man versucht, an einzelnen Orten sich vor Übertheuernng zu sichern. Noch wirksamer können sich die auf Acticn gegründeten B-bäcke- reien od. B-fabriken erweisen, die, gewöhnlich mit Dampfniühlen verbunden, einen großartigen Betrieb unter Anwendung von Knetmaschinen und umfangreichen, nüt Steinkohlen geheizten Backöfen ermöglichen. Was den Verbrauch des B-es betrifft, so ist derselbe in Mitteleuropa u. speciell in Deutschland stärker im S., als im N., dann wieder stärker aus dem Lande, als in den Städten, letzteres, weil hier mehr andere Nahrungsmittel verzehrt werden. Nach einer in den 1850er Jahren aufgestellten Berechnung betrug der B-ver- brauch damals pro Kopf n. Jahr: in Preußen durchschnittlich 324 Pfd., in Baden 471, in England 450, in Frankreich495; von einzelnen Städten: in Darmstadt 321,4, Frankfurt 322,«z, Paris 365, Bremen (1867—69) nur 223,, Zollpfd. Das technische Verfahren bei der Bereitung des B-es (B-backen) s. n. Backen. III. B. ist eine der gesundesten u. nahrhaftesten Speisen, denn es ist in demselben das Verhält- niß der stickstofffreien Substanzen (Stärke, Gummi, Zucker n. Fett) zu den üi.kücfhal.iz?:: (den Albuminaten: Pslanzeneiweiß, Casein, Fibrin n. Kleber) ein äußerst günstiges, u. außerdem machen die in ihm enthaltenen unverdaulichen u. die für die Ernährung nicht in Betracht kommenden Bestand- thcile nur einen geringen Procentsatz aus. Nach der Zerkleinerung durch das Kauen bildet es mil der Mundflüssigkeit u. nach dem Herunterschlucken mit dem Magensafte einen dem Milchsäfte schon ziemlich nahestehenden Brei, denn bereits während des Kaucns u. der Einspeichelnng wird die während des Backens begonnene Umwandlung der Stärke in solche Products, die zur Aufnahme in die Säftemasse geeignet sind, energisch gefördert u. geht auch noch im Magen vor sich, wäh. rend hier u. im Darmkanal noch die Umwandlung der anderen Substanzen (der Albuminate, des Fettes rc.) hinzukommt. Das gilt aber nur von dem gut ausgebackcnen Getreide-B-e. Nicht gut ausgebackenes, zu schweres, losrindiges, schlissiges B. ist nie zuträglich. Gutes B. hat eine dicke, harte, nicht rissige Rinde, keine Schuppen, keine verbrannten Blasen, die Krume ist locker n. dabei doch compact, der Geruch angenehm. Altes B. ist zuträglicher, als frisches; warmes B. sogar schädlich. Sängern wird trockenes Schwarzbrot» als Mittel gegen trockene Kehle empfohlen. Abgekochte B-rinde (mit Zucker u. Citronensaft) gibt ein angenehmes Getränk für Kranke. B. aus unreinem, von dem Kornwurm angegangenen od. von der Made angefressenen, dickschaligen, brandi- digen u. ganz frischen u. neuen Körnern, oder dumpfigem, klitschigem, feuchtem, stark erhitzt gewesenem, zu altem, zumal in feuchten Magazinen ausbewahrtem, od. zur Zerstörungdes Kornwurnies mit giftigen Flüssigkeiten, wie einer Vitriolans- lösung, tingirtem Getreide ist schädlich, mehr noch das dem Getreide beigemischte Unkraut, iiaimnl- lich Raden (^Aroatoinma, (AtiiaZos) u. Taumellolch (1-oiiurn tsllmlsntmm) rc., welche Schwindel, Kopfweh rc. verursachen, endlich Verfälschungen mit Gips-, Alabaster» u. Kalkmehl. Elftere ver- rathen sich dadurch, daß sich solches Mehl nicht zusammenballen läßt, sondern wiederauseinanderfällt, letztere dadurch, daß das Mehl, mit einer Säure angemacht, ausbraust. IV. Schon in Ägypten kannte man in den ältesten Zeiten das B., bes. aus Gerste; auch die Patriarchen der Juden genossen B. Zur Passah- zeit mußten die Juden 7 Tage (Tage der süßen B-e) lang ungesäuertes B. (B. des Elends) ans Weizenniehl, jedoch ohne beigemischtes Öl, Salz od. dergl. essen, zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, bei dem man wegen der Eilfertigkeit das B. ungesäuert backen mußte. Bekanntlich ist die Vorschrift bei den Juden heute noch in Übung (s. u. Passah). Über die 12 im Tempel ansgestellten B-e s. Schau-B-e. Die Griechen unterschieden schon in der Homerischen Zeit Weizen- u. Gersten-B.; ein dünneres, kuchenartiges B. ans geschrotetem Gerstenmehl hieß Alphita; in Athen war man erfinderisch in der Bereitung vieler n. schöner Arten von B. Die Form war gewöhnlich rund, die Größe verschieden; meist wurden aus einem Chönix 4 große oder 8 kleine Brode gebacken, so groß sie zu einer Tagesportion sein Brod — Brüder. 167 mußten, wicwol deren auch größere, z. B. auf z Tage, genannt werden. Zwar kannte man den Backofen, doch zog man es vor, das B. in irdenen oder eisernen Geschirren zu backen, od. man buk es in heißer Asche, vd. endlich an Gabeln od. bratspießartigen Hölzern. Große B-e, die aus 1—3 Medimncn gebacken waren, trug man zu Athen an den Dionysien dem Bacchus, als dem Erfinder des B-backens, zu Ehren in Procession umher. Bei den Römern gab es sehr verschiedene Sorten; im Allgemeinen unterschied man schwarzes B. n. weißes od. Weizen-B. Gebacken wurde das B. ebenfalls entweder in dem Ofen, od. in besonderen Pfannen. Auch scheint man eine Art Zwieback bereitet zu haben, welcher siir die Schiffer bestimmt war. In Gallien bereitete man B. aus Spelz (Dinkel, §ar) u. verwendete dabei Bierhefe. Von Griechenland u. Rom Pflanzte sich der Gebrauch des B-eS zu den Germanen fort, die es wei- terdenLithauern u. Slaven übergaben. Die Bedeutung des B-es als Nahrungsmittel hat sich auch auf den Volksglauben übertragen, indem ihm eine heilsame, schutzgewährende u. segenbringende Wirkung beigemessen wurde. So hängt man in manchen Gegenden Kindern ein Stück B. als Schutz vor Behexung um den Hals, od. legt es zu ihnen in die Wiege. Beim Beziehen einer neuen Wohnung wird wol ein B. voranfgetragen: man wird dann keinen Mangel am täglichen B. haben. Schimmeliges B. (der Gesundheit entschieden nachtheilig) soll Fieber n. Leibschmerzen vertreiben: ein Beispiel, wie sehr der Volksglaube (s. diesen Artikel) irre geht, wenn er mit dem Aberglauben stark vermengt ist. I. u. IV. Schroot? n. Kolb.* in. Berns* Brod (slavisch), so v. w. Furt; daher Böh- misch-B., Deutsch-B. rc.; 1) (Broöd) nunmehr aufgelöster Regimentsbezirk der ehem. kroatisch- slawon. Militärgrenze, Österreich; 2201 (40,V Hs M); 61,596 Ew. 2) Stadt darin, an der Save; Festungswerke; Contumazanstalt; Flußschifffahrt und Handel; 3362 Ew. Von B. aus thaten die Raizen den Türken im 17. Jahrh. großen Schaden; es wurde 1688 von den Kaiserlichen verbrannt, 1691 den Türken abgenommen u. stark befestigt, mußte aber nach dem Carlowitzer Frieden wieder geschleift werden. 3) Türkisch-B. (Burnd), Stadt im Vilajet Bos- men (Europäische Türkei), ander Save; der österreichischen Stadt gleichen Namens gegenüber; Schloß; Festungswerke; 6—800 Ew. Brodbaum (Xrtooarxns Hst.), Pflanzengattung aus der Familie der Artocarpeen (XXI. 1), Milchsaft führende Bäume mit länglich-eiförmigen, ungetheilten oder gelappten, oder eingeschnittenen Blättern, sehr großen Nebenblättern, eingeschlechtlichen, einhäusigen Blüthen; männliche Blüthen mit 2spaltigen Kelchen und einem Staubblatt in kopfförmigen Kätzchen; weibliche Blüthen nackt mit einem Fruchtknoten, in welchem sich ein aufrechtes Eichen befindet, und mit fadenförmigem Griffel; Früchtchen mit einander verwachsend und einen strotzen kugeligen Kopf bildend. Arten: 1) in- eisa L. D., mit sehr großen, tiesbnchtigen, ober- seits rauhen, unterseits weichhaarigen Blättern u. violett gefärbten, gestielten u. hängenden Kätzchen, auf den Molukken n. Südsee-Jnseln heimisch, aber auch anderwärts cultivirt; liefert in seinen oft kopfgroßcn Fruchtständen das Hanptnahrnngsmittel für die Eingeborenen, welche dieselben unreif abnehmen und roh essen, oder zerschneiden, in Blätter wickeln und rösten, oder auch in Gruben mit Blättern u. Steinen bedecken, in Gährung erathen lassen u. dann zwischen heißen Steinen acken. Die Asche der Blätter wird mit Cocosöl gegen Flechten eingerieben; Holz u. Wurzel gelten als Heilmittel, während der Bast zur Bereitung von Geweben u. Kleidungsstücken dient. 2) X. in- ts^rikolin L. (Champada), mit jungen dreilappigen u. älteren ungetheilten, länglichen Blättern, in Ostindien wild u. cultivirt; liefert ebenfalls, wie auch die folgenden Arten, eßbare Früchte; die ad- stringirende Wurzel wird innerlich bei Diarrhöe, äußerlich gegen bösartige Flechten angewendet, während das Holz verarbeitet wird. 3) X. xnbs- sosns Il-st, mit ovalen, an beiden Enden abgerundeten Blättern, in Ostindien n. Java; die Blätter dienen als Heilmittel bei Schmerzen u. Steifheit der Glieder, sowie bei Contufionen u. Geschwülsten. 4) X. pohxboma 7>ers., mit ungetheilten, länglich-eiförmigen, runzeligen Blättern, in Ostindien, und 5) X. brasllisnsis Lrm., in Brasilien, sowie noch zahlreiche andere Arten Ostindiens haben ähnliche Eigenschaften. Engler. Brodbrechnng, beim Abendmahl. Bei der ursprünglichen Einsetzung des Abendmahls sollte diese die Anstheilung vorbereiten u. symbolisch das Brechen des Leibes Christi im Tode bezeichnen. Daher haben alle Confessionen außer der Lutherischen, diesen Ritus beim Abendmahl bcibehalten. Die Röm.-Kath. Kirche schreibt Brechen der Hostie in 3 Theile nach der Consecration vor; ein Theil wird in den Kelch gelegt, die Wiedervereinigung von Leib u. Blut Christi nach der Auferstehung abzubilden, die 2 anderen Theile werden vom Ce- lebranten genossen. Die Griech.-Kath. Kirche gebietet Theilnug der Hostie in 4 Theile, die in Krenzes- forin auf die Patene gelegt werden. Die Refor- mirte Kirche bricht das in längliche Stücke zerschnittene Brod bei der Anstheilung. Nach der Cabinetsordre von 1830 gilt in der Prenßisch- Unirten Kirche das Brodbrechen als Zeichen des Beitrittes zur Union. Löffl-r. Brodbricf, so v. w. Panisbrief. Brodem (Broden, Brodel, Brndel, Prudcl), die sichtbaren Dünste, welche von erwärmten, verdampfenden, bes. auch mit Geräusch kochenden Flüssigkeiten in kälterer Luft emporsteigen; dann überhaupt jeder sichtbare Dunst. Der B. entsteht aus dem (an sich durchsichtigen) Dampfe, indem dieser in kälterer Luft zu kleinen Flüssigkeitströpfchen sich verdichtet (s. Dampf) und dadurch seine Durchsichtigkeit ganz oder theilweise verliert. Davon brodeln (brudeln, prudeln), wallend n. B. erzeugend kochen. Brüder, Christ. Gottlob, Philolog, geb. 1744 in Hacthau bei Bischofswerda; wurde 1771 Diakon in Dessau, 1782 Pfarrer zu Beuchte und Weddingen in Hildesheim, 1815 Superintendent daselbst; st. 1819. Er schr.: Praktische Grammatik der lateinischen Sprache, Lpz. 1787, 18 . Aust., von L. Ramshorn, 1828; Imotionss iatinas. 108 Brodcric — Brocck. ebd. 1787, 18. A., 189.8; Kleine lateinische Grammatik, ebd. 1795, 26. Anfl., von L. Ramshorn, 1835, 32. A., Stereotypabdruck, 1870; Wörterbuch zu seiner kleinen lateinischen Grammatik, ebd. 1798, 22. Anfl., 1835; Elementar-Lesebuch der lateinischen Sprache, 1806, 9. Ausl., von Crusius, 1847; Die entdeckte Rangordnung der lateinischen Wörter, 1815, 2. Ausg., 1817. Brambach.» Broderie (v. Fr.), 1) Verzierungen dnrch Stickerei, gestickte Zeuge; s. u. Sticken. 2) Einfassung, Verzierung. 3) Künstliche Verzierung des Gesanges; vgl. Brodiren. Brodfeld, s. u. Broos. Brodfresser,so v. w. Brodkäfer; s. u. Pochkäfer. Brodfrüchte, s. u. Brodbaum. Brodie, Sir Benj. Collins, englischer Arzt, gcb. 9. Juni 1783 zu Winterslow in SWiltshire; wurde 1805 Demonstrator der Anatomie, 1808 Hilfsarzt am Georgsspital und 1810 Docent an der Loz-al Loeiet^, 1819 Professor der Anatomie und 1823 der Chirurgie, 1834 Hofwundarzt bei König Wilhelm IV. u. dann bei der Königin Victoria; er st. erblindet 21. Oct. 1862 auf feinem Landsitze Broome-Park in der Grafschaft Surrey. B. schr.: Obaervations on iRs äissasos cck ürs joints, 4. Anfl., Lond. 1837, deutsch von Holscher, Hannov. 1821; Iisoturos on Ars äi8su8S8 ok ills nrinarx orZans, 2. Ausg., Lond. 1835; I-eeturos on osrtain nsrvono aiksotions, ebd. 1837, deutsch von Kürschner, Marb. 1838; Mrs Huntorian ora- lion, Lond. 1837; üxpsriinsüts anä oboorvabions on tüs varions branoüss ob ineäioins anck sur- Asi-z-, 1814 u. ö. Thamhayn.» Brodiren (v. Fr.), 1) sticken, verbrämen; der dazu verbrauchte Zwirn heißt Brodirzwirn. L)Einfaffen, besetzen rc. 3) Erzählungen durch Erfindungen u. Übertreibungen interessanter machen. Brodkrien, so v. w. Käse- u. Brodkrieg. Brodnuschaum, s. Lrooimum. Wrodschriften nennt man in der Buchdruckerei diejenigen Schriftgattungen, die bes. bei Herstellung von Zeitungen u. Büchern verwendet werden u. zwischen Nonpareille u. Cicero, also 6—12 typographischen Punkten, sich bewegen. Brodsonntag, der Sonntag Ware, genannt nach seinem Evangelium, welches die wunderbare Speisung der 5000 enthält. Brodtaxe, der amtlich festgestellte locale Brod- preis. Der Verkauf des Brodes als eines der unentbehrlichsten Nahrungsmittel war von jeher u. überall Gegenstand polizeilicher Überwachung, sowol um stets das Vorhandensein der am Orte nothwendigen Menge Brod zu sichern, als auch um das Publicum vor Preisübervortheilungen durch die Bäcker n. vor plötzlicher Vcrtheuernng de§ Brodes möglichst zu schützen. Gewöhnlich wurde die B. auf 14 Tage hinaus und in der Weise festgestellt, daß durch dieselbe den Bäckern die aus einem vorgenommenen Probebacken berechneten Productionskosten nebst dem ortsüblichen Unternehmergewinne vergütet wurden. Das Prin- cip der Gcwerbefceiheit vertrug indeß eine solche Beeinflussung des Gewerbebetriebes der Bäcker nicht mehr. Die Deutsche Gewerbe-Ordnung vom 21. Juni 1869, Z 73, bestimmt nur, daß Bäcker und Verkäufer von Backwaareu durch die Ortspolizeibehörde angehalten werden können, die Preise u. das Gewicht ihrer verschiedenen Back- waaren für gewisse, von derselben zu bestimmende Zeiträume durch einen von außen sichtbaren Anschlag am Verkaufslocal zur Kenntniß des Publikums zu bringen. Maurus. Brodmnkehren, eine Sitte des Mittelalters, nach welcher einem Ritter, der einen Makel in seinem Leben hatte, von einem Wappenhcrold das Tischtuch vor seinem Sitze an der Tafel zerschnitten u. das Brod umgekehrt wurde; dieser mit Verstoßung von der Rittertafel verbundene Schimpf konnte nur durch Ausführung einer ritterlichen That u. tadellose Ausführung getilgt werden. Brodurtheil, eine Art des Gottesurtheils(s. d.). Brodvcrwnndlung, so v. w. Transsubstan- tiation. Brody, Hauptstadt der gleich», österr. Bezirks- hauptmaunschaft im nordöstlichen Galizien im ehemaligen Kreise Zloczow, nahe der russ. Grenze, am Sulka-Wielka-Bache und an der Karl-Ludwigs- Bahn (Lemberg - Krasne - Bahn); Bezirksgericht, Handelskammer, Hanptzollamt; 18,890 Ew. (davon 2,'z Juden). Die Stadt, früher schlecht gebaut, wurde infolge der vielen Feuersbrünste, bes. von 1849, 1859, 1862 und 1867, besser hergestellt. Sehenswerth die große Synagoge. An Unterrichtsanstalten zu erwähnen ein k. k. deutsches Realgymnasium u. eine jüdische Hauptschule. Die Stadt ist seit 1779 Zollausschluß (Freihandels- gebiet) wegen des Verkehres mit Rußland. Ihre Bedeutung hat sich sehr gehoben, seit die Strecke derKarl-Ludwigs-Bahn Krasne-B. nach Radzivillow zum Anschluß an die russischen Bahnen fortgesetzt wurde. B. vermittelt den Export russischer Cerealien nach Preuß.-Schlesien, Sachsen, Thüringen und den Rheinlanden; anderseits gehen Baumwollen- u. Leinenwaaren, Maschinen, Zucker u. a. über B. aus Österreich u. Deutschland nach Rußland. Der Handel leidet unter dem Mangel genügender Lagerräume. An industriellen Etablissements ist außer 2 Spiritus- u. Ligueurfabriken bes. hervorznheben eine Flachsgarnspinnerei und eine Dampfmühle. Cicalek. Brodzrnsky, Kazimierz, poln. Dichter, geb. 8. März 1791 in dem Dorfe Krolowko in Polen; trat 1809 in großherzoglich warschauische Dienste, wurde Unteroffizier bei der Artillerie, zog 1812 mit den Franzosen nach Rußland, kehrte „1813 als Offizier zurück, folgte dem Zuge durch Österreich u. Sachsen, wurde in der Schlacht bei Leipzig gefangen und lebte nach seiner Entlassung auf Ehrenwort literarisch beschäftigt in Krakau u. Warschau; 1818 wurde er Lehrer der poln. Literatur in Zoliborz, 1821 Professor am Lyceum u. 1822 bei der Universität in Krakau u. lebte nach deren Auflösung amtlos in Warschau; er besuchte die böhmischen Bäder u. st. 10. Oct. 1835 in Dresden. B. ist einer der vorzüglichsten poln. Dichter u. schr.: kisnia rviejolcis, Krakau 1811; kisma, Warschau 1821, 2 Bde.; ?ism roxmaibz-eb, ebd. 1830, 3 Bde. Werke, Wilna 1842—44, 10 Bde. Er übersetzte auch Hiob, die Leiden Werthers rc. Broeck, Crispin van den, niederländischer Historienmaler, geb. 1530 zu Antwerpen, gest. um 1601 in Holland; war ein Schüler von Fr. Floris, ! 109 Brock — dem niederländ. Nafael, den er an Reinheit des Stils übertraf. Von ihm im Belvedere zu Wien: Anbetung der Könige. Bedeutender war B. als Stecher u. Holzschneider; als solcher schuf er die Schöpfung der Welt (7 Bl.); Das Leben der hl. Maria (19 Bl.); Die Schöpfung von Adam bis zum Thurmbau in Babel (9 Bl.) rc. Brock, im Waaterlande, Dorf im Bez. Hoorn der niederland. Prov. NHolland, 7 icni von Amsterdam; bekannt durch seine übertriebene Reinlichkeit; Käsebereitung; 1500 Ew. Broekhmzen (Broukhusius), Jan van, Holland. Dichter, geb. 20. Nov. 1649 in Amsterdam; lernte als Apotheker u. trat 1672 in Militärdienste, begleitete 1674 den Admiral Ruyter nach Amerika; lebte seit 1697 auf seinem Landhause Amstelveen bei Amsterdam; st. 15. Dec. 1707. Er schrieb: kosmata, Utr. 1684, Amsterd. 1711; eine Sammlung von Gedichten in Holland. Sprache, Amsterd. 1712; auch besorgte er Ausgaben des Tibullus u. Propertius. Brofferio, Angelo, ital. Politiker u. Schriftsteller, geb. 6. Dec. 1802 zu Castelnuovo Calcea (bei Asti); vertauschte das Studium des Rechtes mit schöngeistiger Thätigkeit; später jedoch kehrte er zur Rechtswissenschaft zurück und ließ sich als Advocat in Turin nieder. In der revolutionären Bewegung von 1830 wurde er wegen Theilnahme an einer Verschwörung in Untersuchung gezogen u. verhaftet, jedoch 1831 begnadigt. Im Herzen von Anfang an Republikaner, begründete er in Turin eine Zeitung mit dieser allgemeinen Tendenz, den NsssLAisrs lorinsss. Mit dem Jahre 1848 trat diese Tendenz so deutlich hervor, daß sich der Leserkreis verkleinerte u. die Zeitung einging. Seit der Katastrophe von Novara trat er ganz in die Fußtapfen Mazzinis. Obwol er gegen Cavour persönlich keinen Groll hatte, sah doch auch er, wie Mazzini, den Hauptfeind der Verwirklichung des republikanischen Gedankens in Cavour u. bereitete ihm daher Schwierigkeiten, wo er konnte. Er war ein immerhin zu fürchtender Gegner, da er, ini höchsten Grade eitel, sich nicht scheute, an die Leidenschaften der Masse zuappelliren, u. dies mit Gewandtheit u. Witz that. Überhaupt bestand seine Starke nur in der Form. Dem Inhalte nach sind seine Reden ebenso schwach, wie seine politischen und schöngeistigen Werke. Sein schwächstes Buch sind die vielbändigen Llsmoris und Ltoria Parlamentärs. Verschollen waren auch bald seine Jugenddramen u. Lustspiele. Die Leons lüllsniolis (Griechische Bilder) haben neben der Leere auch den Fehler des declamatorischen Pathos; eine schwülstige Öde (Ilna inissria ampollosa) hat sie trotz Allgemeinheit des Fehlers in Italien die italienische Kritik selbst geheißen. Lob verdienen seine 6an- voni im piemontestschen Dialekt; sie werden geradezu als Aramoss noch heute erklärt. Total mißglückt war nach dem allgemeinen Urtheil sein lartnkko politioo, d. i. Cavour (1859). B. st. 26. Mai 1866. Vgl. I eonbswxorani ibaliani, üalsria namonals äsl ssoolo XIX.; A. B., von Heinrich Montazio, Turin 1862. 1871 wurde ihm in Turin ein Denkmal errichtet. Bezold. Broglie (Broglia, Broglio), eine lombardische Familie, ursprünglich Gribaldi geheißen; gehörte Broglie. unter die 7 Familien, welche Republik u. Stadt Quiers (Chieri) gründeten. 1450 theilte sich die Familie in 2 Linien: a) die Grafen B. di Ca- salborgone in Chieri, n. b) in die 1646 nach Frankreich übergesiedelte; die Glieder derselben wurden 1742 zu Herzögen und 1759 zu deutschen Reichsfürsten erhoben und theiltcn sich durch die 2 Söhne des Fürsten B. in den älteren und jüngeren Zweig. Aus dieser Linie stammen: 1) Franz Maria, Gras von B.; war Gouverneur von Coni, trat mit Bewilligung des piemontesischen Hofes in französische Dienste, commandirte in Italien das Cavalerieregiment Mazarin, wurde 1652 in Frankreich naturalisirt, zeichnete sich in Catalonien, bei der Belagerung von Lerida, bei der Erstürmung von Algier ans, war Generallieutenant in den Bürgerkriegen während der Minorität Ludwigs XIV. u. fiel 1656 vor Valenza. 2 ) Victor Maurice, Graf v. B., Marquis von Bregolles u. Senanches, Sohn des Vor., geb. 1639; zeichnete sich in den Kriegen Ludwigs XIV., besond. im Spanischen Erbfolgekriege, in den Niederlanden u. Deutschland aus, wurde 1724 Marschall; st. 1727. 3 ) Francois Marie, Herzog V.B., Sohn des Vor., geb. 11. Jan. 1671 in Paris; kam früh zur Armee, machte den Spanischen Erbfolgekrieg mit, wurde 1724 Gesandter am englischen Hose n. brachte dort den Frieden von 1725 zu Stande; 1731 znrückberufen, ging er 1733 im Polnischen Erbfolgekriege nach Italien, wurde dort 1734 Marschall, befehligte mit Coigny die Armee u. erfocht die Siege bei Guastalla u. an der Seccchia; 1739 wurde er Gouverneur von Straßburg; 1741 ging er in dem Österreichischen Erbfolgekriege aufs Neue ins Feld, drang bis Prag vor, verließ es aber, um sich im Dec. 1743 zu Maillebois' Armee zu begeben, deren Commando er übernahm u. die er über den Rhein zurückfllhrte. Er wurde 1742 zum Herzog erhoben. In Ungnade gefallen, legte er den Oberbefehl nieder und begab sich auf seine Güter, wo er 22. Mai 1745 starb. 4 ) Victor Francois, Herzog v. B., Sohn des Vor., geb. 19. Oct. 1718; diente 1734 in Italien, dann in Böhmen, Baden u. den Niederlanden und stieg bis zum General. Im Siebenjährigen Kriege befehligte er in Deutschland, gewann 1759 die Schlacht von Bergen u. ward dafür vom Kaiser zum Reichsfürsten ernannt, eroberte Minden, verschuldete aber den Verlust der vor der Stadt geschlagenen Schlacht. Dessenungeachtet ward er 1762 zum Marschall ernannt. Wegen Mißhelligkeiten zwischen ihm und Soubise wurde er 1762 auf seine Güter verwiesen, erhielt aber später das Gouvernement von Metz. Ludwig XVI. ernannte ihn 1789 zum Kriegsminister und wollte ihn an die Spitze der 20,000 Mann stellen, welche die Nationalversammlung auseinandertreiben sollten; der Abfall der Truppen vereitelte den Plan und bewog B., auszuwandern. 1792 befehligte er die Emigrantenarmee, errichtete 1794 ein Corps im Dienste Englands, ging, als dieses aufgelöst wurde, 1796 in russische Dienste, zog sich aber später nach Münster zurück u. st. dort 1804. Nach seinen Aufzeichnungen schrieb Bourcet 1792, LIsmoirss snr In Ansrrs äs sepb ans. 5 ) Charles Francois, Graf von B., NO Broglie. Bruder des Vor., geb. 20. Aug. 1719; war anfangs Gesandter in Polen, diente seit 1758 unter seinem Bruder in Deutschland, vertbeidigte Kassel u. wurde später an die Spitze eines geheimen Ministeriums gestellt, welches, unmittelbar unter Ludwig XV., dem öffentlichen nicht selten eutgegen- wirktc; da so lächerliche Mißverständnisse entstanden, entfernte ihn Ludwig XV., setzte aber auch in der Verbannung den Briefwechsel mit ihm fort. Bei Ludwig XVI. verlor er allen Credit u. st. 1781. 6) Claude Victor, Fürst vonB., Sohn von Victor Francois, geb. 1757; focht für die Unabhängigkeit der Amerikaner und war vor der Revolution Abgeordneter des Adels von Colmar u. Schlcttstadt in den Generalstaaten, ging nach Auflösung derselben als Naröciral äs Lamp zur Rheinarmee, wurde wegen seiner Weigerung, die Absetzungsdecrete von 1792 anzuerkennen, abgesetzt und 27. Juni 1794 guillotinirt. 7 ) Maurice Jean Madeleine, Prinz v. B., geb. 1766 im Schlosse Broglio; wählte den geistlichen Stand, cmigrirte n. erhielt vom König von Preußen eine Pfründe zu Posen; 1803 nach Frankreich zurückgekehrt, wurde er Almosenier des Kaisers, 1805 Bischof von Acqui u. 1807 Bischof von Gent; fiel aber 1809, weil er sich bei dem französischen Na- tionalconcil stets gegen Napoleon erklärt hatte, in Ungnade, ward verhaftet u. saß in Vincennes u. auf St. Marguerite, wo er der Gewalt nachgab n. seinem Bischofssitze entsagte, bis 1814 gefangen; nach der Restauration erhielt er seine Stelle als Bischof von Gent wieder. Bei Errichtung des Königreichs der Mederlande widersetzte er sich der neuen Ordnung der Dinge u. wurde wegen Ungehorsams in contumaciam zur Deportation ver- nrtheilt. Er hatte sich schon vorher nach Paris zurückgezogen u. st. dort 1821. 8) Achille Charles Leonce Victor, Herzog v. B., Sohn des Fürsten Claude Victor, geb. 1. Dec. 1785 zu Paris. Seine Mutter, Gefangene zu Vesoul, war nahe daran, das Loos ihres Gatten zu theilen, als es ihr gelang, nach der Schweiz zu entfliehen. Nach dem 9. Thermidor nach Frankreich zurückgckehrt, heirathete sie einen Herrn d'Ärgenson, der den jungen B. in den Centralschulen der Republik aus- dilden ließ. Nachdem er sich dort ein gediegenes Wissen erworben, ward er unter Napoleon Staatsrath, Auditor u. Militärintendant in Jllyrien u. in Valladolid, später französischer Gesaudtschaftsrath in Warschau, Wien und Prag. Er war einer der ersten Pairs Ludwigs XVIll. 1814 und votirte seitdem beständig mit der constitntivnellcn Fraction der Pairskammer. In Steps Proceß war er einer der wenigen Pairs, die das Nichtschuldig ausspra- chen, sprach gegen die Ausnahmegesetze u. gegen die Proscriptionsliste, vertheidigte die Preßfreiheit, wurde infolge der Julirevolution 30. Juli 1830 provisorischer Minister des Innern u. blieb seitdem in enger Verbindung mit den Doctrinärs; 11. August 1830 wurde er Minister des Cnltus und öffentlichen Unterrichtes u. Präsident des Staats- rathes, nahm aber schon im November, nach Du- ponts Eintritt ins Ministerium, seine Entlassung u. trat in die Pairskammer zurück, wo er am konsequentesten die Meinungen der Volkspartei bekämpfte, für die Erblichkeit der Pairie u. für das Lllhnefest Ludwigs XVI. sprach. Vom Oktober 1832 bis April 1834 u. dann wieder vom 18. No». 1834 bis 22. Febr. 1836 war er Minister des Auswärtigen u. (seit März 1835) Conseilspräsident, als der er 1836 wieder abtrat. Im I. 1847 wurde er französischer Botschafter in London, von welchem Posten ihn im März 1848 die Provisorische Regierung abberief. Als Abgeordneter des Eure-Departements trat er 1849 in die Gesetzgebende Versammlung. 1850 begab er sich nach London, um als Anhänger Ludwig Philipps diesen vor seinem Tode zu besuchen. Zurückgekehrt nach Paris, wurde er in der Commission für das Wahlgesetz Vorsitzender u. schloß sich der Fraction der Burggrafen an. Im Januar 1851 wurde er Präsident des Sicherheitsausschusses. Beim Staatsstreiche (Dec. 1851) protestirte er mit seinen politischen Freunden gegen den Umsturz der Dinge, wurde festgenommen, bald aber wieder in Freiheit gesetzt u. begab sich hierauf nach London. 1852 nahm er seinen Wohnsitz wieder in Frankreich, doch verweigerte er als Mitglied des Generalrathes im Eure-Departement den Eid auf die Verfassung u. nahm seine Entlassung. Er bemühte sich, die Fusion der legitimistischen Parteien zu Stande zu bringen, und wurde 1856 Mitglied der Akademie. B. st. 25. Jan. 1870 zu Paris. Seine Gemahlin, Albertine Jda, geb. 1797 u. gest. 1839, einzige Tochter der Frau von Stadl, war eine der vorzüglichsten Frauen ihrer Zeit. Sie schr. anonym: §ra§msnts sur äivsrs sujsts äs roliAioir st äs morals, Par. 1840. B. veröffentlichte seine literarischen Arbeiten unter dem Titel: Dcrits ot äiscours, Par. 1863, 3 Bde. Aus seinem Nachlaß gab sein Sohn heraus: Vuos sur Is Zouvsi- usmsnt äs In §i>Lncs; ouvraZs iusärt, 2. Aust., Paris 1871. Vgl. Guizot, I-s äuc äs BrsAiie, Par. 1872. 9 ) Jacques Victor Albert, Herzog v. B., ältester Sohn des Vor., geb. 13. Juni 1821; erwarb sich, nachdem er kaum die Universität verlassen, einen frühzeitigen Ruf als Publi- cist. Seine schriftstellerische Laufbahn begann er 1848 mit verschiedenen Artikeln über die auswärtige Politik der Französ. Republik in der Lsvns äss vsuL Nonäss und wurde alsdann einer der Hauptredacteure des Oorrssponäant. Bald Gegner der exclusiven ultramoutanen Doctrinen, bald der rationalistischen Philosophie, der absoluten Gewalt und der Volksherrschast, vertheidigte er in seinen Schriften mit einem schwer verständlichen Wankelmuthe die Interessen und Principien des Katholicismus und des Liberalismus. Seine Hauptwerke sind: eine sehr farblose Geschichte der Regierung Constantins vom orthodox - katholischen Standpunkte unter dem Titel: I/Itzllss st 1'Lmpiro romaiu au IV. siöcls, Par. 1856—6S, 3 Abth. in 6 Bden., von .denen einzelne mehrfach aufgelegt sind. Dann die Ltuäss morales st Irtts- raires, ebd. 1853, und die Xouvslles otuäes äs littsraturs st äs morale. Im I. 1863 wurde er als Nachfolger Lacordaires in die Französ. Akademie ausgenommen und folgte 25. Jan. 1879 seinem Vater in der Herzogswürde. Das zweite Kaiserreich machte wiederholte u. große Anstrengungen, B. zu sich herüberzuziehen; doch er schlug alle ihm gemachten Anerbietungen rund aus und 111 Broglie. machte sein Haus zum Sammelvlatze von dem Kaiserreiche feindlichen Männern Frankreichs. Die Folge davon war, daß sie von der kaiserl. Polizei streng überwacht, ihre Briefe im Schwarzen Cabinet erbrochen wurden und B. mehrfach Haussuchungen empfing, wobei ihm im Jahre 1861 eine von seinem Vater abgefaßte lithographirte Schrift: Llss vuso sur 1s Aouvsrusmont äs Uranos, confiscirt wurde. Bei den allgemeinen Wahlen zur Nationalversammlung zu Bordeaux, 8. Febr. 1871, ward er zum Abgeordneten des Departements Eure gewählt, erhielt aber schon IS. Februar vom Präsidenten der vollstreckenden Gewalt, Thiers, den Posten eines Botschafters in London. In dieser Eigenschaft sollte er, während über die Friedenspräliminarien in Versailles unterhandelt wurde, noch im letzten Augenblicke England zu einer diplomatischen Intervention zu Gunsten Frankreichs vermögen. Er that nach seiner Ankunft in London, 24. Febr., sein Möglichstes, um den ihm gewordenen Auftrag auszuführen, doch scheiterte er thcils in seinen Bemühungen, theils kamen dieselben zu spät. In der zu London tagenden Conferenz über die Pontusfrage erschien B. als Bevollmächtigter Frankreichs, 13. März, in der 5. Sitzung u. trat Len Beschlüssen der anderen Mächte zu Gunsten Rußlands bei. Sein brüskes Wesen und seine unsympathische Persönlichkeit verhinderten ihn, sich in den englischen Gesellschaftskreisen, sowie in der dortigen politischen Well eine auch nur erträgliche Stellung zu schaffen, weshalb er den größten Theil des Jahres auf Urlaub zubrachte u. als die eigentliche Seele der orleanistischen Partei an den Berathungen der Nationalversammlung zu Versailles theilnahm. Auf seinen Wunsch wurde er von Thiers abberu- fen u. 1. Mai 1872 durch den Grasen von Har- court ersetzt. Die Ergänzungswahlen zur Nationalversammlung, 9. Juni 1872, welche der monarchischen Partei keine Verstärkung brachten, sondern - republikanisch, znm Theil mit radicaler Färbung, ausfielen, versuchte B. dazu zu benutzen, Thiers - l zu einer Änderung seiner inneren Politik zu be- i wegen u. ihm ein aus Monarchisten zusammen- s gesetztes Ministerium anfzudrängen. Die über die s- Wahlen beunruhigten Fractionen der Rechten schoben den ihnen mißliebigen Ausfall derselben Thiers in die Schuhe. Sie machten deshalb durch Delegirte, an deren Spitze als Sprecher B. stand, 1 29. Juni in einer Conserenz mit dem Chef der ' § Staatsgewalt den Versuch, sich mit ihm ausein- anderzusetzen und ihn förmlich zu sich herüber- zu ziehen. B. suchte diesen außergewöhnlichen t Schritt in einem für die Veröffentlichung bestimm- t ten Briefe zu rechtfertigen. Im Deceinber 1872 f, in die Dreißigercoinmisssvn, welche auf Antrag des l ' Justizministers Dufaure Verfassungsvorschläge machen sollte, gewählt, trat er sowol in der Commission, wie in den Debatten als entschiedener Verfechter konservativer Interessen und als uner- bittlicher Gegner von Thiers auf. Die von Letz- 7-- terem 18. Mai 1873 vorgenommene Reconstruc- s - tion seines Ministeriums aus dem linken Centrum -V bot B. die längst ersehnte Veranlassung dar, seine heimlich gelegten Minen springen zu lassen. Die . schon durch die radikalen Ergänzungswahlen entrüstete Rechte brachte eine von 320 Abgeordneten Unterzeichnete Interpellation ein über die Noth- wendigkeit einer entschieden konservativen Politik, in Anbetracht, daß der Ernst der Lage ein Cabinet erfordere, dessen Festigkeit das Land beruhige. Diese Interpellation vertheidigte B., als der wahre Rufer im Streite, in der Sitzung der Nationalversammlung vom 23. Mai in einer an Aus- fällen reichen Rede, worin er der Regierung das System der Compromisse u. Vereinbarungen mit dem Radikalismus zum Vorwurfe machte und eine entschieden konservative Politik verlangte. Die De- batte über diese Interpellation endigte mit einer von dein legitimistischen Abgeordneten Ernonl im Einverständniß mit B. beantragten motivirtcn Tagesordnung, in welcher die Nationalversammlung ihr Bedauern aussprach, daß die letzten Veränderungen im Ministerium den konservativen Interessen diejenige Genugthuung nicht gewährt hätten, welche diese zu erwarten berechtigt seien. Diese Tagesordnung wurde mit einer Majorität von 16 Stimmen angenommen und veranlaßte Thiers u. dessen Ministerium dazu, noch am Abend des 24. ihre Entlassung zu nehmen. Hierauf wurde von B. u. Changarnier sofort der Antrag gestellt, über die Ernennung eines Nachfolgers des Präsidenten der Republik abzustimmen. Diese noch in der Nacht des 24. vorgenominene Abstimmung rief den Marschall Mac Mahon an Thiers' Stelle. Dieser bildete Tags darauf ein Coalitious- lninisterinm mit einem vorzugsweise klerikalen Charakter, an dessen Spitze.B. als Vicepräsidcnt der Republik, mit dem Portefeuille des Auswärtigen, trat. Seine Verwaltung trug ganz den Stempel seiner früher veröffentlichten Schriften an sich: Begünstigung klerikaler Ansprüche, Unterstützung monarchischer Umtriebe, namentlich derjenigen, welche den Grafen von Chambord auf den Thron zu bringen suchten, u. Verfolgung einer kleinlichen, das Papstthnm unterstützenden Politik nach außen. Als 20. Nov. 1873 die Amtsdancr des Präsidenten auf 7 Jahre festgesetzt wurde stellten alle Minister Mac Mahon ihre Portefeuilles zur Verfügung, der sie aber bat, dieselben bis zur Reconstruction des Cabinets zu behalten. Diese fand 26. Nov. statt, und zwar in der Weise, daß B. in dem neuen Ministerium die Vicepräsi- dentschaft u. das Innere übernahm, das Auswärtige aber an Decazes wasser (daher auch in Seethicren n. Seepflanzen), im Wasser des Todten Meeres n. in den meisten Salzsoolen, in Spuren selbst im Trinkwasser u. in den Steinkohlen; endlich noch in einigen sehr seltenen, nur in Mexico und Chile vorkommenden Erzen (Embolith, Megabromit, Mikrobromit). Da das B. sich in den oben genannten Flüssigkeiten immer nur in sehr geringer Menge findet (1 I Meerwasser enthält 0,^ 11 Wasser des Todten Meeres 7,ggg §), so benutzt man zu seiner Darstellung ausschließlich die durch wiederholtes starkes Eindampfen u. Auskrystallisiren von anderen Verbindungen, namentlich Kochsalz, möglichst befreiten Mutterlaugen (Kreuznach, Schönebeck), die mit Braunstein u. Schwefelsäure gemischt u. in bleiernen Dcstillirapparaten erhitzt werden. Die sich entwickelnden B-dämpfe werden in stark abgekühlten Vorlagen verdichtet. So gewinnt man in Schönebeck ans 84 Pfd. Mutterlauge 4 Pfd. B. Das B. ist bei gewöhnlicher Temperatur eine dunkelrothbraune Flüssigkeit, welche in dickeren Schichten fast schwarz, in dünnen hyacinthroth erscheint, einen unangenehmen, chlorähnlichen Geruch u. einen eigenthümlichen zusammenziehenden Geschmack besitzt. Sein spec. Gew. ist 2,gg. Bei — 7,g" erstarrt es zu einem bleigrauen, blätterigen Körper. Da es schon bei 59" siedet, so stößt es auch bei gewöhnlicher Temperatur gelb-rothe Dämpse aus, die eingeathmet ebenso schädlich wirken, wie Chlorgas. Im flüssigen wie gasförmigen Zustande wirkt es zerstörend auf die meisten organischen Körper. In Wasser löst es sich etwas auf (s. B-wasser), reichlich in Äther u. Schwefelkohlenstoff. In seinen chemischen Eigenschaften ' steht es dem Chlor sehr nahe; es verbindet sich ' . wie dieses direct mit Schwefel, Phosphor und vielen Metallen, jedoch nicht mit derselben Leb- , Hastigkeit, daher werden alle B-verbindungen durch Chlor zersetzt, indem B. frei wird. Mit Wasserstoff verbindet es sich nicht direct, wol aber ent- ^ zieht es denselben vielen wasserstoffhaltigen Körpern. , Das B. fand bisher in der Medicin n. Photo- ' graphie Verwendung, freilich nur in beschränktem Maße; neuerdings ist es zur Desinfection als - Ersatzmittel für Chlor, sowie zur Fabrikation der Anilinfarben an Stelle des Jods in Anwendung gebracht worden. Haben sich auch nicht alle Hoffnungen, die man von ihm hegte, erfüllt, so kann man doch erwarten, daß das B. bei gesteigerter Production zu manchen Zwecken mit Nutzen verwendet werden wird. Die Gesammtproduction beläuft sich gegenwärtig auf ungefähr 2000 Ctr., wovon 400 Ctr. auf Staßfurt fallen. Es wurde ^ 1828 von Balard im Wasser des Mittelmeeres ! „ entdeckt u. nach seinem nnangenehmen Gerüche . (v. gr. bromos, Gestank) benannt. Hetzer. Bromal (Chem.) OzULigO, durch Einwirkung von Brom auf absoluten Alkohol entstehende farblose, ölige Flüssigkeit von scharfem, brennendem i ) . Geschmacke u. zn Thränen reizendem Gerüche; mit ---f Pierers Umversal-Conversatioi^-Lexikon. 8. Aufl. I Brombcrg. Wasser liefert sie eine krystallisirende Verbindung, das B-Hydrat. Cwrc». Bromate, so v. w. Bromsäuresalze. Bromäthyl (Chem.) l^ll^ilr, farblose, ätherisch riechende Flüssigkeit vom Siedepunkte 40„", die bei gleichzeitiger Einwirkung von Brom u. Phosphor auf Alkohol entsteht; in Wasser wenig, in Alkohol u. Äther leicht löslich. Clörc». Bromato graphie (v. gr. drSma, Speise), Beschreibung derNahrnngsmittel; Bromatologie, Lehre von denselben; bromatologisch, was auf diese Lehre Bezug hat; Bromatometer, Spcise- messer, ein von Regnet, Mechanikus in Pans, erfundenes Instrument zum Abwägen der täglichen Speisemenge für solche Personen, die eine strenge Diät führen müssen. Brombeere, s. Knimo. Bromberg. 1) Regierungsbezirkder preuß. Provinz u. des Großherzogthums Posen; begreift ein Stück von WPrenßen und des vormaligen Departements Posen; grenzt an die Regierungsbezirke Marienwerder, Frankfurt a. d. O., Posen u. an Russisch-Polen; 11,448,2g üjkm (207,^ H>M) mit 133 Stadtgemeinden, 1759 Landgemeinden und 566,649 Ew. (49 auf 1 s^icm, in ganz Preußen 70 auf 1 Hsstm), darunter 230,673 evangelische, 313,698 katholische, 520 sonstige Christen n. 21,758 Juden, ferner 258,500 Polen u. 722 Nicht-Preußen. Flüsse: Weichsel, die östlich die Grenze gegen den Regierungsbezirk Marienwerder bildet, n. deren Nebenfluß Brahe, Welna u. Netze mit Lobsenka u. Küddow, welche zur Warthe fließen; viele lange u. schmale Se e.n (Goplo-See); der B-er Kanal, welcher mittels der Netze n. Brahe die Oder und Weichsel verbindet, 30 üm lang, 1772—74 von Friedrich II. angelegt; viele Brüche, besonders an der Neye. Das Land ist flach u. senkt sich von N. n. S. zur Netze-Niedernng allmählich ab; der Boden theil- weise, besonders im Kreise Jnowraclaw (Cnja- vien), sehr fruchtbar; ziemlich der vierte Tbeil des ganzen Landes kommt auf Waldung. Der Ackerbau, verbunden mit Viehzucht, ist der hauptsächlichste Erwerbszweig; die Viehzählung vom 10. Januar 1873 ergab: 75,574 Pferde (51,746 für den landwirthschaftlichen und 3642 für den gewerblichen Betrieb), 320 Esel, 194,583 Stück Rindvieh (118,364 Kühe), 1,083,258 Schafe (492,069 Merinos), 118,181 Schweine, 16,469 Ziegen rc.; an Bienenstöcken waren 45,611 vorhanden, davon 3270 mit beweglichen Waben. An nutzbaren Mineralien sind Braunkohlen an der Netze u. Weichsel, Torf an der Netze und Steinsalz bei Jnowraclaw vorhanden. Industrie gering, meist nur auf Branntwein- und Bierpro- dnction beschränkt, doch auch Leinenweberei (an 10,000 Webstühle), Wollenspinnerei und Wollenweberei; sonst noch einige Eisen- und Kupferhämmer, Glashütten, Papiermühlen, viele Kalkbrennereien, Öl-, Walk-, Loh-, Getreide- u. Säge- mllhlen, Theeröfen. Die Stromschistfahrt zur Verschiffung von Getreide u. Holz ist bedeutend, der Handel durch Eisenbahnen begünstigt. Diese sind: Prenß. Ostbahn (222,2s üm), Obergchles. Bahn (166,gi stm), Öls-Gnesen (19,2g km), zusammen 408„5 km, u. es nimmt der Regbez. von V. Band. z Brome — LtOElirr 1)4 den 35 Regbez. des prcuß. Staates in dieser Hinsicht die 22. Stelle ein. Die Stenerkraft des Regbez. wird durch folgende Angaben veranschaulicht. Auf je 100 der gesammteu Klaffensteuerbevölkerung sind für das I. 1875 11,gg zur Klaffensteuer veranschlagt (in ganz Preußen 22 , 2 ,), davon 5,gg mit einem Einkommen von 140—220 Thlr., 0,«„ von 450—500 Thlr. u. 0,12 von 900—1000 Thlr.; steuerfrei waren 46,fpCt. (im ganzen Staate 27,ik). Kreise: deutsche: Bromberg, Wirsitz, Chodziesen, Tscharnikau; polnische: Mogilno, Gne- sen, Wongrowitz; gemischte: Schubin, Jnowrac- law. 2 ) Kreis daselbst; 1486,^ festem (27 f^W); 92,312 Ew. (davon 53,749 evangelische) in 16 Stadt- und 250 Landgemeinden; Boden müßig bewaldet; vom B-er Kanal u. 90 üm der Prcuß. OBahn n. Ober-Schlesischen Bahn durchschnitten n. von der Brahe bewässert; außerdem bildet die Weichsel die OGrenze u. die Netze einen Theil der SGrenze des Kreises. 3 ) (Poln. Bydgoßcz) Hauptstadt des Regbez. u. Kreises, an der Brahe, in welche wenig oberhalb der B-er Kanal ein- inündet, Station der unter 2) genannten Bahnen, durch welche die Stadt in directe Verbindung niit Berlin, Stettin, Danzig, Königsberg, Warschau, Posen re. gesetzt ist; Sitz einer Regierung, Appel- lations-, Kreisgericht, Schwurgericht, Forstinspec- tion, Divisionsstab, Proviantamt, königl. Eisenbahn- n. Ober-Postdirection; 1 evang., 2 kath. Kirchen, Synagoge; k. Gymnasium, Schullehrerseminar, Realschule, Gewerbeschule, höhere Töchterschule; Blindenanstalt, Kranken- u. Armenhaus; Freimaurerloge Janus; Schauspielhaus; Bank- Commandite, rittcrschaftlicher Creditverein, Volksbank, Ostdeutsche Wechslervereinsbank, Landwirth- schaftlicher Centralvcrein für den Netze-District; Bronzestandbild Friedrichs II. auf dem Marktplatze nach Uhlenfluths Entwurf (1861); hübsche Anlagen mit Aussichtspunkten,,, Schwedenschanze; Eisengießerei, Maschinen-, Öl-, Cichorien-, Tabak- und Cigarrenfabriken, Färberei, Gerberei, Brauerei. Brennerei, bedeutende Mahlmühle; bedeutender Handel mit Getreide, Wolle, Leder, Holz u. Wein. Mit Len Vorstädten hatte B. 1871 27,740 Ew. (1772 angeblich noch nicht 1000, 1782 gegen 2600, 1816 6100, 1848 14,412), wovon 18,562 evang., 7039 kathol., 1963 israel. re.; 1483 Wohngebäude. — B-, zur Zeit des Deutschen Ordens angelegt, kommt seit der Mitte des 13. Jahrh. urkundlich vor, gehörte später bald zu Polen (Woiwodschaft Jnowraclaw), bald zu Pommern, 1327—43 wieder dem Deutschen Orden, welcher sie im Kalischer Frieden an Polen abtrat. 1346 ward die Stadt von König Kasimir neu ausgebaut u. erhielt Magde- burgisches Recht; sie ward 1655 von den Schweden eingenommen, aber 1656 von den Polen wie- derervbert. Inder 1. Theilung Polens 1772 kam B., völlig entvölkert, mit dem Netzedistrict an Preußen. Friedrich II. suchte nunmehr B. zu heben n. bahnte namentlich durch Anlage des B-er Kanals die jetzige Bedeutung der Stadt als Handelsplatz an. In dem Kriege, welcher der 3. Theilung Polens vorausging, wurde B. von dem polnischen General Dombrowski 11. Octbr. 1794 kurze Zeit besetzt. Durch den Frieden von Tilsit 1807 ging es für Preußen verloren und wurde die Hauptstadt des B-er Departements (8756 dsirm, 214,000 Ew.) im Großherzogthnm Warschau; 18. Jan. I8iz wurde es von den Russen unter Woronzow besetzt; 1815 kam es durch den Wiener Congreß wieder an Preußen und wurde Hauptstadt eines neuen Regierungsbezirkes. Vgl. Kühnast, Historische Nachrichten über die Stadt B., Berl. 1837; Wuttke, Städtebuch des Landes Posen, Lpz. 1864; Magazin für die Literatur des Auslandes, 187S, Nr. 28, das Verhältniß der Prov. Posen zum preuß. Staatsgebiete; Grenzboten 1873 Nr. 11 ; Kattner, Stärke u. Vertheilung des deutschen u. des polnischen Elements in Posen. Brome, Richard, engl. Lustspieldichter; starb 1652. Ehe er sich zum Autor aufschwang, befand er sich in einer sehr untergeordneten Stellung, er scheint Bedienter bei Ben Johnson gewesen zu sein. Seinem Herrn lernte er die Art seiner Kunst u. dem gemeinen Leben die lebendige Charakteristik ab. B. schrieb an 15 Theaterstücke, die bei ihrem Erscheinen nicht unbedeutenden Erfolg hatten n. unter denen man namentlich das Lustspiel nennt: Püs jovial 6rorv (1651). Zehn dieser Stücke, die sich im Ganzen durch wohl angelegten Plan n. durch gut entworfene Charaktere auszeichneten, wurden von 1653—59 in London in 2 Bdn. im Druck herausgegeben. Unter dem Titel: Mie ckrnmntio IVorüs ok 8. 8., oontnäninA üktesn oomsäiss erschien zu London 1873 ein neuer Abdruck seiner Theaterdichtungen (darunter 5 zum ersten Mal veröffentlichte Stücke) in 3 Bänden. Bartling. Bromeis. August, deutscher Landschaftsmaler, geb. 1813 in Kassel; studirte dort, 1831—33 in München, 1833—48 in Rom, ward hier Schüler Kochs, lebte dann in Kassel u. Frankfurt, von 1857— 67 in Düsseldorf, wo er A. Achenbachs Richtung folgte, u. ward 1867 Professor an der Kasseler Akademie. Hauptwerke: Römische Campagna (städt. GalerieinKassel); Waldsaum bei Düsseldorf (Sammlung der Königin von Hannover); Italienische Landschaft (Nationalgalerie in Berlin). Bromel, s. Brumel. öromekm T., Pflanzengattung nach Ol. Bromel (Arzt u. Botaniker in Gothenburg, geb. I63S, gest. 1705) benannt, aus der Familie der Bro- meliaceen (VI. 1); äußere Blüthenhülle mit drei gleichen, gekielten, aufrechten Blättern, innere Hülle mit 3 fleischigen, zusammengerollten oder abstehenden, bunt gefärbten Blättern; 6 kurze, ziemlich dicke, an der Basis erweiterte, unter einander und mit den Blumenblättern verwachsene Staubblätter mit lineal-pfeilförmigen Antheren; Stengel mit dreifächerigem Fruchtknoten, kurzem dickem Griffel u. 3 aufrechten, fleischigen Narben; Frucht eine eiförmige u. längliche, 3fächerige, vielsamige Beere. Arten: 1) 8. ikinAlliu L., mit sehr starren, über 1 in langen, grau-grünen, stachelig gewimperten Blättern; in Westindien heimisch; liefert einen scharfen Saft, der zur Reinigung des Mundes u. als wnrmtreibendes Mittel dient. 2) 8. Lsrntns 8-, aus Westindien u. SAmerika, mit zahlreichen lineal- pfriemlichen Blättern u. zahlreichen (2—300) dichtgedrängten, sitzenden Blüthen; liefert, sowie mehrere andere Arten, eßbare Früchte, die jedoch der L. Lnsnas L. (VvanLssa sntivn. Lr-rckk.) bei Weitem an Wohlgeschmack nachstehen. Engkr. Lrouisliaosae — Bromme gromeliaosae, Pflanzenfamilie aus der Klasse -er Siiüüoras, mitmeist perennirendem Grundstöcke, qrundständigen, starren, scheidigeu, am Rande meist stachelig gezähnten Blättern, deren Oberhaut sich häufig in Schüppchen loslöst u. mit zahlreichen mittelgroßen, in Ähren, Trauben oder Rispen gestellten Blüthen; Bliithenhülle bald frei, bald mit dem Fruchtknoten verwachsen mit 3 äußeren kclchartigen Abschnitten, von denen die beiden Hinteren öfter unter einander verwachsen u. mit Z inneren blnmenkronenartigen Abschnitten, welche in der Knospenlage spiralig gedreht sind, mit 6 Staubblättern, mit freiem oder unterständigem, zfächerigem Fruchtknoten, in welchem an dem centralen Winkel der Fächer zahlreiche Eichen in 2 Reihen sitzen; Griffel einfach, 3kantig, mit 3 bisweilen fleischigen oder erweiterten Narben; Frucht eine Beere oder Kapsel, meist scheidewandspaltig aufspringend, mit vielen länglichen od. eiförmigen, eiweißhaltigen Samen. Alle Arten sind im tropischen Amerika heimisch, einige in Afrika und Asien verwildert. Gattungen: Lromslia, ^.sellmsa, LillborZffs, Sitesärnis,, Tillancksia, Usolltia, I>a- gMoion. Engl-r. Bromesgrove, Wahlflecken in der englischen Grafschaft Worcester, am Salwarp u. der Bir- mingham-Gloucester Eisenbahn; Nähnadel-, Fischangel-, Tuch- u. Leindwandfabriken; 6967 Ew.; in der Kirche schönes Monument der Talbots, Grafen von Shrewsbury. Bromfield, William, berühmter engl. Wundarzt, geb. 1712, gest. 24. Septbr. 1792; war ordentlicher Wundarzt am St.-Georges- u. erster Wundarzt am Lock-Hospital, das er mitgegründet hatte, seit 1767 erster Wundarzt des Königs. Die Chirurgie verdankt ihm eine ganze Reihe sehr werthvoller Erfindungen u. Verbesserungen. Seinen reichen Schatz trefflicher Erfahrungen legte er nieder in den OkirurAloal Obssrvationa, London 1773, deutsch, Leipz. 1774, u. in dem 8Mabu8 anatomieus Avnsralium ttumani oorporia partium iäsam eomprolienäson, London 1748, u. a. m. Thamhayn. Bromhydrat, krystallinische Verbindung von Brom u. Wasser (wahrscheinlich Sr -l- lOSzO), die sich bildet, wenn Brom mit Wasser bei einer Temperatur unter 4" in Berührung ist. Sie zerfällt bei 15° in ihre Bestandtheile. Hetzer. Bromide (Brommetalle), Verbindungen von Brom mit Metallen; in ihren Eigenschaften den entsprechenden Chlorverbindungen sehr ähnlich. Die meisten sind in Wasser löslich u. krystallisir- bar. Man erhält sie direct durch Zusammenbringen des Metalls mit Brom u. Wasser, oder durch Einwirkung von Bromwasserstoff auf das betr. Metalloxyd. Durch Chlorwasser u. Chlorgas werden sie zersetzt, wobei sich Brom verflüchtigt, welches an der charakteristischen Farbe feines Dampfes, seinem Gerüche, seinerBleichkraftu. seiner Verdichtbarkeit erkannt werden kann. Hetzer. Bronnos (v. Gr.), Beiname des Bacchus von seiner lärmenden Begleitung. Bromit, so v. w. Bromsilber. Bromkalium, s. Kaliumbromid. Bromley, Stadt in der engl. Grafschaft Kent, am Ravensbourn; Kirche mit mehreren Monumenten; Stift für unbemittelte Wittwen von Geistlichen; eisenhaltiger Gesundbrunnen; 10,674 Ew. Bromley, 1) Thomas, apokalyptisch-praktischer Mystiker, der namentlich aus Jakob Böhme« Schriften schöpfte, geb. 1629 zu Worcester, gest. 1691. Mit Johann Pordage u. Johanna Leade ist er einer der Begründer der Philadelphischen Societät oder Engelsbrüderschaft, die sich aber 1705 wieder auflöste. Er wurde vonseinerPfründe in Oxford unter Karl II. ausgeschlossen. Mit den Mystikern seiner Zeit theilt er die Verachtung der Ehe, das Borgeben außerordentlicher Offenbarungen, den Chi- liasmus. Seine Werke in 2. Ausl., Frankfurt u. Leipz. 1709—1732. 2) William, engl. Kupferstecher, geb. 1769 zu Cavisbrooke (Insel Wight), gest. 1843 in London; war seit 1819 Mitglied der Englischen Akademie. Er stach nach Lawrence: Surai umussmonb; I. T. Lewis: Predigt spanischer Mönche in Sevilla; G. Harwey: Der Religionsunterricht; nach Corbauld: Die von Elgin nach England gebrachten griechischen Antiken. 1) Löffler. 2> Regnet. Bromme, 1) Traugott, ein um das Auswanderungswesen verdrenter Schriftsteller u. Buchhändler, geb. 1802 in Anger bei Leipzig; lernte in Leipzig den Buchhandel, conditionirte dann in Bremen u. schiffte 1820 nach NAmerika, wo er sich ankaufte u., um das Land in Bezug auf Ansiedelung kennen zu lernen, den größten Theil der Union, Canada, Texas u. die Küstenländer des Mexikanischen Golfes bereiste; mit einem columbischen Kriegsschooner, auf welchem er als Chirurg diente, kreuzte er in Westindieu u. war mit der Mannschaft desselben, weil der Capitän sich hatte Betrügereien zu Schulden kommen lassen, fast 1 Jahr Gefangener auf Hayti; 1824 wurde er nach NAmerika zurückgebracht und kehrte im Herbste d. I. nach Deutschland zurück. Hier übernahm er mit seinem Schwager Joh. Gottlieb Wagner (geb. 1782, gest. 1839) die Walthersche Hofbuchhandlung in Dresden (gegründet durch Georg Konr. Walther 1740) u. führte dieses Geschäft mit ihm bis zu dessen Tode u. von 1840 bis 1843 im Vereine mit seinem Vetter Louis B. Die Regelung der Auswanderung u. die Gründung deutscher Ansiedelungen in NAmerika behielt er stets im Auge u. schr. darüber: Reisen durch die Vereinigten Staaten u. Ober-Canada, Baltimore 1832 f., 3 Bde.; Michigan, eine gevgra- phisch-statistisch-topographische Skizze, ebd. 1834; Taschenbuch für Reisende durch die Vereinigten Staaten, ebd. 18S7; NAmerika in allen Beziehungen, Stuttg. 1840 f., 2 Bde., u. wurde namentlich durch sein in 8 Auflagen erschienenes Hand- und Reisebuch für Auswanderer nach Nord-, Mittel- u. SAmerika, 1839—66, der Gründer einer eigenen Auswandererliteratur. Im Jahre 1844 siedelte er nach Stuttgart über u. st. hier 4. Sept. 1865. Er schr. noch u. a.: Rathgeder für Auswanderungslustige, Stuttg. 1846; Wegweiser für Einwanderer und Reisende, Bayreuth 1848; Neuester Wegweiser für Auswanderer nach Amerika, Stuttg. 1852; Atlas zu Alex. v. Humboldts Kosmos, mit erläuterndem Text, ebd. 1851 bis 1854. 2) Karl Rudolf, genannt Brommy, im I. 1848 Admiral der deutschen Flotte, Bruder 8 * 116 Brvmmcis — Lromiis. des Vor., geb. 10. Sept. 1804 in Anger; kam kam» 13 Jahre alt nach Hamburg, machte den Schifssdienst durch alle Grade durch, ging dann nach den Vereinigten Staaten von NAmerika, besuchte nach einander die Küsten aller Erdtheile n. machte einige wichtige Verbesserungen in der Handhabung der Schiffsgeschütze. Zu Anfang des Jahres 1827 trat er in griechische Dienste, in denen er sich als Schiffscommandant in vielen Seegefechten auszeichnete. Mit kurzen Unterbrechungen diente er in der griech. Marinever- waltung, in Melcher er hohe Ämter bekleidete, bis er im Novbr. 1848 vom Reichsministerium nach Frankfurt berufen wurde, um an der Organisation der deutschen Reichsmarinc mitzuwirken. Er wurde der technischen Marinecommission zugetheilt und gleichzeitig im Reichsministcrium der Marine als Referent verwendet, nach Kündigung des Waffenstillstandes mit Dänemark im März 1849 nach Bremerhaven zur Organisation der deutschen Flotte gesendet, im April zum Seezeugmeister für die Nordseekllste, im August zum Commodore u. im November zum Contreadmiral ernannt. Nach der Auflösung der deutschen Flotte 1853 lebte er zu Bremerhaven u. trat im Mai 1857 als Chef der technischen Abtheilung in der Admiralitäts- scction in Mailand in österreichische Dienste, gab diese Stellung jedoch bald wieder auf. Er starb 9. Jan. 1860 zu St. Magnus bei Bremen. B. schr. u. a.: Die Marine, Berl. 1848, 2. A., von H. v. Cittrow, 1866, und als C. R. Termo: Skizzen aus dem Leben eines Seemannes, Mei- ßen 1832. Broiitineis, Vogel, so v. w. Dompfaff. Bromnatrium, s. Natriumbromid. Bromnitz, Stadt, so v. w. Bronnizy. Bromoform (Chem.) 6Wig, eine LemChloro- form (s. d.) ähnliche, angenehm riechende, süß schmeckende, farblose, bei starker Kälte krystallisirende Flüssigkeit, durch Einwirkung von Brom auf Holzgeist, Alkohol od. Aceton bei Gegenwart von Kali darstellbar; spec. Gew. 2,^. Clören. Brsmpräparate , salzartige Bromverbindun- gen; so Bromkalium, sehr leichtlösliches, inWürseln krystallisirendes Salz, in der Medicin verwendet; Bromammonium, in der Chlorreihe dem Salmiak entsprechend, leicht lösliches, farbloses, leicht gelb werdendes Salz, in der Photographie verwendet. Bromsäure, Verbindung von Brom, Wasserstoff u. Sauerstoff von der Formel ULrOg. Man kennt sie nur in wasserhaltigem Zustande. Ihre concentrirte Lösung ist farblos, dickflüssig, von stark saurem Geschmacke. Sie zersetzt sich beim Erwärmen, sowie in Berührung mit brennbaren Körpern, indem sie Sauerstoff abgibt. Ihre Darstellung ist schr umständlich. Man zersetzt entweder bromsaures Kali durch Kieselfluorwasserstoff, oder vromsauren Baryt durch Schwefelsäure, natürlich unter Vermeidung jeder Erwärmung. Hetzer. Bromsaurer Baryt scheidet sich als feines, weißes Krystallpnlver ab, wenn man Brom in concentrirtes Barytwasser einträgt. Bromsäuresalze (Bromate) sind Verbindungen der Bromsäure mit Basen. Die meisten sind farblos, in Wasser löslich u. außerordentlich leicht zersetzbar. Mit brennbaren Körpern znsammenge- bracht, explodiren sie sehr heftig. Viele verwandeln sich beim Erhitzen unter Sauerstoffabgabe in Bromide. Bromsaures Kali LLrOz entsteht neben Bromkalium beim Einträgen von Brom in Kalilauge 6 !I Iv 0 -p- 3! l^BrOg -i- 5iv ii r -p- 38zO Kalihy- u. Brom geben broms. u. Brom- u. Master. drat Kali, lalimn Ist die Lauge hinlänglich concentrirt, so scheidet sich das schwer lösliche bromsaure Kali ab. Es bildet ein weißes, krystallinisches Pulver, das schmelzbar ist, sich dabei aber sehr leicht unter Explosion zersetzt. Hetzer. Brömsebro, Schloß im schwed. Ostgvthlande, Provinz Smaland, Calmar Län, wo 15. August 1645 der von Dänemark unter Christian IV. während des 30jähr. Krieges angesangene See- u. Landkrieg gegen Schweden vom Schwiegersöhne des Königs Lurch Vertrag beendigt wurde. Bromfilbev (Bromit), ein in kleinen Kry- stallen des regulären Systems, sowie auch in krystallinischen Körnern vorkommendes Mineral von olivengrüner bis gelber Farbe; Härte 1—2; spec. Gew. 5,g—6. Es besteht aus Bromsilber, oft in Verbindung mit Chlorsilber (Embolit) u. ist meist durch kohlensaures Bleioxyd, Eisenoxyd u. Thon verunreinigt. Es findet sich ziemlich häufig in Mexico (San Ofre), auch in Chile u. wird zur Silbergewinnung verwendet. Bromstickstoff, Verbindung von Brom mit Stickstoff (Formel IstLvg), dunkelrothe, höchst explosive Flüssigkeit, die entsteht, wenn man zu Chlorstickstoff eine Lösung von Broinkalium tröpfelt. Bromüre sind Verbindungen von Brom mit Metallen. Gewisse Metalle (Quecksilber, Kupfer, Eisen rc.) verbinden sich mit Brom in zwei Verhältnissen; in diesem Falle heißt die bromärmere Verbindung dasBromür, die andere dasBromid des betr. Metalls. H°tz°r> öromum, so v. w. Brom. Lromus T., Pflanzengattung aus der Familie der Gräser(Liaminsas-I?sstnoaeoLö,III.2); Hüllblätter ungleich; Ährchenachse gliederweise mit der Blüthe abfallend; Deckblätter 5—7nervig, meist unter der trockenhäntigen, 2spaltigen Spitze begrannt; Perigonblätter häutig, verkehrt-eiförmig; Fruchtknoten oberwärts behaart; Frucht innen gefurcht, vom Deckblatte u. Bocblatte eng eingeschlossen. Die ziemlich großen Ährchen stehen in einer gleich- i seitigen Rispe, deren Äste abwechselnd zweizeilig, stehen u. mit grundständigen Zweigen versehen sind. Häufige Arten Deutschlands: a) mit seitlich zusammengedrückten Ährchen, Inervigem unterem u. 3nervigcm oberein Hüllblatte u. mit gekieltem, an der Spitze begranutem Deckblatte: 1) 8. nspor mit sehr lockerer, zuletzt Lberhängender Rispe, zugespitzten Ährchen und am Kiel kurz- gewimpcrten Vorblättern; in schattigen Laubwäldern. 2. 8. sroains Hucks., mit aufrechter ziemlich dichter Rispe u. ähnlichen Ährchen; an sonnigen Grasplätzen zerstreut. 3. 8. insruüs Ler/s«., von voriger durch die kahlen Blätter u. nur sehr kurz begrannten Deckblätter verschieden; häufiger als diese. Die 3 genannten Arten sind ausdauernd, dagegen einjährig 4. 8. stsriUs 8>> mit oben verbreiterten Ährchen u. am Kiel steif Bromwasser — Bronchcnerwciterung. 117 borstig gewimperten Vorblättern, durch die kahlen Stengel verschieden von 5. 8. tsetorurn 8., dessen Stengel unter der überhangenden, dichten Rispe kurzhaarig ist. Beide Arten sehr häufig an trockenen Plätzen, Mauern rc. b) Mit anfangs stielrundlichen, später zusammengedrückten Ährchen, Znervigem unterem und 7—9nervigem oberem Hüllblatts u. mit concavem, unterhalb der Spitze begraimtem, 7ncrvigcm Deckblatte, u. 6.8. sseski- nus 8. (Roggentrespe), mit kahlen Blattscheiden, in der Fruchtreife etwas von einander entfernten Blüthen u. stumpfen Deckblättern; oft lästiges Unkraut unter der Saat. 7. 8. nrvsiww 8., mit weichhaarigen Blattscheiden, auch in der Fruchtreife sich dachziegelartig deckenden Blüthen und spitzen Deckblättern; auf sandigem Lehmboden zerstreut. 8. 8. raesmosnZ 8., mit länglich-eiförmigen, gelblich-grünen, etwas violetten Ährchen u. ausrechter, schmaler, traubensörmiger Rispe; beliebtes Futtergras. 9. 8. mollm 8., niit weichhaarigen Blättern, aufrechter, weichhaariger Rispe u. weichhaarigen Deckblättern; sehr verbreitet an Wegrändern u. auf Wiesen. 10. 8. pnrAons 8., mit 8. srsetns verwandt; in NAmerika einheimisch; dient daselbst als Abführungsmittel. Engter. Bromwasser, Auflösung von Brom in Wasser (1 Thl. Brom in 30 Thln. kaltem Wasser); gelbroth gefärbt, von schrumpfendem Geschmack u. zersetzt sich langsam am Sonnenlichte unter Bildung von Bromwasserstoff. Hetzer. Bromwafserstoff (Bromwasserstoffsäure), nach , der Formel 88r zusammengesetzte Verbindung ^ von Brom mit Wasserstoff, die in ihren Eigen- , schäften dem Chlorwasserstoffe sehr ähnlich ist, ein l farbloses, stechend sauer riechendes u. schmecken- ; des Gas, welches bei — 73° flüssig wird u. bei noch niederer Temperatur kristallinisch erstarrt; ' spec. Gewicht ^ 2,,,. An feuchter Luft bildet er dicke weiße Nebel, indem er den Wafferdampf derselben condensirt. In Wasser löst er sich sehr leicht auf; die concentrirte Auflösung raucht an der Luft u. hat Geschmack und Geruch des Gases. Bromdampf und Wasserstoff verbinden sich direct nur durch Berührung des Gemisches mit einem brennenden Körper oder mit Platin- schwamm. In Gassorm erhält man den B. zweckmäßig durch Erwärmen von Bromkalium mit einer concentrirten Lösung von Phosphorsäure, in wässeriger Lösung durch Einträgen von Phosphor in Brom, das mit Eiswasser bedeckt ist, oder dadurch, daß man Schwefelwasserstofsgas in Wasser leitet, in welchem Brom fein vertheilt ist. Hetzer- Bronce u. Zusammensetzungen, so v. w. Bronze. Bronchen, s. Bronchien. - Bronchenerweiternng (Bronchektasie), Er- Weiterung der Luströhrenzweige; betrifft meist die Luftröhren dritter Ordnung, bisweilen jedoch auch die größeren Luftröhren, u. zwar entweder nur einzelue Luftröhrenzweige, oder — seltener — die säimntlichen Luftröhrenzweige der linken u. rechten Lunge u. besteht in cylinderförmiger oder sack- artiger Ausdehnung des Lumens der betreffenden Luftröhrenzweige. Bei der letzteren bilden sich Haselnuß- bis hühnereigroße, rundliche Höhlen, die bisweilen roseukranzartig aneinandergereiht sind (Paternoster - Bronchektasie); in anderen Fällen finden sich nur einzelne solcher Höhlen vor; sehr selten ist das ganze Lnngcngewebe von bronchektatischen Höhlen durchsetzt, 'u. 'bei Durchschnitten desselben sieht man eine bienenwabcnähn- liche Entartung. Die zu größeren bronchektatischen Höhlen führenden Luftröhrenzweige endigen in die Höhlen gewissermaßen wie in" eine 'Sackgaffe, während die Fortsetzungen dieser Luftröhrenzweige über die Höhlen hinaus verstopft u. verödet sind. Die Wände der bronchektatischen Höhlen sind entweder verdünnt, oder starr, steif, verdickt, die Schleimhaut gelockert, gewulstet, nicht selten mit Geschwüren bedeckt; der Inhalt der Höhlen besteht aus Schleim, Eiter, bisweilen mit etwas Blut vermischt. Nicht selten kommt cs zu jauchiger Zersetzung des Höhleninhaltes u. zu brandiger Zerstörung der Schleimhaut der Höhlen u. des die Höhlen umgebenden, meist durch Compression in seinem Luftgehalte beeinträchtigten Lungengewebes. In seltenen Fällen schließt sich eine bronchektatische Höhle völlig ab, u. ihr Secret trocknet zu einer mörtelartigen, späterhin kalkig- trockenen Masse ein (Lnngensteine). Die Folgen, welche größere bronchektatische Höhlen haben, bestehen theils in Verminderung der Athemfläche der Lungen, da ein großer Theil der Lungenbläschen zu Grunde gegangen ist, theils in Cir- culätionsstöruugen, da durch Druck der Höhlen auf die das Lungengewebe durchziehenden Blutgefäße die Wegbarkeit der letzteren vermindert oder gänzlich aufgehoben ist, theils endlich in Schwächung des Kräftezustandes des Kranken, da die in den Höhlen abgesonderten u. durch Expec- toration entleerten schleimig-eiterigenMasseneiweiß- haltig sind. Die weiteren u. schließlichen Folgen sind häufig Wassersucht, Blutstauungen iin ge- sammten Venensystem, Abmagerung n. Tod durch Erschöpfung. Die Ursachen der B. sind hauptsächlich starker Expirationsdruck u. Schrumpfungsprocesse der Lunge. Den ersteren beobachten wir bei allen Krankheiten mit krampfhaftem, heftigem Husten, bei welchem die Stimmritze nicht fähig ist, die durch die expiratorischen Muskeln Plötzlich aus der Lunge gedrängte Luft durchpassiren zu lassen; komint hierzu eine Lockerheit der Schleimhaut, wie wir sie immer bei alten, verschleppten Bronchialkatarrhen beobachten, so fehlt die Resistenz der Luftröhren, und es erfolgt eine Ausdehnung der letzteren. Bei Schrumpfungsprocessen der Lungen werden die Wände der Luftröhren mit nach außen gezerrt, n. es entsteht dadurch eine Erweiterung der Luftröhren. Das Vorkommen der Bronchektastcn ist nicht selten, u. namentlich findet man bedeutendere Grade des Leidens häufig im höheren Alter. Die Erscheinungen im Leben bestehen, wenn das Übel höhere Grade erreicht hat, hauptsächlich in anfallsweisen Entleerungen von größeren — maulvollen — Mengen schleimig-eiteriger, widerlich süßlich riechender Flüssigkeiten durch Husten, welche die Atmosphäre um den Kranken verpesten. Nicht selten sinkt die Brustwaud über einer größeren Höhle etwas ein, u. der Percussionsschall, der uor- maliter an dieser Stelle voll und sonor klingen müßte, wird tympanitisch. Die Auscultation ergibt Rasselgeräusche mit metallischem Klange. Diese )18 Bronchcnvcrcngcrung vben angeführten Erscheinungen sind jedoch nur bei größeren Höhlen in solcher Deutlichkeit vorhanden u. machen nur bei dieser die Diagnose möglich, bei kleineren Höhlen ist eine genaue Diagnose nicht möglich. Zu erwähnen ist übrigens, daß sich Bronchektatiker meist lange gut halten, ». unterscheiden sich dieselben hierdurch von Schwindsüchtigen, bei denen bekanntlich sehr bald Abzehrung eintritt. Die Behandlung besteht in sorgfältiger Beachtung u. Beseitigung von Luftröhrenkatarrhen (s. Bronchialkatarrh) u. in besonderer Fürsorge sür eine nahrhafte Kost, wenn das Leiden schon älter ist. Wegen der verminderten Athemsläche müssen Kranke der Art auf Einathmung reiner Luft halten, besonders nützt bei großer Hartnäckigkeit beginnender Bronchektasien der Aufenthalt in einem südl, Klima. Kunze. Bronchenverengerung (Bronchostenose, Med.) ist die Verengerung größerer Luftröhrenäste. Dieselbe kann herbeigeführt sein durch Druck von außen durch angeschwollene Lymphdrüsen oder andere Geschwülste in der Brusthöhle, oder durch Veränderungen der Schleimhaut selbst. In letzterer Beziehung kommt besonders - die katarrhalische Schwellung der Schleimhaut, die wulstig-dick werden kann, u. die Narben- u. Schwielenbildnng, die in letzter Zeit bisweilen bei Syphilitischen beobachtet ist, in Betracht. Die Verengerung erstreckt sich fast immer nur ans eine kleine Strecke des betreffenden Luftröhrenastes, und findet man unterhalb der Verengerung meist eine Erweiterung dieses Luftröhrenastes. Die Erscheinungen bestehen besond. in forcirten Inspirationen — der Kranke spannt alle seine inspiratorischen Kräfte an, um Len Widerstand des Lnfteindringens in seine Lungen zu ermöglichen; die Inspirationen sind pfeifend, schrillend; nicht selten sind Anfälle von Erstickung. Die Auscnltation ergibt im Bereiche des stenosirtcn Bronchus das Athmungsgeräusch abgeschwächt. Die Behandlung ist nur da erfolgreich, wo die Ursachen zu beseitigen sind, was leider nur selten der Fall ist. Bisweilen gelingt es, Lymph- drüsenanschwellungen, wenn diese die Ursache der Verengerung sind, durch eine Jodkur zu verkleinern u. damit auch die Stenose zu heben. In allen übrigen Fällen bleibt nur übrig, angesammelte Schleimmassen durch Brechmittel, entzündliche Erscheinungen durch die hiergegen geeigneten Mittel zu beseitigen u. den Lufthunger durch Opium zu stillen. Kunze. öronokia, s. u. Bronchien. Bronchial ..., die Luftröhre betreffend; daher B-arterien u. B-Venen, so v. wie Luftröhrenarterien u. Luftröhrenvenen. Bronchialathmen, dasjenige Athmnngsge- räusch, welches die ein- u. ausgeathmete Luft in den größeren Luftwegen erzeugt, welches aber nur dann bei der Auscnltation zu hören ist, wenn eine dem Brustkasten anliegende, hinlänglich große Lungenschicht verdichtet, verödet, lustleer oder in- siltrirt ist (z. B. bei cronpöser Pneumonie, Schwindsucht rc.). Dasselbe ähnelt dem wie ein ch oder weiches r klingenden Keuchen oder Hauchen. Nach den: Orte der Entstehung unterscheidet man noch K Unterarten des B-s, das Laryngeal-(Kehlkopf-), Tracheal-(Luströhren-) u. das eigentliche B.-(Luft- röhrenäste-Mhmen. Berns. — Bronchialkatarrh. Bronchialäste, so v. w. Bronchien. Bronchialcroup, eine Entzündung der Bronchialschleimhaut mir saserstoffigen, häutigen Ausschwitzungen, ganz ebenso wie beim Kehlkopsz- cronp. Der B. ist meist ein vom Kehlkopfe aus fortgepflanzter, sehr selten ist er eine primäre, in Len Luströhrenzweigen selbständig entstandene Krankheit u. nimmt dann meist einen chronischen Verlauf. Da, wo der B. die feineren Luströhrenzweige ergriffen hat, entsteht immer hoheAthem- noth, krampfhafter Husten, u. in dem schleimigeiterigen Auswurfe finden sich verästelte Faserstosf- gerinnsel, die ausgehnsteten Ausgüsse der feineren Lnftröhrenzweige. Die Krankheit ist eine sehr schwere u. meist zum Tode führende. Die anzuwendenden Mittel sind vorzugsweise die Brechmittel, um die Luftwege wieder frei zu machen, u. demnächst kalte Umschläge aus die Brust. Kunze. Bronchialdrüscn, die an u. um die Theil- ungsstelle der Luftröhre gelegenen Lymphdrüse», welche nicht selten der Sitz tuberculöser u. anderer Ablagerungen werden, auch vereitern können u. bisweilen sogar ansgehnstet werden. Bronchialgcfiiße, s. Lnftröhrenarterien und Luftröhrcnvencn. Bronchialgerinnsel , Faserstoffgerinmmgen ans den Lnftröhrenverzwcigungen bei Pneumonie u. Bronchialcronp. Bronchialkatarrh, eine Entzündung der Schleimhaut der Luftröhren mit wässerig-schleimiger Absonderung u. Schwellung der Schleimhaut. Sein Sitz sind entweder die größeren Luftröhre;! (gewöhnlicher B.) od. die kleineren u. kleinsten Verzweigungen derselben (Capillarbronchitis). Bisweilen kommt es zu vollständiger Verstopfung der kleinsten Luftröhrenzweige u. der Lungenbläschen durch aspirirte Schleimmassen, u. auch das zwischen den Lungenbläschen u. Lnftröhrenzweigen befind- ^ liche Gewebe betheiligt sich an der Entzündung i durch einen stärkeren Blutgehalt. Solche Stellen sind dann verdichtet u. zur Athmung ungenügend (katarrhalische Lungenentzündung). Die Ursachen der B. können liegen in Reizen, welche die Luftröhrenschleimhaut direct treffen (Einath- mungen von Stein-, Wolle-, Holz-, Metallstaub, von intensiv kalter oder heißer Luft, scharfe N- u. NOLust), oder welche vom Blute aus wirken, wo das Blut der Träger eines Krankheitsgistes ist, dessen fpecifische Wirkung die Herbeiführung eines B-s ist (Grippe, Masern, Keuchhusten, Typhus), oder ferner in solchen, die von abnormen Erregungen der Nerven ausgehen (das letztere ! sehen wir häufig beim Zahnen der Kinder; viele Kinder bekommen vor jedesmaligem Durchbruch eines Zahnes einen mehr oder weniger heftigen B.); oder endlich der B. entsteht durch Fortleitung eines benachbarten Katarrhs, besonders der Nase u. des Kehlkopfes, u. geht bei manchen Menschen jeder Schnupfen auf die Brust über, oder er ist der Begleiter anderer Lungenkrankheiten (Schwindsucht, Lungenemphysem rc.). Das öftere Befallen- sein von B. disponirt vorzugsweise znm Wiedererkranken an B. Je nach dem Verlaufe unterscheidet man einen acuten und einen chronischen Katarrh. Der acute wird nicht selten von Fieber- erscheinnngen (Frösteln, allgemeinem Unwohlsein, 119 Bronchialrasscln — Bröndsted. vermehrtem Puls u. erhöhter Temperatur — Katarrhalfieber) begleitet u. besteht in häufigem Husten, Hustenreiz u. Absonderung eines anfangs sparsamen u. sehr zähen, späterhin reichlichen, lockeren Schleimes u. in Rasselgeräuschen in der Brust. Auch Schmerzempfindungen in der Brust u. in den durch die heftigen Exspirationsstöße angestrengten Bauchmuskeln sind sehr häufig vorhanden. Nach 14 Tagen bis 3 Wochen mäßigen sich sämmtliche Erscheinungen u. verschwinden allmählich gänzlich bei günstigem Verlaufe, oder werden chronisch, bleiben immer in geringem Grade bestehen u. werden bei der nächsten Gelegenheit wieder stärker. Der chronische B., den man namentlich bei einer großen Anzahl Lungenkrankheiten als begleitende Erscheinung antrifft, oder auch bei Herzkrankheiten, welche eine Blutstauung in den Lungen zur Folge haben (fehlerhafte Klappen u. Ostien in der linken Herzhälfte) verläuft ohne Fieber, n. seine Erscheinungen bestehen vorzugsweise in Husten u. Auswurf. Der letztere kann so reichlich sein, daß die Kranken den Tag über ganze Spucknäpfe voll liefern (Bronchor- rhöe). Bisweilen kommt es auf der Schleimhaut zu papillären Wucherungen u. Wulstbildungen, u. auch Geschwüre hat man beobachtet. Tritt infolge zu reichlicher Schleimabsonderung ein hektischer Zustand ein, so spricht man von Schleimschwindsucht (klitdlsis Mulbosu). Die Kranken mit chron. B. Pflegen besonders im Herbste und Frühjahre eine Verstärkung ihres Leidens zu bekommen, während dasselbe in den warmen Sommermonaten gering ist u. fast gänzlich verschwunden zu sein scheint. Die Behandlung der acutenB. besteht in Einathmung warnierfeuchter Luft amTage u. des Nachts (die Kranken dürfen nicht in kalter Schlafstube schlafen), in ausschließlichem Genüsse warmer Getränke, namentlich schleimiger Abkochungen (Leinsamen-, Altheewurzel-, Brustthee), im Tragen einer wollenen Jacke auf bloßer Haut u. in Anwendung secretionsbefördernderMittel (kochender Milch mit Selterser Wasser zu gleichen Theilen, doppelt-kohlensanrem Natron mit warmem Zuckerwasser), in Anwendung des Brechweinsteins und Goldschwefels in kleinen Dosen, u. hat sich, namentlich hei Kindern oder alten Personen, eine sehr große Schleimanhäufung in den Luftröhren entwickelt, in Darreichung eines Brechmittels. Beim chron. B. ist vor Allem auf das ursächliche Leiden Rücksicht zu nehmen, bei Herzkrankheiten durch Digitalis die Blutstauung in den Lungen zu mildern, bei Lungenemphysem die Staunngs- luft in den Lungenbläschen durch Anwendung verdichteter u. verdünnter Luft sortzuschaffen rc. Demnächst sind meist secretionsverminderude und balsamische Mittel in Anwendung zu ziehen, und verdient vorzugsweise der Aufenthalt in einem !üdl. Klima event. neben dem Gebrauche dieser Mittel bes. Empsehlung. Auch Ems, Lippspringe, Obersalzbrunnen haben günstige Resultate aufzuweisen. Kunze. Bronchialraffeln, ein bei der Auskultation der Lunge hörbares Blasenwerfen; wird erzeugt, wenn die Luft in den größeren Verzweigungen der Luftröhre angesammelten Schleim durchbricht. Bronchialstimme, so v. w. Bronchophonie. Bronchien (Bronchen, Bronchialästc,Lionobia), die astsörmigcn Verzweigungen des in jede Lunge eiutreteuden Bronchus, die das eigentliche Gerüst der Luugcusubstanz ausmachen; s. Lunge. Bronchitis, Entzündung der Luftröhreuäste; s. Bronchialkatarrh u. Bronchialcroup. Bronchokcle (gr.), 1) der Krops (s. d.). 2) Luftröhrenbruch, Erweiterung der Häute der Luftröhre, wobei dieselben durch Knorpel der Luftröhre treten u. Geschwulst bilden; veranlaßt durch heftiges Husten, Schreien, Lachen rc. Bronchophonie (v. Gr., Bronchialstimme, Bronchenstimme), der bei der Auskultation der Brustorgane hörbare Klang der Stimme, dessen Stärke von der Beschaffenheit des Lungengewebes abhängt u. in 3 Graden auftritt. Als undeutliches Summen bei gesundem Lungengewebe, als starke oder schwache B. über verdichteten Stellen der Lunge (z. B. bei croupöser Pneumonie, Infiltrationen rc.), je nachdem diese Stellen größere oder kleinere Partien entnehmen. Hört man dabei die gesprochenen Worte ziemlich articulirt, so spricht man von Pectoriloqnie. Zuweilen hat die Bronchialstimme einen näselnden, meckernden Ton u. wird daun Meckerstimme (Ägophonie) genannt. Auch kann die B. mit einem amphorischen Widerhall u. metallischem Klingen verbunden sein. Berns. Bronchorrhöe (gr., Med.), eine so massenhafte Schleimabsonderung iu den Luströhrenzweigen, daß die Kranken, bes. am frühen Morgen, maulvoll ansspeien u. die Spucknäpfe mit ihrem widerlich riechenden Secret füllen. Die B. ist immer ein Zeichen eines alten Bronchial- katarrhs u. beruht häufig auf Vernachlässigung eines gewöhnlichen Bonchialkatarrhs. Die Luftröhrenzweige haben sich allmählich cylinderförmig od. sackartig erweitert, die Schleimhaut hat ihre normale Beschaffenheit verloren, ist verdünnt, glatt, wie eine seröse Haut. Merkwürdig halte» sich derartige Patienten meist lange in einem leidlich guten Ernährungszustände, n. ist es nichts Seltenes, daß sie 20—30 Jahre lang an B. leiden. Eine Heilung ist äußerst selten, u. schließlich erfolgt der Tod unter allgemeiner Schwäche. Kunze. Bronchostenosis (Bronchenverengerung) Verengerung größerer Luftröhrenzweige; s. Bronchenverengerung. Brouchotömie (v. Gr.), Eröffnung der Luströhre am Halse durch Schnitt; s. Tracheotomie. Svonclills (v. Gr.), Lnftröhrenast, deren es zwei (Lronokn) gibt, indem die Luftröhre sich gabelförmig theilt u. nach jeder Lunge einen Ast absendet, von denen der für die rechte Lunge bestimmte sich in drei, der für die linke bestimmte in zwei Äste theilt. Brondölo, Insel u. Hafen mit Fort an der Küste der ital. Prov. Venedig, zwischen der Etsch u. dem Tartaro. Im Alterthum hieß es Brun- dulus; später hatten an der einen Seite die Ve- netiauer, an der anderen die Genuesen eine Flotte. 1379 plünderten die Genuesen das anliegende Land, u. um dieselben zu vertreiben, schossen die Venetianer ein dort stehendes Schloß in den Grund. In der Mitte des 17. Jahrh. ließ Venedig ein Fort anlegen. Bröndsted, ,PeterQluf, dän. Geschichtschrei- 120 Bronewskij ber, geb. 17. Nov. 1780 bei Horsens in Jütland;! reiste mit seinem Freunde Kobs 1806 über Paris n. Italien nach Griechenland, kehrte 1813 nach Kopenhagen zurück, wurde 1814 Professor der griechischen Philologie an der Universität, ging 1818 als Agent der dänischen Regierung nach Rom u. bereiste von hier aus 1820 s. die Ionischen Inseln u. Sicilieu, ging 1824 nach Paris u. 1826 bis 1832 nach England. Nach seiner Rückkehr wurde er Direclor des Königl. Antiken- cabinets zu Kopenhagen u. st. hier 26. Juni 1842. Er schr.: Beiträge zur dänischen Geschichte ans nordfranzösischen Manuscripten des Mittelalters, Kopenh. 1817 f., 2 Hefte; VozwAss äaus In 6rsss, assompsAuss <1s rssbsrslros arsllöo- koAiguss, Par. 1826—30, 2 Bde. (sein Hauptwerk, das auch deutsch erschien); ^ssouut ok soms Arseü vasss kouuä usar Vulsi, Land. 1832; Die Bronzen von Siris, Kop. 1837; Den Lisoro- uislcs sista, 1847, herausg. von Dorph; gab auch Fr. Nküllers Denkwürdigkeiten aus Griechenland in den Jahren 1827 u. 1828, bes. in militärischer Beziehung, Par. 1833, heraus. Bronewskij, Ssemen Bogdanowitsch, russischer General u. Generalgouverneur von O- Sibirien, geb. 1786 in Petersburg; ging 1808 als Secondlieutenant nach Sibirien, wo er namentlich, seit Graf Speransky Gencralgouverneur Laselbst geworden, in der Verwaltung verwendet u. später selbst Generalgouverneur von OSibirien wurde. Seine Thätigkeit war hauptsächlich aus Colonisirung Sibiriens, Anlage von Dörfern u. Städten, Hebung des Verkehres u. tüchtigen Grenzschutz gerichtet. Nach langjähriger Thätigkeit seines Postens in Gnaden enthoben, st. er in Petersburg 26. Febr. 1858. Lag«,. Brongniart, 1) Alexandre, berühmter Geolog, geb. 5. Febr. 1770 in Paris; wurde 1797 Professor der Naturgeschichte an der Looks ssntraks äs IV uabious, 1794 Ingenieur beim Bergwesen, 1800 Direktor der Porzellansabrik zu Sevres, 1815 Ingenieur en Chef der Bergwerke u. 1822 Professor der Mineralogie am Naturhistorischen Museum; st. 7. Oct. 1847 in Paris. Er schr.: Olassilisabion äos rextikss, 1805; I'raibs elöm. äs miusrs,io§is, Par. 1807, 2 Bde.; 1a- blsau äos priusipslss sspöses miusralss, ebd. 1824; Lssai sur kn AöoArapbis mineraloAigus äss ouvirous äs ?aris, ebd. 1811, 3. A., 1835; Lssai ä'uns slassikisatiou minsrako^igus äss rosbos mskauAsss, ebd. 1813; 61assiüsat. äss roskies IiomoZenss st IrstsroAenes, ebd. 1827, 3. A., 1830; lublsau äss berraios gui somxo- ssut k'ssores äu Zlobs, Par. 1829, deutsch von Kleiuschrod, Straßb. 1830; Pablsau äs In äis- tribution äss sspssos minerales, Paris 1835; kllsm. sur 1a psintnrs sur vsrrs, 1829; lkraits äss arte osramiguss st äss pobsriss, 1844, 2 Bde. 2) Adolphe Theodore, des Vor. Sohn, geb. 14. Jan. 1801 in Paris; studirte vorzüglich die vorweltliche Flora, wurde 1833 Professor der Botanik am Königl. Garten, 1852 Generalinspector der Universität, 1866 Mitglied des Unter« richlsrathes, einer der Redactoren der Lunakss äss soieuoss naturelles u. berühmter Pflanzen- physiolog. Er schr.: Llassltloatlou äos vsAstaux — Bronn. kossikss, Paris 1821; Olassitieatiov äss ebam- piAuous, 1825 fs.; skroärome ä'uus lnstoirs äss vsg;ötauL kossikss. ebd. 1828; Nistoirs äss vs- Astau: kossikss, 1828—47, 2 Bde.; Chronologische ! Übersicht der Vegetationsperioden rc., deutsch von ! Müller, Halle 1850, u. a.; Lnumöratioo äss Genres äs plantss sukbivöss au lllussum älus- toirs natmslls, 1834, 2. A. 1850. Brongniartin, so v. w. Glauberit. Bronikowski, 1) Alex. August Ferd. v. Oppeln-B., Romanschriftstellers geb. 28. Febr. 1783 in Dresden, Sohn eines aus Polen stammenden Geneneraladjutanten des Kurfürsten; wurde als preuß. Offizier 1807 in Breslau gefangen, trat nach dem Frieden in französische u. 1812 in ' polnische Dienste u. wurde Major der Garde-Ulanen; er nahm um 1821 seinen Abschied, kehrte nach Dresden zurück, lebte an verschiedenen Orten u. st. 21. Jan. 1834 in Dresden. Er schr.: Kasimir der Große, Dresd. 1825, 2 Bde.; Hippolyt Baratinski, ebd. 1825 s., 4 Bde.; Das Schloß am Eberfluß, ebd. 1827 ; Der gallische Kerker, ebd. 1827, 2 Bde.; Olgierd u. Olga, 1828, 2. A., 1832, 5 Bde.; Polen im 17. Jahrh., ebd. 1829, 2 Bde.; Geschichte Polens, ebd. 1827, 4 Bde.; Der Grimmenstein, ebd. 1828; Alrnanach der Sagen u. Novellen, Halberst. 1831; Die l Frauen von Neidschütz, Lpz. 1832, 2 Bde.; Die Magyaren, ebd. 1833, 7 Bde.; Die Briten in der deutschen Hauptstadt, ebd. 1834. Schriften gesammelt, Dresd. 1825—35, 21 Bde.; Neue Schriften, Halberst. u. Lpz. 1829—34, 28 Bde. 2) Lavier, polnischer Publicist u. politischer Parteigänger, geb. 29. Nov. 1797 zu Mogilna in Galizien; studirte, nachdem er in Lemberg bis 1820 den philosophischen Cnrsus absolvirt hatte, in Warschau die Rechte, wurde Richter in Za- mosc, ward aber wegen politischer Umtriebe gefänglich eingezogen. Nach seiner Freilassung polizeilich beaufsichtigt, entwickelte er eine rege literarische Thätigkeit, gründete mit Mochnacki 1826 die Oarsts, Lokskca, war Mitarbeiter am Lur^sr skokskci u. gründete 1831 während des polnischen Aufstandes, den er mit vorbereitet hatte n. an dem er selbst theilnahm, das populäre Blatt?a- tr^oba u. dann Vkokna kokskca. Nach der Unterdrückung des Aufstandes ging er nach Frankreich u. war hier politisch thätig als Agent des Central- comites der polnischen Emigration (1834); er gab mehrere Zeitschriften heraus (Polnische Miscellen, Dekada u. a.) u. schr.: Meine Auswanderung aus Warschau; Orisks uouvsaux äos eabiusts ouio- pssns saubre Is eabinsb russs, Par. 1832; Polnische Memoiren (poln.), 1844, 3 Bde.; Polnische Grammatik(poln.),Berl.1848,Lpz.1850rc. Nchrnig, Bronkhorst (Noviomagus), Johann, geb. 1494 in Nimwegen; war Lehrer der Mathematik in Rostock, 1546 Rector zu Dcveuter, wo er zu Luthers Lehre übertrat; starb 1570 in Köln. Er gab die Werke von Beda Venerabilis, Köln 1537, heraus u. schr.: Os numsris, Par. 1539; kks astrokabii oompositious, Köln 1533; Lxokogia pro iäsutitabe auctoris iibrorum äs soslssti krierarsküa sum Oiouzsio ^.rsopaxita, u. übersetzte den Ptolemäos ins Lateinische. Bronn, Heinrich Georg, berühmter Natur- Brvnucr — Brvnlc. 121 forscher, geb. 3 März 1800 in Ziegelhausen bei Heidelberg; wurde 1821 Privatdocent und 1828 Professor der Natur- u. Gewerbswissenschaften u. später zugleich Dircctor des Zoologischen Museums zu Heidelberg, wo er 5. Juli 1862 starb. Er schr.: System der urweltlicheu Konchylien u. Pflan- zenthiere, Heidelb. 1824 und 1830; Ergebnisse meiner naturhistorischen u. ökonomischen Reisen, «bd. 1825—30, 2 Bde; dass. UsickelbsrAsusia, ebd. 1830; Italiens Tertiärschichten und deren organische Einschlüsse, 1831; IwblmsaAeoAuostioa, Stuttg. 1834 ff., 2 Bde., 3. Ausl., 1852—56; Geschichte der Natur, 1841—49, 4 Bde.; mit Kaup: Über die gavialarügen Reptilien der Lias- formation, 1841, Nachträge, 1844; Paläontolo- gische Collectaneen, 1844; Allgemeine Zoologie, 1850; Inckox psIasonboloAiona, ebd. 1849; Morphologische Studien über die Gestaltnngsgesetze der Naturkörper, Lpz. 1858; Untersuchungen über die Entwickelungsgesetze der organischen Welt während der Bildungszeit unserer Erdoberfläche (Preis- schrift), Stuttg. 1858; die Klassen u. Ordnungen des Thierreiches, fortgesetzt von Keferstein, Lpz. 1859—67, 5 Bde. Außerdem stammt von ihm die Übersetzung von Darwins Buch: Über die Entstehung der Arten, Stuttg. 1860, mit werthvollen eigenen Zusätzen. Mit Leonhard gab er seit 1830 das Jahrbuch sür Mineralogie heraus. Bronner, 1) Franz Xaver, deutscher Jdyl- lendichter im Geßnerschen Geschmack, geb. 23. Dec. 1758 zu Höchstädt in Schwaben; wurde seit 1769 als Singeknabe in dem Jesuitencollegium zu Dillingen erzogen, später Benedictiner in Donanwörth, entfloh u. lebte seit 1784 unter dem Namen I. Winfried zu Basel u. Zürich als Notensctzer in einer Druckerei, ging in ein anderes Kloster zu Augsburg, entfloh abermals, ward Lehrer an der Kantonsschule zu Aarau, ging 1810 als Professor nach Kasan, kehrte 1817 zurück u. ließ sich in Aarau nieder, wo er 1830 Archivar u. Bibliothekar wurde und 17. August 1850 erblindet starb. Er schr.: Fischergedichte u. Erzählungen, Zürich 1787—97, 4 Bdchn.; Der erste Krieg, Aarau 1810, 2 Bde.; Selbstbiographie, Zllr. 1795—97, 3 Bde., n. A., Aarau 1810; Abenteuerliche Geschichte Herzog Werners von Ürslingen, ebd. 1828; Anleitung, Archive u. Registraturen einzurichten, ebd. 1832; Luftfahrten ins Jdyllenland, 1833, 2 Bde.; Der Kanton Aarau, St. Gallen, 1844, 2 Bde. 2) Johann Philipp, Schriftsteller über Wein u. Weinbau, geb. 1792 in Neckargemünd bei Heidelberg; ließ sich 1816 in Wiesloch als Apotheker nieder, beschäftigte sich seit 1820 nebenbei mit dem Weiuhau und führte in Baden den Bock- schnitt und die zweischenkelige Halbbogenerziehung ein u. bereiste seit 1836 im Aufträge der badischen Regierung in önologischer Rücksicht Frankreich, die Deutsche u. Französische Schweiz, Italien und Tirol, Österreich, Mähren, Ungarn, Steiermark u. das Saale- u. Elbegebiet u. sammelte aus allen Gegenden die Reben, von welchen er etwa 400 Arten u. Spielarten in einer ausgedehnten Rebschule züchtete u. studirte. Er st. zu Wiesloch 4. Dec. 1865. B. schr.: Der Bockschnitt, < Hcidelb. 1830; Hefte der südd. Weinbauer, ebd. 1833; Der Weinbau am Hardtgebirge, 1833; Der Weinbau im Nahe- u. Moselthal, 1834; Anleitung zur Anpflanzung der Weinstöcke an sonst unbenutzten Plätzen in Höfen, Gärten rc., ebd. 1834; Der Weinbau von Hochheim bis Koblenz, 1836; Der Weinbau in Württemberg, 1837, 2 Bde.; Der Wein des Main- u. Tanbergrundes in der Würzburger Gegend, 1839; Der Weinbau in Frank- reich und der Französischen Schweiz, ebd. 1840; Die deutschen Schaumweine, ebd. 1842; Der Weinbau an der Bergstraße rc., ebd. 1842; Die Bereitung der Rothweine, Franks. 1856. Von speciell botanischem Interesse ist seine Schrift über die wilden Trauben des Rheiuthals, Hcidelb. 1857. Bronnrzy (Bromnitz), Kreisstadt im russische» Gonv. Moskau, an der Moskwa und dem See Bieloje; Fabriken; 3400 Ew. Bronnzell, Dorf bei Fulda; hier 8. Novbr. 1850 Tirailleurgefecht zwischen den preußischen u. bayerisch-österreichischen Truppen; s. Hessen (Kur- fürstenthnm, Gesch.). Bronsart, Hans v., ausgezeichneter Klavierspieler u. Componist, geb. 1823 zu Königsberg; studirte bei Liszt in Weimar, war 1860—62 Dirigent der Euterpe-Concerte in Leipzig, lebte daun bis 1867 abwechselnd am Hofe des Fürsten v. Hohenzollern-Hechingen zu Löwenbcrg in Schlesien u. zu Berlin; seit genanntem Jahre war er königl. Intendant des Hoftheaters zu Hannover. Den Deutsch-Französischen Krieg 1870 machte er als Johanniter-Ritter mit. Seine Compositionen, darunter ein Klaviertrio, Klavierconcert, Frühlingsphantasie für Orchester, gehören der neudeutschen Schule au. Vgl. seine Schrift: Musikalische Pflichten, Lpz. 1858, 2. Aust. Seit 1862 ist er vermählt mit der Pianistin Jngeborg Starck, welche ebenfalls Componistin ist; sie schrieb u. a.: Das Singspiel Jery u. Bätely. Bronte, Stadt in der italienischen Provinz Catania auf Sicilien; Seminar; Tuch- u. Papier- Fabriken; 14,589 Ew. B. litt 1832 sehr durch Erdbeben und ist den Lavaströmeu des Ätna ausgesetzt. Nelson erhielt B. als Herzogthnm zur Dota tion. ^Bronte, 1) Charlotte, Pseudonym Currer Bell, vorzügliche englische Romanschreiberin, geb. 21. April 1816 in Thornton, Tochter des Pfarrers Patrik B.; erhielt einen Theil ihrer Schulbildung (1824 und 1825) in Cowans Bridge, einer Erziehungsanstalt sür Pfarrerstöchter, unweit Leeds in Dorkshire (dem Lowood in Jane Eyre); schrieb schon im 13. Jahre Erzählungen u. Gedichte u. im 14. ein Drama: Poetaster, bis Juni 1830 bereits 22 Bände (sämmtlich Mannscript, nie im Druck erschienen); besuchte 1831—32 die Schule der Miß Woler Roe Head unweit Heck- mondwike (Dorkshire), war 1835—38 Lehrerin an dieser Anstalt, 1839—41 Gouvernante in zwei dem höheren Bürgerstande ungehörigen Familien, besuchte 1842—44 das Hegersche Institut in Brüssel, wo sie eine Anstellung als Lehrerin der engl. Sprache erhielt. Sie gab 1846 gemeinschaftlich mit ihren beiden Schwestern Gedichte heraus, Land. 1846, schrieb darauf die Novelle: Der Professor (erschien nach ihrem Tode, Land. 1857), dann den Roman: Jane Eyre, Land. 1847, der unmittelbar nach seinem Erscheinen außerordent- 122 Bronw... liches Aufsehen erregte u. sehr bald fast in alle europäische Sprachen übersetzt, auch von Charlotte Birch-Pfeiffer als Waise von Lowood drainatisirt wurde; ferner Shirley, Loud. 1849, u. Bilette, London 1852. Sie vcrhcirathete sich im Juni 1854 mit Arthur Bell Nicholls, dem Hilfsprediger ihres Vaters, u. st. 31. Marz 1855 in Haworth. 2) Emily Jane, pseudonym Ellis Beil, Schwester der Vor., geb. 1819 in Thornton; wurde in Cowans Bridge u. Brüssel gebildet; sehr. Gedichte u. die Novelle sVutllerinA LsiAftts (erschien gemeinschaftlich mit Acton Bells L§nW 6rax, Loud. 1847); sie starb 19. Dcc. 1848. 3) Anne, Schwester der beiden Vor., pseudonym Acton Bell, geb. 1822 in Haworth; wurde in Roe Head gebildet; schrieb Gedichte und die Novellen ^nss 6ra^, Loud. 1847, u. Vüs Vermut ok Viläksil kckaU, Lond. 1848; sie starb 28. Mai 1849 im Seebade Scarborough (Aorkshire). Vgl. E. C. Gaskell, I-iks ok Lllarlotts Lronte, Lond. und Lpz. 18si^ Bronto ... (v. Gr.), Donner..., Gewitter...; daher Brontologie, die Lehre, Blitzableiter anzulegen; Brontotheologie, der Beweis für das Dasein Gottes ans den Gewittern, von Al- wart, 1745; Brontophobie, Gewitterfurcht. Bronze (L.S8 eampanum, iL. ealäarium, ital. Urouno, sranz. Lrouee). 1) Technol. B. ist eine Legirung von Kupfer mit Zinn od. mit Zinn u. Zink in vcrschiedcnenVerhältnisscn. Gute B. ist von bräunlich- oder röthlich-gelber Farbe, feinkörnig, hart u. zähe; sie läßt sich feilen u. ciseliren u. ist geschmolzen so dünnflüssig, daß sie beim Gießen auch die feinsten Vertiefungen der Form ausfüllt. An der Luft überzieht sie sich langsam mit einem blau- grünen Überzüge, der Patina, aus basisch kohlensaurem Kupfer bestehend, der sich auch durch gewisse Ätzmittel sehr schnell Hervorbringen läßt n. zur guten Erhaltung von B-gcgenständen wesentlich beiträgt, da er eine tiefer eindringende Oxydation verhindert. Die B. der Alten, aus welcher Waffen, Statuen, Hausgeräthe, Münzen rc. gefertigt wurden, bestand nur aus Kupfer u. Zinn in sehr wechselnden Verhältnissen, da der Kupfergehalt zwischen 70 und 96 pCt. schwankte; häufig setzte man auch etwas Blei zu, um der B. eine größere Geschmeidigkeit zu geben. Der antiken B. sind ähnlich das Kanonenmetall (90 Kupfer, 10 Zinn), das Glockenmetall (80 Kupfer, 20 Zinn), das Spiegelmetall (70 Kupfer, 30 Zinn); die B. zu Medaillen besteht aus Kupfer mit 5—10 pCt. Zinn. Alle Kupfer- u. Zinulegirungen besitzen die für die Verarbeitung wichtige Eigenschaft, daß sie durch rasche Ab- lühlung in kaltem Wasser so dehnbar werden, daß sie sich hämmern und prägen lassen und nachher durch Erhitzen u. langsames Erkalteulassen ihre ursprüngliche Härte u. Sprödigkeit wieder anneh- meu. Die neueren B-n sind sehr verschieden zusammengesetzte Mischungen von Kupfer, Zinn n. Zink, in denen aber stets das Kupfer mit 80—90 pCt. bei weitem vorherrscht. Je höher der Kupfer- gchalt ist, um so lebhafter roth u. um so theurer ist eine solche Legirung. Den oben erwähnten grünen Überzug, die Patina, erzeugt man jetzt sehr- schnell, indem man die Oberfläche der B.-Fabri- — Bronze. kare mit Säuren u. Salzlösungen behandelt, welche die B. angreisen u. eine raschere Oxydation des Kupfers bewirken. Es eignen sich dazu verdünnte Lösungen von Salmiak u. Sauerkleesalz in Essig, oder von salpetersaurem Kupfer u. Salmiak oder Kochsalz in Wasser, mit denen man wiederholt die Oberfläche der betr. Gegenstände bepinselt. Die Phosphorbronze, welche zuerst 1871 von Montefiori-Levy u. O. Künzel in Belgien, wahrscheinlich durch Zusatz von Phosphorkupfer zu gewöhnlicher B., dargestelll wurde, enthält neben den gewöhnlichen Bestandtheilen der B. noch HpCt. Phosphor. Sie ist mehr röthlich gefärbt, sehr feinkörnig, bedeutend elastischer, als gewöhnliche B., dabei so außerordentlich hart, daß sie sich nur schwierig seilen läßt. In geschmolzenem Zustande ist sie sehr dünnflüssig u. füllt selbst die feinsten Formen ans. Durch diese Eigenschaften hat sich die Phosphor-B. rasch in die Technik eingesührt. Man benutzt sie vorzüglich zum Gießen von Geschützen und solchen Maschinentheilen, die starken Erschütterungen ausgesetzt sind, wie Transmissionen, Achsenlager, Platten rc. für hydraulische Pressen, Dampsschiffschraubenrc., ferner zu Patronenhülsen, Dampfkolbenliderungen, Förderseilen u. Telegraphendrähten, zu den verschiedenartigsten Gußwaaren und Ornamenten. Bleche und Nägel daraus verwendet man wegen ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Seewasser zum Beschlagen von Schiffen. Auch hat man Versuche zu Panzerungen von Kriegsdampfern damit angestellt. Die Wirkung des Phosphors beruht wahrscheinlich ans der Reduction des beim Schmelzen der B. sich bildenden Oxyde des Kupfers u. Zinnes, die, wenn sie sich als unschmelzbare Körper in der B. aus- scheideu, die Festigkeit derselben beeinträchtigen müssen. Da der Phosphor sich dabei in Phosphorsäure verwandelt, so ist es erkärlich, daß unter Ümständeu die Phosphor-B. bei der Analyse sich als vollkommen frei von Phosphor zeigt.,. Die Stahlbrouze, welche in neuester Zeit in Österreich zum Gießen von Geschützen benutzt wird, ist wahrscheinlich nichts anderes, als eine solche phosphorfreie Phosphor-B. 2) Geschichtliches. Die B. des klassischen Alterthums wird gewöhnlich Erz genannt. Sie wurde schon in grauer Vorzeit znm Gusse verwendet, doch kam die Kunst des B-gießens erst um 700 v. Ehr. zu einer höheren Ausbildung durch Theodoros u. Rhökos von Samos. Eine großartige Ausdehnung erhielt der Bronzeguß unter Alexander dem Großen durch Lysippos, der einverbeffertesSchmelzverfahren entführte.Mitihm begann man neben kleineren Gegenständen (Waffen, Gefäßen rc.) kolossale Bildwerke in B. zu gießen, u. wie sehr die B.-Statuen in Aufnahme kamen, läßt sich daraus ermessen, daß der Consul Mutia- nus in Athen allein an 3000 u. ebenso viele in Rhodos, Olympia u. Delphi fand, obschon Plünderungen namentlich den letzten Ort um viele Schätze dieser Art gebracht hatten. Unstreitig ist die B. die am häufigsten u. massenhaftesten erzeugte Metalllegirung des Alterthums. Mit dem Verfall des Römischen Reiches ging auch die Gießkunst verloren, u. erst im 12. Jahrh. tauchen wieder aus B. gegossene Werke auf, u. a. B.- Thüren an Kirchen, wie in Mainz, Rom rc. Der 123 Bronzedruck — eigentliche Kunstguß kam indeß erst im 15. Jahrh. durch Lor. Ghiberti wieder in Aufnahme, ver- vollkommnete sich unter Bcnvennto Cellini in Italien und Peter Bischer in Nürnberg und erreichte in der neuesten Zeit Lurch die Fortschritte der Technik den höchsten Grad der Ausbildung. Vgl. Bildgießerkunst. Seit Verwendung des Gußstahls zu Geschützen hat jedoch der massenhafte Verbrauch der B. bedeutend abgenvmmen, obwol die Herstellung von Luxus- und leichteren Knust- Gegenständen zugenommen hat u. namentlich in Frankreich, speciell in Paris, viele Menschen beschäftigt. In Deutschland ist Iserlohn in Westfalen ein Hauptplatz für B.-Fabrikation. Von der B. hat man einer Periode der Culturgeschichte den Namen B.-Zeitalter (s. d.) gegeben. 1> Hetzer. 2) Schroot." Bronzedrnck , Buchdruck mit Bronzefarbe, welche aus Bronzepulver mit Leinölfirniß angerieben besteht. Man kann auch den noch frischen Druck mit Bronzepulver bestrenen u. dann glätten. Bronzefarbe« (Metall- oder Staubbronze) sind fein pulverisirte Metalllegirungen, die wegen ihrer schönen metallischen Farbe u. ihres Metall- glanzcs in der Stein- u. Buchdruckerei zum Bedrucken von Tapeten u. Wachstuch, zum Anstrich für Holz-, Gips- und Metallgegenstände vielfach gebraucht werden. Sie bestehen je nach ihrer Farbe ans reinem Kupfer (hochroth), oder ans Le- girungen von Kupfer mit Zink; so enthält hellgelbe Bronzefarbe 83 Thle. Kupfer u. 17 Thle. Zink, orangerothe 99 Thle. Kupfer, und 1 Thl. Zink. Zu ihrer Darstellung benutzt man die Abfälle von der Fabrikation des unechten Blattgoldes. Dieselben werden unter Zusatz von Wasser oder Honig fein gerieben u. Lurch Sieben oder Schlämmen nach ihrer Feinheit sortirt. Die violetten u. grünen Nüancen erhält man durch Erhitzen mit einem fettigen Körper (Öl, Wachs, Paraffin rc.), wodurch sich Anlauffarben bilden. Hetzer. Bronzekrankheit (Addisonsche Krankheit) ist eine 1855 von dem englischen Arzte Addison zuerst beschriebene und seitdem in größerer Zahl beobachtete Krankheit, bei welcher die Kranken zuerst an einzelnen Stellen des Körpers, besonders am Halse, im Gesichte, an den Handgelenken, später am ganzen Körper eine rauchgraue, der Bronze ähnliche Farbe bekommen, so daß sie anssehen, als wenn sie sich nicht rein gewaschen hätten. Diese Erscheinung verbindet sich stets mit hoher Abmagerung u. Ermattung des Körpers, u. die betr. Kranken sind dürftig genährte, elende Per- wncn. Die Entwickelung der Krankheit geht stets m schleichender Weise vor sich und endigt immer, meist nach einigen Jahren tödtlich. Ihr Wesen ist noch nicht genügend bekannt; in den meisten Fällen land man käsige od. krebsige Entartung der Nebennieren. Sehr oft stammten die Kranken von lungenschwindsüchtigen Eltern ab. Der Ausgang in den Tod erfolgt meist plötzlich u. unerwartet. Man hat versucht, Lurch Bäder, Äsen u. nahrhafte Kost der Weiterentwickelung der Krankheit Einhalt zu lhun, doch hat man bis jetzt noch keine ermuthigen- den Erfolge einer solchen Kur aufzuweisen. Kunze. Bronzepnlver wird aus den Abfällen von uncchiem Blattgold, Blattsilber u. anderen ganz Bronze-Zeitalter. dünn geschlagenen Blättern von verschiedenen Metalllegirungen oder reinen Metallen, wie Kupser, Silber, Gold, durch Reiben mit Honig oder G»m- mischleim aus Marmorplatten bereitet. Fabriken zur Darstellung des B-s im Großen verwenden Drahtbürsten, mit denen die dünnen, mit Olivenöl gefetteten Metallblcche durch Drahtsiebe gerieben werden, dann Stahlmörser zum Zerkleinern und rotirende Bürsten zum Policen. Hauptaufgabe ist es, den Metallglanz des B-s zu erhalten. Gieseler." Bronze-Zeitalter heißt die Periode der Urgeschichte der Menschheit, welche auf das Stein-Zeit- alter folgte u. dem Eisen-Zeitalter voranging. Diese Zeitalter lösten jedoch keineswegs einander genau ab, sondern gingen theilweise lange Zeit neben einander her. Es ist auch ebenso ungewiß, ob überall zwischen das Stein- u. Eisenalter ein B. fiel, wie ob es je ein reines B. ohne Kenntniß des Eisens gegeben habe. Jedenfalls begann das B. in verschiedenen Ländern zu sehr verschiedener Zeit, deren Bestimmung jedoch überall gleich unmöglich ist. Theilweise wurden schon zur Steinzeit Metalle mit dem Hammer bearbeitetet u. als Schmuck, wie Goldblättchen, oder zu Waffen, wie Mcteoreisen rc., benutzt. Die Bekanntschaft mit dem Kupfer veranlaßte, da dasselbe für sich allein schwer zu bearbeiten ist, zu seiner Mischung mit Zinn, an dessen Stelle später auch Zink oder Blei trat. Diese Mischung, die Bronze, empfahl sich durch die Beobachtung des Verhaltens der beiden Metalle, von denen das Knpfer langsam, das Zinn aber schnell schmilzt u. die beiden zusammen einen Stoff liefern, der sie einzeln in jeder Beziehung übectrifft. Die Bemühungen, das beste Verhältnis) der Mischung zu finden, weckten das Nachdenken u. den Gewerbfleiß u. mußten daher eine bedeutende Beförderung der Cultnr überhaupt mit sich führen; denn es waren dazu Vorrichtungen erforderlich, deren Herstellung den Erfinduugsgeist herausforderte. Ob die ältesten in Europa gefundenen Bronzegeräthe im betr. Lande selbst gefertigt, oder von außen eingesührt worden, ist vielfach erörtert worden. Da man in verschiedenen Ländern Europas Gußformen, Bronzeklumpen, Schlacken u. a. gefunden, darf angenommen werden, daß hier Bronzeschmelzen u. Gießereien, natürlich von sehr einfacher Beschaffenheit, bestanden haben. Da aber für die besser gearbeiteten Bronzegeräthe keine Gußformen in Europa gefunden wurden, ist angenommen worden, daß selbe hier nicht ihren Ursprung hatten. In dieser Beziehung ist der schwedische Alterthumsorscher Nilsson der Ansicht, daß die schöneren Bronzegegenstände von den Phönikern herrühren, in deren Hcimath die Bronzefabrikation alt ist, worin ihn namentlich auch die kurzen Griffe der Schwerter bestärkten, die nicht für germanische Fäuste berechnet waren. Er meint, die Phöniker hätten, um Bernstein einzuhandeln, in Europa Colonien gegründet u. dort ihre Gräber hinlcrlassen. Der Schwede Wiberg und der Deutsche Lindenschmit sehen in den Bronzearbeiten dagegen vorzugsweise etruskischen Ursprung u. einen Gegenstand des Handels der Etrusker nach dem N. Der Däne Wor- saae n. der Schwede Hildebrand glauben ihrerseits, Laß aus Asien in Europa einwanderndc Völker 124 Bronziiw die Bronzegeräthe mitgebracht und in der neuen Heimath verbreitet hätten. Zur theilweisen Stutze dieser Hypothesen dient, daß die Bronzegegenstände des europäischen Nordens deutlich auf zwei Perioden Hinweisen, von denen die ältere ausschließlich jener Gegend angchört u. von vollendeterer Arbeit ist, als die jüngere, welche mit den Funden der übrigen europäischen Länder übereinstimmt. Die Bronzegeräthe Skandinaviens und NDeutschlands wurden meist in Grabstätten gefunden (s. u. Hünengräber) u. sind vorzugsweise Waffen, besonders schöne Schwerter, gegossen, polirt und bisweilen mit Gold u. die Griffe mit Bernstein belegt, oft mit Emaileinlagcn u. niit Verzierungen versehen, dann Dolche, Lanzen und Pfeilspitzen, Helme, Schilde und Panzertheile, ferner Äxte, Meißel, Sägen, Sicheln, Messer, ebenso Schmuckgegenstände, als: Diademe, Halsringe, Gewandnadeln, Haarnadeln, Glasperlen rc. Biel weniger kriegerischerer Natur als die Bronzefunde NEuro- pas sind jene der Pfahlbauten (s. d.) in den Schweizersecn. Waffen sind hier selten, häufiger die sog. Kelte, beilähnliche Werkzeuge, Arm- u. Fingerringe, Knöpfe, Nadeln, Kämme, letztere meist aus Knochen geschnitzt. Auch vereinigt mit Gegenständen des Eisen-Zeitalters (s. d.) fanden sich m vielen Ruinen u. Grabstätten Mttel-Europas Bronzegegenstände, so in Pen großen Gräberfeldern von Hallstadt in Ober-Österreich, Villanova bei Bologna rc., u. zwar von sämmtlichen schon erwähnten Gattungen. Aus den Funden des B-s geht hervor, daß während desselben die Leichen sowol begraben, als verbrannt wurden, letzteres entschieden häufiger; auch von theilweiser Verbrennung des Körpers sind Spuren aufgefunden. Über die ethnographische Angehörigkeit der Völker des B-s ist man noch nicht im Klaren; wahrscheinlich ist, daß sie in Mittel-Europa Kelten, in Öber-Jtalien Etrusker waren; im Norden ist darüber nichts mit Sicherheit zu behaupten. Vgl. Worsaae, Leitfaden der nordischen Alterthumskunde, Kopenh. 1837; Ders., Istoräissts Oläsagsr rc.. ebd. 1859; Lindeuschmit, Die Alterthumskunde unserer heidnischen Vorzeit, Mainz 1858; Morlot, A., Bemerkungen über die Alterthumskunde, Bern 1859; Ltnciss AsoloAico-arcstsoloAiguss, Lausanne 1860 (im Bulletin äs 1a. Loeists vauäoiss äss Sciences naturelles); Ders., stsyon ä'ouverturo ä'un cours snr la staute antiguits, Lausanne 186-1; Desor, Die Pfahlbauten des Neuenburger-Sees, deutsch v. Fr. Mayer, Frkf. 1866. E. v. Sacken, Das Grabfeld von Hallstadt, Wien 1868; Wold« rich, Überblick der Urgeschichte des Menschen, Wien 1871; Nilsson, Das Bronzealter, Hamb. 1863, Nachtrag, ebd. 1865—66; Wibel, Die Cultur der Bronzezeit Nord- u. Mittel-Europas, Kiel 1865 (gegen Nilsson); Wiberg, Der Einfluß der classi- schen Völker auf den Norden durch den Handelsverkehr, aus dem Schwed. v. Mestorf, Hamburg 1867; Rougemout, Die Bronzezeit u. die Semiten im Occident, übersetzt von Keerl, Gütersloh 1869; Baer, Der vorgeschichtliche Mensch, vollendet u. herausgegeben von F. v. Hellwald, Leipz. 1871; s. auch die Literatur im Art. Pfahlbauten. Henne-amRhvn. Brouzino, 1) Angclo, ital. Historien-u. Por- — Brookc. trätmalcr, gcb. 1502 in Florenz, gest. ebendaselbst 1572; Schüler Pontormos, dessen Weise er bis znm Verwechseln nachahmte; malte eine große Menge ausgezeichneter Porträts von Zeitgenossen, auch kirchliche n. historische Bilder in Ol u. in Fresco, die jedoch in der Composition unbedeutend sind. Hauvtwerke: Fresken in S. Lorenzo zu Florenz; Das Pnrgatorium, in der Akademie zu Florenz; Cosmo I. u. Eleonora, Gemahlin Cos- mos II., in der Dresdener Galerie rc. 2) Aless., so v. w. Allori 1). Brolkziren, metallenen, hölzernen, gipsernen Gegenständen rc. durch einen Überzug das Ansehen der Bronze geben. Gewöhnlich gibt man dem Gegenstände eine passende Grundfarbe in Ol- od. Leimfarbe, z. B. grün für Antikbronze, röthlich oder schwarz für Kupferbronze rc., trägt dann fein»s Bronzepulver in die noch feuchte Grundfarbe u. überzieht nach dem Trocknen das Ganze mit Firniß. Soll das Ansehen der bronzirten Fläche gleichartig werden, kann man die Bronze auch wie Farbe anreiben u. austragen. Gegenstände aus Eisen und Zink erhalten durch Blankbeizen u. nachheriges Eintauchen in Kupservitriol- lösung eine Kupferbronzefarbe. Neuen Gußsachen (Statuen) aus echter Bronze sucht man häufig durch Bestreichen mit chemisch wirkenden Lösungen (z. B. Salmiak, Weinstein, Kochsalz u. salpetersaurem Kupfer) in kurzer Zeit die sonst nur durch hohes Alter hervortretende grüne Bronzefarbe zu geben. Gipsabgüsse werden am besten mit einer Mischung von ölsaurem Kupfer u. Eisenoxyd, in heißem Leinölfirniß u. Wachs aufgelöst, angestrichen. Der Gips muß dabei stark erhitzt werden u. sangt dann die Flüssigkeit ein. Über B. auf Papier, s. Bronzedruck. Giesckr.' ^ Bronzit, ein dem Augit ähnliches und wie dieses krystallisirendes Mineral von tombakbranner Farbe und bei oberflächlicher Verwitterung fast metallischem Glanze; Härte — 6; spec. Gew. — 3,«. Er ist nach seiner chemischen Zusammensetzung ein Gemisch von Eisenoxydulsilicat u. Magnesiasilicat (^sLiOg -st i>N§8iOz) und bildet mit Hypersthen u. Diallag einen wesentlichen Gemengtheil weitverbreiteter augitischer Felsarten, wie Gabbro, Hyparit, Basalt, Serpentin rc. Brook (holländ., so v. w. Hose) wird in der Schiffssprache im Allgemeinen loses Segeltuch genannt, wie es als Überzug, z. B. zum guten Festmachen u. Beschlagen der Segel, d. h. als äußere j Hülle für das übrige, in Falten gelegte und ans den Raaen rc. zusammengerollte Segel gebraucht wird. B-taue heißen die starken, zur Laffetirungder Schiffsgeschütze gehörigen Taue, welche den Rücklauf der Geschütze aufzuhalten bestimmt sind. A» der Schiffsseite in starken eisernen Ringbolzen befestigt, führen die B-taue bei Vorderladern durch den an der Hinterkante des Bodenstückes angebrachte» B-ring, während bei den in den neuen eisernen Rab- men-Laffeten-Constructionen aufgestellten Schiffsgeschützen, wie sie für Hinterlader allgemein und ebenso für gezogene Vorderlader großen Kalibers in Anwendung kommen, durch entsprechende Löcher im vorderen Theil der Laffetenwände führen. B-geitau, Boots-B-en, s. Takelage. Brooke, 1) Henry, irischer Dichter, geb. 1766 125 Brookings in Rantavan; lebte abwechselnd in gedrückten Verhältnissen in Dublin ii. London u. st. zu Mullingar. Er schr.: Barmers iettoro (die sich auf einen Auf- e stand in Irland beziehen), mehrere Trauerspiele, ; Lustspiele, Opern u. Romane. Nene Ansg. seiner Werke, vonKingsley, 1859. 2) Francisca, geb. Moore, engl. Dichterin, geb. 1745; war an den ^ Rector B. zu Colney verheirathet u. lebte mit ihrem ; Gatten in Canada; st. zu Colney in Norfolk 1789. Sie schr.: Virginia (Trauerspiel), London 1756; Oden, Opern,Novellen,Hirtengedichte. 3) James, bist. Abenteurer, geb. 19. April 1803 bei Bath; nahm 1817 Seedienste als Cadet in der englischen Marine in Ostindien u. zeichnete sich im Kriege , gegen die Birmanen aus. Verwundet ging er s nach Europa zurück, trat nach seiner Genesung ! wieder in den Dienst, machte 1831 Reisen nach ^ China u. den Sunda-Jnseln, aus welchen letzteren ; er den Plan zur Cultivirung der Malaien und b Dajak machte u. denselben mit der Unterdrückung x. des Seeraubes u. der Sklaverei auszuführen be- N gann. Er rüstete 1838 ein Schiff aus u. landete K> 1839 auf Borneo, wo er bald großen Einfluß ge- ^ wann, Radscha von Serawak wurde, die See- räuber bekriegte u. mit Glück seinen Cultivirungs- Z plan ausfllhrte (s. Borneo, Gesch.). 1847 reiste L er nach England, um persönlich einen mit dem H Sultan von Borneo geschlossenen Vertrag zu über- bringen; 1848 kehrte er als Generalconsul in 1 Borneo u. Gouverneur der ans seinen Betrieb an 1 England abgetretenen Insel Labnan nach Borneo > zurück. Indem er mit der immer weiteren Ans- ^ dehnnng der britischen Herrschaft ans den Sunda- s. Inseln beschäftigt war, wurden oft Klagen über seine Grausamkeit u. Habgier laut, weshalb er sich s 1853 in Singapur verantworten mußte, aber -- Dec. 1855 von der Untersuchungscommission von ^ allen Beschuldigungen freigesprochen wurde. Bei c einer Febr. 1857 von der chinesischen Bevölker- s nng gemachten Empörung rettete er nur mit s ? Mühe sein Leben, unterdrückte aber den Aufstand mit Hilfe der Eingeborenen. Nachdem er sich seit 1858 aus Gesundheitsrücksichten in England aufgehalten hatte, ging er 1861 wieder nach Sarawak, um Schwierigkeiten in der Verwaltung zu . lösen; er kehrte 1863 nach England zurück und lebte auf seinem Landsitze zu Barraton in Devon- shire, wo er 11. Juni 1868 starb. Seine Tagebücher erschienen als Tirs sxpsäitlonboLoriioo sbe., Lond. 1847, 2 Bde., u. Lornoo anck Oelsbes, ebd. 1848, 2 Bde., ersteres von Keppel, letzteres von > Mundy herausgegeben. Vgl. noch: krivats lebtsrn ^ ok 8ir fl. L., Lond. 1853, 3 Bde. In der Re- . gierung über Serawak folgte ihm fein Neffe - Johnson B., geb. 1822, welcher schon die Stelle seines Oheims zeitweilig dort vertreten hatte, aber bereits Dec. 1868 starb. Er schr.: z'sara in Laravaic, 1866. Die Herrschaft erbte sein Sohn. Brookings, County im nordamerikan. Unions- " Territorium Dakota, u. 44" n. Br. u. 96" w. L.; ! 183 Ew.Countysitz: Medary. Brookit, ein im rhombischen System krystalli- sirendes, ziemlich seltenes Mineral von hyacinty- , rolher bis brauner oder eisenschwarzer Farbe, ^ durchscheinend, selbst durchsichtig, von metall- > artigem Diamantglanze; Häric zwischen 5 u. 6, — Brooks. specifisches Gewicht ^ 4„—4,^. Der B. besteht aus Titansänre (mit kleinen Mengen von Eisenoxyd), hat also dieselbe chemische Zusammensetzung wie Anatas u. Nuitil, welche im tetrago- nalen System krystallisiren. Eine undurchsichtige Varietät vom spec. Gew. 3,, ist der Arkansit. Fundorte: Bourg d'Oisans, Wales, Schweiz (bes. St. Gotthard), Ätna, Ural; Arkansit in Arkansas. Brookline, Poststation im Norfolk County des nordamerikan. Unionsstaates Massachusetts, nahe bei Boston; Sommcraufenihalt; 5164 Ew. Brooklyn, Stadl im Kings County des nordamerikan. Unionsstaates New-Aork, u. 40" 51' 30" n. Br. u. 73" 59' 30" w. L., auf Long-Jsland gelegen, durch den Seearm East-River von New- Nork getrennt, aber durch Dampffähren damit verbunden; Countysitz; Bischofssitz; etwa 150 Kirchen, darunter 20 katholische; 43 Schulen mit Ausgabe von 700,000 Doll., Polytechn. Institut, höhere Mädchenschule; bedeutende öffentliche Bibliotheken; mehrere Hospitäler; großer Friedhof mit prachtvollem Blick auf New-Dork u. das Meer; 2 große Wasserbehälter; großer Schiffbalihof der Verein. Staaten, Kriegs- u. a. Werste, elftere an der Wallabout-Bai; eine solide Verbindnngsbrücke (Kettenbrücke, 518 m lang, 40 m über dem Wasserspiegel) mit New-Iork ist im Bau begriffen; viel Handels- u. Maimfacturthätigkeit; eine Menge Geschäftsleute New-Iorks haben da ihre Privat- wohnnngen; 396,100 Ew. B. hat gleiche Verwalt- nng mit den angrenzenden Orten Williamsburg u. Bushwick. 1625 wurde die Stadt von den Holländern begründet, zuerst Breukelen, dann aber Brookland genannt. Während des Befreiungskrieges hielten die Engländer Aufständischein Gefangenenschifsen fest, die ihnen in die Hände fielen, u. sollen davon über 12,000 elend umgekommen sein, deren Gebeine 1808 ansgegraben, in Särge gelegt und nahe am Werste auf einem Begräbnißplatze wieder beerdigt wurden. Jetzt wird beabsichtigt, B. u. New- Dork unter gemeinsame Verwaltung zu bringen. Brooks, 1) County im nordamerikan. Unionsstaate Georgia, u. 3i"n. Br. u. 83" w. L.; 8342 Ew.; Countysitz: Dry Lake. 2) County in der Provinz Quebec! von Canada; 13,757 Ew. 3) Brooks Island (BrookCobham, Marble Island), Felseninsel in der Repulse-Bai, südl. von der Halbinsel Melville, u. 63" n. Br. (NAmerika). Brooks, 1)Mary, geb. Gowan, nordamerik. Dichterin, pseudonym Maria del Occidente, geb. 1795 in Medsord bei Boston; reich u. den höheren socialen Kreisen angehörend, verlor sie plötzlich Gemahl u. Vermögen, erbte aber eine kleine Pflanzung auf Cuba, wo sie fortan lebte u. 11. Novbr. 1845 starb. Sie schr.: 8opiiisl (romantisches Epos), Lond. 1833 n. ö.; flnäiifli, bis- tflisr, anci atiisi posmo, Bost. 1820; ^ckomsn, 1842. 2) Charles Shirley, englischer Dichter und Journalist, geb. 1815 zu London; studirte zuerst die Rechte, folgte aber später der literarischen Laufbahn mit vielem Erfolge. Er schrieb zuerst eine Reihe von Dramen für einige der ersten Theater Londons; die besten unter ihnen sind: Our nsrv Oovorness, ein launiges, aber ! charaktervolles Lustspiel in 3 Acten; fllonours auck ,!Pi'ioics, Lustspiel in 3 Acten, mit höchst verwick.-l- 126 Bioom — rer Jntrigue u. glänzendem Witze, n. Um 6reols, ein auf die Sklaverei zu Mauritius basirtes Sensations-Drama. 5 Jahre lang schrieb B. für das LlorninA 61rronio1s die Übersicht über die Parla- mcntsdebatten u. bereiste während der freien Zeit seines Engagements als Specialcommissar des (Rronicüs Rußland, Syrien u. Ägypten zur Untersuchung der Arbeiter- und Armenverhältnisse in diesen Ländern. Ein großer Theil der von ihm im 6krrsuiols veröffentlichten Briefe erschien später- gesammelt als: Lire Lmssiaim ok tim 8ontR, London 1856. B. schrieb auch verschiedene Romane n. Novellen, unter denen hervorzuheben sind: lim 8iivsr 6orä, S. A., 1865; lim 6orämu Lnot, '1. A., 1858; ^8i>eii-6ourt, 1868; Loonsr or I-atsr, 1868 rc. B. erwarb sich in England einen großen Ruf durch seine öffentlichen Vorträge, und lange Jahre schrieb er für die Iklnsbrabeck Imuäou Artikel politischen u. socialen Inhaltes. Auch am Londoner Witzblatt knvetr war er ein eifriger Mitarbeiter, u. als 1870 der bisherige Redacteur Mark Lemon starb, trat B. an dessen Stelle. Er st. 23. Febr. 1874. 2 ) Bartling. Broom, County im Nordamerika». Unionsstaate New-Uork, u. 42° n. Br. u. 76° w. L.; 41,103 Ew.; Countysitz: Binghampton. Brnos, 1) Stuhl im Lande der Sachsen (Siebenbürgen); grenzt an die Comitate Hnnyad u. Unter-Weißenburg und den Stuhl Hermannstadt; gebirgig durch die Karpathen; bewässert durch den zur Theiß fließenden Maros; durchschnitten von der Arad-Karlsburger Eisenbahn; größtentheils fruchtbares Ackerland; 435Hstcm(8HjM); 22,500 Ew., meist Magyaren u. Rumänen. 2) (Szaß- Varos) Marktstadt darin, Station der vorgenannten Bahn; Stuhlbehörden; 3 Kirchen; reformirtes Gymnasium; Kirchencastell, Franciscanerkloster; Gewerbe; Land-, besonders Melonenbau; 5661 Ew. In der Nähe das Brodfeld, wo die Ungarn 1479 die Türken schlugen (s. u. Alkenyer). Bei B. 7. Febr. 1849 Gefecht zwischen den Österreichern unter Kalliany u. den ungarischen Insurgenten unter Bern. Brorscn, Theodor, Astronom, geb. 29. Juli 1819 in Norburg auf der schleswigschen Insel Alsen; seit 1848 Observator auf der Sternwarte des Frhrn. v. Senstenberg zu Senftenberg in Böhmen; er entdeckte mehrere Kometen, so 26. Febr. u. 30. April 1846, 20. Juli 1847, 7.Sept. 1850 u. 22. Öct. 1851; darunter befindet sich einer von kurzer Umlaufszeit, der den Namen des Entdeckers trägt. Specht. Brosamen, Hans, Maler, Kupferstecher und Formschncider, einer der sogen, kleinen Meister, geb. 1506 in Fulda; bildete sich nach Aldegrever u Burgkmair; st. 1552 in Erfurt. Werke: Holzschnitte zu Hans Lnfts Bibel von 1550, zu Luthers Bibel vom I. 1553; Schlafender Pferdeknecht; Brustbild Philipps des Großmüthigen. Bartsch zählt 39 Blätter in Kupfer, darunter Simson u. Delila, Bathseba im Bade. Regnet? Brosböll, Joh. Karl Christian, dänischer Novellist, geb. 7. April 1820 zu Fridericia (Jütland); angestellt an der kgl. Bibliothek zu Kopenhagen. B. hat seit 1838 eine Menge Novellen u. Erzählungen geliefert, z. B.: 8mu§Isrsvs 8ö», Broschiren. siljöu^siröväinAgn, Dronnin^sns VaAtmssber ^.z-slla, Herrsmünck sto., welche sich durch Phantasie, Lebhaftigkeit u. Talent für Erfindung des Stofflichen anszeichnen u. einen großen Leserkreis haben, zum Theil auch in fremde Sprachen (deutsch, englisch) übersetzt sind. Auch als Lyriker hat B sich versucht, sowie als Dramatiker; 1844 wurde auf dem kgl. Theater aufgeführt: Liagkrs 8övnor: spätere Versuche auf den Theatern zweiten Ranges z. B.: Loräensüsokä. Er hat einige Schilderungen der von ihm bereisten Länder geliefert, ss Traders ox XabMr (Algier), u. Ossrmsm Ün- xarn vA 8mhsnbnrAsn. Eine Sammlung seinei Werke begann 1859, Kopenh., wird ohne Unterbrechung fortgesetzt u. ist bis jetzt auf ca. 30 Bände gestiegen. Ohne reelle Anonymität hat B. immer unter dem Namen Carit Etlar geschrieben. Broschi, Carlo, s. Farinelli. Broschiren (brochiren, v. fr. broeiisr), 1) durch Einschlagsäden, welche nicht durch die ganze Breite des Stoffes gehen, an bestimmten Orten eines Gewebes fayonnirte Stellen Hervorbringen. Zum B. gebraucht man stets eine besondere Einschlagfeder, Broschirschnß, außer dem Schuß znr Bindung des Gewebes, Grundschnß. Man wendet das B. an, wenn das Material des Einschlages thener ist (Gold- u. Silberlahn), oder wenn das Gewebe sehr durchsichtig ist (Gaze), od. auch in einigen anderen Fällen. In manchen Fällen läßt man auch die Einschlagfäden durch die ganze Kette ziehen, obgleich er nur an einzelnen Stellen zur Wirkung kommt. Diese Art der Weberei nennt man Lanziren (Lanzirschuß). Man bindet dann entweder den Lanzirschuß von Zeit zu Zeit aus der linken Seite ab, oder man schneidet denselben an den Stellen ab, wo er links flottirt hat. Das B. geschieht entweder mit der Hand, oder mittels der Broschirlade. Mit der Hand wird broschirt, indem man mittels kleiner Schützen an den be- ! stimmten Stellen den Einschlag einträgt. Die leicht begreifliche Arbeit ist sehr mühevoll, bes. wenn mit vielen Farben broschirt wird. Hier erhebt sich das Gewerbe der Weberei zur Kunst n. geht in die Darstellung der Gobelins über. Die Broschirlade ist der Sammetbandlade (s. Band) ähnlich, aber sie befindet sich über der Kette, wenn sie nicht in Gebrauch ist n. wird beim Gebrauche in das Fach gesenkt. Ferner sind die Schützen verstellbar, weil sie sonst stets auf derselben Stelle arbeiten würden. Die hauptsächlichste Broschir- vorrichtung heißt Wippchenlade. Auch befestigt man die als Schützen dienenden Spulen auf Zahnrädern und dreht diese durch eine Zahnstange, oder man bedient sich zum B. des Radelstabes. 2) Arbeit des Buchbinders, wodurch die gefalzten Bogen einen lockeren Zusammenhalt bekommen. Dasselbe geschieht entweder durch das Verbinden der Bogen mittels eines Fadens, der von einem Bogen zum anderen durchgestochen wird (heften), oder durch Einsägen des Rückens der zusammengepreßten Bogen u. Bestreichung des Einschnittes ^ mit Leim (leimen). Wenn der Leim trocknet, so ; halten die Bogen zusammen. Die Bogen werden ! alsdann mit einem Papier- oder Pappumschlage versehen. Neue Bücher werden jetzt fast immer broschirt in den Handel gebracht, nur Schulbücher 127 Broschüre — Broucköre. kommen roh (io albis) oder gebunden zum Verknuse. In England u. Amerika pflegt man neue Micher, wenigstens solche von größerem Umfange, zu cartonniren; s. n. Carton. 8 Bsyssel. Broschüre (Brochnre, fr.), nennt man jede Druckschrift von geringerem Umfange in dem gebräuchlichen Blichersormat, besonders aber Flugschriften, da diese in bequemer Gestalt u. zu billigem Preise dem Publicum geboten werden müssen, um ihren Zweck zu erreichen. Broselch , Stadt in der englischen Grafschaft Shrop, am Severn; Eisenwerke, Töpferwaaren, Pseifenfabrik; Steinkohlen; 4800 Ew. lleosimum Sro., Pflanzengattung aus der Fam. der Artocarpeen (XXII. 4), Milchsaft führende Bäume mit eingeschlechtigen, zweihäusigen Blnthen; männliche Blllthen in kugeligen Kätzchen mit schildförmigen Tragblättern, ohne Perigon, mit nur einem Staubblatte; weibliche Blüthen in eiförmigen Kätzchen mit verkümmerten Tragblättern, ohne Perigon, mit eineiigem Fruchtknoten u. zweispaltigem Griffel; Frucht eine lederartige, einsamige Kapsel. Brod- nußbaum (8. Xlieasvrnm Ars.), mit breit-lan- zettlichen Blättern u. kurz gestielten, einzeln in den Achseln der Blätter stehenden Kätzchen; die Samen schmecken wie Haselnüsse, werden roh u. gekocht gegessen, auch zu Brod verwendet; der Saft der jungen Pflanze ist genießbar u. liefert so wie der von 8. spurium Kautschuk; die Blätter und jungen Äste bilden die Hauptnahrung der pflanzenfressenden Thiere ans Jamaica, woselbst beide Arten heimisch find. Engter. Brosse, Gui de la B., geb. in Rouen; starb 1641 als Arzt Ludwigs XIII.; war Stifter und erster Intendant des äaräin äss kinntss in Paris u. schr. Vieles über diesen. Brosses, 1) Charles de B., franz. Historiker n. Archäolog, geb. 17. Juni 1709 in Dijon; bereiste 1739 Italien, wurde Parlamentspräsident von Bourgogne; er st. 17. März 1777. B. schr.: Oettres sur 1'öbab notnsl äs In vills ä'UerenIa- vuill, Dijon 1750 (das erste Werk überHercula- nnm); Hist, äss vaviAations nur bsrrss nnstrn- les, ebd. 1756, 2 Bde., deutsch v. Adelung, 1767; On euits äss äioux Istioirss, 1760, deutsch von Pistorins, Strals. 1785; Traibs äs in lormativn wöeaoiqus äes lavssnss, Paris 1765, 2 Bde., ». A., 1801, deutsch von Hißmann, Lpz. 1777; Rist. äs In rspubliqus romains äans Is eours äll 7. sisols pur Lnilusbs (nach den Fragmenten des Sallustius), ebd. 1777, 3 Bde., deutsch von Schlüter, 1799, u. m. a. Vgl. Foisset, 8s pre- Menb äs 8., Iiistoirs äes lettrss eb äss pnrla- wonts äu 18. sisols, Par. 1842. B. war einer der besten Kenner der kölnischen Geschichte u. Alter- Ihümer im 18. Jahrh.; sein Stil ist nicht musterhaft. Vgl. Colomb, 8s prösiäsnt äs 8. sn Ilniis, Par. 1869, 2 Bde. 2) Rene, Graf von B., Sohn des Vor., geb. 12. März 1771 in Dijon, gest. 2. Dec. 1834; gab heraus: 8'Ibaliö II ^ n eoot uns, 1834, 2 Bde.; eine neue Ausgabe der Oottrss üistoriquss st eritiques seines Vaters. Volchcrt? Brasset, Marie Felicite, franz. Orientalist, geb. 5. Febr. 1802 zu Paris; war zuerst Geistlicher und Lehrer der Humaniora in dem?stit- Llontrougs u. noch einem anderen Jesuiicncolleg; dann gab er die thevlog. Studien auf, ging nach Paris, stndirte unter den ungünstigsten äußeren Verhältnissen die semitischen n. mongolischen Sprachen, das Armenische u. Georgische. Um leben zu können, mußte er Setzer, dann Corrector werden. Später erhielt er eine Stelle als außerordentlicher Professor an der Kaiser!. Akademie in St. Petersburg, wurde ordentlicher Akademiker, Staatsrath, Bibliothekar u. Münzconservator. Er schr.: 6>n-o- niquo Ksorxionns (mit Übersetzung), Par. 1830; Bd. 13—21 der Hist, än 8as-8mpirs von Le- bean; ülsmsirss insäits sur In lanqno st 1'üist. AsorAisnnos, 1834; drammnirsAsorAisims. 1834; gab heraus: Dosoription Aeszr. äs In 6sor§is 1843; Hist, äs In (löor^is, 1851; Rapport sur un voxaZs arollsolo§. änns la OeorAis st äans I'Xrmönis, 1849—51; Osux bistorisns srmönisns Ollübranös st Xiraeos, Petersb. 1870. B. ist der beste Kenner Georgiens n. der georg. Sprache. Volchcrt. VroßmttNN, Karl Friedrich Gustav, deut- scher Bildhauer, geb. 12. April 1830 in Gotha; bildete sich an der Dresdener Akademie, dann bei Hähnel, 1860—61 in Italien; lebt in Dresden. Seine anmuthigen Arbeiten sind nicht frei von konventioneller Haltung. Hauptwerke: Christus, im Trinitatis-Friedhofe zu Dresden; Bohemia, im sächs.-böhm. Bahnhofe daselbst; Nymphe mit Triton, ans dem Räcknitzplatze daselbst; Architektur n. Geschichte, im neuen Museum zu Gotha. Regnet. Brotterode, Flecken im Kreise Schmalkalden des prenß. Regbez. Kassel, im Thüringer-Walde, neben dem Jnselsberge; Zainhammer, Schlcif- mühle, Eisen- u. Messingwaaren; Viehzucht; 2794 Ew.; schöne Umgebungen. Brötzingen, Pfarrdorf im Amte Pforzheim des bad. Kreises Karlsruhe, Eisenbahnstation; Tripelgruben; römische Alterthümer; 3331 Ew. Brou, 1) (Romain de B.) Stadt im Arr. Chateandun des franz. Dep. Enre-et-Loir, an der Ozanne, Station der WBahn; Eisengießerei, Fayence- u. Sergefabr.; 2338 Ew. 2) Flecken im Arr. Bourg des franz. Dep. Ain; schöne goth. Kirche mit Grabmälern Margarethas von Bonr- bon, Margarethas von Österreich n. Philiberts des Schönen von Savoyen; Theolog. Seminar. Brouckcre, 1) Charles de B., belgischer Staatsmann, geb. 1796 in Brügge; trat 1815 beim holländischen Heere als Unterlieutenant der Artillerie ein, nahm aber 1820 seine Entlassung, trat in das Bureau seines Vaters, damaligen Civilgonverneurs der Provinz Limburg, u. rückte hier bald bis zum Sectionsches im Civilgouvcr- nemcnt aus; er wurde 1825 Deputirter der Provinz Limburg bei der Zweiten Kammer der Generalstaaten u. brachte als solcher in der Session von 1827—28 einen Antrag ans Abschaffung des königlichen Dekrets vom Jahre 1815 gegen die Freiheit der Presse ein. Seitdem ein Hauptführer der liberalen Partei, gab er Dec. 1829 sein Civil- amt ans u. trat 1830 auf Seite der Revolution, als alle Anssicht auf eine friedliche Einigung mit der Regierung verschwunden war, wirkte aber für die Übertragung der Krone an den Prinzen Friedrich von Oranien, wurde von der Provisorischen Re- 128 Brvughcim giernng zum Obersten u. Finanzminister n. im ersten königlichen Ministerium Minister des Innern u. 1831, nach dem Einfalle der Holländer, znm Kricgsminister ernannt, als welcher er sich um die Organisation des Heeres große Verdienste erwarb. Er reichte infolge einer von der Deputirtenkammer verfügten Herabsetzung des Kriegs-Etats März 1832 seine Entlassung ein, schied zugleich aus der Kammer u. wurde dann Generaldirector der Münze, übernahm 1834 eine Professur an der Universität Brüssel, gab hier mit Tielemans das Rsxertoirs <1s l'aämminbraticm ob än äroib irämiriinbratit heraus, betrieb 1835 die Gründung der Belgischen Bank, wurde Direktor derselben, nahm aber nach ihrem Falle (1839) seine Entlassung. 1840 trat er wieder in die Zweite Kammer n. wurde 1848 Bürgermeister von Brüssel. Er st. 20. April 1860. 2) Henri de B., Bruder des Vor., geb. 20. April 1801 in Brügge; war Advocat, dann Procurator des Königs in Roermonde, schloß sich der Revolution 1830 an u. wurde Mitglied des National- cougresses und Secretär desselben, kämpfte 1831 als Freiwilliger bei Löwen, erhielt in demselben Jahre mit 3 anderen Commissaren eine Mission nach London, um die Meinung des Prinzen Leopold über die Annahme der belgischen Krone zu erforschen, u. wurde nach Auflösung des Congresses 1832 Deputirter für Noermonde, von 1833—48 für Brüssel. Seine Stelle in Noermonde vertauschte er bald mit einer Rathsstelle am Appellationshofe in Brüssel, wurde 1840 Gouverneur der Provinz Antwerpen, dann kurze Zeit bis 1846 von Lüttich, Nng. 1847 Staatsminister ohne Theilnahme am Ministerrathe, October 1849 Gesandter in Rom, Neapel, Turin u. Florenz; Ende October 1852 wurde er als Minister des Auswärtigen ins Ministerium berufen, reichte aber Anfang März 1855 mit dem ganzen Ministerium seine Entlassung ein. 1857 wurde er Abgeordneter für Mons, mußte aber 1870 einem Radicalen weichen. Seitdem lebt B. als Bürgermeister zu Oudergem bei Brüssel. Wenzelburger? Brougham and Baux, Henry, Lord Edin- burgh, bedeutender britischer Staatsmann und Nechtsgelehrter, geb. 19. Sept. 1778 zu Edinburgh, aus einer alten, der Grafschaft Westmoreland entstammenden Familie; empfing seine erste Ausbildung in dem Hause seines Oheims mütterlicherseits, des Historikers Robertson. Nach vollendeten Rechtsstudien an der Universität seiner Vaterstadt trat er 1800 als Sachwalter in den schottischen Gerichten auf u. war 1802 Mitbegründer des kritischen Journals Räindnrxfii Review, welches wegen seiner scharfen Beurtheilung der bestehenden politischen u. socialen Mißbräuche und veralteter Einrichtungen bald großes Aufsehen erregte u. eine der bedeutendsten u. einflußreichsten Zeitschriften Großbritanniens wurde. 1808, nachdem er wegen einiger Schriften über Optik und Geometrie von der Rozsl Looiebx zu ihrem Mitglieds erwählt worden war, siedelte B., da er in Edinburgh wegen seiner liberalen Ansichten und seines excentrischen Wesens keine Praxis finden konnte, nach London über u. betrieb dort die Ad- vocatur; er wurde 1810 für den Flecken Camel- sori ins Parlament gewählt, wo sein Antrag, den and Baux. Sklavenhandel für ein Capitalverbrechen zu er- klären, 1811 von beiden Häusern angenommen n. zum Gesetze erhoben n. 1812 die den Handel der Neutralen vernichtenden Restrictionsmaßregeln der Regierung vom Jahre 1807 zurückgezogen wurden. Im Jahre 1816 von Winchelsea gewählt, wirkte er besonders für eine bessere Organisation des Unterrichtswesens und setzte die Errichtung des Oommittss on oänoabicm durch, wodurch die Stift- nngsschulen unter Staatscontrole kamen. In demselben Jahre besuchte er in Como die Prinzessin von Wales, die ihn zu ihrem Sachwalter gegen die vom Ministerium gegen sie beantragte Scheidung wegen Ehebruchs wählte. Als dieselbe 1820 nach England zurückkehrte, vertheidigte B. im Oberhause ihre Ansprüche auf die Rechte einer britischen Königin u. setzte ihre Freisprechung durch. Dieser Triumph der Beredtsamkeit B-s erhöhte seinen Ruf u. sein Ansehen in der öffentlichen Meinung, zuinal die Volksstimme für die Königin war. 1819 gründete er eine Kleinkinderschule in Westminster, wurde einer der eifrigsten Beförderer einer Bildnngsanstalt für Handwerker n. beförderte die Stiftung einer Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, sowie die Gründung der Londoner Universität. 1825 wurde er Lord- Rector der Universität Glasgow u. unterstützte als Gegner des Ministeriums Wellington-Peel 1823 u. 1829 die Emancipation der Katholiken u. die Verbesserung der Rechtspflege und 1830 die Abschaffung der Sklaverei in Westindien. In demselben Jahre hatte sein Antrag auf Verbesserung des Repräsentationssystems den Rücktritt des Ministeriums Wellington zur Folge, u. B. trat, nachdem er zum Pair erhoben, in das Whig-Ministerium Grey als Lordkanzler ein. An den große» Reformen, welche dieses Ministerium vornahm, hatte B. den meisten Antheil, so an der Reform der Parlamentswahlverfassung, der Municipal- verfaffung, des Armenwesens, der Emancipation der Sklaven rc. Deshalb ward ihm aber auch die meiste Unpopularität zu Theil, die sich später an die liberalen Minister heftete, u. als sie 16.Nov. 1834 durch Wilhelm IV. entlassen wurden, legte auch B. sein Amt nieder, um später niemals eines wieder zu übernehmen. Dem liberalen Ministerium folgte auf kurze Zeit ein Toryministerium Wellington. Als dieser 1835 abtrat, ward B., da er sich durch einige Indiskretionen das Mißfallen der Häupter der Whigs zugezogen hatte, nicht in das zu Stande gekommene Whigcabinet ausgenommen u. trat nun, ohne sich gerade der Torypartei anzuschließen, in eine oppositionelle Stellung zu de« Whigs. Das 1841 ans Ruder kommende Ministerium Peel unterstützte er in der Beförderung des Freihandels u. der Rcchtsreformen, ebenso das 1846 folgende Whigministerium. In dieser Zeit gründete er die Imw ^.msuclsmsub 8ooiet)', eine Gesellschaft, die sich die Verbesserung der Rechtspflege zur Ausgabe machte u. deren Präsident er längere Jahre war. Während der ersten Zeit von Lord John Russells Ministerium (1846—52) war B. noch immer mit Rechtsreformen beschäftigt; doch die außerordentlichen Ereignisse von 1848 rüttelten ihn zu neuer Entfaltung seines noch immer jugendlichen Geistes ans. Nach dem Sturze Ludwig 129 Brouilliren - Philipps schlug er der revolutionären Regierung Frankreichs, getrieben von seiner unmäßigen Vorliebe für alles Französische, zur Vervollständigung seiner Verbindung mit jenem Lande (als Eigenthümer einer Besitzung nahe bei Cannes, wo er den größten Thcil des Jahres zubrachte, hatte er bereits eine gewisse Verbindung mit demselben) vor, regelrechter Bürger Frankreichs zu werden, ein Vorschlag, der aber von dem Justiz- minister Crömienx mit dem Bemerken abgelehnt wurde, daß er, wolle er Franzose werden, auf- hörcn müsse, Engländer zu sein. B. gab seinen Ansichten über die Revolution, ihre Principien u. Konsequenzen Ausdruck in verschiedenen großen im Hause der Lords gehaltenen Reden, doch des. u. ausgedehnter noch in seinem Lottsr ka tlrs Llargnis ok Landsdovns ou tks lato rsvolutüon in Pranes, der 6 Auflagen erlebte: in ihm ver- urtheilte er in den herbsten Ausdrücken die Urheber der Februarrevolution, die er kurz zuvor noch mit Lobeserhebungen überschüttet hatte. Ähnliche Inkonsequenzen beging er in Menge. Schon im Herbste 1848 sah man ihn, den alten zornigen Gegner der heiligen Allianz, in einen Parteigänger Österreichs u. Rußlands verwandelt, der die Rechte Österreichs auf Italien in Schutz nahm und den Czar verherrlichte als den Retter der europäischen Civilisation. 1850 überraschte er seine Parteigenossen in Sachen der Volkserziehung durch seinen Widerstand gegen die Abschaffung der notorischen Mißbräuche der Universitäten Öxford u. Cambridge u. gegen jegliche Reform des herrschenden Verwaltungs- und Erziehnngswesens dieser Universitäten. Den während desselben Jahres be- rathenen Vorschlag zu der ersten Weltausstellung in London unterstützte u. bekämpfte er abwechselnd. 18SS fand man ihn, den Freund Österreichs von 1848, wieder enthusiastisch für die Freiheit und Einheit Italiens; 1863 vertauschte er die Lobrednerei des Czars mit ebenso warmer Begeisterung für die Freiheit Polens; 1864 declamirte er mit der größten sittlichen Entrüstung gegen die „räuberische Invasion" Dänemarks durch die deutschen Großmächte. Der Einfluß dieser und anderer Widersprüche ans das öffentliche Urtheil über den Charakter B-s ist leicht faßlich. Die Welt wurde endlich eines Mannes müde, der immer wieder mit sich selbst u. seiner Vergangenheit in Widerspruch gerieth u. der übereilten Hast eines rastlosen Temperaments nicht Herr werden konnte. Und so starb er denn, seinen Ruhm lange überlebend, fast ganz vergessen, 9. Mai 1868 zu Cannes, u. da er keine Nachkommen hinterließ, so ging die Peerswürde an seinen Bruder William über. B. war ohne Zweifel einer der bemerkenswerthesten Männer eines an bedeutenden Männern reichen Zeitalters: seine Laufbahn aber ist ebenso sehr eine Warnung, wie ein Beispiel. Von seinen zahlreichen Schriften sind zu nennen, außer den Lxesollss, Edinb. 1338, n. Ausg., 1845, 4Bde., und der Lribisll Oonsbibubion, ibo lliotor^ and vorking, Lond. 1844, 3. Ausl., 1868: die 8ksb- cdes ok stateswon ok tks tims ok 6soiZs IV., ebd. 1839, neue Ausgabe, 1859, denen sich die lävss ob iukrn ok lettvrs and soisuoo ok tlls bims vk ksorgs III., ebd. 1845, 2. Serie, 1846, neue Pierers Unidersal-ConversationLVexikon. L. Aufl. : - Broussais. Ausg., 1872, anschließen. Weniger bedeutend sind seine OptiosI rsosarollos, ebd. 1850; ^naJtioal vioiv ok Hsnckons prinoipia, ebd. 1855. 1856 gab er in 3 Bdn. eine Auswahl von seinen Beiträgen zu der üdinduiAli Lsvloiv heraus. In allen Schriften B-s spürt man den Geist des Moralphilosophen, der mit specieller Beziehung auf praktische gegenwärtige Zwecke schreibt, den Verstand des Lichtfreundes, der einer rationellen Betrachtung der Dinge ergeben ist, den Sinn des Tyrannenhafsers, der sich instinctiv gegen jede Bedrückung, jede Intoleranz, jede Hemmung des Fortschrittes empört. Dennoch wird er als Schriftsteller in der englischen Literatur kaum einen so hohen Rang einnehmen, wie als Vorkämpfer des Liberalismus in der politisch-socialen Geschichte. Und obgleich er eine anerkannt mittelmäßige Übersetzung der Demosthenischen Rede I)s Eoroua, lieferte, dürfen manche seiner Reden mit Recht den besten Mustern des Alterthums zur Seite gestellt werden. Eine Sammlung seiner Schriften: Orltüoal, llistorioal and niisesllansono vvorica, neueste Ausg., Lond. 1872—73, II Bde., wurde von ihm selbst herausgegeben. Kurze Zeit nach seinem Tode erschien eine Art Selbstbiogcaphie: I>iks and timss ok Lord LronAliam, Lond. 1871, 3 Bde.; doch eine regelrechte Lebensbeschreibung über ihn besteht nicht, denn Lord Campbells nachgelassene Biographie B-s in: Livss ok Lord LMdliursb and Lord LronAÜain, Lond. 1869, ist ein gekünstelter Versuch, den Nus seines früheren Nebenbuhlers zu schädigen. Bartling' Brouilliren (fr.), sich entzweien; mit Einem brouillirt sein, mit Einem gespannt sein; daher Brouillerie, Verdruß, Zank, Uneinigkeit. Bromicker, William, Viscount, Kanzler u. Großsiegelbewahrer, engl. Mathematiker, geb. 1620 zu Castle Lyons in Irland; st. 1684. Er war Mitstifter der König!. Gesellschaft zu Oxford u. schr. mehrere mathematische Abhandlungen in den Lllilosopliieal Lransaokions. In seinen Briefen findet sich die erste Anwendung der Kettenbrüche zur Darstellung des Verhältnisses zwischen Durchmesser u. Umfang des Kreises. Er beschäftigte sich mit der Quadratur von Curven nach der Methode von Wallis u. hat die sog. B-scheu Reihen, unendliche Reihen für die Quadratur der Hyperbel, angegeben, die ersten, durch welche der Inhalt einer hyperbolischen Fläche gefunden ist. Broussais, 1) Frany. Joseph Victor, geb. 17. Dec. 1772 zu St. Malo; diente sechs Jahre als Militärwundarzt in der Marine, studirle die Heilkunde in Paris, prakticirte dort bis 1805 u. begleitete dann die franz. Armee nach Holland, Deutschland, Italien u. Spanien. 1814 wurde er Professor am Hospital von Val de Gräce in Paris, bekam 1820 den Lehrstuhl der allgemeinen Pathologie u. Therapie an der medic. Facultät daselbst u. wurde Mitglied des Instituts. Er st. 17. Novbr. 1738 auf seinem Landsitze in Vitry. 1841 wurde ihm im Val de Gräce ein Denkmal errichtet. B. ist der Schöpfer eines neuen Systems, das er merkwürdigerweise das physiologische nannte, u. das, dem Brownschen entgegengesetzt, in dem Satze gipfelte: alle Krankheiten sind örtliche, sind meist entzündlicher Natur und müssen durch IV. Band. o 130 Broussaisschcs System — Lroussonetia. Blntentziehnngen behandelt werden: ein System, das mehrere Jahre den drückendsten Despotismus namentlich unter den französischen Ärzten ausübte, aber, so falsch es auch im Ganzen ist, Wahrheiten enthielt, aus denen die Wissenschaft Bortheile zog; es gab den Anstoß zu einer großen Bewegung. B. selbst war ein bedeutender Mann, „Noll des Talents, in klaren Ausdrücken tief zu sein", kühn, energisch, begeistert für das einmal Erfaßte. Als seine Lehre immer mehr Anhänger verlor, warf er sich mit frischer Kraft auf die Phrenologie, die er allerdings so umgestaltete, daß Gall seine Lehre wol nicht wieder erkannte. Bon seinen Schriften sei erwähnt: Rsclwrclres nur la Lsvrs Iwctiguo, Par. 1803; Rist. äos pläsAmasios, ebd. 1808, 2 Thle, 3. Aust., 1826, 3 Bde.; Dxsmon äs 1a äooirlas moä. Asnöralomsnb säopbso st <1o sz-stömes moäernss äs nosoloZls, ebd. 1816, 4. Ansg., ebd. 1829—34, 4 Bde.; Dexons sur los plilsAmasios Aastriguos oto., herausgeg. von de Caignon u. Guemont, ebd. 1819, 2. Ansg., 1823, deutsch von Kühnlin u. Gcndre, Bern 1820, von Fleck, Nudolst. 1829; Trakts äs pliz-sloloAls appllgaso ä la patliolvAis, Par. 1822 —1824, 2 Bde.; Oours äs patiwko§is et äs tlivrapsa- tigns Asnsrakes, ebd. 1831 f., 2 Bde., 2. Ansg., 1824—35, 5 Bde.; Os 1a uivillonro instlwäs äs püilosoxliis on insäveins, ebd. 1832; Ds clrolsra- morbas, ebd. 1832; Goars äs plirsnoloZie, ebd. 1836. Vgl. H. Spitta, Ploras äootrlnas patstol. anot. Lroussais opltoine, Gott. 1822; Conradi, Kritik der Vorlesungen des Dr. B. über die gastrischen Entzündungen, Hcidelb. 1832, 2. Aust. Lebensbeschreibung von Montegre, Par. 1839. 2) Casimir, Sohn des Bor., geb. 1803 zu St. Scrvan; war Arzt n. 1833 adjungirter Professor am Val de Grace; st. 1847.; er schr.: Gomxbs- rsnäu äs 1a elinlgao äs Ll. Lroassais, Par. 1826; Do 1a Mumastigne, xbd. 1827; L.t1as liistor. st blblwArapli. äs 1a msäeolns, ebd. 1829; DpAlsns morale, deutsch von Frankenberg, Braunschw. 1838. Thamhayn. Brouffaissches System, s. Broussais i). Bronsson, Claude, geb. zu Nismes; wurde Advocat zu Toulouse, später reformirter Prediger. Durch ihn ganz besonders ward nach der Widerrufung des Edicts von Nantes 1685 die Franz.- Resormirte Kirche vom gänzlichen Untergänge gerettet. Durch seine Sendschreiben, durch Missionswanderungen, Gottesdienste in Höhlen, Wäldern, Bergschluchten erhielt er in den sog. Kirchen der Wüste das Feuer religiöser Begeisterung. Im I. 1693 wurde ein Preis auf seinen Kops gesetzt. Zu Oleron in Bear» ergriffen, ward er 19. Sept. 1698 auf der Citadelle von Montpellier erdrosselt u. gerädert. Er schr.: Da manns än ässsrt, Amst. 1695; Dsttros Pastorales sur ls oantigus äos canblgass Haag, 1699; Relation äss miraclos gas Dien a taits äans Iss Gsvonnes, deutsch, Franks, a. M. 1698. Löffler. Brouffonct, Pierre Marie Auguste, Arzt, Botaniker u. Zoolog, geb. 28. Febr. 1761 zu Montpellier; promovirte im 18. Jahre in Montpellier mit solcher Auszeichnung, daß die Facultät für ihn die Anwartschaft auf seines Vaters Lehrstuhl forderte. Seine Dissertation: Varlas posi- tionos circa rsspirationsm, Mompellier 1778, enthält einen guten Theil der vergleichenden Anatomie u. ist wiederholt aufgelegt worden. Er legte sich nun bes. auf Zoologie, da er in der Botanik bereits gut bewandert war, führte zuerst in Frankreich das Linnesche System der Nomenclatur und Beschreibung für die Zoologie ein u. veröffentlichte als erste Frucht seiner Studien: IclrtlrMoKias äseas prima, Lond. 1782, die während seines dreijährigen Aufenthaltes in England gereift war. Der Königlichen Gesellschaft in London übergab er gleichzeitig eine Abhandlung über Ophidium. Nach seiner Rückkehr begünstigte ihn Daubenton, machte ihn zu seinem Stellvertreter am Gollsxe äs Dranos u. 1784 zum Gehilfen an der Dcols vstsrinairs. Er überreichte nun der Akademie eine Menge sehr interessanter Abhandlungen über Seehunde, den Seewolf, den Zitterrochen, das Athmen der Fische u. s. f., welche ihm die Ernennung zum Mitglieds einbrachten. 1785 wurde er Secretär der Locistö ä'a§rioaliars in Paris, erwarb sich große Verdienste um die Gesellschaft, veröffentlichte außer dem Nömoirs sur l'art äs faire äs la boils aveo lss ti^es än Zsnst ä'LspsZns n. der Dsallls än ealtivatoar 1788 das ^.nnss rurale, Par. 1787 u. 1788, u. führte die ersten Merino und Angora ein. 1789 in die politischen Wirren hervorragend verwickelt, wurde er 31. Mai verhaftet, entfloh aber, kam vollständig entblößt nach Madrid, wo er bei den Botanikern Ortega und Cavanilles freundliche Unterstützung fand, mußte aber auch hier fort u. schiffte sich nach Indien ein. Ein Sturm zwang zur Landung in Lissabon; er ging später als Leibarzt des nordamerikanischen Gesandten Simpson nach Marokko, kehrte nach Frankreich zurück, wurde Consul für Mogador, hielt sich auf den Canarischen Inseln auf, dann in der Capstadt und kam endlich als Professor der Botanik nach Montpellier. 1805 in die Gesetzgebende Versammlung berufen, st. er leider schon 27. Juli 1807. Er hinterließ außer werthvollen Memoiren noch besonders: Relation äs sos vopsKos; llne lästoirs adrsZss äos aaimaax, 1788, und One ^ üors economigas äss Ganarss, sämmtlich dem Institut eingercicht. Thamhayn. kroussonstka Vs-rD, Pflanzengattung, nach Vor. benannt, ans der Fam. der Moreen (XXII. 4), Milchsaft führende Bäume, mit abwechselnden, zweireihig stehenden Blättern, häutigen, abfallenden Nebenblättern und zweihäusigen Blllthen; männliche Blüthen in Kätzchen mit eiförmigen Tragblättern, viertheiligem Perigon u. 4 vor Len Abschnitten des Perigons stehenden Staubblättern; weibliche Blüthen in kugeligen Köpfchen mit keulenförmigen Tragblättern, kreuzförmigem, an der Spitze gezähneltem Perigon, gestieltem, eiförmigem, einfächerigem Fruchtknoten mit einer gekrümmten Samenknospe, mit seitlichem Griffel n. fadenförmiger Narbe; Frucht eine auf der verlängerten Blüthenachse über das Perigon hervorragende, fast kugelige Steinfrucht, mit hängendem Samen, in dessen dünnem Eiweiß ein gekrümmter Embryo mit länglichen Keimlappen. Arten: L. xapxriksra Vent. (Noras pappriloraD.), mit filzigen Stengeln, Blättern n. Blüthenständen, breit-eiförmigen, un- gethcilten oder tief 2—Zlappigen Blättern, deren Brouwcr — Brown. 131 Abschnitte ebenfalls gelappt u. gesägt sind; in Japan u. dem Indischen Archipel heimisch, aber auch anderwärts viel cultivirt; liefert in seiner Rinde Material zur Papierbereitnng; desgleichen Lie Arten: L. Lasmpkisri Ke/r. n. U. Lamvinslc)- Kc/i. L. iinetoria Mart. ist gleich Laolura tine- toria D. Don. Engter. Brouwcr (Brawer, Brauer, Brower und Branwer), Adrian, berühmter holländ. Genremaler, geb. 1608 zu Oudenaarde, gest. Jan. 1638 zu Antwerpen. Über sein Leben ist wenig mit Sicherheit festgestellt. Nach Houbracke» soll er ein Schüler von Franz Hals gewesen und von dielem ausgenutzt worden sein, bis er nach Amsterdam entflohen wäre n. dort sich einem ausschwei- scnden Leben ergeben hätte, aus dem ihn Rubens «mporgehoben haben soll, doch nur für kurze Zeit. Anlaß zu diesen Aufstellungen dürfte der Umstand gegeben habe», daß B. vorwiegend Wirthshans- scencn, Marktschreier n. Spieler, selbst Unsittlichkeiten aller Art malte. In seinen Bildern läßt sich der Einfluß von Rubens nicht verkennen. B. zählt zu den größten flämischen Meistern und ist namentlich in den Galerien von München, Dresden u. Petersburg glänzend vertreten. Von seinen Bildern wurden viele in Kupfer gestochen, auch soll er selbst den Stichel geführt haben. Ein Verzeichnis seiner Werke findet sich beiDecamps. Regner. Brouwershltven, Stadt im Bezirke Zierikzee der niederländ. Provinz Zeeland, auf der Insel Schouwen; Hafen; Austernfang, Fischerei; Bierbrauerei; .Handeln.Schifffahrt; 1600 E.; Geburtsort des Dichters Jakob Cats, dem hier ein Standbild errichtet wurde. In der Nähe stand die Stadt Bomene, welche durch Wasserflnthen zerstört wurde. Hier schlug 11. Jan. 1427 Philipp von Burgund die Engländer. Brown, 1) County im nordamerikan. Unions- starte Illinois, unter 39° n. Br. u. 90° w. L.; 12,205E.; Conntysitz: Mount Starling. 2) County im nordamerik. Uuionsstaate Indiana, unter 39° n. Br. u. 86° w. 'L.; 8681 Ew.; Countysitz: Nashville. 3) County im nordamerikan. Unionsstaate Kansas, unter 39" n. Br. u. 95° w. L.; 6396 Ew.; Countysitz: Hiawatha. 4 ) County im nordam. Unionsstaate Minnesota, unter 44° u. B. n. 94°w. L.; äußerst fruchtbar; 8679 E.; County- sttz: Nen-Ulm, deutsche Niederlassung. 5) County im nordamerikan. Unionsstaate Ohio, unter 39° n. B. u. 83° w. L.; 30,802 Ew.; Countysitz: Georgetown. 6) County im nordamerik. Uuions- siaate Texas, unter 31° n. Br. u. 90° w. L.; 544 Ew. 7 ) County im nordamerikan. Unionsstaate Wisconsin, unter 44» n. Br. u. 88° w. L.; 25,168 Ew.; Conntysitz: Greenbay. Brown, 1) Robert, engl.Geistlicher u. Stifter der Secteder Brownisten, geb. 1549 zu Folthorp >n Nutlandshirc; excentrisch u. heftig, trat er schon wahrend seiner theologischen Studien zu Cambridge gegen Verfassung u. Cultus der Englischen Kirche nus; m Norwich gewann er 1581 unter den hol- E^s!chku Anabaptisten durch seine Predigten viele Anhänger, bald auch unter seinen Landsleuten, bildete die Secte der Brownisten u. sagte sich mit denselben von der Bischöfl. Kirche u. den Puritanern «os, weil sie namentlich in der äußeren Gestalt u. Einrichtung ganz von der Anordnung der Apostel abgewichen seien. Jede einzelne Gemeinde oder Congregation (daher auch Congregationalisten) sollte ganz unabhängig von anderen als eigene Kirche sich selbst regieren. Daher verwarf er auch die Synoden, ebenso die kirchliche Trauung (da ihm die Ehe nur eine bürgerliche Anordnung ivar), die Verwaltung der Sacramente in der gewöhnlichen Form, feststehend- Gebete, sogar das Vater Unser und die meisten bestehenden kirchlichen Einrichtungen. Die Lehrer sollten keinen besonderen Stand bilden u. jeder Bruder öffentlich lehren können. Verfolgt, ging er nach Middelburg in Seeland, stiftete daselbst eine Gemeinde, kehrte aber, da die Gemeinde in Zwiespalt n. Verwirrung ge- rieth, 1585 nach England zurück; hier ward er 1590 von dem Bischof von Peterborough in den Bann gethan, unterwarf sich jedoch der Kirche u. wurde Pfarrer in Northamptonshire, mußte aber, wegen regellosen Lebens alles Ansehens beraubt, seine Stelle durch einen Vicar versehen lassen. Er st. 1630 im Gefängnis;, wohin er wegen seiner Heftigkeit gekommen war. Ungeachtet seines Abfalles mehrte sich die Zahl seiner Anhänger, die von einem anderen Oberhaupte, Barrow, nun auch Barrowisten genannt wurden. Bald aber, heftig in England verfolgt, zerstreuten sie sich u. gingen namentlich nach Holland. Durch F. Robinson rcformirt, gestalteten sie sich zur großen Congregation der Independenten (s. d.) um und erlangten vorübergehend die Herrschaft in England. Ihr demokratisch-republikanisches Freiwilligkeits- princip ist später in NAmerika zu allgemeiner Geltung gekommen. 2 ) John, engl. Geistlicher u. hervorragender theolog. Schriftsteller, geb. 1715 zu Rothimry in Northumberland; wurde von der Kaiserin Katharina 1766 zur Organisirung des Schulwesens nach Rußland berufen, aber, durch Kränklichkeit an der Reise verhindert, entleibte er sich. Er sehr.: kÄsa.,73 on tiis oimraaiorisiiog ok tiis siiarl ok Llmktesburz', Lond. 1751; blstimats ob ttts maunsi-8 anä prinaiplss ok tiis kimos, ebd. 1757 f., 2 Bde. (wovon in einem Jahre 7 Aufl.); L. äissertakion on kiie riss, nniou auck xovrsr eie. ok poskrzi nnä mnsio, ebd. 1764, deutsch von Escheuburg, Lpz. 1769; die Trauerspiele Barbarossa u. Athelstan; Gedichte rc.; Lor- mons on various 8nbjot8, ebd. 1765. 3) John, geb. 1735 od. 1736 zu Buncle in der Grafschaft Berwick in Schottland; war ein Beleg für die alte Wahrheit, daß das Genie trotz der widerstrebendsten Verhältnisse sich Bahn bricht. Sohn armer Separatisten, empfing er als 4 Jahre altes Kind den ersten Unterricht bei einer alten Frau, las bereits im 5. Jahre die Bibel u. zeigte einen nicht zu befriedigenden Wissensdurst. Ursprünglich zum Weberhandwerkc bestimmt, brachte ihn sein Stiefvater doch «ach Dnnse zu einem geschickten Lehrer, Wait, wo er sich geistig u. körperlich trefflich entwickelte, so daß man ihn, 13 Jahre alt, bereits als Erzieher eines vornehmen Kindes anuahm; aber kein Stolz ertrug die Unannehmlichkeiten seiner Stellung nicht. Er ging nach Edinburgh, um Theologie zu studiren, sattelte aber um u. warf sich nun nüt der ganzen Kraft seines Geistes auf die Medicin, hielt für Jüngere Repetitorien, richtete g» 132 Brown. ! nach seiner Verhcirathung 1765 ein Pensionat für Mediciner in seinem Hause ein, wurde Mitglied der LIsckioal Looiotz- in Edinburgh, 1776 u. 1780 Präsident derselben n. gab 1780 seine LIementm inoäioinas heraus, in denen er sein neues System entwickelte (s. BrowuianismuS), ein Werk, das seinen Ruhm weithin verbreitete; die Vorlesungen, die er darüber hielt, ersreuten sich eines bedeutenden Zulaufes. Um mehr Proselyten zu gewinnen, gründete er 1784 die Freimaurerloge zum römischen Adler. Zerrüttete Vermögensumstände brachten ihn endlich ins Gcfängniß, wo ihn seine Schüler besuchten, um seine Vorlesungen zu hören. 1786 ging er nach London, aber seine hier ange- kündigtcn Vorlesungen kamen wegen seines unordentlichen Lebens nicht zu Stande. Er st. hier am Schlagflusse 7. Oct. 1788, als ihm eben der preußische Gesandte ein vorthcilhaftes Anerbieten für Berlin übermittelt hatte. B. schr.: RIomsnta meckivinne, Edinb. 1780, Lond. 1784 und 1788, Mail. 1792, Hildburgh. 1794, englisch von B. selbst, Lond. 1788, 2 Bde., von Beddoes, ebd. 1795, 2 Bde., deutsch von Weikard, Frankf.a.M. 1795 u. 1798, von Pfasf, Kopenh. 1796 u. ö., zuletzt 1817, von Röschlaub, Frkf. 1806 f., 3 Bde. Gesammelte Werke mit Biographie von seinem Sohne Will. Cnllcn B., Lond. 1804, deutsch von F. v. Breyer, Franks. 1806. 4 ) Richard, engl. Arzt (in der ersten Hälfte des 18. Jahrh.), der eine Untersuchung über die Musik als Medicin schrieb und die Wirkungen des Tanzes und der Musik auf den menschlichen Körper eingehend erörterte: Nsäioina musioa, London 1729, lateinisch übertragen, 1735. 5 ) Charles Brockden, bedeutender nordamerikanischer Romanschriftsteller, geb. 17. Jan. 1771 zu Philadelphia; studirte Sprachen u. Mathematik u. widmete sich der Literatur; er lebte abwechselnd in New-Uork und Philadelphia, gründete 1800 eine Monatsschrift in New-Dorku. schr. die Novellen: Wieland, 1798; Arthur Mer- vyn, Ormond u. Edgar Huntley, 1799; Clara Howard, 1801; Jane Talbot, 1804; auch redigirte er in Philadelphia IRs Ditorarz- ÄnAarins und ll'iis ämrsrioan Register; er st. 1810. 6) Robert, berühmter englischer Botaniker, geb. 21. December 1773 in Montrose; ging auf die Empfehlung des berühmten Joseph Banks mit der Fliudersschen Expedition nach Neuholland und untersuchte 1801 einen Theil des Küstengebietes, blieb auch nach der baldigen Rückkehr von Fliuders daselbst, durchschweifte weite Gebiete, die unterdeß der Cultur gewonnen wurden, ging dann nach Bandiemensland und kehrte 1805 nach England zurück, bereichert mit einer Pflanzensammlung von über 4000 Arten. Er wurde nach seiner Rückkehr nach England bei Banks Bibliothekar, dessen große Bibliothek n. Sammlung er erbte, u. 1849 Präsident der lüunWan 8oeietx. B. schr.: krockromns üorlts Rovas-Hotlanciias et insnlas van Diemen, Lond. 1810. B. selbst, unzufrieden mit seiner Arbeit, versuchte später, alle Exemplare zu vernichten, doch war das ausgezeichnete Werk schon von Oken in der Isis u. von Nees von Esenbeck in vermehrter Ausgabe 1827 in Nürnberg gedruckt worden: (lenerat rsmarks on tüs botan/ ok 1 erra- ^nstralis, Lond. 1814; Llouograpü/ on tüs .ä,se1sxiaäsao, Edinburgh 1810; Lnpplomentum primnm üoras Kovas-Üollanckias, Lond. 1830. Auch beschrieb er zu vielen Reiseberichten den botanischen Theil; so u. a. die von Hersfield 1802—1815 auf Java gesammelten Pflanzen, das SaltscheHerbarium ans Abessinien, das von Oudney u. Clapperton aus Central-Afrika, sowie den glücklich geretteten Nest der Sammlung von CH. Smith von der verunglückten Expedition Tnckeys an der Mündung des Congo. Dabei förderte er in verschiedenen Gebieten die Pflanzenphysiologie in eminenter Weise, namentlich die Befruchtungslehre; diese Arbeiten wurden von Nees von Esenbeck als Vermischte lateinische Schriften, Nürnb. 1825 bis 1834, ins Deutsche übersetzt. Er st. als Beamter des Brit. Museums zu London 10. Juni 1858. Nach seinem Tode wurden durch Bennetl die Vermischten lateinischen Schriften von R. B., 1866—68, in 3 Bdu. herausgegeben. 7 ) Thomas, Philosoph der schottischen Schule, geb. 9. Jan. 1778, gest. 20. April 1820. Schriften: Gegen Darwins Zoonomie, 1798; Kritik von Humes Lehre über Causalität, 1804; Dsotnrss on tbe Riiiios. ok immun minck, 1820, 19. Aufl., 1858. Die letztere Schrift wurde, da B. während des Druckes starb, von seinem Schüler David Welsp vollendet. Derselbe gab auch B-s Vorlesungen über Geistesphilosophie heraus, die nach Erscheinung von 8 Aufl. stereotypirt wurden. 8) Thomas Richard, brit. Orientalist, geb. 1796 zu Cambridge; Geistlicher in Northamptonshire; schr. mehrere Werke über die chaldäische, hebräische, Sanskrit- u. chinesische Sprache, sowie über Keilinschristen, welche er meist selbst in nur wenigen Exemplaren druckte. 9 ) Sir George, engl. General, geb. 1790 in Linkwood bei Elgin in NSchottland; trat 1806 in die Armee, zog iin nächsten Jahre mit gegen Dänemark u. betheiligte sich dann an dem Peninsularkriege. Wesentlichen u. rühmlichen An- theil nahm er an dem Amerikanischen Kriege. 1831 ward er zum Obersten des Schützencorps, 1841 zum Generalmajor, 1850 zum Chef des Geueralstabes der Armee u. 1851 zum General- lieureuant befördert u. betheiligte sich an der Expedition nach der Krim, wo ihm 1854 der Befehl über die leichte Division anvertraut wurde. An der Spitze derselben focht er mit großer Auszeichnung in den Schlachten an der Alma u. bei Jnkcrman und übernahm später das Commando über das Expeditionskorps, welches an der Einnahme von Kertsch u. Jenikale theilnahm; nach dem Angriffe auf den Redau, 18. Juni 1855, dem er ebenfalls beiwohnte, nahm er seinen Abschied. Er st. 27. Aug. 1865 zu Linkwood. 10 ) John, bekannter Nordamerika». Freiheitshcld u. heftiger Gegner der Negersklaverei, geb. 9. Mai 1800 zu Torrington in Connecticut; erlernte das Gerberhandwerk, war 1846 Wollenhändler zu Springfield in Massachusetts, besuchte später in Geschäften Europa u. wanderte 1855 mit seinen 7 Söhnen nach Kansas aus, wo er einen thätigen u. hervorragenden Antheil an dem Kampfe mit der Sklavenpartei nahm, in welchem ihm einer seiner Söhne getödtet u. sein Besitzthum verwüstet ward. Ein frommes Mitglied der Congregationalisten- kirche, ein Mann von hohem sittlichem Charakter,. Browne. 138 ausgerüstet mit unbeugsamem Muthe u. glühendem Eifer, war er besonders zu dem Werke geeignet, dessen Ausführung er sein Leben gewidmet hatte. Bereits 1839 faßte er den Gedanken, ein Befreier der südlichen Sklaven zu werden. Weithin gefürchtet machte er sich durch die Einnahme von Ossawatomie, Aug. 1856, wo er mit 30 Gefährten die mehrere Hunderte zählenden Eindringlinge aus Missouri angriff und zerstreute. Im Mai 1859 berief er eine geheime Convention „der Freunde der Freiheit", welche zu Chatam in Canada zu- fammentrat n. eine Invasion Virginiens zur Befreiung der Sklaven organisirte, nachdem sie sich «ine Constitution gegeben. Im Juli d. I. pachtete B. ein Farmhaus bei Harpers Ferry am Poto- mac in Virginien u. häufte daselbst eine Menge Waffen auf. 16. Oct. 1859 überrumpelte er mit 20 Mann Harpers Ferry, bemächtigte sich des dortigen Zeughauses und machte 40 Gefangene. Tags darauf von der virginischen Miliz angegriffen, ward er nach heftigem Kampfe, in welchem er mehrfach verwundet wurde u. 2 seiner Söhne, sowie fast alle seine Leute verlor, gefangen genominen, dann im Nov. vor ein Schwurgericht gestellt, zum Tode verurtheilt und 19. d. M. gehängt. B. war zweimal verheirathet und hatte 20 Kinder. Vgl. Redpath, Mm public likc ok d. L., Lond. 1860, u. Webb, Liks and Isbtsrs ok HZ., New-Uork 1861. 11 ) John, Arzt in Edinburgh, geb. 1810; Verfasser der Llcras vutzsscivac, Edinb. 1858. 12 ) Henry Kirke, engl. Bildhauer, geb. 1814 zu Leyden in Massachusetts; ging 1832 nach Boston, um die Porträtmalerei zu stn- diren, widmete sich aber der Bildhauerei. Um sich die Mittel zu einer Reise nach Italien zu erwerben, wurde er Lokomotivführer zu Jll. 1842 gelang es ihm, seine Reise nach Italien auzu- treten, wo er vier Jahre weilte; dann ließ er sich in Brooklyn nieder, vervollkommnete sich in der Bronzegiaßerei u. lieferte die erste Bronzestatue in den Ver. Staaten. Werke: Hoffnung (Statue), die Hyaden u. Pleäaden (Basreliefs), Tire tour scascuw u. mehrere Büsten von berühmten Amerikanern; in Bronze: eine kolossale Statue de Witt Clintons, Ibs LnAsI ck Retribution u. a. m. 13 ) Georg, nordamerik. Publicist, Politiker u. Staatsmann, geb. 1805 zu Edinburgh; siedelte schon als Kind mit seinem Vater nach New-Iork über, wo er auf den dortigen Unterrichtsanstalten eine sorgsame Erziehung erhielt. Nachdem sein Vater das Journal: 'Ike Lritisb Cbrouicls, das Organ der schottischen Lrso-Lirk in Amerika, gegründet hatte, wandte sich auch B. der Journalistik zu u. folgte bald einem Rufe nach Canada, wo er die Redaction der kirchlichen Zeitschrift llibs Lanner in Toronto übernahm. Die Ereignisse, welche sich 1843 in Canada, betreffs der Bereinigung von Ober- und Unter-Canada in eine Colonie, entwickelten, führten B. zur Tagesschriftstellerei, und er gründete die bekannte Zeitung: 1'bs 6iobs, in welcher er mit Ausdauer u. Umsicht die Union verfocht. Sein Blatt ward als Organ der mächtigen Reformpartei bald das einflußreichste im Lande. 1851 in das neue kanadische Parlament gewählt, zeigte er sich stets als ein beredter Vorkämpfer für die Freiheit u. Unabhängigkeit seines Adoptivlandes. Die Vereinigung der Provinzen von Britisch-Nordamerika zu einer großen colonialen Couföderation unter dem Namen: Dominien ok Oanada (s. d.), die 1. Juli 1867 ins Leben trat, ist vorzugsweise als sein Werk zu betrachten. 14) George Lorinq, nordamerik. Landschafter, geb. 2. Febr. 1814 zu Boston; war zuerst Holzschneider, daun Illustrator, Decorationsmaler, ward dann Geo. P. A. Healeys Schüler, ging nach Paris, wo er sich nach den Coloristen Jsabey u. Decamp bildete u. des Ersteren Schüler ward, 1840 nach Italien, blieb fast 20 Jahre daselbst, besuchte dazwischen 1848 Deutschland, 1857 die Schweiz u. kehrte 1860 nach Amerika zurück. B. ist der einzige Vertreter der stilisirten Landschaft in Amerika, ohne jedoch, seltene Fälle ausgenommen, zu componiren, indem er wirklich existi- rende Gegenden durch Auffassung u. den Zauber des atmosphärischen Effects veredelt, wodurch er zugleich Stimmungsmaler wird. An seinen Bildern fällt zunächst die ungeheure Brillanz der Farbe auf, daneben die Meisterschaft in Behandlung der Fernsichten. Werke: Mondnacht in Venedig (1846); Ansicht beiPorto d'Anzo (1852); Ansicht bei Jschia; Sturm (1858); Bai von New-Dork; Die Krone von Neu-England; Schloß u. Stadt Heidelberg (1870); Atrani bei Amalfi; Der letzte Sonnenstrahl in der Campagna (1870); Vesuv von Castellamare aus; Vesuv vom Meere aus (1871). B. ist auch Stecher mit der Nadel, und seine Radirungen sind von höchster, fast unerreichbarer Zartheit, ohne der Kraft zu ermangeln. Vgl. über B. Tuckermans Essay in seinem: Look ok Frtist. Lond. 1867. 1 ) Löffler.' Si» 5)' 8)' 10) 12)» 13) Bartling. 3) Thamliayn. Browne, 1) Sir Thomas, englischer Phi- losoph, geb. 19. Oct. 1605 in London; studirke Medicin in Oxford, besuchte 1629 den Contiucnt, promovirte in Leyden, ging 1634 nach England zurück u. ließ sich 1636 in Norwich nieder; 1665 wurde er Ehrenmitglied des Collegiums der Ärzte in London und 1671 von Karl II. bei seiner Durchreise durch Norwich zum Baronet erhoben. Er st. 19. Oct. 1681. Sein erstes Werk: Lo- lizio insdici, Lond. 1642 und 1863, vielfach aufgelegt u. übersetzt, enthält eine Art Glaubens- bekenntuiß, das durch seinen Freimuth ihn in den Geruch eines Atheisten brachte u. doch nur für die Toleranz u. milde Philanthropie des Berfas- sers rühmlichst zeugte. 1646 gab er heraus: Lsendodoxia epidemica, er enguirios in tüis vulgär errors, Lond., das für sein eminentes Wissen sprach. Es wurde ebenfalls verschiedene Male aufgelegt u. übersetzt. B. setzt hierin die einzelnen Jrrthümer aus einander, citirt die Autoren, welche sie verbreiten halfen, u. bekämpft sie dann, resp. widerlegt sie durch Vernunftgründe, wodurch er sich vortheilhaft vor all den Schriftstellern vor u. nach ihm, die den gleichen Gegenstand bearbeiteten, auszeichnete. Seine Gesamml- werke erschienen 1666 u. wurden ins Deutsche übersetzt von Chr. Peganius, Franks, u. Lpz. 1680. Nach seinem Tode wurden die hinterlassenen Papiere nebst seiner Lebensbeschreibung von Tenisson, Lond. 1686, herausgegeben. 2) Georg, Reichsgraf von B., russischer Feldmarschall, aus eine« 134 Browne. alten irischen Adelsgeschlechte, geb. 15. Juni 1698 in Irland; studirte in Limerick, trat 1725 in knrpfälzische u. 1730 als Capitänlieutenant in russische Kriegsdienste; hier zeichnete er sich bald durch die Entschlossenheit u. den Muth aus, mit welchem er eine Meuterei der Garde gegen die Kaiserin Anna unterdrückte, rückte rasch zum Obersten vor u. kämpfte dann in den Kriegen gegen Polen, Frankreich u. die Türkei, bis er 1739 bei Krozka in türkische Gefangenschaft ge- rieth, in der er dreimal als Sklave verkauft wurde. Endlich durch Vermittelung des franz. Gesandten in Freiheit gesetzt, focht er als Generalmajor gegen die Schweden in Finnland, befehligte als Generallieutenant im Siebenjährigen Kriege ein abgesondertes Hilfscorps bei den -Österreichern, wurde bei Zorndorf gefangen u. so verwundet, daß er dienstunfähig wurde. Als Peter III. den Krieg gegen Dänemark beschlossen, sollte B. als Feldmarschall den Oberbefehl übernehmen, wurde aber, da er vom Kriege abrieth, des Landes verwiesen, jedoch noch vor seiner Abreise zum Gouverneur von Livland u. Esthland ernannt, wo er während 30jähriger Amtsführung eifrigst für Errichtung von Armenschulen, Magazinen, Hospitälern rc. wirkte, so daß er unentbehrlich schien. Von Kaiser Joseph II. ward er 1779 zum deutschen Reichsgrafcn erhoben. Er st. 18. Sept. 1792 zu Riga, nachdem die Kaiserin Katharina ihm den erbetenen Abschied verweigert hatte. 3 ) Maximilian Ulysses, Graf von B., Verwandter des Vor., geb. 23. Oct. 1705 in Basel, Sohn des Grafen v. B., der als Anhänger Jakobs II. England hatte verlassen müssen u. kai- serl. Dienste genommen, in welchen er 1716 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. B. trat auch in kaiserl. Dienste u. zeichnete sich in dem Polnischen Erbfolgekriege aus; machte 1737—39(in letzterem Jahre Feldmarschalllieutenant geworden) die Türkenkriege und 1740 den ersten „Schlesischen Krieg mit, kämpfte dann in Italien (Überfall von Velletri 11. Aug. 1744), in Bayern, am Rhein, 1746 wieder in Italien, wo er Guastalla u. Parma eroberte, zum Siege bei S. Lazaro u. dann durch Eroberung der befestigten Engpässe der Bocchetta zum Falle Genuas verhalf. Hierauf drang er in die Provence ein, aus der ihn Februar 1747 der Befehl des Kaisers zurückrief. Nach dem Frieden ward er 1749 Gouverneur von Siebenbürgen und 1752 von Böhmen und 1754 Feldmarschall. Bei Ausbruch des 7jährigcn Krieges übernahm er das Commando über Las bei Kollin zusammengezogene Heer, verlor aber 1. Oct. 1756 die Schlacht bei Lowositz u. strebte vergebens, die bei Pirna eingeschlossenen Sachsen zu befreien. Anfang Febr. 1757 nach Wien berufen, rieth er im Hoskriegsrathe zur Offensive, griff aber nicht Lurch, so wenig als mit seinem Abrathen vom festen Lager bei Prag; unter Herzog Karl von Lothringen befehligend, schlug er bei Prag 6. Mai 1757 die ersten Angriffe der Preußen unter Schwerin zurück, erhielt aber eine schwere Verwundung am linken Schenkel, infolge deren er, mit dem Heere in Prag eiugeschlossen, 26. Juni 1757 starb. 4 ) Patrik, Arzt und Botaniker, ged. 1720 zu Crosboyne (nach Anderen Woodstock) in Irland; fing früh an Medicin zu studiren, ging zu dem Zwecke nach Paris, promovirte in Leyden, hielt 'sich längere Zeit in London auf, ließ sich dann auf Jamaica nieder und studirte eifrig die Products der Insel. 1755 kehrte er nach England zurück u. gab eine sehr gute u. genaue Karte von Jamaica heraus; 1756 veröffentlichte er das berühmt gewordene Werk: Uivil null natural llistor^ ok lamaioa, Lond. 1756 u. 1789, mit prächtigen Zeichnungen von ! Ehret, in dem er mindestens zwölfhundert Arten ! von Pflanzen nachwies. Er ging nun wieder nach den Antillen zurück, verweilte vier Jahre auf Antigua u. Montserrat, hatte das Unglück, alle seine Bücher zu verlieren, kam 1782 wieder nach England u. zog sich, nachdem er Amerika sechsmal ^ besucht hatte, nach Bellinok (Grafsch. Mayo) in ! Irland zurück. Hier beschäftigte er sich mit den Moosen u. anderen Kryptogamen, gab noch eine Flora ok Irolauä heraus u. st. 1790. B. war einer der Ersten, die in England das Linnesche System einführten; eine Pflanzenart aus der Fam. der Leguminosen trägt seinen Namen. 5)Frances, engl. Dichterin, geb. 16. Jan. 1816 zu Stra- norlar in der Grafsch. Donegal in Irland; verlor schon als kleines Kind das Augenlicht, machte jedoch nichtsdestoweniger einige Studien u. erwarb sich durch mehrere Gedichte die Protection Sir Robert Peels, der ihr eine jährliche Pension von 20 Pfd. St. aus den öffentlichen Fonds verlieh. Ihre erste literarische Leistung war ein Band Gedichte: Lon^s ok our lanck (1840), worauf sie folgen ließ: Plis Ltar ok ^ttsbflsi, Plls Vision ok Lollcvart?, aml otlwr xosrus (mit einem Abriß ihres Lebens). Auch lieferte sie Beiträge zu verschiedenen Zeitschriften, wie ^tlisnssum, Uooä's Lla§L 2 ins, Lsopsaics u. s. w. 1847 siedelte sie von Irland nach Edinburgh über, wo sie Mitarbeiterin an Chambers Journal wurde und einen Sir Robert Peel gewidmeten Band Gedichte veröffentlichte. Hier schrieb sie auch I-sAsnäs ok Ulster u. eine Erzählung unter dem Titel: Mio Uriolcsous. 1852 zog sie nach London, wo sie sich seitdem auf dem Felde der leichten Literatur bemerkbar gemacht hat. 1861 veröffentlichte sie eine Art Selbstbiographie unter dem Titel: AP Llmrs ok tbs IVorlä u. auch mehrere Novellen, unter denen Mrs Uastlskorcl (lass, Lond. 1862, 3 Bde., u. Mrs Uxils's Piust, a, tals ok tb» Frsnoli Revolution, das. 1869, hervorzuheben sind. 6) John Roß, amerikan. Reisender und humoristischer Schriftsteller, geb. um 1817 von armen Eltern im Staate New-Iork; begann in seinem 18. Jahre ein abenteuerliches Leben. Zuerst machte er eine Reise von Louisville nach New- Orleans am Ohio u. Mississippi hinab u. wan- derte alsdann durch einen großen Theil der Ver- einigten Staaten, besuchte Europa, Asien u. Afrika, wobei er, mit schneller Auffassung begabt, überall seine Kenntnisse zu bereichern suchte. Da er im Zeichnen nicht ungeübt war, so nahm er von allem, was seine Phantasie reizte, Skizzen auf u. veröffentlichte: UtebinAS ok s, rvlmUvA Uruiss, anä liotss ok a, sojourn cm tdg Islamcl ok Aanribai, New-Dork 1846. Eine später nach Palästina unternommene Reise für sein humoristisches Werk: MM8WMW Brownicmcr — Browning. 135 lusck, or lüs llournoz- ok tlls I'ranZi, a orn- xLäo in Ille Last, das. 1853. Von der amerik. Regierung beauftragt, durchforschte er die neuen Miuendistricte der Pacificbahn, worüber er einen sorgsam ausgearbeitetcn u. lehrreichen Bericht schrieb unter dem Titel: Deport... vn tlro mitral resourees ok tim statss und tsrritoriss vost ok tlls Dookx-Aountains, das. 1868. Die humoristische Seite dieser Reise aber zeigte er in seinem Buche IVasllol n. den Oalikornia ^ävon- tures, das. 1869. Von einem Aufenthalte in Deutschland brachte er das höchst ergötzliche Buch heim: Hm American Damil)' in 6simo.ii)', das. 1866. Andere Reisen beschrieb er in seinen Büchern: Düs Imnä ok Nllor, Ornsos's Island, Ibs Hxaelie 6onntr)i u. s. w., letztere deutsch von Hertz, Jena 1871. 1868 ward B. vom Präsidenten Johnson zum Minister für China ernannt, jedoch schon 1870 durch F. F. Lou aus Kalifornien ersetzt; er kehrte nach den Vereinigten Staaten zurück, wo er jetzt lebt. 7) Charles Fester, unter dem Namen Artemns Ward bekannter nordamerikanischer humoristischer Schriftsteller, geb. 1834 zu Waterford im Staate Maine; erhielt seine einzige Schulbildung in der Schule seines Heimathdorfes. Als Schriftsetzer arbeitete er in fast allen größeren Städten Neu-Englands, bis er sich endlich zu Boston nie- Lerließ, wo er anfing humoristische Erzählungen u. Essays zu schreiben. Sein unruhiger Geist trieb ihn jedoch bald nach dem Westen, wo er in Toledo u. später in Cleveland im Staate Ohio localer Berichterstatter an den dortigen Zeitungen war. Hier schrieb er seine Briefe von Hrtsmns Varä, slwcvman (vorgeblicher Schausteller von Wachsfiguren u. wilden Thieren), die zuerst die öffentliche Aufmerksamkeit aus ihn lenkten. Nachdem er in Californien u. dann in New-Iork mit großem Erfolge Vorlesungen gehalten, ging er 1866 nach England, wo er dieselben unter großem Zulaus erneuerte; er erlag jedoch schon 6. März 1867 in Southampton der Schwindsucht. Sein Vermögen u. seine Bibliothek hinterließ er zum größten Theil testamentarisch an Horace Gree- ley (s. d.) zur Gründung eines Asyls für Buchdrucker u. zur Erziehung von verwaistenBuchdrucker- kindern. Seine --"innnelten Schriften, die einen weiten Leserkreis inAmerika u. England haben, sind: Hrtomns ^Varä, Iris boolc; Hrteirms Varck amvNA tüs Normons; Artemns ^Varck amonA tlls Nemans u. ein nachgelassenes Werk: Hrtsmns IVarck inünAlancl, zuletztLond. 1874, illnstrirt. 8) Hablot Knight, genannt Phiz, geistvoller engl. Illustrator, geb. um 1812; illustrirte 1839 die Pickwickier von Boz, dann dessen Nik. Nickleby u. die meisten anderen Romane desselben Dichters u. die Novellen v. Ainsworth, die Werke v. Byron rc. 1)4)Thamhayn. 2)3)Lagai.* S) 6) 7) Bartling. S> Regnet. Brownianer, Anhänger des Browuianisnms (Brownismus), des von John Brown (s. d. 3) 1780 zuerst bekannt gemachten Systems derMedi- cin, welches man als Erregungstheorie bezeichnen kann. Nach dieser Theorie ist das Leben ein durch äußere Kräfte erzwungener Zustand; es beruht auf der dem lebenden Körper eigenthüm- lichen Erregbarkeit und gewissen auf diese ein- wirkcnden, Erregung hervorrufenden Potenzen (Reizen). Diese zerfallen einerseits in äußere u. innere, anderseits in allgemeine n. örtliche. Die Reize n. somit die Arten der Erregung sind nicht qualitativ, sondern nur quantitativ verschieden. Gesundheit wird durch einen mittleren Grad von Reizung, Krankheit durch einen zu starken oder zu schwachen hervorgebracht. Verstärkte,Erregung durch zu starke Reize (Sthcnie) macht die eine Hauptklasse der Krankheiten, die sthcnischen, ans, in welchen alle Verrichtungen mit größerer Lebhaftigkeit von Statten gehen; ans 'zu schwacher Erregung resnltirt die wahre oder eigentliche Schwäche, directe Asthenie. Aus Erschöpfung infolge von Überreizung entsteht endlich der Zustand der nneigentlichen Schwäche oder indi- recten Asthenie, wobei selbst Reize mittlerer Stärke nicht mehr erregend wirken. Beide Formen der Asthenie bilden die zweite Hauptklasse der Krankheiten, die der asthenischen, welche in direct u. indirect asthenische zerfallen. Ans dieser Theorie der Krankheiten ergibt sich nach Brown, daß es die Hauptaufgabe des Arztes ist, bei sthenischer Beschaffenheit die Erregung zu vermindern, bei asthenischer zu vermehren. Die Arzneimittel zerfallen in schwächende (antisthenische), welche gegen sthenische, u. stärkende (sthenische), welche gegen asthenische angewandt werden. Trotz des persönlichen Eindruckes, den Brown als Lehrer machte, hat seine einfache Erregungstheorie in England u. Frankreich nie recht in Aufnahme kommen können, wol aber in Italien u. Deutschland, wo ihr die Schellingsche Naturphilosophie zu Hilfe kam. Jedenfalls gibt sie eine höchst interessante Erscheinung ab u. hat den großen Bortheil gehabt, daß sie den späteren, nach Vereinfachung strebenden Bemühungen in der Medicin Vorschub leistete. Brownie, Hausgeist (Kobold) an den Küsten von u. den Inseln um Schottland, der in den Haushaltungen fleißiger Leute sich hilfreich und segnend, bei faulen aber neckisch u. schreckend äußert. Dargestellt wird er als ein stämmiger Bursche mit langem Haar u. einen Stab tragend. Vgl. Robin Goodsellow. Browning, 1) Robert, hervorragender u. origineller engl. Dichter der Jetztzeit, geb. 1812 in Camberwell bei London; auf der Londoner Universität gebildet. Kaum 20 Jahre alt, machte er eine Reise nach Italien u. lernte während eines längeren Aufenthaltes daselbst Land u. Leute n. deren Geschichte aufs Gründlichste kennen. Sein erster literarischer Versuch, Davlins, eine Erzählung in Versen, blieb fast gänzlich unbeachtet, u. erst sein 1836 veröffentlichtes Drama Daraeslsns lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf den noch jugendlichen Dichter. Im nächsten Jahre erschien sein Trauerspiel LtraKorck, wurde auf die Bühne gebracht, doch obgleich der berühmte Schauspieler Macready die Heldenrolle übernommen hatte, errang das Stück keinen Erfolg. Ebenso wenig Anklang fanden seine Dramen LoräeUo u. Mis List in tlls Lontollsov, da sie aller lebhaften u. eindrucksvollen Handlung bar waren. Mehr Beifall fand das phantastische, aber an- muthig angelegte Gedicht Dippa passss. In seiner 1846 veröffentlichten Sammlung dramatischer -ft ick 1- ^ 136 Brvwiiistcn u. lyrischer Stücke unter dem Titel: IloUs null LomsAranatss, gab sich eine bedeutende Modificirung seines früheren dunklen u. schwülstigen Stils kund u. ein großes Streben nach Realität; nicht unwahrscheinlich hatte seine hochgebildete, feinfühlende Gattin und der seit seiner Bcrhcirath- ung in Florenz genommene Aufenthalt ans ihn eingewirkt. 1850 erschien sein Oiiristmas Lvo anä Laster Dax, ein religiös-philosophisches Gedicht, das voll Seltsamkeiten u. Bizarrerien ist, aber viel Beobachtungsgabe u. descriptive Kraft der äußeren Natur beweist. 1855 veröffentlichte B.: Neu anä 1-Voiusn, eines seiner größten Werke u. Gedichte enthaltend, die wegen ihrer Tiefe u. Feinheit der Auffassung, ihrer gründlichen Analyse des menschlichen Geistes in seinen zartesten u. leidenschaftslosesten Lagen u. abstracter specnlativen Einsicht fast unerreicht in der engl. Sprache dastehen. Doch gar zu oft zeigt B. eine krankhafte Neigung zur Dunkelheit u. Verschwommenheit, die nicht genug zu beklagen ist. Bei anderen Gelegenheiten aber glänzt er mit Shakespearescher u. Goethescher Klarheit der Idee u. Emphase des Ausdruckes. Einzelne seiner dramatisch-lyrischen Gedichte sind fehlerlos. Von seinen jüngsten Dichtungen find zu nennen: Nlls RinA avck blls Loost; Lalaustron's Tclvonturs (1871); Lrinoe 8ollsn8tie1-8eIirvanFg.n, saviour ok Looiot^ (2. Ausl. 1872), eine beißende Satire auf Napoleon III. u. seine Thaten, mit gelegentlichen Seitenhieben auf den Papst u. den Klerus; ferner: Lilms ab btto Lair, ein phantastisches, bizarres Gedicht mit einem schwer verständlichen Epilog, der die alte große Theorie der Beziehungen zwischen Liebe n. jener höheren Kunst behandelt, welche thatsächlich Philosophie ist, zwischen der blinden instinctiven Leidenschaft sür das Schöne u. der ruhigen, befriedigten Kenntniß der Wahrheit u. Schönheit an sich; Reck - ootbon - HiZIrt- oap couutr/, or llurl s-nck lorvers, 1873, u. endlich: ^ristoplmnss' -IpoloF/, inoluckinZ a trans- eript krom Luriprckss: dsiuF tlls lasb aclvsu- burs ok Lalaustion, Lond. 1875, in welcher Dichtung sich besonders eine innige Vertrautheit mit dem attischen Lustspieldichter kundthut, aber ebenso sehr auch seine bekannte Bizarrerie. Eine Sammlung seiner poetischen Werke erschien in 6 Bänden, neue Ausg., Lond. 1868; eine Auswahl derselben in 1 Bd., das. 1872, sowie in ilauolmitx dollsetion ok Lritislr olassioal anblwrs, Lpz. 1872, 2 Bde. 2) Elisabeth Barrett, Gattin des Vor., eine der vorzüglichsten Dichterinnen Englands der Neuzeit, geb. 1809 zu London, Tochter eines wohlhabenden Kaufmannes. Die Ausbildung, welche sie in ihrer Jugend genoß, war in jeder Hinsicht eine vorzügliche. Classiker, Philosophie u. Wissenschaften wurden von ihr mit Enthusiasmus u. Erfolg studirt. Bereits in ihrem 17. Jahre wurde sie Mitarbeiterin an verschiedenen Zeitschristen, u. eine Serie von Aufsätzen über griechisch-christliche Dichter bewies, daß sie so- wol tiefes Wissen, wie durchdringende poetische Einsicht besaß. Ihr erster wichtiger Versuch als Dichterin war eine Übersetzung des Gefesselten Prometheus von Äschylos 1833. Im I. 1838 erschien die Gedichtsammlung: Ssraplüm, anä — Broyc. oillsr xoems, dessen äußere Besonderheit in dem Versuche bestand, die Ideen u. Gefühle eines christlichen Mysteriums iu die künstlerische Form einer griechischen Tragödie zu kleiden. Aus dem Springen eines Blutgefäßes herrührende schwache Gesundheit u. das Ertrinken eines Lieblingsbruders im folgenden Jahre zwangen sie, lange Zeit in tiefer Zurückgezogenheit zu leben. Endlich wiedcrhergestellt, heirathcte sie 1846 Robert B., mit dem sie meist in Italien lebte, für dessen Freiheit sie sich leidenschaftlich interessirte. 1850 veröffentlichte B. ihre gesammelten Werke, init einzelnen neuen Gedichten, unter denen sich auch 1-aä^ dsraläins's dourtsllip, befand, in der sie das frühere Liebesverhältniß zu ihrem Gemahl poetisch schilderte. 1851 erschien ihr längeres Gedicht: 6asa 6m<1i Vinäorvs, in welchem sie das Ringen der Toscaner nach Freiheit im I. 1848 mit glühenden Worten beschreibt. Aurora I-sigii, ihre bedeutendste Schöpfung, die die Leiden einer edlen weiblichen Natur im Kampfe gegen den con- ventionellen Zwang der Gesellschaft zum Gegenstände hat, erschien 1857, 11. Ausl., 1873; dann folgten: Looms bokors LcwArsss, 1860. Ihre Dichtung zeichnet sich durch tiefes Gefühl, wahres Pathos u. Hochherzigkeit aus. B. st. 29. Juni 1861 zu Florenz. Gesammelt erschienen ihre Looti- eal 'iVorüs, 8. Ausl., Lond. 1870, 5 Bde., sowie eine Auswahl, 5. Ausl., das. 1873. Bartling. Brownisten (Kirchengesch.), s. u. Brown 1). Brownlow, auch Parson B., William G., nordamerik. Publicist, geb. 24.Aug. 1805 inVir- ginien; war Prediger, dann Zeitungsredacteur, indem er seit 1828 zu Knoxville in Tennessee den LrwxvHIs ^Vliig schrieb; erklärte sich, obschon kein Gegner der Sklaverei, im Seccssionskriege für die Union, wurde deshalb in Tennessee verfolgt, entkam aber zu den Unionisten, errang großen Erfolg mit seiner Schrift über den Ursprung u. Fall der Secession, wurde nach dem Siege der Union Gouverneur von Tennessee u. 1869 Senator u. befürwortete das radicale System gegenüber den SStaaten. Browns Range, Inselgruppe im Austral- Ocean, die nordwestlichste der Nalik - Inseln im Marshall-Archipel; 30 kleine Inseln, die der Korallenformation angehören u. durch Riffe unter einander verbunden sind; niedrig, oft auch ringförmig mit einer Lagune in der Mitte; wenige Pflanzen, die aber um so üppiger wachsen; von Thieren nur Ratten. Die Bewohner sind Malaien u. ziemlich geschickte Seeleute. Brownsuille, 1) Poststation im Jefferson County des nordamerik. Unionsstaates New-Iork; Manufacturplatz; 3966 Ew. 2) Poststation im Fayette County des Nordamerika!!. Unionsstaates Pennsylvania; Manufacturplatz; 4000 Ew. 3) Poststation im Cameron County des nordameri- kanischen Unionsstaates Texas; Handelsplatz; 4905 Ew.; wichtiger Platz. B. wurde während des Nordamerikanischen Bürgerkrieges (1864) von den Unionstruppen genommen. Broye, Fluß in den schweizer Kantonen Waadt u. Freibnrg; entspringt am Jorat, fließt nordwärts, tritt in den Mnrtener-See, verläßt denselben bei Sugiez, wird hier schiffbar u. ergießt Bruan — Bruce. 137 sich in den Neuenburgcr-See; auf der Strecke ' zwischen beiden Seen wird die B. von den Dampfbooten des letzteren befahren. Nach ihr ist ein > Bezirk des Kantons Freibnrg, mit 13,700 franz. sprechenden u. katholischen Ew., benannt. Hauptort Estavayer am Neuenb.-See. Bruan, so v. wie Malaiischer Bär. i Bruaud, Pierre Franzois, geb. 1716 zu Besanxon, gest. ebd. 1786; erfreute sich als Arzt eines außerordentlichen Rufes, so daß ihm Friedrich der Große eine glänzende Stellung in Berlin anbieten ließ, die er aber ausschlug, weil er lieber unbekannt u. ruhig seinen Mitbürgern leben wollte. Er schr.: No/ens äs rappsler Iss nozss s. la vis, Besancon 1763; Llsmalrss sur Iss wala- i äios sontaAlsuses st spiäsmlguss äss dstss ä ; oornss, ebd. 1766, von der Besauxouer Akademie ; gekrönt, 1782 mit Zusätzen neu herausgegeben ! unter dem Titel: Nraits äss malaäiss eplxoo- tiquss st oontuMSusss äss bsstiaux st äss Miwaux Iss plus utilss ü Ullomms. B. war Mitglied der Facultäten von Paris u. Montpellier, deren Memoiren verschiedene wichtige Abhandlungen von ihm enthalten. Lhamhayn. Bruant, Liberal, Architekt des Königs von Frankreich u. Mitglied der Architektur-Akademie; war der Baumeister des Jnvalideuhötels mit Ausnahme der später von Mansard ausgesetzten Kup- ^ pel, der Salpetriöre n. a. in Paris; st. gegen 1897; er schrieb: Visite äss xouts äs Leins, lonns, ^rmanpon st untres, en 1684. ^ Bruat, Armand Joseph, franz. Seemann, geb. 26. Mai 1796 in Colmar; trat 1811 in die ^ franz. Marineschule, war 1815 in Brasilien u. auf : Len Antillen, 1817—20 in der Levante, 1820—24 Ks am Senegal u. im StillenOcean, 1827 beiNavarin. s 1830 commandirte er vor Algier, litt dort Schiff- ^ bruch u. wurde gefangen nach Algier gebracht; ; dadurch, daß es ihm gelang, dem Admiral Du- V perrb einen Plan von Algier znstelleu zu lassen, (' trug er zu der Eroberung Algiers wesentlich bei. Nachher begleitete er den Prinzen von Joinville nach der Levante, war unter Turpin vor Lissabon u. wurde hier 1838 Capitän; im März 1843 r' wurde er Gouverneur der Marquesas-Jnseln, im s April der franz. Niederlassungen in Oceanien u. 1 königl. Commissar bei der Königin der Gesellst schafts-Jnseln u. vom Oct. 1848 bis 1851 von s ! Martinique. Nachdem er bereits 1846 zum Contre- ^ admiral avancirt war, wurde er 1852 Vicead- -st' miral u. commandirte seit 1854 die franz. Flotte t.. im Schwarzen Meere. 1855 zum Oberbefehlshaber ^ des Geschwaders im Mittelmeere ernannt, st. er V 19. Nov. d. I. auf seiner Rückkehr von Constan« ^ tinopel nach Frankreich. Ihm wurde 1857 zu Colmar ein Denkmal gesetzt. -.V Bruce, eine in der schottischen Geschichte hoch- A berühmte Familie, die diesem Lande Könige gab, ! ss von Robert de Bruis abstammend, einem norman- l Nischen Ritter, der Wilhelm Len Eroberer 1066 ^ nach England begleitete u. bald darauf starb. ^ Sein jüngerer Sohn, Adam, der große Besitzunzen in der Grafschaft Jork erwarb, hiuterließ Men Sohn, 1) Robert de Brus von Cleveland, Wafsengesährte des Prinzen David von Schottland (später David I.), von dem er die Herrschaft Annandalc zu Lehn empfing. Beim Ausbruche des Krieges in England zwischen Stephan und Mathilde, Nichte des Königs von Schottland, stellte sich R. de B. auf Seiten des Erstercn n. entsagte seinen schottischen Gütern zu Gunsten seines Sohnes Robert. Er st. 1141. Seine engl. Besitzungen erbte sein ältester Sohn Adam, dessen männliche Linie mit Peter de Brus von Skclton, Constable von Scarborough Castle, 1271 ausstarb. Roberts directer Nachkomme, 2) Robert B., dessen Mutter von den Königen von Schottland stammte, bewarb sich neben Johann Baliol um den Thron, als dieser 1286 durch den Tod Alexanders IH. erledigt war, doch wurde ihm Baliol vorgezogen; s. Schottland(Gcsch.). 3) Robert B., Enkel des Vor., geb. 21. März 1274; anfangs Graf von Carrick, seit 1306 als Robert I. König von Schottland; befreite Schottland von der englischen Herrschaft u. st. 9. Juli 1329; s. ebd. 4) David, Sohn des Vor., geb. 1321; folgte seinem Vater 1329 als David II. in Schottland, wurde aber wiederholt vertrieben, erhielt erst 1357 den Thron wieder u. st. 23. Febr. 1371 ohne Nachkommen; s. Schottland (Gesch.). 5)Eduard, Bruder von B. 2); half demselben seinen Thron erfechten, wurde 1315 König von Irland; starb 1318; s. Irland (Gesch.). 6) Jakob Daniel, Graf v. B., geb. 1670 in Moskau, aus einer zur Zeit Karls I. eingewanderten schottischen Familie, Sohn eines russischen Generals; trat in russische Kriegsdienste, stieg rasch empor u. ward General u. Gouverneur von Nowgorod; da er 1701 Narwa nicht nehmen konnte, fiel er bei Peter d. Gr. in Ungnade, wurde aber bald wieder angestellt u. Generalfeldzeugmeister; er hatte als solcher die Aufsicht über alle Festungen, Magazine u. die Artillerie, deren zweiter Schöpfer er nach Manstein war, befehligte letztere beiPnl- tawa; st. 1735. 7 ) James, berühmter engl. Reisender, geb. 14. Dec. 1730 zuKinnaird House in der Grasschaft Stirling (Schottland), Sohn eines vermögenden Landbesitzers. Erzogen auf der Schule zu Harrow, bezog er 1747 die Universität Edinburgh, um die Rechte zu studireu. Doch da ihm dies nicht zusagte, ging er 1754 nach London, verheirathete sich mit der Tochter einer Weinhändlers-Wittwe u. ward Theilhaber an deren Geschäfte. Nach dem innerhalb eines Jahres erfolgten Tode seiner Gattin bereiste er den Continent u. trat nach dem Hinscheidcn seines Vaters (1758) dessen Besitzungen an. 1761 zog er sich von allen Geschäften zurück u. ward 1763 zum Generalconsul in Algier ernannt. Dort brachte er 2 Jahre zu, emsig orientalische Sprachen studirend u. sich zum Wundarzte ausbildend. Dann wandte er sich nach Aleppo, wo er seine medicinischen Studien vervollkommnete, da er sich vorgenommen hatte, als Arzt zu reisen. Im Juni 1768 ging er nach Alexandrien u. begann von Kairo aus seine berühmte Reise nach Abessinien, die in der Geschichte der Entdeckungen Epoche macht. Nachdem er den Nil bis nach Syene hinaufgefahren, ging er durch die Wüste nach Kosseir am Rothen Meere n. traf im April 1769 zu Jeddah ein. Nach manchen Hindernissen erreichte er endlich im Febr. 1770 Gondar, die 138 Bruch. Hauptstadt Abessiniens, u. am 14. Nov. d. I. gelang es ihm, die Quellen des Abai anfzufinden, oder des sog. Blauen Nils, den man damals für den Hanptstrom hielt. Die Erreichung dieses Hauptzweckes seiner Reise erfüllte ihn mit der größten Freude. Ungefähr 2 Jahre verweilte er in Abessinien u. kehrte dann über Scnnaar und Lurch die Wüste von Assuan unter den größten Mühseligkeiten nach Alexandrien zurück, von wo ans er sich im März 1773 nach Marseille einschiffte. In Frankreich weilte er längere Zeit u. trat mit hervorragenden Männern, wie z. B. Buft'on, in Verbindung; 1774 sah ihn wieder in Schottland. 1776 verhcirathete er sich zum zweiten Mal u. st. 27. April 1794 an den Folgen eines unglücklichen Falles. Sein lang erwartetes Reisewerk erschien 1790 in 5 großen Qnartbänden unter dem Titel: 1'ravels ko äiseorer blisLonree ob Uw Nils in tiie vears 1768—73, 5 Bde., Edinb. 1790, deutsch von Volkmann, mit Anmerkungen von I. F. Blumenbach, Lpz. 1790 bis 1792,5 Bde., im Auszuge von F. W. Cnhn, Rinteln 1791, 2 Bde; 1859 erschien ein Auszug im Engl, von I. M. Clingan: U-s Vr-rvsls cmcl ^även- tnrss in ^bsssznia, Edinb. 1859. Sein Werk enthielt solche merkwürdige Berichte über die Gebräuche n. Gewohnheiten des abessinischen Volks, daß es von Vielen für unzuverlässig, wenn nicht lügenhaft gehalten wurde. Unter denZwciflern befanden sich der Franzose de Tott und der bekannte englische Schriftsteller Johnson. Die Zeugnisse neuer Reisender, wie Salt, Pcarce, Burckhardt, Belzoni n. A. haben B-s Angaben u. Ansichten vollkommen bestätigt. Vgl. A. Murray, besonnt ob Äste liks amt rvribivAg ob L., Edinb. 1808, u. A. Crichton, Nsmoir ob L., in Jardines: Naturalist's Inbrar/, Bd. 31, Lond. 1843. 8) John, bedeurender engl. Geschicht- sorscher, geb. 1802 in London; erhielr seine Schulbildung auf dem Gymnasium zu Aberdeen, studirte alsdann die Rechte, gab aber 1838 seine Praxis auf, um sich ganz historischen n. antiquarischen Studien zu widmen. B. war eines der thätigsten Mitglieder u. mehrere Jahre lang Director der Lond. Loeist^ ok iLntiguariss u. lieferte manche wcrthvolle Beiträge zu deren Zeitschrift Lrobwo- io§ia. Einer der Gründer n. während der letzten 19 Jahre seines Lebens Director der Oamcteu 8oeiet^, hob er diese um die ältere engl. Literatur so hoch verdiente Gesellschaft auf die Höhe, auf der sie heute steht. Neben zahlreichen Beiträgen zu ihrer Jahresschrift Nisoellau^ gab er für die Gesellschaft nicht weniger als 13 Bde. heraus, unter denen sich Werke befinden, wie folgende: Mrs ^nnals ok Llmabetb, 1839; Mrs I-eicoster Oorrssponäenos, 1843; I-sttsrs ob Llmsbetir null öaiues VI., 1848; Vsrns^'s Notes on t!rs Iwn§ Pariiament, 1854, u. Obariss I. in 1646, 1855; er bereicherte ein jedes derselben mit einer werthvollen Vorrede u. Anmerkungen. B. war gleichfalls ein thätiges Mitglied des ^r- ebwoloAleal Instituts u. Mitarbeiter an dessen Journalen. Für die karker Loeiet^ gab er die Oorrespouävneo ok ^.rebbisbop Daricsr, 1853, n. die IVorics ok Loxer Nutekrinson, 1841, heraus; für die ,4sirmvlek>n Lneiet^: .äreiibisirop I/auä's Lsuekaetions to Lerlcsbire; auch war B. eine Zeit lang Redacteur des Osntlewau's Ua- Aarine. Sein großes Werk jedoch war der (tn- Isnäar ok Ltats kaxsrs, vomsstie Lerms, ok tirs Usi^ll ok Ostarles I., preserveä in stsr Lla- jestv's kustlie Useorck Oküos, von dem er von 1858—69 12 Bde. herausgab; der 13., der die Ereignisse bis 1638 bringt, war im Druck, als B. Plötzlich, 28. Oct. 1869, am Schlagflusse starb. Ein Inks ok krzmns, an dem er feit längerer Zeit gearbeitet, blieb unvollendet. 9 ) John Colli ngwood, engl. Geschicht- u. Alterthums, forscher, geb. 1805 zu Newcastle; schrieb ein Nanclbook ok stäigüsst stistorx, 1848, neue Ausgabe, 1857, u. legte in mehreren Werken 1851 bis 1870 seine Forschungen über die Reste römischer Bauwerke in NEugland, bes. des Ha- drianischen Walles, nieder. 10 ) Sir Fre- derick William Adolphus, brit. Diplomat, geb. 14. April 1814 zu Elgin-Castle; wurde 1844 Colonialsecretär in Hongkong, 1846 Generallieutenant von Neu-Fundland, 1847 Ge- neralconsul in Bolivia, bald aber in Uruguay, 1849 in Ägypten, 1857 Gesandter in China ». 1865 in den Vereinigten Staaten, wo er 19. Sept. 1869 zu Boston starb. 1-«1 Bartling. Bruch, die durch stagnirendeS Wasser abgelaufener Teiche, Seen, zurückgetretener Flüsse entstandenen, mit säuern Gräsern, Moos oder auch Bäumen bewachsenen Landstriche, welche provinziell nach Entstehungs- n. Benutzungsweise mit verschiedenen Namen belegt worden. So heißen dieselben in Holland n. im nordwestl. Deutschland Veenbrüche oder Vehncnbrüche, Moor-B., Moos- B., Torf-B., in Franken Lohr oder Lohe, am Rhein Ried, Peel oder Pell, in Bayern Moos rc. Sind dieselben durch Überschwemmungen von Flüssen entstanden, wie die Niederungen der Oder, Netze, Havel, so geben sie durch die abgelagerten Mineralbestandtheile nicht nur gute Weide, sondern auch vorzügliches Ackerland. Rhode. Bruch (Bruchflächen) nennt man diejenigen Flächen, die beim Zerschlagen von Mineralien nach anderen als den Spaltungsflächen entstehen. Ihre Form ist von gewissen Cohäsionsverhältnisse» abhängig. Der B. ist nach seiner allgemeinen Form entweder muschelig, wenn auf den B- flächen mnschelähnliche Vertiefungen sich zeigen, eben, wenn die B-fläche von größeren Erhabenheiten frei ist; uneben, wenn sich aus ihr unregelmäßige Erhöhungen u. Vertiefungen zeigen. Nach seiner Beschaffenheit nennt man ihn glatt, wenn die B-fläche von kleinen Rauhheiten frei ist; splitterig, wenn auf der B-fläche sich kleine keilförmige Splitter finden, die mit ihrem dickeren Ende in der Hauptmasse festsitzen; hakig, wenn die B-fläche mit kleinen, hakenförmig gebogenen Spitzen besetzt ist; erdig, wenn sich auf der B< fläche kleine erdige oder staubförmige Theilchen finden. Hetz"' Bruch (Med.), 1) (Nraotura) durch plötzliche Gewalt bedingte Trennung eines Knochens in zwei oder mehr Theile (s. Knochen-B.). 2) (Nernia) Die Lageveränderung eines Eingeweides, bei der dasselbe aus der Körperhöhle (Schädel-, Brust- od. Bauchhöhle), in der es liegt, 139 Bruch. heraustritt und eine unter der Haut liegende und von den Hüllen der betreffenden Höhle noch bedeckte Geschwulst bildet. Die Brüche an der Schädelhöhle (Gehirnbrüche, s. d.) und die an der Brusthöhle (Lungenbrüche, s. d.) sind sehr selten; hier soll nur von den Brüchen, die am häufigsten Vorkommen, u. die man gewöhnlich meint, wenn man so schlechthin von Brüchen spricht, den Brüchen der Bauchhöhle, den Unterleibsbrüchen, die Rede sein. I. Diese Brüche bilden ein sehr häufiges Leiden, das unter 20—30 Menschen durchschnittlich einen befällt. Am meisten leidet das männliche Geschlecht daran (ans 4—5 b-kranke Männer kommt durchschnittlich eine b-kranke Frau). Früher theilte man die Brüche ein in falsche und wahre n. faßte unter dem Namen der falschen Brüche diejenigen Erkrankungen des Hodensackes u. seines Inhaltes zusammen, die mit einer Anschwellung verbunden waren, sonst aber mit Brüchen nichts gemein hatten, Erkrankungen, die auch jetzt noch als Blut-, Fleisch-, Krampfader-, Wasserbrüche rc. (s. d.) bezeichnet werden; unter wahren Brüchen dann diejenigen, die man jetzt auch Brüche nennt. Jetzt thcilt inan die Brüche ein nach der Stelle, wo sie sitzen, n. ihrem Inhalte. Gewöhnlich sitzen sie in der vorderen unteren Leibesgegend, der sogen. Leistengegend, oder am Nabel, wo die bereits früher erwähnten drei schwachen Stellen in der Bauchwand (s. Bauch, Bd. II. S. 783 u. 764) dem Heraustreten der Därme den ge- ringsten Widerstand entgegensetzen. Nach diesen drei Stellen heißt der B. Nabel-B. (Hernia, umbilicalis, gr. Omphaloccle), Leisten-B. (8. inFni- nalis, gr. Bubonocele), Schenkel-B. (II. oruraiis). Beim männlichen Geschlechts ist der Leisten-B. der häufigste; hier ist der Leistenkanal od. der Bauchring der Ort des Durchtrittes; senkt derselbe wachsend sich in den Hodensack hinab, so wird er zum Hodensack-B. (8. sorobalis). Außer diesen Arten von Brüchen sind noch folgende, viel seltener vorkommende zu erwähnen: der B. des eirunden Loches (8. koraminis ovalis, s. u. Becken), des großen Hüftbeinausschnittes (8. isolriaäiea), der B. der weißen Linie (8. lineas aldas), der Banch- B. (8. voniraiis), der Damm-B. (8. porinoaiis) u. s. w. Nach dein Inhalte unterscheidet man: Darmbrüche (8. intestinalis, gr. Enterocele), der mir Darmthcile, gewöhnlich einen Theil des Dünndarmes, Netz-B. (8. omsntalis, gr. Epi- plocele), der nur einen Theil des Netzes, und Darmnetz-B. (gr. Enterocpiplocele), der Darm- n. Netz zugleich enthält. Außerdem gibt es noch Brüche (Hoinias vesioas, gr. Cystocele), die einen Theil der Harnblase enthalten. Dieselben sind aber sehr selten n. führen leicht durch Hinderung des Harnlassens zu großen Beschwerden. Die Darm- u. Nctzbrüche enthalten gewöhnlich noch eine gewisse Menge Flüssigkeit, das sogen. B- wasser. Außerdem unterscheidet man die Brüche noch danach, ob sie beweglich, unbeweglich oder eingeklemmt sind. Ein beweglicher B. (klornis. wobilis) läßt sich noch bewegen, d. h. hier so viel als zurllckschieben, reponiren; bei einem unbeweglichen B. (8. immodilis) ist dies aus einem od. dem anderen Grunde (Vcrwachsensein des B-Inhaltes u. des B-sackes unter sich od. mit den umliegenden Theilen, enge B-Pforte, Verdickungen der im B-sacke liegenden Thcile rc.) nicht mehr möglich; ein eingeklemmter B. (8. inearooratu.) ist ein solcher, bei dem das Darm-, resp. Netzstück von der Öffnung, durch die es heraustrat, so fest eingeschnürt wird, daß ihm die Blutzusuhr abge- schnitten u. dadurch seine Ernährung u. Thätigkeit aufgehoben wird. Dieser Zustand selbst heißt Einklemmung (Incaroeratio, LtranZniatio). II. Die Entstehung der Brüche erfolgt meist dadurch, daß die Eingeweide das Bauchfell vor sich hertreibcn, ausstülpen und zu einein Sacke (dem B-sacke) erweitern, aber ohne dasselbe zu zerreißen. Die Öffnung (wie schon oben erwähnt, hauptsächlich der Nabel- u. der Bauchring u. die Stelle unterm Poupartschen Bande, der sogen. Schenkelkanal), durch welche die Eingeweide ans der Bauchhöhle anstreten, heißt die B-pforte. Der B-sack hat meist eine bimförmige Gestalt, u. zwar liegt sein schmälster Theil, der B-sackhals, in der B-pforte u. deren nächster Umgebung, das dickere Ende, der Boden des B-sackcs, am meisten entfernt davon. Der B-sack fehlt bei der als angeboren bezeichnetcn Art von Leisten- resp. Hodensackbrüchen, wobei bei Knaben bei verspätetem Austritte des Hodens ans der Bauchhöhle zugleich ein Stück Darm oder Netz sich mit herausdrängt. Ist der größte Theil der Eingeweide ans der Bauchhöhle in den Hodensack ausgetreten, der dadurch eine ungeheuere Ausdehnung (bis zu Mannskopfgröße n. mehr) erlangen kann, so nennt man diesen Zustand Eventration. III. Ursachen der Brüche sind vorzüglich Schwäche der Banchbedeckuugen im Ganzen oder an einzelnen Stellen; der weitere Banchring der Männer macht sie zu Leisten-, der weitere Schcnkel- riug der Frauen diese zu Scheukelbrüchen geneigt; Ossenbleiben des Bauch- oder Nabelriuges nach der Geburt, eine besondere Anlage, Erblichkeit, starke Ausdehnung des Unterleibes durch die Schwangerschaft oder Wassersucht, Fettleibigkeit n. schnelles Magerwerden danach, Vergrößerung einzelner Eingeweide, langes Stehen, starkes Reiten, aus den Unterleib pressend wirkende Kleidungsstücke, erschlaffende Diät u. feuchtes Klima. Gelegenheitsursachen sind: Anstrengungen des Körpers mit zur Seite oder rückwärts gebogenem oder- stark ausgestrecktem Körper, starkes Äuseinander- spreizen der Schenkel, das Aushängen und Ausdehnen des Körpers, Fallen ans die Füße, die Knie oder den Hintern, ein starker Druck ans den Unterleib, vorzüglich aber die gleichzeitige heftige Zusammenziehnng des Zwerchfelles n. der Bauchmuskeln beim Erbrechen, bei der Geburt, bei Aufhebung schwerer Lasten, Drängen, um den Urin oder Koth auszuleeren, Husten, Singen, Blasen von Instrumenten rc. IV. Erscheinungen und Behandlung der Brüche. Das erste Zeichen, das auf einenB. hinweist, ist eine Geschwulst an einer der erwähnten Stellen, die meist schmerzlos u. auch ohne Entzündung der Haut eintritt. Bei beweglichen Brüchen geht die Geschwulst oft von selbst zurück, besonders in der Rückenlage, oder läßt sich durch gelinden Druck zurückdrängen. Die Geschwulst erscheint aber wieder und nimmt zu, sobald der 140 Bruch. Kranke anfstcht, stark athmet oder die Banchpresse stark anstrengt. Andere Erscheinungen, wie Kollern im Leibe, Verdauungsstörungen, Kolik, Verstopfung, Erbrechen, kommen bei dieser Art von Brüchen selten u. dann auch nur in geringem Maße zur Beobachtung. Für diese Art von Brüchen genügt das Tragen eines guten B-bandes (s. d.) nach der Zurückbringnng (lat, Uspositio, gr. stÄxlo), um das Wiederaustrcten des B-es zn verhindern. Ein leicht zurückzubringender (zu reponirender) und durch ein B-band zurückhaltbarer B. bedingt bei sonstigem zweckmäßigem Verhalten: Vermeiden von zu starker Anstrengung der Banchpresse, z. B. bei Hartleibigkeit durch Sorge für leichten Stuhlgang, von Aufheben u. Tragen zu schwerer Lasten, von zu lautem Schreien, von Springen, Reiten, Tanzen u. s. w., weiter keine Gesahr. Ehe die B-- bänder die jetzige Vollkommenheit erreicht hatten, wurden von den Wundärzten, oft auch von eigenen hernmziehenden B-schneidern, die in Deutschland von den Medicinalbehörden unterdrückt sind, zur völligen Verschließung des Kanals, durch welchen der B. ersolgte, das glühende Eisen, Ätzmittel, die Castration, der Goldene Stich, die Königliche Naht, die Ligatur, der Einschnitt, die Vereiterung des Sackes u. der B-schnitt angewendet. Ferner wollte man durch Einhcilcn eines Hantpfropfes dauernde Heilung Herstellen. Zu diesem Zwecke machte man auch die sog. Jnvagi- nation, indem man mit dem Finger ein Stück der Haut des Hodensackes in den Leistenkanal drängte, hier durch Nähte festhiclt u. so dieselbe festheilen wollte. Eigene Instrumente wurden hierzu erfunden, so die Jnvaginatoricn von Wutzer und Rothmund. Das Zurückbringcn eines B-es gelingt namentlich bei Leisten- n. Schenkelbrüchcn am besten des Morgens, wenn die Därme leer sind und die Urinblaje entleert ist, in einer Lage, wo die Banchdecken so viel wie möglich erschlafft sind, daher in der Rückenlage, mit erhöhtem Hintern n. angezogencn Knieen. Die Handgriffe selbst bestehen darin, daß man den B. in die hohle Hand nimmt u. mittels der Finger den zuletzt vorgefallenen Theil in der Richtung, in welcher er hervorgetreten ist, zurückznbringen sucht u. dann den Boden des B-es allmählich zurückdrückt. Ist der B. völlig zurückgebracht, so verhütet man das Wiederhervortreten desselben durch ein zweckmäßig angelegtes, genau passendes B-band (s. d.). Der anhaltende Druck desselben kann nach u. nach Verwachsung der B-öfsnnng, oder die Radicalheil- ung bewirken, was aber seltener bei Erwachsenen, als bei Kindern der Fall ist. So lange dafür keine sicheren Zeichen vorhanden sind, darf das B- band nicht abgelegt werden. Von den unbeweglichen Brüchen (s. o.) lassen sich die, welche nicht auf einer Verwachsung der Eingeweide mit dem B-sacke oder den umliegenden Theilen beruhen, noch häufig zurückbringcn, wenn längere Zeit hindurch beständig eine horizontale Rückenlage eingehalten , magere Kost verabfolgt, Abführmittel u. Breiumschläge angewandt werden. Ist die Znrück- bringung aber nicht möglich, der B., wie man dies nennt, irreponibel, so läßt man zur Erleichterung des Patienten u. Verhinderung der Vergrößerung des B-es ein B-band mit hohler Pclote od. einen Tragbcntel (Zuspensorium) tragen. Doch ist hierbei die größte Vorsicht angczeigt, um einen zu starken Druck zu vermeiden, wodurch leicht eine Entzündung u. Brandigwerden des B-es herbeigeführt werden kann. Bei diesen Brüchen treten die oben erwähnten Erscheinungen, wie Kollern im Leibe, Verdauungsstörungen rc. (s. o.), häufiger ein und können zn allgemeiner Abmagerung und Entkräftung führen. Gelingt die Reposmon aus die Dauer nicht und treten infolge des Tragens eines schlechten B-bandes oder äußerer Schädlich, leiten (Erkältungen, Stöße auf den B. rc.), oder Ansammlung harter Kothmassen, die nicht mehr durchpassiren können, Entzündungserscheinnngen im B-e u. die unten bei den eingeklemmten Brüchen noch anzusührendcn Erscheinungen ein, so muß man sich aller Zurückbringnngsversnche enthalten u. zur Operation (s. B-operation) schreiten, die bei diesen Brüchen nicht so günstige Resultate anfweist, wie bei den eingeklemmten. Diese Brüche bedingen also eine viel größere Gefahr, als die beweglichen, u. führen in vielen Fällen, deren Be- urtheilung nur dem Arzte zu überlaffen ist, wenn nicht frühzeitig zur Operation geschritten wird, den Tod herbei, der sich oft auch durch die Operation nicht mehr abwenden läßt. Noch größer ist diese Gefahr bei den eingeklemmten Brüchen, die unbedingt in kurzer Zeit den Tod herbeifnhrcn, oder zur Emstehnng eines äußerst unangenehmen n. lästigen Leidens, der Bildung eines künstlichen Afters, einer sog. Kothfistel (s. d.), führen, wenn die Zurückbringung nicht gelingt u. nicht frühzeitig zur Operation geschritten wird. Bei den eingeklemmten Brüchen entsteht infolge des verhinderten Blutumlaufes bald eine Durchtränkung des vorgelagerten Eingeweides zuerst mit seröser Flüssigkeit, dann mit Blut, gleichzeitig tritt auch eine Vermehrung des B-wasscrs ein. Der B. schwillt an, fühlt sich hart an, besonders die B-pforte, u. wird gegen Berührung empfindlich u., wenn auch nicht immer, schmerzhaft. Dann treten kolikartige Schmerzen im Unterleibe, die meist von der B- pforte zum Nabel ausstrahlen und sich bald über Len ganzen Unterleib verbreiten, hartnäckige Verstopfung und Auftreibung des Unterleibes ein; dann wird der B. schmerzhaft, gespannt, heiß; es erfolgt Würgen, Erbrechen, zuletzt Kothbrcchen, Fieber mit krampfhaftem Pulse, Schluchzen, kaltem Schweiße; endlich wird der B. rosenroth, livid- brandig, wobei der Darm schwarz, weich, oder auch hart u. lederartig wird, u. es erfolgt der Tod. Ähnliche Erscheinungen wie bei Einklemmung entstehen auch bei B-entzündung n. bei Koth- anhäufung im B-e, welch letztere Art man auch chronische Einklemmung genannt hat. Einklemmung kommt seltener bei lange bestehenden, als bei frischen Brüchen vor, so daß oft die Einklemmungserscheinungen die ersten Symptome des B-es sind. Sie wird gehoben durch die Taxis, als das Hauptmittel; kommt man damit nicht aus, so mutz der B-schnitt (Herniotomie, Celotomie, B-opera- tion) vorgenommen werden. Die früher häufig angewandte Radikalkur besteht in Verschließung der B-pforte durch Erregung von Entzündung, ist aber nicht ohne Gefahr n. jetzt verlassen. V. Bei H auSthierenkommen vorzügl. Bauch- u. Nabelbrüche vor, selten Leistenbrüche, wegen der horizontalen Richtung des Unterleibes; Schen- kelbriiche gar nicht. Bauchbriiche werden, wenn sie jung sind, mit kaltem Wasser u. Weinessig, welchem etwas Weingeist zugesetzt ist, gewaschen; bei älteren: Einreibungen von Kamphergeist u. Terpentinöl oder ein Liniment, das aus kaustischem Salmiakgeist u. Kamphcröl besteht. Nabelbrüche sind vorzüglich bei Kälbern häufig; die dnrchge- tretenen Theile werden zurückgebracht, die Haut- rändcr zusammengenäht oder abgebunden, oder man ätzt die ganze Geschwulst recht stark, wodurch sich der B-sack znsammenzieht. Leistenbrüche n. die sogenannten Fleischbrüche sind sehr gefährlich; letztere bestehen in einer Verdickung u. Entartung der Fleischhaut des Hodensackes n. werden nur durch Castration gehoben. Berns. Bruch (gebrochene Zahl, Rechenkunst) im engeren Sinne ist eine Zahl, die entsteht, wenn man die Einheit in irgendwieviele gleiche Theile theilt u. von diesen Thcilen eine Anzahl zusammenfaßt; im weiteren Sinne ein Quotient, dargestellt durch Dividend u. Divisor. Dieser, hier Nenner genannt, zeigt an, in wie viele gleiche Theile die Einheit getheilt ist; jener, hier Zähler genannt, wie viele dieser Theile im B-e enhalten sind. Man schreibt den Zähler über den Nenner u. trennt ihn von diesem durch einen horizontalen Strich (Bruchstrich), z. B. ß, gelesen 5 Sechstel; hier ist die Einheit in 6 gleiche Theile, Sechstel, getheilt, ii. 5 dieser Theile sind im B-e enthalten; dieselbe Größe entsteht, wenn man 5 Ganze in 6 gleiche Theile theilt u. einen dieser Theile nimmt, wenn man also 5 durch 6 dividirt; ß ist demnach gleichbedeutend mit 5: 6 (5 dividirt durch 6). Wenn der Zähler kleiner ist, als der Nenner, so heißt der R. ein echter; ein unechter, wenn der Zähler gleich dem Nenner oder größer ist, als dieser. Eine Summe aus einer ganzen Zahl u. einem B-e heißt eine gemischte Zahl; das Summenzeichen -b wird gewöhnlich unterdrückt, so daß KH bedeutet 6-i-A. Jeder unechte B. läßt sich in eine ganze oder eine gemischte Zahl verwandeln; es geschieht dies, indem man die im B-e nur angedeutete Division des Zählers durch den Nenner ausfllhrt. Der B. enthält so viele Ganze, d. h. 1 so oft mal, als der Nenner im Zähler enthalten ist. In 17 ist 3 bmal, also sind in Smal A, d. h. 5 Ganze, enthalten. Der bei der Division verbleibende Rest ist der Zähler des B-es, welcher den zweiten Theil der gemischten Zahl ausmacht u. dessen Nenner der Nenner des unechten B-es ist. In eben angeführtem Beispiel bleibt der Rest 2, d. h. H; ^ ^ 5.H -i- H 5H. Ist der Nenner ein Maß des Zählers, so bleibt bei der Division kein Rest; der unechte B. ist dann gleich einer ganzen Zahl u. wird auch nn- eigentlicher B. genannt; H—1; ^—5. Umgekehrt läßt sich jede ganze Zahl in einen B. mit beliebigem Nenner verwandeln, z. B. 7 in Sechstel; Z; 7 —^; jede gemischte Zahl einrichten, d. h. in einen unechten B. mit dem Nenner des B-es derselben verwandeln, z. B. 7ß; 7 —7.H^°/; "b »—- DerWerth eines B-es bleibt unverändert, wenn man Zähler u. Nenner desselben mit derselben Zahl multiplicirt, oder durch dieselbe Zahl dividirt. Erstere Behandlung heißt den B. erweitern; man erweitert ß. mit 7 zu Die zweite führt auf das Aufheben eines B-eS; man hebt einen B. auf, indem man Zähler u. Nenner desselben durch ein gemeinschaftliches Maß dividirt. Dadurch wird der Werth des B-es in kleineren Zahlen ausgedrückt, in den kleinsten, wenn man Lurch das größte gemeinschaftliche Maß aushebt. 28 u. 42 haben die gemeinschaftliche Maße 2, 7, 14; HH kann man also durch Aufheben mit bez. 2, 7 oder 14 verwandeln in HA, A oder H. Durch H ist der B. ZA in den kleinstmöglichen Zahlen ausgedrückt; ist dies bei einem B-e durch Aufheben erreicht, so läßt sich der erhaltene B. nicht weiter aufhcben; er heißt dann irreductibel. Brüche von gleichen Nennern heißen gleichnamig, von ungleichen Nennern ungleichnamig. Ungleichnamige Brüche kann man gleichnamig machen, indem man einen gemeinschaftlichen Dividuus (s. d.) der Nenner sämmtlichcr Brüche, am zweckmäßigsten den kleinsten, den sog. Hauptnenner sucht, diesen durch die Nenner der einzelnen Brüche dividirt u. letztere mit den be-z. Quotienten erweitert. Sollen z. B. ß, HA, HA gleichnamig gemacht werden, so suche man den kleinsten gemeinschaftlichen Dividuus der Nenner 6, 21 u. 14; er findet sich als 42; dieser gibt durch 6, 21, 14 dividirt, bez. die Quotienten 7, 2, 3, mit welchen erweitert die Brüche bez. gleich Aß, Aß, AH, also gleichnamig werden. Ein B. heißt einfach, wenn Zähler n. Nenner ganze Zahlen sind, zusammengesetzt oder ein Doppel-B., wenn Zähler u. Nenner, oder einer von beiden ein B. oder eine K HL 4 gemischte Zahl ist; sind Doppel- brüche. Jeder Doppel-B. läßt sich in einen einfachen verwandeln; man hat ihn dazu nur als einen Quotienten, den Zähler als Dividenden, den Neuner als Divisor anfzufafsen (die eben angeführten stellen sich z. B. dabei dar als A:3ß, 2A: 8, 4: H) u. die Divisionen nach den unten angegebenen Regeln auszuführen. Wenn man mit Doppelbrüchen rechnen will, verwandelt man sie entweder in einfache, oder behandelt sie, soweit möglich, auch ohne dies, ganz wie einfache. Vgl. Ketren-B. Das eben Angeführte u. die 4 Species in Brüchen bilden die Bruchrechnung, a) Addition. Man addirt gleichn. Brüche, indem man die Zähler addirt u. der Summe den gemeinschaftlichen Nenner gibt; A-i-A-i-A—§—1K; ungleichnamige Brüche macht man zu gleichnamigen u. addirt dann die letzteren; A -b HA -i- AA (s. o.) gleichnamig gemacht -- Aß -i- Aß -i- Aß -- 'Aß -- 2Aß -- 2°. b) Snbtraction. Man subtrahirt gleichnamige Brüche, indem man die Zähler subtrahirt n. der Differenz den gemeinschaftlichen Nenner gibt; A —A —A; ungleichnamige Brüche macht man zu gleichnamigen u. subtrahirt diese; HA— K—Aß—Aß —»ß. Hat man gemischte Zahlen zu addiren oder zu subtrahiren, so behandelt man die ganzen Zahlen u. die Brüche für sich; ergibt die Addition der Brüche eine gemischte Zahl, so addirt man deren Ganze zu den übrigen; z. B. 2ß-s-1HA-t- 2AA—5 -l- 2A—7A; findet sich bei der: 142 Bruch. Subtraction der Brüche nach dem Gleichnamigmachen der Subtrahend größer, als der Minuend, so nimmt (borgt) man ein Ganzes von den zum Minuenden gehörigen Ganzen, verwandelt es in einen B. mit dem gemeinschaftlichen Nenner und addirt denselben zum Minuenden; z. B. 7K—5K; die Subtraction ist unmöglich, man nimmt also 1 von 7 ab, verwandelt es in -s-H, addirt dies zu ^ u. rechnet nun — 0 5 1 ; 7H 5 i1,4- e) Mul- liplication. Man multiplicirt eine ganze Zahl mit einem B-e, oder umgekehrt, indem man die ganze Zahl nnt dem Zähler des B-es multiplicirt u. das Product durch den Nenner des B-es dividirt; 3 — 3.^ — Man multiplicirt Brüche mit einander, indem man das Product aller Zähler durch das Product aller Nenner dividirt. Man thnt hier, wie auch bei der Division wohl, zur Erleichterung die Multiplication zunächst formell auszufllhren u. vor der zifsermäßigen Rechnung den B. durch die gemeinschaftlichen Maße anfzuheben. Z.B.tz.^L. --4 ^ dieser B. aufgehoben durch 5.6.5 wird zu -^ 4 -^--— 44 . Gemischte Zahlen richtet man hier wie auch bei der Division zuvor ein; 04 1 IS 20— 1V. 20 1.5 05. r - 4 '-lg 1.1 o. sion. Man dividirt einen B. durch eine ganze Zahl, indem man den Nenner mit dieser multiplicirt. -K :24-—^ —Man dividirt eine ganze Zahl oder einen B. durch einen Bruch, indem mau den Dividenden mit dem umgekehrten Werthe des Divisors multiplicirt; den umgekehrten Werth eines B-es erhält man, wenn man Zähler u. Nenner desselben vertauscht; der umgekcyrteLüerth z. B. von G ist §; 5 : 4 ---5. 4 —174; 71.^1-SS.S 1 -SL ü - 22 - s - 2 2 . 2 Die in Vorstehendem behandelten Brüche nennt man gemeine im Gegensätze zu anderen Systemen, welche entstehen, wenn man jeden B. in eine Summe von Brüchen zerlegt, deren Nenner nach Potenzen derselben Grundzahl fortschreiten. Nimmt man als diese Grundzahl 10, so erhält man die sog. Decimalbrüche (s. d.); nimmt man als Grundzahl 60, so kommt man auf Sexagesimalbrüche; danach ist z. B. -rar, — «5'i' — Die Schwierigkeit, welche die Rechnung mit Brüchen noch jetzt dem größten Theil des Volkes macht, ist in der Periode vor der wissenschaftlichen Rechenkunst überhaupt nicht überwunden worden. Die Praxis verlangte jedoch auch damals die B-rcchnung, u. so half man sich damit, daß man au Stelle der abstracten Einheit 1 eine coucretc, benannte Maß- od. Gewichtseinheit setzte, welche in bestimmte Thcilc zerfiel, deren jeder wieder in kleinere rc.; mit diesen benannten Zahlen rechnet man anstatt mit abstracten Brüchen. Wenn mau also z. B. (44 4- ^4^) "b (44 -i- hätte addiren wollen, würde man unter Zugrundelegung des Thalers (27 Sgr. 9 Pf.)-i- (19 Sgr. 11 Pf.) ---1 Thlr. 17 Sgr. 8 Pf. ^ 1-s-Ä 4-^ gerechnet haben. Natürlich war diese Rechnung in den meisten Fällen weder genau, noch beimMul- tipliciren u. Dividiren irgend bequem oder anschaulich; indessen waren noch die alten Griechen u. Römer in der Praxis darauf beschränkt. Die Inder haben jedenfalls zuerst nach unserer Weise Brüche bezeichnet: Z (ohne Bruchstrich) — H, u. mit ihnen gerechnet. Von ihnen kam diese Kunst auf die Araber. Im Abendlande wurde die nach Bo'öthius' Arithmetik bis dahin gepflegte schwerfällige B-rechnung mit den As, Uncien rc. der Römer im 13. Jahrh. durch Leonardo Pisanos lübsr ^daei, in welchem u. a. auch die arabische B- rechuung enthalten war, allmählich verdrängt. Die alt-ägyptischen Feldmesser benutzten ein binäres System, indem sie jeden B., soweit möglich, durch eine Summe von 4, 4, 4, ^ darstellten; die griechischen zerfällten jeden Bruch in eine Reihe von Partialbrüchen mit dem Zähler 1 ohne bestimmtes System der Nenner; die Babylonier benutzten ein sexagesimales System. Erst bei Diophantos im 4. Jahrhundert finden sich die Brüche nach unserer Weise stets durch Zähler u. Nenner ausgcdrllckt, wenn auch in schwerfälliger Form. BuchruS-r. Bruch, 1) Philipp, ein um die Kenntniß der Moose verdienter Botaniker, geb. 11. Febr. 1781; war Apotheker in Zweibrücken u. st. 11. Febr. 1847 daselbst; er gab heraus mit Schimper u. Gümbel: LrzwIoZfirr eurnpasa, 1837—55, 6 Bde. fortgesetzt von Schimper. 2) Johann Friedrich, Protest. Theolog, geb. 23. Dec. 1792 zu Pirmasens, aus einer alten hugenottischen Familie mit Namen Bruyere stammend; studirte an der Protest. Akademie in Straßburg und wurde daselbst, nachdem er einige Zeit als Lehrer in Köln, Paris, als Geistlicher iin Elsaß thätig gewesen, Professor, daun Rector am Protest. Seminar. Er wirkte auch als Vicar (seit 1823) u. Pfarrer (seit 1831) an der Nikolauskirche, trat 1852 in das Oberconsistorium n. 1866 in das geistl. Directorium ein. Stach dem Deutsch-Französ. Kriege wendete er sich vertrauensvoll seinem Vaterlands wieder zu u. wurde erster Rector der neu errichteten Reichs-Universität Straßbnrg, wo er 21. Juli 1874 starb. Er schr.: Lehrbuch der christl. Sitteulehre, Straßb. 1829 ff.; Christl. Borträge, ebd. 1838; Muckos ptiitoooptriguss sur 1s ellris- tianisms, Par. u. Straßb. 1839, deutsch von Frantz, Maunh. 1847, n. A., Franks. 1850; Die Lehre von den göttlichen Eigenschaften, Hamb. 1842; Betrachtungen über Christenthum u. christl. Glauben, Straßb. 1845; Weisheitslehre der Hebräer, ebd. 1851; Die Protestant. Freiheit, ebd. 1857; Die Lehre von der Präexistenz der menschlichen Seelen, ebd. 1859; Theorie des Bewußtseins, ebd. 1864; veröffentlichte Predigten, gab die Augsburger Confession heraus, 2. A., Köln 1830, u. arbeitete an der Protestanten-Bibel, Lpz. 1872, mit. Lebensbeschr., franz. von Th. Gerold, Straßb. 1874. 3) Max, ausgezeichneter Com- ponist, geb. 6. Jan. 1838 zu Köln; bildete sich aus bei Professor Breidenstein in Bonn und als. Stipendiat der Frankfurter Mozartstiftung bei F. Hiller in Köln. Nach mehreren Reisen u. einem längeren Aufenthalte in Mannheim bei B. Lachner wurde er 1865 Musikdirektor des Concertiustituts zu Koblenz, 1867 Hofkapellmeister zu Gondershausen; 1870 verließ er diese Stelle u. lebte eine Zeit lang in Berlin u. Bonn. Er gehört zu den 143 Bruchband — begabtesten Componisten der Gegenwart, mit einer reichen Erfindungsgabe nnd großem Talent für Formgebung und Instrumentation ausgestattet; mitten in der musikalischen Zeitströmnng stehend, hat er sich eine anerkennenswcrthe Selbständigkeit zuwahren gewußt. Erschr.: Die Operette: Scherz, List n. Rache; Klavierstücke; Lieder; 2 Streichquartette, 1 Klaviertrio; ferner für Solo, Chor u. Orchester llnbiiats ^.men, u. Die Birken u. die Erlen; die Opern: Loreley (1863 zu Köln u. a aufgeführt) u. Hermione (1872 in Berlin aufge- führt); die Cantaten: Die Flucht der Hl.Familie, Römischer Triumphgesang, Salamis, Scenen aus der Frithjof-Sage, Schön Ellen, Scenen aus der Odyssee; Schillers Dithyrambe; 1 Violinconcert, 1 Symphonie. Bruchband (Bruchbandage, lat. Lisollsrinm, gr. Lamina), Verbandstück, bestimmt, zurückgebrachte Brüche in ihrer Lage zu erhalten, neues Hervortreten derselben, zu verhindern, zugleich die inneren Wände der Öffnung, durch welche der Bruch heraustrat, in einer zur Heilung günstigen Lage zu halten u. wo möglich ihre Verwachsung zu befördern, bisweilen auch, wenn der Bruch nicht zurückgebracht werden kann, sein weiteres Borrücken u. die nachtheiligen Folgen desselben zu verhüten. Jedes B. muß einen gehörigen und gleichmäßigen Druck auf die Bruchöffnnng ausüben, ohne den Kranken zu beschweren und sich zu verschieben. Es gibt elastische n. nicht elastische Bruchbänder, letztere aus Leder, Barchent od. Leinwand. Man unterscheidet: Leisten-, Schenkel-, Nabel- und Bauchbruchbänder rc. Jedes B. besteht aus 2 Hanpttheilen: dem Gürtel und dem Kopse (Pelote), wozu der noch zur Befestigung desselben dienende Riemen hinzukommt. Den Theil zwischen Pelote u. Feder nennt man oft den Hals. Die Grundlage des Gürtels der elastischen Bruchbänder bildet eine aus reinem Stahl od. aus gleichen Thei- len Stahl u. Eisen gefertigte flache u. schmale, gehörig elastische Feder, welche in einem Halbzirkel um die leidende Seite des Körpers zu liegen kommt, mit Leder überzogen u. an der inneren Fläche mit einem weichen Material gepolstertist. DerKopf kommt auf die Bruchöfsnuug zu liegen u. besteht aus einer Eisenplatte (Schild), welche an das vordere Ende der Feder angenietet oder angeschraubt u. au der inneren Fläche mit einem convexen, mit Haaren od. Wolle aus- gestopften Kissen versehen ist. Unter gewissen Umständen kann es zweckmäßig sein, statt der gepolsterten Pelote eine solche aus Holz, Elfenbein, Gummi, besonders ein kleines Luftkissen aus Gummi, zu wählen. Damit die Pelote bei den verschiedenen Bewegungendes Körpers stets auf der Bruchpforte liegen bleibe, hat man auch die Pelote mit der Feder mittels eines Nußgelenkes verbunden. Bei Brüchen, welche nicht zurückgebracht werden können, hat der Kopf zur Ausnahme derselben eine Höhlung; sind zwei Brüche vorhanden, so können zwei Köpfe angebracht werden. Vondem Hinteren Ende des B-es geht ein Riemen ab, welcher um die gesunde Seite des Körpers her- nmgeführt u. auf der vorderen Fläche der Pelote befestigt wird, der sog. Ergänzungsriemen. Bei Bruchoperation. Leisten- u. Schenkelbrüchen ist es, um das Verschieben des B-es nach oben zu verhüten, bisweilen nöthig, einen Beinriemen anzubringen, welcher am Hinteren Theil des B-es durch eine Schnalle u. auf der vorderen Fläche der Pelote an einen Haken oder Knöpfchen befestigt wird, der Schenkelrieme'i. Das Verschieben nach unten kann auch durch ein vom B-e aus über die Schulter zu führendes Verbandstück verhütet werden. Die Stellen, wo die Pelote aufliegt, wasche man zeitweilig mit Branntwein, u. sollte je Wundwerden der Haut entstehen, so nehme man Bleiwasser zur Waschung. Baas Ll. Bruchberg, Berg in der preuß. Landdrostei Hildesheim, auf der SScite des Harzes; höchster Punkt: Wolfswarte 918 m. Bruchbistouri (Bruchmesser, Herniotom), sichelförmiges, geknöpftes Messer mir concaver Schneide, zur Operation eingeklemmter Brüche. Das gebräuchlichste ist das von Pott zuerst angegebene u. von Asthley Cooper später etwas ab- geänderte Bruchmesser. Letzterer ließ nur einen Theil der Klinge nach Art eines Messers schleifen. Das B. kann aber auch durch jedes andere geknöpfte Bistouri ersetzt werden, dessen Klinge man theilweise mit Heftplasterstreifen umwickelt hat. Bruchhahu, so v. w. Kampfläufer. Bruchhansen, 1) Flecken mit Stadtrcchten im Kreise Hoya der preuß. Pro», u. Landdcostci Hannover; altes Schloß; 1111 Ew. Grafen von B. kommen seit dem 13. Jahrh. vor u. stammten mittelbar durch die Grasen von Wildeshauscn von denen von Oldenburg ab; der erste Graf war Heinrich II. (von 1167 bis um 1190). Als Heinrich III. 1231 starb, thcilten seine Söhne, von denen Heinrich V. Neu- u. Ludolf Alt-B. erhielt. Als die Grasen im 15. Jahrh. ausstarben, kam die Grafschaft an die Grafen von Oldenburg, dann an die vonHoya n. zuletzt wieder an Oldenburg. 2 ) Dorf im Kreise Brilon des preuß. Reg- bez. Arnsberg; viele Nagelschmieden; 850 Ew. Dabei die Bruchhanser Steine, Gruppe von (bis 90 m hohen) Quarzpvrphyrfelsen auf der Höhe des aus Thonschiefer bestehenden Jstenber- ges (715 m), mit ausgedehnter Fernsicht. Nöggerath erklärt sie als einen Beweis für die eruptive Natur des Quarzporphyrs. Bruchiden, so v. w. Samenkäfer. Bruchoperation (Kelototomie, Herniotomie, Bruchschnitt), chir. Operation, uni eingeklemmte Brüche in die Bauchhöhle zurückzubringen. Es gibt zweierleiArten derselben, die Operation mit u. diejenige ohne Eröffnung des Bruchsackhalses, welch letztere die ältereist; jedoch eignet sich jede wieder für besondere Fälle. Die Operation wurde früher fast ausschließlich vonsogen. Bruchschneidern ansgeführt. Je nach den verschiedenen Arten der Brüche ist die Ausführung wieder verschieden, so z. B. für Schenkelbrüche, Leistenbrüche rc. Im Allgemeinen lassen sich jedoch 4 Acte unterscheiden: 1) Dnrch- schneidung der Haut; 2) Bloßlegung u. Eröffnung des Brnchsackes, wobei es besonders darauf än- kommt, den Bruchsack zu erkenne»; 3) Erweiterung der B-LMung durch den eingeführten Finger od. ein stumpfes Instrument (Haken rc.) od. Spaltung der Bruchpforte mittels eines eigens dazu erfun- 144 Bruchpforte denen Messers (s. Bruchbistouri). 4) Reposition der Eingeweide. Sind Verwachsungen, sowol zwischen Darin und Bruchsack, als zwischen den einzelnen Darmschlingcn, als auch ferner zwischen Darm u. Netz vorhanden, so müssen diese sorgfältig mit dem Finger gelöst werden. Sind dagegen schon ausgebreitcte Stellen brandig, so darf nicht sofort reponirt werden. Die Operation ist an u. für sich nicht ungesührlich, u. die Lebensgefahr steigert sich, je länger dieselbe verschoben worden ist, besonders aber, wenn der Darm bereits brandig ist. Die Nachbehandlung richtet sich gegen die Entzündung der Umgebung der Wunde, des Bauchfelles u. des Darmes selbst. Die Heilung durch erste Vereinigung ist sehr erwünscht, gelingt jedoch selten. Daas Li. Bruchpforte, s. n. Bruch (Med.) II. Bruchrechnung, s. u. Bruch. Bruchreposition (ÜÄxis), ein Verfahren, die im Bruche liegenden Eingeweide ohne Operation in die Bauchhöhle zurückzul'ringen. Die Reposition gelingt oft mehr zufällig, jedoch sind zwei Verfahren als rationell anzusehen. Entweder sucht man einen Theil des Inhaltes des eingeklemmten Bruches in die Bauchhöhle zurückzubringen, od. man beabsichtigt, noch ein Stück davon aus der Bauchhöhle durch die Bruchpforte heraus z» ziehen, um den Bruchinhalt auf einen größeren Raum zu verbreiten. In beiden Fällen soll die Spannung im Bruche vermindert werden. Stets müssen die Repositionsversuche möglichst schonend, ohne besondere Gewalt gemacht u. dürfen nicht allzu lange fortgesetzt werden. Wird besonders der Bruch schmerzhaft u. treten Fieberbewegungen ein, so ist von jedem Versuche abznstehen u. zur Operation zu schreiten. Gelingt die Reposition nicht, so sind noch eine Reihe von Mitteln zum Theil jetzt noch in Gebrauch: Abführmittel, örtliche Blntentziehnng, warme Bäder, Chloro- sormeinathmung, die Kälte, die Elektricität, das Beschweren des Bruches mittels eines Bügeleisens od. eines Steines, das Anlegen einer elastischen od. Gummibiude rc. Alle diese Mittel sind meist nutzlos, und die einzige Hilfe ist in der Operation zu suchen. Baas Li. Bruchsack, s. u. Bruch (Med.) II. Bruchsal, Amtsstadt im bad. Kreise Karlsruhe, im alten Kraichgau, an der Saalbach; besteht aus der Altstadt u. Neustadt und den Vorstädten St. Peter und Paul; Schloß (im Ro< cocostil aus dem Anfänge des 13. Jahrh.), früher Sommeraufenthalt der verstorbenen Markgräfin Amalie, mit Garten; Amtsgericht, Domänenverwaltung, Obereinnehmcrei, Wasser-, Straßen- und Bezirks-Bauinspection, landesherrliches und erzbischöfliches Decanat; Gymnasium, Internationales Lehrinstitut; Hospital der Barmherzigen Brüder mit Anatomischem Theater; Männerzuchthaus mit Einzelhaft (seit 1848), Kaserne; 9762 Ew. B. bildet einen wichtigen Eisenbahnknoten- puykt, indem es nicht bloß an der Mannheim- Baseler Route der Badischen Staatsbahn, sondern auch an der noch im laufenden Jahre zur Eröffnung gelangenden wichtigstenKohlenbahnSDeutsch- lauds liegt, welche von den Saargruben über das Auuweiler Thal (Pfalz) hierher führt u. von hier — Brucin. nach dem Herzen von Schwaben u. Bayern seine bereits im Betriebe stehende Fortsetzung hat. — B. war ein alter Königshof, welchen Kaiser Heinrich II. dem Herzog Otto von Francien, Heinrich III. aber 1056 dem Bischof Konrad I. von Speyer schenkte. Die speyerischen Bischöfe residirten hier, da die Reichsstadt Speyer ihnen nicht gehorchte, auf dem im 12. Jahrh. erbauten alten Schlosse, welches Bischof Ulrich II. dem Domkapitel 1191 übergab; seitdem blieb B. mit kurzen Unterbrechungen bei dem Hochstifte Speyer. Hier 1502 u. 1525 von aufrührerischen Bauern gegen den Adel und die Geistlichkeit geschlossenes Bündniß. 1609 wurde B. von Kurpfalz eingenommen, doch dem Bisthum später zurückgegeben, 1676 von den Franzosen verbrannt, 1689 u. 1734 wieder von ihnen erobert und geplündert. Seit 1802 gehört es zu Baden. Vor der Stadt fand am 2. Juni 1849 ein Gefecht zwischen den bad. Insurgenten u. den preuß. Truppen statt. Bruchschnitt so v. w. Bruchoperation. Bruchstein, ein Stein, von Felsen gebrochen, im Gegensätze von künstlichenStcinen, wie Ziegel- n. Backsteine. Zn Quadern, Platten, Gesimsen, Treppenstufen rc. behauene B-e heißen Werkstücke od. Werksteine. örucbur, so v. w. Samenkäfer. Bruchweide, s. Salix. Brucin (Chem.) LzgUsgUsOi 4-48^0, ein Alkaloid, 1819 von I. Pelletier n. Caventou entdeckt, welches als steter Begleiter des Strychnins (s. d.) in den Jgnatiusbohnen, den Krähenaugen od. Brechnüssen, besonders reichlich in der falschen Angusturarinde (s. d.) enthalten ist. Aus letzterer wird es (neben Strychnin) durch kochenden Alkohol ausgezogen; zur Trennung von Farbstoffen n. anderen Beimengungen wird die alkoholische Lösung verdampft, der Rückstand in Wasser gelöst u. mit Bleiessig gefällt. Die Lösung wird durch Schwefelwasserstoff von Blei, durch Magnesia von Strychnin befreit u. das B. in oxalsaures Salz verwandelt, welches mit kaltem absolutem Alkohol gewaschen u. durch Magnesia zerlegt wird. Das so gereinigte B. wird mit Alkohol ausgezogen n. durch Verdunsteulassen zum Krystallisiren gebracht. Es bildet farblose 4seitige Prismen, welche 4 Molecüle Krystallwasser, enthalten, in Alkohol leicht, in Wasser wenig, in Ärher nicht löslich sind, intensiv bitter schmecken und beim Erhitzen zuerst Krystallwasser verlieren, darauf sich zersetzen. Mit Salpetersäure färbt es sich blutroth u. kann dadurch leicht als Verunreinigung im Strychnin nachgewiesen werden, da letzteres diese Eigenschaft nicht besitzt. Concentrirte Salpetersäure liefert dabei als Zersetzungsproducte Stickoxyd, Kohlensäure, Salpetersäure, Methyläther, Oxalsäure n. eine stickstoffhaltige Base, das Cacotelin, welche sich auf Zusatz von Wasser in gelben Krystallen abschcidet. Beim Erhitzen des B-s mit Schwefelsäure und Braunstein bildet sich Methylalkohol (Holzgeist). Mit Säuren bildet das Alkaloid meist krystallisirbare, bitter schmeckende Salze. Das B. gehört zu den gefährlichsten Pflanzengiften u. steht in seiner Wirkung dem Strychnin sehr nahe, mit dem Unterschiede, daß letzteres schon in geringeren Dosen als jenes tödtlich wirkt. Der Brucioli — Brück. 145 ! I § Tod erfolgt unter den Erscheinungen des Starrkrampfes. Als Arzneimittel wird das B., sowie feine Salze, in äußerst geringer Menge bei Nervenlähmungen angewandt. Clören. Brucioli, Antonio, geb. zu Ende des 15. Jahrh. in Florenz. Aus Anlaß der Unruhen, die dort gegen das Haus Medici ausbrachen, mußte er nach Frankreich fliehen; zurückgekehrt, wirkte er für die Reformation, die er in Frankreich kennen gelernt hatte, wurde deshalb gefangen gesetzt u. wanderte nach seiner Befreiung nach Venedig aus, wo er 1554 starb. Er übersetzte dort die Bibel, N. T., Ben. 1530, die ganze Bibel, Ben. 1532, 1546—48, 3 Bde., Fol., u. des Plinius Naturgeschichte, ebd. 1543; gab heraus: Petrarcas u. Boccaccios Werke, u. jchr.: Gespräche, ebd. 1526, Fol. Bruck, 1) B. an. der Leitha, Bezirkshauptstadt in Nieder - Österreich, an der Leitha und dem Flügel der Staatsbahn Wien - Ko- morn; Bezirksgericht; 2 Kirchen; gräfl. Harrach- sches Schloß mit Park; 4203 Ew.; in der Nähe auf der auf ungarischem Gebiete gelegenen Parn- dorfer Heide jährlich Truppenübungen. Hier 1260 Friede zwischen Ottokar, König von Böhmen, u. Bela, König von Ungarn. 2) B. an der Mur, Bezirkshauptstadt im österr. Kronlande Steiermark, am Einflüsse der Mürz in die Mur, an der SBahnlinie Wien-Triest, hier auch Abzweigung des Flügels B.-Leoben zum Anschlüsse an die Rudolfs-Bahn; Bezirksgericht; alte landesfürstliche Burg mit Bogengängen, in der Nähe des Bahnhofes Ruinen des Schlosses Landeskron; Lederfabrikation, hier u. im Bezirke Drahtsabri- ken; 3834 Ew. 3) Kloster B., Prämonstra- tenser-Abtci, in Mähren, bei Znaim an der Thaya, gestiftet am Anfänge des 13. Jahrh., aufgehoben unter Joseph II.; das Stiftsgebäude im Renaissance- Stil aus dem 18. Jahrh. 1853—68 Sitz der k. k. Genie-Akademie, jetzt Kaserne. 4) Dorf in der Bezirshauptmannschaft Plan des ehem. böhmischen Kreises Eger; Hohösen, Eisenhammer, Rübenzuckerfabrik. 5) Fürstenfeld-B., Flecken im gleicht!. Bezirksamte des bayer. Regbez. Ober- Bayern, an der Amper, Station der von München nach Lindau führenden Eisenbahn; Landgericht, Bergamt; schöne Pfarrkirche; Waffenhammer; 2200 Ew.; Geburtsort der Erzgießer Stiglmayer u. Miller. Das gleicht!. Cistercieuser- kloster, 1266 von Herzog Ludwig gestiftet, 1803 aufgehoben, ist jetzt Jnvalidenhaus u. Fohlenhof. In der Nähe Todtenfeld aus der Urzeit u. Denkmal des 1347 hier gest. Kaisers Ludwig des Bayern. Bruck, Karl Ludwig, Freiherr v. B., öster- reich. Minister, geb. 18. Oct. 1798 in Elberfeld; Kat bei einem Kaufmann daselbst in die Lehre, conditionirte dann in Bonn u. besuchte zugleich staatswisseuschaftliche Collegien an der dortigen Universität; hierauf wollte er zuerst bei der Öst- indischen Compagnie in London eintreten u., als er dort keine Anstellung fand, zur Unterstützung der Philhellenen nach Griechenland reisen. Er begab sich zu dem Ende 1821 nach Triest, blieb aber daselbst und wurde Secretär bei der Asse- curanzkammer, heirathete 1827 die Tochter eines reichen Kaufmannes und war 1833 einer der Pierers Universal-Conversatioiis-Lexikon. k. Aufl. I Mitbegründer des Österreich. Lloyd, dessen Directo c er bis 1848 blieb. Im selben Jahre wurde B. von der Stadt Triest in das Parlament nach Frankfurt gewählt, aber schon im August 1848 von der kaiserlichen Regierung zu ihrem Bevollmächtigten bei deni damaligen Reichsverweser Erzherzog Johann ernannt. Auf Vorschlag des Grafen Stadion wurde B. 21. Nov. Minister für Handel, Gewerbe u. öffentliche Bauten, nahm an den 4. März 1849 veröffentlichten Bersassungs- arbeiten mit Stadion u. Schwarzenberg wesentlich theil u. leitete nach Beendigung des Öster- reichisch-Sardinischen Feldzuges die Friedensunterhandlungen u. den Abschluß eines Handels- und Schifffahrtsvertrages mit Sardinien. B. wurde dafür 19. Dec. 1849 in den österreich. Freiherrnstand erhoben; er organifirte sein Ministerium, rief ein Handelsblatt, Austria, ins Leben, errichtete im Gesammtumfange der Monarchie die Handelskammern, vervollkommnete das österreich. Post- u. Telegraphenwesen, nahm die Regulirungen der Theiß u. Donau wieder in Angriff u. betrieb den Bau der Semmering-Bahn. Das Wichtigste aber war die Aufhebung der Zollgrenze gegen Ungarn u. das Fallenlassen des Prohibitivsystems. Da B. zu viel Widerstand fand, trat er Ende Mai 1851 vom Ministerium zurück u. widmete seine Thätig- keit abermals dem Österreich. Lloyd; aber schon 1852 wurde er von der Regierung nach Berlin geschickt, um den Handelsvertrag mit dem Zollverein abzuschließen; im Juni 1853 ging er als Jnternuntius nach Constantinopel u. schloß 1854 mit der Pforte den Vertrag wegen Besetzung der Donaufürstenthümer durch die Österreicher. Als 1855 der bisherige Finauzminister Baumgartner zurücktrat, kam 10. März B. an seine Stelle u. versuchte Alles, die österreich. Finanzen herzustellen. Der Krim- u. Jalienische Krieg von 1859 vereitelten alle Bemühungen. B., der im Aug. 1859 auch das Handelsministerium übernommen hatte, rieth dem Kaiser zu freiheitlichen Reformen im Innern (B., Die Ausgaben Österreichs, Lpz. 1860, als Manuscript gedruckt). Als B. 1860 beim Unterschleissproceß Eynatteus als Zeuge vernommen worden war, ersuchte er um seine Entlassung als Minister u. erhielt dieselbe am Abend des 22. April in ungnädiger Form, worauf er sich in der Nacht den Hals durchschuitt und 23. April starb. Ein Jahr nachher wurde durch eine osficielle Ehrenerklärung seine Unschuld darge- thau. Cicale!. Brück, Stadt im Kreise Zauche-Belzig des preuß. Regbez. Potsdam, an der Plaue; Flachsbau; Tuch- u. Leiuenweberei; 1380 Ew. B. wurde von den Niederländern erbaut, die unter Kaiser Friedrich I. oder Konrad III. vom Markgrafen Albrecht dem Bären dahin geschickt wurden; 1637 brannte es ab. B. ist der Geburtsort des knrsächs. Kanzlers B. (Pontanus). Brück, 1) Gregorius v. (Pontanus), eigentlich Heiutze, geb. um 1485 in Brück bei Wittenberg, Sohn des dasigen Bürgermeisters Hcintze; war Kanzler der Kurfürsten Friedrich d. Weisen, Johann und Johann Friedrich; begleitete den Erstereu 1521 nach Worms u. denLetzteren 1540 nach Schmalkalden; 1530 übergab er dem Kaiser v. Baud. ig 146 Bruckberg - die Confessio» der Protestanten, welche dann Bayer > vorlas, u. war überhaupt bei allen Reformationsverhandlungen durch seine Gelehrsamkeit, Umsicht und Vorsichtigkeit ein treuer Rathgeber seiner Fürsten; er wurde von Kaiser Karl V. nobilisirt n. betheiligte sich 1548 an der Gründung der Universität in Jena, wirkte hier zuletzt als Honorarprofessor und starb 1557. Vgl. Wimmer, Pontani Leben, Altenb. 1730. 2) Christian, Sohn des Vor.; war Kanzler bei Herzog Johann Friedrich dem Mittleren; bewirkte die Aufnahme Wilhelms v. Grumbach in Gotha u. ward, da die Acht von Kaiser u. Reich über ihn ausgesprochen wurde, nach der Einnahme von Gotha 17. April 1567 hingerichtet. Bruckberg, Dorf im Bezirksamte Ansbach des bayerischen Regbez. Mittel-Franken; Schloß mit Bcssernngsaustalt für verwahrloste jugendl. Personen; Porzellansabrik; 539 Ew.; lange Wohnsitz des Philosophen Ludwig Feuerbach. Brücke, 1) Commando-B. wird die auf allen Kriegsschiffen und auch gewöhnlich auf den Dampfern der Handelsflotte quer über das Oberdeck, von der Reling einer Schanzkleidung (oberer Rand der Schiffsseite) nach der der anderen Seite führende Brücke genannt, von welcher Stelle der Commandirende die zur Ertheilung seiner Befehle uothwendige Fernsicht genießt. Durch Sprachrohre u. andere Vorrichtungen werden die Commandos nach der Maschine u. den sonst etwa uöthigen inneren Räumen des Schiffes übermittelt. 2) Gichtbrücke das Plateau beim Hohofen (s. d.), welches, in einer Ebene mit den Beschick- ungsöfsnungen liegend, zur Aufnahme von Erzen, Brennmaterial und Zuschlag und Zuführung derselben dient. Brücke, I. Bauwerk, mittels dessen eine Straße (Eisenbahn) über eine Vertiefung (Viaduct)od. einen Fluß geführt wird. Die eigentliche B. liegt auf Pfeilern od. Jochen, von denen die beiden äußersten, nameutl. bei gewölbten B-n, auch Widerlager heißen. Dieselben müssen auf ganz sicherem Grunde stehen u. im Stande sein, die Brücke sammt ihrer Last zu tragen u. bei Flüssen auch Len treibenden Eismassen Widerstand leisten können. Ersolgt die Gründung auf Felsen, so ist verwittertes Gestein zu entfernen u. der Baugrund zu ebnen. Die Gründung der Pfeiler auf Erdarten verlangt meist die Herstellung eines Rostes oder eines Bettes vcn Beton. Der aus Lang- u. Querschwellen zusammengesetzte Rost ruht entweder direct auf dem Boden (Schwellen-Rost), od. auf eingerammten Pfählen (Pfahl-Rost). Bei der Gründung in Wasser ist es nöthig, die Baugrube durch Fangedämme vor dem Eindringen des Wassers zu schützen, oder bei größerer Wasser- tiefe durch zwei Reihen Bohlen- oder Spundwände, zwischen denen Thon eingestampft ist (Kastendämme). In neuerer Zeit setzt man auch die Pfeiler aus eisernen Röhren von großem Durchmesser zusammen, die in das Wasser gesenkt werden. Das Innere desselben wird durch Einpumpen gepreßter Luft von Wasser frei gehalten u. durch allmähliches Ausarbeiten des Bogens von innen heraus, wobei die Arbeiter sich in compriinirter Luft befinden, bis zur nöthigen — Brücke. > Tiefe gesenkt (pneumatische Gründung). Um die Pfeiler vor der Einwirkung des Stromes zu schützen, legt man ihre größte Ausdehnung in die Stromrichtung u. rundet dieselben halbkreisförmig oder elliptisch ab. Häufig werden auch stromaufwärts besondere Bauten (Eis-Schollenbrecher) vorgelegt, um den Stoß schwimmender Körper zu brechen u. abzulenken. Die Landpfeiler werden häufig durch Flügelmauern geschützt. Auf den Pfeilern ruht der Oberbau der B. mit der Fahrbahn u. dem Geländer. X) Feste B-n: a) Steinerne B-n. Je nach der Form der inneren Wölbung der Bögen unterscheidet man halbkreisförmige, flache, gedrückte, elliptische, überhöhte u. spitzbogenförmige B-nbögen. Bei schiffbaren Flüssen müssen dre Öffnungen so weit gespannt u. so hoch sein, daß Schiffe u. Holzflöße, ohne anzustoßen, hindurchkommen können. Eben so müssen über sehr reißende Gewässer, wo es schwer ist, den Mittelpfeilern gehörige Stärke gegen den Andrang des Eises zu geben, weite Öffnungen gemacht werden. Man vermag mit Sicherheit den B-n große Spannweite zu geben u. legt ihre Fahrbahn mit möglichst geringer Steigung (2—3°/,) über die zu überbrückende Vertiefung u. vertheilt die nöthigen Auffahrten aus thunlichst weite Strecken. Sehr hohe steinerne B-n werden in mehreren Bogenstellungen über einander etagenförmig aufgeführt (z. B. die Göltzsch- u. Elsterthalüberbrückung in Sachsen ist in vier Bogenreihen über einander 70m hoch.) b) Hölzerne B-n. Diese ruhen auf steinernen, eisernen oder Holzpfeilern. Letztere sind entweder mit Steinen gefüllte Blockkästen, oder sie bestehen ans einer oder mehreren Reihen von eingerammten Pfählen, die durch Schwellen verbunden sind, u. heißen Joche. Auf diesen Pfeilern ruhen bei Spannweiten bis 6 m einfache Holzträger; bei größeren Spannweiten oft sehr complicirte Holzconstructionen. Diese sind Hänge-, Sprengewerke oder Verbindungen beider Constructionen (Schaffhausen, Zürich u. s. w.), dann Holzbögen, die aus Bohlen oder Holzstücken zusammengesetzt sind (wie die B. von Wiebeking in Bamberg, von Burr zu Trenton u. s. w.), endlich die (namentlich in Amerika sehr in Ausnahme gekommenen) Gitter- oder Fachwerks- B-n, bei denen zwei der Länge nach durchgehende, meist parallele Hölzer durch gitterartige Verstrebungen aus Holz, häufig mit eisernen Bolzen, verbunden sind, o) Eiserne B-n sind: aa) aus Gußeisen u. werden dann nach ähnlichen Systemen gebaut wie Holz-B-n, vor denen sie den Vorzug größerer Dauer beanspruchen dürfen (Beispiele sehr zahlreich in Berlin, Paris u. s. w.); bi>) aus Schmiedeeisen, welches neuerlich zur Construction der meisten B-n verwendet wird. Kleinere B-n werden meist von doppelt Pförmi- gen gewalzten Balken getragen. Bei größeren nietet man dieselben ans Eisenblech, Winkel- und Flacheisen zusammen (Blechträger). Große B-u hat man häufig in Gestalt von viereckigen Röhren aus Eisenblech zusammeugenietet. So die Britannia-B. über die Menai-Meeresstraße von Stephenson u. die Conway-B. Später find Gitter- B-n in Aufnahme gekommen, bei denen die massi- Brücke. 147 v-ll Wände der Blechträger durch ein zusammen- gsnietetes Gitterwerk aus Elsenstäben ersetzt sind. Ausgezeichnete Beispiele liefern die Weichsel-B. bei Dirschau u. die Rhein-B. bei Köln. Bei diesen B-n find die Gitterträger dnrchgehends von gleicher Höhe, u. das Gitterwerk zeigt Verhältnis;' mäßig enge Öffnungen. Bei neueren B-n haben die Gitterträger häufig eine vom Rechteck abweichende Gestalt, wie bei dem Paulischen System (Mainzer Rhein-B.), wo die Gestalt einem Linsenquerschnitt entspricht, u. wird namentlich die enge Gliederung der Gitterstäbe durch eine geringe Zahl vertikaler u. einander kreuzender Streben ersetzt. Man sucht dadurch Material durch bessere Vertheilung desselben zu ersparen. Unter der großen Mannigfaltigkeit von Formen, welche die Gitter-B-n durchlaufen, nähern sie sich auch vollständig der Gestalt der Bogen-B°n (Rhein°B. bei Koblenz). Bei manchen dieser Systeme (z. B. Fox n. Hendersen) sind die Tragbogen röhrenförmig zusammengesetzt, u. werden die Enden durch Spannketten zusammengehalten, welche durch Hängesäulen u. Kreuze mit dem Bogen verbunden sind. Hänge-B-n tragen durch eiserne Stäbe entweder an von einem Ufer zum anderen ausgespannten eisernen Gliederketten die B-nbahn (Ket- ten-B-n), oder an Drahseilen (Draht-B-n). Die Ketten u. Drahtstränge werden, nachdem sie an jedem Ufer über starke steinerne oder eiserne Pfeiler, auf deren Festigkeit bes. zu achten ist, über Walzen weggeleitet sind, an ihren Enden in Stein n. Mauer so befestigt, daß sie unter keinen Umständen von ihrer Festlagerung sich loszumachen vermögen. Die Kettenglieder sind aus Flacheisen mit Bolzen zusammengesetzt, an denen die Tragstangen angreifen. Die Beweglichkeit der reinen Hänge-B-n ist ein Mangel. Sie lassen große Spannweiten zu, sind billiger, leichter u. schneller herzustellen, als viele andere B., dagegen geben sie infolge großer Belastung in ihrer Spannung nach u. gerathen bei Stößen auf die B-nbahu u. bei großen Stürmen in leicht gefährlich werdende Schwingungen, u. die Geschichte weiß von bekla- genswerthen Einstürzen derselben. Dennoch erscheinen die Hänge-B-n in manchen Fällen als unentbehrlich, dort wo andere B-nconstructionen nicht anwendbar sind. Die Draht-B. über den Niagarafall in NAmerika z. B. dient einem großen Eisenbahnverkehre, u. bei Pittsburg in NAmerika ist ein Kanal über eine Hänge-B. geführt. Berühmte Ketten-B-n sind die von Telford über den Meeresarm zwischen England u. der Insel Anglesey geführte von 174 m Spannweite, die Ketten-B. in Prag u. Pest, letztere von 189 in Spannweite; die Draht-B. zwischen New-Iork u. Brooklyn, welche in ihrem mittleren Theil 486 in überspannt. 8) Bewegliche B-n, bes. im Kriege anwendbar. Bei denselben unterscheidet man den Oberbau (B-ndecke u. Geländer) u. den Unterbau (die Unterstützungen, entweder aus den Ufern oder besonderen Auflagern für die Balken der B-ndecke bestehend.) Nach dem Gebrauche theilt man die Kriegs-B-n in B-nstege, ca. 1 m breit, für einzelne Fußgänger, in Lauf-B-n, ca. 2 in breit, für Infanteristen zu zweien oder Pferde zu einem, n. Colonnen-B-n, 3—6 m breit, für alle Waffengattungen u. Fuhrwerke. Nach der Construction unterscheidet man Ufer-B-n, deren Balken von einem Ufer zum anderen reichen, n. B-n mit Unterstützungen, bei welchen die Balken vom Ufer nur bis zur Unterstützung, resp. von einer Unterstützung zur anderen reichen. Zur Herstellung einer Colonnen-B. über eine 3—4 in breite Vertiefung wird man beispielsweise 5 Balken von ca. 3V em Stärke von einem Ufer nach dem anderen hinüberlegen u. durch Auflager (Schwellen) u. Pfähle befestigen, demnächst diese Balken (Streckbalken) mit Brettern von ca. 6 em Stärke überdecken u. durch Rödelbalken n. Rödelung festlegen. Schließlich werden noch vor die Köpfe der Streckbalken Stoßbalken anzubringen u. die An« u. Abfahrten zu reguliren sein. Je nach der Art der Unterstützungen, die fest, hängend oder schwimmend sein können, erhalten die B-n verschiedene Namen: a) Bock-B-n, bei denen Mauerböcke, mit den Füßen auf Brettstücken stehend, die Unterstützung der Balken abgeben, b) Wagen-B-n, bei denen die Balken auf den durch Ketten zusammengehaltenen Leitern eines Wagens liegen, c) Schanzkorb-B-n, bei seichten Gewässern; die Balken ruhen auf senkrecht auf den Boden gestellten, 1,g„ m hohen Schanzkörben, die mit Erde gefüllt u. durch einen Pfahl im Boden befestigt werden, ä) Brettstapel-B-n, bei denen die Brettstapel durch zu den Seiten eingeschlagcne Pfähle zusammengehalten werden, s) Schiff- B-n: sie liegen auf Fahrzeugen, über welche Balken gestreckt sind, welche mit Bohlen belegt werden. Die Fahrzeuge sind stromaufwärts an Ankern u. zuweilen auch an eingesenkten Mühlsteinen befestigt; damit Schiffe den Strom passtren können, hat die Schiff-B. eine Vorrichtung, mittels welcher 3—4 Fahrzeuge herausgenommen werden, wodurch eine Öffnung zum Durchpassiren entsteht. Merkwürdige B-n dieser Art finden sich zu Mainz (aus 47 großen Schiffen), Koblenz u. Köln am Rhein, Warschau, Marienwerder und Marienburg auf der Weichsel rc. Außer den gewöhnlichen Fahrzeugen bedient man sich dazu, bes. im Kriege, der Pontons (s. d.). Für den Betrieb einer Eisenbahn über einen großen Strom wurde die erste Schiffbrücke von der Pfälzischen Bahn bei Maxau über den Rhein hergestellt (nach dem Plan des Oberingenieurs Basler), der eine bei Speyer über denselben Strom folgte, beide mit den besten Resultaten, k) Floß-B-n, die auf leichten Holzstämmen ruhen. §) Tonnenoder Faß-B-n bestehen aus paarweise zusammengekoppelten Tonnen, die zu 5 oder 6 Paaren durch einen aufgöbundenen gezimmerten Rahmen, der nach der Form der Tonnen ausgeschnitten ist, zu einer schwimmenden Unterstützung zusammengestellt werden. Eine derartige B. wurde während der Belagerung von Straßburg 1870 zum Ueber- gang über den 56 in breiten Graben vor Lünette 52 angewandt. Werden statt der Balken zum Tragen der Bretter der B-ndecke Seile od. Taue verwendet, die an Bäumen oder eingerammten Pfählen befestigt werden, so heißen solche B-n Seil-B-n; ru den beweglichen B-n gehören auch die Fliegenden B-n (s. d.).' ü) Kasten- oder Sturm-B-n, aus eigens dazu verfertigten Ka- 10 * 148 Brücke. sten von 3—4 in Länge, inwendig mit Fächern versehen, dienen nur zum Übergang über stille Gewässer, Kanäle n. die Wassergräben der Festungen. i) Binsen-B-n, aus Hürden von Weiden- ruthen bestehend, an welchen mittels Latten Bündel von Binsen befestigt werden; Ruthen verbinden sie unter einander u. Seile mit dem Ufer. 6) Zwischen den festen u. beweglichen B-n bilden s,) Zug-B-n über Festnngsgräben u. schiffbare Kanäle, auch zuweilen über einen Theil von Wuß-B-n, eine besondere Gattung; ein Abschnitt derselben, die Zugklappe (B-nklappe), läßt sich aufziehen, um die Verbindung der beiden B-n- enden zu unterbrechen. Dieses Ausziehen geschieht durch ein Winderad, an dessen Welle die B-n- ketten befestigt sind, die über die Rollen der Ränder laufen u. sich am Vordertheil der aufziehenden, am Zapfen bewegbaren B. endigen; durch Wippen (blseliss), in horizontaler Lage auf den beiden Ständern über der Zugklappe schwebende Bäume', an deren Vordertheil die B. mit Ketten hängt u. deren Hinterer Theil heruntergezogen wird, um die B. vorn in die Höhe zu ziehen; durch Schwungbäume, eine Verlängerung der B-nruthenfod. beider Seitenbalken, die hinten durch Querriegel verbunden sind u. ein Gegengewicht bilden, das sich in einen hohlen Raum hinter der Zugklappe hinabsenkt, um diese dadurch mit dem Vordertheil in die Höhe zu bringen. Bei Fest- nngs-B-n bestehen die 4 B-nruthen meist aus Eijeu; man verlängert entweder die beiden mittleren, oder die beiden äußeren u. beschwert dieselben durch eiserne Hintergewichte so lange, bis die B-nklappe von selbst in die Höhe schlägt. Zum Nieüerlcgen der Klappe für die Passage werden die Hintergewichte der Ketten in die Höhe gezogen u. durch einen untergreifenden Hebel oder Haken festgelegt. Zur größeren Sicherheit wird auch wol noch die Zugklappe durch Riegel, die voll dem feststehenden Theil der B. übergreifen u. nach Belieben entfernt werden können, sestge- halten. Hierher gehören auch b) die Roll- (Schieb-)B-n, deren Klappe nicht aufgezogen, sondern über metallene Rollen rückwärts geschoben wird; ferner o) die Dreh-B-n, die sich horizontal um eine senkrechte Achse bewegen lassen, um Schiffen den Durchgang zu gestatten; sie ruhen auf kreisförmig geordneten Rädern oder Kugeln, welche auf Schienen laufen (z. B. die Eisenbahndreh-B. über die Havel bei Potsdam); ä) Fall-B°n, die aufgezogen u. niedergelassen werden können, um die Verkehrsverbindung aufzuheben u. wiederherznstellen. Andere Arten von B-n, wie aus aufgeblasenen Häuten rc. (Schlauchbrücken, s. u. II.), kommen nur selten in Anwendung. I)) Literatur. Gauthey, Iraits äs 1a eon- struotion äs ponbs, Par. 1809—13, 2 Bde.; G. von Reichenbach, Theorie der V-nbögen, Münch. 1812, 2. Ausl., 1833; Wiebeking, B-n- baukunde (der Wasserbaukunst 3., Bd.), München 1814; v. Langsdorf, Anleitung zum Straßen- u. B-nbau, Mannh. 1817—19, 2 Bde.; Röder, Praktische Darstellung der B-nbaukunst, Darmst. 1821; Hoher, Handbuch der Pontonierwissenschast, Lpz. 1793—94, 3 Bde.; Miller, B-nbaukunde, Lpz. 1850—53, 4 Bde.; Tellkampf, Theorie der HängeB-n, Hannover 1856; Werther, Praktisches Handbuch bei dem Bau eiserner Träger- u. Joch- B-n, Dresd. 1853; v. Weber, Die Festigkeit eiserner Balken u. Träger, Dresd. 1851; M. Becker, Die gußeisernen B-n der Bad. Eisenb., Karlsruhe 1847; Derselbe, Der B-nbau in seinem ganzen Ümfange, 4. A., Stuttg. 1873; Bauernfeind, Vorlegeblätter zur B-nbaukuude, mit Text, 2. Ausl., Stuttg. 1872; Die B-n der Schweiz. Eisenb., von C. v. Etzel, Basel 1856; Theorie der Gewölbe, Futtermauern u. eisernen B-n, von Scheffler, Braunschw. 1857; Schwarz, Der B-n- bau, Berl. 1860—65, Bd. 1 u. 2; Bau der B-n- träger, v. Laißle u. Schübler, Stuttg. 1864; Reg- nauld, Lraits praotigus äs 1a oonstruotion äss ponts sb viaänots mstallignss, Paris 1869; Heinzerling, Die B-n in Eisen, Lpz. 1870. II. Geschichtliches. Der Ursprung des B-n- banes verliert sich im Dunkel der Sagenzeit. Die erste größere Fluß-B. mag wol die zur Verbindung der beiden Hälften der Stadt Babylon über den Euphrat geschlagene gewesen sein. Sie ruhte auf Pfeilern, die mit Balken u. Bohlen überdeckt waren. Die Chinesen kannten schon sehr früh B-n. Der Perserkönig Terxes schlug eine Schiff-B. über den Hellespont zwischen Sestos u. Abydos, um sein ungeheures Landheer im zweiten Persischen Kriege nach Europa überzusetzen. Griechenland weist in der früheren Zeit keine bemerkens- werthen B-nbauten auf; die Gewölbe waren nicht von bedeutender Spannung, da sie durch Überkragung der Steinplatten hergestellt wurden. Bon großer Bedeutung sind dagegen die römischen B-nbauten. Die Römer kannten die Kunst der Wölbung und brachten dieselbe zu einer hohen Ausbildung, ss daß sie selbst vor großen Strömen nicht zurückschreckten u. viele ihrer B-n u. Viadukte zu den großartigsten u. bewundernswerthesten Denkmälern des Alterthums zählen, ja, zum theil jetzt noch im Gebrauche sind, wie der ?ons Velins (jetzt konbs 8. LmMo), die schönste unter den römischen B-n), ein Viaduct auf dem Wege von Rom nach Gabii (jetzt konts äi nana), u. außerdem viele Viaducte zu Wasserleitungen (Aquä- dncte). Die schönsten römischen B-n waren in den Provinzen, da hier bes. die Kaiser ihre Würde als i?ontiüess bewährten; von einigen sind Ruinen übrig (bes. 1?on8 sstrasanns). Über den Rhein schlug Cäsar die erste Bock-B.; später wurden deren über die Donau gebaut. Im Kriege brauchten die Römer auch Schlauch-B-n, aus wasserdichten, kalbsledernen, 1 in langen Schläuchen, die mit Riemen u. Haken an einander befestigt und mit rauhen Decken belegt waren. Die Gallier kannten eine Art Schiff-B-n, indem sie mittels zusammengebundener Schiffe u. Flöße' über die Flüsse setzten. Bei den europäischen Völkern, welche die Baukunst verstanden, waren die Bögen rund oder spitz, nach dem herrschenden Baustil; die ersten B-n mit flachen Bögen wurden in der Mitte des 13. Jahrh. in Ober-Italien, mit Korbbögen erst zu Anfang des 17. Jahrh. in Frankreich gebaut. Im Mittelalter war die Aufführung von B-n den Frommen zur Pflicht gemacht, n. so entstanden viele B-u, die im Wesentlichen Nachahmungen von Römerwerkcn waren. Bes. ausge- Brücke — Brücke des Varolius. 149 zeichnete B-n sind: in Italien die Goldschmiede-B. über den Arno (ein Bogen von 43 m Spannung) u. Dreifaltigkeits-B. zu Florenz, die B. von Pavia, der kouts Llolls, l?onbs Lixbo und konts Voltas zu Rom, die zu Alessandria über den Tanaro; in Spanien die Toledo-B. zu Madrid und die B. von Valencia; in Deutschland die B-n von Regensburg, Würzburg, Magdeburg, Bremen, Frankfurt a. M., Dresden; in der Schweiz dieNiedeck-B. zu Bern, die neuen Seebrücken zu Luzern u. Genf; zu Wien u. Prag rc. Neuerdings überbieteu die Eisenbahn-B-n alles früher Dageweseue (Semmeriug-Eisenbahn-, Göltzsch« u. Elsterthalüberbrücknug, B-n der Chemnitz-Riesa- Eisenbahn rc.; vgl. oben I. In Frankreich bildete sich ini 12. Jahrh. ein eigener Orden der B°nbrüder (s. d.). Anfangs baute man meist mit einem Bogen, später mit mehreren kleinen, u. Ludwig XV. ordnete eine eigene Abtheiluug B-n- baumeister (InZenisurs ckss ponto et ostauosöss) an, welche den B-nbau zur höchsten Vollkommenheit brachten. So entstanden die B-n von Vieille- Brioude über den Allier, von Sisteron über die Durance, die von Nantes, Orleans, Tours rc., des. der kont neust kont 8t. Iwuis u. die Jena- B. in Paris. In England die neueren B-n von Shrewsbury, Perth, Lancaster u. bes. die London- Westminster-, Blackfriars-, Vauxhall- u. Waterloo- B. Große Kostenersparnngen gewähren die Eisenbahnschiffbrücken (s. o. L. o.). Merkwürdig find noch die chinesischen u. persischen B-n wegen ihrer Größe u. Schönheit. Die B. von Loyang (s. d.) über einen Meerbusen in China ist die längste der Welt. Die Chinesen sind auch die Erfinder der Hänge-B-n, welche in den Ketten- u. Draht- b-n neuerdings Nachahmung gefunden haben. Das unzweifelhaft älteste Material zu B-n war das Holz. Zwei starke parallele Baumstämme, verbunden durch zahlreiche Querhölzer genügten für kleinere Wasserlänfe oder Abgründe, während man über größere Gewässer mit Schiffen setzte. Die Anforderungen eines gesteigerten Handelsverkehres lernten bald als B-nmaterial den Stein benutzen, der nun, bes. von der Erfindung der Gewölbe an, Jahrtausende lang den Vorrang behauptete, bis man seit dem letzten Viertel des vorigen Jahrh. das Eisen in Benutzung nahm. Die B. von Coalbrookdale über den Severn war die erste (1779), bald folgten ihr andere in Frankreich, kovt äs8 arts, ?ont ck'Xnstorlitr (Lou- vre-B.), in England (zu Bnildaves, Wearmuth, Staines, Bristol u. die Southwark-B. zu London) u. Deutschland (zu Berlin, Potsdam, Offenburg in Baden). Mit dem Bau der Eisenbahnen li. dem dadurch bedingten Aufschwung der Eisenindustrie nimmt der Gebrauch des Eisens mehr u. mehr zu, so daß man bald nur noch wenig durchaus steinerne B-n baute u. (abgesehen von Viaducten n. kleineren B-n) nur Pfeiler aus diesem Material herstellte, während der Oberbau aus eisernen Gittern, Kettensystemen oder Röhren besteht, wobei das Holz eine verhältnißmäßig untergeordnete Rolle spielt. Jedoch hat man in Amerika auch durchaus hölzerne Eisenbahn-B-n. Als merkwürdige B-nprojecte sind zu nennen das des englischen Ingenieurs Brindley (s. d.), England und Irland durch eine Schiffbrücke zu verbinden, u. das des sranz. Ingenieurs Boutel zur Überbrückung des Canals La Manche zwischen Cap Blanc-nez u. Cap Shakespeare. I. Gieseler» (mit Ausn. von N. u. 0.). H. Schroot." Brücke, Ernst Wilhelm, bedeutender Phy- siolog, geb. 6. Jan. 1819 in Berlin; studirte seit 1838 in Berlin u. Heidelberg Medicin, promo- virte 1843, wurde in demselben Jahre Johann Müllers Assistent am Museum für vergleichende Anatomie u. Prosector, 1846 Lehrer der Anatomie an der Berliner Akademie der bildenden Künste, übernahm 1848 die Professur der Physiologie in Königsberg u. 1849 die in Wien zugleich mit der für mikroskopische Anatomie. B. hat auf den verschiedensten Gebieten der Anatomie u. Physiologie gleich bedeutend gearbeitet; seine Monographien u. Abhandlungen (ein größeres Werk hat er außer den erst 1873 erschienenen Vorlesungen über Physiologie nicht geschrieben) genießen sämmtlich Hohes Ansehen. Vor allen hervorznheben sind seine Untersuchungen über das Auge und über Farben (Die anatomische Beschreibung des Augapfels, Wien 1847; Untersuchungen über subjective Farben, ebd. 1851; über Ergänzungs- und Contrast- farben, 1865; über Farben u. Farbenwechsel bei Cephalopoden und dem Chamäleon, 1852; über Farbenwechsel des afrikanischen Chamäleon, 1852; über Farben, welche trübe Medien im auf- und durchfallenden Lichte zeigen, 1854; über Metallglanz, 1861; Physiologie der Farben, 1866; asymmetrische Strahlenbrechung des Auges, 1869), sowie die über Sprachlaute, die geradezu epochemachend zu nennen sind (Grundzüge der Physiologie u. Systematik der Sprachlaute, 1856; Aussprache der Aspiraten in Hindostan, 1859; Beiträge zur Lautlehre der arabischen Sprache, 1860; neue Methode der phonetischen Transscription, 1863). Die Methode der phonetischen Transscription bezweckt, die Sprachen nach ihrem wirklichen Lautwerthe abzubilden, so daß man eine Sprache sprechen lernen kann, ohne die Aussprache jemals gehört zu haben. Es soll dies dadurch erreicht werden, daß die einzelnen Laute durch Zeichen ihren Ausdruck finden, welche die Stellung der einzelnen beim Sprechen thätigen Organe nachbilden. Von den anderen Arbeiten würden noch zu nennen sein die über Blut, Chylus und Gefäße (Bau der rochen Blutkörperchen, 1867; über Chylusgefäße, 1853; Beiträge zur vergleichenden Anatomie u. Physiologie des Gefäßsystems, 1852; Physiologische Bemerkungen über die Kranzarterie des Herzens, 1855; Verschluß derselben durch Aortenklappen, 1853), über die Verdauung (Lehre der Verdauung, 1859, 2. Abth., 1861), über den Bau (1858) u. das Verhalten der Muskeln gegen Borsäure (1867) u. elektrische Reizungen (1868 u. 1869). Seine Abhandlungen über Gravitation und über Erhaltung der Kraft erschienen 1857, die über Elementarorganismen 1861 u. die nach stenographischen Aufzeichnungen herausgegebenen Vorlesungen über Physiologie 1873. Thamhayn. Brücke des Varolrus (Varolsbrücke, ?ons Varolii, krobudsrantin aonukaris s. Istockua snesxluüi, Gehiruknoten), Gehirntheil, der die 150 Brückenau — Brücker. beiden Hälften des Kleinhirnes mit einander verbindet und durch den Fascrzüge aus dem verlängerten Marke zu Len Hemisphären des Großhirnes ziehen. Brückchen od. Vorbrückchen (k?on- lieulus s. kropomj) heißt ein kleiner Querwulst unterhalb derB. am oberen Ende der Pyramiden; s. Gehirn. Brückenau, 1) Bezirksamt im bayer. Regbez. Unter-Franken, im Rhöngebirge, an der Breiten Sinn; 1 Landgericht; 320,^ s^slrm (5^, dW); 13,719 Ew., worunter 10,210 Katholiken. 2 ) Stadt daselbst, an der Sinn, in wald-üppiger Flur und wiesenreicher Gegend; Bezirksamt, Landgericht; Schloß; Schneidemühle, bedeutende Pappendeckel- u. Papierfabriken; 1669 Ew. 1 Stunde davon der Badeort B. in anmuthiger Lage, mit geschmackvollen Anlagen, schönen Gebäuden; Lieblingsaus- enthalt des Königs Ludwigs I. von Bayern; Quellen: die B-er Quelle, ein erdig-salinischer Säuerling, sehr reich an Kohlensäure mit sehr wenig festen Bestandtheilen, u. die Wernarzer u. Sinuberger, 2 Säuerlinge, wozu neuerlich noch der Kothener u. Riedenberger gekommen sind; Kurgebäude: der neue Bau, der Pavillon; Molkenanstalt. Brückenberg, Pfarrdorf im Kreise Hirschberg des preußischen Regbez. Liegnitz im Riesengebirge, die höchstgelegene Ortschaft in Preußen, 780 m ü. M.; hier die auf Anordnung Friedrich Wilhelms IV. 1842 aus Waug in Norwegen hergebrachte u. wieder aufgebaute hölzerne antike Kirche; sie ward 28. Juli 1844 eingeweiht u. dem ferneren Gottesdienste übergeben. Brückenbrüder (Brüder Brückenmacher, kre- ros xsntäks, Fratres ponkiüess), christliche Brüderschaft, zu Ende des 12. Jahrh. gestiftet von St. Benedict (s. d. 4), nachdem er die Brücke von Avignon gebaut hatte. Sie war für den Hospitaldienst bestimmt, vorzüglich aber für den Bau von Brücken u. Straßen, worin sie im S. n. O. Frankreichs viel leisteten; sie leiteten dabei die Arbeiten, legten selbstthätig Hand an und bestritten alle Kosten größtentheils aus eigenem Einkommen, oder durch Almosen. Die Brüderschaft wurde 1189 vom Papst Clemens III. bestätigt, war wie die Ritterorden eingerichtet, u. die Brüder trugen einen kleinen Spitzhammer auf der Brust; sie gingen erst 1789 ganz unter, nachdem ihre eigentliche Wirksamkeit viel früher aufgehört hatte. Bgl. Rs- eborLbso blad, sur los l'röros xontiks, Par. 1818. Brückengeld, Abgabe für Gehen, Reiten od. Fahren über eine Brücke, welche zur Kostendeckung der Herstellung u. Unterhaltung derselben entrichtet wird. Innerhalb der Gebiete der deutschen Zollvereinsstaaten darf diese, wie überhaupt jede Communicationsabgabe nur so erhoben werden, Laß der Ertrag die Kosten der Unterhaltung der Anlage deckt. Brückenkopf,,, Verschauzung einer Kriegsbrücke, »m den Übergang über dieselbe, sei es zur Offensive am jenseitigen Ufer, sei es zum Rückzüge gegen feindliche Angriffe an das diesseitige User, stets frei u. sicher zu erhalten. Man unterscheidet Brückenschanzen, gewöhnlich bei kleineren Flüsse» aui Ufer iu Form einer Flesche oder Lünette angelegt, deren Besatzung die Brücke gegen einen feindlichen Handstreich sichern soll. u. größere Brückenverschanzungen, die einem ganzen Truppencorps ein günstiges Gefechtsfeld bieten sollen. Letztere bestehen meist aus einem Gürtel detachirter Werke, die auf ungefähr 1500 m Entfernung um das vor dem Ausgange der Brücke liegende Deckwerk derselben und ca. 800 m von einander entfernt angelegt sind. Nach Einführung der gezogenen Geschütze wird es erforderlich, diese detachirten Werke auf Kanonenschußweite um die Brücke herum zu gruppiren, damit dieselbe gegen feindliche Zerstörung gesichert ist. Brückenköpfe vor Festungen haben meist die Form von Horn- oder Kronwerken (Saarlouis), oder sind selbst kleine Festungen mit mehreren Bastionen u. vorliegenden detachirten Werken (Deutz bei Köln). In neuerer Zeit sichert man eine Brücke auch wol durch ein Sperrfort, wie bei Düsseldorf. Brückenmanöver werden genannt alle die verschiedenen Bewegungen, die sowol beim Schlagen u. Abbrechen, als auch während des Stehens der Ponton- u. Schiffbrücken, theils mit den ganzen Brücken, oder auch nur mit Theilen derselben ausgeführt werden; die Übung der Pontoniere im Schlagen u. Abbrechen der Kriegsbrücken, sowie der anderen Truppen im Passiren der Brücke und in der Deckung der Arbeiten der Pontoniere. Brückentrain (Kriegsw.), das vorbereitete Material zum Ban von Kriegsbrücken mit den zur Fortschaffung desselben nöthigen Fahrzeugen, welches die Pioniertruppe ins Feld mitführt. Brückenwage, Wage, welche mit einer Brücke, d. h. einer horizontalen Platte, versehen ist, auf welche die zu wägenden Gegenstände gelegt werden. Die Brücke ist nicht unmittelbar an dem Wagebalken aufgchängt, sondern sie ruht auf einem Hebelwerke, welches den Druck des aufgelegten Gegenstandes auf den kürzeren Arm des Wagebalkens in der Weise überträgt, daß derselbe durch kleinere Gewichte in der am längeren Arme aufgehängten Wagschale im Gleichgewichte gehalten wird. Meist betragen die Gewichte ^ (Decimalwage) oder (Centesimalwage) der Last; s. Wage. Brücker, Johann Jakob, Geschichtschreiber der Philosophie, geb. 22. Jan. 1696 zu Augsburg; bezog 1715 die Universität Jena, wo ihn Franz Buddeus zur gründlichen Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie anregte, wurde 1724 Schulrector u. Prediger zu Kaufbeuren n. 1731 Mitglied der Berliner Akademie; st. in Augsburg 26. Nov. 1770. Schriften: llistoria pkiilosopiri- oas äootrinas äs iäsis, Augsb. 1723; Otiaw vinäslioim, ebd. 1729; Kurze Fragen aus der philosophischen Historie, 7 Bde., Ulm 1731—36, nebst Zusätzen, ebd. 1737; Historia eritles, xdi- Iwopüias s, munäl ineunabulia ack nostram us- qus askateiii äoäuota, 5 Quartbde., Lpz. 1742 bis 1744, 2. Aust.,in 6 Quartbdn., 1766—67; Inobitutionss distorias pkülosopliloae, rwui aoa- äsmicas juventutis aäornatas, Lpz. 1747 u. ö.; Ehrentempel der deutschen Gelehrsamkeit, Augsb. 1747—49, 8 Dekaden; NioosUansa üiskorias xdi- Iv8oxliieas, litsrarias, eritioas, ebd. 1748, 5 Bde.; Bildersaal berühmter Schriftsteller, ebd. 1751 bis 1755, 10 Dekaden; Bearbeitung des Neuen Testaments für das sog. Englische Bibelwerk, Lpz. 1766—70, 6 Bde- 151 Brückner — Brüder des gemeinsamen Lebens. Brückner, Benno Bruno, prot. Theolog, geb. 9. Mai 1824 in Roßwein; studirte auf der Fürstenschule zu Meißen u. 1843—47 Theologie in Leipzig, wo er hierauf Nachmittagsprediger an der Paulinerkirche wurde; nachdem er 1850—53 Pfarrer in Hohburg gewesen war, kehrte er als Professor der Theologie u. Universitätsprediger nach Leipzig zurück, wurde auch 1855 Director des Seminars für praktische Theologie u. 1862 des Predigerseminars zu St. Pauli; 1869 folgte er einem Rufe als Professor, Universitätsprediger u. Mitglied deS Oberkirchenrathes in Berlin und wurde 1871 zum Generalsuperintendenten ernannt. Er schr.: üpistola. aä kkilippcusss ?aulo auc- tori vinäicata, contra Laurium, Lpz. 1848 (Preis- schrift); Predigten, 1. —3. Samml., 1857 — 59, 3. A., 1864, 4. — 6. Samml., ebd. 1861 — 64; Neue Folge, 1.—3. Samml., ebd. 1863—67, u. bearbeitete in de Weites Exegetischem Handbuche zum N. T. das Evangelium u. die Briese des Johannes, Lpz. 1852, n. A., 1863, n. die Katholischen Briefe, ebd. 1853. Bructerer (s. Geogr.), deutscher Volksstamm, mit den ältesten nachweisbaren Wohnsitzen nördl. von der Lippe im Münsterlande, um Ehr. Geb., wie es scheint, in die Gegenden südlich von der Lippe bis zur Ruhr gedrängt. Häufig im Kampfe mit den Römern, betheiligten sie sich 9 n. Ehr. an der Hermannsschlacht gegen Barns u. 70 u. 71 an dem Aufstande der Bataver. Damals lebte die Seherin Velleda unter ihnen. Später scheinen sie unter Einfluß der Römer gekommen zu sein, die ihnen einen Fürsten aufdrangten. Im 4. Jahrh. n. Ehr. verschwinden sie aus der Geschichte. Bruder. 1) Das Wort bezeichnet in übertragener Bedeutung jede innigere, geistige Gemeinschaft unter Menschen, so in der Freundschaft (Duz- B.). 8) Die Zusammengehörigkeit in einerlei Stand und Religionsgesellschaft, so Amts-B., Glaubens -B., B. in Christo; vgl. Böhmische Brüder, Brüdergemeinde. 3 ) Während ursprünglich der Name B. allen Gliedern der christlichen Gemeinde beigelegt wurde, ging er später aus die Mönche über. Die Mönche, die Priester wurden, ließen sich Väter (katrcs) nennen, u. nur die nicht Ordinirten unter ihnen hießen Brüder. Seit dem 13. Jahrh. nannte man die Bettelmönche Brüder (und unter ihnen nannten sich die Franciscaner aus Demuth Niedere od. Kleinere Brüder, Fratres minorss), aber die Conventualen der übrigen älteren Orven Mönche oder katrcs, während die Laienbrüder, Oblaten, Donaten nur Brüder hießen. Doch nennt der päpstliche Curialstil, wie der Sprachgebrauch in Italien u. Spanien noch jetzt, alle Religiösen von den Bettelorden ohne Ausnahme Brüder u. nur die der übrigen Orden katrss. 4 ) Anrede der Freimaurer in der Loge, auch wol im vertraulichen Umgänge, namentlich in Briefen. 5 ) Titulatur der Kaiser u. Könige unter einander. Diesen Namen erhält jeder Monarch; nur bei Eltern, Kindern u. Enkeln wird zuweilen eine Ausnahme gemacht, wie z. B. Ludwig XIV. seinen Enkel Philipp V. von Spanien B. n. Enkel nannte, dagegen Philipp den Titel B. wegließ. Bei der Erhebung Ludwig Napoleons auf den französischen Kaiserthron versagte diesem, als nicht legitimem Regenten, der Kaiser Nikolaus von Rußland den Titel B. Die Gemahlinnen gekrönter Häupter erhalten den Titel Schwester. Löffler.» Brüder der Buße des St. Dominicus, s. Dominicaner. Brüder der christlichen Schulen in St. Aon (Fröros iguorautius, Fratres iAuorautiac), gefristet 1680 von Abbb de la Salle für unentgeltlichen Unterricht im Christenthum. 1790 aus Frankreich vertrieben u. ihrer 121 Anstalten beraubt, wendeten sie sich nach Italien u. gründeten dort neue Häuser. Napoleon rief sie 1805 zurück, befreite sie von der Conscription u. empfahl sie vorzugsweise zu Anstellungen im Lehrfache. 1830 zählten sie bereits wieder 245 große Anstalten, die später bedeutend gewachsen sind. Auch auf Schweizergebiet, vorzüglich in Genf, drangen sie ein. Ebenso bestanden in der prcuß. Rheinprovinz (Erzdiöcese Köln u. Diöcese Trier) 1873 noch 3 Niederlassungen mit 52 Mitgliedern, gewöhnlich kurzweg Schnlbrüder genannt, deren Zweck u. hauptsächliche Beschäftigung ist: unentgeltlich Schule zu halten, namentlich für die Kinder der Arbeiter u. Armen, sowie den Kindern eine christliche Erziehung zu geben. Fr. Huber.» Brüder des christlichen Unterrichtes, s. u. Kleine Brüder. Brüder des Deutschen Hauses U. L. F. in Jerusalem (Brüder des St. Marienhospitals in Jerusalem), so v. w. Ritter des Deutschen Ordens. Brüder des Freien Geistes, s. Fratres II- keri Spiritus. Brüder des gemeinsamen Lebens (Fratres vitas communis, in commune vivsvtes, auch Konus voluntatis, B. des gemeinschaftlichen Lebens, gemeinsam lebende B., B. des guten Willens, auch Hieronymianer, Gregorianer, Collatienbrüder genannt), eine freie christliche Genossenschaft, gestiftet 1366 von Geert (Gerhard) Groote (s. d.) zu Deventer n. weiter ausgebildet daselbst durch Gerhard Zerbold (geb. zu Deventer 1367) u. Florentius Radewin (geb. 1355 zu Leerdam). Sie lebten gemeinschaftlich in eigenen Häusern nach freier Regel ohne Gelübde u. standen unter Ordinarien, arbeiteten, schrieben Bücher (besonders die Kirchenväter) ab u. berichtigten die Texte, unterrichteten die Jugend, übten strenge Askese mit Laien, mit denen sie in Verbindung standen, hielten Gespräche über innere Zustände, beichteten auch sich selbst ihre Fehler u. ermahnten einander zur Buße. Sie verbreiteten sich besonders in Len Niederlanden u. NDcutschland, doch auch in SEu- ropa. Ihre berühmtesten Brüderhäuser waren Windesem bei Deventer u. Agnetenberg bei Zwoll. Nach der Reformation traten viele derselbe» bei. Im Laufe des 16. Jahrh. endlich erlosch das Institut des gemeinsamen Lebens allmählich ganz. Die Buchdruckerkunst machte das Abschreiben der Bücher überflüssig; die höheren Gelehrtenschulen des 16. Jahrh. überflügelten die Lehranstalten der B., u. die Reformation, welche das Evangelium in allen Sprachen predigte, enthob sie der Mühe der christlichen Volksbearbeitung. Ein besonderes Verdienst nämlich hatte sich das Institut des ge- 152 Brüder des Todes meinsamen Lebens auch dadurch erworben, daß es durch Wort und That für den Gebrauch der Bibel in der Landessprache u. für die Anwendung der Muttersprache im ganzen religiösen Leben, namentlich beim Gebete, unentwegt in die Schranken getreten war. Eine ziemliche Anzahl trefflicher Männer ging aus feiner Mitte hervor: so Thomas von Kempen, Hermann Busch, Lange, Hegius, Agricola, Joh. Wessel u. v. A.; auch Erasmus verdankte einen Theil feiner Jugendbildung den Brüdern zu Deventer. Auch Frauen- vereine des gemeinsamen Lebens bestanden. Jedem Hause stand eine Pflegerin, Martha genannt, vor, neben ihr eine Unter-Martha. Die Aufsicht über alle Häuser führte die Ober-Martha zu Utrecht. Sie beschäftigten sich außer der Pflege des christlichen Lebens vornehmlich mit Handarbeit. S. das Oirroniaou Vluässemsuss von Busch; die Davsutria von Revius; besonders aber Del- prat, VsibunäslinA ovsr äs Lrosäorscbax vau S. 6roots, Utrecht 1830, deutsch von Mohnike, Lpz. 1840, u. Ullmann, Reformatoren vor der Reformation, Bd. II., S. 62—114. Fr. Huber.' Brüder des Todes, Mönchsorden, gestiftet von Wilhelm Callier 1615 nach St. Augustins Regel u. 1620 päpstlich bestätigt. Alles sollte bei ihnen an den Tod erinnern. Einsegnung des Novizen u. ein Todtenamt war ihre Receptions- weihe, memsnto mori! fs. d.) ihr Gruß, Küssen eines Todtenkopfes ihre Andacht, nächstdem Chordienst, geistlicher Zuspruch bei Gefangenen u. armen Sündern, Krankenpflege und Begraben der Todten. Sie gingen barfuß, trugen über grauen Kutten schwarze Kapuzen u. Scapuliere, darauf an der Brust einen weißen Todtenkopf. Außer den Klöstern gehörten auch Einsiedeleien zu ihrem wenig verbreiteten Orden, welchen Urban VIII. schon 1632 aufhob. Brüdergemeinde (Evangelische B., Brüder- unität, Brüderkirche), die durch das freiwillige Einverständniß der Anbauer Herrnhuts (daher Herrnhuter) unter der Leitung des Grasen Ludwig Nikolaus von Zinzendorf (s. d.) 1727 errichtete Religionsgesellschast, weil ihre ersten Glieder, welche diesen Stammort der Gemeinde zu Ber- thelsdorf in der sächsischen Ober-Lausitz 1722 gründeten, verbannte Nachkommen der alten Mährischen u. Böhmischen Brüder waren u. ihre Statuten nach deren Kirchen- u. Gemeindeverfassung einrichteten. Dabei wurden sie neben dem Grafen Zinzendorf besonders von dem Schweizer- Friedrich v. Wattenwyl ans Bern u. dem Pfarrer Rothe in Berthelsdorf unterstützt. Mit ihnen vereinigten sich dann auch Protestanten, und es finden bei ihnen zur Erhaltung der Einigkeit drei Tropen (Arten der Confesstonsllberzeugung) statt: der mährische für die Nachkommen jener Verbannten, der lutherische u. der reformirte. Kinder folgen dem Tropus ihrer Eltern; Übertritt von dem einen zum anderen ist nicht erlaubt. Sie wollten keine besondere Religionsgesellschaft bilden, nahmen alle die Angsburgische Konfession an u. wurden bei verschiedenen Untersuchungen von der sächsischen Behörde als rechtgläubig anerkannt. Sie unterscheiden sich in der Lehre nur durch Hervorheben des Grundsatzes, die Religion mehr — Brüdergemeinde. empfinden u. genießen, als erkennen zu wollen, u. der Lehre von dem Mittleramte u. Versöhnungstode Jesu über alle anderen Dogmen. Mit den darauf sich beziehenden Sprüchen u. Büchern des N. T. nähren sie ihre Andacht; das Gefühl der Sündhaftigkeit ist ihnen süß u. Jesus in dem Grade Alles, daß sie Gott nur in ihm verehren und Alles nur von ihm ableiten. Sie glauben, besonderer Offenbarungen fortwährend von Gott gewürdigt zu werden. Um die Brüder zusammenzuhalten u. Spaltungen u. störende Einflüsse des Zeitgeistes zu verhindern, ist ihre Gemeindevcr- fassung streng. Die Mitglieder jeder geschlossenen Gemeinde sind nach Lebensverhältniß, Alter und Geschlecht in Chöre getheilt, welche in Chorhäusern, u. zwar unverheirathete Männer u. Knaben (Bruderhaus); ledige Schwestern u. größere Mädchen (Schwesterhaus); Wittwer, u. Wittwen gemeinschaftlich wohnen. Jeder Chor, auch der der Eheleute, wird von eigenen Helfern (Seelsorgern u. Sittenaufsehern) u. Dienern seines Geschlechtes (die Schwestern durch Diakonissinnen) geleitet u. durch diese die der Gemeinde Vorgesetzte Ältestenconfe- renz oder Gemeinderath (bestehend aus den Ge- meinhelfcrn oder ersten Vorstehern, Predigern u. Chorbeamten) von dem Zustande jedes Einzelnen unterrichtet. Ihr steht für Polizei, Gewerbe u. als Friedensgericht ein Aufsehercollegium zur Seite. Die einzelnen Gemeinden machen zusammen die B. aus, welche seit dem Tode Zm- zendorfs (1760), der als Ordinarius ihr Oberhaupt war, von der seit 1789 in Berthelsdorf restdirendeu Unitätsältestenconferenz dirigirt wird. Diese aus 10 Bischöfen u. Ältesten bestehende Oberbehörde theilt sich in das Helferdepartement für kirchliche n. disciplinarische Angelegenheiten, die Diakonie für die Finanzen u. die Missionsdiakonie, regiert im Namen des Heilands u. läßt in schwierigen Fällen das Loos entscheiden, welches jedoch seit 1818 nur, wenn Heirathslustige es wollen, über die Zulässigkeit ihrer Ehe abstimmt. Gewählt und zur Rechenschaft gezogen wird die Direction auf den allgemeinen in Herrnhut abgehaltenen Synoden, welche die Unität durch ihre Beamten und Deputirten aus jedem Gemeinorte repräsentiren, von einer bis zur anderen giltige Beschlüsse über Hauptreformen fassen u. in den Jahren 1764, 69, 75, 82, 89, 1801, 18, 25, 36, 48 u. 57 gehalten wurden. Zur Ordination der Presbyter oder Prediger, deren Gehilfen die Diakonen sind und die keinen besonderen Stand ausmachen, u. zu kirchlichen Berathungen hat die Unität Bischöfe ohne Sprengel, für die Verhältnisse zu den Landesobrigkeiten Civilsenioren. Die täglichen Andachtsversammlungen, deren auch jeder Chor eigene hat, sind kurz u. durch sanften Gesang ansprechend. Hauptsächlich wird die Heilige Schrift erklärt u. erbauliche Lebensgeschichten vorgelesen; des Sonntags wird gepredigt. Sie werden in dem Gemeinsaal gehalten. Außerdem werden als besondere Feste der Stiftungstag der Gemeinde (13. Aug.), der Todestag Huß' (6. Juli) u. der Jahresschluß gefeiert. Dem Abendmahl, an jedem 4. Samstag Abends, geht keine Beichte, sondern Besprechung der Chorhelfer mit ihren Chorgenossen voran. Vor ihm u. zu Festzeiten finden 153 Brüder Jesu — Liebesmahle statt, wo bei Gesang und Gebet im Betsaal Thee mit Backwerk (Liebesbrod) genossen wird. Der Heimgegangenen (Verstorbenen) wird am Ostermorgen auf dem freundlichen Gottesacker feierlich gedacht. Der Tod eines Mitgliedes wird durch das Abblasen eines Liedes mit Posaunen vom Thurme bekannt gemacht; getrauert wird nicht. Das sonst allgemeine Fußwaschen ist jetzt nur noch am Grünen Donnerstag üblich. Ihre Kinderschulen u. Erzichungsinstitnte sind nach A. H. Franckes Stiftung von Zinzendorf eingerichtet, es wird besonders auf Gewöhnung an gute Zucht u. Ordnung gesehen; ihre höheren Lehranstalten (Pädagogium in Gnadau bei Barby u. Akademie für Prediger in Niesky) sind im Betriebe der Wissenschaften, welche sie überhaupt ihrer Tendenz nicht förderlich achten, weit hinter protestantischen zurück, aber auf Weckung des Gemeingeistes berechnet. Die Sorge für gleiche Ansicht u. Stimmung der Einzelnen zeigt auch die einförmige Tracht der Schwestern (die verschiedene Farbe der Bänder an ihren Mützen zeigt ihr Alter und ihren Stand, ob Mädchen, Ehefrau, Wittwe, an); das Verbot anderer als gefahrloser Weltfreuden und die Strenge gegen ausartende Glieder, welche zurückgesetzt, vom Abendmahl ausgeschlossen (Bann) n. endlich ausgestoßen werden. Den GewerLfleiß fördern ihre Anstalten sehr; die Arbeiten ihrer Handwerker sind gesucht, u. ihr ausgedehnter Handel muß, nebst den Einkünften ihrer Besitzungen u. den Beiträgen der Glieder, die bedeutenden Ausgaben der Unität decken. Die sämmtlichen Einrichtungen hinsichtlich der äußeren u. inneren Verhältnisse der B. sind enthalten in den Gemeindeordnnngen; die erste ist von 1727. Berichte n. Tagebücher, welche die B-n zur Beförderung größerer Gemeinschaften unter sich circuliren ließen j hießen Gemeinnachrichten; sie wurden an besonderen Tagen (Gemeintagen) öffentlich vorgelesen. Die B. zählt jetzt in Europa an 13,000 Mitglieder in Gemeindeorten u. hat deren in der Ober-Lausitz (Herrnhut, Niesky, Klein-Welka), in Schlesien (Gnadensrei, Gnadenberg, Gnadenfeld u. Neu-Salz), bei Erfurt in Neu-Dietendorf, bei Barby in Gnadau, bei Lobenstein in Ebersdorf, in Baden zu Königsfeld, in Neuwied, in Berlin n. Rixdorf, in Schleswig zu Christiansfeld, bei Utrecht zu Zeyst, zu Sarepta in Rußland, in England (Fnlneck, Fair« field, Ockbrook), in Irland (Gracehill), Bethlehem u. einige andere in NAmerika (in 2 Bezirken u. 33 Gemeinden gegen 9000 Mitglieder). Außer diesen Gemeindeorten gibt es B-en mit freier Religionsübnng in Basel, im Württembergischen, in Amsterdam, London, Kopenhagen, Stockholm, Petersburg, Moskau und viele in den deutschen Ostseeprovinzen Rußlands. Andere Colonien legten sie durch ihre 1732 angefangenen Missionsposten auf St. Thomas, Ste. Croix, St. Jan in Grönland, Nord- und SAmerika, auf Jamaica, Antigua, Barbadoes, St. Kitts, in Labrador, in SAsrika u. unter den Kalmücken an, besonders aber in Westindien, so daß nun 171 Missionäre über 80,000 bekehrte Heiden zu wachen haben, während noch im 1.1850 gegen 68,000 Bekehrte von 70 Missionsstationen ans geistlich bedient wur- - Brüderschaften. den. Vgl. Spangenberg, Ickoa üctsl kratrum, Barby 1779; Bruiningk, Ideen im Geiste des wahren Herrnhutianismus, Lpz. 1811; Cunow, Die Herrnhuter, Wien 1839; Franz, Alte u. neue Brüderhistorie, Barby 1772, fortgesetzt von Heg- ner, Barby 1791 — 94, Gnadau 1816, 3 Bde.; Schaaf, Die evangelische Brüdergemeinde, Lpz. 1825; Spangenberg, Historische Nachrichten von der gegenwärtigen Verfassung der B., Gnadau, 6. A., 1847; Schulze, Entstehung u. Einrichtung n. Einrichtung der B., Gotha 1822; Lititz, Blicke in Vergangenheit u. Gegenwart der B., Lpz. 1846; Schrautenbach, Zinzendorf u. die B. seiner Zeit, herausgeg. von Kölbing, Gnadau 1851; Cröger, Geschichte der erneuertenBruderkirche, 1854, 3Thle. Fr. Huber.- Brüder Jes«, auch Brüder des Herrn, s. Jesus Christus. Brüderlichkeit (fr. Brutei-Nits), eine der drei Forderungen, welche die französische Revolution von 1848 an den neu zu begründenden Staat richtete. Freiheit u. Gleichheit waren schon in den früheren Revolutionen von 1791 und 1830 als Grundsätze der neuen Staatsordnung angenommen worden. Die letzte Bewegung ging weiter, indem sie nicht bloß das rechtliche Verhältniß des Einzelnen dem Staate u. den übrigen Staatsangehörigen gegenüber als persönliche Freiheit und Gleichstellung vor dem Gesetze forderte, sondern auch ein sittliches Princip, eine gesellschaftliche (sociale) Pflicht, deren Ausübung das formale Recht nicht erzwingen kann, als Grundzug der neuen gesellschaftlichen Ordnung angenommen wissen wollte. Brüderschaft, die enge Verbindung zwischen mehreren Personen, die sich als Brüder anzusehen übereingekommen find; so: die Wappen-, Blut-, Stall-B-en (s. d. A.); auch die Freimaurerei (s. d.) gehört hierher. Hierher gehört auch die hauptsächlich in Deutschland übliche Gewohnheit, Brüderschaft zu trinken, Duzbrüder zu werden, wobei der gemeinschaftlich genossene gleiche Trank als Zeichen besonderer Vereinigung dienen soll. Eine B. eigener Art besteht bisweilen unter Klöstern zu gegenseitigen Diensten, wie Aufnahme n. Verpflegung reisender Ordensbrüder rc. Fr. Huber.« Brüderschaften (Ocmkraternitates), meist Laien-Vereiue zu religiösen und wohlthätigen Zwecken unter sich und für Andere, entweder in Verbindung mit, oder neben den Klostervereinen, deren Mitglieder entweder in dem Weltleben blie- ben (weltliche B.), oder zu gemeinschaftlichem Leben, Annahme einer beständigen Tracht u. Ablegung von Gelübden (geistliche B.) sich einigten. So verstand es die römische Curie von jeher, die Gläubigen unter den verschiedensten Formen und Weisen an sich zu fesseln u. dienstbar zu machen; denn auch die B. befördern zunächst die Tendenzen n. den Einfluß jener Orden, mit welchen sie in Verbindung stehen, n. durch sie die Interessen der Papstkirche. Die weltlichen B. waren ltz) ans Laien unter sich zusammengesetzt, umfaßten ursprünglich alle Stände u. Gewerbe, sonderten sich später gewöhnlich nach Ständen u. Zünften, verwandelten sich bisweilen in förmliche Mönchsvereine, Ritterorden, geheime Bünde, Secten rc., 154 Brüdervercm wurden zur Resormationszeit von den Jesuiten überall neu belebt u. als ein Hauptdainm gegen weitere Verbreitung des Protestantismus benutzt u. bestehen in katholischen Landen noch jetzt. Die B. bestehen gewöhnlich aus beiden Geschlechtern, haben eine Regel über Zahl u. Form der täglichen Gebete, über bestimmtes Fasten u. Kasteien u. über die zu übende Wohlthätigkeit, mitunter die Verpflichtung zur Pflege der Kranken in Spitälern u. Häusern und der Leichenbestattung, sind dem Ortspfarrer oder irgend einem Mönchsorden in geistlichen Dingen untergeordnet, haben zu ihrer bürgerlichen Tracht irgend ein Bundeszeichen, erscheinen bei feierlichen Gelegenheiten als Corporation mit eigenen Kreuzen u. Fahnen, nach der Farbe u. dem Schnitte ihrer Kleider als Weiße, Schwarze, Rothe, Blaue, Sackträger-B. rc., im Range nach den Weltgeistlichen u. Regulirten, unter sich selbst nach päpstlicher od. bischöflicher Bestimmung. Von den fast zahllosen B. sind die vier Haupt-B.: a) B. des Gürtels des St. Franz v. Assisi, gestiftet 1221 von St. Fran- ciscus, über alle Welt verbreitet; trägt bei feierlichen Gelegenheiten eine aschfarbige Kutte, mit dickem Stricke gegürtet, mit einem Rosenkränze, auf der Brust das Wappen des Franciscanerordens, geht barfuß und hat ein hölzernes Kreuz in der Hand; iin gewöhnlichen Leben bürgerliche Kleidung von grobem Zeuge, jedoch weder schwarz, noch weiß, b) B. des heiligen Rosenkranzes, gestiftet 1221 von St. Dominicus; in viele Zweige getheilt, wovon der eine dafür sorgt, daß durch die Mitglieder d«r Rosenkranz ununterbrochen Jahr aus Jahr ein gebetet werde; ohne äußere Abzeichen im gewöhnlichen Leben, o) B. des ledernen Gürtels des St.Augustin, gestiftet am Ende des 13. Jahrh., weil die Heilige Jungfrau, Elias u. wahrscheinlich auch die ersten Menschen einen ledernen Gürtel getragen, Johannes ihn anbesohlen, das geschriebene Gesetz, wie das Gesetz der Gnade ihn gefordert habe, ä) B. des heiligen Scapnliers, gestiftet vom zweiten General der Karmeliter, Simon Stock (Stoch), weil die Heilige Jungfrau den grauen Gürtel als ein im Hiinmel besonders gern gesehenes u. Befreiung aus dem Fegefeuer beförderndes Mittel pries rc. L) Die Verbindung einzelner Laien od. Weltgeistlichen mit einem Kloster, welches sie gegen gewisse Geldspenden u. Grundstücke als Mitbrüder (l?ratre8 oousoripti) in das Buch des Lebens (Inbor vitae) einschreibt, jährlich Gebete u. Messen für sie verrichtet u. ihnen Theilnahme an allen Verdiensten u. Segnungen verheißt, die es sich durch Gebet, Almosen u. andere gute Werke vor Gott erwerben würde. Seit dem 9. Jahrh. vermehrten Klöster, welche im Gerüche besonderer Heiligkeit standen, z. B. St. Gallen, dadurch ihre Besitzungen u. Einkünfte; ja, ganze Orden, z. B. die Prämonstratenser, ertheilten solchen freigebigen Gläubigen den geistlichen Mitgenuß ihrer Verdienste vor Gott u. das Recht des freien Eintrittes in ihre Klöster. Die Bettclordeu stellten förmliche FiliationSbriefe zu verschiedenen Preisen ans, wodurch man einer Provinz oder dem ganzen Orden zur Gemeinschaft dieser Vortheile eingekindet oder verbrüdert wurde. Außerdem fanden große Ver- — Brucghel. breitung die Marianische Brüderschaft, wahrscheinlich gestiftet od. doch gefördert durch Odo, Bischof von Paris (gest. 1208); die Brüderschaft derGon- falonieri, bestätigt von Clemens IV.; die Brückenbrüder (klratres pontikiess), zur Anlegung von Brücken für die Bequemlichkeit der Reisenden; die Armen--Seelen- u. Corpus-Christi-Brüderschaft. Größere in Zweig-B. sich thcilende hießen Erz-B. Gegenwärtig blühen hiervon besonders die Erz- brüderschaft vom allerheiligsten und unbefleckten Herzen Mariä zur Bekehrung der Sünder, die Franz-Taverius- oder Missions-B., die Brüderschaft von der christlichen Lehre (§rvrss i^noran- tins), vor allen aber die Brüderschaft vom allerheiligsten Herzen Jesu, dem nun der Papst die ganze Welt weihen und unterthänig verpflichten will. Auch in die Evangelische Kirche drangen die B. durch die Innere Mission ein, so die Brüderschaft des Rauhen Hauses (s. d.). Fr. Huber.» Brüderverein, 1) so v. w. Brüder des gemeinsamen Lebens. 2) So v. w. Brüdergemeinde oder Böhmische Brüder. Brucghel (Breughel), 1) Pieter, der Alte, der Lustige oder Bauern-B-, geb. 1610 in der Nähe von Breda in Holland, niederländischer Genremaler, Schüler und Schwiegersohn Pieter Koecks van Aelst; bildete sich in Frankreich und Italien, kehrte 1551 nach den Niederlanden zurück, wo er sich erst in Antwerpen, dann in Brüssel niederließ u. daselbst 1570 (1569) starb. Außer einigen historischen Bildern biblischen Inhaltes malte er vornehmlich Scenen ans dem Dorfleben, zu denen er als Bauer verkleidet seine Studien machte. Der Werth dieser Stücke beruht vorzugsweise auf der lebendigen Wiedergabe bewegter Scenen; der Humor derselben ist derb u. streift fast immer ans Gemeine, das Colorit ist hart u. die Composition nicht selten geschmacklos. Werke: in Wien (Belvedere): der Babylonische Thurmbau, Schlacht der Israeliten gegen die Philister; in der Münchener Pinakothek: die Versuchung Christi, Bauernhochzeit; im Dresdener Museum: eine Bauernprügelei u. die Bergpredigt; im Landauer Brüderhause zu Nürnberg: der Kindermord; im Berliner Museum: ein Bauerntanz u. eine Prügelsceue zwischen liederlichem Gesindel. 2) Pieter, der Junge oder Höllen-B. genannt, geb. 1565 in Brüssel, des Vor. Sohn; bildete sich unter Gilles von Coningsloo u. in Italien, malte Teufelserscheinungen u. a. Spukgestalten, auch Feuersbrünste und abenteuerliche Scenen mit seltsamen Figuren; st. 1625; den Ruhm seines Vaters erreichte er nie. Werke: in den Galerien zu Dresden: der heilige Antonins u. die Hölle; in München: Brand von Sodom u. von Troja; in Berlin: Zug nach dem Calvariberg u. eine Schlägerei zwischen Bauern u. Landsknechten. 3) Jan, das berühmteste Glied seiner Familie, Sammet- B., weniger weil er seine Figuren in Sammet kleidete, als weil er seine Bilder mit großer Zartheit u. Weiche dnrchbildete, u. Blumeu-B. gen., weil er Blnmenstücke u. auch Blumeupartien iin Vordergründe von Landschaften mit ungemeiner, bis ins Kleinliche gehender Sorgfalt ausführte, Bruder des Vor., geb. 1568; bildete sich unter P. Goekind, ging dann nach Köln, später nach 155 Brüel — Rom u. Bologna; er st. in Antwerpen 1625. B. gehörte zur Brabanter Schule und malte Landschaften, ließ seine Gemälde von Rubens, v. Balen, L. Rottenhammer mit mythologischen oder genreartigen Scenen staffiren u. staffirte seinerseits ihre und die Architekturbilder von Steenwyk. Werke: Das Paradies, mit Figuren von Rubens (viele Male, das größere Bild dieser Art ist im Museum zu Haag); ein Blumenkranz mit der Madonna von Rubens, in der Münchener Pinakothek; Die Elemente, in der Ambrosiana zu Mailand. Regnet.» Brüel, Stadt im mecklenburgischen Kreise des Großherzogthums Mecklenburg-Schwerin, in wiesenreicher Gegend; 2012 Ew. Bruchs, 1) David Augustin de B., geb. 1610 in Aix; studirte anfangs die Rechte, dann Theologie und wurde Mitglied des Conststoriums in Montpellier. Von Bossuet zum Katholicismus bekehrt, zu dessen Vertheidigung er einige Schriften verfaßte, wurde er Geistlicher. In Paris, wohin er sich begab, schr. er, zum Theil unter dem Namen seines Freundes Palaprat, mehrere geschätzte Lustspiele, wie: l,s Aroncksur, Iw Monteur, I/avo- oat katslin, I/important, Iws empiriguss u. m. a. Sein Oronäsur u. sein Avooat katslln, wozu er den Stofs einer sehr beliebten Posse des 15. Jahrh. entlehnte, sind seine besten Stücke. Er st. 1723 in Montpellier. 2 ) So v. w. Bruis. Volchert.» Brugg, Städtchen u. Hauptort des gleichnam., 17,200, meist protestantische Ew. zählenden Bezirkes im schweizer Kanton Aargau, an der Aare, über welche eine steinerne Brücke führt, u. an der Olten-Züricher (NO-) Bahn; Armenanstalten; Baumwollenweberei, Strumpfwirkerei; Obst- und Weinbau; 1350 Ew. Alljährlich wird hier ein Kinderfest, der sog. Ruthenzug, zum Andenken an die Pflanzung des Gemeindewaldes gefeiert. — B. wurde sammt dem nahen Dorfe Königsselden, wc das große Kranken- u. Irrenhaus des Kantons steht, an der Stelle der zerstörten Römerstadt Vin- donissa erbaut u. gehörte vormals den Grafen von Habsburg; 1107 überfiel Graf Rudolf v. Altenburg die Stadt u. ließ sie in Flammen aufgehen; ein gleiches Schicksal hatte sie 1242 in der Fehde zwischen Gottfried v. Habsburg-Laufenburgund Rudolf v. Habsburg. In den Kriegen der Österreicher gegen die Eidgenossen stand B. auf Seite der Elfteren, kam 1415 an Bern u. wurde 1444 zum 3. Mal von Thomas v. Falkenstein eingeäschert. Weil die Stadt der Geburtsort vieler Gelehrten, namentlich Theologen, so z. B. des Schriftstellers Zimmermann u. des Dichters A. E. Fröhlich, war, erhielt sie den Beinamen Prophetenstädtchen. Brügge (frz. LruZes), Hauptstadt des gleich, namigen Bezirkes u. der belg. Pro». WFlandern; durch Kanäle mit Gent, Sluis und Ostende verbunden, Mittelpunkt verschiedener Eisenbahnen, welche B. mit Gent, Antwerpen, Kortryk, Lille, Blankenberghe und Ostende verbinden; eine der interessantesten Städte für Künstler u. Altcrthums- freunde, welche unter allen belgischen Städten am meisten ein mittelalterliches Ansehen bewahrte; 54 Brücken; Kathedrale St. Salvator, die Kirche Notre-Dame (mit Grab- u. Denkmal Karls des Kühnen), die nach dem Muster des Heiligen Grabes erbaute Jernsalemerkirche, Kaufhalle mit 108 m ho- Brügge. hem Thurme u. berühmtem vieroctavigem Glockenspiel, gothisches Rathhaus, bischöflicher u. Justizpalast, ehemals Schloß der flandrischen Grafen (in dessen Kapelle das heilige Blut zu B., etwas Blut, welches Joseph aus den Wunden Jesu aufgefangen haben soll), Börse mit berühmtem aus Holz geschnitztem Kamin u. den Bildsäulen Maximilians, Karls des Kühnen, Karl V. u. s. w., das Haus, in welchem Maximilian gefangen war, Johanneshospital mit dem Johanuesbilde und den: Reliqnienschrein der heil. Ursula, Len berühmtesten Werken von Hemling; Bischofssitz; oberste Provinzialbehörden, Friedens- u. Handelsgericht, Handelskammer; bischöfliches Seminar, Lyceum, Akademie für Maler-, Bildhauer- und Baukunst; Bibliothek, Gemäldegalerie, Botanischer Garten, Theater; Literarische u. Ackerbaugesellschaft; Spitzenklöppelschulen, Landesstrafarmenhaus, Entbind- ungsanstalt, Taubstummen- und Blindenanstalt; Fabr. in Spitzen, Stickereien, Seife, Brauerei; Schiffbau; der Handel hat seine ehemalige Bedeutung verloren u. beschränkt sich auf Landes- u. Kunst- producte; Schiffsverkehr 1872: eingelaufen 139 Schiffe (23,377 Tonnen), ausgelaufen 143 Sch. (22,890 T.); 1866 (letzte Zählung) 47,205 Ew. (im Mittelalter wol gegen 200,000). B. ist der Geburtsort Ludwig Berkes (der die Diamantschneidekunst erfand), des Buchdruckers Colard Mansion u. des Mathematikers Simon Stevin, dem die Stadt ein Denkmal errichtete. Ein zweites Standbild wurde zu Ehren Hemlings errichtet. — B. war vormals die Hauptstadt von Flandern und hieß zur Zeit der Merovinger Bruzzia, dann Brügde. Durch die Erhebung Balduins v. Flandern zum byzantinischen Kaiser (1204) trat B. in Handel mit dem Orient und wurde reich u. groß. Nachdem zu Anfang des 14. Jahrh. infolge der Eroberung Flanderns durch die Franzosen B. französische Besatzung erhalten hatte, empörten sich die Bürger von B. unter dem Weber Perer Koning u. trieben 1302 ihre Unterdrücker aus der Stadt; 1305 kam B. wieder an die Grafen von Flandern, bewahrte aber seine Freiheiten, worunter die, ihre Regenten zu wählen u. ebenso abzusetzen, wenn dieselben ein Privilegium verletzten, wie dies schon 1128 dem König von Frankreich geschah. 1381 siegte Philipp von Artevelde bei B. über den Grafen Ludwig. Im 14. Jahrh. war B. der Mittelpunkt des nordeuropäischen Welthandels; Kaufleute aus 17 selbständigen Ländern wohnten hier n. Gesandte von 20 Staaten. Besonders stand die Weberei im Flor, u. die im I. 1430 hier erfolgte Gründung des Goldenen-Vließ-Ordens war eine der Geschicklichkeit der flandrischen Weber gezollte Anerkennung. Unter den burgundijchen Herzögen, an welche die Stadt später kam, erhielt sich B. in seinem Flor; als jedoch Flandern habsburgisch wurde, zog sich der Handel nach Antwerpen, gerieth in Verfall u. konnte sich auch in neuerer Zeit nicht wieder aufrichten. 1488 wurde Kaiser Maximilian von den Bürgern gefangen u. erst nach Monatlicher Haft freigegeben (s. u. Niederlande). Später kam B. mit Burgund an Spanien. 1559 wurde hierein Blsthum errichtet, während es früher mit seinen kirchlichen Angelegenheiten unterTournay stand. 1582 wurde B- von den Franzosen genommen u. 156 Brüggemann 1584 von den Spaniern zurückerobert; 1704 vergebens von den Holländern belagert, ergab es sich 1706 nach der Schlacht bei Ramillies den Verbündeten, 1708 aber durch Capitulation den Franzosen, welche jedoch 1709 den Verbündeten wieder weichen mußten. 1745 wurde es wieder von den Franzosen unter dem Marschall von Sachsen und 1794 unter Pichegru erobert. Unter französischer Herrschaft war B. die Hauptstadt des Lysdepartements. Neuerdings ist B. einer der Mittelpunkte des flämisch-französischen Sprachenkampfes in Belgien; s. Flamismus. W-nz-lburger.» Brüggcmann, 1) Joh. Heinr. Theodor, preuß. Ministeralbeamter, geb. 31. März 1796 in Soest; studirte in Münster Theologie und Philosophie, wurde 1814 Lehrer u. 1823 Direktor am Gymnasium in Düsseldorf, 1832 katholischer Schulrath in Koblenz und zugleich Rath im dortigen Provinzialschulcollegium. Als Hermesia- ner und Gegner des Erzbischofs Droste in dem Kölner Streite hielt er sich immer der ultramontanen Partei fern und stand auf der Seite der Regierung; er wurde 1839 Geheimer Regicrungs- rath im Ministerium des Cultus u. 1849 Mitglied der Ersten Kammer, in der er von 1850—51 als Vicepräsident fungirte. Erstarb als Geheimer Oberregierungsrath u. Vortragender Rath für die kathol. Angelegenheiten im Cultusministerium 7. März 1866. B. schr.: Obssrvationss in Loxllodw Oöäipuin Pzw., 1823; Obssrvabionos in laoiti LZriooiam, 8xso. I., 1824. 8) Karl Heinr., deutscher Publicist, geb. 29. Aug. 1810 zu Hopsten im preuß. Regbez. Münster; studirte 1829 in Bonn Rechtswissenschaft u. Cameralia. Infolge seiner Betheiligung an burschenschaftlichen Verbindungen u. an dem Hambacher Feste wurde er 1832 zur Untersuchung gezogen und wegen Hochverrathes zum Tode verurtheilt, aber zu lebenslänglicher Festungshaft begnadigt, welche er in Posen verbüßte. 1840 durch die Amnestie bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. in Freiheit gesetzt, wandte er sich der Publicistik zu u. war namentlich Mitarbeiter an der Rheinischen Zeitung, 1846—55 Redacteur der Kölnischen Zeitung, deren Mitarbeiter er jedoch fortwährend blieb. Während der revolutionären Bewegung 1848 u. 49 stand B. auf Seite der konservativen Partei. Er schr.: Lists System der politischen Ökonomie, Berl. 1842; Der deutsche Zollverein u. das Schutzsystem, ebd. 1845; Preußens Beruf in der deutschen Staatsentwickelung, ebd. 1843; Meine Leitung der Kölnischen Zeitung 1846—55, Lpz. 1855. Brugger, Friedrich, deutscher Bildhauer, geb. 13. Jan. 1815 zu München; trat 1829 an der dortigen Akademie ein u. lernte daselbst unter Konrad Eberhard, ward nach dessen Rücktritt Schüler L. v. Schwanthalers n. schon 1836 von diesem mit derAusführung der Walküren betraut, die das Gebälke der Walhalla stützen. Nach Vollendung dieser Aufgabe ging B. 1841 nach Rom, wo sich seine ideale Richtung noch kräftiger entwickelte. Im Frühjahre 1844 nach München heimgekehrt, schuf sich B. durch die halblebensgroße Gruppe des den jungen Achilleus die Leier spielen lehrenden Kentauren Chiron einen geachteten Namen. Ihr — Brugsch. folgte die echt antike Statue der Penelope. Es entstanden in rascher Folge das überlebensgroße Standbild des Tondichters Gluck ans dem Promenadeplatze, die Bavaria auf dem Siegesthore in München, einige Viktorien an der Befreiungshalle bei Kelheim, die Statuen Fuggers in Augsburg, Ludwigs des Reichen in Landshut, des Feldmarschalls Wrede in Heidelberg u. zahlreiche Porträt- büsten für die Münchener Ruhmeshalle u. v. a. Für Odessa modellirte B. eine Kolossalstatue des Feldmarschalls Fürsten Michael Woronzow und kehrte, vom Kaiser von Rußland aufs Ehrenvollste ausgezeichnet, über Constantinopel, Griechenland, Neapel, Rom u. Venedig nach München zurück. Das Jahr 1851 brachte seine Ernennung zum Ehrenmitglieds der Münchener Akademie. Er starb nach längerem Leiden 9. April 1870 im Bade Kisfingen. Regnet. Brüggler Rotte, Secte, gestiftet 1746 in dem Dorfe Brügglen (schweizer Kanton Bern) von Christian u Hieronymus Koler, 2 Brüdern, die man schon als Knaben zu allerlei Zaubertrug mißbraucht hatte u. die nun durch vorgegebene Visionen n. Weissagungen unter dem Landvolke sich Anhang zu verschaffen wußten. Sie weissagten den Jüngsten Tag auf Weihnachten 1748, vertagten ihn dann durch ihr Gebet, schmähten das Kirchenwesen und mißbrauchten die Lehre von der christlichen Freiheit. Wegen tumultuarischer Versammlungen, Schmähungen gegen die Obrigkeit und Unzucht wurden sie des Landes verwiesen, Hieronymus endlich gefangen und 1753 in Bern hingerichtet. Seine Anhänger erwarteten seine Auferstehung am 3. Tage, erloschen aber nachher bald. Löffler.» Brughius (Bruxius), Adam, schlesischer Arzt, im 17. Jahrh.; besonders verdient unter den Zeitgenossen durch seine Bemühungen um die Gedächtnißkunst (Mnemonik), die bereits von den Alten so gepflegt war. Unter dem Namen Sebald Smaragisius veröffentlichte er: ^.rs rsminiaosubias, Lpz. 1608, allgemeine Betrachtungen über die Vorschule eines guten Gedächtnisses enthaltend; 1610 ließ er ebendaselbst folgen: Limoniäsa rscki- vivus 8ou ars insmorias et odlivionis tabulis eomxrsbsnsa, oum rwmsnolators mnsmonioo, eines der vollständigsten u. umfassendsten Werke über diesen Gegenstand, die wir überhaupt haben. Thamhayn. Brügnolen, Pfirsiche mit glatter Schale und vom Steine u. der Haut sich nicht ablösendem Fleische, die 4. Klasse Pfirsiche bildend. Brugsch, Heinrich Karl, einer der hervorragendsten Forscher auf dem Gebiete der ägyptischen Alterthumskunde, geb. 18. Febr. 1827 zu Berlin, Sohn eines unbemittelten Wachtmeisters. Wie er selbst angibt, widmete er sich bereits im Alter von zehn Jahren ägyptischen Studien, und in seinem 16. Jahre schrieb er als ein Ergebniß derselben in lateinischer Sprache eine Grammatik des Demotischen, des schwierigsten aller altägyptischeu Dialekte. Diese Arbeit wurde fünf Jahre später auf Verwenden Alexander v. Humboldts gedruckt u. trägt den Titel: Leriptnra ^.sAz-pbiorum üs- mobioa, Berl. 1848. Hierauf ließ er die Werke: Humerorum cismotioorum ckoobrins,, ebd. 1849, u. Sammlung demotischer Urkunden, ebd. 1850, 157 Li'UAuiörg. folgen. Sich der besonderen Gnnst Alex, von > Humboldts u. der Unterstützung des Königs Friedr? i Wilhelm erfreuend, durchforschte er nach Vollend- i ung seiner philologischen u. archäologischen Stu- ^ dien die Museen von Paris, London, Turin und Leyden n. machte, dann 1853 auf königl. Kosten ' eine Reise nach Ägypten, wo er mit dem franz. Archäologen Mariette zusammentraf, dessen Ausgrabungen der Apisgräber ihm eine reiche Quelle für seine Studien waren. 1854 nach Berlin zurückgekehrt, habilitirte er sich dort als Privatdocent n. wurde bald darauf zum Conservator des Ägyptischen Museums ernannt. Als die Frucht seiner ersten Reise veröffentlichte er: Reiseberichte aus Ägypten, Lpz. 1855, denen er dann das Prachtwerk: Nonnmsnbs cks 1'ÜAz-pts, Berl. 1357, folgen ließ. „Die archäologische Äusbeute seiner zweiten nach Ägypten (1857—58) unternommenen Reise legte er nieder in dem Rsonsii äs momunsnts öA^piiens, Lpz. 1862. Ansang 1860 begleitete er als Gesandtschastssecretär die preuß. Gesandtschaft nach Persien u. machte mit dem Chef derselben, dem Freiherrn von Minutoli, eine größere Rundreise durch das Reich. Nach dem Tode desselben übernahm B. die Leitung der gesandtschaft- lichen Geschäfte u. Angelegenheiten, kehrte 1861 nach Berlin zurück u. wurde 1864 zum Consnl in Kairo ernannt. Nach 4jähriger Verwaltung dieses Postens legte er denselben nieder u. übernahm eine Professur an der Universität Göttingen. Doch schon 1870 folgte er einem Rufe des Vicekönigs von Ägypten, der die von ihm in Kairo errichtete lleols ä'llAxxtoloAis unter seine Leitung stellte. Im Jahre 1873 war B. als Generalcommissär der ägyptischen Ausstellung in Wien thätig. Unmittelbar darauf ernannte ihn der Vicekönig, mit dem Titel eines Bey, zum Director eines zu begründenden arabischen Museums zu Bnlacq bei Kairo, das eine möglichst vollständige Sammlung altarabischer Kunstproducte enthalten soll. 1874 erschien B. auf dem internationalen Orientalisten- congreß zu London, wo seine Vorlesung über den Auszug der Kinder Israels ans Ägypten wegen der darin enthaltenen neuen Gesichtspunkte großes Aufsehen erregte. B-s bedeutendstes Werk ist sein autographisches Viotiovnairs bisroZIzgMgns et äsmotigus, Lpz. 1867—68, 4 Bde., auch in der deutschen Sprache erschienen als: Hieroglyphisch- demotisches Wörterbuch der Heiligen u. Volkssprache der alten Ägypter. Andere erwähnens- werthe u. wichtige Schriften sind: Lssflsreüss sur la äivision äs I'annss süs 2 Iss anoisns llß^ptäsns, Berl. 1856; Nonumsnts äs I'llMpis, ebd. 1857; Geographische Inschriften altägyPtischerDenkmäler, Lpz. 1857—60, 3 Bde.; llisboirs äs ULA^xts, ebd. 1859, 3 Bde.; Reise der königl. preußischen Gesandtschaft nach Persien, ebd. 1862—63, 2 Bde; Natsrianx xonr ssrvir a.Ia, röoonstruotion äu valsnärisr äss anvisns llA^ptäsns, ebd. 1864; Wanderungen nach den Türkisminen und der Sinai-Halbinsel, ebd. 1866, 2. Aust., 1868; Über Bildung und Entwickelung der Schrift (in der Virchows-Holtzendorffschen Sammlung von Vorträgen), Berl. 1868; Die ägyptische Gräberwelt, Lpz. 1868; Hieroglyphische Grammatik zum Gebrauche für Studirende (zugleich in franz. Bear- — Brühl. Leitung, ebd. 1872, aus welcher das Verzeichniß der Hieroglyphen mit Lantwerth gleichzeitig bes. erschienen ist). Von seiner^großen 1859 erschienenen llistoirs äs i'll§xpts hat B. 1875 eine ganz umgearbeitete u. vermehrte Ausgabe begonnen, deren 1. Band bis jetzt erschienen ist. Bartling. Sruguisrs Lam., Pflanzengatt, aus der Familie der Rhizophoreen, Bäume mit runden Zweigen, gegenständigen, länglichen, lederartigen Blättern und großen Blüthen in achselständigen Rispen; Kelch mit 8—14theiligem Saume und lanzettlich- pfriemlichen Abschnitten; 8—14 zweispaltige, je 2 Staubblätter umfassende Blumenblätter; Fruchtknoten unterständig, 2—4sächerig mit fadenförmigem Griffel u. je 2 Samenknospen in jedem Fache; Frucht kreiselförmig, vom Kelche gekrönt, einfächerig, mit einem Samen, welcher keimt, während die Frucht noch auf dem Baume bleibt, u. der seine Wurzel in den Boden senkt, so daß die neue Pflanze mit der Mutterpflanze im Zusammenhänge bleibt; an den sumpfigen Meeresküsten der östl. Hemisphäre. Arten: 1) 8. AMmoriflma, Lnm., in Ostindien; aus dem Marke wird Brod bereitet; die Rinde dient zum Gerben u. Rothbraunfärben, die Samen werden genossen. 2) 3. sz'IinärieaM., findet ähnliche Verwendung. 3) 3. RumxiüiDl?.; die Rinde dient zum Schwarzfärben, während die Früchte u. jungen Blätter in Zeiten der Noth genossen werden. Engl-r. Brühl, I) tiefliegender morastiger, mit Buschwerk u. Gras bewachsener Ort. 2) Gassen u. Plätze, welche in den niederen Stadttheilcu liegen. Brühl, Flecken im preuß. Landkreise u. Regbz. Köln, am Fuße der Ville, Station der Bonn- Kölner Eisenbahn; Schloß (Augustusburg), ehemals Sommerresidenz des Kurfürsten von Köln, 1728 vom Kurfürsten Clemens August erbaut, jetzt dem König von Preußen gehörig; 2 kathol. Kirchen; kath. Schnllehrerseminar; Taubstummen-, Kaltwasserheilanstalt; Park, Jagdhaus Falkenlust, jetzt Privateigenthum; Braunkohlenlager; Essig-, Senf-, Cigarren- u. Lederfabrikation; 2993 Ew. Die Stadt wurde 1284 befestigt, ging 1809 in das Eigenthum des Marschalls Davoust über u. kam 1815 an Preußen. Brühl, eine in Thüringen, der Nieder-Lausitz u. dem Königreiche Sachsen begüterte, seit 1737 in den Grafenstand erhobene Familie. Davon bedeutend: 1) Graf Heinrich, geb. 13. August 1700 in Weißensee; war Page bei der verwittweten Herzogin Elisabeth von Sachsen- Weißenfels in Dresden, trat 1720 bei Kurfürst August ll. in Dienste, dessen Kammerherc und Begleiter auf allen Reisen er wurde u. dessen Gunst er in dem Maße besaß, daß er die einträglichsten Staatsstellen erhielt, u. vor dessen Tode er noch Kammerpräsident wurde. Nach dein Tode Augusts II. 1733 verschaffte er dem Kurfürsten August III. die polnische Krone, wurde in allen ! seinen Stellen bestätigt u. erhielt deren noch mehr, ' stürzte 1738 den Günstling des Königs, Fürsten Sulkowsky, u. wurde nun unumschränkter Minister; auch wurde er seinem Herrn zu Gefallen katholisch. Seine Verschwendung und falsche Politik brachten Sachsen im Österreichischen Erbfolge- u. im Siebenjährigen Kriege, während dessen er sich 158 Brühl — mit dem König in Warschau aushielt, an den Rand des Verderbens. Kaiser Karl VI. erhob ihn 1737 zum Reichsgrafen, sein König gab ihm 1740 die Herrschaften Forsta u. Pforten n. 1746 das von seiner Familie verkaufte Stammgut Gangloff-Sömmern. Seine Prachtliebe war so groß, daß er allein 200 Bediente, 12 Kammerdiener, 12 Pagen, 30 Köche hatte. Er kehrte mit August III. 1763 nach Dresden zurück u. starb 28. Oct. 1763, wenige Tage nach seinem Monarchen, u. nachdem ihm dessen Nachfolger seine Dimission zugesendet hatte. Von ihm rührt das Brühlsche Palais in Dresden her. Lebensbeschreibung von Justi, 1760—64, 3 Bde.; Adelung, Gott. 1760—64, 3 Bde. 2) Graf Friedrich Aloys, ältester Sohn des Vor., geb. 21. Juli 1739 in Dresden; studirte in Leipzig u. Leyden, wurde im 19. Jahrh. polnischer Großfeldzeugmeister u. machte im kaiserl. Heere einen Thcil des Siebenjährigen Krieges mit. Er blieb nach Augusts III. Tode in Diensten des Königs Stanislaus von Polen, zog sich aber später ans sein Majorat Pförten in der Nieder-Lausitz zurück u. st. bei einem Besuche in Berlin 30. Jan. 1793. B. war einer der schönsten Männer seiner Zeit, von großer Leibesstärke, tüchtiger Mathematiker, guter Musiker u. bedeutender Sprachkundiger, indem er der meisten europäischen Sprachen mächtig war; auch großer Theaterfreund u. als solcher auch Theaterdichter u. schr.: Theatralische Belustigungen, Dresd. 1785—90, 5 Bde. 3) Graf Karl Friedr. Moritz Paul, Neffe des Vor., geb. 18. Mai 1772 in Pförten; wurde 1790 preuß. Jagdjunker, 1800 Kammerherr des Prinzen Heinrich von Preußen, dann bei der Königin Mutter u. 1810 bei der Königin Luise; er machte den Feldzug 1813 als Major im Generalstabe mit, war Com- mandant in Neuenburg, begleitete den König von Preußen nach London u. wurde 1815 Generalintendant der königl. Schauspiele in Berlin, für welches Fach er von Jugend große Vorliebe hatte; unter seiner Leitung geschah viel für das Berliner Theater; 1828 gab er die Intendantur ab und wurde 1830 Generalintendant der Königl. Museen; er st. 9. Aug. 1837 in Berlin als wirklicher Geheimrath. Brühl, Moritz, Geschichtschreiber, geb. 1819 in Düsseldorf von jüdischen Eltern; studirte in Heidelberg n. Bonn, begründete 1841 in Mannheim die Mannheimer Zeitung, lebte dann in Köln und Frankfurt, trat 1844 in Schwäbisch- Gmünd zur Kath. Kirche über u. lebt seit 1845 in Wllrzburg. Er schr. u. a.: Walter Scott u. seine Freunde, Lpz. 1841, 5 Bde.; Selbstbekenntnisse eines Katechumenen, Regensb. 1844; Irlands Zustände, ebd. 1845; Katholischer Volkskalender für 1846; Neueste Geschichte der Gesellschaft Jesu, 1847, nebst Suppl., 1848; Der kathol. Wächter; Geheime Geschichte der Wahl Papst Clemens' XIV. und der Aufhebung des Jesuitenordens, Aachen 1848 ; Jahrbuch des Nützlichen u. Unterhaltenden, Schaffh. 1849; Leitfaden der allgemeinen deutschen Literaturgeschichte, Franks. 1851 f.; Revolutionsbilder, ebd. 1851; Die Jesuiten, Mainz 1853; Geschichte der kath. Literatur Deutschlands wir dem 17. Jahrh., Lpz. 1854; I. M. Sailer, Brüllaffe. Aachen 1855; Die Geheimbünde gegen Rom, Prag 1860; Napoleon I. u. Rom, Regensb. 1861; auch bearbeitete er Cantus Allgemeine Weltgeschichte, Schaffh. 1848—68, 13 Bde. Bruhns, Karl Christian, deutscher Astro- nom, geb. 22. Nov. 1830 zu Plön in Holstein; war ursprünglich Mechaniker, wandte sich dann der Mathematik u. Astronomie zu, promovirte 1856 zu Berlin, wurde Gehilfe an der dortigen Sternwarte, folgte 1860 einem Rufe als Professor u. Observator nach Leipzig, wo die neue Sternwarte unter seiner Leitung errichtet wurde. Er entdeckte 6 Kometen,lieferte viele Bahnberechnungenu.schr.: De plansiw rninorlbus, Berl. 1856; Die astronomische Strahlenbrechung in ihrer historischen Entwickelung (Preisschrist), Lpz. 1861; Geschichte u. Beschreibung der Leipziger Sternwarte, ebd. 1861; Meteorologische Beobachtungen, angestellt auf der Leipziger Universitätssternwarte 1860—65, ebd. 1867, u. 1866 u. 67, ebd. 1868; Resultate aus den meteorologischen Beobachtungen, angestellt an mehreren Orten des Königreichs Sachsen, ebd. 1866 ff.; Joh. Franz Encke, ebd. 1869. Mit anderen Naturforschern gab er heraus: Geschichte des Lebens u. der wissenschaftl. Bedeutung Alex. v. Humboldts, L^Z-, 1872. 3 Bde. Specht. Bruiningk, Heinrich von B., geb. 1738 m Riga; trat 1752 zur Brüdergemeinde, kam 1756 in das Seminar zu Barby u. 1760 in Zinzen- dorfs Hans, wurde dann Diaconus in Gnadenfrei, 1766 Pfleger in Herrnhut, 1769 Prediger zu Zeyst u. 1777 in Gnadensrei; 1782 wurde er Bischof; starb 1785. Er war ein sehr begabter Prediger n. hat auch einige Lieder gedichtet. Mit Gregor u. Wobeser redigirte er das Gesangbuch zum Gebrauche der evangel. Brüdergemeinden, Barby 1778. Löffler.' Bruis (Brucys), Pierre de B., Priester in Languedoc, welcher (1104—1124) mit Heinrich von Toulouse (1116—1148) gegen den kirchlichen Mechanismus und die Unsittlichkeit des Klerus eiferte. B. wurde 1124 zu St. Gilles in Languedoc als Ketzer verbrannt, sein Werk aber von Heinrich fortgesetzt, bis auf Befehl des Papstes Eugen III. der Cardinal Albericus und der heilige Bernhard seinem Wirken ein Ende machten. Die Anhänger der Beiden hießen Petrobrusia- ner, Henricianer. Löffler. öruit (fr.), Geräusch, Lärm, Aufsehen, Gerücht; daher Lrnivr> cio 1a bouros, Börsengerücht; L. cks Diabls, s. Venengeräusch u. Nonnengeräusch. Brüllaffe (Henlasse, Ll^eetss Stentor SeoFr.), Assengatt. ans der Fam. der Affen der Neuen Welt, Unterfamilie der Roll- oder Greisschwanz-Affen, die gemeinsten Affen SAmeri- kas: Kopf pyramidal; im Raume der Unterkinnlade eine durch blasige Auftreibung des Zungenbeines gebildete Kehltrommel, mittels welcher die Thiere starke, weitschallende Töne dadurch von sich geben können, daß die Lust kräftig in jene Trommel einströmt, sich dann in taschenartigen Hohlräumen des oberen Theils des Kehlkopfes fängt u. so gewaltig wiederhallt. Bor- derhände mit Daumen; Wickclschwanz am Hinteren Ende, wo er zum Greifen dient, nackt. Nach Alter u. Geschlecht variirt die Farbe ihres Pelzes bedeutend, 159 Brüllcrkrankheit — Brun. so daß ihre Unterscheidung schwierig ist u. mehrere aufgestellte Arten wahrscheinlich nur Varietäten od. bestimmte Entwickeluugsstadien folgender beider sind: Roth er B. (Alaute, Guariba, Predigeraffe, Ll, sevieulus L.), fuchsgroß; Pelz des Männchens lebhaft glänzend roth, auf dem Rücken ins Goldgelbe spielend; Pelz des Weibchens dunkler, oft schwarzbraun; Junge der Mutter ähnlich; Guiana, Brasilien. Schwarzer B. (Beelzebub, Carya, ül. Niger HstrAn.), Größe des vorigen; Pelz des Männchens kohlschwarz, nackte Theile rothbraun; Weibchen lichter, meist grau-gelb; mehr südl., als der rothe B., in SBrasilien und Paraguay; wird wegen seines Pelzes gejagt. Beide Arten sind in Brasilien ungemein zahlreich vertreten; dichte, feuchte Wälder bilden den Aufenthaltsort der mürrischen, freudlosen Thiere; Pflanzentheile, Eier u. junge Vögel liefern ihnen Nahrung. Ihr schauerliches Geheul hat zu mancherlei Fabeln Anlaß gegeben. ThomL, Brüllerkrankheit, s. Stiersucht. Brüllfrosch, so v. w. Ochsenfrosch, s. Frösche. Brulliot, Franz, Kunstschriftsteller, geb. 16. Febr. 1780 in Düsseldorf; widmete sich 1808 bei seinem Vater, Joseph B., Bildergalerieinspector in München, der Kupferstichkunst u. wurde Gehilfe des Direktors Schmidt und 1822 Conservator der königl. Kupferstichsammlung in München; starb IS. Nov. 1836; er schr.: Oiotionnairs äss inono- graramos, Leipz. 1817, 2. Aust., Stuttg. 1832 bis 1843, 3 Bde.; dabls generale äss nwnogr., München 1820, 3 Hefte. Briilow, 1) Karl, berühmter russischer Maler, geb. 1800 in Petersburg von deutschen Eltern; ging 1832 nach Italien und malte Mehreres für den Kaiser Nikolaus, z. B. den letzten Tag von Pompeji (in der Eremitage zu Petersburg), eine Copie der Schule von Athen, Sta. Cacilia u. a. u. wurde Professor der historischen Malerei der Akademie der Künste zu Petersburg. Er starb 23. Juni 1852 zu Marciano bei Rom; auf dem Monte Testaccio, wo er begraben wurde, ist ihm ein Denkmal gesetzt. 2) Alexander, Bruder des Vor., Professor der Architektur an der Akademie in Petersburg; bildete sich hier, in Rom und Paris, wo er das Michaelowsche Theater, die Protest. Peterskirche u. das akademische Observatorium baute. Nach seinem Entwürfe wurde das gußeiserne Denkmal an das Jahr 1812 iu'Nowgorod u. das Denkmal seines Bruders ausgeführt. Kemna (lat.), 1) der kürzeste Tag, das Winter- solstitium. 2) Der Winter; daher brumal, winterlich, im Winter; Lrumalla, römisches Bac- chnsfest, vom 24. November an 30 Tage lang gefeiert. Brunmire (fr., v. lat. Lruina), im neufränkischen Jahre der Monat vom 22., 23. oder 24. Oct. bis 21., 22. oder 23. Nov. (erstes in den Jahren 1792, 93, 94, 96, 97 u. 98; das zweite in den Jahren 1795, 99, 1800, 1801, 2, 4 u. 5; das dritte 1803). Am 18. B. des Jahres VIII. (9. Nov. 1799) erfolgte der Sturz der Directorial- regierung durch Vertreibung des RatheS der 500 aus dem Sitzungssaal zu St. Cloud auf Befehl des Generals Bonaparte; s. u. Französische Revolution. Brumath, Stadt im Landkreise Straßburg des reichsländ. Bezirkes Unter-Elsaß, an der Zorn, Stat. der Eisenbahn Straßburg-Avricourt; Bierbrauerei, Gerberei, Ziegelei; Hanfbau; Mineralquelle; 5612 Ew.; in der Nähe die Jrrenheil- anstalt Stephansfeld. — B. ist das BrocomaguS der Alten. Hier 356 Sieg des Kaisers JulianuS überdie Alemannen. Nachher kam B. unter fränkische Herrschaft u. gehörte bis Ende des 9. Jahrh. zu den königl. Domänen; Kaiser Arnulf schenkte eS dem Kloster Lauershain; das Schutzrecht hatten die Landgrafen von Elsaß. 1238 kam ein Theil an das Haus Öttingen, die andere Hälfte wurde 1336 au die Herren von Lichtenberg verkauft, welche eine Stadt daraus machten; 1377 eroberte es der Graf von Leiningen; später die Straßburger, u. 1451 kam es in dem Vergleich zu Pforzheim an Hanan-Lichtenberg zurück. Brumel (Bromel), Antonius, berühmter Contrapunctist der niederländischen Schule, aus dem französischen Flandern stammend, Schüler Ockenheims; lebte noch 1500 in hohem Alter; schr. Messen u. Gesänge, die theils von Musikgelehrten, wie GlareanuS, Forkel, od. in Sammelwerken veröffentlicht, theils handschriftlich in der Münchener Staatsbibliothek erhalten sind. Brambach. Brun, 1) Rudolf, Ritter zu Zürich; wurde 1336 nach Absetzung des aristokratischen Rathes durch die Gemeinde zum Bürgermeister daselbst gewählt, welches Amt damit neu eingeführt wurde, u. gab der Stadt eine neue Verfassung, welche auf dem Zunftwesen beruhte. Sein ÄZerk hielt sich 1350 gegen die von den vertriebenen Aristokraten angezettelte Mordnacht. Er zeigte jedoch immer stärkere Hinneigung zu Österreich, erhielt eine Pension von dieser Macht u. starb 1360, im Begriffe, sein Vaterland ihr ganz unterzuorduen. 2) Bruno, des Vor. Sohn, Propst der Chorherren im Großmünster zu Zürich; nahm im Vereine mit seinem Bruder Herdegen den Luzerner Schultheißen Peter von Gundoldingen 1370 gefangen. Sie wurden von den Bürgern Zürichs gezwungen, ihn wieder freizulassen u., als sie die Gerichtsbarkeit der Stadt nicht anerkannten, auf Lebenszeit verbannt. Die Schweizer erließen infolge dieses Vorfalles 7. Oct. desselben Jahres den sog. Pfaffenbrief, welcher die Geistlichen der weltlichen Gerichtsbarkeit unterordnete. 3) Johann Nordahl, dänischer Dichter, geb. 1745 bei Drontheim; war seit 1804 Bischof von Bergen u. starb 1816. Er führte die französische Tragödie in die dänische Literatur ein, nämlich in den Nachahmungen Karins u. Dinar Tambeslc- jelvsr, Kopenh. 1772, von welchen erstere aufge- fllhrt wurde u. gefiel; sie rief die bekannte Parodie: Liebe ohne Strümpfe, von Wessel (s. d.) hervor. B. lieferte auch lyrische Gedichte (z. B.: boer zeg xsa äst Kots Djslä). Als geistlicher Redner (orthodoxer Richtung) genoß er großes Ansehen. 4) Friederike' Sophie, deutsche Schriftstellerin, geb. 3. Juni 1765 zu Gräfen- tonna im Gothaischen, Tochter des Predigers Balthasar Münter; kam mit ihm früh nach Kopenhagen, vermählte sich hier 1783 mit dem Conferenzrath Constantin B., einem reichen Manne (starb 19. Febr. 1836), u. ging mit ihm 160 . Brmick — nach Petersburg. Der plötzliche Verlust ihres Gehörs (1788) bestimmte sie, ganz der Poesie u. der Wisseuschast zu leben. 1791 reiste sie mit ihrem Gatten durch das südl. Europa; 1795 besuchte sie mit der Fürstin von Dessau u. dem Dichter Mat- thissvn Italien; hierauf lebte sie meist in der Schweiz oder in Rom. 1810 kehrte sie nach Kopenhagen zurück; hier starb sie 25. März 1835. Schriften: Cyaur u. Amandor, Hamb. 1792; Gedichte, Zürich 1795, 4. Aust., cbd. 1806; Prosaische Schriften, Zürich 1799—1801, 4 Bde.; Tagebuch einer Reise durch die Schweiz, Kopenh. 1800; Episoden aus Reisen durch das südliche Deutschland, die westliche Schweiz, Genf u. Italien, Zürich u. Mannh. 1807—16, 3 Bde.; Neue Gedichte, Darmst. 1812; Sitten-u. Landschaftsstndien von Neapel und seinen Umgebungen, Pest 1818; Briefe aus Rom, ebd. 1816,2. Aust., 1820; Neueste Gedichte, Bonn 1820; Wahrheit aus Morgen- iräumen (ihr Jugendleben) u. Adas (ihrer Tochter) ästhetische Entwickelung, Aarau 1824; Römisches Leben, Lpz. 1833, 2 Bde. DA Henne-Am Rhyn. Brnnck, Richard Franz Philipp, franz. Philolog, geb. 30. Dec. 1729 in Straßburg; studirte bei den Jesuiten in Paris, machte als Kriegs- commissar im franz. Heere den Siebenjährigen Krieg mit und studirte feit 1760 das Griechische mit Eifer. Er schloß sich der Revolution an, wurde aber seiner Mäßigung halber verdächtig u. nach Besannen ins Gefängniß gebracht; nach seiner Befreiung 1790 studirte er die römischen Dichter. Er starb 12. Juni 1803. B. gab heraus: Apollonias Rhodios, Aristophanes, Sophokles, Äschy- los, Anakreon; 8ostas Araeei Anomie!, Straßb. 1784, u. Lmalsoka, vsbsrum xoötarnm gr., ebd., Bde., 1772—76, 4. Allst., 1784; XnAwIoZia Ara.ee., ebd. 1794, 5 Bde.; den Virgilius, Plau- tus u. Terentius. Brundisrnm (Brundusium), römischer Name für Brindisi (s. d.). Brune, 1) Guillanme Marie Anne, franz. General, geb. 13. März 1763 in Brives-la-Gail- larde; war anfangs Buchdrucker, trat beim Ausbruche der französischen Revolution in die Pariser Nationalgarde u. wurde Mitglied der Cordeliers; 1792 ward er als Civilcommissar nach Belgien geschickt u. trat nach seiner Rückkehr 1793 in das Heer, stieg rasch von Grad zu Grad bis zum Obersten, dann zum Brigadegeneral, that sich bei Hondschoten hervor, beruhigte die Städte in S- Frankreich und half den Aufstand der Sectionen 5. Octbr. 1795 Niederschlagen, führte 1796—97 eine Brigade bei der Jtal. Armee unter Napoleon (in der Division Massena) u. wurde Divisionsgeneral; er erhielt 1798 das Commando gegen die W- Schweiz u. unterwarf dieselbe nach hartnäckigem Widerstande der helvet. Einheitsverfassung. Nachdem er hierauf kurze Zeit die Armee in Italien commandirt hatte, übernahm er den Oberbefehl der Armee in Holland, wo er die Engländer u. Russen schlug u. den Herzog v. Jork 1799 zur Convention von Alkmaar nöthigte (s. Franzos. Revolu- tionskrieg). Er wurde Mitglied des Staatsrathes, befehligte 1800 kurze Zeit in der Bendee u. ersetzte hierauf Massen« beim Oberbefehl der Armee in Italien» stillte die Unruhen dort, indem er Brunchild. Florenz besetzte u. Arezzo verbrannte, schlug 1801 die Österreicher unter Bellegarde n. drängte sie bis Treviso zurück, wo er einen Waffenstillstand schloß, welcher den Frieden von Luneville vorbereitete. Nach dem Frieden von Amiens 1803 wurde er als Gesandter nach Constantinopel geschickt, 1804 Marschall u. 1806 Generalgonverneur der Hansestädte; 1807 erhielt er das Armeecorps, welches über Magdeburg gegen Schwedisch-Pommcrn vordrang, n. befehligte hier gegen König Gustav IV., belagerte u. eroberte Stralsund u. erhielt Rügen durch Capitulation (s. Preußisch-Russischer Krieg gegen Frankreich von 1806 u. 1807). Da er Napoleon nicht genug Unterthänigkeit zeigte, ward er außer Aktivität gesetzt. 1814 trat er auf Ludwigs XVIII. Seite; da ihm dieser aber gleichfalls eine bestimmte Anstellung nicht gab, erklärte er sich nach Napoleons Rückkehr von Elba für diesen u. wurde Pair u. Chef eines Armeecorps in SFrankreich. Er hielt sich nach Napoleons Sturze noch eine Zeit lang in Toulon auf u. wurde im August 1815 vom Pöbel, der ihn für den Mörder der Prinzessin Lamballe hielt, zu Avignon ermordet, sein Leichnam umhergeschleift u. schließlich in die Rhone geworfen. Vgl. kstokies käst. onr la vis än marseimi 8., Par. 1821; Oorrssxonäanos än AsnersI 8., oommanäauti sn oirsk äs i'aimes äs Luisse, herausgeg. von v. Stürler. 2) Christian, franz. Landschaftsmaler und Professor der Topographie an der Polytechn. Schule zu Paris, geb. 17. Sept. 1789, gest. ebd. 16. April 1849. Ölbilder von ihm in den Museen vonLhon, Orleans, Marseille, Narbonne, Aix rc.; Hauptwerke außerdem St. Bruno in Tirol (1841); Erinnerungen an einen Herbstabend in der Dauphine (1844). Seine Gattin, geb. Aimee Pages, Historien- und Genremalerin, geb. 24. August 1803, in Paris Schülerin Mayniers, malte: Psyche von Zephir entführt (1822); Daphnis u. ChloL (1824); Schlafen u. Erwachen (1831); Moses Findung (1844, Museum in Bordeaux); Die Tochter Jephtas (1846) rc. 2) Regnet. Brunecken, Bezirksstadt in der gleicht«. Haupt- mannschast des österr. Kronlandes Tirol, im Pusterthal, an der Rienz; Schloß; schöne Kirche, zwei Klöster; Marmorbrüche, Kupfergrubeu; 1878 Ew. B. soll schon von den Brionen erbaut sein- der eigentliche Gründer war Graf Bruno von Kirchberg 1230. Bruneck, sonst Herrschaft und Bergschloß im jetzigen Bezirke Baden des schweizer Kantons Aargau. Nach den Herren von B. besaßen die Herrschaft die Geßler; 1415 nahmen es die Eidgenossen ein; gehört jetzt der Familie Segesser in Luzern. Brunchild (Brunhild, Brunhilde), 1) Königin der Franken, bei Gregor von Tours Brnnichild, Tochter des . westgothischen Königs Athanagild; wurde 561 Gattin Sigeberts, des merovingischen Königs von Australien, dem zu Liebe sie den aria- nischen Glauben aufgab u. den katholischen annahm. Als aber ihre Schwester Galsuintha, Gattin des Bruders Sigeberts, des Königs Chilperich von Soissons, von diesem auf Anstiften seiner Nebenfrau Fredegunde ermordet wurde, entstand der fürchterliche Vernichtungskampf zwischen den beiden Königinnen B. und Fredegunde. Ihre Bruncl — Brunellcschi. 161 ren eröffncten dm Bruderkrieg. Noch ehe ein Zw sammenstoß stattfand, wurde Sigebert auf An- stiften der Fredegunde von Dienern ermordet, u. B. führte nun selbst den Krieg, um ihre Rache zu stillen, was sie aber nicht verhinderte, den Sohn Chilperichs Merovech zu heirathen, der indessen bald ermordet wurde. Sie regierte in Australien für ihren minderjährigen Sohn Childebert, ließ wahrscheinlich (596) ihren Todfeind Chilperich ermorden und führte gegen Fredegunde Krieg, die während desselben 597 starb. Darauf schürte sie den Bruderzwist zwischen ihren eigenen Enkeln, Theoderich von Burgund u. Theodebert von Australien, wobei Letzterer 613 das Leben verlor, u. wollte eben ihren Urenkel Sigebert, Theuderichs Sohn, zum König erheben, als die Australier den König Chlotar H. von Neustrien herbeiriefen, der nun die 80jährige B. vor Gericht stellen u. unter der An klage, zehn Könige gemordet zu haben, auf einem Kamel zur Schau durch das Lager führen u. dann, an den Schweif eines Pferdes gebunden, zu Tode schleifen ließ. 8) B., hervorragende Persönlichkeit der deutschen u. nordischen Hewensage, Mertdümllwtten Norm dieser Saae. der nördlichen s fried, in der nnsichtbarmachenden Tarnkappe, von B. für ihren Gatten gehalten, dieselbe, ohne sie jedoch zu berühren, nahm ihr einen Ring und einen Gürtel und schenkte beide seiner Gemahlin Kriemhild. Während eines späteren Besuche s Siegfrieds u. Kriemhildens bei Ihren Verwandrcn m Worms entspann sich ein Streit zwischen Bi u. Kriemhild um Len Rang ihrer Männer u. den Bortritt beim Kirchgänge: in derAuireauna warf Kriemhild der B. vor, daß sie nur erst durch Siegfried, nicht durch Günther bezwungen worden sei, u. bewies dies durch den Ring n. 2en Gürtel. Empört über die ihr angethane Schmach, schwur B. Rache und ließ Siegfried durch ihren Dienstist B., ursprünglich Hild, später Brvnhild üre. die Tochter Bndlis und Schwester Atlis. Weil sie gegen Odins Willen gehandelt batte, stach er ne mit einem Scblatdorn ge- MlWWkNIWkEI wodurch üe in einen Schlummer verfiel, u. schloß sie in eine Burg ein. um wclcke ein sveuer brannte. Aue Waberlohe). Von Sigurd )he). Von Siqnrd (Siegfried) erlöst, sich mn verwei len, bie er aber ve>> verlobte sie. . . Ntählte sic h mit GudrunlKrieminidl u. erwarv oanndurch Täuschung B. für seinen Schwager Gunnar (Günther). Als sie aber diese Täuschung durch den Zank mit Gudrnn erfuhr, bestand sie darauf, daß Gunnar den Sigurd ermorde. Nachdem jedoch dieser die That durch seinen jüngeren Bruder Guttorm vollbracht hatte, gab sie sich selbst den Todesstoß und bestieg dann den für Sigurd zugerüsteten Scheiterhaufen, um sich in den Todesflammen mit dem Geliebten für immer zu verbinden. So erzählen die Lieder- u. Vrosa-Edda, jvwie die Völsunaa» und Nornaqestssage . Vgl. Raßmann, Deutsche Heldensage, 1, 144—224. Etwas a baesckwächt erscheint die Ge stalt B-s in oem mitt elhochdeutschen Nwelunaeni iede. Hier ist 'sie eine Komgm"von Jsenland, eine starke, kam- pfesmuthige ssunafrau von wunderbarer Schön - ^gehrte, erst einen Wettkampf bestehen muhte.! Schon viele H dem Tode gel ther um ibre »elden hatten ihr Unternehmen mit Mt. als der Burqundenkönia Gnn- Hand warb. Er bat Siegfried von Nrederland. Ler sich an seinem ssofe in Worms! als Gäi st aufhielt, ihn bei diesem Vorhaben zul unterstu itzen; Siegfried saate ihm dies zu, wenn! LL-MI lkU,k ver --iprache. Durch leinen Beiltanv. mittels Ler unslchtbarmachenden Tarnkappe, ward B. besiegt u. Günthers Gemahlin, Aber noch ein zweites Mal bedurfte Günther Siegfrieds Hilfe, da B. in der Brautnacht ihren Gatten fesselte u. dieser nicht im Stande war, die Kraft, die B. besaß, so lange sie im Besitze ihres Magdthums war, zu bewältigen. In der folgenden Nacht überwältigte Sieg- Pierers Universal-Convcrsations-Lerikon. 6, Ausl. IV. Baud, Bgl. Nibelungen. Hild oder B. ist wol eine der vielen Variationen der alten deutschen Erdgöttin Hel, die auch Hulda, Frau Holle heißt und vielfach auch als Nacht- und damit zugleich als Mondgöttin erscheint. Vgl. Henne-AmRhyn, Die deutsche Volkssage, S. 407 u. 505. E. Gcibel machte sie zur Heldin eines gleichnamigen Trauerspiels, Stuttg. 1857. 1) Henne-Am Rhyn. 2) Raßmann. Brunel, 1) Marc Jsambard, berühmter engl. Ingenieur, franz. Abstammung, geb. 25. April 1769 in Hacqueville bei Andelys; nahm 1786—92 Dienste bei der franz. Marine, ging 1793 infolge der Revolution nach NAmerika, wo ihm in New-Pork die Leitung einer Kanonengießerei u. die Befestigung des Haseneinganges übertragen wurde. Er ging 1799 nach England u. erfand hier den Klo- benmechaniSmns, eine Vorrichtung zum Drehen Ider Schiffskloben, welche 1806 auf Staatskosten von ihm ausgeführt wurde, baute 1811 im Aufträge der Admiralität eine Sägemühle in dem Arsenal zu Chatham und 1825—42 den Tunnel unter dem Bette der Themse. Er wurde 1841 zum Baronet erhoben u. starb 12. Decbr. 1849 in London. Vgl. Bramish, Nsmoir ok 8ir Ll. l. L., 2 Bde., 1862. 8) Jsambard Kingdom, Sohn des Vor. u. gleich ihm hervorragend als Ingenieur, geb. 1806 in Portsmouth, erhielt seine Ausbildung in Frankreich u. unterstützte sei- nen Vater seit 1826 am Bau des Themse-Tunnels; 1813 wurde er Ingenieur der Great-Western- Bahn, deren Tunnel, Brücken n. a. Werke er constrnirte n. baute; ferner baute er die Hungerforder Hängebrücke in London, das Militärhospital zu Renkioi in den Dardanellen (1854), das Riesenschiff Great - Tastern (Leviathan) rc.; auch empfahl er zuerst die Anwendung der Schiffsschraube. E. starb 15. Sept. 1859. Biographie von seinem Sohne, Lond. 1870. Brunelle, s. krunslla. Brunelleschi (Brunellesco), Filippo, berühmter ital. Baumeister, geb. 1377 in Florenz; widmete sich der Goldschmiede-, später der Bildhauer- u. endlich der Baukunst, welche er in ganz neue Bahnen leitete, indem er an die elastischen Baustile anknllpfte u. so der Begründer der Renaissance wurde. Durch das Studium der Antike, dem er sich im Verein mit Donatello zuwandte, bildete er seinen Geschmack an edlen Formen und war einer der Ersten, welche die Gesetze der Perspective zur praktischen Geltung brachten. Die Anwendung derselben in der Malerei lernte von 11 162 Brunet — Bruni. ihm der Maler Masaccio; auch erfand er ein bes. seres Verfahren in der Herstellung eingelegter Arbeiten. 1401 ging er nach Rom, um sich in der Architektur zu vervollkommnen, und kehrte 1407 nach Florenz zurück. Als der Ban der Kuppel des Domes seiner Vaterstadt begann, versprach er, sie so zu bauen, daß 'sie sich selbst durch ihre eigene Schwere halten sollte; man erklärte ihn deshalb für wahnsinnig. Endlich als er zwei Kapellen nach seinem neuen System gebaut hatte, übertrug man ihm, nachdem 1420 eine Versammlung von einheimischen u. ausländischen Baumeistern seine Entwürfe geprüft hatte, den Bau der Kuppel. Er starb 15. April 1444, noch ehe das großartige Bauwerk ganz vollendet war. (Vgl. Ces. Guasti, Im euxola äi 8ta. Na- ria äel i?iors, Flor. 1857.) Außer diesem rühren von B. eine Menge prachtvoller Bauten in Mailand, Mantua, Pisa, Pesaro u. Florenz, die Kapelle de Pazzi im Kloster Sta. Croce, der Palast Pitti u. die Kirchen S. Lorenzo u. S. Spi- rito her. Sein Grab in Sta. Maria del Fiore schmückte seine von seinem Schüler Buggiano gefertigte Marmorbüste, und 1830 wurde ihm ein von Pampeloni ausgcführtes Kolossalstandbild an der Außenseite des Domes errichtet. Lebensbeschreibung bei Vasari u. eine andere herausgegeben von Moreni, Flor. 1812. EwerbeS.' Brunet, 1) Jacques Charles, berühmter Buchhändler, geb. 2. Novbr. 1780 in Paris; gründete 1808 das Editionsinstitut und gab die Supplemente zum vietiormairs dib1io§rapliigus von Duclos, Par. 1802, heraus u. erwarb sich ein großes Verdienst um die bibliographische Wissenschaft durch die Herausgabe seines Llauusl äu librairs et äs I'ainatsur äs livrss, ebd. 1809 ff., 3 Bde., 5 Ausg., 1861—62, 6 Bde., worin er die Bücher nach ihrer äußeren Gestalt und ihrer Seltenheit classificirte u. welches nicht nur für die wissenschaftliche, sondern auch für die antiquarische Werthbestimmung aller wichtigen Prcßerzeugnisse seit Erfindung der Buchdruckerknnst maßgebend wurde. Er starb 15. November 1867 in Paris. Außerdem schrieb er mehrere bibliographische Monographien nnd vorzügliche Kataloge, darunter: HouvsUss rsellsrollss blblio^rapüiguss, Par. 1834, 3 Bde., 4. Aufl., 1842 f.; lisslisrellss biblivAraxbignss sur Iss säitions ori^inalos äs sing livrss än roman satirigns äs Rabelais, ebd. 1852. 2 ) Claude, Arzt nnd Philosoph; lebte zu Ende des 17. u. Anfang des 18. Jahrh., erschien häufig in den öffentlichen Conferenzen des Abbe de la Roqne, wo er einst einen Vortrag über die Sprache der Thiere hielt, und verkehrte viel mit dem Abbe Cordemoi. Das ist so ziemlich Alles, was man von seinem Leben weiß. Er schr.: Iraits äs propres äs la rnsäsoins 1709; Ls pro- Aies äe la rnsäseins, vontsnant nn rsonsil äs tont es gni s'obssrve ä'ntils a la xratigns ste., in Jonrnalform; von 1693 ab sind noch verschiedene Nummern vorhanden, die letzten vom Januar bis März 1709: Malis rawonns sur la struvtnrs äss orAanes äes äenx ssxss äestinss ä la Asns- ration, 1696; Rrosst ä'uns nonvslls mstapliM- qne, 1703, ein Werk, in dem er ein idealistisches System kühn u. conseqncnt durchführt. 3 ) Pierre Gustave, franz. Schriftsteller, geb. 18. Novbr. 1807 zu Bordeaux; wurde dort Akademiker und Adjnnct des Maire. Er stellte fleißige Forschungen über die französischen Dialekte (Patois) u. über die altfranz. Sprachen an, gab die selten gewordenen Werke alter Schriftsteller, sowie Dialekt- dichtungsn heraus, ferner: Bibliographische Studien über Rabelais u. a.; die apokryphischen Evangelien rc.; übersetzte die Tischreden Luthers; schrieb Bücher über Nationalökonomie, Weinbau rc. und arbeitete an mehreren lexikographischen Werken und gelehrten Zeitschriften; anzuführen sind noch besonders: Ra IsKsnäs äorss äs äaoqns» äs Voraxins, Par. 1843; Oorrssponäanos eoinxlsts äs la änebssss ä'Orleans, prinossss Palatino, ebd. 1855; Rs nouveau sisels äs Rouis XIV. ebd. 1857; Ra Rränos Ilttsraire au XV. sisels, au LatalvAus äss ouvr. iinpr. sn lavAus Irany. sus- gu'sn 1500, ebd. 1865. 1) Bolchert.' 2) Thamhaya. Brunet de Presle, Charles Marie Wladimir, franz. Hellenist, geb. 10. Nov. 1809 in Paris; widmete sich schon früh dem Studium der alten Sprachen. Er übersetzte 1828 La Roche- foucaulds Naxiiuos ins Neugriechische. 1842 erhielt er den Preis von der Akademie für seine Rselrsrollss sur lss stablisssments äss Orsos sn Lioils und 1846 eine ehrenvolle Erwähnung für sein Lxainen oritigus äs la suoeession äss äzmastiss sAZ'ptiennss; 1848 wurde er beauftragt, die von Letronne angefangene Veröffentlichung der griechischen Papyrnsrollen aus Ägypten fortznsetzen. Das Studium derselben u. Mariettes Entdeckung gaben ihm die Idee zu seiner NonoAraplns äu Lsrapöon äs Nsinpbis (in den Nöinoirss än Lavants stravAsrs, 2. Bd., Ser. 1); 1852 wurde B. Mitgl. der ^oaäömis äss insorixtions. Volchat. Brunet u. Brünette (fr.), bräunlich von Haar u. Hautfarbe. Brnnete Personen sind im Allgemeinen lebhafteren Temperaments, als blonde, haben fast immer dunkle, braune u. schwarzbrauue Augen n. kommen in kälteren Zonen weniger vor, als in wärmeren Himmelsstrichen. krunsus (Bot.), schwarzbraun. Brunfels, Otto, geb. 1464 zu Mainz; war anfangs Karthänser, trat in Verbindung mit Luther, Hutten, Zwingli, Karlstadt u. A.; hielt, nachdem er Prediger im Breisgau gewesen, in Straßburg eine Schule u. starb als Arzt in Bern 1534. Linne nannte ihn den ältesten Vater der Botanik; er war der erste Botaniker der neueren Zeit, welcher die Botanik nicht aus Büchern, sondern an den Pflanzen selbst studirte. Sein Ilsr- barmn vivas isonss, 3 Thle., Straßb. 1832 und 1836 u. ö., deutsch Contrafayt Kräuterbuch, ebd. 1532—37, 2 Thle., enthält die ihm bekannten Pflanzen in Holzschnitten; latrion insäioamento- rurn simMeinm, Straßb. 1533 u. M. Brunft, eigentlich beim Rothwilde und dem Biber, dann bei allem großen Wilde die Begier zur Begattung; Brunstzeit, die Begattungszeit, s. Hirsch u. Reh; daher brnnften, die B. vollbringen, sich begatten. Brunhilda, der 123. Planetoid, 31. Juli 1872 von Peters in Clinton entdeckt. Bruni, 1) (Bruno, Brunns) Leonardo B. d'Arezzo oder Aretino, ital. Gelehrter, geb. Bruiü — Brunn. 163 1369 in Arezzo, wurde 1405 päpstlicher Secretär unter Jnnocenz VII. u. dessen nächsten Nachfolgern, begleitete Johann XXIII. auf das Concil zu Konstanz, entwich aber heimlich nach Florenz, wo er eine Anstellung erhielt und 9. März 1444 starb. Er übersetzte die Politik, Ethik und Ökonomie des Aristoteles, mehrere Biographien des Plntarchos ».Reden desÄschincs u. Demosthenes und schr.: Vibro oliiainato cislla prima Anerrs, xunisa, Ausg. des 15. Jahrh., später lateinisch: Vs bsÜo puuleo, Augsb. 1537; visboria Regnet. 8) Creizenach. Brünner Schöffenbuch, s. u. Stadtrecht. Brnnnersche od. Brunnsche Drüsen, traubenförmige Drüsen des Zwölffingerdarmes; s. d. Brunnow, eine alte pommerische Familie, die seit dem 16. Jahrh. Sitz auf der Kurländischen Nitterbank hatte u. deren Glieder meist als Diplomaten theils in Herzog!, knrländischen, theilS in polnischen Diensten standen. 1) Ernst Georg von B., medicinischer Schriftsteller u. Dichter, geb. 6. April 1796 in Dresden, Sohn eines Öffiziers; studirte 1815—19 in Leipzig die Rechte u. wurde 1820 Assessor bei der Landesregierung in Dresden, verließ jedoch 1822 den Staatsdienst, widmete sich der Medicin u. wurde ein eifriger Beförderer der Homöopathie; er lebte in Dresden, wo er 4. März 1845 starb. B. übersetzte u. a. das Organon äs 1'art äs Auörir äu Lr. 8am. Halms- Mann, Dresd. 1824, 2. A., ebd. 1832; ürposs äs 1a rskorms msäisals sntrspriss sn.^ileinagns par Is I)r. llallnsmann, ebd. 1824; Mails snr iss stksbs än oaks, ebd. 1824; Quins homöopathische Behandlung der Cholera, ebd. 1832; krösis lüstoiigns st littsrairs äs ia mvtlwäs snrativs lwmsopatlr., ebd. 1832; Dichtungen, ebd. 1833, 2. A., 1644; die Novellen: Die neue Psyche, 1837; Der Oberst von Carpezan, 1844, n. Der Troubadour, historisch-romantisches Ge. mälde, 1839; Ulrich von Hutten, histor. Roman, 1842 f., 3 Bde.; Ein Blick aufHahnemann, 1844; mit Stampf u. Groß gab er heraus: Lalrnoinanul materia msäiea pnra sto., ebd. 1825 f., 2 Bde. 2) Philipp vonB., russischer Staatsmann, Bruder des Vor., geb. 31. Aug. 1797 in Dresden; studirte 1815—18 in Leipzig, trat 1818 in russische Dienste, wo er erst im Departement des Auswärtigen angestellt, dann seinem Protector, dem Staatsrath Stourdza, beigegeben wurde, mit dem er einen Civilcodex für Bessarabien bearbeitete. Von Nesselrode u. Capodistria, die seinen Beruf für die Diplomatie erkannten, ebenfalls protegirt, kam er 1822 zur Gesandtschaft in London, nahm thcil am Congreß in Verona, wurde dann dem Generalgouverneur Grasen Woronzow in Odessa beigegeben, wohnte den Feldzügen gegen die Türken 1828 u. 1829 als Civilbeamter bei, war an den Friedensverhandlungen von Adrianopel betheiligt, wurde Staatsrath n. arbeitete dann, dem Grafen Nesselrode unmittelbar artachirt, als Beamter im Auswärtigen Ministerium sich derart in die russische Politik ein, daß er, 1839 Gesandter in Stuttgart u. Darmstadt, im Herbste dieses Jahres in besonderer Mission nach London gesandt wurde, um in der Orientalischen Frage eine größere Annäherung zwischen den Cabineten von London n. Petersburg zu erwirken. 1840 als Gesandter in London selbst ac- creditirt, trug er wesentlich zum Zustandekommen des Vertrages vom 15. Juli 1840 bei, in welchem Rußland, Österreich, Preußen u. England sich zur Friedensstiftung im Örient einigten. Während seiner 14jährigen Wirksamkeit in London leitete er, seinen Einfluß bis in die höchsten Kreise ausdehnend, ein Freund Aberdeens u. Wellingtons, im Rufe eines ausgezeichneten Diplomaten, viele wichtige Verhandlungen u. Verträge, wie den Tractat von 1841, welcher die Bedingungen der berufenen Stipulation von Unkiar-Skelessi veränderte, ferner einen Vertrag über die Unterdrückung des Sklavenhandels, über die griechische Thronfolge u. über die Erbfolge in Dänemark. Infolge des Abbruches der diplomatischen Verhandlungen zwischen Rußland u. England verließ B., der, wie man be- Brünnthal Brnno ->'ip hauptet, aus Furcht, zu mißfallen, damals dem Kaiser in seinen Berichten nicht den ganzen Ernst der Lage darlegcn wollte, 8. Febr. 1854 London, wurde Oct. 1855 russischer Gesandter beim Deutschen Bundestage, 1856 zweiter Bevollmächtigter Rußlands bei den Friedcusconferenzen in Paris n. nach Beendigung derselben wirk!. Geheimrath u. russischer Gesandter in Berlin. 1858 vertauschte er diesen Posten mit dem in London, u. zwar seit 19. Dcc. 1860 mit dem Range eines Botschafters, konnte aber seinen früheren Einfluß nicht wiedererlangen, ja, während der Verhandlungen über Polen 1863 war er nahe daran, London wieder verlassen zu müssen. Dagegen gewann er an Sympathien durch seine allerdings vergebliche Verfechtung der Sache Dänemarks ans den Con- serenzcn von 1864 wegen Schleswig-Holstein. 1867 war er Mitglied des Cougresses wegen der Luxemburger Angelegenheit. Jnni 1870 als Botschafter nach Paris versetzt, kehrte er Febr. 1871 in gleicher Eigenschaft wieder nach London zurück u. war hier Mitglied der Poutus-Conferenz. In demselben Jahre noch in den Grasenstand erhoben, nahm er Juli 1874 wegen zu hohen Alters seine Entlassung N. st. Mai 1875. Lagai« Brunnthal, Badeanstalt in Bogenhauscn (Bayern), bei München, rechts an der Isar, mit der Steinbacherschen Natnrheilanstalt. Vgl. Schilling, B., seine Lage.Qncllen n.Gesch.,Münch. 1864. Bruno. I. Heilige: 1) St. B., Apostel der Preußen, auch Bonifacius genannt, aus dem Hanse der Grafen von Querfurt u. dort geb. 970; trat als Domherr zu Magdeburg in den Dienst der Kirche, kam dann in die Kanzlei des ihm verwandten Otto III., den er nach Italien begleitete, trat in Rom ins Kloster und wurde Eremit, bis ihn Papst Silvester II. mit dem Titel eines Erzbischofs unter den Heiden an die Spitze der von Herzog Boleslav nach Polen berufenen Missionäre stellte (1004). Der Krieg zwischen König Heinrich II. u. Boleslav hielt B. in Deutschland zurück, wo er die Biographie des hl. Adalbert schrieb. 1007 begab er sich nach Ungarn, von da zu den Petschenegen am Dnjcpr und nach Polen, schickte Missionäre nach Schweden, ging nach Preußen u> fand hier 14. Febr. 1009 den ersehnten Märtyrertod. Tag: 15. Oct. An der Stelle, wo er starb, wurde die Stadt Braunsberg erbaut. 2) St. B., geb. in Köln; studirte u. lehrte in Reims, legte 1084 mit 6 Gefährten in der Einöde la Chartreuse Zellen zum strengsten Einsiedlerleben an u. wurde dadurch Stifter des Karthänser-Ordens; er gründete, vom Papst Urban II. berufen, 1094 die Karthause in der Einöde della Torre in Calabrien, wo er 1101 starb; Tag: 6. Oct. 3) St.B., aus Piemont stammend; wurde 1077 Bischof zu Segni, ging 1104 als Mönch in das Kloster zu Monte Cassino, wurde hier 1107 Abt, übernahm aber später wieder Las Bislhum Segni u. st. hier 1123; Tag: 17. Mai. Seine Werke gaben Marchest, 1652, u.Bruno Bruni, 1789—91, heraus. II.Geistliche u. Gelehrte: 4) B. I. der Große, jüngster Sohn des deutschen Königs Heinrich I., in Utrecht von Bischof Balderich erzogen, frühe hochgebildet; wurde noch ganz jung von Otto I. zur Leitung der Reichskanzlei und der kirchlichen Verhältnisse des Reiches berufen u. war bald der Mittelpunkt für alle geistigen Bestrebungen der Zeit. Besonders lag ihm die Hebung der Geistlichkeit durch Wissenschaft am Herzen; er that die alte Hosschnle wieder ans u. zog treffliche Bischöfe heran, lange die Hauptstützen der Reichsregierung. 953 wurde er Erzbischof von Köln, leitete aber von da aus auch das schwierige Lothringen bis zu seinem frühen Tode (965). B-s Leben schrieb sein Schüler Ruot- ger, bei Pertz, lllou. 6srm. IV. 5) B., Geistlicher bei dem Bischof von Merseburg, dem er 1082 ein Werk: Vs bsllo Laxouiso, widmete, eine chronologisch völlig zuverlässige, aber für den Papst gegen den König parteiische Geschichtsqnelle, -herausg. von Pertz, Llon. 6. V., deutsch von Wattenbach, Berlin 1853. 6) Giorda np, italienischer Philosoph, geb. 1548 zu M!aj" unweit Neapel (daher L. Holanus); lernte seit dem 10. Jahre in Neapel Humaniora, Logik, Dialektik, dichtete frühzeitig, wurde um das 14. oder 15. Jahr Dominicaner, lebte bis 1576 in mehreren Klöstern u. kehrte im Widerwillen vor dem Treiben der Ordensbrüder zur Poesie, Mathematik, Philosophie zurück. In Neapel wegen ketzerischer Ansichten über die Fleischwerdung des Wortes vor das geistliche Gericht gezogen, entwich er nach Rom, auch hier sogleich wieder verhört, nach Noli im Genuesischen, lehrte hier Grammatik u. Himmelskunde, ging 4 Monate später über Savona und Turin nach Venedig, über Padua und Chambery nach Genf. Hier lebte er als Corrector einer Buchdruckerei, hörte calvinistische Predigten u. zog, da er nicht übertreten wollte, über Lyon nach Toulouse, wo er 1577—79 blieb, Philosophie und Himmelskunde lehrte, den Doktorgrad u. die philosophische Professur erlangte. Die Unruhen des Bürgerkrieges trieben ihu nach Paris. Hier lehrte er 5 Jahre lang u. trat als der furchtbarste Be- kämpfer der Aristotelischen Scholastik auf. 1582 veröffentlichte er in Paris die Komödie: II 6an- äskajo, ein Werk voll von Geist, Witz u. frecher Komik, u. die Schriften: De umbris iäsarum, (kautus Oircasus all sam msmorias praxiu or- äinatus, guam ixss juckieiariam appellat; Vs sompsuckiosa arcüitsstura st eoruplsmsuto artis Dullii. Mit Briefen des Königs Heinrich III., dem er einige seiner Schriften gewidmet hatte, ging er nach London, wo er 1583—85 im Hause des französischen Gesandten Mauvissier wohnte, an Philipp Sidney einen Gönner fand, den Kampf gegen die Aristotelische Scholastik fortsetzte, in Lpaeeio ckslla bsstia trioukauts die Grundbegriffe feiner Moralphilosophie niederlegte und über die Vereinigung zweier Naturen spottete, in Da ssmr ckslis esnsrl das Weltsystem des Koperuikus ver- thcidigte u. mehrere bewohnte Weltkörper lehrte, die vxplicatio trixiuta sissiilorum ack ownium seisutiarum st artiurn invsntiousm, ckispositio- usm st msmoriaiu und seine nahe an den Pantheismus streifenden metaphysischen Hauptwerke: DsU' iuünito uuivsrso s monäi n. Velin causa, xriusixio eck uno herausgab. Er begleitete den Gesandten nach Frankreich. In Paris gab er vsAÜ sroici kurori, ein Buch von religiöser, an Gottestrnnkenheit streifender Begeisterung, u. vi- Zuratio Lwistotelici auckitus xllMci heraus. Die Lrunoniaosuk. 169 öffentlichen Unruhen führten ihn 1568 nach Deutschland. In Marburg wurde er als Doctor der römischen Theologie vom Katheder ausgeschlossen. In Wittenberg erhielt er, von den Lutheranern begünstigt, eine Professur >,. las über Philosophie u. Astronomie. Er blieb hier 2 Jahre, bis ihn die Thronbesteigung des calvinistischen Kurfürsten Christian I. zur Auswanderung bestimmte. Er veröffentlichte in Wittenberg die Schriften: Os lamxaäs comdiuntoris. Ouiliaua; Oe progrsssu et lawyaäs vsnatoria loZIcorum; ^crotismus, ssu rakiouss artic. pliz-s. uävsrsus Osilxnt. Oaris. proposit., u. seine Oratio valsäiotoria, worin er sich über die deutsche Geistesfreiheit, Luther u. die Lehrer Wittenbergs dankbar anssprach. In Prag, wohin er sich 1588 begab, ließ er Os spscisrum scrutiuio n. ^rtieull osutuiu ssx aävsi-sus inatkis- watiooe llujus tsiuporis erscheinen. Dann ging er nach Braunschweig, wo ihn die Herzöge Julius u. Heinrich Julius (der Dramatiker) freundlich auf- nahmen. Er lehrte ein Jahr lang an der Akademie des Elfteren zu Helmstadt. Schon am 1. Juli 1589 war er in dem Falle, eine Oratio sou- solatoria auf den Tod dieses Gönners zu halten. Der Hauptpastor und Superintendent von Helm- stüdt sprach, ohne ihn vorher gehörten haben, in öffentlicher Rede über ihn den Bann. 1591 finden wir ihn zu Frankfurt a. M., wo er die mnemo- nische Abhandlung: Os iinagiuuiu si^norum st idsarnin coiupositüous u. die metaphysisch bedeutenden Lehrgedichte Os trixlioi minimo st insu- 8wra, Os rnonaäo, rmmsro st üZura, Os immsuso et inuumsrabilidus 8. äs nuivsrso st rumiäis dem Druck übergab. Verhängnißvoll zusammen trafen seine Ausweisung aus Frankfurt u. die Einladung eines vornehmen jungen Venetianers, Mo- cenigo, ihn zu besuchen u. ihn die Kunst des Gedächtnisses und der Gedankenerfindung zu lehren. Er kam nach Venedig. Mocenigo, der ihn bei sich aufnahm und ihn täglich hörte, war mit den Erfolgen unzufrieden und glaubte, der Lehrer- Halte mit wissenschaftlichen Geheimnissen gegen ihn zurück. B. wollte nach Deutschland reisen. Da überfiel u. band ihn der Venetianer und drohte, wenn er ihm nicht alles mittheile, ihn der Inquisition zu denunciren. Auf die Erklärung des Philosophen, ihm alles, was er lehren könne, redlich vorgetragen zu haben, führte Mocenigo seine Drohung aus. B. wurde 23. Mai 1592 verhaftet u. bis zum 30. Juli wiederholt in Verhör genommen. Ohne seine Lehre zu widerrufen, drückte er den Wunsch aus, mit der Kirche seinen Frieden zu machen u. ein ruhiges Getehrtenlebeu in Rom zu führen. Seine Schlußerklärung war: Er bereue, was er Übles gethau und was er Jrriges gedacht und gelehrt habe; er wolle thun, was dem Seelenheil fromme; habe er ein Ärgerniß gegeben, so wolle er dies wieder gutmachen. Auf Verlangen der Curie wurde er im Januar 1593 nach Rom gebracht, 7 Jahre von der Inquisition eingckerkert, wiederholt verhört, als unverbesserlicher Ketzer befunden, am 9. Febr. 1600 verurtheilt. Hierauf sagte er zu seinen Richtern: Ihr fällt wohl mit größerer Furcht das Urtheil, als ich es hinnehme. Am 17. Febr. wurde er auf dem Camps dei Fiori verbrannt. 1865 wurde ihm zu Neapel eine Statue errichtet u. vor derselben die päpstliche Encyklica vom 8. Dec. 1864 den Flammen übergeben. (Vgl. Moritz Carricre in der Allgemeinen Zeitung für 1868, S. 4433 f., 4442 f., 4457 s., u. in Fichtes Zeitschrift für Philosophie u. philosophische Kritik, neue Folge, Bd. 54 (1869), S. 128 ff.; I. E. Klein, Geschichte des Dramas, Bd. 4, S. 474 ff.) B. hatte ein Gemüth voll religiöser Begeisterung, aber von starker Hinneigung zum Pantheismus. Er folgte keinem Glaubensbekenntnisse; die Lehre vom Gottmenschen war ihm ein Stein des Anstoßes; er stellte Jesum neben Pythagoras. Nirgends kommt er dem Pantheismus so nahe, wie in Osika causa n. vskl' iuünito. Hier setzt er das beseelte Weltall fast ganz an die Stelle Gottes. Er nennt den allgemeinen Verstand, den er nicht als (von außen ziehende) Ursache, sondern als (von innen treibendes) Princip aller Dinge bestimmt, ausdrücklich die vornehmste Kraft der Weltseele. Der allgemeine Verstand ist mit seinem Stoffe ganz Eins, ist der Mutterschooß aller Existenzen. Im unendlichen Weltall bewegen sich durch innere Beseelung die Planeten u. Kometen um ihre Sonnen. Die Dinge sind nur wechselnde, vorüberziehende Weisen oder Zustände des Alls; dagegen bleibt das All stets dasselbe, da es, was es sein kann, ewig schon ist. B. trennt die Philosophie von der Theologie u. beschränkt die erstere ganz auf die Naturbetrachtung. In seinen drei Frankfurter Lehrgedichten drückt er sich über die Theologie weniger schroff aus, unterscheidet Gott und Weltall mehr von einander u. entfernt sich hiermit vom Pantheismus. Liegen in OsIIa causa die Wurzeln des Spinozismus, so schöpfte aus Os triplici mi- uüuo ob lususura und Os monaäs uumsro st ÜAura Leibniz die Quellen seiner Monadologie. Die Monaden, lehrte nun B., sind Keime alles Wirklichen; die Monas der Monaden Gott, ans ihm u. in ihm Alles. Die Ureinhcit entfaltet sich in dem System der relativen Einheiten. Gott setzt mit innerer Nothwendigkeit ein All unzähliger Welten. Jede von ihnen ist in ihrer Art vollkommen; in ihrer Gesammtheit stellen sie den höchsten denkbaren Gipfel der Vollkommenheit dar. An sich ist nichts unvollkommen oder ein Übel. Der Begriff des Übels verschwindet mit dem Aufsteigen zur Anschauung des Ganzen (Erdmaun, Grundriß der Geschichte der Philosophie, 1. Bd., S. 556—64). Ausgabe seiner italienischen Werke von A. Wagner in den Opsrs cli O. O., Lpz. 1830, 2 Bde., unvollständige Ausgabe der lateinischen in Gsrörers Oorpus xllilosoplioruiu, Stuttgart 1834, 35; Ausg. der Schrift Os uiudris icisarum, von S. Tugini, Berlin 1868; Moritz Carriere, Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit in ihren Beziehungen zur Gegenwart, Stuttg. 1849, S. 365 ff.; Monographien über B. von Bartholmeß, Par. 1846, 2 Bde.; Clemens, Bonn 1847; Scartazzini, Biel 1867; Borti, Florenz 1868. 0—5) Hartmann. Lrunoniassas, Pflanzenfamilie aus der Klaffe der Campanulineen, mit unterständigen freien Staubfäden, aber zusammenhängenden Antheren, mit freiem, eineiigem Fruchtknoten, gedeckelter Narbe u. einsamiger Frucht; Keimling ohne Eiweiß, 170 Bruns - gerade. Nur eine Gattung: Brunonia Amr't/r, mit einigen wenigen die SKüste Nenhollands bewohnenden Arten. 1^5 Hartmann. Bruns, 1) Paul Victor, berühmter deutscher Chirurg, gcb. 9. August 1812 zu Helmstädt; besuchte von 1881—33 das Oolloxinm 6arolinnm u. LoUsxinm aimtomionm in Braunschwcig, dann die Universitäten Halle, Tübingen, Berlin, ließ sich 1837 als praktischer Arzt in Braunschweig nieder, wurde 1839 Lehrer am (lollsAinm Oaro- linnm, hierauf Professor u. gab 1841 sein Lehrbuch der allgemeinen Anatomie des Menschen, Braunschweig, heraus. Er faßte jetzt eine Vorliebe für Chirurgie, besuchte zur weiteren Ausbildung 1841 Berlin, Wien, Paris, wurde dann Lehrer der Chirurgie am Collegium (1842) u. nahm 1843 einen Ruf nach Tübingen an, wo er noch heute segensreich wirkt u. eine außerordentliche Tätigkeit als Lehrer u. Schriftsteller entwickelt. 1854 bis 1860 erschien sein größtes Werk, das Handbuch der praktischen Chirurgie, Bd. I.—II., mit Atlas, Tüb., zunächst auf die chirurg. Krankheiten des Kopfes beschränkt. Als eine besondere, von ihm mit großein Verständnisse n. glänzender Geschicklichkeit cultivirte Spccialität ist die Behandlung der Kehlkopfkrankheiten zu nennen und die damit im engen Zusammenhänge stehende Verbesserung des Kehlkopfspiegels u. der Beleuchtungsapparate. Sein hierauf bezügliches Werk über Laryngo - Chirurgie, Tübingen 1865, 2. Aust., 1873, hat ihm den Riberischen Preis von 20,000 Lires von der Turnier Akademie eingebracht. Früher erschien: Dnrchschneidung der Gesichtsnerven beim Gcsichtsschmerze, ebd. 1859; Behandlung schlecht geheilter Beinbrüche, Berl. 1861; Die erste Ausrottung eines Polypen in der Kehlkopfhöhle, ohne blutige Eröffnung der Luftwege, Tüb. 1862; Chirurgische Heilmittellehre, ebd. 1868 bis 1873; Arzneioperationenrc., ebd. 1869; Galvanochirurgie, ebd. 1870, der in diesem Jahre (1875) noch ein Werk über galvanokaustische Batterien und Instrumente folgen wird, mit deren zweckmäßigster Herstellung er sich in der letzten Zeit andauernd beschäftigt hat. In den Kriegsjahren 1866 und 1870/71 war B. dem württem- bcrgischen Armeecorps als consnltirender Generalarzt beigegeben, wo er in gleicher Weise hervorragend wirkte, wie er in Tübingen ein Glanzpunkt der Universität ist. 2) Karl Georg, bedeutender Rechtsgelehrter, Bruder des Vor., geb. 24. Febr. 1816 in Helmstädt; studirte in Göttingen, Heidelberg n. Tübingen, machte 1839 daS Advo- catenexamen in Braunschweig, wurde 1840 Do- ccnt für Rechtsgeschichte in Tübingen, 1844 außerordentlicher Professor, 1849 ordentlicher Professor in Rostock, 1851 in Halle, 1859 in Tübingen u. 1861 in Berlin. Das, was seine Schriften aus- zcichnet, ist einestheils die Geltendmachung der historischen Entwickelung der römischen Rechrsinsti- tute in der modernen Welt seit dem Mittelalter, andernthcils die Verbindung der philosophischen Auffassung mit der historisch-praktischen im Römischen Rechte. Er schr.: Hniä oookorani Vaüoans. irgAments, all melius eoAnosoenäum jus Loma- rmm, Tüb. 1838 (Preisschrift); Das Recht des Besitzes im Mittelalter u. in der Gegenwart, ebd. - Brusscr. 1848; Kontos juris romani antigni in nsum praeksetionnm, ebd. 1860, 2. A., 1871. Auch gibt er mit Rudorfs, Roth u. Böhlau die Zeitschrift für Nechtsgeschichte heraus. Thamhayn. Brunsbüttel, städtischer Flecken im schleswig- holsteinschcn Kreise Sllderdithmarschen, am holstein- schen Ufer der Elbemllndung, Kuxhaven gegenüber; guter Hafen, Fähre über die hier 7H km breite Elbe u. tägliche Dampfschiffverbindung mit Altona- Hamburg, lebhafter Seeverkehr für Landprodncte und Viehhandel; 1250 Ew. 1559 hatten die Dithmarsen hier eine Schanze gebaut, die aber von Johann Rantzau erstürmt wurde; auch Wallenstein errichtete hier 1627 eine Verschanzung, die 1644 von den Dänen erweitert, dann aber 164- wieder geschleift wurde. Brunschweig, Hieronymus. Chirurg i» Straßburg, im 15. u. 16. Jahrh.; st. (nach Ranzow) 110 Jahre alt. Er schr. die erste deutsche Chirurgie: Von dem Chirurgicus, Straßburg 1497, u. Die Kunst des Destillirens, mit Abbild., ebd. 1500, die kurz daraus in das Lateinische übertragen wurde. Es war trotz der schlechten Bilder für die damalige Zeit ein nützliches Buch, enthielt die Beschreibung verschiedener Pflanzen und wurde öfter, auch unter anderen Namen, z. B. A.xotlmoa vnl§i, aufgelegt. Allerdings ist es nicht frei von manchen Jrrthümern und Verwechslungen, z. B. des Sambucas der Lateiner mit dem Sambac (Jasmin) der Araber. Thamhayn. Brunst, die Äußerung des Geschlechtstriebes bei weiblichen Thieren, bedingt durch die Lösung der reifen Eier aus den Eierstöcken. Brunswick, 1) County im nordamerikan. llnionsstaate NCarolina, unter 34° n. Br. n. 78° w. L.; 7754 Ew.; Countysitz:Smithville.2) County im nordamerikan. Unionsstaate Virginia, unter 36° n. Br. u. 77" w. L.; 13,427 Ew.; Countysitz: Lawrenceville. 3) Stadt im Cumberland County des nordamerikan. Unionsstaates Maine, unter 43° 54- 37-, n. Br. u. 69° 57- 27-- w. L.; höhere SchNlanstalt mit Bibliothek; Fabriken in Wolle u. Baumwolle; Fluß- u. Eisenbahnverbindung; lebhafter Handel; 5000 Ew. Brnntrut, s. Prnntrut. krusesments (ital., Mus.), kräftig, mit scharfer Markirung der Accente. Brüsk (v. Fr.), auffahrend; daher Brüs- kerie, barsches Wesen, u. brüskiren, 1) an- fahren, barsch behandeln; 2) mit Übergehung sonst gewöhnlicher Vorbereitungsarbeiten in der Kriegskunst sogleich zu einem Hauptangriffe (brüs- quirter Angriff) übergehen; s. u. Festungskrieg. Brussä (Prusa, Bursa), Hauptst. des asiat.-türk. Lima u. VilajetChodawendikjar (das alteMysten u. Bithynien in Kleinasten), am nördl. Fuße des 2600 m hohen, schneebedeckten Olymp (Keschisch-Dagh, d. h. Mönchsberg), an dessen Fuße die schon von den Alten benutzten heißen Quellen Hervorbrechen; 40—70,000 Ew. Die Stadt u. ihre malerische Umgegend sind reich an prächtigen u. geschichtlich berühmten Bauwerken, da Orkhan, Bajestd und andere Türkensultane hier residirten u. in Mausoleen sich begraben ließen; noch jetzt finden sich an 200 Moscheen, theilweise allerdings in Ruinen, unter ihnen die berühmteste die von Ulu-Dschami, 171 Brüssel. mit farbiger Porzellankuppel, die von 16 kleineren umgeben ist. Auf einzelnen Felsen in u. an der Stadt stehen alte, epheunmsponnene Castelle aus der Griechen- u. Türkenzeit. Überbrückte Bergströme theilen die Stadt in einen türk., griech. u. armenischen Theil. Straßen u. Häuser sind meist schön, von Gärten umgeben, die Bazar u. Kara- wanserai großartig, doch blickt überall der Verfall hindurch; etwa 10 üin Umfang. Früher war B. berühmt Lurch seine gelehrten Schulen, Seiden- u. Juwelierarbeiten u. feines Gebäck. Von den Einwohnern sind ^ Mohammedaner, die übrigen aber Griechen, Armenier u. Juden. B. ist Sitz eines Pascha, Mollah, armen. Erzbischofs u. griech. Metropolitans ; viele Schulen u. Spitäler; starke Seidenindustrie u. Weinbau; an 30,000 Arbeiter verfertigen die viel begehrten Scidenzeuge, doch ahmten Schweizer die Muster nach). Eine Eisenbahn soll von Skutari hierher geführt werden. — B. wurde als Prusa von Hannibal, da er als Gastfrennd bei dem König Prusias von Bithynien war, auf einer steilen Felswand des Olympos erbaut; im 10. Jahrh. von dem arabischen Stamme Hamdan nach Ijähriger Belagerung erobert u. geschleift; von den byzantinischen Kaisern, die es wiedergewannen, befestigt. 1317 belagerten cs die Türken unter Orkhan; dieser ließ 2 Schlösser dabei auf- sühren, deren eines, Balabandschick, von seinem Feldherrn Balaban erbaut, noch steht; erst 1326 wurde B. erobert, und mit dieser Einnahme fiel ganz Bithynien an die Türken, u. Orkhan verlegte nun seine Residenz hierher, die 1361 von Murad I. nach Adrianopel verlegt wurde. Später wurde es Hauptstadt eines Sandschakat, u. Bajesid umgab es wieder mit Mauern. 1402 wurde es von den Mongolen genommen u. verwüstet, u. nun errichtete Musa, einer von Bajesids Söhnen, ein Reich hier; aber nach Kurzem fiel B. an dessen Bruder Mohammed, der es bald wieder an seinen Bruder Suleiman verlor. 1413 wurde es von den Karawanen belagert und verbrannt. 1512 von Ala Eddin, Bajesids II. Enkel, auf kurze Zeit genommen, wurde es wieder befestigt; 1607 von dem Aufrührer Kalenderoghli verbrannt. Ein Vertrag zwischen den Polen und Türken (1617) datirt von hier. Hier hielt sich Abd el Kader nach seiner Freilassung 1852—55 auf. 1855 wurde die Stadt von Erdbeben, welche vom Febr. bis Aug. anhielten, fast ganz verwüstet, da auch im Bazar Feuer ansbrach. F- Körner.» Brüssel (Lruxsllss), Hauptstadt des Königreichs Belgien u. der Provinz Brabant; Sitz der Ministerien und des Hofstaates des Königs, Cassationshof, Appellhof, Gerichtshof erster Instanz, Handelsgericht, Rechnungshof, 2 Frie- Lensgerichte, Provinzial-, Bezirks- und Stadtbehörden. B., 2 Stunden im Umfange, wird von dem Flüßchen Senne in mehreren Armen durchflossen, auch geht der schiffbare Kanal von Willebroek, welcher in die Rüpel u. durch diese in die Schelde mündet u. B. mit Antwerpen u. der See verbindet, mitten in der Stadt von 4 Bassins aus. An dem ziemlich steilen rechten Thalrande der Senne ist B. gebaut u. zerfällt so in die höher gelegene Ober- u. in die Niederstadt. B. war ehemals mit Wällen umgeben, die aber jetzt abgetragen u. durch eine vierfache Baumallee in Boulevards umgewandelt sind. Die ehemaligen Wälle sind durch 15 Thore (meist aus Gitterwcrk bestehend) unterbrochen, außerdem führt noch ein Eingang neben dem auf beiden Seiten mit Alleen besetzten Kanal von Willebroek aus der Lilss vorto, einer von Lacken herkommendeu Doppelallee, in die Stadt u. setzt sich unmittelbar mit den Boulevards in Verbindung. Jenseits der alten Wälle liegen die Vorstädte, welche zu den Dorfgemeinden, auf deren Gebiete sie entstanden sind, in administrativer Hinsicht gehören, mit Ausnahme des Quartiers Leopold, das vor einigen Jahren der Stadt einverleibt worden ist. Diese Vorstädte (Faubourgs) sind die von Lacken u. von Flandern (zu Molenbeek gehörig), von Köln, vou Schaerbee k n. von Löwen (zu den Dörfern Schaerbeek u. St. Josse-ten Noode gehörig), von Namur (Dorf Jxellcs), von Hal mit dem Quartier Louise (Dorf St. Gilles), von Anderlecht und Ninive (Dorf Anderlecht). In der eigentlichen Stadt ist die Oberstadt der schönste Theil, wird von den Reichen u. Vornehmen bewohnt u. in ihr meist französisch gesprochen. Sie ist besonders auf Antrag des Herzogs Karl von Lothringen durch die Stände u. die Stadt an die Stelle des 1731 abgebrannten Schlosses der alten Herzoge von Burgund u. der Geueralstatthalter gebaut. Sie liegt auf dem höchsten Punkte des Thalrandes, u. ihr Mittelpunkt ist der Park, ein eigentlich in altfranzösi- schem Geschmack angelegter, etwa 700 Schritt langer, 200 Schritt breiter Garten mit geräumigen Alleen u. hohen Bäumen, wo die Zwischeu- boskete aber mit Wegen in englischem Geschmack durchschnitten sind. Zahlreiche Statuen und 2 Bassins nebst Springbrunnen verleihen dem Garten eine Zierde. Zu beiden Seiten des Parks laufen parallel längs desselben die kurze Uns äuoals u. die lange Lus roz'als. Sie mündet westl. in den Königsplatz (Lines roz-uis), ein mit prachtvollen Häusern geschmücktes Quadrat. Letztere sind meist Hotels für die Fremden, darunter das Hotel Bellevue, eines der größten u. besuchtesten Europas; auch befindet sich daselbst die Kirche St.- Jacqnes-sur-Coudcnberg, welche mit einem Portal von 6 Säulen geziert und im antiken Stil in Kreuzesform gebaut ist (in der dasigcn Abtei hatten sonst die Bollandisten ihren Sitz). In der Mitte derselben erhebt sich seit 1848 die von Simonis verfertigte Reiterstatue Gottfrieds v. Bouillon, seit 1859 auf der Lines uo-tionnis die Con- greßsäule, seit 1864 in der unteren Stadt ein Denkmal der Grafen von Egmout u. Hoorn. Der Uns rozais gegenüber beginnt vom Königsplatze aus die breite, aber kurze Lus äs LsZsues, welche mittels einer Brücke hoch über die Lus äs Lzwsbrosü wegsührt. Von diesen geraden und breiten Straßen führen nun mehrere schmälere u. meist krumme, ja selbst an einer Stelle eine Dop- peltrcppe von 50 Stufen nach der schlechter gebauten, von Handel- u. Gewerbetreibenden bewohnten Niederstadt hinab, wo das Flämische vorherrscht. Die längste Straße ist die Lus äs Lnmur, welche von dem Tsore von Namur unter mehreren Namen über den Königsplatz weg und dann als Lloutagus äv In Cour, Lue äs In Naäslsins rc., zuletzt als üns äs Illanärs, oft gekrümmt, ganz B. bis an das Thor von Flandern durchschneidet. Diese Straße, besonders in ihrer mittleren Abtheilung, ist außerordentlich lebhaft n. mit prachtvollen Läden besetzt. Die ikns äs 1a Naäsleius u. Rus äs k'äüsn/er sind durch einen 1847 erbauten, mit Glas bedeckten, 213 w langen Durchgang mit prächtigen Laden u. Cafes verbunden. Sonst enthält nur ein kleiner, nördl. Theil der Niederstadt gerade Straßen (Uns nsnvs, 11 . ä'^rgonb, 11 . ärr Oawier, Ik. äs Imoüen), desto mehr aber große u. schöne Plätze, so die 6ranäs lUass, klaos äs In ülonna/s, f?I. äss Llnrt/rs (sonst kl. 8b. Nioliel, erhielt den neuen Namen, weil die im Herbste 1830 gebliebenen Brüsseler hier begraben wurden; deshalb mit Fahnen in den belgischen Farben, Orangerie und exotischen Gewächsen, schon früher aber mit Bäumen besetzt), Llarslrs anx Ars-ins, kkass äu §ranä u. än pstib 8ab1on, kl. 8t. 6er/ (wo sonst das alte Schloß u. eine Kapelle stand), kl. ä'^nvors am Wilhelmsthore rc. Der in der Königsstraße angelegte Congreßplatz mit der Constitutionssäule, von palastähnlichen Hotels umringt, gewährt eine reizende Aussicht über die Niederstadt n. die Umgebungen. Den Plätzen dienen über 30 Springbrunnen, von denen der schönste der von Maria Theresia angelegte auf der klnss än granä 8nl>lcm ist, zur Zierde. Dieselben werden durch eine städtische Wasserleitung gespeist. Unter diesen Brunnen ist das Unnusüsn piss zu bemerken, welche Statue bei Gelegenheit von Volksfesten bekränzt wird. Unter den 11 kathol. Kirchen n. Kapellen B-s ist die größte u. schönste die Pfarrkirche zu St. Michael u. St. Gudula, sie hat 2 nicht ganz vollendete Thürme, 16 Kapellen, großes Chor, 10 an 16 m hohe Fenster mit Glasmalereien, Rubens' Bild von Van Dyk, Grabstätte österreich. Erzherzöge rc.; andere Pfarrkirchen sind: Hotrs- 1)ams äs ls. (llmxskls, die Katharinenkirche mit Gemälden, Hobrs-Dnms äs kinlsbsrs, die Minoritenkirche; unter den Nebcnkirchen sind zu bemerken die Kirche lssobrs-Oams äss vicboirss (H.-O/äs 8nb1oll, Sandkirche), mit Begräbnis) des Hauses Taxis, die St.-Niclas-Kirche niit Gemälden, die Kirche St. Jacques - snr - Coudenberg, die ehemals dem reformirten Cultns dienende, jetzt nur noch bei Schul- od. musikalischen Festlichkeiten verwendete Auguslinerkirche mit schönem Portal n. Fronton von 4 korinthischen Säulen, die protestantische Kapelle (1'smpls än Llnsss) u. 1 Synagoge. Merkwürdige Gebäude: der königliche Palast (1817 erbaut u. 1827 zum Theil abgebrannt, aber mit Aufwand von 4 Will, holländ. Gulden wiederhergestellt), Palast des Prinzen von Oranien, beide am Park, schön eingerichtet u. mit Kunstwerken; letzterer war von der Regierung dem Herzog von Brabant zur Wohnung überlassen, ist aber jetzt als Museum neuerer Künstler n. Concerte eingerichtet; ferner das merkwürdigste Gebäude, das Stadthaus, 1401—1442 auf der Ornnäs klaos gebaut, ein weites Viereck mit einem Hofe in der Mitte, in alterthümlichem Stil aufgeführt, das nur dadurch ein schiefes Ansehen bekommt, daß der 118 m hohe Thurm, an der Spitze mit der vergoldeten Statue des Erzengels Michael, an der Hauptsronte nicht in der Mille steht, sondern ans der einen Seite 10, auf der andern 7 Fenster abschneidet. Hier legte Karl V. 1555 die Krone nieder, und aus einem dieser Fenster sah Alba der Hinrichtung Egmonts und Hoorns zu. Außerdem merkwürdig sind: das Brodhaus, in welchem Hoorn n. Egmont als Gefangene saßen, die Münze ans dem Münzplatze, die Depntirtenkammer, der Jnstizpalast, das Museum (mit der Bibliothek u. anderen Sammlungen), dasEntrepot (Waarenlager am Kanal), der bedeckte Markt an der Madeleinestraße, das königliche Theater (1855 abgebrannt u. 1856 wieder neu errichtet), das Hospital St. Jean mit 600 Betten, die 1847 vollendete, 300 Schritt lange Galerie St. Hubert mit ansehnlichen Gewölben, der Palast des Herzogs von Aremberg, mit Kunstsammlungen, die Anfang 1874 eingeweihte, ganz von franz. Sandstein errichtete,, reich mit Sculp- tnren geschmückte Börse rc. Öffentliche Anstalten u. Gesellschaften: B. besitzt eine Universität (knivsrslts librs), die unter König Leopold, im Gegensätze zu der katholischen Interessen dienenden in Löwen, von den Freimaurerlogen 1834 gegründet worden ist und für welche 1865 ein neues Gebäude errichtet wurde, ferner eine Akademie (s. d.) der Wissenschaften, Akademie und Schule für Bildhauer-, Maler- u. Baukunst; Museum, Gemäldegalerie, Bibliothek (gegen 250,000 Bde., 20,000 Manuscripte), Physikalischesu.Natu- ralien-Cabinet, Botanischen u. ZoologischenGarten, Sternwarte (seit 1828), Musikalisches Couserva- torinm; Medicinische u. Naturforschende Gesellschaft, Gesellschaft zur Aufmunterung der schönen Künste rc. Für den Elementarunterricht bestehen viele Gemeindeschulen, außerdem einige von einer Gesellschaft unterhaltene Kleinkinderbewahranstalten u. viele andere durch Privatmittcl oder religiöseKörperschaften gegründete Schulen. Wohl- thätigkeitsanstalten: Krankenhaus zu Sr. Peter (durch Barmherzige Schwestern besorgt), Johannisspital, Militärkrankenhaus, GebärhauS, Hospitien für alte Leute beiderlei Geschlechres, namentlich das Hospiz von Pacheco n. m. a., Findel- und Waisenhaus, Leihhaus rc. Von der Industrie B-s ist besonders die Fabrikation von Spitzen, die, obschon sie wegen der concnrrireuden englischen lange nicht so bedeutend ist, als sonst, doch noch über 1000 Familien in der Stadt u. Umgegend beschäftigt, und die von Kmschen und Glas bekannt; die Fabrikation in Seide, Baumwolle u. Wolle, Borten, Gold- u. Silberdraht, Hüten, Papier, Tapeten, Lichten, Spielkarten, Fayence, Scheidewasser, Vitriol, Leder rc. hatte durch die Trennung der Niederlande von Frankreich 1814 und Belgiens von den Niederlanden 1830 bedeutend gelitten, doch hat sie sich wieder erholt. Der Handel beschäftigt sich mit dem Vertrieb dieser Erzeugnisse, führt aber auch Getreide, Kleefarnen, Bausteine, Leinwand rc. aus. Er wird durch eine Börse, mehrere öffentliche Banken, des. die Bank von Belgien u. die Langns nationals (s. Banken), Pferde- u. Viehmärkre, wo Preise ausgesetzt sind, den Kanal (s. oben), schöne Chausseen n. Lurch die hier einlaufenden 8 Eisenbahnlinien (s. u. Brabant 2) begünstigt. Schiffs- 173 Brüsseler Union — Brnst. verkehr (1872): eingelaufen 237 Schiffe (32,571 Tonnen), ansgelaufen 245 Schiffe (33,275 T.). Vergnügungsorte in B. sind das Königliche Theater mit Oper an der klaos äs la Normals, das Vbsätrs äss Oalsriss 8t. Nudsrt, das Vaudeville-, das Parktheater (dient hauptsächlich zu flämischen Vorstellungen), der Circus, mehrere 6akö-ol>antarrts, das Vauxhall im Park mit seinen Sommerconcerten u. Winterbällen, die zahlreichen Kaffehänser (das besuchteste ist das 6aks äss miils llolonnss auf dem Münzplatze), die öffentlichen Spaziergänge auf den Boulevards u. in den Alleen längs des Kanals, besonders in der Hläs vsrts; Ausflüge nach den mit Landhäusern besetzten Vorstädten und nahen Dörfern, z. B. Schaerbeek, Molenbeek, Koeckelberg, Laeken u. m. a. Das Leben in B. ist ein ganz eigenes. In der oberen Stadt u. in den vornehmeren Zirkeln gleicht es ganz dem französischen, namentlich dem Pariser, während bei dem Volke die Derbheit u. Kraft des Brabanters vorherrschen. Zu den zahlreichen Unterhaltungsgesellschaften gehören der (torols artis- tigus st Uttsrairs (bietet den Winter über viele Vorlesungen), die dranäs Harmonie, die l?iül- starmonis, das Oonosrt noble u. die 8oeists än Lommsres. Bei der letztenZählung(1866) 163,434, mit den 8 Vorstädten 283,827 Ew., 1869 jedoch nach Berechnung der Bevölkerungsbewegung geschätzt auf 171,277, resp. 314,077 (1817 ward die Bevölkerung noch zu 75,086 berechnet). B. ist Geburtsort des Anatomen Vesal (sein Denkmal steht auf dem Barricadenplatze), von van Helmont, Champagne, van der Meulen, Aubertus Miräns, Feldmarschall von Ligne. Geschichtliches. B. kommt als lZrnxslla od. LrnolwsIIa bereits im 8. Jahrh. als kaiserliche Pfalz vor; im 10. Jahrh. kam es durch Gerberga, Schwester des Kaisers Otto I., an die Herzöge von Lothringen u. von diesen an die Grafen von Löwen, die sich auch Grafen von B. nannten, n. mit Löwen kam B. dann an die Herzöge von Nieder-Lothringen u. Brabant. Letztere nahmen um 1050 hier ihre Residenz, da sie schon 1044 Thürme u. Mauern angelegt hatten. 1361 wurde B. vom Herzog Johann III. von Brabant erweitert und stärker befestigt. Die Castellane zu B. nannten sich damals Burggrafen, nachher wurden sie Vicomtes. Mit Brabant kam B. 1430 an die Herzöge von Burgund u. durch Maria von Burgund, Gemahlin des Kaisers Max I., an das Haus Habsburg. Im Decbr. 1519 hier Friede zwischen Maximilian I. u. Franz I. von Frankreich und Waffenstillstand mit Ersterein u. den Benetianern. Schon unter Kaiser Karl V. ward B. Sitz des Regenten und der Regentschaften, was seit Philipp II. unter spanischer Herrschaft fortdauerte. Unter Philipps Schwester, Margaretha von Parma, Wurde B. der Herd des niederländischen Aufstandes; hier übergab 1566 Brederode der Regentin die Beschwerden, u. regierte später Alba mit eiserner Faust. Hier wurde 1576 die Genter Pacification u. 9. Jan. 1577 Friede zwischen den Spaniern u. den aufständischen Niederländern (B-er Union) geschloffen, doch ging B. noch 1578 für Spanien verloren u. ward nun Hauptwaffenplatz der Niederländer. Am 10. März 1585 wurde B. von den Spaniern unter dem Herzog Alex. Farnese von Parma wieder erobert und blieb nun unter spanischer Herrschaft. Die Geistlichen wußten, seitdem von der Regierung unterstützt, die Einwohner so zu behandeln, daß die dem Protestantismus sehr geneigte Stadt B. bis 1648 streng-katholisch wurde. 1695 ward B. von den Franzosen unter Marschall Billeroi belagert u. bombardirt, wobei 4000 Häuser zerstört wurden; 1706 ergab es sich den Alliirten (s. Spanischer Erbfolgekrieg); 1708 belagerten es die Franzosen unter dem Kurfürsten von Bayern wieder, doch ward es von den Verbündeten entsetzt (s. ebd.) u. im Rastatter Frieden dem Hause Österreich zugesprochen. 1746 nahmen es die Franzosen unter dem Marschall v. Sachsen wieder ein (s. Österreichischer Erbfolgekrieg) und behaupteten es bis 1748, wo der Aachener Friede die Niederlande der Kaiserin Maria Theresia zusprach. 1788 war es der Hauptherd der Bra- banter Jnsurrection, wurde aber durch General Bender 1790 zur Ruhe gebracht. Bei dem Ausbruche des„Französischen Revolutionskrieges diente B. den Österreichern als Hauptdepot und den emigrirenden Franzosen vorerst als Zufluchtsort. 15. Nov. 1792 von den Franzosen unter Du- monriez besetzt, ward es 20. März 1793, nach der Schlacht von Neerwinden, von den Kaiserlichen wiedergenommen, so daß Kaiser Franz II. 13. April seinen feierlichen Einzug hielt. Nach der Schlacht vonFleurns, 9. Juli 1794, mußten die Kaiserlichen B. wieder räumen. Mit ganz Belgien französisch geworden u. französisch orga- nisirt, blieb es nun als Hauptstadt des Dep. der Dyle bei der Republik und dem Kaiserreiche, wurde im Febr. 1814 von den Alliirten besetzt, im 1. Pariser Frieden von Frankreich getrennt, 1815 dem Königreich der Niederlande überwiesen u. zweite Hauptstadt, sowie mit Haag Residenz des Hofes. Doch 25. Aug. 1830 brachen hier die ersten Unruhen aus, die Holländer wurden vertrieben u., als sie es vom 22.—26. Septbr. wieder nehmen wollten, zurückgeschlagen. Belgien organisirte sich, u. B. wurde die Hauptstadt des neuen Königsreiches. Am 8. Nov. 1846 brannte der Rechnungshof u. 21. Jan. 1855 Las Theater am Münzplatze ab. Wenzelburger.' Brüsseler Union, s. u. Niederlande. Brust, 1) die vordere, oben vom Halse n. den Schultern, hinterwärts vom Rücken, unten vom Bauche begrenzte Seite des Oberkörpers. 2) B. des menschlichen Körpers (Miorax), der obere Theil des Rumpfes oder der Oberkörper, dessen knöcherne Grundlage (B-korb, B-kästen) hinten die 12 B-wirbel, vorn das B-bein, an den Seiten die 12 Rippen ansmachen. Sie ist zur Seite durch die Zwischenrippenmuskeln, unten durch das Zwerchfell, welches sie von der Bauchhöhle scheidet, oben durch Theile des Halses geschlossen n. bildet so eine der drei großen Höhlen des Körpers, die B-höhle, in welcher alsHaupttheile die Lungen u. das Herz sammt den großen Gefäßstämmen u. wichtigen Nerven enthalten sind. Die einzelnen Knochen, welche die B. bilden, sind vermöge ihrer Verbindungen durch Gelenkflächen und Knorpel einiger Bewegung fähig, welche durch die B- muskeln vermittelt wird, ein Heben u. Senken, 174 Vrustaortcngeflccht — B eine Erweiterung und Verengerung der B. zur Folge hat, Bewegungen, die für den Mechanismus der Athmung unumgänglich nothwendig sind. Brustaortengeflecht, ein den Brusttheil der Aorta umspinnendes Nervengeflecht, gebildet ans Faserndes Sympathicus (von den oberen Brustknoten desselben) u. Fasern des Herznervengeflech- tcs und des großen Eingeweidenervs (dlervrw splanelmievs Major). Berns. Brnstarterieu, die zu den die Brust bildenden Theilen gehenden Arterien. 1) Äußere B. (^.rtorias biwraoioas), gewöhnlich 4, bisweilen 3, auch 6 Zweige der Achselarterien, die zu den äußeren Theilen der Brust gehen. 2) Zwischenrippenarterien (.4rtsrias intsreoabaloa); die oberste oder erste entspringt ans der Schlüsselbeinarterie, selten aus der Schilddrüsenarterie, thcilt sich, nachdem sie an dieMuskeln, die Speiseröhre u. die Luftröhrenäste Zweige abgegeben hat, in 2 Zweige, die in den 1. u. 2. Zwischenrippen- ranm verlaufen. Die folgenden, gewöhnlich 9 od. 10, wenn man die unter der 12. Rippe verlaufende Arterie mit hinznrechnet, entspringen sämmt- lich aus der Brnstaorta und ziehen nach außen n. etwas aufwärts gegen das Hintere Ende des betreffenden Zwischcnrippenraumes. Wegen der linksseitigen Lage der Aorta sind die Gefäße für die rechte Seite etwas länger, verlaufen über den vorderen Thcil der Wirbelkörper und versorgen diese mit kleinen Ästen. Jede theilt sich in einen Hinteren od. Rückenast, der anRllckenmuskeln n. den Nückenmarkskanal geht, u. in einen vorderen, Brust-od.Zwischenrippenast, der sich wieder in 2 Äste theilt, von denen einer am unteren Rande der oberen, der andere am oberen Rande der unteren Rippe verläuft. Sie versorgen die Nippen, die nahe gelegenen Muskeln, auch zum Theil das Zwerchsell, dieLenden-u. Bauchmuskeln mit Blut. 3) Innere B. (^.rbsrias inammarias intornas) entspringen ans der Schlüsselbeinarterie, gehen abwärts am Rande des Brustbeines hinter den Nippenknorpeln herab, geben Zweige an die Brüste (beim weiblichen Geschlechts sind diese Zweige wegen der stärkern Entwickelung der Brüste stärker entwickelt, besonders zur Zeit der Schwangerschaftu. während des Stillens), die Luftröhrenäste, die Zwischenrippenmuskeln, den Herzbeutel u. das Zwerchfell. Correspondirend sind die Brust - Venen (Vsnao mammarias). Brustbeeren, 1)RotheB. (lujudas), Früchte von Riiainnus jujuda, welche den kleinen Oliven gleichen u. besonders in Syrien, Ägypten, der Berbern n. SFrankrcich wachsen; kommen über Genua, Marseille n. Triest getrocknet in den Handel; sind von süßem, weinartigem Geschmacke, dienen in südl. Gegenden zu Speisen u. waren sonst als Brustmittel ausgenommen; vgl. Rbamnus. 2) Schwarze B. (Sebesten), die Beeren vonOor- ckia, A^xa, von der Größe einer Eichel; kommen aus Ägypten, Syrien, Arabien u. mehreren Gegenden des Orients in den Handel; wie vorige benutzt. Brustbein (Brustknochen, Brustblatt, Ltsrnum; s. die Tafel Knochenlehre II., Fig. 5), der flache, längliche, oben breitere, unten spitzere, vorn flach gewölbte, hinten flach ausgehöhlte u. etwas biegsame Knochen, der den vorderen, mittleren Theil rllstbeiiizungenbcimmlskel. des knöchernen Gerüstes der Brust bildet u. aus 3 besonderen, durch Knorpel verbundenen, später oft verwachsenden Stücken, einem oberen Griff (Llanubrium), einem mittleren u. größten (Körper, Oorpus) u. einem unteren, mehr knorpeligen u. spitzen (Schwertfortsatz, i?roes88ns xixboi- äsus) besteht. Der Griff hat jederseits 2 seichte Gelenkflächen zur Verbindung mit dem Schlüsselbein und dem ersten Nippenknorpel, der Körper jederseits vier zur Verbindung mit dem 3. bis 6. Rippenknorpel. Dort, wo Griff und Körper, resp. Körper und Schwertsortsatz zusammeustoßen, hat jeder dieser Theile jederseits je eine halbe Gelenkfläche, ans denen sich die Gelenkflächen für die Verbindung mit dem 2., resp. 7. Rippenknorpel zusammensetzen. Berns. Das B. bildet bei zahlreichen Wirbelthiereil in gleicher Weise den der Bauchseite Angewandten Abschluß der Rippen, wie beim Menschen. Bei den Fischen wird cs nicht gefunden. Bei den Amphibien ist es zwar vorhanden, indessen reichen die Rippen nicht bis an dasselbe heran: einZeug- niß für die rückgebildete Natur der Rippen. Auch bei zahlreichen Reptilien, z. B. den Schlangen, fehlt es, u. bleibt bei anderen, z. B. den Eidechsen, knorpelig. Bei den Vögeln ist es oft sehr groß, schildförmig u. durch einen Kamm, B-kamm, verstärkt, wodurch der Brustkasten denn eine Festigkeit erhält, welche den oft heftigen Bewegungen des Flügels beim Fliegen gewachsen ist. Ein Knochenpaar, Rabenschnabelbeine, verbindet mit ihm die oft sehr langen u. schmalen Schulterblätter. Verstärkt wird dieser Schultergürtel noch durch einen V-förmigen, an den oberen Enden der Rabenschnabelbeine entspringenden u. mit seiner Spitze am B-e befestigten Knochen, das den Schlüsselbeinen der Säugethiere entsprechende Gabelbein. Schließlich sind noch die Rippenknorpel, welche bei dem Menschen die Rippen mit dem B-e verbinden, durch Knochen, die Zwischenrippenknochen, ersetzt. Bei den Säugethieren ist stets ein B. vorhanden, aber nach den größeren Säugethiergruppen verschieden gebaut; die beim Menschen bestehende Form nimmt es erst bei den Affen an. Thoms. Brustbeiugegend u. Brustgegend, s. «. Thoraxgegenden. Brnstbeinmnskel, s. u. Brustmuskeln. Brustbeinrippengelenk (^rbioulatio dtsrno- ocwtaüs), Gelenk zwischen dem vorderen Ende der wahren Rippen u. dem Brustbeine. Brustbeinschildknorpelmnskel (Lluaoulus 8tsrnsetoralss), nach der Itziarin. 6siin. aus den grobgeschuitteueu Spccies von Altheewurzel, Süßholz, Veilchenwurzel, Huf- lattigblätter, Wollblumen, Sternauis bestehend; 8xeo. pootoralos onin krnetibus, ans den obigen Species nebst Johannisbrot», Graupen u. Feigen bestehend. Brnststimme, die natürliche Stimme beim Gesänge oder der Umfang von Tönen, der ungezwungen hervorkommt, dem Falset (Fistelstimme) entgegengesetzt, das höhere Töne durch eine veränderte Lage der Gcsangsorgane hervorbringt. Bei dieser Art der Tonerzeugung ist die Stimmritze weiter geöffnet, die Stimmbänder sind sehr stark gespannt, wie schon die eigene Empfindung der Anstrengung bei Erzeugung der Fistel- töue lehrt. Bei dem Falset (der Fistelstimme) schwingen vor Allem die Organe der Mund- u. Nasenhöhle u. die in ihnen enthaltene Luft, wodurch die Bezeichnung der Fistelstimme als Kopfstimme gerechtfertigt erscheint. Die B. ist der schönste Theil jeder Stimme, das Falset nur ein Nothbehels.wojenenichtansreicht. Das Falset istbes. der Tenorstimme eigen, deren hohe Töne selten vollständig in einer männlichen Kehle liegen. Berns.» Bruststück, s. Gliederfüßler. Brüstung (Bank.), die Wand zwischen dem Fußboden eines Zimmers u. der Sohlbank des Fensters; bei Brücken, Brunnen rc. so v. w. Geländer. Brustvenen (Veuas tllwraeioas), die das Blut aus den die Brust bildenden Theilen znrückführen- den, mit den Brustarterien gleichlaufenden Venen. Brustverschleimung, krankhaft vermehrte Absonderung von Schleim in den Athmungsor- ganen; s. Verschleimung. Brustwarze, s. u. Brüste. B-ndeckel, der Form der B>n entsprechend ausgehöhltes Hütchen aus Elfenbein, Holz, Horn rc., mit welchem, nachdem es zuweilen mit Wachs ausgefüttert, auch mit rothem Wein angefeuchtet worden, die B-n bedeckt werden, entweder um sie hervorzusangen, wenn sie zu klein sind, od. die entzündeten vd. wunden nach dem jedesmaligen Stillen gegen die Reibung der Kleider zu schützen. Sie bleiben meist, während das Kind sangt, aufsitzcn, um das Schlim- merwerden wunder Warzen durch das Saugen zu verhüten, in welchem Falle sie dann natürlich oben durchbohrt sein müssen. Brustwassersucht (HM-otiiorax), Ansammlung von Wasser im Brustfellsacke; s. Wassersucht. Brustwehr (fr. karaxst), ein nach Verschiedenheit der Bestimmung (ob sie gegen Artillerie-, oder nur gegen Gewehrfeuer dienen soll) u. nach Maßgabe des verwendbaren Bodens (Sand oder Lehm) 1,25 — 6 m dicker Aufwurf von Erde, seltener von Stein, hinter welchem die Besatzung n. das Geschütz in einem Befestigungswerke zur Ver- theidigung ausgestellt werden. Um die Soldaten völlig gegen das feindliche Feuer zu decken, gibt man der B. gewöhnlich 2,, in Höhe n. bringt ein Banket, u. wenn das Befestignngswerk für Geschütz dienen soll, eine Bank dahinter an, um über die B. hinfeuern zu können. Die obere — Brüten. Fläche fällt schräg auswärts ab (Krone der B.): sie hat überdies eine äußere u. innere Böschung, u. die Linie, wo die innere Böschung mit der Krone zusammentrifft,heißt die Erbte (Feuerlücke). Brustwirbel, so v. w. Rückenwirbel; s. Wirbelsäule. Brut (krcckss, Zool.), die Jungen der Thiere, namentlich der eierlegendcn; bei Fischen speciell die noch nicht 1 Jahr alten; bei Bienen die ge- sammte Nachkommenschaft, Eier, Maden n. Larven (wenn diese alle in demselben Stocke vorhanden sind, heißt die B. dreifach). Sie befinden sich in den B-zellcn, die zu B-scheibeu oder -Waben vereinigt sind, in dem B-raume, -Lager oder -Neste der Bienenwohunngen (s. d.). B-ableger sind solche Ableger, welchen weder eine Königin, noch Weiselzellen gegeben sind, sondern welche sich erst junge Königinnen aus der beigegebencn Bienenbrnt erziehen müssen u. deshalb sich nur spät entwickeln. B-bicncn nannte man früher die männlichen Bienen (Drohnen), weil man annahm, daß sie hauptsächlich das B- geschäft zu besorgen hätten, was jedoch nicht der Fall ist. B-pest oder Bicnenpest, s. u. Bienenzucht. Brüten nennt man die Erwärmung von Thier-Eiern zum Zwecke ihrer Entwickelung. Bei verschiedenen Thierklassen ist es verschieden; die kaltblütigen Wirbelthiere, d. h. die Fische, Lurche u. Kricchthiere, z. B. überlassen ihre Eier der Sonnenwärme zum Ausbrüten; die meisten Vögel bedecken dagegen ihre Eier mit ihrem eigenen, warmblütigen Körper u. führen denselben auf diese Weise andauernd Wärme zu. Bei den Vögeln brütet bald das Weibchen (z. B. Kanarienvögel) allein, bald wird es vom Männchen (z. B. Schwalben u. Tauben) abgelöst. Eine Menge von Adern erhöhen bei den Vögeln zur Brutzeit die Temperatur der mit den Eiern in Berührung kommenden Körperstellen. Auch sind diese letzteren dann fast nackt, weil nur mit Dunen bedeckt, Brutflecken; diese sind meist von Natur hinreichend große Raine zwischen den befiederten Federfluren (s. Vögel); sollte dies nicht der Fall sein, so werden sie durch Ausrupfen von Federn erst hergerichtet, wie es bei zahlreichen Wasservögeln der Fall ist. Die Brütezeit ist verschieden: die kleinsten Vögel, z. B. der Zaunkönig, brüten nur elf Tage, die Hühner drei, der Schwan ungefähr sechs Wochen. Die erste Spur einer Veränderung im Ei zeigt sich bald, nachdem das B. begonnen hat; beim Hühnerei z. B. zu Ende des 1. Tages; am Ende des 2. sieht man hier die erste Bewegung des selbst noch nicht einmal vollkommen ausgebildeten Herzens; am Ende des ü. Tages sieht man die erste Bewegung des gallertartigen Geschöpfes; am 14. brechen die Federn ans; zu Anfang des 15. schnappt das Thier schon nach Luft; am 19. pocht es; am 21. durchbricht es dann die Schale mittels eines kalkigen Aufsatzes auf dem Schnabel. Es ist nicht nöthig, daß die Eier sofort, nachdem sie gelegt worden, bebrütet werden; hat das B. indessen nur bereits einige Zeit angedauert, dann darf es, wenn die erste Hälfte der Brütezeit noch nicht verstrichen ist, ohne Gefahr des Zugrnndegehens nicht unterbrochen werden; in der zweiten Hälfte 12 * 180 Brutknospcn der Brütezeit kann das B. dagegen selbst einen ganzen Tag ausgesetzt werden. Da das Wesen des B-s nur in Zuführung von Wärme zum Ei besteht, kann,, man auch künstlich brüten. Bereits die alten Ägypter richteten große Brütöfen her, in denen gleichzeitig zahlreiche Eier ausgebrütet wurden. Die Herstellung einer gleichmäßigen feuchten Wärme ist Erforderniß zum Gelingen des B-s in Brütöfen oder sonstigen Brütmaschinen. Da das Blut 40" bis 43" (!. besitzt, so ist dies die passende Temperatur für künstliches B. Hieraus folgt, das Brütmaschinen durchaus nicht complicirt zu sein brauchen, um ihren Zweck zu erfüllen: ein mit Sand zur Hälfte gefüllter, mit einer Glasscheibe bedeckter Blechkasten, unter welchem kleine Gasflammen brennen, reicht z. B. vollständig hin, zumal da mit Hilfe elektromagnetischer Vorrichtungen die Wärme leicht gleichmäßig erhalten werden kann; letzteres in der Weise, daß der elektromagnetische Apparat den Gashahn theilwcise schließt, wenn die gewünschte Wärme überschritten wurde, u. weiter öfsnet, wenn die Temperatur zu gering ist. Leider wird das künstliche B. nicht so geübt, wie es verdiente, wir stehen darin noch heute den alten Ägyptern nach, wol nur aus dem Grunde, weil wir das Aufziehen der erzielten Jungen ohne Mutter für zu schwierig — sollte besser heißen zu beschwerlich — halten. Vgl. Krantz, Praktische Anleitung zur künstlichen Ausbrütung, 2. A., Berl. 1874. Thoms. Brutfleck, s. Brüten. Brutknospen, Brntzwiebeln, s. Knospe. Brütmaschinc, s. Brüten. Brutofen, s. Brüten. Brutpflege, die Pflege, welche die Thiere ihren Eiern u. ihren Jungen zu Theil werden lassen. Bei manchen, namentlich niederen Thie- ren, aber auch Fischen u. a., ist sie gar nicht vorhanden; andere Thiere, namentlich die Jnsecten, Vögel u. Säugethiere, besitzen sie in hohem Grade u. werden durch sie zu den mannigfachsten Bauten, Sammeln von Nahrung oder ähnlichen Handlungen getrieben. Bruttmm (griech. Brettia, a. Geogr.), im Alterthum das jetzige Calabrien; grenzte im N. an Lucanien, von dem es westl. durch den Laus, östl. durch den Lusias getrennt war, übrigens ganz vom Meere umgeben; durchschnitten von den Apenninen, die hier den fichtenreichen Sila (s. d.) bildeten und südlich in das Vorgebirg Lencopetra ausliefen; das Land war von zahlreichen Küstenflüssen bewässert und fruchtbar an Wein, Öl, Obst, Getreide. Städte waren: Cosentia, Vibo (Hippo), Nhegium, Crown u. v. a. Die Einw. waren an der OKüste eingewanderte Griechen, im Innern die Bruttier, Abkömmlinge der Luca- ner; sie wurden 276 v. Chr., weil sie dem Epirerkönig Pyrrhus halfen, von den Römern bekriegt u. 272 unterjocht. Da sie im zweiten Panischen Kriege zu Hannibal hielten, wurden sie nach dessen Abzüge aus Italien von den Römern dadurch gestraft, daß sie weder als Bundesgenossen anerkannt, noch aus ihnen Soldaten ausgehoben wurden, sondern den in die Provinzen reisenden Magistratspersonen Sklaven- u. in Rom Lictorendienste leisten mußten. Als solche hießen — Brutus. l sie Lrnttiani. Die Römer theilten das Land ein in L. trausmontannin n. L. oismonbannm; jetzt Calabria ulteriore I. u. II. u. Citeriore oder Provinzen Reggio, Catanzaro u. Cosenza. Brutto (ital., d. i. unrein, franz. drnt, engl. ; Aioss), das Gewicht einer Waare mir ihrer Em- ! ballags; bei fettigen u. nassen Maaren Spores; das Gewicht der Waare ohne Emballage dagegen heißt Nettogewicht, u. das der Emballage allein Tara. Daher B-einnahme, die Einnahme ohne Abzug der Spesen u. Kosten, welche damit verbunden sind; der B-ertrag eines Geschäftes, entgegengesetzt dem Nettoerträge, ist der Ertrag ohne Abzug der Ausgabe für Maaren u. Handlungsunkosten; der B-werth einer Waare schließt Fracht, Zoll u. sonstige Spesen, also alle Unkosten in sich, welche durch den Transport der Waare von dem Orte, ab welchem sie verkauft wurde, entstehen; B-fracht heißt bei Seetransport die ganze Fracht mit Einschluß der Kaplaken; B- vermögen, Gesammtvermögen ohne Abzug der i Schulden. Brutto-Raumgehalt der Schiffe, s. Eichung. ^ Brutus, Zuname der zwei Junischen Ge- i schlechter zu Rom, des patricischen, welches seinen ^ Ursprung von den eingewanderten Trojanern ableitete, u. des plebejischen, welches aus dem patrici- schcn hcrvorgegangen sein wollte. ^.) P atricisch es Geschlecht: 1) Lucius Junius B., nach der sagenhaften röm. Urgeschichte Sohn des M. Junius u. der jüngeren Tarquinia, der Schwester des Königs Tarquinius Priscus, welchen Tarqui- nins Superbns, als er den Bruder desselben, M. Junius, u. den Vater wegen ihren Ansprüche ans den Thron tödtete, leben ließ, weil er ihn für blödsinnig (brutms) hielt. Indessen war das Verhalten des B. nur eine List, um den König zu täuschen, bis der Zeitpunkt gekommen war, wo er die Maske abwerfen u. als Gegner des Tyrannen auftreten könnte. Auf einer Gesandtschaftsreise nach Delphi begleitete B. die Söhne des , Tarquinius, wobei das Orakel gegeben wordeu sein soll, Der werde in Rom herrschen, welcher nach der Rückkehr die Mutter zuerst küsse; B. fiel dann nach der Landung in Italien wie zufällig mit dem Gesichte zur Erde, der Mutter aller Menschen. Als Lucretia sich tödtete, schwur er Rache an den Tarqniniern, bewirkte deren ! Vertreibung u. gab als der erste Consul (509 v. Chr.) dem Staate eine republikanische Verfassung. Streng an den gegebenen Gesetzen haltend,, i ließ er nach Entdeckung einer Verschwörung zu > Gunsten des vertriebenen Königs die Verschworenen n. darunter auch seine Söhne Titus u. Liberins hinrichten. In der Schlacht gegen Tar- quinins Superbus nahm er einen Zweikampf mit > dessen Sohne Arnns auf, in welchem Beide (509 v. Chr.) fielen; s. u. Rom (Gesch.). Auf dem Capitolium wurde seine Bildsäule aufgestellt. Weitere Patricier des Namens Junius B. sind nicht bekannt, dieses ganze patricische Geschlecht > daher wahrscheinlich fabelhaft. L) Das gleich- nam. plebejische Geschlecht nahm den Namen- ' B. ganz willkürlich an. Bedeutend sind von seinen Gliedern, von denen mehrere seit den ersten Zeiten der Republik Ämter bekleideten, bloß sol°- 181 Bruun — gende: 2) Dec. Junius B. Galäcus (Ca- lacius), 138 v. Chr. Consul; commandirte in Spanien, drang zuerst unter den Römern über den Durius bis an den Minius u. bestegte die dortigen Völker, u. a. 135 die Galaiker (daher sein Beiname); seine Eroberungen gingen jedoch schnell wieder verloren. Er war ein wissenschaftlich gebildeter Mann u. ein Freund des Dichters Accius. 3) Dec. Inn. B. Albinns, geb. um 84 v. Chr. u. von A. Postumius Albinns adop- tirt; diente unter Cäsar in Gallien, schlug 57 v. Chr. die Flotte der Veneter u. kämpfte dann gegen Vercingetorix u. bei Alesia; im Bürgerkriege befehligte er 49 v. Chr. Cäsars Flotte vor Majsilia, besiegte die Gegner u. wurde von Cäsar zum Statthalter von Gallien u. später auch vom Cisalpinischen Gallien ernannt. Er schloß sich nachher der Verschwörung gegen Cäsar an u. ging nach dessen Tode in seine Provinz. Als ihn Antonius aus Gallien abrief u. nach Makedonien schicken wollte, gehorchte er nicht, zog vielmehr schnell ein Heer zusammen u. verschanzte sich in Mutina. Hier wurde er den ganzen Winter von Antonius belagert, u. nachdem sein Gegner 43 v. Chr. von Hirtius, Pansa n. Octavianus geschlagen worden war, verband er sich mit Octavianus. Da er sich aber weder vor Antonius, welcher ein neues Heer sammelte, noch vor Octavianus, welcher Cäsars Mördern den Proceß machen ließ, sicher glaubte, so wollte er zu Marcus B. nach Makedonien flüchten, wurde aber in den Alpen von seinem Gastfreunde Camillus an Antonius ver- rathen, welcher ihn durch abgesandte Mörder tödten ließ. 4) Marc. Inn. B., der Mörder Cäsars, geb. 85 v. Chr., sorgfältig erzogen und mit den Wissenschaften vertraut, auch von edlem Charakter, zuerst mit Claudia, der Tochter des Appius Claudius Pülcher, u. nach deren Verstoßung mit Porcia, Tochter seines Oheims Cato Uticensis, verheirathet. Er begleitete 58 v. Chr. den Cato nach Cypern u. 53 den Appius Claudius nach Kilikien. Nach seiner Rückkehr nach Rom war er, beim Ausbruche des Bürgerkrieges, 49 v. Chr., erst Anhänger des Pompejus u. socht bei Dyrrhachium n. Pharsalos mit, ergab sich 48 v. Chr. nach der letzten Schlacht dem Cäsar u. wurde 46 v. Chr. von diesem, der ihn sehr liebte, über Ober-Italien gesetzt u. 44 zum Prätor in Rom ernannt; aber bei Entwickelung der monarchischen Pläne Cäsars in eine Verschwörung gegen diesen mit seinem Schwager Cassius verflochten, nahm er 15. März 44 v. Chr. theil au der Ermordung des Dictators. Ihm soll, als er den Dolch zückte, Cäsar zugerufen haben: Auch du, mein Sohn Brutus? Er lebte danach erst auf seinen Gütern, ging dann nach Makedonien, wo er den C. Antonius aus Apollonia warf, dann nach Syrien, kämpfte mit Cassius bei Phi- lippi i. I. 42, wo er zwar in der ersten Schlacht auf seinem Flügel gegen Octavianus siegte, in der zweiten aber gegen Antonius unterlag u. sich dann das Leben nahm, indem er sich in sein Schwert stürzte; s. n. Rom. B. sehr. MehrereS, z. B. über die Tugend, die Pflichten, die Geduld, sowie stkrde; doch ist nichts von ihm erhalten, als einige Briese an Cicero. Ihm sind Ciceros - Bruyn. Bücher Orator u. Os lrnidus gewidmet, u. ihm ist im Brutus die Hauptrolle beigclegt. Seine Lebensbeschreibung bei Plntarchos. Der Name B. wurde in mittelalterlichen Sagen benutzt; so sollte ihn ein angeblicher Stifter des Britischen Reiches getragen haben. Von Interesse ist in diesem Punkte namentlich Waccs Heldengedicht Roman äu Brut, herausgegeben von Leroux de Lincy, 1838; außerdem die Chronik des Gervasius von Tilbury u. a. Brunn, Konrad Malte, s. Malte Brun. Brüx (Bruxia, böhin. Gneuin, Mosty), Hauptort der gleichnam. Bezirkshauptmanuschaft in Böhmen, am Fuße des Schloßbcrges u. der Biela, mit 3 Vorstädten; Commando des Kreuzherren- ordenS, Bezirkshauptmanuschaft, Bezirks-u.Kreisgericht, Bergrevieramt; alterthümliches Rathhaus, mehrere Klöster; Realobergymnasium; 2 Zuckerfabriken; Bahnen: Anssig-Teplitz, Kreuzungspnnkt Dux-Bodenbach u. Prag-Dux; 6308 Ew.; in der Nähe bedeutende Braunkohlenbergwerke u. die Bitterwasser von Pllllna u. Seidschütz. 1421 hier Schlacht zwischen den siegreichen Sachsen u. den Husstten. 1646 eroberten die Schweden das feste, jetzt zerstörte Schloß Landswert. Bruxelles, so v. wie Brüssel. Bruyere, Jean de la B., s. Labruyöre. Bruycker, Franyois Antoine de, belg. Genremaler, geb. zu Gent 1816; besuchte die dortige Akademie, ward 1849 Schüler Brackeleers u. liefert einfache, aber elegant gemalte Bilder in der Art Meissonniers; er ist seit 1860 Mitglied der Akademie in Amsterdam. Werke: Der Verdacht, 1843 (im Besitze des Königs von Württemberg); Erinnerst Du Dich? 1844; Heiße Muscheln, 1846; Der Lustige, 1846; Mutterliebe, 1848; Der alte Gärtner (Eigenth. der Großfürstin Marie); Die Wittwe, 1860. Bruhu, 1) Barthol. de B., nieder!. Historienmaler, war um 1525—60 in Köln thätig; vereinigte zuerst einheimische u. italienische Weise, gab sich aber später ganz dieser hin u. wurde conventionell; bedeutend im Porträtfache. Werke: Porträt des Bürgermeisters Ant. v. Brovillcr im städtischen Museum zu Köln; verschiedene Kirchcn- bilder in Köln n. anderen Städten, darunter sein Hauptwerk: die Gemälde über dem Hochaltar der »Stiftskirche zu Lauten; eine Pietas u. die Heilung des Besessenen, in der Münchener Galerie. 2) Abrah. de B., Maler u. Kupferstecher, geb. um 1538 in Antwerpen; kam 1577 nach Köln n. st. daselbst in hohem Alter. Sein Hauptwerk ist das seltene Trachtenbuch: Imxsrrr ao Laoeräotil ornatns. 3) Nicolas de B., Sohn des Vor., Kupferstecher, geb. 1570 in Antwerpen; nahm sich LucaS von Leyden znm Muster; starb 1655 in Amsterdam. Er stach hauptsächlich nach niederländischen Meistern. 4) Cornelis de B., Maler, geb. 1652 im Haag; besuchte Deutschland u. Italien u. bereiste 1676—93 die Levante, Ägypten n. die griechischen Inseln (Beschreibung dieser Reisen, 1698), 1701—1708 Rußland, Persien, Indien, Ceylon u. a. Länder (Reisebeschreibung 1711). Beide Reisebeschreibungen sind mit eigenen Zeichnungen, die er znm Theil selbst gestochen hat, geschmückt. In Rußland malte er 182 Bry — Lr^onig Peter d. Gr. u. die Prinzen des kaiserl. Hauses. Er st. um 1719. Ihm verdankt man die ersten Mittheilungcn über die Samojeden u. ihr Land, sowie genaue Ansichten der Ruinen von Perscpo- lis u. der persischen Königsgräber. Regnet.» Brt), 1) Dirk (Theuderich, Diederick) de B., Goldschmied u. Kupferstecher, geb. 1528 in Lüttich; verließ als Lutheraner sein Vaterland n. etablirte um 1570 in Frankfurt a. M. eine Buch-u. Kunsthandlung, in welcher von ihm u. seinen Söhnen mehrere Knpserwerke erschienen. Das bedeutendste darunter war die große Sammlung von Reisebeschreibungen in französischer, deutscher u. lateinischer Sprache, zu welcher er infolge seiner Bekanntschaft mit dem gelehrten Reisenden Hackluyt bei seiner Anwesenheit in England 1587 den Plan faßte. Er st. 1598 n. erlebte nur das Erscheinen der 6 ersten Theile der großen Reisen. Das Werk wurde von seinen Söhnen u. dem Kupferstecher Merian fortgesetzt u. führte den Titel: Oolisetiones psrsArinatiomim in Indiam Orient, et oecid., Franks. 1590—1634, 25 Thle., Fol., deutsch, ebd. 1590—1630, 27 Thle. Hauptwerke: Procession der Hosenbandordens-Ritter; Porträt Wilhelms von Nassau (Hoopman van Weysheyt) u. Albas (Hoopmann van Narheit). 2) Joh. Theodor de B., Sohn des Vor., geb. 1561 in Lüttich; führte mit seinem Bruder Jan Israel u. Matth. Merian das Geschäft seines Vaters fort, lieferte ebenfalls zu mehreren wichtigen Werken die Kupfer, z. B. zu Bauhins Msalrum anat., 8lorils§inm novum rc.; starb 1623 in Frankfurt a. M. Er stach den Triumph der christlichen Religion nach Tizian, den Triumph des Bacchus nach Giulio Romano, das goldene Zeitalter nach Bloemart u. a. Regnet.» öe^sseae, Fam. der Laubmoose, ausdauernde, gruppenweise oder in dichten Rasen wachsende Moose, deren aufrechte Stämmchen sich durch Sprossung unter dem Gipfel verzweigen; die rundlichen od. länglich-lanzettlichen Blätter haben eine kräftige Mütelrippe, welche bisweilen als Stachelspitze hervortritt; das Zellennetz des Blattes besteht aus gleichen rhombisch- od. recht- winkelig-6eckigen Zellen; die Büchse hängt an einem meist bogig gekrümmten Fruchtstiel, ist kurz- oder langhalsig, ei-, walzen- od. birnförmig, mit hoch- gewölbtem od. kegelförmigem nicht geschnäbeltem Deckel u. kleiner, vor der Fruchtreife schon abfallender Haube; Peristom doppelt. Gattungen: 8rz-um Tbtt., Vebsra Lsckro., Rsptobrzum Engter. Bryan, 1) County im nordamerik. Unionsstaate Georgia, unter 32° n. B. u. 81° w. L.; 5252 Ew; Countysitz: Eden. 2) Poststation u. Hauptsitz des Williams County im nordamerik. Unionsst. Ohio; 1064 Ew. Bryant, 1) James, bedeutender engl. Gelehrter, geb. 1715 zu Plymouth; war Erzieher, dann Secretär Marlboroughs, den er nach dem Coutinent begleitete, wurde später bei der Artillerie angestellt; starb 14. Nov. 1804 zu Cippenham in Berkshire. Er schr.: System der alten Mythologie, Lond. 1773—76, 3 Bde., n. Ausg., 1807, 6 Bde.; Bemerkungen n. Untersuchungen über verschiedene Theile der alten Geschichte, Cambr. 1767; Untersuchungen über die Authenticität der Heil. Schrift, Lond. 1795 (erlebte 6 Auflagen in einem Jahre); Über den Trojanischen Krieg, ebd. 1796, deutsch von Nöhden, Braunschw. 1797, u. a. m. 2) William Cnllen, einer der vorzüglichsten Dichter NAmerikas, geb. 3. Novbr. 1794 zu Cummington in Massachusetts; studirte anfangs Sprachen und schöne Wissenschaften und zeichnete sich schon im frühesten Jngendalter als Uebersetzer u. Dichter ans. Itzl2 wandte er sich der Juristenlaufbahn zu, prakticirte von 1815—25 als Advocat in Great - Barrington, widmete sich später aber ausschließlich der Literatur. 1825 ging er nach New-Aork, wurde Mitredacteur der Xsrv-Mrlc Rsvisv u. 1826 Redacteur der 8vs- ninA Rost, eines der ältesten u. einflußreichsten demokratischen Blätter in der Union; 1834 u. 1835, wie auch 1844 u. 1858 bereiste er Europa. Er schr.: Ms RmbaiAo, and otboi posms (eine Satire auf Jefferson u. dessen Partei), 1808; MsX§ss, and okbsr posins, 1821; Hektars ok a Mavsilsr, 1850; Manakopsis, 1816; Mw Roun- taiu, and cckbsr posms, 1842; Ms tvbikslooisd vssr, and okbsr posrns, 1844; Rostioal Volks, 1846; Rektors ok a Mavsilsr in 8nroxs and America, New-Uork 1850 u. 1854. Seine sämmt- lichen Gedichte, Rew-Aork 1866, 2 Bde.; Gedichte deutsch von Neidhardt, Stuttg. 1855. Bartling.» Bryaxis, griech. Bildhauer (um 300 v. Chr.) ; decorirte die NSeite des berühmten Mausoleums mit Statuen. Von ihm gab es auf Rhodos fünf Kolossalstatuen u. einen Apollon. Er bildete mit Praxiteles u. A. die nach dem Peloponnesischen Kriege entstandene neuere Bildhauerschnle von Athen, welche auf die des Phidias folgte. Brynhild (nord. Sagengesch.), s. u. Brune- hild 2). Srxonis L. (Zaunrübe), Pflanzcngatt. aus der Fam. der Cucurbitaceen (XXI. 7), mit 1- oder 2häusigen, in Doldenrispen stehenden, ziemlich kleinen Blüthen; Blumenkrone verwachsenblätterig, tief 5theilig, trichterförmig; männliche Blüthen mit 5 Staubblättern, von denen je 2 paarweise verwachsen sind, das fünfte frei ist; weibl. Blüthen mit nnterständigem Fruchtknoten, 3theiligem Griffel u. kopfförmigen Narbenj Frucht eine dünnhäutige, kugelige oder eiförmige Beere mit 2—3samigen Fächern; die Wurzel ist rübenartig angeschwollen; der Stengel am Grunde mit verdickten Haaren besetzt u. mit einfachen, selten gegabelten Ranken versehen; die Blätter sind tief herzförmig, 3—7Iappig mit mehr oder weniger buchtig gezähnten, spitzen Lappen. Arten: 1) 8. alba L., einhäusig; männliche Doldenrispen lang, weibliche kürzer gestielt; Kelch der weibl. Blüthe so lang als die Blumenkrone; Narben kahl; Frucht schwarz; ursprünglich wol nicht in Deutschland heimisch, sondern als Zier- oder Arzneipflanze gebaut, jetzt seit Jahrhunderten an Hecken u. Zäunen zerstreut. 2) 8. dioiea zweihäusig; weibl. Doldenrispen festsitzend; Kelch der weibl. Blüthe halb s» lang als die Blumenkrone; Narben rauhhaarig; Frucht kirschroth; wie vorige, aber seltener. Beide Arten geben die Radix 8-s albus s. dioioas, welche schon seit alten Zeiten vielfach gebräuchlich war; in neuerer Zeit bei Trägheit der Unterleibs- 183 Dr/oxst^IIuru — Bube. vrgane, Gicht, hartnäckigen Wechselfiebern, aber auch gegen Epilepsie, äußerlich bei rheumatischen Geschwülsten angewendet wurde. 8. orstüea, L., von Candia n. dem Peloponnes, sowie zahlreiche Arten Ostindiens haben ähnliche Wirkungen und dienen in ihrer Heimath als Mittel bei den verschiedensten Krankheiten. Engkr. krxopk^IIum Kalisb., Pflanzengatt, aus der Familie der Crassulaceen (VIII. 4), aufrechte, am Grunde holzige, oberwärts Lick fleischige Kräuter mit gegenständigen, gestielten, einfachen oder gefiederten, gekerbten Blättern, ziemlich großen, nickenden, vielblüthige Rispen bildenden Blüthen; Kelch aufgeblasen, cylindrisch oder äkantig, kurz 4spaltig, klappig; Blumenkrone krug- od. glockenförmig, mit abstehendem, Lspalligem Saume; 8 der Kelchröhre in der Mitte angewachsene Staubblätter; 4 freie oder an der Basis verwachsene vieleiige Carpelle mit aufrechten Griffeln u. kopfförmigen Narben. Von den 4 Arten sind 3 nur im tropischen Asien heimisch, die vierte, 8. oal^einum Ärlr'sd., an den tropischen Küsten beider Hemisphären verbreitet. Auf feuchte Erde gelegt, treiben die Blätter aus den Kerben Knospen u. Wurzeln. Die frischen Blätter schaffen, auf entzündete Augen, sowie aus verbrannte Stellen gelegt, Linderung der Schmerzen. Engkr. ör^opogon Lr-rL., Strauchflechte aus der Familie der Usneaceen, mit reich verzweigtem, fädigem, innen locker-faserigem Thallus u. schildförmigen Fruchtbehältern (Apothecien). Art: 8. jubs-luin LL., an Baumstämmen und Ästen, vorzüglich in Nadelholzwäldern von der Ebene bis ins Hoch gebirg häufig. Engter. Bryozöen, Thierklaffc, s. Moosthiere. Si^um Laubmoosgattung aus der Familie der Bryaceen, dichtrasige Pflanzen mit knospenförmigen weiblichen Blüthen, länglichen oder ei- lauzettförmigen oberen Blättern, langgesticlter birnförmiger, nickender oder hängendes Büchse, breitem Ringe u. zitzenförmigem Deckel, doppeltem Peristom, dessen 16 äußere Zähne lanzettlich sind. Von den zahlreichen, in der Ebene u. den Hochgebirgen verbreiteten Arten seien nur erwähnt: 8. arAsutsuin H., mit silbergrauen, kätzchenförmigen Zweigen, angedrückten Blättern, Liöci- schen Blüthen, auf sandigem Boden bisweilen ganze Strecken überziehend. 8. eaxiUars Lsckw., mit dichtem, schmntziggrünem, abwärts braun-filzigem Rasen, eiförmig-länglichen, pfriemlich-zugespitztery unten am Rande zurückgeschlagenen Blättern; häufig auf lockerem Waldboden. 8. easspitieiuin I,., mit saftgrünem Rasen, langgespitzten, uuge- rundeten Blättern; in Mauer- u. Felsritzen häufig 8. iurbiuaium KeliWaeA»'., mit kurz-birnen- oder kreiselsörmiger Büchse; an nassen Felsen, auf Steinen in Bächen rc. 8. psouciotrigustrum SokwaeA,-., mit dicht verfilztem, oberhalb lockerem, bräunlichem od. trübgrünem Rasen, röthlich oder gelblich gelandeten Blättern und schlank-birnew förmiger Kapsel; häufig auf Torf- und Sumpfwiesen. Engler. Brzezän, 1) Bezirk im österreichischen Krow lande Galizien; 1116 feiern (20 UM); 6S,284 Ew. 2) Hauptstadt daselbst, an einem kleinen See U. an der Lipa, südöstl. von Lemberg; Gymnasium, Kreishauptschule; Gerbereien, Leinenwebereien; 5459, im Gesammtgemeindebezirke 9290 Ew. Brzeziny, Kreisstadt im ruff.-poln. Gouv. Pjotrkow, slldwestl. von Warschau; Palast der Familie Oginski; Tuch-, Wollen- u. Lederfabri- katiou; 6040 Ew. Wsura, Fluß, so v. w. Bzura. 6. tr., auf Recepten für bsns tritum (wohl gerieben). Wua, Insel im dalmatischen Bezirke Spalato; 6 Dörfer; Obst-, Wein- und Ölbau, Datteln; Asphaltquelle; einst Deportationsort röm. Staatsgefangener. Buache, 1) Philipp, Geograph des Königs Ludwig XV. von Frankreich, geb. 7. Febr. 1700 in Paris; st. 24., n. A. 27. Jan. 1773. Er schr.: Ocwsiäsrntücms Asoxrvpll. sö pllxs. sur Iss uou- vollss cksoouvertss cks In Aianäsmer, Par. 1753; Xtlas xüxs., 1754, 20Bl. Fol. Er stellte zuerst das System auf, daß alle Gebirge unter dem Meere zusammenhingen. 2) Jean Nicolas, Neffe des Bor., geb. 15. Febr. 1741 in Neuville-au-Psnt, daher B. de la Neuville; folgte Danville bei der Plankammer der franz. Marine, wurde königlicher Geograph u. war auch von Napoleon geschätzt; er st. 21. Nov. 1825 in Paris; schrieb: Osossrapbis slsinsntairs nueisims sö mocksrus, Par. 1769—72, 2 Bde. Buansu, s. Hund. kudulus, s. u. Büffel. Bubastis (ägypt. Bast od. Pascht), 1) Tochter des Osiris u. der Isis, eine ägypt. Göttin der 2. Ordnung, von den Griechen mit Artemis identi- ficirt, also wol Mondgöttin oder Göttin des Em- psangens und Gebärens. Ihre Hieroglyphe war die Katze, daher wurde sie dargestellt mit Katzenkopf, dazu Hörnern u. auf dem Scheitel mit der durch eine Schlange senkrecht in 2 Theile getheilten Mondscheibe. Bei ihrem Feste in Bubastis (2), wobei viel Wein getrunken wurde, musicirten die Weiber mit dem Sistrum (s. d.), während die Männer auf Rohrpfeifen bliesen, Andere sangen u. in die Hände klatschten. Bei jeder am Nil liegenden Stadt landeten die zum Feste Wallfahrenden, u. die Frauen neckten die Frauen der gastlichen Städte und führten unter üppigen Bewegungen Tänze auf. 2) (Bubastos, in der Bibel Phibeseth, a. Geogr.) Stadt in Unter-Ägypten, in dem Nomos Bubastites, an dem östlichen Hauptarme des Nil (Bubastikos, s. u. Nil). Hier Tempel der Göttin Bubastis (s. 1), zu welchem häufige Wallfahrten unternommen wurden u. von dem sich noch Trümmer finden; hierher brachte man auch alle Mumien von Katzen als der Bubastis heiligen Thieren. Oberhalb der Stadt begann der große Kanal nach dem Arabischen Meerbusen. Später war zu B. ein Bischofssitz; jetze Ruine Tel-Bastah bei der Stadt Zagazig. Bube, Knabe, junger Mann; im Mittelalter junger Mann, der sich bei einem Ritter den Ritterschlag verdienen wollte. Bube, Adolf, deutscher Dichter, geb. 23. Sept. 1802 in Gotha; studirte 1821—24 in Jena, wurde dort mit Knebel befreundet, welcher auch seine Bekanntschaft mit den literarischen Kreisen Weimars vermittelte, war dann Lehrer in mehreren gräf- 184 Bubcndorf lichen u. fürstlichen Familien, wurde 1834 Archiv- u. 1838 Oberconsistorialsecretär in Gotha, 1842 Director des herzoglichen Kunst- n. Naturalien- cabinets u. 18S8 auch Director des Kuustvereins; er st. 17. Oct. 1873 zu Gotha. B. schr.: Lebcns- blüthen, Koburg 1826; Oboleu, ebd. 1827; Gedichte, Gotha 1836, 2. Aufl.; Thüringische Volkssagen, ebd. 1837, Auswahl daraus 1848; Deutsche Sagen, ebd. 1842, 4. Aufl.; Todteufeier Ottfried Müllers, ebd. 1840; Neue Gedichte, Jena 1840; Deutsche Sagen u. sagenhafte Anklänge, ebd. 1842, 4. Aufl.; Gothas Erinnerungen, Gotha 1842; Thüringischer Sagenschatz, ebd. 1851; Romanzen und Balladen, ebd. 1850, 3. Aufl., 1869; Das Herzog!. Kunstcabinet in Gotha, ebd. 1855, 2. Aufl.; Naturbilder, ebd. 1859, 4. Aufl. Er zeichnete sich durch edle u. reine Auffassung, sowie durch warmen u. anmuthigen Vortrag aus. Mit besonderer Vorliebe wählt er Gegenstände zur dichterischen Darstellung, die seiner thüringischenHeimath angehören, doch behandelt der wenig gereiste Dichter in den Naturbildern auch Landschaftliches aus fremden Weltgegenden mit nicht geringer Schilderungsgabe. Creizenach.' Bubendorf, Dorf im Bezirke Liestal des schweizer Kantons Basel-Landschaft; Seidenbandweberei; 1400 Ew.; in der Nähe das B-er Bad mit salz- u. kohlensauren Kalk enthaltenden Mineralquelle gegen Gicht u. chronische Hautleiden. Buberitze, so v. w. Parasolschwamm. Bubikir (mit dem vollen Namen Abu Bekr el Nazi), berühmter arabischer Arzt, geboren u. erzogen zu Raj in Khorasan; bildete sich früh in philologischen u. philosophischen Studien aus, trieb bis zu seinem 30. Jahre Musik, dann aber mit großem Eifer Medicin, leitete erst in Raj, dann in Bagdad das Krankenhaus, erfreute sich bei Hoch u. Niedrig eines außerordentlichen Ansehens, machte weite Reisen u. galt als der Galenos seiner Zeit. In späteren Jahren erblindete er, angeblich infolge eines Peitschenhiebes, den ihm der Fürst El Mansur verehrte, weil manche in der Oonürmabio artis obimias, einem von B. dem Fürsten gewidmeten Werke, beschriebenen Experiment nicht glücken wollten. Er starb wahrscheinlich 932 zu Raj oder Bagdad im hohen Alter. Ein Verzeichniß seiner Werke weist 201 Nummern nach. Er kann als ein ferner Vorläufer der erst in unseren Tagen zum Durchbruche gekommenen unbefangeneren Anschauungsweise der Heilkunst gelten. Beherzigenswerth sind seine Aussprüche: Wo du durch Nahrungsmittel heilen kannst, da verordne keine Heilmittel, und wo einfache hin- reichen, da gib keine zusammengesetzte. Die Wahrheit in der Medicin ist ein Ziel, das nicht erreicht wird, u. die Heilart, wie sie in Büchern beschrieben wird, steht weit unter der praktischen Erfahrung eines geschickten, denkenden Arztes. Thamhayn. Bublitz (früher Bubatz), 1) Kreis im preuß. Regbez. Köslin, auf dem pommerischen Landrücken, in unfruchtbarer Gegend, Theil des ehem. Kreises Fürstenthum; 705 (Ijlcm(12,gi HjM); 21,200 Ew. 2) Stadt daselbst, in tiefem Thal, an der Gozel; Dampfwollenspinuerei; 4251 Ew. Bubna, altes böhmisches Geschlecht, von Otek — LuZon. von B. im 15. Jahrh. u. aus dem Schlosse Littitz im Köuiggrätzer Kreise stammend; besteht in 2 Linien: X) Die ältere gräfliche Linie B. u. Littitz, 1644 in den Grafenstand erhoben; besitzt die Fideicommißherrschaft Dandleb mit Jeleni u. Blatta in Böhmen. 1) Johann von B., geb. 1570; diente gegen die Türken u. wurde unter Kaiser Rudolf II. Oberst; Freund des Grafen Matth, v. Thurn u. einer der Haupturheber der den Dreißigjährigen Krieg veranlassenden böhmischen Unruhen, wurde er von den böhmischen Ständen zum General-Wachtmeister ernannt; nach der Schlacht bei Prag verlor er seine Güter, floh mit dem Grafen von Thurn u. wurde von diesem n. den Schweden später zu mehreren Unterhandlungen gebraucht; er st. 1636 in Halle a. d. S. 2) Graf Ferdinand, geb. 26. Nov. 1768 in Zamersk in Böhmen; trat 1784 in ein Infanterieregiment, kam 1789 als Oberlieutenant in ein Dragonerregiment, mit dem er den Türkenkrieg u. die Franz. Revolutionskriege mitmachte, wurde 1799 Major u. Flügeladjutant, 1800 Generaladjutant beim Erzherzog Karl u. bald darauf Oberst, Vorsteher und Referent im Militärdepartement des Hofkriegsrathes u. Generalmajor. Während der Schlacht Lei Austerlitz 1805 interimistisch dem Fürsten Liechtenstein attachirt, begleitete er diesen ins Lager Napoleons. 1809 blieb er bei der Person des Kaisers Franz, stand dem Fürsten Liechtenstein bei den Friedensunterhandlungen mit Napoleon zur Seite n. wurde Feldmarschalllieutenant: 1812 ging er als Gesandter nach Paris n. versuchte 1813 zu Dresden Napoleon zum Frieden zu bewegen. Er übernahm nun das Commando der 2. leichten Division bei dem Hauptheere, trug unter Fürst Schwarzenberg wesentlich zum Gelingen des Feldzuges, namentlich zum Siege bei Leipzig bei, bekam den Oberbefehl über die erste leichte Division, die über Genf nach SFrankreich Vordringen sollte, u. besetzte 1814 Lyon, mußte sich aber zurückziehen. Er wurde nun Generalgouverneur in Savoyen n. Piemont. Nach der Rückkehr Napoleons von Elba (1815) führte er unter Frimonts Oberbefehl ein Armeecorps abermals gegen Lyon, wurde dann Stellvertreter deS Commandirenden in der Lombardei, wirklicher, Geheimrath und 1818 Generalgouverneur dieser Provinz; als 1821 Unruhen in Piemont ausgebrochen waren, rückte B., ohne die Befehle von Wien abzuwarten, daselbst ein u. stellte in 5 Tagen die Ruhe wieder her. L) Die jüngere Linie B. von Warlich ist freiherrlich und ritterlich. Cicalek. * Lubo (lat.), Uhu. Bubon (Ludo, Leistenbeule, Luba aäkuitis; Med.), 1) entzündliche (meist infolge von Tripper entstehende) Anschwellung u. Vereiterung der Leistendrüsen (s. d.); daher Bubouenpest, die von Bubonen begleitete Pestkrankheit (s. Pest). 2) Die Leistendrüsen selbst. 3) Geschwulst der Halsdrüsen, hinter und unter den Ohren oder unter den Achseln. öubon I/., ehemalige Pflanzengattuug ans der Familie der Umbelliferen, deren Arten jedoch zu verschiedenen anderen Gattungen, nämlich Leaeli I-. u. konLsäaullm II. gehören. 185 Buboimlgie Bubonalgie (v. Gr.), Schmerz Ul der Leistengegend. Bubonocele (gr.), Leistenbruch; s. Bruch. Bubonorrhexis (gr.), Leistenbrnch ohne Bruchsack, mit Zerreißung des Bauchfelles. Bucnramnnga, Stadt im Staate Boyaca der südamerik. Republik Columbia, am Lebrija, in einen: Thal der östl. Cordilleren; reiche Eisen- u. Kupferminen; 9000 Ew. Bucäros (Bucaras, span.), Art Siegelerde, in der portug. Prov. Alemtejo (auch in Amerika) gegraben n. zu irdenen Gefäßen (aus denen das Getränk lieblicher schmecken soll, aber aujbraust u. beim Stehenbleiben durchfickert), sowie zum Kauen, angeblich als Schutzmittel gegen verschiedene Krankheiten, gebraucht. Sucea (lat.), Backen; daher bueoalio, zu den Backen gehörig, z. B. Xrtsria buoeaUo, Backenarterie rc. Bucraneer Archipelagus, Inselgruppe im Indischen Ocean, in der Nähe der NWKüste von Australien. Bnccauier, Bezeichnung der im 17. Jahrh. in den westindischen Gewässern hausenden Seeräuber; s. Flibustier. Buccarl, Marktflecken im Comitat Fiume des kroatischen Küstenlandes, Station der Eisenbahn Karlstadt-Fiume; Hafen; Thunfischfang, Schiffbau; Handel mit Holz, Wein, Kohlen rc.; 2116 Ew.; in der Nähe Schloß u. Freihafen Buccaricza. B. gehörte früher den Grafen Zri»y; als diese aber 1671 eine Verschwörung gegen das Laus Österreich gemacht hatten, so wurde B. für Österreich eingezogen. öueemn (lat.), 1) Hirtenhorn. 2) Krummes metallenes Blaseinstrument der Römer, mit dem die 8uoeluabüre3 die röm. Truppen zum Appell riefen u. das Zeichen zum Aufbruche gaben, auch die Nacht- u. Tagewachen ankündigten. 3) S. Kinkhorn. Bucciuarische Inseln, Gruppe von 10 Inseln an der NOSpitze von Sardinien, am östlich Eingänge der Bonifacio-Straße; die größte darunter, Maddalena, hat eine Besatzung und wird von wenigen Hirten bewohnt; eine andere, Caprera, ist als Garibaldis Wohnsitz bekannt. Auf denselben leben viele Kaninchen und wilde Ziegen. SuvoinÄor (lat.), 1) Hornbläser; s. u. Luooina. 2) (Nuseuius buoeiuutor, Trompetenmuskels Der die Wandung der Backen (s. d.) bildende und beim Blasen sich verwölbende Backenmuskel; daher duoeinatorius, zu den Backen gehörig; so: Xrbsria dueeinativa (Backenarterie), Zweig der inneren Kieferarterie, u. bisrvus bueematoriuv, Zweig des dritten Astes des IriAomiuus. Buccleugh, Walter Francis Montague Douglas Scott, 5. Herzog v. B. u. Queens- berry, geb. 2b. Nov. 1806, aus einer alten schott. Familie stammend, welche 1662 als Grafen von Doncaster in die erbliche Peerage erhoben wurde u. in Schottland sehr begütert ist; studirte in Cambridge, folgte 1819 seinem Vater in den Titeln u. trat 1827 in die Kammer der Earls, wo er mit den Conservativeu stimmte; er wurde 1842 Großsiegelbewahrer und Ende 1845 an — Buccr. Wharncliffs Stelle Präsident des Geheimen Rathes, trat im Juli 1846 aber mit Peels Ministerium ab; 1857 wurde er Adjutant der Königin. Er ist Generalcapitän der König!. Garde in Schottland u. ein berühmter Rindviehzüchter. Sein Sohn William Henry Walter Graf Dalkeith ist geb. 1881. Bucco (lat.), 1) ein Mensch mit Bausbacken; daher 2) in den Atellanen (s. d.) die Maske eines Bedienten, u. zwar des gefräßigen, schmeichlerischen, prahlerischen, feigen, u. entspricht dem Bri- ghella des modernen ital. Theaters. 3) (Anat.) So v. w. Lue ein ator 2). öueco, so v. w. Bartvogel. Buccoblätter (Buchoblätter, b'olia Lnvoo, Lnoou), die arzneikräftigen Blätter des Bucco- strauches; s. viooms. Bucclin, Gabriel, deutscher Historiker, geb. 28. Dec. 1599 zu Dießenhofen im Thurgau; wurde Benedictiner zu Weingarten u. starb als Professor zu Feldkirch 9. Juni 1681. Er sehr.: üermania saora st prokaua, Augsb. 1655—78; kstastia sueiL et protänu, ebd. 1666 rc. Über ihn schr. Bergmann in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie 1861. Bucentäurus (gr.), 1s s. Bukentauros. 2) (Ital. öueiutoro) Die Galeere, auf welcher der Doge von Venedig sich jährlich mit dem Meere vermählte; s. u. Venedig. Bucer (Nutzer, Emunctor), Martin, geb. 1491 in Schlettstadt (Elsaß); trat 1506 in den Dominicanerorden, von welchem er wegen seiner Begabung zur Fortsetzung seiner Studien nach Heidelberg geschickt wurde. Hier schloß er sich den Humanisten an u. wurde 1518 durch Luthers Auftreten in Heidelberg für die Reformation gewonnen. Von Sickingen empfohlen, wurde er 1521 vom Pfalzgrafen Friedrich zum Hoscaplan ernannt. Der Weihbischof von Speyer dispenfirte ihn 1521 von seinem Klostergelllbde, weil er es zu früh abgelegt habe, u. versetzte ihn iu den Stand der Weltpriester. Er wurde nun Pfarrer in Landstuhl, dann in Weißenburg; aber von beiden Stellen durch den Krieg vertrieben, flüchtete er sich nach Straßburg. Hier wurde er von der Bürgerschaft beschützt u. 1524 zum Leutpriester bei St. Aurelieu erwählt. Als solcher setzte er mit Zell, Capito u. A. die Reformation Straßburgs durch. 1543 ging er nach Bonn, um im Aufträge des Erzbischofs Hermann von Köln zu reformi- ren, mußte aber vor dem kaiserl. Heere weichen. Als er 1548 dem Interim die Unterwerfung versagte, mußte er Straßburg verlassen und folgte 1549 einem Rufe des Erzbischofs Craumcr nach England. Er starb dort als Professor der Theologie zu Cambridge 27. Febr. 1551. B. nimmt unter den Reformatoren eine vermittelnde Stellung ein. Ihm lag Alles daran, der Spaltung unter Lutheranern u. Reformirten zu wehren u. dadurch der Reformation den durchgreifenden Erfolg zu sichern. Und da ihm die praktische Bedeutung des Abendmahls die wesentliche war, konnte er um so mehr als Vermittler im Abendmahlsstreite zwischen Luther u. den Schweizern austreten. So erklärt es sich, daß er, dogmatisch mehr Zwingli nahe stehend, doch auf dem Reli- 186 Diiooros — Buch. aionsgespräche zu Marburg 1529 u. trotz der Übergabe einer eigenen Confessio», 1'strapoiitana, zu Augsburg 1530, in Koburg in demselben Jahre, noch mehr in Wittenberg 1536 möglichst der Lutherischen Abendmahlslchre, wenigstens im Ausdrucke, sich zu nähern suchte, dafür aber auch von der eigenen Partei, besonders den Zürichern, sich zurückwcisen lassen mußte. Auch der Kath. Kirche gegenüber war B. immer der Vermittler aus Friedensliebe. Bei den Religionsgesprächen zu Hagenau u. Worms 1540, Negensburg 1541 u. 1546 hoffte man namentlich durch ihn eine Einigung zwischen der Reformation u. der Kath. Kirche zu Stande zu bringen, doch der Schmalkald. Krieg 1546 schnitt alle derartigen Hoffnungen ab. Werke von Hubert, Basel 1577 (nur 1 Bd.); Baum, Butzer u. Capito, Elberf. 1860. Löffler. kuoeros, so v. w. Nashornvogel. Buch, 1) jede aus mehreren Bogen bestehende Schrift. Die ältesten (uueigcntlich so genannten) Bücher (Mbloi, Mdrl, Ooäioss) waren gewöhnlich Rollen (LJIiuckrol, später MIolaris,, T' Q»r1a, Volumina), d. b. mehrere an den Längskanten zusammengeleimte, um einen cylinderförmigen Stab (Lbabckos, Laelllns), gerollte Blätter (Lobeckas, Mbri). Eine Rolle umfaßte gewöhnlich nur 1, auch H Abschnitt (Minos, Million, Volumsn) eines Werkes, so daß zu einem solchen mehrere Rollen gehörten. Meist wurde nur 1 Seite des Papiers beschrieben; wenn beide Seiten beschrieben waren, so hieß die Schrift OpisMuZrapIros. Ein hölzerner, beinerner, hörnerner rc. Knopf (Om- xllalos, Mrlla, Ilmbllious) war an einem oder beiden Enden (Oornua) des Stabes angebracht. Die Ränder der Rollen wurden mit Bimsstein geglättet oder abgcschnitten. An die Außenseite der in dem Repositorium horizontal u. zwar so liegenden Rolle, daß die Basis des Stabes dem Auge zugekehrt war, war ans einem gewöhnlich rothgefärbten Papicrtäfelchen (Mttakion) der Titel (LMabos, gitt^bos. Inäsx, Mtulus) des Buches geschrieben, welcher die Anfangsworte des Werkes, nach denen dasselbe genannt u. citirt wurde, enthielt. Oft schützte ein Überzug oder eine Kapsel (vipttMsra, MIsma, ksrlblsma) das Volumen gegen Befleckung. Doch kannten die Alten auch schon 4eckige Bücher aus Metall, Holz, Elfenbein (Doltoi, Osltsri'a, Mtrackes, Munkes, Lowatin, kutz-lllarss, Mbillae), od. ans Pergament (Msm- brnuas) gefertigt; die letzteren waren durch Leim u. Pcrgamentstreifen verbunden, entweder wie in neueren Zeiten, oder so, daß sie fächerartig ausgedehnt und znsammengefaltet werden konnten (Mxkboi, Mbri plieabllss). Die ersteren hatten am Rücken metallene Ringe, durch die man ein metallenes Stäbchen steckte, welches sämmtliche Blätter znsammenhielt. Im Mittelalter erhielten sich die Arten der Bücher der Alten, oder man legte sie in Futterale von Holz, Pergament, Elfenbein rc. u. ersetzte diese im 11.—13. Jahrh. durch dicke Tafeln, die man anfangs bloß mit Faden znsammenband, in der Folge aber mit Pergament od. Leder überzog u. mit Riemen zuband. Das Heften der Bücher und das Fassen derselben in einen Einband kam erst mit Erfindung der Buchdruckerkunst auf. Die ersten gedruckten Bücher hatten weder Titel, noch Seitenzahl, noch Signatur u. eine mehr quadratische als länglich-4ecksge Gestalt. Der Text begann auf der ersten Seite mit einer Angabe des Inhaltes (Titels), die sich ge- wöhnlich durch fettere Schrift auszeichnete, und endigte in der Regel mit Angabe des Datums u. des Ortes, wann n. wo das Buch gedruckt war; auch pflegten die Buchdrucker ihren Namen dazu zu fügen. Kleinere Bücher, namentlich Pamphlete, wurden dagegen oft ohne Angabe des Datums, des Ortes u. des Druckers ausgegeben. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde es üblich, bei größeren wissenschaftlichen Werken ein besonderes Blatt mit dem Titel vorzusetzen. Schon vorher begann man die einzelnen Blätter zu numeriren, später das ganze Buch zu paginiren, die Seiten durch den Custos zu verbinden u. die Bogen zu signiren. Umfangreiche Bücher wurden in Folio, seltener in Quart gedruckt. Handlichere Formate kommen erst im Laufe des 16. Jahrhunderts, u. zwar zunächst in Italien auf, wo Aldus Mauritius griechische u. römische Klassiker in Octav zu drucken begann; noch kleinere Formate gaben die Holländer den Büchern im 17. Jahrh., die Elze- vir, Bläuw u. a. Vgl. Arnett, Lu in^uirz- iuto tbs uaturs null koriu c>k Ms books st Ms sneisuts, Lond. 1837. S. auch den Art. Schreibmaterialien. 2 ) Theil oder Abschnitt eines gedruckten oder geschriebenen Buches. 3 ) Mehrere Schriften des A. T., so: B. Josua, B. Esra, B. Sirach, B. der Weisheit (stehe Salomon); auch auf mehrere nicht mehr vorhandene Bücher wird im A. T. verwiesen, so 4. Mos. 21 auf das- B. der Kriege des Herrn, Jos. 10, 2. Sam. 1, das B. der Frommen oder der Redlichen (vielsleicht Heldenbuch, n. A. Rechtsbnch), ohne daß über ihren Inhalt sich etwas Bestimmtes behaupten ließe. 4 ) Eine Lage von 24 Bogen Schreib- u. von 25 Bogen Druckpapier; s. unt. Ballen. 5 ) Bei Gold- u. Silberblättern 12—25 Blätter, vgl. Blattgold. 6) (B. Karten) Alle Blätter einer Farbe zusammengenommen; ein solches wird zum Pointiren bei Hazardspielen gebraucht. Buch (Zoot.), Blättermagen, die dritte und kleinste Abtheilunq des Magens der Wiederkäuer; s. u. Magen. Buch, Christian Leopold v. B., Freiherr, Hr. v. Gelmersdorf, Schöneberg rc., berühmter Geognost, geb. 26. (25.) April 1774 in Stolpe bei Angermünüe in der Uckermark; studirte unter Werner in Freiberg, untersuchte seit 1797 auf Reisen durch Deutschland, Frankreich, Italien, Skandinavien bis zum NCap, England und die Canarischen Inseln die Beschaffenheit der Erde,, nahm in Berlin, wo er mit A. von Humboldt iu inniger Freundschaft stand, seinen bleibenden Wohnsitz, von wo er aber immer neue Wanderungen antrat, so 1840 wieder nach Norwegen; er st. 4. März 1853. Anfangs war B. eifriger Anhänger von Werners Neptunismus, doch wurde diese Ansicht durch seine erste Reise nach Italien wesentlich erschüttert, u. in der Auvergne gab er sie ganz auf. Er stellte zuerst die Theorie auf, daß sich die Gebirge durch unterirdische Dämpfe gehoben hätten, u. schr.: Versuch einer mineralogischen Beschreibung von Laudeck, 1797; Geognost. 187 Buchau — Beschreibung von Schlesien, 1797; Geognostische Beobachtungen auf Reisen durch Deutschland und Italien, Berl. 1802—0, 2Bde.; Physikalische Beschreibung der Canarischcn Inseln, ebd. 1825, seine hier entwickelte Ansicht von der Bildung von Erhebnngskratern ist unterdeß durch weitere Forschungen gefallen; Reise durch Norwegen u. Lappland (1806—8), ebd. 1810, 2 Bde. (in diesem Werke stellte er zuerst die Beweise für eine langsame Hebung der Halbinsel zusammen); Über Ammoniten, 1832; Über Terebrateln, 1834; Über DelthyriS, 1838; Über den Jura in Deutschland, 1839; Beiträge zur Bestimmung der Gebirgs- formation in Rußland, 1840; Über Productus, 1842; Über Cystideen, 1845; Die Bäreninsel, 1847; Über Ceratiten, 1843; Betrachtungen über die Verbreitung n. Grenzen der Kreidebildung, Bonn 1849; er entwarf auch die geognostische Karte von Deutschland und den angrenzenden Staaten in 42 Blättern, 2. A., ebd. 1832. Seine letzte Arbeit war eine Abhandlung über die Juraformation, die er kurz vor seinem Tode in der Berliner Akademie vortrug. Seine gesammelten Schriften gaben heraus Ewald, Roth und Eck, Berl. 1867 ff. Vgl. Hoffmann, Geschichte der Geognosie, Berl. 1838; L. v. B-, in der Zeitschrist: Fortschritte der Naturwissenschaften, H. 1, Berl. 1857. Bucha», 1) Wilhelm, geb. 1729 zu Ancran in der schottischen Grafschaft Roxburgh, gest. 1805 in London. Er schr.: vomssbio msckioins, Lond. 1772 u. ö., deutsch von K. Sprengel, Alten- bnrg 1792; Odssrrab. ecmosrninA iüs prsvsution auck eure »1 tiio vsnsrsal äissass, Lond. 1796 f., deutsch von Lenne, Lpz. 1800 s., 2Thle.; ^.ckvlos to mobüsrs on tüs subjoot ok tüsir ovn üsaM stv., London 1803. 2) Elisabeth, Tochter des Gastwirthes John Simpson bei Banff in Schottland, geb. 1738; gründete 1779 die chiliastische Secte der Buchanisten, welche Gütergemeinschaft hatten u. beisammen wohnten, die Ehe aber für ein unnöthiges, ja ketzerisches Institut hielten u. laubten, daß sie nicht stürben, sondern unmittel- ar in den Himmel ausgenommen u. Gott von Angesicht zu Angesicht schauen würden. Die B. starb 1791, wurde aber erst 1846 begraben, da sie prophezeiht hatte, daß sie bis dahin wieder auferstehen würde, wenn man an der Wahrheit ihrer Lehre zweifeln würde. Ihre Secte, von welcher sie nach u. nach vergessen war, entstand in der neuesten Zeit wieder. Vgl. Jos. Train, Iüs Lnvdanibss, Edinb. 1846. Buchaua», 1) County im nordamerik. Unionsstaate Iowa, u. 42" n. Br. u. 92° w. L.; 17,034 Ew.; Countysitz: Jndependcnce. 2) County im nordamerik. Unionsstaate Missouri, u. 39" n. Br. u. 95° w. L. ; 35,109 Ew.; Countysitz: Sparta. 3) County im nordamerik. Unionsstaate Virginia, u. 37° II. Br. u. 82" w. L. ; 3777 Ew. Buchaua«, 1) Georg, berühmter schottischer Historiker u. Dichter, geb. 1506 zu Killearn in der schott. Grafschaft Stirling; stndirte in Paris, nahm 1524 unter dem Herzog von Albanien Kriegsdienste, verließ dieselben ans Kränklichkeit, ging 1524 nach St. Andrews, kehrte aber bald nmh Paris zurück, wo er 1526 eine Lehrerstelle erhielt; 1534 ging er BuchtNian. wieder in sein Vaterland zurück, wurde Lehrer des Grafen von Murray, natürlichen Sohnes des Königs Jakob V. Er schr. auf dieses Königs Antrieb mehrere Satiren gegen die Franciscaner, z. B. Lomnium u. vraneiseanns, n. wurde, da ihn selbst der König nicht schützen konnte, 1539 eingekerkert; aus dem Kerker befreit, floh er nach Frankreich, lebte zuerst in Paris ii. Bordeaux, ging 1547 nach Portugal, wo er auf der neu errichteten Universität Coimbra lehrte u., auf Anlaß der Mönche in ein Kloster gesperrt, seine Paraphrasen über die Psalmen schrieb (varapkirasia psalmornm vaviäis postüea, Antw. 1567, Basel 1721, in neuester Zeit heransgeg. von Longman). Nach erlangter Freiheit (1551) ging er nach England u. kehrte 1560 nach Schottland zurück, bekannte sich hier öffentlich zur Reformirten Lehre, schloß sich offen an die Gegner der Maria Stuart an, wurde Vorstand der Universität St. Andrews u. nach dem Sturze der Königin Maria Erzieher des jungen Königs Jakob I. von England und nach Murray Director der königl. Kanzlei u. Geh. Siegelbewahrer. Er legte diese Stelle 1581 nieder, ging nach Edinburgh n. starb daselbst 28. Sept. 1582. B. schr. noch: vstsetio Marias rsAinas, 1571; Vs fürs rsAni apnä Lootos, 1579 engl., 1750; Vs vpliasra; Vpistoias; VxiArammaba; 8/Ivas u. a. m. Sein berühmtestes Werk aber, das der Nachwelt seinen Namen sichert, ist sein 1582 zu Edinburgh in 20 Büchern erschienenes Geschichtswerk: Rsrum Looticarnm distoria, engl., Lond. 1690, u. von W. Bond, ebd. 1722, 2 Bde. Sämmtliche Werke gaben Th. Ruddiman, Edinb. 1715, 2 Bde., Fol., u. Pet. Burmann, Leyd. 1725, 2 Bde., heraus. Seine Selbstbiographie, Franks, a. M. 1608 n. Edinb. 1702. Vgl. Dav. Irving, Nsmoirs cck tiis liks anä rviitinAs ok O. 8., ebd. 1807, 2. A., 1817. 2) Claudius, schott. Orientalist, geb. 1766 in der Nähe von Glasgow; stndirte in Glasgow u. Cambridge und wurde 1796 als Caplan der Ostindischen Compagnie nach Calcutta geschickt, war eine Zeit lang Vicerector des Collegiums im Fort William in Bengalen, übersetzte das Neue Testament inS Persische u. Hindnstanische, gründete eine Anstalt zur Übersetzung der Bibel in asiatische Sprachen u. gab durch seine Denkschrift über die Nützlichkeit einer kirchlichen Verfassung für das britische Indien den Anstoß zur Beseitigung des Absperrungssystems, durch welches die Ostind. Compagnie die Eingeborenen von jeder Einwirkung des Christenthums sernzuhalten suchte (Parlamentsacte 1813); starb 1815. Er schr.: VÜristian rsssar- oiiss inL,sia, Lond. 1811, deutsch von Blumhardt: Neueste Untersuchungen über den gegenwärtigen Zustand des Christenthums in Asien, Stuttgart 1813. Lebensbeschreibung im Baseler Magazin, 1829. 3) James, 15. Präsident der Vereinigten Staaten von NAmerika, geb. 22. (13.) April 1791 zu Stony Batter (County Franklin) in Pennsyl- vanien, irischer Abkunft; stndirte bis 1809 auf dem Dickinson College in Carlisle, bereitete sich bei dem Advocaten James Hopkins in Lancaster für die praktische juristische Laufbahn vor und prakticirte seit 1812 als Advocat. 1814 wurde er Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung von z 88 Buchara — Pennsylvanien u. 1820 Mitglied des Repräsentantenhauses beim Congreß in Washington; 1831 bis 1833 war er Gesandter in Petersburg, von da an Mitglied des Senats beim Congreß in Washington und 1845—49 Staatssekretär unter Polk; darauf zog er sich ins Privatleben zurück bis 1853, wo er unter Pierce Gesandter in London wurde. Als solcher bemühte er sich namentlich für die Ausgleichung der Centralamerikanischen Frage (Beeinflussung der Verbindung zwischen dem Atlantischen u. dem Stillen Occan) u. des wegen der innerhalb der Vereinigten Staaten von britischen Agenten während des Krimfeldzuges unternommenen Werbungen entstandenen Conflicts u. nahm 1854 an dem Congreß der amerikanischen Diplomaten in Ostende theil, wo er sich für Erweiterung des Gebietes der Vereinigten Staaten aussprach. Er wurde im März 1856 von London zurückbernfen u. im Herbste 1856 als Candidat der demokratischen Partei zum Präsidenten der Vereinigten Staaten für die Jahre 1857—61 erwählt u. am 4. März 1857 als solcher inaugnrirt. Er übernahm sein Amt unter schwierigen Verhältnissen, da sein Vorgänger, in der Absicht, sich seine Wiederwahl zu sichern, ein Spielball der Sklavenhalterpartei geworden war u. den Gegensatz zwischen dem Norden u. Süden der Union bis zu einem blutigen Conflict hatte kommen lassen, dessen Schauplatz der neu zu constituirende Staat Kansas wurde. B-s Bemühen war zunächst darauf gerichtet, die untergrabene Autorität des Präsidentenstuhls wiederherzustellen, indem er sich über die Parteien stellte u. streng die bestehenden Gesetze handhabte. Nach Ablauf seiner Amts- Periode im März 1861 zog er sich nach Wheat- land bei Lancaster in Pennsylvanien zurück u. st. hier 1. Juni 1868. Vgl. Hauton, läks ok ll. L.> Rew-Aork 1856. 1) 3) Bartling.' L) röfflcr' Buchara, so v. w. Bokhara. Bucharei, ehemal. geographischer Name der centralasiatischen Länder; unter der Großen B. verstand man Turkestan oder Turan, das Gebiet des Amur u. Sir-Darja; unter der Kleinen B. das ehemalige chinesische OTurkestan (Landstrich von Kaschgar). Buchärest, Stadt, so v. w. Bukarest. Buchau, Stadt im Oberamte Riedlingen des württembergischen Donaukreises, nahe dem Federsee; fürstliches Amt u. Amtsgericht; Schloß; Synagoge; sonst freiweltliches Frauenstift, welchem die Herrschaft Straßberg mit 70,000 fl. Einkünften gehörte; 1803—49 Sitz einer fürstlich Thnrn und Taxisschen Herrschaft; Tuch- und Baumwollenwaarenfabrikation; 2224 Ew., wovon an H Juden. — B. war sonst Reichsstadt und gehörte zum Bunde der Schwäbischen Städte; 1803 kam es sammt Stift als Entschädigung an Thnrn u. Taxis u. 1806 an Württemberg. Das Frauenstift war im 9. Jahrh. von Adclinde, der Tochter des Herzogs Hildebrand von Schwaben, gestiftet. Die 8 Kanonissinnen, die freiherrlichen oder gräflichen „Standes sein mußten, konnten heirathen, nur die Äbtissin, welche fürstlichen Rang hatte, nicht. Buchbinder (gr. Bibliopeg), Handwerker, deren vorzüglichstes Geschäft das Eiubinüen von Büchern Buchbinder. ist. Der B. begann in früheren Zeiten das Binden eines Buches mit dem Planiren der Bogen, wenn diese von Druckpapier oder ungcleimt waren. Die Bogen wurden dabei ansgebreitet u. einzeln oder 4—5 zugleich durch erwärmtes, dünnes, mit Alaun versetztes Leimwasser (Leimtränke, Planir- wasser) gezogen, dann in einer gewöhnlichen Buch- binderpresse (Planirpresse) ansgedrückt u. zum Trocknen ans Schnüren aufgehängt. Die heutzutage zur Herstellung von Büchern verwendeten Papiersorten machen jene mühsame Vorarbeit ganz überflüssig, u. für gewöhnlich beginnt das Verfahren des Einbindens mit dem Falzen, d. h. Zusammenlegen der einzelnen Bogen. Die Bogen werden in das durch die Signatur angezeigte 4-, 8-, 12-, 16- oder 32-Format gebrochen u. die Brüche auf dem glatten Falzbrette mit dem kupfernen oder elfenbeinernen Falzbeine glattgestrichen. Die verschiedenen Maschinen, die znm Zwecke des Falzens erfunden wurden (z. B. von Hack, Buxhall, Simon u. A.) haben meist keine besonderen Vortheile geboten u. daher auch nur in vereinzelten Fällen Eingang gefunden. Nach dem Falzen beginnt das Collationiren, um sich von der richtigen Aufeinanderfolge der einzelnen Bogen u. der Vollständigkeit derselben zu überzeugen. Es folgt das Schlagen (aus dem Falz schlagen) einer Anzahl zusammengelegter Bogen (10—20) auf einem flachen Steine oder einer polirten Eisenplatte mittels eines schweren Hammers, wodurch dem Papier seine Steifigkeit u. Elasticität genom- men wird, damit die einzelnen Blätter später im Buche fest auf einander liegen bleiben u. sich nicht nach dem Zusammendrücken wieder von einander dehnen. Statt des Schlagens ist in neuer Zeit das Walzen allgemein üblich geworden. Die Bogen werden dabei zwischen zwei Zinktafeln durch zwei sich in entgegengesetzter Richtung drehende eiserne Cylinder getrieben. Dann beginnt das Pressen, welches zwischen 2 starken Brettern in einer Schranbenpresse geschieht. Die gewöhnliche B-presse hat V 2 —IV 2 w Länge, besteht ans zwei vierkantigen starken Hölzern, von denen das eine an zwei hölzerne Schrauben befestigt, das andere auf den Schrauben beweglich ist u. durch den an jeder Schraube befindlichen Wirbel gegen den zwischen die Hölzer gelegten Gegenstand gepreßt werden kann. Das Heften wird aus der Heftlade verrichtet; diese ist ein etwa 1 m langes u. */, m breites Brett, an dessen Seiten vorn zwei senkrechte Schrauben stehen, in die ein Querholz gesteckt wird, welches der Länge nach durchschnitten ist u. durch Schraubenmuttern in beliebiger Höhe befestigt werden kann. Nach der Größe des Buches werden mehrere Heftschnüre, gewöhnlich drei, an der Heftlade befestigt, welche unten an die vordere Seite des Breites mit eisernen Heststiftcn, oben an die eisernen Hefthaken gehängt werden. Die Hesthaken, durch den Einschnitt des oberen Querholzes gesteckt, endigen nach oben in eine Schraube u. können mit Flügelschrauben in die Höhe gezogen werden. Diese Schnüre Pflegen vertieft in dem Rücken des Buches zu liegen, zu welchem Zwecke mit einer Säge mehrere Einschnitte in den Rücken (Bünde) gemacht werden, in welche dieselben zu liegen kom- Buchbinder. 189 men. An die Schnüre werden die einzelnen zu» sammcngelegten Bogen mit der Heftnadel (B-ahle) angeheftct, indem man einen starken Zwirnfaden durch den Nückenfalz jedes Bogens neben der ersten Schnur durchzieht, ihn um die Schnur nm- schlägt, daun wieder in das Papier zurückstcckt, dasselbe Verfahren bei der zweiten, dritten rc. Schnur beobachtet, bis der Bogen an sämmtlichen Schnüren festsitzt, worauf die folgenden Bogen in gleicher Weise angeheftet werden. Noch macht der B. an die beiden Enden des Rückens mit einer feineren Säge zwei Querschnitte (Bicebünde). Bor dem ersten u. hinter dem letzten Bogen wird das Vorsetzpapier angesetzt, ein Blatt Papier, dessen eine Hälfte an den Deckel angeleimt wird, während die andere vorn und hinten im Buche ein leeres Blatt bildet. Nach dem Heften eines Buches wird dasselbe in die Handpresse (Bestech- prcsse) gebracht, n. wird der Rücken mit einem Hammer rund geklopft n. mit Leim bestrichen, damit sich die Bogen desto fester verbinden. Da die Bogen am Rücken nur wenig geschlagen sind u. der Heftzwirn in ihnen liegt, auch der Rücken zur Erweichung mit Kleister bestrichen wird, so quillt er allmählich etwas über die eigentliche Dicke des Buches hervor u. bildet einen Falz; dies ist das Abformen oder Abpressen des Buches. Auch wird der Rücken mit einem mit scharfen Zähnen versehenen Instrument (Kaschir-, Kratzeisen) anfgerauhet u. dann mit einem eisernen Werkzeuge (Rückeneisen, Nückenholz) wieder geglättet. Getrocknet kommt das Buch dann zum Beschneiden in die Beschneidepresse. An dem einen Preßholze befindet sich eine vorspringende Leiste, «n welcher der Beschneidehobel angelegt wird. Der deutsche Beschneidehobel besteht aus einer scharfen, stählernen, an einem Holze befestigten Scheibe; an dem Holze ist eine hölzerne Schraube angebracht, welche zum Griffe dient u. durch deren Drehung während des Hin- n. Herziehens des Hobels die Scheibe immer mehr an das zu beschneidende Papier gedrückt wird; dies alles ist wieder an einen Holzriegel befestigt, welcher an die vorspringende Leiste der Presse angelegt wird. An dem französischen Beschneidehobel ist statt der Scheibe eine stählerne Zunge, welche in eine Spitze auslänft u. von beiden Seiten abgeschrägt ist, angebracht. Bei dem Beschneiden selbst stemmt der B. die Beschneidepresse mit einem Ende gegen die Brust u. mit dem anderen auf den Fußboden u. beschneidet zuerst die vordere Seite des Buches oder den Capitalschnitt. Man hat jetzt auch Be- schncidcmaschinen, welche anfangs mehr zum Aus- einanderschnciden einzelner Bogentheile, z. B. Eti- quetten, Banknoten w., Verwendung finden, mehr u. mehr aber den Bcschncidhobel verdrängt haben u. in keiner größeren B-ei entbehrlich sind. Der Schnitt wird hieraus, während er fest eingepreßt bleibt, besprengt, einfarbig angestrichen, oder mar- morirt, oder vergoldet. Die Vergoldung des Schnittes, wozu meist reines Blattgold verwandt wird, bleibt immer die schönste Verzierung desselben, erfordert aber viel Accuratesse u. Gewandtheit. Bei dem sogenannten Federschuitt u. anderen bunten Schnitten von zarter Farbe wird der Schnitt in das flüssige Pigment getaucht. Ist die Farbe trocken, so wird sie mit einem Wolfzahn oder einem geschliffenen Steine geglättet. Das nun folgende Ansehen der Deckel ist verschieden, je nachdem ein Buch mit Papier oder Leder überzogen werden soll, a) Pappbaud: Der Rücken wird angepaßt, indem ein Streifen Kartenpapier genau in die Form desselben gebogen wird; derselbe erhält 2 Falzen, deren Abstand sich nach dem Umfange des Buches am Rücken richtet. Die hervorstehenden Hestschnüre werden mit einem Messer aufgeschabt (Bünde aufschaben), die innere Fläche des gebogenen Rückens mit Leim versehen u. das Buch zwischen zwei Bretter in eine Presse gebracht, wodurch das Kartenpapier an das äußerste Blatt des Vorsetzpapiers u. an die aufgefaserten Schnüre angeklebt wird, u. zwar so, daß der angelegte Rücken zwar mit dem Buche verbunden, jedoch an den gewölbten Rücken nicht festgeleimt, sondern frei u. hohl ist. Die Deckel werden aus glatter Pappe, etwas größer, als sie später bleiben, zuge- schnitten n. an die Seiten des Buches bis zu den Seitenfalzen angeleimt. Diese Deckel werden nach einem dünnen eisernen Lineal (Falzlineal, Formeisen) beschnitten, u. das Überziehen des Buches mit gefärbtem Papier kann nun vor sich gehen. Dazu dient aus Stärke bereiteter Kleister mir Zusatz von etwas Alaun oder einer Abkochung von Coloquinten (B-kleister) oder Leim, der zuerst auf das zum Überzüge bestimmte Papier gestrichen wird, worauf dieses an den Rücken des Buches augeklebt, mit dem Falzbeine gestrichen u. in die Rückenfalze eingestrichen wird. Das Buch wird nochmals gepreßt, geglättet und abgeputzt und ist fertig. i>) Leder-, Leinen- u. Pergament-Band. Werden die Deckel ganz mit Leder überzogen, so heißt der Baud ganzer Franzband; werden bloß Rücken u. Ecken damit überzogen, so heißt er halber Franzband. Das gewöhnlichste Leder zu einem Franzband war früher lohgares Kalb- od. Schaf- leder, jetzt meist gleich zubereitetes Leder, wie Maroquin, Saffian, Chagrin u. Juchten. Ehedem war auch bes. zu Foliobänden Schweinsleder gebräuchlich; in neuerer Zeit ist das thcnre Leder mehr u. mehr von dem Leinen (Calico; genarbt oder geriest, in allen Farben) verdrängt worden. Die Leinenbände (Calicobände) kamen zuerst in England auf, wo alle neuen Bücher von einigem Umfange mit Calicoüberzng cartonirt werden. Die zugeschnittenen Deckel werden gegen die Falze auf Las Buch gelegt u. die Heftschnüre entweder aufgefasert n. aus den Deckel geleimt, oder nicht auf- gcfasert u. zum Befestigen an den Deckel durch ein darin befindliches Loch durchgezogen u. verschlungen; oben u. unten am Ende des Rückens wird ein Pergamentstreif oder Seidenband (Capi- talband) zur Verschönerung des Buches angeleimt (daher auch kapitalen) u. oft mit Seide umstochen (bestechen). Außerdem werden die Gebinde auf dem Rücken dadurch hervorgehoben, daß der B. mit dem Einreibeholze, einem gekerbten Stück Holz, mehrmals auf dem Leder hinstreicht. Das Leder muß an den Seiten, wo es endigt, bei dem halben Lederbande abgeschärft, d. h. so verdünnt werden, daß es beim Aufkleben keinen hervorstehenden Absatz bildet. Das Auskleben selbst geschieht mit Kleister, nachdem das Leder vorher 190 Buchbinder. etwas angefeuchtet ist. Als äußere Verzierungen kommen sehr oft vorzüglich noch goldene auf den Band; dabei wird das Buch in die Klotzpresse, deren dicke Preßhölzer ans der einen Seite schräg abgehobelt sind, gespannt; das Gold oder Silber wird auf dem Goldkissen zngeschnitten, mit einem Stück Pergament (Anftragblatt) aus die mit Eiweiß oder sehr seinem Leime bestrichene Stelle gelegt (anfgetragen). Die messingenen Stempel n. Meten (Borifileten), letztere gewöhnlich mondförmige Eisen in hölzernen Stielen, deren Mitte glatt oder gemustert ist, werden über dem Feuer heiß gemacht, anfgedrückt n. das Übrige neben der Vergoldung mit dem Wollenlappen weggerieben. Zur Vergoldung auf Seidenzeugen nimmt der B. zum Grunde trockenes Eiweiß, etwas Zucker u. Mastix u. bringt das Gold mit Flor auf die gehörige Stelle, doch müssen die Stempel hierzu heißer sein. Die Vergoldung aus freier Hand ist bes. in den fabrikmäßig eingerichteten Buchbindereien, wo eine große Anzahl von Exemplaren eines Buches oft auf einmal gebunden wird, in neuerer Zeit nicht mehr üblich. Man wendet sowol zum Gold- wie zum Blinddruck sog. Vergolderprcssen u. Prägepressen an. Die Verzierungen werden dabei accurater, schärfer u. glänzender. Die Titel werden mit Messing- oder Buchdruckerschrift, bei größeren Auflagen von besonders dazu gravirten Messing-Platten aufgedruckt. Zu Verzierungen brancht der B. auch die Bilderrolle, eine messingene Rolle, welche sich um einen eisernen Stift dreht, an dem sich ein gabelförmiger Griff befindet; in der Oberfläche sind Figuren eiugravirt, welche eingedrückt werden; gewöhnlich werden Gold- oder Silbcrblättchen untergelegt, so daß die Figuren zugleich vergoldet oder versilbert werden. Dies heißt Abrollen, während jenes, das mit den Stempeln geschieht, Abstcmpeln genannt wird. Zuletzt wird der Einband mit dem erwärmten eisernen Glättkolben geglättet. Bei einem gut gebundenen Buche darf der Schnitt nicht znsammen- kleben, u. anfgeschlagen müssen die Blätter nach beiden Seiten fest aufliegen. Diese letztere Eigenschaft besitzen in vollkommenster Weise LieHancock- schcn Einbände; diese unterscheiden sich von anderen Einbänden wesentlich dadurch, daß das Zusammenhalten der Blätter nicht durch Heftzwirn u. Leim, sondern durch Kautschuk erreicht wird. Das Buch wird dabei an allen vier Seiten beschnitten, so daß cs lauter einzelne Blätter bildet. Mittels einer cylindrisch ausgehöhlten Rimie wird der Rücken gesonnt, dieser zusammengepreßt u. mit einer Kantschuklösung bestrichen. Ist der Kautschuk eiugetrockuet, so wird eine neue Lösung darüber gestrichen, bis ein vierfacher Überzug entstanden ist, der einen völlig haltbaren, biegsamen n. gegen Insektenfraß gesicherten Rücken darstellt. Bei Roten-, Schreib- n. Handlungsbüchern ist diese Art des Einbandes bes. empjehlenswerth. Von Hilfsmaschinen für B. sind noch zu erwähnen: Papierschneidemaschinen mit contiunirlichcr Fortbewegung des Messers mittelsKurbel, Schwungrad u. Rädcrvorgelege, Gold- u. Hochdruck-Pressen mit Bolzenheizung n. Gasheizung, Satinir-Walzwerke mit Parallelstellung u. doppelter Räderübersetzung, Scheiben-Pappenscheercu znm Schneiden für Cartonnagen n. Eisenbahnbillets (liefert mit 22 Paar Messern in einer Stunde 20,000 Billets), Ritz- maschincn, Kantenschrägemaschineu zum Herstellen gleichbreiter Schrägeflächen bei beliebig starken Pappen, Maschinen zum Abpressen der Buchrücken, Einsägcmaschinen (bei großer Accuratesse das sechsfache der Handarbeit liefernd), Durchstoß- u. Prägepressen für leichtere Arbeiten. Als eine der vortheilhastestcn Maschinen für größere B-eien, welche in neuester Zeit noch eiugeführt wurden, ist die Circular-Schneidemaschine zu nennen. Dieselbe hat zwei Wellen mit je 8 Scheibenmcssern, welche für alle Formate verstellbar sind u. gegen einander scheerenartig schneiden; sie theilen den ganzen Pappdeckel mit einem Durchgang in beliebige Anzahl Streifen, welche nach einer zweiten Stellung in winkelrechte Buchdeckel geschnitten werden. Endlich noch werden neuerdings empfohlen: Deckenanreibemaschineu, namentlich für chagri- nirtc Leinen- v. Leder-Überzüge, Gold-Abkehr- Maschinen mit einer Bürstenwalze, welche das überschüssige Gold wesentlich schneller u. reiner abkehren, als cs mit der Handbürste geschieht, u. jedem Goldverlnste Vorbeugen. Abbildungen der genannten Maschinen, welche meist auch für Dampfbetrieb eingerichtet werden, enthalten u. a. die Preiscourante von A. Fomm, A. Hogeuforst u. C. Krause in Leipzig. Von jeher war es üblich, daß der B. sich mit Nebengeschäften befaßte, welche das eigentliche Gebiet seiner Kunst weniger berühren, so namentlich das Unfertigen von allerlei Papp- u. Lederarbeiten, von Etuis, Mappen, Album, Entrahmen von Bildern u. dgl. Im Laufe der Zeit haben sich aus Nebensächlichkeiten eigene, von der Buchbinderei unabhängige Geschäfte, selbst große Fabrik-Etablissements herausgebildet, am frühesten die sogenannten Portefeuille- u. AlbumFabriken-, die hauptsächlich Leder-Galanterie-Maaren erzeugen. Hauptsitz derartiger Fabriken sind Offenbach, Wien u. Paris. Die Alten pflegten ihre Manuscripte aufzurollen, schon sie suchten die Benutzung derselben möglichst bequem zu machen. Die Kunst, Bücher einzubinden, entstand, als man anfing das Geschriebene in Büchersorm zu bringen. Die Deckel bestanden aus Holz, Stein oder gebranntem Thon. In jener Zeit, in welcher das Abschreiben der Bücher von den Mönchen betrieben wurde, lag das Geschäft, dieselben einzubinden, dem Kirchner ob. Ein solcher Einband vom Jahre 720, an- gefcrtigt von Bilfried aus Durham, befindet sich im Britischen Museum in London. Diese Einbände waren meist sehr kostbar, dem hohen Preise der Manuscripte entsprechend. Massives Silber, selbst Gold wurde zu den Deckeln verwendet, auch Holz mit Metallblech überzogen. Zum Schmucke dienten Reliefs von getriebener Arbeit, welche bei Pr-achtwerken mit Diamanten u. Rubinen verziert waren; auch Schnitzwerk, namentlich in Elfenbein, wurde eingelegt. Gewöhnlichere Einbände hatten einen Überzug von gepreßtem Leder, Pergament, Tuch, Sammet u. Seide. Zur Schonung des Deckels dienten Metallbnckeln oder Streifen, zum Zusammenhalte der Bücher metallene Spangen oder lederne Clausuren. Auch Buchdruckm. 191 bewahrte man die Einbände noch durch besondere Gehäuse, welche wieder für sich reich verziert wurden, oder trug die Bücher, namentlich Breviere, in einem Beutel aus Leder oder Seidenzeug am Gürtel. Seit Erfindung der Buchdrnckerkunst wurde auf den Einband weniger Werth gelegt, doch lernte man erst jetzt, denselben bequemer herzustellen; die meisten Deckel bestanden im 15. u. 16. Jahrh. aus Leder oder Holz und Pappe mit ledernem Überzüge; doch gab es einzelne fürstliche Bücherliebhaber, welche auf die Einbände ihrer Bibliothek große Summen verwendeten. In neuerer Zeit ist diese Art Luxus wieder anfgelommen, u. in Paris u. Leipzig leistet die Knnsttechnik im Büchereinbande Vorzügliches. Vgl. Arnctt, Biblio- pegia, ans dem Englischen, Stuttg. 1837, 2. A.; Bade u. Winkler, Jllnstr. B-buch, 2. Ausl., Lpz. 1866; Jllnstr. B-zeitnng, Berl.; Peignot, Lssai stiLb. st nroköol. sur la rolinrs ckss livres, Dijon 1834. Buchdrucken, im Allgemeinen diejenigen Verrichtungen, welche erforderlich sind, um ein handschriftliches Geistesprodnct (Manuscript) mittels der Buchdruckerpresse zu vervielfältigen. Es sind namentlich zwei Zweige der Buchdruckerkunst, welche hier in Betracht kommen: Schriftsetzern u. Druckerei. Um den Buchdruck zu ermöglichen, bedarf es einer Druckerei-Einrichtung. Eine solche besteht: 1) aus den Buchdrucklcttern (Typen); 2) aus den Regalen u. Schriftkästen, in welchem die Lettern anfbewahrt werden; 3) aus den verschiedenen Utensilien, mit deren Hilfe der Schriftsatz ermöglicht wird; 4) aus den Maschinen zur Herstellung des Druckes: Hand-, Schnell-, Satiuir- u. Glättpressen. Die Lettern werden in der Schriftgießerei (s. d.) erzeugt, kommen von dort in Pakete und müssen vor ihrer Ingebrauchnahme in die Schriftkästen gebracht (eingelegt) werden. Sie heißen Brodschriften, wenn sie zum einfachen Bücherdrucke rc. dienen, Titelschriften, sobald sie zur Hervorhebung eines einzelnen Wortes oder zur Herstellung von Titeln Verwendung finden sollen, u. Zierschriften, wenn sie besonders zierlich erscheinen. Die Ränder, mit denen man z. B. Adreßkarten einzufassen Pflegt, heißen Einfassungen, u. die kleinen Bilder, denen wir namentlich in Zeitungen begegnen: Vignetten. Die Brod- schriftcn zerfallen in drei Arten: gewöhnliche deutsche Druckschrift (Fractnr), geradstehende lateinische Schrift (Antiqua) u. liegende (Cursiv); die Titelschriften haben je nach der größeren oder geringeren Fette ihrer Grundstriche u. nach ihrer Form verschiedene Bezeichnungen (halbfette, fette, schmale Fractnr u. Antiqua, Gothisch, Kanzlei, Egyptienue, Grotesqne rc.); die Größenunterschiede sind nach Graden (typographischen Punkten) genannt (Nonpareille, Petit, Bourgeois, Cicero rc.), denen die Buchstabenkörper (Kegel), auf welchen die Bnchstabenbilder gegossen werden, entsprechen. Nachdem die Sctzregale — pultartige Gestelle, in welche sowol Kästen eingeschoben, als auf dieselben schrägstehend aufgestellt werden können — die geeigneten Plätze erhalten, beginnt das Einlegen der Schriften, u. zwar derartig, daß die am häufigsten im.Schriftsätze vorkommenden Buchstaben (e, n, a, d rc.) nicht nur die größten Fächer erhalten, sondern auch der Hand des Setzers am nächsten liegen. Nach Erledigung dieser Vorarbeit schreitet man znm Satze. Der Setzer schiebt denjenigen Kasten mit Schrift, ans welcher die herzustellende Druckarbeit gesetzt werden soll, auf sein Regal, legt das abzusctzende Manuscript auf ein linealartiges Stäbchen mit eiserner Spitze (Tenakel), klemmt es mit einer hölzernen Gabel (Divisorinm) darauf fest n. befestigt das Ganze in der linken Seite des Setzkastens. Vor diesem nimmt der Setzer Platz; seine linke Hand hält den Winkelhaken, ein eisernes, kastenartiges Instrument von ca. 25 sm Länge u. 4 om Breite, dessen eine kürzere Seitenwand verstellbar ist u. mehr oder weniger nahe an die entgegengesetzte gebracht werden kann, je nachdem dies die Zcilen- breite erfordert. Er liest nun Satz für Satz vom Manuscript ab, entnimmt mit der rechten Hand dem Kasten die entsprechenden Buchstaben u. reiht sie in dem Winkelhaken von links nach rechts an einander. Nach jedem Worte folgt eine Letter ohne Buchstabenbild (Ausschließung), welche im Abdrucke den Zwischenraum ermöglicht. Diese Manipulation wird so lange fortgesetzt, bis keine Letter mehr Platz findet. Fehlen an dem letzten Worte noch einige Buchstaben, so kommen an Stelle der anfänglich hineingesctzten Ausschließungen schwächere, bis das Fehlende eingereiht ist; füllt sich die Zeile mit einem vollendeten Worte nicht ganz, so werden zu den vorhandenen Ausschließungen ganz dünne (Spatien) hinzugesteckt, bis die Füllung erreicht, d. h. die Zeile ausgeschlossen ist. Dieses Ansschließen ist bis heute die Klippe geblieben, an welcher die allgemeine Verwendung von Setzmaschinen (s. d.) gescheitert. Nun wird die in der Regel messingene Unterlage, auf welcher die Aneinanderreihung derLettern erfolgt: die Setzlinie, unter der Zeile hervorgezogcn u. auf dieselbe gelegt, wenn Zeile auf Zeile direct folgen, der Schriftsatz compreß sein soll; im anderen Falle kommen zwischen die Zeilen lange Spatien (Durchschuß), u. heißt ein so beschaffener Satz durchschossen. Ist der Winkelhaken auf diese Art mit Zeilen gefüllt, so wird die Gesammtheit derselben heransgenommen (ansgehobcn) u. ans das Setzschiff, eine länglich viereckige Zinkplatte, gestellt, deren drei Seiten mit ca. 2 om überstehenden Holzrändern eingefaßt sind. Ist die Zahl der Zeilen, welche die Druckseite enthalten soll, erreicht, dann ist eine Columne fertig; sie erhält oben die Seitenzahl (Colnmnentitel) u. unten am Fuße starke Ausschließungen (den Unterschlag), wird mit einer Schnur fest umwunden (ansgebnnden) u. auf ein Setzbrett gestellt (ausgeschossen). Mit der Colnmnenbildung wird so lange fortgefahren, bis die zu einem Druckbogen erforderliche Zahl vorhanden (zu Folio 4, Quart 8, Octav 16, Duodez 24, Sedez 32 u. s. f.). Bei der Herstellung vonZeitungen, großen, (z. B. lexikalischen) Werken, überhaupt da, wo es sich um schnelle Erledigung eines Druckauftrages handelt, ist das Verfahren in so fern anders, als eine entsprechende Anzahl von Setzern sich nur mit der Bildung von Zeilen befaßt u. diese in Stücken von bestimmter Länge (Paket) ausbindet, wohingegen es einem einzelnen Setzer, dem Metteur-en-vages, anheim- 192 Buchdrucker. fällt, aus diesen Paketen Zeitungen, Werke rc. zu bilden. Sobald die erforderliche Zahl der Colum- nen vorhanden, werden sie in eine Handpresse gestellt u. ein Abzug davon genommen (Correctur abgezogen). Je nach dem eigenartigen Inhalte des Werkes, dem schlecht geschriebenen Manuskript des Verfassers oder der flüchtigen Arbeit des Setzers ist die Zahl der Correctur-Abziige verschieden. Sobald die letzte Correctur in die Druckerei gelangt u. deren Änderungen berichtigt sind, werden dieColumncn auf eiuenStein od. eine eisernePlatte (Schließsteiu) gestellt u. hölzerne oder Schriftme- tall-Stege dazwischen gelegt, um beim Drucken den weißen Papierrand zu erzielen, der sich um jede gedruckte Seite befindet. Hierauf werden die Schnüre, welche die Columnen bisher hielten, gelöst, die letzteren selbst fest aneinandergeschoben n. dann das Ganze in einen eisernen Rahmen eingekeilt, oder mittels eines neueren Schrauben- Keilsystems eingespannt (geschlossen). Die so geschlossenen Columnen (die Form) können nun bequem von der Schließplatte ausgenommen u. gedruckt (eingehoben) werden. Der Druck erfolgte früher auf hölzernen, später auf eisernen Handpressen; je nach dem Erbauer oder Verbesserer heißen die letzteren Stanhope-, Hagar-, Dingler-Pressen rc. Seit Erfindung u. Verbreitung der Schnellpresse (s. d.) sind die Handpressen ganz in den Hintergrund gedrängt, finden sich als alleiniges Druckmittel nur noch in den kleinen Provinzial-Buchdruckereien u. dienen in den größeren zum Abziehen der Correctnren, eventuell zur Herstellung besonders umständlicher Drucksachen von geringerer Auflage (Werthpapiere rc.). Deshalb kann bei Vergegenwärtigung der Druckmittel im Allgemeinen auch nur die Schnellpresse in Betracht kommen. Dem Einheben der Forni in die Schnellpresse geht die Präparirung des zu bedruckenden Papiers vorauf; dasselbe wird gefeuchtet (lagenweise durch Wasser gezogen) u. satinirt (zwischen Zinkplatten oder durch Ca- lander geglättet). Während dessen ist der Drucker (Maschinenmeister) beschäftigt, die eingehobene Form druckfähig zu machen, sie zuzurichten, d. h. er hat dafür zu sorgen, daß alle Buchstaben klar u. deutlich auf dem Abdrucke erscheinen. Sobald dies erreicht, erfolgt ein nochmaliger Abzug, die Preßrevision, welche der Principal oder sein Vertreter zur Vergleichung mit der letzten Correctur, resp. zur allgemeinen Begutachtung erhält. Inzwischen wird die zu bedruckende Bogenzahl, die Auflage, auf den Anlegetisch der Schnellpresse gebracht (vorgeschlagen), die Drnckwalzen eingesetzt u. mit der erforderlichen Druckschwärze versehen. Nach Erledigung der Revision erfolgt der Druck auf der einen Seite (Schöndruck), indem die Bogen vom Anlegetische ans den Druckcylinder gebracht (angelegt) werden. Während des Schöndruckes erhält jeder Bogen durch eine mechanische Vorrichtung zwei Löcher (Puncturlöcher) von Stecknadelkopfgröße; beim Druck der Rückseite (Widerdruck) werden die Bogen mittels dieser Löcher auf kleine Stiftchen (Puncturen) im Druckcylinder u. Anlegetisch anfgenadelt (punctirt) u. dadurch, ermöglicht, daß Henau Seite auf Seite trifft (Register gehalten wird). Doch hat man in der Neuzeit, zunächst für den Druck großer Zeitungen, auch Maschinen hergestellt, welche den Druck auf beiden Seiten zugleich liefern. Während des Druckes hat der Maschinenmeister darauf zu achten, daß die Farbe stets in gleicher Weise ausgetragen u. sowol beim Anlegen, als Punctiren so wenig wie möglich Bogen verdorben (maculirt) werden. Nach Beendigung des Druckes werden die Bogen getrocknet u. dann einzeln zwischen Glauzpappen in die Glätt- presse gesetzt u. geglättet, während die Druckform aus der Schnellpresse in den Waschtisch gehoben, daselbst mittels Bürste u. Lauge von der Schwärze befreit u. daun dem Setzer übergeben wird, welcher sie auseinanderuimmt u. die Lettern wieder in ihre Kästen, resp. Fächer zurückbringt (ablegt). Dies ist der Verlauf beim einfachen Werkdruck auf der Schnellpresse. Je nach den verschiedenen Arbeiten, welche heute von der Buchdruckerei verlangt u. geleistet werden, u. je nach den vervoll- kommneten Druckmitteln modificirt sich das Verfahren. Vgl. Buntdruck, Prägedruck, Naturselbstdruck, Stereotypie, Xylographie rc.; Journal für Buchdruckerkunst, Braunschw.; Archiv für Buchdruckerkunst, Lpz.; Annalen der Typographie, ebd.; Franke, Handbuch der Buchdruckerkunst, Weimar 1867, 4. Ausl.; Waldow, Die Buchdruckerkunst, Lpz. 1871, 2. Ausl.; Marahrens, Handbuch der Typographie; Bachmann, Handbuch der Buchdruckerkunst, Weimar 1876. H- Small«... Buchdrucker (Typographen), Collectivbezeich- nung Derjenigen, welche die Buchdruckerei er- lernt haben, d. h. entweder setzen (Schriftsetzer), drucken (Drucker, Maschinenmeister), oder beides können (Schweizerdegen). Die Lehrzeit der B. dauert im Allgemeinen vier bis fünf Jahre. Vor dem Beginne derselben haben sich die Lehrlinge einer Prüfung zu unterwerfen, nach deren günstigem Verlause sie ausgenommen werden u. eine wöchentliche Geldentschädigung, sog. Kostgeld, erhalten. Ihre Unterweisung erhalten sie entweder vom Besitzer der Buchdruckerei (Principal), oder von dessen Vertreter (Factor). Die Beendigung der Lehrzeit (die Lossprache) geschieht in der Regel mit einer kleinen Festlichkeit. In Gegenwart der Setzer u. Drucker wird der Lehrling durch Händedruck u. Glückwunsch losgesprochen u. ist nun Gehilfe. Bei seinen neue» College» muß er sich jedoch durch eine besondere Abgabe (lutroltuo) einführen; auch pflegt man den jungen Gehilfen durch gewaltsames Niedersetzen auf einen mit Wasser reichlich getränkten Schwamm (gautschen) zu einer weiteren Bewirthung zu veranlassen, über welchen Act dann schön gedruckte Bescheinigungen (Gautschbriefe) ertheilt werden. Ehedem wurden bei dieser Gelegenheit Reden gehalten, dem loszusprecheuden Lehrling ein Kranz aufge- setzt u. dgl. Auch waren mit diesem Lossprechen verschiedene eigenthümliche Gebräuche verbunden, die jedoch so ausarteten, daß der Deutsche Reichstag in der Mitte des 18. Jahrh. mehrere Verordnungen dagegen erließ. Diese Handlung hieß Postulat (Deposition). Zunächst wurde der Lehrling nach einer gewissen Lehrzeit zum Cornuten emacht, als der er eine Mütze mit Bockshörnern, inten mit einem Fuchsschwänze u. Schellen, trug u. ein bestimmtes Geld (meist 6 Gr.) wöchentlich Buchdruckerei — an die Gesellschaft zahlte. Bei dem Lossprechen selbst hieß der Lehrling der Postulirende, der die Feierlichkeit leitende Depositor. Der Depositor, mit Pritsche u. Beil gerüstet, redete erst die Gesellschaft, dann den ihm durch einen Gehilfen zugeführten Postulirenden, der dabei jene Mütze trug, an. Der Postulirende mußte sich niederlegen u. empfing mit der Pritsche einige Streiche; dann wurde ihm mit dem Beil die Mütze von dem Kopfe geschlagen. Zuletzt erfolgte die Con- firmation, die Ertheilung einiger Backenstreiche, worauf der so Geweihte in die Gesellschaft eintrat und derselben einen Schmaus gab. Die sociale Stellung der B. war in dem Zeiträume von Erfindung der Buchdruckerknnst bis auf unsere Tage eine sehr verschiedene. Anfänglich nur von Gelehrten ausgeübt, machten sich später auch die fahrenden Sänger die Buchdruckerei zu Nutze, um mit ihrer Hilfe Mordgeschichten, Volkslieder rc. zu vervielfältigen u. zu verkaufen, ähnlich dem Till Enlenspiegel, welcher noch heute in den unteren Volksschichten Liebhaber findet. Als man sich jedoch nicht auf denDrnck harmloser Stoffe beschränkte, sondern die Handlungen der Regierung, der Stände, Bischöfe rc. ebenfalls einer Kritik unterzog, begann die Säuberung des Weizens von dem Unkraute. Die Buchdruckerei wurde als edle freie Kunst erklärt u. unterstand nicht dem Zunftzwangs, dem Bürgermeister oder der Landesregierung, sondern allein dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Der Buchdruckereibesitzer (Druck- Herr) wurde Künstler, stand zwischen dem Adel u. den Gelehrten, durfte Gold u. Degen tragen u. ein eigenes Wappen führen (der Schriftsetzer einen Adler mit Winkelhaken u. Tenakel, der Drucker einen Greif niit Ballen in den Krallen nnter einem offenen Helme). Zur Erlangung der Concession für eine Buchdrnckerei war Gelehrtheit Bedingung, deren Grad die Universität prüfte. Der Druckherr mußte Nachweisen, wo er die edle Kunst gelernt n. geübt, Proben seines Wissens geben u. schwören, für sich u. sein Gesinde (Setzer, Drucker, Gießer u. Formschneider) nichts Unredliches zu drucken u. namentlich keine Stümper heranznbilden. Dies Verhältniß blieb, so lange die wissenschaftlichen Arbeiten vorherrschten. Mit der Entwickelung von Handel n. Verkehr, namentlich aber mit dem allmählichen Aufschwünge der Industrie, der Einführung der Gewerbefreiheit u. der Hebung unserer Literatur reichten die gewohnten Hilfskräfte nicht mehr aus; man nahm dieselben, wo man sie fand, wissenschaftliche Bildung wurde nebensächliche Bedingung, u. die mangelnde künstlerische Befähigung suchte man durch Erfindung u. Einführung von Maschinen u. durch Theil- ung der Arbeit zu ersetzen. So verflachten Kunst u. Künstler; elftere sank zum Gewerbe herab u. hat sich nur noch in einem kleinen Theil der Buch- drnckereien als Kunst erhalten, u. die Zahl der Künstler ist unter den B-n auch gewaltig im Abnehmen begriffen. Eine Hauptschuld hieran trägt unsere Zeitungsliteratnr. Der Satz von Zeitungen stellt in künstlerischer Hinsicht die geringsten Anforderungen an den Setzer u. gewährt ihm dafür hohen Lohn und dauernde Stellung (Condition), welches Verhältniß bei dem Setzer von Büchern PiererS Nnwerjal-Coiwersatioiis-Lekilon. k. Allst. I' Biichdruckerkuust. 190 (Werken) u. anderen Arbeiten (Accidenzien) gerade umgekehrt ist. Die Besoldung der Gehilfen erfolgt entweder in bestimmten Wochenlöhnen (gewisses Geld) oder nach Bnchstabenzahl (Berechnen). Als Norm galt in früherer Zeit das n; neuerdings ist jedoch das kleine Alphabet als Maßstab allgemein angenommen. Die sehr niedrigen Löhne der Gehilfen in den letzten Jahrzehnten gaben Veranlassung zu einer Gehilfenvereinigung (s. Buchdruckerverband), welche geistige u. materielle Verbesserung ihrer Mitglieder erstrebt; daS letztere hat sie erreicht; vom ersteren erwartet man noch das Resultat. Vgl. Journal für Buchdruckerknnst, Braunschweig; Correspondent für Deutschlands B. u. Schriftgießer, Leipz.; Annalen der Typographie, Lpz. H- Smalian. Buchdruckerei (Officin), Anstalt, welche den Druck von Büchern mittels beweglicher Lettern besorgt; s. Buchdrucken, Buchdrucker u. Buchdrucker, knnst. Buchdruckerfarbe, die Schwärze, welche der Buchdrucker zum Drucken braucht, besteht aus Leinöl- firniß u. Ruß u. wurde früher von den Buchdruckern selbst bereitet. Der B. hat sich in unserer Zeit die Industrie bemächtigt, u. existiren eine große Anzahl von Fabriken, welche nur B. anfertigen. Die Güte u. feine Verreibung der B. trägt wesentlich zu einem schönen klaren Drucke bei. Zu feiner B. nimmt man nur Lampenruß, und wird diese Farbe namentlich zu illustrirten Werken n. elegant ausgestatteten Zeitschriften verwendet. Zu ordinärer B. nimmt man calcinirten Kienruß. Letztere wird fast ausschließlich gebraucht beim Zeitungsdruck. Die gebräuchlichste B., welche namentlich zu gutem Bücherdruck verwendet wird, ist mit Zusatz von Lampenruß hergestellt. Man bereitet starke, mittlere u. schwache B., nach dem Grade der Cousistenz; auch ist dieselbe dem Einfluß der Temperatur unterworfen. Die bunten Buchdrnckfarben werden ebenfalls in Fabriken angefertigt, jedoch ist es zweckmäßiger, bei nur geringem Gebrauche sich diese selbst anzureiben. Der Druck der bunten B-n erheischt eiue^besondere Sorgfalt u. gewisse Intelligenz von Seiten des Buchdruckers. Buchdruckerkäfer, so v. w.Szähniger Fichten- Borkenkäfer, s. u. Borkenkäfer, 'S. 690. Bnchdruckerkunst (Typographie), die Kunst, mittels beweglicher Typen Druckformen herznstellen und durch Abdrücke von denselben Handschriften (Manuskripte) zu vervielfältigen. Über Zeit und Ort der Erfindung, sowie über den Erfinder selbst ist viel gestritten worden, u. doch ist ein derartiger Streit zwecklos. Die weltgeschichtliche oder richtiger culturhistorische Bedeutung der B. liegt nicht in dem Druck von Büchern überhaupt — denn diese wurde bereits im Anfänge des 15. Jahrh. von Holztafeln hergestellt, sondern in der Möglichkeit, Geistesproducte leicht, schnell u. billig zu vervielfältigen u. an die Stelle des Büchcrleihens den Bnchverkauf einzusühren. Die geistige Nacht, welche infolge der Krenzzüge, des Kampfes zwischen Ghi- bellinen u. Gneisen u. der Herrschaft des Faust- rechtes über das Abendland ausgebreitet war, lichtete sich allgemach mit dem Ende des 14. Jahrh. Die Einwanderung griechischer Gelehrter u. deren Beispiel wirkte anregend auf ihre Umgebung. Es Band. lg 194 Buchdruckerkunst. entstanden die Akademien der Wissenschaften; an den meisten Universitäten und den Hosen einiger Fürsten wurden ansehnliche Büchersammlungcn gegründet, u. selbst reiche Privatgelehrte entschlossen sich zur Anlegung derselben. Die Schätze des Wissens, welche nun zu Tage gefördert wurden, blieben jedoch ausschließlich Eigenthum der genannten Kreise. „Der Preis eines vorzüglichen Buches konnte unter Umständen ein Privatvermögen erschöpfen. Demnach blieb der weniger bemittelte Freund der Wissenschaft meist auf das eigene Nachdenken beschränkt, oder auf einige wenige Bücher, welche der Zufall ihm darbot, u. seines Geistes Kraft ermattete in isolirtem Ringen nach höheren Erkenntnissen, welche nur die Frucht der aneinandergereihten Forschungen von Vielen sind" (Rotteck). Und doch war es eine Culturnothwen- digkeit, daß die Wissenschaft nicht Eigenthum Weniger, sondern Gemeingut Aller wurde. Dies Ziel konnte jedoch mir erreicht werden durch eine billige Herstellung der Bücher, u. diese war wieder nur möglich durch den Druck von beweglichen Typen. Deshalb kann nur der Erfinder dieses Druckes, resp. der Drucktypen (s. Schriftgießerei) als Erfinder der B. bezeichnet werden. Die B. gehört zu denjenigen Erfindungen, welche nicht urplötzlich, sondern allmählich erfunden wur- oen. Die Uranfänge derselben finden sich bei den sogenannten Briefmalern des Mittelalters, einer zunftmäßigen Klasse von Schreibern, welche Kalender, Andachts- u. Schulbücher abschrieben und mit Malereien, namentlich Initialen, versahen. Die sich allmählich steigernde Nachfrage nach diesen Gegenständen zwang die Verfertiger, auf technische Hilfsmittel zur leichteren u. schnelleren Vervielfältigung zu sinnen; man gravirte die Druckseiten anfänglich in Metall, schnitt sie später in Holz u. machte davon Abdrücke nach Bedarf, auf welche Weise aus den ursprünglichen Briesmalern sich Briefdrucker entwickelten. Solcher Briefdrucker existirten nun viele, und da die an sie gestellten Forderungen sich vermehrten, so liegt es auf der Hand, daß sie bestrebt waren, denselben zu entsprechen u. sich immer mehr zu vervollkommnen. Der höchste Grad der Vervollkommnung ist nun aber die Erfindung beweglicher Typen. Die Möglichkeit der Erfindung der B. war demnach überall da gegeben, wo sich Briefdrucker befanden; es kam nur darauf an, wer zuerst den Schuß ins Schwarze that. War das Problem von einem derselben gelöst u. das Geheimniß den anderen zugänglich gemacht, so war mit Sicherheit anznnehmen, daß Jeder als Erfinder gelten wollte. In der That sind es mehr als 25 Personen in ca. 19 Städten, welche Ansprüche auf die Erfindung der B. machen; bis auf zwei sind jedoch alle entweder als völlig unberechtigt abzuweisen, oder auf den Holz- taseldruck mit ihren Forderungen zu beschränken. Der letztere wurde am frühesten in Haarlem durch Laurenz Janszoon, genannt Koster, ausgeführt, u. ist es namentlich ein Auszug aus der lateinischen Grammatik des Älius Donatus, kurz Donat genannt, welchen er in mehreren Auflagen druckte. In Bamberg wurde ebenfalls frühzeitig von Holztafeln gedruckt, u. zwar von Albrecht Pfister, den man zum Theil mit Recht den zweiten Erfinder der B. nennen kann, während er anderseits als einer der ersten Gehilfen Gutenbergs bezeichnet wird. Der erste u. eigentliche Erfinder ist jedoch Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, welcher, ebenfalls Briefdrucker, 1444 von Straßburg nach Mainz übersiedelte und sich mit dem Drucke von Abcdarien (lateinische ABCBücher), Horarien (Gebetbücher), Confessionalien (sog. Beichtspiegel) u. Donaten befaßte. Das Bestreben, an Stelle des Holztafeldruckes den von beweglichen Typen zu setzen, trat schon in Straßburg hervor u. findet sich beglaubigt in den Zeugenaussagen eines Pro- cesscs, den Straßburger Bürger gegen Gutenberg anstrengten. Die Art u. Weise der Ausführung gelang ihm jedoch erst in Mainz, wo er mehrmals Darlehen zur Erreichung seines Zweckes aufnahm. Trotzdem wäre die Ausübung der Kunst wol unmöglich geworden, wenn es Gutenberg nicht ge lungen wäre, den reichen Goldschmied Johannes Fust für die neue Kunst zu interessiren. Beide schlossen 1450 einen Vertrag, laut welchem Gutenberg von Fnst 800 Goldgulden erhielt, die er mit sechs pCt. zu verzinsen hatte. Mit dieser Summe sollte Gntcnberg eine Buchdruckerei errichten und alle dazu gehörigen Utensilien dem Fust so lange verpfänden, bis die Rückerstattung obengenannter 800 Gulden erfolgt wäre. Diese Summe reichte jedoch nicht aus; Fust sah sich genöthigt, weitere 800 Gulden in das Geschäft zu geben (1452). Hiermit gelang es Gntenberg, die Druckerei vollständig einzurichten, u. noch in demselben Jahre begann er den Druck der lateinischen 32zeiligen Bibel (Biblia latina vulxata), dessen Beendigung 1455 erfolgte. Dies ist der erste nachweisliche Druck von beweglichen Lettern; u. da nicht festzustellen, wann Gutenberg das Problem des Lettern- gnsses gelöst, so bezeichnet man 1452 als das Erfindungsjahr, weil nachweislich in diesem die ersten derartigen Drucke gemacht sind. In der Erwartung, sich für die jahrelangen Versuche u. Studien durch eine gewinnbringende Ausnutzung der Erfindung zu entschädigen, wurde er durch Fust arg getäuscht. Mehr Künstler als Geschäftsmann, hatte Gutenberg den Fall der Darlehensrückzahlung nicht vorgesehen. Ziemlich unvorbereitet forderte Fust nach Beendigung des Bibeldruckes (1455) das Darlehen nebst Zinsen u. Zinseszinsen, im Gesammtbetrage von 2026 Gulden, zurück u. erhielt, da Gutenberg nicht zahlen konnte, dieDruckerei im Proceß znerkannt. Auf diese Art verlor Gutenberg Alles, nur nicht das Vertrauen zu seiner Kunst. Mit diesem ausgerüstet, suchte er sich neue Hilfsmitteln. Credit zu verschaffen u. fand letzteren bei einem Mainzer Bürger, I)r. Konrad Humery (1457), welcher die Anschaffungskosten der neuen Druckerei bestritt. AuS dieser ging 1460 als erstes Druckerzeugniß das sogenannte Oabboiioon hervor. Ob u. welche Gehilfen Gutenberg in seiner zweiten Officin gehabt, ist nicht festzustellen; ebenso wenig, welche Nachtheile ihm aus dem Überfalle erwuchsen, den Mainz durch Adolph von Nassau (1462) erlitt. Der Letztere nahm Gutenberg 18. Jan. 1465 in die Zahl seiner Hofleute auf, u. dieser Act ver- anlaßte ihn, seine Druckerei nach Eltville, wo der Kurfürst Hof hielt, zu verlegen. Von den hier hergestellten Druckwerken ist als hauptsächlichstes Buchdruckcrümst. 195 das Vooabnlaitum iatino-tsubanioum zu nennen. Er starb daselbst 1467, während die Druckerei in den Händen des vr. Hnmery blieb. — Nach dem Austritte Gutenbergs aus seiner ersten Druckerei setzte Fust deren Betrieb mit Hilfe Peter Schaffers, eines befähigten Schönschreibers, fort. Letzterer, gebürtig aus Gernsheim, hatte seine Kunst lang in Paris getrieben u. vervollkommnet u. trug erheblich zur Verbesserung des Typengnsses bei. Der berechnende Fust gab ihm seine Tochter zur Fra», um ihn so dauernd an sich zu fesseln. Ihr erstes gemeinsames Werk war das Psalterium (1457), welches sich sowol hinsichtlich des Schnittes der Schrift, als des Druckes den besten Leistungen aller Zeiten ebenbürtig an die Seite stellt. Besonders erwähnenswerth sind ferner: Rationale ckivivoruin (Moiorum, 1459; tlonetitutionss 61s- insntia V. Raxas, 1460; Manifest des Erzbischofs von Mainz u. Biblia, saera latina, die 48zeilige Bibel, 1462. Der schon oben erwähnte Überfall brachte die Druckerei zum Stillstände. Die darin beschäftigten Arbeiter, obgleich sämmtlich durch einen Eid verpflichtet, das Geheimnis; zu bewahren, flüchteten aus Mainz, hielten sich durch die Ereignisse ihrer Verpflichtung entbunden u. verbreiteten die B. nach allen Richtungen. Auf diese Weise entstanden Buchdruckereien in: Augsburg 1468 durch Günther Zainer; Köln 1466 durch Ulrich Zell; Foligno 1470 durch Joh. Numeister; Neapel 1471 durch Sixtus Riesinger; Rom 1467 durch Ulrich Hahn; Straßburg 1471 durch Johann Mentel u. Kloster Subiaco 1464 durch Konrad Sweynheim. Fust u. Schösser erholten sich von dem harten Schlage u. begannen ihre Thätigkeit von Neuem. Zu den besonders erwähnenswerlhen Druckwerken dieser Periode gehört: N. I. Oiosro, aat und Pflanzung sind in den meisten Fällen um so weniger zu umgehen, als die B. nicht alljährlich, sondern nur mit mehrjährigen Unterbrechungen reichlich Samen zu tragen Pflegt. Ansaat aus der Hand wird, weil die junge Pflanze Beschattung nöthig har, in der Regel nur unter Schutzbeständen, wozu sich vorzüglich die Kiefer eignet, meist auf vorher gelockerten Streifen oder Plätzen n. mit mäßiger Erdbedeckung ausgesührt; sie findet entweder noch im Herbste, oder, wo Gefahr durch Spätfröste oder Mäusefraß droht, im Frühjahre (Ende April u. Mai) statt. Zur Überwinterung müssen die Bucheln ebenso gegen vollständiges Austrocknen, wie gegen zu viel Feuchtigkeit geschützt werden, was oft nicht leicht gelingt. Zur Pflanzung, die gleichfalls unter mäßiger Beschattung besser als im Freien gedeiht, verwendet man meist junge (3- bis 5jährigc) Setzlinge, die mit oder ohne Ballen, einzeln oder in Büscheln, mit dem Beil, dem Buttlorischen Eisen, der Hacke u. anderen Werkzeugen gepflanzt werden. Geeignete Zeiten zur Pflanzung sind der Herbst nach dem Abfalle u. das Frühjahr vor dem Ansbruche der Blätter. Die schlimmsten Feinde junger Buchenhegen sind Frost, namentlich Spätfröste, Hitze n. Dürre u. ganz hesonders die Feldmäuse, welche die jungen Pflanzen am Stocke entrinden oder abbeißen. Als Schutzmittel gegen dieselben wird AnSraufen der Grasbüsche, in welchen sie gerne Hausen, so wie Giftlegen angewendct; beides erweist sich jedoch, wenn die Mäuse in großer Menge auftreten, oft als unwirksam. Etwa vom 20. Lebensjahre an liefern vollkommene Buchenbestände alle 5—10 Jahre einen Ertrag an Durchforstungen, die indeß immer sehr mäßig gehalten werden müssen, so daß der Kronenschluß nirgends unterbrochen wird. Am Ende der Umtriebszeit findet in der Regel nicht kahler, sondern mit Rücksicht auf die Verjüngung (s. d.) allmählicher Abtrieb (Vorbereitungssamen- und Abtriebsschlag) statt. Das röthlich-weiße Buchenholz ist ziemlich fein u. hart, leichtspaltig u. glänzend. Spec. Gewicht des grünen Holzes (nach Nördlinger) 0,go— 1 , 12 , des trockenen 0,g^—0,gg. Es findet seine ausgedehnteste Verwendung als Brenn- u. Kohlholz; seine Heizkraft übertrifft die der meisten anderen Hölzer u. verhält sich nach G. L. Hartig beispielsweise zu derjenigen des Eichen- u. Kiefernholzes wie l,ao: 0,g2:0,§g. Als Bauholz taugt es nicht, weil es im Freien nur sehr geringe Dauer hat u. leicht fault; unter Wasser dagegen hält es sich gut; daher werden starke Stämme zu Schiffskielen vielfach verwendet. Als Werk- u. Nutzholz dient es hauptsächlich dem Wagner, wird aber auch zu Bohlen, gröberen Schnitzwaarcn, Holzschuhen, Packfässern, Stühlen u. a. verarbeitet. Von allen Holzarten eignet es sich am besten zur Jmprägnir- ung mit conservirenden Substanzen u. wird hierdurch noch zu manchen weiteren Zwecken verwendbar. Die belangreichste Nebennntzung liefern die Bucheln, die sowol zur Schweinemast, wie zur Ölbereitung (Buchelöl) dienen. Das aus sorgfältig gesammelten, gereinigten,,, getrockneten u. geschälten Bucheln ausgepreßte Öl besitzt reine Farbe u. guten Geschmack. 100 Psd. trockene Bucheln geben 11—19, geschälte ca. 22 Psd. gutes Öl. Das Buchenlaub wird an manchen Orten zum Schaden des Waldes vielfach als Streu benutzt; als Futter hat es geringen Werth. Wimm-nau-rl.. Bucheckern (Bucheln), die Früchte der Buche; s. d. Art. Bucheggberg-Kriegstetten, Amt im schweiz. Kanton Solothurn; umfaßt dessen südlichsten Theil mit 10 Kirchgemeinden; bedeutende Vieh- und Pferdezucht; 15,200 Ew., worunter die Hälfte Reformirte. 199 Buchen - Buchen, Stadt u. Amtssitz im badischen Kreise Mosbach, an der Morre; Ackerbau u. Viehzucht; 2189 Ew. Büchenbach, s. Breuning, Hans Jakob. Buchenholztheerkreosot. Das Kreosot (s. d.) wurde zuerst von seinem Entdecker Reichenbach aus Buchcnholztheer dargestellt, später ein reineres aus Stcinkohleutheer, weshalb man das erste mit obigem Namen bezeichnet hat. Es besteht aus einer mit anderen flüssigen Stoffen verunreinigten Carbolsäure; ist immer flüssig, meist stark gefärbt u. ist in neuerer Zeit durch die ans Stein- kohlentheer dargestcllte farblose krystallinische Karbolsäure verdrängt worden. Buchenspinner (Walnußspinner, Rothschwanz, weißer Streckfuß, Kopfhänger, Oregxia jDasz-- ebira KeM.s xuckilniuäu D.), Schmetterling aus der Farn, der Spinner. Raupe gelblich, Haarbürsten über der Mitte des Körpers gelblich, auf dem letzten Leibesringe ein rosenrother Haarpinsel; sie lebt auf fast allen unseren Obstbäumen, auch auf der Roßkastanie, Buche, Birke, Eiche, Hasel, Linde, Ulme, Weide u. ist ein schädliches Thier; sie verwandelt sich im Spätjahre in einem doppelten Gespinnste zwischen abgefallenem, dürrem Laube in eine vorn rothbraune, hinten rostbraune Puppe mit gelben Fugen u. einer Haarreihe über dem Rücken. Der weißgraue Schmetterling erscheint im Mai; er hat einen gelblichen Hinterleib u. 4 braune Zackenlinien auf jedem Oberflügel. In der Ruhe trägt er den Kopf niederhängend (daher Kopfhänger) u. die Vorderfüße vorgestreckt (daher Streckfnß); er ist 40—44 mm groß; findet sich fast in ganz Europa. Thoms. Bücher (fr., Haufen), altes Maß für Brennholz in Paris, von 6 Fuß Höhe bei 3°/,, Fuß Länge. Bücher, 1) Anton v., geb. 1746 zu München; studirte in Ingolstadt, wurde 1768 Caplau n. Prediger in der Kapelle zum Heiligen Geist, 1771 Rector der deutschen Schulen, nach Aufhebung der Jesuitenschulen 1773 Rector des Gymnasiums und Lyceums, auch Vorsteher der Marianischen Congregation, 1778 Pfarrer in Engelbrechtsmünster, 1784 Schulrath u. 1813 zur Ruhe gesetzt; er st. 1817. B. hat sich um die Schulen sehr verdient gemacht; schr.: Charfreitagsprocession; Fastenexempel; Portiunculabüchlein; Christenlehre auf dem Lande; Briefe über die Jesuiten in Bayern; Die Jesuiten auf dem Lande; Allerneuester Jesuitenspiegel, gesammelt von I. v. Klesstug zu der Schrift: Die Jesuiten in Bayern vor ihrer Aufhebung, Münch. 1819, 6 Bde. Humor u. beißende Satire charakterisiren die meisten Schriften. 2 ) August Leopold, deutscher Schulmann, geb. 1783 zu Eudorf im Mansfeldischen; wirkte seit 1811 am Gymnasium zu Jankau bei Danzig, dann als Conrector in Neustettin n. 1819 als Prorector in Köslin; er st. hier 1863. B. schr. bes. über den Unterricht in der Geographie (Kösl. 1827). 3 ) Adolf Lothar, Sohn des Vor., preuß. Staatsmann, geb. 25. Oct. 1817 zu Neustettin; studirte seit 1835 in Berlin die Rechte u. war Oberlandes- gerichts-Assessor zu Stolpe in Pommern, als er Lurch die Maiwahlen 1848 in die Preußische Nationalversammlung kam, wo er zur Linken gehörte; - Buchez. als einer der 42 Abgeordneten, gegen welche wegen Verbreitung des Stcuerverweigerungs-Be- schlnsses 15. Nov. 1848 der Febrnar-Proceß des Jahres 1849 geführt wurde, des versuchten Aufruhrs vom Gerichte schuldig befunden u. zu 15 Monaten Gefängniß verurtheilt, rettete er sich durch die Flucht nach London. Ms Correspondent der Berliner Nationalzeitung verarbeitete er in seinen Londoner Berichten, besonders seit dem I. 1853, David Urquharts Ansichten über Englands angebliche Beherrschung durch Rußland und über die englischen Parteiverhältuisse. Einen Theil dieser Correspondenzcn hat er in der Schrift: Der Parlamentarismus, wie er ist, Berl. 1855, zusammengestellt. Die Amnestie des Jahres 1861 gestattete ihm die Rückkehr nach Preußen. Noch von London aus datirte er seine Betheiligung an einer mit Rodbertus u. dem Caplan von Berg gemeinschaftlich an das deutsche Volk erlassene Erklärung. Dieser gemeinsamen Manifestation ließen dieselben Drei die Flugblätter folgen: II. Seid deutsch! III. Offener Brief an Mazzini, und IV. Was sonst? ein deutsches Programm, Berl. 1861. Als Lösung der Zeitfragen boten „diese Broschüren die Bereinigung Preußens u. Österreichs zu einem Bundesdirectorium mit einem von den deutschen Fürsten gewählten dritten Mitglieds n. Erhaltung Venetiens für Deutschland mit gemeinsamer Macht. Nach Preußen znrückgekehrt, gab er eine Auswahl aus seinen früheren Arbeiten für die Nationalzeitung: Bilder aus der Fremde, Berl. 1862, heraus. 1864 ward er als Legationsrath im Auswärtigen Ministerium ange- stelll u. arbeitet nun im Sinne Bismarcks. Urqu« hart hat sich über sein Verhältniß zu B. ausgesprochen in seiner: Diplomatie Lsvisrv, London Öct. 1874 n. Jan. 1875. 4 ) Adalbert Bruno, Kunstschriftsteller, Bruder des Vor., geb. 24. April 1826 zu Köslin; wollte sich in Dresden der Kunst widmen, woran ihnAugenleiden verhinderten, wirkte dann als Buchhändler u. Schriftsteller, wurde 1859 Secretär des Museums für Kunst u. Industrie in Wien u. schr. u. a.: Das heutige Wien, Wien 1868; Die Kunst im Handwerke, ebd. 1872; Geschichte der technischen Künste (mit Anderen), Stuttg. 1874. Er gibt auch die Zeitschrift: Das Kunsthandwerk, Stuttg. 1874 ff., heraus. 5 ) Leopold, österr. Maler, geb. 1797 zu Schwechat bei Wien. Werke: Krönung Ferdinands I. als König von Böhmen 7. Sept. 1836; Zusammenkunft Leopolds I. mit Johann Sobiesky nach dem Entsätze von Wien n. Kaiser Ferdinand I. auf dem Krön- ungshllgel bei Presburg, beide im Schlosse zu Laxenburg, nach Höchstes Compositionen; Krönung der Kaiserin Augusta Caroline als Königin von Ungarn; Austria u. die Cholera, im Belvedere zu Wien. 3> Bauer. b> Reguet. Bücherkrebs, s. u. Gliederspinnen. Bücherkunde, so v. w. Bibliographie. Bücherlaus, Art der Holzläuse; s. d. Bücherskorpion, Jnsect, s. unter Glieder- spinnen. Buchez, Philipp Benjamin Joseph, geb. 31. März 1796 zu Mortagne in den Ardennen; studirte in Paris seit 1815 Medicin, gründete mit Anderen den Geheimbund der frauz. Carbonari, 200 Buchfink — -er den Sturz der Bourbonen zum Zwecke hatte, wurde als politisch verdächtig verhaftet, aber bald darauf sreigesprochen; seit 1827 gab er das äour- nal äss proAiso äss seisness möäiealss heraus u. nahm, seit 1826 dem Saint-Simonismus zugewandt, theil an der Redaction des kroäuetsur, von welcher er jedoch bald wegen einiger Differenzen zuriicktrat. Er wandte sich dann historischen u. philosophischen Studien u. Arbeiten zu u. gründete das Journal I-'üuropsen. Nach der Februarrevolution 1848 trat er in die Nationalversammlung und fungirte als Präsident derselben. Er erregte allgemeinen Unwillen, als er 15. Mai 1848 nicht die nöthige Energie gegen die Aufrührer zeigte, u. zog sich ins Privatleben zurück; er st. 22. Juni 1866 zu Rhodez. Mit Roux gab er die Histoirs parlsments-irs äs la Involution kran- yaiss, Par. 1833—38, 40 Bde., heraus, weniger eine ausgearbeitete Geschichte, als Materialiensammlung, die aber von Historikern sehr geschätzt wird wegen der vielen u. seltenen Quellen, die B. benutzt hat. Eigene Werke von B. sind: Matts cko plillosoyliis au point äs vus äu satlio- lioisms et äu xroZrLs, Par. 1839, 3 Bde.; In- troäuotion äs 1a Lotsnos äs I'üistoiro, ebd. 1842, 2 Bde.; Ltbltotliögus utils, tust, äs la kormation äs la nationalits kranxaiss, ebd. 1859; Malis xolittgus, herausg. von Cerisa u. Ott, ebd. 1866. B. war der hervorragendste Anhänger Samt- Simons u. ein bedeutender Kenner der Nationalökonomie und socialistischen Philosophie. Seine Hauptideen sind das Gesetz des Fortschrittes und die Organisation der Wissenschaften nach der synthetisch-aprioristischen Methode. Volchert." Buchfink (§rin§illa «oslsbs D.), Art der Edelfinken aus der Fam. der Finken, Ordnung der Sperlingsvögel; Flügel mit einer weißen u. einer gelblichen Binde; erste Schwinge kürzer, als die vierte; Bürzel gelblich-grün; auf den 2 (selten 3) äußersten Steuerfedern jederseits ein keilförmiger weißer Fleck. Männchen mit sammetschwarzer Stirn, bläulichem Scheitel, tief oliveufarbenem Rücken u. weinrother Unterseite; Weibchen und Junge oberhalb olivengrau, unten schmutzig- oliveuweißlich. Er verfertigt ein sehr festes, künstliches, von außen mit Flechten überdecktes Nest auf Bäumen, 6—7 in hoch, u. belegt dasselbe mit 5—6 Eiern, welche auf grünlichem Grunde wenige braune Brandflecken zeigen; brütet 2—3 Mal jährlich; lebt von ölhaltigen Samen, z. B. gern von Bucheckern, so Laß er dadurch in Forsten u. Len Forstgärten oft schädlich wird; dagegen wird er im Frühjahre durch Vertilgen kleiner Raupen nützlich; schaart sich im Herbste zusammen u. verläßt uns theilweise; Weibchen u. Junge ziehen zuerst fort; die Männchen bleiben dagegen in milden Wintern oft hier (daher ooslobs, d. i. ehelos). Sein schmetternder, kräftiger, strophischer Gesang ist bekannt u. beliebt. Er lebt in NAfrika und durch ganz Europa bis zu 62° n. Br. Th-mw. Buchhaltung (Buchführung) nennt man die in Büchern stattfindende Verzeichnung (Notirung) der verkommenden Geschäftssälle. Unmittelbar an die Thatsachen, das Geschehene sich anschließend, sollen die Bücher über die darin notirten Gegenstände eine fortwährende klare Übersicht gewähren. Buchhaltung. Zusammenhang u. ausgedehnteste Zahlen-Controle der Bücher unter einander, sowie prompte Be- wcrkstelligung der Buchungen sind nothwendige Voraussetzungen einer guten kaufmännischen Buchführung. Die Bücher theilt man ein in Hauptbücher u. Neben- oder Hilfsbücher. Eine genaue Grenze läßt sich übrigens hier nicht ziehen; jedes Buch hat an seiner Stelle seine volle Bedeutung. Die Zahl der Bücher richtet sich nach dem Bedürfnisse eines Geschäftes. Ein Buch kann gleichzeitig in verschiedenen Exemplaren geführt werden. Geheimbücher sind erforderlich, wenn man einzelne Theile der Geschäfte nicht in die von fremden Personen geführten Comptoirbücher notiren lassen will, z. B. Hypotheken, Salaire, Theilhaberverhält- niffe rc. Die Geheimbücher sind genau wie die übrigen Bücher zu behandeln, mit denen sie auch im Zusammenhänge stehen müssen. Notirungen, welche auf der einen Seite nothwendig durch die Geschäftsbücher gehen, werden hier dem Geheimbuche unter dem Namen: Geheim-Conto oder: General- Conto belastet od. gutgeschrieben, gleichzeitig aber in dem Geheimbuche auf die bezüglichen Conti gebucht. Unter Conto versteht man zunächst den Nanttn, unter welchem für eine Person vd. Sache eine laufende Rechnung in den Büchern geführt wird; sodann diese Rechnung selbst, welche aus einer Zusammenstellung von aus anderen Büchern übertragenen Posten, nach Datum, Bezeichnung des Gegenstandes u. Betrag besteht. Diese Posten werden als Belastung (Debet oder Soll) u. Gutschrift (Credit oder Haben) getrennt eingetragen. Die Conti zerfallen in persönliche u. sachliche; die letzteren, auch todte Conti genannt, kommen vorzugsweise bei der doppelten B. zur Anwendung. Die Conti stellen entweder einen faktischen Besitzgegenstand oder ein Guthaben dar, anderseits eine tatsächliche Schuld, oder sie sind drittens Conti, bei denen weder das Eine, noch das Andere der Fall ist, z. B. Zinsen-Conto. Nach der Art und Weise der Darstellung unterscheidet mau hauptsächlich zwei Methoden kaufmännischer B.: a) die einfache und li) die doppelte B. Neben diesen Formen gibt es auch eine tabellarische, welche besonders bei öffentlichen Kassen u. Instituten gebrauchtwird. Die einfache B. ist diejenige Form, wonach jeder geschäftliche Fall nur einmal notirt wird. Der Empfänger wird belastet, der Absender creditirt; sie erstreckt sich wesentlich darauf, den Verkehr mit den Geschäftsfreunden zu buchen, während die übrigen Theile des Geschäftes in Nebenbüchern verzeichnet werden; der Zusammenhang des Ganzen ist ein unvollständiger. Inwiefern auch bei der einfachen B. eine Zahlen- Controle möglich, ist bei der folgenden Erklärung der Bilanzen angegeben. Die doppelte B., auch italienische genannt, weil sie zuerst in Italien, im 15. Jahrh., angewendet wurde, unterscheidet sich von der einfachen B. dadurch, daß jeder geschäftliche Fall gleichzeitig auf zwei verschiedene Rechnungen oder Conti gebracht wird: dem einen Conto in die Einnahme (Debet) u. dem anderen in die Ausgabe (Credit). Die doppelte B. beruht auf dem selbstverständlichen Satze, daß einer Einnahme aus der einen Seite nothwendig eine Ausgabe auf der anderen vorhergehen muß. Die Sach- oder Buchhaltung. 201 todten Conti vertreten bei der doppelten B. die Bestandtheile des eigenen Geschäftes n. heißen deshalb auch eigene Conti. Jeder Factor des Besitzes: Immobilien, Maaren, Cassa, Wechsel rc., erhält sein besonderes Conto, was bei der einfachen B. nicht der Fall ist. Die erste Notirung der Geschäftsfälle,, bei denen es sich darum handelt, einem Conto etwas zu belasten oder gutzuschreiben, geschieht im Memorial (Prima-Nota, Journal). Die Eintragungen ins Cassabuch erfolgen in der Regel gleichzeitig im Memorial. Wenn man diese Posten direct nur im Cassabuche notirt, so sind dieselben von Zeit zu Zeit ins Memorial zu übertragen. In der einfachen B. wird A., dem wir z. B. eine Zahlung machen, wie folgt, belastet: A. Debet (oder Soll) unsere Barzahlung Ll 400. Die doppelte B. erfordert, wie bereits erwähnt, nicht allein die Belastung des A., welcher den Betrag einnimmt, sondern auch die Gutschrift des Cassa- Conto, welches jene Summe ansgegeben hat. A. an Cassa-Conto, unsere Barzahlung N 400 — mit anderen Worten, nach einfacher B. ansgedrückt: A. Soll; Cassa-Conto, Haben. Als Nebsnbuch des Memorials ist das Waaren-Ansgangs- oder Versandtsbuch zu bezeichnen, dessen Posten nach Personen u. Beträgen ebenfalls ins Memorial zu übertragen sind. In dieses Buch wird der Inhalt des Cassabuches u. Versandtsbuches eingetragen, damit es Alles enthält, was irgend einem der vorhandenen Conti zu belasten oder gutznschreiben ist. Das Cassabuch ist zur Notirung der baren Einnahmen u. Ausgaben bestimmt; sein Inhalt wird entweder gleichzeitig, oder von Zeit zu Zeit in das Memorial übertragen. Für die Handlungs- Unkosten u. ähnliche Ausgaben kann man neben dem Cassabuche ein CassahilfSbuch führen, dessen Beträge monatlich summarisch in das Cassabuch zu bringen sind. In größeren, namentlich Bankgeschäften, wird die Kasse zunächst in einer Cladde geführt u. danach ins Reine geschrieben, wobei die Gruppirnng der gleichartigen Posten vorgenommen wird. Es empfiehlt sich, die Einnahmen u. Ausgaben fortlaufend bis zum Jahresschlüsse zu addiren und dann erst den Saldo (Bestand) förmlich vorzutragen. Das Cassabuch wird in der einfachen u. doppelten B. ganz in derselben Weise geführt. Das Hauptbuch enthält bei der einfachen B. die Conti der Geschäftsfreunde. Bei der doppelten B. sind dagegen zwei Hauptbücher zu führen; das eine für die persönlichen Conti, die Geschäftsfreunde, unter dem Namen: Conto- Corrente-Bnch, u. das andere als General- Hauptbuch für die todten oder Sach-Conti. Als sehr zweckmäßig erwähnen wir noch die Einrichtung eines summarischen Conto in dem General- auptbuche für den gesammten Verkehr mit den eschäftsfrennden. Täglich, wöchentlich oder monatlich stellt man die ins Conto-Correntebuch übertragenen Belastnngs- und Gutschrifts-Beträge zusammen u. bringt sie auf das in Rede stehende Conto der Debitoren u. Creditoren, dessen Inhalt im Debet u. Credit hiernach gleich sein mnß demjenigen des Cvnto-Correntebuches. Die Bilanz (fr.Lilan, Lalanes, v. lat. Lilanr, Wage, Gleichgewicht) ist zunächst ein Auszug aus dem Hauptbuche, eine Zusammenstellung aller Beträge nach Debet u. Credit getrennt, welche sich ans den sämmtlichen Conti des oder der Hauptbücher befinden. Die Übersicht, welche die Total- snmme jedes einzelnen Conto in Einnahme und Ausgabe nachweist, ist monatlich einmal anznfer- tigen; sie dient in erster Linie dazu, die Richtigkeit der übertragenen Zahlen festzustellen. Wenn dasjenige Buch, woraus eine Übertragung in ein anderes Buch stattfindet, fortlaufend addirt wird, event. nach Debet u. Credit getrennt, so müssen die Schlußsnmmen in beiden Büchern jederzeit genau übereinstimmen. Mit Hilfe dieser einfachen Einrichtung läßt sich auch bei der einfachen B. die Richtigkeit der Übertragungen durch Zahlen beweisen. Diese Controls scheint in kaufmännischen Kreisen noch nicht genügend bekannt zu sein, sonst würde man sie mehr einführen. Die Schluß- od. Jahres-Bilanz stellt, indem sie von der vorerwähnten Zahlen-Bilan; ansgeht, die Vermögenslage des Geschäftes dar; sie erfordert eine Aufnahme des Inventars, d. i. die Ermittelung n. Feststellung des Werthes der Vorräthe aller Art, z. B. Maaren, Mobilien n. Geräthschaften, sowie auch der Jmmobiliargegenstände. Der Überschuß der Activen (Vermögens-Objecte) über die Passiven (Schulden) bildet das cigenthümliche oder reine Vermögen des Geschäfts-Inhabers. Bei der doppelten B. wird letzteres durch das Capital-Conto ansgedrückt. Der Gewinn od. Verlust ergibt sich bei der einfachen B. aus der Vergleichung des erwähnten Überschusses mit dem vorhergegangenen. Bei der doppelten B. wird der Gewinn sowol, wie der Verlust durch das Gewinn- n. Verlnst-Conto repräsentirt, welches für den Verlust belastet u. für den Gewinn crc- ditirt wird. Der Saldo dieses Conto kann als Gewinn ausgezahlt, oder als Gewinn oder Verlust ans Capital-Conto übertragen werden. Der Abschluß der Bücher findet jährlich einmal oder zweimal statt, indem auf Grund der Schluß-Bilanz die sämmtlichen Conti der Personen u. der Sach- oder todten Conti ans beiden Seiten, zuzüglich der etwa vorhandenen, vorher auszuwerfenden Saldi, addirt u. unterstrichen werden. Dis Saldi sind sofort anfs Neue vorzutragen, und auch im Memorial als erster Posten im neuen Jahre aufzuführen, wobei es genügt, die Debitoren- u. Cre- ditoren-Saldi je summarisch anzugeben. Außer den hier erwähnten, wichtigeren Büchern wird in jedem Geschäfte noch eine Anzahl Nebenbücher geführt; wir erwähnen hiervon der folgenden: Immobilien-, Mobiliar-, Lager-, Preis-, Wechsel- Copir-, Tratten-, Commissions-, Fabrikations- bnch rc. In jedem Falle ist das Bedürfniß des Geschäftes hier maßgebend. Von besonderer Wichtigkeit sind die regelmäßigen Revisionen der Bücher u. der darin notirten Gegenstände, z. B. des Cassa-, Wechsel- u. Effecten- Bestandes, der Tratten u. Accepte, der Debitoren (Schuldner) u. Creditoren (Gläubiger), der unerledigten Posten u. s. w. Die dafür einznrichten den Controlbücher heißen Scontri. Das Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch enthält folgende Vorschriften über die kaufmännische B.: Jeder Kaufmann ist verpflichtet, Bücher zu 202 Buchhandel. führen, auS welchen seine Handelsgeschäfte u. die Lage seines Vermögens vollständig zu ersehen sind. Er ist verpflichtet, die cmpsangeneu Handelsbriefe aufzubewahren u. eine Abschrift (Copie oder Abdruck) der abgesaudten Handelsbriefe zurückzubehalten u. nach der Zeitsolge in ein Copirbuch einzutragen. Jeder Kaufmann hat beim Beginne seines Gewerbes seine Grundstücke, seine Forderungen u. Schulden, den Betrag seines baaren Geldes u. seine anderen Vermögensstücke genau zu verzeichnen, dabei den Werth der Vermögens- stücke anzngeben u. einen das Verhältniß des Vermögens u. der Schulden darstellenden Abschluß zu machen; er hat demnächst in sedein Jahre ein solches Inventar n. eine solche Bilanz seines Vermögens anzufertigen. Hat der Kaufmann ein Waarenlagcr, dessen Inventur nach der Beschaffenheit des Geschäftes nicht füglich in jedem Jahre geschehen kann, so genügt es, wenn das Inventar des Waarcnlagers alle zwei Jahre ausgenommen wird. Für Handelsgesellschaften kommen dieselben Bestimmungen in Bezug auf das Gesellschafts- Vermögen zur Anwendung. Das Inventar u. die Bilanz sind von dein Kansmanne zu unterzeichnen. Sind mehrere persönlich haftende Gesellschafter vorhanden, so haben sie alle zu unterzeichnen. Das Inventar n. die Bilanz können in ein dazu bestimmtes Buch eingeschrieben, od. jedesmal besonders aufgestellt werden. Im letzteren Falle sind dieselben zu sammeln u. in zusammenhängender Reihenfolge geordnet aufznbewahren. Bei der Aufnahme des Inventars und der Bilanz sind sämmtliche Vermögensstücke u. Forderungen nach dem Werthe anzusetzen, welcher ihnen zur Zeit der Ausnahme beiznlegen ist. Zweifelhafte Forderungen sind nach ihrem wahrscheinlichen Werthe anzusetzen, uneinbringliche Forderungen aber abznschreiben. Bei der Führung der Handelsbücher u. bei den übrigen erforderlichen Aufzeichnungen muß sich der Kaufmann einer lebenden Sprache u. der Schriftzeichcn einer solchen bedienen. Die Bücher müssen gebunden, u. jedes von ihnen muß Blatt für Blatt mit fortlaufenden Zahlen versehen sein. An Stellen, welche der Regel nach zu beschreiben sind, dürfen keine leeren Zwischenräume gelassen werden. Der ursprüngliche Inhalt einer Eintragung darf nicht durch Dnrchstreichen oder auf andere Weise unleserlich gemacht, es darf nichts radirt, noch dürfen solche Veränderungen vorgenommen werden, bei deren Beschaffenheit es ungewiß ist, ob sie bei der ursprünglichen Eintragung oder erst später gemacht worden sind. Die Kaufleute sind verpflichtet, ihre Handelsbücher während zehn Jahren, von dem Tage der in dieselben geschehenen letzten Eintragung an gerechnet, aufzubewahren. Dasselbe gilt in Ansehung der empfangenen Handelsbriefe, sowie in Ansehung der Jnventare u. Bilanzen. Ordnungsmäßig geführte Handelsbücher liefern bei Streitigkeiten über Handelssachen unter Kaufleuten in der Regel einen unvollständigen Beweis, welcher durch den Eid oder durch andere Beweismittel ergänzt werden kann. Jedoch hat der Richter nach seinein durch Erwägung aller Umstände geleiteten Ermessen zu entscheiden, ob dem Inhalte der Bücher ein größeres od. geringeres Maß der Beweiskraft beizulegen, ob in dem Falle, wo die Handelsbücher der streitenden Theile nicht überein- stimmen, von diesem Beweismittel ganz abzusehen, od. ob den Büchern des einen Theils eine überwiegende Glaubwürdigkeit beizumessen sei. Handelsbücher, bei deren Führung Unregelmäßigkeiten vorgefallcn sind, können als Beweismittel nur in so weit berücksichtigt werden, als dieses nach der Art und Bedeutung der Unregelmäßigkeiten, sowie nach der Lage der Sache geeignet erscheint. Wegender landwirthschaftlichen B. s. u. Landwirthschast. Vgl. Schiebe-Odermann, die Lehre von der B., 10. Ausl., Lpz. 1872; Odermann, Praktische Anleitung zur einfachen u. doppelten B., 6. Ausl., ebd. 1874; Rothschild, Taschenbuch für Kaufleute, 18. Ausl., ebd. 1874; Jäger, Gesetzliche Bestimmungen über B-, Stuttg. 1871; Ders., Beiträge zur Geschichte der Doppelbnchhaltnng, ebd. 1874; Amthor, Taschenb. für Gewerbetreibende, 2. Ausl.,. Gera 1871; Salomon, Lehrbuch der B., 7. Ausl., Wenn. 1871; Schmidt, Die B. in Fabriken, Stuttg. 1869; Otto, Die B. für Fabrik-Geschäfte, 4. A., Berl. 1869; Christ, Die einfache B., 5. Ausl., Elberf. 1874; Ders., Die doppelte B., ebd. 1874; Huber u. Dumont, Die einfache u. doppelte B., franz. u. deutsch, 2. A., Lpz. 1875; Schmitz, Neuer kaufmännischer Bücherabschluß, ebd. 1875; Christ. Buchhandel. I. Der Austausch von literarischen Erzeugnissen in demjenigen Umfange, daß von ihm als einem besonderen Handelszweige gesprochen werden kann, hat eine zweifache Voraussetzung: erstens die Entfesselung der geistigen Güter aus bem ausschließlichen Besitze bestimmter Kasten, die Verallgemeinerung des literarischen Bedürfnisses, und zweitens das geeignete Mittel zur Masseuvervielfältigung der Schriften. In den wichtigeren altorientalischen Staaten fand sich ein solcher Handel nicht, weil zunächst Wissenschaft u. Literatur kein volksthümliches Gemeingut waren. In dem geistig hoch entwickelten Griechenland fehlte es aber für einen größeren Aufschwung des buchhändlerischen Verkehres scheinbar nur an jenem nothwendigen Vervielsältignngsmittel. Böckh erklärt den Gedanken an einen griechischen B. noch zu Platons Zeiten als gänzlich unstatthaft, und erst für das Zeitalter Alexanders finden sich genügende Argumente, um das Bestehen, eines solchen anzunehmen. Die Mittelpunkte des geistigen Lebens, Athen und später Alexandria, wurden dann in der Folge auch die Hauptstätten der literarischen Production u. des Handels mit ihren Erzeugnissen, so daß es in beiden Städten eigene Büchermärkte u. Händler (LibUoxolai) gab, welche Abschriften älterer Werke wie die Arbeiten der Zeitgenossen nicht bloß am Platze verkauften, sondern auch nach den Kolonien u. hellenisirten Ländern ausführtcn. Die obigen beiden Voraussetzungen für die Entfaltung der buchhändlerischen Thätigkeit im größeren Maßstabe finden sich im Laufe der Geschichte drei Mal zusammen, u. zwar unabhängig von einander: a) Zu Rom im Augusteischen Zeitalter. Schon in den letzten Jahrzehnten der Republik war die Liebe zur Literatur n. der Geschmack an Lectüre aller Art tief in die höheren römischen Kreise eingedrungen; Staatsmänner u. Buchhandel. 203 Feldherren verbrachten ihre Mußestunden gewöhnlich mit Lesen, u. die hohe Aristokratie war ans Feldzügen u. Reisen mit Büchern versehen. Im monarchischen Nom nahm das Interesse an Kunst und Wissenschaft noch bedeutend zu. Die gesellschaftliche Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um Literatur. Der Laden u. die Halle des Buchhändlers war der Versammlungsort der Gelehrten u. Gebildeten, die Bibliothek des vornehmen Römers bildete den Empfangsort seiner Freunde. Die Vervielfältigung der Schriften hatte bis gegen das Ende der Republik nichts vor "der in Griechenland üblichen Weise vorausgehabt. Die römischen lüdiarii. waren anfänglich selbst die Abschreiber der Bücher, womit sie Handel trieben. Später nahmen sie Sklaven an, denen in größerer Anzahl ein u. das nämliche Werk dictirt wurde, wobei ihnen die zahlreichen, des Schreibens kundigen griechischen Sklaven sehr zu Statten kamen. Dieser u. der weitere Bortheil der Kurzschrift, der sog. Tironischen Noten (nach Tiro dem Erfinder, einem Freigelassenen Ciceros, benannt), erklären die römische Massenvervielfältigung, womit uns in der Neuzeit die kulturhistorischen Forschungen bekannt gemacht haben. Als veranschaulichendes Beispiel kann dafür dienen, daß Angustus in Rom allein mehr als 2000 Abschriften der pseudo-sibyl- linischen Bücher weguehmen ließ. Für die leichte u. schnelle Vervielfältigungsweise u. die hierdurch erklärlichen wohlfeilen Verkaufspreise der Bücher sprechen auch die Andeutungen römischer Schriftsteller, so des Martialis u. A. Die für den Handel hergestellten Abschriften standen jedoch nicht im besten Ansehen der Correctheit, so daß vermögende Römer zur Ergänzung ihrer Sammlungen eigene Schreiber-Sklaven hielten. Ein wichtiger Begehr waren die Schulbücher. Persius sagt, daß die Dichter ihren Ehrgeiz darin setzten, in den Schulen gelesen zu werden, u. der eitle Nero erließ ausdrückliche Befehle, daß seine Verse den Knaben in die Hände gegeben werden sollten. Neben der nicht-periodischen Literatur gab es auch Zeitungen, welche in den Provinzen u. selbst in den Lagern verbreitet wurden, b) In China wie bei den übrigen Völkern des ostasiatischen Culturkreises entwickelte sich der Buchhandel, namentlich seit der allgemeinen Verbreitung des Holztafeldruckes unter der Song-Dynastie (967 —1127 n. Ehr.), zu einem Industriezweige von namhafter Bedeutung. Der Holztafeldruck hat sich bei den Chinesen bis zur Stunde erhalten; sie sind darauf verwiesen durch ihre Zeichenschrift, bei welcher die einzelnen Worte nicht aus zusammengesetzten Buchstaben oder gemeinsamen Grnndlauten erwachsen, sondern jedes als ein fertiges, untheilbares Ganzes dasteht. Die technische Vervielfältigung hat nichtsdestoweniger einen hohen Grad der Leistungsfähigkeit in China erreicht. Ein neuerer Reisender berichtet, daß, als auf kaiserlichen Befehl die Classiker neu hergestellt werden mußten, dies selbst nach unseren abendländischen Begriffen in erstaunlich kurzer Zeit geschehen sei. e) Einige Jahrhunderte später als in China taucht der Holztafeldruck in Europa auf u. führt (nach gewöhnlicher Annahme 1440, in Wirklichkeit etwas später) zur Erfindung des Druckes mit bewegl. Lettern, derjenigen Technik, welche für die Verbreitung der Schriften die universellste Bedeutung erlangt hat. Die alte örtliche Streitfrage in Bezug auf die Erfindung der Buchdruckerkunst hat Sotzmauu schon vor länger als 30 Jahren dahin beantwortet, daß Gutcnberg nicht als Erfinder im vollen Sinne betrachtet werden könne. Ihm ging der xylographische Büchcr- druck voraus, u. hierfür gesteht Sotzmaun den Niederlanden die Priorität zu. Immerhin bildet der Druck mit beweglichen Lettern das Ausschlag, gebende am modernen Bücherdruck. Über das schöpferische Verdienst Gutenbergs, die zusammenhängenden Wörter der Holztafeln nach ihren einzelnen Buchstaben zerlegt zu haben, mag mau denken, wie man will, damit wird nichts au der Thalsache geändert, daß erst Gutenbergs Art u. nicht schon der chinesische od. niederländische Tafeldruck der Druckerkunst ihr epochemachendes Ansehen verschafft haben. Allein der Druck mit beweglichen Lettern darf nicht überschätzt werden; die Setzcrarbeit unseres Buchdruckes ist eine umständliche u. kostspielige Technik, schlecht geeignet zur Befriedigung von kleinerem Bedarf im literarischen Verkehrsleben. Dabei trotzt sie bis jetzt allen wesentlichen Vereinfachungsversuchen. Die Drnckerpresse hat im Laufe von 50—60 Jahren die erheblichsten Verbesserungen erfahren. Aber die ebenso alten Anstrengungen, den Schriftsatz zu erleichtern, haben noch immer zu keinen sich bewährenden Ergebnissen geführt. Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst schreibt man in erster Reihe den Mönchen das Verdienst zu, für die Erhaltung literarischer Denkmäler durch zierliche n. kunstvolle Abschriften gesorgt zu haben. In jüngerer Zeit ist diese Überlieferung von verschiedenen Seiten hart angelassen u. zu einem nicht geringen Theil als poetische Verklärung des Klosterlebeus hingestellt worden. Die Mönche schufen übrigens keineswegs allein für den Bedarf des Klosters, sondern aus der Herstellung von Abschriften wurde nicht selten planmäßig eine Erwerbsquelle gemacht. Bei zunehmender Bildung wurde das Bücherab- schreiben immer mehr zu einem weltlichen, nach drei Klassen gesonderten Gewerbe. Die erste war die der Kunstschreiber u. Miniatoren für Prachthandschristen, die an den Höfen der Fürsten u. bei den Vornehmen, in Italien sowol, als in England, Frankreich u. Burgund, zu einem Lieb- lingsgegenstande des Luxus geworden waren. Eine zweite Klasse von Abschreibern waren die für gelehrte Zwecke, wo es mehr auf Richtigkeit als auf kalligraphische Schönheit ankam. Am frühesten waren diese auf den Üniversitäten einheimisch, also in Paris, der ältesten u. Mutter der übrigen, und in Deutschland damals in Köln, Erfurt, Prag, Heidelberg, Wien und Leipzig. Die dritte Klasse umfaßte die Herstellung von Handschriften volksthümlichen Inhaltes, vornehmlich in den deutschen Reichsstädten vertreten. Die Handschriftenhändler waren die Vorläufer und Pfadfinder für den B. Die ersten Buchdrucker entwickelten eine freilich nur unvollkommene Han- delsthätigkcit; sie suchten den directen Verkehr mit dem Publicum auf den Messen u. Jahrmärkten aus u. führten dabei nur ihre eigenen, keine fremden Preßerzeugnisse. Erst allmählich bildete 204 Buchhandel. sich ein besonderer Zweig aus, der die Vermittelung des Bücherverkehres zur Specialaufgabe machte, u. Las geschäftliche Ansehen u. Übergewicht, welches diese Thätigkeit sich erwarb, führte im Laufe des 16. Jahrh. dahin, daß aus den deutschen Buchdruckern immermehr bloße Hilfstechniker fremder Unternehmerthätigkeit wurden. Bevor der Bücherhandcl eine gewisse Stufe der Entwickelung erreicht hatte, konnte sich eine Organisation des Verkehres nicht vollziehen. Der bedeutendste Buchhändler damaliger Zeit, Anthoni Koburger in Nürnberg (1472 —1513), mußte hierfür im Jn- nnd Auslande durch eigene Berkehrsschöpfungen ^'<"N. Zur Verfolgung seiner Verleger- u. Sor- timentcrzwecke legte er in Frankreich, Ungarn n., wie es scheint, auch in Polen feste Factoreien an, welche nicht bloß örtliche Bestimmung hatten, sondern Anlehnnngspunkte für den Handel im umliegenden Lande bildeten. Durch wandernde Lager, welche sich zwischen einem Dutzend bestimmter Stationen bewegt haben mögen, versorgte er sodann Deutschland u. die Grenzländer und unterhielt außerdem Commissionslagcr in Händen von Privatleuten, namentlich von Geistlichen, ans denen im Laufe der Zeit theilweise berufsmäßige Buchhändler hervorgingen. Die natürlichen Sammelpunkte für den B. waren bei allgemeiner Hebung des Verkehres die großen Meß- Plätze, die schon dem Handschriftenhandel als solche gedient haben mögen. Frankfurt a. M. stand voran. Ihm kam die Nachbarschaft der ersten Kunststätten des Buchdruckes, die Bedeutung seiner Messen u. seine Lage zum In- u. Auslande gleichmäßig zu Statten. Die schon bestehenden Beziehungen zu den übrigen Cnlturländern waren in so weit bedeutungsvoll, als der B. im Zeitalter des anslebenden ScholasticismuS und des auflebenden Humanismus seinen ernsteren Erzeugnissen nach einen vorwiegend internationalen Charakter hatte. Die frühesten Andeutungen über den Frankfurter Büchermarkt finden sich im I. 1485; erst von 1511 an kommen jedoch Zeugnisse für einen so zu nennenden Meßhandel vor, u. schon nach dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts war Frankfurt der Weltmarkt des B-s. Alle Länder, neben Deutschland ani stärksten die Niederlande, Italien u. Frankreich, sandten zur dortigen Fasten- u. Herbstmesse ihre literarischen Neuigkeiten, welche in dem vom Augsburger Buchhändler Georg Miller 1564 begonnenen Meßkatalog verzeichnet wurden. Dies Vcrhältniß hat ein volles Jahrhundert Bestand gehabt. Die Italiener waren die Ersten, welche in den zwanziger Jahren des 17. Jahrh. ausblieben; ihrem Beispiel folgten bald die Franzosen u. A. Am längsten blieben die Niederländer treu. Der Grund des Verfalles der Frankfurter Büchcrmcsscn wird gewöhnlich in den fiscalischen Bedrückungen und in den vom fanatisch-kirchlichen Geiste beherrschten Maßnahmen der Büchercommissivn gesucht, welche zur Wahrnehmung des kaiserlichen Bücherregals in Frankfurt eingesetzt war. Die kaiserliche Bücher- commission hat zur Beschleunigung des Verfalles jedenfalls viel beigetragen, allein die tiefere Ursache war wol, daß der ausländische B. zuletzt keine geschäftliche Befriedigung mehr im deutschen Meßbesuche fand. JnFrankfurt war nämlich der wesentliche Theil des Umsatzes von jeher nicht gegen baares Geld, sondern durch Waarentausch geschehen, welche Verkehrsart dem deutschen B. von Hanse ans eigen war. Diese Verkehrsart konnte den Ausländern so lange genügen, als die deutsche Literatur für gelehrte Zwecke allgemeiner verwerthbar war. Als jedoch mit dem Verfalle der philolvg. Studien u. insbes. dem Verdrängtwerden der allgeniein verbreiteten lateinischen durch die einzelnen modernen Sprachen hierin eine Änderung eintrat, fehlte es nachgerade am genügenden Tänschmittcl. Neben Frankfurt hatte sich frühzeitig eine zweite Büchermesse, die Leipziger, bemerklich gemacht, deren Anfänge sich ebenfalls mit dein Handschriftenhandel berühren mögen, obschon ein eigentlicher Meßverkehr erst um das Jahr 1514 angenommen wird. Leipzig unterschied sich von Frankfurt durch den vorwiegend deutschen Charakter seines Büchergeschäftes, so daß Artikel, die nur auf Deutschland berechnet waren, auch nur nach Leipzig gebracht wurden. Nach der Mitte des 16. Jahrh. nahm Leipzig einen schnellen Aufschwung; 1594 erschien der erste, von Henning Grosse herausgegebene Meßkatalog, und ziemlich um die nämliche Zeit standen Frankfurt und Leipzig ebenbürtig neben einander, das erstere in absteigender, das zweite in aufsteigcnder Linie. Leipzig wurde begünstigt durch das infolge der Reformation gehobene geistige Leben von Norddentschland. Die norddeutsche Ber- lagsthätigkeit gewann unter dieser Gunst, nachdem die Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges überwunden waren, eine Überlegenheit gegen den Süden, daß in der Stellung beider Theile zu einander vom Beginn des 18. Jahrh. an auf der Frankfurter Messe ein ähnliches Mißverhältnis) eintrat, wie hundert Jahre früher zwischen dem ausländischen n. dem deutschen Buchhandel, um so mehr, als an dem Frankfurter Platze selbst die kaiserl. Büchercensur in unverständigster Weise geübt ward. Der Süden vermochte keinen gleich- werthigen Tausch in Büchern mehr anznbieten, u. der Besuch Frankfurts verlor somit für den Norden an Reiz u. Bedeutung. Die Bücherznfnhr zum alten Emporium ließ in einer Weise nach, daß der Frankfurter Meßkatalog 1723 nur noch 20 Seiten umfaßte u. 1749 zu erscheinen aufhörte. Im I. 1764 verabschiedete sich der geringe Nest von Leipziger u. norddeutschen Verlegern für immer, und Frankfurt verlor damit seine letzte Bedeutung als Büchermesse. Von da ab war Leipzig der alleinige Sammelpunkt des Verkehres. Die ersten Jahre der damit beginnenden neueren Periode des deutschen B-s ließen sich recht unerquicklich und wenig versprechend an. Unter dem alten Tauschhandel war Verlag u. Sortiment zu einer Ge- schäststhätigkeit verbunden gewesen; der eine Zweig bedingte den anderen, um den eigenen Verlag ausreichend verwerthen und fremden Verlag (Sortiment) ohne baares Wagniß einhandcln zu können. Bei dieser Betriebsart des Buchhandels verharrte der Süden im großen u. allgemeinen Verkehre vorläufig noch, während der durch die literarische Production begünstigte Norden in seinen hervorragenden Firmenträgern zum Verlagsbetriebe als einem gesonderten Zweige überging. Die Netto- 205 Buchhandel. oder Comptanthändler, wie die reinen Verleger in Leipzig, Berlin rc. genannt wurden, schlossen den Tauschhandel grundsätzlich aus; sie bedingten klingende Ausgleichung, festen Bezug u. gewährten zuweilen einen beschränkten Credit. Unter dem Tauschhandel hatte der Rabatt, welchen sich der Buchhandel gewährte, 33H pCt. betragen; die Nettohändler gewährten anfänglich nur 16 pCt., später gingen sie zu 20 — 25 pCt. über, wobei sich manche überdies durch maßlose Bücherpreise hervorthaten. Der hervorstechendste Träger solcher Grundsätze war PH. E. Reich (Weidmanns Erben u. Reich) in Leipzig, der Verleger Gellerts, Wielands, Thümmels u. einer ganzen Reihe anderer Autoren der besten u. gangbarsten Art. Er gab auch den nächsten Anstoß dazu, daß gegen Ende des Siebenjährigen Krieges die Bücherpreise um 50 pCt. erhöht wurden. Trotzdem ist Reich bis in die Neuzeit als einer der verdientesten Träger u. als Reformator des Buchhandels geehrt worden, während eine genauere Prüfung der Acten seine Thätigkeit in einem ganz anderen Lichte hat erscheinen lassen. Das frühere Miß- verständniß wurde durch die Thatsache seiner eifrigen Bekämpfung der Nachdrucker genährt, wobei übersehen worden ist, daß die Thätigkeit der Letzteren um jene Zeit vornehmlich durch die hohen Bücherpreise u. die schwierigen Verkehrsgrundsätze der norddeutschen Verleger gefördert u. daß Reich als ihr Tonangeber vom Nachdrucke vorzüglich heimgcsucht wurde. Selbst die Regierungen begünstigten denselben aus jenen Gründen zum Schutze des Publicums, die österreichische durchgängig, die preußische ausnahmsweise. Der Nachdruck von im eigenen Lande erschienenen Büchern war übrigens nirgendwo gestattet und selbst in Österreich auf das Strengste untersagt. Ein Privilegium war hierzu auch nicht erforderlich; das Privilegium mit den herkömmlichen Schutzbedingungen für das Publicum: mäßiger Bücherpreis, gute Ausstattung, correcter Druck rc., galt nur im Verkehre zwischen den verschiedenen deutschen Ländern, die weder durch Neichsgesetz, noch durch Verträge mit einander verbunden waren. Die Spannung zwischen dem Süden u. Norden wurde erst gehoben durch Einführung einer Verkehrsart, welche das Princip des alten Tauschhandels, das Wagniß an den auf Fiction beruhenden Bücherpreisen zwischen Producent u. Händler gleichmäßig zu vertheilen, in anderer Form wahrte. Dies geschah in der Form unverlangter Neuigkeitssendungen, die so zu verstehen waren, daß der Sortimenter zur Messe nur die davon verkauften Artikel zu bezahlen hatte, die nichtverkauften aber, sofern sie sich in ungebrauchtem Zustande befanden, an den Verleger zurückgeben konnte. Hieraus hat sich das sogen. Conditionsgeschäst (nicht Commissionsgeschäft) zu einem förmlichen System entwickelt, demjenigen System, nach dessen Grundzügen neue u. ältere Artikel pro novitats oder st eonäition in Jahresrechnung (1. Jan. bis 31. Dec.) versandt werden u. der Sortimenter das unbedingte Recht hat, alles so in Rechnung Empfangene bis zur nächsten Leipziger Ostermesse zu behalten, mit dev Verpflichtung, dann zu re- mittiren, oder zu bezahlen. Auf dieser der Natur des Büchervertriebes so eng angepaßten Einrichtung beruht die Entwickelungs- u. Organisationsfähigkeit des deutschen Buchhandels u. seine Überlegenheit gegen den ausländischen. Das Condi- tionsgeschäft hat seine erste Ausbreitung im Süden genommen und übertrug sich von dort nach dem Norden, so daß dasselbe in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ziemlich allgemein Fuß faßte. Um die nämliche Zeit begannen die genossenschaftlichen Bestrebungen im deutschen B. Den Anfang machte P. G. Kummer in Leipzig mit dem im I. 1792 unternommenen Versuche, gemeinsame Meßabrechnungen im Nich- terschen Kaffehause daselbst einzurichten. Sie erhielten sich nur bis ins zweite Jahr. C. Chr. Horvath ans Potsdam nahm 1797 den Versuch in einem geeigneteren Local, dem großen theologischen Auditorium im Paulinnm, von Neuem auf, und hier wurden die, Abrechnungen zwischen den die Leipziger Messe besuchenden Buchhändlern 27 Jahre lang ununterbrochen fortgesetzt. Mit dem gemeinsamen Verkehre auf der Börse, wie man das Abrechnungslocal nannte, verbanden sich bald weitergehende Bestrebungen. Der Übergang vom Conditions- zum Tauschgeschäfte hatte eine Menge abweichender Grundsätze und mancherlei Mißverständnisse bezüglich der neuen Verkehrsform gefördert. Zur Ostermesse 1803 wurde demnach ein gemeinsamer Reformversuch ins Werk gesetzt u. 1804 ein Vertrag der Buchhändler über einige Gegenstände ihres Handels bekannt gemacht. Eine praktische Wirkung wurde damit nicht erzielt u. konnte auch nicht erzielt werden, theils aus sachlichen Gründen, theils aus Gründen der ernsten Zeitverhältnisse. Die Stürme des Revolutionskrieges 1792—1802 hatten den deutschen Buchhandel weniger hart betroffen, dagegen wirkte die Zeit nach der Schlacht von Austerlitz (1805) um so drückender. Die Erschießung des Nürnberger Buchhändlers Palm, die Einkerkerung R. Z. Beckers in Gotha sind unter den Na« poleonischen Triumphzügen nur die hervortreten- deren Episoden einer Reihe von drohenden oder zur Ausführung gebrachten Gewaltthätigkeiten gegen Presse u. Buchhandel, die nicht einmal immer Las Kriegsrecht für sich geltend machen konnten. Die Tendenz des gallischen Cäsarenthums ging in den seiner Herrschaft verfallenden deutschen Gebietstheilen, wie auf Verminderung der Zeitungen und Journale, so auf Verminderung der bestehenden Buchhandlungen aus, gegen billige Entschädigung. Im ganzen Umfange des Fran- zöfischen Reiches wurden für jeden Appellationsbezirk besondere Jnspectoren zur Aufsicht über Buchhandel und Buchdruckereien ernannt, welche unmittelbar unter dem Generaldirector des Buchhandels zu Paris standen. Der dem Französischen Reiche einverleibte deutsche Nordwesten erhielt seine Jnspectoren im 1.1811, u. alsbald drohten auch Maßregeln gegen den Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, Leipzig, welches durch die Versorgung der deutsch-französischen Departements in mittelbare Berührung mit den französischen Behörden kam. Als sich dann mit dem Frieden vou 1815 das ganze Culturleben Deutschlands hob, faßte der bis dahin selbst in namhaften Städten spür- 206 Buchhandel. lich oder gar nicht vertretene Buchhandel nach u. nach aüerwärts Fuß. Aber auch die nunmehr in Deutschland entwickelte Diplomatie betrachtete das gesammte Bücherwesen als gefährlich u. beständiger Beaufsichtigung bedürftig. Die KarlS- badcner Beschlüsse von 1819 stellten alle Druckschriften von weniger als 20 Bogen unter Censur (nur Bayern blieb dabei, die Censur ans Zeitungen zu beschränken). Die Beseitigung dieses Instituts der Censur war eine der Früchte des Jahres 1848. Mittlerweile hatte sich auch der genossenschaftliche Geist von Neuem geregt u. nahm größere Anläufe. Schon 1814 hatten die in Leipzig zur Oslermesse versammelten Buchhändler eine Deputation aus ihrer Mitte bestimmt, welche beim Wiener Congreß die Herbeiführung eines geordneten literarischen Rechtszustandes befürworten sollte, u. diese Bemühung war in so weit von Erfolg, als in der Bundesacte das Versprechen gegeben wurde, daß sich die Bundesversammlung bei ihrer ersten Zusammenkunft mit diesem Gegenstände beschäftigen sollte, welches Versprechen lange Zeit ein todter Buchstabe blieb. 1817 wurde für die Vertretung der öffentlichen Angelegenheiten, insbesondere zur Einwirkung auf die Gesetzgebung, ein durch ganz Deutschland verzweigter Verein gegründet, der durch den aus allen Ländern u. Provinzen zusammengesetzten Wahlausschuß der deutschen Buchhändler von Leipzig aus geleitet ward. Man fühlte aber bald, daß der Anlehnungspunkt einer solchen Vereinigung, wenn sie mit allseitiger Unterstützung wirken sollte, die nächsten praktischen Interessen sein müßten, welche bis dahin durch die Veranstaltung gemeinsamer Abrechnungen auf der Börse in Form eines bloßen Privatunternehmens wahrgenommen worden waren. Acht Jahre später wurde deshalb die Börse öffentliche Angelegenheit u. in dem am 30. April 1825 gegründeten Börsenverein der deutschen Buchhändler der Mittelpunkt für die genossenschaftlichen Bestrebungen geschaffen. Der Börsenverein ist für die Ordnung u. Sicherung des buchhändlerischen u. literarischen Verkehres von namhafter Bedeutung geworden. In fast allen Entwickelungsstadien der einschlagenden Gesetzgebung hat er thätig u. erfolgreich eingegriffen, bis zum Abschluß jener Allheiten in dem jetzt für das gesammte Deutschland giltigen Reichsnachdrucksgesetze vom 11. Juni 1870, dem ein von Vereins wegen schon im 1.1857 vorbereiteter Gesetzentwurf vornehmlich zum Anhalte gedient hat. Wie der inländischen Gesetzgebung, so hat der Verein auch den Liteparconventionen mit dem Auslande fortgesetzt seine Aufmerksamkeit Zugeweudet u. auf Aufforderung des Bundeskanzleramtes noch im I. 1871 fachmännische Con- fercnzcn zur Vereinbarung gleichmäßiger Grundsätze für die Verträge mit dem Auslande veranstaltet, deren Ergebnisse allerdings noch nicht ver- werthct sind. Zwei Dinge sind es, welche das Ansehen u. die Erfolge des Börsenvereins wesentlich gefördert haben: erstens, daß er es in seiner Vorsorge für die gemeinsamen praktischen Interessen der Geschäftswelt grundsätzlich vermied, sich in innere Geschäftsverhältnisse einzumischen, und zweitens, daß er, über diese nächste Aufgabe hinausgehend, auf hem Gebiete der Gesetzgebung keinen spectfisch buchhändlerischen Standpunkt, sondern die allgemeinen Verkehrsinteressen vertrat. Wesentlich unterstützt wird das Wirken des Vereines durch die reichen Geldmittel, welche ihm zu Gebote stehen; er verfügt nicht bloß über ein ansehnliches Baarvermögen, über die Erträgnisse seines amtlichen Organs, des Börsenblattes für Heu deutschen Buchhandel, welches, täglich erscheinend, gleichzeitig der Centralanzeiger der Geschäfts- Welt ist, sondern er ist gegenwärtig auch freier Eigenthllmer der 1834—36 gebauten Buchhändler- börse zu Leipzig, deren schöne Räume geschäftlichen wie künstlerischen n. wissenschaftlichen Zwecken dienen. Die seit dem Jahre 1868 der Benutzung übergebene Bibliothek des Vereines verspricht unter den deutschen Genossenschafts-Bibliotheken dereinst eine hervorragende Stellung einzunehmen; sie ist der Literatur des Buchhandels, des Buchdruckes u. ihren Hilfszweigen im ausgedehntesten Sinne gewidmet u. birgt schon jetzt kostbare Schätze in sich. Keineswegs sind übrigens alle deutschen Buchhändler Mitglieder des Vereines. Die Mitgliedschaft ist Jedem unbenommen, ohne daß eine direkte Nöthigung dafür vorliegt. Im I. 1875 wurden im Ganzen 4531 Firmen gezählt, davon waren 1227 Börsenvereins-Mitglieder. Lieben dem Börsenverein n. durch sein Beispiel angeregt, entstand eine größere Anzahl von Kreis- u. Localvereinen, deren Bestimmung ist, die engeren Interessen von Provinzen u. größeren Städten zu vertreten. Von besonderer Bedeutung sind der Süddeutsche Bnchhändlervereiu (gegr. 1845, amtliches Organ: Süddeutsche Buchhändler-Zeitung) und der Verein der österreichischen Buchhändler (gegr. 1859, amtliches Organ: österreichische Buchhändler-Correspondenz); von den Localvereinen der Verein der Leipziger Buchhändler (gegr. 1832) und die Corporation der Berliner Buchhändler (gegr. 1848). Die einzelnen Geschäftszweige. Der deutsche B. zerfällt seinen Hauptzweigen nach in Verlags- n. Sortimentshandel. Ein Zweig für sich, vielfach aber mit dem Sortimcntshandel verschmolzen, ist der Handel mit älterer Literatur, mit Büchern aus zweiter Hand, Handschriften rc., das Antiqnargeschäft, dem auch die Bücherauctio- nen zufallen. Das vermittelnde Glied für den Verkehr der Verleger, Sortimenter u. Antiquare unter einander bildet das Commissionsgeschäft (kein Handelszweig, sondern ein reicher ausgehil- hetes Speditionswescn), welches seinen Sitz an den Verkehrscentren Leipzig, Stuttgart, Berlin, Wien rc. hat. Diese Eintheilung, wie im Wesentlichen die Verkehrseinrichtungen u. Bräuche, sind auch den dem Buchhandel verwandten Geschäftszweigen eigen, worunter man den Kunst-, Musikalien- und Landkartenhandel versteht. Von den 4531 Firmen, welche im I. 1875 bestanden, beschäftigten sich: 1132 nur mit dem Verlags-B., 199 - - - - Kuusthandel, 131 - - - - Musikalienhandel, 112 - - - - Sortiments-Kunsthandel als Hauptgeschäft, 134 nur mit dem Sortiments-Musikalienhandel als Hauptgeschäft, Buchhandel. 207 98 nur mit dem Antiquariatshandel, 2670 mit dem Sortiments- u. AntiquargeschLfte, dem Buch-, Kunst-, Musikalienhandel :c., vielfach mit Verlag verbunden. ^,) Der Verlagsbuchhäudler steht zum Sortimentshändler wie der Fabrikant zum Kaufmann; er producirt, d. h. regt Unternehmungen nach eigenen Ideen an, oder nimmt in Verlag (eine ehemals allgemein, jetzt nur noch in einzelnen Theilen Deutschlands gebräuchliche Bezeichnung für Niederlage) u. verwerthet seine Erzeugnisse durch Vermittelung des Sortimentshändlers. Zu den Geschäften des Verlagshandels gehört somit die Erwerbung des Verlagsrechtes von einem Schriftsteller, Künstler, Componisten rc. Seiner Entwickelung würden jedoch sehr enge Grenzen gezogen fein, wenn er sich hierauf beschränken wollte. Über eine gewisse Stufe hinaus bildet die eigene Anregung von Unternehmungen den Hebel der Verlegerthätigkeit; sie bestimmt bei größeren Geschäften hauptsächlich Charakter u. Richtung derselben. Der Ankauf von Auflageresten, sofern damit das Verlagsrecht für fernere Auflagen verbunden ist, gehört ebenfalls zu den Geschäften des Verlegers. Ferner zählt dazu der sog. Commissionsverlag: gewöhnlich der ausschließliche Debit von solchen Werken, welche auf Kosten u. Gefahr eines Anderen unternommen worden sind. Die Verhältnisse zwischen Verlegern u. Autoren werden durch den Verlagsvertrag geordnet. L) Der Sortimentsbuchhändler ist der commercielle Vermittler zwischen Verleger und Publicum. Die deutsche Einrichtung, daß sich in allen größeren, mittleren u. selbst kleineren Städten Buchläden in oft sehr reicher Anzahl vorfinden, welche ein den örtlichen Verhältnissen entsprechendes Lager der neueren u. neuesten Literatur führen u. in unausgesetzter Verbindung mit dem gesummten Verlagshandel stehen, ist durchaus nichts Selbstverständliches. Der deutsche Sortimentshandel fand seinen Ursprung im ehemaligen Tauschhandel, gewann aber seine volle Entwickelungsfähigkeit für die modernen Verhältnisse erst durch das Conditionsgeschäft u. die daraus erwachsene Verkehrsorganisation. So wenig das Ausland das Conditionsgeschäft u. seine das Wag- niß beim Büchervertriebe zwischen Verlags- und Sortimentshandel ausgleichcuden Grundsätze kennt, so wenig kennt es auch einen Sortimentshandel deutscher Art. Daraus ergibt sich die eigenartige Stellung des deutschen B-s zum Auslande. Ju Deutschland kennen wir keine englischen u. französischen Buchläden, von Engländern u. Franzosen geführt, da der deutsche Buchhandel durch die ihm eigentümlichen Baarsortimeute für ausländ.Literatur seinen etwaigen Bedarf beziehen kann. Der deutsche Buchladen ist dagegen dem Bücherfreunde im Auslande eine bekannte Erscheinung. Den Unterschied in den Frachten rc. abgerechnet, kann eben der deutsche Sortimenter durch seine commissionelle Vertretung am Mittelpunkte Leipzig die Kanäle des deutschen Büchcrverkehrs ohne Schwierigkeit überall hilllenken, möge er nun seinen Geschästssitz in Halle oder Jena, oder in Paris, London u. New-Dork aufschlageu. Die geographische Vertheilung des deutschen B-s war im I. 1875 folgende: Deutsches Reich auf Städte. Firmen. 786 3473 Luxemburg - 1 4 Österreich 189 563 Europäische Staaten - 123 497 Amerika - 23 75 Asien « 2 3 Australien - 1 1125 1 4616 Der reine Verlagshandel, der hierbei mitzählt, hat seinen Sitz vorzugsweise im Innern Deutschlands; die auf das Ausland entfallenden Firmen sind durchgängig Sortimentshandlungen. Die deutschen Bücherfreunde im In- u. Auslande haben unter diesen Einrichtungen den wohl zu würdigenden Vortheil, daß sie selten Bücher zu kaufen genöthigt sind, die sie vorher nicht gesehen haben u. zu prüfen Gelegenheit hatten. Ein B., der dieser Bedingung des Bücherverkehres nicht ausreichend genügt, bereitet unangenehme Erfahrungen u. leidet selber gewissermaßen an einem organischen Übel. Dennoch darf nicht angenommen werden, als wenn aller Absatz im deutschen B. durch Novitäten- u. Conditionssenduugen herbeigeführt werde. Diese Bezugsart gilt nur für neue Artikel, deren Absatzfähigkeit erst zu erproben ist, u. dann für solche ältere Artikel, welche der Sortimenter nicht auf Lager hält, die aber der Bücherfreund nicht kaufen mag, ohne sie vorher angesehen zu haben. Neben dem Bezüge pro novibats u. ü oonckitiou ist der feste Bezug sehr beträchtlich, u. ungleich stärker noch fällt der Baarbezug ins Gewicht, bei dem der Verleger eher über sein Geld, als der Sortimenter über seine Waare verfügt. Im I. 1873 wurden am Leipziger Commissionsplatze, dem vornehmsten, aber nicht dem alleinigen Zahlungsorte (abgesehen von den directen Verrechnungen zwischen Verleger u. Sortimenter), 9,050,000 Thlr. klingend umgesetzt. Davon kamen 4,750,000 Thlr. auf Lieferung in Rechnung (pro novitato, a eon- äitiou u. fest) u. 4,300,000 Thlr. auf Lieferung gegen baare Zahlung, also nahezu die gleiche Summe. Zur Thätigkeit des SortimentshänL- lers gehört neben dem Vertriebe der Bücher die Einrichtung von Leseinstituten periodischer u. nichtperiodischer Literatur. Bezüglich der nicht-periodischen Literatur stehen wir gegen andere Länder, z. B. gegen England, zurück. Obschon dies ohne sichere Grundlage gewöhnlich anders angenommen wird, kann doch als ausgemacht gelten, daß, mir England verglichen, in Deutschland mehr Bücher gekauft als geliehen werden. Nach Art der großen englischen Leseinstitute, die über ein weites Terrain u. sogar nach anderen Ländern verkehren, haben wir bis jetzt nur einen Anfang in dem Borstellschen Leseinstitut in Berlin, welches neue Werke gelesener Schriftsteller, wie Freytag, Anerbach u. s. w., in 500—700 Exemplaren für seine Zwecke verwendet. 0) Dem Antiquariats-B. kommt es nicht zu Statten, daß in Deutschland die Bücher mehr zum Lesen, als, wie es bei Curiositäten, Seltenheiten u. Luxuswerken geschieht, zum Hinstellen gekauft werden. Die Sammler u. Büchernarren, welche in dem reicheren Frankreich und Eng- 208 Buchhandcl. land so zahlreich vertreten sind, bilden aber die Elite einer antiquarischen Kundschaft. Der deutsche Antiqnariatshandel dient daher vornehmlich dem gelehrten Bedürfniß. Trotzdem zahlte man im I. 1875 1457 Handlungen, welche sich mit dem Antiquariat beschäftigten, darunter 98 Firmen, deren Thätigkeit nur diesem Zweige angehörte. Der Antiquar ergänzt sein Lager durch Ankauf größerer u. kleinerer Sammlungen, durch Ersteigerung in den Auktionen, durch Bezüge nach den Katalogen anderer Antiquare u. ebenso durch Bezüge besonders älterer, im Verkehre eingesllhrter Erscheinungen vom Verleger. Wie mannigfaltig sonach die Objecte sind, welche ihm durch die Hand gehen, in einem Punkte gleichen sie sich alle: sie haben einen anerkannten Marktwert!). Deshalb auch verkehrt dieser bnchhändlerische Zweig nach allgemeinen Handelsgrundsätzen u. hat dieselben sogar in aller Schärfe ausgebildet. Der Antiquar kennt nur Baarbezug, er nimmt keinen Credit in Anspruch u. gewährt grundsätzlich weder der Geschäftswelt, noch dem Publicum Credit. Ebenso wenig vertreibt er die Bücher in natura; sein Vertriebsmittel ist der Katalog, den er an Antiquare, Sortimenter u. direct ans Publicum vertheilt. Von den oben genannten 1457 Antiquariatshandlungen hielten 619 Lager, die übrigen waren nur Vermittler. Man spricht auch von einem modernen Antiquariat, einem Zwitterding von bestrittener Berechtigung, weil es die kaufmännischen, an keinen Ladenpreis sich bindenden Grundsätze des eigentlichen Antiquariats auf die neuere u. neueste Literatur anwendet u. dadurch mit dem Sortimentshandel in unangenehme Berührung kommt. Das moderne Antiquariat kann selbstverständlich nur solche Erzeugnisse verwenden, deren Absatzfähigkeit bereits ermittelt ist, u. in so fern erscheint es allerdings als Schmarotzerpflanze, indem es oft da erntet, wo der Sortimentshandel durch seine Vertriebsanstrengungen gesäet hat. Dies System, consequent durchgeführt, würde die Bücherfreunde sehr bald empfinden lassen, welche Vortheile ein geordneter Sortimentshandel bietet. l>) Das Commissionsgeschäft vermittelt den Verkehr zwischen der Geschäftswelt. Der Centralcommissionsplatz ist Leipzig. Zu Zeiten des Tauschhandels war Leipzig Büchermesse. Die Buchhändler versammelten sich auf der dortigen Oster- u. Michaelismesse, um, wie jeder Andere, Meßhandelsgeschäfte aufznsuchen u. abzuschließen. Seit Einführung der Neuigkeitssendungen u. der Ausbildung des Conditionsgeschäftes ist Leipzig der Platz, aus dem Verlags- u. Sortimentshandel mittels ihrer Commissionäre das ganze Jahr hindurch unausgesetzt in Verkehr mit einander stehen. Wenn demnach die Ostermesse naht, liegt keinerlei Bedürfniß zur Ergänzung der Lager vor, u. es gilt nur, die Rechnung vom letzten Jahre auszugleichen, ein Geschäft, das sich in wenigen Tagen vollzieht. Jede Handlung, welche mit dem deutschen B. unmittelbar verkehren will, ist somit darauf verwiesen, in Leipzig einen ständigen Com- missionär anzunehmen u. die Firma desselben, als mit der Vertretung beauftragt, öffentlich zu nennen. Danach gilt Letzterer als bevollmächtigt für den ganzen Umsang der Geschäfte, welche mit solcher Vertretung dem Branche gemäß verbunden sind. Da der Commissionär immer nur im Namen seines Committenten handelt, kann Leipzig als der fingirte Geschäftssitz aller deutschen Buchhändler im In- u. Auslande angesehen werden. Die wichtigsten Functionen des Commissionärs sind: Empfangnahme aller von u. für seine Committenten eingehenden Bestellungen u. Sendungen u. Weiterbeförderung derselben; die Einlösung u. Einkassirung der Baarsendungen; die Vermittelung der wöchentlichen Börsen- u. der alljährlichen Ostermeßzahlungen. Eine andere wichtige Obliegenheit ist die eingehende Vertretung der auswärtigen Verleger. Die Aufträge würden sich mitunter unangenehm verzögern müssen, wenn z. B. die Bestellung eines Danziger Sortimenters an einen Heidelberger Verleger vom Sitze des Letzteren über Leipzig nach Danzig ausgeführt werden sollte. Der Heidelberger hält deshalb Lager bei seinem Leipziger Commissionär, u. die- ser führt im Namen seines Committenten die Bestellung aus, welche der Commissionär des Danzigers ihm übergibt. Diese den Verkehr beschleunigende Einrichtung ist so allgemein, daß im I. 1875 1414 auswärtige Verleger in Leipzig Lager hielten, um, wie der technische Ausdruck lautet, ansliesern zu lasten. Neben Leipzig traten im Verlaufe der neueren Periode des B-s eine Anzahl Nebencommissionsplätze auf, um die Geschäfte unter den Handlungen eines engeren landschaftlichen Kreises schneller abzuwickeln, als dies über Leipzig möglich gewesen wäre. Solche Plätze waren Berlin, Frankfurt a. M., Nürnberg, Augsburg, Stuttgart, Zürich, Wien, Pest rc. Davon hat nur Stuttgart als Mittelpunkt des süddeutschen B-s eine größere Bedeutung gewonnen; aber auch Stuttgart hat im Commissionsgeschäftswesen seinen Höhepunkt schon hinter sich, während die anderen Nebenplätze entweder keine Fortschritte gemacht haben, od. zur völligen Bedeutungslosigkeit herab- gesunkcn sind. Bei der Vervollkommnung der Verkehrsanstalten zeigt der Süden wie der Norden immer mehr sich geneigt, auch mit dem nächstgelegenen Kreise nur über Leipzig zu verkehren. Wien dagegen behält als regelnder Mittelpunkt des österreichischen B-s, dessen namhaftere Firmenträger mit dem deutschen eng verbunden sind, eine Aufgabe für sich. H Die Organisation des deutschen B-s besteht in der Zusammenfassung und Regelung des Verkehres der übers ganze In- u. Ausland vertheilten Verleger u. Sortimenter an dem gemeinsamen Mittelpunkte Leipzig. Sie beruht auf dem Conditionsgeschäfte, welches die Verleger- u. Sor- timenterthätigkeit solidarisch mit einander verbindet. Das Conditionsgeschäft mit seinen vom kaufmännischen Verkehre so unterschiedlichen Grundsätzen zieht eine Scheidewand zwischen dem B. u. dem allgemeinen Handel. Die große Menge der ausländischen Buchhändler sind Kaufleuts, vielfach sogar Krämer, nach deren Grundsätzen sie mit Büchern wie mit anderen Maaren handeln; nur der Kern der Verleger- und Sortimenterwelt besteht aus Fachmännern. In Deutschland hingegen wird jeder Buchhändler von dem Knaben- u. Jünglingsalter an als Fachmann erzogen, u. soine Buchhandel. 20S eigenartige, anders nicht wol zn »erweichende Ge- schäftsbildung verweist ihn auf den B. als seinen alleinigen Lebensberuf. Das ist der Grund, weshalb Deutschland gegen England und Frankreich die wenigsten buchhändlerischen Firmen, dabei aber die meisten n. im Durchschnitt gebildetsten Fachleute, den intensivsten inländischen Verkehr n. die größte internationale Verzweigung seines Geschäftswesens hat. Aus der fachmännischen Abgeschlossenheit des bnchhändlerischen Berufes in Deutschland erklärt sich die übliche Fortpflanzung desselben in der Familie. Deutschland hat gegen andere Länder eine große Anzahl hundertjähriger u. älterer Buchhändlerfamilien, demnach im Kerne seiner Geschäfte, worunter hier die Nerlagsgeschäfte verstanden sind, einen verhältnißmäßig geringen Besitzwechsel. Der Leipziger Meßkatalog, der länger als 250 Jahre erschien, wechselte seinen Besitz zwischen nur zwei Firmen. Dies stabile Verhältnis; ist von hoher Bedeutung für den Haushalt unserer Literatur. Während im Auslande ein starker Procentsatz der literarischen Erscheinungen nach wenigen Jahrzehnten u. oft kürzerer Dauer, sei es durch den Auctionshammer, oder sonstwie, sich der Controls über den Verbleib entzieht, ohne deshalb im eigentlichen Sinne vergriffen zu sein, hütet der deutsche Verlagshandel seine alten Schätze sehr treu, u. bei den rationellen Vertricbseinricht- ungen, die auch der älteren Literatur zu Statten kommen, ist das Ausschlachten eines Verlagsge- schäftes durch Verschleuderung älterer Artikel sogar eine sehr verfängliche Sache. Im ursächlichen Zusammenhänge mit der Erhaltung des Verlagsgutes in der Hand des ursprünglichen Unternehmers steht die deutsche Sorgsamkeit für die Pflege der Bibliographie. Wo der Verleger sich nur um den Novitätenvertrieb kümmert od. kümmern kann u. dann die Aufla^ereste so gut als thunlich an Verkäufer aus zweiter Hand losschlägt, findet sich auch kein rechter Sinn für die praktische Wichtigkeit der Bibliographie. Das hat neuerdings noch Amerika gezeigt, wo der Versuch eines deutschen Buchhändlers, die nächste nothwendige Grundlage dafür zu schaffen, wegen Indifferenz der Verleger aufgegeben werden mußte. Deutschland hat aber aus dem gegentheiligen Grunde die planmäßigste, vielseitigste u. in der allgemeinen Verwendbarkeit auch die der Zeit nach am weitesten zurückgehende Bibliographie. Zu den Vorzügen des deutschen B-s rechnet man ferner den gleichen Ladenpreis. An sich hat er damit nichts Eigenthümliches. Ein gleicher Ladenpreis wird überall angenommen. Die Frage ist nur, wie lange u. auf welche Entfernung vom Verlagsorte er behauptet werden kann. Die Möglichkeit, ihn aus längere Zeit zu erhalten, ergibt sich für Deutschland schon aus den obigen Bemerkungen über den Verbleib des Verlagsgutes in Händen des Unternehmers, der ohne Noth nicht so bald den Glauben an seine Preise erschüttert, anderseits auch, was im Auslande öfter vorkommt, äußerst selten zu Preiserhöhungen übergeht. Die relative Gleichmäßigkeit der Verkaufspreise u. ihre möglichste Annäherung an den Ladenpreis wird aber für schwächere u. stärkere Bezüge, auf nahe und weite Entfernungen durch drei Umstände gefördert. Erstens Pierers Universal-CoiwerlationL-Lexikon. 8 . Aufl. I durch den directen Verkehr der Verleger mit den Sortimentern, so daß für letztere durchgängig die gleichen Bezugsbedingungen gelten. Wo diese Einrichtung nicht besteht, sondern, wie z. B. in England u. Amerika, ein großhändlerisches Zwischenglied einen Haupttheil des Verkehres mit der großen Masse der Händler vermittelt, sind, wie die Thatsachen beweisen, geordnete Bücherpreise gar nicht durchzuführen. Sodann hat jeder deutsche Verleger nach dem herrschenden Brauche frachtfrei Leipzig zu liefern. Kein Buch unterscheidet sich somit in den Bezugsspesen anders als durch das Gewicht, welches im höheren Preise und in dem entsprechend größeren Rabattantheil gewöhnlich seinen Ausgleich findet. Ferner wirkt das deutsche Rabattsystem aus die Gleichmäßigkeit der Verkaufspreise u. ihre Annäherung an den Ladenpreis günstig ein. Der deutsche Minimalrabatt beträgt 25 pCt.; für eine größere Anzahl Artikel gelten 33H u. beim Baargeschäfte 40—50 pCt. Rabatt. Das sieht willkürlich aus. Allein diese verschiedenen Rabattsätze kommen nach Grundsätzen zur Anwendung, welche dem Sortimenter die Möglichkeit gewähren, außergewöhnliche Transport- u. Vertriebsspesen auszugleichen. Eine absolute Gleichmäßigkeit der Verkaufspreise im gesammteu Inlands und namentlich im Auslande ist natürlich nicht herzustellen. I?. Die Statistik des deutschen B-s liegt einigermaßen im Argen. Dies gilt insbesondere für die Zahl der jährlichen Erscheinungen. Die regelmäßig veröffentlichten Übersichten zählen die in Leipzig eingegangenen neuen Bücher auf, beschränken sich somit auf das, was in den allgemeinen literarischen Verkehr übergegangen ist, u. schließen die Localliteratur aus, ein Verfahren, das an u. für sich richtig ist. Mangelhaft ist jedoch, daß weder die Erscheinungen von Deutschland, Österreich u. der Schweiz getrennt, noch daß die wirklichen Neuigkeiten von den bloßen Fortsetzungen u. den neuen Auflagen gesondert werden. Die lieferungs- u. bändeweise Ausgabe'von Werken ist in Deutschland stark im Schwünge, u. ein Werk, das 5 Jahre nach einander erscheint, wird deshalb auch 5 Mal in der Statistik mit aufgezählt. Nach solchen Grundsätzen wurden in den Jahren 1851 bis 1859 jährlich zwischen 8000 bis 8900 Nummern gezählt. Von 1860 ging die Bewegung von 9000 aufwärts zu 10,000; im Kriegsjahre 1866 fiel sie auf den Stand von 1857 zurück. Dagegen wurde 1868 die Zahl von 10,000 voll erreicht. Von da ab ging die Production mit leichten Schwankungen wiederum aufwärts u. erreichte iin Jahre 1874 12,070 Nummern. Eine Trennung der literarischen Erscheinungen nach den betheiligten Ländern ist nur für die Jahre 1872 u. 1873 vorgenommen worden. Danach zeigt sich folgendes Bild: 1872 1873 DieGesammterscheiuungenbetrugeu 11,596 11,748 Hiervon Österreich u. die Schweiz 1,830 2,044 Blieben für das Deutsche Reich 9,766 9,704 Hiervon fielen aus Preußen 4,431 4,294 Auf das übrige Deutschland 5,335 5,410 Auffallend ist, wie sehr Preußen in der Zahl der Erscheinungen hinter dem übrigen Deutschland zurücksteht. Während die Seelenzahl von Preußen V. Band. 14 210 Buckchmidcl. zunl übrigen Deutschland sich damals wie 3 zu 2 verhielt, erwies sich die Zahl der literarischen Erscheinungen wie 4 zu 5. Dabei kann nicht geltend gemacht werden, daß der bedeutende Verlag des Centralpnnktes Leipzig das richtige Berhältniß verschiebe. Berlin hat Leipzig in der Zahl der Erscheinungen überholt. 1872 1873 Der Berliner Antheil betrug 1936 1946 Der Leipziger Antheil dagegen 1829 1805 Laßt nia>i beide Centren als einander hebend ans der Berechnung weg, so stellt sich folgendes Ergebnis; heraus: 1872 1873 Preußen ohne Berlin 2495 2358 Das übrige Deutschland ohne Leipzig 3506 3595 Das Berhältniß ist also noch ungünstiger für Preußen, ungefähr wie 2 zu 3, somit umgekehrt wie die Einwohnerzahl. Der Grund für diese be- merkenswerthe Thatsache ist in der Hauptsache kaum ein anderer als die dem Buchhandel ungünstige u., man kann sagen, oft geradezu feindliche Gesetzgebung Preußens von ehedem. Das herkömmliche System gegen Presse u. Buchhandel, dessen Wirkungen längst übersehen werden konnten, ist trotzdem von den preußischen Regierungsinännern schrittweise vor dem Deutschen Reichstage verthei- digt worden. Der deutsche Bücherumsatz wird gegen den englischen u. französischen hergebrachter Weise unterschätzt. Darüber konnte längst kein Zweifel obwalten, daß der literarische Verkehr im Innern Deutschlands bedeutender sein müsse, als in Frankreich u. England. Hierauf deutet schon Las Berhältniß der Production der drei Länder zu einander. Allein selbst in Fachkreisen hat sich bis jüngst der Glaube erhalten, daß z. B. England mit der universellen Bedeutung seiner Literatur, mit seiner weit verbreiteten Sprache u. seinen Colonien eine ungleich größere Bücheraussnhr haben müsse, als das colonicnlose Deutschland mit einer Sprache, deren Kunde viel weniger verbreitet ist. Nach dem amtlichen Berichte des Londoner Eustoni House betrug nun iin Jahre 1872 die englische Bücheraussuhr 883,914 Pfd. St., die Einfuhr 149,189 Pfd. St. Nach den Mittheilungen des kaiserl. statistischen Amtes zu Berlin führte Deutschland im nämlichen Jahre an Ma- nuscripten, Stichen u. Büchern für 7,630,000 Thlr. ans u. für 3,000,000 Thlr. ein. Wenn berücksichtigt wird, daß die Manuskripte u. Stiche, welche die deutsche Statistik mitzählt, nur eine» verhält- uißmäßig geringen Antheil an der Gesammtsumme vertreten können, so ergibt sich danach, daß Deutschland eine größere Bücherausfuhr, jedenfalls keine schwächere u. zweifellos eine größere Einfuhr hat, als England, und diese Werthziffern sind um so durchschlagender, sofern die hohen englischen Bücherpreise mit in Betracht gezogen werden. Das günstige Berhältniß der deutschen Ausfuhr stellt der englische Bericht von seinem Standpunkte selbst Lar; denn danach lieferte England an Deutschland für 27,573 Psd. St. u. empfing von Deutschland für 88,565 Pfd. St. Bücher. O. Der Colportage-B. In allen Literatur- ländern tritt neben dem regulärcnB. noch eine andere Art B. auf, welcher die Bearbeitung der großen unliterarischen Volksmasse zum Gegenstände seiner Thätigkeit macht. Die Mittel u. Wege, wie dies geschieht, sind grundverschieden vom gewöhnlichen Verkehre. In Deutschland haben sie in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerthe Ausbildung erfahren, so daß man seitdem vom Colportage-B. als einem selbständigen und in seinen Hauptver- vertretern vom übrigen B. gesonderten Geschäftszweige spricht. Colportirt wurde in Deutschland mit gewissen populären und localen Artikeln von jeher. Zur Schöpfung einer sogenannten Colpor- tage-Literatur ist es jedoch erst in der Neuzeit gekommen. Die beliebteste Form ist der Roman, u. die Ansprüche dabei sind starke Wirkungen mit nicht allzu zarten Mitteln: Sensationsstoffe, kühne Erfindung, noch kühnere Übergänge u. Motivir- nng u. vor Allem jene Gabe, die deutsche Sprache mehr exotisch aufwuchern, als krystallhell fließen zu lassen» Für das Übrige sorgt die Vertriebs- Maschine. Schon beim regulären B. liegt der Erfolg nicht immer im Werke selbst beschlossen; es kommt oft viel auf den Verleger an. Beim Col- portagehandel hängt gewissermaßen Alles vom Vertriebe ab. Autoren, die sonst kaum Erfolge zu feiern berufen sein würden, finden durch die Lolportage eine Verbreitung, von der sich die ge- lesensten wissenschaftlichen u. die leistungsfähigsten Unterhaltungsschriststeller nichts träumen lassen. Die Methode besteht eben darin, Vertriebsanstrengungen der größten Art ans ein Buch zu verwenden. Es gibt ansehnliche Geschäfte, welche jährlich nur einen Roman erscheinen lassen. Darauf werden 25 Reisende gehalten, die theilweise noch mit Unterstützung arbeiten. Zieht man daneben die Thätigkeit der Expeditionen (Colportagesortimenter) in Betracht, welche die Lieferung an die Subskribenten und das Jncasso übernehmen, so erkennt mau, daß die Spesen ungeheuerlich sind; aber die Erfolge übersteigen auch alle herkömmlichen Begriffe. Bei Romanen ist der Absatz bis 80,000 und selbst bis zu 100,000 Exemplaren gesteigert worden. Die Verbreitung geschieht lieferungsweise, gewöhnlich in 20 bis 30 Lieferungen ä 30 oder 50 Pf. Wo ein Terrain in Angriff genom- I men werden soll, ist der im Lapidarstil geschriebene ! Prospekt der Vorbote. Nach ihm erscheint der f zungenfertige Reisende, welcher, sofern er Gehör ^ findet, die 1. u. 2. Lieferung gleich gegen Bezahlung zurückläßt. Früher ließen die Verleger durchgängig selbst reisen. Bei größerer Ausbildung der ' Sortimenter-Expeditionen übernahmen diese aber neben der Expedition auch den Vertrieb für eine oder mehrere der ihnen nahe gelegenen Provinzen. Für Ablieferung und Verrechnung empfängt der Expedient 33h bis 40 pCt., tritt er daneben in Vertriebsthätigkeit, so erhält er 50 pCt. und die beiden ersten Lieferungen oder bei Bandausgaben den ersten Band gratis. Letztere bilden die Na- ! turalverglltung des Reisenden, der an der Zuverlässigkeit der gesammelten Unterschriften außerdem noch dadurch interessirt wird, daß er für eine j gewisse Anzahl treu gebliebener Subskribenten i eine besondere Vergütung erhält. Ein ferneres Sicherungsmittel der Subskribenten sind die Prämien, die mit oder ohne Nachzahlung geliefert werden. Vielfach sind dies Bilder, oft aber Gegenstände, die gar nicht zum Bereiche des B-s ge- f hören: Frauenkleider, Ringe, Uhren und Ketten. Buchhandel. 211 Daneben kommen sogenannte Hauptprämien vor: Equipagen mit Pferden, Ausstattungen, Meublements, Pianinos, Nähmaschinen rc. Ein Verleger verflieg sich sogar bis zu einem Landgute am Rhein. Mit den Prämien ist dem Schwindel Thür und Thor geöffnet, und die Gerichte haben denn auch schon Gelegenheit gehabt, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob die goldenen Versprechungen in Gold, oder in unechter Waare erfüllt worden seien. Diese künstlichen u. zweifelhaften Mittel, buchhändlerische Erfolge herbeizufllhren, beweisen die Überstürzung u. Ausartung der Colportage, u. mit den Klagen hierüber vermehren sich die Klagen über die Verrohung n. das Sittenverderbliche der verbreiteten Schriften. Anderseits darf nicht verkannt werden, daß die Colportage, soweit sie sich aus bnchhändlerisch wohlanständige Mittel beschränkt, Pionierdienste für den literarischen Verkehr verrichtet und demselben neue Wege eröffnet, sowie denn ihre Vertriebsmethode gegenwärtig schon längst für ernstere Erzeugnisse der Literatur in Anwendung gebracht wird. Allerdings ist cs richtig, daß das oben erwähnte günstige Verhältniß größteutheils das Ergebniß des innigen Zusammenhanges ist zwischen Deutschland u. dem Buchhandel n. der deutsch redenden Bevölkerung in Österreich n. der Schweiz, welche 3 Territorien gleichsam nur ein gemeinsames Absatzgebiet ausmachen. H Der ausländische B. a) Frankreich. Wie der gesammtc ausländische B. sich wesentlich vom deutschen unterscheidet, so auch der französische. Der deutsche B. stellt in Verlag u. Sortiment ein Leccntralisirtes Geschäftswesen vor, znsammengc- halten u. einheitlich geregelt durch einen gemeinsamen Verkehrsmittclpunkt n. durch seine genossenschaftlichen Verbände. Der französische B., vorzüglich der Verlag u. auch der Kern des Sorti- mentsbetricbes, ceutralistrt sich dagegen vorwiegend in Paris, welches im Laufe der Zeit, vom Ende des 15. bis zum Anfänge des 17. Jahrh., nur nn Lyon (zunächst durch deutsche Drucker-Verleger in Aufschwung gebracht) einen Rivalen gehabt hat. Die Ausübung des B-S war in Frankreich ehedem an strenge Satzungen u. Privilegien gebunden. Hierin brachte die erste Revolution eine Änderung; unter Napoleon I. wurde die Erlangung eines Brevets zur Vorbedingung gemacht, welches später in Vergessenheit kam. Erst unter dem zweiten Kaiserreiche fanden von Neuem beschränkende Maßnahmen Eingang, bis mit dem Sturze desselben der B. vollständig sreigegeben wurde, ein Zustand, der sich jedoch nur kurze Zeit ohne Regierungsbedenken erhielt. Ans dem strengen Fachbetriebe in alten Zeiten hat sich der neuere französische B. fast gänzlich gelöst. An seiner Spitze stehen theilweise Männer von ausgezeichneter wissenschaftlicher Bildung u. von selbständigen literarischen Verdiensten, ja, Frankreich hat noch Beispiele gelehrter Bnchhändlerfamilien (Didot) alter Art auszuweisen; aber eine größere Anzahl Pariser Verleger, u. nicht die am wenigsten angesehenen, sind aus ganz anderen Berusskrciseu hervorge- gangen. Ebenso wenig liegt dem französischen Geschäftswesen ein eigenartiges System zu Grunde. Mit unwesentlichen Modifikationen schließt es sich den Grundsätzen deS Waarenhandels an. Der Verleger (lnln'Lire-öäitsnr) steht nur mit verhält- nißmäßig wenigen Sortimentern (lübrairü-niar- obanä) in unmittelbarem Verkehre; die Hauptsache wird im direkten Verkehre mit dem Publicum durch Kataloge u. Reisende u. mit der Geschäftswelt durch die Pariser Comnnssionäre (lüdraire- oommiosionnairs) gemacht. Der herrschende Grundsatz ist fester Bezug mit kurzem Credit, daneben kommen allerdings auch Sendungen eu äexvt, d. i. kommissionsweise, vor. Die Rabattsätze sind willkürlich, theilweise schmal. Bei alledem hat der französische B. in seinen Anschauungen mit dem deutschen mehr Fühlung, als der englische. That- sächlich sind französische Verleger am Leipziger Platze vertreten, die von dort aus mit gewissen Beschränkungen nach deutschen Grundsätzen verkehren. Vor 30—40 Jahren haben sich auch in Frankreich längere Zeit die Verluche wiederholt, deutsche Einrichtungen einzufllhren, jedoch ohne Erfolg. Der französische Verlagshandel leistet in der Ausführung seiner Unternehmungen Vorzügliches, u. in der Schönheit der Bücherstellnng, da wo er Schönes leisten u. nicht bloß dein Lesezwecke genügen will, steht er jedenfalls obenan. Allein den Kreis u. das Wagniß seiner Unternehmungen beschränkt er, mit dem deutschen B. verglichen, in bemerkenswerther Weise. Auf dem Gebiete des wissenschaftlichen Verlages muß sich der Staat zu starken Opfern verstehen. Ohne solche Opfer, erklärte einmal ein französischer Minister den darüber erstaunten Deputirten, würde ein wesentlicher Theil derjenigen Werke nicht erscheinen können, welche Frankreich am meisten zur Zierde gereichen. Danach erweist sich auch die Stellung der französischen Schriftsteller. Sie sind vielfach zum Selbstverläge geuöthigt, und die großen Honorare, wovon die Zeitungen berichteten, gehören nach den aus franz. Autorenkreisen selbst hervorgegangenen Enthüllungen zum Neclamenwesen. Die Zahl der jährlichen Erscheinungen beträgt etwa 5000. Nach deu periodisch wiederkehrendeu Mittheilungen wird dieselbe für die letzten Jahre zwar auf 12,000 und mehr angegeben, doch sind damit die amtl. Einzeichnungen aller derjenigen Preßerzeugnisse gemeint, welche dieser gesetzt. Förmlichkeit unterliegen. b) England. Der englische B. ist der kaufmännische B. im vollen Sinne u. hat daher mit dem deutschen Geschäftswescn am wenigsten Berührungspunkte. Bei ihm gilt durchweg fester Bezug u. Halbjahresrechnung. Der direkte Verkehr zwischen Verleger (knblioiwr) und Sortimenter (Ustail Loolksellsr) ist sehr beschränkt durch das Mittelglied der Großsortimenter CiVstolgsals LooL- sslisr). Einzelne Verleger schließen den direkten Verkehr gänzlich aus. Der Normalrabatt für die Sortimenter war längere Zeit 25 pCt., doch hat sich derselbe in der Neuzeit vielfach auf 20 pCt. vermindert. Hiervon geht dann noch die Provision des Commissionärs (^§snt) ab, welcher die Vermittelung zwischen den Provinzbuchhändlern und den Londoner Buchhändlern übernimmt. Die Großsortimenter, welche ihren Sitz durchgängig in London haben, erhalten dagegen 30—40 pCt., wovon sie den Kleinhändlern den üblichen Normal- rabatt abzugeben haben. Diese Einrichtung har für die Gestaltung des englischen Geschäftswesens 14 * 212 Buchhandel. schlimme Folgen nach sich gezogen. Der Großhändler beschränkt sich nämlich nicht bloß auf den Verkehr mit der Geschäftswelt, sondern verkehrt mit dein Publicum direct und räumt demselben Vortheile ein, welche der Kleinhändler nicht zuzugestehen vermag. Durch die wohlfeile Beför- deruugsweise der englischen Bücherpost ist es überdies möglich gemacht, den Unterschied in den Verkaufspreisen von London aus durchs ganze Land geltend zu machen, u. da dies im umfänglichsten Maße geschieht, so ist damit der Provinzialhandel bedenklich brachgelegt, während die Stellung Londons immer beherrschender wird. Die Folgen davon sind, daß die Provinzialverlagsthätigkeit, welche durch die der Hauptstadt nur mangelhaft ersetzt werden kann, aus das bescheidenste Maß herabsinkt u. von einer geordneten Vertriebsthätig- keit im Lande nicht mehr zu reden ist. Das Publicum ist größtentheils genöthigt, in London zu kaufen, oder seine Bestellungen unbesehen nach Zeitnngsankündigungen und nach den ihm zugesandten Katalogen zu machen. Die Vortheile, welche ihm der Großsortimeuter dabei gewährt, können nach der Natur des Bücherpreises ans die Dauer nur scheinbare sein. Der Londoner Verlagshandel empfindet diese Übelstände schwer, aber wiederholte Resormversuche haben zu keinem Ergebniß geführt. Solche Versuche sind auch um so schwieriger ge- stellt, als es dem englischen B. noch mehr an genossenschaftlichem Verbände fehlt, als dem französischen, der wenigstens am Pariser 6srels äs Is, librairis ein stehendes Organ besitzt. England hat übrigens von Alters her die höchsten Bücherpreise; die Änderungen, welche hierin in der Neuzeit vor sich gegangen sind, zeigen sich nur bei einzelnen Literaturzweigen wirksam. Daher die hohe Ausbildung des Leihbibliothekwesens u. die erstaunliche Anzahl von Privatlesegesellschaften. Was den englischen B. namentlich gegen den deutschen auszeichnet, ist seine durchgängig solide und schöne Bücherstellnng; England hat die vorzüglichsten Druckpapiere, treffliche Bnchdruckereien u. Buchbindereien, die, wenn auch zuweilen von ausfallendem Geschmacke, so doch stets mit dem besten Material zu vergleichsweise mäßigen Preisen arbeiten. >Jn der Art der Unternehmungen setzt sich der englische Verlagshandel ähnlich Schranken, wie der französische. Der Verlag ernsterer wissenschaftlicher Literatur ist Sache der Gelehrten Gesellschaften, der reich ausgestatteten Universitätsbuchdruckereien u. des Mäcenatenthums. Die Zahl der jährlichen Erscheinungen beträgt 4500—5000. Die englische Literatur steht quantitativ nur in den Unterhalt- nngsschriften der deutschen gleich, an wissenschaftlichen u. instructiven Büchern bleibt sie in dieser Hinsicht auffallend dahinter zurück. Der Form nach besitzt sie in den Reviers ein Übergewicht. o) Amerika. Der amerikanische B. ist in den Grundzügen seiner Einrichtungen ein Abbild des englischen; dennoch zeigen sich in der äußeren Gestaltung erhebliche Abweichungen. Das amerika- nische Geschäftswcsen ist decentralisirt. Der Brennpunkt des Verkehres ist der Osten mit seinen drei Hauptverlagsorlen New-Jork, Boston u. Philadelphia. Im Westen arbeitet sich Cincinnati empor. Außerdem kommen neben Chicago noch verschiedene Städte im Westen u. Osten als kleinere Sitze der Verlagsthätigkeit in Betracht. Doch ist der Grund für diese bessere Bertheilung mehr in der geschichtlichen u. politischen Gestaltung des Landes, als in den Einrichtungen des amerikanischen B-s zu suchen. Letztere müßten ohne jenen Damm genau wie in England zur Centralisation und zur Entblößung des inneren Landes von jedem eigenen buchhändlerischen Wirken führen. Die Vorzeichen dessen haben sich sogar ernstlich bemerklich gemacht. Die Dreigliederung der Geschäftswelt ist nämlich wie in England vorhanden: ?ud1isttsr, ckodder n. Retsäler. Der llobbsr ist nach seiner Stellung zum Ganzen nichts als der englische ljVirolssals LookssUsr, wenn er sich auch in anderer Weise, hauptsächlich auf den Verlagsauctionen u. durch den Tauschhandel, versorgt. Wie der englische Großsortimenter, beschränkt sich der amerikanische llobber nicht auf den Verkehr mit der Geschäftswelt, sondern er tritt ebenso mit dem Publicum in Verbindung, dem er außergewöhnliche Vortheile gewährt. Durch die Umstände genöthigt, hat dann auch eine größere Anzahl Verleger diesen Weg betreten, so daß die Sortimenterthätigkeit zuletzt so erschwert wurde, daß iu manchen angesehenen Städten kaum noch Buchläden zu finden waren. Nothwendig aber riß durch den immer toller werdenden Privatkundenrabatt eine wahre Prcisanar- chie ein. Nach der Erklärung amerikanischer Fachorgane wurden die Bücherpreise bis jüngst willkürlich hochgeschraubt, nur um dem Publicum durch einen möglichst hohen Rabattsatz eine angenehme Täuschung zu bereiten; die Spesen des ungeordneten Vertriebes hatte es außerdem zu tragen. Endlich sahen alle Theile ein, daß es so nicht mehr fortgehen könne. Im Jahre 1874 trat man daher zu Put-in-Bay zu einem Verbände zusammen, welcher das Ziel verfolgt, den Privatkundenrabatt abznschaffen, oder mindestens zu beschränken u. an Stelle der sinnlosen Verlagsauctionen, auf denen mitunter ganze Auflagen unter den Hammer gebracht u. ohne Controle über den Vertrieb nach allen Winden zerstreut werden, regelmäßig wiederkehrende Büchermessen einzurichten. Ob dieser Versuch besseren Erfolg haben wird, als die englischen Reformversuche, bleibt abzuwarten. Mit letzteren hat er wenigstens das gemein, daß er nicht den Grund des Übels, den kaufmännischen Betrieb des B-s,„sondern nur die Folgen desselben abschaffen will. Über den Umfang des amerikanischen B-s läßt sich Genaueres nicht sagen, da es an den nothwendigen Hilfsmitteln, selbst an bibliographischen, zu sehr fehlt. Die Zahl der Firmen wird auf 3000 angegeben. Das kann kaum genügen in einem Lande, wo der B. nicht wie in Deutschland als selbständiger Fachzweig betrieben, sondern vielfach mit anderem Waarenhandel verbunden wird. Die jährlichen Erscheinungen beziffern sich auf 2—3000 Bücher. Doch ist auch an Amerika rühmend hervorzuheben, daß es der technischen Bücherherstellung in der Neuzeit erhöhte Sorgfalt zuwendet. Einzelne Leistungen sind in der geschmackvollen Anordnung u, Ausführung den besseren französischen u. englischen gleichzustellen. Dies sind, der Bedeutung der Literaturländer l entsprechend, die wichtigeren charakteristischen Typen § 213 Buchhcim - des B-s. Italien macht seit länger als dreißig Jahren ernstliche Anstrengungen, Einrichtungen nach deutschem Muster zu treffen; aber dort wie zur Zeit in Frankreich wird übersehen, daß zu deutschen Einrichtungen deutsche Geschästsprincipien gehören, die für das Aufblühen eines im ganzen Lande vertheilten Sortiments-B-s so viel wie Licht u. Lust bedeuten. Nur Holland, Schweden u. Dänemark haben bei sich Ähnliches geschaffen, was sich aus der nahen buchhäudlerischen Verbindung dieser Länder mit Deutschland erklärt. Die Literatur über den älteren u. neueren B. ist an zusammenfassenden Arbeiten bis jetzt noch lückenhaft. Für Geschichte, Bräuche u. allgemeine Verkehrskunde kommen in Betracht: Kirchhofs, Die Hand- schristenhändler des Mittelalters, Lpz. 1853; Kirchhofs, Beiträge zur Geschichte des deutschen B-s, 2 Bde., Lpz. 1851—53; Hase, Die Koburger, Buchhändler-Familie zu Nürnberg, Lpz. 1869; Schürmanns Magazin für den deutschen B., Lpz. 1874—75 (enthält u. a. zusammenhängende Beiträge zur neueren u. neuesten Geschichte); Schürmann, Die Usancen des deutschen B-s u. der ihm verwandten Geschäftszweige, Lpz. 1867; Schürmann, Leipzig als Centralpunkt des deutschen B-s, Lpz. 1865. Sodann aus den Publicationen des Mrsen-Vereines der deutschen Buchhändler, Lpz. 1874—75, der 2. Bd.: Gesammelte Aufsätze und Mittheilungen aus dem Börsenblatte für den deutschen B., 1869—73, n. der 3. Bd.: Frommanu, Geschichte des Börsen-Vereiues der deutschen Buchhändler. Für den praktischen Geschäftsbetrieb: Rottuer, Lehrbuch der Contorwissenschast, 2 Bde., 2. A., Lpz. 1861; Meyer, Die Organisation u. der Geschäftsbetrieb „des deutschen B-s, 2. A., Lpz. 1874. Einen Überblick über die Gesammt- literatur (B. u. Buchdruck) gewährt der Katalog der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler, Lpz. 1869, nebst Supplement. Aug. Schürmann. Buchheim, Rudolf, Mediciner u. Chemiker, geb. 1. März 1820 in Bautzen; studirte 1838 bis 1844 in Dresden u. Leipzig Medicin. Nach Beendigung seines Universitätsstudiums übernahm er die Redaction des Pharmaceutischen Centralblattes, welche er von 1845—47 fortführte. Seine Vorliebe für die Naturwissenschaften, besonders die Chemie in ihrer Anwendung auf die Medicin, veraulaßtenihn, das vorzügliche Werk J.Pereiras: Moments cck Natsria. msäros, in einer deutschen Bearbeitung, Lpz. 1846 u. 1848, dem ärztlichen Publicum zugänglicher zu machen. August 1847 als außerordentlicher Professor für Arzneimittellehre, Diätetik u. Geschichte der Medicin an die Universität Dorpat berufen, rückte er 1849 in die ordentliche Professur dieser Fächer ein. Hier war ihm reichlich Gelegenheit geboten, einerseits in seinen Vorträgen die Fortschritte der Naturwissenschaften für die Pharmakologie n. Diätetik zuver- werthen, anderseits durch Untersuchungen, welche er theils allein, theils gemeinsam mit seinen Schülern anstellte, zur Lösung der in jene Gebiete fallenden Aufgaben beizutragen. Die Früchte jener Arbeiten legte er in zahlreichen Journalaufsätzen, in einer kleineren Schrift: Beiträge zur Arzneimittellehre, Lpz. 1849> sowie in seinem Lehrbuche - Buchnrr. der Arzneimittellehre, Lpz. 1853—56, 2. Aufl., 1859, nieder. Im Herbst 1867 folgte B. einem Rufe an die Hochschule zu Gießen. Buchholz, 1)Französisch-B., DorfimKreise Niederbarnim des preuß. Negbez. Potsdam; Schloß, Park und viele Lusthäuser der Berliner; Gartenbau; 1000 Ew. 2) W'eudisch-B., Marktflecken ebd., im Kreise Beeskow-Storkow; an der Dahme; Postexpeditiou; 1138 Ew. 3) (Eigentlich St. Katharinenberg im Buchholz) Bergstadt im Gerichtsamte Annaberg des köuigl. sächs. Regbez. Zwickau, mit Annaberg fast zusammenhängend, Station der Sächs. Staatsbahn; goth. Kirche; Buch- druckerei, Papiermühle, Crinolinen-, Posamentir-, Baud- und Fransensabrikation, Spitzenklöppelei; 5247 Ew. — Der Silberbergbau veranlaßte 1496 den Anbau des Ortes, welcher 1544 Stadtrechte erhielt u. bis 1547 eine Münze, sowie bis 1553 ein Bergamt besaß. Die Bandmanufactur datirt vom I. 1589. Hier 18. Mai 1852 große Feuersbrunst. Vgl. Richter, Nachricht von B., Annaberg 1755. Buchholz, Paul Ferdinand Friedrich, deutscher Historiker, geb. 5. Febr. 1768 in Alt- ruppin; wurde 1787 Lehrer an der Ritterakademie zu Brandenburg u. privatisirte seit 1800 in Berlin; starb das. 24. Febr. 1843. Er sehr. u. a.: Geschichte der europäischen Staaten seit dem Frieden von Wien, Berl. 1814—37, 22 Bde., und gab daselbst 1815—19 Journal für Deutschland, historischen und politischen Inhaltes, 1820—35 Neue Monatschrift für Deutschland heraus. Buchhorn, ehem. Reichsstadt, früher Name des jetzigen Friedrichshasen am Bodensee. Bttchloe, Flecken (ehem. Stadt) im Bezirksamte Kausbeureu des bayer. Regbez. Schwaben, an der Genuach, Knotenpunkt der beiden Staatsbahnlinien Hof-Lindau u. München-Memmingen; Landgericht; Weberei; 1283 Ew. Bnchlöwitz, Marktflecken im Bez. Ung.-Hra- disch des österreich. Kronlandes Mähren; schönes Schloß B. u. das alteSchloß Buchlau mit Sammlungen, Park; Schwefelbad (Smrdiaka); Glashütte, Möbelfabrik; 2500 Ew. Büchner, 1) August, deutscher Poetiker, geb. 1591 in Dresden; studirte erst in Schulpforta, dann 1610 auf der Universität Wittenberg, wurde hier 1616 Professor der Dichtkunst u. 1631 der Beredtsamkeit; starb 1661. Er gehörte zur ersten schlesischen Dichterschnle u. warMitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft. Sein Wegweiser zur deutschen Dichtkunst (erst 1663 in unechter, 1665 in besserer Ausgabe erschienen) war lange Zeit das Grundgesetzbuch aller deutschen Poesie. Ältestes Thun und vornehmster Zweck der Poeten sei die Lehre der Weisheit u. Tugend. Mit Recht hießen sie daher Philosophen, aber nie solle der Dichter lehren, ohne zu ergötzen, wie auch nie ergötzen, ohne zu lehren rc. 2) Jo h. Andreas, geb. 6. April 1783 in München; studirte seil 1805 in Erfurt Naturwissenschaften, wurde 1809 Oberapotheker bei der Centralstiftungsapotheke in München, wo er in den Jahren 18l4 und 1817 chemische Vorlesungen hielt, 1817 Assessor bei dem Medicinalcomite u. 1818 Professor der Pharmacie in Laudshut, 1822 Professor der Medicin daselbst, 1826 Collegienrath u. Vorstand des Pharmaceuti- 214 Büchner. scheu Instituts in München wurde; er st. S. Juni 1852. B. ist Entdecker des Salicins n. schr.: Erster Entwurf eines Systems der chemischen Wissenschaft n. Kunst, München 1815; Inbegriff der Pharmacie, Nürnb. 1821 ff. (Pharmacie, 3. Aust.,-1827; Physik, 2. Anfl., 1833; Chemie, 2. Aust., 1830—36; Toxikologie, 1823, 2. Aust., 1827); er gab 1815—18 die Zeitschrift des Polytechnischen Vereins für Bayern heraus; ferner Las von Gehlen angefangene Repertorium sür Pharmacie vom 5. bis 50. Bd., Nürnb.1815—35; 2. Reihe 1835—48, 50 Bde.; 3. Reihe 1848 ff. 3) Ludwig Andreas, Sohn des Vor., geb. 23. Juli 1813 in München; wurde das. 1847 Professor der Chemie u. Pharmacie. Außer zahlreichen chemischen u. pharmaceutischen Arbeiten (Das Sublimat in seinen physiologischen Wirkungen, Augsb. 1849; Homöopathische Arzneibe- reiturigslchre, 2. A., München 1852; §edris recurrens od. Gcnickkrampf, ebd. 1865; Die Cholera, ebd. 1866) gab er anfangs mit seinem Vater, später allein das neue Repertorium der Phar- rnacie heraus. Als thätiger Mitarbeiter an der s?lrarniacoposa 6orlnanica schrieb er einen ausführlichen Commentar dazu, München 1872. Büchner, 1) Andreas Clemens v., Me- diciner, geb. 9. April 1701 in Erfurt; studirte seit 1717 daselbst Medicin, ging 1719 nach Halle, 1721 nach Leipzig, promovirte 1722 in Erfurt, wurde 1726 Mitglied der Kaiserlichen Gesellschaft blaturas (luriosoruin, 1729 außerordentlicher Proseffor, 1737 ordentlicher, nachdem er 1736 einen Ruf als Hofmedicus nach Petersburg abge- lehnt hatte. 1744 erhielt er eine Berufung nach Halle, gerade zur rechten Zeit, da er wegen einer entflohenen Nonne, die sich in seinem Hause versteckt hielt, aus Erfurt flüchten mußte. Er st. 26. Aug. (od. 29. Juli) 1769 iu Halle. B. gab außer einer Unmasse vonDissertationen heraus die L.cta acaäsmias nab. curios., deren Präsident er seit 1735 war; Sammlung von Natur- und Medicin-, wie auch dazu gehöriger Kunst- und Literaturgeschichte, in den 3 Herbstmonaten 1726, Erfurt 1730 (Fortsetzung der Breslauer Sammlungen, an welche sich MsosUausa xlrz-s. inest. Matllsmatica, Erf. 1731—34, 4 Bde., reihen, Universalregister dazu, Erfurt 1736). 2) Gottfried, geb. 1701 in Rüdersdorf bei Eisenberg; wurde 1725 akademischer Lehrer in Jena u. später Rector in Quedlinburg;. starb das. 1780. Von seiner Biblischen Real- u. Verbalhandconcordanz erschien die 12. A., Braunschw. 1866. 3) Georg, deutscher Dichter, geb. 17. Octbr. 1813 zu Goddelau bei Darmstadt; studirte in Straßburg und Gießen Naturwissenschaften u. Medicin. In Gießen wirkte er durch revolutionäre Volksschriften in socialdemokratischem Geiste. Während ihm deshalb Verhaftung drohte, warf er in Darmstadt Jan. u. Febr. 1835 sein wildgeniales Drama, Dantons Tod, aufs Papier, das in demselben Jahre durchGutzkows Vermittelung erschien. Inzwischen hatte er sich auf die Flucht begeben; im Sommer war er nach Straßburg gekommen. B. hielt an der Universität Zürich naturwissenschaftliche u. philosophie-geschichtliche Vorlesungen, erlag aber schon 19. Febr. 1837 einem Nervenfieber. Herwegh setzte ihm u. sich durch seinen poetischen Nachruf ein unvergängliches Denkmal. V-s nach- gelasseneSchristen, Franks. 1850, enthalten außer Dantons Tod das Lustspiel Leonce u. Lena und das Novellenfragment Lenz. B-s frühzeitiger Tod war für die Poesie und Wissenschaft ein großer. Verlust. Vgl. Karl Gutzkows Götter, Helden, Don Quixote, Hamb. 1838, L>. 19 ff. Aus seinem Nachlaß wird binnen Kurzem ein bürgerliches Trauerspiel (Fragment) erscheinen. 4) Luise, Schriftstellerin, Schwester des Vor., geb. 12. Juni 1823; lebt in Darmstadt; sie schrieb: Die Frauen u. ihr Beruf, Franks. 1855, 3. A., 1860; Aus dem Leben (Erzählungen aus Heimath u. Fremde), Lpz. 1861; Frauenherz (Gedichte), Berl. 1862, 2. A., Hamm 1864; Das Schloß zu Wimmis (Roman), Lpz. 1864; Weihnachtsmärchen für Kinder, Glog. 1867, u. sammelte Dichterstimmen aus Heimath und Fremde, Franks. 1859, 2. A., Hamm 1865; 1875 erschien von ihr eine Bearbeitung der neuesten deutschen Geschichte. 5) Friedrich Karl Christian Ludwig, naturphilosophischer Schriftsteller, Bruder der beiden Vor., geb. 29. März 1824 zu Darmstadt; besuchte erst die höhere Gewerbeschule daselbst, bezog dann die Universität Gießen, wo er sich zuerst allgemeinen philosophischen Studien widmete, vertauschte jedoch auf Wunsch seines Vaters dieselben mit dem spe- ciellen Studium der Medicin u. promovirte 1848. Nachdem er zu seiner weiteren Ausbildung eine Zeit lang in Würzburg u. Wien gelebt, wurde er 1854 Assistenzart an der medicinischen Klinik u. Privatdocent in Tübingen. Seine bekannteste Schrift: Kraft u. Stoff, Franks. 1855, 13. Aust., Lpz. 1874, eine populäre Darstellung seiner materialistischen Weltanschauung, erregte großes Aufsehen u. rief einen lebhaften literarischen Kampf hervor. B. selbst mußte infolge dessen seinen Lehrstuhl in Tübingen aufgeben und nach Darmstadt zurückkehren, wo er seine frühere Thätigkeit als praktischer Arzt wieder aufnahm. Nebenbei noch vielfach politisch u. literarisch thätig, hat er sich in streng wissenschaftlicher Beziehung besonders um die gerichtliche Medicin u. Staatsarzneikunde verdient gemacht. Im Muter 1872—73 machte B. eine Vorlesungsreise durch Amerika u. kehrte nach Ablauf derselben nach Darmstadt zurück. Außer zahlreichen Abhandlungen in medicinischen Fachzeitschriften schrieb er: Natur u. Geist, Franks. 1857, 3. Aust., 1874; Physiologische Bilder, Bd. 1, Lpz. 1861, 2. Aust., 1872; Aus Natur und Wissenschaft, ebd. 1862, 3. Aust., 1874; Sechs Vorlesungen über die Darwinsche Theorie rc., ebd. 1868, 3. Aust. 1872; Der Mensch u. seine Stellung in der Natur, Lpz. 1869, 2. Aust. 1872; Der Gottesbegriff und seine Bedeutung in der Gegenwart, 2. Aust., ebd. 1874. Ferner lieferte er eine deutsche Bearbeitung von Lyells Das Alter des Menschengeschlechtes, Lpz. 1864, 2. A., 1872. 6) Alexander, Schriftsteller, Bruder der Vor., geb. 25. Oct. 1827; habilitirte sich 1852 als Privatdocent an der Philosoph. Facultät in Zürich, trat dann in franz. Dienste u. ist seit 1862 Professor in Caen; er schr.: Geschichte der engl.Poesie, Darmst. 1855, 2Bde.; Französische Literaturbilder, Franks. 1858, 2 Bde.; die Novellen: Der 215 Buchöl — Wunderknabe von Bristol, Lpz. 1841, und Lord Byrons letzte Liebe, cbd. 1862, 2 Bde., u. übersetzte Byrons 6bi1äs Larolä u. Jean Pauls Vorschule der Ästhetik, Par. 1862, 2 Bde., ins Französische. 7) Emil, Musiker, geb. 1827 in Thüringen, bezog das Conversatorium in Leipzig u. trat seit 1847 als Komponist auf, lebte bis 1855 in Leipzig, ging dann als Musikdirector nach Rostock u. wurde 1857 Musikdirector am Stadttheater in Nürnberg; nachdem er in mehreren anderen Städten eine Dirigcntenstelle bekleidet hatte, kehrte er 1862 als Chor- u. zweiter Musikdirector nach Leipzig zurück u. wurde 1865 Hoskapellmeister in Meiningen. Er componirte eine Fcstouverture, eine Ouvertüre zu Schillers Wallenstein, ein Trio, eine große Symphonie, die Oper: Dame Kobold, die Cantate: König Haralds Brautfahrt u. ließ eine Reihe vonLiedern u. Klavierstücken erscheinen. 1) Thainhayn. ö) Specht. 7) Brambach.*, Buchöl, Buchsamenöl, fettes, hellgelbes Öl, durch Auspressen der Bucheckern (Buchnüsse) erhalten, welche davon 17 pCt. liefern. Es ist geruchlos, schmeckt mild, hat das sp. Gewicht 0,922, trocknet nicht, erstarrt bei—17°, liefert eine weiche Seife, dient auch als Speiseöl, wird aber leicht ranzig. Clören. Buchon, JeanAlexandre, franz. Historiker, geb. 21. Mai 1791 in Menetou-salon; bekämpfte die Restauration im Osnssur saropsen u. in Im Lsuommss u. wurde wegen mehrerer seiner Schriften (z. B. Vis äs Passe, Paris 1817) angefochten u. mehrmals verhaftet; er durchreiste feit 1822 mehrere Länder Europas zur Aufsuchung von Urkunden zur mittelalterlichen Geschichte Frankreichs u. wurde 1828 General- archiviuspecror; 1829 durch das Ministerium Po- lignac von diesem Posten entfernt, privaüsirte er in Paris, wo er 29. April 1846 starb. Er veröffentlichte (sämmtlich in Paris) Ocälsotion äss okirouiguss nationales Irany. äu 13. au 16. sisole, 1824—1829, 47 Bde.; Otiroviguss sbravAsros rskat. aux expsäitious krauy. psnäant 1s 13. sisols, 1840; Lsguisss ckss priuoipaux laits äs nos annalss Nation, än 13. au 17. sisols, 1840; List, populairs äss Lranyais, 1832; Lsolrsr- ebss st materiaux paar ssrvir a uns bist, äs la äomination Irany. aux 13., 14. et 15. srsoles äans Iss xrovinoss äsmsmbrsss äs 1'empirs xrse, 1840; La drsos vontinsntals st la Norss, 1843; Houv. rsoiisrobss Iristor. sur la prinoi- pauts krany. äs Norss, 3. A., 1843 s., 2Bde.; List, äss oongustss et äs 1'stablisssnrent äes Lranyais äans Iss etats äs 1'ano. 6rsos sous Iss Vills-Laräouin,'-1846. Über viele Chronisten u. andere Quellen schrieb er literaturgefchichtliche und biographische Abhandlungen für das Lan- tkrson littsrairs. Seine Werke über Griechenland find geschätzt wegen des gründlichen Quellenstudiums; auch lieferte er biographische u. litera- risch-kritische Beiträge für die LioAraMs univsr- sslls, die Lsvus inäspsnäants, u. s. w. .Bolchert.» Buchsbanm, s. Luxus. Buchsbamn, Hans, deutscher Baumeister des 15. Jahrh., 1429 Nachfolger von Peter v. Bracho- witz als Thurmbaumeister am Stephansdom in Wien; vollendete 1433 den Thurm. Er erbaute - Büchse. auch 1451—52 die sogen. Spinnerin am Kreuz am Wienerberge. Vgl. Tschischka, Der Stephansdom in Wien rc., Wien 1832. Büchse, cylindrisches Gesäß von Holz oder Metall, das als Ausfütterung od. Führung dient, z. B. für Zapfen, Stangen, Achsen, Mühlsteine. In der Botanik, Fruchtder Laubmoose; s.Moose. Büchse, ursprünglich jede Feuerwaffe; später, als die Züge aufkamen, nannte man besonders die gezogenen Handfeuerwaffen so. Der Lauf ist von Schmiedeeisen, etwas mehr oder weniger als 80 om lang, außen gewöhnlich gekantet u. innen mit Zügen versehen, deren Zahl von 2—16 gewechselt hat. Die Züge sind spiralförmig gewunden (Drall) n. laufen je nach ihrer Zahl u. Tiefe "Zn—i Vs Mal herum; durch den Drall wird das Geschoß um seine Längenachse in Rotation versetzt u. infolge davon weniger vom Luftwiderstände aus seiner Richtung abgelenkt. Verschlossen ist die Seele des Laufes nach hinten durch eine Patem- schwanzschraube. Die Eisenstärke des Laufes ist verhältnißmäßig beträchtlich, theils um den; Gewehre ein hinreichendes Gewicht zu geben, vermöge dessen der Rückstoß bei Entzündung des Pulvers weniger fühlbar wird, theils auch, um die auf das Treffen nachtheilig einwirkenden Schwingungen des Eisens beim Schüsse zu vermindern. Zum sicheren Zielen sind auf dem Laufe das Korn u. das Visir angebracht; für weitere Entfernungen hat letzteres eine oder mehrere Klappen. Durch Stifte, oder besser durch Schieber ist der Lauf mit dem Schafte verbunden, welcher letztere meist aus Nußbaum gefertigt ist u. häufig an seinem Kolben einen Kasten hat, in welchem einige kleine Ge- räthe des Zubehörs oder auch einige Munition Platz finden kann. Um das Abdrücken des Schlosses zu erleichtern, haben die B-n noch die besondere Vorrichtung des Stechschlosses, welches bei der leisesten Berührung das Niederschlagen des Hahns bewirkt. Je nach der Schwere des Gewehres u. der Größe seines Kalibers unterscheidet man die Bürsch-B., welche für den Gebrauch im Felde u. auf der Jagd bestimmt ist u. daher nur geringes Gewicht (8—10 Pfd.) u. kleines Kaliber hat (20—40 Geschosse auf das Pfund), und die Stand-B., welche wegen ihrer Schwere nur mit Auflegen sich verwenden läßt u. ein Geschoß von oft mehr als 3 Loth hat; beträgt dies mehr als 4 Loth, so heißt das Gewehr Wall-B., wird nur im Festungskriege benutzt u. ist jetzt bei der großen Schußweite aller neuen Gewehre nur von geringer Bedeutung. Das Material des Geschosses ist ausschließlich Blei; die Gestalt desselben war früher gewöhnlich die kugelförmige, feit 1840 jedoch ist sie in der Regel cylindro-konisch, bißweilen auch hat man sie oval gefertigt. Das frühere Kugel- geichoß wurde stets mit einem Pflaster (gefettetem Barchent), das jetzige Spitzgeschoß dagegen meist ohne ein solches geladen, weil es bei den neueren Systemen erreicht worden ist, den Spielraum auch ohne Pflaster zu beseitigen u. dabei zugleich ein sehr erleichtertes Laden zu erzielen. Das Geschoß wird mittels des Ladestockes in den Lauf gebracht, oder bei Hinterladern von hinten in den Lauf eingeschoben. Im ersten Viertel des 16. Jahrh. in Nürnberg von Wilhelm Danner er- 216 Büchsenmacher — sunden, hatten die B-n sich in ihrer principiellen Einrichtung fast unverändert bis etwa 1830 erhalten, und waren nach u. nach von fast allen Armeen, wenigstens in beschränktem Maße, als Waffe für besondere Abtheilungen angenommen worden. Seitdem aber haben Erfindungen die Anwendbarkeit der B. als Kriegswaffe bedeutend gesteigert, u. dieselbe ist in größerem Maßstabe zur Einführung gelangt (d. Nähere s. u. Gewehr). Büchsenmacher, Handwerker, welche Gewehre verfertigen u. einzelne Theile der Feuergewehre zusammenpaffen. Das Anschäften, d. h. das Bekleiden des Laufes mit einem Schafte von Nußbaum, Ahorn oder Eichenholz, sowie auch das Verfertigen desselben verrichteten sonst eigeneHand- werker (Büchsenschäfter); jetzt findet dieser Unterschied nur noch in Gewehrfabriken statt. Das technische Verfahren bei der Verfertigung der Gewehre rc. s. u. Gewehrfabrik. Büchsenschmicd, so v. w. Büchsenmacher. Büchscrrschützen. Die Schützen u. Jäger der deutschen Armee, die Chasseurs der französischen, die Niflemen der englischen, die Bersaglieri der italienischen waren früher von großer Bedeutung als B. Jetzt hat jeder Soldat eine treffliche Büchse, und jene besonderen Corps können nur dadurch höhere Leistungen im Schießen erreichen, daß sie durch Leute rekrutirt werden, die mir dem Gewehre vertrant sind. Büchscnschwamiir, s. ?olz-porus. Büchsflinte sBllchszwilling), ein Doppelgewehr, wo ein Lauf ein Flinten-, der andere ein Büchsenlauf ist. Buchsgau (m. Geogr.), Gau u. ehein. Grafschaft in der Schweiz, am Juragebirge bis zur Aare, ein Theil des Solothurner n. Berner Gebietes. Die Grafen von B., deren Stammschloß Buchcck war und die sich auch Landgrafen von Klein-Burgundien (Aargau) nannten, starben 1383 mit Johann, Bischof von Basel, aus; B. kam an die Herren von Bechburg und 1391 durch Kauf an Solothurn. Buchstabe, Zeichen für die Laute der menschlichen Stimme. Das Wort kommt her von Stab, d. i. Element, Erstes einer Sache (daher griech. Ltoieüska u. lat. illsmenba), u. Buchstaben sind also die die einzelnen Laute bezeichnenden, zu Wörtern zusammensetzbaren Zeichen, wie sie beim Schreiben (in Büchern) angewendet werden, im Gegensätze zu den bildlichen Darstellungen der Gegenstände (Hieroglyphen) auf Monumenten. Über Erfindung und Ausbreitung der B-nschrist, sowie über die Arten derselben s. u. Schrift; über die Buchstaben der Alphabete der einzelnen Sprachen s. d. Art.; vgl. Versal-, großen, kleine Buchstaben. Buchstaben kommen, wiewol selten, in deutschen Wappen vor; zuweilen als Gnadenzeichen gegeben; am häufigsten findet man sie in spanischen Wappen, von den Mauren herrührend, denen der Gebrauch der Bilder nicht vergönnt war. Vgl. Alphabet, Hieroglyphen, Keilschrift rc. Buchstabenberechnung, die Berechnungsweise der Schriftsetzer in den Buchdruckereien, welche nicht einen fixen Wochenlohn beziehen, sondern im Accord (im Berechnen) arbeiten. Bis zur Einführung der Alphabetberechnung im I. Buchstabenrechnung. 1873 galt das kleine n als Maßstab. Man füllte die Zeilenbreite des zu liefernden Satzes mit n u. multiplicirte die Zahl derselben mit derjenigen der Zeilen, welche die Druckseite (Columnc) erhalten sollte, u. nahm das gewonnene Product vier-, acht-, sechszehnmal, je nachdem man Druckbogen in Folio, Quart oder Octav herzustellen hatte. Das Tausend n wurde dann je nach dem eingeführten Tarif und der Größe des Schriftkegels verschieden bezahlt. In neuerer Zeit hat nun die Ansicht Platz gegriffen, daß das n nicht als Durchschnittsbuchstabe zu betrachten sei, u. man hat als eine gerechtere Art der Berechnung die nach dem Alphabet eingeführt, d. h. man setzt das Alphabet der kleinen Buchstaben in die Zeile u. fährt damit so lange fort, bis diese gefüllt ist. Die Zahl der hineingehenden Buchstaben werden dann, wie bei der n°Berechnung, mit der Zeilenzahl multiplicirt. Buchstabenriithsel (Logogryph), s. Räthsel. Buchstabenrechnung ist die in der Mathematik allgemein angewandte Methode, mit Buchstaben als Zeichen für unbestimmte Größen anstatt mit Zahlen od. bestimmten Größen zu rechnen. Die große Wichtigkeit n. Fruchtbarkeit der B., deren Annahme erst eine Mathematik (von der elementaren Geometrie abgesehen, möglich gemacht hat, beruht darin, daß ihre Rechnungen eine ganz allgemeine Giltigkeit haben, d. h. im Allgemeinen für alle beliebigen den Buchstaben beigelegten Werihe gelten, während allgemein giltige Resultate überhaupt ohne sie nicht zu erlangen sind, u. daß wir mittels ihrer im Stande sind, nicht nur leicht die Beziehungen der Größen zu einander zu übersehen, sondern auch Größenver- hältniffe der Rechnung zu unterziehen, die so verwickelt sind, daß mir sie ohne B. durchaus nicht zu behandeln vermöchten. In der B. stellt man alle solche Größen durch Buchüaben dar, denen man nicht einen bestimmten Zahlenwerth beilegen will, oder auch bestimmte Zahlen, die man am Schluffe der Rechnung anstatt ihrer Buchstabensymbole wieder einsetzt, um das Resultat in Zahlen zu erhallen. Man wendet zumeist kleine lateinische Buchstaben an, jedoch ist inan darauf natürlich nicht beschränkt, sondern benutzt auch kleine u. große deutsche, griechische rc. Buchstaben; hierbei verfährt man planmäßig, um aus den Zeichen sofort ersehen zu können, welcher Art die dadurch repräsentirte Größe ist, u. sich die Übersicht über die Ausdrücke zu erleichtern. So führt man für bestimmte Zahlen gern die ersten Buchstaben des Alphabets, a, d, c, rc., für unbestimmte Größen die letzten x, z?, x, rc. ein; für Winkelgrößen die griechischen a, ?>, w, rc., für Radien r, x>, L; oft vorkommende Zahlen haben allgemein dafür angewandte Zeichen, z. B. wird die Basis des natürlichen Logarithmensystems, 2,>-is-s - - - durch s, /—1 durch i, das Verhält- niß des Kreisumsanges zum Durchmesser, 3,, 4 , 592 «, durch rr, rc., bezeichnet. Verbindungen der Größen werden durch die Art, wie mau die Buchstaben neben, über einander rc. schreibt, u. durch vor- od. zwischengesetzte Zeichen, die ihre feste Bedeutung haben, Largestellt, z. B. die Summe der Zahlen a u. b durch a -s- b, ihre Differenz durch a—b, Buchstabenreim — Buckel. 217 s, ihr Product durch ab, ihr Quotient durch —, b die 4. Potenz von x durch x^, die 3. Wurzel aus x durch /x; „in ist größer als u" durch m > n; „x ist gleich dem Product von a u. d" durch x —ab rc.; Größen, die in bestimmter Weise aus anderen entstanden sind, durch diese u. ihnen Vorgesetzte, die Entstehungsart zeigende Buchstaben, Worte, Symbole, z. B. den natürlichen Logarithmus von s durch I s, den Sinns des Winkels w durch ain. w; die Summe aller Brüche, welche man erhält, indem man den Nenner des Bruches ^ der Reihe nach mit allen ganzen Zahlen L—M 1 von 1 an potenziell, durch ^ "1; verwickelte L—1 L Ausdrücke der Abkürzung wegen zuweilen durch einen einzigen Buchstaben. Im engeren Sinne versteht man unter B. die Addition, Subtraction, Multiplication, Division, das Potenziren u. Wurzelausziehen in Buchstaben (s. d. betr. Art.) Im Allgemeinen läßt sich darüber sagen, daß diese Rechnungen durch Zusammenstellung der Buchstaben nur angedeutet, aber in unbestimmten Zahlen wie natürlich nicht ausgeführt werden können. Das Resultat kann jedoch oft vereinfacht werden, u. zwar, wenn die Buchstaben von Zahlenfactoren (Co'öfficienten) begleitet sind, od. von vorn herein, oder im Laufe der Rechnung dieselbe Größe mehrmals auftritt. Wie dies ausgeführt wird, zeigen die (s. o.) angezogenen Artikel. Der B. bedienten sich schon die Alten (Diophant z. B. setzt die 4 SpecieS in Buchstaben in seiner Arithmetik als bekannt voraus); offenbar bezeichnet ihre Einführung überall den Eintritt in die wissenschaftliche Behandlung des Rechnens. Buchrucker. Buchstabenrcim, so v. w. Alliteration. Buchstabenschloß, ein Vorlegeschloß, welches sich nur öffnet, wenn eine Anzahl Federn nach der Reihenfolge mehrerer ein Wort (bei Ziffern eine gewisse Zahl) bildenden Buchstaben durch Druck gehoben werden, von Abt Boissier u. La Prince de Beaufort um 1778 erfunden. Buchstabenschrift, s. u. Schrift. Buchstaben-Telegraph, so v. w. Zeiger- Telegraph. Buchstabiren u. Buchstabirmethode, s. u. Hefen. Buchstäblicher Sinn, der Sinn einer Schrift oder eines Satzes, welcher aus der Bedeutung der einzelnen Wörter u. aus ihrer Verbindung zu Sätzen entwickelt wird, ohne Rücksicht auf Umstände, Lage, Zeitverhältnisse rc., auf welche der Verfasser Rücksicht nahm; s. u. Exegese. Buchsweiler (fr. Bouxwiller, Boxviller), Stadt im gleichnam. Kanton u. im Kreise Zabern des Unter-Elsaß, am rechten Ufer der Moder, in einer waldigen Gebirgsgegend (Bastberg); Tuchfabr., Eisengießerei, Bierbrauerei, Gerberei, chem. Fabr.; Braunkohlengruben mit Vitriol-u. Nlaumverk; 3370 Ew. B. gehörte im Mittel- alter den Bischöfen v. Metz, dann den Grafen von Hanau-Lichtenberg u. endlich bis zur französischen Revolution den Landgrafen von Hessen- Darmstadt. Das ehemalige schöne Schloß wurde in der Revolution zerstört. Bucht, 1) kleine Bai, s. d. 2) (Bot.) Runder Einschnitt in einem Blatte. 3) (Anat.) B. der Paukenhöhle, s. u. Ohr. Buchweizen (Heidekorn, kol^Aonuill kdbg- xz-rum L. od. §LAop^rnin ssoulsnllum Mre^.), verdankt seinen Namen den den Bucheckern ähnlichen dreikantigen Nllßchcn. Das stärkereiche Korn liefert Mehl, Grütze (Buchweizengrütze, Heidegrütze, s. d.), welche in NDentschland, Polen, Rußland von Menschen genossen wird. Auch da, wo derselbe nicht als menschliche Nahrung dient, ist er beliebte Futterpflanze. Er liefert per ba 300 Ctr. Grllnfutter u. ist ein gutes Milchsutter; der Körnerertrag ist 12—25 bl per ba bei 2320—3150 Stroh, wenn er reif wird. Die Körner werden besonders geschrotet statt des Hafers an Pferde gefüttert. Er ist die Hauptpflanze des Sand-, Moor- u. Torfbodens u. in der Blüthe der Liebling der Bienen. Der B. stammt ans Asien, die Ufer des Kaspischen Meeres sind seine Heimath. Er ist empfindlich gegen Kälte u. kann deshalb erst Mitte Mai gesäet werden. Der sibirische B., I?aA 0 Mruiu tatarieum (die Kanten der Nüsse sind ausgezähnt) ist widerstandsfähiger, sogar durchwinternd, jedoch nicht so beliebt, weil er ein schwärzeres, bitteres Mehl liefert. Seine Samen fallen leicht aus, er erfordert also größere Sorgfalt bei der Ernte. In vielen Gegenden wird der B. zur Gründüngung angebaut. In botanischer Hinsicht s. kolz'Aonum. Rhode. Buchweizeuausschlag, ein nach der Verfllt- ternng von Buchweizen oftmals austretender roth- laufartiger Hautausschlag, der nur auf weißen Hautstellen u. nur unter Einwirkung des directen Sonnenlichtes auftritt; meist bei Schweinen u. Schafen, seltener bei Rindern u. Pferden. Bucine, Gemeinde in der ital. Pro», u. dem Bez. Arezzo, Station der Röm. Bahn; 7383 Ew. Bucintoro, s. Bucemaurus 2). Buckau, Stadt (seit 1861) im Stadtkreise u. prenß. Regbez. Magdeburg, an der Elbe; chemische Fabrik, bedeutende Eisengießereien u. Maschinenbauanstalt, Eisenwalzwerk, chem., Porzellan-, Cichorien-, Zucker-, Lack-, Tapeten- u. a. Fabriken, Bleichen, Färberei, Dampfmühlen, ansehnlicher Schiffbau; 9696 Ew. Bückeberge, waldiger Gebirgsrücken im Fürstenthum Schanmburg-Lippe, an der Grenze der Prov. Hessen-Nassau, 330 rn hoch; Steinkohlenlager. Bückeburg, Hauptstadt des Fürstenthums Schaumburg-Lippe, an der Aa, Station der Eisenbahn Minden-Hannover; Residenz des Fürsten, Sitz der Landesbehörden; Schloß mit Kirche, Schloßgarten; Synagoge; neues Gymnasium; Nie- dersächs. Credit-Bank; 4646 Ew.; 1 Stunde davon am Abhange des Harrl-Berges das besuchte Schwefelbad Eilsen. Buckel, 1) runde Erhöhung oder Erhabenheit ans einem Gegenstände; bes. solche aus Metall als Zierrathen an Pferdegeschirren, Büchereinbän- deN, Degengefäßen, Schildern rc.; Ausbuchtung vom oberen Theil des Rückens; s. u. Rückgratverkrümmung. 2) Erhöhungen in den söhligen Flötzen. 218 Buckclflwgc - Buckelfliege (?kvra Tnkr.), Jnsectengattung der echten Fliegen. Von den zahlreichen Arten wird die dicke B. (?. incrassaba lÜerA.) als eine Ursache der Fanlbrnt der Bienen (s. d.) angesehen; 3 nun groß, glänzend schwarz; Hinterleib mattgrau, untere Theile der Beine rothgelb, Flllgelwurzeln gelblich. Die Fliege dringt in den Bienenstock ein u. legt in den noch nicht gedeckelten Zellen je 1 Ei unter die Haut der Bienenlarvcn. Die Fliegenlarve kriecht bereits nach einigen Stunden aus; sie entwickelt sich vom Fettkörper der Bienenlarven, welche dadurch zu Grunde geht n. fault (Faulbrut). Zur Verpuppung bohrt sich die Larve aus der bereits gedeckelten Zelle heraus u. verpuppt sich meist auf dem Boden des Bienenstockes. Die Fliege überwintert zwischen der Rinde von Baumstämmen. Thome. Buckelwanzc, s. Wanzen. Bnckclzirpe, s. Zirpen. Bucken, eine Bewegung des Geschützrohres, die beim Abfeuern des Geschützes entsteht. Infolge der Entweichung von Pnlvergasen durch das Zündloch wirkt die Pnlvcrkraft stärker nach unten u. schlägt das Bodcnstück des Rohres so stark auf die Nichtsohle der Lastete, daß es federnd zurück-, also in die Höhe gestoßen wird. Buckigau, Gau im alten Sachscnlande, welcher den größten Theil der nachmaligen Grafschaft Schaumburg umfaßte u. in welchem die Billungen begütert waren. Vgl. Wippermann, Der B., Gött. 1859. Bücking, so v. w. Bückling. Buckingham, 1) (Bucks) Grafschaft in England, 1889 mskm (34 H>M); grenzt im N. an die Grafschaft Northampton, im O. an Bedford- shire, Hcrtfordshire n. Middlesex, im S. an Berks, im W. an Oxfordshire; Gebirge: im S. die Chiltern Hills, waldig, Zweig des Cornwallgebirges, jedoch nicht 300 m erreichend; Flüsse: Themse, Ouse, Colne, Thame u. a., durch den Grand-Junction-Kanal mir London n. den Küsten verbunden; wird von der London-Birminghamer n. der London-Bristolcr Eisenbahn durchschnitten; Boden außerordentlich fruchtbar, namentlich im Thal von Aylesbnry, an Weizen, Gerste; Viehzucht, vorzugsweise Schaf- u. Nindviehzucht; Marmor u. Walkererde; Spitzenklöppeln, Strohflechterei, Papiermühlen; starker Handel mit landwirthschaft- lichen Producten, bes. nach London; 175,879 Ew.; Hauptstadt Aylesbnry. 2) Parlamentsflecken am rechten User der Onsc, über welche drei steinerne Brücken führen; durch Eisenbahn mit London, Birmingham, Banbury u. Bedford verbunden; im Ganzen unregelmäßig gebaut; Rathhaus, Kirche (1780 gebaut), Ruinen der Kapelle St. Johns; Vres drammar Lekool; Getreide- u. Papiermühlen, Spitzenklöppelei; Kupfermine; 3703 Ew. B. brannte 1725 zum großen Theil nieder. In der Nähe Stowe, der prachtvolle Sitz des Herzogs von B., mit Park (die reiche Gemäldegalerie u. Bibliothek wurden 1848 versteigert. 3) County im nordam. Unionsstaate Virginia, u. 37° n. Br. u. 78" w. L-; Countysitz: Maysville. Die B.-White-Sulphur-Springs ist eine bekannte Mineralquelle. Buckingham, Grafen u. Herzöge von B. Die - Buckingham. Grafschaft B. bewohnten zur Römerzeit die Cassier. Bei der Befestigung der englischen Küsten gegen die Dänen durch König Eduard wurde die Feste B. angelegt, nach welcher die Grafschaft genannt wurde. Der erste, von Wilhelm dem Eroberer mit B. belehnte Graf von B. war Walther Giffard in der 2. Hälfte des 11. Jahrh.; da dessen Sohn ohne Erben starb, so fiel B. wieder an die Krone; 1377 belehnte König Richard II. seinen Oheim Thomas v. Woodstock mit B., der 1385 zum Herzog v. Gloucester erhoben u. 1397 im Gefängniß ermordet wurde. Nach dem 1399 erfolgten Tode seines Sohnes Hnmphrey kam mit seiner älteren, an Edmund Grafen von Stafford vermählten Tochter die Grafschaft B. an das Haus Stafford. Graf Edmund blieb 1403 in der Schlacht bei Shrewsbury. Sein Sohn Hum- phrey erhielt 1444 von König Heinrich VI. den Titel als Herzog v. B.; dieser blieb 1460 in der Schlacht 6ei Northampton, n. da sein Sohn Hum- phrey schon 1455 bei St. Albans gefallen war, so folgte ihm sein Enkel Henry (s. u. B. 1). 1521 verloren die Staffords durch die Enthauptung Eduards (s. u. B. 2), Güter u. Titel. 1617 ernannte Jakob I. seinen Günstling Georg Vil- liers zum Marquis u. 1623 zum Herzog v. B., und nachdem 1688 dessen Sohn ohne Erben gestorben war, 1703 John Sheffield, Marquis von Normanby, Oberhofmeister der Königin Anna, mit dessen Sohne Edmund (geb. 1709) 1735 auch Las Hans Sheffield ausstarb. 1784 erhielt Georg Graf Temple den Titel als Marquis v. B., dessen Sohn Richard 1822 wieder zum Herzog v. B. erhoben wurde. Merkwürdig sind: 1) Henry Earl of Stafford, Herzog v. B., Enkel Edmunds, Grafen v. Stafford; erbte 1460 seines Großvaters Titel u. Güter; als Anhänger Richards III. trug er das Meiste zu dessen Erhebung auf den Thron bei u. wurde mit Belohnungen aller Art überhäuft; durch unersättliche Habsucht gerieth er bald mit dem König, welcher seine Forderungen ans Ländereien nicht beachtete, in Streit, trat nun auf die Seite Heinrichs, Grafen v. Richmoud (später Heinrich VII.), fiel aber durch die Treulosigkeit eines ehemaligen Dieners seines Hauses, der ihn verrieth, in Richards Hände u. wurde 1483 in Salisbury enthauptet. 2) Eduard B., Earl v. Stafford, Herzog v. B., Sohn des Vor.; erhielt von Heinrich VII. seine väterlichen Güter ».Titel, welche Richard III. eingezogen hatte, zurück. Anfangs schien ihm auch Heinrich VIII., der ihn znni Großconnetable machte, sein Vertrauen zu schenken, doch neben der Feindschaft des Cardi- nals Wolsey, welche er sich durch eine zu frei- müthig geäußerte Mißbilligung zugezogen, erweckten feine möglichen Anrechte auf den Thron des Königs eifersüchtigen Argwohn, u. des Hochver- rathes angeklagt, wurde er 1521 enthauptet. 3) Georg Billiers, Herzog v. B., dritter Sohn von Sir George Billiers, geb. 20. Aug. 1592 zu Schloß Brokesley in Leicestershire; ging 3 Jahre nach Frankreich u. besuchte nach seiner Rückkehr die Universität Cambridge. 1615 wurde er, nachdem er den Minister Grafen von Somerset gestürzt hatte, bei König Jakob I. Mundschenk u. kurz darauf Kammerherr, Oberstallmeister, Mar- Buckingham. 219 qnis v. B., Großsiegelbewahrer, ja 1623 sogar Herzog von B. Er beherrschte als Günstling den schwachen König ganz u. riß alle? Gewalt an sich, alle Ämter, Titel n. Pfründen vergab er an seine Creatnren, oder verkaufte sie n. häufte so unermeßliche Schätze an. Als Jakob 1625 starb, erhob sich die allgemeine Stimme gegen B. als Ver- räther des Vaterlandes u. Verführer des jungen Karl I., der auf B-s Ratb persönlich um die Hand einer spanischen Prinzessin angehaltcn hatte, die ihm aber wegen B-s anmaßenden Betragens in Madrid abgeschlagen worden n. worüber eine Kriegserklärung Englands an Spanien erfolgt war; doch stand B. noch in dem Vertrauen Karls so fest, daß dieser ihn sogleich znm Kanzler der Universität Cambridge ernannte, das Parlament auflöste n. die heftigsten Ankläger verhaften ließ. Der Krieg gegen Spanien fiel unglücklich aus; aus persönlicher Rache (Ludwig XIII. hatte wegen seines ungeziemenden Betragens gegen seine Gemahlin die Abberufung B-s, welcher zur Abholung der Braut Karls I. nach Paris gekommen war, verlangt) verwickelte er darauf England in Krieg mit Frankreich, in welchem er den Befehl der Flotte übernahm, vor La Rochelle erschien, das damals in den Händen der Hugenotten war, die ihm aber das Einlaufen in den Hafen verweigerten, u. dann eine unglückliche Landung auf der nahen Insel Rhe machte, von welcher er geschlagen nach England zurückkehrte. Kurze Zeit darauf unternahm er eine zweite Expedition, wurde aber vor deren Abgang von einem Subalternoffizier, John Felton, 23. August 1628 erstochen; s. England (Gesch.). Um die Universität Cambridge machte sich B. durch eine in Holland angetanste Sammlung orientalischer Mannscripte u. um die Wissenschaften durch die Begünstigung der Gelehrten verdient. 4) Francis Villiers, Herzog v. B., jüngerer Sohn des Vor.; stndirte mit seinem Bruder George in Cambridge; Beide reisten dann nach Frankreich, kehrten 1648 zurück u. schlossen sich an die Partei des Grafen von Holland an. Francis blieb in der Schlacht bei Nonsuch. 5) George Villiers, Herzog v. B., Bruder des Vor., geb. 30. Jan. 1627; rettete sich nach der Schlacht bei Nonsuch aus die Flotte, begleitete dann den Prinzen von Wales bis zur Schlacht bei Worcester, floh 1651 nach Frankreich, wo er mit Auszeichnung an der Belagerung von Arms u. Valenciennes theilnahm, ging dann nach England zurück, >vo ihm Lord Fairfax, welcher die ihm verliehenen Güter der Familie B. großmü- thiger Weise mit der Mutter B-s theilte, eine Zufluchtsstätte gewährte. Mit der Tochter des Lords vermählt, lebte der Herzog hier, ohne sich um die Politik zu kümmern, wurde aber trotzdem von Cromwcll in den Tower gesperrt n. erst nach dessen Tode wieder sreigelassen. Nach Karls II. Thronbesteigung erhielt er den größten Theil der Güter seines Vaters zurück u. wurde Lord-Lieure- nant von Uork n. Oberstallmeister. Eifersucht u. Neid gegen des Königs Günstling, Grafen von Clarendon, verwickelten ihn in eine Verschwörung, die 1666 entdeckt wurde; doch erhielt er die Verzeihung des Königs, wurde 1671 Kanzler der Universität Cambridge u. ging als Gesandter nach Frankreich, um die Tripelallianz anfznlösen. Nach Clarenbons Fall stellte er sich an die Spitze der Ministerverbindnng unter Karl II. (s. Cabale) n. hatte an ällen verkehrten Maßregeln derselben Antheil. Nach Auflösung des Cabalministeriums trat er zur Opposition, widersetzte sich 1675 der Bill über die Glaubensprobe, fügte sich aber, nachdem er eine Zeit lang im Tower gefangen gesessen hatte, in den Willen des Königs. Nach Karls II. Tode zog er sich von allen öffentlichen Geschäften zurück u. lebte ans seinen Gütern den Wissenschaften. Er st. 17. April 1688, u. mit ihm starb das Geschlecht der Villiers aus. B. sehr.: Satiren; dasLustspiel Düs Lekwarsal, Lond. 1671. Werke (unvollständig u. manches Untergeschobene enthaltend), Lond. 1704 u. ö., zuletzt 1764, 2 Bde. OlJohn Sheffield, Herzog v. Normanby n. B., Sohn Edmunds Sheffield, Grafen von Mnlgrave, geb. 1649; wurde in Frankreich erzogen, diente im Kriege gegen Holland, 17 Jahre alt, als Freiwilliger auf dem Admiralsschiffe n. erhielt dann das Commando eines Schisses. Hierauf an die Spitze zweier Reiterregimenter gestellt, diente er kurze Zeit in Frankreich unter Tnrcnne n. wurde nach seiner Rückkehr nach England Gouverneur von Hnll; 1680 befehligte er die Hilfstrnppen, welche die Belagerung von Tanger in Afrika durch die Mauren aufhoben. Unter Jakob II. war er Mitglied des Geheimen Nathcs u. Großkammerherr, machte auch die katholischen Kirchengebränche mit, ohne aber zu couvertircu. Auch unter Wilhelm von Oranien, der ihn 1694 znm Marquis von Normanby machte, bekleidete er mehrere hohe Staatsämter; ebenso unter Anna, die ihn noch vor ihrer Krönung zum Großsiegelbewahrer u. 1703 zum Herzog von B. ernannte. Als Gegner Marlboroughs trat er jedoch bald zur Partei der Tories u. kehrte erst 1710 an den Hof zurück; er wurde Präsident des Ministeriums u. übernahm die Verwaltung des König!. Hauses. Nach dem Tode Annas war er Mitglied des Collegiums, welches bis zur Ankunft Georgs I. an der Spitze der Regierung stand, zog sich dann vom Hofe zurück n. st. 24. Febr. 1720 in Buckingham House. Seine Muße füllte er meist mit poetischen Arbeiten aus n. schrieb: das erotische Gedicht Düs Vision, 1680; die Lehrgedichte Ilssa/ on posbrz?, n. cm subirs, sowie mehrere Trauerspiele. Werke, Lond. 1723—1729, 2 Bde. Außer mehreren natürlichen Kindern hinterließ er von seiner 3. Gemahlin, einer natürlichen Tochter Jakobs II. u. geschiedenen Gräfin von Auglesey, einen Sohn: 7) Edmund, der seine Titel u. Güter erbte, aber 1735 in Rom unverheirathet starb. Der Titel als Graf v. B. wurde 1746 au den Lord Hobart verliehen. 8) Georg Graf Temple, Marquis v. B-, geb. 1753; erhielt 1784 den Titel als Marquis von B.; st. 11. Febr. 1813. 9) Richard, 2. Herzog v. B., geb. 20. März 1776, ältester Sohn des Vor.; beerbte seinen Vater, vermählte sich 1796 mit Anna Eliza, der einzigen Tochter des von dem Hause Plantagenet abstammenden James Brydge, Herzog von Chandos, n. wurde 1822 znm Herzog von Chandos u. B. erhoben; er st. 17. Jan. 1839. 10) Richard Plantagenet, Herzog von Chan- 220 Buckland — Wickler. dos u. B., einziger Sohn des Vor., geb. 11. Febr. 1797, anfangs Graf Remple, seit 1822, nach der Erhebung seines Vaters zum Herzog v. Bücking' Ham, Marquis v. Chandos; seit 1826 Parlamentsmitglied für Buckingham, gehörte er als Tory zu den Hauptvertheidigern der Korngesetze (weshalb er den Namen Barmers Ikrisnck erhielt) u. brachte eine Clansel in die Reformbill, daß alle wenigstens 50 Pfund St. zahlenden Pächter das Wahlrecht in den Grafschaften erhielten. Er erbte 1839 den Herzogstitel n. wurde 1841 in Peels Ministerium Großsiegelbewahrer; 1842 trat er wegen Abschaffung der Korngesetze aus dem Cabinet n. machte 1848 infolge zerrütteter Vermögensvcr- hältnissc Bankerott, so daß ihm nur eine geringe Rente blieb. Er st. 29. Juli 1861. B. machte sich durch verschiedene politische Schriften bemerkbar, namentlich aber durch seine Werke: Nsmoirs ak tirs 6onrb uuck Oabinsis ok OoorZs III., 2 Bde., Lond. 1853; Llsiiroirs ol tirs Lonrt ok ünglanck cknrinA tirs lIsAenox, 1811—20, das. 1856, 2 Bde.; Llemoirs oltlroOonrt ol 6sor§s IV. Las. 1859, 2 Bde.; Llsmoirs ok tirs 6ourts anä Lubinsts ol IViliiam IV. anä Vivtoria, 2 Bde., das. 1861. 11 ) Richard Plantagenet Campbell Temple-Nugent-Brydges-Chandos- Grenville, Herzog v. Chandos u. B., Sohn des Vor., geb. 10. Sept. 1823; folgte seinem Vater nach dessen Tode als 3. Herzog v. B. In der Schule zu Eton u. im Oirrist-Oiiursii LollsAS zn Oxford ausgebildet, ward er 1846 von der Stadt Buckingham ins Parlament gewählt u. saß daselbst bis 1857. 1852 zum jüngeren Lord des Schatzamtes ernannt, erhielt er kurz darauf das Amt eines Bewahrers des Privatsiegels des Prinzen von Wales u. das eines Vicewardeins der dem Thronerben des Reiches gehörenden Zinnminen. 1853 erwählte ihn die große London- u. North-Western-Eisenbahngescllschaft zu ihrem Vorsitzenden, doch zog er sich 1856 von diesem Posten zurück. In der dritten Verwaltung des verstorbenen Grafen von Derby ward B. im Juli 1866 Lord-Präsident des Geheimen Rathes n. folgte 2. März 1867 dem Grafen Carnarvon als Colonialminister. Dieses Amt verwaltete er bis zum Rücktritte des Toryministeriums Disraeli im Decbr. 1868. Im Mai 1875 nahm B. den durch den Tod des Lord Hobart erledigten Posten eines Gouverneurs von Madras an. Bartling? Buckland, William, berühmter engl. Geolog, geb. 12. März 1784 zu Axminster in Devonshire; studirte seit 1801 in Oxford Theologie, ging daun zum Studiuin der Naturwissenschaften über, war anfangs Canonicus an der Christ-Church, dann Professor der Mineralogie u. Geologie an der Universität Oxford, wurde Mitglied der Royal Society; 1827 wurde er in den engeren Rath derselben gewählt u. siedelte 1845 nach London über, wo er zum Dccan von Westminster ernannt war. In Oxford gründete er das Geologische Museum, zum Theil aus Privatmitteln, u. in London war er Custos dcS Brit. Museums n. bemühte sich mit unausgesetztem Eifer für die Anlage von Quellwasserleitungen. Seit 1849 geisteskrank, st. er 14. Aug. 1856 zu Clapham bei London. Er nahm theil an der Herausgabe der Bridgewater- bllcher (Die Urwelt u. ihre Wunder, übersetzt von Werner, Stuttg. 1837), veröffentlichte zahlreiche Abhandlungen in den Iransaotions ok tire Llsol. Loeist/ u. sehr. u. a.: Lsügnias ckiluviauas, 2. Aust., Lond. 1824; vsserixtion ok tirs Loutir- IVostsrn Öoai-Oistriet ok üirxianä, 1825; 6oo- 1oM anck minoraioZ^ oonsickoisck rvitir reksronee to natural tirsoioA)', Lond. 1836, 2 Bde., 4. A., 1868, deutsch von Agassiz, Nenfchätel 1838—39, 2 Bde. Bucklandit, nach Bnckland benanntes, augit- ähnliches Mineral ans Norwegen. Buckle, Henry Thomas, bedeutender engl. Culturhistoriker, geb. 24. Novbr. 1822 zu Lee. Frühzeitig Herr eines bedeutenden Vermögens, vergaß er die Vergnügungen seines Alters, um sich ganz u. gar dem Studium, namentlich dem der Geschichte, zu widmen. Zu diesem Zwecke trat er mit hervorragenden Männern seiner Zeit in Verbindung, besonders mit Hallam u. Bimsen, die schnell seine ungewöhnlichen Geistesgaben erkannten u. auf seinen Bildungsgang einen bedeutenden Einfluß ausübten. Neben der Literatur beschäftigte er sich mit dem Schachspiel, in dem er es so weit brachte, daß er als einer der besten Schachspieler Englands galt. Nachdem er sich zuerst als Schriftsteller mit Essays: On lübsrtx u. Ou tirs Inliusnes vk Vfomsn versucht hatte, trat er 1857 mit dem ersten Bande seiner durch langjährige Untersuchungen vorbereiteten Mstorx ok Zivilisation in LnZlanck, Bd. 1 n. 2, 1857 bis 1861, 5. Aust., 1874, deutsch von A. Rüge, 5. Aust., Lpz. 1874, von Ritter, Berl. 1870, 2 Bde., hervor, welche unvollendet blieb, in der aber nicht allein England, sondern auch andere europäische Länder einer geistreichen Betrachtung unterzogen sind. Diese Cnlturgeschichte, die mit allen früheren historischen Methoden, ebenso wie mit einer Menge angenommener Ideen u. religiösen, politischen, nationalen u. literarischen Vor- urthcilen bricht, rief die heftigsten Kritiken hervor. Hauptsächlich, u. das nicht ohne Grund, warf man ihr doktrinäre Einseitigkeit vor, sodann wollte seine materialistische Weltanschauung getadelt werden. Heute jedoch wird sein Werk mit mehr Billigkeit beurtheilt u. anerkannt als eines der bedeutendsten u. originellsten Monumente der Philosophie der Geschichte, welche die engl. Literatur aufzuweisen hat. Die gewaltigen Studien, denen sich B. unterzogen, hatten seine Gesundheit erschöpft. Um sich zu erholen u. seine Kenntnisse zu erweitern, reiste er nach dem Orient, verlebte den Winter in Ägypten u. begab sich dann durch die Wüste nach Syrien, ward jedoch unterwegs 29. Mai 1862 zu Damaskus vom Typhus dahingerafft. Bartling. Bückler, Johannes, gewöhnlich Schinderhannes, geb. 1779 zu Unstädten in der Grafschaft Katzenellenbogen; trat herangewachsen in die Dienste des Scharfrichters zu Bärenbach. Nach Begehung eines Diebstahls entwich er, wurde aber entdeckt u. bestraft. Hierauf verlegte er sich auf Schafdiebstahl, wurde ergriffen, entsprang aber aus dem Gefängniß. Nun gesellte er sich zu Fink dem Rothbart, dem Anführer einer Diebsbande; ergriffen, entkam er zum 2. Mal, verband sich mit Bückling — dem Schwarzen Peter, bildete dann eine eigene Bande, wurde 1799 wieder gefangen, entkam nochmals, plünderte mit seiner Bande besonders von Jahrmärkten heimkehrende Juden u. stellte völlige Sicherheitskarten aus. Er wurde endlich zu Wolfenhausen von einem Streiscommando verhaftet, nach Frankfurt gebracht, ausgeliesert und 21. Nov. 1803 in Mainz hingerichtet. Bückling (Bücking, Böckling, Pückling, Pickling, Pöckling, llarsnA sanr, 8. kuins), geräucherter, vorher leicht gesalzener Häring. An der Nord- u. Östseekllste werden viele B-e bereitet, dazu aber gewöhnlich die schlechteren nach Bartholomäi gefangenen Häringe genommen. Sie werden roh eingesalzen, d. h. 24 Stunde in eine Lake gelegt, dann an hölzernen .Spießen, die je 12 Stück fassen, in besonderen Öfen aufgehängt, durch Reisholz 24 Stunden lang geräuchert u. endlich (meist vorher etwas stärker gesalzen) in Tonnen (Tou- nen-B-e), od. in Stroh gepackt (Stroh»B-e) versendet. Die Kieler-B-e sind gut, besser die Speck- B-e (Flick-, Fläckhäringe), am besten die holländischen am Rücken ausgeschnittenen. Th-nns." Buckow, s. u. Bukow. Bucks, County im nordamerik. Unionsstaate Pennsylvania, u. 40° n. Br. u. 75" w. L.; Garten- u. Bergbau; 64,336 Ew.; Countysitz: Doylestown. Buckskin (engl., eigentlich Bockfell, Bockleder), wollenes, geköpertes, weiches, dichtes und festes Zeug, einfarbig, gemustert, oder mit eingewebten Streifen, meist zu Beinkleidern verbraucht, nicht gerauht, aber auf der rechten Seite glattgeschoren. Die Kette ist in der Regel ein seines, festgedrehtes Gespinnst, öfteres zweifädig gezwirnt. Nicht selten werden der Wohlfeilheit wegen halbbaumwollene B-s mit gezwirnter baumwollener Kette u. einfachem streichwollenemEinschlage verfertigt.Dünne leichte B-s führen wol den Namen Donskin. Bei der Anwendung von Kunststühlen sind bei verschiedenen Kettenbreiten folgende Geschwindigkeiten für den Schützen als äußerste Grenze statthaft: Kettenbreite, Meter 1,5g, 1,^, 2,^, 2,„. Schützenbeweq. per Minute 90 80 70 60. B-hss-l. Bucksport, Hafenplatz im Hancock County des nordamerik. Unionsst. Maine; Handel; Schiffbau; Fischerei; 3433 Ew. Bücktücher, feine brandenburger Tücher aus fremder Wolle. Suonomm (v. Gr.), 1) so v. w. Barbadoskrankheit. 2) (L. LparAnuotioa) weiße Schnecken- geschwulst. öuoolwi milltss (a. Gesch.), s. u. Bukolikon. Bucquet, Jean Baptiste, berühmter Arzt, Chemiker, königl. Censor u. Mitglied der Akademie der Wissenschaften, geb. 18. Febr. 1746 in Paris, wo er 6 Jahre lang Chemie las u. durch prächtigen Vortrag und vorzügliche Lehrmethode zahlreiche Schüler um sich sammelte, unter denen Fourcroy ihm später als Lehrer folgte. B. würde noch Großes sür seine Wissenschaft geleistet haben, hätte ihn nicht der Tod derselben frühzeitig, 24. Jan. 1780, entrissen; er hat weniger neue wichtige Entdeckungen gemacht, als die Umbildung der pneumatischen Chemie, der neuen Lehre der Luftarten, tüchtig vorbereitet u. somit wesentlich gefördert. Er - Budapest. 221 hat veröffentlicht: lutroäueticm ä I'stuäs äos eorps natrrrsls tirss äu rsZns mineral, Paris 1771; Inbroäuotnon ä I'stuäs äss oorps türss äu rsZns vsAstal, ebd. 1773, seiner Zeit das vollständigste und methodischste Werk über Pflanzenanalyse; ülsmoirs sur In maniörs äout lso animaux scmt alksotss pur Iss äilksisuts üuiäss aerikormss mspbitiguss, 1778. Thamhayn. Bucyrus, Sitz des Crawford County im nordamerik. Uniousstaate Ohio; Mineralquellen; Manufactur; 3066 Ew. Budaon, 1) Distr. der Division Nohilcund der NWProvinzen imbrit.Vorder-Jndien; 6100Hsstm; 1,020,000 Ew., größtentheils Hindu; fruchtbar u. gut angebaut. 2) Haupst. darin; 21,000 Ew. Budapest, Hauptstadt des Königreichs Ungarn, entstanden durch die Anfang 1873 ins Leben getretene Vereinigung der Städte Pest und Ofen (Buda) u. des Marktes Altofen, sammt der Margarethen-Insel, u.36° 42' 58"ö. L. u. 47°39' 34" n. Br., zu beiden Seiten der Donau, u. zwar Pest am linken (östl.) Ufer derselben, in einer sandigen Ebene (144,4 m), Ofen dagegen u. Altofen auf dem rechten (westl.), an den Abhängen u. in den Thälern zwischen den Ausläufern des Ofener Gebirges (Ofener Festung 155 m, Citadelle des Blocksberges 237m). Pest hat 27 Plätze, 219 Straßen u. 5259 Häuser u. zerfällt in 5 Quartiere: Innere Stadt, nördl. Leopoldstadt, östl. Therefien- u. Jofephstadt, südl. Franzstadt. Den Glanzpunkt der Stadt bildet die Donauseite, an der sich eine fast 1 Stunde lange Reihe zmu Theil glänzender neuer Gebäude befindet. Hier steht an der oberen Seite des Franz- Josephs-Platzes, auf welchen die berühmte Pester Kettenbrücke mündet, der Palast der ungarischen Akademie, 1862—64 nach den Plänen von Stiller im Renaissancestil aus Sandstein aufgeführt; ihm gegenüber das Haudelsstandsgebäude, 1827 bis 1830 erbaut, früher auch Sitz der Börse u. der Lloydgesellschaft. In der Mitte des Platzes der Krönungshügel, dessen Erdreich aus sämmt- lichen Comitaten Ungarns und Siebenbürgens stammt. Vom Franz-Josephs-Platze erstreckt sich stromaufwärts der Rudolfsquai mit dem Gebäude der Donau-Dampfschissfahrts Gesellschaft, stromabwärts der Franz-Josephs-Quai mit der neuen Börse; im Hintergründe eines Square die städtische Redoute, 1859—65 durch den Pester Architekten Hesse erbaut; weiterhin das Assecuranz- gebäude u. das Grand-Hotel u. gegenüber dem steil zur Donau abfallenden Blocksberge das Hanptzollamt, von Nikolaus Ml im Renaissancestil erbaut. Auf der Landstraße steht das Nationalmuseum, welches in den vierziger Jahren erbaut wurde, mit imposanter Faxade; in einem großen Saal hält das Ungarische Oberhaus seine Sitzungen; in dem hübschen Park, der das Gebäude umgibt, stehen die Bronzebüsten der ungarischen Dichter Kazinczy u. Berzsenyi. Hinter dem Museum liegt ein aristokratisches Viertel; die meisten Häuser sind hier Palais ungarischer Magnaten; hier auch der Renaissancebau des Landhauses, wo das Ungarische Abgeordnetenhaus seine Sitzungen hält, erbaut von Ml. Ferner sind bemerkens- werth das Comitatshaus; das neue Postgebäude in der Trödlergasse, von Szkolnitzky u. Koch im 222 Budapest. Renaissancestil erbaut; das Pariserhans, mit einer von lauter Schustern bevölkerten glasgedeckten Passage; das Sparkassegebäude von Ml, mit vergoldetem Eckthurm; das neue Nachhalls, ein in gnasi-gothischem Rohbau von E. Stcindl ausge- sührtes Gebäude, u. das alte Nachhalls, das kolossale Zinshaus der Firma Philipp Haas u. Söhne von Linzbauer u. der Jndustriehof. Auf der östl. Seite der Elisabethpromenade steht der 1872—73 erbaute Kursalon mit 2 Springbrunnen; das städtische Schlachthaus vor der Soroksarer Linie, ein wahres Mnsterinstitut, erbaut 1870—72 nach dem Entwürfe LeS königl. preuß. Architekten I. von Heiinicke; in Verbindung damit steht der Viehmarkt mit der Viehbörse; das Hauptthor ist geschmückt mit 2 prachtvollen Thiergruppen von R. Begas in Berlin. Unter den Bahnhöfen ist erwähnenswertst der neue österr. Staatsbahnhof mit einer Halle in Eisenconstruction mit einer Lichtwcite von 44 m ohne Mittelstlitze; der im Bau begriffene Pester Centralbahnhof verspricht ein imposantes Bauwerk zu werden. Unter den Kirchen ist die Univcrsitätskirche die schönste, zweithürmig, 1698 erbaut; in dem daran stoßenden Klostcrge- bände ist ein Theil der Universität untergebracht; ferner die Hauptpfarrkirche, die älteste Kirche von Pest, im Sanctuarium das Grabmal des Feld- marschalls Kray (st. 1804) u. das Denkmal Knl- csars v. Ferenczy; die Leopoldskirche in der Leopoldstadt, ein in großen Verhältnissen angelegter Kuppelbau ohne Laterne, im Jahre 1851 begonnen; bedeutende Bauwerke sind auch die griech. Kirche im byzantin. Geschmack u. die 1816 bis 1830 errichtete rcformirte Kirche; dann die evangelische (lutster.) Kirche, 1799—1811 erbaut, mit einer guten Copie der Rafaelschen Transfiguration von Lochbihler als Altarbild; die neue Synagoge, 1872 in byzantinisch-maurischem Stil eibant, u. der israelitische Cultnstempcl, ein schöner polychromer Bau in maurischem Stil, mit 2 Polygonen, 46,g m hohen Thürinen. Das Jiivalidenpalais, durch Martiuelli unter Karl VI. erbaut, wird jetzt als Kaserne benutzt u. hat 4 Höfe. Das ebenfalls ansehnliche Ludoviceum ist Sitz einer Militär-Akademie für Honvedoffiziere. Öffentliche Denkmäler: die Dreisaltigkeitssäule vor der Hauptpfarrkirche, ein Werk des Wiener Bildhauers Joseph Halbig, 1863 errichtet; die Statue des ungarischen Schauspielers Martin Lendoag in Zinkguß vor dem Naüonalthea- ter; das Josephsmonnment auf dem Josephsplatze, von Halbig in München. Der Hauptsitz des Verkehres ist die innere Stadt, besonders die Herren-, Waitzuer-, Brücken- n. Dorotheengasse. Die breite Waitznerstraße ist die Hanptpulsader von Pest, der eigentliche Corso der Stadt u. wie die Landstraße in ein Boulevard nach Pariser Muster verwandelt. Von ihr geht die 2,2 üin lange Radialstraße aus, welche die ganze Theresienstadt in schnur- grader Richtung durchbricht u. eine neue Zufahrt zum Stadtwäldchen, einem schönen Park, bildet. Eine andere großartige Anlage ist die erst an einigen Punkten in Angriff genommene Ringstraße, welche die ganze Stadt in einem ungeheuren Bogen dnrchschneiden wird. Unter den 3 Friedhösen von Pest ist nur bcmerkenswerth der neue Friedhof außer der Kercpcser Linie mit einem großartigen Mausoleum zum Andenken des Grafen Ludwig Batthyany. Die Wasserleitung, welche die Stadt mit filtrirtem Donauwasser versorgt, wurde 1868 begonnen. Die Donau, welcher B. den größten Theil seiner Bedeutung verdankt, hat beim Eintritte eine Breite von etwa 810 in, verengt sich bei der Kettenbrücke auf 380 in n. am Fuße des mächtig einspringenden Blocksberges auf 300 w, um sich unterhalb dieses Vorgebirges wieder auf 700 m auszndehnen. Die durchschnittliche Tiefe beträgt 8 m. Nördl. von B., dieser Gemeinde jedoch cinverleibt, ist im Strome die Margarethen-Insel, südl. die Insel Csepel. Die bedeutendste Brücke hinüber nach Ofen ist die berühmte Kettenbrücke, 1842—1849, nach den Plänen des englischen Ingenieurs William Clark erbaut; sie hat eine Länge von 388,g m und eine Breite von 12 m; die Spannweite zwischen den beiden Mittel- pseilern beträgt 210 m. Nördl. von ihr die eiserne Margarethen-Jnsel-Brücke, 1. August 1872 begonnen. Südl. ist die Verbindungsbahn-Brücke, 1873 begonnen, zwischen der Österr. Staatsbahn u. den Ungarischen Staatsbahnen in Pest einerseits u. der SBahn in Ofen anderseits. Zwischen den neuen Brücken sind prachtvolle Quais auf beiden Ufern in der Ausführung begriffen. In Ofen bildet den Kern der Stadt die Festung, um welche sich 5 Vorstädte gruppiren; nördl. liegen die Wasserstadt u. die Landstraße, westl. hinter dem Festungsberg die Christinenstadt, südl. zwischen dem Festungs- n. dem Blocksberg die Raizenstadt (Taban). Der Festungsberg ist vom einem Tunnel durchbohrt, der gegenüber der Kettenbrücke beginnt, in die jenseitige Christinenstadt führt u. 1853—55 von Adam Clark erbaut wurde. Hier liegen in der Nähe der Donau die Gebäude der Ofener Sparkasse von Ml, die Osener Commercial- u. Gewerbebank u. das Palais des Barons Lip- thay. Ans den Festnngsberg führt eine Dampfseilrampe, die auf dem St.-Georgs-Platze endet, welchen das gräfl. Sändorsche u. das gräfl. Te- lekische Palais u. das Zeughaus begrenzen. In der Mitte des Platzes steht das gußeiserne Henzi- Monument (s. Geschichte), eine gothische Spitzsäule von 20 m Höhe. Die jetzige königliche Burg wurde unter Maria Theresia 1749—71 von dem Architekten Hillebrand erbaut und neuerdings im Innern restaurirt. Die Donaufront ist 178 m lang und hat im Mitteltract einen Balcon mit 6 Säulen; dem Mitteltrakte schließen sich 2 große Flügel an; im linken befinden sich die Schloßkirche zum heil. Siegmund u. das Gemach, in welchem seit 1790 die Ungar. Reichsinsignien bewacht werden. Von dem Gebäude zur Donau herab senkt sich der Schloßgarten; eine weitere Baumanlage auf der Donauseite ist die sog. Ellipse, während auf der WSeite des Festungsberges die Bastei- Promenade liegt, die eine prachtvolle Aussicht ans das Ofener Gebirg gewährt. An zahlreichen Stellen der Festung sind Gedenktafeln zur Erinnerung an die historischen Momente, welche sich an diese Punkte knüpfen. Sonst sind noch zu erwähnen das Generalcommando, die Ferdinandskaserne , das gothische Gebäude der Ofener Realschule, Las Rathhaus, das Landhaus u. die Fer- diuandskapelle. Unter den Kirchen ist die bedeu- 223 Budapest. tendstedieMariä-Himmelfahrts-Kirche,vonBelaIV. erbaut, van den Türken in eine Moschee verwandelt u. später von den Jesuiten unglücklich restau- rirt (in dieser Kirche wurde 1807 Kaiser Franz Joseph gekrönt); die Garnisonskirche, im 13.Jahrh. gegründet, in der Türkcnzeit die einzige christliche Kirche der Oberstadt, nach der Befreiung neu erbaut; die Kapnzinerkirche mit Kloster. Am Abhange des Blocksberges liegt die Raizenstadt, meist aus kleinen Häuschen u. Hütten bestehend u. von Weinbauern bewohnt, mit einer kathol. Pfarrkirche. Das Thal zwischen dein Sonner- yder Spießberge u. dem Fcstungsberge erfüllt die Christinenstadt. In diesem Stadttheil liegen auch das gräfliche KarLcsonyische Palais u. das neue Militärhospital. Die Fortsetzung der Thalsohle bildet die Generalwiese, wo militärische Revuen abgehalten werden. Außer mehreren kathol. hat Ofen noch eine griechisch-orient. u. eine evangel. Kirche, dann eine Synagoge. Merkwürdig auf der Ofener Seite sind die zahlreichen mineralischen Thermen. Eine Gruppe von 30° warmen Quellen liegt an den Abhängen des Blocksberges, meist mit türkischen Bauresten. Die bedeutendsten Bäder sind das Raizenbad, bereits unter König Matthias benutzt; das Bruckbad, mit einer von den Türken 1560—70 erbauten Kuppel; das Blocksbad. In der Ebene liegt das Elisabeth-Salzbad, dessen Quelle schwefelsaurcs Natron, Bittererde u. Kochsalz enthält u. weithin versandt wird; es wurde 1875 durch eine Überschwemmung (s. u.) verwüstet. Eine 2. Gruppe von Bädern liegt an der Donau aufwärts; hier ist das Kaiserbad, altberllhmtes Schwefelbad, schon von den Römern benutzt, von König Matthias verschönert, von den Türken 1543—48 erweitert. In diesem Bade, das den Barmherzigen Brüdern gehört, befinden sich 11 Quellen von 22 bis 52° R. In der Nähe liegt auf einem terrassirten Unterbau das Grab Gül-Babas, des Rosenvaters, eines türkischen Heiligen von großem Ansehen, der in der 1. Hälfte des 16. Jahrh. lebte; es wird noch heute von Mohammedanern aus allen Theilen der islamitischen Welt besucht. Weiter aufwärts an der Donau liegt Altofen, ung. Ofen-Buda, von kleinstädtischem Aussehen. Hier sind zu erwähnen die Synagoge, die ansehnl. unterirdischen Reste der Heizkammer eines röm. Bades u. die Trümmer eines Aquäducts. Hier das Schiffswerft der Donau- Dampsschifffahrtsgeicllschaft mit 2500 Arbeitern auf 2 Inseln von 17,g im Flächenranm. Der Donau- arm zwischen dem Festlande u. den vorliegenden Inseln ist mit einer Wehr geschlossen u. bildet den Winterhafen der Gesellschaft. Hinter Altofen liegt der Gaisbcrg, ans dessen Abhange das ehemalige Kloster Klein-Zell, jetzt Kaserne u. Spital. Im Strome gegenüber von Altofen liegt die Margarethen-Insel, u. am anderen User Nenpest (s. Umgebungen). Den Verkehr von B. selbst u. mit der Umgebung vermitteln außer den einzelnen Fahrgelegenheiten bes. die Pferdebahnen, welche im Gegensätze zu den Omnibuswagcn sehr stark benutzt werden; Localdampfboote u. Über- suhrpropeller, nach Art der Pariser Nonobss. Die Einwohnerzahl der vereinigten Städte beträgt nach der Zählung von 1869 270,476, wovon auf Pest 200,476, auf Ofen 53,998, auf Altofen 16,002 entfallen (1857 Pest 131,705, Ofen u. Altofen 55,240; 1786 umfaßte Pest erst 19,652 Menschen, 1823 46,637, 1855 112,661); für 1875 werden für die vereinigten Orte 300,000 geschätzt. Die Mehrzahl ist magyarisch, doch bilden die Deutschen einen großen Bruchtheil in der Bevölkerung, und in den Volksschulen wird dem entsprechend der 3. Theil der Zeit, der auf den Unterricht im Ungarischen entfällt, auf das Deutsche verwendet. Von den slav. Stämmen sind bes. die Slowaken in den Arbeitervorstädten vertreten, daneben noch die Serben (Raizen). Die Hauptreligion ist die kathol.; neben ihr sind noch stark vertreten die beiden evang. Bekenntnisse, die griech.- orieutalische, mit einem Bischof in Ofen, u. die mosaische Religion. Das bedeutendste wissenschaftliche Institut ist die ungar. Akademie der Wissenschaften, am 17. Nov. 1830 auf Vorschlag des Grafen Stephan Szechenyi constitnirt für die Ausbildung der ungar. Sprache in allen Fächern der Wissenschaften u. die Pflege der Wissenschaften überhaupt. Sie zerfällt in 3 Klassen, hat 313 Mitglieder n. gibt zahlreiche Schriften heraus. Außer den Zinsen des eigenen Vermögens von mehr als 2 Mill. LI erhält sie noch bedeutende Subventionen von Seiten des Staates. Im Palaste der Akademie ist seit 1865 die Eszterhazyschc, jetzt Lan- des-Gemäldegalerie genannt (früher in Wien) untergebracht. Sie ,jst Eigenthum des Landes und besteht aus 694 Ölgemälden, darunter 10 Mn- rillos u. einer Sammlung alter Kupferstiche u. Handzeichnungen, an 54,000 Blatt, darunter zahlreiche Rembrandtsche Radirnngen, Dürcrsche Holzschnitte n. Zeichnungen rc. Das Nationalmuseum, durch den 24. Gesetzesartikel von 1807 auf Grundlage einer Schenkung des Grafen Franz Szechenyi gegründet, durch zahlreiche Schenkungen und glückliche Ankäufe vermehrt, besteht ans einer Bildergalerie von mehr als 600 Nummern; auS einer ethnographischen-, Naturalien-, Antiguitätcu- (90,000 alte Münzen) u. Statnen-Sammlung (meist Gipsabgüsse). Die Bibliothek des Museums umfaßt 150,000 Bände, 9000 Urkunden u. 15,000 Handschriften. Die Pester Universität, welche durch den Primas Peter Pazmäny 1635 in Tyrnau errichtet und von Maria Theresia zu einer königlichen Universität erhoben worden war, wurde 1777 nach Ofen in die königl. Burg und 1784 nach Pest verlegt. Nach dem Budget für 1874 verwendete der Staat für dieselbe 467,611 Fl. im ordentlichen Etat. Sie zählte im Wintersemester 1873/74 140 Lehrenden. 2424Stndirende in 4 Facultäten. An ihr bestehen u. a. auch 2 Lehrkanzeln für homöopathische Heilmethode u. ein kriegswissenschaftlicher Lehrcurs; das chemische Institut in dem sog. alten Botanischen Garten ist musterhaft eingerichtet. Mit der philosophischen Facultät steht die königl. ungar. Prllfungscom- mission, sowie eine besondere Präparandie für Gymnasial-Professoren in Verbindung. Die Universitätsbibliothek umfaßt etwa 160,000 Bde. Das Josephs-Polytechnicum hat sich aus einer Gewerbeschule entwickelt. Sein Hauptaufschwnng datirl seit seiner Versetzung 1872 von Ofen nach Pest. Im Wintersemester 1873/74 waren an demselben 53 224 Budapest. Lehrende u. 729 Studirende. An Fach- u. Spe- cialschnlen bestehen in B. das römisch-katholische Central-Seminar, das reform. Colleginm u. Las israelitische Rabbinats-Jnstitut, zur Heranbildung von Theologen. Die chirurgische Lehranstalt ist der Universität untergeordnet; das Thierarznei-Jnstitut seit 1851 von derselben unabhängig. Ferner: die Handelsakademie; die Kunstschule und Las Musik- Couservatorinm; die Central-Equitationsschule für Ungar. Landwehrosfiziere u. das Ludoviceum zur Heranbildung für die ungarische Landwehr, mit nnem höheren Offizierscurs. Von den Mittelschulen sind die 2 Staatsgymnasien, das Gymnasium der Piaristen unter Staatsaussicht; confessio- »ell sind das reformirte Obergymnasium u. das lutherische Untergymnasium; ferner bestehen zwei Oberrealschulen; sür die Volksschule geschieht durch Vermehrung der Klassen, Errichtung neuer Gebäude u. s. w. sehr viel; mit der Erziehung der weibl. Jugend beschäftigen sich überdies mehrere Nonnenorden. Im I. 1872 bestanden 33 städtische Volksschulen mit 157 Klassen, welche von 10,537 Kindern unter 133 Lehrern besucht wurden. Das Budget sür Unterricht belief sich 1874 auf iz Will. Fl., was einer Beisteuer von 1 Fl. 33 Xr. aus den Kopf der Bevölkerung entspricht. Zur Heranbildung von Lehrern bestehen eine Staats-Lehrerbildungsanstalt, eine röm.-kath. u. eine israelitische, 2 Lehrerinnen-Bildungsanstalten u. die Central-Bildungsanstalt sür Zeichenlehrer nebst einer Muster-Zeichcnschule. Ferner: ein Blindeninstitut, eine Landesirrenanstalt, mehrere Waisenhäuser, unter ihnen das bekannteste: das Josephinum; eine große Kleinkinderbcwahr-Anstalt; die Armenversorgungs-Anstalt Elisabethinum rc.; von den Civilspitälern ist das bedeutendste das Rochusspital; dann das israelitische Krankenhaus n. das Bethesda genannte; die Spitäler der Barmherzigen Brüder u. der Elisabethinerinnen. In B. haben ihren Sitz die 1826 zur Hebung der magyar.-ungar. belletristischen Thätigkeit gegründete Kissaludy-Gesellschaft, die Gesellschaft der Ärzte von B., die König!. Ungar. Gesellschaft für Naturwissenschaft, die Ungar. Historische und die Geologische Gesellschaft; die Geographische Gesellschaft; die Llatiea Lsrbsüö-slovsusüu u. die Gesellschaft des heil. Stephan zur Herausgabe billiger Schriften für das Volk; das Ungarische Geologische u. das Meteorologische Central- Institut; das König!. Ungar. Statistische Lan- desbureau u. das Städt. Statistische Bureau. In B. erscheinen etwa zwei Drittel der ungarischen Zeitungen. Unter den Theatern haben das Nationaltheater in Pest u. das Ofener Stadttheater in der Festung eine Leitung u. ein Personal, Oper u. Schauspiel in Ungar. Sprache; ferner das un- gar. Volkstheater auf dem Stephansplatze u. das deutsche Actientheater in der Leopoldstadt; dazu kommen mehrere Sommertheater. Der Bau eines prachtvollen Opernhauses für mehr denn 2000 Personen ist 1875 in Angriff genommen worden. In B. haben sämmtliche Ungar. Ministerien (s. Ungarn) ihren Sitz, außerdem eine Post- u. eine Telegraphen-Direction, die König! Curie als letzte Instanz n. die König!. Tafel für Ungarn als 2. Instanz in allen Civil- u. Strasrechtssachen, ein Geschworenengericht für Preßvergehen, das Handels- u. Wechselgcricht, eine König!. Finanzdirec- tion, eine Handels- und Gewerbekammer; eine Berghauptmannschaft rc. Industrie, Handel, Verkehr, Kreditwesen rc. (1873). g.) Industrie: 11 Dampfmühlen mit 9 Mill Fl. Actien- capital u. über 5 Mill. Ctr. Production, 2 Bau- Gesellschaften mit4HMill. A.-C., 4 Bergbau-Actien- Gesellschaften mit 6 Mill. A.-C., 7 Dampfziegeleien u. Kalkbrennereien mit 4j Mill. A.-C., 1 Actien- brauerei mit iz Mill. A.-C., 3 chemische Fabriken mit iz Mill. A.-C., 2 Spiritusfabriken mit iz Mill. A.-C., 1 Waggon-Leih-Gesellschaft mit 2 Mill. A.-C., 3 Eisengießereien u. Maschinenfabriken mit 5z Mill. A.-C., 1 Waggonfabrik mit 1 Mill. A.-C.; außerdem noch 15 kleinere Etablissements u. Gesellschaften mit etwa 5 Mill. A.-C. t>) Handel: Die Waarenbewegung ergab folgende Ziffern: Zufuhren Ctr. Versendungen Brennstoffe .... 7,752,082 102,283 Flüssigkeiten . . . 579,670 1,275,18» Garten- u. Feldfrllchte 6,724,733 1,901,123 Baumaterial . . . 1,941,236 588,376 Metalle. 591,683 186,362 Metallwaaren . . . 789,182 668,595 Vieh. 614,907 1,013,308 Militäreffecten . . . 5,267,131 76,935 Victualien .... 221,189 3,830,001 Verschiedenes . . . 5,117,802 4,027,726 29,599,615 13,670,189 davon transportirten die Eisenbahnen: 24,241,765 11,213,653 die Donaudampfer: 5,357,850 2,456,536 Unter den ausgesührten Flüssigkeiten figurirte Bier mit 481,444, Wein und Most mit 454,676 Ctr.; unter den Früchten: 472,573 Ctr. Obst; unter dem Vieh: 223,643 Ctr. Rindvieh u. 712,356 Ctr. Schweine rc. v) Verkehr: Eisenbahnen: auf dem linken Ufer die Österr. Staatseisenbahn- Gesellschaft, welche einerseits den Verkehr nach Wien, anderseits über Bazias und die im Bau begriffene Strecke Temesvar-Orsova mit der Türkei u. Rumänien vermittelt; die Ungar. Staatsbahn, welche in Verbindung mit der Kaschau- Odenberger Bahn eine directe Verbindung mit NDeutschland herstellt; auf dem rechten Ufer die Österr. SBahn zur Verbindung mit Wien auf dem rechten Donauufer u. mit dem Adriat. Meere. Ihr Domici! haben außerdem in B. die Alföld- Fiumaner, die Arad-Temesvarer, die Battaszek- Dombover-Zakenyer, die Eperjes-Tarnower, die Erste Siebenbürger, die Fünfkirchen-Barcser, die Kaschau-Oderberger u. die Theiß-Bahn. Es be- stehen 3 Pferdeeisenbahnen, je eine in Ofen und Pest n. die von Neupest nach Rakos-Palota, ferner die Ofener Bergbahn, endlich die Donau- dampfschifffahrt-Gescllschaft. An Flußhäfen be- stehen gegenwärtig 2: der der Donaudampfschiff- fahrts-Ges. in Altofen u. der Winterhafen in Nen- pest. Mit der Ausführung der Vorarbeiten wird der Bau eines dritten unterhalb Ofen verbunden. Anzahl der telegraphischen Depeschen 1,336,503 (Buda 85,838, Pest 1,250,665). ä) Credit- wesen: lÄ bestanden im Ganzen 19 Banken mit einem eingezahlten Capital von 63,218,889 Fl., darunter die Anglo-Hungarian Bank mit 8, die Budapest. Franko-llugar. Bank mit 10, die Ungar. Mg. Bodeucredit-Actien-Gesellschaft mit 10, die Ungar. Allgem. Credit-Bank mit 12 Mill. Fl.; ferner 7 Sparkassen mit 6,670,700 Fl. Capital, außerdem verschied, kleinere Creditvercine, 9 Versicherungs- Gesellschaften mit 5,179,592 Fl. Capital. — B. bildet als königliche Frcistadt ein selbständiges Municipinm. Für den Municipalausschuß wird die eine Hälfte aus der Mitte der die meiste direkte Staatssteuer zahlenden 1200 Wähler, die andere Hälfte aus der Mitte der gesammten Wähler gewählt. An der Spitze siebt der Oberbürgermeister als Repräsentant der exekutiven Gewalt, der aus 3 vom König, unter Gegenzeichnung des Ministers des Innern, vorgeschla- gencn Personen von der Generalversammlung auf 6 Jahre gewählt wird. Das Leben in B. ist angenehm u. reich an Abwechslung. Unter den Volksfesten ist das bedeutendste das Stephansfcst 20. Aug., an welchem Tage die wohlerhaltene rechte Hand Königs Stephan des Heil, unter großem kirchlichem u. militärischem Gepränge aus der Ofener Schloßkapelle in die Hauptpfarrkirche übertragen u. daselbst zur öffentlichen Verehrung ausgestellt wird. Von den nächsten Umgebungen vonB. sind hervorzuheben das durch seine Rothweine bekannte Ofener Gebirg (s. d.) mit dem 237 m hohen Blocksberge (auf ihm eine Citadelle) u. dem vielbesuchten Auwinkel, u. die schon erwähnte Margarethen-Insel, nach einer Tochter Belas IV., die in einem Kloster daselbst ihr Leben beschloß, genannt. Auf ihr finden sich Ruinen von Kirchen, Klöstern u. Palästen ans dem 12. u. 13. Jahrh. Die Insel war Eigenthum des Erzherzogs Joseph, der sie in einen großartigen Park von 69 üa Oberfläche verwandelt und dem Publicum geöffnet hat. Elegante Dampfboote vermitteln den Verkehr zwischen der Stadt u. der Insel, auf welcher eine Pferdebahn besteht. Der artesische Brunnen daselbst hat eine Tiefe von 236 m; die Quelle, welche eine konstante Temperatur von 35" R. zeigt, steigt 9H m über das Niveau der Insel empor u. wird in das Margarethen-Bad geleitet, eines der elegantesten Bäder im Renaissancstil u. s. w. Die nahe dabei befindliche Ofener Insel wird mit der Hauptinsel vereinigt. Am linken Ufer liegt Neupest. Vor 25 Jahren auf einer Sandwüste gegründet, hat es seitdem einen unerwarteten Aufschwung genommen. Die wichtigsten Industrien sind Paraffin-, Weinstein- u. Lederfabrikation; außerdem ist daselbst eine Filiale des Ltabilimsnto tsanico äi lkiums re. Zwischen dem User und der Hafeninsel befindet sich ein 43 da großer Winterhafen. Steinbrnch, Station der österr. Staatsbahnlinie Pest-Czcglöd, ist Hauptort des Handels mit Borstenvieh; daselbst die 2 größten Bräuhäuser Ungarns, eines davon im Besitze von Dreher; Reservoir der Pester Wasserleitung. Geschichte. Von den 3 städt. Gemeinwesen, die jetzt unter dem Namen B. vereinigt sind, steht das kleinste, Altofen, an der Stelle der röm. Stadt ^.gnivonin od. ^oilllum (Fünfquellenstadt), aus welcher Zeit noch Neste von Bädern u. eines Aquä- ducts vorhanden sind. Später ließen sich hier Slaven nieder u. bezeichnten den Ort mit 225 (slav. Wasser), woraus das heutige Buda entstand. Stephan d. Heil, gründete daselbst 1022 die Propstei St. Petrus u. Paulus, welche in der Folge mit dem Markrechte ausgestattet wurde u. die Gerichtsbarkeit über die auf ihrem Gebiete gelegene königl. Burg besaß. Das gegenüberliegende Pest scheint vor den Magyaren von Bulgaren gegründet worden zu sein u. wol feinen Namen nach den vielen daselbst vorhandenen Kalköfen zu führen (Pest bulg. —Ofen). Jm13.Jahrh. war in Pest die Mehrheit der Bevölkerung deutsch. Die rasch anfblllhende Stadt wurde 1241 von den Mongolen zerstört, von Bela lV. dann 1244 mit großen Privilegien ausgestattet u. neu besiedelt u. zu ihrem Schutze am rechten Ufer, auf dem heutigen Festungsberge, ein festes Schloß erbaut. Die seit 1286 auf dem Räkov gehaltenen Reichstage trugen sehr zur Hebung von Pest- Ofen bei, u. als König Ludwig d. Gr. sich auf dem Boden des heutigen Ofen eine neue Burg erbaut u. das Gebiet derselben aus dem Verbände der Propstei St. Petrus n. Paulus gelöst hatte, erhob er Neubuda zur königl. Freistadt. König Siegmund begann 1419 den Bau einer königl. Residenz im größten Stil, welche Festung u. Palast zugleich war. Er machte auch das alte Pest deS linken Ufers unabhängig von seiner eigenen Pflanzstadt der Ofener Festung, bis endlich König Matthias Pest zur königl. Freistadt erklärte. Die Glanzperiode von Ofen war unter König Matthias Corvinus, der die Burg Siegmunds ausbaute, in derselben seine berühmte Bibliothek, die Corvina, aufstellte u. die erste Druckerei in Ungarn errichtete; auch gründete er 1477 die Ofener Universität. 1514 erschienen die Kuruczen vor den Schwesterstädten, plünderten die Vorstädte von Ofen, belagerten aber Pest vergeblich. Der Reichstag, welcher in demselben Jahre nach Unterdrückung dieses Aufstandes in Ofen gehalten wurde, verlieh Pest den zweiten Rang unter den königl. Freistädtcn. Als Sultan Soliman nach der Schlacht von Mohacs vor Ofen rückte, ergab sich ihm die Stadt 10. Sept. 1526 ohne Widerstand, nur das königl. Schloß wurde tapfer ver- theidigt. Nach 14 Tagen zog Soliman mit Zurücklassung einer Besatzung nach Constantinopel zurück. Die Ofener Bürger überfielen die türkische Besatzung u. erschlugen sie. Soliman machte Kehrt u. nahm so blutige Rache, daß Pest-Ofen durch zwei Monate vollkommen verödet war, u. erst mit dem Eintreffen Zäpolyas kamen die verscheuchten Bewohner zurück. Nachdem Pest-Ofen im August 1527 in die Hände des Königs Ferdinand gefallen war, kam Soliman dem Gegeu- könig Zäpolya zu Hilfe, n. im Sept. 1529 lagerten die Türken neuerdings vor Ofen-Pest. In wenigen Stunden waren Ofen-Pest n. die Judcn- stadt gefallen, u. das Schloß kam nach viertägiger Vcrtheidigung durch den Verrath der Truppen in die Gewalt der Türken. Nachdem die Belagerung Wiens durch die Türken 1529 mißlungen war, versuchten die Feldherren Ferdinands Rogeudors (1529 u. 1541) u. Hels (1540) vergeblich, Ofen zurückzuerobern. Die Bürger Ofens nahmen so thäügen Antheil an der Vcrtheidigung, daß Za- polya ihnen 1533 nicht nur ihre bisherigen Pri- 15 Pierers Universal-ConversationS-Lexikon. k. Aufl. IV. Baud. 226 Budapest. vilegien bestätigte, sondern alle Ofener Bürger u. ihre Nachkommen in den Adelsstand erhob. Unter Zäpolyas Herrschaft bekam die Ungar. Partei in Ofen die Oberhand. Die 2. Belagerung durch Rogendorf (1541) hätte beinahe zur Eroberung der Stadt geführt; aber Soliman erschien zum Entsätze, ergriff Besitz von Ofen u. jagte alle Christen aus der Festung. So wurde Ofen 2. Sept. 1541 eine türkische Stadt. Unter der Türkenherrschaft sanken Ofen u. Pest rasch herab, u. die Reisenden jener Zeit bezeichnen als er- wähnenswerth nur die Moscheen u. die Bäder. Um die Schwesterstädte den Ungläubigen zu entreißen, geschahen von kaiserlicher Seite 1542, 1598, 1602 u. 1684 vergebliche Anstrengungen. Pest wurde zwar 1602 durch den kaiserl. General Roßwurm erstürmt, aber schon nach 2 Jahren mußte es wieder geräumt werden. Endlich im Juni 1686 sammelten sich unter dem Besehl des Herzogs Karl von Lothringen 92,500 M. um Ofen. Außer den Kaiserlichen waren da Ungarn u. Kroaten, Brandenburger, Bayern, Sachsen u. Mitglieder des Adels der ganzen Christenheit. Zum Entsätze der hart bedrängten Stadt erschien der Großvezier mit 80,000 M., u. es gelang ihm auch, Truppen in die Stadt zu werfen. Nachdem Karl von Lothringen auch Verstärkungen erhalten hatte, ließ er 2. Septbr. um 6 Uhr Abends im Angesichte des feindlichen Heeres die Stadt stürmen, und nach genau 145 Jahren wurde sie den Händen der Türken entrissen. Jetzt begann Ofen-Pest sich langsam zu erholen. Nascianer (Raizen) wurden um die verödeten Abhänge des Blocksberges (daher Raizenstadt) angesiedelt. Die Juden wurden aus der Wasserstadt nach Altofen dislocirt; an ihre Stelle traten Kroaten. Allmählich kehrten auch deutsche Familien zurück, und Wallonen, Italiener u. Spanier wanderteu ein. In Pest waren Handel u. Gewerbe der Stadt anfangs in den Händen der Zigeuner. Am 23. Oct. 1703 verlieh Kaiser Leopold Pest und Ofen neue Privilegien, u. Ösen wurde wieder erste, Pest aber zweite königl. Freistadt, doch betrug die ganze Bevölkerung nur etwa 3—4000 Menschen. Der Türkenkrieg Eugens von Savoyen (1715—18) half Pest einigermaßen auf, da von hier aus die kaiserl. Armee mit allem Nothwen- digen versorgt wurde. 1723 wurde Pest auch das Centrum der Justizpflege, indem daselbst die Sep- temviral- u. die köuigl. Tafel organisirt wurden. Ebenda wurde 1727 das großartig angelegte In- validenpalais vollendet. Dagegen zerstörte 1723 eine Fcuersbrnnst die ganze WSeite von Ofen. 1769 wurde zwischen den Schwesterstädten eine Schiffbrücke geschlagen; 1774 eröffncte man das deutsche Theater an der Donau in Pest; 1780 kam die kgl. Universität ins kgl. Schloß nach Ofen u. 1784 nach Pest. Überhaupt suchte Joseph II. die Landesstellen in Ofen zu concentriren, wie denn 1784 die königl. Statthaltcrei u. die Hofkammer in Ösen ins Leben gerufen wurden. Unter seiner Regierung entstand in Pest eine neue Vorstadt, die Josephstadt (1786—90). Ein namhafter Zuwachs der Bevölkerung erfolgte seit Erlaß des Toleranzpatcnts von 1781. Joseph II. errichtete in Pest eine Reihe öffentlicher Gebäude. 1795 wurde in Pest die Straßenbeleuchtung cingeführt, 1807 die Szechenyische Nationalbibliothek in ein Nationalmuseum umgewandelt, 1812 das deutsche Theater in Pest eröffnet, 1827 die Ungar. Aka. demie der Wissenschaften gegründet u. 1830 die Dampfschifffahrt auf der Donau eingesührt. 1837 wurde der Bau des National-Museums begonnen u. 1840 der des National-Theaters beendet. Die so aufstrebende Doppelstadt blieb jedoch auch nicht von großen Unglücksfällen verschont. 1810 zerstörte eine Feuersbrunst die ganze Ofener Raizenstadt u. einen Theil der Wasserstadt; 1831 wüthcte die Cholera, u. 1838 stieg vom 13. bis zum 15. März das Wasser der Donau auf 9,, va über den Nullpunkt des Ofener Pegels, durchbrach u. überstieg alte u. neue Dämme u. überfluthete die meisten Gaffen von Pest bis zur Höhe von 4 m. Erst am 14. März fiel das Wasser. Von den 4251 Häusern von Pest waren 2281 gänzlich eingcstürzt, u. in Ofen blieben von den 762 Häusern der Unterstadt nur 91 unversehrt. Der Schaden in Pest allein wurde auf 22 Will. lll. berechnet. Stattlicher erstand B. aus seinen Trümmern, doch der kräftige Aufschwung der beiden Städte wurde durch den Ausbruch der ungarischen Revolution aufgehalten. Am 28. Sept. 1848 wurde Graf Lamberg auf der Donaubrücke ermordet. Die Kaiserlichen rückten auf die Hauptstadt los; das Ungar. Heer, noch zu schwach, mußte dieselbe einstweilen preisgeben, u. am 7. Jan. verhängte Windischgrätz über B. den Belagerungszustand. Nach der Organisirung der nationalen Armee mußten die Kaiserlichen in der Nacht vom 23.—24. April die Hauptstadt räumen, und nur General Heinrich Henzi blieb mit 4000 Nt. in der Festung Ofen zurück. Am 4. Mai erschien das ungarische Heer unter Görgey vor der Festung. Während der Belagerung bombardirte Henzi wiederholt B. In der Nacht vom 20. aus den 21. Mai wurde die Festung von den Ungarn erstürmt, wobei Hentzi fiel; doch schon am 13. Juli war sie wieder in der Macht der Kaiserlichen. In der darauffolgenden Zeit schritt die Entwickelung von B. stetigst fort; mit der Krönung Franz Josephs I. zu Ofen 8. Juni 1867 brach eine neue Ära für die beiden Städte an, welche nun wieder Residenz und Brennpunkt für die mannigfachsten Interessen des ganzen Landes wurden. Dieser erhöhten Wichtigkeit n. Bedeutung entspricht auch die äußere Entwickelung. Im N. u. S. von B. zu beiden Seiten der Donau haben sich förmliche Fabrikvorstädte gebildet, u. auf der Ebene rings um Pest entsteht zugleich eine Colonie nach der anderen, welche, indem sie die Stadt mit einem dichten Gürtel von Vororten umgeben, das Terrain für ihre künftige Ausdehnung vorbereiten. Für die Entwickelung der Hauptstadt ist es von hoher Bedeutung, daß durch den 26. Gesetzartikel d. I. 1872 die Städte Pest u. Ofen mit dem Krammarkte Mosen zu einem Mnnicipium unter dem Namen B. vereinigt wurden. Am 26. Juni 1875 richtete ein Wolkenbruch u. ein mehrere Tage darauf erfolgendes Hagelwetter große Verwüstungen in Ofen an. Vgl. Neureich, die Belagerungen der Festung Ofen 1686 u. 1849, Pest 1853; Schanis, Beschreibung der Stadt Pest, ebd. 1820; Budari — Buddeus. 227 Ko'rösi, Publikationen des Statist. BurcauS der Stadt Pest, cbd. seit 1871, 12 Bde.; B. u. seine Umgebungen v. Ludwig Hevesi, B. 1873. Cicalek. Handel, Berkehr, Creditwesen !c. Schraot. Budäri, kleine Fahrzeuge, die besonders Getreide laden u. die auf dem russischen Flusse Wo- rona, einem Zuflusse des Choper, gebraucht werden. Budiius, Wilhelm, eigentlich Guillaume Bude, ausgezeichneter sranz. Gelehrter, geb. 1467 in Paris; widmete sich seit 1490 in Orleans dem Studium der alten Sprachen, wurde Secretär des Königs Ludwig XII., dann unter Franz I. Bibliothekar u. 1522 Requbtenmeister; er ward zu mehreren Gesandtschaften, besonders nach Rom, «erweichet; starb 23. August 1540 in Paris. Auf seine Veranlassung wurde die königliche Bibliothek in Fontainebleau u. das königliche 6olle§o -äs Kranes gegründet. Obwol beim Abschluß des Concordats thcltig u. einer der Richter Berqnins, war B. doch im Geheimen dem Protestantismus geneigt, zu dem sich nach seinem Tode seine Familie bekannte u. deshalb nach der Bluthochzeit nach Genf u. Demschland auswanderte. B. ist Begründer des griechischen Sprachstudiums in Frankreich u. gilt als letzter Glossator des 6or- xus jurls. Er schr.: (lommsntarli liuAuas gras- sas, Par. 1519, Fol.; Lmnotat. in XXIV. Dan- cksot. kibr., ebd. 1508, Fol.; Do asss et parbibus «jus, ebd. 1514, Fol., u. ö.; Os stuäio litsrarnm rseto iustituemlo, >1o pliilolo§ia, ebd. 1526; De bransitu Dsllsuismi all Lbristiamsmum, 1534; übersetzte auch Plntarchos, De plaoibis plrilo- sopborum, 1532. Werke, Basel 1557, 4 Bde., Fol. Lebensbeschreibung von Le Roy und Rebette, ebd. 1846. Budberg, Andreas Frhr. v., russischer Diplomat, geb. 1820; betrat früh die diplomatische Lausbahn u. wurde zuerst 1844 Legationssecretär in Frankfurt u. 1849 Geschäftsträger das., 1851 Gesandter in Berlin und 1852 zugleich bei den Höfen von Hannover u. Mecklenburg: 1856 wurde er nach Wien versetzt, kehrte aber 1858 nach Berlin zurück; von da ging er im November 1862 als Botschafter nach Paris. Hier nahm er im April 1868 seine Entlassung, um sich mit dem Baron v. Meyendors, der ihn beschimpft hatte, zu dnel- liren, was in München geschah, wo'B. leicht verwundet wurde. Später wurde er russ. Geheim- -rath u. Mitglied des Reichsrathes. Budberg-Bönninghausen, Roman, Frhr. «., esthländischer Dichter, geb. 28. Febr. 1816 zu Strandhof bei Reval; studirte 1835—38 in Reval Cameralia, machte daun eine Reise nach Deutschland u. nahm nach seiner Rückkehr seinen Sitz in Reval, wo er Notar der Esthländischen Ritterschaft wurde u. im März 1858 starb. Er schrieb: Gedichte, Berlin 1842, 2. Ausl., Reval 1861, und übersetzte Lermontows Novizen u. Aus dem Kaukasus (Bert. 1843) ins Deutsche. Buddenbrock, 1) Wilhelm Dietrich v., preuß. Feldmarschall, geb. 1672 in Lithanen; trat 1690 in preußische Dienste, in denen er den Span. Erbsolgekrieg u. 1715 den Feldzug gegen die Schweden mitmachte. Ein Vertrauter der Könige Friedrich Wilhelm I. u. Friedrich des Gr., wurde er vielfach zu wichtigen Missionen verwandt. Im i 1. Schles. Kriege kämpfte er in der Schlacht von Chosusitz, im 2. beider Einnahme von Prag. Erst. 1757 als Feldmarschall. 2) Heinrich Magnus, Frhr. v. K.; trat in schweb. Dienste, wurde 1715 Major u. 1721 Generalmajor, 1731 Freiherr u. wohnte 1741 dem Kriege gegen Rußland in Finnland bei, bis zum russischen Überfalle bei Will- manstrand. Angeklagt, die Niederlage verschuldet zu haben, wurde er 1743 zu Stockholm enthauptet. Buddeus (eigentlich Budde, Nachkomme von Budäns), 1) Johann Franz, deutscher Theolog und Philosoph, geb. 25. Juni 1667 in Anklam; studirte seit 1685 in Wittenberg, wurde 1687 Ad- junct der philosophischen Facultät daselbst und 1689 in Jena, 1692 Professor der griechischen u. lateinischen Sprache am Gymnasium zu Kobnrg, 1693 Professor der Moralphilosophie zu Halle, 1705 Professor der Theologie in Jena u. 1715 Kirchenrath; er starb 29. Nov. 1729 in Gotha, wo er sich zufällig aüfhielt. B. schr.: Distorin surls naburas st szmopsis zur. nat. st Pentium, Jena 1695, Leyd. 1711, Halle 1717; DIsmsnta pbilosopblas praotioas, ebd. 1697; De tssta- menbis oummornm imporantinm, ebd. 1701; lutroäustio aä. bist. pbilosopbias Dbraeorum, ebd. 1702 n. 1720; Dlsmsnta, pbilosopbiae Instrumentalis, ebd. 1703, 5 Bde., u. ö.; Institutio- nss pbilosopbins solsetieas, 1705, 2 Thle., u. ö.; ^naleota bistorias xbilosoxbioas, ebd. 1706 u. 1724; Institut, tbeolo^ias moral., Lpz. 1711 u. ö., deutsch 1719; Dist. soelosiastlea vstsris tsstamsnti, Halle 1715—18, 2 Thle., u. ö.; Lösses cks atbsismo st suporstitions, 1716, sranz., 1740; Institut, tösol. ävAinat., Lpz. 1723 u. ö ; Distoria orit. tbsoloxias cko^inat. et mor., Franks. 1725, u. Einleitung in die vornehmsten Religions- strcitigkeiten, 1724—28, heransgeg. von Walch; IsaKvM bist, ack tbsoloAiam Universum, 1727, neue Ansg., 1730; Doolssia apostolioa, 1729; Katechisirte Theologie, heransgeg. von Frisch, 1752. 2) Karl Franz, Sohn des Vor., geb. 1695 in Halle; war erst Advocat in Weimar, wurde 1729 Regierungsrath in Rudolstadt u. 1734 Obervor- mundschaftsrath in Gotha. Er war in dem Wa- sunger Streite mit Meiningen 1746 (s. Sachsen, Gesch.) kaiserlich subdclegirrer Commissar, nahm auch für Gotha 1748 Weimar-Eisenach zur vormundschaftlichen Verwaltung in Besitz n. starb als Vicekanzler 5. Juli 1753. Er schr.: Untersuchung des wahren Grundes der höchsten Gewalt des Fürsten über die Kirche, Halle 1719, Upsala 1737; Sachsen-Gothaische i'uotl spsoiss der Vormundschaft über die Sachsen - Weimarischen Erbfolgen, Halle 1748 rc. 3) Johann Karl Immanuel, des Vor. Enkel, geb. 17. Sept. 1780 zu Bnff- leben bei Gotha; studirte die Rechte in Jena, war erst beim Stadtrathe in Pösneck, dann in Altenburg im unteren Staatsdienste angestellt, zugleich seit 1803 Advocat, wurde 1822 Hof- u. Justizrath, Steuer- und Polizeidirector, später Regier« nngs- n. Consistorialrath in Gera; er privatisirte seit 1830 in Leipzig u. starb hier 28. Febr. 1844. Er schr.: Die Ministerverantwortlichkeit in konstitutionellen Monarchien, Lpz. 1833; Repertorium der sächsischen Verfassungsurkunde u. der Städte- iordnnng, ebd. 1834; Deutsches Anwaltbuch, voll- 228 Buddha — endet von seinem Sohne Arthur B. (geb. 1811 in Altenburg u. starb 29. Jan. 1847 als Advo- cat in Leipzig), 1847, 2. Aust., 1848; redigirte das Deutsche Staatsarchiv, Jena 1840 ff. 4) Aurelio, Sohn des Vor., geb. 1817 in Altenburg; studirte seit 1836 in Leipzig Medicin, wandte sich aber dann der Publicistik zu u. war bis 1849 bei der Redaction der Allgemeinen Zeitung betheiligt. Er schr.: Petersburg im kranken Leben, Stuttg. 1846; Halbrussisches, Lpz. 1847; Rußland u. die Gegenwart, 1851, 2 Bde.; Das Schweizerland, 1853, 2 Bde.; Von Frankfurt a. M. bis Basel, Lpz. 1856; Europäische Chronik, 1855, Franks. 1855 f., 4 Bde.; Europäisches Jahrbuch, 1856, Gotha 1857; Rußland unter Alexander II., Lpz. 1860; Rußlands sociale Gegenwart u. der Aufstand in Polen, ebd. 1863. Buddha, der gebräuchlichste Name des Stifters des Buddhismus, der verbreitetsten asiatischen Religion. Soweit noch sein Leben aus der es umkleidenden Hülle zahlloser Wundergeschichten sich aufdecken läßt, war er, mit eigentlichem Namen Sidühärta, Sohn des Königs Suddhodana von Kapilavastn, einer Stadt nördlich vom Ganges, im alten Laude Magadha, ungefähr im heutigen Andh, und nach der wahrscheinlichsten Berechnung gegen Ende des 6. vorchristlichen Jahrh. geboren. Nach einem alten Ahnherrn führte er sonst den Namen Gautama, d. i. Abkömmling des Gotama, nach dem Familiennamen Sakja hieß erSakjamuni, d. h. Einsiedler aus dein Hanse Sakja; erst nachdem er durch tiefe Betrachtung den Besitz der vollkommenen Erkenntniß erreicht hatte, erhielt er den Ehrennamen B., d. h. der Erleuchtete. Kindheit u. Jugend hat die Verehrung der späteren Generationen mit einer ungezählten Menge von Legenden und Wnndergeschichten umgeben, uin ihn dadurch über die übrige Menschheit zu erheben; als glänzender weißer Elefant soll er vom Himmel herabgestiegen u. als Lichtstrahl in den Schooß seiner Mutter Maja eingetreten sein, ohne Nothwendigkeit einer noch- maligen Wiedergeburt, nur aus Drang, die Menschheit zu retten, schon als Kind die Bewunderung der heiligen brahmanischen Büßer hervorgerufen u. die höchsten Stufen der Exstase erreicht haben. Den Glauben an seine übernatürliche, jungfräuliche Geburt hat die spätere Nachwelt ziemlich allgemein aufrechterhalten und philosophisch entwickelt. Er verbrachte seine Jugend in dem Palaste seines Vaters in der gewöhnlichen Weise indischer Königssöhne, hingegeben den Genüssen u. Vergnügen, u. wurde schon mit dem 17. Jahre verheirathet; erst in seinem 29. Jahre, als er, der Sage nach, zufällig einen vom Alter gebeugten Greis, einen vomAussatze bedeckten Kranken u. einen von Würmern zerfressenen Leichnam gesehen, erwacht das Nachdenken in ihm über die Vergänglichkeit der irdischen Dinge, über die zerstörenden Feinde des Menschen: Alter, Krankheit u. Tod, u. der Wunsch, die Ursachen dieser Übel zu erforschen u. sie zu heilen. Gegen den Willen seines Vaters verläßt er seine Frauen und seine Paläste, hüllt sich in das gelbe Bllßergewand u. geht in die Einsamkeit bei der Stadt Radschagriha, um sich durch Kasteiungen, Fasten n. Nachdenken auf seinen Zweck, die Welt zu erlösen, vorznbereiten. Buddhismus. Nachdem er 6 Jahre in den härtesten Kasteiungen zngebracht, erkannte er, daß sie nicht den Wea zum Heil darbieten, und gibt sie, obwol deshalb von seinen wenigen Genossen verlassen, auf; gestärkt durch den Genuß von Speise, versenkt er sich unter dein Bodhi-Baume in das tiefste Nachdenken, unbeirrt von den Nachstellungen und Angriffen der Dämonen, und erhebt sich nun, zum B. geworden, in vollkommener Kenntniß der Ursachen der Weltübel, mit dem Zwecke, den Weg der Tugend durch Predigt dem Volke zu verkündigen. Auf Antrieb der Götter begab er sich nach Varanasi (Benares), wo er in dem heiligen Gazellenhaine znm ersten Mal predigte u. sowol seine früheren Anhänger von Neuem, als auch neue sich gewann. Er richtete seine Worte nicht allein an die Priester n. Bevorrechteten, sondern auch an tue niederen n. unreinen Kasten u. bediente sich dazu der Volkssprache, um Alle, ohne Unterschied der Geburt, der Lehre von der Erlösung von den Übeln theilhastig werden zu lassen; ein Wunder fügte es, daß Menschen verschiedener Gegenden ihn verstanden. Von nun an durchzog er eine Reihe von Jahren (nach den Einen 20 Jahre, nach Anderen 45) die Gegenden seiner Heimath Magadha, immer auf Ausbreitung seiner Lehre bedacht, durch Predigt, durch Vorbild im frommen Wandel u. Heranbildung gleichgesinnter Schüler, u. bemüht, durch Organisation und Reforin der Priesterschaft die Schaar seiner Anhänger zu mehren u. fester an einander zu ketten. Eine Reihe der gleichzeitigen kleinen Stadtfllrsten wird in der Zahl seiner Anhänger u. Jünger aufgeführt, denen auch seine Familie sich angeschlossen; anderseits hatte er schon Feindseligkeiten von Seiten der Brahma- nen u. brahmanisch gesinnten Herrscher, wie des Königs Devadatta, zu ertragen, vor denen göttlicher Beistand ihn schützte (nach anderer Tradition soll er noch den Untergang von dessen Familie erlebt haben). Endlich, auf dem Wege von Radschagriha nach Vaisälr in der Stadt Kusinagara in einein heiligen Haine erreichte ihn der Tod, in dessen Vorahnung er seine Jünger getröstet und znm Ausharren ermahnt hatte; er trat nach seiner Lehre in das Nirvana mit den Worten: Alles ist vergänglich. Auf seine Anordnung wurde sein Leichnam, dem die Verehrung der Stadtbewohner königliche Ehren erwiesen, feierlich verbrannt, wobei das Holz wie durch ein Wunder sich selbst entzündete; die vom Feuer verschonten Thcile, voll von himmlischem Wohlgernch, wurden an 8 Städte vertheilt und dort in für sie ausdrücklich gebauten Heiligthümern der Verehrung ausgesetzt. Dies ist der Anfang des Reliquiendienstes, der, in das Unglaubliche ausgedehnt (in 84,000 Theile soll der Körper gethellt worden sein), in der späteren buddhaistischen Religionsgeschicküe eine so große Rolle spielt. Als wahrscheinlichste Zeit des Todes, worüber die Angaben der verschiedenen buddhistischen Quellen um 2000 Jahre schwanken, gilt das Jahr 543 v. CH. Über die weiteren L-chicksale der Buddhistischen Religion s. Buddhis- ums 4)i Thielemann. Buddhismus , die von Buddha (s. d.) gestiftete Religion, welche, aus ihrer ursprünglichen Heimalh im N. Indiens verdrängt, nach N. u.. 229 Buddhismus. O. sich ausdehnte u. in jetziger Zeit, nach ungefähren Annahmen, die dem Christenthum gleichkommende Zahl von zwischen 3—400 Millionen Bekennern zählt. 1) Älteste Geschichte. Eine Charakteristik der Lehren u. Formen dieser Religion wird sehr verschieden ausfallen, da sie der Lauf der Zeit u. die Verbreitung in verschiedene Länder vielfachen Modifikationen unterworfen hat, wie überhaupt schon in dein ersten Jahrhunderten ihres Bestehens die Ansichten ihrer Bekenner in mehrfacher Beziehung auseinandergingen und verschiedene Serien sich bildeten. Buddha selbst hat keine geschriebenen Lehren hinterlassen; bald nach seinem Tode traten jedoch seine Schüler, unter ihnen Mahakasjapa als der hervorragendste, zusammen, um die Aussprüche ihres Meisters zu sammeln, festzustellen u. den Gläubigen zur Nachachtnng vorzulegen. Es wurden hier die Vorschriften Buddhas über Disciplin (Vinaja), dann seine Lehre (Sutra od. Dharma) endlich die dogmatischen u. metaphysischen Gedanken (Abhidharma) in einem Kanon zusammengestellt, dessen Kern, allerdings mit vielen Zusätzen u. Umarbeitungen späterer Zeit versehen, uns vielleicht in den auf uns gekommenen heiligen Schriften des B. vorliegt. Innere Kämpfe ».Streitigkeiten machten 100 Jahre nach Buddhas Tode ein 2. Concil in Vaisali nöthig. Die nach dem Einfalle Alexanders d. Gr. im NW. Indiens beginnenden politischen Umwälzungen, vor Allem die Verdrängung der alten Dynastie durch Fürsten aus einer niederen Klasse begünstigten die Verbreitung der neuen Lehre sehr; vor Allen war es König Asoka (263—226), dessen ganze Regiernngs- zeit dieser Sache gewidmet war. Unter ihm trat die 3. Synode unter dem Vorsitze von Mandgal- jajana in Pataliputra zusammen, auf der, um den zahlreichen Sectenspaltnngen zu steuern, der Kanon von Neuem sestgestellt, der B. zur Staatsreligion in Magadha erklärt, u. durch Missionen die Ausbreitung der neuen Lehre im S. unter den Dravida-Völkern u. nach Ceylon, Pegu und Birma, im N. nach Kaschmir und Ghandara be- schlossen wurde, wo sie zu voller Blüthe sich erhob. Ein 4. Concil endlich, von dem skythischen Eroberer Kanischka um Chr. Geburt in das Kloster Dschalandhara in Kaschmir znsammengerufen, auf dem die Lehre von Neuem festgestellt u. von Jrr- ihümern gereinigt wurde; mit diesem schließt die zusammenhängende Entwickelung der neuen Lehre ab, deren Verbreitung nun dem Eifer einzelner Personen in Len verschiedenen Ländern überlassen blieb; zudem hatte der Streit über die Ca- nouicität der letzten Concilien eine nie wieder versöhnte Spaltung der nördl. u. südl. Buddhisten hervorgernfen. 2) Lehre. Die buddhistische Religion ist entstanden auf dem Boden der brahmanischen (s. Jnd. Religion) u. wie diese basirt auf dem Gefühl der Leiden u. der Vergänglichkeit des Irdischen u. dem Wunsche, diesen zu entrinnen; statt aber, wie die Brahmanen, dies in dem Aufgehen in Brahma zu erreichen zu streben, sucht es Buddha in der Loslösung der Seele von der Welt, in der sie zu existiren infolge ihrer Sünden gezwungen ist, in dem Aufgehen in das Nirwana. Das Dasein ist nach ihm ein Kreislauf unzähliger Seelen in unzähligen, sich fort u. fort entwickelnden Welten (Sansara), Wanderungen der Seele durch verschiedene Stufen; das Ziel der Einzelnen, die Befreiung davon durch Nacheiferung Buddhas, durch frommen Wandel u. genaue Beobachtung seiner Gebote, durch Reinheit des Lebens u. Ruhe der Seele. Unermeßlich, wie die Menge der Welten, ist die Menge der Seelen, die, ein u. dieselben bleibend, als Götter, Dämonen, Menschen, Thiere nur verschiedene Stufen der äußeren Existenz durchmachen, bis ihr tugendhafter Wandel sie mit dem Eintritt in das Nirwana begnadigt. Ob dieses ein vollständiges Vergehen der Seele in Nichts, oder eine Fortexistenz in ewiger Ruhe bezeichne, war schon im ind. Alterthnm streitig; der Volksglaube neigte stets aber der letzteren Ansicht hin n. schuf sich ein Paradies, um den trostlosen Consequenzen der ersteren Lehre zu entgehen. Die Frage nach einem Anfänge der Welt u. der Seele konnte in diesem System nicht gut gestellt werden, ebenso wenig hat der Begriff eines Gottes darin Platz; die Anlehnung aber an die brah- manische n. andere Lehren führte später zur Einführung neuer Begriffe, wodurch die Lehre ihres nihilistischen Charakters entkleidet wurde. Einen segensreichen Gegensatz bildete er gegen den Brahmanismus durch die Aufhebung der Vorrechte der oberen Kasten bei der Erlösung von der irdischen Existenz, durch Verwerfung des Werthcs der Opfer u. der asketischen Übungen. Die Anschauungen des B. über die Welten sind, wie die indischen überhaupt, schrankenlos, alle Dimensionen von Raum u. Zeit übersteigend. In der Mitte erhebt sich der nach altindischer Anschauung heilige Götterberg Meru, umgeben von 7 großen Gebirgen, außerhalb deren sich das Weltmeer mit den Erdtheilen erhebt. Auf dem südl. erhebt sich Dschambudvipa (Indien), auf dem die Buddha erscheinen. Unter der Erde befinden sich die Höllen. Auf dem Berge Meru befinden sich in verschiedenen Absätzen die Aufenthaltsorte der Dämonen (Asura u Daitja), dann die Himmel, einer der Götter mit Indra, einer der Jama od. Kampflosen, einer der Bodhisattwa, der zukünftigen Träger der indischen Buddhawürde, deren Vorstand jetzt Maitreja ist. Über dieser Welt erhebt sich die der Formen, in der Geister mit feinem Körper untergebracht sind, u. darüber die Welt ohne Formen (Arupa), die sich in die Stufe des reinen Nichts verliert. In diesem die Grenzen des Verstandes übersteigenden Schematismus von Vorstellungen, der sich im Laufe der Zeit durch mystische Speculation entwickelt hat, haben dann die zum B. übergetretenen Anhänger früherer Religionen ihre Götter hineinverwoben, wodurch im Glauben des Volkes verschiedene Gestaltungen dieser Ideen sich entwickelten. Die Existenz dieser Welt ist durch Perioden der Zerstörung u. Erneuerung (Kalpa) bedingt, die in unermeßlichen Zeiträumen abwechselnd hervorgerufen Lurch verschiedene Elemente, Feuer, Wasser sich wiederholen, ohne daß ein Anfang u. Ende dieses Kreislaufes zu Lenken wäre. Damit die reine Lehre nicht in Vergessenheit gerathe u. der Pfad der Erlösung nicht verloren gehe, müssen fortwährend neue Buddha 230 Buddhismus. erscheinen, wie schon vor Buddha unzählige erschienen sind, um der Sünde zu steuern; die ganze Maßlosigkeit indischer Zeitbetrachtnng, die Buddhas Person in mystischer Weise vervielfältigt, findet sich in diesen Betrachtungen wieder. Jeder Buddha bildet eine Abspiegelung seines Wesens in den Himmel, den Dhjani-Bnddha, eine Vorstellung, die in der späteren Verbreitung der Religion sich entwickelt hat. Näheres über diese Anschauungen s. in der Geschichte der B. unter Tibet, Mongolei, China. 3) Moral n. Cultus. Selbstverständlich folgte aus dieser Lehre, die den Weg zur Erlösung von dem Übel des Daseins auf Befreiung von der Begierde basirte, ein ausgedehntes und strenges System von Moralregeln. Ein wesentlicher Fortschritt ans dem Pfade der Tugend war die Beleimung der strengen Möuchsgelllbde, durch die im Kreisläufe des Lebens nach mehrfacher Wiedergeburt Jemand sich zum Arhat, dem von Sünde befreiten Besitzer der übernatürlichen Kenntniß, sich cinporschwingen konnte. Schon den Laien, die als Buddhas Anhänger anerkannt zu sein wünschten, schrieb die Religion die Befolgung folgender Gebote vor: nicht zu tödten, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, der berauschenden Getränke sich zu enthalten, keusch zu leben, und ermahnte sie zu unbedingter Nächstenliebe, auch gegen Thicre, u. zur Erlangung der Tugenden, unter denen Mitleid, Keuschheit, Geduld, Beschauungdiehauptsächlichsten sind. Anerkannt muß werden, daß dieser Moralcodex, den die buddhistischen Missionäre auch in der Wirklichkeit durch ausschließlich friedliche Verbreitung ihrer Lehre befolgten, wesentlich zur Milderung u. Cultivirnng roher Völker, wie der Tibeter u. hinterindischer Stämme, beigetragen hat, wenn auch anderseits die zu stricte Befolgung einiger Gebote, wie der Schonung aller Wesen, zu widernatürlichen u. lächerlichen Conse- quenzen geführt hat. Strenger noch waren die Regeln für die Mönche (Sramana, Bhikschn), die schon in der Anfangszeit der Religion in zahlreicher Menge entstanden, aber, entgegengesetzt dem brahmanischen Einsiedlerwesen, in Klöstern zusammenlebten. Die Gelübde der Keuschheit, Armuth u. des Gehorsams sind Vorbedingung für Liesen Stand. Durch Anlegung der gelben Kleider u. vollständige Tonsur des Hauptes wird der Knabe unter feierlichen Ceremonien dann ein Sramana (Novize), der durch eine Menge streng asketischer Vorschriften gebunden ist, mit vollendetem 20. Jahre ein Priester, der, abgeschieden von der Welt, in dem Kloster (Sangha) durch Befolgung der Regeln, Fasten, Betteln, Keuschheit nach dem Nirwana strebt. An jedem Vollmond und Neumond hat der Priester zu beichten; während der Regenzeit müssen Alle im Kloster zubringen, um sich mit gemeinschaftlichen Andachts- Übungen in gegenseitiger Unterweisung zu beschäftigen. Die Institution derNonnen (Bhikschuni) hat sich nicht zu derselben Bedeutung entwickelt. Die Strenge der Klosterregeln hat ,im Laufe der Zeit in einzelnen Ländern sich wesentlich gemildert;,die hierarchische Verfassung, Ernennung der Vorsteher ist verschieden; im Allgemeinen aber bildet noch bis heute das Klosterwesen eine der wichtigsten u. einflußreichsten Institutionen der buddhistischen Religion. Die Aufhebung der alten Volksgötter, vielleicht auch die Persönlichkeit des Stifters (s. Buddha) gaben schon gleich nach dessen Tode den Anlaß zu einem Reliquien- n. Bilderdienste, der in der Folgezeit große Ausdehnung gewonnen hat. Die Reliquien, denen man wunderbare Kräfte znschrieb, wurden in eigenthümlichen, noch theil- weise erhaltenen Backsteinbauten (Stupa, Tope, Dagoba) anfbewahrt; die berühmteste ist der linke Augenzahn Buddhas in Candy auf Ceylon (s. d.). Buddha-Bilder, kostbar geschmückte Statuen von menschlicher Gestalt, denen die Gläubigen durch Blumen u. Räncherwerk ihre Ehrfurcht erzeigen n. die in den Augen des Volkes göttliche Verehrung genießen, finden sich in unzählbarer Menge; an sie reihen sich in den einzelnen Ländern die der dortigen Hauptvertreter (Amitabha, China, Padmapani, s. Tibet), in späteren Modi- ficationen der Lehre auch andere Personen, der brahmanische Gott Siwa, der Adi-Buddha. Der Gottesdienst geschieht an den mit Statuen und Blumen geschmückten Altären der Tempel durch vom Priester gelesene Gebete, unterbrochen von Musik; die Zeit ist für die Mönche täglich, für das Volk an den verschiedenen Mondphasen und einzelnen großen Festen, die nach dem Lande verschieden sind. Einige später entstandene Cnltus- formen der westl. Buddhisten waren dieKinder- tanfe, Seelenmessen, Gebetsmühlen; s. unter Lamaismus. 4) Ausbreitung des B. Die neue Lehre, die anfänglich im 8k. u. S. Indiens entschiedene Fortschritte machte, fing im 3. Jahrhundert nach Chr. an zurückzugehen u. wurde in den folgenden Jahrhunderten bis zum 11. durch blutige Verfolgungen ans ihrer Heimath fast vollständig verdrängt (Näheres s. Indien und vgl. Dschaina). Allein auf der Insel Ceylon im S. u. in Nepal im N. hat sie sich behauptet. Ebenso unterlag sie dem Andringen des Brahmanismus n. später des Islam im Indischen Archipel. Dagegen hak sie in Birma u. Siam sich behauptet, beherrscht bis auf den heutigen Tag China, wo sie zuerst 61 n. Chr. eindrang, vorzüglich aber seit dem 5. Jahrh. weitere Verbreitung fand, Korea (seitdem 5. Jahrh.) u. Japan (seit dem 6. Jahrh.), in welchen Ländern sie mit der alten Volksreligion znsammenfloß, n. hat ihre höchste Blüthe erreicht in Tibet, welches sie im 7. Jahrh. sich eroberte (Näheress. d. Länder). Quellen u. Literatur: Die Zahl der heiligen buddhistischen Schriften, die zum größten Theil den Europäern noch unbekannt sind, ist ungeheuer, vorzüglich in Tibet (s. Tibet. Literatur); als die älteste Darstellung der buddhistischen Moral ist das Dhammapadam (herausgegeben von Fausböll, Kopenhagen 1855, übersetzt von A. Weber in: Indische Streifen, Berl. 1862) zu erwähnen. Von der Literatur vgl. Hodgson, Zkstolr ol Buäckliism, in den Irans- aot. c>k tüs Ro^al ^.sisck. Zoe. II., 1. Bd. 232 ff.; Upham, Historz- anck ilovtriuos ol Buäcküism, Lond. 1829; E. Burnouf, Introäuotiou st 1'iü- stoirs cku Lnääiüoms inälsu, Paris 1844; lw lotus äs la bouus loi, Paris 1852; Schiefner, Eine tibet. Lebensbeschreib. Cakyamunis, Petersb. 231 Budo — 1849; Spence Hardy, üastern monaobism, Lond. 1850; Derselbe, ^ manual ob Luääbiom, ebd. 1853; Derselbe, Urs UsAönäs ok iirs Luääbisb, London 1862; St. Julien, Hist, äs In vis äs ILvnsn MrsauA, Par. 1853; Koppen, Die Religion des Buddha, Berl. 1857, 2 Bde.; Wassiljew, Der Buddhismus rc., Petersb. 1860; Barthelemy- St.-Hilaire, I-s Louääba et 1s Louäästisms, Par. 1855; Du Louääkisms, Par. 1857; Wurm, Geschichte der indischen Religion, Basel 1874; Lassen, Indische Alterthnmskunde, Bd. 2, Leipz. 1874, u. zahlreiche Abhandl. von A. Weber, M. Müller u. A. Thielemann. Bude. Guillaume, so v. w. Budäus. Budeng, s. Schlankaffen. Büderich (Neu-B.), Dorf im Kreise Mors des preuß. Rezbez. Düsseldorf; am Rhein, der Lippe- mllndung gegenüber; Viehzucht; Schifffahrt; 2601 Ew. Hier schlug Otto der Gr. 944 die Lothringer. 1366 erhielt B. vom Herzog Johann Stadtprivilegien. Es kam nachher an die Niederländer, welche es befestigten, doch wurde es 1672 von den Franzosen genommen u. die Werke geschleift. Auf sranz. Befehl wurde es 1813 gänzlich niedergebrannt u. ist dann an einer anderen Stelle, da an der bisherigen das zur Festung Wesel gehörige Fort Blücher erbaut wurde, wieder anfgebaut worden, u. zwar zum Theil auf Kosten des Staates. Budge, Julias, bekannter Physivlog, geb. 6. Sept. 1811 in Wetzlar; studirte Medicin in Marburg, Berlin u. Würzburg, wo er auch 1833 promovirte, prakticirte in Wetzlar u. Altenkirchen, habilitirte sich dann in Bonn 1842, wurde 1847 außerordentlicher, 1855 ordentlicher Professor, las Anatomie, Physiologie u. Zoologie u. nahm dann 1856 einen Ruf nach Greifswald an, wo er neben der Professur für Anatomie u. Physiologie auch die Directorstelle des Anatomischen Instituts innehat. Sein Hauptverdienst beruht auf einer eingehenden Erforschung des sympathischen Nervs n. dessen mannigfachen Beziehungen zu den Organen, u. hier hat sich B. entschieden den Ruf einer Autorität erworben. Er schr.: Allgemeine Pathologie als Erfahrungswissenschaft, basirt aus Physiologie, 4 Licfer., Bonn 1843—45; dlspsins biooulata, 1849; Memoranda der speciellen Physiologie des Menschen, Weimar 1850; Bewegungen der Iris, Braunsch. 1855; Specielle Physiologie, Weimar 1855; Lehrbuch der speciellen Phy- siologie, 8. Aust., Weimar 1857; Anatomischphysiologische Untersuchungen über die Function des klsrus «osliaeus u. msssutsrivus. Jena 1860; Zwecke des Athmens, Weimar 1860; Compendium der Physiologie, Lpz. 1864, 2. Ausl., 1870; Anleitung zu Präparirübungen, Bonn 1866—67. Thamhayn. Budget (engl., d. i. Beutel, Tasche), das Portefeuille des Schatzmeisters, Ministers der Finanzen, in Großbritannien, worin die Staatsrechnungen aufgehoben wurden; dann der Voranschlag über den Staatshaushalt für eine bestimmte Finanzperiode, gewöhnlich ein Jahr. S. den Art. Staatshaushalt. Budgett, Samuel, hervorragender englischer Kaufmann, geb. 27. Juni 1794 zu Wrington in der engl. Grafschaft Somerset der Sohn eines Büdiriger. Dorfkrämers; arbeitete sich durch Fleiß, Sparsamkeit und ehrenvolle Handlungsweise zum bedeutendsten Kaufmann in Bristol empor. B. wird als Wohlthäter der Armen u. väterlicher Freund seiner Untergebenen gerühmt. Er starb 29. April 1851. Vgl. Arthur, lüks ob 8., 23. Aust., Lond. 1868. Budik, Peter, geb. 18. October 1792 zu Butschowitz in Mähren; war erst Beamter an der Hofbibliothek in Wien u. Bibliothekar am Lyceum in Klagenfurt. Er schr.: Leben und Wirken der vorzüglichsten lateinischen Dichter des 15.—18. Jahrh., Wien 1827, 3 Bde.; Vorschule für bibliothekarisches Geschäftsleben, Münch. 1848; Borbereitungsstudien für den angehenden Bibliothekar, ebd. 1853. Budin, Stadt im Bezirke Libochowitz des ehemaligen Kreises Leitmeritz (Böhmen), ander Eger; Schloß, 2 Kirchen; 1350 Ew. Hier grub man 1820 das sogenannte KLuiggrätzer Thier, ein Steinbild, mit 1 Kopf u. 4 Gesichtern aus, welches man für ein Denkmal der Templer hielt u. welches 1821 in das Nationalmuseum zu Prag gebracht wurde. Budrncr (a. Geogr.), wahrscheinlich skythisches Nomaden- und Jägervolk in Sarmaticn; ungefähr südwestlich vom Ural-Gebirge. In ihrem durch den Luäinus mono gebirgigen u. waldigen Laude war eine hölzerne Stadt, Gelonos, von angebl. griechischem Ursprung. Büdingen, Kreisstadt in der großherzoglich hessischen Provinz Ober-Hessen; am Seemenbach, Eisenbahnstation; alte, mit dicken runden Thürmen versehene Ringmauer; Residenzschloß der me- diatisirten Fürsten von Isenburg-Büdingen; Gymnasium; Saline, Papiermühle, Ziegel- und Kalkbrennerei, Anfertigung von wollenen Häkelwaaren, 2478 Ew. Hübsche Umgebungen, namentlich der Büdinger Wald. Merkwürdig ist in nächster Nähe der sogen. „Wilde Stein", eine aus dem Sandstein hervorragende isolirte Basalt-Felsgruppe. B. hatte früher eigene Grafen; als diese im 13. Jahrhundert mit Gerlach ausstarben, kam es durch eine von dessen 4 Töchtern an den Grasen Ludwig von Isenburg. Seit der im 17. Jahrh. erfolgten Theilung der Grafschaft in mehrere Linien restdirten hier Die von Isenburg-Büdingen. Büdinger, Max, deutscher Geschichtforscher, geb. 1. April 1828 in Kassel; studirte seit 1847 in Marburg, Bonn u. Berlin Philologie u. Geschichte, habilitirte sich 1851 in Marburg, priva- tisirte dann in Wien, wo er bei der Herausgabe der Reichstagsacteu betheiligt war, u. wurde 1861 Professor der Geschichte in Zürich und 1872 in Wien. Er schr.: Zur Kritik der altbayerischcn Geschichte, Wien 1857; Zur Kritik der altböhm. Geschichte, ebd. 1857; Österreichische Geschichten bis zum Ausgange des 13. Jahrh., Lpz. 1858; Von dem Bewußtsein der Culturübertragung, Zür. 1864; Von den Anfängen des Schulzwanges, ebd. 1865; Ein Buch ungarischer Geschichte 1058—1100, ebd. 1866; Untersuchungen zur römischen Kaisergeschichte, Lpz. 1868, 2 Bde.; gab mit Gruuauer Aelteste Denkmale der Züricher Literatur heraus, ebd. 1866. In der Schrift: Die Königinhofer Handschrift und ihr neuester Verthcidiger, Wie» 232 Budischyn — ^ 1859, hat er die Unechtheit dieser altböhmischeil Poesien uachzuweisen gesucht. Blldischhu (Budissin), Stadt, so v. w. Bautzen. Budjak, Steppe, so v. w. Budschak. Budli (nord. Myth.), Bater Atlis u. Bryn- hilds; s. Nibelungen. Budnäus (Budnait, Budny), Simon, geb. in Massovien, Schüler Servets; bildete die unitarische Secte der Demi-Judaisten u. bestritt besonders die Verehrung Jesu; er starb 1584 n. übersetzte u. a. die Bibel ins Polnische, Zaslav 1574. SeineSecte, Budnejaner, breitete sich in Lithauen, Russisch-Polen u. a. uördl. Provinzen aus. Bndrio, Gcm. in der ital. Prov. u. dem Bez. Bologna; 16,219 Ew. Bndrun (Bodrun), Stadt im Lima Mentesche des Vilajet A'tdin (Asiat. Türkei), am Meerbusen von Stankio; Citadelle, Schloß, Überreste von einem großen Amphitheater, Hafen; davor die wüste Insel Orak, mit Gesundbrunnen; 6000 Ew. B. ist das alte Halikarnassos (s. d.). Budschak (Budjak), das Steppenlaud im südlichen Bessarabien (s. d.), mit zahlreichen, besonders von Bulgaren u Deutschen bevölkerten Colonien. Budschra, so v. w. Bugia. Budua, Seestadt ini Bezirke Cattaro des österreichischen Kronlandes Dalmatien, der südlichste Ort Österreichs, an der türk. u. montenegr. Grenze; Castell (St. - Stephans - Schanze); 2474 Ew. B. ist das alte Bntua; im Mittelalter Sitz eines Bisthums, fiel es an Venedig; 1571 ward es von dem Commandautcn Pasqualigo an die Türken verrathen; von den Venetianern erobert, wurde es sehr stark befestigt; es litt 1667 durch ein Erdbeben und wurde 1686 vergebens von den Türken berannt. Budweis (böhm. Orsalrs Luäsjoivios), Hauptort der gleichn. Bezirkshauptmannschaft im südl. Böhmen, an der Moldau, Knotenpunkt der Franz- Joseph- und Linz-Budweiser Eisenbahn; Kreis- und Bezirksgericht, Bergrevieramt, Handelskammer; Bischof und Domcapitel; Lehranstalten: Theologische Diöcesanlehranstalt, Priester- u. Knabenseminar, 1 deutsches u. 1 czechisches Obergymnasium, deutsche Lehrerbildungsanstalt, Taubstummeninstitut; von Gebäuden sind hervorzuheben der Dom u. das Rathhaus; von der bedeutenden Industrie verdient besondere Erwähnung die Fabrik für Bleistifte u. Steingut, eine k. k. Tabaks- sabrik, Holzwaarenfabrikation, Graphitschlämme- reieu, Schiffbau; in der Nähe die Parketfa- brik zu Nabrschezin und Braunkohlengewinnung; lebhafter Handel mit Getreide, Holz n. Graphit, 4 Jahrmärkte; 17,413 Ew. B., 1256 von König Ottokar II. gegründet, ward 1611 von den Passauern, bald darauf aber von dem kaiserlichen General Bnquoi wiedererobert u. von Ferdinand II. in der Reihe der königl. Städte belassen. Bgl. Popper, Umgebung von B., Budw. 1868. Budtvitz (Mährisch.-B.), Stadt im österr. Krön- lande Mähren bei Znaym, an der Rokitna, Station der NWBahn; Schloß; 2550 Ew. Budziu, Stadt im Kreise Chodziesen des preuß. Reabez. Bromberg; 1880 Ew. Buemann, Severin, ausgezeichneter österr. Holzschneider, geb. 1808, gest. in Wien 5. Febr. juenos-Ayres. 1848; war früher Kupferstecher u...trug viel zar Hebung der Holzschneidekunst in Österreich ki. Von 1847 bis zu seinem Tode war B. in der xylograph. Anstalt des Professors Höfel in Wien angestellt. Bnena-Bista, 1) Schlachtfeld in Mexico, etwa 2 Meilen von Saltillo; hier schlugen 22. u. 23. Febr. 1847 die Amerikaner unter Taylor die Mexikaner unter Santa Anna. 2) County im nordamerik. Unionsstaate Iowa, u. 42° n. Br. u. 85° w. L.; 1585 Ew.; Countysitz: Sioux Rapids. Buenos-Ayrcs, 1) Staat (Provinz) der Argentinischen Conföderation in SAmerika; grenzt im N. an den Argentin. Staat Entre-Rios, im NO. an die Republik Uruguay (Montevideo oder Banda Oriental), im O. u. SO. mn den Atlantischen Ocean, im S. an Patagonien, im W. u. NW. an die argentinischen Pampas u. an den Staat Santa-Fe; 198,103 Hjffm (3597,, UM); 495,107 Ew.; das Gebiet ist meist eben; im N. besteht es aus Pampas mit weiten Grasflächen u. einzelnen Cultnrstricheu, theilweise sumpfig, im S. ist kulturloses Hügel- u. Bergland mit der Kette Cerros del Volcan, die im Cap Corrientes anslänft (nördl. das Cap S. Antonio); Flüsse: Rio de la Plata, Uruguay (Grenzfluß gegen die gleichnamige Republik), Salado, Colorado, Rio Negro (dieser an der Grenze gegen Patagonien); Seen: mehrere kleinere, meist salzig. Klima sehr mild (im Sommer, Januar, Februar, März: -I- 26° bis 30° U., im Winter: Juli, August, September: durchschnittlich -ff 8° R., nie unter Null) u. gesund, obgleich ziemlich feucht; bisweilen heftige Stürme. Produkte: Der Boden ist iniAllgemeinen außerordentlich fruchtbar u.üppig, doch fehlengrößereWald- ungen; dafür ist er reich an Grasarten, Opuntien, Cactus, Schilf, Palmen; die Pampas strotzen von wilden Artischocken, Agaven, baumartigen Disteln u. s. w.; Obstbänme und Südfrüchte werden nur in Gärten gezogen. Der Reichthum des Landes besteht in seinen Viehheerden (an 3 Mill. Rinder, über 1 Mill. Pferde, 50,000 Maulesel), welche Häute, Hörner, Knochen, Talg, Fleisch- Extract, gedörrtes Fleisch, Wolle rc. in Menge liefern; außerdem in Weizen n. Obst, aber auch Tabak, Reis, Zucker, Wein, Baumwolle, Indigo, Cochenille. Die Produkte des Mineralreiches sind außer Salz unbedeutend. Die Bevölkerung besteht aus Weißen (vieler Nationen, doch meist spanischer Abstammung), Mischlingen u. Indianern u. beschäftigt sich auf dem Lande mit Ackerbau u. Viehzucht, in der Stadt mit Handel, welchen die bedeutende Schifffahrt und fünf von B. aus nach verschiedenen Richtungen laufende Eisenbahnen befördern. Die Industrie ist unbedeutend. Die politischen Verhältnisse sind die der Argentinischen Conföderation (s. d. A.). Der Gouverneur wird auf 5 Jahre gewählt, ernennt seine Minister und ist der gesetzgebenden Junta (44 Abgeordnete, von denen jährlich die Hälfte neu gewählt wird) verantwortlich. Die Geschichte von B. fällt mit derjenigen der Argentinischen Conföderation (s. d. A.) zusammen. Vgl. Wilcocke, Hivtorz- ob Land. 1806; Vidal, kioturssgus illustratious ok 8. -4.., ebd. 1820; M. Balcarce, L.-.V., sa Situation pro- Buen-Netiro — Bufalim. 233 ssnbs, 8S8 lois libsralss, 88. gopnlabion immi- grants, 8S8 grvArss oommsroianx st incknstrisls, Paris 1857. 8) (Ciudad de Nuestra Senora) Hauptstadt des Staates B.-A. u. des Argent. Bundes, u. 34° 36' s. Br. u. 60° 42'w. L., in trockener, gesunder Ebene, am rechten Ufer des hier über 75 km breiten, aber ziemlich seichten Rio de la Plata, 187 km von dessen Mündung; hat 3 Eisenbahnverbindungen u. wird durch eine Citadelle u. mehrere Forts verthcidigt. Die Stadt ist regelmäßig gebaut; die Straßen sind mit Granit gepflastert, breit u. schneiden sich in rechten Winkeln; jedes Haus ist einstöckig, schließt ein Hofqnadrat ein, nach welchem sich alle Zimmer öffnen, n. hat ein flaches Dach mit Sitzen. B. hat mehrere schöne Plätze, darunter Plaza del Fuerto, Plaza de la Victoria (wo 25. Mai 1810 die Revolution gegen Spanien ansbrach, zur Erinnerung daran ein Obelisk in der Mitte desselben), Plaza de Toros; prachtvolle Kathedrale mit schöner Kuppel, die Kirchen de San Francisco u. de la Merced, zwölf andere katholische Kirchen, oier Mönchs-, zwei Nonnenklöster, eine protestantische Kapelle; Palast des Präsidenten, des Kongresses, schönes Stadthaus (Cabildo), Bankgebände, Münze, großes Hospital, die Recola, ein Gebäude in maurischem Stil, mit Galerien umgeben; Universität (1821 gestiftet, mit Bibliothek von 50,000 Bänden), juristische u. medicinische Akademie, Militärakademie, Sternwarte, lateinische u. mehrere andere Schulen, chemisches Laboratorium, physikalisches u. mineralogisches Cabinet, das von Bur- Meister gegründete u. noch verwaltete naturhistorische Museum; mehrere Gelehrte Gesellschaften (darunter die bedeutendste die Sociedad de Amicos de la Natural Ciencia, unter deren Schutz auch die verschiedenen wissenschaftlichen Sammlungen und Anstalten der Stadt stehen); Waisenhaus, Findelhaus, Entbindungsanstalt, Irrenhaus. 1869 177,787 Ew., darunter 88,126 Ausländer, davon 41,957 Italiener, 13,998 Spanier, 13,402 Franzosen, 3081 Engländer, 2039 Deutsche rc. Die Bewohner, meist Weiße, sind Grundbesitzer oder Kauflente. B.-A. hat keinen Hafen, sondern nur eine Rhede, die überdies häufigen Windstößen ausgesetzt ist; große Schiffe müssen 2 Meilen davon in der Bai von Barragan Anker werfen und das Gut auf Achterschiffe ausladen. Neuerdings hat der Bau von Molos begonnen. Brunnen sind nicht vorhanden, man fängt das Regenwasser in Cisternen ans, oder holt Wasser aus dem Strome, läutert es u. führt es auf Ochsenkarren zum Verkaufe umher. Der Transport geschieht im Lande auf Ochsenwagen mit 2 hohen Rädern; auch in der Stadt fahren sie in den Fluß, um an den Schiffen aus- u. abzuladen; Agavenhecken umgeben die Pfirsich- u. Olivengärten der Vorstädte; Pfirsichholz dient als Brennstoff. Der Handel der Stadt ist sehr bedeutend, namentlich mit England, Frankreich, denHansastädten u. Brasilien zur See, Binnenhandel nach Chile u. Paraguay. Er repräsentirte 1872 in seiner Einfuhr 80,g"/, (1873 83,g°/g) u. in seiner Ausfuhr 71°/„ (1873 75°/°) des Ge- sammthandels der Argentinischen Konföderation (s. d.). Die Einfuhr betrug 1872 48,og Mill.; die Ausfuhr 32,^ Mill. Pesos Fuertes. (1873: 59,resp. 34,4 Mill. P. Fr). Für 1872 waren bei der Einfuhr betheiligt: England mit 14,gg, Frankreich mit 12,70, Belgien mit 2,37, Italien mit 2,g7, Spanien mit 2,gg, Deutschland mit 1,gi, die Niederlande mit 1,45, die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 3,oi rc.; bei der Ausfuhr Belgien mit 11,o, Frankreich mit 7,gg, England mit 5,»g, Italien nnt 1,2», Spanien mit 1„g, die Vereinigten Staaten mit 3,70, Mill. Unter den Produkten der Ausfuhr figuriren: Wolle mit 13,g, Häute mit 7„, Felle (Schaffelle) mit 3,g, gesalzenes Fleisch mit 0,g, Roßhaare mit 0,7 Mill. Pesos Fuertes. Im Jahre 1873 zählte der Verkehr auf der Rhede 3746 Schiffe mit 1,566,400 Tonnen, darunter 1406 Dampfer mit 777,700 Tonnen; mehrere regelmäßige Dampferlinien vermitteln den Verkehr mit Europa. Die inneren Provinzen bringen hierher Tabak, Mate, gedörrtes Obst, Südfrüchte, Getreide, Butter, Käse, Bauholz, Leder, Saffian, Kalk, Gips, Chinchillafelle, Holzkohlen, Brasilien für 3 Mill. europäische Maaren, Uruguay für 300,000 Pesos. In den Saladeros (Schlächtereien) werden über 3H Mill. Rinder jährlich geschlachtet und aufgearbeitet; die Klauen liefern Öl, u. der ausgepreßte Fleischrest dient getrocknet als Brennmaterial. Mehrere Banken sind in neuester Zeit entstanden. — B. wurde 1535 von Pedro de Mendoza gegründet, u. zwar unter dem Namen Ciudad de la Trinidad, doch bald wieder von den Indianern zerstört, 1580 durch I. de Garay neu gegründet, 1620 Bischofssitz, 1776 Hauptstadt des Vicekönigreichs La Plata, 1816 der Vereinigten Staaten des Rio de la Plata, 1853 des gleichnamigen, von letzteren getrennten unabhängigen Staates und 1862 der Argentinischen Conföderation. Vgl. K. Andrer, B. u. die Argentinische Republik, 3. A., Lpz. 1874. Fr. Körner. Handel u. Verkehr: Schroot. Bnrn-Retrro, großes Lustschloß, östl. von Madrid; es ist im Anfang des 17. Jahrh. durch den Herzog von Olivarez erbaut, kam aber schon 1645 an die Krone und wurde königl. Residenz; war sehr großartig angelegt u. prächtig ausgeführt, hat aber durch die Zeitereignisse viel gelitten. 1808 wurde es als Stütze von Madrid von den Spaniern stark befestigt, aber schon 3. Dec. 1808 durch die franz. Division Vilette erstürmt, was den Fall von Madrid zur Folge hatte; die Franzosen vernichteten die schönen Gärten u. zogen einen Wall darum; jetzt wird es benutzt zur Aufbewahrung von Sammlungen, als Artilleriekaserne. Buet (Le B.), Berg in der Landschaft Fancigny der französ. Provinz Haute - Savoie, nordwestlich vom Montblanc, ein Hauptknoten im westlichen Theil der Penninischen Alpen, zwischen dem Genfer See, der Arve u. Rhone, 3111 m (nach And. über 3900 m) hoch; bietet eine ausgedehnte Rundschau. Bnfalini, Maurizio, berühmter italienischer Arzt, geb. 2. Juni 1787 in Cessna; studirte bis 1809 in Nimini und Bologna, ging dann nach Pavia u. Mailand u. ward 1813 als Suppleant an die Universität Bologna berufen, um dort klinische Vorträge zu halten; er zog sich dann seiner Gesundheit halber nach Cesena zurück, wo er lange Zeit zubrachte; 1830 ward er Professor der Klinik in Urbino, 1832 Oberarzt in Osimo und 1833 234 Bufarik - Vorstand der Klinik in Florenz; 1860 legte er seine Stelle nieder, unter Vorbehalt des Rechtes der Vorlesungen, u. wurde Senator des Königreichs Italien. In seinen zahlreichen Schriften (Memoiren, Vorträge, Abhandlungen, 1818—63) bekämpft er den Gedanken eines vom Organismus unabhängigen Lebensprincips n. betrachtet als Grund aller Wissenschaft die Beobachtung. Sein Hauptwerk ist: I'onäainsntä äi patoloxia analitioa, Pav. 1819, 2 Bde., 3. A-, Pes. 1828 bis 1830. Außerdem besitzt man von B. Biographien, Elogen, moralische Erzählungen rc. Bufarik (Bonfarick), Stadt in der alger. Prov. Algier; wichtige Märkte; 2588 Ew. Buff, 1) Heinrich, Physiker, geb. 23. Mai 1805 zu Rödelheim bei Frankfurt a. M.; wurde Lehrer der Physik, Maschinenlehre u. der mechan. Technologie an der höheren Gewerbeschule zu Kassel, dann Professor der Physik an der Hochschule zu Gießen. Als Lehrer u. Forscher unermüdlich thätig, wandte er sich bes. den schwierigen Untersuchungen in der Elektricitätslehre zu und veröffentlichte seine Ergebnisse in Poggendorffs u. LiebigS Annalen in zahlreichen, sehr werthvollen Abhandlungen. , Außerdem schr. er: Grnndzllge der Experimentalphysik, Hcidelb. 1853, und mit Kopp n. Zamminer: Lehrb. d. physitäl. Chemie, erster Band zu Ottos Lehrb. d. Chemie, Brschw. 1857, 2. Ausl., 1863. 3) Charlotte Sophie Henriette, geb. 11. Jan. 1753 in Wetzlar, wo ihr Vater deutscher Ordensverwalter war. Als Goethe 1772 nach Wetzlar kam, verkehrte er in ihrem Vaterhaus? u. faßte eine leidenschaftliche Liebe zu ihr, allein die B. war schon mit dem Archivsecre- tär Kestner aus Hannover verlobt, u. Goethe verließ bereits im Sept. desselben I. Wetzlar. Diese hoffnungslose Liebe gab Goethe die Veranlassung zum Roman: Werthcrs Leiden. Charlotte hcira- lhete 1773 ihren Verlobten u. st. 16. Jan. 1826 als Wittwe. Goethe hat sie erst 1816 wiedcrgesehen. Buffalmäco, Buonamico, nach Vasari ein slorentin. Historienmaler, Schüler des Andr. Tafi, um 1300, od. wahrscheinlicher, da viele der ihm zugeschriebenen Werke anderen bekannten Meistern angehören, nur eine erdichtete Person, der Träger einer Anzahl schnurriger Maleranekdoten, vorzügl. aus dem Decamerone der Boccaccio bekannt. Buffalo, 1) County im Nordamerika!!. Unions- territorinm Dakota, ein großer Landstrich unter 43—44° u. Br. u. 98—103" w. L., vom Missourifluß begrenzt; 246 Ew. 2) County im nordam. Unionsstaate Nebraska, unter 40° n. Br. u. 99° w. L., am Plattefluß; 193 Ew.; Countysitz: Fort Kearney. 3 ) County im Nordamerika!!. Unionsstaate Wisconsin, unter 44° n. Br. u. 92° w. L., im W. vomMississippistrom begrenzt; 11,123Ew.; Countysitz: Alma. 4 ) Stadt im Staate New-Iork, unter 42° 53" II. Br. II. 78" 55' w. L.; am Erie-See gelegen, wo der Erie-Kanal mündet u. verschied. Eisenbahnlinien zusammentreffeu; Sitz des Erie County; Stapelort für den Handel des NWestens, neue Eisenbahnbrücke über den Niagara, schöne Straßen u. Gebäude; 70 Kirchen für 12 Confessionen; Universität, Normalschnle für Lehrer u. Lehrerinnen; Jrrenasyl, mehrere Hospitäler; gelehrte und künstlerische Vereine und Bibliotheken; Banken; — Büffel. großartige Industrie aller Art, bedeutende Eisenwerke; Welthandel in Getreide (über 60 Mill. Bnshel Getreide u. 3 Mill. Faß Mehl jährlich); unterstützt durch etwa 30 kolossale Lagerhäuser (Lle- vabors); großer u. sicherer Hafen mit 400 ra langem Damme; etwa 1200 jährlich verkehrende Schiffe; (1870) 117,714 Ew., darunter gegen 47,000 Fremde, meist Deutsche (1825 mir 2412, 1860 81,129 Ew.). Von der Holländischen Compagnie 1801 angelegt, wurde hier auch eine Militärstation errichtet, welche die Engländer u. Indianer 1813 niedcrbranuten; von der Union kam Schadenersatz, n. das Etablissement ward 1852 mit dein Orte Black-Rack als Vorstadt vereinigt. Buffalöra, 1) (Ofenpaß) Gebirgspaß im schweizer Kanton Granbünden, 1804 m hoch, über welchen eine Straße aus dem Engadin in das Münsterthal führt; in der Umgebung werden häufig Bären angetroffeu. 2 ) Ortschaft (doch ohne eigene Gemeinde) in der italienisch-lombardischen Provinz Pavia, am Kanal Naviglio grande, unweit des Ticino; schöne Brücke über diesen Fluß. Diese Brücke ist oft Gegenstand der erbittertsten Kämpfe gewesen, so 1245, 1800, 1849. Sie ist der Punkt, wo in den Kämpfen der Österreicher u. Piemontcsen die gegenseitigen Grenzen überschritten wurden. Am 29. April 1859 rückten über dieselbe die Österreicher in Piemont ein, in der Schlacht bei Magenta 4. Juni nahm sie Mac Mahou, wodurch wesentlich die Niederlage der Österreicher herbeigeführt wurde. Büffel (Lnbalns A.. 4k7rA»r.), Säugethiergatt» ung, Familie der Hornthiere, Unterfamilie der Rinder, Ordnung der Wiederkäuer, kräftige gedrungene Thiere; Schnauze in ganzer Breite nackt; die gewölbte Stirn breiter als lang; Hörner von der Stirnscheitelbeinleiste, an den hintersten Ecken des Schädels entspringend, am Grunde zu- sammengedrückt, nach rückwärts gebogen mit nach vorn gerichteter Spitze; Haarkleid grob, aber spärlich. Der kafferische B. (Kafferochs, L. oalksrL.), am Widerrist (Schulterhöhe über den Vorderbeinen) 1,g m hoch. Seine Hörner verbreitern sich an ihrem Grunde so sehr, daß sie sich in der Mitte fast berühren, von da ab sind sie erst abwärts u. nach hinten, dann auswärts u. etwas nach vorn gebogen. Der Schwanz ist bis auf einen quastcnartigen Endbüschel nackt. Die bläulich-schwarze Haut ist mit dunklem, ins Bräunliche spielenden! Haare spärlich besetzt; am Unterkiefer findet sich ein straffer Bart. Er bewohnt die busch- und waldreichen, sumpfigen Gegenden Slld- u. Mittel-Afrikas. Daselbst ist er sehr gefürchtet, da er den Menschen angreift. Sein Fleisch wird gegessen, seine Haut ist geschätzt. Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, ihn zu zähmen. Die in Afrika vielfach als Zugthiere benutzten B. sind asiatische, ebenso wie auch der gemeine B. eine Abart des indschen Arni (L. Arni §/r.) ist. Diese Art ist sehr starkhörnig; dazu sind die Hörner auf der oberen Fläche dreikantig, runzelig und im ersten Drittel ihrer Länge gerade; er ist langhaarig, bräunlich-schwarz. Ungeachtet seiner Wildheit hat man doch versucht, ihn zu zähmen u. als Zugthier mit Erfolg benutzt. Eine minder starke, durch die Hörnerbildung besonders gekennzeichnete Abart 235 Büffelantilope — Buffon. des Arni ist der gemeine B. (L. dustolns den man in Italien u. Ungarn so häufig findet, am Widerrist 1,g in hoch, 2,§ m lang, 4—500lc§ schwer; Leib schwach gestreckt, gerundet; Hals kurz u. dick, ohne Wamme; Kopf kürzer u. breiter, als beim Rinde; Widerrist fast höckerartig erhoben; Augen klein; Ohren lang u. breit, außen kurz behaart, innen mit langen Haarbüscheln besetzt. Hörner ans der Oberseite, vom Grunde bis zur Mitte stark querrnnzelig, im Übrigen glatt; Behaarung spärlich, steif, an den Schultern, längs der Vorderseite des Halses, auf der Stirn und Schwanzquaste verlängert; Hinterrücken, Kreuz, Brust, Bauch, Schenkel und größter Thcil der Beine fast völlig kahl. Von seinem Vaterlande Indien verbreitete er sich allmählich über Vorder- Afien, das nördliche Afrika u. SEuropa aus, woselbst er vielfach als Zugthier, wie bei uns der verwandte Ochs, benutzt wird. Er ist gntmuthig, liebt Wasser u. Schlamm, ist daher als Zngthier in morastigein Boden werthvoll, zumal er in seiner Nahrung sehr genügsam ist. Die Kuh trägt 10 Monate und wirft dann 1 Kalb; das Fleisch desselben ist wohlschmeckend; in 4 Jahren ist es erwachsen, dann riecht aber sein hartes Fleisch moschusartig. Haut und Hörner des B-s (s. B-Häute u. B-Hörner) sind gesuchte Handelsartikel. Thomo. Büffelantilope (Knhantilope) ist L.oronotns lmballs s. Antilopen. Büffelhäntc, die Häute des gemeinen Büffels (Lnbalns bulkelns L.); sie kommen aus Rume- lien, Bessarabien, der Moldau u. Walachei, sowie aus NAfrika u. Ostindien in den Handel, wiegen 40— 50 lc§ u. werden zu Maschinentreibriemen, Schuhwerk, Gürteln, Patronentaschen n. dgl. verwandt. Büffelhörncr, die Hörner des gemeinen Büffels (Lnbalns bulkelns L.); sie sind größer u. schöner, als die europäischen Ochsenhörner, daher zu Drechslerarbeiten besser benutzbar; sie kommen aus denselben Orten wie die Büffelhänte u. oft mit denselben in den Handel. Buffet, Louis Joseph, französ. Staatsmann, geb. 26. Oct. 1818 zu Mirecourt in den Vogesen; war Advocat u. trat nach der Februarrevolution 1848 in die Kammer, wo er zur republikanischen Partei gehörte; 29. Dec. 1848 erhielt er unter dem Präsidenten Louis Napoleon das Portefeuille des Ackerbaues u. des Handels, welches er 31. Oct. 1849 wieder abgab; 1850 war er Mitglied des Ausschusses, welcher unter Baroche das Gesetz für die Wahlreform ausarbeitete, und führte vom 10. April bis 14. Oct. 1851 wieder sein früheres Portefeuille. Nach dem Staatsstreiche enthielt er sich aller Betheiligung an der kaiser- ichen Politik. 1864 in den Gesetzgebenden Körper gewählt, wirkte er für freiere Institutionen u. Halten an der Dynastie. In der Kammer von 1869 war er ein Führer des linken Centrnms u. erhielt im Ministerium vom 2. Jan. 1870 das Portefeuille der Finanzen, gab dasselbe aber bereits im April, d. I. wieder ab u. nahm auch dieses von der republikanischen Regierung vom Februar 1871 ihm angebotene Portefeuille nicht wieder an. Als die monarchistische Majorität auf den Sturz von Thiers ausging, wurde B. an Stelle des aufrichtigen Republikaners Grevy 4. April 1872 zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt. Er schloß sich eifrig an Mac Mahon an n. unterstützte durchaus die bonapartistische Partei. Indessen ergab sich mehr u. mehr die Unmöglichkeit einer Wiederherstellung der Monarchie. Nach der definitiven Constituirnng der Republik unter Mac Mahon machte B. eine neue Schwenkung, welche ihm die Stelle eines Vicepräsidenten des Ministerrathes im Cabinet von 1875 verschaffte, in welcher Stellung er jedoch immer den Bonapartismus schont, die Republikaner als Radicale behandelt u. sich der klerikalen Partei entschieden geneigt erweist; infolge dieses Auftretens zeigt sich seine Stellung neuerdings (Sept. 1875) stark erschüttert. Bnffleben, Dorf im Amte Gotha; 540 Ew.; in der Nähe das Salzwerk Ernsthall, 1828 entdeckt u. jährlich 30,000 Ctr. Salz liefernd. Buffo (ital.), so v. w. Buffone. Buffon, 1) George Louis Leclerc, Graf v. B., einer der berühmtesten u. genialsten Naturforscher aller Zeiten, geb. 7. Sept. 1707 zu Mont- bard in Bourgogne; widmete sich dem Studium der Naturwissenschaften, durchreiste mit dem jungen Herzog von Kingston Frankreich, Italien u. England, wurde nach seiner Rückkehr im 26. Jahre Mitglied der Akademie der Wissenschaften, 1739 Intendant des äaräin ckn Rol in Paris; er wendete in Geineinschaft mit Daubenton, der ihn durch seine anatomischen Untersuchungen unterstützte, später mit Guenaud u. Abbe Bexon, sowie Lace- pbde allen Fleiß auf Bearbeitung einer umfassenden Naturgeschichte, wurde von Ludwig XV. zum Grafen erhoben, lebte zuletzt meist auf seinem Erbschlosse Montbard; er st. 16. April 1788 zu Paris. Ihm wurde in seinem Geburtsorte ein Denkmal gesetzt u. in den tlliamps lülz-ssss in Paris 1856 eine Bronzestatne errichtet. Er sehr.: spoguss äs 1a, uaturs, 2 BLe., 1780. Sein großes, in Gründlichkeit, sowie in Schönheit des Stils mnstergiltiges, aber unvollendetes Werk: Histoire Naturells Asnörals sb partleullsis, Paris 1749 bis 1788, 36Thle., enthält die Theorie der Erde, die Naturgeschichte des Menschen u. der Vierfüßler, der Vögel und der Mineralien; eine andere Ausgabe ist von 1774 ff. Beiden Ausgaben dient zur Ergänzung: Lacepedes Ulst, äss guaärnpsäes, ovlxares st ssrpsnts, Par. 1787 u. 89, 2 Bde.; dessen Ulst, äss poissons, ebd. 1799—1803, 5 Bde.; List. äss estaosss, ebd. 1804, 4. Ansg., von 1752 ff., 73 Bde. (mit Inbegriff der anatomischen Darstellungen) und 54 Bde. (ohne solche), die Fortsetzung von Lacepöde, 17 Bde.; Ausgabe von Allemand, Amst. 1766—79, befaßt bloß die allgemeine Naturgeschichte u. die der Vierfüßler; Allemand hat aber Zusätze beigefügt, die dann B. selbst für seine Supplemente benutzt hat; Zweibrückener Ansg. in 54 Bdn., 1785—91; Ausg. von Sonnini, Paris 1789 —1807, 127 Bde.; hierin B-s Werke, mit Noten n. Zusätzen, 64 Bde.; Pariser Ausg. in 76 Bdn., 1799—1802, von La- cepbde in eine neue Ordnung gebracht; die 20 letzten Bände enthalten die Fortsetzung von Lace- pbde; 6ours eomplst ä'Iiist. naturelle, von Castel, 236 Buffone — Par. 1799—1802, 80 Bde. (die ersten 26 Bde. B-s Werke verkürzt u. nach dem Linneschen System classificirt); List. Naturells äs Lukkon, rs- äuits ä es gu'ells eontrsnt äs plus instruotik et äs plus interessant, von Bernard, Paris 1799, 11 Bde. Sämmtüche Werke B-s (von Bassten heransgeg.), ebd. 1810 ff., 34 Bde. Die Kupfer alle besaßt: 6oI1setion äss animaux gna- ärupsäss, 2 Bde., ebd.; die Vögel allein sind dargestellt in List. nat. äss oissanx (von Dauben- ron d. I. heransgeg.), ebd. 1771—86, 10 Bde. Übersetzungen von B-s Naturgeschichte sind in englischer, italienischer, spanischer und holländischer Sprache geliefert worden; deutsch: Allgemeine Historie der Natur, Lpz. 1750—74, 8 Thle. od. 16 Bde.; Allgemeine Historie der Natur, 9. bis 11. Thl. (6 Bde.) od. Naturgeschichte der Vögel, ebd. 1775—81; Allgemeine Naturgeschichte, von Martini, Berl. 1771—75, 7 Bde.; Naturgeschichte der viersüßigen Thiere, von Dems., vom 6. Bd. an aber von B. CH. Otto übersetzt, ebd. 1772—1801, 23 Bde.; Naturgeschichte der Vögel, bis zum 6. Bde. von Martini, von da an von Otto übersetzt, ebd. 1772—1810, 35 Bde. u. 2 Supplemente; Naturgeschichte des Menschen, von v. Ulmenstein, ebd. 1805—7, 2 Thle.; Naturgeschichte der Mineralien, von Wünsch, Lpz. 1784; Epochen der Natur, Petersb. 1782. Auch in den Nein. Ls-ris. finden sich zahlreiche Abhandlungen von B., so über: Problems äs l'osoillatiou äu pgnäuls; lMsbs äs bois äs oltsne pour tairusr iss ouirs; l?oroe äss levis; Lnsöss volantss; l7oimulss sur lss eolrellss aritlunstignss; Oouleurs aeoiäsntollss; I.oi ä'attraotion; Lliroirs aräenbs pour brülsr L uns granäs äistanos. Man erkennt hieraus nicht allein die ungeheure Arbeitskraft, sondern auch die Vielseitigkeit dieses ausgezeichneten Naturforschers. Vgl. Herault de Sechelles, Voz-a§s s, Nontbarä, eontsrmnb äss äsiails sur ls olm- raeters, la psrsoirns eb lss sorits äs Luikon, Par. 1801. 2) Henri Leclerc, Sohn des Vor., geb. 1764; trat in sranzös. Militärdienste, stand in der Revolution auf der Seite des Herzogs v. Orleans, verließ diese nachher u. wurde guillotinirt. Buffone, auf dem italienischen Theater Schauspieler, welcher als Lulko oowillo uiedrig-komische Rollen spielt. Es sind ihm lächerliche Gesichtsverzerrungen, carikirte Geberden u. komische Anzüge erlaubt; er bewegt sich stets n. bildet oft Lurch Schnurren zu ernsthaften Scenen einen nicht unangenehmen Contrast. Im Gesänge spricht er (lluüv cLntants) mehr, als er singt, wie er denn überhaupt nur selten schwere Partien in der Oper erhält. DaherBnffoneric, Scherze, die zu dergleichen Rollen gehören. Bnffopartie, die für den B. geschriebenen Stücke. In Frankreich hießen in dem Kampfe zwischen der altfranzösischen und neuitalienischen Musik Buffonisten Diejenigen, welche nach dem als Buffo in der Mitte des 18. Jahrh. in Paris austretenden Italiener Manelli dem italienischen Geschmack in der Opernmusik huldigten. Bufford (Burford), Robert, engl. Schlachten- und Landschaftsmaler, geb. 1791, gest. 1861; be- reiste als Panoramenmaler fast die ganze Welt und entwickelt in seinen zahlreichen Werken ein - Bllgemid. feines Gefühl für das Malerische. In seiner Panoramen malte er auch Schlachten, wie die von Waterloo und an der Alma. 8uko, so v. w. Kröte. Bufontten (Petref.), s. Echiniten. Bug bed. ursprünglich dasselbe wie Bauch, im Besonderen für den vorderen, bauchigen Theil des Schiffsrumpfes gebraucht. B-Anker, s. Anker. B. der Segel, B.-Gording, B.- Bandsel, s. Takelage. Über Steuerbord- od. Backbord- B.-Liegen s. Takelage (Bedienung). Bug oder Buggelenk, 1) bei Thieren, besonders Pferden, das Gelenk zwischen Schulterblatt n. Armbein. 2) Bugstück, Fleischstück aus der Gegend des B-es. 3) An der Stange des Gebisses die schwanenhalsartige Krümmung nach vorn. Bug, 1) (Westlicher B.) Fluß in Polen, 750 lrm lang; hat seine Quellen im östlichen Galizien, wird bei Krylow schiffbar, ist im Sommer sehr seicht, bildet eine Strecke lang die Grenze zwischen Rußland u. Polen u. fließt in die Weichsel; er nimmt den Muchawez u. Narew auf. 2) (Östlicher B., Hypanis der Alten) Fluß in SRußland; entspringt beim Orte Kupel in Podolien, fließt nach SO. durch das Gouvernement Cherson u. mündet in den Liman Dnjepr nach einem 830 lcm langen Lause; wegen Sandbänken u. Stromschnellen ist er nicht schiffbar, aber sehr fischreich; sein bedeutendster Nebenfluß ist der bei Nikolajewsk mündende Jngnl. Bugader, die innere Hantvene, eine Fortsetzung der Vorderarmvene beim Pferde; wurde früher sehr häufig zum Aderlaß benutzt. Buganker, s. Anker. Bugas, befestigter Hafenplatz am Eingänge des Kubenskoi-Liman im Lande der Tschernomori- schen Kosaken (Europäisches Rußland); Fundort von Alterthümern. Bugeaud, Thomas Robert B. de la Pico nnerie, Herzog von Jsly, sranzös. Marschall, geb. 15. Oct. 1784 in Limoges; trat jung als gemeiner Soldat in die Armee, wurde 1814 Oberst und befehligte 1815 die Avantgarde in Suchets Corps. Während der Restauration inactiv, war er Landwirth. Seit der Jnlirevolntion 1830 schloß er sich Ludwig Philipp an u. wurde 1831 Marechal de Lamp und Depntirter für Perigueux; 1832 wurde er Brigadecommandeur in Paris n. war 1833 Commandant von Blaye, wo damals die Herzogin von Berry gefangen gehalten wurde. Seine parlamentarische Thätigkeit zog ihm vielfache Anfeindungen von Seiten der Legitimisten, sowie der Liberalen zu, die er mit persönlicher Bitterkeit angriff, während er alle Maßregeln der Regierung mit großem Eifer vertheidigte. Folge seines parlamentarischen Auftretens war 1834 der Zweikampf, in welchem er den Depntirten Dulong erschoß. 1836 erhielt er das Commando in Oran (Afrika); hier avancirte er zum Divisionsgeneral, führte einen glücklichen Feldzug gegen Abd el Kader aus, schloß 1837 mit diesem den Vertrag an der Tafna und kehrte 1838 nach Frankreich zurück. Seit Anfang 1840 bis zum Mai 1847 war er Generalgouverneur von Algier; 1843 zum Marschall von Frankreich ernannt, erhielt er infolge des Sieges über die Marokkaner am Jsly 1844 den Titel als Herzog von Jsly. Über seine Verwalt« 237 Bugcnhagen — Bugi. ung U. Thaten in Algerien s. d. Vor dem Ausbruche der Februarrevolution erhielt B. das Com- mando über die Ariuee, konnte aber seinen Operationsplan nicht ausführen, da ihm der König 24. Febr. den Oberbefehl wieder entzog. Erlebte nach der Proclamation der Republik auf seinem Gute zu Exidenil, wurde in die Kammer gewählt, wo er zur Rechten gehörte. B. st. an der Cholera 9. Juni 1849 in Paris. Ihm wurde im Aug. 18S2 ein Denkmal in Algier n. eines in Perigueux gesetzt. Er schr.: Vs I'orFanisaticm unitaiis äs 1'armvs, Paris 1835; Nsmoirs mir notrs sla- blisssinsnb äans 1a provines ä'Oran, ebd. 1838; V'L.1göris, äss mo/sns äs oonssrver sb ä'ntilissr ostts eongnsls, ebd. 1842. Bugcnhagen, Johann, gewöhnlich Po- meranus od. vr. Pommer genannt, deutscher Reformator, geb. 24. Juni 1485 zu Wollin in Pommern; stndirte seit 1502 in Greifswald Theologie n. Philologie u. wurde 1505 Rector an der Lateinischen Schule in Treptow u. 1517 Lector in der Mönchslehranstalt zu Belbuck, ans welcher er 1520 mit mehreren Freunden austrat; er ging 1521 nach Wittenberg, wo er alsbald mit Luther u. Melanchthon Freundschaft schloß u. seit 1522 Collegia über die Psalmen las und 1523 Pastor an der Pfarrkirche wurde. Er wurde an mehrere Orte berufen, nur die Reformation einzufllhren u. die neue Kirche zu ordnen; so war er 1528 in Braunschweig, wo er auch die Braunschweigische Kirchenordnung schrieb, 1529 in Hamburg, 1530 bis 1531 in Lübeck, 1534—35 in Pommern; er wohnte hierauf 1536 dem Abschluß der Wittenberger Concordia u. Febr. 1537 dem zu Schmalkalden abgehaltenen Convent bei. Im I. 1536 war er Generalsnperintendent des Kurkreises geworden. Daraus ging er, einem Rufe des Königs Christian III. folgend, nach Dänemark, wo er zunächst 12. Aug. 1537 die Königin Dorothea krönte u. dann die Dänische Kirche einrichtete und 1538 die Universität in Kopenhagen reorganisirte, an welcher er selbst Collegia las. 1539 kehrte er nach Wittenberg zurück; 1542 war er in Resormations- angelegenheiten in Holstein u. Schleswig u. organi- sirte die Evangelische Kirche in Hildesheim. Im Schmalkaldischen Kriege, wo die Universität sich auslöste, blieb B. in Wittenberg und erhielt das Vertrauen seines neuen Herrn, des Kurfürsten Moritz. In den darauf folgenden Streitigkeiten wegen des Interim wurde er nebst Melanchthon von den hitzigen Lutheranern verketzert und starb 19./20. April 1558 in Wittenberg. Er schr. u. a.: Historie des Leidens und der Auferstehung Jesu (nach den Evangelien), 1530; LlonotoWaron iä- storias svunAsIieus, herausgegeben von P. Crell, 1566; vomsrania, 1518, herausgegeben von Balthasar, Greissw. 1728; Intsiprstatio in lidrura psslinoi'nw, Basel 1524, sowie Anmerkungen zu alttestamentlichen Büchern n. Paulinischen Briefen; auch übersetzte er Luthers deutsche Bibel ins Plattdeutsche, Lüb. 1533. Vgl. Melanchthons Oratio äs vita Io. LuAsnstaZii, 1558, n. A., v. Lämmel, Kopenh. 1706. Lebensbeschreibungen von Lange, Bautz. 1731; von Jänckcn, Stett. 1734; von Engelken, Berl. 1817; von Zietz, Lpz. 1829, 2. Aust., 1834; von Bellermann, Berl. 1859; von Meurer, Lpz. 1862; von Voigt, Elbers. 1867. Löffler.» Bugcy (Bressa-Bngny, lat. Bugesia), ehem. Landschaft in Burgund; 3925 sMm (71,g UM); jetzt den Hanptbestandtheil des franz. Dcp. Am. bildend. B. war früher ein Theil des Sequancr- landes; später gehörte es zu Burgund und hatte seine eigenen Seigneurs; gegen Ende des 11. Jahrh. bemächtigten sich die Grafen von Savoyen des Landes, das im 16. Jahrh. französisch wurde. Buggaur, einer der 2 westlichen Mündungsarme des Indus (s. d.); früher wasserreich, jetzt versandet. Bugge, l) Thomas, dänischer Astronom, geb. 12. Oct. 1740 in Kopenhagen; wurde 1777 Professor der Astronomie u. Mathematik daselbst, ging 1798 im Aufträge seiner Negierung nach Paris, wo er mit den Commissarien des Nationalinstituts, zu dessen Mitglieds er ernannt war, über Herstellung einer Maß- n. Gewichtseinheit verhandelte, n. wurde 1807 Etatsrath; st. 15. Juni 1815. Er machte mehrere astronomische Entdeckungen u. schr. u. a.: Lehrbuch der Ansmessnngsmethode für die dänisch-geographischenKarten, deutsch, Dresd. 1787; Erste Gründe der sphärischen n. theoretischen Astronomie, Altona 1796; Erste Gründe der reinen Mathematik, ebd. 1797, 3 Bde., 2. A., 1813 f.; Reise nach Paris, ebd. 1798. 3) Elsens So- phus, norwegischer Philolog, geb. 1833 zu Laur- vik in Norwegen; seit 1864 Professor der indogermanischen Linguistik in Christiania; sammelte norwegische Volkslieder: Vamls norsks iollcsvissr, Christiania 1858; gab inländische Schriften heraus u. lieferte besonders eine Hanptausgabe der Eddalieder: vääa, norroon kornlcvosäi, Christ. 1867; schrieb verschiedene philologische Abhandlungen, unter welchen hervorzuheben ist seine Entdeckung, daß in den ältesten germanischen Runenschriften eine Rune, die man früher als N gelesen, in der That einen Zischlaut bezeichnet; veröffentlichte Viä- sicrikb lor vdiloioxi, Bd. 6, Kopenh. 1865; die durchgeführte Anwendung dieser seiner Idee lieferte er in derselben Zeitschrift, Bd. 7—8, 1866—68. Buggiauo (früher Borga a Bnggiana), Gemeinde in der Provinz u. dem Bezirke Lucca; Station der Oberitalieuischen Bahn; Friedcnsgericht; 10,706 Ew. Bugi (Buginescn, holl. Boegis), eine malai- ische Völkerschaft, die ihre Heimath im südlichen Theil der Insel Celebes hat, sich aber in Colo- nien über den ganzen Ostindischen Archipel, namentlich in den Küstenplätzen, verbreitet findet. Sie sind unbedingt das ausgezeichnetste Glied des malaiischen Stammes u. das eigentliche u. unternehmendste Handelsvolk Ozeaniens. Sie herrschen allenthalben entweder durch Reichthum, oder als Priester, oder als Häuptlinge, u. waren namentlich früher als kühne Seeräuber gefürchtet. Sie handeln gegen allerhand Maaren bes. Kampher, BenzoL, Goldstaub, rohe Diamanten, Schildkrot, Seeblasen u. Vogelnester ein, die sie nach Padang, Batavia u. Singapore bringen. Sie sind wohlgebaut u. Heller gefärbt, als die übrigen Malaien; die Weiber gelten durch den ganzen Archipel für Schönheiten; Verwegenheit, Tapferkeit nnd Eifersucht sind die hervorstechenden Charakterzüge des B. Die Männer tragen Beinkleider, haben zur Bekleidung des in der Regel nackten Oberkörpers baumwollene Mantel; die Frauen, welchen außer dem Hauswesen u. dem Gartenbau zum großen Theil auch der Ackerbau zuWt, gehen ganz bekleidet n. färben sich die Zähne schwarz n. roth. Die Häuser der B. stehen ans Pfählen, und ihr Hansgeräthe ist von Ebenholz; ihre Städte und Dörfer finden sich meist au der Küste. Als Waffen führen sie Schwerter, Lanzen, Kriße (Dolche), Blasrohre, ans denen sic Giftpfeile schießen, sowie auch selbstverfertigte F-cuergewehre. Die B. besitzen Sklaven u. lieben Hahnengefcchte, das Ballspiel, die Würfel n. den Tanz mit Gesang. Sie bekennen sich zum Islam, u. ihre Priester stehen in großer Achtung. Die Sprache der B., zu dem malaiischen Sprachstamm (s. d.) gehörig, hat ein eigenes Alphabet von 22 Consonanten, welche wie im SanSkrit u. a. indischen Sprachen für sich allein den Bocal a nach sich haben, während die übrigen 5 Vocale e, i, o, u, ön§ durch besondere Zeichen an den Consonanten ansgedrückt werden. Der Silben- und Wortbau ist sehr einfach, der Charakter dem des Tagala n. Javanesischen (s. d.) ähnlich. Es existirt noch keine Grammatik; Vo- oabularz- vk tlrs LuZsiisb, Luxi anck Llula/ lan- Aua-Ass, Siugapore 1833. Ihre bis jetzt kaum beachtete Literatur umfaßt außer mehreren theologischen Schriften nicht wenig Poesien, Geschichtswerke u. einige Rechtsbllcher, wie unter anderem auch einen Seecodcx. Bugm (Bndschia, frz. Bougie), Stadt im alger. Dep. Constantme, am glcichnam. Golfe, 212 Irm östl. von Algier; wichtiger Küstenpunkt, guter Hafen, früher bedeut. Handelsstadt mit angebl. 100,000 (?) Ew., jetzt klein u. verfallen; 3273 Ew. — B. ist das Saldä der Alten; im 5. Jahrh. wurde es von den Vandalen unter Genserich, 708 von den Arabern u. 762 von den Marokkanern besetzt; seit dem 10. Jahrh. hatten die Hamaditen ihren Sitz in B.; 1510 wurde B. vom Grafen Peter von Navarra für König Ferdinand von Aragonien erobert u. befestigt. 1512 wollte Haireddin Barbarossa den vertriebenen König zurückführen, aber die Spanier hielten sich jetzt u. 1514 gegen die Belagerung. Nach dem Abzüge Karls V. 1541 von Algier belagerten die Algierer B., und der spanische Gouverneur Alonzo de Peralta mußte die Stadt durch Capitnlation übergeben. 1830 wurde B. von den Franzosen besetzt, zwar nach ven Jnliereignisscn in Paris bald wieder geräumt, bald nachher aber durch General Trczel wiedergenommen; s. Algier (Gesch.). Juni 1854 wurde B. durch kaiserl. Decret zur Gemeinde erhoben. Buglahmheitcn, Lahmheiten besonders des Pferdes, welche im Bnggelenke, oder in dessen benachbarten Theilen ihren Sitz haben; sie werden von Laien u. Pferdeverständigen so häufig gesehen, kommen aber in Wirklichkeit so selten vor, daß man mit vollem Rechte behaupten kann, mindestens 90 pCt. der iog. B. der Laien sind gar keine B., dann mindestens 80 pCt. derselben sind auf krankhafte Zustände in der Hnfkapsel und fernere 10 pCt. auf anderweitige Veränderungen zurückzuführen. Die B. sind niemals durch einen Laien mit Sicherheit zu erkennen; ihre Diagnose macht selbst den erfahrensten Thierärzten mitunter große Schwierigkeiten. Sitz u. Ort des Leidens sind bei den B. sehr verschieden; hiervon hängen Symptome, Verlauf n. Behandlung ab. Im Allgemeinen sind die B. ungünstig zu beurtheilen. Schmidt. Bugfiren (Schleppen, Tauen), Fortbewegung irgend welches Gegenstandes (Fahrzeuge, Tonnen, Spüren rc.) durch ein in Fahrt befindliches Fahrzeug. Es geschieht nach Umständen entweder Lurch Festbinden an der Seite des bugsirenden Fahrzeuges, oder durch B. an einem vom Hintertheil desselben abgegebenen Schlepp- vd. Bugsirtaues. Kleine Danipfer, meist Raddampfer, welche zum Schleppen der Schiffe bes. bestimmt sind, werden Schleppdampfer genannt. Sie haben gewöhnlich zwei Maschinen, zur Erzielung einer erhöhten Manövrirthätigkeit, getrennt, um das Rad einer Seite vorwärts u. gleichzeitig das Rad der anderen Seite rückwärts schlagen zu lassen u. dadurch das Fahrzeug auf der Stelle zu drehen, wie es in engen Häsen u. zur Abgabe des Bugsirtaues an das zu schleppende Schiff erwünscht ist. Bugspriet, der über das Vordertheil des Schiffes herausliegende Mast; s. Takelage. Bugulma, Kreisstadt des russ. Gouv. Samara, am rechten Ufer des gleichnamigen Flusses; besuchte Jahrmärkte; 5500 Ew. Bugurusläu, Kreisstadt des russ. Gonv. Samara, am rechten Ufer der großen Kinel; Schwefelquellen; lebhafter Handel; 7500 Ew. Büheler, Hans der B., deutscher Dichter des 15. Jahrh.; stand in den Diensten des Erzbischofs Friedrich III. von Köln u. lebte in Poppelsdorf bei Bonn. Von ihm ist die Bearbeitung der Romane: Die Königstochter, 1400, gedruckt Straßb. 1500 u. 1508, u.Diocletianns'Leben, 1412, herausgegeben von Keller, Ouedlinb. 1841. Buhl, Ludwig, Patholog, geb. 1816 in München; studirte dort, in Wien u. Paris, ward 1846 Privatdocent an der Universiiät zu München, 1850 außerordentl. Professor, 1854 Prosector u. Vorstand der pathologisch-anatom. Sammlung, 1859 ordentlicher Professor der pathologischen Anatomie u. der allgemeinen Pathologie. Er ist Mitarbeiter der Zeitschrift für Biologie u. schr.: Erste Beschreibung der alveolaren Echinococcus-Entartung der Leber; Über Ätiologie des Typhus (Grundwasser-Theorie; Über Tuberculose (Ümgestaltung der ganzen Lehre, namentlich Jnfectionstheorie der acuten Miliartuberculose); Capillarektasie der Lungen rc. Bühl, Amtsbezirksstadt im bad. Kreise Baden, am Schwarzwalde, Eisenbahnstation; Rath- und Amtshaus; Gerberei u. Saffianfabrik; 2838 Ew.; dabei das romantische Bühlerthal; Viehzucht, Flachs-, Obst-, und Weinbau (Affenthaler Roth- wein); in 9 Gemeinden 3199 Ew. Buhle, Johann Gottlieb, deutscher Geschichtschreiber der Philosophie, Kantianer, geb. 29. Sept. 1763 in Braunschweig; wurde 1787 Professor der Philosophie in Göttingen, 1804 in Moskau, 1814 am Carolinum in Braunschweig; st. daselbst 11. Ang. 1821. Er schr.: Bemerkungen über den historischen Gebrauch der Quellen zur ältesten Geschichte der Cultnr bei den keltischen Bühlow — Bühnengerecht. 239 u. skandinavischen Völkern, Gött. 1788; 6alen- clarium s?ala.ostinas oeeon., ebd. 1785; Grundzüge einer allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften, Lemgo 1790; Geschichte des philosophi- renden Verstandes, Lemgo 1798; Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, Gött. 1790 —1804, 8 Bde; Über Logik, ebd. 1798; Transscendental- Philosophie, ebd. 1798; Lehrbuch des Natnrrechtes, ebd. 1799; Geschichte der neueren Philosophie seit der Epoche der Wiederherstellung der Wissenschaften, Gött. 1800—5, 6 Bde., mit schätzbaren Auszügen aus seltenen Werken; Über den Ursprung u. die Schicksale der Rosenkreuzer u. Freimaurer, ebd. 1804; Versuch einer kritischen Literatur der russischen Geschichte, Moskau 1810, 1. Thl., rc. Auch gab er den Aristoteles, Zweibr. 1791—1800, 5 Bde., u. den Aratos, 2 Bde., Lpz. 1793—1801, und mit Bonterwek das Göttinger Philosophische Museum 1788 heraus. Bühlotv, Vogel, so v. w. Pirol. Buhne (Stacke, Kribbc), ein vom Ufer quer in den Fluß, oder (bei Inseln) dem Strome parallel eingebauter Damm, meist ans Steinen; dient theils zum Schutze des Ufers, thcils zur Erlangung von An- u. Abschwemmungen, besonders aber zur Verbesserung des Fahrwassers. Bühne, erhöhtes Gerüst, sei cs um die Zuschauer einer öffentlichen Handlung oder Vorstellung, oder die Darsteller derselben aufznnehmen, so besonders im Theater (s. d.). Bühnencongreß (Allgemeiner deutscher B.), Versammlung deutscher Bühncnangehöriger, die auf Barnays (s. d.) Anregung n. zur Bcrathnng von Standesinteressen 17., 18. u. 19. Juli 1871 zu Weimar tagte. Durch das ungeregelte Ver- hältniß zwischen Directoren u. Schauspielern veranlaßt, hatte Barnay in Nr. 17 der Leipziger Theater-Chronik einen Aufruf erlassen, in dem er den Präsidenten des deutschen Bllhnenvereins, Generalintendant v. Hülsen, aufforderte, die Generalversammlung jenes Vereines bis in die Zeit der allgemeinen Ferien zu vertagen und sie zu einem Allgemeinen deutschen Bühneucongreß zu erweitern, ans dem allein eine wirklich zweckentsprechende Thcatergesetzvorlage berathen werden könne. Dieser Anwag fand zunächst bei den Mitgliedern des Kasseler Hoftheaters: vr. Krückl, E. Gettke u. Ulram den lebhaftesten Anklang und führte zu einer Localversammlung, die den Beschluß faßte, Herrn v. Hülsen zur Berufung eines allgemeinen Theatercongresses, u. zwar zur Be- rathung der Theatergesetzvorlage für den Reichstag zu veranlassen, v. Hülsen erklärte auf dieser Adresse, die von Or. Krückl verfaßt u. zur entscheidenden Veröffentlichung gebracht worden war, sein Unvermögen, andere Personen als statutenmäßige Mitglieder zu der Versammlung des Bühnenvereines zuzulassen, gab es aber den Bllh- nenangehörigen anheim, in selbständiger Versammlung die Angelegenheiten ihres Standes so weit zum Ausdrucke zu bringen, um sie event. der von den Bühnenvorständen erwählten Commission zur Ausarbeitung eines Theatergesetzentwurfes zu unterbreiten. Hierdurch in ihrem Entschlüsse bestärkt, wurden von den Kassclanern die Theater zu Mainz, Berlin, Königsberg, Hannover u. Frankfurt a. M. angegangen, sich der Einberufung zum Congreß anzuschließen. Die Hoftheater von Mannheim n. Wiesbaden waren bereits durch Baruay gewonnen, Weimar schon jetzt als Ort des Congresses in Aussicht genommen, va der dortige Intendant Frhr. v. Lodn den Bestrebungen freundliche Gesinnung cntgegenbrachte. Ein später gemachter Vorschlag des Herrn v. Hülsen, zur Berathung der Theatergesetzvorlage eine Commission ans 5 Mitgliedern des Bühnenvereines u. 5 Vertrauensmännern der Vereinsbühnen zu- sammenznsetzen, würde das Project des allgemeinen Congresses zerstört haben, wenn es nicht Barnay gelungen wäre, die Wahl der Vertrauensmänner bis nach dem Congreß zu verschieben. Mit selbstloser Aufopferung an Zeit u. Geld wurde nunmehr von Barnay durch Herausgabe der Zeitschrift Bühnen-Congreß, die in 1600 Exemplaren zur Versendung kam, für das Interesse des Ganzen agitirt. Das radicale Vorgehen der jungen, im Werden begriffenen Vereinigung erweckte die Befürchtung jener inzwischen gewählten Fünfer-Commission des Bühnenvereines, und ihr Obmann, General-Intendant von Perfall (München), versuchte, den Congreß bis nach der Berathung der Zehn hinauszuschicben. Durch Possarts Vermittelung wußte Barnay indeß Herrn von Perfall von der Ungefahrlichkeit der genossenschaftlichen Bestrebungen zu überzeugen, und die Sitzungen des provisorischen Comites, das ans den Herren I)r. Hugo Müller (Berlin), Jacobi u. von Reden (Mannheim), Jahn, Rathmann, Borchers, Heil u. Peretti (Wiesbaden), Ernst Possart (München), Göritz, Köller ». Frey (Frankfurt), Barnay (Frankfurt a. M., Mamz, Chemnitz, Magdeburg und Bremen) n. Gettke (Kassel u. Hannover) gebildet war u. dessen gesaminte Geschäfte Barnay als Generalsecretär u. Gettke als Generallässirer führten, nahmen ihren Anfang. Possarts schlicßlicher Theilnahme daran ist eine völlige Einigung mit von Perfall zu danken. Nachdem nunmehr das Programm zum Congreß bereits in Wiesbaden durch das provisorische Comite sestgcstellt worden war, tagte er in Weimar vom 17. —19. Juli unter dem Präsidium vr. Hugo Müllers in zwar bewegter u. erregter, aber streng parlamentarischer Weise. Ins Auge gefaßt wurde ein Theaterconcessionsgesetz, ein Disciplinargesctz (Referent I. Bletzacher ans Hannover) n. Gründung einer Hilfs- u. Pensiousanstalt, zu welch letzterer Jacobi aus München einen Entwurf ausgearbeitet hatte. In zweiter Linie erstrebte man eine allgemeine deutsche Theaterakademie, einheitliche Einrichtung classischer Bühnenerzcugnisse u. Gründung einesGeschLftsblattes. BondiesendreiBestrebungen realisirte sich nur die letztere, als die am wenigsten ideale. Das glänzendste Resultat des Bllhnen- congresses bleibt die Gründung der Genossenschaft deutscher Bühnenangchöriger (s. d.) u. die Sicherung zu einer allg. Pensionsanstalt. Kürschner. Bühnengerecht (bühnenrecht) sind solche Theaterstücke, welche mit Berücksichtigung der technischen Hilfsmittel des Theaters, der Aufführbarkeit, abgefaßt sind u. die dargestellte Handlung in einer Weise entwickeln, daß das Interesse n. die Spannung der Zuschauer aufrechterhallen wird. Der poetische 240 Bührlcn — Werth eines Dramas schließt die bühnengerechte Anlage nicht in sich, weshalb dramatische Arbeiten oft einer besonderen Überarbeitung für die Bühne bedürfen. Hauptsächlich kommt dabei das Auftreten u. Abgehcn der einzelnen Personen in Betracht, damit dasselbe als ein aus der Handlung selbst sich naturgemäß ergebendes, nicht vom Dichter willkürlich geschaffenes Moment erscheine; ferner die Ökonomie in der Länge der Scenen und der Wechselnde, damit die Aufmerksamkeit nicht ermüdet werde; dann die Belebung von Gruppen durch thatsächliche Vorgänge; endlich der Schluß der einzelnen Acte, welcher die Erwartung der Zuschauer auf die weitere Entwickelung der ganzen Handlung mächtig anspannen u. beim letzten Act überraschend eine schnelle Lösung des (komischen oder tragischen) Conflicts bringen muß. Bührlcn, Fried r. Ludwig, deutscher Schriftsteller, geb. 10. Sept. 1777 in Ulm; studirie in Landshut Theologie, in Würzburg die Rechte; nachdem er in Augsburg als Sachwalter prakticirt hatte, wurde er 1809 Landgerichtsassessor im Eich- städtischen u. 1810 in Stöfflingen bei Ulm, 1811 Registrator in Stuttgart, später Kanzleirath bei der dortigen Rechnungskammer. Er scheint in den 50er Jahren gestorben zu sein. „Ein gefälliger Autor von Goethescher Grazie u. Feinheit". Er schr.: Lebensansichten, Stnttg. 1814; Erzählungen und Miscellen, Tnb. 1817—20, 2 Bde.; Neue Erzählungen, Frkf. 1823—25, 2 Bde.; Ansichten von höheren Dingen, Stnttg. 1829; Neueste Erzählungen, ebd. 1830; Bilder aus dem Schwarzwalde, ebd. 1828—31, 2 Bde.; Der Enthusiast, ebd. 1832; Zeitansichten eines Süddeutschen, ebd. 1833; die Romane: Der Flüchtling, Lpz. 1836, u. die Prima Donna, Stnttg. 1844, 2 Bde.; Stuttgart u. seine Umgebungen, 1835. Buhu, Vogel, so v. w. Uhu. Buhualiha, berühmter arabischer Arzt (eigent. lich Abu Ali Jahsa, mit dem Beinamen Jbn Dschezla); von christlicher Abstammung, ließ sich aber durch seinen Lehrer Abu Ali Jbn el Welid zum Islam bekehren u. trat 11. Febr. 1074 über. Er blieb in Bagdad u. starb daselbst Juni 1100, durch seine Uneigennützigkeit ein gesegnetes Andenken hinterlassend. Seine sämmtlichen Bücher schenkte er der Kapelle des Abu Hanifa. Er hinter- ließ Krankheitstabellen, auf denen er die Krankheiten in astronomischer Weise geordnet hatte, lateinisch; laouiiü asArlbnäurnM st morborumksrms omnrum oorporlo irumani rc., Straßb.-1532; dann ein Verzeichniß der officinellen Pflanzen u. Heilmittel, das nicht übersetzt ist; verschiedene Abhandlungen über das Falsche im Christenthum und die Bortrefflichkeit des Islam (1093); auch einen Brief, an den Presbyter Elias geschrieben, eine Widerlegung des Christlichen enthaltend, u. endlich ein Lob der Medicin, auch mit Bezug aus ihre Übereinstimmung mit den religiösen Vorschriften. Thamhayu. Buhurd (mittelhochdeutsch), ein Ritterkampfspiel, bei dem man in Schaaren auf einander reitet; buhudiren, sich daran betheiligen. Bui (Bus), Kreisstadt im russischen Gouvernement Kostroma, au der Winks«; Lederindustrie; 1930 Ew. Biijlikdcreh. Buratrie, derjenige Theil der Thierarznei, künde, welcher sich mit den Krankheiten des Rindes beschäftigt. Buijs-Ballot, Christoph Heinrich Diet- rich, namhafter Meteorolog, geb. 10. Oct. 1817 zu Klotingen in der Provinz Zeeland; war erst Docent der Geologie, darauf Professor der Mathematik an der Universität Utrecht und wurde dann Director des Königl. Meteorologischen Instituts daselbst. B. sucht die Meteorologie hauptsächlich für das praktische Leben zu verwertheu u. ist ein Hauptvertreter der neuen Richtung, welche die Gesetze der Veränderungen des Wetters zu erkennen strebt, um einst in die Lage zu kommen, ans dem vergangenen Witterungszustande den zukünftigen Voraussagen zu können. Gestützt ans seine Untersuchungen über den Gang der Luftdruckverminderungen, hat B. das Gesetz der Stürme auf alle Winde ausgedehnt, weshalb man das betreffende allgemeine Gesetz nach ihmdas B.-B-sche Gesetz genannt hat. Auch hat er das Mroklino- skop (s. Sturmwarnungen) erfunden und eingerichtet. Seine Schriften u. Abhandlungen veröffentlichte er in den Jahrbüchern des Königl. Niederländ. Meteorologischen Instituts zu Utrecht u. in den Verhandlungen der Königl. Gesellschaft der Niederlande zu Amsterdam. Specht. Buinsk, Kreisstadt des russ. Gouv. Simbirsk, an der Karla; im Jahre 1780 zur Stadt erhoben; mehrere Gewerbe; 4200 Ew. Buist, G., geb. 17. Nov. 1805 zu Tannadice in Forsarshire; ging nach Ostindien, wo er in der Folge die Lomba^ Mmso herausgab, seit 1842 Director des astronomischen Observatoriums in Bombay war u. 1859 Director der Regierungspresse in Allahabad wurde; st. 1. Oct. 1860 in Calcutta. Er hat bes. für die Geographie des Meeres Ausgezeichnetes geleistet. Buitcnzorg, Stadt auf der niederländ. Insel Java, südlich von Batavia; Sitz und Palast des niederländ. Generalgonverneurs von Ostindien; 1845 neu erbaute Simultankirche für Protestant, u. katholischen Gottesdienst; reichhaltiger Botanischer Garten; zahlreiche Chinesen. Bujah, Jmad Eddaulah, Sohn des Koba Khosruh; war erst Fischer, nachher Soldat; schwang sich um 920 v. Chr. zum Herrscher Persiens empor n. wurde Stammvater der Buiden u. Dilemiden, welche bis 1058 herrschten. S. Persien (Gesch.). Bujäken, dem Rufs. Reiche unterworfene Tataren, die an der Grenze Chinas wohnen u. mit Büchse, Pfeil und Bogen bewaffnet sind. Sie wurden vom Kaiser Nikolaus 1854 aufgeboten, um an der Vcrtheidigung des russ. Gebietes gegen die WMächte theilzunehmen. Bujalance, Stadt in der span. Prov. Cordova, in einer an Getreide, Wein und Oliven reichen Gegend; Collegium; Leder-, Tuch-u. Wollenzeng- manufactnr; 8400 Ew. Bujukdereh (Böyük- derre, d. h. großes Thal), landschaftlich reizender Ort bei Constantinopel, an einer Bucht des Bosporus, in dessen oberem Theil die europ. Gesandten ihre Sommerpaläste haben, im unteren Armenier, Griechen n. Türken wohnen; wunderbar schön ist ein Spaziergang am Quai, wo die berühmten 7 Platanen (die 7 Brüder) 241 Buk — Bukolisch. stehen: von hier ab bis zum Schwarzen Meere reichen die Befestigungen des Bosporus. Buk (Buck), 1) Kreis im preuß. Rcgbez. Posen; S51„ Hsskm (17,3 UM); 56,700 Ew.; eben, ziemlich bewaldet; viel Getreide, Flachs, bcsond. Hanptsitz des preuß. Hopfenbaues; der Kreis wird von 27,2g lern der Märk.-Posener Bahn durchschnitten. 2) Stadt darin; 1 evangelische, 2 katholische Kirchen; Schuhmacherei; Hopfenbanl; 2670 Ew. Bukanier, so v. w. Flibustier. Bukarest (Bukarescht, Bukurescht, ursprünglich Bngareschti, d. h. Bulgarenort), Hanpstadt Rumäniens, in der Großen Walachei, in welliger Ebene ohne Baum n. Stein gelegen und von der Dimbowitza durchflossen; Eisenbahnverbindungen südl. nach der Türkei, westl. nach Ungarn u. nördl. nach der Bukowina, Galizien n. Rußland; enge, staubige, zum Theil ungepflastertc, mit Eichenbohlen belegte Straßen, in denen schindclbedeckte Hütten mit Prnnkpalästen oriental. Geschmackes abwechseln. Viele Häuser haben ein Blechdach u. weitläufige Gärten; in den Mohalla (Vorstädten) umgibt ein Garten jedes Haus. Von S. ans gewährt die Stadt mit ihren 16,000 meist ebenerdigen Häusern, den schimmernden Blechdächern der Kirchen, den zahlreichen Gärten, den mit Stallchen, Erkern, Freitreppen, Galerien, Bogengängen, bunt und phantastisch geschmückten Palästen einen wunderbaren Eindruck. Der oriental. Charakter ist in den letzten Jahrzehnten in Etwas modifi- cirt worden; prachtvolle Gebäude in den Hauptstraßen, Gasbeleuchtung, Pferdeeisenbahn u. zahlreiche Droschken machen die Stadt allmählich den europäischen ähnlich. Bemerkenswerth sind in der Mitte die beiden öffentlichen Gärten, der Tschis- madiju, eine Schöpfung des Fürsten Bibescu, n. die Chaussee Mogochor, deren Schönheit den Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten anshält. Von Kirchen sind zu erwähnen die auf einem Hügel stehende Metropolitankirche, neben welcher das Landtagshaus, die durch architekton. Schönheit sich auszeichnende Antimkirche, die Kurte Vekic, wo die Hospodare gesalbt wurden, die Georgskirche, umgeben von weitläufigen Waaren- magazinen, die von S. Schiridion; von sonstigen Gebäuden die Residenz des Fürsten, das Theater, die Akademie, das Hospital Coltza, die Paläste Soutze u. Ghika. B. ist Sitz des Revisionshofes, der obersten Verwaltungsbehörden, der fremden Consuln; Universität, Militärschnle, 3 Gymnasien, Centralmädchenschule, Elementar- u. Privatschulen; Hospitäler, Gebärhaus; im Ganzen 123 Kirchen, darunter 2 evangelische, mehrere römisch- kathol., 1 armenische, 5 Synagogen für deutsche u. spanische Inden; Bibliotheken; Kasernen; rnss. u. türkische Bäder; zwei große Bahnhöfe. Man fabricirt türk. Tuch, Gold-n. Silberwaaren; aber die Handwerker sind meist Deutsche (15,000), Ungarn, Franzosen rc. B. ist Stapelplatz des walach. Handels, vereint europ. n. asiat. Luxus n. zeigt glanzvolles Leben. Russische Maaren bietet man seil in den Marketanien (russische oder lipowaer Buden, siebenbürg, in den Brassovien (Kronstädter Buden), orientalische in den griech.-armen.-türk. Buden. Die Schlächtereien (Saljanen) der Umgegend liefern Rindertalg (Czervitz) n. gedörrtes Fleisch (Pastramc). Die Einwohnerzahl betrug 1859 121,784, jetzt kaum über 150,000, da die Sterblichkeit sehr groß ist (1871 auf 4936 Geburten 7843 Todesfälle), nach v. Haan jedoch 221,805 Ew., während eine andere Angabe 141,754 aufführt; die Zahl der Häuser betrug 1859 14,755. In der Umgegend liegt das Ghikasche Schloß Co- lentina, die Klosterspitäler Markatza n. Pentalei- mon, das schloßartige Kloster Vakarescht, wo die neuen Hospodare eingeholt wurden, u. die Klosterruine Kostroceny. Die Stadt wird oft von Erdbeben heimgesucht. — Es wird behauptet, daß B. von Radel dem Schwarzen (Negro Wod) gegründet wurde, welcher sich um 1290 die Walachei unterwarf; 1595 wurde B., nach dem Abfall des Hospodars von der Pforte, von Sinan Pascha erobert und in Brand gesteckt, erholte sich aber wieder; 1716 ward es von Serben überfallen u. geplündert. Am 30. Octbr. 1771 hier Sieg der Russen unter Essen über die Türken unter Mussan Oglu; durch Alex. Vpsilanti (1774—82) wurde B. in dieser Zeit sehr verschönert. Es ward 1807 wieder von den Russen erobert. 1812 Congreß n. 28. Mai Friede zwischen Türken u. Russen. In demselben Jahre wüthete hier die Pest n. raffte innerhalb 6 Wochen 7000 Menschen hin. Im I. 1821 wurde die Stadt nach einem Aufstande der griechischen Bewohner von den Türken, 1828 von den Russen ohne Schwertstreich besetzt und durch den Frieden von Adrianopel 1829 dem Hofpodar der Walachei unter Suzcränität der Pforte überlassen. Am 4. April 1847 verheerte die Stadt eine große Fcuersbrunst. Im Juni 1848 brach in B. ein Ansstand gegen den Fürsten Bibescu ans, bis endlich im Sept. türkische und Oct. russische Truppen die Stadt besetzten u. bis Mai 1851 hier blieben. Beim Ausbruch des Rufs.-Türk. Krieges besetzten es Russen von Juli 1853—54, worauf hier Österreicher bis März 1857 garnisonirten. 1861 wurde B. Rumäniens Hauptstadt. S. Walachei n. Rumänien. Vgl. Frundzescu, Oiotnonsr bz-poAralio ai statnntio al Rowanioe, Buk. 1872; Jsambert, Itnnerairs cks I'Orionb, Bd. 1, Par. 1873; Marsillac, 6uido cku voz's,§snr ä Louoarsot. Fr. Körner. Bukcling, so v. w. Beukelson. Bukentauros (gr.), fabelhaftes Geschöpf, Stierleib mit menschlichem Kopfe; s. Kentauren. Bukephalos (gr., Ochsenkops), PferdAlexanders d. Gr., welches sein Vater von dem Thesfalier Philonikes gekauft hatte. Alexander bändigte das wilde Thier u. erfüllte dadurch das Orakel des Delphischen Gottes, welches seinem Vater den Bändiger des B. als besten Thronfolger bezeichnet hatte. Alexander baute ihm zu Ehren die Stadt Bukephala am Hydaspes (jetzt Dschelalpur am Dschelam). Bukkur, wichtige und berühmte Festung auf einer Insel des Indus (Ostindien, seit 1839 brit.). Bnkolen, räuberisches Hirtenvolk im Delta des Nil, mit dem die Römer wiederholt Käinpfe zu bestehen hatten, bis sie unter Diocletianus vernichtet wurden. Bukolisch (v. gr. Lnlwlos, Hirt, bes. Rinderhirt), hirtlich, ländlich; daher b-e Poesie, 16 PiercrS Umversal-Conversations-Lexikon. 6. Ausl. IV. Band. 242 Bukow — Bukowina. Hirtenpoesie, eine Art des Idylls, welche im Gegensätze zu dein verfeinerten Culturleben den Menschen in seiner natürlichen Sitteneinfalt, des. als Hirten darstellt. Der Dichter eines b-en Gedichtes (Bukolikon) heißt Bukoliker (b-er Dichter). Die Dichtnngsart ist eine Erfindung der Alexandrinischcn Dichter u. gehört einer Zeit an, wo man sich aus den Schranken eines überfeinerten Lebens in das freie Naturleben zurücksehnte. Die Hirtenpoesie verlegte dasselbe nach Arkadien. Theokritos aus Syrakus (um 27S v. Ehr.), seine Zeitgenossen Moschos, ebenfalls ans Syrakus, u. Bion aus Smyrna bildeten diese Dichtnngsart weiter aus. Die ursprüngliche Naivetät der griechischen Bukoliker ging später verloren, und Reflexionen u. allegorische Beziehungen auf das Leben u. Treiben der Zeit bildeten einen störenden Gegensatz zu den Schilderungen der von der Cultnr noch unberührten Lebensverhältnisse; so dieBukolika des Virgilius. Noch mehr entfernten sich von natnrwahrer Auffassung die italienischen Schäfergedichte des 16. Jahrh. Nun entstanden auch Schäferdramen, Schäferoden und Schäferromane. Das Schäferspiel Guarinis: II pastor Läo, rief eine Menge Nachahmer bei verschiedenen Nationen hervor. In Deutschland wurde die Schäferpoesie von Opitz eingesührt, dann bildete sich eine förmliche Dichtergesellschaft zur Cul- tivirung derselben: die sogen. Pegnitzschäfer (s. d.). Zu noch größeren Geschmacklosigkeiten führte die Begeisterung für idyllische Zustände in Frankreich, wo Honore d'Ilrfe 1012 mit dem Schäferroman Asträa auftrat u. die Veranlassung zu Len Schäfer- maskeraden war, welche, bei Hofe sowol, wie auch in anderen Gesellschaftskreisen aufgeführt, oft einen starken Beigeschmack von Sittenlosigkcit hatten. Einen neuen Versuch in der b-en Dichtung machte Sal. Geßner um die Mitte des 18. Jahrh. Der Geschmack an dieser süßlichen Dichtungsart verlor sich mit der gegen Ende des 18. Jahrh. eintre- tendcn Regeneration der Dichtung, u. das Idyll späterer Zeit stellte sich auf den Boden eines gesunden Realismus; so namentlich Voß' Luise und das Meisterstück idyllisch-epischer Darstellung: Goethes Hermann und Dorothea. Bukow, 1) Stadt im Kreise Lebus des preuß. Regbez. Frankfurt, an der Stobberow; Ausgangspunkt für den Besuch der sog. Märkischen Schweiz; mehrere Berge u. Seen; Hopsen- u. Bohnenbau; 1667 Ew. 3) S. u. Neu-B. Bukowina (d. i. Buchenlaud), 1) österreich. Kronland, Herzogthum; lO,451sDüm (186,gösterr. oder 189,g gevgr. f^M); grenzt im N. an Galizien, im O. an Bessarabieu u. die Moldau, im S. an diese u. Siebenbürgen, im W. an letzteres u. Ungarn; meist gebirgig Lurch die Ausläufer der Waldkarpathcn, die von W. nach O. abfallen, durch die Flußthäler zerfallen sie in zahlreiche Ketten; in dem steilen Zuge am rechten Ufer des Weißen Czeremosz sind derTommatik (1553 m), am rechten Ufer der Goldenen Bystricza der Suchard- czel (1702 m) u. am linken Ufer der Dcznmaleu (1853 m) die höchsten Erhebungen des Landes; in der Nähe führt der Borgopaß (1200 in) nach Siebenbürgen; im N. u. O. sind wenige Punkte über 500 m hoch; Seehöhe von Czernowitz 136,-,rn. Flüsse: der Dnjestr bildet dieNGrenze des Landes; der Pruth mit dem rechtseitigen Nebenflüsse Czeremosz; der Sereth mit der Suczava, Moldawa u. Goldenen Bystricza, die erst in die Moldau münden; ihre Wassermenge mit Ausnahme der Goldenen Bystricza ist sehr wechselnd. Das Klima ist continental, dazu das Land gegen den im Winter häufigen NOWind offen; vorherrschende Windrichtung NW; mittlere Jahrestemperatur in Czernowitz 8,5" 0., in den höheren Theilen des Landes 5,4° 6.; die Mengedes jährlichen Niederschlages 58 u. 59 om. Der Ackerbau wird nur in den fruchtbaren Thalebenen besser betrieben und leidet besonders durch den Mangel eines Feldschntzgesetzes; erst nach dem 5. Mai sind die Fluren sicher gegen das Betreiben mit Vieh. Das Ackerland nimmt 18,22 "/>, des Bodens ein; davon werden mit Mais bestellt, welcher die Hauptnahrung der Rumänen bildet; dann folgen nach der Menge des Ertrages Hafer, Roggen, Weizen, Hülsenfrüchte; außerdem Kartoffeln, Flachs u. Hanf; im Suczawathal Obst u. Melonen; Wein n. Tabak in geringen Mengen. Der Wald bedeckt mehr als 43"/« des Landes u. ist in den Gebirgen nur in der Nähe der Bergwerke gelichtet: wegen Mangels an Absatz des Holzes wird der Turnus des Umtriebes selten eingehalten; in den Ebenen herrscht Laubholz vor, besond. Buchen, während Eichen n. Rotheichen nur mehr selten sind; auf den Höhen Tannen n. Fichten. Die schönsten Masten kommen ans der Nähe von Moldanisch-Kimpolung. Ein Drittel des Landes u. fast alle Bergwerke gehören dem Griech.- oriental. Religionsfonds der B., der jährlich bedeutende Überschüsse hat. Der Viehstand, der in den Jahren 1864 — 66 durch Mißjahre und Futtermangel sehr gesunken mar, hat sich seitdem wieder gehoben; (1871) Rindvieh 224,424 Stück; Schafe 217,913 St., meist Fleischschafe; Pferde 42,649 St., in Radautz ein Staatsgestüt; ferner 133,385 Schweine u. 18,786 Ziegen; ansehnliche Geflügel- u. Bienenzucht. Die Jagd ist sehr ergiebig. Die wenigen Bergwerke liegen im SW. gegen Siebenbürgen hin. Die Erträgnisse des Bergbaues waren 1873: an Roheisen (Hauptwerk in Jakobeny) 37,374 Zoll-Ctr. (mit Holzkohlen erblasen); an Kupfer zu Pozorita 646 Ctr.; an Braunstein 7423 Ctr.; der Bergbau auf Braunkohlen war eingestellt; an Salz zu Kaczyka 57,000 Ctr.; Gesammtwerth 237,883 Gulden. DieZahlder Einwohner betrug 1869: 513,404 (49 Menschen auf den Hjlcm — 2704 auf die geogr. Meile); davon sind 38 °/„ Rumänen, im O., die ursprüngliche Bevölkerung; im W. wohnen Ruthenen (41 °/o), Deutsche (8 "/o), Ungarn aus dem Szeklerlande, Polen, Slowaken, Czechen, Armenier, Juden (9'/-r "/»). Das gemeinsame Band ist die deutsche Sprache. Der Religion nach ist der größte Theil der Einwohner griech.- orientalisch (73 "/„); eine Secte derselben sind die Lipowaner, in 3 Dörfern, welche 1783 unter Joseph II. ans der Krim eingewandert sind; lOH-"/» Katholiken, 3^ »/g unirte Griechen, 24°/, Protestanten, Armenier u. 9^°/, Israeliten. Die Griech.-Orientalen stehen unter dein Metropoliten von Czernowitz; unter ihm stehen 12 243 Bulach — Decanate, 3 Basilianerklöster; die römischen, nuirt- griechischen u. armenischen Katholiken gehören zu Len einzelnen Erzbisthümern in Lemberg; für die Protestanten (Lutheraner) besteht ein Seniorat in Czernowitz; für die Israeliten ebendaselbst ein Landesrabbinat. An Lehranstalten bestehen: in Czernowitz eine Universität u. eine griech. theol. Lehranstalt, 2 Obergymnasien (Czernowitz u. Sn- czawa), 1 Untergymnasium (Radautz), 1 Oberrealschule (Czernowitz), 1 Unterrealschule (Sereth) und 1 mittlere Gewerbeschule (Czernowitz). Die Volksschulbildung steht auf einer geringen Stufe. Die Volksschulpflicht dauert vom vollendeten 6. bis zum vollendeten 12. Jahre; das Schulgeld ist ausgehoben; doch besuchen von den 60,000 schulpflichtigen Kindern kaum 20 "/„ die Schule. Die Zahl der Volksschulen beträgt 179, davon nur 9 7klassige u. 13 Massige. In Czernowitz find je eine Lehrer- u. eine Lehrerinnenbildnngs- anstalt. Wie sich bei einer so geringen Volksbildung von selbst versteht, ist die Industrie des Landes eine geringe. Am zahlreichsten sind die Branntweinbrennereien, Bierbrauereien, Eisenindustrie in Jakobeny, Cementfabrikation, Holzproduc- tion in Nadautz, 4 Dampfmühlen, Maschinen- u. Bronzefabrik in Czernowitz, Corduan- u. Saffian- bcreitung in Surzawa. Der Handel ist meist in den Händen von Juden und Armeniern. Eisenbahnen: Lcmbcrg-Czernowitz 30 km, Czernowitz- Snczawa 90 km; außerdem bestehen 6820 km Straßen, davon Reichsstraßen. Dem materiellen Aufschwünge des Landes stehen besonders die vielen Feiertage und die Kirchweihfeste entgegen. An der Spitze der Verwaltung steht die Landesregierung in Czernowitz, welcher 8 Bezirkshaupt- mannschaften (Czernowitz, Kuczurmaru, Kimpolung, Radautz, Sereth, Suczawa, Storozynec n. Wißnitz) n. das selbständige Communal-Amt in Czernowitz untergeordnet sind. Die B. steht unter dem Ober- landesgerichte in Lemberg; im Lande ist das Landesgericht in Czernowitz, unter demselben 14 Bezirksgerichte; in Czernowitz befindet sich ferner eine Post-, Telegraphen- und Finanz-Dircction, eine Handels- u. Gcwerbekammer. In das Abgeordnetenhaus des Reichstages wählt die B. 9 Vertreter; der Landtag besteht aus 30 Mitgliedern, u. zwar aus dem griech.-oriental. Bischof in Czer- nowitz, ans 10 Abgeordneten des Großgrundbesitzes, 5 der Städte, 2 der Handelskammer u. 12 der Landgemeinden. Geschichtliches. Die B. gehörte ehemals zu Siebenbürgen u. wurde 1482 von dem Fürsten Stephan IV. von der Moldau erobert. Der Manie des Landes soll daher stammen, daß Fürst Stephan IV. in einem Kriege gegen die Polen 1496 auf einem großen offenen Aide bei Chotim n. Czernowitz 20,000 Polen gefangen rmhm, sie an Pflüge spannte, das ganze 2 Mellen lange Schlachtfeld von ihnen umpflügen ließ u. Bucheu- samen dahin säete, woraus die schönen Buchenwälder wuchsen, welche die Polen B. nannten. Mit der Moldau kam auch die B. unter die Oberherrschaft der Türken. 1769 mit der Moldau von den Russen erobert, wurde sie 1774 zurück- gegeben, aber in demselben Jahre von Österreichern besetzt und Lurch die Convention vom - Büicm. 12. Mai 1776 von der Pforte förmlich an Österreich abgetreten. Die B. stand anfänglich unter einer eigenen Militärverwaltung, kam 1786 als B.-District, dann als Czeruowitzer Kreis unter die Civilverwaltung von Galizien. 1849 erst wurde sie ein selbständiges Kronland u. hat seitdem, mit einer kurzen Unterbrechung 1860, ihre administrative Selbständigkeit behauptet. Die Landesverfassung wurde dadurch nicht berührt. Vgl. Heimathskunde der B., Czernowitz 1872; Simiginowicz-Staufe, Die Bodenplastik der B., Kronstadt 1873; Hanptbericht u. Statistik über das Herzogthum B. 1862—71, herausgeg. von der B-er Handels- u. Gcwerbekammer, Czernow. 1873 . Cicalek. Bulach, s. u. Nen-B. Bülach, Städtchen u. Hauptort des gleichnam. Bezirkes (von 20,700 E.) im schweizer Kanton Zürich, an der Glatt, Station der Eisenbahn Zürich-B.; Wein- u. Getreidebau; 1655 Ew.; in der Nähe der B-er Hard, ein großer Eichenwald. — B. gehörte früher den Freiherren von Thengen, wurde aber dann an die Markgrafen von Hochberg, von diesen 1384 an Österreich u. vom Herzog Friedrich 1409 an Zürich verkauft. Bnlak (Bnlaq), Vor- u. Hafenstadt von Kairo, auf einer Nil-Insel; Bahnhof, Zollamt; eine 1840 errichtete Sternwarte; Bazar; bekannte Buchdruckerei arabischer, persischer u. türkischer Werke; Seiden- u. Baumwollenfabriken; schöne Gärten; etwa 20,000 Ew. Bulnrchos, griech. Maler n. überhaupt der älteste Maler, der ausdrücklich erwähnt wird; lebte im 8. Jahrh. v. Chr. n. soll 708 v. Chr. Die Zerstörung Magnesias an Len König Kandaules von Lydien verkauft haben. Doch trifft diese Notiz des Plinins nicht mit der Geschichte zusammen; denn Magnesia ward 737 zerstört, Kandaules aber starb schon 715 v. Chr. Bulard, frauz. Arzt, geb. 1805; widmete sich besonders dem Studium u. der Bekämpfung der Pest im Orient. Die Grundlage seines Purifi- cationsverfahrens und Sanitätssystems gegen die Pest war die Wärme. Seine Vorschläge zur Abschaffung, vorläufig Erleichterung der Quarantäne hatten Len Beifall des russischen Kaisers Nikolaus gefunden, der ihm 1840 den Auftrag ertheilte, in Odessa das Ouarantänewesen zu revidiren u. nach seinem System einznrichten. Er st. auf seiner Rückkehr von dort 2. März 1843 in Dresden. Er schr.: De la pssts orisntals, Paris 1839, deutsch von Becker. Thamhay». Bülau, Vogel, so v. w. Pirol. Bülau, Friedrich, staatswissenschaftlicher u. historischer Schriftsteller, geb. 8. Octbr. 1805 in Freiberg; stndirte 1823—27 die Rechte in Leipzig, habilitirte sich 1823 daselbst, wurde 1833 außerordentlicher, 1836 ordentlicher Professor der praktischen Philosophie; 1837—40 besorgte er auch die Censur der period. Presse; er st. 26. Oct. 1859. B. schr.: Rechtliche u. staatswisscnschaftliche Mit- theilung für das Königreich Sachsen, Lpz. 183>; Encyklopädie der Staatswissenschaft, ebd. 1832, 2. A., 1855; Verfassnngsrecht des Königreichs Sachsen, ebd. 1833; Der Staat n. der Landbau, ebd. 1833; Der Staat u. die Industrie, ebd. 16 * 244 LnIIiik'oriiiis 1834; Handbuch der Staatswirthschaftslehre, ebd. 1835; Die Behörden in Staat u. Gemeinde, ebd. 1836; Geschichte des europäischen Staatensystems, ebd. 1837—40, 3 Bde.; Allgemeine Geschichte der Jahre 1830—38 ((als Fortsetzung von Pölitz' Weltgeschichte), ebd. 1838; Geschichte Deutschlands von 1806—30, Hamburg 1842 (für Heereus u. Ukerts Europ. Staateugeschichte); Zeitfragen aus Politik».Volkswirthschaft, Lpz. 1846; Europ. Verfassungen (Fortsetzung von Pölitz' Sammlung), 1847; Wahlrecht u. Wahlverfahren, 1849; Geheime Geschichten u. räthselhaste Menschen, 1850 bis 1860, 12 Bde., 2. Allst., 1863—64 (sein ge- leseustes Werk); Erörterungen über Grundsteuer- sreiheit, Lpz. 1855; Die deutsche Geschichte in Bildern, Dresden 1855—60, 3 Bde.; Die Ritter- güter u. ihre Stellung zu Staat u. Gemeinde, Lpz. 1857; übersetzte Macaulays Geschichte Englands, 1849 ff., u. redigirte mit Weiske die Zeitschrift: Das Vaterland, Lpz. 1831—35; den Bolkskalender von 1832 an; Die neuen Jahrbücher der Geschichte u. Politik, 1838—49; Die Deutsche Allgemeine Zeitung, 1843—48; 1851 bis 1854 die Leipziger Zeitung. Creizenach.» kuldüormls, zwiebelförmig. Suldlllus (lat., Bot.), Zwiebelchen; s. Knospe. 8u!booollmm v., Pflauzengattung aus der Familie der liiliaosas-NsIantiiioicisaö (VI. 1), mit 6blätterigem,trichterförmigem, purpurviolettemPe- rigon, langgcnagelten Perigonblättern, welche am Schlunde durch seitliche Zähne verbunden sind; Frucht eine scheidewandspaltige Kapsel mit nach innen aufspringenden Fächern. Art: L. rsrnum L-ks, auf Wiesen in der Schweiz, Frankreich, Spanien u. Ungarn. Engler. öulbogomnm, s. Knospe, öulbosus, zwiebelig ausgetrieben, öulbotubsr, Zwiebelknolle; s. Stamm. Bülbül, bei den Persern die Nachtigall. Nach der Mythe liebte B. die Rose Gül u. klagte ihr seine Liebe: der Inhalt des Gedichtes Gül u. B. kulbus, 1) (Bot.) Zwiebel, s. Stamm; daher bnlblosps, zwiebelköpfig, Stengel wegen Verdickung der Blätter unten einer Zwiebel ähnlich; kmkbiksr (bnlbixsr), Zwiebeln od. auch Knollen in den Blattwinkeln od. Blüthen tragend; dnldi- kormis, zwiebelförmig; kmkboons, zwiebelartig; dnlbotnbsr, Zwiebelknollen, Knollenzwiebel. 2) (Anal.) Ein mit concentrischen Häuten wie,die Zwiebel versehener, so ö. oenki, Augapfel; od. zwiebelartig gestalteter Körper, so v. nrstlwas, s. Harnröhrenzwiebel; L. aortas (Aortenzwiebel), der rundliche, mit den Klappen versehene Anfangs- theil der Aorta (s. d.). kulbus Scillae, s. Meerzwiebel. Bule (gr.), Rath, Senat. Buleuterion, Rathsversammlung, Rathhaus. Bulcugerus (Boulenger), Julius Cäsar, Geschichtschreiber, geb. 1558 zu Loudun in Poitou; wurde 1582 Jesuit, verließ 1594 den Orden wieder u. trug in Paris, Toulouse u. Pisa klassische Literatur vor; 1614 trat er wieder in den Jesuitenorden; starb 3. Aug. 1628 in Cahors. Er schr.: Vs Imperators st imxsrio vornan», Par. 1614, Leyd. 1618, Fol.; vistorlas sni tsmporis (die Jahre 1560—1612 umfassend), Leyd. 1619, — Bulgarien. Fol. Seine Abhandlungen über Gegenstände aus dein klassischen Alterthum erschienen gesammelt als Opnsoulorum piirloloAisornm szrstsma, Leyd. 1621, 2 Bde., Fol. Vgl. Möller, Vs vnIsnAsro, Altd. 1691. Bulgar (Bolghar), einst Hauptstadt des Reiches der an der Wolga hausenden Bulgaren, von Batn Khan im 13. Jahrh. zerstört, dann von Tataren bewohnt und Bnlimer genannt. Noch bedeutende Ruinen sind vorhanden (s. Bolgary). Bulgare», 1) ein Volk finnischen od. ugri- scheu Stammes; saßen ursprünglich an der Wolga (daher auch ihr Name); sie kommen schon 120 v. Chr. vor, wo eine Schaar in Armenien eingefallen war u. von König Arsakes I. Sitze am Araxcs angewiesen erhielt. Von ihrem Hauptsitze am Don u. Dnjepr drangen sie zu Ende des 5. u. Anfang des 6. Jahrh. über die Donau und streiften bis Constantinopel; s. Bulgarien (Gesch.). Die B. in Bulgarien sind durchaus mit Slaven vermischt u. sprechen eine slavische Sprache (s. u. Bulgarische Sprache u. Literatur). Indessen sind, während der Haupttheil der B. nach der Donau zog, viele B. in den alten Sitzen an der Kama (daher Kamische B.) u. Wolga (Weiße B. genannt) zurückgeblieben; sie waren rüstige Handelsleute u. standen mit den am Kaspischen Meere, an der oberenWolga in Ost- u. NRußland wohnenden Völkern in Verbindung; der Handelsplatz war ihre Hauptstadt Bulgar (s. Bolgary). Ihre Religion vertauschten sie auf Verlangen ihres Khans Almis mit dem Islam, n. nun hießen diese B. bei den arabischen Schriftstellern (zum Unterschiede von den christlichen B. an der Donau) mohammedanische B. Durch Wladimir d. Gr. kämen sie 984 unter russische Botmäßigkeit; sie behielten aber ihre Khane, so auch nach dem Einbrüche der Tataren in Rußland 1236, und ihr Gebiet behielt seine alte Ausdehnung (im S. bis an das jetzige Saratow). Der Name B. erhielt sich hier bis zur Eroberung von Kasan durch die Russen, worauf er verschwand. Vgl. Uvacov, Vs vnlA. ntrornmgns oriA. st ssckidns antig., Dorpat 1853. 2) Im Mittelalter Name der Katharer od. Albigenser, weil man die Vulgärer als ursprünglichen Sitz ihrer Ketzerei ansah; daher das franz. LonMs. Bulgarien, Prov. der Europäischen Türkei, osficiell jetzt Tuna-Vilajet, d. h. Gouv. der Donau genannt; 85,612 Usirm (1555 H>M)s 1,995,243 Ew.; grenzt nördl. an Rumänien, westl. an Serbien, südl. an das türk. Vilajet Adrianopel, östl. an das Schwarze Meer; der Balkan (s. d. Art.) bildet die SGrenze, in dicht bewaldeten Vorbergen u. Hochflächen zur Donau abfallend, die er als hoher, zum Theil felsiger Rand umsänmt u. ihr in tiefen Felsthälern Flüsse zusendet (Timok ans Serbien, Jsker, Vid, Osma, Lom, Jantra, Taban), wogegen der Kam- tschyk u. Prawady ins Schwarze Meer abfließen. An diesem liegen die Vorgebirge Kali Akra und Emineh u. die Hochsteppe Dobrudscha, die theils Gestrüpp, theils Getreideflnren trägt. Die weite Ebene des Lautes scheidet der Trajanswall (31 Icw lang) von der Dobrudscha, da er Lurch eine Wüste von Rassowa an der Donau bis Köstendsche am Bulgarien. Schwarzen Meere geht, einer Eisenbahn n. einem Kanal den Weg zeigend. Weniger steppcnartig n. daher forstenreich ist der Westen von B.; das Land im Ganzen gut bebaut, aber es fehlt an Straßen, u. die tief eingefurchtcn Flußläufe find ohne Brücken. Nach regenreichem Frühling kommt ein trockener Sommer, der die Bäche austrocknet, u. auf heiße Tage folgen kalte Nächte. Der 1 bis 4 in hohe Humus bedarf keines Düngers, aber es wird nur ^ des Bodens angebant mit Weizen (Versendung über Varna n. Burgas), weniger mit Mais u. Roggen, am Fuße des Gebirges mit Rübsen. Das Land erzeugt etwa 1,801,967 ül Weizen, 218,200 Roggen, 1,111,933 Gerste, 436,400 Hafer u. 4,908,033 Mais; ist an guten Weiden reich u. besaß an Vieh im I. 1864: 240,682 Pferde, 14,814 Manlthiere, 155,502 Büffel, 631,452 StückRindvieh, 4,225,662Schafe, 961,617 Ziegen und 278,888 Schweine. Die Miueralschätze find bis jetzt wenig ausgebentet; nur viel Eisen u. Blei u. etwas Silber wird gewonnen. Die Bewohner sind größtentheils Bulgaren (s. d.), ein jetzt durchaus slavischer Volksstamm, brave Leute, arbeitsam, gastfrei, aber unruhig u. haben eigene Sprache (s. Bulgarische Sprache). Außer den Bulgaren wohnen im Lande noch Türken, Juden, Griechen, Rumänen, Serben Albanesen, Armenier, Russen (Kosaken), welche unter Peter d. Gr. hier einwanderten, u. Tataren, die starke Pferde« und Bienenzucht treiben; seit neuester Zeit befindet sich auch eine Colonie von Tscherkessen in der Dobrudscha. Was die herrschenden Sprachen betrifft, so wird im W., von der ferb. Grenze bis zum FlusseJantra in denStädten türkisch, aus dem Lande aber bulgarisch, vorn Jantra bis zum Schwarzen Meere aber durchaus türkisch gesprochen. Der Religion nach gibt es in B. 1,168,976 Christen (darunter 11,368 Armenier und 5670 römische Katholiken, die übrigen find griechischen Glaubens, bedienen sich aber des Alt« flavischen als Kirchensprache), ferner 819,226 Mohammedaner u. 7041 Juden. Die Industrie beschränkt sich auf Gewinnung von Natnrproduc- ten, Verfertigung von wollenen Zeugen, Kotzen u. Leinwand; berühmt sind die von den bulgarischen Frauen verfertigten Teppiche. Die 224 Lin lange Eisenbahn von Varna nach Ruschtschuk durchschneidet den östl. Theil der Provinz. B. steht unmittelbar unter türk. Regierung u. zerfällt in 6 Mutessarislik: Tultscha, Warna, Ruschtschuk, Tirnova, Widdin u. Sofia. Hauptstadt ist Ruschtschuk. In B. stehen 19,702 Mann türk. Truppen. Die Einkünfte der Prov. betragen 152,830,749 Piaster. Geschichte. Als älteste bekannte Bewohner von B. werden die Mösier genannt, woher das Land bei den Römern auch Mösia u. zwar Nossia inksrior hieß. Sie hielten sich lauge unabhängig von der römischen Herrschaft, sowie von der byzantinischen, mußten aber endlich im 7. Jahrh. den Bulgaren (s. d. Art.), weichen, welche seit etwa 460 Streifzüge gegen das Oströmische Reich begannen, die sich immer häufiger u. in größeren Massen wiederholten, selbst bis in die Nähe von Constanti- nopel. 562 geriethen sie, aber unter Beibehaltung ihrer Khane, unter das Joch der Avaren, welches Khan Kuwrat 634 zerbrach. Bei dessen Tode 660 spalteten sich die Bulgaren unter dessen 5 Söhne, deren mächtigster, Asparuch, voin Dujestr vordraug u. sich über der Donau festsetzte, 680. Sein Nachfolger Terbeles bekam als Lohn für die Wiedereinsetzung des zu ihm geflüchteten Kaisers Jnsti- nianusll. 705 einen großen Strich Landes auf der SSeite des Hämns, der in der Folge Zagoria genannt wurde. Während sie mit den in Mösien vorhandenen Slaven sich vermischten, hielten sie sich mit den byzantinischen Kaisern auf möglichst friedlichem Fuße, bis Constantin Kopronymos den inneren Streit unter den Bulgaren zu ihrer Schwächung benutzte u. sie tributpflichtig machte. Da erschien aber in Krumus, dem Bulgarcn- Khan, eine Geißel der Oströmer; 803—813 Herr von Siebenbürgen u. Ungarn bis zur Theiß geworden, schlug er 813 den Kaiser Nikephoros, drang bis Byzanz vor u. nahm 814 selbst Adrianopel; aber schon nach seinem Tode sank die Macht der Bulgaren durch Absonderung einiger Stämme, u. die Bekehrung des Khans Bogoris (getauft Michael 866) schien sie auch gegen die Byzantiner milder zn stimmen, zumal die Bulgarische Kirche mit der Griechischen vereint u. unter den Patriarchen von Constantinopel gesetzt wurde. Jndeß Simeon, der Sohn des Fürsten Wladimir, zog dreimal vor Byzanz, unterwarf Serbien n. trennte die Bulgarische Kirche von der Griechischen; doch sein Sohn Peter, seit 927, verlor Alles wieder u. suchte Schutz bei den Byzantinern. 969 machte sich der russische Großfürst Swätoslaw B. unterwürfig, mußte es aber dem Kaiser Johann Tsi- misces Juli 971 wieder herausgeben. Schon 978 brach der Aufruhr gegen die byzantinische Herrschaftaus, u. folgten nun wüthende Kämpfe, infolge deren der Bulgarenstamm furchtbar deci- mirt wurde, bis endlich Kaiser Basilios II., der Bulgarentödter, 1018 ihn unterwarf. Die byzantinische Herrschaft, ihre Habgier u. Härte erbitterten das Volk zum Äußersten, u. so folgte es gern den Aufreizungen der beiden Walachen Peter n. Asan, um sich von diesem Joche zu befreien; sie gründeten ein neues, freilich beschränkteres Bul- garenreich 1185, in welchem ihnen 1196 ein jüngerer Bruder Johann I. folgte, der vom Papste einen Patriarchen u. dieKrönung erlangte (1203) u. glücklich gegen dis Byzantiner kämpfte, worauf Johann II. Äsan 1227 Makedonien n. Thrake eroberte; unter den schwachen Nachfolgern ging aber alles eroberte Land wieder verloren n. kam sogar für einige Jahrs unter die Herrschaft der Tataren; nach der Befreiung von diesen 1299 begannen die Kriege mit Ungarn, welche das Land entvölkerten. König Johann Alexander (gest. um 1353) sah bereits türkische Horden sich in Thrake niederlassen, u. während sein älterer Sohn Michael Strascimir, 1359 von Ludwig I., König von Ungarn, besiegt n. gefangen, wieder freigegeben ungarische Oberhoheit anerkennen mußte, wurde dessen Bruder n. Nachfolger Sisman 1365 Vasall der Türken; zwar verbündete er sich mit den Serben u. anderen Nachbarn gegen den Oberherrn, endete aber nach der Niederlage seiner Bundesgenossen auf dem Amselfelde (s. d.) sein Leben im Kerker, 1391. B. wurde nun türkische Provinz. Jndeß hat sich in neuester Zeit bei dem 246 Bulgarin — Bulgarische Sprache u. Literatur. schweren Drucke, dsrans dem Volke lastet, nationales Bewußtsein u. der Wille, sich zu befreien, mehr u. mehr entwickelt; eine große Anzahl Bulgaren wanderte 1829 aus u. gründete 85 Colouieu in Bessarabien, mit dem Hauptorte Bolgrad; auch in B. selbst kam es mehrmals zu Aufständen gegen die Türken. Segensreiche Reformen, deren Spuren nicht wieder vertilgt werden können, brachte die Verwaltung von Mithad Pascha (1862—68). Der kirchlichen Bewegung unter den Bulgaren machte die Pforte dadurch ein Ende, daß sie ihnen einen eigenen Patriarchen gewährte, 1870. Vgl. Vretos, Im LuIZuris unsisnvs et moäerns, Petersb. 1852; B., seine Weltftellnng, seine Natur- u. Culturverhältnisse in unserer Zeit, Leipz. 1858; Hilferding, Geschichte der Serben u. Bulgaren» aus dem Russischen, Bautzen 1856—64, 2 Bde.; Dumont, tos LulAurss, 2. Ausl., Par. 1873; Kanitz, Donau-Bulgarien u. der Balkan, Lpz. 1875; Rockstroh, Wanderstudien in der Zeitschrift Aus allen Welttheilen, V. Jahrg. tGeogr.) Fr. Korner u. W. Jatschilsch. (Gesch.) Lagai. Bulgarin, Thaddäus, russ. Schriftsteller, geb. 1789 in Lithauen; erhielt seit 1798 seine Erziehung im Cadettenhause zu Petersburg, trat 1805 in das Ulanenregiment Großfürst Constan- tin n. machte die Feldzüge gegen Frankreich und Schweden mit, verließ aber nachher den russischen Dienst. Er begab sich nach Warschau, später nach Frankreich, trat in französische Dienste n. kam 1810 zur Armee in Spanien, gerieth 1814 in preußische Gefangenschaft, erhielt jedoch nach einiger Zeit seine Freiheit wieder und ging in Napoleons Hauptquartier, mit dessen Falle er seine militärische Laufbahn beschloß u. anfangs in Warschau, dann in Petersburg als Schriftsteller anstrat. Er st. 13. Sept. 1859 auf seinem Gute Karlowa bei Dorpat. 1823 gründete B. die Zeitschrift: Nordisches Archiv und 1825 mit Gretsch: Die nordische Biene. Er gab Lnslcujs, lalija, Petersb. 1825 (das erste dramatische Taschenbuch in russischer Sprache), heraus; seine Erzählungen, Satiren, Erinnerungen aus Spanien (1823) rc. erschienen als Sämmtliche Schriften, Petersb. 1827, deutsch von Oldekop, 1828, 4 Bde.; er schr. außerdem: Gemälde des Türkenkrieges im I. 1828, deutsch von Oldekop, Petersb. 1828; die Romane: Iwan Wuishigin od. Der russische Gil Blas, 1829, deutsch von Kaiser, Lpz. 1830, 4 Bde., von Oldekop, Petersb. 1830, 4 Bde.; Dmitrj Samoswanez (d. i. der falsche Demetrius), Petersb. 1830, 4 Bde.; PeterJwanowitsch Wni- shigin, Petersb. 1830, deutsch von Nork, Lpz. 1834, 3 Bde.; Rostawlew od. Rußland im I. 1812; Demetrius Mazeppa, 1832; Rußland in geschichtl., statist., geograph. u. literar. Hinsicht, Petersb. 1837, 6 Bde., deutsch von Brakel, Riga 1839—41, 3 Bde.; IVospominsniu (Memoiren), Petersb. 1844—49, 6 Bde., deutsch v. Reinthal u. Clemenz, Jena 1858—61, 6 Bde. Bulgäris, 1) Eugenios, neugriech.Schriftsteller, geb. 1716 auf Korfu; trat in den geistlichen Stand u. bildete sich später in Italien weiter ans. Nach seiner Rückkehr war er seit 1742 Lehrer in Janina u. Schuldirector auf dem Athos, mußte aber, der Heterodoxie verdächtig. diese Stelle aufgeben u. ging nach Constantinopel^ wo er wieder als Lehrer thätig war. Als 1768 der russische Krieg gegen die Pforte ausbrach, wandte er sich erst nach Deutschland, wo er besonders in Leipzig bis 1772 sich aufhielt, u. dann nach Rußland, wo ihn die Kaiserin Katharina II. znm Hofdiakon und 1775 zum Erzbischof von Cherson ernannte. Diese Stelle bekleidete er bis 1796, dann lebte er in Petersburg, wissenschaftlich u. literarisch thätig, u. st. 1806. Unter seinen vielen Schriften, die'größtentheils in griechischer Sprache verfaßt sind, verdienen besondere Erwähnung: Die Logik, Lpz. 1766; Metaphysik, Venedig 1805; Physik, Wien 1805; Lobredender Heiligen u. Leichenreden; übersetzte Gegners Mathematik, Lpz. 1772, das russische Gesetzbuch ins Neugriechische, „sowie 1786 und 1791 Virgilius' Georgica u. Äneide in griechische Verse. Vgl. Vretos, Lio§ruplns äs I'arelrövegus 2. 2., Athen 1860. 2) Demetrius, neugriech. Staatsmann, geb. 1801 in Hydra; nahm den lebhaftesten An- theil am griechischen Befreiungskämpfe, gehörte aber später auch zu Denen, welche den Sturz Kapo d'Jstrias herbeiführten. Nachdem er eine Zeit lang die Verwaltung der Marine geführt, trat er nach Ankunft des Königs wegen Differenzen mit der Regentschaft aus dem Staatsdienste; jedoch 1843 wurde er Mitglied des Senats, 1848 bis 1349 Finanzminister im Cabinet Kanaris. Im Oct. 1855übernahm er das Ministerium des Innern u. zugleich den Vorsitz im Conseil u. wußte durch die nach allen Seiten hin ordnende Thätigkeit die Aufhebung der Occupation zu erzielen; indeß trat er, ein Opfer der am Hofe herrschenden Partei u. Politik, 1857 zurück u. von nun an in immer entschiedenere Opposition gegen das bayerische Haus. Als im Oct. 1862 die Revolution ausbrach, berief ihn das Volk zum Regenten; er mußte aber schon im Febr. 1863, da er ver Bergpartei in der Nationalversammlung zu gemäßigt war, der von dieser zu Stande gebrachten Truppen-Empörung weichen u. trat nun ganz vom öffentlichen Leben zurück bis 1865, wo er wieder mit Bildung eines Cabinets beauftragt wurde, u. zwar zuerst am 28. Oct. u. dann, nachdem der König aus seine Vorschläge nicht einging, aber auch die des am 30. Oct. berufenen Ministeriums Deligeorgis zurückwies, am 16. Nov. zum zweiten Mal, um jedoch am 17. schon wieder seine Entlassung zu nehmen. Dagegen sah er seine Partei, die consti- tutionell-conservative Opposition, zur einen Hälfte vertreten im Ministerium Rufos, das am 11. Dec. berufen wurde. 5. Jan. bis 22. Juli 1872 leitete B. wieder das Ministerium u. nochmals vom 22. Febr. bis 28. April 1874, entschloß sich aber 6. Mai, nachdem es weder Kommunduros noch Deligeorgis gelungen, ein neues Cabinet zu bilden, nochmals zur Weiterführung der Geschäfte mit einem auf die Kammermehrheit sich stützenden Cabinet, das jedoch schon 7. Mai 1875 einem Cabinet Trikoupis weichen mußte. 2) Lagai. Bulgarische Sprache u. Literatur. Die bulg. Sprache gehört der südöstl. Gruppe der Slavinen an; so wie der Name fremd u. von den Bezwingern der Donan-Slovenen, den Bulgaren, anfgedrnngen ist, so ist die Sprache durch 247 Bulgarische Sprache u. Literatur. den Einfluß des Albanesischen n. Rumenischen in sehr früher Zeit verdorben u. in ihrem gramm. Ban so entartet, daß sie in vielen Punkten eine ganz unslavische Gramm, hat. Sie hat im Gegensätze zu den übrigen slav. Sprachen den Artikel, den sie gleich der alban. u. rumen. Sprache dem Nomen nachsetzt, sie hat die Dcclination bis auf wenige Reste eingebüßt n. opcrirt mit einem gewöhnlich mit dem Artikel versehenen 6asns generalis u. der Präpos. »a, sowol für den Genitiv, als auch den Dativ; im Verbum hat sie Len Infinitiv cingebüßt u. ersetzt ihn wie das Alban, u. das Nengriech. durch ein mit einer Conjunction verbundenes Verb, ünibum, bildet das Futurum ähnlich wie die meisten Sprachen der Balkan-Halbinsel mittels eines das Wollen bedeutenden Verbums; auch in phonetischer u. syn- takt. Hinsicht zeigt die bulg. Sprache in manchen Punkten eine auffallende Übereinstimmung mit dem Alban., Rumen. u. zum Theil dem Nengriech. Die besonderen lautlichen Eigenthümlichkeiten der bulg. Sprache sind: der Vokal 8 gesprochen wie es (fa), wenn acceutuirt; dagegen wie o, wenn ohne Accent n. vor einem weichen Bocal in der folg. Silbe; ferner der Vocal n (fast wie ein kurzes L), welcher ähnlich wie im Rum. u. Alb. hänfig vorkommt, weil des Accents wegen mancher volle Vocal in diesen Laut übergeht; sodann die Consonanten-Diphthonge sb u. rä aus t u. 4 entstanden. Die bezeichnendste Eigenthümlichkeit der bulg. Sprache aber ist die fast gänzliche Abwesenheit der Weichlaute, mit welchen die russ. u. poln. Sprache so reich ausgestattet sind. Grammatiken außer den älteren von Neofit (1835), Weuelin (1837), Andreov (1844) u. a. sind von Len Brüdern A. u. D. Kyriak Cankof, Gramm. L. bulg. Spr., Wien 1852; Miklosich, Lautlehre d. bulg. Spr. in Slav. Bibl. I. Miklosich. Vgl. Gramm, der slav. Spr. Bulgarische Wörterbücher, von Bogarow; franz.-bnlg., Wien 1869; bulg.- franz., 1871; Nafden Gerov, russ.-bnlg. Wörterbuch in den Jzvjcstja der Petersburger Akademie. Die bulg. Literatur beginnt sehr früh, zur Zeit des gelehrten Czars Simeon (des Halbgriechen), 892—927, wenn auch nicht in der Nationalsprache, sondern in der von Cyrill u. Method zur Schriftsprache erhobenen Sprache der pannonischen Slo- venen. Damals erlangte die Literatur in Bulgarien, ihre Blüthe in den Werken zunächst der aus Mähren vertriebenen Schüler Methods, vornehmlich des hl. Clemens, sodann des Mönches Chrabr, des Presbyter Grigori u. A. Damals wurde auch in Bulgarien die schwerfällige Glagoliza durch das vom hl. Clemens dem griechischen nach- gebildcte cyrillische Alphabet ersetzt. Mit dem Falle des Bulg. Reiches (1019) verstummte die bulg. Literatur, u. mögen damals viele Gelehrte und Schriften aus Bulgarien nach Rußland gewandert sein, in das Reich des schriftliebenden Großfürsten Jaroslaw (1018—54). Erst mit der Aufrichtung eines bulg. Staates (1186) durch Asenj u. Peter wurde wiederum die Literatur in Bulgarien ins Leben gerufen, zum größten Theil gefördert durch die Beziehungen zu den slavischen Klöstern auf dem Berge Arhos (man nennt die Literatur des 13. u. folg. Jahrh. die mittelbulgarische); ihre Erzeugnisse waren wie in der früheren Epoche, abgesehen von Chroniken, Übersetzungen byzantinischer Vorlagen meist kirchlichen Charakters. Die byzantinische Literatur war auch die Quelle von phantastischen Erzählungen und Romanen (Alexandersagc, vom indischen Czar rc.), welche ebenso wie die kirchlichen Bücher von Bulgarien ihren Weg nach Rußland nahmen, was aus den in russ. Abschriften hänfig vorkommendcn Vulgarismen zu erseben ist. Neben dieser Literatur, die auf griechische Quellen znrückgeht, entwickelte sich schon seit früher Zeit eine meist durch die Anhänger der Bogomilensecte eingeleitete Volks« thümlichc Richtung, wie sie in manchem Buche der apokryphen Literatur sich kundgibt. Nach der Unterwerfung Bulgariens durch die Türken 1392 ging die literarische Thätigkeit der Bulgaren bald zu Grunde: seit dem 16. Jahrh. bezogen sie ihre liturgischen Bücher aus Rußland, u. dieser Zustand dauerte bis auf die neuesten Zeiten. In Rom wurden zwar 1638 die Nsäitationss Lo- navsnburas in bulgarischer Volkssprache von Bak- sich herausgegeben (auf Veranlassung der Propaganda), aber dieses und andere bulg. Bücher blieben vereinzelte Erscheinungen: der eigentliche Beginn der nationalen bulgarischen Literatur ist sehr neuen Datums: 1806 gab in Ofen der Bischof Sofrony ein Erbauungsbuch in bulg. Spr. heraus: Noiibsvvzg Lriu. dann folgten in den 20er Jahren einige bulg. Bücher: von Berowicz, Bukvar (1824); von Stojanowicz-Kipilowski (Heil. Blüthenlese, 1824, Ofen); von Sapnnow (Neues Testament, 1828, Bukarest); eine rührigere Thätigkeit beginnt mit dem folgenden Jahrzehnt, vornehmlich angeregt Lurch Weuelin (einen Ruthenen ans Ungarn, schrieb russisch Mehreres über Bulg.), Aprilow u. Palauzow, von denen die beiden Letzten eine bulg. Schnlanstalt in Gabrow gründeten, welche in wenigen Jahren die Norm wurde für etwa 20 gleicherweise nach nationalen Bedürfnissen angelegte Schulen. Die Folge war die, daß, während man bis z. I. 1840 etwa 30 bulg. Bücher zählte, nunmehr die Zahl der Schriftsteller und Bücher rasch wuchs (bis z. I. 1871 wurden 700 bulg. Bücher gezählt); Liese Erfolge wurden begünstigt durch die Eröffnung einer bulg. Buchdruckerei in Constantinopel 1843. Zu Len thä- tigsten bulgar. Autoren sind zu rechnen: die beiden Neofit, Christaki Dupniczanin, Ognianowicz, Najnow Popowicz, Slawejkow, Nobowsky Woj- nikow, Gruiew, Bogdanow, Palauzow, Mutijew, Radulow, Daikdw und Andere, die meist Leitfaden u. Compendien, oft aus d. Nuss, übersetzt, lieferten. Als Dichter sind zu nennen: Najdcn Gerow, Slawejkow, Zinczifow; als Gelehrte unter Anderen: Drinow, Slojanow, Rakowski, Be- ron. Bulg. Zeitungen u. Zeitschriften (von denen die erste Ignbosiovis 1845 von Fotinow in Smyrna gegründet wurde) kamen oder kommen heraus in Constantinopel, Paris, Moskau, Odessa, Ofen, Smyrna, Braila u. s. w. Ein Mittelpunkt für literarische Bestrebungen der Bulgaren wurde 1869 gebildet durch die Gründung der Gelehrten - Gesellschaft Lnmsvno ürrmsstvo in Braila. Volkslieder sind gesammelt von: Bogojew (psendon.), Ofen 1842; Gerow, PeterSb. 1856; 248 Billionen — Bulle. Werkowicz, Belgrad 1860; Bczsonow, Mosk. 1855, u. von den durch ihr tragisches Ende bekannten Brüdern Miladinow, 1861, besonders trefflich die beiden letzten Sammlungen. Hilfsmittel: Raicz, Istorija slavsansicioir naroäov, uajpaors Boi^ar 1791,1823; Wenclin, Drsvniss inznssns 8o1§., M. 1856, 2. Ausg.; Hilferding, 8isma ob Isturii 8srbov i Lollar, M. 1855—59, Karawelow, 8Lmjainisti naroänaFo bvts, Lollar. Nehring. Buliencn, an den Segeln zu beiden Seiten befestigte Taue, um jene desto steifer in den Wind zu stellen; s. Takelage. kullmina, s. Wurzelfüßer. Kulimus, so v. w. Vielsraßschnccke. Daher Bu- limiten, versteinerte Vielsraßschnccken. Bull (engl., d. i. Ochs), 1) John B., scherzhaft der personificirte Nationalcharakter des englischen Volkes. Swift brauchte den Ausdruck zuerst. Andere schreiben die Entstehung dieses Namens dem Roman John Bull von John Ar- buthnot zu. In Caricatnren wird er als ein stämmiger, vierschrötiger Kerl, stets znm Boxen fertig, dargestellt. 2) (Irischer B.) Widersinnige, eine komische Wirkung erregende Rede, dergleichen in England bes. den Irländern nacherzählt werden. Edgeworth, Lssa^ on Irisb 8uIIs, Lond. 1803. 3) An der Stockbörse in England so v. w. Speculantcn ü In bsnsss. Bull, 1) Georg, geb. 1634 zu Welt in So- mersetshire; wurde 1705 Bischof zu St. David; st. 1710. Er schr. u. a.: Osksnsioüäsi nieasnas (worin er behauptete, daß die ans dem Nicäni- schen Concil festgesetzte Lehre von der Trinität vom Anfang in der Kirche vorhanden gewesen wäre), n. A., Pavia 1784; llarmonis. axostoliea (worin er die Übereinstimmung der Lehre des Paulus u. des Jacobus nachzuweisen versucht). Werke, heransgcg. von E. Grabe, Oxf. 1703. 2) Ole Bornemann B., berühmter Violinvirtuose, geb. 5. Febr. 1810 zu Bergen in Norwegen; ging 1828 nach Christiania, um Theologie zu studiren, übte aber vorzüglich Musik u. wurde hier Musikdirector; er ging 1829 nach Kassel, um sich unter Spohr als Violinist weiter ausznbilden, u., von diesem kalt empfangen, nach Güttingen, um dort die Rechte zu studiren, kehrte aber bald nach Christiania zurück u. nahm seine frühere Stelle wieder ein. 1831 ging er nach Paris. Hier trafen ihn mancherlei Widerwärtigkeiten, bis sich die Wittwe des Grafen Faye seiner annahm u. ihm die Mittel gewährte, ein Concert zu geben, das außerordentlichen Beifall hatte. Er bereiste darauf die Schweiz, Italien, 1835 Frankreich u. 1836 England, später Holland, Belgien, Deutschland u. Rußland u. erwarb sich als Violinvirtuose europäischen Ruf. Nach längerer Ruhe machte er 1844 eine Kunstreifc nach Amerika, woher er 1846 zurückkehrte; - 1847—48 concertirtc er in Frankreich u. leitete dann in Bergen ein Theater. 1851 ging er wieder nach Amerika, um in Pcnn- fylvanicn eine skandinavische Colonie zu gründen, verließ aber Anfang 1855 seine Landsleute und ging nach New-Aork, um hier eine Mufik- äkademie zu stiften. Da er bei dem Ländereikaufe sein Vermögen eingebüßt hatte, sah er sich zu neuen Concerlunternehmungen gezwungen; er kehrte 1860 nach Europa zurück, trat in Frankreich, Spanien, Deutschland auf, ohne die früheren Erfolge zu erzielen, während er in Amerika bei späterem Auftreten wieder Glück hatte; zeitweise lebt er in seiner Vaterstadt. Er schr. Violinstücke, die auf den eigenen Vortrag berechnet sind u. durch seine außerordentliche Bravour Effect machen; dieselben sind von geringem Knnst- wcrthe; als interessant verdienen hervorgehoben zu werden: Die Phantasien über norwegische Themata. Eine Violinschule B-s soll in Vorbereitung seilt. Brambach." Sulla, 1) (röm. Ant.) goldene runde od. halbmondförmige oder herzförmige Kapsel mit Amn- leten; bei den Etruskern Ehrenzeichen der Könige u. Lukumonen, bei den Römern, nebst der 8oAa praetsrts.. Auszeichnung früher der Nittcrsöhne, nachher aller freigeborenen Knaben u. Mädchen, von jenen bis zur Annahme der Poxa. virilis, von diesen bis zur Verheirathung, vom Halse herabhängend, getragen, dann den Laren geweiht. 2 ) So v. w. Bulle; daher 8. anrea, Goldene Bulle; 8. oruoiäts,, Krenzbulle; s. u. Bulle. Bnllant, Jean, franz. Architekt; war von 1540 bis zu seinem Tode 10. Oct. 1578 thätig; baute für Katharina von Medici das nun abgebrochene Hotel äs In Items, entwarf mit Delorme die später stark abgeänderten Pläne für den Louvre u. führte das Lötsl Oarnsvalst u. das berühmte Schloß Ecouen, dieses Muster eines Werkes der Frührenaissance, nach seinen Entwürfen aus. Auch als Plastiker leistete B. Tüchtiges u. schr.: Ilssusil ä'IiorloZsioArapIiis rc., Paris 1561; Osomstris st Iror1oAioArg,pItis xratigns, Par. 1599; Ls^Is Ksnerals ä'arclritsotnrs äss 5 manisros äs co- lcmnss rc., Par. 1564. Regnet. Bullarien, s. Bulle 4). kullarlum, Sammlung päpstlicher Bullen; s. Bulle 4). Sullstus äovtor (8. maxister), 1) Doctor und Magister, der seine Würde nicht von einer Universität, sondern von einem Pfalzgrafen mit dem Siegel (8ulls.) erhielt; daher 2) so v. w. Quacksalber. Bulldog (engl.), s. u. Hund. Bulle (8nl1s.), 1) eigentlich die Kapsel, worin das an einer Schnur befestigte Siegel der Ürkunden hing. 2) Siegel von Gold, Silber, Blei, dergl. Päpste u. Regenten an ihre Urkunden hängten. Daher 3) eine kaiserliche Urkunde (z. B. die Goldene B., s. d.), deren sich byzantinische u. fränkische Kaiser schon im 9. Jahrh. bedienten. Bes. 4) eine zum Zeichen ihrer Echtheit damit versehene päpstliche Urkunde oder Verordnung von größerer Wichtigkeit; vgl. Breven. Im 7. Jahrh. kamen diese bleiernen B-n an päpstlichen Schreiben auf u. in der Regel aus dem Avers die Köpfe der Apostel Petrus n. Paulus, mit der Unterschrift 8. 8. 4.. u. 8. 8. 8.; auf dem Revers den Namen des Papstes, seit dem 16. Jahrh. vorn, statt der Brustbilder das Wappen des Papstes. Fertigt der Papst vor seiner Weihe B-n aus, so wird die vordere Seite des Siegels leer gelassen, daher sie halbe B-n heißen. Eine in das Pergament geheftete Schnur, bei Gnadcnsachen von gelb u. rother Seide, bei Justizsachen von grauem Hans, Bllüe — IZiülmrän. 24V hält das Blei an der Urkunde fest. Diebei allen B-n beobachtete Form sieht man auf der Überschrift: Dins Dpiisoopus Lorvus Lsrvorum Dsi Xä Dorpstuam Dsi Llsmoriarn, oder In Domino Lelutem Dt Xpostoliearu Dsueäiationsm, u. dem Datum: liomas Xpuä Lanotam Nariam Llsjo- rem Xnno Inoarnationis Dominions .... (Jahreszahl n. Chr. u. Datum) Dontikiontus Hostri Xnno.... (Jahreszahl des Papats). Ist im Text der B. vom Papste die Rede, so wird nicht Dnpn oder Dpisoopus, sondern Dontilsx gesetzt. Über die Erkennungszeichen der Echtheit einer B. enthält das Beste das Werk der Mauriner: Xou- veau traits äs äiplomatigus, übers, v. Adelung. Kreuz-B-n (Dullns eruoinlno) sind solche, worin der Papst, von weltlicher Macht bekriegt, die Hilfe aller Fürsten anrnft. Die feierlichsten sind die Kanouisations-B-n; sie werden (wie bis in das 12. Jahrh. auch bei anderen B-n geschah) vom Papste n. allen in Rom anwesenden Cardinälen eigenhändig, alle anderen B-n aber jetzt gar nicht unterschrieben. Zur Entscheidung über kirchliche Lehre n. Verfassung, zur Sanction der Stiftung von Kathedralkirchen, Klöstern und höheren geistlichen Würden, zur Verleihung von Prälaturen, Ablässen, zur Bestätigung der Wahl eines Bischofs, Abts, Priors, oberen Dignitars in den Hochstiften sind nach päpstlichem Rechte B-n erforderlich. Hat der Papst die darum ansuchende Bittschrift von der Dataria erhalten u. mit seinem Dint bezeichnet, so gelangt sie durch die Hände verschiedener Revisoren an die Dataria zurück, in der mehrere Beamten das Datum zusammensetzen, dann an die Registratur zum Re- gistriren u. Vorlesen u. durch das Kanzleinotariat an die Abbreviatoren, welche das Concept zur B. (Uinubn) entwerfen. Dies wird von den apostolischen Schreibern lateinisch in gothischer Schrift (an unirte Griechen griechisch), ohne alle Jnter- punction mundirt, das Mundum von anderen Beamte« corrigirt, revidirt, plumbirt (mit dem Blcisiegel behängen), registrirt u. signirt; daher die Kostspieligkeit einer B., weil alle diese Beamten dafür ihre Sporteln erhalten. Ihre Namen erhalten B-n nach ihren Anfangsworten, z. B.: Iu dosus. Domini ata.; Dx omnibus »ktiiotioni- bus sie.; DmAsnitms sto.; Dominus ae Dsäsmp- tor noster etc. Im Kirchenstaate erhielten die B-n schon durch Anheften an die Thürcn der Hauptkirchen Roms Gesetzeskraft, in anderen Staaten nur durch die landesherrliche Genehmigung (klnost oder Darentis oder Dxoguntur), ohne welche keine B. publicirt werden darf. Die B-n sind wichtige historische Denkmale zu einer pragmatischen Geschichte des Papstthums. Daher sind auch große Sammlungen derselben unter dem Namen Duilnria, veranstaltet. Das älteste, Dul- larium muAuum dbsrubinorum, ist von La'ertius Cherubim, Rom 1586, Fol. (von Leo I. bis Sixtus V.), fortgesetzt von seinem Sohne Angel. Maria Cherubim (bis Jnnocenz X.), Rom 1634, 4 Bde. Fol., vermehrt bis Clemens X. von Angel, a Lantusca u. Joh. Paul, a Roma, Rom 1672, 5 Bde. Fol., vermehrt, Leyd. 1692—97, 5 Bde. Fol., Rom 1738—57, 17 Thle. in 28 Bdn., Fol.; ferner LuIIarium mnAuum, von Hicron. MainarduS, Luxemb. 1739—68 (B-N v. Leo I., Benedict XIV.); ferner DuIIarum, Dri- vilsxiorum ns Dipiomatum amplissima oolisetio. herausg. von Coquelini, Rom 1738—45, 28 Thle. Fol., fortgesetzt ebd. 1746—57, 4 Bde. (die B-n Benedicts XIV.); ZlnAnum DuIIarium romanor. summor. xootitioum (von Clemens XIII. bis Pins VIII.), Wien 1834 f., 4 Bde. Fol., Fortsetzung von Barben, 1835—57, 18 Bde., ferner 1857 f. (die B-n Gregors XVI ); Eisenschmidt, Römisches Bullarium, Neustadt a. d. O. 1831. Diese Sammlungen, die auch Breven n. andere päpstliche Verordnungen enthalten, sind als Urkundensammlungen zuverlässig, haben aber, weil viele B-n nicht in allen katholischen Ländern publicirt und angenommen wurden, nicht das Gewicht eines allgemein gütigen Urkuudenbnches des Kanonischen Rechtes. Die Benediktiner, Cistercienser, Dominicaner, Franciscaner u. Kapuziner haben die ihre Orden betreffenden päpstl. Verordnungen in besonderen Bullarien gesammelt. Löffler? Bulle, Stadt im Bezirke Greierz des schweizer. Kantons Freiburg, in einer fruchtbaren Ebene, 714 in über dem Meere, Station einer Zweigbahn der Schweiz. WBahnen (Romont-B.); Käse- bereituug, Hauptdepot des Gruyerekäse, Stroh- flechtercien; bedeutende Viehmärkte; 2306 Ew. B. brannte 1805 fast ganz ab. Bullenbeißer, s. u. Hund. Bullendoctor (Bullenmagister), s. Duiintus äoetor. Bullcutau, s. Takelage. Bulletin (fr., ital. Duilstino, abgeleitet aus dem mittellateinischeu LuIIn), officieller Erlaß insonderheit des Papstes, eine Kundmachung in amtlicher Form oder officieller Bericht über gewisse Vorkommnisse, Angelegenheiten, gegeben in regelmäßigen, bald größeren, bald kleineren Zwischenräumen, wol auch täglich oder stündlich, je nach Wichtigkeit und Dringlichkeit des Gegen- standes. So nennt man B-s die ärztlichen Berichte über den Gesundheitszustand eines Fürsten, Mitgliedes des fürstlichen Hauses oder einer hervorragenden Persönlichkeit, soweit solche für ,die Öffentlichkeit bestimmt sind; dann die für die Öffentlichkeit bestimmten Berichte eines Generals über Schlachten, Kriege, Verluste, Stellungen, Zustand u. Geist der Truppen, u. sind in dieser Beziehung besonders bekannt die B-s Napoleons über die Große Armee, welche, wenn auch oft weit abweichend von der Wahrheit, doch das größte Aussehen erregten. B-s heißt man weiter Berichte über die Wirksamkeit von Akademien, Gelehrten Gesellschaften, dann die osficielle Sammlung der Gesetze, Decrete und Verordnungen in Frankreich von der Zeit der ersten Revolution bis zum heutigen Tage (L. äs Isis); weiter Wahlzettel in Frankreich bei politischen Wahlen u. in Rom bei der Papstwahl; endlich wird B. auch als Aufschrift für Zeitschriften wissenschaftlichen Inhaltes gebraucht. Lagai. LuIIiaräs DO., nach Peter Bulliard (botanischem Schriftsteller u. Demonstrawr der Botanik zu Paris, st. 1793) benannte Pflanzengatt, aus der Fam. derCrassulaceen (IV. 1), kleine,fleischige. 250 Eulliet — Bülow. im Wasser oder an überschwemmt gewesenen Platzen wachsende Pflänzchen, mit gegenständigen, cylindrischen Blättern n. kleinen, achselständigen, 4theiligen Blüthen u. mit 4 vielsamigen Früchtchen. Arten: 1)8. sguntien IX?., mit sehr kurz gestielten oder sitzenden Blüthen, zerstreut im nördl. u. mittleren Deutschland. 2) 8. vaiklsntU D<7., mit langgestielten, über die Blätter hinwegragen- dcn Blüthen; in Nieder-Österreich. Engter. Bulltet, County im nordamerik. Unionsst. Kentucky, unter 38" n. B. u. 85° w. L. ; 7781 Ew.; Countysitz: Shcpherdsville. Bullinster, Heinrich, schweizer. Prot. Theolog n. Geschichtschreiber, geb. 18. Juli 1504 zu Brem- garten; studirte 1520—22 in Köln, wurde für die Reformation gewonnen, 1523 Lehrer an der Klostcrschule in Kappel n. 1529 Prediger in Brcmgarten. Nach der Schlacht bei Kappel (1531) mußte er seine Stelle aufgebeu, siedelte nach Zürich über, wurde hier an Zwinglis Stelle Pfarrer am großen Münster u. Vorsteher der Kirche und Schule in Zürich; er st. 17. Sept. 1575. B. war einer der Hauptverfasscr der ersten Helvetischen Confessio» 1536, sowie 1545 einer Antwort auf Luthers Angriffe gegen Zwingli: Wahrhafte Be- kanntniß der Diener der Kirche zu Zürich u. s. f. Auch beim Zustandekommen das (konseimus li- ssurinns (1549) zur Vereinigung Zwinglischer u. Calvinscher Lehre wirkte B. mit, während er gegen Calvins schroffe Prädestiuationslehre, im Lonssn- snv Lvnsvormis ausgesprochen, sich ablehnend verhielt. 1564 verfaßte er die 2. Helvetische Confessio», die 1566 öffentliche Autorität erhielt, im Gegensätze zwar zur Ubiqnitälslehre, aber mit dem Melanchthonischen und Calvinischcn Typus Vermittelung suchend. Durch seine Verbindungen mit vielen vornehmen Briten kam die Schweizerische Kirche zuerst mit der Englischen in freundliche Berührung. Er schr. mehrere Homilien, exegetische n. historische Schriften. Seine Reformationsge- schichte, herausg. von Hottinger u. Vögeli, Frauen- fcld 1838—40, 3 Bdc. Lebensbeschreibungen, von Ziegler, 1719, Heß, Zijr. 1828, u. Franz, Bern 1828; Pestalozzi, ebd. 1858. Löffler.' Bullion, Gold oder Silber in Barren, wie es bei der Englischen Bank liegt u. danach einen eigenen Conrs hat. Bulliren (v. Lat.), mit einem Siegel (s. Bulle) bekräftigen. Bnllock, County im nordamerik. Unionsstaate Alabama, unter 32" n. B. u. 85" w. L.; 24,474 Ew.; Countysitz: Unionsprings. Bullockmaschine heißt die von ihrem Erfinder, dem Amerikaner William Bnllock (geb. zu Grenville im Staate New-Aork) i. I. 1863 gebaute Bnchdrnckmaschine, ans welcher zuerst von der Rolle Papier ans beiden Seiten zugleich von Stereotypen gedruckt wurde. Sie ist namentlich in Amerika verbreitet u. druckt wie fast alle Rotationsmaschinen 10-—12,000 fertige Bogen in der Stunde. Dieselbe arbeitet ganz ohneBänder- sührung n. schneidet das Papier vor dem Drucke, im Gegensätze zu anderen Rotationsmaschinen. Ihr Erfinder starb im April 1867 an einer Verletzung, die er während der Arbeit an seiner Maschine empfangen. Bullok, ein Brite; bereiste 1823 Mexico und brachte eine reiche naturgeschichtliche u. ethnographische Sammlung mit, die er als B.-Musenm zu London in Picadilly anfstellte. Er schr.: Mexico im Jahre 1823, Lond. 1824, franz. Par. 1824. öulliaa kobris (Med.), Blasenficber, ein fieberhaftes Leiden, welches mit Blasenbildung auf der Haut verbunden ist; s. PsinxbiAns. Bnll-Run, Bach im nordöstl. Theil von Vir- ginien inNAmerika; ergießt sich in den Occoquan u. mit demselben in den Potomac. Hier im Nordamerik. Secessionskriegezwei für die Unionisten unglückliche Schlachten. Die erste 21. Juli 1861 unter M'Dowell gegen Beanregard. Das Standhalten des Generals Blenker verhütete eine gänzliche Niederlage u. den Verlust von Washington; in der Schlacht am 29. u. 30. August 1862 waren erst die Bundestruppen unter Pope im Vortheil, mußten sich aber am anderen Tage vor dem General Lee zurückziehen, da die verlangte Unterstützung durch M'Clellan ausblieb. Ohne die Tapferkeit des deutschen Corps unter General Sigl wäre die Armee Popes vernichtet worden. Biikow, altes adeliges mecklenburgisches Geschlecht, das schon im 13. Jahrh. vorkommt u. seinen Stammsitz wahrscheinlich im Dorfe Bülow bei Rehna hatte. Es haben sich schon seit mehreren Jahrhunderten 8 Linien dieses Geschlechtes im nördlichen Deutschland verzweigt, von denen einige in den Freiherrn- u. Grafenstand erhoben worden sind. I. Freiherren n. Grasen v. B. T) Erste Linie, seit 1705 freiherrlich, seit 1814 gräflich u. in Ostpreußen angesessen. 1) Friedrich Wilhelm, Graf B. v. Lennewitz, berühmter preußischer General, geb. 16. Febr. 1755 zu Falkenberg in der Altmark; trat 1769 in preuß. Militärdienste, rückte zum Capitän auf, wurde 1793 Major u. Gouverneur des Prinzen Louis Ferdinand u. wohnte als solcher dem Feldzuge am Rhein bei, wo er durch seine Entschlossenheit den Überfall bei Marienborn vereitelte; 1797 bekam er ein Bataillon; 1806 commandirte er als Oberstlientenant in dem belagerten Thorn, wurde 1808 Generalmajor, 1809 Brigadegeneral u. 1812 Gouverneur von Preußen u. Lithauen; 1813 zum Generallieutenant avancirt, lieferte er 5. April mit einem kleinen Corps das (erste glückliche) Treffen bei Möckern a. d. Elbe, nahm 2. Mai Halle u. siegte 4. Juni bei Luckau über Oudinot. Nach dem Waffenstillstände erhielt er das Commando des 2. preußischen Armeecorps, rettete 23. Aug. durch den SieH bei Großbeeren, wo er das Meiste zum Siege bettrug, Berlin u. schlug den Marschall Ney bei Lennewitz 6. Sept. 1813. An der Schlacht von Leipzig nahm er glorreichen Antheil und stürmte 19. October die Thore der Stadt, nahm dann die preußischen Lande in Westfalen wieder in Besitz, eroberte Holland und Belgien, ging mit der Hälfte seines Corps (die andere Hälfte unter Borstell in den Niederlanden lassend) zur Hauptarmee, focht bei Laon, nahm Compiegne u. besetzte den Montmartre, während die Wirten in Paris einzogen. Hier wurde er General der Infanterie u. nach dem Frieden zum Grasen B. v. Dennewitz erhoben u. couimandirender General in West- u. Ostpreußen. 1815 erhielt er das Bülow. 251 4. Armeecorps u, trug wesentlich zu dem Siege von Belle-Alliance bei. Das 15. preuß. Linienregiment von seinem Corps, welches Napoleons Wagen nahm, erhielt seinen Namen. Im Januar 1816 kehrte er nach Königsberg zurück, wo er 25. Febr. desselben Jahres starb. Ihm wnrde zu Berlin ein Denkmal gesetzt. Lebensbeschreibung von Varnhagen von Ense, Berl. 1854. Er hatte sich auch der Musik eifrig gewidmet. 2) Freiherr Adam Heinrich Dietrich v., Schriftsteller, Bruder des Vor., geb. 1757 zu Falkenberg; trat im 15. Jahre in ein preußisches Infanterieregiment u. ging von da zur Cavalerie über, nahm aber bald seine Entlastung; später nahm er kurze Zeit Dienste bei der niederländischen Jnsurrection gegen Joseph II., machte dann mit einem älteren Bruder eine Reise nach Amerika, die aber ihre Erwartung täuschte. Doch unternahmen sie dieselbe 1795 zum zweiten Mal, um eine Spekulation in Glaswaaren zu machen; aber auch diese mißlang, n. B. legte sich nach der Rückkehr (1796) auf Schriftstellerei. In mancherlei Händel durch seinen Freimuth n. in Noth gerathcn, reiste er nach London, kam dort in Geldverlegenheiten u. sogar ins Schuldgefängniß. Durch seinen Bruder befreit, lebte er in Versailles u. Paris, u. hier 1804 ausgewiescn, kehrte er nach Berlin zurück, ward später wegen Herausgabe der Feldzüge von 1805 (Berl. 1806, 2 Bde.) auf Verlangen Rußlands 1806 in Berlin ins Gefängnis; gesetzt u. dann nach Kolberg, Königsberg n. Riga trans- portirt, wo er 1807 gestorben sein soll. Er übersetzte Mungo Parks Reisen ans dem Englischen, Hamb. 1799, u. schr.t Der Freistqat von NAme- rika, Berl. 1797, 2 Bde.; Geist des neuen Kriegssystems (anonym), Hamb. 1799 (stellte zuerst die strategischen Grundsätze ans, welche später verarbeitet u. modificirt als richtig anerkannt wurden), з. A., 1835; Physisches Staatswohl, Berl. 1800; Geschichte des Feldzuges von 1800, ebd. 1801; Das Leben des Prinzen Heinrich von Preußen, ebd. 1805, 2 Thle.; Lehrsätze des neueren Krieges, ebd. 1805; Nene Taktik der Neueren, wie sie sein sollte, Lpz. 1805, 2 Bde.; Militärische Monatsschrift, Berl. 1805 —7; Feldzug von 1805, 1806, 2 Bde. Nach seinem Tode erschien: Gustav Adolf in Deutschland, Berl. 1808; lstnno xor- misonm ost, Ooux ck'osil snr Is LrvsäsnborAia- nisms, Kolberg 1809. Vgl. Heinrich v. B., Köln 1807. 3) Freiherr Heinrich Wilhelm, preuß. Staatsmann, geb. 16. Sept. 1792 in Schwerin; studirte in Heidelberg, machte die Feldzüge 1813 als Freiwilliger beim Walmodenschen Corps mit и. zeichnete sich als Adjutant des russischen Obersten v. Rostiz bei dessen Streifzügen ans; er focht auch 1815 in Frankreich u. bestimmte sich nach dem zweiten Pariser Frieden für das diplomatische Fach im preuß. Dienste, ward zuerst bei den Ge- bietsaustauschs-Verhandlungen in Frankfurt a. M. unter Wilhelm v. Humboldt verwendet u. folgte, ihm dann 1817 als Legationsrath nach London, nach dessen Abgänge er Geschäftsträger in London wurde; er trat dann als Geheimer Legationsrath ins Ministerium des Auswärtigen, wo ihm das Departement der commerciellen Verhältnisse zufiel; er kam 1827 als Gesandter nach London u. erwarb sich hier die größten Verdienste um Erhaltung des europäischen Friedens durch thätiges Eingreifen u. besonnenes Benehmen bei den Beschlüssen u. Protokollen der Londoner Conferenz, sowol seit 1830 in Hinsicht auf die französischen n. belgischen Verhältnisse, als im Juli 1840 wegen der Orientalischen Frage; 1841 ging er als preußischer Bundestagsgesandter nach Frankfurt. Anfang April 1842 wnrde er Minister des Auswärtigen, trat aber 1845 zurück (s. n. Preußen, Gesch.), lebte dann auf Tegel u. st. 6. Febr. 1846. 2) Zweite Linie, seit 1816 gräflich u. in Pommern u. Schlesien begütert: 4 ) August Friedrich Wilhelm v., Rechtsgelehrter u. juristischer Schriftsteller, geb. 1762 zu Verden in Westfalen; wurde Justizkanzlei- u. Oberappellationsrath zu Hannover u. Celle, 1805 Geheimer Regierungsrath zu Münster, 1807 zu Berlin, 1810 Oberlandesgerichtspräsident zu Soldin u. 1816 Oberpräsident der preuß. Provinz Sachsen in Magdeburg. Zu Berlin 1820 von einem Schlagflnsse befallen, ward er zu Geschäften untauglich u. st. 1827 zu Potsdam. Er schrieb mit Hagemann: Praktische Erörterungen aus allen Theilen der Rechtsgelehrsamkeit, Hann. 1798—1809, 5 Bde., n. Anfl., 1. — 3. Thl., 1806 u. 1814, u. später bis ans 10 Bde. fortgesetzt; Über die gegenwärtigen Verhältnisse des christlichen evangelischen Kirchenwesens in Deutschland, besonders im preußischen Staate, Magdeb. 1819. 5 ) Graf Ludwig Friedrich Victor Hans, preußischer Staatsminister, Stiefbruder des Vor., geb. 14. Juli 1774 zu Essenroda in Braunschweig; studirte 1790—94 in Göttingen, wnrde 1801 Kriegs- u. Domänenrath in Berlin, 1804 Kammerpräsident in Magdeburg n. 1807 Staatsrath im Königreich Westfalen, hier zum Finanzininister ernannt u. in den Grafenstand erhoben. Durch seinen Gegner Malchus dem König Jeröme verdächtigt, erhielt er 1811 seinen Abschied u. lebte auf seinem Gute Essenroda. Anfang 1814 wurde er preußischer Finanz- minister u. 1816 sein Grafenstand anerkannt; ergab Ende 1817 seinen Posten ans u. erhielt die Stelle als Minister des Handels n. der Gewerbe. Im Begriffe, das Oberpräsidinm von Schlesien zu übernehmen, st. er zu Landeck 11. Aug. 1825. II. Andere dieses Namens: 6) Ernst Gottfried Georg v. B.-Cummerow, geb. 13.April 1775 auf Pritzau in Mecklenburg-Schwerin; wurde, 13 Jahre alt, Lieutenant in einem hannoverischen Regiment, nahm aber 1790 den Abschied, studirte 1797—99 in Rostock u. Jena u. lebte seit 1802 auf seinen Gütern in Pommern. Während der französischen Occupation (1808) war er abwechselnd Mitglied der ständischen Commission, welche die Verwaltung von Pommern bildete; 1810—23 nahm er theil an allen Berathungen der Reformen, welche damals die Verfassung u. Steuerverhältnisse des Landes erfuhren, u. gründete die Pommersche Nitterschaftliche Bank. Seine Theil- nahme am Pommerschen Provinziallandtage gab er auf u. widmete sich allein der Verwaltung seiner Güter. Infolge der Staatseinrichtungen von 1848 bildete er für Erhaltung der Rechte der Gutsbesitzer den Verein zum Schutze des Eigen- thums. Er st. 26. April 1851 zu Berlin. B. schr.r Der Punkt auf dem I, Berl. 1823; Die Verwaltung des Staatskanzlers Hardenberg, 1823; Uber Preußens Finanzen, Berl. 1841; Preußen, seine Verfassung, seine Verwaltung, sein Verhältnis; zu Deutschland, 3. Ausl., Jena 1843 f., 2 Bde., Nachtrag dazu, Berl. 1842; Über Preußens landschaftliche Creditvercine, ebd. 1843; Der Zollverein, ebd. 1844; Politische n. finanzielle Abhandlungen, ebd. 1844 s., 2 Hefte; Die europäischen Staaten nach ihren inneren u. äußeren politischen Verhältnissen, Altona 1845; Das Bankwesen in Preußen, Berl. 1846; Die beabsichtigte neue Organisation der Königl. Bank u. die Be- thciligung von Privatvcrsonen bei derselben, ebd. 1846; Das normale Gcldsystem u. seine Anwendung ans Preußen, ebd. 1846; Preußen im Januar 1847 und das Patent vom 3. Febr., ebd. 1847, n. A., 1848; Die Taxen u. das Reglement der landschaftlichen Creditvercine, ebd. 1847; Die großen allgemeinen Creditinstitute, ebd. 1848; Die politische Gestalt Deutschlands n. die Reichsverfassung, ebd. 1848; Die Grundsteuer u. Vorschläge zu ihrer Ausgleichung, ebd. 1849; Beleuchtung des preußischen Staatshaushaltes, ebd. 1849; Preußen und seine politische Stellung zu Deutschland und den europäischen Staaten, ebd. 1849; Die Neaction u. ihre Fortschritte, ebd. 1849; Die Revolution u. ihre Früchte, 1851; Die Reform der Verfassung, 1851. 7 ) Friedrich Nud- bek Heinrich v., dänischer General, geb. 1791 zu Nnstrnp im Herzogthum .Schleswig; nahm dänische Militärdienste, machte die Schlacht bei Danne- wirke 1848 mit, commandirte an den Düppcler Schanzen 28. Mai desselben Jahres und 1849 das Besatzungscorps ans der Insel Alsen, wurde Generalcommandant u. befehligte als solcher in der Schlacht bci Kolding u. bei Friedcricia; nachher war er commandirender General in Schleswig u. später auf Seeland, trat jedoch wegen geschwächter Gesundheit zurück u. st. 16. Juni 1858 auf Sandberg. 8) Karl Eduard, deutscher Schriftsteller, geb. 17. Nov. 1803 aus Berg bei Eilenburg; war ursprünglich zum Kaufmann bestimmt, stndirte in Leipzig, widmete sich den literarischen Studien u. der poetischen Production u. stand, seit 1828 in Dresden lebend, mit Ticck in einem freundschaftlichen Verhältnis;. Nach einigen größeren Reisen u. längerem Aufenthalte in Berlin zog er sich 1849 aus das von ihm angekaufte Schloß Ötlishausen in Thurgau in der Schweiz zurück u. st. 16. Sept. 1853. Er schr. Novellen (Stuttg. 1846—48, 3 Bde.); seine Hauptbedeutung liegt jedoch in seiner Thätigkeit als Übersetzer u. Sammler. Hier zeigt er sich als geschmackvoller u. feinsinniger Anhänger der romantischen Schule; sein Hauptwerk in dieser Richtung ist das Rovellcnbuch (Lpz. 1834—36, 4 Bde.), welches 100 ältere Novellen ans verschiedenen Sprachen in sorgfältiger, mitunter etwas freier Bearbeitung enthält. In seiner Legendensammlung: Zur Nachfolge Christi (Lpz. 1842, 2. Aust., 1859) zeigte er sich bemüht, das Interesse an den schönsten Sagen der älteren Christlichen Kirche auch bei evangelischen Christen wachzurusen. Sonst schr. er noch: Neues NovAlenbnch, Brannschw. 1841; Eine allerneneste Melusine, Franks. 1849; Ein Fürstcnspiegel (Aufzeichnungen des Pfalzgrafen Friedrich II.), Franks. 1849, 2 Bde.; übersetzte Manzonis ?roms8si sposi, Lpz. 1837, 2 Thle.; gab heraus Schröders dramatische Werke, Berl. 1830, 4 Bde.; Simplicissimus, Lpz. 1836; Aus Bercnhorsts Nachlaß, Dessau 1845; mit Tieck den 3. Bd. von Novalis' Schriften, Berl. 1846; Kleists Leben u. Briefe, Berl. 1848; Schillers Anthologie ans das 1.1782, Heidelb. 1850; ferner: Der arme Mann von Toggenbnrg (Selbstbiographie des Webers Ulrich Bracker), Lpz. 1852; mit Rttstow: Heinr. Dietr. von Bülows Schriften, Lpz. 1853. B-s Sohn erster Ehe ist der Tonkünstler Hans v. B.; in zweiter Ehe vermählte er sich mit seiner Cousine Luise v. B., einer Tochter des Feldmarschalls, die Novellen dichtete u. Azeglios Denkwürdigkeiten deutsch herausgab (Massimo d'Azeglio, Meine Erinnerungen, Franks. 1862). 8) Hans Guido v., Sohn des Vor., berühmter Klaviervirtuose, Dirigent u. Componist, geb. 8. Jan. 1830 zu Dresden; erhielt seine erste musikalische Ausbildung in seiner Vaterstadt, besuchte das Gymnasium zu Stuttgart, stndirte an den Universitäten zu Leipzig (1848) u. Berlin (1849) die Rechte, wandte sich aber 1850 entschieden der Musik zu. Nachdem er bei R. Wagner in Zürich 1850—51 stndirt, bildete er sich 1851 bei Liszt in Weimar zum Klaviervirtuosen aus. Nach mehreren Knnst- reiscn (1853,1855) wirkte er 1855—64 als erster Klavierlehrer am Sternschen Institut zu Berlin, vermählte sich 1857 mit Costma Liszt, welche Verbindung sich jedoch 1869 wieder löste, wurde 1858 königl. preuß. Hofpianist, 1863 von der Universität Jena zum Docwr der Philosophie promovirt. Inzwischen machte er mehrere Reisen und trat als Klavierspieler, sowie als Dirigent erfolgreich auf. Im I. 1864 ging er nach München, wo er die Ausführungen Wagnerscher Opern (Tristan und Isolde 1865) leitete; nach einem vorübergehenden Aufenthalte in Basel (1866) wurde er Kapellmeister der Hofoper u. -Concerte n. Director der Königl. Musikschule in München. Durch Reorganisation der letzteren, sowie durch seine energische Dirigententhätiqkcit machte er sich verdient; er sührte zuerst Wagners Meistersinger (1868) auf, legte aber .infolge betrübender Familienverhältnisse seine Ämter 1869 nieder n. wandte sich nach Florenz, wo er die deutsche Musik zur Anerkennung brachte. Seitdem ist er in Deutschland noch einige Male aufgetreten, indem er für öffentliche Zwecke, namentlich zu Gunsten der Wagnerschen Unternehmungen, concertirte. Unter seinen Com- positionen sind hervorznheben: Lieder, Klavierstücke, 9 Hefte; Des Sängers Fluch, Orchesterballade, Op. 16; Musik zu Shakespeares Julius Cäsar, Op. 10; Nirwana, symphonisches Stimmungsbild, Op. 20; Transcriptionen u. Arrangements von Werken Liszts» Wagners, Berlioz'; ferner lieferte er kritische Bearbeitungen und in- structive Ausgaben fremder Compositionen (von Gluck, Bach, Händel, Scarlatti, Weber u. A.). B. besitzt eine staunenswerthe Virtuosität, sowol als Klavierspieler, wie als Dirigent; dabei wird er durch die umfassendste Gedächtnißstärke unterstützt. Obgleich er der neudeutschcn Schule an- >gehört u. diese schriftstellerisch vertritt, widmet er Bulrampur dennoch den älteren Compositionen auch die an- erkennenswertheste thätige Theilnahme. 1 >—7s Bauer.* 8) Creizenach.* Bulrampur (Balrampore), Stadt im ostindischen Gebiete von Audh, an der NGrenze gegen Nepal, an der Napti u. an einer sehr srequenten Straße von Lucknow nach Nepal; lebhafter Handel; 14,626 Ew.; schöne Aussicht auf den 186 km entfernten Dhawalagiri. Bulsnn, kleiner Staat im Himalaja, zwischen Setledsch u. Tonse; 166 Hjkm; 5666 Ew. B. befindet sich unter britischer Oberhoheit seit dem Jahre 1815. Der Rana (Radscha, Fürst) unterhält 566 Bewaffnete. Bültenhieb, sonst nach preußischen Gesetzen das Recht eines Bauers, von seinem Nachbar Dienste zur Bestellung, besonders zur Düngung seiner Felder, verlangen zu können. Buluk, Abtheilung der Janitscharen (s. d.). Bnluk-Baschi, Oberst der Janitscharen, der zur Besoldung ein Lehn hat. Bulumgurh (Ballamgarh, richtiger Balam- gar), ummauerte Stadt an der großen Straße von Agra nach Delhi, in angenehmer, wohlangebauter Gegend; ziemlich gut gebaut; mehrere Hin- dntempel u. kleiner, aber ziemlich hübscher Palast des Radscha (vom Stamme der Dschat); 6666 Ew. Bulumgurh ist Hauptort eines Lehnsfürsten- thnms unter britischer Oberhoheit. Das Fürstenthum (auch nach der Stadt Furredabad benannt) zählt ans 566 s^jkm ungefähr 57,666 Ew. Buluudschuhnr (Boolundschuhore), 1) brit. District in den NWProvinzen Ostindiens, östl. von Delhi; 4947 Hskm (89,g (UM); 936,593 meist brahmanische Ew.; für den Baumwollenbau sehr geeigneter Boden. Das Land stand im vorigen Jahrhundert unter der Herrschaft eines französischen, in Len Dienst der Mahratten getretenen Abenteurers Permon, der von Wellington vertrie- ben wurde. 2) (Bnrrun) Hauptstadt am rechten Ufer der Kalinadi n. der Heerstraße von Bareilli nach Delhi; 15,284 Ew. Bnlwer, 1)SirHenry Lytton, Lord Dalling and B., englischer Diplomat u. Schriftsteller, geb. 1864 zu Heydon Hall in der Grafschaft Norfolk. Die Bulwers, obgleich nicht der englischen Nobi- lity angehörend, sind ein altes, begütertes Geschlecht, u. B. konnte deshalb seinen Stammbaum zurückführen bis tief in die Anfänge seiner vaterländischen Geschichte. Der Stammvater der B-s, Turnold B., kam mit Wilhelm dem Eroberer nach England und ward durch diesen mit Wood Dalling, dem ältesten Stammgute der Familie B. in Norfolk, belehnt. Mütterlicherseits kam B. aus dem sächsischen Hause der Lyttons, dessen Verwandtschaft mit den alten Fürsten von Wales, sowie mit den Königshäusern der Plantagenets u. der Tn- dors nachweisbar ist. B. war der Sohn William B-s, eines der vier Generale, die von der Regierung mit der Vertheidigung Englands beauftragt wurden, als dieses von Napoleon I. mit einer Invasion bedroht wurde. Obgleich ein zweiter Sohn, erbte er von seiner Großmutter ein bedeutendes Vermögen, das ihm früh eine glänzende Unabhängigkeit schaffte. Zu Harrow u. Cambridge erzogen, verließ er die Universität ohne die Er- — Bulwcr. 25? langnng irgend eines Grades, um als Fähnrich in die königl. Leibgarde zu treten. Doch da er weder Anlage, noch Neigung zur Soldatcnlaufbahn hatte, so verkaufte er sein Fähurichspatent und wurde Diplomat. Als solcher war er seit 1827 Attache der englischen Gesandtschaften in Berlin, Wien u. dem Haag, von wo ans er 1836, als die belgische Revolution ansbrach, nach Brüssel gesandt wurde, um die Fortschritte derselben zu überwachen u. über die Möglichkeit ihres Erfolges Bericht zu erstatten. Diese Berichte waren so zufriedenstellender Art, daß er, als Belgien ein Königreich wurde, zum Legationssecretär in Brüssel aufstieg u. später daselbst auch als Geschäftsträger fungirte. 1831 erwählte ihn der Flecken Coventry in das Unterhaus, wo er, später für das Londoner Kirchspiel Marylebone, bis 1837 saß. 1839 stieg B. znm Botschaftssekretär in Paris n. 1843 znm bevollmächtigten Minister am spanischen Hofe auf, wo er 1844 den Frieden zwischen Marokko und Spanien vermittelte. Seine Einmischung in die in Madrid sich abspinnenden geheimen politischen Jntriguen n. seine Verbindung mit den verschiedenen Parteihäuptern zur Förderung der Absichten seiner eigenen Regierung zogen ihm den Haß Narvaez' zu, der ihn im Mai 1848 über die Grenze bringen ließ. Diese nationale Beleidigung wurde später vergessen und bcigelegt. Im August dess. Jahres ging B. in geheimer Mission nach Paris, ward 1849 außerordentlicher Gesandter n. außerordentlicher Minister in Washington, wo er den sog. Clayton-B.-Vertrag schloß, fnn- girte 1852—55 als Gesandter in Toscana u. seit Ende 1857—65 als Botschafter in Constantinopel, wo er nach der Thronbesteigung des Sultans Abd ul Aziz überwiegenden Einfluß gewann. 1866 nach England zurückgekehrt, trat B. wieder ins Unterhaus, im März 1871 jedoch ward er als Graf Dalling and B. in den Peersstand erhoben. Da er keine Kinder hinterließ, so erlosch diese Würde bei seinem 27. Mai 1872 zu Neapel erfolgten Tode. Als politischer Schriftsteller hat sich B. einen hochgeachteten Namen erworben durch die Schriften: Kranes, sooial, litsrar/, politioal, Lond. 1833, deutsch, 1835—36, 2 Bde.; Nüs Llo- nareü^ ok tlls miäcUs alaasss, ebd. 1836, 2 Bde., deutsch, Aachen 1836, 3 Bde.; Historioal oüa- raetsrs (Cobbet, Canning, Mackintosh, Tallcy- rand), 2. Ausl., Lond. 1869, deutsch von Karl Lanz, Lpz. 1871. In seinem lüks cck kalmsraton unterbrach ihn der Tod, jedoch war das Werk bis zur Epoche von 1851 — 52 vollendet u. erschien mit einem gleichfalls unvollständigen Essay über Peel 1873 im Druck. 2) Sir Edward George, Earl Lytton B., einer der hervorragendsten u. vielseitigsten englischen Romanschriftsteller u. Dichter, Politiker u. Staatsmann, jüngerer Bruder des Vor., geb. 25. Mai 1865 gleichsalls zu Heydon Hall; ward nach dem frühzeitigen Tode seines Vaters (1867) zuerst von seiner hochgebildeten Mutter, Elisabeth Barbara Lytton, dem letzten Sprössling u. der Universalerbin der Lyttons, auf dem Landgute dieser Familie Knebworth erzogen. Den ersten umfassenden Unterricht empfing B. in einer Privatschule in Brighton; von dort ging er in eine ähnliche Anstalt zu Ealing bei London, end- 254 Bnlwer. lich in eine dritte bei Margate. Angeregt besonders durch die Percyschen Balladen, die ihm seine Mutter zuweilen vorlas, versuchte B. schon in seinem 6. Jahre seine poetischen Kinderschwingen. Seine frühe Hinneigung zu der Laufbahn des Schriftstellers bewies er, indem er, kaum 15 Jahre alt, einen Band Gedichte veröffentlichte unter dem Titel: Ismaol, an Oriental tale, vitli oklror povius, Lond. 1820. Zur Vollendung seiner Ausbildung besuchte B. schließlich die Universität Cambridge, wo er durch das Gedicht Lenlptnro (1825) die vom Kanzler der Universität ausgesetzte goldene Preismedaille gewann. Aber noch auf anderen Feldern zeichnete er sich vor seinen Com- militonen aus. Er war einer der hervorragendsten Modchelden, was in jenem goldenen Zeitalter der Dandies nicht gering anznschlagen war. Dem Ruhme des Dandy fügte er Len des Redners hinzu, indem er einer der blendendsten und hinreißendsten Redner der Cambridger Union (ein studentischer Debattirclub) war. In Bezug auf seine Studien ist noch die Thatsache von Bedeutung, daß er mit seinem Freunde, dem Grafen Lovelace, den Old Look Olul» gründete, eine studentische Gesellschaft zur Pflege des Studiums der altenglischen Literatur. Nachdem B. die Universität verlassen, bereiste er einen beträchtlichen Theil von Frankreich, hauptsächlich zu Pferde, u. stattete Paris einen längeren Besuch ab. Hier ließ er auch (1826) ein Bändchen Gedichte drucken: 5Veods sink rvild Blorvsrs, die jedoch, nur für Freunde bestimmt, niemals in den Buchhandel kamen. Im nächsten Jahre folgte die poetische Erzählung: O'Istoil, or ölig Bebel, u. unmittelbar daraus sein erstes Prosawcrk: Balkland, Lond. 1827. Beide erschienen anonym u. wurden in die später veranstaltete Sammlung von B-s Werken nicht ausgenommen. Als literarische Leistung läßt lkalk- land vielfach die ungeübte Hand erkennen. Dennoch offenbart das Werk nicht zu verkennendes Talent und poetisches Gefühl, um den Leser bei einem Drama der Leidenschaft zu fesseln, in welchem Nachklänge der Leidensgeschichte Werthers u. der Lebensgeschichte Lord Byrons auf eigenthllm- liche Weise verschmolzen sind. Wenn nun diese Erstlingswerke ziemlich unbeachtet gelassen waren, so machte der Ende 1828 erschienene 3bändige Roman: Bslba.ni, or tlis Tdvsntnros ok aOsutls- mau (Lond. 1828) B. mit einem Schlage zu einem berühmten Manne. Nicht minder großen Erfolg errang sein anderer Roman: Mrs Olsorvued (Der Verstoßene, ebd. 1829, 3 Bde.). Der schnell erworbene Ruf feuerte B. zu neuen schöpferischen Thaten an, denn rasch hinter einander schrieb er die Romane: vsvsreux (1829) u. Baul Olikkord (1830); ferner das satirische Gedicht: Mrs Lianisse llivins (1831), nebst der lieblichenDichtung: Mltxm, u. den durch alle Welt berühmten Roman: lüuAsus Aram (1832). Dieser war seiner eigenen Ansicht nach eines seiner besten Werke u., was künstlerische Anlage u. Durchführung des Plans, Feinheit u. Schärfe der psychologischen Analyse u. Glanz der Darstellung betrifft, jedenfalls eines der merkwürdigsten. Anderseits läßt sich jedoch nicht leugnen, daß die Raffinirtheit des Gemäldes haarscharf an die Grenze des künstlerisch noch Erlaubten streift. Als ob es mit seiner rastlosen Thätigkcit als Romanschriftsteller noch nicht genug wäre, übernahm B. auch noch die Nedactivn des bis dahin von Thomas Campbell geleiteten lderv llloutlilz- Lla- Aariuo u. erwies sich durch seine später unter dem Titel: Mrs Ltiideuk (1835) gesammelt heransge- gebenen Beiträge zu demselben als geistreichen Essayisten u. Kritiker. Aus dieser Zeit stammen noch Oodolpbins (1833), ein fashionabler Roman u. wesentlich ein Nachklang von Bslbam; dann Mrs BilFrlnis ob Ois Bbins (1834), das Trauerspiel einer romantisch-idealen Liebe, n. endlich sein Buch: lluAlaud and tlio LnAlisir (1833), eine satirische Schilderung des Nationalcharakters und der Gesellschaft Englands, mit dem er sich zum ersten Mal auf einem ganz neuen Felde versuchte. klm die Zeit, als Die Pilger des Rheins erschienen, befand sich B. in Italien, u. die Frucht seines einjährigen Aufenthaltes daselbst waren seine beiden historischen Romane: Mrs last Oa^s ok Bompoii (1834) u. Bleuel, kbv last ok tlrs Tri- bmrss (1835, 3 Bde.). Das allgemeine Urtheil hat diesen Erzeugnissen seines fruchtbaren Geistes unter seinen Werken eine hohe, unter seinen historischen Romanen die höchste Stelle angewiesen. Besonders Die letzten Tage von Pompeji stehen in ihrer Art noch unübertroffen da. Es war eine Wiedererweckung des Alterthums, an welcher der Novellist, der Dichter und der Gelehrte gleichen Autheil hatten. Von nun ab folgten in ununterbrochener Reihe die Romane: Brasst Llal- travers (1837, 3 Bde.), mit der Fortsetzung: ^lies, or tbs Ll/stsriss (1838); Bella, or tlrs 8ieAS ok Orauada (1838); Oaldoron, tlis Oour- tier (1839); dann MZKt and NoroinZ (1841), der große Popularität erlangte; Baiioui (1842, 3 Bde.); die historischen Romane: Mio last ok tilg Barons (1843, 3 Bde.); Harold, tlis last ok tbs Laxon Liu^s (1845, 3 Bde.), u. Buore- tia, or tlrs Oiiildren ok lstiFlit (1846, 3 Bde.). Auch als Historiker hatte sich B. schon einige Zeit zuvor mit Erfolg hervorgethan durch sein auf gründlichen Studien beruhendes, poetisch angelegtes Werk: Milieus, lös riss and kalk (1836, 2 Bde.). Nun schwieg B. mehrere Jahre, n. erst 1842 veröffentlichte er einen neuen Band Gedichte unter dem Titel: Bva, and tlis ill-oinsnsd Nar- ida§ü. Abermals erfolgte eine Pause, dann aber erschien in Llaekivoods LlaAamvs 1849 anonym der Roman: Mis Oaxtoos, mit welchem B. in eine ganz neue Phase des Schaffens eintrat. Er, den man gänzlich ohne Humor wähnte, hatte sich hier plötzlich als Humorist enthüllt und schilderte Begebenheiten u. Charaktere mit einer behaglichen epischen Breite, mit einer realistischen Kraft und Fülle, welche an die Koryphäen des 18. Jahrh. erinnerten. Obgleich er nun diese Zeit mehr u. mehr in den Strudel des öffentlichen Lebens und der Politik hineingezogen wurde, so fand er doch noch Muße genug, seinen Oaxtous eine Fortsetzung folgen zu lassen unter dem Titel: Nxlstovel, or Varleties ok BnAlisli Bike, b/ Blsistratus Oaxtou (1853, 3 Bde.), die ihrem Vorgänger an Verdienst in nichts nachsteht. 1857 begann er in Blaekrvoods lllaKaxiuo einen dritten, höchst kunstvoll angelegten Roman in demselben Genre: Vkbat Bulwcr. 255 will Irs äo witir 1t? der 1859 beendigt ward. Sein nächster Roman war: ^ strande Ltorz' (1862, 3 Bde.), der zuerst in Dickens' Wochenschrift: Lli tds Tsar rounck erschien. Nun folgten: llis last Talss otLlilstns, eine Sammlung antiker Legenden in rhythmischer. Form, und eine Übersetzung der Oden des Horatius, die höchst merkwürdig waren, als Beweise des dauernden Einflusses der classischen Studien auf ein langes modernes Schriftstellerleben. 1871 überraschte B. die Welt mit dem anonym veröffentlichten, dem deutschen Gelehrten vr. Max Müller gewidmeten satirischen Roman: Mio oomiop; Haas (1.—8. Aufl., 1872). Kurz vor seinem Tode lieferte er noch die Novelle: Xenelm LbiUlnKl/ (1873, deutsch, Lpz. 1873). Aus seinem Nachlaß erschien 1874 der Roman: Plis karisians (deutsch, Wien 1874, 4 Bde.). Die endgiltige Entscheidung der Frage: ob B. ein Genie, oder nur ein ungewöhnlich großes vielseitiges Talent gewesen, muß der Nachwelt überlassen bleiben. Doch das Eine steht fest, daß er unter den modernen Romanschriftstellern u. Dichtern der Welt der Besten Einer war. Als dramatischer Dichter that sich B. zuerst hervor durch Bruchstücke eines dramatischen blnAevs^ram, die er in dem von ihm redigirten New LlontLIz- NaAarins mittheilte. In verschiedenen Zwischenräumen veröffentlichte er noch die folgenden dramatischen Arbeiten: Mw vnoliesss ok laVallisrs (deutsch von Czarnowski, Aachen 1837); die Komödie Mio l^aä^ ob llz-ons, noch heute ein vielgegebenes Repertoirestück (deutsch von Czarnowski, Aachen 1838); Rielrolisn (1839); llis Loaeax- tain, or llis LirtliriAbt, u. das gelungenste seiner Dramen, das Lustspiel: Nonsz- (1840). Zn einem großartigen wohlthätigen, weiter unten zu erwähnenden Zwecke schrieb er noch das Lustspiel: Not so back as wo seem (1851). Noch zu erwähnen ist die in Moliöreschen gereimten Versen geschriebene Komödie: Valpols, or svor/ mau uns bis pries (1861). Anonym erschien sein die socialen Zustände der britischen Hauptstadt geißelndes satirisches Gedicht: lim nsw Mmou, a romauos ok Iwuäoll (1846). Sein größeres Epos: LiuA^r- tknr (1848, theilweise umgearbeitete Ausg., 1870) stellte B. unter seinen Poesien am höchsten, und vielleicht leistete er darin das Vorzüglichste, dessen er als Dichter fähig war. Seine verschiedenen in Zeitschriften zerstreuten kleineren Arbeiten, namentlich die ästhetisch-kritischen, sammelte er unter dem Titel: Caxtoniana (1863, 2 Bde.). Nicht unerwähnt darf bleiben, daß B. der Literatur der Deutschen, denen er als einem Volke von Denkern seinen Lrnsst Naltravors widmete, eingehendes Interesse entgegenbrachte, das sich am deutlichsten zeigte in seiner Übersetzung der lyrischen Dichtungen Schillers, die bis jetzt in England unübertroffen dasteht; sie erschienen zuerst in lZlaoicwoocis Aagarins u. dann 1844 gesammelt in 2 Bdn. Mit B-s Laufbahn als Dichter u. Schriftsteller ist die als Staatsmann u. Politiker eng verflochten. In seinem 27. Jahre (1831) ward er von dem Flecken Saint Uves in das Unterhaus gewählt, wo er als Mitglied der fortgeschrittensten Fraction der Whigs für größtmögliche Ausdehnung des Wahlrechtes, geheime Abstimmung u. Freihandel stimmte. Znm Danke dafür u. für seine politische Schriftstellerthätigkeit, die er durch seine Flugschrift: Mm 6risis, die 20 Auflagen erlebte, bewies, erhielt er 1836 von dem Ministerium Melbourne den Baronet-Titel; ein ihm angebotenes Amt schlug er ans. B., der in den nächsten Jahren in dem Parlament keine hervorragende Rolle spielte, verlor auch bei den allgemeinen Wahlen von 1842 seinen Sitz wieder. Neun Jahre verblieb er nun im Privatleben, und erst 1851, nachdem er inzwischen nach dem Tode seiner Mutter 1844 Knebworth mit den Besitzungen seiner mütterlichen Vorfahren geerbt u. den Namen derselben seinem angestammten beigefügt hatte, erschien er wieder auf dem politischen Schauplatze mit einer Flugschrift: Iwttsr to llobn Lull (1851, 8. Aufl.), aus der man ersah, daß ans dem ehemaligen radikalen Whig u. Verteidiger des Freihandels ein Conservativer u. Schntz- zöllner geworden. Sieben Jahre später war B. als Mitglied des Toryministerinms Derby zuerst Minister der öffentlichen Arbeiten u. dann Colonialminister, von welchem Amte er im Juni 1859 zurücktrat. Ein sprechender Zug an B. ist, daß er stets die Rechte u. Privilegien seines Berufes als Künstler n. Schriftsteller vertheidigte. Die dramatischen Dichter Englands haben ihm die Sicherheit des dramatischen Copierechtes zu verdanken. Er war Einer der Ersten, der die sog. Besteuerung des Wissens angrifs. Seine Künstler- u. Schriftstellergenossen fanden in ihm alle Zeit einen hilfreichen Freund n. Berathcr. Als z. B. der Plan in Anregung gebracht ward, für altersschwache Literaten u. Künstler eine Stiftung zu gründen, wies B. ein Stück Land als Bauplatz dazu an u. schrieb znm Besten des Unternehmens das bereits erwähnte Lustspiel: Not so back ns ws seom, das 16. Mai 1851 auf dem Privattheater des Herzogs von Devonshire aufgeführt wurde. Die Stiftung, die den Namen trägt: Onilcl ob läteratnrs anä ^rt, besaß 1854 bereits ein Vermögen von 50,000 Pfd. St. Nachdem B. 1866 die Peerswürde erhalten u. noch einige Jahre als Redner im Oberhause geglänzt hatte, starb er plötzlich an einer Ohrenentzündung 18. Jan. 1873 auf seiner Villa bei Torquai, u. seine Leiche ward eine Woche später in der St.» Edmunds-Kapelle der Westminsterabtei beigesetzt. Die meisten der B-schen Romane sind in Tauoll- nitr' Lollootion ok Lritislr L.ntlrors erschienen. Deutsche Übersetzungen seiner sämmtlichen Werke erschienen zu Aachen 1833 ff., zu Stuttgart 1835 ff.; von Bärmann, Zwickau 1836 ff., von Pfizer, Nol- ter, Fink, Kolb, Stnttg. 1838 ff. Seine kostioal anck vramatio 5Vorks erschienen gesammelt in 5 Bdn., Lond. 1852. Die neuesten englischen Ausgaben seiner Romane sind: Lnsbwortll Däi- tion, Lond. 1873 ff., u. die von Kent herausgegebene, ebd. 1874 ff., 14 Bde. In Ermangelung einer Biographie vgl. über B. ArchibaldAli- son in feinen Lssa/s, 1850, 3. Bd.; Planche in seinenl?ortraits littsrairss, Bd. 1; Jul. Schmid! in seinen Bildern ans dem geistigen Leben unserer Zeit, Lpz. 1870, u. Althaus in UnsereZeit, Bd.10,I. Seine Biographie wird von B. 3) vorbereitet. 3) Edward Robert B., einziger Sohn des Bor., geb. 8. Nov. 1831; widmete sich frühzeitig der diplomatischen Laufbahn und war 1819 Gesandt- schaftssecrctär seines Oheims Sir Henry B. in Washington, 1852—54 Attache zu Florenz, 1854 bis 1856 zu Paris, Attache mit Gehalt im Haag 1856—58, Erster Attache mit Gehalt zu Petersburg 1858 u. zu Constantinopel 1858 — 59 und ward im gleichen Jahre nach Wien versetzt; sun- girte als Consnl zu Belgrad (Februar bis März 1860), ward zum Zweiten Lcgationssecretär ernannt (1862) u. als solcher zu Wien beschäftigt; war Erster Legationssecretär zu Kopenhagen 1864 (theilweise als Geschäftsträger sungireud), zu Athen 1864—65, zu Lissabon 1865—68 (theilweise als Geschäftsträger suugirend), Erster Legationssecretär zu Madrid 1868, von wo er in demselben Jahre als Botschaftssekretär nach Wien versetzt wurde, wo er den Handelsvertrag zwischen Großbritannien u. Österreich abschloß; war Erster Botschaftssekretär zu Paris 1872—74, in welch letzterem Jahre er als außerordentlicher Gesandter n. bevollmächtigter Minister nach Lissabon gesandt wurde. Er erbte beim Tode seines Vaters mit dessen Vermögen auch die Peerswürde. B. hat sich als Dichter einen geachteten Namen erworben; seine ersten Gedichte veröffentlichte er unter dem Pseudonym Owen Meredith. Zu nennen sind: 01z-- bömnosbra,, tbo Daris rstnrn anäotlwrwnnorpooins, Lond. 1856; DIrs Vanäoror, a eolisotüon oi posms in man^ iancks, ebd., 2. Ausl., 1869; Obronioios ainl Obaraobsrs, ebd. 1867, 2 Bde.; die poetische Erzählung: Dnoils, neue Ausg. , ebd., 1867. Außerdem veröffentlichte B. eine Übersetzung serbischer Volkslieder unter dem Titel: Lerdslcs Desmo, ebd. 1861; einen Roman: ll'Iis LrnA ob .^rnasis, ebd. 1863, 2 Bde.; ein dramatisches Gedicht: Orval, or tüs Dooi ob Mmv, ebd. 1869, n. Dubios in 8on§, ebd. 1874, 2 Bde. Seine Dostioai 'lVorks erschienen 1867 gesammelt in 2 Bdn. 4) Lady Rosina, geschiedene Gemahlin von B. 2), geb. 1807 zu Limerick in Ir- land, Tochter eines Francis Wheeler u. Enkelin des Lord Massey; heirathete Edward B. 1827. Ihre Ehe wurde, nachdem sie zwei Kinder, einen Sohn (Edward Robert) n. eine früh gestorbene Tochter, geboren, getrennt. Sie soll nicht ohne Antheil an dessen Werken gewesen sein; ist bes. bekannt durch den bitteren persönlichen Angriff ans ihren Gemahl in ihrem Roman: Lbsvols^, or tbs Llan ob üonowr, Lond. 1839, 3 Bde., deutsch, Breslau 1840, von G. Pfizer, Stnttg. 1840. Sie schr. noch: LnäZot ok tlrs Lnbbis Damil)', Lond. 1840, 3 Bde.; Nsmoirs ob a illnseovits, 1844; Lliriam Lockig)', 1851, 3 Bde., deutsch, Wurzen 1852. Mit rücksichtsloser Bitterkeit deckte sie die Hohlheit n. Heuchelei der vornehmen Welt ans in: Lsinnä ibs Loonos (1854), Vsr^ 8nv- oesknl (1857, 3 Bde.) u. Niro >Voriä anck ins (1858). Bartling. Bu Aiaza (d. h. Vater der Gazelle), Anführer und Prophet der Kabylen, geb. um 1820; trat zuerst seit 1841 in Algerien neben Abd el Kader auf. Als 1845 sich die Beduinen von Neuem zum Kampfe gegen die Franzosen erhoben, pflanzte er in Dahra unter dem Namen Mohammed Ben Abdallah die Fahne des Propheten auf, u. es gelang ihm, namentlich in Or- leansville n. Umgegend die arabische Bevölkerung zur Theilnahme am Kampfe zu sanatisiren. Wenn auch wiederholt besiegt, wußte er sich dennoch stets den Verfolgungen der Franzosen zu entziehen, um bald von Neuem seine Angriffe zu wiederholen, bis er sich, endlich überall besiegt und zurückgc- drängt, 1847 an St. Arnand ergab. Nach Frankreich gebracht, wurde er seit 1848, wo er in der Februarrevolution einen Fluchtversuch gemacht hatte, bis 1854 in Ham eingeschlossen, in welchem Jahre er nach der Türkei abging, nm unter dem General Dussuf den Befehl eines Corps Baschi Bozuk zu übernehmen, trat im Aug. 1855 mit Oberstenrang in das asiatisch-osinanische Heer über n. wurde später Generalmajor. Bumboot, s. Boot. Bumicilen, mohammedanische Derwische in NAfrika, besonders in Ägypten, die in einem beständigen Kampfe mit den bösen Geistern zu leben glauben u. am Geburtsfeste Mohammeds u. des Märtyrers Hussain in den Moscheen ihre Geistcr- kämpfe anfführen. Biinau, alte, im Königreich Sachsen begüterte, 1742 u. 1792 in den Reichsgrafenstand erhobene, lutherische Familie. Ihr bedeutendstes Mitglied war der sächsische Minister u. Geschichtschreiber Gras Heinrich, geb. 2. Juni 1697 in Weißenfels; wurde 1716 Oberhofgerichtsbeisitzer in Leipzig, 1717 Hof- u. Jnstizrath in Dresden u. 1731 Präsident des Appellationsgerichtes. Vom Grafen Brühl wurde er 1733 aus Dresden entfernt u. zum Direktor der Grafschaft Mansfeld ernannt; 1740 ging er als kursächsischer Gesandter nach Mainz, trat 1741 in österreichische Dienste, wurde Geheimrath u. evangelischer Reichshofrath, in den Grafenstand erhoben u. kaiserlicher Gesandter in Niedersachsen; 1745 kehrte er nach Sachsen zurück, wurde 1751 Statthalter in dem Herzogthum Weimar u. Eisenach und nach dem Regierungsantritte des Herzogs Konstantin dessen erster Minister; er nahm nach dessen Tode 1758 den Abschied u. st. 7. April 1762 in Oßmannstädt bei Weimar. Er schr.: Deutsche Kaiser- u. Reichshistorie, Lpz. 1728—43, 4 Bde.; Historie des Krieges zwischen Frankreich, England u. Deutschland, französisch u. deutsch, Regensb. 1763—67, 4 Thle. Seine Bibliothek wurde an die Königs. Bibliothek in Dresden für 40,000 Thlr. verkauft. Mit seinem Urenkel, Grafen Heinrich, starb 1842 diese Linie im Manuesstamme ans. Vgl. Sichrer v. Sahr, Heinrich, Gras v. B., Dresd. 1869 f. Wuncombe, County im nordamerikanischen Unionsstaate NCarolina, u. 35° n.Br. u. 82° W.L.; 15,412 Ew.; Conntysitz: Asheville. Ein gleichnamiges County im nordamerikanischen Unionsstaate Iowa wurde in Lyon County nmgetauft. Blttld (der Bund), 1) Vertrag, welchen mehrere Personen oder Staaten unter gegenseitigen Verpflichtungen u. Versprechungen zur Erreichung eines gemeinschaftlichen Zweckes mit einander schließen (s. Bündniß). 2) Eine engere oder weitere Verbindung mehrerer Staaten zu einem größeren Staatswesen mit gemeinsamenEinrichtnngen (s.Bun- desstaat u. Staatenbund). 3) B. in der Bibel bedeutet ein gegenseitiges Versprechen, Übereinkommen. Bimda-Völkcr — Bundelkund. 257 einen Vertrag zwischen Personen. Bei der B-es-s kchließnng war das gesprochene Wort meist mit der Hinzunahme von 7 Dingen od. Personen als Zeugen (daher schwören hebr. so v. a. siebenen) u. mit einem Opfer verbunden. Ms besonderer Act bei letzterem war üblich das Hindnrchgehen zwischen dem in der Mitte entzweigethcilten Opferthiere, znm Zeichen, daß die B-schließenden zusammengehören, wie die zwei Stücke des Opfers, n. daß es ihnen im Falle des B-esbruches wie dem geschlachteten Thiere gehen möge. Von dieser Sitte des B- schlusses aus wurde das ganze religiöse Berhält- niß Israels zu seinem Gotte Jahveh schon im Mosaismus, dann auch im Prophetismns unter dem Bilde des B-es aufgesaßt, von den Propheten namentlich oft unter dem Bilde des Ehe-B-es (s. Hosea). Das Volk Israel muß bei dem feierlichen B-esopfer am Sinai, dessen Blut 2. Mos. 24, 8 B-esblut heißt, Gott versprechen, das von ihm gegebene Gesetz zu halten, u. empfangt dafür von Gott das Versprechen, er werde ihm das Land Kanaan, Sieg über alle Feinde, Überfluß u. Reichthum, zahlreiche Nachkommenschaft geben. Von hier ans wurde die B-esidee auch in die Vorgeschichte Israels, ja in die Urgeschichte zurückgetra- gen. So wird geredet von einem B-e Gottes, mit Abraham (1. Mos. 17) u. mit Jakob geschlossen. Dieser B., bei welchem das Versprochene in die Zukunft fällt, wird im N. Test, als Verheißnngs- B. gegenüber dem Gesetzes-B-e bezeichnet. Auch die fortwährende Erhaltung der Erde und der Menschheit nach der Sintfluth wird auf einen B. Gottes mit dem zweiten Stammvater des menschlichen Geschlechtes, Noah, zurückgeführt. Die späteren Propheten, denen das Ungenügende des alt- testamentlichen Verhältnisses des Menschen zu Gott zum Bewußtsein gekommen ist, reden (besonders Jer. 31, 31—34) oft von einem neuen B-e, der volle Sündenvergebung, allgemeine Gotteserkennt- niß, Kraft zu freiwilligem Thun des Guten bringen werde. Diesen Gedanken nahm Jesus bei der Stiftung des hl. Abendmahls aus, indem er seinen bevorstehenden Tod unter den Gesichtspunkt der Erfüllung des Passahopfers zur Stiftung eines neuen B-s stellte, in welchem man durchs sein zu vergießendes Blut Sündenvergebung haben werde. Der Name Alter u. Neuer B. wird vom Inhalte auch auf die beiden großen kanonischen Schriftensammlungen der Bibel übergetragen, die israelitische u. die urchristliche. 4 ) Auf Grund dieser Bibellehre unterscheidet die sog. Föderaltheologie, hauptsächlich von Coccejns ausgebildet, den B. der Natur oder des Gesetzes n. den B. der Gnade, in der göttlichen Ökonomie vor, unter, nach dem Gesetze (letzteres Osoonomia svavAsIiea) sich vollziehend. Der B. der Natur oder des Gesetzes verheißt Seligkeit nur unter der Bedingung der Gesetzeserfüllung, hätte also eigentlich nur Werth für den Menschen vor dem Sündenfalle, während er den sündigen Menschen mir richtet und verdammt. Der B. der Gnade, schon im Protevan- gelium (1. Mos. 3, 15) vorhanden, ebenso auch neben dem Gesetzes-B-e in den prophetischen Verheißungen, verspricht die Seligkeit als freie Gnadengabe Gottes nur unter der Bedingung des Glaubens. s) 4) Wffler. PiererS Univcrsal-Coiwcrsations-Lexikon. 6 . Ausl. I l Bunda-Völker, der westliche Theil der unter dem Namen Bantu (s. d.) znsammengefaßten großen Völkergruppe, welche S- n. Mittel-Afrika erfüllt, mit Wohnsitz in Angola, Bengucla, MossamedeS, bis in das Innere hinein. Ihre physische Classification ist noch nicht ganz sicher; sie werden bald als eine eigene Race, bald als ein Zweig der großen Negerrace aufgefaßt, wicwol sie manche Abweichungen (hellere Farbe, kleinere Statur) von den Formen der Sunda-Neger zeigen. Sprachlich gehören sie zu dem großen Sprachstamme, den man unter dem Namen Bantu-Sprachen znsammen- faßt (s. d.). Ihr äußeres Leben zeigt schon eine Erhebung über die niedrigste Stufe der Cnltur; znsammenwohnend in Dörfern, betreiben sie verschiedene Handwerke, wie Spinnerei, Weberei; ihr friedlicher Charakter u. ihre zuvorkommende Gastfreiheit, ihre Reinlichkeit u. Neigung znm Schmucke (Ringen an Fingern u. Ohren) erleichtern u. befördern den Verkehr der Europäer mit ihnen, obwol sie es zu einer politischen Organisation nicht gebracht haben, sondern in eine Menge kleiner, häufig in kleine Fehden verwickelter Gemeinden zersplittert leben. Die Staatsform ist im Wesentlichen noch patriarchalisch; die Gewalt liegt in den Händen von Ältesten, deren Haupt der Oga oder König ist. Die Religion hat sich noch nicht über den Fetischismus erhoben; die Ehe ist durch Vielweiberei, Kauf n. Tausch der Frauen nur ein sehr loses Band; Sklaverei der Kriegsgefangenen u. Schuldner sehr ausgedehnt, aber nicht zu hart. Unter den bekanntesten Völkern dieser Gruppe sind die Herrero am Cunene und der Küste, die Ovambo östlich von ihnen mehr im Innern, die Nano in Benguela u. A. Thiel-m-mn. Bünde, Stadt u. Amtsort im Kreise Herford des prcuß. Regbcz. Minden, an der Else, Station der Mindcn-Osnabrücker Bahn; Flachsbau; Leinenweberei, Düten- u. große Cigarrenfabriken, Eisengießerei, Strohflechterei; 2052 Ew.; hier ein gegen Gicht u. Lähmungen heilsamer Eisenquell, der aber wenig benutzt wird. Bundelkund (Bandelkand, im Sanskrit Ban- delakhanda), Landschaft in Ostindien, u. 23" 52' bis 26» 36' n. Br. u. 77" 53' bis 87° 39' ö. L.; begrenzt im W. u. NW. vom Staate des Scindia (Gwalior), im O. von Bhagelkhand (Rewa), im S. vom brit. Sahgor- u. Nerbudda-District, im ON. durch die Dschamna vom brit. Duab geschieden; 47,000 HZIcm; etwa 2H Mill. Ew. Das Land wird von 3 Gebirgsketten, Vindjatschal, Pnnna u. Bandair durchzogen, von denen zahlreiche Flüsse der Dschamna Zuströmen, darunter der Sindh, Betwa, Dhafan, Canc, Pysunni, Tonse. Die Mineralschätze sind bedeutend, aber noch wenig benutzt; Diamanten- n. nnerschöfliche Eisenlager in Pnnna, unweit Kallindschin Steinkohlen. Das Klima ist in der Ebene heiß n. für Europäer in einem großen Theil des Gebietes sehr ungesund. Nach der gegenwärtigen Eintheilnng Indiens bildet B. Bestandtheile verschied. Districte. — Im 9. Jahrh. n. Ehr. begründeten die Khundel-Radschpu- ten unter Tschandravarman einen Staat, der sich zu seiner Blüthezeit, in der ersten Hälfte des 11. Jhrh., von der Dschamna bis zur Nerbudda erstreckte, aber bald darauf in Verfall gerieth. Gegen Ende IV. Band. 17 258 Bundesamt — Bundesgenossenkriege. des 14. Jahrh. setzten sich südl. von der Dschamna die Bandela, ein unechter Zweig des Radschpnten- stammes Garhwal, unter Hurdeo fest; ihre Macht wurde besonders durch Pretap Hrad (um 1531) u. Birsing-Deo (zur Zeit des Großmoguls Dschi- hangir) vergrößert. Unter Kämpfen mit den Kaisern von Delhi u. den Mahratten zerfiel das Land in verschiedene Fürstcnthümer, welche theils den Mahratten zinsbar waren, theils selbständig blieben, aber sich öfter gegenseitig bekämpften, bis im Laufe des 19. Jahrh. ein Theil des Landes (die Districte Banda, Dschumeerpnr, Kalpi, Dschalun u. einige andere kleinere Gebiete) dem britischen Gebiete einverleibt wurde, während ein anderer seine Fürsten behielt, die unter Aussicht des politischen Agenten für die Staaten des Scindia und B. stehen. Zu letzteren gehören: Adschigurh, Bidscha- wnr, Teri, Punna, Sumpthur, Tschntterpur, Tschnrkari u. Duttiah. Thielemami? Bundesamt (für das Heimathwesen). Das Reichsgesetz über den Unterstützungswohnsitz vom 6. Juni 1870 hat die Streitigkeiten zwischen den öffentlichen Armenverbänden über die Unterstützung eines hilfsbedürftigen Individuums den in den einzelnen Bundesstaaten dazu zuständigen Behörden überlassen, dagegen die gegen die Entscheidung der höchsten landesgesetzlichen Instanz von einem oder beiden jener streitenden Verbände an das als eine ständige u. collegiale Behörde in Berlin eingesetzte B. f. d. H. verwiesen. Nur soweit die Organisation oder örtliche Abgrenzung der einzelnen Armenverbände Gegenstand des Streites ist, bewendet es endgiltig bei der Entscheidung der höchsten landesgesetzlichen Instanz. Das B. f. d. H. besteht ans einem Vorsitzenden u. mindestens 4 Mitgliedern, welche sämmtlich ans Vorschlag des Bun- Lesrathes vom Bundespräsidium ans Lebenszeit ernannt werden; der Vorsitzende sowol, als mindestens die Hälfte der Mitglieder muß die Qualifikation zum höheren Nichteramte im Staate ihrer Angehörigkeit besitzen. Bezüglich der Rechtsverhältnisse der Mitglieder des B-es gelten im Allgemeinen bis zum Erlaß besonderer bundesgesetzlicher Vorschriften die Bestimmungen, welche in dieser Beziehung für die Mitglieder des Ober- Handelsgerichtes (Gesetz vom 12. Juni 1869, ZZ 23 bis 26) gelten. Zur Abfassung einer gütigen Entscheidung des B-es gehört die Anwesenheit von mindestens 3 Mitgliedern, von denen wenigstens eines die richterliche Qualification haben muß; in allen Fällen muß die Zahl der Mitglieder, welche bei der Abfassung eines Beschlusses eine entscheidende Stimme führen, eine ungerade sein. Im Übrigen ist der Geschäftsgang bei dieser Behörde durch ein besonders von ihr entworfenes u. vom Bundcsrathe bestätigtes Regulativ geregelt. Die Berufung an das Ä. ist bei Verlust des Rechtsmittels binnen 14 Tagen, von der Behändignng der angefochtenen Entscheidung an gerechnet, bei derjenigen Behörde, gegen deren Entscheidung sie gerichtet ist, schriftlich anzumelden. Die Angaben der Beschwerden, sowie die Rechtfertigung der Berufung kann entweder zugleich mit der Anmeldung der letzteren, oder innerhalb 4 Wochen nach diesen Terminen derselben Behörde eingereicht werden. Gegen die Entscheidung des Bundesamtes für das Heimathwesen ist ein weiteres Rechts niitttel nicht zulässig (Reichsgesetz vom 6. Juni 1870, U 41 bis 52). Grotesend. Bundesfestungen, große befestigte Plätze, um einen Bundesstaat gegen Einfälle äußerer Feinde mittels einer verhältnißmäßig kleinen Trnppen- zahl zu decken. Die früheren deutschen B. waren: Landau, Luxemburg, Mainz, Rastatt n. Ulm. Bundesgenossen (gr. 8z-mmaedoi, lat. 8ooü), zwei od. mehr durch ein Bününiß entweder dauernd, od. auch nur zu einer einzelnen Unternehmung vereinte Völkerschaften, welche nach Virhältniß ihrer Macht, oder nur mit einem vorher bestimmten Kraftaufwande sich gegenseitige Hilfe leisten. Du ältesten bekannten B°schaften sind in Griechenland die Amphiktyouien (s. u. Amphiktyonen), der Achäische u. Ätolische Bund (s. u. Achaia u. Ätolia). Seit den Perserkriegen schlossen sich verschiedene Staaten Griechenlands zu einer B-schaft zusammen, über welche der mächtigste Staat die Hegemonie führte; diese mißbrauchten die Athener zu einer ungesetzlichen Suprematie und Stcuerauflegung (s. u. Griechenland, Gesch.). Die Römer nannten B. die Einwohner der mit ihnen verbundenen Städte Italiens, welche sich verpflichtet hatten, jährlich eine gewisse Truppenzahl zur Verfügung der Römer zu stellen. Die Bündnisse wurden entweder mit friedlichen Nachbarn (zuerst mit den Latinern unter Servius Tnllius u. Tarquinius Superbus), oder solchen, welche nie Feinde gewesen waren (wie Ägypter, Judäer rc.), geschlossen (b'osäsra asguissima); solche B. hießen 8ooü atgns amiei poxuli romaui, welchen Titel auch sonst den Römern befreundete Könige erhielten; oder mit Feinden des Römischen Staates, u. zwar mit solchen, dis vor der völligen Besiegung die Waffen niederlegten (Vosäers, aogua), diese hießen 8ovü Intim u. dursten fernerhin nach ihren eigenen Gesetzen leben; oder mit solchen, die als Feinde besiegt wurden (Dosäsra inigun). Nach den Bedingungen der Unterwerfung waren ihre Verhältnisse sehr verschieden: die 8oeii italioi konnten zum Theil noch nach eigener Verfassung leben, standen aber unter Roms Einfluß, znm Theil erhielten sie Gesetz und Magistrate von Rom aus; die 8oeü provinoialss mußten römischen Gesetzen gehorchen u. Steuern geben. Die B. in Italien, besonders dis Latiner (8ooü latini uomims) genossen viele Vorzüge vor den B. in auswärtigen Staaten. Die B. durften sich nicht gegenseitig bekriegen, keine Gesandte an fremde Mächte schicken u. mußten den Römern in ihren Kriegen mit Proviant, Geld u. Truppen beistehen. Gewöhnlich bildeten die Truppen der B. in der Schlachtordnung und bei der Lagerung die Flügel. Bundesgenossenkriege, Kriege im Alterthum zwischen Bundesgenossen, z. B. der Peloponne« fische. Besonders aber sind folgende Kriege ausdrücklich unter diesem Namen bekannt: 1) der zwischen Athen einer- u. Byzanz, Kos, Chios u. Rhodos anderseits,, 357 —355 v. Ehr. (s. u. Athen, Gesch.). 2 ) (Ätolischer Krieg) Krieg zwischen Sparta, Elis u. dem Ätolischen Bunde einer- u. deni Achäischen Bunde, Makedonien und dessen übrigen Verbündeten anderseits. Die Besiegung der Spartaner durch Antigonos Doson von Ma- Bundcsmdigeilat. 259 kedonien u. den Achäischen Bund 222 v. Ehr. bei Sellasia brachte zu großem Unwillen der Ätolier den größten Theil der hellenischen Welt unter die Oberhoheit Makedoniens. Als nun aus Unwillen über Ranbzüge ätolischer Freibeuter das bisher neutrale Messenien sich dem Achäiichcn Bunde zn- wandte, kam es seit 220 zuerst zwischen den Achäern, bald aber auch zwischen der gesammten großen makedonischen Symmachie u. den Ätoliern, Lenen sich 219 Sparta auschloß, zu einem großen Kriege. Die Achäer freilich hatten nur wenig Glück; der König Philipp von Makedonien aber brachte den Ätoliern schwere Schläge bei n. drang namentlich im I. 218 verheerend bis nach ihrer Hauptstadt Thermo» vor. Da inzwischen der große Hannibalische Krieg in Italien die Griechen mahnte, angesichts solcher weltgeschichtlichen Kämpfe u. im Hinblick ans die mnthmaßlichen Folgen für Griechenland ihre Kräfte zu sparen, so schlossen die Parteien im I. 217 zu Nanpaktos Frieden. Als der König Philipp sich nun im I. 215 mit Han- nibal verbündete, wußten die Römer im I. 211 die Atolier, Eleer, Spartaner, Messcnier u. Athener für sich zu gewinnen. Bon Noin jedoch nur lau, von Pergamon aus besser unterstützt, trugen die griechischen Freunde der Römer keine besonderen Erfolge davon. Die Achäer unter Philopömen brachten den Spartanern furchtbare Schläge bei. Philipp aber wußte die Ätolier allmählich so sehr zu bedrängen, daß sie 206—5 einen für sie nicht günstigen Frieden schließen mußten, der diesen Epilog des gräulichen Bundesgenossenkrieges endlich zum Abschluß brachte. 3) (Marsischer Krieg) Im I. 91 v. Chr. standen die meisten italischen Bundesgenossen (s. d.) der Römer dem herrschenden Volke entschieden feindlich gegenüber, weil Senat n. Volk der Römer den Italikern, obwol dieselben seit Jahrhunderten in allen römischen Kriegen die Hauptlast an Geld und Soldaten zu beschaffen hatten, andauernd die Aufnahme in das römische Bürgerrecht versagten. Mit der drohenden Währung wol bekannt, suchte ein vornehmer Römer, M. Livins Drusus, den Frieden zu erhalten, indem er damals als Volkstribnn außer Anderen auch (wie schon einmal durch Gajns Gracchus umsonst versucht war) die Zulassung der Italiker zum vollen römischen Bürgerrechte beantragte. Der Senat mar an sich nicht abgeneigt, mußte aber vor der Opposition bei dem Adel, bei der ritterlichen Finanzaristokratie u. bei den Massen weichen u. die Gesetze des Drusus fallen lassen, der selbst (Herbst des Js. 91) durch Meuchelmord siel. Da schritten die Italiker zu offener Empörung. Alle Völker von sabellischer Abkunft, besonders die^Marser, Peligner, Picenter, Apuler, Lu- caner, Samniter, verbanden sich, machten Corfi- uium zum Mittelpunkte eines neuen italischen Bundesstaates, bildeten aus 500 Abgeordneten der verschiedenen Stämme einen Senat, wählten zwei Consuln u. 12 Prätoren n. richteten ihre bürgerliche n. militärische Verfassung nach römischer Art ein. Der nun ausbrechende Krieg wurde theils «n den verschiedenen Landschaften gegen die römischen Festungen u. die Reste der Anhänger Roms geführt, theils bildeten sich größere Kriegsschauplätze, namentlich im nördl. u. dem östl. Mittel- Italien u. im südl., in Samnium u. Lncanien. Der Kampf schwankte lang. Roms Anstrengungen waren i. I. 90 lang ohne Erfolg. Die Insurgenten unter Pompädius Silo im N. u. Papius Mutilus im S. kämpften so tapfer, daß nnn auch llmbrer n. Etrusker dem Aufstande beitraten. Da machte Rom endlich Concessionen. Der Consul L. Julius Cäsar setzte das Gesetz durch, daß alle bis jetzt noch friedlichen italischen Völker das römische Bürgerrecht erhalten sollten, n. die Oox Olantia, ?a- piria, äs oiritats stellte jedem italischen Bürger eine zweimonatliche Frist, binnen welcher es ihnen gestattet sein sollte, durch Anmeldung bei einem römischen Beamten das römische Bürgerrecht zu gewinnen. Nnn traten viele Völker vom italischen Bunde ab, und nur die Marser, Samniter und Lucaner blieben in den Waffen. Jni I. 89 gewannen die römischen Waffen immer mehr die Oberhand, u. im I. 88 war der Widerstand auf Samniter und Lucaner beschränkt, deren letzte Kämpfe sich hernach init dem ersten römischen Bürgerkriege verschlangen (s. Rom, Gesch.). Mehr als 300,000 Römer u. Italer fielen in diesem Kriege. Vgl. Kcferstein, Os Hollo Llnrsieo, Halle 1812; Weiland, Os hello Llars., Berl. 1834; Kiene, Der Römische Bundesgenossenkrieg, Lpz. 1845. Hertzberg. Bnndesindigenat. Wie bisher nach dem Berfassungsgesetzc für den Norddeutschen Bund für das Bundesgebiet, so besteht jetzt ans Grund des Art. 3 der Deutschen Reichsverfassung vom 16. April 1871 für ganz Deutschland ein gemeinsames Ju- digenat mit der Wirkung, daß der Ängehörige (Unterthan, Staatsbürger) eines jeden Bundesstaates in jedem anderen Bundesstaate als Inländer zu behandeln und demgemäß zum festen Wohnsitze, zum Gewerbebetriebe, zu öffentlichen Ämtern, zur Erwerbung von Grundstücken, zur Erlangung des Staatsbürgerrechtes u. zum Genüsse aller sonstigen bürgerlichen Rechte unter denselben Voraussetzungen, wie der Einheimische, zuzulassen, auch in Betreff der Rechtsverfolgnng n. des Rechtsschutzes demselben gleich zu behandeln ist. Die Bedeutung des B-s beschränkt sich ans diese verfassnngsgesetzlichen Grenzen; dasselbe ist also weder identisch mit der Staatsangehörigkeit (s. d.) innerhalb der einzelnen Bundesstaaten, noch befreit es bei der Geltendmachung der darin begriffenen Rechte von den gesetzlichen Beschränkungen, welchen auch die eigenen Unterthanen des Staates dabei unterworfen sind. Vielmehr ist die Angehörigkeit in einem Bundesstaate die Voraussetzung der Geltendmachung des B-s. Kein Deutscher darf aber in der Ausübung der aus dem B. ihm znstehenden Befugnisse durch die Obrigkeit seiner Heimath oder eines anderen Bundesstaates beschränkt werden. Diejenigen Bestimmungen» welche die Armenversorgnng und die Aufnahme in den localen Gemeindeverband betreffen, wurden durch die Bestimmungen über das B. nicht berührt. Ebenso sind bis ans Weiteres die Verträge in Kraft geblieben, welche zwischen den einzelnen Bundesstaaten in Beziehung auf die Übernahme von Auszuweisenden, die Verpflegung erkrankter n. die Beerdigung verstorbener Staatsangehöriger bestehen (s. Gothaer Vertrag). Durch die Rcichs- 17 » 260 Bundeslade - gesetze über den Unterstützungswohusitz, über das Militärwesen, durch die Gewerbeordnung u. das Strafgesetzbuch sind die Bestimmungen über das B. in einzelnen Richtungen noch weiter und bestimmter entwickelt. Nach außen hin zeigt sich die Bedeutung des B-s besonders in dem gleichen Anspruch aller Deutschen auf den Schutz des Reiches. Grotefend. Bundeslade (hebr. Aron Haberith, A. Jeho- vah oder Elohim, lat. ^roa tsatimonü), bei den Juden Kiste von Akazienholz, 2H Elle lang und 1 H Elle hoch u. breit, in- u. auswendig mit Gold überzogen u. oben herum mit einem goldenen Kranze umgeben, worin die Gesetztafeln (nach falscher Annahme auch ein Krüglein Manna u. der blühende Stab Aarons) aufbewahrt wurden, das heiligste Kleinod der Hebräer, da sie als das Bild der Gegenwart Gottes galt. Auf dem Deckel (Chapporeth) standen 2 goldene Cherubbilder mit ausgebreitctcn Flügeln u. mit den Gesichtern gegen einander gekehrt. An den Seiten waren 4 goldene Ringe, durch welche Stangen zum Forttragen gesteckt wurden. Dies war das Geschäft der Leviten, welche sie vorher mit verhülltem Gesichte cinwickelten. Auf den Deckel derselben wurde das Blut des jährlichen Vcrsöhnungsopfers gesprengt, daher derselbe auch der Gnadenstnhl (llilastorion, üropitisborium) hieß. Sie war in der Stifts- Hütte nach dem Einzuge in Kanaan zu Bethel, dann in Siloh ausgestellt; im Kriege gegen die Philister von diesen erbeutet, aber nachher zurück- gegeben, kam sie durch David nach Kirjath Jearim ü. dann nach Jerusalem, bis sie Salomon in dem Allerheiligsten des Tempels aufstcllen ließ. 587 v. Ehr. verbrannte die B. bei der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar. Ansehen und an- sassen durfte Niemand die B.; Ufa, der sie berührte, starb plötzlich. Hierdurch wurde Bendavid auf den sonderbaren Einfall geleitet, Laß die Stiftshütte ein elektrischer Apparat u. die B. eine Leydener Flasche gewesen sei. Löffler- Bundespräsidttlm. Die Sammt-Regiernngs- gewalt des als Bundesstaat gegründeten Deutschen Reiches ist dem B. übertragen, dieses aber steht infolge der entschieden monarchischen Tendenz des Reiches dem König von Preußen zu, u. es führt dieser als der Inhaber des B-s den Titel Deutscher Kaiser. Die Rechte des B-s beziehen sich thcils auf die völkerrechtlichen Verhältnisse des Deutschen Reiches, theils auf innere Angelegenheiten desselben. In elfterer Beziehung hat der Kaiser das Reich völkerrechtlich zu vertreten, in dessen Namen Krieg zu erklären und Frieden zu schließen, Bündnisse n. andere Verträge mit fremden Staaten einzugehen, Gesandte zu beglaubigen u. zu empfangen. Zur Erklärung des Krieges im Namen des Reiches ist aber die Zustimmung des Bundesrathes erforderlich, es sei denn, daß ein Angriff auf das Bundesgebiet oder dessen Küsten erfolgt. Insoweit die Verträge mit fremden Staaten sich auf solche Gegenstände beziehen, welche in den Bereich der Reichsgesetzgebung gehören, ist zu ihrem Abschluß die Zustimmung des Bundesrathes n. zu ihrer Giltigkeit die Genehmigung des Reichstages erforderlich. Auf dem Gebiete der inneren Luudesangelegenhciten steht dem Kaiser zunächst - Bundesrath. zu, den Bundesrath u. den Reichstag zu berufen, zu eröffnen, zu vertagen u. zu schließen. Die Berufung des Bundesrathes muß erfolgen, sobald sie von einem Drittel der Stimmenzahl verlangt wird. Dem Kaiser steht ferner die Ausfertigung u. Verkündigung der Reichsgesetze und die Überwachung der Ausführung derselben zu. Die Anordnungen u. Verfügungen des Kaisers werden im Namen des Reiches erlassen u. bedürfen zu ihrer Giltigkeit der Gegenzeichnung des Reichskanzlers, welcher dadurch die Verantwortlichkeit übernimmt. Der Kaiser ernennt die Reichsbeamten, läßt dieselben für das Reich vereidigen u. verfügt erforderlichen Falles deren Entlassung. Die besonderen Pflichten u. Rechte des Kaisers in Betracht des Neichs- kriegs- und des Marinewesens s. u. Deutschland (Verfassung). Wenn Bundesglieder ihre verfassungsmäßigen Bundespflichten nicht erfüllen, können sie dazu im Wege der Executiou angehalten werden, u. ist diese alsdann vom Bundesrathe zu beschließen und vom Kaiser zu vollstrecken (Reichs- Verfassungsgesetz vom 16. April 1871, Art. 11 ff.). Die rechtlich-politische Stellung des B-s ist also thcils eine monarchische, theils eine bundesstaatliche; das Princip des deutschen Constitutio- nalismus, die persönliche Unverantwortlichkeit des Monarchen u. die volle Verantwortlichkeit des Ministers (Reichskanzlers) ist dabei principiell gewahrt. Nach der Fassung des Art. 17 der Reichsverfassung kann auch die unter der Verfassung des Norddeutschen Bundes bestrittene Frage, ob der Reichskanzler auch sür die Anordnungen des Käufers in Marine- u. Kriegsangelegenheiten die Verantwortung zu übernehmen habe, nicht mehr aufgeworfen werden. Grorchlld. Bundesrath. Wie schon in der Verfassung des Norddeutschen Bundes, so besteht auch in der des Deutschen Reiches ein der monarchischen Form der Bundesstaaten entsprechendes Organ der Vertretung der Bundesregierungen gegenüber dem Reichstage als der Vertretung der deutschen Unter- thancu zur Seite des Kaisers als des Inhabers des Bnndespräsidiums (s. d. Art.). Der Bundesrath ist der eine Factor des gesetzgebenden Körpers des Reiches. Er besteht aus den Vertretern der Mitglieder des Bundes, unter welchen die Stimmführung sich in der Weise vertheilt, daß Preußen, mit den ehemaligen Stimmen von Hannover, Kurhessen, Holstein, Nassau u. Frankfurt 17 Stimmen führt, Bayern 6, Sachsen 4, Württemberg 4, Bade»3, Hessen.?, Mecklenburg-Schwerin2, Braunschweig 2 und die übrigen Bundesregierungen je 1 Stinime, so daß zusammen der B. 58 Stimmen zählt. Jedes Mitglied des Bundes kann so viel Bevollmächtigte zum B. ernennen, wie es Stimmen hat, doch kann die Gesammtheil der zuständigen Stimmen nur einheitlich abgegeben werden. Der B. hat theils zu beschließen, theils eine administrative Thätigkeit zu entfalten. Zn beschließen, hat derselbe 1) über die dem Reichstage zu machenden Vorlagen u. die von demselben gefaßten Beschlüsse; 2) über die zur Ausführung der Reichsgesetze erforderlichen allgemeinen Verwaltungsvorschriften u. Einrichtungen, sofern nicht durch Reichsgesetz etwas Anderes bestimmt ist; 3) über Mängel, welche bei der Ausführung der Reichsgesetze Bundesschicdsgericht. 2ö1 oder der vorstehend erwähnten Vorschriften oder Einrichtungen hervortreten. Jedes Bundesmitglied ist befugt, Vorschläge zu machen u. in Vortrag zu bringen, u. das Präsidium ist verpflichtet, dieselben der Berathung zu übergeben. Die Beschlußfassung des B-s erfolgt init einfacher Stimmenmehrheit, bei Stimmengleichheit gibt die Präsidialstimme den Ausschlag. Letztere gibt auch sonst den Ansschlag, wenn es sich um Gesetzesvorschläge über das Mili- tarwesen, dis Kriegsmarine n. über indirecte Verbrauchsabgaben und um Beschlnßnahme über die zur Ausführung der gemeinschaftlichen Gesetzgebung dienenden Verwaltungsvorschriftcn und Einrichtungen handelt, jedoch unter der Voraussetzung, daß die Stimme Preußens sich für Ansrechlhalt- nng des bisher Bestehenden erklärt. Die besonderen Bestimmungen, welche sich ans die Beschlüsse des B-es über die Abänderung der Reichsverfass nng beziehen, s. u. Deutschland (Verfassung). Bei der Beschlußfassung über eine Angelegenheit, welche nach Len Bestimmungen der Reichsversassnng nicht dem ganzen Reiche gemeinschaftlich ist, werden die Stimmen nur derjenigen Bundesstaaten gezählt, welchen die Angelegenheit gemeinschaftlich ist. An der Verwaltung von Reichsangelegenheiten betheiligt sich der B. mittels der aus seiner Mitte gebildeten dauernden Ausschüsse für das Landheer u. die Festungen, für das Seewesen, für Zoll- n. Steuerwesen, für Handel n. Verkehr, für Eisenbahnen, Post und Telegraphen, für Justizwesen, für Rechnungswesen. In jedem dieser Ausschüsse müssen außer dem Präsidium mindestens 4 Bundesstaaten vertreten sein, n. führt innerhalb derselben jeder Staat nur eine Stimme. In dem Ausschuß für das Landheer n. die Festungen hat Bayern einen ständigen Sitz, die übrigen Mitglieder desselben, sowie die Mitglieder des Ausschusses für Las Seewesen werden vom Kaiser ernannt; die der anderen Ausschüsse werden von dem B-e gewählt. Die Zusammensetzung dieser Ausschüsse wird für jede Session des B-cs, resp. mit jedem Jahre erneuert, wobei die ansscheidenden Mitglieder wieder wählbar sind. Außerdem ist im B-e ans den Bevollmächtigten der König reiche Bayern, Sachsen u. Württemberg u. zwei vom B-e alljährlich zu wählenden Bevollmächtigten anderer Bundesstaaten ein Ausschuß für die auswärtigen Angelegenheiten gebildet, in welchem Bayern den Vorsitz führt. Jedes Mitglied de> B-es hat das Recht, im Reichstage zu erscheinen, u. muß daselbst auf Verlangen jederzeit gehört werden, nur die Ansichten seiner Negierung Zu vertreten, auch dann, wenn dieselben von der Majorität des B-es nicht adoptirt worden sind. Aber Niemand kann gleichzeitig Mitglied des B-es u. des Reichstages sein. Dem Kaiser liegt es ob, den Mitgliedern des B-es den üblichen diplomatischen Schutz zu gewähren. L. Auch die Verfassung der Schweiz hat das Institut eines B-es, das allerdings mit jenem des Deutschen Reiches nur den Namen gemeinsam hat. Dort ist er das Organ der eigentlichen Bundesregierung im Gegensätze zu der Äantonverwaltnng. Er hat das Recht der legislatorischen Initiative, aber ohne ein Factor der Bnndesgesetzgebnng zu sein, denn es steht ihm weder die Genehmigung der Beschlüsse der Bundesversammlung, noch das Recht des Veto gegen dieselben zu. Er ist vielmehr nur das Vollziehungsorgan der Bnndes- Versammlung. Dieser unterworfen u. ihr gegenüber verantwortlich, ist der B. berufen, deren Beschlüsse zur Ausführung zu bringen u. wie diese Ausführung, so auch die Amtsverwaltung der Kantonalbehörden zu überwachen. So ist er auch in verschiedene Departements getheilt: in ein politisches, ein Militär-, ein Justiz- n. Polizei-, ein Handels- n. Zoll-Departement, ein Departement für das Innere u. Bauwesen, eines für das Post- u. Eisenbahnwesen u. eines für die Finanzen. Der B., durch die Bundesverfassung von 1848 geschaffen, hat seinen Sitz u. seine ständige Kanzlei sammt zahlreichen Unterbeamten im Bundesrathshause zu Bern; er besteht aus 7, von der Bundesversammlung von 3 zu 3 Jahren aus allen schwei- zer Bürgern frei gewählten Mitgliedern; den Bun- despräsidenten n. dessen Stellvertreter erwählt dieselbe Versammlung alljährlich aus den Mitgliedern des B-s; der Bundespräsident ist Vorsitzender des letzteren, empfängt die Vertreter fremder Staaten und besorgt das politische Departement (und des Auswärtigen). In der Verschiedenheit der staatsrechtlichen Stellung des B-es in der deutschen Rcichsverfassung unk in der Verfassung der Schweiz zeigt sich die Grnndverschiedenheit dieser beiden Verfassungen deutlich: dort die monarchische Form eines fast nur ans Monarchien zusammeu- gesügten Staatenbnndes, hier die Republik republikanischer Kantone mir stark entwickelten demokratischen Elementen. 4. Grotefend. Bundesschiedsgcricht, eine eigcnthümliche Instanz des Deutschen Bnndesrechtes, welche durch einen Bundesbeschluß vom 30. Oct. 1834 geschaffen wurde. Die Idee zur Errichtung des B-es wurde zuerst auf den Wiener Ministerialcon- ferenzen gefaßt u. dasselbe dazu bestimmt, um für Streitigkeiten zwischen Negierung u. Ständen über Auslegung u. Anwendung der bestehenden Verfassung, namentlich bezüglich der Grenzen, der den Ständen bei der Ausübung einzelner Regierungsrechte eingeräumteu Mitwirkung n. der Größe der Steuerbewillignng für die Dauer einer Skeuer- pcriode, eine entscheidende Behörde zu gewinnen. Obwol das B. sehr wohllhätig hätte wirken tönneu, so ist dasselbe doch wegen der vielen Vorbedingungen, an welche die Anrufung desselben geknüpft war, in keinem einzigen Falle in Wirksamkeit getreten. Bei den Grundsätzen, welche Politik u. Thätigkeit des Deutschen Bundestages namentlich seit den Karlsbader Beschlüssen beherrschten, hätte übrigens auch immer die Unparteilichkeit des B-es sehr in Zweifel gezogen werden müssen. Wir erinnern uns an die Bnudesrichter- liche Thätigkeit in Hannover nach dem Sturze des Staatsgrundgesetzcs u. in Kurhessen auf Hassenpflugs Beireiben. Eine erweiterte Wirksamkeit sollte das B. erhalten, welches nach dem sogenannten Dreikönigsbündniß vom 26. Mai 1849 unter dem 2. Juli desselben Jahres zu Erfurt installirt wurde (s. u. Deutschland), aber den Bestand dieses Bündnisses selbst nicht überdauerte. Die Verfassung des Demschen Reiches hat ein ähnliches Institut nicht vorgesehen. Streitigkeiten zwischen 262 Bundesstaat verschiedenen Bundesstaaten, sofern dieselben nicht privatrechtlicher Natur u. daher von den compe- tenten Gerichtsbehörden entschieden sind, werden hier auf Anrufen des einen Theils vom Bundes- rathe erledigt. Verfassungsstreitigkeiten innerhalb der Bundesstaaten sind, wenn in deren Verfassung eine Behörde zur Entscheidung solcher Streitigkeiten nicht bestimmt ist, im Wege der Reichsgesetzgebung zu erledigen. Bundesstaat, 1) (Föderativstaat) die Vereinigung mehrerer Staaten zu einem Staatsganzen, welches Souveränetätsrechte ausübt, d. h. das Recht hat, Krieg zu erklären u. Frieden zu schließen, Gesandte bei fremden Staatsregierungen zu halten u. von diesen zu empfangen, Anleihen zu coutrahiren, Steuern aufznlegen u. ein Heer aufzubieten, aber in die innere Verwaltung seiner Staatsglieder nur in so fern eingreift, als es das allgemeine Interesse des Bundes als solchen erheischt, so beim Zoll-, Münz-, Maß- u. Gewichtswesen, beim Post-, Telegraphen- u. Handelsverkehre rc. Der B. hält sonach unter den verschiedenen Staatssormen die Mitte zwischen dem einheitlichen Staate, dessen Provinzen unmittelbar von der Staatsgewalt u. der allgemeinen Staatsgesetzgebung abhängen, u. dem Staatenbunde, einer Vereinigung mehrerer souveränen Staaten zur Verwirklichung gemeinsamer Zwecke, welche ein dauerndes Bundesverhältniß u. einen engeren Anschluß als bei einem Büudniß (s. d.) bedingen. B. wie Staatenbnnd können nur von politisch aneinandergrenzenden vd. durch Wasserstraßen in ungehindertem Verkehre stehenden Staaten gebildet werden; beide werden durch Centralbehörden reprä- sentirt u. finden in diesen nach außen hin eine unabhängige , selbständige völkerrechtliche Vertretung. Wesentlich unterschieden ist aber derV.vomStaatcn- bunde dadurch, daß die Beschlüsse seiner Central-- regierung unmittelbar bindendeKrast fllr alle Staatsangehörige haben, während im Staatenbnnde solche Beschlüsse, nur wenn sie von den Einzelstaaten pnbli- cirt werden, für die Angehörigen derselben, da diese nicht als Untergebene der Centralregieruug zu betrachten find, Gesetzeskraft erhalten; ferner dadurch, daß das Gesandtschastsrecht ein unbeschränktes ist, während der Staatenbund dasselbe nur in Bezug auf die vertragsmäßig festgestellten Bnndeszwecke ansübt, wogegen es jedem seiner Mitglieder freisteht, sich durch besondere Gesandten auswärts vertreten zu lassen. Da der Staatenbund keine seiner souveränen Gewalt unmittelbar unterworfenen Untergebenen besitzt, sondern vielmehr selbst die Souveränetät der in ihm begriffenen Staaten zu respectiren hat, so kann er auch keine gemeinsame Armee aufstellen u. zur Deckung seiner Ausgaben keine Steuern ansschreiben. Erheischt die Durchführung eines Bnndeszweckes die Waffengewalt, so treten die Bundescontingente aus den Armeen der Einzelstaaten zusammen, während die Kosten der Verwaltung oder einer gemeinsamen Unternehmung als Matricularbeiträge repartirt werden. Unter den B-en der Neuzeit waren bis dahin die bemerkenswerthesten die Schweizer Eidgenossenschaft u. die Nordamerikanische Union, beide hcrvorgegangcn aus einem von einer kleinen Zahl souveräner Staaten gebildeten Staatenbunde, dort ^ — Bundi. aus den 3 Urkantonen, hier aus den 13 Colonien, welche 1776 die Unabhängigkeitserklärung Unterzeichneten. Die Amerikanische Union ging schon 1787 vom Staatenbnnde zum B-e über u. hat seitdem einen Zuwachs von 18 Staaten erhalten. Bei der Schweiz trat diese staatliche Umbildung erst im Jahre 1848 ein, wo der Zweck des Bundes dahin erweitert wurde, daß auch der Schutz der Freiheit u. der Rechte der Eidgenossen u. Beförderung ihrer gemeinsamen Wohlfahrt zur Aufgabe der Bundesbehörde zählt. Die oberste Gewalt wurde der Bundesversammlung, die Executive dem Bnndesrathe u. die Rechtspflege, insofern einzelne Kantone oder der B. selbst als Partei auftritt, dem Bundesgerichte übertragen. Der bedeutendste Staatenbund derNenzeit war derDeutsche B., hervorgegangen aus den durch die Machtschwächung der Kaiser zur Souveränität gelangten deutschen Reichsfürsten n. Freien Städte, 8. Juni 1815 geschlossen. Der Versuch, ihn in einen B. nmzuwandeln, schlug im Jahre 1848 fehl; s. Deutscher Bund. Das Deutsche Reich hat in seiner Verfassung die Grund- u. Charakterzüge des B-es in besonders scharfer Weise ausgeprägt; der Umstand aber, daß das Reich — die 3 republikanischen Freistädte kommen dabei nicht in Betracht — aus constitutionellen Monarchien besteht u. daß seine oberste Bundesgemalt in der Hand des Königs von Preußen liegt, begründet eine ganz bestimmte Verschiedenheit des Deutschen B-es n. jener der schweizerischen u. der nordamerikanischenRepubliken. S. die Art. Deutsches Reich, Vereinigte Staaten, Schweiz. 2) Zwei od. mehrere selbständige Staaten, die einen gemeinsamen Herrscher haben (Dynastischer Staatenbund, Personalunion). Ein solches Ver- hältniß bestand ehemals zwischen England u. Irland ».zwischen Österreich u. Ungarn. In ersterem Falle hat die Personal- der Realunion Platz gemacht, wenn auch noch keine völlige Verschmelzung der verschiedenen Bestandtheile zu einem gleichmäßig organisirteu Staatsganzeu erfolgt ist. Auch in Österreich ist der Kampf zwischen der Partei des Gesammt-Reiches n. der der nationalen Staaten noch nicht zum Abschluß gekommen (s. Österreich), sondern 1867 erst bezüglich Ungarns erledigt. Gegenwärtig sind noch Schweden u. Norwegen, die Niederlande u. Luxemburg, u. waren bis 1848 Preußen u. Nenenburg u. bis 1864 Dänemark u. Holstein durch Personalunion verbunden. Ein ähnliches Verhältniß fand bis 1867 bei Rußland u. Polen dem Namen nach statt. Grot-fend.» Bundestag u. Bundesversammlung, die Versammlung der von den znm Deutschen Bunde gehörigen Staaten abgeordneten Bevollmächtigten, welche unter dem Vorsitze Österreichs 1815 bis 1848 u. wieder 1851 bis 1866 in Frankfurt a.M. tagte; s. u. Deutschland. In der Schweiz heißt seit 1848 Bundesversammlung die vereinte Sitzung des National- u. des Ständerathes zur Wahl des Bundesrathes, Bnndesgerichtes rc. Bundfaschinen, so v. w. Würste; s. u. Faschinen. Bundfutter, Stroh zur Viehfütterung, im Gegensätze zum Heu oder Kurzfutter. Bundi (Boondee), 1) kleiner Staat in Radsch- putana, südöstl. von Adschmir; 5900 Hsüm; durch Bündig — Bündniß. 263 einen Gebirgszug in zwei Hälften geschieden; vom schiffbaren Lschumbul bewässert; sehr ungesundes Klima; großer Reichthum an Eisen; der größte Theil der 229,100 Ew. besteht ans dem Volke der Mina, das zu den nicht-arischen eingeborenen Stämmen Indiens gehört u. der Räuberei ergeben ist; der kleinere, aber herrschende Theil gehört demRadschpntenstamme der Hara an. 1342 vom Nadschputenfürsten Rao-Deva gegründet, wurde das Reich im 16. Jahrh. dem Großmogul zinspflichtig u. durch denselben sehr ausgedehnt; im 18. kam es unter die Oberhoheit der Mahratteu. Seit 1818 datirt die Oberherrschaft der Engländer, die der Radscha in den vorhergehenden Kriegen stets unterstützt hatte. 2 ) Hauptstadt darin, in einem Felsenkessel romantisch gelegen, durch eine Mauer niit drei Thoren befestigt; von der schönen Burg des Radscha überragt; zwei große Bazare; lebhafter Verkehr; S—60Specht.' 2>" u. 4>Heime-Am RlM. SMimmenauerl,. Bnrda (Dschaitwar), Gebiet an der Küste der Halbinsel Kattiawar in Gndscherat (Hindostan); 1490 sZLm; 46,980 Ew. Das Land bildet das Besitzthnm des Rana von Pnrbunder, der dem Radschpntcnstamme der Dschaitwa angehört und tributpflichtiger Vasall des Guicowar von Baroda ist. Die Engländer beziehen den Ertrag der Zölle der Hafenst. Pnrbunder. Burdach, 1)Karl Friedrich, ausgezeichneter Physiolog, geb. 12. Juni 1776 in Leipzig; stu- dirte daselbst Medicin u. Philosophie, promovirte 1798 in der philologischen, 1800 in der medicini- schen Facultät, prakticirte in Leipzig, wurde 1807 außerordentlicher Professor der Medicin daselbst, 1811 Professor der Anatomie u. Physiologie in Dorpat u. 1814 in Königsberg, wurde hier Geh. Medicinalrath u. Vorsitzender im Medicinalcolle- gium; er st. 16. Juli 1847, nach rastlos thätigem Leben als ausgezeichneter Physiolog u. medicini- scher Schriftsteller. B. war eine sein angelegte Natur, wohlbewandert in den philosophischen Systemen seiner Zeit, verständnißvoll für den Um- nnd Aufschwung der Wissenschaft, dabei klar und scharf denkend, reich an Gemllth u. elegant in der Form. Diese Vorzüge finden sich in allen seinen zahlreichen Werken wieder, von denen wir nur ansühren wollen: Propädeutik znm Studium der gesammten Heilkunde, Lpz. 1801; Diätetik für Gesunde, ebd. 1805; Handbuch der neuesten Entdeckungen der Heilkunde, ebd. 1805; Beiträge zur näheren Kcnntniß des Gehirnes, ebd. 1806, 2 Bde.; Die Lehre vom Schlagflusse, ebd. 1806; System der Arzneimittellehre, 2. Ansg., ebd. 1817—19, 4 Bde.; Neues Recepttaschenbuch, ebd. 1807; Die Literatur der Heilwissenschast, 3 Bde., Gotha 1810 bis 1821; Encyklopädie der Heilwissenschast, Lpz. 1810—16, 2 Bde. u. 3. Bandes 1. Abth.; Berichte von der Königlichen Anatomischen Anstalt zu Königsberg, 1818—24; vom Baue u. Leben des Gehirnes u. Rückenmarkes, Lpz. 1819—25, 3 Bde.; Physiologie als Ersahrungswissenschaft, ebd. 1826 bis 1840, 6 Bde., 2. Anfl., 1.-3. Bd., 1835 bis 1838; Der Mensch nach verschiedenen Seiten der Natur, 1836 f.; Gerichtsärztliche Arbeiten, Stnttg. 1839; Umrisse einer Physiologie des Nervensystems, 1844; Rückblicke auf mein Leben, Lpz. 1842—48, 4 Bde. 2) Ernst, Sohn des Vor., geb. 25. Febr. 1801 in Leivzig: besuchte das Bürde-Ncy. Gymnasium in Königsberg, stndirte daselbst seit 1821 Medicin, wurde Prosector, habilitirte sich 1829 n. tibernahm später die Professur für Anatomie. Außer verschiedenen Aufsätzen in den Fachjournalen hat er an größeren Arbeiten geliefert: Obssrvntionss nounnÜas nneroseopieas inüam- insbionoin 8psotanis8, InanAnral. cli88., Königsb. 1825; Beitrag zur mikroskopischen Anatomie der Nerven, ebd. 1837. Seine Anthropologie, Stnttg. 1847, ist eine vollständig umgearbeitete 2. Anfl. von seines Vaters Werk: Der Mensch. Burdekin, Fluß im nördlichen Theil von Queensland, Australien; entspringt unter 18H" südl. Br., fließt erst südöstlich, parallel der Küste, wendet sich, nachdem er den von S. kommenden Balyando ausgenommen, nach N. u. mündet bei Wikham. Bürde-Ncy, Jenny, Sängerin von europäischem Rufe, geb. 21. Dec. 1826 zu Graz; betrat, von frühester Zeit für das Theater erzogen, in Kinderrollen zuerst die Bühne. Nachdem sie Proben eines entschiedenen Gesangstalentes abgelegt hatte, wurde sie von ihrer Mutter, einer Sängerin aus der italienischen Schule, ausgebildct und debütirte als Opernsängerin mit der Norma im Sept. 1845 zu Olmütz. Aber weder hier, noch in Prag, wohin sie 1846 als Posscnsonbrette gegangen war, erregte sie namhaftes Aufsehen. Erst in Lemberg (1847—50) fand sie eine großartige Aufnahme n. sah nach Ablauf ihres Contracts ihren sehnlichsten Wunsch in Erfüllung gehen, am Wiener Kärthner-Thor-Theater, dem früher auch ihre Mutter angehört hatte, engagirt zu werden. Trotz der Hingebung der talentvollen Künstlerin an ihre Kunst schien man ihre Anlagen, die damals allerdings noch nicht zur vollen Reife gekommen waren, verkannt zn haben, u. so gelang cs dem Herrn von Lüttichau, die Sängerin unter den glänzendsten Bedingungen für das Dresdener Hoftheater zu gewinnen. Dort erreichte sie die Periode ihrer Vollkraft, von dort verbreitete sich ihr Rnf über ganz Europa. Die bedeutendsten Bühnen Deutschlands, wie Berlin, Leipzig, Hamburg, München, Mannheim, Weimar, Hannover, Darmstadt n. a., beriefen sie zn enthusiastisch anf- genommenen Gastspielen, ja, selbst England huldigte ihrem Talent, als sie sowol 1855, als auch 1856 bei der Italienischen Oper des Coventgarden- Theaters zu London gastirte. Seit 1856 mit dem damaligen Hofschauspieler Emil Bürde, jetzigen Lehrer an der Dresdener Theaterschnle, verhei- rathet, wirkte sie bis 1866 mit nngeschwächter Kraft am Dresdener Hofthcater, um erst im letztgenannten Jahre die Bretter mit dem Chor der katholischen Hofkirche zu vertauschen. Neben ihrer Stellung als Sängerin ist sie auch mit der Ausbildung junger Gesangskräfte beschäftigt. Ihre Leistungen trugen nicht allein den Stempel des Talents, sondern auch des unermüdlichen Fleißes, der sich am meisten in der Technik ihres Gesanges, der richtigen Behandlung ihrer Partien, vor Allem aber darin aussprach, daß sie ihrem ursprünglich vorwiegend italienischen Repertoire allmählich einen durchaus deutschen Charakter gab. Standen auch ihre Darstellungen mit ihren musikalischen Leistungen keineswegs auf einer Stufe, so zeigten sie Burdett — Bureaukratie. 275 Loch immer Verständniß, wie eine edle Bescheidenheit u. Natürlichkeit. Innerhalb der Sopranpartien kennt Jenny B.-N. keine Fachgrenzcn, u.ans ihrem Repertoire erhellt die Vielseitigkeit der Künstlerin, die unter sich so verschiedenen Rollen, wie Norma, Lucia, Alice, Rosine, Jphigcuia auf Tauris, Armida, Donna Anna, Constanze, Elekt'ra, Pamina, Indra, Fidelio, Enryanlhc, Agathe, Dinorah, Valentine, Frau Fluth, Madeleine u. v. a., doch mit fast gleicher Vollendung zur Ausführung brachte. Kürschner. Burdett, 1) Sir Francis, der populärste engl. Politiker seiner Zeit u. Parlamentsmitglied, geb. 85. Jan. 1770 in der Grafschaft Derby; stn- dirte in Oxford, machte dann große Reisen in Europa u. war ans diesen Zeuge des Fortschrittes der franz. Revolution. 1793 heirathete er Sophia, die jüngste Tochter von Thomas Contts, eines der reichsten Bankiers Londons, u. 1796 ward er für Boroughbridge in Jorkshire ins Parlament gewählt. Er trat in die Reihe der Opposition als Anhänger der Radikalen, ward 1802 abermals Deputirter u. dann öfter; 1810 saß er wegen eines Schreibens an seine Wähler 2 Monate im Tower. Er drang nach Napoleons Rückkehr von Elba auf Frieden mit Frankreich, erhob sich 1819 gegen Castlereaghs Beschränkungen der Presse, trat jedoch allmählich aus der ersten Reihe der heftigen Wortführer der Volkspartci, näherte sich unter Canning dein Ministerium u. sprach 1828 für die Rechte der Katholiken in Irland u. 1832 für die Greysche Reformbill. 30 Jahre hatte er Westminster als Mann des Volkes vertreten, als er 1835, kurz nach der Bildung des Ministeriums Melbourne, feine Partei verließ u. 1837 von den Pächtern des nördl. Theils von Wiltshire als Eon- fervativcr gewählt wurde. Er sprach, seitdem zur Torypartei gewendet, stets für die Erhaltung der Verfassung und gegen O'Connell und die irischen Priester, sowie gegen die Whigs. B. st. 23. Jan. 1844 in London. Sein Titel u. seine Güter, die von feiner Frau herrührten, gingen auf seinen Sohn Sir Robert B. über. 2) Angela, Tochter des Vor., geb. 25. April 1814; wurde 1837 Erbin der Herzogin von St. Albans und dadurch die reichste Dame Englands; n. weil deren Vermögen von ihrem ersten Ehemann, dem Bankier Contts, herrllhrte, nahm die B. den Namen B.-Coutts an. Sie hat sich durch die Gründung vieler wohlthätigen Anstalten berühmt gemacht u. wurde im März 1871 unter dem Titel Baro- neß B.-Coutts in den Adelstand erhoben, sowie ihr kurze Zeit darauf auch von Edinburgh das Ehrenbürgerrecht verliehen wurde. Bartling.» Burdigala (a. Geogr.), alter Name der Stadt Bordeaux ff. d.). Daher 8uräi§a1evsia oonsiUa, die zu Bordeaux gehaltene Kirchenversammlungen; f. n. Bordeaux. Burding (Burgericht), im Mittelalter Versammlung der Schöffenbarfreien eines Gemeindewesens, worin sie nicht nur zum Gerichte, sondern auch zur Berathung u. Entscheidung aller das Gemeinwesen angehenden Gegenstände unter dem Vorsitze ihres Grafen saßen. Bnrdtvan, 1) Prov. der brit. Präsidentschaft Bengalen (Ostindien); von den stets schiffbaren Flüssen Bhagarati u. Hughly, sowie von den zeitweise schiffbaren Hadschi und Damuda bewässert; 32,940 fistcm (598,2« UM); 7,286,957 Ew. Darin das Commissionarship gl. Namens; 9124 iHkm (l65,g„fIW); 2,034,745 Ew. Obgleich verheerenden Überschwemmungen aus gesetzt, ist es doch einer der fruchtbarsten u. bestangebauten Theile Bengalens, reich an Zucker, Jndigo/Tabak, Baumwolle und hat viele sehr reiche Grundbesitzer, darunter vor Allen den Titnlar-Radscha von B., dessen Eigenthnm jährlich 130,000 Pfd. Stert, abwirft. Der Distr., von den Eisenbahnen Cal- cutta nach Ranigandsch u. nach Radschmahal durchschnitten, ist seit 1760 britisch. 2) Hauptstadt des gleicht!. Distrikts, am Damuda u. der großen Heerstraße von Calcutta nach Benares u. der Eisenbahn von Calcutta; Palast des Nadscha; ungef. 32,321 Ew. Thiel-mlumc' Bureau, 1) eine Gerichtsstube, u. zwar der Theil derselben, welcher durch die Schranken von den Parteien abgesondert ist u. wo sich die Registratur befindet. 2) Überhaupt die Geschäfts- Locale aller öffentlichen Behörden, so: Post-B., Zoll-B. rc. 3) Eins in der Weise eingerichtete Behörde, daß ein Chef (B-chef) Alles leitet, anordnet, bestehlt u. die Untergeordneten es nur gehorchend ausführen. Die Art, mittels einer solchen Behörde n. solcher Beamten zu regieren, hat der Bureaukratie den Namen gegeben. 4) Ein elegantes Schrcibepnlt mit Fächern zum ordnungsmäßigen Einlegen von Papieren, mit einer Klappe davor zum Aufklappen. Darunter befinden sich meist Schiebladen wie eine Commode, darüber Fächer zum Verwahren von Papieren u. allerhand Gegenständen, auch wolein kleiner Schrank. Bureau, County im nordamerik. Unionsstaate Illinois, unter 41° n. B. u. 89° w. L.; 32,415 Ew.; Cvnntysitz: Princeton. Lureau ambulant (fr.), s. Ambulance 2. 8. ä'aärsuse, so v. w. Adreßcomptoir; s. n. Adreß- bureaux. 8. äs eommsres, 1) Geschäfts- oder Handelsbureau; 2) Handelskammer; 3) Handelsgericht. 8. äss eomptss, Rechnnngsamt. 8.ä ssprit, Versammlung von Gelehrten zu wissenschaftlichen Verhandlungen. Bureaukratie ist eine sehr geläufige u. oft gehörte Bezeichnung eines Systems der öffentlichen Verwaltung, aber man hat nicht immer denselben Sinn damit verbunden. Die Einen bezeichneten damit schlechthin die Organisation der Behörden, welche in den verschiedenen Instanzen die Pflicht u. das Recht des Amtes je einem einzelnen Beamten überträgt u. der individuellen Eigenthümlichkeit des Beamten einen bestimmenden Einfluß (guter oder schlechter Art) auf den Gang u. die Erfolge der öffentlichen Verwaltung gestattet. Der B. in diesem zunächst nur formalen Sinne wird dann das Collegialsystem der öffentlichen Behörden entgegengestellt, u. gerade energische Naturen u. Männer, welche Gutes von der öffentlichen Verwaltung fordern, sind leicht geneigt, jener elfteren Art der Behördenorganisation den Vorzug zu geben, weil sie von ihr beschleunigtere Erledigung der Angelegenheiten, mehr Intelligenz u. persönliches Handeln bei deren Behandlung erwarten, dabei auch eine wirksamere persönliche 276 Büreideh Schhmy — Büren. Haftung. Von den Vertretern der Collegialbe- hörden wird dagegen auf die größere Gefahr hin- cwiescn, welche die Belastung eines so maßge- cnden Einflusses der Persönlichkeit ans die öffentliche Verwaltung, namentlich auch in den höheren Instanzen, mit sich führt, n. die bnreaukratische Form als die praktisch bedenklichere verworfen. Der Kernpunkt dieses Streites betrifft indeß nicht nur die formale Einrichtung der Behörden; er liegt tiefer, in der Frage, in welchem Geiste die öffentliche Verwaltung geführt, der Staat regiert wird, u. im Grunde sucht man auf beiden Wegen nur dasselbe; man will einen guten Geist zur Herrschaft bringen u. ihm die Herrschaft sichern. Den Feind, den man dabei zu bekämpfen hat, nennt man auch B., n. in diesem materiellen Sinne bezeichnet dieser Ausdruck den Formalismus in der materiellen Behandlung der Angelegenheiten, welcher nicht auf die möglichst richtige u. günstige Erledigung derselben, sondern darauf das Hauptgewicht legt, Laß die Acten abgeschlossen u. die Sache für das Journal todt gemacht wird; man deutet damit ans das Negieren von Beamten, welche amtlich n. folgeweise auch social außerhalb der Kreise stehen, deren Angelegenheiten sie zu verwalten haben, u. welche deshalb das Interesse u. Verständniß der Sache leicht dem snbjectiven Belieben u. der Einseitigkeit n. dem Jrrthnm der individuellen Anschauung opjern, überhaupt den Formalismus über das Wesen der Sache erheben. Gegen die B. in diesem materiellen Sinne hat sich die öffentliche Meinung mit aller Entschiedenheit ausgesprochen, u. die Gesetzgebungen suchen Garantien dafür zu schaffen, daß die Slaatsregiernng u. die öffentliche Verwaltung von ihr befreit wird u. bleibt. Bon welch weittragender Bedeutung die Art der Organisation der Behörden u. der Ver- theilung u. Abwägung der Zuständigkeit derselben in den verschied. Zweigen n. Instanzen ist, liegt aus der Hand; allein wie nicht die Fassung der Verfassungsparagraphen die Größe u. die Bedeutung des Staatswcsens bestimmen, so vermögen auch jene gesetzlichen Schutz- u. Abwehren nicht die erstrebte Sicherheit zu geben. Es kommt darauf an, daß die Männer, welchen je in einem bestimmten Kreise die Antheilnahme an der öffentlichen Verwaltung anvertraut ist, frei von dem Gelüste der Vielregiererei n. des formalen Schematismus, im Stande u. bestrebt sind, mir freier Auffassung der realen Aufgaben der Staatsre- gicrung n. der Interessen der Negierten diese so weit, als es ihres Amtes ist, ohne Übergriffe in die Rechte der Selbstverwaltung zu pflegen n. zu fördern. Je reger n. selbstbewußter das Gemeinde- lcben u. ze freier die Selbstverwaltung der Gemeinde ist, desto weniger ist eine bnreaukratische Verwaltung der Staatsbeamten zu besorgen. Die Förderung der Selbstverwaltung ist daher die wirksamste Maßregel gegen die mißliebige B. Vgl. R. v. Mohl, Über B. (in der Zeitschr. für die gesammtc Staatswissenschaft, Jahrg. 1846); Fr. Rohmer, Deutschlands alte u. neue B-, München 1848. Grotefend. Büreideh Sehhmy, Mekkaner, verfolgte mit 70 Mann Mohammed, wurde aber dann der eifrigste Anhänger desselben. Freudig band er seinen Turban auf u. machte eine Fahne, die erste des Jslamismus, daraus, u. alle Fahnenträger des Moslemin heißen seitdem Sehhmh. Bnreja, 1) die südl. Fortsetzung der Jam- Alin-Gebirge im Amnrlande, die vom Jablonoi- u. Stanowoi-Chrebet von NO. nach SW. streichen. Die B-kctte theilt dies weite Flachland des mittleren n. unteren Amur; sie besteht aus Granit, Glimmerschiefer, Thouschicfer rc. u. enthält Erz. 2 ) Linker Nebenfluß des Amur, der unter 148" 43' ö. L. n. 49" 23' n. Br. in denselben mündet. Buren, Martin van B., der achte Präsident der Verein. Staaten, geb. 5. Dec. 1782 zu Km- derhook im Staate New-Uork; ward 1803 Advo- cat, zog 1809 nach Hudson, wo er sich neben seiner Advocatur mit den öffentlichen Angelegenheiten der Grafschaft befaßte u. an die Spitze der demokratischen Partei trat; wurde 1812 Mitglied des Senats zu Ncw-Dork u. 1815 Staatsanwalt. Er entwickelte einen großen Eifer für energische Führung des Krieges gegen England und bewirkte die Aufstellung einesH«res von 12,OOOM. im Staate New-Jork. Als seine Partei gegen de Wil Clinton 1817 unterlag, verlor er sein Amt, als sic aber 4 Jahre später die Oberhand gewann, wurde er als Senator 1821 Mitglied des Congrcsses in Washington n. 1829 Gouverneur von New-Dork. Von Jackson zum Staatssekretär der Vereinigten Staaten ernannt, bot er wie schon früher seinen Einfluß gegen die Privilegien der Vereinigten-Staaten-Bank u. für die Herabsetzung der Zölle auf, ging 1831 als Gesandter nach London, mußte aber bald von dort znrückkehren, weil die Whigpartei dieser Ernennung die Bestätigung verweigerte, ward jedoch 1832 von seinen Anhängern zum Viceprästdenten n. für 1837—41 znui Präsidenten der Vereinigten Staaten erwählt; s. NAmcrikauische Freistaaten (Gesch.). Unter seiner Präsidentschaft brach 1837 die große Handelskrise in den Verein. Staaten aus. Um in Zukunft finanziellen Erschütterungen ähnlicher Art vorzubeugen, trug er auf Trennung der Finanzwirthschaft des Staates u. der Eiuzelstaaten von den Banken au, nachdem er der Staatsbank die Erneuerung ihres Freibriefes versagt hatte. Sein Antrag unterlag aber bei der Abstimmung im Cougreß. In der Folge wurde die demokratische Partei durch Spaltungen geschwächt, u. zweimal, 1844 n. 1848, bewarb er sich vergebens wieder um die Präsidentschaft, obgleich in letzterem Jahre die Freibodenmänner für ihn waren. B. zog sich hierauf von der Politik zurück u. lebte ans seinem Gute Lindenwald; 1853 machte er eine Reffe nach Europa. Er st. 16. Oct. 1866 auf Lindenwald bei New-Dork. Büren, 1) Kreis im preuß. Regbez. Minden; hat im S. einen Zweig des Teutoburger Waldes u. Sanerlaudes, im NO. ist Heide- u. Moorland; Landbau, Viehzucht, namentl. bedeutende Schafzucht; Leinenwebcrci, Gerberei, Pottaschsiederei, Papier-, Öl- und Glasfabrikation, Salzsiederei, Drahtstift - Fabrikation , Branntweinbrennerei u. Bierbrauerei; 764,ffUkm (13,g, ÜW); 35,435 Ew.; ist von 15„. km der Westfälischen n. Bcrgisch-Märkijchen Eisenbahn berührt. 2 ) Kreisstadt darin, an der Alme und 277 B u rette - Mfte; kathol. Schnllchrerscminar; Tanbstummen- institut; Weberei, Fabrikation von Pfcifcnköpscn u. Tabak; 2133 Ew. — Die Herrschaft B. kam 1464 durch Heirath an eine Seitenlinie der Grafen Egmont n. wurde 1492 zur Grafschaft erhoben. Non den Grafen von B. kam die Grafschaft 1610 an den Jesuitenorden; nach dessen Aufhebung ergriff der Fürstbischof von Paderborn davon Besitz u. verwendete die Einkünfte (über 1 Milk.), ohne sie zum Kirchenvermögen zu schlagen, zur Unterhaltung von Schulen, Pfarrstellen rc. 1802 kamen die Güter mit dem Bisthnm Paderborn an die Krone Preußen u. wurden Domänen» güter; 1811 schlug sie der König von Westfalen zu seinen Krondomänen; nach der Auflösung des Königreichs Westfalen kam B. wieder an Preußen, u. die Einkünfte daraus wurden zu Schulzwccken in Paderborn u. B. bestimmt. 1852 verlangte der Bischof von Paderborn diese Güter von der Krone zurück u. verklagte die die Herausgabe verweigernde Regierung; der Gerichtshof entschied aber 1854, daß die Besitznahme der B-schen Güter für die Krondomänen Westfalens erfolgt sei, und zwar auf den Grund eines Specialbefehls des Landesherrn, welcher giltig sei, weil die Krone Preußen das Königreich Westfalen durch völkerrechtliche Verträge anerkannt hätte. 3 ) Stadt im gleichnam. Amtsbezirke des schweizer Kantons Bern, an der Aare; Weinhandel; Schifffahrt; 1200 Ew. B. gehörte früher den Grafen von Straßberg, dann denen von Nidau; 1375 wurde B. von den Guglern belagert u. Graf Rudolf erschaffen. Seine Erben verkauften B. an das Erzhaus Österreich; der Herzog Leopold räumte es 1376 dem Grasen Ingram von Coussy (s. d.) ein. 1388 wurde es von den Solothurnern n. Bernern genommen u. von denselben gemeinschaftlich besessen, kam aber 1392 ganz an Bern. 4 ) B. od. Beuren, jetzt Wäschenbeuren, Wäscherschlößchen mit uralten Mauern im würltemb. Öberamte Welzheim; Stammsitz der Hohenstaufen. Erst Kaiser Friedrichs I. Großvater erbaute, wenig südl. von Beuren, das Schloß Staufen. Bürette, Gießröhre, eine in obem u. Theile desselben getheilte Glasröhre, von 10 bis 20 mm Durchmesser, welche zum Messen ausgegoffener Mengen Flüssigkeit bestimmt ist. Die erste, von Decroizille u. Gay-Lussac angewandte bestand aus einer etwa 25 em langen, unten geschlossenen Glasröhre von 15—20 mm Weite, an welche unten seitlich eine engere Röhre angeblasen war, welche sich parallel der weiteren u. dicht neben ihr, bis nahe an ihre Mündung erstreckte, wo sie eine nach unten gebogene engere Spitze zum Ausgüßen hatte. Die neuere B. von Mohr besteht aus einer unten in eine engere Spitze ausgezogenen Glasröhre, über welche ein Stück Kautschukrohr geschoben ist, das mit einer elastischen Klammer, Quetschhahn, geschlossen ist, die sich durch Druck öffnet. Eine andere Form der B., die Steh-B., ebenfalls von Mohr, besteht aus einer unten geschlossenen, getheilten Glasröhre, mit einem Stopfen versehen, durch welchen eine dünne Glasröhre bis auf den Boden reicht, die oben außerhalb horizontal abgebogen n. mit einer Ansflußspitze versehen ist. Durch Einblasen von — Blirg. Luft durch eine zweite Röhre, mit dem Munde oder mit einer Kautschnkkugel, wird die Flüssigkeit ansgctrieben, während die B. ruhig steht. Burford, Marktflecken in der englischen Grafschaft Oxford, am Windrnsh; Fabrikation von Sätteln, wollenen n. leinenen Zeugen; 1403 Ew. Hier 750 Sieg des Königs Cuthred von Wessex über Ethelbald von Mercia. Später gehörte B. dem Grasen von Gloccster. 1676 erhob König Karl II. seinen natürlichen Sohn Veanclair zum Grafen von B., in dessen Familie der Titel blieb. Burg, 1) im Mittelalter befestigter Wohnsitz eines Fürsten, Grafen, Dynasten oder Ritters. Lagen B-cn in der Ebene, wie bes. in Westfalen, Niedersachsen, Flandern, Holland, so waren sie durch vorbeifließeudcs Gewässer oder Wassergräben geschützt u. hießen Wasserburgen; gewöhnlich aber waren sie auf Höhen erbaut (Höhcnbnrgen). Kleinere, nur Wohnhaus, Kemnate, Küche und eine Thür enthaltende B-en hießen B-ställc; größere, völlig für Herren eingerichtete aber Hof- B-en. Letztere waren von einem Außenwerke (Zingel) umgeben; aus denselben führten ein od. zwei neben Schutzthürmen gelegene oder durch solcste führende Thore in einen von der eigentlichen B. durch einen Graben geschiedenen Vorplatz (Zwinger, Zwingolf). In diesem Vorplätze war der von Wirthschafrsgebäuden umschlossene Viehhof, auch ein anderer, zu ritterlichen Spielen dienender Raum. Über den Graben führte eine Zugbrücke zu dem inneren B-thor (Porte), über welchem die Mauer mit Zinnen versehen war u. einen nach der B. zu offenen Gang (Wer, Ketze) hatte, von welchem ans die B-mannschast mit Geschossen die B. durch die Lucken der Zinnen vertheidigte. Durch die Porte gelangte man entweder noch in einen zweiten Zwinger, oder sogleich durch einen mittels Fallgitter geschützten Durchgang in den eigentlichen B-Hof (Lallium, LaM). In der Mitte lag ein hoher, dicker isolirter Thurm (Berg- fried, Donjon), dessen unterer Theil, von außen nicht zugänglich, als Gefängniß (B-verließ) diente; der obere enthielt Räume zur äußersten u. letzten Vertheidigung der B-bewohner u. zu oberst den Aufenthalt für den Thurmwart. Das Wohnhaus des B-Herrn war der Palas; dessen untere, gewölbte Räume entstielten Vorrathsräume, Bier- u. Weinkeller u. Wohuräume für die Dienerschaft; in dem oberen Stocke, wohin eine Freitreppe aus dem Hofe führte, befand sich der Speise- u. Versammlungssaal mit daneben gelegenen Zimmern für den B-Herrn. Die Frauen bewohnten ein eigenes Gebäude, die Kemnate, in dessen einer Abtheilung die Herrin nebst Familie, in der anderen die Mägde wohnten; in der dritten (Ga- dom) waren die Arbeitsräume. Außerdem befand sich in jeder B. in besonderem Hause die Küche u. ein zur Waffenanfertigung bestimmtes Schuitzhaus. Größere B-cn hatten auch eine Kapelle. In reichs- und landesherrlichen B-n waren B-grafen (s. d.) als Commandanten nebst den mit der Vertheidigung der B. betrauten B-männern (s. d. n. Burgmannen) eingesetzt. Ohne Erlaubniß des Landesherrn durfte Niemand eine B. bauen; verlieren konnte man solche wegen Aufnahme eines flüchtigen Friedbrechcrs, verübter Nothzucht au einer 278 Burg — auf die B. entführten Frauensperson, Gefangcn- haltnug einer Person, welche der Kaiser hatte fordern lassen, u. wegen verweigerter Leistung des Eides, daß man die B. nicht zum Unfrieden od. zur Empörung brauchen wolle. Die B-en gaben aber als Schlupfwinkel Anlaß zu Räubereien. So entstanden in Thüringen, am Rhein, in Franken eine sehr große Menge B-en, welche die Kaiser später wieder zu zerstören strebten und deren des. Rudolf von Habsburg viele zerstörte. Viele B-en fielen der Erfindung des Schießpulvers zum Opfer; viele wurden von den Franzosen muthwilligerweise zerstört, u. noch jetzt krönen eine große Anzahl als Ruinen die Gipfel der Berge; manche sind auch wiederhergestellt worden, namentlich am Rhein. 8) So v. w. Stadt, weil diese ursprünglich B-en waren. Hiervon das französ. ZonrA, das engl. LoronZU, das ital. Lorxo, das span. Lni-Ao. Der Ursprung des Wortes ist germanisch. 3) (Herald.) So v. w. Castell. 4) So v. w. Biberbau; s. n. Biber. Burg, 1) Stadt im Kreise Jerichow I. des prenß. Regbez. Magdeburg, an der Ille u. Magdeburg-Berliner Eisenbahn; Gymnasium, Erzieh- ungSinstitnt für arme Kinder; Freimaurerloge: Adamas zur heiligen B.; Hospital; Tuchfabriken, Maschinenbananstalten,Dampfmühlen, Färbereien, Tabak-, Leder- und Ölfabriken, Bierbrauereien; Cichorien-, Tabak- u. Kardenban; 3 Wollmärkte; 15,184 Ew., zum Theil Pfälzer, schweizer u. französische Colonisten. B. wurde 1687 an Brandenburg abgetreten. 2) Stadt im Kreise Lennep des prenß. Regbez. Düsseldorf, an der Wupper; Baumln ollenspinnerei, Wollen-, Zucker- u. Papierfabriken, Walke, Maschinen-, Eisen- n. Stahlwaaren- fabrikation; Handel mit Fischen (Salinen); 1590 Ew. 3) B., einzige Stadt auf der holsteinischen Ostsee-Insel Fehmarn; Handel mit Landprodncten u. innere Consumtivn bilden den Verkehr, wofür die Zollstätte Lemkenhafen am Fehmarsund fast 8 km von der Stadt liegt; 2450 Ew. B. gehört jetzt zum Kreise Oldenburg. Burg, Adam, Freiherr von, verdienstvoller Technolog, Mathematiker, Lehrer n. Schriftsteller, geb. 28. Jan. 1797 in Wien; erlernte das Tischlerhandwerk u. besuchte später die Akademie der bildenden Künste n. Las Polytechnische Institut, an welchem letzteren er 1820 Assistent n., nachdem er 1827—28 Professor der Elementarmathematik gewesen war, Professor für höhere Mathematik wurde; seit 1837 lehrte er Mechanik n. Maschinenlehre u. ward 1849—52 Director des Polytechnischen Instituts; 1850 in den Nitterstand erhoben, trat er 1852 als Sectionsrath in das Handelsministerium, wurde 1863 zum Hofrath ernannt, 1866 in den Freiherrnstaud erhoben und 1869 als lebenslängliches Mitglied in das Herrenhaus berufen. Seit 1870 ist er Präsident des Vereins zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien, welche Stadt ihm in Bezug auf ihre öffentlichen Einrichtungen (Gasbeleuchtung, Wasserversorgung, Feuerlöschwesen) Vieles verdankt. Bei den großen Industrieausstellungen in London, München n. Paris war er in den Commissionen thätig. Er schr.: Anfangsgründe der analytischen Geometrie, Wien 1821; Hand- Burgbrohl. buch der Trigonometrie, ebd. 1826; Auflösung algebraischer Gleichungen, ebd. 1827; Lehrbuch der höheren Mathematik, ebd. 1832 f., 3 Bde.; Compendium der höheren Mathematik, ebd. 1836, з. A., 1859; Compendium der populären Mechanik n. Maschinenlehre, ebd., 1846, 3. A., 1856, и. Supplemente dazu, 1850, 2. A. 1863; Lehrbuch der Maschinenlehre, 3. A., ebd. 1855 italienisch von G, Bellavitis, Wien 1859, Suppl., 2. A., 1863; Über die Wirksamkeit der Sicherheitsventile bei Dampfkesseln, ebd. 1862, u. a. Schroot? Bürg, Joh. Tobias, geb. 1766 in Wien; wurde 1791 Professor der Astronomie in Klagcn- furt u. 1814 Astronom in Wien; er entwickelte die Theorie der Mondesbewegung, entwarf Tafeln darüber u. bestimmte die Länge der aufsteigenden Knoten der Mondbahn, die sich auf mehr als 3000 Beobachtungen gründeten. Taub geworden, zog er sich von seinem Posten zurück u. st. 1834 zu Wiesenau im Ober-Liviner Thal. Surgaglum, im Mittelalter jährliche Abgabe der Burgbewohner (LnrAsnsss) an deren Herren. Burgas, Stadt u. Hafen im türkischen Vilajet Adrianopel, am gleichnam. Busen des Schwarzen Meeres; große Karawanserai; Pfeifenfabrikation; Seesalzausfuhr; in den Pferdeställen, welche den großen öffentlichen Platz umgeben, ist Raum für 5000 Pferde; 5000 Ew. Der Hafen ist von strategischer Wichtigkeit. Burgasch Wen Said, der gegenwärtige Scy- yid (Sultan) von Zanzibar, Sohn des 1856 verstorbenen Imam Said Said von Maskat; folgte I870seinem Bruder Said Medschid anf denThron. 1873 schloß er mit England den denkwürdigen Vertrag ab, nach welchem dem Sklavenhandel in Zanzibar ein Ziel gesetzt wurde. Im Somincr 1875 unternahm er eine Reise nach Europa, besuchte England, Frankreich u. kehrte über Wien, Constantiuopel und Mekka nach Zanzibar zurück (s- Zanzibar). Änrgau, Stadt im Bezirksamte Gllnzbnrg des bayer. Regbez. Schwaben, an der Mindel, Station der Ulm-Augsburger Eisenbahn; Landgericht; Schloß, schöne Kirche; Wollenwaarenfabr.; 2071 Ew.; in der Nähe ein ergiebiges Torflager. B. war Hauptort der ehemal. gleichnam. Markgrasschaft, welche 1559 an Österreich und 1805 an Bayern kam. Burghaun, 1) Gerichtsbarkeit eines Burggrafen über die zur Bnrgfreiheit gehörenden Sassen; 2) ehemals Gericht im B. 1) unter dein Vorsitze des Burggrafen. Burgbernhcim, Marktflecken mit städtischer Verfassung im Bez.-Amte Windsheim des bayer. Regbez. Mittel-Franken, Station der Eisenbahn Gnnzcnhausen-Wllrzbnrg; Schloß; Gipsbruch; Gerberei, Mühlen; Viehhanbel; 1770 Ew. In der Nähe Wildbad; man zählt vier Quellen, welche schwefelsaure Talkerde, salzsaures Kali n. Talkerde, kohlensauren Kalk, Kieselerde, Eisenoxyd u. viele Kohlensäure enthalten; Badeeinrichtungen. Burgbrcch, im Mittelalter die Einäscherung einer Burg, einer Stadt, mit Bruch des Burgfriedens. Burgbrohl, Dorf im Kreise Mayen des prenß. Regbez. Koblenz; Schloß; Weinbau; der beste 279 Burgdimst - Tuffstein, der hier zu Traß gemahlen u. nach Holland verfahren wird; 425 Ew.; in der Nähe viele Sauerbrunnen. Burgdienst, Dienste Leibeigener in der Wohnung ihres Herrn. Burgding, so v. w. Bnrggericht. Burgdorf, 1) Stadt II. Amtssitz im Kreise Celle der Landdrostei Lüneburg der prenß. Prov. Hannover, an der Ane, Eisenbahnstation; hübsche Kirche; mehrere Dampfschneidemühleu, Brennereien, Stärkefabrik, große Ölfabrik; 3025 Ew. Das frühere Jagdschloß der Herzoge ist jetzt Sitz des Amtes u. Amtsgerichtes. 1809 fast ganz abgebrannt, ist die Stadt ziemlich regelmäßig wieder aufgebaut. 2) Dorf im Amte Wöltingerode des Kreises Liebenburg der preuß. Landdrostci Hildes- Heim; 760 Ew. Hier stand ehedem die kaiserliche Pfalz Werla, Aufenthaltsort der deutschen Kaiser Heinrich I. bis Konrad III. B. gehörte dann dem Stifte Hildesheim; um 1420 nahm es Herzog Bernhard von Braunschweig weg u. befestigte es. Dessen Sohn Otto erbaute 1433 das Schloß; B. wurde 1519 in der Hildesheimer Fehde und 1682 von den Kaiserlichen verbrannt. 3) Stadt u. Hauptort des gleichnam. (27,300 Ew. zählenden) Amtsbezirkes im schweizer Kanton Bern, an der Emme u. der Schweiz. Centralbahn; über die untere Stadt führt eine steinerne Brücke nach der oberen; auf der Höhe ein im 7. Jahrh. erbautes Schloß; mehrere öffentliche Bildiiiigsanstaltcn, Forstschule; Sladtbibliothek; Waisenhaus; Post- u. Telegraphenbureau; Industrie in Seidenband, Damast, Bleiweiß, Tabak u. Chocoladc, Flachsspinnerei, Stapelplatz für die Producte des Emmenthals, bes. für Käse u. Leinwand; 5080 Ew. — B. wurde angeblich durch Baltram u. Siu- tram von Lenzburg erbaut u. Ansang des 13. Jahrh. durch Berthold V. von Zähringen befestigt; um 1270 kam es „an die Herren von Ky- burg, 1363 käuflich an Österreich; 1384 wurde es von den Bernern mit Hilfe der Eidgenossen belagert u. ihnen gegen Zahlung von 37,000 fl. käuflich abgetreten. Das Schloß wurde 1793 bis 1804 von Pestalozzi bewohnt u. zu einem Er- ziehnngsinstitnt eingerichtet. Bürge, 1) der für einen Anderen gntsagt. Man unterscheidet den Hauptbürgen (Ifiäo- jussor oimpler) von dem Rückbürgen (§. sneosänusus), der zu mehrerer Sicherheit des Ersteren für den Hauptschulduer, und von dem Asterbürgen, welcher dem Gläubiger für den Hauptbürgen einsteht od. gut sagt; s. Bürgschaft. 2) (Färb.) So v. w. Tragbahre. Burgebrach, Marktflecken im Bezirksamts Bamberg II. des bayer. Regbez. Ober-Franken, unweit des Einflusses der Mittel-Ebrach in die Rauhe Ebrach; Synagoge; Schloß; Mahl» und Schneidemühle, Bierbrauerei; Schäferei, Pferdezucht; Getreide- u. Hopfenbau, Handel damit; 962 Ew. Hier im Französischen Revoluiioiiskriege 29. Aug. 1796 Gefecht zwischen den Franzosen und Österreichern. Burgel, so v. w. Burgstall; s. II. Burg. Bürgel, 1) Stadt-B. (früher Burgliu, Burgela), Stadt im Großherzogthum u. Kreise Weimar, an der Gleise; altes verfallenes Schloß, — Burger. eine 1208 gestiftete, jetzt zu einem Hospital eingerichtete Kapelle; Töpfereien; Gips- n. Alabaster- brnch; 1670 Ew. 2) Thal-B., Kloster-B., Pfarrdorf n. Amtssitz das., großherzogl. Kammer- gut; 300 Ew. Sonst war hier eine 1133 von Heinrich von Grasch, Markgrafen zur Lausitz, und seiner Gemahlin Bertha von Glisberg gestiftete Benedictinerabtei, deren Haus, nachdem es 1510 von den Mönchen verlassen worden war, 1528 in ein Amthaus verwandelt wurde. Der Papst vergab noch in neuester Zeit den Titel eines Abts von B. Vgl. v. Gleichenstein, Befreiung der Abtei Burgelin, Jena 1729. Bürgen (Bürgenstock), Berg in der Schweiz, am SUfer der mittleren Bucht des Vierwald- stätter-Sees, 1134 in hoch, steil u. stark bewaldet; der nördl. Abhang gehört zum Kanton Luzern, der südl. zu Unterwalden (Nidwalden). Unterhalb des eine herrliche Aussicht bietenden Gipfels seit 1874 ein großartiges Gast- u. Pensionshaus. Von Stansstad am Fuße führt ein bequemer Weg hinauf. Burger, 1) Johann, Arzt u. landwirth- schaftlicher Schriftsteller, geb. 5. Aug. 1773 zu Wolfsberg in Kärnthen; wurde prakt. Arzt daselbst, 1808 Professor der Landwirthschaft am Lyceum in Klagenfurt, 1820 als Gubernialrath nach Triest gesendet, um in dem österreichischen Küstenlande die Grundabschätziiugen zum Behnfe des Steuerkatasters zu leiten, u. 1825 zu gleichem Zwecke nach Graz u. 1828 nach dem Lombardisch- Venetianischen Königreiche; er kehrte 1829 nach Triest zurück, wurde 1830 nach Wien versetzt, um auch die Katastraloperationen in Nieder-Österreich zu beenden. Er st. 24. Jan. 1842. B. übersetzte Sismondis Tudlsun cks I'uArierrlturs cls Toseans, Tüb. 1805, u. schr.: Die Naturgeschichte, Cultur u. Benutzung des Mais, Wien 1808, 2. A., 1811; Die Darstellung des Zuckers aus dem Safte inländischer Pflanzen, 1812; Die Theilung der Gemeiudeweiden (Preisschr.), Pest 1816; Lehrbuch der Landwirthschaft, Wien 1819, 4. A., 1838 (ins Russische u. Polnische übersetzt); Reise durch Ober-Italien, ebd. 1831, 2. A., 1843; Beiträge zur Keuutniß des gegenwärtigen Zustandes des Weinbaues in Österreich, ebd. 1829; Classification und Beschreibung der in den österreichische» Weingärten vorkommenden Traubensorteu, ebd. 1837. 2) Ludwig, deutscher Maler u. Illustrator, geb. 19. Septbr. 1825 zu Krakau; studirte au der Akademie in Berlin, dann kurze Zeit bei Couture in Paris, besuchte Belgien, Deutschland, Ungarn u. Schleswig (Feldzug 1864), ging mit der preußischen Armee 1866 nach Böhmen und machte sich als tüchtiger Illustrator rühmlichst bekannt. Werke: Illustrationen der preußischen Geschichte (170 Bl.); Die Hohenzollern; Fontanes Krieg in Schleswig-Holstein 1864 (50 Bl.); Weinzierls Leipzig; Waterloo und St. Helena; Die Geschichte des Geschützes (25 Bl.); Feldzug 1866. 3) Johann, Kupferstecher, geb. 31. Mai 1829 in Burg, Kanton Aargau, Schweiz; besuchte von 1850—56 die Münchener Akademie, erst im Antikensaal, dann bei Thäter der Stech- kiiust sich widmend, ging dann nach Dresden, Florenz und Rom, wo er sich 2 Jahre aufhielt und 280 Bürger. unter der Leitung von Cornelius dessen Lady Macbeth stach. Seitdem lebte er in München u. stach außer mehreren kleineren noch solgende Haupt- blätter: Raub der Europa, nach Genelli; Minna, nach E. Kachel; Faust u. Gleichen, nach Stückel- berg; Bauer u. Mäkler, nach Vautier; Ruhe ans der Flucht nach Ägypten, nach Van Dyck; Damen mit Papagei, nach Mieris, u. Jägerlatein, nach Grützner. In seinen Stichen erweist er sich nicht bloß als tüchtiger Zeichner, sondern versteht es auch, die Farbentönung des Originals in klarer u. bestimmter Haltung wiederzugeben. Thamhayn.* 2) 3) Negnet. Bürger (in der Schweiz Burger), 1) eigentlich die zu einem städtischen Gemeindewesen verbundenen Bewohner einer Stadt (Stadt- oder Ortsbürger); im weiteren Sinne alle Angehörige eines Staates, Staats-B., namentlich diejenigen, welche mündig u. selbständig sind. Die Ge- sammtheit derselben nennt man B-schaft u. als Stand, im Gegensätze zum Adels- u. zum Bauernstände, B-stand (doch können auch Adelige u. Bauern Genossen der Bürgerschaft sein und als solche mit dem eigentlichen B. gleiche Rechte und Pflichten haben). Der jetzige B-stand ist eine gesellschaftliche Bildung des Mittelalters. Die alten Republiken hatten ihr B-thnm so gut wie die modernen Staaten u. begriffen darin alle Staatsangehörigen, welche politische Rechte ansllbten; dem Leben der germanischen Völker war dasselbe anfänglich fremd, da bei ihnen das Zusammenleben in großen Städten nicht Sitte war, sondern jeder Freie als Herr seines Grundes u. Bodens für sich lebte. Mit der Zunahme der Bevölkerung, des Verkehres u. Handels entstanden allmählich geschlossene Städte, deren Bewohner jedoch kein Gemeinwesen bildeten, sondern, aus den verschiedensten Standeselemcnten gemischt, in sehr losem Zusammenhänge standen. Erst als sich Stadt u. Land strenger von einander schieden, hier das Er- zeugniß des Bodens, dort Las Product der Industrie u. die Früchte des Handels ausschließlicher die Nahrnngsquellen der Bewohner wurden, vor Allem aber die Städte Verfassungen erlangten, welche auf dem Princip der Selbstverwaltung beruhten, machte sich der Unterschied zwischen Bürger u. Bauer (s. d.) schärfer bemerkbar. Zunächst verstand man darunter die freien Insassen der Städte, welche Theil an der städtischen Gerichtsbarkeit u. Verwaltung hatten; darauf, ob sie nicht zum Ritterstande, zu Lessen Dienllleuten, od. zur Geistlichkeit gehörten, nahm man dabei nicht sonderlich Rücksicht. Gegen Ende des IS. Jahrh. begann das Gemeinwesen in den Städten sich kräftiger zu entwickeln, u. das Streben, sich von de» weltlichen u. geistlichen Stadtherren zu befreien u. so in unmittelbare Unterthanenschaft zum Landesherrn od. zum Reiche zu treten, errang immer mehr Erfolge. Der Bürgerstand trat im Staatswesen als eine neue berechtigte Macht neben dem Adel u. den Fürsten auf. Waren es bis dahin vornehmlich die Kaufleute, welche die große Masse des Bürgerstandes ausmachten, so traten jetzt nach u. nach auch die Handwerker in die bürgerliche Genossenschaft. Diesen Nenbnrgern gegenüber, welche, ursprünglich Hörige, dadurch, daß sie ihren Aufenthalt mit od. ohne Zustimmung ihrer Herren in der Stadt genommen hatten, frei geworden waren, behaupteten die Alt- od. Voll-B., auch Geschlechter (Patricier) genannt, lange Zeit gewisse Vorrechte, welche sie erst nach harten Partei- kämpsen zu Ende des 13. u. Anfang des 14. Jahrh. anfgaben. Doch blieb in vielen Städten noch bis auf die neueste Zeit ein Unterschied zwischen eigentlichen B-n u. sogen. Schutzverwandten bestehen; unter den letzteren begriff man Diejenigen, welche, eigentlich außerhalb der Stadt wohnend, weder an den Pflichten, noch an den Rechten der B. vollen Antheil haben u. nur für eine bestimmte Dauer den Schutz der Stadt genießen. Vgl. Pfahl-B. Zu größerer Macht gelangte der B-stand seit dem 14. Jahrh., wo ans den Reichstagen das Collegium der Städtebänke neben den Fürsten u. Herren als ein selbständiges Organ in der Verfassung auftritt n. bei den Landtagen die Landstädte durch Landstände vertreten sind. In den Fehden der Kaiser mit den Reichsfllrsten ergriffen die Städte fast immer Partei für das Reichsoberhaupt u. bei Streitigkeiten des Landes- fllrsten mit dem Adel für den elfteren. Dafür errangen sie Bestätigungen oder Erweiterungen ihrer bürgerlichen Freiheiten u. wurden, während ihre innereVerfassung sich demokratisch organisirte, die Stütze der Monarchie. Auf diese Weise brach der Bürgerstand vereint mit der souveränen Staatsgewalt die feudale Macht, welche mehr u. mehr an Ansehen u. Einfluß verlor. Störend auf die Machtentwickelung des B-thums wirkte im 17. Jahrh. der Dreißigjährige Krieg ein. Langsam nur erholten sich die Städte aus ihrem politischen u. wirthschaftlichen Ruin und fingen dann von Neuem an, gegen das mittelalterliche Staatswesen in Opposition zu treten. Zugleich begann der B-stand die gelehrten Studien u. schönen Künste zu Pflegen. Wissenschaft u. Literatur, welche ehedem in der Geistlichkeit u. dem Adel ihre Vertreter gefunden hatten, verdanken ihren Aufschwung im 18. Jahrh. vor Mein den aus dem B-stande hervorgegangenen Dichtern u. Denkern. Die französische Revolution that den großen Schritt, ein allgemeines Staats-B.-Recht zu schaffen, durch welches allen Bewohnern des ganzen Landes das freie Umzugs-, Niederlassungs- u. Gewerbebetriebsrecht gesichert ward. Diese Grundanjchauung, anfangs bes. in Deutschland bekämpft, breitet sich immer mehr aus. Die Bedingungen, unter denen Jemand B. werden konnte, waren in den verschiedenen Städten u. Staaten verschieden. An vielen Orten war das B-werden durch hohe Abgaben, namentlich fürFremde, erschwert, Heimathberechtigte zahlten in der Regel weniger od. gar nichts für den Bürgerschein. Die Aufnahme eines Fremden zum B. erfolgte nach älteren Verfassungen durch Beschluß des Stadtrathes. An manchen Orten ward das volle B-recht erst nach einer bestimmten Zeit, während welcher der Aspirant als Hintersaß oder Schutzverwandter seinen Aufenthalt in der Stadt nehmen durfte, ertheilt. Dem in die B-schaft neu Aufgenommenen wurden vor versammeltem Stadt- rathe die B-pflichten vorgelesen, worauf er den vorschriftsmäßigen ordentlichen B-eid abzulcgen hatte. Über die Aufnahme in den B-verband u. 281 Bürger. die Einzeichnnng in die B-rolle (das B-buch) ward dem neuen B. ein Schein (B-schein, B-bricf) ausgefertigt. Mit dem B-rechte bekam er Thcil an den bürgerlichen Pflichten (persönlichen Dienst, fB-dienstj) n. Liechten an der Verwaltung, sowie an den Nutzungen des Gemeindevermögens. Früher unterschied man mehrere Klaffen des B- rechtes, u. auch jetzt bestehen noch in den Städten, wo sich das mittelalterliche Herkommen am meisten conservirt hat, wie z. B. in Hamburg, ein großes und ein kleines B-recht. Zu den bürgerlichen Pflichten gehört neben der Verpflichtung, zu den bürgerlichen Abgaben beizntragen, auch die, B° ämter, d. h. unbesoldete Ehrenämter, z. B. die Stelle eines Stadtverordneten, des B-vorstehers, der Bezirksvorsteher, in den Hansestädten das Onus, den Klingelbeutel in den Kirchen eigenhändig hernmzutragen, u. dgl., ans eine bestimmte Zeit (meist 3 od. 6 Jahre) unentgeltlich zu übernehmen. B-ämter sind besonders in England sehr beschwerlich. Die politischen Bewegungen des 19. Jahrh. sind auch an dein deutschen B-stande nicht ohne Einwirkung vorübergezogcn. Der Begriff der Gemeinde hat sich geklärt und bestimmt in politischem Sinne ausgeprägt. Der Unterschied zwischen Stadt u. Land, zwischen B. u. Bauer ist wesentlich abgeschwächt, in politischer Hinsicht ganz geschwunden; die Freizügigkeit n. das Bun- !>esindigenat (s. d. Art.) haben das Scssigwcrden in Stadt u. Land erleichtert, die Gewerbefreiheit aller Dentschenim Reiche hat auch noch nivellirend gewirkt. Die nähere Darstellung dieser Veränderung des Begriffes n. des Wesens der deutschen B. s. in dem Art. Städteversassung. 2) Oitozwn, Titel, welcher in allen französischen Revolutionen statt des Titels Herr (Llonsieur), Graf, Herzog rc. eingesührt wurde, um damit eine Gleichheit aller Staatsbürger zu bezeichnen. Auch die Februarrevolution 1848 führte sogleich diesen Titel zurück, aber schon im Octbr. 1849 wurde der Titel B. wieder mit dem vorigen Herr in der Nationalversammlung durch einen Beschluß derselben vertauscht. Auch in Deutschland fand dieser Titel bei Denen, welche die Republik erstrebten, Nachahmung, ohne daß er jedoch von einiger Dauer gewesen wäre. Grotefend. Bürger, 1) Gottfried August, deutscher Dichter, geb. 1. Jan. 1748 zu Mollmerswende bei Halberstadt, wo sein Vater Prediger war; lebte seit 1760 bei seinem Großvater, dem Gutsherrn Bauer in Aschersleben, besuchte seit 1762 das Pädagogium zu Halle und bezog 1764 die dortige Universität, um gegen seine Neigung Theologie zu studiren. Er warf die ansgedrungene Beschäftigung von sich, schwärmte in den schönen Wissenschaften umher u. ergab sich einem zügellosen Leben. Sein Großvater, von dem er nach dem frühzeitigen Tode seines Vaters abhing, rief ihn zurück, erlaubte ihm jedoch, 1768 nach Göttingen llberzusiedeln u. sich dem Rechtsstndium zu widmen. Als er hier in seine Ausschweifungen zurückfiel, zog Bauer die Hand von ihm ab. Er verdankte es dem wackeren Kritiker Boje u. anderen Freunden, daß er zu einem gesitteten Leben u. zum Studium wieder einlenkte. Als Dichter machte er sich zuerst in Bojes Göttinger Musenalmanach für 1771 bekannt. 1772 gelang es Boje, ihm die Stelle eines Jnstizamimanns zu Alten- glcichen im Hannoverischen zu verschaffen. Auch gewann B. jetzt die Verzeihung seines Großvaters; 1773 ließ er ein schönes Lied auf dessen Tod erscheinen. Die Veröffentlichung seiner Leonore im Göttinger Musen-Almanach für 1774 machte ihn schnell zu einem Liebling der Nation. Im Sept. desselben Jahres vermählte er sich mit Dorothea, einer Tochter des Justizamtmannes Leonhard zu Niedeck, und zog bald darauf nach Wölmershansen, einem Dorfe seines Gerichls- sprcngcls. Bald nach der Hochzeit ergriff ihn die leidenschaftlichste Liebe zu Auguste, der jüngeren Schwester seiner Gattin, die er unter dem Namen Molly besang. Hieraus entwickelte sich eine unselige Collision, die seinen Frieden u. seinen guten Ruf untergrub. Dazu kam finanzielles u. amtliches Elend. B. legte endlich, nachdem seine Gattin 1784 gestorben war, seine Stelle nieder n. habilitirte sich als Privatdocent in Göttingen. Im Juli 1785 vermählte er sich mit Auguste, aber schon 9. Jan. 1786 verlor er sie durch den Tod. In Göttingen erfuhr er eine lieblose Behandlung; im Begriffe, die Stadt zu verlassen, wurde er durch die Ernennung zum Extraordinarius ohne Besoldung, 1789, festgchalten. Im Herbste 1790 vermählte er sich mit Elise Hahn, einer Stuttgarterin von 21 Jahren, die ihm öffentlich in einem Gedichte ihre Hand angetragen hatte. Diese Ehe wurde für ihn zu einer Quelle der bittersten Leiden u. machte ihn zum Gegenstände allgemeinen Spottes. Endlich löste er das unglückselige Bündniß durch gerichtliche Scheidung, März 1792. Lebensmuth, Geisteskraft, körperliche Gesundheit des Dichters waren auf immer gebrochen. Auch wurde Schillers herbes Urtheil über seine Gedichte in der Literaturzeitung 1791 sür ihn zum nagenden Wurme. Zudem war er, besonders durch die Verschwendung seiner 3. Gattin, blutarm geworden; er mußte sein verkümmertes Leben durch Übersetzungen fristen; die meisten Bekannten wandten sich von ihm ab. Er st. 8. Juli 1794 an der Schwindsucht; 2 Töchter u. 2 Söhne überlebten ihn. B. war ein offener, ehrlicher Mann, voll Gutmüthigkeit, grenzenlos wohlthätig, ohne Neid, versöhnlich, in seinem Vertrauen auf die Menschheit unerschütterlich, bis zur völligen Unklugheit arglos, gerecht im Urtheil, freimüthig u. hochherzig auch auf dein politischen Gebiete, von Empörung anfflammend beim Anblick der Schlechtigkeit u. Bosheit, im Verkehre bescheiden, als Dichter stolz, bevorSchillers Urtheildas Vertrauen auf seinen Genius brach. Der Mangel an Selbstbeherrschung war sein Grundfehler u. sein tiefes Unglück. Er unterlag hierin der eigenen Schuld, aber auch schlechtem Beispiel, den verkehrten Begriffen der Sturm- u. Drangperiode n. einer Weichlichkeit seiner Natur, die mit harter Constel- lation der Verhältnisse znsammentraf. Wie sein Leben, blieb der größte Theil seiner Production ein Spiel der Laune, Stimmung u. Leidenschaft u. ermangelte jener ideellen Festigkeit, die einem Dichter allein den Stempel wahrer Größe aufdrückt. Als Dichter der Liebe brach er neben Goethe durch die volle Wahrheit der Empfindungen in der Lite- 282 Bürgerbrief — ratur des 18. Jahrh. eine neue Bahn. Seine Verdienste nin die Ausbildung unserer Dichtersprache sind, bei allen Mißgriffen, in die er ans ver einen Seite durch irrige Ansichten von der Popularität, auf der anderen durch Las ängstliche Streben nach Correctheit verfiel, unsterblich. Seine Balladen, zum Theil großartige, bahnbrechende Leistungen siir ihre Zeit, voll starker, ursprünglicher Empfindungen, kernhaftcr Plastik und hinreißender Sprachgewalt, leiden aber an bänkel- sängcrischcn Manieren n. widersprechen überhaupt vielfach dem reinen Begriffe ihrer Gattung (s. d. Art. Ballade). Seine volle Liebenswürdigkeit entfalten dagegen jene Lieder, worin er mit zutraulicher, ja derber Herzlichkeit, wie es ihm der harmlose Natursinn eingibt, die gesunde Frische der Mädchenanmuth besingt. Eine kostbare Mitgift B-s ist die Ursprünglichkeit, Treue n. Wärme des Naturfilmes. Vgl. H- Pröhle, G. A. B., Sein Leben und seine Dichtungen, Lpz. 1856; Gödeke, G. A. B. in Göttingen u. Gelnhausen, Hann. 1873; Strodtmann, Briefe von u. an B., Berl. 1874, 4 Bde.; Otto Müllers Roman: B., ein deutsches Dichterleben, Franks. 1845, drama- tisirt von Mosenthal in: B. u. Molly, B-s Gedichte, Gott. 1778, 1789, rc., heransg. von Titt- niann, Lpz. 1869; Lehrbuch der Ästhetik, 3 Bde., Handbuch des deutschen Stils; Ästhetische Schriften, heransg. von Reinhard, Berl. 1825, 26, 32. Ausgaben der Werke von Reinhard, zuerst Gott. 1796—98, 4 Bde.; von Bohtz, ebd. 1835, 1 Bd.; neuere Ausgaben, ebd. 1844, 4 Bde.; von E. Grisebach, Berl. 1873, 2 Bde. 2) Elise, eigentlich Marie Christiane Elisabeth, geb. Hahn, geb. 19. Nov. 1769 in Stuttgart, dritte Gattin des Vor.; betrat als Schauspielerin zuerst die Bühne in Altona, dann in Hannover und Dresden, zog zuletzt als Declamatrice in Deutschland umher; sie st. 24. Nov. 1833 in Frankfurt, wo sie zuletzt lebte. Sie schr. den Roman: Jrr- gänge des weiblichen Herzens, Altona 1799; die Schauspiele: Adelheid, Gräfin von Teck, Hamb. 1799, Das Bouquet und die Heirathslustigen, Lemgo 1801; Gedichte, Hamb. 1812. Vgl. Ebe- ling, G. A. B. u. Elise Hahn, 2. A., Lpz. 1870. Bürgerbrief u. Bürgerbuch, s. u. Bürger. Bürgergarden, s. u. Nationalgarden. Bürgcrgehorsam (Bürgergefängniß, Bllrger- stnbe), ein gewöhnlich im Rathhanse selbst befindliches Local zur Bestrafung der Bürger für kleinere Vergehen. Bürgerkrieg, 1) Krieg, zwischen zwei oder mehreren Parteien der Bewohner eines Staates geführt; bes. 2) (Bellum eivlls) die vier römischen B°e, die nach der seit 150 v. Ehr. schnell gewachsenen Sittenverderbniß u. den inneren Unordnungen entstanden: a. zwischen Marius und Sulla, 88—82 v. Ehr.; b. zwischen Cäsar n. den Pompcjanern, 49—45 v. Ehr.; e. zwischen Octa- vianns, Lepidns u. Antonius einerseits u. den Mördern Casars, Cassius u. Brutus, anderseits, 43 v. Chr.; ä) zwischen Octavianus u. Antonius, 31. v. Chr.; s. u. Rom (Gesch.). Die Beschreibung dieser Kriege verdanken wir dem Geschichtschreiber Appiauus. Den zweiten beschrieb auch Cäsar selbst. Bürgerlicher Tvd. Vürgerkronc (röm. Ant.), s. 6orona oiviea. Bürgerlich, 1) den Lebensverhältnissen eines Bürgers angemessen. 2) Nicht adeligen L-tandes. 3) Gegensatz von Militär . . ., z. B. bürgerliche Kleidung. 4) B-es Recht, im Gegensätze von öffentlichem (Staats-, Criminal-) od. Kirchenrecht. 5) B. im Sinne von staatsbürgerlich, z. B. bürgerliche Ehrenrechte. Bürgerliche Ehe, so v. w. Civilehe. Bürgerliche Frist (vivils spatium), nach einigen partikularen Proceßrechten Frist von 14 Tagen. Bürgerliche Stammgüter, in einigen deutschen Staaten, besonders in Sachsen, solche Güter, welche in bürgerlichen Familien von den Großeltern auf die Enkel vererbt worden sind u. gesetzlich außerhalb der Familie nicht veräußert werden dürfen. Bürgerlicher Tod, eine ursprünglich dem Alterthum ungehörige, in neuerer Zeit nur noch in einzelnen Gesetzgebungen, namentlich Frankreich, beibehaltene Strafe. Bei den Römern unterschied man in dieser Beziehung: u) die Luxitio äsmi- nntio mnximu; diese trat ein, wenn ein römischer Bürger sich der Kriegspflicht entzog, entweder daß er sich nicht zur Aushebung stellte, oder nach der Aushebung nicht an dem bestimmten Sammelplätze erschien, oder durch Verstümmelung seiner Glieder sich selbst dienstunfähig machte; ferner wenn Einer den Censns, die Vermögenssteuer, umging; wenn Einer entweder wegen Verletzung des Gejandteu- rechtcs, oder wegen eigenmächtig abgeschlossenen Friedens durch den Bntsr putrsbrw dem Feinde übergeben worden war; in alter Zeit auch, wenn Jemand Schulden halber seinem Gläubiger au- heimgegebcn wurde; in späterer Zeit, wenn Jemand sich betrügerischer Weise als Sklave verkaufen ließ, um Antheil an dem Gewinne zu haben, er sollte dann Sklave des Käufers bleiben; für freie Weiber, welche mit fremden Sklaven lebten; sür die Freigelassenen wegen schreienden Undankes gegen ihre Patrone; für die zum Tode, zum Lhiergefechte, zur Arbeit in Bergwerken Verur- theilten. ll. (lax. üewiu. msclla erlitten Diejenigen, welche ins Exil geschickt wurden; die Bürger, welche ihr Vaterland verließen, um anderswo sich niederzulassen, u. die Bürger, die für Staatsseinde erklärt wurden; hierdurch ging das Bürgerrecht verloren, aber sic blieben Freie, e. 6ap. cksmin. minima kann nur nneigentlich hiermit zusammen- gestellt werden, indem diese überall nur da angenommen wurde, wo Jemand die bisheri^n Familienrechte verlor u. in eine andere Familie überging. Dies trat aber nicht sowol zur Strafe ein, sondern schon bei jeder Emancipation, Adoption u.Arrogation. Im älteren Deutschen Rechte begegnet als etwas der Lapitis äsminntüo marioia Ähnliches die Recht- u. Ehrlosigkeit, welche als Folge gewisser Verbrechen gleichfalls den Verlust der öffentlichen u. Privatrechte in sich schloß, sowie die Friedlosigkeit, die indessen nur eine Äus- schüeßung aus dem Schutze des Staates, ohne unmittelbare Beziehung ans den Verlust bürgerlicher Rechte war. Die neuere Idee deS bürgerlichen Todes wurde erst durch die Napoleo nische Gesetzgebung ausgebildet, der dann noch mehrere 283 Bürgerliche Trauung — Bürgerschulen. andere Gesetzgebungen, namentlich die frühere bayerische, gefolgt sind. Derselbe beruht auf der Fiction, daß der zur Todesstrafe, lebenslänglicher Zwangsarbeit (in Bayern zur Kettenstrafe) u. zur Deportation Vernrtheilte vom Augenblicke des rechtskräftig gewordenen Strafurtheils an als bürgerlich todt betrachtet wird. Der Vernrtheilte verliert daher mit diesem Augenblicke seine Eigenthnms- n. alle Erbrechte, er kann nicht mehr vor Gericht anf- treten, keinerlei Rechtsgeschäfte abschließcn n. seine Ehe löst sich von selbst auf. In dieser Härte überschreitet der bürgerliche Tod Len Strafzweck, und neuere Gesetzgebungen haben sich daher mit Recht von dieser an sich unnatürlichen Fiction fernge- halten. Dagegen hatte die Bestimmung derselben öfter Eingang gefunden, daß an gewisse schwerere Criminalstrafcn, namentlich an die Zuchthausstrafe, allerdings der Verlust der staatsbürgerlichen Ehren- u. Vorzugsrechte geknüpft ist. Diese Vorzugsrechte selbst sind in den einzelnen Staaten jedoch verschieden bestimmt. Am gewöhnlichsten gehören dazu das active u. passive Wahlrecht zu politischen u. Gemeindeämtern, das Recht, gewisse Gewerbe, namentlich die Advocatur, das Notariat, Buchhandel rc., zu betreiben, die Fähigkeit, Orden u. Ehrenzeichen zu tragen, zuweilen auch das Vorrecht des Adels, indem hierdurch auch nicht das Bürgerrecht verloren ging, sondern eine bloße Veränderung des bürgerlichen Zustandes cintrat. In neuester Zeit hat man auch dies zu hart gefunden, daß diese Strafen immer mit gewissen Strafarten schon von Gesetzes wegen verknüpft sein sollen, man hat vielmehr den Grundsatz ausgestellt, das Gesetz habe nur dem Richter die allgemeine Befugniß zum Ausspruch dieser Nachfolgen einzu- räumcn, u. Sache des Richters sei es, von Fall zu Fall darüber zu entscheiden, ob ans Rücksicht aus die faktischen Nebennmstände diese Straffolge u. auf wie lange zu verhängen sei. Das Deutsche Reichsstrafgesetzbuch kennt nur die Zulässigkeit der richterlichen Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte neben der Todes- u. Zuchthausstrafe, neben der Gefängnißstrafe aber nur, wenn die Dauer der erkannten Strafe 3 Monate erreicht n. entweder das Gesetz den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte ausdrücklich zuläßt, oder die Gefängnißstrafe wegen Annahme mildernder Umstände an Stelle von Zuchthausstrafe ausgesprochen wird (Reichs-Straf-Gesetzbnch ZZ 32, 37,45, Nr. 5, 76). Bezold." Bürgerliche Trauung, s. Civilehe. Bürgerliche Tugenden , in der Moral die zur dauernden Eigenschaft gewordene Übung der Pflichten, die sich auf Volk, Vaterland u. Staat beziehen: Sinn für Ordnung, Ruhm, Gehorsam u. Achtung gegenüber der Staatsgewalt u. den Staatsgesctzen, Patriotismus, Gemeinsimi, Unparteilichkeit n. s. f.; in der Theologie wird die bürgerliche Tugend als llustitia civilis unterschieden von der Gerechtigkeit vor Gott, die aus dem Glauben kommt. Jene ist Sache des freien Willens n. besteht in einem äußerlich ehrbaren Leben, diese ist Gottes Gabe n. umfaßt das ganze Gebiet innerlicher Religiosität und Sittlichkeit. Löffler. Bürgermeister, 1) (Oousul, LnrMmagistsr) erste obrigkeitliche Person in einer Stadt, von der Bürgerschaft gewählt, od. vom Magistrat ernannt. Die B. entstanden nach dem Vorbilde der römischen Consnln, als die Bürger sich mit Waffengewalt od. durch friedliche Übereinkunft der Gewalt der Stadtherren (weltliche oder geistliche Fürsten, welche sich durch Burggrafen, Vögte vertreten ließen), entzogen. Mit dem Sinken der Selbständigkeit der Städte wurde auch die Gewalt u. Thätigkeit der B., denen der Stadtrath von jeher zur Seite stand, sehr beschränkt. Nach dem römischen Muster wurden meist zwei gewählt, die jährlich oder halbjährlich in der Regierung wechselten. Nach den neueren Slädteorduungcn werden die B., als die stätigen Dirigenten der Stadt« räthe, von den Vertretern der Stadtgemeinde, od. auch, wie z. B. in Holstein, von den stimmberechtigten Bürgern erwählt u. von der Negierung bestätigt. In Preußen werden sie auf eine Reihe von Jahren, in Bayern erst bei neuer, sofortiger Wahl nach einer Amtsführung auf Zeit, in Sachsen stets lebenslänglich gewählt. In den Freien Städten find die B., welche nur auf Zeit ans dem Senat gewählt werden, nicht nur Repräsentanten der Stadt, sondern auch des Staates, und üben während ihrer sogen. Regierung die Ehrenrechte des Staates, z. B. Gesandte zu empfangen u. abznordnen, ans, führen auch im diplomatischen Verkehre den Titel: Excellcnz. Auch in einigen schweizer Kantonen (Zürich, Basel u. a.) hieß früher die au der Spitze der Negierung stehende Person B.; jetzt Regierungspräsident. 2) Die Vorsteher der zu einer Bürgermeisterei vereinigten Landgemeinden in der Rheinprovinz; in Westfalen heißen die entsprechenden Beamten Amtmänner, im Gebiete der Kreisordnuug vom 13. Der. 1872 Amtsvorsteher. S. Städtever« fassnng u. Gemeindeverfassung, wo des Näheren von den Rechten und Pflichten der B. die Rede sein wird. Groiefeiid." Bürgerrecht, 1) so v. w. Staatsbürgerrccht. 2) So v. w. OrtSbürgerrecht in einer Stadt; s. u. Bürger. B. rufen, die Mitbürger zum Schutze und zur Hilfe gegen widerrechtliche Gewalt aufbieten. Bürgerschost, Abgabe eines Bürgers als solchen an die Stadt. Bürgerschulen, Stadtschulen, in denen die Kinder der städtischen Bevölkerung in den zu allgemeiner Bildung erforderlichen Kenntnissen Unterricht erhalten. Sie bilden die oberste Stufe der Elementarschulen in größeren Schulgemeinden und gehen in Betreff des Unterrichtsziels über Lie Forderungen des Gesetzes hinaus, stehen also höher, als die Bezirks-, Armen- u. Freischulen. Die B. sind nach dem Geschlcchte der Kinder in Knaben- und Mädchenklasscn getheilt. In dem letzten Jahrzehnt hat man viel für die Organisation der B. gethan, besonders dadurch, daß mau dieselben von den Gymnasien und Lyceen, mit denen sie sonst aufs Engste verbunden waren, getrennt, daß man gut bearbeitete Lehrpläne und Klassenziele ausgestellt, daß man die einzelnen Klassen in eine innere organische Verbindung gebracht n. daß man für die vermehrte Kinderzahl neue Gebäude errichtet u. mehr Lehrer angestellt 284 Bürgersprache — Burghers u. Antiburghers. hat. Die meisten großen u. mittleren, selbst viele kleine Städte Deutschlands haben nach diesen Seiten hin für ihre B. gesorgt. Die höhere Bürgerschule, wie solche sich namentlich in Preußen entwickelt hat, bildet die Mittelstufe zwischen Volksschule u. Gymnasium od. Realschule. In Sachsen nehmen die Realschulen II. Ordnung etwa dieselbe Stufe ein, wie die höheren B. in Preußen. Die wichtigsten Schriften über das Bürgerschulwesen sind von Natorp, Jessen, Harnisch, Zerrenncr, Mayer, Vogel, Otto, Pfalz rc. Vgl. Volksschule u. Realschule. Stötzner.« Bürgcrsprache, 1) Unterredung von Bürgern (Bürgerbesprechung) oder eines Bürgerausschusses in einer Gemeindeangelegenheiten betreffenden Zusammenkunft. 8) Sammlung der hierbei gefaßten Beschlüsse. Bürgervermögen, I) Gemeindevermögen als das der Gemeinde als solcher, als politischer Corporation gehörige Vermögen, über dessen Verwaltung n. Verwendung — mit od. ohne Genehmigung der Staatsregiernng — die Vertretung der Gemeinde zu bestimmen hat. 2) Das Vermögen einer Stadt- od. Landgemeinde, dessen Nutzungen den einzelnen Gemeindemitgliedern in dieser ihrer Eigenschaft u. nicht ans einem anderen Rechtstitel zukommen. Nutzungsrechte, welche denselben aus einem anderen Rechtstitel von B. gebühren, gehören nicht zum Gemeindevermögen, sondern zum Privatvermögen der Nutzungsberechtigten. Grotefcnd. Burgfesten, Frohnfuhren u. Handdienste zum Bau von WirthschaftsgebäuLen u. Wohnhäusern der Gutsbesitzer, wofür an einigen Orten Beköstigung, an anderen Nichts gewährt wird. Burgfriedbcrg, s. u. Friedberg. Burgfriede, ein zwischen den Gliedern eines adeligen Geschlechtes (s. Ganerben) abgeschlossener Vertrag, durch welchen die Ansprüche jedes Einzelnen, sowie seine Verpflichtungen hinsichtlich des gemeinschaftlichen Besitzes der Stammburg, ihrer Erhaltung und Vertheidignng festgesetzt wurde; sodann überhaupt ein Vertrag mehrerer verbündeten Adeligen über den gemeinschaftlichen Besitz einer Burg, deren Erhaltung u. Benutzung. Weiter bezeichnet B. den Bezirk um die Burg herum, auch Behalt genannt, welcher in solchen Verträgen mit einbegriffen war. Nach den Gesetzen des Mittelalters durfte Niemand, wenn ihm nicht vorher ein Absagebrief geschickt war, bis über die Grenze dieses Bezirkes nach der Burg zu verfolgt werden. Wenn, wie häufig der Fall, in der Nähe einer Burg Städte lagen, so wurde die Grenze zwischen dem Burgfrieden u. der städtischen Gerichtsbarkeit durch eine Mauer od. einen Markstein bezeichnet. Jndeß sprach man u. spricht man auch noch heute von einem B°n einer Stadt u. versteht darunter die städtische Gemarkung, das unmittelbare Gebiet einer Stadt- oder Landgemeinde, Weichbild. In späterer Zeit bezeichnte man mit B. auch gewisse auf den Burgen und den Schlössern Reichsunmittelbarer geltende gesetzliche Bestimmungen, nach welchen bei harter Strafe (Verlust der rechten Hand) die Störung des Friedens und der Ordnung durch Gewalt- thängkeiten untersagt war, n. ist der B-nsbruch als besonderes Verbrechen bis in die neue Zeit herein betrachtet worden. Burgfrohndieuste, s. u. Frohudienste. Bnrggericht (Bnrgding), Gericht, welches der Besitzer einer Burg über die seinen! Gerichtszwange unterworfenen Personen hält. Ihm saß der Burggraf vor. Berühmt ist das B. des fränkischen Reichsadels, das bis auf Kaiser Friedrich III. zu Nürnberg gehalten werden mußte, dann aber auch an anderen Orten gehalten werden konnte. Burggraf (Lurozravius, ikrasksetus oder 0omo8 urbia od. oivitabm) war nach Urkunden des 12. Jahrh. der an wichtigen befestigten Orten oder Städten des Reiches, besonders in den Grenzmarken, vom Kaiser bestellte Präfect der Burg oder Stadt, welcher mit dem Oberbefehl über die Dicnstmannen die bürgerliche Verwaltung u. Gerichtsbarkeit daselbst vereinigte. Wenn die Burg zugleich die Feste einer Stadt wurde, so erhielt der B. die Rechte des Stadtherrn selbst, od. neben den Stadtherrn, einem Bischof od. weltlichen Großen. Die hohe Gerichtbarkeit über die Freien der Stadt u. den Vorsitz in den 3mal jährlich zu haltenden großen Versammlungen der Freien (Echteding) mit dem Heer- u. Gerichtsbanne über die Burgmannen u. andere Rechte waren vorn Kaiser übertragen. Einige dieser Burggrafen, wie die von Nürnberg, daun zu Magdeburg, zu Meißen, zu Altenburg rc. blieben, wenn auch in einzelnen Punkten Len Markgrafen untergeordnet, doch unmittelbar unter dem Reiche, andere erhielten ihr B-enthum von geistlichen oder weltlichen Großen zu Lehn; in beiden Fällen aber wurde dasselbe in bestimmten Geschlechtern erblich. In neuerer Zeit findet sich der Titel namentlich in Österreich, resp. Böhmen, wo der Gouverneur des Landes den Titel Öber- burggras führt. Bis in die neueste Zeit herein wurden in Kurhesseu die landesherrlichen Schloßvögte Castellane, B-n genannt. 2 °gai. Burggut, Lehn, welches gegen die Verpflichtung zu kriegerischen Diensten in einer Burg gereicht wurde; s. u. Burgmauuen. Burghansen, Stadt im Bezirksamte Altötting des bayerischen Regbez. Ober-Bayern, an der Salzach; Schloß; Landgericht, Rentamt; Gymnasium; großes reiches Spital; Glockengießerei, Gerberei; Handel mit Leder; Hopfen- u. Ackerbau; 3131 Ew. — Früher gehörte B. einem Zweige des gräflichen Hauses Abensberg; nach Anssterben desselben mit Gebhard 1157 (1164) kam B. an Bayern. Hier befand sich seit Herzog Heinrich dem Reichen die Schatzkammer. Herzog Georg d. Reiche befestigte B., u. es diente dann als Vormauer gegen Salzburg. 1504 brannte B. ab; 1705 wurde es von den aufrührerischen Bauern eingenommen, aber von den Kaiserlichen erobert (s. Spanischer Erbfolgekrieg); 1742 von den Österreichern übel mitgenommen. Burghers und Antiburghers hießen zwei jetzt erloschene Parteien in der 1735 von dem Geistlichen Ebenezer ErSkine durch sein Ausscheiden (Secession) mit anderen Pfarrern u. Gemeindemitgliedern ans der Schottischen Staatskirche, gebildeten Secessionirten Kirche (Loesssion LIrureb), die sich damals zuerst den Namen ilsooeiatsck skrssb/tsrz- und dann ^.ssoeis-bock Lzmoü bei- 285 Bürgi — Burgniüller. legte. In der 1746 abgehaltenen Session dieser Synode entstand eine Discussion über ein in dem zu Edinburgh, Perth, Stirling u. Glasgow geltenden BUrgereide vorkommendes Bekenntniß zu der gegenwärtig im Schottischen Reiche bekannten und gesetzlich antorisirten wahren Religion. Einige der Seceders von der Staatskirche behaupteten, daß die Annahme gedachten Bekenntnisses sie in eine salsche Lage versetze; andere dagegen behaupteten, das dem nicht so sei. Da man sich nicht einigen konnte, so kam es auf der Versammlung vom 9. April 1746 zu einem offenen Bruch infolge eines Beschlusses der Mehrzahl der Synode, den Eid als sündhaft zu verwerfen. Die siegreiche Partei, jetzt Antiburghers genannt, machte ihren Beschluß zu einem Artikel der Commnnion. Sie verstieß n. excommunicirte ihre (jetzt B. genannten) Glaubensgenossen, u. im folgenden Jahre consti- tuirten sich innerhalb der secessionirten Kreise von Schottland zwei von einander geschiedene Körperschaften. Eine neue Spaltung des alten u. des neuen Lichtes wurde in beiden Körperschaften durch die Lehre veranlaßt, daß zu Gunsten der Kirche u. Religion die Obrigkeit keinerlei Gewalt üben dürfe. Die B. u. A. des neuen Lichtes vereinigten sich 1820 u. verbanden sich mit der Rcliefkirche 1827 zur Unitoci krosd/tsrian Oiiuroü. Die B. des alten Lichtes bewahrten ihr abgesondertes Dasein bis 1839, wo sie infolge einer Acte der 6 s- neral Asssmbl^ der Staatskirche mit ihren Geistlichen u. Gemeinden wieder in dieselbe ausgenommen wurden. Bartling. Bürgi, Justus, so v. w. Byrgins. lZurgimagistri (neulat.), 1) Bürgermeister; 2) die Schulzen von Dorfschaften. Burgk, Schloß u. Amtssitz im Fürstenthnm Neuß älterer Linie, an der Saale; romantisch gelegen; Eisenwerke (Burgkhammer). Burgkmair, Hans, gen. der Ältere, Maler, Kupferstecher u. Formschneider, geb. 1472 zu Augsburg, ein Schwager des älteren Holbein; erlernte die Kunst bei seinem Vater Thoinas; lebte eine Zeit lang in Nürnberg mit Albrecht Dürer und arbeitete mit demselben gemeinschaftlich an Werken für Kaiser Maximilian; er st. gegen 1539. Der Hauptort seiner Wirksamkeit war Augsburg. B. war ein ungemein fleißiger Künstler u. der wichtigste Meister der altaugsbnrgischen Schule. Gegen das Ende seines Lebens opferte er seine Selbständigkeit der welschen Weise. Außer einer großen Menge von Ölgemälden in den Galerien von Wien u. München, der Moritzkapelle in Nürnberg, in mehreren Augsburger Kirchen malte er Miniaturen in Wasserfarben, so den Trinmphzug des Kaisers Maximilian (in der Kaiserlichen Bibliothek zu Wien), zeichnete gegen 700 Blätter für Holzschnitte, darunter 237 Blätter im Weißknnig, den Triumphzug Kaiser Maximilians, 135 Blätter, den Tewrdank (beide gemeinschaftlich mit Dürer) n. viele Fresken: am Fuggerhause, Armenhause in Augsburg rc. B. schnitt, radirte n. stach auch viel. Regnet.» Burgknndstadt, Stadt im Bezirksamte Lichten- fels des dayerischcnKreisesOber-Franken, ans einem Felsen am Weißen Main, Station der Eisenbahn Hof-Lmdau; Schloß, Synagoge; Brauerei; Hopfem bau; 1248 Ew. Burglehn (b'snäum eastronse), eine besondere, wol erst im 12 . Jahrh. entstandene Art des Lehns, bei dessen Übernahme der Vasall sich verpflichten mußte, die Burg seines Lehnsherrn zu bewachen u. zu vertheidigen; s. Burgmanueu. Bürglen, 1) Dorf im Bezirke u. schweizer Kanton Uri, am Eingänge des Schächeuthals; im Kirchsprengel 1300 Ew.; nach der Überlieferung Geburts- u. Wohnort von Wilhelm Tell, der hier 1354 seinen Tod in dem Schächenbach gefunden haben soll, mit einer Tellskapellc. 2) Psarrdorf u. Schloß im Bezirke Weinfelden des Kantons Thurgau, an der Thur, Station der Schweizer NBahn; 1150 Ew. — B. hatte früher Grafen, die sich aber seit dem 11 . Jahrh. nur Freiherren von B. nannten; diese geriethen mit den Grafen von Toggenbnrg in Fehde, u. B. wurde 1405 von den Appenzellern verbrannt. Nachher kam B. an die Freiherren v. Sax n. dann an die Stadt St. Gallen, 1798 aber an Thurgau. Burglengenfeld, 1) Bezirksamt im bayer. Negbez. Oberpfalz, an rer Naab u. Vils; 455,, Hjicm ( 8 , 2 g (IW); 22,359 Ew.; von der Bayer. OBahn durchzogen; umfaßt die beiden Landgerichte B. u. Schwandorf. 2) Stadt hier, an der Naab; Bezirksamt, Landgericht; 2 Kirchen, schöne Krenzkirche; hübsche Schloßruine; Nettungsanstalt, Hospital; Bierbrauerei; Viehmärkte; 2829 Ew.; sonst Hauptstadt des südl. Theils des Nordganes. Bürglitz (Pürglitz), 1) fürstlich fürstenbergische Herrschaft im Bez. Rakvnitz des ehcm. österreich. Kreises Prag; große Eisenwerke, auch Arbeiten in Gips; Eisen- u. Steinkohlengruben; 5500 dstcm lOsHMl; 30,000 Ew. 2) Schloß n. Dorf darin, an der Mies; das Schloß ist 1110 erbaut und diente zur Aufbewahrung der königlichen böhmischen Schätze, später znm Staatsgefängniß; der alte Kerker, in welchem König Wenzel verschiedene böhmische Große einsperren ließ, ist noch vorhanden. Burgmannen (Oastreiwos), im Mittelalter die kriegerische Besatzung der Burgen, Lie fllr Liesen Dienst außer einem Quartier in der Burgseste ein Bnrg- lehn (Bnrggut) erhielten, welches in Höfen oder in einer ans einen bestimmten Hof oder Zoll angewiesenen jährlichen Rente, oder auch in einer runden, vielleicht bis zur Abtragung zu verzinsendenSnmme bestand, häufig so, daß der Dienstmann sich für diese Summe eine eigene Rente verschaffen u. diese dem Herrn znm Burglehn austragen mußte. Auf diese Weise sicherte der Herr seine Besitzungen, n. der Burgmanne konnte ebenfalls seine Güter vermehren. Verschieden von den B. dieser Art sind die Burgmänner einer Burggrafschaft, welche nur zur Vertheidigung der Burg verpflichtet, aber nicht im Nießbrauche der dazu gehörigen Einkünfte waren. Lagai. Burgmüller, deutsche Musikerfamilie, 1) Äug. Friedrich, geb. um 1760 zu Magdeburg; bildete sich zu einem tüchtigen Klavier- u. Violinspieler, Componisten u. Dirigenten aus und wirkte als Musikdirector seit 1786 zu Weimar (bei der Be - lomoschen Gesellschaft), zu Frankfurt, Mainz u. a., zuletzt seit 1806 in Düsseldorf, wo er sich an der Stiftung der Niederrheinischen Musikfeste betheiligte (1818); er st. 21 . Aug. 1824. 2) Norbert, Sohn des Vor., hochbegabter Compouist, geb. 286 Burgss — 8. Febr. 1810 zu Düsseldorf; bildete sich bei seinem Vater, bei Spohr und Di. Hauptmauu aus, starb aber schon 7. Mai 1836 zu Aachen. Seine Kompositionen (Symphonien, Ouvertüren, Concerto, Klaviersonaten u. Lieder) erregten bei ihrem Bckanntwerden, was leider meist erst nach seinem Tode ersolgte, Aufsehen u. große Thcilnahme. 3) Friedrich, Bruder des Vor., geb. 1804 zu Negcnsburg; ließ sich 1832 in Paris nieder, ist einer der fruchtbarsten Komponisten von Salonslücken. In demselben Geiste, wie Friedrich B., schrieb Ferdinand B. zu Hamburg eine Reihe von Klavierstücken. Brambach. Burgos, 1) Provinz in Spanien (zu Alt- Castilien gehörig); 14,628,j Hjlcm (265,^ s^jM); 837,132 Ew. (1860);. grenzt an die Provinzen Santander, Viscaya, Alava, Logrono, Segovia, Soria, Valladolid und Palencia; Gebirge: das Bnrgos-Gebirg u. mehrere kleinere Sierren, sonst meist eben; Hanptslüsse sind der Ebro, Duero, Pisuerga, Arlanzon u. Arlanza; die Provinz ist von der unter 2) genannt. Eisenbahn durchschnitten; Klima oft rauh durch die eindringendcn Nordwinde. Die Bewohner beschäftigen sich mit Ackerbau, Weinbau, Öl- u. Obstbau, Viehzucht u. führen besonders Eisen, Mehl u. Wolle aus. 8) Hauptstadt der Provinz (früher von ganz Alt- castilien), am Arlanzon, 842 m ü. d. Meere, in fruchtbarer Ebene, mit der großen Vorstadt La Vega; Erzbischofssitz; Citadclle (altes Schloß); prächtige goth. Kathedrale (ans dem 13. Jahrh., worin die Gräber mehrerer Könige); Rathhans; Triumphbogen von Ferdinand Gonzalez, Bildsäule Karls III.; Collegium, erzbischöfliches Seminar; Tuch- u. Sirnmpfmanufactnren; der Handel vertreibt Wolle; 26,000 Ew.; infolge der fortwährenden Unruhen sehr hcrabgekommcn; Geburtsort von Ferdinand Gonzalez; zwei Leguas von V. wurde in Vibar der Cid geboren (dessen Grab in dem eine Meile von B. entfernten ehem. Kloster S. Pedro de Cardena). B. liegt an der großen Eisenbahnlinie, welche es nach S. mit Sevilla (über Madrid), Cadiz, Malaga, Granada, Cartagena, nach N. mit Bilbao u. nach NO. über Vitoria u. Jrnn mit Bayonne verbindet. — B. ist im 9. oder 10. Jahrh. angelegt, da, wo nach Einigen das alte Deobrignla stand, u. war früher die Residenz der Grafen u. Könige von Ca- stilien; jetzt Festung, welche die Straße von Vitoria u. S. Sebastian beherrscht. Unter Alfons VI. wurde der Sitz des Bisthums von Gamonal hierher verlegt, welches 1574 zu einem Erzbis- thum erhoben wurde. Hier in; Spanisch-Portugiesischen Befreiungskriege 10. Nov. 1808 Sieg der Franzosen unter Soult über die Spanier unter dem Marquis Belvedere; 1812 wurde es unter Wellington vergeblich vom 19. Sept. bis 29. Oct. belagert. Kotpe.» Burgos, Hospitaliter von B., Orden, gestiftet von Alfons VIII. von Castilien 1212, mit 12 weiß gekleideten Laienbrüdern, cisterciensischer Regel unterworfen, bestimmt zur Verpflegung der nach Guadalupe in Estremadura Wallfahrenden; nahmen 1474 weltliche Tracht u. das Calatrava- Kreuz an n. nannten sich Ritter von B. Sie lebten üppig von den Spitaleinkünften, ließen den - Burgoyne. Dienst durch Diener besorgen, wurden 1808 aufgehoben, 1814 zwar wieder eingesetzt, aber 1815 definitiv vertrieben. Sie gründeten 1417 einen Verein von Hospitaliterinnen von B., welche gleicher Zügellosigkeit sich schuldig machten u. zugleich fielen. Burgos, Francisco Lavier de B., span. Staatsmann u. Schriftsteller, geb. 22. Oct. 1778 zu Motril in der Provinz Granada; stndirte erst Theologie, dann die Rechte, wurde unter König Joseph Bonaparte Unterpräfect von Almeria und floh nach Ferdinands VII. Rückkehr 1812 nach Frankreich, von wo er erst 1817 zurückkehrte. Er beschäftigte sich nun mit literarisch-pnblicistischen Arbeiten, gab 1819 die Zeitschrift Lliseolanea ckg comsroio, artss z- litsratura heraus und redigirte dann den Imparoial; 1824 ging er als Unterhändler bei der Gnebhardschen Anleihe nach Paris, wobei er selbst viel gewann; 1827 wurde er Intendant beim Zollrathe, dann Oberfinanzrath, 1833 Minister des Innern und nachher auch der Finanzen, durch mehrere Ministerien sich haltend; unter Martine; de la Rosa arbeitete er selbst am Lstatuäo real mit, freilich Vieles modificirend, u. wurde dann, wegen desfallsiger Anfeindungen zn- rückgetreten, zum Ersätze von der Königin-Negentin in die Kammer der Proceres ausgenommen. Hier klagte ihn General Alava des Unterschleifes in der Gnebhardschen Anleihe an, worauf ihn die Kammer von ihren Sitzungen ausschloß; die Unter- suchnngscommission sprach ihn zwar frei, doch zog es B. vor, sich von dem öffentlichen Leben ganz zurückzuziehen. Er ging nach Paris, blieb dort bis 1839 n. lebte dann als Privatmann ans seinen Gütern in Granada, wo er 1845 starb. Er übersetzte den Horatins, heransgeg. mit Commen- tar, 1828—23, 4 Bde., u. schr. die Lustspiele: Las trss iAnslas, §1 bails äs wasaera n. LI optimista z- ei xssrmista; mehrere Gedichte; Geschichte der Regierung Jsabellas II. (unvollendet), und gab außer den genannten Zeitschriften auch mehrere ältere spanische Werke heraus. Lag«,' Burgoyne, 1) John, natürlicher Sohn des Lord Bingley; befehligte als General 1762 ein englisches Corps in Portugal gegen die Spanier, dann in NAmerika, wo er 1776 Canada von den Amerikanern reinigte und bei Ticonderoga siegte. Dann aber wurde er bei Saratoga umringt und mußte sich 16. Oct. 1777 mit seinem ganzen Corps (5550 M.) dem General Gates ergeben. Nach England zurückgekehrt, wurde er anfangs kalt ausgenommen; später lebte er am Hofe als Günstling der Königin u. st. 4. Juni 1792. Er schr. die Dramen: Richard Löwenherz; Die Eichennymphe u. m. a. 8) Sir John Fox, geb. 1782; wurde 1798 Secondlieutenant im Jngenienrcorps, wohnte 1800 der Belagerung u. der Eroberung von La Valetta ans Malta bei, machte den Feldzug des Generals Fraser nach Ägypten mit, in dem er bei der Einnahme von Alexandrien u. Rosette thätig war, dann die Feldzüge in Spanien u. Portugal, in welchen ihm Wellington, als der Hauptingenieur Fletcher gefallen war, die Leitung der Operationen bei den Belagerungen von Burgos und San- Sebastian übertrug. Bald darauf wurde er zum Oberstlieutenant u. Chef des Jngeniercorps er- Bürgschaft — hoben u. ging mit der Armee 1815 nach Amerika. 1826 stand er unter General Clinton in Portugal, kehrte dann nach England zurück, wurde 1830 zum Direktor der öffentlichen Arbeiten in Irland gewählt, 1837 Generalmajor und 1845 General- inspector der Fortificationen. 1846 vom Ministerium beauftragt, Maßregeln zu ergreifen, um die in Irland herrschende Hungersnot!) zu lindern, half er durch feine Vorkehrungen dem Elende der Bevölkerung wesentlich ab. Als Generallieuteuant, welchen Rang er 1851 erhalten hatte, ging er Leim Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges 1854 mit den englischen Truppen nach der Krim, um die Belagernngsarbeiten vor Sebastopol mit zu leiten; allein schon Frühjahr 1855 uöthigte ihn fein hohes Alter, in die Heimath zurückzukchren. 1856 erhielt er die Baronetswürde, 1868 die eines Feldmarschalls; st. 9. Oktober 1871. B. schr.: Wlitsrx Opinious, Lond. 1859. Bürgschaft (§iäsjus8rc>, nach älterem Römischem Rechte mit drei Unterarten, der Lporwio, lüäopromissio u. hüäsjnssio im engeren Sinne), der Vertrag, durch welchen Jemand accessorisch zur Sicherheit des Gläubigers der Verbindlichkeit eines Anderen beitritt und für solche mitznhaften verspricht (Verbürgung). Die B. ist eine Art der Jntercession u. erfordert zu ihrem Bestehen das Dasein einer für den Bürgen fremden, nicht un- giltigen Hauptschuld, sowie die Übereinstimmung des Bürgen u. des Gläubigers wegen eventueller Übernahme derselben. Ihr Zweck ist größere Sicherheit des Gläubigers, und ihre Wirkungen bestehen darin, daß der Bürge oder dessen Erbe zahlen muß, wenn der Hauptschuldner nicht zahlt, oder der Gläubiger wenigstens es für sicherer u. gerathener hält, sich an den Bürgen zu halten. Diese Verpflichtung dauert, so lange die Hauptschuld besteht; der Gläubiger macht dieselbe mit der B-s klage (^ebio fläch nssoria ex stipnlain) geltend, u. zwar hat dabei der Bürge, wenn er die B. schlechthin übernahm, dem Hanptschuldncr auch alle Nebenleistungen, wie Zinsen, Proceß- kosten rc., zu gewähren. Dagegen kommt jede Befreiung des Hanptschuldners auch dem Bürgen zu Statten, u. es kann daher der Bürge dem Hauptgläubiger alle Rechtsmittel, die dem Hanptschuldner zustehen, wie die Einrede der bereits geschehenen Zahlung, der Verjährung, einer eingetretenen Resolutivbedingung rc., mit gleicher Rechlswirkung entgegenstellen. Nur die rein persönlichen Einreden des Hanptschuldners, wie z. B. ein privilegirter Gerichtsstand, kommen dem Bürgen nicht zu Statten. Dagegen sind ihm aus eigenem Rechte noch drei besondere Rechtswohlthaten (ll'ria bsnefloia üäe- znssornm) gegeben: a) Lonsüoinm exonssrovm s. oräinis, d. h. das Recht, zu verlangen, daß zunächst der Hauptschuldner ausgeklagt und der Bürge erst dann angegriffen werde, wenn von dem Elfteren Nichts zu erlangen ist; b) Lons- Loinm äivisionis, der Theilung, wonach, wenn mehrere solvente Mitbürgen vorhanden sind, der Hauptgläubiger Jeden zunächst nur pro rata belangen darf, und o) Lsusflornm esäsnäarnm »otionum, der Klagabtretung, auf Cession der Klagen des Gläubigers wider den Hanptschuldner n. die Mitbürgen. Gläubiger, welche sich gegen Burgstcinfurt. 287 Erschwerungen im Geltendmachen der B. sichern, oder die Auswahl unter mehreren Bürgen verschaffen wollen, bedingen sich Solidarhast Aller. Hat der Bürge durch Zögerung des Glänbigers den Verlust der Ausübung dieser Rechtswohlthaten zu befürchten, so hat ihm die Praxis noch das Recht eingeräumt, denselben zur Anstellung seiner Klage zu provociren (s. Provokation). Ob übrigens der Bürge, abgesehen von dem Gebrauche des klonest ooä. aotronnm, wegen der Bezahlung der Hauptschuld einen Regreßansprnch gegen den Hanptschuldner habe, richtet sich ganz nach dem Vertrage, welcher wegen der Übernahme der B. zwischen ihm u. dem Hanptschuldner abgeschlossen ist. Dem Bürgen kann zu seiner Sicherheit in dieser Beziehung wieder ein Bürge gestellt sein, welcher dann Nückbürge heißt. Einer besonderen Beschränkung unterliegen nach Römischem Rechte noch die B-en n. überhaupt alle Jntercessionen der Frauenspersonen. Durch ein Lsimtuoooimnl- tnm Voflchaimin wurde allen Frauenzimmern gegen Klagen, welche ans einem Jntercessions- geschäfte wider sie angestellt werden, eine 8x- esxtno sott. Vellchani gegeben, welche jede Forderung mit wenigen Ausnahmen ans dem Geschäfte unwirksam macht. Justinianns bestimmte, daß überdies jede Jntercession einer Frau nur dann Giltigkeit haben sollte, wenn dieselbe durch eine öffentlich abgefaßte Urkunde bekräftigt sei; Jntercessio- neu von Ehefrauen aber werden durch die ^n- tflentioa si gua irmUor unbedingt verboten. Die Praxis hat indessen diese an sich in ihrem gegenseitigen Verhältniß nicht unbestrittenen Bestimmungen vielfach gemildert und insbesondere Jntercessionen solcher Frauen, bei denen die Jntercession in die Sphäre eines von ihnen betriebenen öffentlichen Gewerbes fällt, sowie bei gerichtlich erklärtem Verzichte ans die Lresxtüo sein. VoUchani u. die Lntür. immer zugelassen. Neuere Gesetze haben dies noch mehr ausgedehnt u. verlangen entweder nur einige Förmlichkeiten, wie z.B. eine vorausgegangene gerichtliche Belehrung, oder haben die ganze Beschränkung aufgehoben. So sind alle Vorschriften über die Jntercessionen der Frauen u. namentlich die Lntflsnbioa. si gun mnlisr in Preußen durch das Gesetz v. 1. Dec. 1869 aufgehoben. Die Bestimmungen des Allg. Deutschen Handelsgesetzbuches über die Rechte der Handelsfrau u. der Ümstand, daß die Reichs-Gewerbeordnung einen Unterschied bezüglich des Geschlechtes nicht mehr macht, vertragen sich nicht mit jenen ungerechtfertigten Beschränkungen der Jntercessionsrechte der Frauen. Im öffentlichen Rechte kommt die B. besonders in der Stellung von Leibbürgen (Obsräoo, Geißeln) für die Sicherung von Staatsverträgen, Waffenstillständen rc. vor. Im Proceß dient die B. dazu, um das Erscheinen einer Partei vor Gericht zu sichern u. die sonst dabei vorkommenden Eautionsverbindlichkerten (s. d.) zu erfüllen. Vgl. Girtanner, Die B. nach Gemeinem Civilrechte, Jena 1850 f.; W. Platner, Die B., Lpz. 1857. Grotefend.» Burgscheidungen, Dorf im Kreise Querfurt des preuß. Regbez. Merseburg, an der Unstrut; 325 Ew.; gegenüber das Dorf Kirchscheidungen.— B. ist der älteste bekannte Ort in Thüringen, 288 Burg Schlitz — Burgund. war Grenzfeste gegen die Franken und Sitz der thüringischen Könige. Der letzte, Hermanfried, floh hierher vor den Franken (s. Thüringen, Gesch.). B. kam später als Lehn an das Stift Bamberg, dann an die Herren von Qnerfurt, von deren letztem, Bruno, es 1495 Fürst Waldemar von Anhalt erbte; die Fürsten gaben es an verschiedene adelige Familien zu Lehn. Burg Schlitz, Schloß im wendischen Kreise des Herzogthums Mecklenburg-Schwerin; gehört dem Grasen Bassewitz, genannt von Schlitz; Bibliothek, Antiquitäten- n. naturhistor. Sammlungen; Park; dabei ein 13 m hohes Denkmal Blüchers aus Granit. Burgschmiet» Jakob Daniel, Sohn eines Steinmetzgcsellen, geb. 11. Oct. 1796 in Nürnberg; erlernte anfangs das Drechslerhandwerk, arbeitete Automaten und bildete sich später unter Reindel zum Bildhauer: er war bei der Wiederherstellung des Schönen Brunnens ans dem Marktplatze in Nürnberg thätig, ging dann nach Paris, um bei Crossatiere die Kunst des Erzgnsses zu erlernen, und begründete seinen Ruf als einer der tüchtigsten Meister im Erzgnß durch den Guß der Nauchschen Statue Dürers. Aus seiner Werkstätte gingen noch hervor u. a.: Die Statue Melanch- thons nächst der Ägidienkirche (von B. nach Heide- loffs Entwurf modellirt), 1826 in Sandstein ans- gefllhrt; das Beethoven-Denkmal zu Bonn, nach Hähnels Modell (1844); die Statue Karls IV. in Prag, ebenfalls nach Hä'hnel (1849), Luthers Denkmal in Möhra, nach Miller in Meiningen (1853); die Bronzethüren der Goethe-Galerie im Schlosse zu Weimar, nach Neher. Er st. 7. März 1858. Regnet.» Bnrgsdorf, 1) Konrad von B., geb. 1594; war als Oberst 1633 Commandant von Schweidnitz, als Wallenstcin dasselbe 24. Juni belagerte; er errichtete unter dem Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg zuerst ein stehendes Heer; st. 1652. 2) Ernst Friedrich von B., zu Anfang des 18. Jahrh. kaiserlicher Oberingenienr u. durch Aufstellung eines eigenen F-ortificationssystems bekannt; er schr.: Unüberwindliche Festung, Ulm 1682; Neu entdeckte prakticable Minirkunst, Nürnb. 1686 (die erste Anweisung zur Minirkunst): Neu- trinmphirende Fortification, Wien 1703, 2 Bde., u. m. a. 3) Christoph Gottlob von B., geb. 1733; wurde 1782 Justizrath in Dresden, später Jnstructor des nachmaligen Königs Friedr. August u. 1788 Conferenzminisler; er errichtete in Dresden die Armenvcrsorgnngsanstalt; war ein Gegner der religiösen Aufklärung, welche er durch ZwangS- maßregeln unterdrückt wissen wollte; er st. 1807. 4) Friedrich August Ludwig von B., bedeutender Forstmann u. Forstbotaniker, geb. 23. März 1747 in Leipzig; wurde 1777 Forstrath in Tegel, 1787 Lehrer an der Berliner Forstakademic, später auch Oberforstmeistcr der Kurmark; er st. 18. Juni 1802 in Berlin. B. schr.: Versuch einer Geschichte der verschiedenen Holzarten, Berl. 1783—1800, 2Thle.; Forsthaudb., ebd. 1788 n. 1792, 2 Thle., u. m. a.; veranlahtc auch die Herausgabe von Reiter u. Abels Abbildung der 100 deutschen wilden Holzarten rc., als Beilage zum Forsthandbuche. 4) Wlmmenaucr I,. Burgstädt, Stadt im gleichnam. Gerichksamte der Amtshauptmannschaft Nochlitz des königl. sächs. Regbez. Leipzig: Handschuhfabrikation; Weberei; Granilbrüche; 4628 Ew. — B. scheint erst ums Jahr 1530 zur Stadt erhoben worden zu sein u. hieß anfänglich Burkersdorf. Hier u. im nahen Mohsdorf gründete 1750 der Hamburger W. G. Schlüssel die erste Kattunfabrik Sachsens. 1650 große F-enersbrnnst. Burgstall, Standort einer Burg, auch die Burg selbst. Bnrgsteinfurt, Stadt im Kreise Steinfurt des preuß. Regbez. Münster, an der Aa; Hanpt- ort der mediatisirten Grafschaft Bentheim; Kreisgericht; Synagoge; Gymnasium und Realschule; Schloß; Zengdruckereien, Färbereien, Leder-, Tabak- u. Cigarrenfabriken; 3261 Ew. Burgund (Bourgogne), ehemalige französ. Provinz im Gebiete der Seine, Loire u. Rhone, im östlichen Frankreich; grenzte im N. an die Champagne n. Lothringen, im O. an Franche- Comte, im S. an Lyonnais u. die Dauphine u. im W. an Lyonnais ; der östl. Theil derselben steigt terrassenförmig zu dem Quelllande der Mosel empor, der südliche ist mehr eben u. lehnt sich an die westlichen Vorberge des Jura; ist auf allen Seiten von Höhen umschlossen u. enthält im S. die Landschaft Bresse, die überaus reich an Teichen ist; hier sind auch die höchsten Erhebungen im W., die von Macon u. Charolais, bis zu 1000 in, n. im O. die des Jura bis zu 1670 m, im N. an der Saöne ist das Plateau von Langres und die Cote-d'Or; die Hauptgewässer sind: Rhone mit Ain u. die Saöne mit Doubs u. Oignon, dann die obere Seine u. auf eine kurze Strecke die Loire; diese Flüsse sind unter einander durch den 225 lim langen Kanal von B. u. du Centre verbunden, u. so kreuzen sich hier die Handelsstraßen zwischen den Meeren, die Frankreich berühren. Produkte im Mineralreiche sind: Baustoffe aller Art, Steinkohlen, Eisen. Das Klima ist sehr gesund u. mild, und daher betreiben die Bewohner Forst- u. Wiesencnltur in ausgedehntem Grade, Garten-, Acker- u. Weinbau mit glücklichem Erfolge; dann auch Rindvieh-, Pferde- n. Schafzucht; außerdem liefert der Fleiß des Burgunders für den Handel bes. noch Leinwand-, Wollen- u. Merallwaaren. Es umfaßte 25,977 UMm (472 HW), wovon 9458 Usiuu (171 UM) auf das eigentliche B. kamen. Die übrigen Bestandtheile waren: Bresse-Bngey, kriuoipauts cks Oombes, äo 6ex (diese zusammen nun das Dcpart. Ain bildend), Dijonnais (nun das Dcpart. Cote- d'Or), Mäconnais (Bestandtheil des Dep. Saöne- ct-Loire) u. Auxerrois (Bestandtheil des D-part. Donne; das eigentliche B. im engeren Sinne bildet (mit Auxerrois) das Dep. Saöne-et-Loire, dann find weitere Theile davon den Dep. Nonne, Aube u. Haute-Marne zngetheilt. Über die ehemalige Grafschaft u. Pfalzgrafschaft B. (Hoch-B.) s. Franche-Lomte. Geschichte. I. Königreich B. Die Burgunder (Burgundionen, Burqundier). ein deutsches Volk, saßen anfangs in dem Flußgebiete ^r Netze u. Warthe , bis Ne um die Mitte des 3. kkahry . n. Chr., von den GepiLen von da verdrängt, 289 Burgund (Gcsch.). -um Theil nach Norden zogen und sich auf Bonlholm iMlrgunüa^-Hönri, d. r. Burgunder- Insel) mcverl letzen: die arone Maile wendete sich gegen W. uns setzte siä; zunacyst m ven Main- gegeiiden fest. Hier levren sre m fsneven mit den Römern, hallen aver yautzg L-treit mit Len benachbarten Alcüianncn wegen oer Grenzen und SakMÄlen (von Schiväbisch-Häll km KüchMhal). 373 zogen sie gegen die Alemannen an den Rhein, nsit diösikböll üllf Vaiciiiiniamts" I. Veranlassung zu venreiven, voll) vergcvenö. Nun aver kamen sie 80,000 Mann stärk u. erzwangen sich Sitze zwischen Main u. Neckar. Als die Vandalen, Sueven n. Alanen nach Gallien zogen, wurden auch vic Buöguitdib 497 von «LlMcho, wie es scheint als röm. Büiidesgenvssen, oazü ausgesvrdert, u. sie zeigen sich von va an unter iyrem Roma GUNOilar omr roimiHllil wv III! äll Mmet-Nyeui sich niererlietzen u. an rem Func der Alstm nll macynges Reich gründeten. Die Burgunder standen unter einem in seiner Macht sehr beschränkten und absetzbaren König (Hendinos); der oberste Priester (Sinistus) war auf Lebenszeit gewählt; sie hatten Wahrsager, deren Befragung auch in christlicher Jcit noch fortdauerte. Ne Lobten, eingcwickelt in Schleier u. Mäntel, begruben sie über einander anfgeschichtet. In den folgenden Jahren bis 413 dehnten sic ihre Wohnsitze in die Gegenden aus, Venen noch yeute der Name Ä. geblieben ist, naluncn 417 das fatholische Glaubensbekenntniß an (nach anderer Ansicht waren sie Arianer) und blieben die folgenden Jahre im ruhigen Besitze ihrer Eroberungen. Erst als König Gundikar 435 räuberisch in der Provinz Belqica einfiel, wurde er von den Römern unter A'etius znrüclgeschlagen. In dem qrotzen Kriege zwischen ven Hunnen u!w den Wesidoikern fiel Gundikad ^c>i inu ksVöß- ten Aheü seines Voiles bei Chalons flicich an- Lerer Annahme in einem früheren Kriege zwischen den Burgundern und Hunnen schon 437): dieser Kampf u. Tod des Königs ist imcW'^Melnnqen- liebe dichterisch ausaeschmtml. litim totale iem Sohn Gnndloch (Gniidlauch), welcher mit dem Reste seines Volkes sich an der oberen Rhone u. in Savoyen (Sabandia) niederließ. Er hielt anfangs Frieden mit den Römern, wurde 456 römischer Oberbefehlshaber n. schlug die Sueven, benutzte aber dann die Unruhen im Römischen Reiche, um seine Grenzen zu erweitern, indem er Lyonnais eroberte und mit seinem Gebiete vereinigte, welches seitdem erst den Namen B. führte. Gundioch starb 470, u. seine Söhne Gundobad, Godegisel, Hilperik u. Godomar theilten das Reich; doch traten nur die 3 ersten historisch hervor. Hilperik kämpstc gegen die Westgothcn, die sich Berrys bemächtigten. 477 empörte sich sein Bruder Gundobad, schlug Hilperik, der im Gefechte fiel, n. bemächtigte sich des Thrones. Gundobad führte den Arianismus ein, überstieg, den Kampf Odoakers n. Theodcrichs benutzend, die Alpen u. eroberte 492 Turin. Diesen Zug wiederholte er 493 u. trat seinem Bruder Godegisel, um ihn für sich zu gewinnen, Genf ab. Trotzdem verband sich dieser mit seinem Schwager, dem Frankenkönig Chlodwig I., gegen Gundobad; die Franken sielen in B. ein, u. Letzterer, unweit Dijon ge- fchlagen, wurde genöthigt, sich nach Avignon zu flüchten. Nachdem er mit den Franken Frieden gemacht hatte, ließ er seinen Bruder Godegisel in Vienne Überfällen u. im I. 500 erdrosseln. 502 ließ er das B-ischs Gesetzbuch (Iwx Rurgnn- Tklonum) publiciren. Bald darauf brach ein neuer Krieg zwischen B. n. Chlodwig ans; der Frankenkönig, mit den Ostgothen verbündet, war siegreich, eroberte B., söhnte sich aber wieder mit Gundobad ans, dem er sein Land znrllckgab. 507 kämpften die Burgunder mit den Franken gegen die Westgothen n. eroberten 508 Narbonne. Gundobad st. 516. Siegmnnd , sein ältester Sohn, folgte ihm. Schon vorher znm Katholicismns übergetretcn, stellte er auf dem Concil zu Ezeon 517 eine katholische Kirchenordnung in seinem Lande her, verbesserte die Rechtspflege n. vervollständigte das B-ische Gesetz. In einem neuen Kriege gegen die Franken wurde Siegmnnd gefangen n. 523 in Orleans mit Weib u. Kindern ermordet. Sein Bruder Godomar folgte ihm; den König Chlodomir von Orleans, der sich B-s bemächtigen wollte, besiegte er 524 u. erschlug ihn; aber 534 fiel er selbst gegen die Frankenkönige Chlotar u. Childebcrt. Die Sieger theilten B. unter sich, u. es wurde nun fränkische Provinz, doch mit Beibehaltung seines Namens und seiner Rechte. 561 erhielt Chlotars Sohn Guntrain als Herzog von B. einen Theil des alten Königreiches, nämlich Bonr- gogne, die Dauphine, Savoyen und einen Theil der Provence; der andere Theil fiel an seinen Bruder, König Sigebert von Australien. Gnntram residirte abwechselnd in Chalons an der Savne u. in Orleans; er focht 565 siegreich gegen seinen Bruder, der ihm Arles entreißen wollte, u. gegen die Longobarden, welche 571 — 76 jährlich in B. einzudringen versuchten. Um einen Seeplatz zu haben, bewog Guntram seinen Neffen, König Childebcrt von Anstrasien, den er dagegen zum Mitregenten erklärte, ihm die Hälfte der Stadt Marseille abzutreten. Guntram starb 593, und ihm folgte sein Neffe Childebcrt, welcher Anstrasien mit B. vereinigte, aber schon 596 starb. Bei der Theilnng zwischen seinen Söhnen erhielt der jüngere, Theoderich, B. mit Ausnahme der Hälfte von Marseille, welche wieder an Anstrasien fiel. Während Theodcrichs Minderjährigkeit führte seine Großmutter Brunhilde u. Syagrins, der Bischof von Autun, die Regentschaft. Theoderich führte dann einen siegreichen Krieg mit seinem Bruder Theodcbert von Anstrasien, der 612 gefangen u. ermordet wurde; doch starb auch Theoderich schon 613 u. hinterließ 4 Söhne. Als Vormünderin führte Brnnhilde die Negierung über B. und Anstrasien, als der Frankenkönig Chlotar II. sich beider Länder bemächtigte n. die beiden ältesten Söhne Theodcrichs nebst Brunhilde ermorden ließ und B. mit dem Frankenreiche vereinigte. Die Merovinger u. Karolinger blieben nun als Herzöge von B. Herren dieses Reiches. Zu Ende der letzteren Dynastie erhielt 877 Graf Boso von Autun oder Vienne von Karl d. Kahlen, seinem Schwager, die Provence als Statthalterschaft, aber schon 879 machte er sich unabhängig, nahm den Königstitel an u. stiftete das Pierers Nmversal-ConversationL-Lexikoii. k. Aufl. IV. Band. 19 290 Burgund Königreich LurAuuciia eiojnraua (Cisjnranisches Reich), oder von der Residenz Arles gewöhnlich Arelat genannt; es begriff das Land zwischen Rhone n. Alpen, also hauptsächlich die Provence, Dauphine, Savoyen, Lyonnais u. Franche-Comtc. Um das Reich sicherer zn besitzen, nahm er eS 882 vom Kaiser Karl d. Dicken in Lehn; Boso starb 887. Sein Sohn Ludwig d. Blinde stand bis 890 unter der Vormundschaft seiner Mutter Irmengard. Er eroberte 890 Ober-Italien u. wurde 961 zum Kaiser gekrönt, aber bald darauf von Berengar gefangen u. geblendet. Er st. 924, u. Hugo, Gras von Arles, folgte ihm als König, vertauschte aber 926 dieses Land gegen Italien. Zur Zeit, als Boso sich in Arelat unabhängig machte, hatte Graf Rudolf 1., der Neffe des Königs Hugo von Frankreich, 888 sich zum Herrn des Landes des oberen Jura aufgeworfen n. sich den Titel als König bcigelegt, welcher schließlich von dem deutschen König Arnulf anerkannt wurde, nachdem er das Land von demselben in Lehn genommen hatte. Das von ihm gestiftete Reich hieß Ober -B. oder Lur^uuciia transjurana; es begriff die westl. Schweiz, die Franche-Comte n. das nördl. Savoyen. Auf Rudolf folgte 911 Rudolf II., welcher 922 König von Italien wurde, Italien aber gegen Arelat vertauschte n. so beide B. unter dem Namen Königreich Arelat vereinigte. Sein Reich erstreckte sich vom Mittelmeere bis mitten in die Schweiz und von den WAlpen bis zur Savne. Er starb 937. Unter seinem Sohne Konrad wurden die Vasallen übermächtig, und dessen Sohn Rudolf III. mußte sich unter den Schutz Heinrichs II. begeben, welchen er dafür zum Erben von B. einsetzte. Als Rudolf III. 1032 starb, vertrieb Kaiser Konrad Rudolfs Neffen, den Grafen Odo von Champagne, ließ sich 1034 in Genf von den Großen des "Reiches zum König von B. wählen u. vereinigte es mit dem Deutschen Reiche. Nach Heinrichs V. kinderlosem Tode ertheilte der in Deutschland gewählte Kaiser Lothar B. als ein Per- tinenzstück des DeutschenReiches dem Herzog Konrad v. Zähringen als erbliche Statthalterschaft. Zwar betrachtete Kaiser Friedrich I. B. als ein Erbe seines Hauses u. bestimmte es demjenigen seiner Söhne, welcher nicht in Deutschland folgen würde. Aber Kaiser Rudolf von Habsbnrg folgte der früheren Ansicht, daß B. ein Reichslehn sei, n. belehnte 1280 mit der Provence Margarethe, die Wiltwe Ludwigs des Heiligen n. dann Königs Karl I. v. Sicilien. Zuletzt bildeten sich in B. mehrere erbliche Staaten unter »der Lehnbarkeit des Reiches, bes. die Grafschaft (später Herzogthum) Savoyen, dann die geistlichen Staaten der Erzbischöfe von Lyon, Be- san^on, Embrun, Vienne, der Bischöfe von Basel, Genf, Lausanne, Grenoble, Valence rc., welche theils als Rcichssürsten, theils als Reichsgrafen zum Deutschen Reiche gehörten. Aber nach und nach löste sich das Verhältniß zum Reiche, u. die einen jener Staaten kamen unter die Herrschaft Frankreichs, andere schlossen sich an die Eidgenossenschaft an, u. endlich blieben bloß die Grafen von Savoyen (wenigstens dem Namen nach) und Montbeillard (Mümpelgard) u. das Bisthnm Basel beim Deutschen Reiche. II. Herzogthum B. (Bourgogne). Im Her- (Gcsch.). zogthnm Bourgogne, zu welchem Dijon, Nuits, Beanne, Antun, Montcenis, Chalonnois, Avalon, die Montagne mit Chatillon-sur-Seine u. andere Gebiete gehörten, wurde Bosos (vgl. oben I.) Bruder Richard, Gras v. Antun, 877 von seinem Schwager, König Karl d. Kahlen, beliehen. Als sich 879 Boso für unabhängig erklärte, stand Richard den Königen Ludwig u. Karlmann gegen seinen Bruder bei, eroberte 880 Macon u. 882 Vienne u. erhob 887 den Herzog Odo (Eudes) ans den Thron Frankreichs, trat aber später zu der Partei Karls des Einfältigen über, von dem er 893 zum Herzog von B. ernannt ward; er betheiligte ffich am Kampfe gegen die Normannen u. besiegte sie 899 bei Argentenil und 911 bei Chartres; Richard st. 921. Von seinen 3 Söhnen folgte Raoul (Rudolf) als Herzog von B.; er trug zur Entthronung Karls des Einfältigen bei u. wurde 923 selbst zum König von Frankreich gewählt. B. kam nun in verschiedene Hände, wurde öfter getheilt, gab Anlaß zu hartnäckigen Kämpfen zwischen den benachbarten Großen, wurde 1017 durch König Robert von Frankreich erobert n. war von da an im Besitze der Nachkommen seines jüngeren Sohnes Robert, welche 1361 ausstarben, worauf B. an die Krone Frankreich fiel. Jndeß schon 1363 gab König Johann auf die Bitten der bnrgnndischen Stände seinem 4. Sohne Philipp II. dem Kühnen das Herzogthum B., der nun die Linie der Herzöge von B. aus dem Hause Valois gründete. 1369 vermählte er sich mit Margarethe von Flandern u. B., und als deren Vater, Graf Ludwig, 1384 starb, folgte ihm Margarethe mit ihrem Gemahl Philipp in den Grafschaften B., Flandern, Artois, Rdthel n. Revers, so daß das Herzogthnm u. die Grafschaft B. unter einem Regenten vereinigt wurden. Philipp errichtete in Dijon u. in Lille Rechnungskammern nach dem Muster der Pariser u. übernahm mit dem Herzog von Berry die Regentschaft für den geistesschwachen Karl VI. Da aber der Herzog von Orleans die Regierung an sich riß, so entstand eine Spaltung Frankreichs in zwei Parteien, die Burgnndilche (LoniAMAiwns) und die Or- leanssche Partei. Zwar kam durch Vermittelung der Königin ein Vertrag zn Stande, worin dem Herzog von B. die Regierung so lange znerkannt wurde, als des Königs Wahnsinn dauern würde; aber die Spannung zwischen den beiden Häusern B. u. Orleans dauerte zum Unheil Frankreichs fort und gab Veranlassung zu blutigen Bürgerkriegen. Philipp starb im April 1404; ihm folgte sein Sohn Johann der Unerschrockene. Da nun der Herzog von Orleans Reichsverweser von Frankreich wurde, so ward Johann augenblicklich dadurch versöhnt, daß er das Gouvernement der Picardie erhielt; aber 1407 brach der Unfriede wieder anS, u. Johann ließ seinen Gegner ermorden und bemächtigte sich der Stadt Paris. Als er 1408 mit einem Kriege gegen die Lütticher beschäftigt war, erhob sich die Herzogin von Orleans gegen ihn, n. erst nach deren Tode schloß Johann mit ihrem Sohne 1409 zn Chartres Frieden; aber den Hof in Paris konnte er lange nicht wiedergewinnen, n. endlich, imBegriffe, mildem Dauphin,noch seinem einzigen Gegner, auf der Brücke zu Montereau 291 Burgunder Pech — sich auszusöhnen, wurde er von des Dauphins Günstling Tanneguy Duchatel 10. Scpt. 1419 ermordet. Philipp der Gute, sein Sohn n. Nachfolger, verband sich, um seines Vaters Tod zu rächen, mit Heinrich V. von England, bemächtigte sich Montereans n. hielt mit Heinrich V. 1420 seinen Einzug in Paris. Unter seiner Vermittelung kam der Friede zwischen England n. Frankreich zu Stande, bei welchem er die Ausschließung des Dauphins als Strafe für die Ermordung seines Vaters zu erwirken wußte. Die Vermählung des Herzogs von Bcdford mit Anna von B. knüpfte B. noch näher an das Interesse Englands. Als sich aber Jacobäa von Bayern, Holland und Hennegan, Philipps Base, nach ihrer Scheidung von Herzog Johann IV. von Brabant mit dem Herzog Hnmphrey von Glonccster, dem Regenten von England, vermählte n. 1424 Gloucester ein Heer ansrüstete, um seiner Gemahlin ihr Erbe, Hennegan, das derselben ihr vormaliger Gemahl vorenthielt, wiederzugewinncn, so rückte Philipp, dessen Aussicht auf das Brabanter Erbe durch Jacobäas Wiederverheirathnng zweifelhaft wurde, rasch ins Feld, vertrieb den Usurpator aus Hennegau u. bemächtigte sich 1431 aller Besitzungen Jacobäas, welcher er nur ein kleines Jahrgehalt aussetzte, so daß die Niederlande ganz mit B. vereinigt wurden. 1427 erbte er Limburg nach dem Aussterben der Herzoge von Brabant, und 1429 kaufte er Namur u. Brabant. 1433 brachen Unruhen in Gent u. Lüttich ans. Gleichzeitig griff ihn Karl von Bourbon an, welcher unter dem Vorwände, die Rechte seiner Gemahlin zu fordern, bis in die Franche-Comle vorgedrungen war, sich aber genöthigt sah, seine eigenen Besitzungen zu vertheidigen, u. zu Revers Frieden schloß. Endlich kam 1435 zu Arras der Friede zwischen Frankreich u. B. zu Stande. Karl VII. verpflichtete sich, die Mörder Johanns des Unerschrockenen (s. oben) zu bestrafen, Philipp aber erkannte den König als seinen Lehnsherrn an, doch sollten seine Staaten von der Krone während seines Lebens unabhängig bleiben u. ihm Macon, Bar an der Seine u. einige Herrschaften, die an sein Gebiet grenzten, abgetreten werden. Dazu erwarb er 1441 noch das Herzogthum Luxemburg. Nun unterstützte er Frankreich gegen England, obgleich er selbst mit dem aufständischen Äiwwerpen und Gent viel zu thun hatte. Er brachte einen Waffenstillstand zwischen beiden Ländern zu Stande. 1467 st. Philipp. Sein Sohn Karl der Kühne vergrößerte das B-ische Erbe noch durch den Ankauf von Geldern u. Ziitphen (1473) und war seiner Zeit einer der mächtigsten Fürsten Europas. Er begann seine Regentenlanfbahn mit Züchtigung der rebellischen Lütticher, deren Festungswerke er schleifte, u. der Genter, denen er ihre Freiheiten nahm. 1471 machte Karl, der im Jahre vorher seinem Schwager, dem König Eduard v. England, zur Wiedercroberung seines Landes behilflich gewesen war, einen Einfall in Frankreich. Jndeß zog ihn von der Verfolgung des Krieges bald ein andere^ Plan ab; er beabsichtigte nämlich, sein Gebiet nach dem Rhein hin zu erweitern u. ein Gallisch-Belgisches Königreich zu stiften. Kaiser- Friedrich III. wollte ihm den Titel dieses Reiches Burgunder Trauben. gewähren und zugleich das Generalvicariat des Reiches über seine Staaten ertheilen, dagegen aber die Hand Marias, der einzigen Tochter nnd Erbin Karls, für seinen Sohn Maximilian erhalten. Der Kaiser n. der Herzog kamen 1473 zu Trier zusammen. Doch zerschlugen sich die Verhandlungen. Karl, die Streitigkeiten des Kölner Ca- pitcls n. der Landschaft mit dem Erzbischof Ruprecht benutzend, in der Absicht, sich zum Herrn des Nhein- stromes zn machen, begann 1474 den Kölnisch- Burgundischen Krieg durch die Belagerung von Neuß; er mußte aber, da der Kaiser ihm mit einem Neichshecre entgegenzvg, einen Frieden eingehen, der ihm Nichts einbrachtc. Er wendete sich nun zunächst gegen den Herzog Rene von Lothringen, der ihn angegriffen hatte, vertrieb ihn n. eroberte alle Festen dieses Landes, zuletzt Nancy. Da Karls Macht, besonders seit Österreich das Ober- Elsaß an ihn verpfändet hatte, in drohender Weise znnahm, verbanden sich Ludwig XI-, der Kaiser u. die Schweizer gegen ihn. Karl wollte Letztere, welche von ihren Verbündeten bald wieder im Stiche gelassen waren, demüthigen, brach in die Schweiz ein, eroberte 1476 Granson, verlor jedoch bei derselben Stadt eine Schlacht am 3. März nnd am 22. Juni die Schlacht bei Murten gegen die Schweizer, sowie am 5. Jan. 1477 die Schlacht bei Nancy gegen den Herzog von Lothringen n. die mit ihm verbündeten Schweizer n. fiel selbst auf der Flucht. Da Karl keine Söhne hintcrließ, so siel die große Erbschaft seiner Erbtochter Maria zu, welche dieselbe mit ihrer Hand dem Erzherzog Maximilian von Österreich, welchen sie nach dem Tode ihres Vaters doch noch heirathete, zubrachte, doch wurde das Erbtheil durch den Verlust des Hauptlandes B., welches Ludwig XI. als Kronlehn Frankreichs einzog, bedeutend geschmälert. Im Frieden von Arras 1482 wurde B. als Bestand- theil der französischen Monarchie anerkannt und diese Anerkennung 1529 im Frieden von Cambray zwischen Karl V. und Franz I. bestätigt. Der übrige Theil der Erbschaft kam durch die Theil- nng der österreichischen Monarchie unter Karl V., mit dessen Sohne Philipp II. an Spanien (s. u. Niederlande n. Belgien). Über die Grafschaft u. Pfalzgrafschast B., Ober-B. od. Hoch-B. s. unter Franche-Comle. Vgl. Valentin-Smith, 8nr 1'origino et Is noru <1os LonrAonäss, Lyon 1860; Derichsweiler, Geschichte der Burgunder bis zur Einverleibung in das Fränkische Reich, Münster 1863; Binding, Geschichte des Bnrg.-Roman. Königreiches, Bd. i, Leipz. 1868; Barante, Rist, äss äuss äs Bonr- AvAns, 10 Bde., Paris 1824; Laborde, Iws änes äs BoniMMw, 6 Bde., ebd. 1849—52; Dnbois, I-a, LonrgoFns äspuls scm origlns sie., Rouen 1867, 2. Anfl. Brand-Z.» Burgunder Pech (Schnsterpech), harziges Product, welches aus dem gewöhnlichen Fichtenharze durch längeres Kochen mit Wasser dargestellt wird, wobei mit dem Wasser auch das Terpentinöl entweicht. Es bildet eine gelblich-weiße, spröde, undurchsichtige Masse, die etwas nach Terpentinöl riecht. Clöreu. Burgunder Trauben, verschiedene, vorzugsweise blaue Tranbensorten, aus welchen z. Theil 19 * 292 Burgunder-Weine — die vorzüglichsten Weine bereitet werden, z. B. der Aßmannshauser, Jngelheimer, Ahrbleichcrtu.a.; der blaue Früh-Burgunder ist eine der frühesten Trauben u. deshalb für weniger gute Lagen u. für den Markt von großem Werthe. Der weiße B. gedeiht leicht, wird jedoch seltener angepflanzt, weil er einen weniger kräftigen Wein liefert. Burgunder-Weine, französische Weine 1.—3. Ranges, von rother u. z. Th. auch weißer Farbe, in den Departements Cöte d'Or, Saone-et-Loire, Aonne und Rhone. Die besten Sorten gehören, wie die der Bordeanx-Weine, zu den sog. vollkommenen Weinen und werden an edlen Eigenschaften kaum von anderen übertroffen. Dafür duldet der edle Burgunder aber auch keine Vermischung mit anderen Gewächsen, und er gehört zu den schwieligst zu behandelnden Weinen. Die geringeren Sorten dagegen werden zum Versandt und zur Erhöhung der Qualität mit Sprit versetzt. Die B.-W. verbinden Körper mit Zartheit, Mark mit Lieblichkeit, Flüchtigkeit mit Stärke und Geist, sind aber zu schwer zum gewohnheitsmäßigen Genüsse. Die edleren Sorten werden meist in Flaschen versandt n. sind durch- gehends von guter Haltbarkeit. Die rothen Burgunder setzen stark ab, weshalb die Flaschen beim Einschenken vorsichtig gehandhabt werden müssen. Um die Trübung des Weines zu verhüten, hat man hin n. wieder besondere, auf einer Achse ruhende Apparate zum Einschenken. Die B.-W. werden getheilt in Ober- und Nieder-Bnrgunder. Unter den Ober-Burgundern nimmt der No- mane-Conti die erste Stelle ein, doch ist die Production sehr klein. Es folgen als Gewächse ersten Ranges: Chambertin, Richebonrg, Clos de Vou- gcot, Romane de St. Vivant, La Lache, Clos St. Georges, Vosne und Corton. Im zweiten Range stehen: Grand Rue, Volnay, Pommard, Beaune, Savigny, Montrachet, Chambole. Die vorzüglichsten weißen Gewächse sind die von Meursault u. Montrachet. Unter den rothen Nieder-Bur- gundern stehen obenan die Weine von Tonnerre u.Auxerre; es folgenAvallon, Joigny, Marguerita. Vorzügliche weiße Sorten sind: Vaumorillon und Epineuil, dann die Chablis, Preaux, Blanchet, Villeneuve, Pouilly u. a. Die Landschaften Ma- xonnais u. Beaujolais liefern ebenfalls vorzügliche Weine, so Moulin-ä-Vent, Flenry, La Cha- pelle, Romaneche u. a. Im Ganzen stehen die Nieder-Bnrgunder den Ober-Burgundern an Qualität nach, doch ist die Production an letzteren bedeutender. Im Ganzen beträgt die Production jährlich im Durchschnitt über 2 Mill. bl (im Dep. Cöte-d'Or allein 500,000), wovon etwa der vierte Theil, meist geringere Sorten, im Lande consumirt, der Rest versandt wird. Man sabricirt auch moussirende Burgunder, so bes. in Beaune; sie sind sehr beliebt u. werden vielfach dem Champagner vorgezogen. Schon in dem ersten Jahrh. der christlichen Zeitrechnung war in dieser Gegend der Weinbau stark cultivirt; die Weine (bei Pli- nins Wein von Vienna) waren sowol an Ort u. Stelle beliebt, als auch wurden sie nach Italien ausgeführt. Schroot. gurgunöMnum klomtina lex, s. u. Burgundisches Gesetz 2). - Burgundischer Kreis. Burgundisches Gesetz, 1) (Box 6unäobaäa, Boi domdstts, Bsx UnrAnncircmum) die erste Aufzeichnung des Burgund. Rechtes, veranstaltet von König Gundobad (st. um 516) mit Zustimmung der Großen seines Landes, u. zwar im 2. Jahre seiner Negierung. Die auf uns gekommene Sammlung der von den burgundischen Königen auf den Reichstagen erlassenen Constitutionen u. der Rechtsgewohnheiten besteht aus 89 Titeln, 2 als Vorreden voranstehenden Stücken, deren 2. die erste Constitution Gundobads selbst ist u. die Sicherung einer gerechten n. unbestechlichen Rechtspflege betrifft, u. dann 2 selbständigen Anhängen (Xckäitamsitta), welche aus der Zeit der nachfolgenden Könige Siegmund und Godomar (517—34) zu stammen scheinen. Die Bsx sollte in Streitigkeiten der Burgunder unter sich u. mit Romanen zur Anwendung kommen; sie zeigt bereits mehrfache Spuren römischer Rechtskenntniß. Ausgabe: Antiguas LnrAnnckionnm IsZsa, Lyon 1611, u. in Georgisch, Lorpus surr«. §srmamoi antigui, Halle 1738, S. 333; Canciani, Barbarorum leAss, Venedig 1781, Bd. 4, S. 11; Muhme, Ucmnm. 6vrman. Be^ss IH., S. 525 bis 578. 2 ) Bsx Romans, BurAunciicmum. Das Römische Recht, nach welchem die Römer im Burgundischen Reiche ihre Streitigkeiten unter sich zu entscheiden hatten, beruhte anfängl. in den Schriften der recipirten Juristen nach dem Gesetze den Valentinianns III. (426), den Rescriptensamm- lungen des Gregorianus und Hermogenianus und dem 6oäsx Misockosianna 438; zur Vereinfachung kündigte Gundobad in seiner einleitenden Oonsti- tutio den Römern eine für sie verfaßte Sammlung an, die sich in 47 Titeln auf uns erhalten hat und meist selbständig gemachte Auszüge aus echten römischen Quellen enthält; ihre Abfassung dürfte wol schon in die letzten Regierungsjahre Gundobads nach 506 zu setzen sein. Die Titelfolge u. Titelüberschriften stimmen mit denen in der Box dunckobaäs, überein. Der Titel Ba- piani od. Bapiam lib. X. rssxonsorum, den das Nechtsbuch in einer sehr alten Handschrift führt, beruht auf einem Jrrthum. Ausgabe mit Ooä. Bbsock., Leyden 1566, Fol., S. 694, Par. 1586, II., S. 138; Heineccius, iLntigu. Ovrm. I., S. 308; Biener, Commentar, R. I., S. 295, in ÜU8 eiv. antsjnst. II., S. 1499; Muhme, Lion, dsrm. IwAss III., S. 595—624. Vgl. über diese Gesetze die Erläuterungen von Bluhme in der Braskatno, Stolbe, Geschichte der deutschen Rechtsquellen. Lagai. Burgundischer Kreis, einer der 10 ehe- maligen Kreise Deutschlands, errichtet 1512 von Maximilian I., näher bestimmt von Karl V. 1548. Der Burg. K. bildete den nordwestl. Theil des Deutschen Reiches u. umfaßte zuerst die Freie Grafschaft Burgund (daher der Name) und die zu Deutschland gehörigen Niederlande (d. s. die 17 Provinzen); durch die Errichtung der Republik der Vereinigten Niederlande, wie durch Kriege mit den Franzosen wurde der Kreis immer mehr geschmälert u. bestand endlich nur noch yus den Oestcrreichischen Niederlanden (d. i. die Herzogtümer Brabant, Limburg, Luxemburg, die Grafschaften Flandern, Heunegau u. Namur u. das 293 Vurgundiiis — Burjaten. sogen. Oberquartier des Herzogthums Geldern). Er erlegte zu den Reichsanlagen so viel wie 2 u. zu dem Türkcnkricge so viel wie 3 Kurfürsten. Sein Gesandter saß beim Reichstage im R.eichs- sürstenrathe auf der geistlichen Bank nach Österreich; zum Kammergerichte konnte der Kreis 2 Assessoren ernennen. Im Frieden von Luneville wurde der Rest des Kreises an Frankreich abgetreten, doch demselben 1813 wieder abgcnommen u. zu dem Königreich der Niederlande geschlagen. Jetzt gehören seine Länder größtentheils zu Belgien. Lagai.» Burgundrus (Bourgoigne), Nikolas, Geschichtschreiber, geb. 1586 in Enghien im Hennegau; wurde 1627 Professor der Rechte in Ingolstadt, 1639 Rath des Hofes von Brabant; st. um 1656. Er schr.: ^.ä ssusnstnäinss läanärias sliarnmgns Asnbinm; Ds svietionidus; Ds äno- dns rsis, gesammelt Brüssel 1674, 1700; Listoria iwlMca, 1558—1567, Jngolst. 1629 u. 1633, Halle 1708; Historia bavaiioa, 1313—1347, Jngolst. 1636, n. a. Burgverlies;, das untere, meist kellerartige Stockwerk des Bergfrieds einer Burg, welches zum Gefängniß diente; s. u. Burg. Burgvogt, 1) so v. w. Burggraf. 2) Unterbediensteter desselben, welcher die Gerichts- u. Polizeisachen zu besorgen hatte; daher Burgvogtei, der Gerichtssprengel eines Burggerichtes. 3) So v. w. Aufseher über eine Burg. 4) An einigen Orten der Haushofmeister fürstlicher Residenzschlösser. Burgwart (Thurmwart), der Wächter, welcher den obersten Stock des Bergfrieds einer Burg bewohnte, von dort aus die Gegend umher beobachtete u. die nahenden Fremden od. drohende Gefahr durch Hornsignale verkündete. Burhampur, 1) Stadt im District Murshi- dabad der britischen Prov. Bengalen, an der Bhagaruti u. der Eisenbahn Calcutta-Patna, in sehr ungesunder Gegend; britische Militärstation: Handel; 12,000 Ew. 2) B. (Boorhannpore)) feste Stadt im Gebiete des Scindia in Vorder- Jndien, am Tapti u. der Eisenbahn Benares- Bombay; 34,137 Ew. Schöne Bauwerke sind ber im Verfalle begriffene Palast (Lal Kilah, Rothes Schloß) des Akbar u. die Hauptmoschee, erbaut von Aureng-Zeyb. Eine mohammedanische Gemeinde, die Borah, welche einen eigenen abgeschlossenen Stadttheil bewohnen, ist fast ausschließlich im Besitze des lebhaften Handels u. der im 16. u. 17. Jahrh. noch viel blühenderen Industrie in Musselin, Seidenstoffen u. Brocat. 1414 gegründet, war B. Residenz der Könige von Kandeish, bis es 1599 unter die Herrschaft Akbars kam. Seitdem war der Statthalter von B. einer der höchsten Beamten am Hofe von Delhi u. wurde gewöhnlich ans den nächsten Verwandten des Großmoguls ernannt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. wurde es von Madhedschi- Scindia erobert, dessen Familie es auch nach der Besetzung durch die Briten 1803 znrückge- geben ward. Seit 1860 britisch. Bnri (nord. Mythe), s. u. Ödin. Buridan, Johannes, Scholastiker, geb.um l300 in Bethune (Artois), Schüler Occams in Paris; wurde Prof, in der dortigenArtistenfacultät, n. 1327 Rector; st. nach 1350. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern des Nominalismus (s. d.) In dem Commentar zur Aristotelischen Ethik beschäftigt ihn hauptsächlich, nach dem Vorgänge des Duns Scotns, die Willensfreiheit. Man legt ihm den berühmten Ausspruch bei, der sich in seinen Schriften nicht findet: Wie ein zwischen zwei völlig gleiche Henbündel gestellter Esel von beiden gleich stark angezogen werde n. also verhungern müsse, könne der Wille nicht zum Entschlüsse kommen, ohne durch ein Motiv, das stärker als alle übrigen sei, bestimmt zu werden, u. das Gleichgewicht der freien Entscheidung beruhe auf einer Täuschung. B-s Logik enthält eine erleichternde Eselsbrücke. Oompsnäinm 1o§„ Vened. 1499; Luminnlg, äs äinloobioa, Par. 1487; (jnasstionss in Llstnpft^s. ^risb., Par. 1518; (jnasstiones in Lwist. äs anima, Par. 1616; tznasstionss in X. libros stäiioos ^rist., Par. 1489, Oxf. 1637; Hnasstionss in politiss, ^.rist., Par. 1500, Oxf. 1640. Burier, zu den Bandiliern gehörender deutscher Volksstamm im Qucllenlande der Weichsel u. Oder; erst mit den Römern im Bunde gegen die Daker, Markomannen n. Quaden, wurden sie 167 n. Ehr. Bundesgenossen der Markomannen gegen die Römer. Buri» (fr.), Grabstichel; sn In, mit dem Grabstichel gearbeitet; daher bnriniren, so v. w. graviren. Burins u. Chizerots, einer jener eigen- thümlichen Bolksstämme in Frankreich, welche, auf ihre Wohnsitze isolirt, mit ihren Nachbarn, bei denen sie mißachtet sind, keine Heirathsverbindun- gcn eingehen u. daher einen bestimmten Typus bcibehalten, der sie kennzeichnet. Ihre Gemeinden liegen im Departement Mn, Arrond. Bourg- en-Bresse und sind fast durchgängig wohlhabend. Die Bauern der Umgegend sagen ihnen nichts Gutes nach u. vermeiden jede Gemeinschaft mit ihnen. Sie sollen maurischer Abkunft sein, sind körperlich wohlgebildet u. treiben meist Ackerbau u. Biehhandel. Burja (Bürja), Abel, geb. 1752 in Kicke- busch bei Berlin; war zuerst Hofmeister, später reformirter Prediger in St. Petersburg, wurde 1787 in Berlin Professor der Mathematik bei der Militärakademie; st. 1816. Er schr.: Der selbstlernende Algebraist, Berl. 1786, 2 Bde., 2. A., 1802; Der selbstlernende Geometer, ebd. 1787, 2 Bde., 2. A., 1802; Erleichterter Unterricht in der höheren Mcßkunst, ebd. 1788, 2 Bde.; Grundlehren aller mechanischen Wissenschaften, ebd. 1789 bis 1792, 4 Bde.; Anleitung zur Astronomie, ebd. 1794—1805, 5 Bde.; Sprachknnde der Größenlehre, ebd. 1800—1802, 2Bde.; Beschreibung der Sternbilder, ebd. 1800, 2. A., 1817; BeispielsammlnngznrallgemeinenAlgebra, 2Thle., Lpz. 1819. Burjaten (Bnräten), ein mongolisches No- madcnvolk; wohnt im sibirischen Gouv. Irkutsk n. in Transbaikalien, von der chinesischen Grenze bis zum Flußgebiete der oberen Lena nordwärts und von dem Onon bis zur Oka (Zufluß der Angara) westwärts. Am dichtesten ist in diesem weiten Gebiete das bnrjätische Element in den 294 Burk — Burke. Thalcbenen der Uda, cimOnonu. an derSelenga. Die B. diesseits des Baikal, etwa 20,000, sind stark von den Russen beeinflußt u. zum Theil schon Ackerbauer; die B. jenseits des Baikal, jetzt auf 150,000 geschätzt, stehen den nördl. Mongolen in Bezug ihrer Körpcrbeschaffenheit, Lebensweise, Sitten u. Gebräuche sehr nahe (s. Mongolen). Seit 1644 den Russen unterworfen, stellen sie etwa 20,000 Mann gute Bogenschützen u. gewandte Reiter. Sie stehen unter selbstgewählten, aber von dem russischen Gouverneur durch Überreichung eines Dolches bestätigten Taidschi oder Fürsten u. Schulenga vd. Ältesten. Sie leben im Sommer in Jurten (mit Leder überzogenen Hütten), im Winter in Filzzelten, kleiden sich in Leder mit Pelzwcrk u. betreiben Viehzucht n. Jagd, unter den Gewerben besonders Eisenschmieden. Ihre Religion besteht iiü einer lamaischcn Art des Buddhismus. Die Sprache der B. ist ein Dialekt des Mongolischen n. zerfällt in verschiedene Unterarten; so diesseits des Baikal in die kudinsche, wercholensche n. lenasche, ferner in die olchonsche, idinische, balagansche, alarsche, endlich die tun- kinsche Mundart; jenseits des Baikal werden die chorinsche, selenginsche, bargusinsche n. kndarin- sche Mundart gesprochen. Unter denselben steht das Selenginsche dem Mongolischen am nächsten. Zum Schreiben des Bnrjätischen bedient man sich der mongolischen Schrift. Eine eigentliche Literatur ist nicht vorhanden. In neuester Zeit machten sich um europäische Wissenschaft die geborenen B. Dordschi Bansarow (s. d.) u. der in Petersburg lebende Galsang Gombojew verdient. Den Versuch einer Grammatik u. eines Wörterbuches des Bnrjätischen gab Schiefner ans Castrens Nachlasse (St. Petersb. 1857) heraus. Burk, Philipp David, Protest. Theolog, geb. 1712 in Neuffen; wurde 1742 Pfarrer in Bolheim, 1750 Pfarrer in Hedelfingen bei Stuttgart, darauf Special-Superintendent zuerst 1758 in Markgröningen, 1766 in Kirchheim, wo er 1770 starb. Ein treuer Schüler Bengels, veranstaltete er eine 2. Ausgabe von dessen Gnomon, schrieb Commentare zu den Psalmen n. Kleinen Propheten n. die in den Franenkreisen sehr geschätzte Schrift: Die Lehre von der Rechtfertigung u. deren Gewißheit im Herzen, 2. A., 1763 ff. Hartmann. Burka, Mantel von Filz, mit langen, braunen Ziegenhaaren, besonders bei der russischen Armee gebräuchlich. Burkard-Waldis, s. u. Waldis. Durkart, Hermann Joseph, verdienstvoller Montanist, geb. 12. Mai 1798 in Bonn; war «ach seiner bergmännischen Ausbildung seit 1823 im preuß. Staatsdienste zu Kreuznach, Saarbrücken u. Friesenhagen thätig, ging 1825 im Dienste der Englischen Tlalpujahna-Compagnie zur technischen Leitung ihres Bergbaues nach Mexico n. übernahm 1828 für die Bolanos-Compagnie die Leitung des Bergbaues von Beta grande, wo er glänzende Erfolge erzielte. Im Jahre 1834 kehrte er nach Deutschland zurück. Mit dem Titel Berg- amts-Secretär trat er 1837 wieder in den preuß. Staatsdienst, wurde 1845 Assessor beim Oberbergamt, dem er, seit 1858 mit dem Charakter als Geh. Bergrath, bis 1867 activ n. von da an als Ehrenmitglied angehörte. B. st. 4. Nov. 1874 in Bonn. Er schr.: Aufenthalt u. Reisen in Mexico in den Jahren 1825—34, Stuttg. 1836, 2 Bde., ein Werk, welches zumal in geologischer Beziehung noch jetzt zu den wichtigsten Schriften über Mexico gehört. Mit Nöggerath gab er (Bonn 1838) eine Darstellung des Baues der Erdrinde in fünf Tafeln nebst Erklärung heraus, u. veröffentlichte (Bonn 1839, 2 Bde.) eine Übersetzung von Gideon Mantell, Die Phänomene der Geologie; eine Menge kleinerer Arbeiten ans seiner Feder sind ilc einschlägigen Zeitschriften enthalten. Burke, 1) County im nordamerik. Unionsstaate Georgia, u. 33"n. Br. u. 81°w. L.; Minc- ralceichthnm;17,679Ew.; Countysitz: Waynesboro. 2 ) County im nordamerikan. Unionsstaate Nord- Carolina, u. 35° n. Br. n. 82° w. L.; 9777 Ew.; Countysitz: Morgantvwn. Burke, 1) Edmund, engl. Politiker, Redner u. Schriftsteller, geb. 1. Jan. 1730 in Dublin, Sohn eines Protest. Advocaten; gewann auf der Schule des Quäkers Shakleton in Ballytore bei Carlow eine tüchtige philologische Grundlage, beschäftigte sich auf den Üniversitäten in Dublin n. London, die er 1746—51 besuchte, neben dem Fachstudium der Rechtswissenschaft eifrig mit Philosophie, Mathematik, alten u. neuen Sprachen, widmete sich dann seit 1753 in dem mittleren Tempel zu London der juristischen Praxis und verkehrte in dein dort liegenden griechischen Kasse- Hause mit Foote, Garrick, Goldsmith rc. 1756 veröffentlichte er: lL viuäioabion oknatnralsoeisb/, worin er die Angriffe Bolingbrokes ans die Religion perstflirte; 1757 L. xtiilosoxüioal ingnirx into tirs ori^in ob onr icksas ok büs snblims ami bsantikul (übersetzt von Garve, Riga 1773; vgl. Robert Zimmermann, Geschichte der Ästhetik, S. 258 ff.), beide Schriften anonym. Die letztere begründete seinen literarischen Ruf; er wurde von den ersten Autoritäten Englands ausgesucht, und der strenge Samuel Johnson urtheilte, er kenne unter den Zeitgenossen keinen größeren Mann. 1758 vereinigte sich B. mit dem Buchhändler Dodsley zur Herausgabe des berühmten ^nnns.1 LsZistrs, eines politischen Jahrbuches, das im Anfänge größtentheils von ihm selbst geschrieben wurde. 1761 begleitete er den Lord William Gcrard Hamilton, Secretär des Statthalters, nach Irland u. leistete hier der Regierung die wesentlichsten Dienste. 1765 wählte ihn der zum Ersten Lord der Schatzkammer berufene Marquis von Rockingham zu seinem Privatsecretär, der Burgflecken Windover in Buckinghamshire zum Parla- mentsmitgliede, als welches er im Unterhanse die Stempelacte bekämpfte (s. u. Bereinigte Staaten). Als Rockingham sich zurückzog, trat B. in entschiedene Opposition gegen das Ministerium, an dessen Spitze der Herzog von Grafton stand, und bekämpfte das Recht des Parlaments, bei Ausschluß eines Mitgliedes mit Übergehung der Wähler einen Ersatzmann zu berufen, sowie die dreijährigen Parlamente und die Bedrückung des irischen Handels. B-s Opposition gegen das Ministerium North (seit 1770) ist die Glanzperiode seiner politischen Wirksamkeit. Er vertrat mit unermüdlichem Eifer, wiewol ohne Erfolg, die Interessen der nordamerikan. Colonien gegen die Anmaßungen des Mutterlandes. Als später eiu- lraf, was er vorausgesehen hatte, u. der Krieg mit Amerika ungeheure Summen verschlang, rieth er unablässig zum Frieden. Die von Pitt einge- brachte Bill einer Parlamentsreform erklärte er für Begünstigung der Revolution. Dagegen führte er durch seine Economical-Reformbill die Abschaffung einer Anzahl von Pensionen u. Sinecu- ren herbei. Äls Rockingham 1782 zum zweiten Mal an die Spitze der Regierung trat, wurde B. znm Geheimrathe und zum Generalzahlmeister des Heeres ernannt. Den Gehalt dieser Stelle verkürzte er zu Gunsten des Schatzes; er setzte überhaupt die Regnlirung des Staatshaushaltes Lurck. Mit Fox, ans dessen politischeGruud- sätze er bedeutend eingewirkt, in Verbindung, brachte er das nach Rockiughams Tode (1. Juli 1782) gebildete Ministerium Shelbnrne, das von der völligen Unabhängigkeit der Amerikaner nichts hören wollte, zu Falle. Das kurzlebige Coalitions- ministerium wurde nach seinen Planen zusammengesetzt. Im Dec. 1783 ergriff der jüngere Pitt die Zügel des Staates. 1784 wurde B. znm Lord-Rector der Universität Glasgow erwählt. 1785 klagte er den ostindischen Generalgouvernenr Warren Hastings mit großer Leidenschaftlichkeit des tyrannischen u. räuberischen Verfahrens gegen die eingeborenen Fürsten an; er that es in Reden, die man Ciceros Berlinischen an die Seite stellte. Er war Berichterstatter in der Commission, die zur Untersuchung der in jenem Lande eingetretenen Mißverwaltung niedcrgesetzt wurde. Das Oberhaus sprach Len Angeklagten frei; aber in dem indischen Verwaltungssystem erfolgten wohlthätige Reformen. Als im Jan. 1787 der Handelsvertrag mit Frankreich berathen wurde, richtete B. die Pfeile seiner Ironie gegen Pitt. Rücksichtslos bekämpfte er 1788 die Einsetzung einer Regentschaft für den kranken, altersschwachen König Georg III. Die französische Revolution machte ihn znm Reac- tionär; sein Hauptanliegen war es fortan, sie in den heftigsten Reden u. Schriften zu bekämpfen; so in: Rslisotion on tlis rsvolution in Rranos, Lond. 1790, n. A., 1871, deutsch vou Geutz, Verl. 1793, 2 Bde., 3. Ausl., 1838. Von jetzt an stimmte er säst durchgängig mit der Regierung; mit Fox brach er völlig. 1794 zog er sich auf sein Landgut Braconsfield in Bnckinghamshire zurück. Den Antrag der Peerschast mit den hierzu erforderlichen Einkünften lehnte er ab; dagegen nahm er, bei ungünstigen Bermögensverhältnissen, eine jährliche Pension von 3700 Pfd. St. an. 1796 vertheidigte er sein politisches Leben in einem Sendschreiben an den Lord Fitzwilliam. In dem- selbenJahre erschienen seine PliouAlits onargKioicks peaoo. Er st. 8. Juli 1797 in Braconsfield. Vollständige Sammlung seiner Schriften, herausgeg. von Lord Fitzwilliam u. Sir R. Burke, Lond. 1826, ff., 20 Bde. , 1842, 4 Bde. Ausgaben seiner Reden, Lond. 1816, 4 Bde., ebd. 1846 und 1853. Vgl. I. Prior, Nsinoir on tlrs liks anck oliaraotor ob L. 8., ebd. >824, 4. Ausl., 1854, 2 Bde.; Macknight, I-iks anck timss ok 8., ebd. 1861, 3 Bde.; Morley, R. R., a liistorieal stuckx, ebd. 1867; v. Sybel, Kleine historische Schriften, Bd. 1, 2. Ausl., München 1869. 2) William, berüchtigter Mörder, Schuhmacher in Edinburgh; suchte seinen Erwerb dadurch zu »lehren, daß er heimlich Leichen ausgrnb u. sie an Ärzte verkaufte. Bald wurde ihm dies Geschäft aber zu mühsam, u. er erdrosselte 1828 mit Hilfe seines Nachbars Hare nach u. nach 16 Menschen u. verlauste sie nach Edinburgh in die Anatomie. Endlich verdächtig, wurde er eingezogen, überwiesen u. 1829 hingerichtet. Seitdem braucht man bnrken für heimlich morden. 3) Sir John Bernard, berühmter engl. Historiker, Genealog u. Heraldiker, zweiter Sohn des bedeutenden, 1786 in Irland geborenen u. 1848 zu London verstorbenen Genealogen John B., gcb. 1815 zu London. Nachdem er seinen ersten Unterricht in der Metropole erhalten, ward er auf das College vou Caen (Calvados) gesandt, wo er sich durch seine Studien auszeichnete. Nach London zurückgekehrt, stydirte er Jurisprudenz ans der Rechtsschule deslÄickckls Pompls u. ward von dieser 1839 als Advocat au die Barre von London berufen. Er prakticirte indessen nicht, sondern studirte mit seinem Vater Genealogie u. Geschichte u. unterstützte denselben in der Vollendung mehrerer Werke, namentlich in der genealogischen und heraldischen Geschichte des Adels von Großbritannien n. Irland. Nachdem sein Vater 1846 seine Arbeiten eingestellt hatte, fiel das ganze Gewicht derselben auf B., der seine Geschichte des Adels fortführte, indem er derselben einen Band nach dem anderen hinzufügte. Mit dem Tode Sir William Benthams Oct. 1853 ward eine Stelle unter den Wappenherolden des Reiches offen, n. B-s hohe Eigenschaften riefen ihn im nächsten Monat als Ulster Linz ok Lrnis auf dieselbe. 1854 ward er znm Ritter erhoben, u. 1868 erhielt er das Ritterkreuz des Bathordens. Außer seiner tiefen Kenntniß der Heraldik zeichnet sich B. durch die Eleganz seines Stils u. seine seltenen historischen Kenntnisse aus. Seine hauptsächlichsten Werke sind: PlisRniZIitags ok 6rsat-Lritain, 1841 u. öfter; Uno/oloxwckia nk Usralckr^, or Usnsral L.roionr/, 1844; Mio liistorio lancks ok UnAlanä, 1848—49, 2 Thle.; Lmseckotss ok tlis ^ristoorao/ anck Rpusockss in anosstral stor^, 1850, 2 Thle.; L Visitation ok tks ssats airck arms ob tlis üloblsmon anck üsntlomsn ok Ursat-Lritaln, 1852—54, 2 Thle.; RainiJ' Romanos, or Upisockss i» tlis ckomsstio aunais ok tbs aristoorao^, 1853, 3. A., 1861; Asnsalo^loal anck iisraläio äiotionar^ ok tirs RosraZs anck LaronstaAS ok tirs 8ritisli Umpirs, 37. A., 1875; Mrs Romanos ok tirs Lristoorao^, or ^.neeäotes or Looorcks ok äis- tinAnislisck kamiliss, neue Ausg., 1855, 3 Thle.; L KSnsaloAioal anck storalckio ckietionaiz? ob tlis lancksck Aöntr/ ok 6rsat-Lritain anck Irolanä, 5. Ausl., 1871; Plis boolc ok orcksrs ob lcni^bt- iioock anck cksoorations ok ironour ob all nations, 1858; Ro/al ckssoonts anck psäi^rsss ob kouw äsrs Irin, 1858; Vioissituckss ok kamiliss, anck otlisr ossazrs, 5. A., 1861, 2. Serie, 2. A., 1861, 3. Serie, 1863; umgearbeitete Ansg., 1868 , 2 Thle.; sslsotion ok arms, as autlioriüsck 296 Bürkel — Bürkner. i >5 tks larvs ok fleralär^, 1860; Dormaut and extiuet ikeoraxos, neue Ausg., 1866; 1'irs riss ok Arsst kamriies, 1873. 4 ) Robert O'Hara, brit. Entdcckungsreisender, geb. 1821 zu St. Clevans in Irland; trat in österreichische Militärdienste, kehrte aber 1848 in sein Vaterland zurück, wo er bei der berittenen Polizei angestellt wurde; nach einigen Jahren ging er nach Australien u. war hier in Melbourne, dann im District Beech- worth u. 1858 in Castlemaine Polizei-Jnspector; im Aug. 1860 unternahm er an der Spitze einer von der Königl. Gesellschaft in Melbourne ausgerüsteten Expedition eine Reise durch Australien von S. nach N., vom Cooperthal bis zum Meerbusen von Carpeutaria, wo er 20. Jan. 1861 nach ungeheuren Beschwerden eiutraf, nachdem er den größten Theil der Expedition zu Coopers Creek zurückgelassen hatte. Auf der Rückreise gelangte er glücklich wieder nach Coopers Creek, fand aber den Ort von seinen Gefährten verlassen u. starb auf der Weiterreise 28. Juni 1861. Nur einer seiner Gefährten (King) kam mit dem Leben davon. B. zu Ehren wurde die SKüste des Carpcntaria- golfes B-s Land genannt, s) Bartling. 4)Schro°t.» Bürkel, Heinrich, deutscher Genre- u. Landschaftsmaler, geb. 29. Mai 1802 zu Pirmasens in der Bayerischen Pfalz, Sohn eines Schenkwir- thes; gerieth schon als elfjähriger Knabe wegen einer Caricatur auf Napoleons Flucht ans Rußland in Conflict mit der kaiserlichen Polizei, ward Kaufmannslehrling, dann Gehilfe eines Gerichtsschreibers und 1822 vom Regierungspräsidenten v. Stichaner von Speyer an den Akademie- Director Peter v. Langer in München empfohlen. B. fand an dem Leben an der Akademie wenig Gefallen, copirte aber desto fleißiger in den Galerien zu München u. Schleißheim alte Meister u. studirte in den nahen Bergen. 1829 ging B. nach Rom, wo er auch Thorwaldsens Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Die süßliche Romantik der alten Düsseldorfer Schule fand in München keinen Anklang. Hier war B-s derber Realismus doppelt am Platze u. er bald der Liebling der Münchener. Er war der Mann aus dem Volke, kannte alle Tugenden, aber auch alle Schwächen desselben, besaß dazu einen unerschöpflichen Reichthum an Phantasie u. schalkhaftem Humor u. griff frisch mitten ins Leben hinein. Er schuf sich seinen eigenen Stil, der allerdings weniger ans das Ideal-Schöne, als auf das Charakteristische gerichtet war. In seinen Compositionen ist Nichts überflüssig, jede Figur erklärt die andere u. steht mit ihr u. der Gesammtheit in demselben Zusammenhänge innerer Nothwendigkeit, wie seine landschaftlichen Motive mit den Stimmungen der Seele. B. gehörte zu den productivsteu Künstlern seiner Zeit, u. finden sich Bilder von ihm fast in allen bedeutenderen Sammlungen. Besonders geschätzt sind seine Winterlandschaften. In der Neuen Pinakothek zu München: Via msrxa u. Eine Heerde in der Campagna. B. starb 10. Juni 1869 zu München. Regnet. Burkcnedscht, Landschaft in OAfrika, unter 1" n. Br., östl. vom Baringo-See; bewohnt von einem den Somali untergebenen Hirtenvolke, das auch Jagd treibt. Burkersdorf, Dorf im Kreise Schweidnitz des preuß. Negbez. Breslau; Brauerei; 400 Ew. Hier im Siebenjährigen Kriege 20. Juli 1762 Eroberung des österreichischen verschanzten Lagers unter Dann durch Friedrich II. Burkhardtsdorf, Marktflecken im Gerichts- amte Chemnitz des königl. sächs. Kreises Zwickau; Spiunfabriken, Weberei, Strumpfwirkerei, Spitzen- klöppeln; 2951 Ew. Bürklein, Friedrich, bedeutender Baumeister, geb. 30. März 1813 zu Burk in Mittel-Franken; scheint als der Sohn eines Schullehrers, der später im Städtchen Dinkelsbühl thätig war, für die Studien bestimmt gewesen zu sein, erhielt aber von der Mutter den ersten Zeichnungsunterricht, lernte auch mehrere Musikinstrumente spielen u. baute sich Geigen u. Guitarren selber; kam 1827 nach München an die Akademie, absolvirte 1830 ans Grund von nebenher getriebenen Privatstudien das Gymnasium mit der Note der Auszeichnung, besuchte dann die Universität, blieb aber zugleich Akademieschülcr, ward Baupraktikant Gärtners, begleitete diesen 1839 nach Athen, ward 1843 Bauconducteur in Frankenthal, 1845 zur Eiscn- bahnbaucommission in München versetzt u. bereiste 1846 aus Staatskosten Österreich, Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich u. England, um die Eisenbahn-Hochbauten dieser Länder zu studiren. Durch den Bau des Münchener Bahnhofes gewann er die Gunst des Königs Max, der sich mit dem Gedanken eines neuen Baustils trug u. die Grundzüge desselben in seinem Programm für das in München zu erbauende Maximilianenm darlegte. B. schien ihm der Mann, seine Gedanken zu verwirklichen, denn er ließ sich von ihm ans Kosten seines künstlerischen Namens zu jenen Excentrici- täteu verleiten, die den Neuen Münchener Stil kennzeichnen, der in den Bauten an der Maximiliansstraße vertreten ist. B-es erste Entwürfe zu diesen u. anderen Bauten lassen in ihm einen reichbegabten, umfassend gebildeten Künstler erkennen. Die späteren Mängel sind hiernach auf Rechnung des in seinenEntschlüssen vielfach schwankenden u. von unberufenen Rathgeberu irregeleiteten Königs zu setzen. B. behandelte die Formen des griechischen Stils mit ebenso viel Sicherheit, als Berständniß u. Geschmack. Dasselbe kann von der Gothik gesagt werden. In allen aber tritt das Element des Anmuthig-Malerischcn lebhaft hervor. Als Königl. Generalbaudircctor erlebte er so viele Kränkungen, daß er in eine Gc- hirnkrankhcit verfiel, an welcher er 4. Dcc. 1872 in der Irrenanstalt zu Werneck in Unter-Franken starb. Negn-t. Bürkner, Leopold Hugo, deutscher Holzschneider u. Radirer, geb. 1818 in Dessau; bildete sich ohne Anleitung nach den Schnitten Alb. Dürers u. anderer guten Meister, obschon er damals noch keine Holzschnittplatte gesehen, ging 1837 nach Düsseldorf, ward Schüler von C. Sohn, schnitt nebenbei Zeichnungen von I. Hübner u. A. Schröder, erhielt Aufträge zu den Illustrationen des Raczynskischcn Werkes, lernte 1839 zwei Monate beim Holzschneider Unzelmann in Berlin, arbeitete einige Monate in Dessau u. siedelte 1840 nach Dresden über. Hier arbeitete B. mit an Burleigh — den Reproductionen der Zeichnungen Bendemanns u. Hübners zum Nibelungenliede u. machte seine ersten Versuche im Radiren. 1846 wurde B. Lehrer, 1855 Professor der Holzschneidekunst an der Dresdener Kunstakademie. Von ihm gibt es viele Schnitte in populären Werken, auch an Schnorrs Bilderbibel arbeitete er, u. die Schnitte im A. T. Hans Holbeius sind von ihm; auch gelungene Radirungen zu Bendemanns Thronsaal u. zu Hübners Bilderbrevicr lieferte er; ferner: 25 Bl. aus der Dresd. Galerie; Holzschnitte: Rethcls Todtentanz von 1848, Kinderleben in Liedern u. Bildern von W. Müller u. P. Mintrop; Hnber- tnsbilder, nach Hammer rc. Regnet. Burleigh, William Cecil, Lord B., geb. 13. Sept. 1520 zu Bourne in der Grafschaft Lincoln; studirte in Cambridge u. London, trat 1547 in Staatsdienste u. genoß anfangs die Gunst des Protektors, Herzogs von Somerset, der ihn 1548 zum Staatssekretär ernannte, er wurde aber in Lessen Fall verwickelt u. 1549 verhastet. Anfang 1550 wurde er freigelassen u. wieder in sein Amt eingesetzt. Unter der Königin Maria unthätig, wurde er von der Grafschaft Lincoln zweimal znni Parlamentsgliede gewählt. Ihm verdankte Elisabeth bes. den Thron, da er ihr insgeheim von Allem, was am Hofe vorging, Nachricht gab; sie erhob ihn daher sogleich 1558 zum Staatssekretär u. dann zum Großschatzmeister. B. wirkte mit Entschiedenheit für die Befestigung des Protestantismus. Er unterdrückte den Aufruhr des Herzogs von Norfolk, wofür er zum Lord u. Peer des Reiches ernannt wurde, hielt sich gegen Lei- cester u. rieth der Königin, Maria Stuart verhaften u. hinrichten zu lassen. Dieserhalb scheinbar bei Elisabeth in Ungnade gefallen, blieb er doch stets ihr Rathgeber, bes. im Kriege mit Spanien, u. Unterzeichnete den Frieden mit dieser Macht noch auf dem Todtenbette. Er st. 4. Ang. 1598. Seine Memoiren, herausgegeben von Rares, Lond. 1828—32, 3 Bde. 2) Robert Cecil, Graf v. Salisbury, Lord B., 2. Sohn des Vor., geb. 1563; wurde 1596 Staatssekretär u. von Elisabeth 1598 an Heinrich IV. gesandt, um den Frieden mit Spanien zu Stande zu bringen. Er betrieb die Hinrichtung des Grafen von Essex u. genoß in hohem Grade das Vertrauen des Königs Jakob I., der ihn znm Grafen erhob u. ins Ministerium berief. Er st. 1612. Er ist der Stammvater der Grafen Salisbury; von seinem älteren Bruder stammen die Marquis v. Exeter. Burlesk (ital. adj. durlssoo, vom Snbst. bnrla, Posse, Spaß, Spott) bezeichnet ursprünglich die italienischen Harlekinspiele, überhaupt eine dieser Ration eigene derbe u. ausgelassene, gewöhnlich satirische Komik, die auch von ihren Knnstdichtern gepflegt n. znm Theil dem vornehmen, idealen Stil angenähert wurde. In Frankreich scheint das Wort zu Ende des 16. oder in der ersten Hälfte des 17. Jahrh. aufgekommen zu sein. Der erste deutsche Schriftsteller, bei dem wir es erwähnt finden, ist Morshof in seinem Unterricht von der deutschen Sprache u. Poesie, 1682. Es kommt bis zu den 70er Jahren des vorigen Jahrh. bei uns höchst selten vor. 1794 erschien Flügels Geschichte des Burlesken, eine reicher Schatz von Burlingame. 297 Material, den Gruber in seiner Allgemeinen En- cyklopädie XIV. 114 ff. vermehrte. Das B-e steht auf dem Boden derber Volkskomik. Es springt von einem lächerlichen Gegensätze zum anderen ohne Ausgleichung, ohne Vermittelung durch Übergänge; es bindet sich an keine Gesetze des Denkens, folgt aufs Gerathewohl der Laune u. den Eingebungen des Augenblickes; seine Gestalten sind Caricatnren. Sein Gebiet auf der Bühne ist die Posse u. die Farce, in der epischen Dichtung die Travestie, in der prosaischen Erzählung die Schnurre. Die Hanptvertreter des B-en sind auf den Volksbühnen gewisse typische Charaktere, so der Bnffo, der Harlekin oder Hanswurst rc. B. nennt man auch ein scherzhaft munteres Tonstück, das durch Harmonie, Melodie, oder glatte, kurze Wiederholungen ins Lächerliche fällt. Burleson, County im nordamerik. Unionsstaate Texas, u. 30° n. Br. u. 96° w. L.; 8072 Ew.; Countysitz: Caldwell. Burlingame, Anson, nordamerik. Staatsmann n. Diplomat, geb. 14. Nov. 1822 zu New- Berlin im Staate New-Aork. Seine Eltern «änderten frühzeitig nach Ohio aus u. von da nach Michigan. Nachdem er an der Rechtsschule zu Cambridge in Massachusetts die Rechtswissenschaften slndirt, ließ er sich in Boston als Advo- cat nieder. Von 1849—50 machte er ausgedehnte Reisen durch Europa u. ward bald nach seiner Rückkehr (1852) in den Senat von Massachusetts gewählt. Als Mitglied des Repräsentantenhauses vertrat er diesen Staat im 34., 35., 36. Congreß u. war 6 Jahre lang Mitglied des Comites für auswärtige Angelegenheiten. B. erregte zuerst die Aufmerksamkeit der ganzen Union im Jahre 1856 durch sein muthiges Auftreten gegen den südstaatlichen Abgeordneten P. S. Brooks, der bekanntlich einen brutalen Angriff auf den Bundessenator Sumner (s. d.) für Massachusetts im offenen Senat gemacht hatte. 1860 unterstützte er die Wahl Abraham Lincolns n. wurde von diesem 1861 znm amerikanischen Gesandten in Wien ernannt, trat jedoch, da er als leidenschaftlicher Freund Italiens der österreichischen Regierung nicht genehm mar, diese Stelle nicht an u. ging als Gesandter nach China, in welcher Stellung er sich das Vertrauen der chinesischen Behörden in ungewöhnlichem Grade gewami. 1867 machte er dem Regenten Prinz Kung die Mittheilnng, daß er seinen Posten als Gesandter niederlegcn u. in seine Heimath zurückkehren wolle. Von diesem Vorhaben suchten ihn der Prinz u. die hohen chinesischen Beamten abzubringen u. boten ihm unter Verleihung der höchsten chinesischen Würden eine wichtige diplomatische u. commercielle Mission nach den großen Staaten des Westens an. So verließ er denn, an der Spitze einer zahlreichen Gesandtschaft, 25. Febr. 1868 Shanghai u. schiffte sich nach den Bereinigten Staaten ein, wo er bei seiner Landung in San Francisco mit großem Enthusiasmus empfangen wurde. Ehe zwei Jahre vergangen waren, hatte B. eine Reihe von Verträgen mit den Vereinigten Staaten, Frankreich, England ».Preußen imNamcnChinas abgeschlossen u. begab sich zu einem gleichen Behufe nach Petersburg, wo er plötzlich 23. Febr. 1370 starb, 298 Burlington - nachdem er seine Verhandlungen mit Rußland fast zu einem gedeihlichen Ende geführt hatte. Das Großartige der B-schcn Bestrebungen liegt in dem Umstande, daß er das so lange hermetisch verschlossene Chinesische Reich aus seiner Stagnation hcrausdrängen n. in gegenseitige Beziehungen mit den civilisirten Nationen des Westens bringen wollte. Sein Werk versprach zuerst herrliche Früchte zu tragen, doch die jüngsten Ereignisse in China (s. d.), namentlich der Thron- u. der damit zusammenhängende Systemwechscl, haben dieselben zum großen Thcil illusorisch gemacht. Bartling. Burlington, 1) County im nordamerikanischen Unionsstaate Rew-Jersey, u. 40" n. Br. u. 74" w. L.; 53,630 Em. 2) Gleich». Stadt das.; Bischofssitz; Eingangshafen am Delaware; 5820 Ew.; Countysitz: Mount Holly. 3) Stadt u. Countysitz des Moines County im nordamerikan. Unionsstaate Iowa, u. 40" 49' n. Br. n. 9t" 7' w. L.; Handelsplatz am Missisippi; Handelsschule; 14,930 Ew. 4) Stadt im nordamerik. Unionsstaate Vermont; Hauptsitz des Chittcnden County, am Champlain-See, u. 44° 28' n. Br. u. 73" 11' w. L.; Staatsnniversität; Eingangshafen; Handel u. Schifffahrt; 14,387 Ew. Burlos (seltener Bnrolos genannt), salziger Lagnnen-See in Unter-Ägypten, zwischen dem Rosette- u. Damiette-Arm des Nil, 33,831 in breit, vom Mittelmeere durch eine schmale Nehrung getrennt, die jedoch bei Fort Burlos durch einen 188,4 w breiten Durchbruch das Meer hindurchläßt. Der See, welcher mehrere Nilkanäle des Delta ausnimmt, ist sehr fischreich, u. die Bevölkerung seiner zahlreichen Inseln bestand schon im Alterthnm vorzüglich aus Fischern. Burma, s. Birma. Burmann, 1) Franz, geb. 1632 in Leyden; wurde 1655 ins Ministerium zu Hanau ausgenommen, 1661 Subrector in Leyden u. l662Professor n. dazu 1664 Pfarrer in Utrecht, wo er 12. Nov. 1679 starb. Er schr.: LMOpsis tiisoloZioa, Utr. 1671, 2 Bde.; Commentar über das N. T., Utr. 1660 bis 1678; seine Lxereibationss aeaäomioas kamen 1683 u. die Orationss aoaä. 1700 heraus. 2) Peter, Sohn des Vor., geb. 26. Juni 1668 in Utrecht; wurde 1696 Professor der Rhetorik u. Geschichte daselbst, ging 1715 als Professor der Geschichte u. der griechischen Sprache nach Leyden; st. dort 31. März 1741. Er gab heraus den Phädrus, Horatins, Petronins, Vellejus Paterc., Quintilianus,Jnstinus, Valerius Flaccus,Ovidius, die koötas Intini minoros, Suetonius, Lncanus, Virgilins, Claudianns (letztere beide von dem Neffen P. B-s publicirt); Bnchanans Werke, Leyden 1725, LMogs splstolaruin (eine Sammlung Briefe von Gronov, I. Lipsins, Heinsius), Leyd. 1727, 5 Bde., u. schr.: Vs vootiAalibns popnli rom., Utr. 1694, n. Aust., 1737; Orabiouss, 1700; Xntigui- tatum roman. äsaerixbio, Utr. 1711; voömats. latinn, von seinem Neffen herausgegeben, Amst. 1745, Haag 1759. 3) Franz, Bruder des Bor., geb. 15. Mai 1671 in Utrecht; war Professor der Theologie daselbst; st. 22. Sept. 1719; er schr.: HioolvAiw, Utr. 1715, mehrere Streitschriften in Angelegenheit des Spinozismus u. a. 4) Johann, Sohn des Bor., geb. 26. April 1706 in - Burmcister. Amsterdam; wurde 1738 Professor der Botanik das.; st. 20. Jan. 1779; er schr.: Nüsaanrus eozüanieuo, Amsterd. 1737; Kariorum s-krioan. plantarnm all vivnm ckslinsabarnm äsoaäso X, ebd. 1738 f.; gab heraus: Numphs Herbarium, amboinsiwo, ebd. 1741—55, 7 Bde. Fol.; dazu Xuotariuw, ebd. 1755, Fol.; lUautarum awsrioan. kasvioub, ebd. 1755—60, Fol.; Mora malabarioa, ebd. 1769, Fol. 5) Peter der Jüngere (8seuu- äns), Bruder des Vor., geb. 13. Oct. 1714 in Amsterdam; wurde 1736 Professor der schönen Wissenschaften in Franeker, 1742 Professor der Geschichte, Beredtsamkeit n. Dichtkunst in Amsterdam, auch 1752 Bibliothekar u. 1753 Jnspector des Gymnasiums; wurde 1777 pensionirt u. starb 24. Juni 1778 ans seinem Gute Sanghorst bei Wassenaer. Er gab den Claudianus u. Virgilins seines Onkels heraus; ferner den Propertius u. Ari- stophanes; die XntboloZia vsb. lad. spiArammadum. Amst. 1759, 1775, 2 Bde.; Valssli smsväatio- nos, ebd. 1740; Hoivsii aävsrsaria, Harling 1742; Ubstorioa all klorsnmum, Leyden 1761; I-otüobii posmada, ebd. 1754, und schrieb: Laplsnbia bxperborsalls, ebd. 1733; l>s Llas- esnatübnv ckoetis, ebd. 1763; koömata, Leyd. 1774—79. 6) Niklas Laurentius, Sohn von B. 4), geb. 1734 in Amsterdam; war Professor der Botanik daselbst; st. 11. Sept. 1793; er schr.: Vs Zeraniis, Leyd. 1759; Mora lnäioa, ebd. 1768. 7) Gottlob Wilhelm, eigentlich Bormann, geb. 1737 in Lauban in der Ober-Lausitz; lebte als Privatgelehrter in Berlin, wo er auch als Improvisator auftrat; st. 1805. Er schr.: Fabeln, Dresd. 1769, n. Anfl., Berl. 1773; Kleine Lieder sür kleine Mädchen u. Jünglinge, Berl. 1773 u. 1777; Lieder, ebd. 1774; Gedichte ohne den Buchstaben R, ebd. 1788, n. A., 1796, n. a. kleine Schriften. Vgl. Jörkens, Etwas über Bormann, Lauban 1805. VWffl-r. 2-7 Brambach.' Burmcister, Karl Hermann Konrad, bedeutender Naturforscher, geb. 15. Jan. 1807 in Stralsund; studirte seit 1826 in Greifswald u. Halle Medicin u. Naturwissenschaften, wurde 1829 Lehrer am Werderschen Gymnasium in Berlin u. Privat- docent daselbst, 1837 Professor der Zoologie und Director des Natnraliencabinets in Halle; er war 1848 Mitglied des Frankfurter Parlaments u. 1849 für Liegnitz Deputirter zur Ersten Kammer, in welcher er zur liberalen Partei gehörte. Im Sommer 1850 machte er eine Reise über Madeira nach SAmerika, bes. Brasilien, von wo er 1852 zurückkehrte. Nachdem er 1856—60 SAmerika wieder bereist, war er 1860—61 wieder in Deutschland, kehrte dann nach SAmerika zurück u. wurde 1861 Director des Polytechnischen- u. Ackerbauinstitnts zu S.-Jose am La Plata u. später Vorstand des naturwissenschaftlichen Nationalmnsenms in Buenos- Ayres u. 1870 Curator der naturwissenschaftlichen Facnltät an der Universität zu Cordova. Er schr.: Handbuch der Entomologie, Berl. 1832—55, 5 Bde.; Lehrbuch der Naturgeschichte, Halle 1830; Grundriß der Naturgeschichte, 1833, 10. Anfl., 1868; dazu Zoologischen Handatlas, ebd. 1835 bis 1843; Beiträge zur Naturgeschichte der Ran- kenfüßler, 1834; Handbuch der Naturgeschichte, Berl. 1837, 2. A., 1858—60; Osnora. iussoto- 29S Burnes — rum, 1833—1846, H. 1—10; Geschichte der Schöpfung, Lpz. 1843, 7. A., 1867 (davon 1872 ein zweiter Abdruck); Die Organisation der Tri- lobiten, Bert. 1843; Beiträge zur näheren Kennt- niß der Gattung Tarsius, ebd. 1847; Die Laby- rinthodontcn, ebd. 1849 f.; Geologische Bilder zur Geschichte der Erde u. ihrer Bewohner, Lpz. 1851—53, 2 Bde., 2. A. 1855; Reise nach Brasilien, Berl. 1853; Über die Arten der Gattung Cebus, Halle 1854; Über den Bau n. die Geschlechts- Unterschiede bei den Arten der Gattung Scolia, ebd. 1854; Landschaftliche Bilder Brasiliens, Berl. 1853; Systematische Übersicht der Thiere Brasiliens, welche auf einer Reise gesammelt wurden, ebd. 1854 ff.; Erläuterungen zur Fauna Brasiliens, ebd. 1856; Zoonomische Briefe, Lpz. 1856; Reise durch die La-Plata-Staatcn, Halle 1861,2 Bde.; Klima der Argentinischen Republik, ebd. 1861. In letzterer Zeit gab er auch die Anales cisl Uns. publico äs Üuenss-L.z'res heraus n. hat die Veröffentlichung eines großen Werkes über die Argentinische Conföderation (20 Bde.) begonnen. Burncs, Alexander, brit. Staatsmann u. Reisender, geb. 16. Mai 1805 zu Montrose in Schottland; nahm im 16. Jahre Kriegsdienste u. ging als Cadet 1821 nach Ostindien. Wegen seiner Kenntniß der Hindu- n. persischen Sprache wurde er Dolmetscher in Surate n. ging 1826 als Attache des Generalquarticrmeisterstabes nach Kutsch, wo er mehrere Jahre diente u. dieses Land geographisch n. geschichtlich studirte. 1831 begleitete er die Gesandtschaft nach Lahorc, welche dem Rnndschit Singh ein Geschenk von Pferden vom König von England überbrachte. 1832 machte er im Aufträge der indo-britischen Regierung eine Reise durch Indien n. nach Bokhara, durch deren Früchte er viel zur Kenntniß von Afghanistan in Europa beitrug. Nach einem kurzen Aufenthalte in Europa 1833 kehrte er nach Indien zurück, wo er 1834 Sindh durchreiste u. sich um Feststellung des Laufes des Indus große Verdienste erwarb. Er begleitete 1839 als Oberstlieutenant u. politischer Agent die Expedition nach Afghanistan, wo er bei dem Aufstande der Afghanen 2. Nov. 1841 in Kabul das Leben verlor. Er schr.: fliruvsls into Zoicüaru, Lond. 1834, 3 Bde., deutsch, Stuttg. 1835 u,, 36, 2 Bde.; Oudool, Lond. 1842, deutsch von Ölkers, Lpz. 1843. Burnet, 1) County im nordam. Unionsstaate Texas, u. 30° n. Br. u. 98° w. L.; 3688 Ew.; Countysitz: Hamilton. 2) County im nordam. Unionsstaate Wisconsin, u. 45° n. Br. u. 92° w. L., im W. vom Ste.-Croix-Fluß begrenzt; 706 Ew.; Countysitz: Anderson. Burnet, 1) Gilbert, engl. Protest. Theolog, geb. 18. Sept. 1643 in Edinburgh; wurde 1665 Psarrer in Saltoun u. 1669 Professor der Theologie in Glasgow, war aber den Episkopalen u. Presbyterianern wegen seiner Mäßigung u. Frei- müthigkeit verhaßt. Die Redaction der Memoiren des Herzogs von Hamilton verschaffte ihm die Gunst Karls II., der ihn 1673 in die Zahl der königlichen Capläne aufnahm. Als er aber gegen die katholisirenden Tendenzen des Hofes offen auftrat, wurde er 1674 von der Liste der Capläne des Königs gestrichen. Durch seine Ansichten dem - Burney. Hofe immer mehr entfremdet, verließ er 1683 nach Karls II. Tode England, durchreiste Frankreich, die Schweiz, Deutschland u. Holland, ward hier vertrauter Rath des Prinzen °vou Oranien u. förderte dessen Angelegenheiten in England durch seine vielen Verbindungen daselbst. Er begleitete darauf Wilhelm III. als Hofcaplan nach England, wurde 1688 Bischof von Salisbury. Er st. 1715. B. gehörte zu den Latitudinariern n. Apologeten des Christenthums gegen die englischen Deisten u. schr.: ^ vinäicabion ok Urs unUraritz-, Constitution anä larvs ok tirs cirurcii unä stats ok Lcotlanä, 1672; Beschreibung seiner Reise durch die Schweiz u. Italien, Lond. 1686, 2 Bde., deutsch Lpz. 1686; Hist, ok Uro rskorin ok tirs cirurcii sk VnAl., ebd. 1679—1714, 5 Bde. Fol.; Vxxosition ok tüs tirirtz- nins urticlss ok tirs cirurcii ok VuAlanä, 1699; Hist, ok Iris orvrr tims, heransgegcben von seinem Sohne Thomas B., Lond. 1724, 2 Bde. Fol., n. Ausl., Oxf. 1823, 6 Bde., deutsch, Hamb. 1635 — 37, u. a. m. 2) Thomas, geb. 1635 in Croß in Schottland; st. 1715 als königlicher Cabinetsprediger in London; er schr.: IsIIurrs tircoria sacra, 1681—89, 2 Thle., n. A., 1699, auch englisch, 6. A., 1726, deutsch, Hamb. 1703; L.rcirg,soio§ia> xiriiosopiricu, 1692, n. Ausl., 1733: De statu irrortnorurn st rssurAsntiuin, 1726; Vs käs st oklrciis virrrstia- norurir, 1727 rc. 3) John, engl. Maler u. Kupferstecher, geb. 20. März 1784 in Fisker Row bei Edinburgh, Schüler von Rob. Scott u. Graham; ging 1805 nach London u. stach dort die Jüdische Harfe u. den Blinden Spielmann in der Manier von Cornelius Vetscher n. zahlreiche Blätter nach den Werken seines Freundes Wilkie. Von 1815 an studirte B. die alten Meister im Louvre n. wendete sich der historischen Kunst zu: so stach er die Cartons Rafaels im Palais Hamp- tonconrt u. mehrere Rembrandts für die National- Galerie, arbeitete auch für Försters Britische Galerie. Von seinen Bildern sind zu nennen: Die Invaliden von Greenwich; Die kleinen Vögel; Das Damen-Spiel rc. Mehrere derselben stach er auch u. schr.: Praktische Gedanken über die Malerei; Abhandlung über die Malerei; Über die Porträtmalerei; Landschaftsmalerei; Praktische Betrachtungen über die schönen Künste; Das Leben Rembrandts u. Turners rc. B. starb 29. April 1868 in Stoke Newington. v Löffler." V Regnet. Bnrnctifiren drs Holzes, Verfahren, um das Holz vor Fäulniß zu schützen; erfunden von Bnrnet n. zuerst in Amerika beini Ban einer Eisenbahnbrücke über den Jllinoisfluß in Anwendung gebracht. Ein 20 in langer n. 1,^ in weiter gnßeißerner Cylinder, welcher ganz mit dem zu imprägnircnden Holze ausgefüllt u. luftdicht verschlossen worden ist, wird mittels Pumpen luftleer gemacht; darauf läßt man eine wässerige Auflösung von Zinkchlorid in den Cylinder, bis dieser ganz voll ist, u. preßt die Flüssigkeit mittels einer durch Dampf getriebenen Pumpe vollständig in Vas Holz. Dann läßt man die Flüssigkeit ablan- fen u. bringt das bnrnetisirte Holz an die Luft. Bnrncy, 1) Charles, engl.Tonkünstler, geb. 7. April 1726 in Shrewsbury; bildete sich unter Baker in Chester u. 1744—47 in London unter 300 Burnitz - Arne u. gab dann Unterricht in der Musik; später war er bis 1760 Organist in Lynn RegiS, kehrte dann nach London zurück u. wurde 1761 zu Oxford Doctor der Musik, bereiste 1770 bis 1772 den Contincnt n. st. als Organist am Chel- sea-Hospital 12. A^ril 1814. Er componirte für das Drurylane-Theatcr: Rsdin vooä, Tlkroä, (jnsen Llnb, Sonaten für Klavier allein u. mit Begleitung, 3 Klavier-, 6 Violinconcerte, Lieder, ^.ntirsmv rc. n. fchr.: TRs prevsnb stats ok mnsio ln ksraned auä Itnlx etc-., Lond. 1772, deutsch von Ebeling u. Bode, Hamb. 1772 f.; 6onsrnl llistorzr ok mnsio kroin blas earlissb NAS8 io tlrs prsssnt psrioä, ebd. 1776—89, 4 Bde. (Abhandlung des 1. Bandes, deutsch von Eschenburg, Lpz. 1781); iloeonnt ok ills mnsienl psrkormanosx in Vssiininstör^bdsx in eominsinoraiiou ok ÜWn- äsl, Lond. 1785, deutsch von Eschenburg, Berl. 1785. 2) Frances d'Arblay, bekannt als Miß B., Tochter des Vor., geb. 13. Juni 1752; war seit 1786 Kammerfrau bei der Gemahlin des Königs Georg III. von England u. heirathcte 1793 den Franzosen d'Arblay, mit dem sie 1802 nach Paris zog u. 1812 nach England zurückkehrte; starb 6. Jan. 1840 zu Bath. Sie fchr. die Romane Vvslina, Lond. 1778, 3 Bde., deutsch, Lpz. 1783, von Brömcl, Berl. 1789; Osoilia, 1782, 5 Bde.; dsorxina, 1789, deutsch, Tllbing. 1790; Oawilla, Lond. 1797, 4 Bde., deutsch Berl. 1798, worin sie die Lebensweise der höheren Stände in London schilderte; Mrs Vanäersr, ebd. 1814, 5 Bde. Ihre viar^ nnä isitsrv erschienen Lond. 1842, 5 Bde., 2. Anfl., 1854. 1) Brambach. Burnih, Karl Peter, deutscher Landschaftsmaler, geb. 1824 in Frankfurt a. M.; studirte in Berlin, Göttingen u. Heidelberg Rechtswissenschaft, promovirte 1847 als vr. zur., bereiste 1848 Italien u. wurde 1849 in Frankfurt Advocat, ging nach Algier u. Spanien, u. lebte von 1850—60 in Paris und seither in Frankfurt. Er ist als Landschafter Autodidakt. Hauptwerke: Maingegend, erworben von Napoleon III.; Landschaft, im Stä- delschen Institut. Er geht bei schlichten Ansichten aus der nächsten Umgebung seiner Heimath mit Glück ans die feinen Tonwirkungen nach Art der französischen Landschaftsmaler aus. Regnet. Burnlri), Stadt in der englischen Grafschaft Lancashire, am Zusammenfluß des Bnrn mit dem Calder n. dem Leeds-Liverpool-Kanal; Eisenbahnverbindungen nach allen Richtungen; alte Kirche mit Monumenten; Orsmmar-Lolmol; Wollen- u. Banmwollcnmanufacturen, Eisengießereien, Maschinenfabriken , große Seilereien, Gerbereien u. Brauereien; Steinkohlengrnben, Schiefcrbrüche; 40,858 Ew. Burnouf, 1) Jean Louis, franz. Philolog, geb. 14. Sept. 1775 zu Urville (Manche); wurde nach langem Warten 1807 Professor am (lollsM Illiarlsmagns in Paris, 1816, nachdem er kurze Zeit an der veols normale gelehrt, am Vollöls — Busch. 1628; Os rskorwakions monastsriorum gnornn- äam Vaseonias, in Osibuitii Lsript., Brannschw.; Bd. II. 2) Dietrich Wilh. Heinr., berühmter Geburtshelfer, geb. 16. Juni 1788 in Marburg; studirte von 1804—1808 Medicin, wurde vom Vater selbst promovirt, leistete in den französischen u. polnischen Lazarcthcu von 1806—8 als Unterarzt freiwillige Dienste, die ihm Begnadigung verschafften, als er in die Verschwörung des Herrn v. Dörnberg gegen Jeröme verwickelt wurde, blieb bis 1813 in den französischen Lazarethen, resp. denen der einrückenden Russen, wurde 26 Jahre altGe- neralfeldmedicus bei dem Generalstabe der hessischen Armee u. gab hier sein erstes Werk heraus: Kurze Feldchirurgie zur Instruction. 1814 wurde er außerordentlicher Professor für Chirurgie in Marburg, ging als Generalarzt wieder ins Feld, beschäftigte sich aber nach seiner Rückkehr niit Geburtshilfe. Am 20. Juni 1817 wurde er ordentlicher Professor, verheirathete sich im April mit Caroline Wagner, übernahm 23. Juni 1820 die Professur der Geburtshilfe in Marburg, siedelte 1829 nach Berlin über, wo er bald Medi- cinalrath n. Mitglied des Medicinalcollcginms u. 1838 Geh. Medicinalrath u. 1849 Mitglied der wissenschaftlichen Deputation des Ministeriums wurde. B. war Mitglied verschiedener Gelehrten Gesellschaften, seit 1827 Mitherausgeber der deutschen Zeitschrift für Gebnrtskunde. Er starb 15. März 1858 plötzlich an einem Schlaganfalle, nachdem er einige Zeit einen acuten Mnskelrheuma- tismus dnrchgcmacht hatte. Seine bedeutende vielseitige Arbeitskraft vertheilte er unter seine Beschäftigung als praktischer Arzt, als Schriftsteller u. Lehrer, überall in gleicher Weise hervorragend u. unter dem Eindrücke großer persönlicher Liebenswürdigkeit. Außer vielen in der genannten Zeitschrift niedcrgelegten kleineren Arbeiten seien noch erwähnt: Lehrbuch der Gebnrtskunde, Marburg 1829, 5. Anfl., 1849; Theoret. und prakt. Gebnrtskunde, durch Abbild, erläutert, Berlin 1838; Das Geschlechtsleben des Weibes in physiol., pa- thol. u. therapent. Hinsicht, Lpz. 183?—44, 5 Bde.; mit Moser zusammen, Handb. der Gebnrtskunde in alphabet. Ordnung, Berlin 1840—43, u. a. m. Außerdem betheiligte er sich an dem Enchklopäd. Wörterbuche der medicin. Wissenschaften, Berlin 1828—49; an dem Lehrbuche der Gebnrtskunde für Hebammen, ebd. 1839, n. durch Zusätze und Erläuterungen an der Moserschen Übersetzung von Dewees: Die Krankheiten des Weibes. Die von ihm angegebene Geburtszange hat allseitige Annahme gefunden. 3) Emil, Mechaniker und Optiker, geb. 6. Aug. 1820 in Berlin; besuchte das Cöllnischr Gymnasium u. die städtische Gewerbeschule und trat 1840 in die von dem Prediger Johann Heinrich August Duncker im Jahre 1800 gegründete u. seit 1824 von dessen Sohne August Wilh. Emil Duncker, B-s Oheim, geleitete Anstalt für optische Industrie in Rathenow ein. Nachdem er sich zuerst kaufmännisch, dann technisch und theoretisch durch Selbstunterricht vorgebildet hatte, übernahm er 1845 die Direktion der Fabrik. Unter seiner Leitung wurde dieselbe bedeutend erweitert und gelangte, trotzdem 1851 und später > Conciirrenzanstalteu (im Ganzen 4) in Rathenow 309 Büsch. errichtet wurden, zu hoher Vliithc. Den bisherigen Fabrikationsgegenständen: Brillen, Loupen rc., wurden zahlreiche neue Zngfcrnrohre, Tuben, Mikroskope, Operngläser, Feldstecher, Militärperspective, Marinegläser rc. hinzngcfiigt; auch beschäftigte sich B. mit Vorliebe mit der Fabrikation photographischer Apparate u. erfand 3 neue Objektive für Photographie. Seine Militärfernrohrc sind in der preußischen Armee eingeführt. Da B. keine Söhne hatte, begründete er 1872 eine Aktiengesellschaft zur Fortsetzung der Fabrik, welche jetzt unter der Firma: Rathenower optische Jndu- strieanstalt, vormals Emil B., von ihm als Delegir- ten des AnfsichtsratheS geleitet wird. 4) Julius Hermann Moritz, deutscher Schriftsteller, geü. 13. Febr. 1821 zu Dresden; stndirte, nachdem er die dortige Krenzschule besucht, in Leipzig zunächst Theologie, dann nach bestandenem Examen Philosophie, worauf er sich der Literatur zuwandtc. Infolge der Reaktion, die auf die Jahre 1848 n. 1849 folgte, an Deutschlands Zukunft verzweifelnd, ging er 1851 nach Amerika, kehrte aber schon im nächsten Jahre, nachdem er einen großen Thcil der Vereinigten Staaten durchreist n. namentlich das dortige Sectcnwesen studirt, wieder in die H-imath zurück, wo er seine Beobachtungen unter dem Titel: Wanderungen zwischen Hudson und Mississippi, Stuttg. 1853, veröffentlichte. In demselben Jahre ging er nach Schleswig-Holstein, um die dort unter dein dänischen Regiment herrschenden Zustände kennen zu lernen, und die Frucht dieser Reise waren außer zahlreichen Artikeln in Zeitschriften die Schleswig-Holsteinischen Briefe, Lpz. 1854. 1855 übernahm er die Redaktion der Grenzboten, die er mit einigen Unterbrechungen (u. a. drei Reisen in den Orient, die im Aufträge des Österr. Lloyd unternommen wurden, u. eines neunmonatlichen Aufenthaltes bei Herzog Friedrich in Kiel, dem er in Prcßangelegenheiten beistand) bis zum Frühjahre 1866 fortführte. Ursprünglich stark demokratisch u. mit Robert Blum persönlich befreundet, gehörte er seit seiner Rückkehr ans Amerika der nationalliberalen Partei an n. stand im innigen Verkehre mit Karl Mathy u. H. von Treitschke. Nach seiner Heimkehr von Kiel, wo er nur gegen die Dänen, nicht aber auch gegen Preußen thätig sein gewollt, trat er zu den entschiedenen Anhängern Bismarcks über. Diese Richtung trennte ihn von den Herausgebern der Grenzboten u. brachte ihn später in Beziehungen zur preußischen Negierung, von der er zunächst nach Hannover gesandt wurde, um die dortige Presse während des Übergangsjahrcs zu leiten. Noch Ablauf der letzteren znrückgetreten, privati- sirte er, vielfach literarisch thätig, in Leipzig, von wo er im Febr. 1870 in Las Auswärtige Amt des Nordd. Bundes berufen wurde, um dort unmittelbar unter dem Bundeskanzler in gleicher Weise beschäftigt zu werden wie früher in Hannover. In dieser Eigenschaft machte er den Deutsch- Französischen Krieg in der nächsten Umgebung Bismarcks mit. 1873 zog er sich von dieser Thätig- keit zurück, um die Redaktion des nationalliberalen Hannoverischen Cyuriers zu übernehmen, die er in- deß schon 1875 niederlegte, um wieder ins Privatleben überzutreten. Äußer den oben genannten Werken haben wir von ihm: Eine Wallfahrt nach Jerusalem, Lpz. 1860; Bilder aus dem Orient n. Bilder ans „Griechenland, beide Triest, Österr. Lloyd; Das Übcrgangsjahr in Hannover, Lpz. 1868; Die Urgeschichte des Orients nach Lcnor- mand, Lpz. 1868, 3 Bde.; Geschichte der Mo» monen, ebd. 1870; Zur Geschichte der Internationale, ebd. 1874. Endlich hat er eine Anzahl von Übersetzungen geliefert, von denen wir die Novellen Bret Hartes und 5 Bde. Amerikanische Humoristen (diese wie jene Leipzig bei Grunow) hervorheben. 5) Wilhelm, deutscher Zeichner n. Schriftsteller, gcb. 15. April 1832 in Wiedensahl (Provinz Hannover); besuchte die Polytechnische Schule in Hannover, stndirte dann im Antikensaal der Düsseldorfer Akademie und besuchte weiterhin die Malerschulen der Akademien zu Antwerpen u. München. Im Kllnstlervcreine Jung - München ward B. veranlaßt, neben dem Stifte auch die Feder zu führen, n. eignete sich so die Gewandtheit an, Bild und Wort zu einem Ganzen zu verbinden, wobei die Feder ebenso scharf als der Stift zu sein Pflegt. So hat er eine ansehnliche Reihe von lustigen Büchern n. Büchelchen in die Welt geschickt, nachdem er länger ein fleißiger Mitarbeiter an Kaspar Brauns Fliegenden Blättern u. Münchener Bilderbogen gewesen. Er gab heraus: Bilderpossen (1857), Max und Moritz (1858), Schnacken und Schnurren (1867), Schnnrribns (1869), Antonius von Padua (1870), Hans Huckebein, der Unglücksrabe(1871), Kunterbunt, Fromme Helena, Kühne Müllerstochter, Schreihals (1872), Bilder zur Jobsiade, Der Geburtstag oder die Particularisten, Pater Filncius (1873), Dideldum (1874), Kritik des Herzens (1875). 6) Wilhelm, Sohn von B. 2), ausgezeichneter Chirurg, geb. 5. Jan. 1826 zu Marburg; wurde nach abiol- virten Gymnasial- und Universitätsstndien 1851 Privatdocent der Chirurgie u. Assistent der chirurgischen Klinik zu Berlin, von wo er im Octbr. 1855 als ordentlicher Professor des gleichen Faches u. Direktor der Klinik nach Bonn versetzt wurde. Den Schlcswigischen Feldzug 1849 machte er als Assistenzarzt mit; sowol 1866 in Böhmen, als 1870 in Frankreich entwickelte er als konsultativer Generalarzt des 8. (rheinischen) Armeekorps eine erfolgreiche Thätigkeit. B. ist besonders hervorragend durch die Sicherheit der Operationen n. durch sorgfältige Behandlung der einzelnen Fälle. Neben zahlreichen Abhandlungen schrieb er: Beobachtungen zur Anatomie der Mrbelthicre, Berl. 1851; Lehrbuch der Chirurgie, 2 Bde., Bd. 2 in 3 Abtheilungen, Berl. 1857 ff., enthaltend die Resultate zahlreicher selbständiger Forschungen. 1> Löffler. 0) Thamhayn. 3) Wimmmauer 41. 5) Regnet. Büsch, Johann Georg, volkswirthschastlicher Schriftsteller, geb. 3. Jan. 1728 in Altcn-Meding im Lünebnrgischen; wurde 1756 Professor der Mathematik am Gymnasium zu Hamburg, 1767 auch Direktor der Handelsakademie u. mit Ebeling Stifter der ersten Handelsschule; er st. 5. August 1800, u. ihm wurde von der Stadt Hamburg ein Denkmal gesetzt. Er schr. u. a.: Schriften über Staatswirthschaft n. Handel, Hamb. 1780, 2 Bde., 1784, 3 Bde.; Grundriß einer Geschichte der merkwürdigen Welthandel, ebd. 1781, 4. A., von Bre- 310 Buschbohnen dow, 1810, 2 Bde.; mit Ebeling: Handlnngs- bibliothek, ebd. 1784—97, 3 Bde.; Erfahrungen, ebd. 1790—1802, 5 Bde.; Darstellung der Handlung, ebd. 1792, n. A., ebd. 1808 , 2 Bde.; Lehrbuch der gesammten Handelswissenschaft, Altona 1796—98, 3 Bde., der 3. Band als Hamburger Briefsteller für Kauflente, 7. A., 1841; Geschichtliche Darstellung der am Ende des 18. Jahrh. entstandenen großen Handelsverwirrnngen, Hamb. 1800, 2 Bde., 2. Ä., 1817; Vom Geldumlauf, ebd. 1800 , 2 Bde.; Sämmtliche Schriften über Banken u. Münzwcsen, Hamb. 1801, n. Aufl., 1824; Völkerseerecht, ebd. 1801, -c. Sämmtliche Schriften, Zwickau 1813—16, 16 Bde.; Sämmtliche Schriften über Handlung, Hamb. 1824 bis 1827, 8 Bde. Buschbohnen (Zwergbohnen), s. u. Bohnen. Büschelkrankheit (Hörnerkrankheit, Sträußchen; Bienenz.) ist keine Krankheit, sondern besteht nur darin, Laß sich beim Entschlüpfen der Bienen in die Blumen der Orchideen u. Asclepia- den an die Fühlhörner derselben klebrige Massen von Blüthenstaub, die Pollenmassen, ansetzen. Büschelsaat (Stufensaat; Gärtn.), Art der Aussaat des Samens, wobei in angemessener Entfernung 15—20 am große Vertiefungen gemacht u. mit einer Anzahl Samen belegt werden, so Laß die Pflanzen später einen gemeinsamen Busch bilden, z. B. bei Bohnen, Erbsen und manchen Sommerblumen. Bnschelkiemcr (I-oplioiiranclüi), Unterordnung der Knochenfische. Ihr Hanptcharakter liegt in der eigcnthümlichen Gestalt der Kiemen, welche im Gegensätze zu den kanunförmigen Blätterkiemen der übrigen Knochenfische aus verhältnißmäßig wenigen, knopssörmig angeschwollenen Kiemen bestehen; auch reducirt sich die Kiemcnspalte auf ein kleines Kiemenloch. Der Körper ist im Allgemeinen langgestreckt, mit dünnen Knochenschildern gepanzert n. in eine röhrenförmige Schnauze verlängert, an deren Spitze die kleine Mnndöffnung liegt. Die Banchflossen sind meist klein, bei den Drachenpferdchen dagegen von enormer Größe u. flügclartiger Ausbreitung; die Bauchflossen sind stets verkümmert; After- n. Schwanzflosse fehlen häufig, dagegen findet sich stets eine kleine Rückenflosse, welche bei den Seepferdchen rasch hin und her geschlagen werden kann u. als Strudelorgan dient. Schwimmblase einfach, ohne Luftgang, oder fehlend. Es sind kleine, zwischen Seetang lebende Fische, welche sich durch die eigenthümliche Brutpflege der Männchen auszeichnen. Diese besitzen an der Wurzel des Schwanzes 2 Hantlappen (bei den Seenadeln), oder einen kleinen Sack (bei den Seepferdchen), in welchem die Eier ausgenommen u. ansgebrüret werden. In anderen Fällen werden die Eier auf Brust n. Bauch oder am Schwänze getragen. Dahin gehören die Seenadeln, Lang- schnccken, Seepferdchen, Drachenpferdchen (Drachenfische) u. a. Thoms. Büscheln (Weiub.),Znsammcnbindender oberen jungen Triebe bei freistehenden Weinstöcken. Büschelpflanzung (Forstw.), Pflanzung mit jungen, 1—4jährigen Setzlingen, von Lenen mehrere zusammen in ein Pflanzloch kommen; namentlich bei Fichte u. Buche vielfach im Gebrauche. — Büschlllg. s Buschelster, so v. w.GroßerWürger; s.Würger. Buschfalke, so v. w. GroßerWürger; s.Würger. Buschholzbetrieb, so v. w. Niedcrwaldbe- trieb, mit kurzem, bis lOjährigcm Umtriebe, wobei nur Reisig und höchstens geringe Nntzholz- sortimente genutzt werden. Weich- und Strauchhölzer, wie Weide, Schwarzdorn u. a., werden im B-e bewirthschaftet. Bnschhornwespe, Art der Sägewespen; s. d. Bnschhuhn, so v. w. Hanbcnhnhn; s. u. Huhn. Büsching, 1) Anton Friedrich, bedeutender deutscher Geograph, geb. 27. Sept. 1724 zu Stadt- Hagen im Schanmbnrg-Lippeschen; wuchs unter harten Verhältnissen ans, besuchte 1743 die latei- , nische Schule des Höllischen Waisenhauses, stndirte f seit Ostern 1744 an der dortigen Universität, na- , mentlich unter Siegmnnd Jakob Banmgarten, Theologie, während er die Mittel für seinen Unterhalt erwerben mußte; wurde 1747 Magister, hielt theologische Vorlesungen; 1748 übertrug ihm der ; dänische Geheimrath v. Lyr den Unterricht seines ältesten Sohnes, der in Köstritz erzogen wurde. Lyr nahm beide 1. Dec. 1749 ans eine Gesandt- ; schaftsreise nach St. Petersburg mit. Im Ang. 1750 kehrte B. mit seinem Zögling nach Jtzehö, dem eigentlichen Wohnorte des Vaters, zurück. Hier begann er seine Erdbeschreibung. Michaelis 1752 legte er seine Hofmcisterstelle nieder u. hielt sich dann zwei Jahre in Kopenhagen ans, wo er sein Werk fortsctzte; 1754 wurde er znm außerordentlichen Professor in Götlingen berufen. Obgleich er hier über Theologie u. Geographie las, blieb doch seine Erdbeschreibung das Hauptziel, das er weiter verfolgte. Als Adjunct der theologischen Facultät schrieb er die Inauguraldissertation: blxitoms tlleo- loAias s solis sacris litorls oonoinnatas st al> omnibns rslms st vsrdis solwlrstiels purKatas, vertheidigte sie öffentlich 7. Ang. 1756 u. wurde Doctor der Theologie. Er ließ die Abhandlung als lllpitoms tlieoloxias, Lemgo 1759, mit einigen vorher unterdrückten Stellen u. mit einem Anhänge ö erscheinen, worin er viele der bisherigen Theologie l als erwiesen geltende Lehrsätze für problematisch l erklärte. Hierauf wurde ihm befohlen, sich der I theologischen Vorlesungen, besonders der dogma- I tischen, vorerst zu enthalten n. nichts Theologisches drucken zu lassen, ohne es der Censur des Geheim- rathes in Hannover unterbreitet zu haben. Nachdem er allen Ansprüchen auf eine theologische Lehr- ! stelle förmlich entsagt, wurde er 1759 znm ordentlichen Professor der Philosophie ernannt. 1761 folgte er einein Rufe als lutherischer Prediger nach St. Petersburg, wo er eine Schule gründete und mit rastloser Anstrengung emporbrachte. Feindselige Gegenwirkungen bestimmten ihn 1765 zur . Niederlegnng dieser Stelle; die Gemeinde, wie auch ! Katharina H. bemühten sich umsonst, ihn zurück- > znhaltcn. Er siedelte nach Altona über; 1766 wurde er als Director des Gymnasiums am Grauen Kloster u. Oberconsistorialrath nach Berlin berufen. i Er machte sich um die seinerAufsicht anvcrtrauteLehr- s anstatt im höchsten Grade verdient. B. st. 22. Mai 1793 in Berlin. Seine Schriften, über hundert, zerfallen in theologische (einschließlich der kirchsn- geschichtlichen), pädagogische, weltgeschichtliche, bio- i graphische, geographische rc. Ihre Darstellung ist 811 Buschir — Buschmänner. altmodisch, nachlässig, unelegant, wortreich, weitschweifig. In der geographischen Literatur seiner Zeit nahm B. die erste Stelle ein. Was ihm sreilich mangelt, ist die Gesammtanschauung der Erde u. der vergleichende Blick über die natürliche Beschaffenheit ihrer einzelnen Theile. Sein Hauptziel war die sog. politische Geographie; seine wesentlichen Verdienste bestehen in der möglichst vollständigen u. richtigen Localbeschreibung n. Statistik; auch wagte er es zuerst, von dem Zustande mancher bisher in den Schleier des Staatsgeheimnisses eingehüllten Länder genaue Kunde zu geben. Seine Neue Erdbeschreibung, Hamb. 1754—92, 10 Thle. u. die 1. Abth. des 1., umfaßt Europa und den kleineren Theil Asiens (Fortsetzungen von Sprengel, Wahl, Hartmann, v. Ebeling, bis 1807, das Werk blieb unvollendet); Magazin für Historiographie n. Geographie, Hamb. u. Halle 1767—93,25 Bde.; Wöchentliche Nachrichten von neuen Landkarten rc., Hamb. 1773—87, 15 Jahrgänge. B-s Autobiographie steht im 6. Bd. seiner Beiträge zu der Lebensgeschichte denkwürdiger Personen, insonderheit gelehrter Männer, Halle 1783—89. Vgl. den Supplementband von Schlichtegrolls Nekrolog für 1790—93, 1. Abth., S. 58—146. 2) Johann Gustav Gottlieb, Sohn des Bor., Philolog n. Alterthumsforscher, geb. 19. Sept. 1783 in Berlin; studirte in Erlangen u. Halle Rechtswissenschaft, wurde 1806 Regiernngsrefcrendar in Berlin, 1811 Kgl. Archivar u. 1817 Professor der Alterthumswissenschaften in Breslau, wo er den Verein für schlesische Geschichte u. Alterthümer gründete; st. 4. Mai 1829. Er gab heraus mit v. d. Hagen eine Sammlung deutscher Volkslieder, Berl. 1807; Buch der Liebe, ebd. 1809, i Bd.; Grundriß zur Geschichte der deutschen Poesie, 1812; Das Leben Götz' von Berlichingen, 1813; mit Kannegießer: die Zeitschrift Pantheon, Berl. 1810, 2 Bde. u. 3. Bd. 1 St.; mit Docen u. A.: Museum für altdeutsche Literatur u. Kunst, 1809—11; Erzählungen, Dichtungen, Fastnachtsspiele u. Schwänke des Mittelalters, Berl. 1813—15, 3 Hefte; Nachrichten für Freunde der Kunst n. Gelahrtheit des Mittelalters, ebd. 1816, 12 Hefte; Zeitbücher der Schlesier, ebd. 1813—19, 3 Bde.; Des Deutschen Leben, Kunst u. Wissen im Mittelalter, Berl. 1816 bis 1818, 4 Bde., n. A., 1821; Die heidnischen Alterthümer Schlesiens, ebd. 1820—24, 4 Hefte; Reise durch einige Münster u. Kirchen des nördlichen Deutschland, Dresd. 1819; Lieben, Lust u. Leben der Deutschen des 16. Jahrh., Lpz. 1820 bis 1824, 3 Bde.; Einleitung in die Geschichte der altdeutschen Baukunst, Lpz. 1823; Das Schloß der Deutschen Ritter in Marienburg, Berl. 1823; Ritterzeit u. Ritterwesen, ebd. 1823, 2 Bde., u. a.; gab auch das Nibelungenlied, metrisch übertragen, Lpz. 1815, heraus. Buschir, Stadt, so v. w. Abnschchr. Buschklepper, so v. w. Wilddieb, Strauchdieb, Räuber. Buschmann, Johann Karl Eduard, hervorragender Sprachforscher, geb. 14. Febr. 1805 zu Magdeburg; studirte seit 1823 in Berlin und Göttingen klassische Philologie u. orientalische Sprachen, womit er die Erlernung neuerer Sprachen verband. Ein einjähriger (1827—28) Aufenthalt in Mexico als Erzieher in der Familie eines Bergbeamten gab ihm Gelegenheit zu mehrfachen Reisen u. Studien in diesem Lande. Seit 1832 an der Königl. Bibliothek in Berlin angestcllt, rückte er 1853 zum Bibliothekar auf; seit 1851 ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Seit 1828 stand er in naher Beziehung zu Wilhelm von Humboldt, dessen epochemachendes Werk über die Kawi-Sprache er herausgab u. durch selbständige Bearbeitung des 3. Bandes, die Grammatik der malaiischen Sprache, vollendete. Diesen Studien auf dem Gebiete der polynesischen Sprachen reiht sich der L.psr?u äs In langus äss iis« Nar- guisss st äs la langus tattisuns (Berl. 1834) an. Hervorragende Bedeutung haben außerdem seine eingehenden Forschungen auf dem Gebiete der nord- u. centralamerikanischcn Sprachen, die in einer Reihe Abhandlungen niedergelegt sind: Der atha- paskische Sprachstamm; Die Völker und Sprachen Neu-Mexicos; Die Spuren der aztckischcn Sprache im Nördlichen Mexico und höheren amerikanischen Norden; Grammatik der Sonora-Sprache, n. m. a., sämmtlich zu Berlin seit 1853 in den Abhandlungen der Akademie herausgegebcn. Ans dem Gebiete der allgemeinen Sprachwissenschaft ist die Abhandlung über den Naturlaut, Berl. 1853. Schon bald nach W. v. Humboldts Tode war B. in ein näheres Verhältniß zu Alexander von Humboldt getreten u. unterstützte diesen bei der Herausgabe aller seiner Schriften, vorzüglich des Kosmos, dessen zum Druck gelaugtes Manuscript von seiner Hand herrührt. Ebenso verfertigte er das große, im 5. Bd. veröffentlichte Register dazu (vgl. Humboldts Kosmos, Bd. 5, S. 17 u. 128). Buschmänner (holl. Bosjemans, d.h. Strauchbewohner), Volk im südlichen Afrika, das sich selbst Saap, Sap, Plur. Saan, San, nennt u. einen der zwei Hauptstämme der Hottentotteurace ausmacht; sie bewohnen, in viele Horden zerstreut, meist die sandigen u. gebirgigen Theile des Innern bis an den Kuneue u. Zambefi u. stehen, da sie Mangel an Lebensmittel leiden, auf einer noch tieferen Culturstufe, als die Hottentotten. Der Kopf der B. ist unförmlich u. stark nach hinten verlängert; die Backenknochen weniger hervor- steheud, als bei den Hottentotten; die Nase flach, der untere Gesichtstheil stark prognathisch; die Ohren groß; die Augen klein u. tief in den Höhlen liegend. Die B. sind klein, gewöhnlich unter 5 Fuß groß, hager, aber gewandt, ausdauernd, energisch, scharfen Verstandes, rachsüchtig u. höchst grausam. Sie theileu sich in mehrere Stämme, leben aber nur in einzelnen Familien zusammen, so lange sie sich nicht zur Vertheidigung vereinigen müssen, u. haben einen unüberwindlichen Zug zum faulen Umherwandern, daher sie, ohne allen Ackerbau u. Viehzucht, sich mühsam nähren von Jagd, Honig, Heuschrecken, Ameisen, Schlangen, Fischen, wild wachsenden Zwiebeln n. auch oft nur vom Diebstahl, indem sie das Stehlen von Vieh als eine Art berechtigter Jagd ansehen, alles Vieh gleich schlachten u. nur das Fleisch anfbewahren; gelingt ihnen kein Fang, so können sie auch Tage laug den Hunger ertragen, entschädigen sich dann aber durch so unmäßigen Genuß von Speisen, daß sie wiederum Tage lang ohne Regung liegen bleiben 312 Buschneger - müssen; sie trinken gern Branntwein u. lieben das Rauchen sehr, durch welches sie sich, den Ranch verschluckend, betäuben. Ihre Wohnung schlagen sie in Höhlen, Gebüschen und Gräben auf; ihre Kleider sind Thierfelle u. Pelze, sie Pflegen aber meist nur die Lenden u. den Hinteren Oberkörper zu bedecken; als Waffe gebrauchen sie Wurfspieße, sowie den Bogen mit vergifteten, schnell tödtenden Pfeilen, die sie ans Entfernungen von 100—150 Schritten sehr geschickt u. sicher schießen, daher sie bis in die neuere Zeit der Schrecken der Grenz» districte geblieben sind u. von Afrikanern u. Europäern trotz ihrer Feuerwaffen gleichmäßig gefürchtet werden. Ihre Sprachen hängen weder mit derjenigen der Hottentotten, noch mit anderen zusammen u. sind sehr rauh. Die Schnalzlaute der Hottentotten werden bei ihnen noch wesentlich vermehrt; sie unterscheiden kein Geschlecht und bilden die Mehrzahl meist durch Verdoppelung der Einzahl. Da sie beinahe keine Spur von Volksgemeinschaft zeigen, so sind ihnen auch die Begriffe von einer Regierung u. Obrigkeit fremd, u. da nicht einmal zwischen den einzelnen Gliedern einer Familie ein festeres Band ist, so gilt überall Gewalt, mit List u. Trug gepaart, für Recht. Ihre Religion besteht in Furcht vor bösen Geistern u. sonstigem Aberglauben; auch Thierverehrung wird bei ihnen bemerkt. Die Todten Pflegen sie zu begraben, wobei sie das Grab mit Steinen verdecken, seltener aber zu verbrennen. Ihre Zahl ist nicht genau zu bestimmen, doch vermindern sie sich immer mehr, da fortwährend Vertilgnngskriege gegen sie geführt werden. Sie sind jedenfalls die wildesten u. rohesten der SAsrikaner, u. alle Civilisa- tionsversuche von Gouverneuren, Privatpersonen u. Missionären, welche letztere zuerst 1799 von London aus dahin abgesendet wurden, sind zum größten Theil gescheitert; die wenigen aber, bei denen sie gelangen, wurden sehr nützliche u. treue Hirten der Bauern u. zeigen sich für gute Behandlung dankbar. He>me-Am Nhyn." Buschncger, so v. w. Maronncgsr. Buschspinne, so v. w. Vogelspinne. Buschtehrad, Dorf in der Bezirkshauptmannschaft Schlau (Böhmen), 27 km nordwestlich von Prag; schönes Schloß; in der Nähe dis besten Steinkohlen des großen Beckens von Schlan-Kladno- Rakonitz. Buschterahder Bahn (Böhmische Nordwest- Bahn). Ende 1874 Länge 416,47 km; im Bau 40,km. Anzahl der Locomotiven 94, der Personenwagen 168, der Güterwagen 2277. Einnahme 1873 4,132,488 fl. ö. W. Benennung der Linien: Prag - (Bubna) -Komotan - Karlsbad - Eger (237,gg bin),Prag (Smichow-Hostiwitz, 19,gikm),Wejhybka- Neukladno-Duby-Kralnp (25,7g km), Dnby-Kladno (2,gg km), Luzna-Rakonitz (9,zi km), Priesen-Tusch- mitz-Kaaden (10,77 km), Komotau-Weipert (58,„ km), Tirschnitz-Franzensbad (4,44 km); außerdem 53 Industriebahnen (47,57km). Zeit der-Gründung: alte Strecke Prag-Lana u. Kralnp-Kladno 21. Oct. 1855; neue Strecke (nordwestböhmisches Bahnnetz) Smichow-Saaz-Priesen-Karlsbad-Eger n. Komotau-Weipert 1. Juli 1868; der Inbetriebsetzung: alte Strecke Nov. 1855, nordwestböhmisches Bahnnetz partienweise in den Jahren 1870—73. — Bushlllski. Anlagecapital bei derGründung: 2,520,000 fl.ö.W. heutiges Anlagecapital: 19.000 Acticn lit. X ü 520 fl. — 9,975,000 fl. 64.000 „ „ S ä 200 fl. — 12,800,000 fl. 202,371 Prioritäten ü 100 Thlr. — 30,355,650 fl. Für die Prioritäten haften die Actien X u. L zu ungetheilter Hand. Buschtrllthahn, s. Wallnister. Buschweiden heißen diejenigen Weidenarten, welche nicht zu hochstämmigen Bäumen erwachsen, sondern strauchartig bleiben, wie z. B. Laim au- rita, einsrss, rspsns u. a. Busenbaum, Hermann, geb. 1600 zu Not- telen in Westfalen; trat 1619 in den Jesuitenorden, wurde 1640 Lehrer der Moral in Köln u. später Rector des Jesuiten-Collegiums in Münster; st. 1668; er schr.: LIscknIIg, IksoloAias morakis, Münst. 1645, 45. A., Lissab. 1670, neuere von Lacroix, Köln 1707, von Alf. de Ligorio, Rom 1757, 3 Bde., Löwen 1848, 2 Bde., eine übersichtliche, bequeme Zusammenstellung der Lehren älterer jesuitischer Casuisten. Papst Alexander VIII. verwarf mehrere Sätze der kleckuiia als leicht mißverständlich u. irrig, n. die Parlamente von Paris u. Toulouse verdammten dieselbe ans Anlaß eines Attentats ans Ludwig XV., weil es die Zulässigkeit desKönigsmordes zu lehrenschien. DieVorsteher der Jesuitencollegien u. der Vertheidiger der klscinila, der italienische Jesuit Zacharia, mußten sich von derartigen Lehren lossagen. Eine Kritik von B-s LlsciuIIa in der Ausgabe von Lacroix gibt Angela Franzoja, Professor der Theologie zu Padua, Bologna 1760. «Mer.» Bnsen, 1) (Anna) die Gegend zwischen den beiden weiblichen Brüsten; daher die Brust, bes. die weiblichen Brüste zusammen; s. Brüste. 2) Im alten Deutschen Rechte ursprünglich, die Kinder ersten Grades im Verhältniß zu Len Alteren und unter sich; erst später (Sachsenspiegel) werden auch schon die Enkel zum Busen gerechnet, n. dann Verwandtschaft überhaupt; das Erbe geht nicht außer dem Busen. Busenerben, die Nachkommen des Erblassers. Busento (Busiento, Arcente, im Alterthum Barentinus), Fluß in der italien. Pro». Cosenza (Calabria;,citeriore); mündet bei Cosenza in den Crati. Jni Bette dieses Flusses wurde der West- gothcnfürst Alarich 410 n. Chr. begraben, welche Begebenheit Platens Gedicht Das Grab im B. behandelt. Bttseo (Buzeu), Kreisstadt in Rumänien (Große Walachei), zwischen Bukarest und Fokschani, am Flusse gleichen Namens i^, an der Eisenbahn von Plojesti nach Braila; Bischofssitz; Gericht erster Instanz; Normalschule; 11,106 Ew. Bnshel, englisches Hohlmaß für trockene Maaren, namentlich Getreide, 4 Pecks — 8 Gallons — 36,g4g I, während in den Colonien u. in den Vereinigten Staaten von NAmerika das alte sogenannte Winchester-B. — 35,227 I gilt; 131 Winchester-B-s — 127 jener engl. Jmperial-B-s. Man rechnet das Gewicht eines Winchester-B. — 60 Pfd. Weizen, 53 Pfd. Roggen u. Canarien- samen u. 47—50 Pfd. engl. Xvoir äu xoläs bei Gerste. Bustzinski, Gabriel, russischer Schriftsteller, 318 Bilfingen geb. in Klein-Rußland; wurde Lehrer bei der Akademie in Moskau, trat 1707 in den Mönchsstand u. wurde 1714 Präfect an der Akademie in Moskau, 1719 Oberhieromonach bei der Flotte, 1721 Archimaudrit, Mitglied des dirigirenden Synods, Direktor u. Protektor aller geistlichen Schulen u. Typographien, 1726 Bischof von Räsan u. Mu- roin; st. 1731 zu Moskau. Er übersetzte Pusen- dorfs Einleitung in die Geschichte der europäischen Staaten, Petersb. 1718; Desselben: Über die Pflichten des Menschen u. des Bürgers, 1726; Stratte- manns Theatron, 1724, u. schrieb dazu eine durch religiöse Toleranz hervorragendeEinleitung. Ferner von ihm Kanzelreden ans Len Sieg bei Pultawa; die Einnahme Schlüssclburgs, die Gründung der neuen Hauptstadt u. a. W. Körner.» Büsingen, Dorf u. badische Enklave, umgeben vom schweizer Kanton Schafshausen, am Rhein. Als 29. Juli 1849 ein hessisches Commando sich hierher verfügen wollte, um Verhaftungen von badischen Flüchtlingen vorznnehmen, wurde es, weil es ohne schweizerische Erlaubnis; einen Theil des schweizerischen Rheins befahren hatte, von den eidgenössischen Truppen in B. abgeschlossen n. erst 30. Juli auf dem Landwege nach dem Badischen entlassen, an welche Begebenheit sich damals illmöthige Kriegsbefürchtnngeu knüpften. .. Dusiris (Busir, a. Geogr.), Stadt in Nieder- Ägypten im Bnsirrtes Nomos, am linken Ufer des östlichen Hauptarmes des Nils: Tempel der Isis, zu welchem jährliche Wallfahrten unternommen u. bei welchem jährliche Feste gefeiert wurden; er wurde von Diocletianus zerstört. Jetzt Busyr (Abusstr) mit Ruinen. Von dem eigentlichen Jsistempel glaubt man, daß er nördlich in einiger Entfernung von B. gelegen habe u. seine Überreste die Ruinen bei Bahbeüt (Bohbait) seien. Busrris, Sohn Poseidons u. der Lysianassa, Tochter des Epaphos, nach Anderen Sohn des Ägyptos u. Neffe des Danaos, sagenhafter König in Ägypten. Alle Fremde, die in sein Land kamen, soll er nach griechischer Sage geopfert haben, veranlaßt dazu durch eine Dürre, welche nach dem Rathe des Sehers Thrasios (Phrasios) ans Kypros nur daS alljährliche Opfern eines Fremden beseitigen konnte. B. machte mit dem Propheten selbst den Anfang. Als er auch den Herakles opfern wollte, sprengte dieser Plötzlich seine Bande u. erschlug den B. sammt seinem ganzen Gefolge, was auf Vasengemälden mehrfach dargestellt ist. Jso- krates schrieb eine Schutzrcde auf ihn. Diodoros meint, B. sei das Grab des Osiris, an welchem Ausländer geopsert worden seien. Brandes.» Bnsk, Stadt in der galizischen Bezirkshaupt- mannschast Kamionka Strnmilowa, im ehemaligen Kreise Zloczow, am Bug; 6 Vorstädte; Spiritus- stbrik; Handel mit Fischen; 4956 Ew. Buskernd, norwegisches Amt des Stiftes Christiania, das von den Ausläufern des das Stift Bergen vom Stifte Christiania scheidenden Gebirges Langefjeld, vielen strömenden Gewässern mit Wasserfällen, die Eisenhämmer u. Sägemllhlen treiben und, gesammelt, als Storelv sich in den Tyrisfjord ergießen, n. von schönen Waldgebirgen durchzogen ist; 14,656 slsikm (266 HjM); 99,300 Ew. Darin das große, in den Dramselv mün- — Buß, dende Wasserbecken Tyrisfjord, dessen östl. Ufer der Urwald Krogskoven mit der 666 in hohen Kuppe Krogkleven bildet, von deren Königsstuhl die meilenweite Aussicht über die reizende Landschaft Ringcrige. Dahin wallfahrten die Bewohner der norwegischen Hauptstadt u. nach der kleinen Stadt Hönsefjord (1200 Ew.) am Wasserfalle gleichen Namens u. der Kirche Norderhov mit dem Begräbnis; der in der norwegischen Kriegsgeschichte berühmten Anna Colbjörnsen. Buspa, Nebenfluß des Setledsch in Indien; entspringt am Himalaja in Tibet; nach ihm ist das Thal von B., ein fruchtbares Gebicgsthal, benannt. Buß, Franz Joseph, ultramontaner Politiker, geb. 23. März 1803 zu Zell in Baden; studirte Philosophie, Medicin u. Rechtswissenschaften, wurde 1824 Privatdocent u. 1836 Professor der Rechts- u. Staatswissenschaften an der Universität Freiburg; sprach auf den Landtagen von 1837 und 1846 für die Freiheit u. Unabhängigkeit der Kath. Kirche, ward 1848 in das Frankfurter Parlament gewählt, wo er zur großdeutscheu Partei hielt. Er schr.: Geschichte u. System der Staatswissenschaften, Karlsr. 1839, 3 Bde.; Über den Einfluß des Christeuthums auf Recht u. Staat, Freib. 1841; Methodologie des Kirchcnrechtes, 1842; als vr. Eremites: Der Orden der Barmherzigen Schwestern, Schafsh. 1844, 2. A., 1847; Der Unterschied der katholischen und protestantischen Universitäten Deutschlands, Freib. 1846; Die Gemeinsamkeit der Rechte und der Interessen des Katholicismns in Frankreich u. in Deutschland, Schafsh. 1847—49, 2 Bde.; Die deutsche Einheit und die Prenßenliebe, Stuttg. 1849; Der hohe und niedere Radikalismus, Schafsh. 1850; Die katholische Politik von Donoso Cortes und B., Paderb. 1850; Geschichte der Bedrückung der Kathol. Kirche in England, Schafsh. 1851; Die Aufgabe des katholischen Thcils deutscher Nation, Regensb. 1851; Urkundliche Geschichte des National- u. Territorialkirchenthums in der Katholischen Kirche Deutschlands, 1851; Die freie katholische Universität Deutschlands, Schafsh. 1851; Die nothwendige Reform des Unterrichtes u. der Erziehung der kath. Weltgeistlichkeit Deutschlands, ebd. 1852; Die Reform der kath. Gelehrtenbildung in Deutschland, ebd. 1852; Reformen im Dienste der kath. Geistlichkeit Deutschlands, ebd. 1853; Die Gesellschaft Jesu, Mainz 1853, 2 Bde.: Der heil. Thomas von Canterbnry, ebd. 1855; Geschichte u. System der Staatswissenschaft, Karlsr. 1859, 3 Bde.; Österreichs Umbau in Kirche und Staat, Wien 1862; Rechtfertigung des Anspruchs Tirols auf seine Glaubenseinheit, Jnnsbr. 1863: übersetzte Maciejowski, Slavische Nechtsgeschichte, 1835—39, 4 Bde.; Blanqui, Geschichte der politischen Ökonomie in Europa, Karlsr. 1840, 2 Bde.; Gerando, System der gesummten Armenpflege, 1844—46, 3 Bde. 1863 wurde er in den österreichischen Ritterstand erhoben. Im Jahre 1866 zwang ihn ein Gehirnleiden, der öffentlichen Thätigkeit für längere Zeit zu entsagen, aber in den letzten Jahren ist er wieder in seine Stelle als Rechtslchrer eingetreten n. hat sich als De- putirter der ultramontanen Partei in der badischen 314 Bussa - 2. Kammer u. der Centrumspartei im Reichstage angeschlossen, in welch letzteren er 1874 zu Tauberbischofsheim gewählt wurde. Brambach.' Bussa, Hauptort der Provinz gleichen Namens in dem Königreich Borgu (NAfrika), rechts am Ouorra (Niger), der hier wegen der vielen Felsriffe schwer zu Yassiren ist; wenig Verkehr. Mungo Park verlor hier 1805 sein Leben; dagegen glückte es den Gebrüdern Lander 1830, diese Stadt zu erreichen. Bllssahir, ein Staat im nördl. Ostindien, im Himalaja, zwischen dem britischen District Spiti, Tibet, Gurhwal u. anderen kleineren Gebirgs- staaten, n. 30° 56' bis 32° 8' n. Br. n. 77° 34' bis 78° 52' ö. L.; ungefähr 7800 Usicm; etwa 200,000 Ew.; eine der gebirgigsten und höchst gelegenen Gegenden der Erde, an der tiefsten Stelle 1000 in, meist aber 2200—4000 in über dem Meere; Lurch den von O. nach W. durch- strömcnden Setledsch in zwei Theile gethcilt, von denen der nördl. Kunawur, der südl. B. heißt. Der Reichthum des Landes besteht in Mineralschätzen, vorzüglich Kupfer u. vortrefflichem Eisen; das beste wird bei dem Dorfe Shecl unweit der SWGrenzc gewonnen. Das Klima (besonders angenehm im Thal des Pabnr) variirt vom intcrtropischen Charakter (im Setledsch-Thal bei Rampur) bis zu ewigem Eise; ebenso die Pro- dncte des Thier- n. Pflanzenreiches. Man baut u. a. eine geringere Theesorte, die besonders nach Ladakh ausgeführt wird, n. namentlich in Knna- wur viel Wein. Die Bevölkerung des Nordens ist mongolischen Stammes, von kräftigem, athletischem Körperbau, kühner u. wahrheitliebender Gesinnung, mit der tibetischen verwandter Religion n. Sitten (Polyandrie); die des Südens Hindu mit entarteter brahmanischer Religion (Menschenopfer an die Kali nicht unüblich); der Radscha u. die oberen Klassen Radschputen. Das Land, welches in früheren Jahrhunderten in stetigen Kämpsen mit den Ghorka lag, steht seit 1815 unter den Schutze der Briten, die sich die Besetzung einiger Forts Vorbehalten haben und den Radscha zu Tribntleistung und Hecresfolge im Kriege verpflichtet halten. Thi-leman».' Bussang (Bnssans), Dorf im Arr. Remire- mont des franz. Deport. Vogesen, an der Quelle der Mosel; 2115 Ew.; dabei mehrere an Kohlensäure sehr reiche, auch kohlensaures Eisen enthaltende Säuerlinge; jährlich werden über 400,000 Flaschen Mineralwasser versandt. Bussard (vuteo Lee/rst., richtiger, aber weniger gebräuchlich Bußart), Gattung der Raubvögel, mittelgroße Raubvögel mit großem, weichschäftigem Gefieder, dickem, breitscheiteligem Kopfe, kurzem Schnabel, Lessen First von der Wurzel an gekrümmt ist; Flügel groß, dritte u. vierte Hand- schwinge die längsten; Schwanz gerade, kaum mittellang, von Heu Flügeln fast ganz bedeckt. Ihr Flug ist langiam, doch vermögen sie in schönen Spiralen lange zu schweben. Ihre Nahrung, kleine Säugcthiere, Vögel und niedere Thiere, erspähen sie von einer Warte aus oder im niedrigen Fluge, auch wol in einiger Höhe rüttelnd, n. ergreifen sie am Boden. Ihren großen Horst bauen sic aus starke Bäume und legen grünlich- Bllsschc. weiße, braun gefleckte Eier. Etwa 40 Arten; die nordischen sind Zug- oder Strichvögel, die südlichen Standvögel. In Deutschland: Der Mäusebussard (gemeiner B., Mäusefalk, Rüttelweih, Unkeufresser, Waldgeier, Wasservogel, Lutea vulgaris Lee/iÄ.), haushuhngroß; Schwanz mit 10—14 schmalen Qnerbändcrn gezeichnet; Färbung des Gefieders sehr verschieden, doch meist tiesbrauu, an der Unterseite thcilweise weiß, nackte Theile gelb. In Europa häufig; lebt meist von Mäusen; verzehrt aber auch Reptilien, Amphibien, Regen- Würmer u. Jnsecten (besonders Heuschrecken), in der Roth greift er auch Hühner u. Feldhühner an. Schreit hiäh. Der rauhsüßige B. (Rauch- fnßbussard, Schneeaar, L. ksAOpns L.) ist etwas größer, als der vorige; Läufe bis auf die Zehen befiedert; Schwanz weiß mit breitem schwarzem Bande an der Spitze, Oberseite tiefbraun mit Hellen Federkanten; bewohnt die nördl. Gegenden Europas u. Amerikas; ist bei uns nur durchziehender Vogel; in Nahrung u. Lebensweise dem vorigen ähnlich. Thcmö. Busiünchcr, so v. w. Bußkanones. BusMPitel, die statutenmäßig zu bcstimlme.i Zeiten gehaltenen Versammlungen aller Mitglieder eines Klosters und geistlichen Ritterordens, bei welchen dieselben vor den Oberen durch Selbstanklage (Capitclbcichte) ihre Fehler bekennen und eine Buße sich anferlegcn lassen sollten. Bllssche, 1) Hermann v. d. B. (Buschius), berühmter Humanist, geb. 1468 auf Schloß Sasscu- berg im Münsterlande; besuchte die Schule zu Deventer, studirte in Heidelberg, wo er Rudolf Agricola hörte, reiste dann nach Italien (1485) und wurde nach seiner Rückkehr zu Heidelberg Magister der freien Künste. Nach vielen Wanderungen, auf denen er Frankreich, Holland und England besuchte, in Köln, Hamm, Münster, Osnabrück, Bremen, Hamburg, Lübeck, Rostock, Greifswald, Frankfurt a. d. O., Erfurt, Leipzig, Wesel, Wittenberg u. a. lehrte, wurde er Professor der Geschichte in Marburg u. trat zur lutherischen Lehre über; er st. 1584 zu Dülmen bei Münster, wo er gegen die Wiedertäufer disputiren wollte. B. schrieb: Valium immanitatis, Köln 1518, Franks. 1719; Lpixraminata, Lpz. 1504; Abhandlungen u. Commentare über Silins Italiens, Juvenalis, Virgilius rc.; Os anotoritats verdi Ooi, Marb. 1529, Carmina in 2 Büchern. Vgl. Liessem, Os O. Luoseiui vita et soriptis, Bonn 1866. 2 ) Hans von dem, hannov. General, geb. 1774 in Nienburg; trat 1788 in die hannov. Garde ein, wurde 1793 Offizier, nahm 1795 am Feldzuge in Holland theil u. ging als Hanptmauu nach der 1803 erfolgten Auflösung der hannov. Armee nach England, wo er mit noch 2 Brüdern in die Englisch-Deutsche Legion cingereiht wurde. Er nahm in der Folge an allen Kriegszitgen der Legion theil, war 1807 bei den Landungstruppen» welche während des Bombardements von Kopenhagen die Küste Seelands besetzten, kam 1808 nach Gothenburg, dann nach der Pyrenäischen Halbinsel und kämpfte als Major eines Jägerbataillons, 1813 in SFrankreich u. 1814 u. 15 in den Niederlanden. Darauf zum Oberstlieutenant befördert, trat er 1816 wieder in die neu Buße — organisirte hannov. Armee über, war mehrere Jahre Generaladjutant des Generalgouverneurs, des Herzogs von Cambridge, und dann des Königs Ernst August n. verließ diese Stelle erst, uni als Generalmajor das Commando der leichten Brigade -zu übernehmen. Nachdem er später znm Generallieutenant anfgerllckt war, wurde er 1848 unter der Beförderung zum General der Infanterie in den Ruhestand versetzt. Er st. 30. Sept. 1851 in Hameln.. 1) Brambach. Buße (goth. bolm. althochd. xnor, puora, s. v. a. eommoäum, sols-tium, Trost, Herstellung, Heilung), 1) in religiöser Bedeutung das, was der Mensch an Thun u. Leiden aus sich nimmt, um dadurch Sünde gut zu machen, von Sllndenschuld los zu werden, das gestörte Verhältnis) zur Gottheit wiederherzustellen. Die B. ist eine ganz allgemein - religionsgeschichtliche Erscheinung, der Bußtrieb einHanptbeweggrund bei jedem Opfcrcnlt, das Bußwesen z. B. in der vedischen u. buddhistischen Religion aufs Äußerste ausgebildet. Auch die alttestamentliche Religion forderte im Falle der Gesetzesübertretung ans Unwissenheit od. Schwachheit als B. ein sogen. Sünd- oder Schnldopfer, von Sündenbekenntniß begleitet, eine Forderung, die der Prophetismus vergeistigte, indem er vor Allem ans Reue des Herzens n. neues Rechtthun drang, während das spätere Jndenthum ans die Äußerungen der B. durch Fasten, Kleidcrzerreißen, Anziehen von Säcken, in Asche sitzen, sich mit Asche bestreuen das Hauptgewicht legte. Die Forderungen Christi gingen principiell auf jene rein innerliche, sittlich-geistige B., wie sie schon die Propheten wollten (Llotanoia, Sinnesänderung). Das Verhältniß zu Gott wird hergestellt durch reuige Umkehr zu ihm als Vater, das zum Nächsten durch Abbitte, Schadenersatz. Die ur- christliche Kirche betonte aber daneben auch namentlich das Verhältniß der Christen zur Gemeinde. Matth. 18, 15 zeigt, wie Sünden der Christen auch als Störungen des Gemeindelebens betrachtet u. behandelt, womöglich durch Vorhalten an den Sünder u. dessen dadurch bewirkte Umkehr oder Ausschließung desselben ausgeglichen wurden. Wie die Apostel dabei durch kräftigste Bedrohung auf die Gemüther wirkten, zeigt 1. Cor. 5, 5, u. wie man ihnen die Macht, auch durch Strafwunder auszuschließen, zutraute, Apostclgesch. 5. 1. Tim. 1, 20. Diese kirchliche Seite der B. muß man im Auge behalten, um zu verstehen, wie die spätere Katholische Kirche aus der B. einen rein kirchlichen Act machte. Die Lehre der Katholischen Kirche ((tone. strick. 8ss»io XIV.) ist nämlich, die B. sei ein Sacrament, die heil. Handlung, durch welche die nach der Taufe Gefallenen der Gnade der Rechtfertigung, welche sie in der Taufe empfangen, aber durch Sünden verloren haben, wieder theilhastig werden. Die Form des Sacra- ments ist die Absolution des Priesters, die Materie sind die Acte des Büßenden, Zerknirschung, Beichte (als Ohrenbeichte), Genugthnung (Lurch gute Werke wie Beten, Fasten, Almosen n. s. f.). Der Protestantismus brachte wieder den Unterschied zum Bewußtsein, aus dessen Verwischung das mittelalterliche Bußsacrameut hervorgiug, den Unterschied zwischen B. vor Gott und vor der Bußgradc. "15 Kirche. Zur B. gehört nur Reue n. Glauben, die Abwendung des Willens vom Bösen im Gefühl der Schuld, die vertrauensvolle Umkehr zu Gott in Hoffnung gnädiger Vergebung. Die Kirche hat nur die Bedeutung, daß in ihr das Evangelium dargeboten wird zu gläubiger Annahme, Specielle Beichte u. specielle Absolution gehören ganz ins Gebiet der Seelsorge, die dem einzelnen dessen Bedürftigen znm Seelenfrieden helfen soll. Der Pietismus hat die Lehre des Protestantismus von der B. dahin verschärft, daß er keine Heilsgewißheit gelten läßt, die nicht auf dem Wege eines deutlich znm Bewußtsein gekommen Bußkampfes gewonnen sei. Der Methodismus geht darin weiter. Ihm geht die Gewißheit der Vergebung erst hervor aus einem förmlichen Bußkampfe, einem meist von körperlichen Couvul- sionen begleiteten Gefühl des Verdammtseins, zu dessen Erzwingung das Sitzen auf der sog. Angstbank dienen soll. Auch auf speciellcs Sündenbekenntniß, Aussprechen der religiösen Erlebnisse von den Predigern oder der Gemeinde legt der Methodismus großes Gewicht. Vgl. Steitz, Das römische Bußsacrameut, Franks. 1854; Fr. Frank, Die Bußdisciplin der Kirche von den Apostelzeitcn bis zum 7. Jahrh., Mainz 1867. 2) Große u. kleine B. nannte man im Mittelalter auch die Verbeugungen während des Gottesdienstes, je nachdem sie im Berühren der Erde mit der Stirne, oder nur in leichter Kopfneigung bestanden. 3) Jede strafe, insbesondere aber eine Geldstrafe (Geldbuße), welche für geringere Vergehen u. Frevel entweder an den Staat, od. an den Verletzten zn geben ist. Nach altem Germanischen Strafrechte konnte im Allgemeinen auch jedes Verbrechen durch ein an Len Verletzten oder an die Familie des Getödteten gezahlte B., d. h. eine Geldeutschädigung, gesühnt werden. Daneben war an den Staat nur eine Sühne des gebrochenen Friedens, das sogen. Friedensgeld (sist-gckum) zu zahlen. Nur wenn der Verletzte oder seine Verwandtschaft nicht durch die B., besonders bei den höhsten, wo eine hohe, kaum erschwingliche Geldsumme zu zahlen war, abgefunden worden war, trat der Staat oder vielmehr das Gesetz ein, welches den Verbrecher für friedlos erklärte (s. u. Friedlosigkeit), 4) (Bußstück) Stück Filz, welches auf dünne Seiten eines Hutes u. zwar auf die linke Seite (Bnß- seite) des Hutes gelegt wird, t) 2) Löffler, s) Bezold.' Bußen, 1) (Buchau u. B.) Herrschaft, so v. w. Buchau 1). 2) Berg bei Riedlingen im wllrttem- bergischen Donaukrcise, einzeln stehend, 750 m hoch, mit einer Kirche u. einem Wohnhaus auf seinem Gipfel u. weiter Aussicht über etwa 500 Ortschaften; als der bedeutendste Berg in Ober- Schwaben hieß er früher auch Schwabenberg. Büßende, 1) (koeuitontes) in der alten Christlichen Kirche grobe Sünder, welche sich der Kirchenbuße unterziehen mußten. 2) (Büßer, Büßerinnen) S. Bußorden. Bnßerschaften, s. u. Bnßorden 2). Bnsscto, Gemeinde in der ital. Prov. Parma, Bezirk Borgo S. Domino; 8663 Ew. Bußfertige Religiösen, s. u. Bußorden 4). Bußgrade, die in der alten Kirche seit Ende des 4. Jahrh. beobachtete Reihfolge von Büß- 316 Bußknnones ungen für Excommnnicirte bis zur Wiederaufnahme iu die Kircheugemeiuschaft: a. vlstns, das weinend Liegen in der Vorhalle der Kirche während des Gottesdienstes; l>. ^näitio, das Anhörcn der Schrifterklürung im Aufrechtstchen im Hintergründe der Kirche; s) Konnüsxio, das Beten knieend im Schiffe der Kirche unter der Fürbitte des Bischofs n. der Gemeinde; ci) Oonsistsntia, das stehend Beten mit der Gemeinde. BuWanönes ((lanonss posnibsnbialss) sind die von der Kirche festgesetzten Bestimmungen über »ie den Büßern aufzulegenden Bußwerke. Solche Kanones gingen nach dem Vorgänge Cyprians u. nach älteren Gewohnheiten von den Synoden zu Ancyra 314, Nicäa 325 u. s. f. aus. Die wichtigsten darauf sich gründenden Pönitcntialien, Bußordnungcn, finden sich bei Basilios von Cä- sarca (st. 379), Johannes Nestcnta, Patriarch von Constantinopel (586). Jin Abendlande entstanden während des ganzes Mittelalters überaus viele solche Sammlungen, worüber den ausführlichsten Nachweis enthält Wasserschleben, Beiträge zur Geschichte der vorgratianischcn Kirchcnrechts- quellen, Lpz. 1839. S. auch Morinus, Vs aäml- nistrationg Laoram. posnitsntias. Löffler. Bnsiklcid, 1) so v. w. vilioium. 2) So v. w. Sanbenito; s. u. Inquisition. Bussole (Bonssole,v.ital.8n8soIa,Büchschen), ein bei Feldmessungen gebräuchliches Winkelinstrnment, bestehend aus einem büchsensörmigcn Gehäuse mit in Grade eingetheiltem Kreisringe, in dessen Mittelpunkt <>ine horizontal schwingende Magnetnadel an- gcdracht ist. Die B. dient zunächst zur Bestimmung der Richtung einer aus dem Felde befindlichen Linie gegen den magnetischen Meridian des Ortes und mittelbar zum Winkelmessen. Ähnliche Instrumente, welche dem Seefahrer n. dem Markscheider zu gleichem Zwecke dienen, sind der See- u. Hängecompaß (l. Compaß). Man unterscheidet 2 Arten von B-n: L. Die Feldbnssole (der Keldmessercompaß, s. Fig. 1 der Tafel zum Magnetismus) besteht aus dem Compaß, dem Diopter oder Fernrohr u. dem Gestelle, a. Der Compaß ist ein Messingcylinder von 10—20 ein Durchmesser und 1 ,-, —3 ein Höhe, ans einer ebenen Mejsingplatte befestigt u. oben durch ein Glasscheibe verschlossen; im Mittelpunkte ruht die Magnetnadel mittels eines Carucolhütchens auf einem spitzigen Stahlstifle. In gleicher Höhe mit den wagerecht schwebenden Spitzen der Nadel ist an der inneren Wand des Gehäuses der in 360, rcsp. 400 Grade eingetheilte Kreisring be- scstigt; die Gradnummern laufen von links nach rechts wie die Ziffern ans der Uhr. Eine kleine Federvorrichtung — die Arretiruug der B. — dient dazu, die Nadel beim Nichtgebrauche von der Stahlspitze abzuheben und an die darüber liegende Glasscheibe leicht angedrückt festzuhalten. Üver, neben oder unter dem Compaß ist l>) das Diopter befestigt, u. zwar so, daß sich die Visirlinie in einer auf dem Gradringe senkrecht stehenden Ebene drehen läßt, welche diesen in dem Durchmesser von Punkt 0 nach 180 (resp. 200) od. in einer demselben parallelen Linie schneidet. Im letzteren Falle wird die Visirlinie excentrisch genannt. Bei manchen B-n (so in der auf unserer Tafel abgebildeten) ist — Bussole. das Diopter durch ein einfaches Fernrohr mit Fadenkreuz ersetzt. «.Das Gestelle der B. besteht ans eineni hölzernen Dreifuße mit messingenem Kopfe, auf welchen der Compaß anfgcschraubt wird u. der so eingerichtet ist, daß er eine Drehung des letzteren um die Schwingungsachse der Nadel gestattet n. daß zugleich dem'Gradringe eine horizontale Stellung gegeben werden kann. Diese letztere erkennt man daran, daß der Ring mit den Spitzen der stets wagerecht schwebenden Nadel bei jeder Drehung in gleicher Höhe bleibt, od. auch, indem man eine Dosenlibelle auf den Glasdeckel setzt. Um einen ans dem Felde abgestecktcn Winkel mit der B. zu messen, stellt man dieselbe über dem Scheitelpunkte des Winkels lothrecht auf, bringt den Gradring in horizontale Lage u. visirt zunächst das Signal an, welches den linken Winkelschenkel bezeichnet. Sobald die Nadel ruhig geworden ist, liest man die Anzahl der Grade am Nord- und SEnde der Nadel ab, wobei etwaige Bruchthcile von Graden nach dem Augenmaße eingeschätzt werden. Beide Ablesungen müssen, wenn der Stift genau im Mittelpunkte des Gradringes steht, die Nadel also einen Durchmesser des Kreises bildet, genau um 180" (rcsp. 200°) differiren. Im anderen Falle, wenn die Nadel excentrisch ist, gibt das arithmetische Mittel aus beiden Ablesungen (diejenige am Südende um 2 L. vermindert) die Neigung der Linie gegen den magnetischen Meridian (das Azimnth) an. Beim rechten Schenkel des zu messenden Winkels verfährt man in gleicher Weise und erhält schließlich das Gradmaß des letzteren in der Differenz der beiden Azimnthe. Diejenigen B-n, bei welchen das Diopter (oder Fernrohr) excentrisch, d. h. nicht lothrecht über oder unter der Nadel, sondern zur Seite derselben angebracht ist, geben bei einmaliger Beobachtung das Gradmaß der Winkel nicht genau an. Der — übrigens in der Regel unbedeutende — Fehler kann jedoch vermieden werden, wenn die B. eine zweite Beobachtung mit durchgeschlagenem Diopter gestattet u. aus beiden das arithmetische Mittel genommen wird. Ein hoher Grad von Genauigkeit wird beim Aufnehmen (s. d.) mittels der B. niemals erreicht, weshalb sie auch bei größeren Vermessungen wenig Anwendung findet. L. Die Orieutir-B. dient dazu, bei Meßtischaufnahmen, welche nicht im Anschluß an Dreieckspunkte (s. Aufnehmen) stattfinden, die Mittagslinie zu ermitteln und im Plan anzngeben. Dieselbe besteht aus einem rechteckigen messingenen Kästchen von etwa 15 om Länge, 7 ein Breite n. 2 em Höhe, in dessen Mitte sich eine Magnetnadel, ähnlich wie bei der Feld-B., mit 2 in Grade eingetheilten Kreisbogenstücken befindet, welche letztere sich so einander gegenüberstehen, daß der den Langseiten des Kästchens parallele Durchmesser die Punkte 0 u. 180 (resp. 200) der Gradein- theilung trifft. Hat man den Meßtisch im Felde aufgestellt und orientirt — d. h. die Linien des Plans den entsprechenden Linien auf dem Felde parallel gerichtet — stellt man alsdann die Orien- tir-B. auf das Meßtischblatt u. dreht sie so lange, bis das NEnde der Nadel auf 0, das SEnde auf 180 (resp. 200) einspielt, so entspricht eine an der Langseite des Kästchens, welche hier zu- 317 Busson — gleich als Lineal dient, gezogene Linie dem magnetischen Meridian. Trägt man hieran noch die bekannte magnetische Abweichung (Declination) des Ortes, so ergibt sich die wirkliche (geographische) Mittagslinie. Wimmenauer I,. Bufson, Charles, franz. Landschaftsmaler der Gegenwart, ans Montoire (Loire-et-Cher), ein Schüler von Remont u. Fran^ais; zeigt in seinen Bildern einen großen Zug der Terrainlinien, schöne Beleuchtung n. poetische Auffassung. Werke: Sonnenaufgang auf dem Meere; Nachdem Regen; Jagd im Moor. Regnet. Bnstordeii, im Allgemeinen alle Mönchs-Hl. Klosterfranenorden, sofern die Bnßidee dem gesummten Mönchswesen zu Grunde liegt, aber bes. jene Vereine mit feierlichen od. einfachen Gelübden, die nach bestimmten Regeln lebend, betend, gute Werke übend begangene Sünden abznünßen und vor künftigen Sünden sich zu bewahren trachten. Sie zerfallen in: 1) Religiösen u. Klosterfrauen von der Buße der heiligen Magdalena, schon während der Krenzzüge in Deutschland gestiftet u. dann unter verschiedenen Formen überall nachgeahmt, bes. um entsittlichte Frauen u. Mädchen zu bessern u. sittlich Bedrohte der Verführung zu entreißen; gemeinsames Leben mit der Clausur, unter strenger Aufsicht, geordnetes Gebet, Arbeitsamkeit, Unterricht in Religion n. weltlichen Kenntnissen, daneben Kranken- u. Armenpflege waren die Hanptmittel der Buße u. Besserung; Tracht verschieden. Sie standen unter Leitung von Religiösen derselben Regel oder der Ordinarien, arteten später aus, wurden gewöhnliche Frauenklöster und waren schon nahezu verschwunden, bis sie in der neuesten Zeit wieder anftanchten. So bestehen in Prenß.-Schlesien (Diöcese Breslau) noch 2 Niederlassungen der Magdalenerinnen von der Buße, welche 1873 49 Mitglieder zählten, für Krankenpflege n. Elementarunterricht. 2) Büßerschastcn, kurz nach den Bettelorden entstandene Vereine mit gemeinschaftlichen Kirchen, Gottesäckern, Fahnen, unter bestimmter Regel laut einfachen Gelübden zu bestimmten asketischen u. milden Zwecken lebend, moralische Personen mit einer Ordenstracht, die gleich im Schnitte, aber nach verschiedenen Congregationen in den Farben verschieden ist, so daß es Schwarze, Rothe, Braune, Graue, Grüne, Weiße, Veilchenblaue, Bunte Büßer gibt. Ein bis znm Knöchel reichender enger Rock von Serge oder Leinwand ist mit Leder oder Stricken gegürtet, hat eine gerade emporstehende, spitze, auch das ganze Gesicht bedeckende Kapuze mit 2 Löchern für die Augen; Schuhe oder Sandalen. Sie stehen unter den Ordinarien oder haben Welt- u. Ordensgeistliche zu Führern. Bes. in Frankreich. 3) B. des St. Franz, 1220 gestiftet von St. Franz von Assisi u. mit einer Regel beschenkt, wonach die Leute in ihren Familien u. bei ihren Geschäften bleiben, jede beliebige grobe Kleidung tragen, mit Ausnahme von Weiß n. Schwarz, keilte Waffen führen, Spiel u. Üppigkeiten meiden, an bestimmten Tagen fasten u. einen grauen oder braunen Nock von Serge mit einem Strick- gürrel unter ihrer bürgerlichen Kleidung tragen wüten. Dieses Muster aller späteren zahllosen Brüderschaften (Confraternitäten) erhielt erst 1289 Bußordcn. von Nikolaus IV. Bestätigung, nachdem der B. über ganz Europa sich zahlreich verbreitet hatte. In allen katholischen Ländern blüht er noch jetzt in mancherlei Abarten u. steigerte sich schon früh zu eigentlichem Mönchswesen durch gemeinschaftliches Leben n. feierliche Gelübde, zu rcgulirten Tcrtia- ricn, wie 4) Bußfertige Religiösen des 3. Ordens des St. Franz, mit allen Vorrechten der Bettel» orden begabt; Tracht: grauer Nock mit weißem Strickgürtel, eine vorn u. hinten spitze Mozette, woran eine Kapuze befestigt ist, beim Ausgehen ein grauer Mantel u. breiter schwarzer Hut; an der Kinnspitze lassen sie ein wenig Bart stehen. Der Orden theilte sich in die Congregationen der Lombardei, Siciliens, Dalmatiens, Istriens, von Zepparen, Deutschlands, Böhmens, Ungarns, Englands, Irlands, Rheinlands, Dänemarks, Schwedens, Spaniens, Portugals (hier Gute Leute von Caria genannt), Frankreichs rc., mit Tausenden von Klöstern, vielen Nüanccn in Tracht, Statuten, Hinneigung zur milderen oder strengeren Observanz des 1. Ordens, mit rein asketischem oder der Mitwelt nützlichem Streben. Die Reformation u. die Revolutionen machten der Mehrzahl ein Ende. 5) Religiosinnen des tz. Ordens des St. Franz, gestiftet 1226—31 von Sta. Elisabeth von Thüringen, weltliche Tertiaricrinnen, ohne Clausur n. feierliche Gelübde, welche sich als wohlthuende Vereine für Hospitalität, Armenver- sorgung u. Unterricht über die ganze Welt verbreiteten, in Tracht u. Regelstrenge sehr mannigfach lebten n. später größtcntheils in regnlirte Tertiarierinnen sich verwandelten, in Deutschland Elisabethinerinnen, in Frankreich Schwestern von der Zelle, andere Schwestern von Im laillo sich nannten. 6) Schwestern der Buße u. christlichen Liebe vom 3. Orden des hl. Franciscus aus dem Mntterhanse Heithuizen (Holland), gestiftet 1834. Es bestanden 1873 in Westfalen, der Rheinprovinz n. Preußen (Diöcesen Münster, Köln, Trier n. Kulm) noch 22 Niederlassungen mit 352 Mitgliedern, deren Zweck u. Hauptbeschäftigung ist: Erziehung n. Unterricht der Jugend u. Krankenpflege nebst Sorge für Nothleidende. 7) Regu- lirte Klosterfrauen des 3. Ordens des St. Franz, gestiftet 1395 zu Foligni von Angiolina Li Cor» baro u. im 16. Jahrh. bereits über 150 Klöster in Italien, Deutschland, Frankreich rc. verbreitet, unter Len Ordinarien oder im Verbände mit dem 1. Orden lebend, strengerer od. milderer Observation folgend. Der B. blüht noch jetzt in Deutschland u. Oesterreich u. widmet sich der Krankenpflege, Armenversorgung und dem Unterrichte; Tracht: Rock u. Scapulier braun, weißer Strick- gllrtel mit 5 Knoten, Wimpel u. Wichel weiß, tief bis an die Angen herab ein großer schwarzer Wichel darüber, bei Cereinonien ein brauner Mantel. 8) Hospitaliterinnen des 3. Ordens; Zeit der Stiftung unbekannt, 1483 neu geordnet in Congregationen; Zweck wie bei den Elisabethi- nerinnen; Tracht verschieden, schwarz, braun, blau, bes. grau mit weiß. Die strengste Observanz in Belgien trägt seit 1604 braun, ist weit verbreitet u. jetzt noch blühend. 9) Recollectinnen des 3. Ordens des St. Franz. Von diesen bestanden 1873 in der Preuß. Rheinprovinz (Diöcese 318 Bußtage — Köln) noch 7 Niederlassungen mit 52 Mitliedern, für Ertheilung von Unterricht. 10 ) Hospitaliter des 3. Ordens vom heil. Franz (Minimen, Sie- chenbrllder, Obregonen). 11 ) Iws dons lisnx, Con- gregation vom 3. Orden des St. Franz, gestiftet 1615 zn Armantiöres von dem Tuchmacher Henri Pringuel. für Handarbeit auf gemeinschaftliche Rechnung, Unterricht armer Kinder, Krankenpflege; ihre Klöster heißen Familien u. bildeten mitunter Jrrenspitäler,Correctionshäuser, Spitäler; Tracht: grauer Rock mit weißem Strickgürtel, breitkrämpige Hüte, kurze Bärte. Seit 1830 auch wieder in Belgien. 12 ) Klosterfrauen von der Buße in Mexico, gestiftet 1530 von Jsabella von Portugal, mit Klosterfrauen des 3. Ordens von St. Franz u.znr Erziehung junger Indianerinnen im Christenthum u. in weltlichen Kenntnissen; über ganz Mittel-Amerika verbreitet. Fr. Haber.» Bußtage (Buß- und Bettage, auch Fasttage, weil man ehedem an denselben fastete) gehören zu den ältesten Ordnungen der Christenheit, wie sie sich schon in den''ersten Jahrhunderten bildeten. Schon früher galt Mittwoch als Erinnerungstag an den Verrath des Judas Jscha- riot u. Freitag als Krenzignngstag Christi für B., die auf den Sonntag als Tag der Freude vorbereiten sollten. Mit Beziehung auf Christi 40tägiges Fasten in der Wüste wnrde sodann zur Vorbereitung der Osterfestfrende eine 40tägige Fastenzeit (OnnärsAesims.) bestimmt. Später kam hinzu als Vorbereitung ans die Weihnachtsfreude die Adventszeit, die gleichfalls den Charakter einer Bußzeit trägt (daher die Evangelien zum Theil von Johannes dem Täufer handeln). Zu diesen B-n kamen solche, die mit dem natürlichen Jahre in Verbindung stehen. Das ist der Ursprung der sogenannten Quatemberfesttage. Auch aller Natursegen u. alle Naturfreude sollten mit bußfertigem Herzen empfangen werden. Die dafür gewählten Tage im 1., 4., 7., 10. Monat (von März an gerechnet) trafen mit den Hauptsestzeiten Weihnachten, Ostern u. Pfingsten zusammen, u. das Herbstfasten am Krenzerhöhnngstage (14. Sept.) galt als Übertragung des großen Versöhnungs- tsges der Juden. Ais Bnß- u. Bettage für Feld- srüchte wurden seit dem 5. u. 6. Jahrh. auch noch die 3 Tage vor Himmelfahrt und der 25. April, der Tag Marci, als Tage der sogenannten größeren und kleineren Litanei üblich. Neben diesen feststehenden B-n u. Bußzeiten der Dies ro^atio- nnm kamen auch außerordentliche Bußtage auf, die Dies snpxlioationnw, so der Bußtag, den Theodo- sios d. Gr. bei einem Erdbeben in Constantinopel anordnete, oder 452 Bischof Mamertus in Vienne wegen der Drangsale der Zeit, wie dann auch später in der Türkennoth, im 30jährigen Kriege, in größeren Theuerungen, in Seuchen, beim Ausbruch eines Krieges bis heute solche außerordentliche B. bei allen Confejsionen angeordnet zu werden Pflegen. Die Reformation hob mit der Abschaffung der Fastengebote auch das äußerlich Unterscheidende der B. u. Bußzeiten auf, behielt aber für diese vielfach im Anschlüsse an die altkirchliche Sitte die Predigt der Buße u. das Bußgebet bei. Daher wird fast überall in der Evangelischen Kirche der Mittwoch u. der Freitag durch Wochengottes- Busrailwlilc. dienste ausgezeichnet. Auch die alten Litaneitage oder die Quatember wurden als Jahres-B. gefeiert, auch früher schon (z. B. in der Kasselschen Kirchenordnung von 1530, der Waldeckschen von 1556, der Lippeschen von 1571) monatliche B. festgesetzt. Das 17. Jahrh. brachte in der Protestantischen Kirche eine Vermehrung, das 18. eine Beschränkung der B. Gegenwärtig herrscht in der deutschen Evangelischen Kirche die größte Mannigfaltigkeit in der Zeit der Bußfeier. Mecklenburg-Schwerin hat wöchentliche u. 4 jährliche B., Hessen-Kassel, Hessen-Darmstadt, ein Theil >Kn Württemberg monatliche, Württemberg außerdem einen jährlichen am Sonntag Jnvocavit, Hannover, Sachsen, Bayern 2, Preußen 1 (Mittwoch nach Jubil.) jährlichen Bußtag. Die Schweiz feiert den Sonntag nach dem 21. Sept. als allgemeinen Buß- u. Bettag. Löffler. Bußfaxe ('laxs, eanoellarias apastolieae), Bestimmungen über die Geldstrafen, welche statt anderer Büßungen für begangene Sünden nach den Bestimmungen der Katholischen Kirche bezahlt wurden. Wahrscheinlich durch Johann XXII. ein- gefllhrt, wurde die B. unter Leo X., Rom 1512 u. ö., gedruckt; sie steht auch im 16. Bande des Oosanns jnris, Ven. 1784. Bußthalcr, die Gebühr, welche hier und da nach Abschaffung der Kirchenbuße wegen fleischlicher Verbrechen an die Geistlichen bezahlt wnrde. Büßungen (8ntiskaotionos, Genngthuungen), Werke, Enthaltungen, Leistungen, welche der Priester, richterlich an Gottes Statt stehend, nach der Absolution anflegt. Die Absolution hebt die ewigen Strafen auf, aber die zeitlichen (irdischen u. Kegfeuer)-Strafen müssen durch B., freiwillig übernommen, abverdicnt werden. L-ffler. Bussh-Mignot, eine alte, ursprünglich französische, aus dem Schlosse Bussy in Beaujolais stammende, zur Zeit der ersten Revolution nach Österreich ansgewanderte, katholische Grafenfamilie. Roger de Rabutin, Graf von B., bekannt unter dem Namen Bnssy-Rabutin, geb. 13. April 1618 zu Epiry in Nivernois; war seit seinem 13. Jahre in Kriegsdiensten, wurde Gouverneur von Nivernois u. Marechal de Camp; er widmete sich später, als er wegen eines Spottgedichtes auf Ludwig XIV. in Ungnade gefallen war, literarischen Beschäftigungen, kehrte nach 17 Jahren an den Hof zurück, zog sich aber, als er die Gunst des Königs doch nicht wieder erlangen konnte, auf seine Güter zurück; st. 9. April 1693 in Autnn. B. schr.: Hist, amonrsnss äos Oanlss, Lütt. 1665, n. A., Par. 1754, 5 Bde., Par. 1857, 2 Bde.; LIsmoires, ebd. 1696, 2 Bde., u. Hist. adrsAss äs Iwnis Is 6ranä, ebd. 1699; Iwttrss, hergusgeg. von P. Bouhours, 1697, 7 Bde. Das einzige von feinen Werken, das man noch heute liest, ist die Hist, am. äss O., eine Oiwamgns soanäalsnss, in der er die Sitten des damaligen Hofes schildert. Volchert? Bnstamente, Anastasio, Präsident v. Mexico, Sohn eines mexikanischen Pflanzers, geb. um 1796 in der Gegend von Queretaro; trat zuerst 1827 in SAmerika als General der Republik Columbia, bald darauf in Peru hervor, wo er gegen Columbia kämpfte. Nach beendigtem Kriege kehrte er nach Mexico zurück, wo er 26. Jan. 1829 vom 319 Vustamit Eongreß zum Präsidenten erwählt wurde, aber dein Einflüsse der Demokratie weichen u. sich mit der Vicepräsidentenstelle begnügen mußte. Befehlshaber der gegen die Spanier aufgestellten Armee, richtete er sich nach Vertreibung derselben gegen den Präsidenten Guerrero, den er zum Niederlegen des Amtes nöthigte, u. wurde selbst I.Jan. 1830 zum Präsidenten gewählt; aber als Anhänger der Altspanier u. Aristokraten unpopulär, wurde er durch den Aufruhr Santa Annas, bei Puella entscheidend besiegt, gezwungen, die Präsidentschaft 1833 anPedrazza abzugeben, n. aus Mexico verbannt. Nach der Vertreibung Santa Annas kehrte er 1838 nach Mexico zurück, dessen Präsidentschaft er vom 25. Febr. 1837—1841 führte. Der Krieg mit Frankreich u. Aufstände der nördlichen Provinzen, durch seine Centralisirungspläne veranlaßt, ließen ihn nicht zu einer ruhigen Verwaltung kommen; die Auslegung der Consumtionssteuer machte ihn verhaßt, so daß er 1841 abdankte und nach Europa ging. B. st. 6. März 1853 in Mexico, ohne wieder politisch hervorgetreten zu sein. Bustamit, Art Mangankiesel. Bnstar (Dschugdulpur), Stadt im britischen Gebiete Nagpur in Ostindien, am Jnderowytfluß; starkes Fort; 4—5000 Ew. Der Zemindar von B., mit dem Titel Radscha, hat sehr ausgedehnte Besitzungen und zahlt eine jährliche Abgabe von 5000 Rupien. Büste (vom ital. Lnsto), Brustbild; plastisches Kunstwerk aus Gold, Silber, Erz, Stein, Wachs, Marmor, Gips, Töpfererde rc., welches einen Bildniß- oder Jdealkopf, mit seinem Theil der Brust oder auch des Unterleibes ganz darstellt u. auf einer Basis ruht. Die älteren B-n sind Hermen, bei den Griechen häufig Ehrendenkmale, wie wieder in neuester Zeit die B-n in der Walhalla (s. d.), bei den Römern integrirender Theil der Grabsteine. Die abgerundete Büsteuform kommt erst unter den römischen Kaisern in Gebrauch. Sic waren meist von Marmor, in Hercnlanmn von Bronze, sehr wenige aus Edelsteinen und edlen Metallen. Abbildungen derselben befinden sich, außer in Mnseographien u. den älteren Ikonographien von Fnlvio Ursini, Joh. Faber, Joh. Angela Canini, Bellori u. I. Gronov (in seinem Lüesaurns antignit.Araso.), besonders in Visconti, loouograpüio auoiouns (griechische, Par. 1811, 3 Bde.; römische, ebd. 1817—29, 4Bde.). Vgl. I. Gurlitt, Über antike Köpfe, Hermen n. Büsten, Magdeb. 1799; Desselben Versuch über die B-n- kunde, ebd. 1800. Bllsti (auch Busto, Agostino, Bustino, Bambaja, Bambara u. Zarabara geheißen), italien. Bildhauer ans dem Mailändischen, geb. 1470, gest. gegen 1550. B. ist weniger bekannt, als seine trefflich ausgeführtcn Werke verdienen, in denen er einem gesunden Materialismus huldigte. Hauptwerke: Grabmal Gastons de Foix in Sta. Maria in Mailand, das beim Abbruch der Kirche leider zerstört ward (einzelne Theile davon im Museum daselbst); ebenda das Denkmal dcs Lancino Curzio, vordem in St. Marco; Denkmal der Familie Mrago in St. Francesco; Altarwerk (Retable) in der Opferungskapelle des Domes u. Grabmal des Cardinals Carracciolo. Regnet. — Bute. Busto Arsizio, Gemeinde in der ital. Provinz Mailand, Bez. Gallarate, Eisenbahnstation; 12,909 Ew. Bustrophedon (gr.), 1) sich nach Art eines pflügenden Ochsen einmal von der Linken zur Rechten, dann von der Rechten zur Linken umwendend. 2) Die bei den älteren Orientalen n. Griechen gebräuchliche, die Entstehung der Fnrche auf jene Art nachahmendc Art zu schreiben; so waren unter anderen Solons Gesetze und du Sigcische Inschrift geschrieben, indem von der Rechten zur Linken angefangen, dort umwendend von der Linken zur Rechten und so fort geschrieben wurde. Susiusmi (röm. Aut.), 1) Gladiatoren, welche bei solennen Leichenbestattnngcn am Scheiterhaufen kämpften. 2) Leute, welche Bestattungen der Leichen auf dein Verbrennungs- oder Begräbnißorte (Lnstum) besorgten. kustum (lat.), 1) Ort, wo ein Todter verbrannt u. beerdigt wurde. 2) So v. w. Grabmal. Busuluk, Kreisstadt des russ. Gouv. Samara, am linkenUfer des gleichnamigen Flusses; 1 Kirche; mehrere Schulen; Fabriken; Bienen-u. Viehzucht; 10,000 Ew. B., 1736 gegründet, Wad früher eine Festung. Büsum, Marktflecken an der WKüste des schleswig-holsteinischen Kreises Norder-Ditmarschen, ans einer 1588 eingedeichten u. dadurch landsest gewordenen Insel, wonach der sonst Nordtorp genannte Ort den jetzigen Namen im 17. Jahrh. erhielt; Seebad; guter Hafen Seefahrt, Fischerei, namentlich Krabbenfang; Ackerbau und Viehzucht; 850 Ew. Butakow, Alexis Jwanowitsch, russischer Admiral; rühmlichst bekannt durch seine Forschungen zur näheren Kenntniß des Aral-Sees und der unteren Flußbetten des Oxus u. Jaxartes, sowie durch die Herstellung genauer Karten dieser Gebiete. Die Resultate seiner Ausnahmen hat er in dem Journal der Geographischen Gesellschaft von London (1853 u. 1867) u. in der Zeitschrift für Erdkunde zu Berlin (1858 n. 1866) mitgethcilt. Er starb 11. Juni 1869 ans einer Erholungsreise in Deutschland. Butan, s. Bhotan. Bute, 1) Grafschaft (Stewartry) in SSchott- land; lauter Inseln (B., Arran, Jnch-Marnoch smit Leuchthurmj, Great- n. Little - Cnmbrae); 582„ IMm ( 10,5 UM); 16,977 Ew. 2) Insel hier, im Clyde Früh, durch den Kanal Kyles of B. von der Grafschaft Argyleshire getrennt; etwa 125 HHKm; 11,000 Ew.; sehr fruchtbar; Klima feucht, aber gesund, das Thermometer fällt selten unter Null; zwei Häfen: Rothesay n. Kerryerey; Ruinen eines falten Druidentempels; Landbau (Kartoffeln, Hafer); Häringsfang. B. ist das Vaterland der Stuarts u. gibt einer Linie des Hamiltonschen Hauses den Grafentitel. Die Hauptstadt ist Rothesay, von welcher der Prinz von Wales den Herzogstitel führt, an der Bai B. Bute, John Stuart, Earl of B., brit. Staatsmann, geb. 1713 in Schottland; wurde 1737 von der schottischen Peerage in das Oberhaus geschickt, aber als Gegner der Minister 1741 nicht wieder gewählt u. zog sich auf seine Güter zurück, 320 Lutea — Butkow. wo cr bis zur Landung des Prätendenten in Schottland 1745 blieb. Er begab sich nun nach London, wurde Günstling des Prinzen von Wales, dessen Erziehung er seit 1751 leitete, nach dessen Thronbesteigung als Georg III. Mitglied des Geheimen Nathes, 1761 Staatssekretär u. Kanzler der Schatzkammer; schloß als solcher 1763 den Frieden in Fontainebleau, machte sich aber dadurch und durch Begünstigung der Tories viele Feinde u. zog sich 1772 von den Geschäften zurück; er st. 10. März 1792. B. schr.: Lotani- eal tadles, 9 Bde., ein botanisches Prachtwerk sür die Königin von England, enthaltend die in Großbritannien einheimischen Pflanzenfamilien. Von diesem Werke wurden nur 12 Exemplare abgezogen, welche er verschenkte. kutos Lowb., Pflanzengattnng, benannt nach dem Vor., ansderFam.derI?api1ionallsaö-I?ÜLseo1sao- Lrzcksirmsas,, Bäume oder Sträucher mit windenden, filzigen Ästen, Ztheiligen Blättern, prächtigen goldgelben oder feuerrothen, in zusammengesetzten Trauben oder Rispen stehenden Blüthen; Kelch groß, lippensörmig; Blnmenkrone mit eiförmiger Fahne u. großen, sehr stark gekrümmten, spitzen Kähnchen; ein Staubblatt frei; Fruchtknoten mit 2 Eichen, verlängertem Griffel u. kleiner Narbe; Frucht eine lederartige, längliche, an der Basis flache und nicht aufspringende, oberwärrs dicke, 2klappige u. einsamige Hülse. Arten: L. kron- äosa Lowb., mäßig hoher Baum, mit orange- rothen, traubenständigen Blüthen, 1^—1^- cim langen n. 4 cm breiten Hülsen u. 3 mm langen, bohncuförmigen, braunen Samen. 8. snpsrba Lowb.,Schlingstranch mit ebenso gefärbten Blüthen, aber breiteren Hülsen. Ans der verwundeten Rinde beider tritt während der heißen Jahreszeit ein rother Saft hervor, der an der Sonne zu einem rubinrothcn, rein adstringirenden Gummi (Kuni) erhärtet, das für das ostindische Kino gehalten wurde, sich jedoch von dem echten durch den Mangel an eisenblänendem Gerbstoff unterscheidet. Auch liefert 8. kronäoss, eine Sorte Katechu, welche in 1IrA schweren Massen in den Handel kommt n. zum Schwarzfärben verwendet wird, während das Gummi mit Eisensalzen eine Dauerhafte Tinte gibt. Die Zweige sind oft ganz mit Lackschildläusen bedeckt, daher auch von diesem Baume Gummilack gesammelt wird; die Samen sind ein sehr geschätztes Wurmmittel. Engter. Buteniew, Apollinar Petrowitsch, russ. Diplomat, geb. um 1790; begann seine Laufbahn im asiatischen Departement der auswärtigen Angelegenheiten, wurde 1821 Legationssecretär in Constantinopel, 1828 zum Staatsrathe ernannt u., nachdem er nach der Abberufung des Grasen Orlow einige Monate als Geschäftsträger in Constantinopel sungirt, 1830 selbst als außerordentlicher Gesandter u. bevollmächtigter Minister Rußlands daselbst accreditirt. Seine Unterhandlungen in Betreff der Ausführung der Londoner Protokolle über den Friedensvertrag vonAdrianopel (14. Sept. 1829) n. über die Auswechselungen der weiteren Bestimmungen dieses Friedens, die Verhandlungen über die Offenhaltung des Schwarzen Meeres sür russische Handclssahrzeuge und seine besondere staatsmännische Thätigkeit bei dem Zustandekommen des Vertrages von Unkiar-Skelcssi, Defen- sivallianz zwischen Rußland n. der Pforte (8. Juli 1833), sein andauerndes diplomatisches Wirken für den jungen Staat Griechenland, die Vermittelung bei den Conflicten zwischen der Pforte und Ibrahim Pascha (1834), die Verhandlungen über die Herabsetzung u. Auszahlung der Contribntions- gelder und über die Räumung Silistrias (1836) u. seine Bemühungen, 1839 den Frieden zwischen der Pforte n. Mehemed Ali von Ägypten zu vermitteln, beförderten Rußlands Einfluß im Divan. Da er in der serbischen Fürstenfrage 1842 eine Niederlage erlitt, erbat er seine Abberufung u. erhielt 1843 den russischen Gesandtschaftsposten in Rom, mit der Aufgabe, die Differenzen zwischen Rußland u. Rom in Bezug auf die Verhältnisse der Katholischen Kirche in Rußland zur Ausgleichung zu bringen; es gelang ihm jedoch erst 1847, das Concordat zwischen Rußland und Nom, über die hierarchisch-geistlichen Angelegenheiten der Römischen Kirche im Russischen Reiche u. über Gründung neuer katholischer Diöcesen in Rußland zum Abschluß zu bringen. Im August 1856 wurde er zum zweiten Mal bevollmächtigter Minister Rußlands in Constantinopel u. kehrte 1858 nach Petersburg zurück, wo er seitdem Mitglied im Reichsrathe war. L-igai." kntso, so v. w. Bussard. Bntjadinger- u. Stadlerland, Landstrich im Kreise Ovelgönne des Großherzogth. Oldenburg, zwischen der Wesermündung u. dem Jahde- busen. Das B. ist der nördliche, das L-tadlerland der südliche Theil, beide getrennt durch die Hete; 7Vogteien; 15,600 E.; der Boden ist fruchtbar, erbringt viel Getreide; die Viehzucht ist bedeutend: Pferde, Rindvieh, Schafe (Butjadinger Schafe, s. u. Schafe), Schweine, die in sehr großer Zahl ansgc- führt werden; für die Industrie bleiben daher sehr- wenig Hände. Das Land muß nach drei Seiten hin gegen das Meer kämpfen u. hat von Überschwemmungen, wie in den hohen Fluthjahren 1717, 1786, 1792, sehr viel zu leiden. — Die ursprünglichen Einwohner dieses Landstriches waren Chauken, denen Friesen folgten. Um den Besitz dieses Landes stritten lange Zeit die Erzbischöfe von Bremen, die Grafen von OFricsland und die Grafen von Oldenburg. 1513 u. 1514 eroberten es die Herzöge von Braunschweig, Heinrich von Wolfenbüttel, Erich von Kalenberg und Heinrich von Zelle mit Hilfe des Grafen Johann XIV. von Oldenburg, theilten cs durch das Loos unter einander, u. der Graf von Oldenburg bekam das Stadlerland als brannschweig. Lehn. Bis 1523 erkaufte Oldenburg auch die librigen Antheile nach u. nach. 1667 fiel es nach Aussterben der Grafen von Oldenburg an Dänemark u. die Herzöge von Holstein-Glllckstadt, als aus dem Hause Oldenburg herstammend. 1773 trat es Dänemark gegen Theile des jetzigen Holstein wieder an Oldenburg ab. Butkow, Peter Grigorjewitsch, russischer Historiker n. Archäolog, geb. 1776 in Moskau; war als Regierungsbeamter in mehreren Provinzen, zuletzt als Mitglied des Ministeriums des Innern zu St. Petersburg thätig; starb 12. De- cember 1857. Er war Mitglied der Petersburger Butlcr — Buto. 321 Akademie, in deren Publicationen eine Reihe von seinen Abhandlungen erschien; außerdem war er Mitarbeiter in« u. ausländischer Journale. Hervorzuheben ist seine Bertheidigung der Russischen Chronik des Nestor gegen die Angriffe der Skeptiker, im Archiv für wissenschaftliche Kunde von Rußland I., Berl. 1841, mit Nachtrag, 1850. Brambach. Butler, 1) County im nordamerikan. Unionsstaate Alabama, u. 31° n. Br. u. 86° w. L.; 14,981 Ew.; Countysitz: Greenville. 2 ) County im nordamerik. Unionsstaate Iowa, u. 42° n. Br. u. 92° w. L.; 9951 Ew.; Countysitz: B. Canton. 3 ) County im nordamerik. Unionsstaate Kansas, u. 37"n. Br. u. 97"w. L.; 3635 Ew.; Countysitz: Eldorado. 4 ) County im nordamerikan. Unionsstaate Kentucky, u. 37° n. Br. u. 86° w. L.; 9404 Ew.; Countysitz: Morgantown. 5 ) County im nordamerikan. Unionsstaate Missouri, u. 36° n. Br. u. 90° w. L.; 4298 Ew.; Countysitz: Poplerbluff. 6) County im nordamerik. Unionsstaate Nebraska, u. 41° n. Br. u. 97° w. L., im N. vom Plattefluß begrenzt; 1290 Ew.; Countysitz: Savannah. 7 ) County im Nordamerika». Unionsstaate Ohio, u. 39° n. Br. u. 84° w. L.; 33,912 Ew.; Countysitz: Hamilton. 8) County im nordamerik. Unionsstaate Pennsylvania, u. 40° n. Br. u. 80° w. L.; Steinkohlen, Eisenerz, Kalk; 39,510 Ew.; Countysitz: B. Butler, ein weitverzweigtes irisches Geschlecht: !) Walther, B. der Jüngere; trat als Gemeiner in kaiserliche Dienste u. wurde 1631 in Frankfurt a. d. O. von den Schweden gefangen; freigelassen, nahm er 1632 unter Wallenstein Dienste u. wurde Oberst eines meist ans Irländern bestehenden Dragonerregimcnts, half Böhmen von den Schwe- den säubern, erhielt im Fürstenthnm Jägerndorf Winterquartiere u. heirathete hier die Gräfin Fontana. Auf Wallensteins verrätherische Pläne ging er nicht ein; in Eger, wohin ihn Wallenstein mitgenommen u. auf seine Treue gerechnet hatte, verband er sich mit Devereux, Gordon u. Leslie zur Gefangennehmung Wallensteins u. rieth der größeren Sicherheit wegen zu dessen Ermordung, was die Verschworenen 25. Febr. 1634 ausführten. B. ging zunächst nach Wien, wo er von dem Kaiser in den Grafenstaud erhoben, mit Gütern in Böhmen (u. a. die Herrschaft Kirchberg) beschenkt u. zum Generalmajor ernannt wurde. B. focht dann noch 6. Sept. 1634 bei Nördlingen, starb aber noch in diesem Monat bei Schorndorf. Er hinterließ keine Kinder. Von seinem Neffen stammen die Grafen B.-Cloneburgh ab. Vgl. Carve, Itinsiarium cum kustoria Lublsri ebo., Mainz u. Speier, 1640—46, 3 Bde. 2 ) James B., Herzog v. Ormond (s. d.). 3 ) Samuel, engl. Dichter, geb. 3. Febr. 1612 zu Strensham in Worcestershire; war erst Gehilfe eines Friedens- ' richters zu Earls Croom und zur Zeit des Bürgerkrieges Erzieher in dem Hause des Sir Samuel Luke, eines Anhängers von Cromwell. Ob- wol reich vcrheirathet u. von Karl II. als Dichter bewundert, st. er doch in dürftigen Umständen 1680; 1721 wurde ihm ein Denkmal iu der Westminsterabtei errichtet. Er schr. die komische Epopöe: Iluäibras (worin er die schwärmerischen Tollheiten der re- Pierers Universal-Conversatioiis-Lexikon. 6. Aufl. ) ligiösen Secten u. polnischen Parteien in der Re« volution nach Art des Cervantes persiflirte), Lond. 1663—78, 3 Thle., u. ö., mit Erläuterungen von Grey, Cambr. 1744, 3Bde., ».Nash, Lond. 1793, 3 Bde., 1847, 2 Bde., von Gilfillan, Edinb. 1854, 2 Bde., von Bell, Lond. 1861, n. A., 1864, deutsch von Soltau, Köuigsb. 1798, von Eiselein, Freib. 1845; Rosbiiumous rvorks, Lond. 1732, 3 Bde. (unecht); dsnuins Romains, 1759, 2 Bde. Vgl. Johnson, im 1. Bd. von: Inkos ok tko Rnxiisii xoets, n. A., Lond. 1872. 4 ) Francis Ben. jamin, nordamerikan. Politiker u. General der Freiwilligen in der Armee der Verein. Staaten, geb. 5.Nov. 1818 in Deerfield (New-Hampshire); gra- duirte imWatervilleCollegeinMaineu.studirtel838 die Rechte ander Lowell-Universität in Massachusetts, wo er 1841 als Advocat an die dortige Barre gerufen wurde. Als solcher zeichnete er sich sehr bald als Criminaljurist u. demokratischer Politiker aus. Mitglied der Legislatur seines Staates i. I. 1853 u. des Senats von 1859—60 u. Delegirter zur demokratischen Nationalconvention zu Charleston u. Baltimore, unterstützte er daselbst die Wahl von Jefferson Davis u. John C. Brecken- ridge. Er selbst wurde als einer der demokratischen Candidaten für den Posten eines Gouverneurs von Massachusetts aufgestellt. Inzwischen war er zum Brigadegeneral m der Miliz aufgestiegen, und als der Bürgerkrieg 17. April 1861 ausbrach, führte er die 8. Massachusetts-Brigade der Unionsarmee zu. Nachdem er bei Great- Beatel eine Schlappe erlitten, ward er als Com- mandant nach Baltimore u. später nach OVir- ginicn gesandt. Im Februar 1862 erhielt er das Commando über die Streitkräfte, welche von Boston nach Ship Island an der Mündung des Mississippi gesandt wurden, u. nach der Einnahme von New-Orleans durch den Admiral Farragut ward er daselbst Militärgouverneur. Durch seine dort ausgeübte, vielfach an Brutalität grenzende Strenge gegen die Antiunionisten zog er sich den bitteren Haß des ganzen Südens zu. Abberufen von seinem Posten, kehrte er nach OVirginien zurück u. unterstützte General Grant in seinen Operationen gegen Petersburg u. Richmond. Am 13. Juni 1865 verursachte er durch seine Weigerung, mit der maritimen Streitmacht zusammen zu wirken, das Fehlschlagen des ersten Angriffes auf Fort Fisher, den festesten Pnnkt in der Bertheidigung von Wilmington. Gegen Ende des Krieges nach Massachusetts zurückgekehrt, nahm er als äußerster Radicaler thätigen Antheil an der Politik, befürwortete die Jnanklagestellung des Präsidenten Johnson u. ward 1866 von seinem Staate in das Repräsentantenhaus des Congresses gewählt. 1872 war er einer der Hauptbesörderer der Wiederwahl des Präsidenten Grant. 4) Wartung. Buto, eine Göttin in der ägyptischen Mythologie; sie wird von Reinisch dem Todtenbuche zufolge für eine der Feuergottheiten erklärt. Als Isis vor Typhon floh, vertraute sie der B. ihre Kinder Horos u. Bubastis, mit denen sich diese auf die Insel Chemmis im See Butos (jetzt Burlos) bei der Stadt Butos (Buto, jetzt Koni Kasir, nach And. El Burib) in Unter-Ägypten be- ,gab. Hierauf wurde sie als Göttin zu Butos v. Band. 21 322 Lntonin-eens — Butter. verehrt, wo sie auch ein Orakel hatte und wohin mau wallfahrtete. Ihr geweiht war die Zieselmaus. kutomsvsse (Wasserliesche), Pflanzeusamilie aus der Klasse der llslobias, von vielen Botanikern als Unterfamilie der Xlismaesas angesehen, mit 3blätterigem Kelche, 3blätteriger Blumenkrone, 3, 6, 9 u. mehr (bis 40) Staubblättern, 6 od. mehr (bis 20) Fruchtknoten, die viele Samenknospen an einem wandständigen, netzförmig verästelten Samenträger enthalten. Gattungen: Ilubomns, A/- ärostois u. lamnostiaris, perennirende Sumpf- pflanzen. öutomus D., Pflanzcngattnng ans der Familie der Bntomaceen (IX. 3), mit 9 Staubblättern u. 6 Früchtchen in jeder Blüthe. Art: 6. ninbeUatnsD. (Blumenbinse), eine der schönsten deutschen Wasserpflanzen, mit lineal-3kantigen, steif-ausrechten Blättern u. stielrundem, 1—1H m hohem Schafte, an dessen Spitze die langgestielten, röthlich-weißen Blnthen eine Scheindolde bilden; in Sümpfen, stehenden Gewässern rc. nicht selten. Buton (auch Butong u. Bontong geschrieben), Insel im SO. der südöstlichen Halbinsel der Sunda- Jnsel Celebes (Asien); 4735,^ sDüm (86H>M); großgebirgig, doch gut angebaut; Products: Reis, Mais, Tropenfrüchte, Gewürze, Baumwolle. Die Einwohner (Malaien) stehen unter einem von Holland abhängigen Radlcha. Zwischen B. und Celebes liegen mehrere von B. abhängige Inseln; so Pangasani, welche nur Lurch einen Kanal von B. gelrennt wird, u. das fruchtbare Cambine. Bülow, 1) Kreis im preuß. Regbez. Köslin (früher mit Lauenburg verbunden); 588,g dsicm (11 s^W); 24,810 Ew. 2) Kreisstadt daselbst, am gleichnam. Flusse; Kreisgericht; Schullehrer- Seminar; Dampfschneidemühle; 4596 Ew. — B. wurde 1310 den Pommern von dem Deutschen Orden abgenommen; 1460 eroberten es die Polen, aber durch Herzog Erich von Stettin erhielten es die Deutschen Ritter wieder. Die Polen nahmen es wieder, u. nun erhielten es die pommerischen Herzöge von Lauenbnrg. 1657 kam es nach Aussterben der Herzöge an Brandenburg. Butschowih , Flecken im Kreise Brünn des österreich. Kronlandes Mähren; 2 Dampfmühlen, Kunstweberei, Tuch- u. Kafimirfabrik; 3000 Ew. Butschwyl, Pfarrdorf im Bez. Alt-Toggenburg deS schweizer Kantons St. Gallen, an der Thur, Station der Toggenburger-Bahn; 2662 Ew. Butte, County im Nordamerika». Unionsstaate California, unter 39" n. Br. u. 121° w. L.; Silber, Gold, Platina, Quarz, Eisen u. Quecksilber; 11,403 Ew.; Conntysitz: Hamilton. Butte, Fisch, so v. w. Scholle. Butte, 1) Wilhelm, staatswissenschaftlicher Schriftsteller, geb. 1772 zu Treis in Kurhessen; wurde 1792 Professor am Gymnasium zu Gießen, 1794 landgräflich hessen-darmstädtischer Priuzen- hosmeister, 1804 Professor der Statistik u. Staats- Wissenschaft in Landshut, 1816 Regieruugsrath in Köln; er st. das. 1833. B. ist Begründer der sog. anthropologischen Biotomie u. schr.: Blicke in das hessen-darmstädtische Land, 1803, 2Bde.; Statistik der Wissenschaft, 1808; Grundriß der Arithmetik des menschlichen Lebens, 1811; ?rolsA 0 Möuss äs I'aribstinötigns äs la vis tmmains, 1812; Lnppls- msnb an sMsins än monäs, 1812, 2 Bde.; Das organisirende Princip im Staate, Berl. 1822; Allgemeine Wissenschaftsansichlen, Bonn 1827; Die Biotomie des Menschen, ebd. 1828; Übersicht der anthropologilchen Biotomie, Köln 1829; Der Grundbegriff des Staates, Leipz. 1831, u. m. a. 2) (Butts) Sir William, geb. oder wenigstens erzogen in Gouville Hall; erhielt seine Ausbildung in Cambridge u. wurde 1529 in das Collegium der Ärzte ausgenommen, und zwar in der ehrenvollsten Weise. Er ist verewigt durch Shake- speare in dessen: Heinrich VIII., n. galt als ein eifriger Freund u. Beförderer der Reformation, der zuerst Len berühmten Reformator Hugh La- timer bei Hofe einführte u. den vr. Thirlby, den nachmaligen Bischof von Winchester, später von Norwich, empfahl. Er st. 17. Nov. 1545. 2> Tbamhayn. Bütte, 1) überhaupt ein hölzernes Gefäß; besonders 2) in Papiermühlen der große Zuber, woraus das Zeug zum Papier geschöpft wird; daher Büttarbeit, die Arbeit an der Schöpfbütte in einer Papierfabrik; Büttenpapier, s. n. Papier. Büttel, 1) Diener, Bote; bes. 2) Gerichtsdiener; daher Büttelei, das Gebäude, in welchem die öffentlichen Gefängnisse sind und worin auch der Gerichtsdiener wohnt. Buttelstiidt, Stadt im Amte Buttstädt des Großherzogthums Sachsen-Weimar; Strnmpf- wirkerei; 925 Ew. — B. war früher Sitz eines gleichnamigen adeligen Geschlechtes unter Stist Naumburgischcr Lehnshoheit; nach dessen Anssterben kam es an die Landgrafen von Thüringen und 1445 an das Herzogthum Sachsen n. erhielt 1454 Stadtrechte. Hier war einer der 4 thüringischen Dingstühle. Butter (Lnbzwnm), 1) das durch Buttern (s. d.) aus der Milch der Säugcthiere gewonnene Fett. Die B. besteht aus den Glyceriden der Stearin-, Olein- u. B-säure; in geringer Menge sind auch die Glyceride der Capron-, Caprin-, Capryl-, Pal- initin- u. Myristinsäure vorhanden. Die B. ist, wie jedes Fett, je nach der Temperatur von verschiedener Confistenz: weich bis hart. Frische B. schmilzt bei 31° 0., erstarrt bei 19 — 20°; Faßbutter schmilzt bei 32,g° u. erstarrt bei 24° Ö. Jede Thiermilch enthält Fett, aber nicht aus jeder läßt sich dasselbe mit gleicher Leichtigkeit als B. abscheiden. Kaum ansscheidbar ist es ans Stuten- u. Eselsmilch, reichlich außer der Kuhmilch aus Ziegen- u. Schafmilch. Als Handelsartikel oder Waare kommt nur die Kuh-B. in Betracht. Diese ist von gelber Farbe u. beliebtem Wohlgeschmack. Ihre gelbe Farbe hat die Kuh-B. während der Zeit, m welcher die Kühe aus die Weide gehen, bei Stallfütterung nur bei Grünfutter. Es sind die Farbestoffe der grünen Pflanzen, welche, in der Milch enthalten u. in die B. übergehend, diese färben (Frühlings-, Mai-, Gras-B.). Diese Farbe kann, ohne die B. zu verfälschen, auch künstlich verliehen werden, worüber im Art. Buttern das Nöthige gesagt ist. Herbst- oder Grummet- und Stoppel-B. ist meist von weißer Farbe u. steht auch im Geschmack der Frühlings-B. nach, gilt dafür aber als dauerhafter, d. h. sie widersteht Butteräthcr - längere Zeit dem Nanzigwerden. Wenn durch die Einwirkung des atmosphärischen Sauerstoffes das B-fett, die Glyceride, zersetzt werden, so bilden sich freie fette Säuren, besonders B-skiure und Caprylsäure. Hierdurch erhält die B. unangenehmen Geschmack u. Geruch. Als Ursache für das Ranzigwerden der B. sind in asten Fällen die noch vorhandenen Prote'rnkörper anzusehen; daher ist ans Entfernung derselben bei der B-be- reitung großes Gewicht zu legen. Als ganz delikate B. gilt u. erzielt in New-Dork den höchsten Marktpreis die in den Connties Orange u. Delaware bereitete B., sogen. Fanig-B. Das ganze Geheimnis; der Bereitung dieser B. ist größte Reinlichkeit bei Aufbewahrung u. Behandlung der Milch. Beim Buttern selbst weicht das Verfahren von dem hiesigen nicht ab, nur wird nach demselben durch Betupfen mit einem in Musselin gehüllten Badeschwamm für möglichste Entfernung der Proteüi- körper n. des Wassers gesorgt. Im Winter erhält man die B. durch Einlegen in große irdene Gefäße, Töpfe (Topf-B.), oder indem man durch Schmelzen der B. bei gelindem Feuer, mehrmaliges Sieden, bis sie sich läutert und ölhell wird, Wcgnehmcn des obenauf schwimmenden Schauines u. Durchseihen des Lauteren Schmelz-B. bereitet, u. endlich durch größeren Salzznsatz. Außerdem dient das Salz als Gewürz, uni die B. schmackhafter zu machen. Tisch-B. enthält 2,g pCt., Topf- oder Dauer-B. bis zu 8 pCt. Kochsalz. Aus dem Talge junger Rinder, frisch gepreßtem Rüböl, Milchrahm u. Salz kann auch künstliche B. dargestellt werden. Am Feuer ändert sich die B., wie jedes Fett, wesentlich, bräunt sich (wird zu brauner B.), bekommt einen brenzlichen Geruch u. Geschmack u. dient dann zu Saucen bei Braten u. dergl. In diätetischer Beziehung ist natürlich frische B. vorzuziehen, da sie mäßig genossen allen Gesunden gut bekommt. Außer zur Speise dient ungesalzene B. noch zu Allem, wozu ein Mildes fettes Öl von Nutzen ist, besonders auch arzneilich zu Salben u. ähnlichen Zwecken. Ehemals vermischte man auch in Apotheken B. mit Abkochungen von Kräutern u. erhielt so grüne B., oder bereitete durch einen Aufguß von Alkanna- wurzel mit Wein eine rothe B. (Lut^rurn s. Hn- ssuontnm potabilo viricks ob rubrum). Zum Hausgebräuche wird die B. in eine Form von bestimmter Größe u. Gewicht gebracht (B-weck, B-schlage). man nennt dies Auspfnnden. Kleinere Quantitäten B. werden in Töpfen ans Steingut, größere Mengen in Fäßchen aus Holz aufbewahrt. Solche Fäßchen, besonders im Erzgebirge üblich, sind von Lindenholz gefertigt n. werden B-Hosen genannt. Zum Schiffsvcrsand ist die B. in Tonnen eingedrückt. In den Handel kommt B. aus Irland, Holland, Frankreich, Dänemark, Schweden, Tirol u. der Schweiz u. in der neuesten Zeit sogar aus den Vereinigten Staaten Amerikas als gesuchte Handelswaare. Die B. ist vielen Verfälschungen ausgesetzt. Dahin gehören Kreide, Gips, gekochte Kartoffeln, Rindertalg u. in neuester Zeit das im Preise niedrige amerikanische u. ungarische Schmalz rc. Beim Schmelzen der B. setzen sich solche Stoffe, die spec. schwerer sind, zu üöoden und lasten sich dann erkennen. Die Ge- — Butterfisch. 323 winnung der B. war zuerst den Viehzucht treibenden Völkern des Nordens bekannt, den Skythen, Thrakicrn, eine gewisse Art kannten auch die Äthiopier, Araber, Inder, wie auch die heutigen Beduinen. Die Römer u. Griechen bedienten sich ihrer nur arzneilich; auch jetzt ist sie in Griechen- land, Italien u. Spanien nur wenig, desto häufiger aber bei den nördlichen Nationen im Gebrauch. Literatur s. u. Buttern. 2) (Pflanzen-B.) Stoffe aus Pflanzen von butterartiger Consistenz, die in der Wärme leicht schmelzen u. viel fettes Öl enthalten, besonders die Cacao- u. Cocos-B. t) Rhode. Butteräther (Buttersäure-Äther, Chem.), buttersaures Äthyl Ozk^O.O.OzUs, farblose, ölartige, höchst angenehm nach Ananas oder Rum riechende Flüssigkeit, die beim Vermischen von Buttersäure mit Alkohol und Schwefelsäure sich abscheidet u. durch Waschen mit Master u. Destillation gereinigt wird. Spec. Gewicht O,goi; Siedepunkt 119°. Er ist in Wasser wenig, in Alkohol u. Äther leicht löslich u. leicht zu entzünden. Man benutzt ihn zum Aromatisiren von schlechtem Rum, sowie zur Fäbrikation von künstlichem Rum, dem er das Aroma des echten Rums ertheilt. In der Parfümerie wird eine Lösung von B. in Alkohol unter dem Namen Ananasöl, Anauasessenz (?i„s appls nil) angewendet. Cliiren. Butterbaüm, s Bassin. Butterbirne (Lsurro), Name mehrerer Birn- sortcn, welche nach Lucas die erste Familie der Birnen (s. d.) bilden. Butterblume, mehrere im Frühling gelb blühende Wiesenpflanzen, besonders Ranuneuius aoris, rspsns, poiznnbirsmos, ferner Oaltlia palustris. Varaxnonm oklloinalo, Oirrz-sosplsiriuin altornikolium, welche, dem Futter der Kühe beigemengt, Ursache der gelben Farbe der aus deren Milch bereiteten Butter sein sollen. Butterbörsen sind Märkte, wo, wie in Hamburg rc., nur Butter zum Verkaufe kommt. Butterbrief, Dispensationen, vom Papste aus» gehend, zum Genuß der Dinge in der Fastenzeit, die von Thieren Herkommen, wie Butter, Eier u. dergl., u. die nach den Fastengeboten wie Fleisch untersagt waren; das dafür bezahlte Geld, die Butterpfennige, wurden in einem besonderen Kasten, Butterkasten, aufbewahrt u. zum Bau von Kirchen, Brücken rc. verwendet. Butterfett, das den wesentlichsten Bestand- theil der Lutter bildende Fett, aus letzterer durch Schmelzen von beigemengter Milch und Wasser zu trennen; bildet ein weißes bis schwachgelbes, weiches Fett, welches ein Gemenge verschiedener Fette, d. h. Verbindungen von Glycerin mit verschiedenen fetten Säuren, ist. An der Luft wird es leicht ranzig, indem ein Theil der Fette sich zerlegt u. die frei werdenden Fettsäuren dem Fette einen scharfen, unangenehmen Geruch ertheilen (s. auch die Art. Milch, Butter). Llören. Butterfisch (Llsuwus Sunsllus L.), Fisch aus der Fam. der Schleimfische, Gruppe der Stachel- flosser, Ordn. der Knochenfische; Rumpf zusammengedrückt, sehr verlängert; die lange Rückenflosse enthält keine gegliederten Strahlen und ist mit schwarzen Augenflecken besetzt; die Bauchfiostcu 21 ' 324 Buttcrhose sind sehr klein, meist nur mit einem Strahl, 20 bis 25 ein lang; lebt in der Nord- und Ostsee; wird seiner geringen Größe halber selten, dann meist als Köder gefangen. Thoms. Butterhose, kleines, meist aus Lindenholz gefertigtes Faß zur Versendung der Butter. Butterkohl, schöne gelbe Kohlart, zwischen dem Savoyer- und Grünkohl stehend; wird wie elfterer cultivirt u. liefert vom Winter bis znm Frühjahre in seinen großen, zarten Blättern ein schmackhaftes, etwas milderes Gemüse, als der Grünkohl. Buttermilch, die nach dem Buttern zurück- bleibende Flüssigkeit, welche außer wenigen Fett- theilen alle anderen Bestandtheile der Milch enthält. Sie ist eines der erquickendsten Getränke im Sommer und auch Kranken meist zuträglich. Zu Molken gekocht, durch grobes Leinen gereinigt n. im Schatten getrocknet, liefert sie den B-esfig, der besonders auf den Alpen verfertigt wird; die festen Stücke werden zum Gebrauche in Wasser aufgelöst. In Skandinavien wird aus B. ein Molkenkäse, N^goab, bereitet. Als Futter, besonders für Schweine, ist die B. sehr geschätzt. Rhode. Buttern (Butterschlagen) hat den Zweck, durch mechanisches Einwirken auf die Milch oder den Rahm (Sahne, Flott, Schmandt, Schmecke) die Fettkügelchen von anderen darin vorhandenen Stoffen zu trennen u. in Klumpen zu vereinigen. Früher wurde nur aus Rahm Butter verfertigt, während man jetzt auch aus Milch schmackhafte Butter gewinnt. Da jedoch das B. der Milch mit größerem Arbeitsaufwande verknüpft ist, so findet man es bis jetzt nur in einzelnen kleinen Meiereien eingeführt. Um den Rahm behufs B-s zu gewinnen, bleibt die Milch in flachen Milch- gefäßen (Satten, Setten, Gepfen) so lange (24 bis 48 Stunden) stehen, bis eine möglichst vollkommene Ausscheidung erfolgt ist. Die Temperatur, bei welcher diese Ausscheidung stattfindet, darf nicht über 15° R. steigen u. nicht unter 10° sinken. Bei zu hoher Temperatur gerinnt die Milch n. hindert die Absonderung des Rahmes. Hat sich der Rahm abgeschieden, jo wird derselbe mit hölzernen Löffeln abgenommen (abgerahmt, abgeschmengt), oder es wird die Milch unter demselben durch eigens dazu angebrachte Vorrichtungen abgelassen, so daß er allein zurückbleibt. Ist es nicht möglich, den Rahm sofort zu buttern, so muß man denselben in Steintöpfen möglichst kühl ausbewahren. Wesentlich ist es, daß der Nahm u. der Raum, in welchem das B. geschieht, den zum B. nöthigen Temperaturgrad besitzen, welchen man im Allgemeinen auf 12° R. annimmt. Ist der Nahm im Winter kälter, so stellt man ihn in ein warmes Zimmer, oder setzt nach u. nach warmes Wasser zu; im Sommer wird das Butterfaß mit kühlem Wasser ausgeschwenkt, oder durch nasse Tücher abgekühlt. Znm B. bedient man sich des Butterfasses, der Buttertonne u. der Buttermaschine. Das Butterfaß ist ein hölzernes Gefäß von der Gestalt eines abgestumpften Kegels, in welchem während des B-s ein Stempel (Butter- steuipel, Butterstock) aus- u. abbewegt wird. Der Bunerstempel besteht aus einer 3 —4 om dicken durchlöcherten Scheibe von hartem Holze, welche — Buttern. an einem über 1 m langen hölzernen Stiel befestigt ist u. mit dem oberen Ende aus einer im Verschluß des Butterfasses angebrachten Öffnung hervorragt. Durch die Bewegung des Stempels wird die Luft im Bntterfasse stets erneut u. das B. gefördert. Durch die Buttertonnen geht der Länge nach ein Cylinder, mit dessen Enden sie ans 2 Ständern ruhen, während an dem einen Ende des Cylinders eine Kurbel zum Drehen angebracht ist; sie bilden den Übergang zur Buttermaschine. Unter den vielen verschiedenen Con- structionen von Buttermaschinen zeichnen sich besonders die von Lavoisy aus; sie sind sehr com- pendiös u. mit Vorrichtungen zur sicheren Erzielung des richtigen Temperaturgrades versehen; die von Claes find sehr bequem zum Handhaben u. Reinigen. In neuerer Zeit neigen sich die Ansichten mehr u. mehr dem Tonncnsystem zu; als die beste dieser Art wird die Lefeldtsche rotirende Patentbuttermaschine angesehen (s. n. Laudw. Maschinen, Fig. 22). Die Tonne oder das Faß ist ganz aus Eichenholz gefertigt; an ihren beiden Boden sind je 2 sich kreuzende Leisten befestigt, an denen wiederum die als Achse dienenden Zapfen angeschraubt sind. Diese letzteren laufen auf Anti» frictionsrollcn, die auf zwei mit dein oberen Querstück eines soliden Holzgestelles verbundenen gußeisernen Böcken lagern. Mittels der an einen der Zapfen angesteckten Kurbel wird hiernach das ganze Faß gleich gedreht, welche Bewegung sich infolge der getroffenen Anordnung der Lager u. der sauberen Ausführung namentlich der rotirenden Theile mit großer Leichtigkeit vollzieht. Die Einfüllöffnung hat eine erhebliche Weite und bietet daher alle Bequemlichkeit für das Einschütten des Rahmes u. Las Heransnehmen der Butter. Sie wird durch einen der äußeren Biegung des Fasses con- formen gußeisernen Deckel verschlossen; dieser ist mit einer Holznnterlage versehen, welche einem starken Gummiringe von quadratischem Querschnitte ohne Nägel oder Kitt den nöthigen Halt gibt, und läßt sich mittels einer einfachen Stellvorrichtung in jeder beliebigen Höhe arretiren. Die eigentliche Dichtung des Verschlusses erfolgt durch eine mit Handgriff versehene Keilscheibe, u. zwar hermetisch, so daß sich entwickelnde Gase durch ein extra zu diesem Zwecke angebrachtes Ventil entweichen müssen. Das Innere des Fasses enthält ferner 3 Flügel; diese sind durch Holzstiste an den am Boden verschraubten Holzkloben befestigt und leicht abnehmbar. Die Handhabung^ bietet keine Schwierigkeit, die Temperatur des Rahmes beim B. ist gleichmäßig, die Reinigung leicht zu bewerkstelligen. Das B. selbst, geschehe es durch Drehen, od. Stoßen, muß gleichmäßig, bei den Tonnen insbesondere nicht durch abwechselndes Vor- u. Rückwärtsdrehen, bei allen Buttermaschinen nicht zu schnell geschehen, weil sonst der Rahm eine schaumige Beschaffenheit annimmt.. Bei den liegenden Buttertonnen ist es nothwen- dig, zuweilen anzuhalten, um durch die Öffnung des oben befindlichen Deckels, durch welche der Rahm eingeschüttet wird, den Zutritt der Luft zu begünstigen. Wenn die Butter sich zu bilden anfängt, muß das Verfahren des B-s eine Abänderung erleiden; es muß dann bei den stehenden 325 Butternuß — Butterfässern mehr ruck- als stoßweise geschehen, um die einzelnen Butterklümpchen in eine zusammenhängende Masse zu vereinigen. Bei den Butter- tonnen wird dieses am sichersten durch ein stoßendes Vor- n. Rückwärtsdrehen der Kurbel bewirkt. Ist die Butter zusammengegangen, so wird sie mit den Händen hcrausgenommen u. die Buttermilch durch ein Sieb gegossen, um die noch darin schwimmenden Butterkügelchen zu gewinnen. Die gesammte so gewonnene Butter wird in einen flachen weiten Kübel (Bntterwaschfaß) gebracht, an dessen Boden sich ein mit einem Zapfen verschließbares Loch zum Abläufen der Flüssigkeit befindet, in frischem Wasser geknetet u. von Zeit zu Zeit mit einem reinen stumpfen Messer in die Kreuz u. Quere durchschnitten, um etwaige Haare und Fasern herauszuziehen. Läuft das mehrere Male «rneute Wasser brunnenhell ab u. sind alle Unreinigkeiten entfernt, so wird die Butter gesalzen, das Salz eingearbeitet, die Butter nochmals leicht in Wasser durchwaschen, rein ausgedrllckt und in Wecken geformt, oder in Fässer oder Töpfe eingelegt. Man rechnet auf jedes lc§ der frisch zu verspeisenden Butter ca. 60—70 A Salz. Dauerbutter muß doppelt so stark gesalzen werden. Am besten wendet man seines Salz an, weil sich dieses leichter mit der Butter vereinigen läßt. Das Salz soll die kleinen Wassertröpfchen zu Tropfen vereinigen, um diese dann nebst den das Ranzigwerden begünstigenden Stoffen entfernen zu können; es muß deshalb der Butter in einem ziemlich frühen Stadium zugesetzt werden, u. zwar so lange noch genug Feuchtigkeit zum Auflösen des Salzes vorhanden ist. Setzt man der Butter zu viel Salz zu, so verliert sie den feinen Rahm- oder Nußgeschmack. Als bestes Salz wird das Lüneburger Sudsalz genannt. Will man die Butter färben, so wendet man dazu einen Auszug von Möhren oder Ringelblumen (Butterblumen), oder den Orlean oder Safran an. Von der Ringelblume zerreibt man die gelben Blumenblätter in «inem Theil des Rahmes, bis derselbe dunkelgelb ist, seiht ihn dann durch u. gießt ihn zu dem übrigen Rahm im Butterfaß; den Möhrensaft vermischt man ebenfalls mit dem Rahm. Von Orlean nimmt man eine Erbse groß zu 25 Pfd. Rahm, bindet ihn in ein Läppchen u. legt dieses am Abend vor dem B. in den Rahm. Diese künstlichen Färbemittel werden als Butterschminke bezeichnet. Als Verfälschung ist das Färben der Butter nur dann anzusehen, wenn man schädliche Stoffe, wie Chromgelb (wie es vorgekommcn ist), dazu benutzt. Will man Butter längere Zeit aufbewahren, so soll man sie nicht gleich nach dem Waschen einlegen, sondern nur in große Klumpen zusammendrückcn. Nach einigen Tagen wird sie nochmals tüchtig geknetet, um sie von allein Wasser zu befreien. Nun wird die Butter in ganz reine irdene Gefäße oder Fäßchen von hartem Holze, deren Boden u. Seitenwände gut mit Salz abgerieben u. bestreut sein müssen, so fest eingedrückt, daß keine Zwischenräume bleiben. Obenauf streut man ^ Zoll hoch Salz u. legt einen Deckel oder «in Tuch darauf. Die Gefäße stellt man an trockene, kühle Orte. Vgl. Frommer, Das Molkenwesen, Verl. 1846; Gnssander, Neue schwedische Milch- - Buttcrsäure. wirthschaft, Dresd. 1856; Böttger, Rationeller Betrieb der Milchwirthschaft, Stuttg. 1867; Mar» tiny, Die Milch, ihr Wesen u. ihre Verwerthung, Dauz. 1871, 2 Bde. Rhode.* Butterlinß, s. Caryocar. Buttersäure (Chcm.) OjAgOz kommt in der Natur, wie ihr Name sagt, in der Butter, aber nicht in freiem Zustande vor. Als solche findet sie sich im Schweiße, zuweilen im Magensafte, in der sauren n. übelriechenden Flüssigkeit, welche Laufkäfer (Oara-bus) aus einer am After liegenden Drüse ausspritzen, wenn sie gereizt werden, ferner im Johannisbrod, der Frucht v. Iwratonia. Lili- gua L. u. in manchen anderen Pflanzen. In der Butter ist sie an Glycerin gebunden n. bedingt durch ihr Freiwerden das Ranzigwerden derselben. Die ans zerhacktem Fleisch ausgepreßte Flüssigkeit, das Blut u. der Harn enthalten sic ebenfalls an Basen gebunden. Sie bildet sich bei der Fäulniß eiweißartiger Substanzen, in großer Menge bei der Währung von Stärke, Zucker, milchsauren Salzen. Aus letzterer Bildnugsweise beruht auch die Darstellung der B. Man läßt Rohrzucker in weinsänrehaltigem, kochendem Wasser gelüst einige Tage stehen, fügt dann in saurer Milch gelösten faulen Käse u. Kreide hinzu u. läßt die Mischung 5—6 Wochen an einem 30°—35" 0. warmen Orte stehen. Es bildet sich anfangs milchsaurer Kalk, der durch weitere Währung in buttersaureu Kalk umgewandelt wird. Dieser wird durch Zusatz von Soda in bnttersanres Natron u. kohlensauren Kalk zersetzt, letzterer abfiltrirt u. die Lösung von but- tcrsaurem Natron nach dem Eindampfen durch Schwefelsäure zersetzt, wobei sich die B. als ölige Schicht abscheidet u. durch Entwässern über Chlorcalcium u. Rectificiren gereinigt werden kann. Sie bildet eine farblose, ölige, bei längerem Aufbewahren nach ranziger Butter riechende Flüssigkeit v. sp. Gew. 0,ggz„bei 0° u. 157° Siedepkt., in Wasser, Alkohol u. Äther löslich. Aus der wässerigen Lösung scheiden Salzlösungen dieselbe wieder aus. Angezündet brennt sie mit blauerFlamme. Oxydationsmittel verwandeln sie in Essigsäure, Propionsäure, Oxalsäure, Bernsteinsänre u. Kohlensäure. Die B. dient zur Herstellung des Butteräthers (s. d.). Mit Basen bildet sie krhstalli- firbare, in trockenem Zustande geruchlose, feucht aber nach B. riechende Salze, welche durch Neutralisation der B. mit den Oxyden oder den kohlensauren Salzen dargcstellt werden. Sie sind in Wasser, die meisten auch in Alkohol löslich. Die Alkälisalze sind zerfließlich u. zerfallen, sowie auch die Salze der alkalischen Erden beim schwachen Glühen in kohlensanre Salze u. Butyron. Butter- saurer Baryt krystallisirt in perlglänzenden, in Wasser u. Alkohol löslichen Blättchen, die auf Wasser rotireu, ähnlich dem Kam- pher (s. d.). Butters. Silberoxyd si, kaltem Wasser wenig, in heißem leicht lösliche, am Lichte schwarz werdende Blättchen. Die Verbindungen der B. mit den Alkoholradicalen, die B.- Äther, sind angenehm nach Äpfeln u, Birnen riechende Flüssigkeiten, wie der B.-Äthyläther (s. Butteräther). Die in dem Johannisbrod vorkommende Buttersäure ist in ihrer Structur n. einigen Eigenschasten von der gewöhnlichen B. 326 Bilttersäuregährung — Buttmami. unterschieden u. führt den Namen Jso-B., während die oben besprochene Säure Gährnngs-B. genannt Wird (s. Butyl). Floren. Buttersäureflährung (Chem.) ist diejenige Gährung, deren Endprodukt Buttersäure ist. Sie tritt ein, wenn Zucker bei Gegenwart von faulenden thierischen Stoffen, namentlich Käse (auch Fleisch, thierische Häute re.) u. Kreide längere Zeit einer mittleren Temperatur ausgesetzt wird. Als Ursache dieser Gährung ist eine Bakterie (ein mikroskopisches organisirtes Gebild, in Gestalt eines an beiden Enden knotenförmig verdickten Stäbchens von höchstens 0,02 mm Länge, das mit freiwilliger Bewegung begabt ist) anzusehen. Bei der Berührung dieses in Len genannten faulenden Thierstoffen enthaltenen Ferments mit dem Rohrzucker erleidet derselbe eine successive Umwandlung in Traubenzucker (d. h. gährungsfähigen Zucker), dieser setzte sich in Milchsäure u. letztere endlich in Buttersäure um, ein Proccß, der sich durch nachstehendeZersetzungsgleichungen veranschaulichen läßt: 1) Umwandlung in gährungsfähigen Zucker: OgkiinOg -d ll,,0 OgkkigOg Nvhrzucker u. Wasser geben Traubenzucker. 2) Milchsäuregährung: OeUigOg 2 Traubenzucker gebt Milchsäure. 3) Buttersäuregährnng: 26zSgOg--e O.klbOz -I- SCOz -s- 42 Milchsäure gibt Bultersäure, Kohlensäure u. Wasserstoff. Der B. geht also die Milchsäuregährung vorauf. Letztere ist nach etwa 10 Tagen eingetreten, wobei die gährende Masse breiartig geworden ist. Hieraus aber beginnt die Masse dünnflüssig zu werden, unter Entwickelung von Kohlensäure n. (für die B. besonders charakteristisch) Wasserstoff. Die zugesügte Kreide hat den Zweck, die freie Milchsäure unter Bildung von milchsanrem Kalk zu neutralisiren, weil sonst beim Sauerwerden der Masse die Zersetzung leicht gehemmt wird u. bei der Milchsäurebildung stehen bleibt. (Vgl. auch die Art. Buttersäure, Ferment, Gährung.) Cloren. Bntterscife, durch Verseifung von süßer Butter mit Ätzuatronlauge n. mehrmaliges Anssalzen mit Kochsalz dargestellt; gibt in Weingeist gelöst u. mit den anderen Zusätzen einen schönen durchsichtigen Opodeldoc (s. d.); in der Pharmacie verwendet. Buttervogel, Schmetterling, bes. Weißling. Butterwoche, in Rußland die den großenFasten vor Ostern vorangehende Woche, ein Volksfest, wo zum letzten Mal Fleischspeise n. Butter gegessen, geschmaust, getrunken, getanzt, geschaukelt, ans dem Rutschberge gefahren rc. wird; in Petersburg finden die Belustigungen bes. auf dem Admiralitätsplatze statt. Buttlarische Rotte, eine zu Anfang des 18. Jahrh. entstandeneMuckersecte, genannt nach Eva v. Buttlar. Diese war geboren 1670 in Esch- wege, heirathete 1687 den französischen Refugie de Vestas, der als Hof- u. Tanzmeister in Eisenach lebte. Nachdem sie bis 1697 ein sehr weltliches Leben geführt hatte, wurde sie plötzlich bekehrt und eine eifrige Pietistin. Sie verließ ihren Gatten u. kehrte nach Eschwege zurück, wo sie einen Kreis Gleichgesinnter um sich sammelte, mit denen sie Ans. 1702 zu Allcndorf in Hessen eine besondere sog. philanthropische Societat stiftete. An die Stelle der christlichen Ehe wurde hier eine geistig-fleischliche Gemeinschaft gesetzt, wobei Eva die Hauptpartie als Frau spielte, welche den neuen Messias gebären sollte. Die Secte verehrte auch eine Trinität, in welcher Eva, die Urmutter, den Heil. Geist repräsentirte u. als solche die vom Himmel gekommene Sophie hieß; ihr Zuhälter Winter (nachher auch Evander genannt), war der Vater u. ihr jugendlicher Freund Appenfelder der Sohn. Unter den ungefähr 30 Gliedern der Secte ragten noch zwei Fräulein v. Callenberg hervor. Bald von Mendorf ausgewiesen, ließ sich die Secte im Wittgensteinischcn nieder, wo sie 1704 entlarvt u. der Gotteslästerung, Hurerei, Ehebruch u. Blutschande angeklagt u. gefänglich eingezogen wurden. Es gelang ihnen, zu entkommen, worauf sie in Köln katholisch wurden, um vor fernerer Verfolgung sicher zu sein. Zu Lüden bei Pyrmont trieben sie ihr Unwesen fort. Eva, die sich mit Appenfelder kirchlich hatte trauen lassen, ließ hier das Reich des Sohnes durch die Weihe dieses ihres Gemahls beginnen, dem sie als Glieder einer neuen Dreieinigkeit Winter und den Schreiber Ichtershausen zur Seite stellte, während sie selbst als die Weisheit (Sophia) u. als Mutter, Gattin, Tochter der Drei sich betrachten ließ. Bereits im Febr. 1706 wurden sie wegen fortgesetzten Unwesens verhaftet. Sie entkamen wieder, und Winter ließ sich unter dem Namen Brachfeld als Arzt mit Eva u. den beiden Callenberg in Altona nieder; Eva trieb die Pietisterei daselbst fort, indeß ruhiger, u. starb nach 1717. Löffler' Buttlars Forstculturverfahren, Bepflanzung des Bodens mit kleinen Setzlingen ohne Ballen mittels eines besonderen eisernen Werkzeuges, des sog. Buttlarischen Eisens. Vergl. B. F., Kass. 1853. Die Pflänzlinge sollen, nach hier gegebener besonderer Vorschrift, in Saatkämpen erzogen u, im Alter von 1—2 Jahren ausgepflanzt werden. Das Verfahren zeichnet sich durch besondere Billigkeit aus, ist jedoch nicht auf allen Bodenarten anwendbar. Wimmenauer i,. Buttmann, Philipp Karl, berühmter Phi- lolog, geb. 3. Dec. 1764 in Frankfurt a. M.; studirte in Göttingen, wurde 1787 Prinzenerzieher in Dessau, 1789 Gehilfe, 1796 in Berlin Secre- tär an der königlichen Bibliothek, daneben 180 » Professor der griechischen Sprache am Joachims« thalschen Gymnasium daselbst, 1811 Bibliothekar u. Director des philologischen Seminars; er st. hier 21. Juni 1829. B. schr.: Griechische Grammatik, Berl. 1792, 22. A., von seinem Sohne Alex. B. 1869; Schulgrammatik, ebd. 1816, 17. Aufl-, 1874; Ausführliche griechische Sprachlehre, ebd. 1819—25, 2Bde., 2. A., von Lobeck, 1838—39; Lexilogns oder Beiträge zur griechischen Worterklärung, 2 Bde., 1818—25, n. A.. 1837 u. 1860; Mythologus oder gesammelte Abhandlungen über die Sagen des Alterthums, ebd. 1828 f., 2 Bde., 2. A., 1865; gab heraus: klatonia äialoAi IV, 5 A., 1830; Demosthenes'Rede in Lliälam, 1823; Araros, 1826; Scholien zur Odyssee, 1821; Sophokles' ?bilootötos, 1822. Bon 1807—1811 gab er mit Wolf das Museum der Alterthums- knnde heraus u. redigirte 1803—1812 die Haude- 827 Büttner - u. Spcnersche Zeitung. Bergt. Hitzig. Gelehrtes Berlin, Bert. 1825. Brambach? Büttner, so v. w. Böttcher. Büttner, 1) David Siegmund August, Prof, der Medicin u. Botanik in Göttingen, gcb. 28. Nov. 1724 in Chemnitz; studirte in Berlin, Helmstädt, Göttingen, Leyden, machte botanische Reisen nach Holland u. zur See, wies verschiedene bis dahin für Pflanzen gehaltene Geschöpfe als Polypen nach u. beschrieb die Entstehung ihrer Gehäuse (mitgetheilt in John Ellis' Rssa/ torvaräs Oorallinss), bereiste England, lebte von 1752 bis 1755 in Paris, wurde 1756 Professor für Medicin u. Botanik in Berlin u. ging in gleicher Eigenschaft 1760 nach Göttingen; st. 20. Nov. 1768 daselbst. 2) Christ. Gottl., ein um die Anatomie sehr verdienter Arzt, geb. 10. Aug. 1718 in Brandenburg bei Königsberg; promovirte 1732 in Halle, wurde 1734 außerordentl., 1737 ordentl. Prof, der Medicin in Königsberg, baute auf seine Kosten ein anatomisches Theater; st. 10. April 1776. Er schr.: Beweis von der vermehrten Glückseligkeit eines Landes durch ein erbautes riis-etrnm anatomicnm, Königsberg 1738; Anatomische Wahrnehmungen, 1769; Unterricht für angehende Wundärzte u. Ärzte rc., 1769 (ein gutes Werk für gerichtliche Medicin). Thamhayn. öllttneria L., Pflanzengattung ans der Familie der 8tsicn1iacsas-önttmsris.csa,s (V. 1), südameri- kauische, afrikanische u. ostindische Sträucher u. Halbsträucher mit kleinen, oft schwarz-rothen oder grünlichen, in Scheindolden gestellten Blüthen, deren Blumenblätter an der Basis haubensörmig und mit dem eingebogenen Lappen des Basaltheils dem aus den unentwickelten Staubblättern gebildeten krugförmigen Körper angewachsen sind; Fruchtknoten 5fächerig mit je zwei Eichen in jedem Fache; Frucht eine kugelige, mit kleinen Stacheln versehene Kapsel, welche in die einzelnen 2klappigen und einsamigen Carpelle zerfällt. Engter. SIMneriacZas (LMnoriacsae), nach Dav. S. Aug. Büttner (s. d.) benannt, früher als eigene Familie unterschieden, jetzt als Unterfamilie der Sterculiaceen angesehen; enthält exotische Bäume u. Sträucher mit Zwitterblüthen, an der Basis concaven, oberwärts zngespitzten Blumenblättern, 5—15, seltener mehr aus der Spaltung von 5 ursprünglichen entstandenen Staubblättern, welche entweder einzeln, oder in Gruppen vor den Blumenblättern stehen. Wichtigere Gattungen: ^.droma ^aey.. Mwodroma D., Uveitis, 7-., Lütstnsris. R., Lnlingia L. Rr., Oommsrscmia Fkn-Ä. Engter. Butts, County im nordamerik. Unionsstaate Georgia, unter 33° n. Br. u. 84" w. L.; Indian Springs Gesundbrunnen; 6941 Ew. Countysitz: Jackson. Buttstädt, Amtsstadtim Großherzogth. Sachsen- Weimar, an der Lofsa, Station der Saal-Unstrut- Bahn; Töpferwaaren, Ziegeleien, keinem- und Drainröhrenfabr.; besuchte Vieh-(Pferde-)märkte; 2462 Ew. Buttura, Engöne Ferdinand, franz. Historien- u. Landschaftsmaler italien. Abkunft, geb. 12. Febr. 1812 in Paris, gest. 23. März 1852 daselbst, - Blltyl. Schüler von Berlin n. Delaroche. Hauptwerke: Daphnis u. Chloe am Quell der Nymphen, 1848; Nansikaa u. Ulysses; Der hl. Hieronymus in der Wüste; Ansicht von Tivoli; Oampo Vaccine», 1845; Tempel des Antonius u. der Faustina, 1846; Casta- tellen von Tivoli; Park. Seine Landschaften geben die Natur mit der Treue der Photographie wieder. Äegnet. Buturlin, 1) Alexander Borissowitsch Graf B., geb. 1694, Günstling der Kaiserin Elisabeth; commandirte als Feldmarschall im Siebenjährigen Kriege 1761 gegen die Preußen; st. 1767. 2 ) Dimitrj Petrowitsch, Enkel des Vor., geb, 1790 in Petersburg; trat 1808 als Offizier in ein Husarenregiment, machte den Österreichischen Feldzug von 1809 mit, wurde 1810 zum Gardechevalierregiment u. 1812 in den Generalstab versetzt, wohnte als solcher dem Kriege von 1812 erst im Hauptquartier Bagrations n. dann bei der Avantgarde des Generals Wasiltschikow bei. Er trat hierauf wieder ins Gardechevalierregiment, wurde 1817 Adjutant des Kaisers Alexander, 1819 Oberst u., nachdem er den spanischen Feldzug unter dem Herzog von Angonlöme mitgemacht, Generalmajor; als Generalguartiermeister wohnte er dem Kriege gegen die Türkei 1829 bei. B. st. 21. Oct. 1849 als Director der kaiserlichen Bibliothek in Petersburg. Er schr.: Relation äs la cainpagns sn Italic sn 1799, Petersb. 1810; Rastlsau äs 1a Campagne äs 1813 on Lolisms, Paris 1815, 3. A., 1820; Rrscis äss svsnsmsnts milit. äs la äsrnlsrs gnsrrs en Rspagns, Petersb. 1817; Ra Campagne äs 1812 sn Rnssle, Par. 1824, 2 Bde., u. russisch: Geschichte der traurigen Zeit in Rußland im Anfänge des 17. Jahrh., Petersb. 1839—46, 3 Bde. Butyl (Chem.) 0«Ulg, das in den B-vcrbind- ungen angenommene u. auch in freiem Zustande durch elektrolytische Zersetzung des valeriansauren Kalis erhaltene Radikal. Die Verbindungen der B-reihe leiten sich von zwei isomeren, in ihrer Struktur verschiedenen Kohlenwasserstoffen 648^ ab, dem Butan Lüz—Obly—Lllg n. dem 1 1 ui ^ 6kR Trimetylmethan 6llz—Oll ^ Beide sind als 611 , co'örcible Gase dargestellt. Von diesen Kohlenwasserstoffen leiten sich 4 der Struktur, der Entstehung und den Eigenschaften (Siedepunkt und spec. Gewicht) nach verschiedene Alkohole von der Formel ab: der normale, der Iso-, der secundäre u. der tertiäre B-alkohol, von denen der gewöhnlichste der Iso- oder Gährnngsbutylalkohol ist. Derselbe entsteht bei der Währung des Traubenzuckers neben Äthyl- u. anderen Älkoholen u. wird aus den Fuselölen durch fractionirte Destillation dargestellt. Er bildet eine farblose Flüssigkeit von 0,gvog spec. Gew. bei 18°. Siedepunkt 108,j". Er ist in 10 Theilen Wasser löslich, ans der Lösung durch lösliche Salze wieder abscheid- bar. Durch Oxydation geht er in Jsobuttersäure über. Das B. verbindet sich mit Chlor, Jod, Brom rc. zu B-chlorür, -jodür, -bromür rc., Körpern, die sich ebenfalls, je nachdem sie sich von dem einen oder dem anderen zcohlcnwasjerstofs 328 Butylen — 6 ^ 8,2 ableiten, durch Siedepunkte, sp. Gew. u. a. Eigenschaften unterscheiden. Clären. Butylen (Butyreu, Chem.) das Nadical der B-verbindungen, ist in Form von 3 verschiedenen Kohlenwasserstoffen bekannt, welche alle der Formel 6^ entsprechen, sich aber durch ihre Structur, d. h. durch die Art, nach welcher die einzelnen Kohlenstoff- und Wafferstoffatome unter einander verknüpft sind, sowie auch durch chemische u. physikalische Eigenschaften von einander unterscheiden. 1 ) Das eigentliche B. ist eine farblose, zwischen -i- 4 u. 8 ° 0. siedende Flüssigkeit, durch Einwirkung von Natrium ans ein Gemisch von Allyl- n. Methyljodid darstellbar. 2 ) Das Pseudo- B. siedet bei 3° u. erstarrt in der Kälte kry- siallinisch. 3) Das Jso-B. ist eine bei — 7° siedende, dem Leuchtgas ähnlich riechende Flüssigkeit. Seine Verbindung mit Brom, das Jsobutylen- broinid EtllgLi-j,, zersetzt sich mit essigsanrem Silberoxyd zu essigsaurem Jso-B., welches mit Kali destillirt den B-alkohol (Bntylglykol) liefert, eine färb- u. geruchlose Flüssigkeit, in Wasser, Alkohol u. Äther lösl.; SieLep. 183°. Con- centrirte Salpetersäure verwandelt ihn in Oxalsäure. Clären. Butylglykol, so v. w. Butylenalkohol; s. Butylen. Bntylsenföl (Chem.) Og 8 g 88 , gelbliche, bei 159—160° siedende Flüssigkeit, der Hauptbestand- theil des Löffelkrautöls, des schwefelhaltigen ätherischen Äs von (loedlearia, oküoiualis 1^. Es ist schwerer als Wasser u. besitzt einen scharfen, durchdringenden Geruch u. Geschmack. Clären. Butyraldehyd (Butylaldehyd, Chem.) 6jI1gO, farblose Flüssigkeit von 0 ,^ spec. Gew. bei 0 °; Siedepunkt 75"; in 27 Theilen Wasser löslich. Butyramid (Chem.) 0JIg80 bildet sich bei der Einwirkung von Ammoniak auf Buttcrsäure- Äthyläther u. stellt farblose, in Wasser, Alkohol u. Äther lösliche, bei 115" schmelzende Krystallblätt- chen,von süßem hinterher bitterem Geschmacke dar, die auch mir Quecksilberoxyd eine krystallisirbare Verbindung eingehen. Clären. Butyreu, so v. w. Butylen. Butyron (Chem.) O 7811 O entsteht bei der trockenen Destillation des buttcrsauren Kalkes als stark lichtbrechende, aromatisch riechende, in Wasser unlösliche Flüssigkeit vom sp. Gew. 0,^ bei 20 ° u. dem Siedep. 144°. Bei der Oxydation mit saurem chromsaurem Kali u. Schwefelsäure liefert es Buttersäure u. Propionsäure. Cläre». vutxrum (gr. u. lat.), Butter; 8 . rmtimaull, Antimonbutter, Antimontrichlorid; 8 . urseuicü, Arsenikbutter, Chlorarsen; 8 . deimoes, Benzo'ö- butter; 8 . äs caoao, Cacaobutter; 8 . mnoi, Zinkbutter, Zinkchlorid; 8 . luujoranuo, Majoranbutter; 8 . morourials rubrum, rothe Quecksilberbutter, rothe Augensalbe; 8 . xlumbi s. suturni, Bleibutter, Bleisalbe; 8 . staunt, Zinnbutter, Zinnchlorid. Buhbach, Stadt im Kreise Friedberg der großherzoglich hessischen Prov. Ober-Hessen, Station der Main-Weser-Bahn; Landgericht; schöne alte Kirche; Schloß, früher Wittwensitz der Landgräfinnen, jetzt Reiterkaserne; Flanell- u. Strnmpfwebereicn, Gerbereien, Salpeterfabr.; 2617 Ew. In der Um- Buxhöwdcn. gegend Brauneisenstein u. Spuren römischer Befestigungen. B. kam von den Herren von Winzenberg an die Falkcnsteiner, darauf an die Eppensteiner; nach deren Aussterben gehörte es theilweise zu Hessen, Solms, Königstein u. Katzen- ellubogen; doch kam Hessen nach u. nach durch Hcirath u. Kauf bis 1714 in Besitz des Ganzen. Buhkopf u. Bnhtval, s. u. Delphin. Bühotv, Stadt im Großherzogthum-Mecklen- burg-Schweriu, am Zusammenfluß der Warnow u. Nebel, Knotenpunkt der Eisenbahnen von Lübeck, Stettin u. Rostock; Sitz des Criminalgerichtes für das ganze Großherzogthum; Schloß; Realschule; Freimaurerloge: Urania zur Eintracht; Hospital; Oelfabr., Papiermühle; bed. Getreidehaudel; im Gemeindebezirke 4710 Ew. — B. gehörte den Herzögen von Mecklenburg, aber 1232 schenkte es Herzog Nicolot dem Stifte Schwerin, worauf Bischof Rudolf das dasige Schloß bauen ließ. 1631 wurde B. von den Schweden den Kaiserlichen, die es erobert hatten, wieder abgenommen; 1697 und 1716 brannte es ab. Im Anfänge des 18. Jahrh. ließen sich unter Herzog Friedrich Wilhelm viele französische Refugies hier nieder u. legten Fabriken an. 1760 errichtete Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin daselbst eine Universität ( 8 riäsri- oiuua,), die aber 1789 mit Rostock vereinigt wurde. Seit 1842 befindet sich bei B. die Laudesstrafan- stalt Dreibergen. Buxar, Stadt im District Shahabad der britischen Prov. Bengalen in Ostindien, am rechten Ufer des Ganges; ziemlich starkes Fort mit schöner Aussicht; einige schöne Moscheen, großer Bazar, mehrere ansehnliche Wohnsitze der Europäer; 3000 Ew. Die Stadt ist historisch berühmt durch den Sieg Sir Hector Munros mit 7070 Mann (davon 857 Europäer) über das wenigstens 40,000 Mann starke Heer des Mir-Cojsim, 23. Oct. 1604. Uuxbaumls ^., Laubmoosgattung aus der Familie der Bryaccen, nach Joh. Chr. Buxbaum (geb. 1694 in Merseburg, st. 1730 in Petersburg als Professor) benannt, sehr kleine Pflänzchen, deren Blätter sich bald loslösen, mit ziemlich dickem, purpurrothbrannem Fruchtstiel, unförmlicher, dick eiförmig aufgeblasener, am Rücken abgeplatteter Büchse mit sehr enger Mündung u. stumpfem, kegelförmigem Deckel. Arten: 8 . uxkiUs, Latten; äußere Zähne des Peristoms kaum zur Hälfte über den breiten Ring hervoitretend; auf schattigem Waldboden zerstreut. 8 . luäusiutu Lrr'ck.; Zähne des Peristoms in 4facher Reihe; seltener als vor. Art. Engter. kuxeue, Unterabtheilnug der lünpiiordiaeeus (s. d.). Buxhöwden (eigentlich Bekeshovede, Bi- keshovede, Bixhovede), altes, aus Niedersach- scn stammendes Geschlecht, wo seine Glieder schon im 12 . Jahrh. als Ministerialien u. Lehnsträger der Bremischen Kirche Vorkommen; wendete sich im 13. Jahrh. nach Livland, wo, sowie in Esth- land, die B. noch begütert sind, sich früher zur Griechischen, jetzt zur Lutherischen Kirche bekennen u. 1795 in den Grafenstand erhoben worden sind. 1) Albert, vom Papst Jnnocenz III. znm Bischof von Riga (1199—1229) ernannt u. vom Kaiser Heinrich V. mit Livland belehnt; u. sein Bruder, 329 Buxin — ! 8) Hermann, Bischof in Dorpat, wurden vom Kaiser 1224 unter die Reichsfürsten ausgenommen. Ihr jüngerer Bruder, 3) Johann, ließ sich auch in Livland nieder, wo er sich große Besitzungen erwarb; er ist der Stammvater derB. in Livland. 4)Graf Friedrich Wilhelm, Sohn des 1754 verstorbenen Freiherrn Otto, geb. 14. Sept. 1750 in Magnusdal auf Ösel; wurde im Cadettenhanse zu Petersburg erzogen, zeichnete sich, eben in die Armee getreten, 1769 u. 1770 gegen die Türken aus, begleitete 1774 den Fürsten Orlow, dessen Pflegetochter Natalia Alaksejeff er 1777 heirathete, nach Italien u. Deutschland; wurde 1783 Oberst, zeichnete sich als Generalmajor gegen Schweden 1789—90 u. als Generallieutenant in Polen 1792—94 aus, wo er dann als Gouverneur blieb, n. wurde 1795 für sich u. seine Nachkommen in den preußischen Grafenstand erhoben. Unter Kaiser Paul wurde er Militärgouverneur von Petersburg, verlor aber diese Stelle u. des Kaisers Gunst u. zog sich nach Deutschland zurück. Unter Kaiser Alexander nach Rußland zurückbcrnfen, wurde er, nachdem er die Regulirung der Orts- abgabcn vollendet, Gouverneur von Livland, Esth- land u. Kurland, befehligte bei Austerlitz den linken Flügel u. 1806 das 2. Corps u. im Januar 1807 nach Kamenskois Abtreten das ganze russische Heer, mußte aber nach der unglücklichen Schlacht bei Pultnsk den Oberbefehl an Bennigsen abtreten u. erhielt denselben erst nach der Schlacht von Friedland wieder. 1808 eroberte er das Großfürstenthnm Finnland in einem Zeiträume von 10 Monaten und legte, nachdem er Sweaberg zur Capitulation gezwungen und den Feldzug am Torneästrom in Lappland beendet, 1809 das Commando nieder. Er starb auf seinem Schlosse Lohde in Esthland 23. Aug. 1811. 2°gai.» Buxin, so v. w. Bebeerin. Buxtehude, Stadt im Geestkreise der preuß. Landdrostei Stade an der Este; Amtsgericht, Zollbehörde; Rathhaus, 1296 erbaut; Cementfabrik, 2 Ölfabriken, 3 Leimsiedereien, 5 Lohgerbereien, 2 Seifenfabriken; lebhafter Handel mit Holz, Torf, Eichenborke, Honig, Wachs, Wolle, Öffducht, Öl, Ölkuchen; großer Marktverkehr und Viehhandel; 2788 Ew. Die Este, ein Nebenfluß der Elbe, ist schiffbar bis zur Stadt; täglich 2—3mal Dampfschiffverkehr mit Hamburg. In der Nähe der Stadt nach der Elbe zu liegt das sogenannte Alte 'Land, ein fruchtbarer Marschstrich, bekannt durch seine Obstcultur. B., 1135 als Buckstadihude vorkommend, erhielt 1273 vom Kaiser Rudolf von Habsburg städtische Rechte, gehörte zum Hansabunde, war befestigt n. wurde in den Kriegen des Mittelalters mehrfach belagert. Buxtehude, Dietrich, Orgelvirtnose u. Kir- chencomponist, geb. um 1635 in Helsingör; wurde 1669 Organist an der Marienkirche in Lübeck; si. das. 9. Mai 1707. Er war Meister des Contrapunktes u. der Fuge u. darin auch ausgezeichneter Stegreifspicler. Er componirte: Fried- und freudenreiche Heimfahrt des alten Simeon rc., Lüb. 1675; Die Hochzeit des Lammes; 7 Klavicr- suiten, worin die Eigenschaft n. Natur der 7 Planeten abgebildet worden; Himmlische Seelen-! Buxtorff. lust, Hamb. 1696 ff.; Toccata u. Fuge, heransg. von Cominer, Berl. 1840, u. a. Brambach.» Buxton (das Bucvstenum der Römer), Marktflecken u. Badeort in der englischen Grafschaft Derbyshire; 3717 Ew. Hier der Palast Crescent des Herzogs von Dcvonshire u. Old-Hall, Schloß des Grafen von Shrewsbnry, einige Zeit lang der Gewahrsam der Königin Maria Stuart. In der Nähe das Bools stols, eine Stalaktitenhöhle, u. Oiamonä still, wo Krystalle gefunden werden. Mineralwasser von 22" L. mit wenig flüchtigen (Kohlensäure) u. festen Bestandtheilen (Kalk fast ohne Eisen); schöne Badeeinrichtungen; jährlich bis zu 1400 Kurgäste; außerdem findet sich noch eine schwache Eisenquelle hier. Buxton, Sir Thomas Fowell, Gegner der Negersklaverei, geb. 1786 in Norfolk; studirte in Dublin, war dann mehrere Jahre Theilhaber an einer großen Bierbrauerei in London, betheiligte sich mit seiner Schwägerin, Mistreß Fry (s. d.) an den Untersuchungen über den Zustand der Gefängnisse u. gab durch seine Schrift: Onguirx, rvstetstsr crime anä missrz? nie prockneeä or prsventeck stx our prsssnt erstem ok prison ciisoiplins, Lond. 1818, Veranlassung zu den Reformen im Gefängnißwesen, die seitdem in vielen Ländern durchgeführt worden sind. Er widmete sich 1820 wieder dein Landleben in Norfolk und wurde 1821 Wilberforces Nachfolger in der Leitung der Bewegung für die Freilassung der Neger. 1840 schied er aus dem Parlament, in welches er 1818 getreten war, n. wurde zum Baronet erhoben. Sein Vorschlag, Afrika für europäische Gesittung zu gewinnen, hatte eine Nigerexpedition zurFolge, welche aber fehlschlug. Er st. I9.Febr. 1845inNorthrepps. B. sehr.: Lsts ^kriean slavs tracks, Lond. 1839, deutsch von G. Julius, 1841. Seine Memoiren, herausgeg. von seinem Sohne Charles North B., 1848, 3. A., 1851, deutsch bearbeitet von A. von Treskow, 1853. Buxtorff, 1) Johannes der Ältere, vielleicht der größte Kenner der rabbinischen Literatur unter den Protestanten, geb. 25. Dec. 1564 zu Kamen in Westfalen; wurde 1590 Professor des Hebräischen in Basel u. später Director des akademischen Gymnasiums; er st. das. 13. Sept. 1629. B.schr.: Hebräische Grammatik, Lcyd. 1673, n. A., 1710; Ovxieon stebraicnm st sstaläaicnm, Bas. 1607, n. A., 1735, erweitert von Mondaldi, Nom 1791, 4Bde.; Instituts» spistolaris stsstr., ebd. 1603, n. A., 1629; Ooneoräantias biblio- rnm stebraicae, herausgeg. von B. 2), ebd. 1632, Fol., n. A., 1836, u. v. Bähr, Stuttg. 1861, abgekürzt von Chr. Rau als Bons Lion, Franks, a. d. O. 1676, Berl. 1677; Osxieon cstalä., talinnä. et rabbin., nach seinem Tode von seinem Sohne Johannes herausgeg., ebd. 1639, Fol., neu bearbeitet von Fischer, Lpz. 1866—74, 2 Bde.; Liberias s. Ooinmentarius masorstious, ebd. 1620, vermehrt 1665; Os abbroviationibus IIs- braieis, ebd. 1613, vermehrt 1708; LxnaAOAS, znäaica, zuerst deutsch, Basel 1603, dann latein., von Germberg, Hann. 1604 u. ö.; gab auch die Biblia stsstr. rabb., Basel 1618 f., 2 Bde. Fol., heraus. 2) Johannes der Jüngere, Sohn !des Vor., geb. 13. Aug. 1599 in Basel; wurde 330 Luxus — 1630 Professor des Hebräischen u. 1647 der Theologie in Basel; st. das. 16. Ang. 1664. Er jchr. ein chaldäisches n. syrisches Wörterbuch, 1622, u. gab seines Vaters Concordanz u. Llaimonickis libor Ilorsir iflvvoeiiim, latein., Bas. 1629, heraus. In seinem Streite mit L. Cappel (s. d.) vertrat er die traditionelle Ansicht über das Alter der Vocalzeichen u. schr. gegen denselben sein L. traetabus äs prmotorum ori^ins, Basel 1648. Luxus Einern. (Buchsbaum), Sträucher oder kleine Bäume aus der Familie der Lupiiorbiaeoas- Luxsas (XXI. 3), mit gegenständigen, lederartigen, immergrünen Blättern, kleinen, Lurch Verkümmerung des anderen Geschlechtes eingeschlechtigen, einhäusigen, in dichten kurzen Ähren stehenden Blü- then; männliche Blüthen stets seitenständig, in der Achsel kleiner Tragblätter mit ungleich-vier- blätterigem Perigon u. 4 Staubblättern; weibliche Blüthen terminal, am Grunde von 2 Blättchen umgeben, mit sünsblättcrigem Perigon, dreifächerigem Fruchtknoten, 3 kurzen Griffeln und großen, seitenständigen Narben; Frucht eine dreispitzige Kapsel mit zweisamigen Fächern. Arten: 1) L. sompsrvirens L., in SEuropa u. dem Orient verbreitet, sogar eigene Wälder bildend, in Deutschland in Thüringen (Schwarzethal) u. am Mittelrhein einheimisch. Man unterscheidet 2 Varietäten, a) Der hochstämmige B. (Var. arborssasns), der eine Höhe von 5 m erreicht u. auch in Varietäten mit gelb u. weiß gestreiften Blättern gezogen wird; derselbe wird als Gruppen- oder Einzelpflanze in verschiedenen Abarten gern in den Ziergärten od. auch zu dichten immergrünen Hecken benutzt; sehr geschätzt ist das Holz (Buchsbanmholz), das schwerste unter alle» europäischen Hölzern, blaßgelb, mit schönen Adern durchzogen; das großstückige wird zu Flöten, Hautbois u. a. Blasinstrumenten gebraucht, das kleinere zu Kämmen (Buchsbaumkämme, besonders in Ronen u. Paris), Messergriffen, Löffeln, Gabeln, Zahnstocheretuis, Dosen, Kolben, Büchsen ec., zu Fourniren verarbeitet; auch dient es, besonders auf die Hirnseite (hohe Kante) gestellt, zum Holzschnitte; es kommt vorzüglich aus Spanien, Frankreich n. der Levante, b) Zwerg-B. (niedriger B., Var. sntkrurieosa s. tinmitis); wird durch Setzlinge u. Ableger leicht fortgepflanzt, ist härter gegen die Kälte, als voriger, u. erreicht selten eine Höhe von mehr als 1—2 Fuß; er diente, mehr sonst als jetzt, zur Einfassung von Gartenbeeten. Die Büsche werden in kleineZwcige zerrissen, an deren jedem noch ein Stück Wurzel hängt, nach der Schnur in Gräben gesetzt und dann begossen. Im ersten Jahre wird er gar nicht, in den folgenden aber iin Frühling und Spätsommer mit der Schcere beschnitten. Der B. gedeiht leicht in jedem nicht zu dürftigen Boden u. verträgt das Beschneiden gut. In manchen Gegenden werden am Palmsonntag die Zweige an die Häuser gesteckt, weshalb er auch Palm genannt wird. 2) 1!. baleariaa mit gefüllten, lederartigen, länglichen, etwa 2—3 am langen Blättern; auf den Balearen. Engter.- (Giirtn.) Wolde. Der Bnchsbaum war schon im frühen Alter- Ihmn wegen seiner Verwendbarkeit hoch geschätzt - Bychow. u., auf den Gebirgen des politischen Kleinasien in unermeßlicher Menge wuchernd, im Mittelalter in Len Händen der Genuesen ein rentabler Handelsartikel; jetzt ist er in den türkischen Gestaden des Schwarzen Meeres fast ganz ausgcrottet, u. nur das russische Kaukasicn bietet noch Ausbeute. Buzanyais, Stadt im Arr. Chätcauroux des franz. Dep.Jndre; am Jndre n. an der Orleans- Bahn; Eisenwerke, Kauonengießerei; 4986 Ew. Jan. 1847 hier Aufstand wegen Theuernng, wobei mehrere Schlösser, Mühlen u. größere Besitzungen geplündert u. zerstört wurden. Buzancy, Kantonshauptort im Arr. Vouziers des Dep. Ardennen; Schloß mit Anlagen; 821 Ew. Hier 27. Ang. 1870 Reitergefecht zwischen Thei- len des 3. königl. sächs. Reiterregiments mit einer reitenden Batterie u. dem 12. sranz. Chasseur- Regiment, das geworfen wurde. Buzias, Marktflecken im ungarischen Comitat Temes; Sitz der Bczirksbehörde; Mineralquellen, die schon den Römern unter dem Namen Ontum xutoi bekannt waren u. rein eisenhaltige Säuerlinge sind; 1675 Ew. Buzrci (Buzizi), slavisches Geschlecht, dessen Stammort B. das jetzige Neusitz bei Leipzig sein soll. Aus diesem Geschlechte war Graf Dietrich I. von Wcttin (s. d.). - Buzot, Franz Leonhard Nikolaus, Mitglied der Gironde, geb. i760inEvreux; warDepu- lirter bei den Ltats gsnsranx u. in der National- Versammlung, stimmte mit der Partei der Giron- dins, flüchtete 1793, stiftete mehrere Ausstände gegen die Schreckensherrschaft u. floh mit Petion (s. d.), irrte mit diesem eine Zeit lang umher, dann tödteten sich Beide; man fand ihre Leichen auf dem Felde, halb von Wölfen gefressen. Seine Anhänger hießen nach ihm Buzotisten. Buzzard-Bai, Bai an der südl. Küste von Massachusetts (Vereinigte Staaten von NAmerika), 48 üm lang u. 11 üm breit u. durch die Elisabeth-Inseln von dem Vineyard-Sund getrennt. ö. V., Abkürzung für 1) bsns vals, lebe wohl! od. bons valsal, er lebe wohl! 2) Leus vixit, er h«t gut gelebt. 3) Lsata VirZo, die gebene- deite Jungfrau Maria. 4) Aus Recepten Lainsum vaxoris (Dampfbad). Byblos (a. Geogr.), iu der Bibel Gebal, Stadt in Phönikien, nördl. von Beirut, am Meere; lag früher (Alt-B.) etwas südl. von der späteren Stadt, am Anfänge eines Thals; war Residenz des Königs Kinyras u. Hanptsitz des Adoniscul- tus, mit Tempel der Aphrodite. Anfangs war eS den Tyrern unterworfen, welche von daher ihre besten Seeleute zogen, hatte dann eigene Herrscher, welche unter Persien standen; Alexander der Große nahm eS ein; in der folgenden Zeit gehörte es bald zu Ägypten, bald zu Syrien. Durch Pompejus kam B. unter die Herrschaft der Römer, die es zu klrooniaia prima schlugen. Hernach wurde B. Sitz eines Bischofs und kam später an die Saraceucn, denen es 1187 die Genuesen abnahmen, dock eroberten es die Türken bald wieder; jetzt Djebeil. Bychow (Bykhow), Kreisstadt des russischen Gouvernements Mohilew, am Dniepr; 6000 Ew., wovon Juden. 331 Vylan - ByläN (Beilan), Ort im Vilajet Konia (Asiatische Türkei). Hier 29. Juli 1832 Gesecht zwischen den Ägyptern unter Ibrahim Pascha und den Türken unter Hussain Pascha; Letztere wurden geschlagen. ö>>Lws heißen, allgemein genommen, in England alle nicht ans dem gewöhnlichen Wege der Gesetzgebung zu Stande gekommenen Gesetze. Das Wort ist angelsächsischen Ursprunges und dadurch gebildet, daß dem Worte kan? (Gesetz) ein anderes dz- oder bxs, Haus oder Stadt bedeutend, vorgesetzt wurde. Daher war seine ursprüngliche Bedeutung Stadtgesetz (bo>vu-1arv), in welcher es unter den alten Gothen, Schweden (dort bzdaA), Dänen (dort bxlovo) und anderen Völkern teutonischen Ursprunges Vorkommen soll. Praktisch sind 8. die privaten Regulationen einer Gesellschaft oder einer Corporation, zu Stande gebracht durch die Mehrzahl ihrer Mitglieder zu dem Zwecke des Lslk-govsrnmvnts, oder zur passenden Durchführung d^s Gegenstandes ihrer Institution. Jedoch nicht jeder freiwilligen Ässociation gibt das Engl. Recht die Macht, dissentirende Mitglieder durch die gesetzlichen Bestimmungen der Mehrzahl zu binden. Althergebrachte Sitte oder Vorschrift, od. gesetzliches Jncorporiren durch die Krone od. durch das statutarische Recht ist nothwendig zur Erlangung dieser Gewalt zu localer od. privater Gesetzgebung. Und selbst noch in diesen Fällen üben die höheren Gerichtshöfe das Recht aus, die Giltigkeit od. die Zweckmäßigkeit der 8. zu dis- cutiren u. ihre Gesetzlichkeit sestzustellen od. ihre Ungiltigkeit zu erklären. Um diese Probe bestehen zu können, müssen sie vernünftig u. der allgemeinen Politik des Engl. Rechtes angemessen sein u. ferner nicht versuchen, mit der Gesellschaft nicht in Verbindung stehende Fremde zu binden oder ihnen eine pecuniäre Bürde anfzuerlegen ohne ein billiges Äquivalent, oder ein Monopol zu schassen, oder die Freiheit des Handelns aus gesetzwidrige Weise zu beeinträchtigen. Der allgemeine Zweck der 8. besteht demnach mehr in der Regulirung der bestehenden Rechte, als in der Aufhebung od. Beschränkung der bestehenden. Das Recht, 8. zu erlassen, ist nicht absolut auf Corporationen beschränkt. In einzelnen Fällen wird es auch von einer Klasse von Personen nicht strict korporativen Charakters gesetzmäßig ausgeübt. Die englische Städteordnnng von 1835 gibt den Stadtverord- neten-Versammlungen (lorvn eounoils) das Recht, 8. für die gute Ordnung und Regierung der Städte u. zur Beseitigung gewisser Gemeinschäd- lichkeiten zu erlassen u. die Befolgung derselben durch eine nicht 5 Pfd. St. übersteigende Geldstrafe zu erzwingen. Die localen Sanitätsbehörden, die Verwaltung durch Schlagbäume abge- spcrrter Heerstraßen, Eisenbahn-, Kanal- und Dockcompagnien haben innerhalb ihrer Grenzen leichfalls die beschränkte Gewalt, 8. mit Straf- edingnngen zu machen. Einige Aktiengesellschaften besitzen eine analoge Autorität zur geeigneten Ausführung ihrer Geschäfte und der Regulirung ihrer eigenen Angelegenheiten. Bartling. Byng, 1) George, Viscount Torrington, brit. Seeheld, geb. 27. Jan. 1663 zu Wrotham in Kent; nahm jung Secdienste, wurde 1689 - Byron. Capitän, 1703 Contre-Admiral n. nahm 1704 Gibraltar, wurde 1706 Vice-Admiral u. entsetzte Barcelona; 1708 Admiral der Blauen Flagge, verhinderte er die Ausschiffung des Prätendenten in Schottland; wurde 1709 Lord der Admiralität u. 1717 Baronet u. commandirte die gegen König Karl XII. von Schweden ausgestellte Flotte; vernichtete 1713 die span. Flotte bei Messina u. behauptete das Mittelmeer bis 1720; 1721 wurde er bei seiner Rückkehr Peer und 1727 Chef der Admiralität: st. 17.Jan. 1730. 2) John, Sohn des Vor., geb. 1704; wurde auch Seemann, stiegsehr rasch, wurdeÄdmiral derWeißenFlagge, suchte 1756 das von den Franzosen belagerte Minorca vergebens zu entsetzen, wurde bei seiner Rückkehr verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt u. 14. März 1757 gehängt, auf Grund einer schroffen Auslegung des Kriegsgesetzes; alle Begnadigungsgesuche scheiterten an dem beschränkten Sinne Georgs II. Byr, Robert, so v. w. Bayer 5). Byrgius (Bürgi, Jobst Byrg), Justus, geb. 28. Fcbr. 1552 in Lichtcnsteig in der Schweiz; war Hosmedicus des Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen; st. 31. Jan. 1632 in Kassel. Er ist Erfinder des Triangnlarinstrumcnts, baute Himmelsgloben u. eine astronomische Knnstnhr, gilt auch für den Erfinder des Proporrionalzirkels und der Pendeluhr; er berechnete zuerst (gleichzeitig mil Neper) logarithmische Tafeln, die 1620 in Prag erschienen. Byron, 1) John, ans einer alten engl. Adelsfamilie, die bis in die Zeiten Wilhelms des Eroberers hinanfreicht u. deren Haupt 1643 wegen seiner Anhänglichkeit an Karl I. den Titel eines Lords B. von Rochdale erhielt, brit. Seefahrer, geb. 8. Nov. 1723 ans Newstead Abbey in Nottingham; machte mit Anson 1740 die Reise um die Welt, litt 1741 in der Magelhaens - Straße Schiffbruch, wurde nach langem Umherirren auf dem Meere durch ein indisches Canot nach ChiloL geführt u. kehrte erst 1745 nach Europa zurück; er zeichnete sich dann im Kriege gegen Frankreich (1758—62) aus, unternahm 1764 eine neue Entdeckungsreise, fand mehrere Inseln in der Slldsec aus u. kehrte 1766 über Batavia u. das Cap nach England zurück. Er befehligte nachher als Admiral eine Zeit lang eine Flotte in der engl. Station in Westindien u. verlor dort 16. Juli 1779 eine Seeschlacht. B. st. als Commodore 10. April 1786 in London. Die erste Reise beschrieb er selbst: Harrativs oonbsinivA an aooonnb ob tlis Areab diabreWos snllsrod ftimsslk and bis oompanions an tlls coasb sk 8ats.Aonia» Lond. 1748 u. 1763, deutsch Nürnberg, 1749, u. die 2. als Voz'NAs round tbs rvorld, ebd. 1766, deutsch, Lemgo, 1769. 2) George NoelGordon, Lord B., Enkel des Vor., Englands größter Dichter feit Shakespeare u. Milton. Sein Vater, John B., der älteste Sohn des Vor., war Capitän in der engl. Ärmee u. wegen seines tollen, excentrischen Lebenswandels der tolle Jack genannt. Er war zweimal verheirathet, zuerst mit der Marquise von Carmarthen, die von ihm entführt u. infolge dessen von ihrem Manne geschieden ward; dann mit Katharina Gordon, Tochter 332 Byron. u. Erbin George Gordons von Greith, des Hauptes einer mit dem schottischen Königshause verwandten Hochland. Familie. Aus seiner ersten, sehr- unglücklichen Ehe entsprang Augusts B., später Mrs. Leigh; aus seiner zweiten Ehe wurde 22. Jan. 1788 in Holles Street in London der Dichter B. geboren. Nachdem der Vater das Vermögen der Mutter verschwendet, verließ er sie n. ihr Söhnchen u. st. 1791 in Valenciennes. Von der excentrischen Mutter schlecht erzogen, wurde B., etwa 8 Jahre alt, zur Stärkung seiner Gesundheit in die Hochlande geschickt. Dort, in der wildromantischen Gegend, erwachte in ihm zuerst der Sinn für Poesie der Natur, dessen Nachklänge alle seine Dichtungen durchtönen und Erinnerungen in ihm wachhielten, welche dieser Epoche seiner Jugend in der Geschichte seines Lebens eine charakteristische Bedeutung verleihen. In seinem 10. Jahre (1798) folgte B. seinem verstorbenen Großonkel William Lord B. im Besitze der Titel n. Güter. Mutter u. Sohn verließen Len N. und zogen nach Newstead-Abbey, dem alten Familiensitze, der wenige Meilen von Nottingham, in der romantischen Gegend liegt, welche von dem Sherwood-Walde überschattet wird, wo einst der abenteuerliche Robin Hood hauste. Bon seinem Vormunde, dem Grafen von Carlisle, ward B. in eine Privatschule in Dulwich u. später nach Harrow gesandt. 1805 bezog B. das Triuity College der Universität Cambridge, und 2 Jahre später ward sein erster Band Gedichte unter dem Titel: Rours ob lälsusss zu Newark gedruckt. Die darin enthaltenen Gedichte waren keineswegs ohne Verdienst, hätten jedoch von einem jeden gut unterrichteten Knaben, der mit gewöhnlicher Fähigkeit etwas poetisches Gefühl verband, geschrieben werden können. Der Band ward von (später Lord) Brougham inder LäiuburAtt Nsvisv einer beißenden Kritik unterzogen, die den jugendlichen Dichter ties verwundete. Die geharnischte Satire: Lu§Iisll Larcko auä Zooteir ksvisrvsrs ward als Entgegnung auf den Artikel Broughams geschrieben u. Cambridge wie im Sturme erobert durch ein leuchtendes Spiel des Witzes und eine gewaltige Meisterschaft in der Bersification. Jan. 1809 volljährig geworden, nahm B. im März desselben Jahres seinen Sitz im Oberhause, wo er sich der Opposition anschloß. Doch besuchte er das Haus nur selten, u. die eine Rede, die er hielt, war unbedeutend. Sein gegen alles Herkommen verstoßendes Betragen gegen den Lord- Kanzler Eldon bei seiner Eidesleistung im Oberhause u. seine argen Zerstreuungen u. Ausschweifungen, die seine Gesundheit wie sein Vermögen geschwächt hatten, machten seine zeitweilige Entfernung aus England nothwendig. So schiffte ersieh denn mit seinem Freunde Hobhouse Juni 1809 nach Lissabon ein u. begann von da aus jene ausgedehnten Reisen durch Portugal, Spanien, die Inseln des Mittelländischen Meeres, Griechenland u. die Türkei, die, wahre abenteuerliche Pilgerfahrten, sein Genie entwickelten u. ihn mit zahllosen Ideen, Entwürfen und Phanrasie- gebilden begeisterten, aber auch immer mehr und mehr die Züge seines Charakters, des bemerkens- werthesten u. außerordentlichsten seines Jahrhunderts u. seiner Generation, verschärften. Begabt mit einer beweglichen u. phantastischen Einbildungskraft, mit einer ungestümen, erregbaren, nach Aufregung dürstenden, bis zum Delirium leidenschaftlichen Seele; begabt mit einem Charakter voll der widersprechendsten Gegensätze, wie Stolz, Güte, Verachtung, Adel, Gewaltthätigkeit, Groß- muth; von Kindheit auf gequält von einer vorzeitigen Schwermuth, die später in bitteren Menschenhaß ausartete, geplagt von Liebesträumen, die sein Herz u. seine Sinne verwirrten, von unklaren Bestrebungen, deren Zweck u. Gegenstand er nicht kannte; erfaßt von jener Krankheit, die einen Pascal, Chateaubriand, Lenau verzehrte, das Bedürfniß eines Glaubens beim höchsten Skepticismus; zu den erhabensten Tugenden, aber auch zu den größten Verirrungen fähig; extrem in Allem; die Humanität liebend, die Menschen aber verachtend, fand B. niemals das Gleichgewicht seiner Fähigkeiten und rang ohne Unterlaß mit der Verzweiflung, dem Zweifel, dem Haß der Gesellschaft u. tiefem Lebensüberdruß. Nachdem er noch Kleinasien besucht u. den Helles- pont durchschwommen, kehrte er nach längerem Aufenthalte in Athen im Juli 1811 in sein Vaterland zurück. Im Febr. 1812 erschienen die während seiner Reise begonnenen und vollendeten beiden ersten Gesänge von Olriläs Harolä's ?ilArima§s und ernteten den höchsten Beifall, u. B. ward sofort den größten Dichtern seines Landes zugezählt. Während der nächsten 2 Jahre schrieb er: lirs 6iaur, Mw Lriäs ok L.bz-äc>8, lLüo Lorsair und Imra. Während diese glänzenden Dichtungen seiner Phantasie entquollen, überließ er sich allen Ausschweifungen der Metropole an der Themse. Was noch edel in dem Manne war, bäumte sich gegen ein solches Leben auf, und in einem Versuche, demselben zu entrinnen, verhei- rathete er sich 2. Jan. 1815 mit Miß Milbanke, der Tochter des reichen Baronets Sir Ralph Milbanke in der Grafschaft Durham. Diese Ehe war eine überaus unglückliche. Nur ein Jahr dauerte sie, und während dieser kurzen Periode waren Geldverlegenheiten, gegenseitige Anklagen, kurz aller Jammer einer unpassenden Heirath, fast tägliche Vorkommnisse. Nach der Geburt ihres Kindes Ada ging die Gattin B-s zu ihren Eltern u. weigerte sich, zu ihm zurückzukehren. Dieses Ereigniß ries infolge der Berühmtheit des einen Theils große Aufregung in der vornehmen Welt hervor. B. wurde der Gegenstand aller lästernden Zungen. Er, der volksthümlichste Dichter, worauf eine Zeit lang der unbeliebteste Mensch. Die Ehegeschichte B«s ist in neuester Zeit wieder lebhaft besprochen worden infolge der sogen. Enthüllungen, welche Harrtet Beecher-Stowe (vgl. deren: Mrs trus kristor^ ok Imäz? Lz-rous liks, zuerst im Bostoner Atlantic Nontlrl/ UaAamns u. im Londoner Llaomillaus UnAamns, 1869, dann auch besonders gedruckt) angeblich aus dem Munde der Lady B. darüber veröffentlicht hat; indessen hat sich Alles, was die genannte Schriftstellerin Verdächtigendes über B. vorgebracht hat, als völlig grundlos erwiesen. B. verließ nun 28. April 1816 zum zweiten Mal England, mit der Absicht, es nie wiederzusehen. Die Trennung 333 L/rsonima. von seiner Frau u. die Abreise von England bezeichnen ein neues Stadium in B-s Genius. Ein neues Element der Krast war in seine Verse getreten, das Element der Freiheit. Leiden u. Entrüstung trieben ihn zu bemerkenswerther Thätig- keit. Während eines sechsmonatlichen Aufenthaltes zu Gens schrieb er den dritten Gesang von Lttiicks Larolä, u. Mis ?risonsr ob Otziiion, Uarckrsä u. IRs 8amsni ob ll'g-sso wurden 1817 gedichtet. Im nächsten Jahre war er zu Venedig, u. hier vollendete er seinen Olriläs Üarolä, u. in dem fröhlichen u. witzigen Bsppo machte er einen Versuch auf einem neuen Felde, das er später so erfolgreich anbauen sollte. In Venedig (1819) u. später in Ravenna trat er mit der schönen Gräfin Guiccioli in ein vertrautes Verhältniß. Als deren Vater u. Brüder, die Grafen Gamba, wegen carbonarischer Umtriebe aus Ravenna verbannt wurden, nahm B. die ganze Familie in seinen Schutz u. ging mit ihr nach Pisa (1821), wohin die Gräfin, die sich von ihrem Gemahl getrennt hatte, ihm folgte. Hier schrieb er an seinem Don Juan, welches Gedicht ihn mit Ausnahme der Vision ob lluAämsnt fast bis an sein Lebensende beschäftigte. Am Schluß seiner Laufbahn kam eine neue Inspiration über ihn; die so lange verdunkelte Sonne schien in dem Augenblicke, wo sie untergehen sollte, herrlicher denn jemals. Im Juli 1823 ging er mit den Grafen Gamba nach Griechenland, um den Griechen in ihrem Kampfe um die Freiheit seine Kräfte zu leihen. 24 Jan. 1824 traf er in Missolunghi ein, wo er nichts als Verwirrung u. eifersüchtige Parteihäupter fand; doch nach dreimonatlichen harten Mühen gelang es ihm, ein weniq Ordnung in den Strudel des patriotischen Chaos zu bringen. In der hart bedrängten Feste bildete er eine Brigade von Sulioten, von denen 500 in seinem Solde standen, u. traf Anstalten zu einer Unternehmung in Lepanto. Noch schwach von einem epileptischen Zufälle, zog er sich jedoch durch einen Ritt bei Regenwetter ein entzündliches Fieber zu, woran er 19. April 1824 in Missolunghi starb. 21 Tage trauerte ganz Griechenland um ihn. Seine Leiche ward von seinem Freunde, dem Grafen Pietro Gamba, nach England geführt, wo sie, nachdem ihr ein Begräbniß in der Westmin- ster-Abtei verweigert worden, in der Dorfkirche von Hucknall, bei Newstead-Abbey, beigesetzt wurde. Der Lordstitel ging an B-s Vetter, George Anthony B., geb. 8. März 1789, über. Derselbe machte sich als brit. Marinecapitän durch eine Reise in die SSee bekannt, stieg 1862 zum Admiral auf u. st. 1868. Ihm folgte in der Peerswürde sein ältester Sohn, George Anthony B., geb. 30. Juli 1818. Bon den nach B-s zweiter Abreise aus England erschienenen Dichtungen sind noch anzu- sühren: Mazeppa, 1818; die dramatischen Dichtungen: Marino Valisro; sLtzs trvoi?os<:ari; 6ain; lleavon ami Dartii; Mio ckskormsck Manskormeä; Werner, 1820—22; Don Juan, 1821—23; Mrs Isls-nä, 1823, u. kleinere Gedichte. In Verbindung mit Leigh Hunt und Shelly unternahm er 1822 eine periodische Schrift: Mw lüborai, die dem Verleger in England eine Anklage zuzog. B. ist ein bemerkenswerthes Beispiel der Fluctua- tionen literarischer Mode. Auf die höchste Spitze des Ruhmes in den ersten sonnigen Tagen seiner Volksthümlichkeit gehoben, ward er nach seinem Tode auf ungerechte Weise vernachlässigt u. unterschätzt; erst in den letzten 20 Jahren hat die öffentliche Meinung in seinem Vaterlande den rechten Platz für ihn gefunden. Er steht hoch, sehr hoch u. gehört den Besten an. Die Hilfsquellen seines Geistes waren stannenerregend. Seinen ersten Ruhm gewann er als ein Zeichner düsterer, stürmischer Leidenschaften. Nachdem er aber seine venetianische Novelle Beppo geschrieben, fand er zu seinem Erstaunen, daß er ein Humorist war; als er in Griechenland eintraf, entdeckte er in sich Fähigkeiten für militärische Organisation. Als man in England wähnte, daß er in der Ferne mit düstererMiene u. trotzig aufgeworfener Lippe jammere, lachte er in Italien u. erklärte sich als das unromantischste Wesen auf der Erde. Und er hatte nicht unrecht. Wenn man alle seine orientalischen Verhüllungen abzieht, so entdeckt man einen echten Engländer, der vor allen Dingen Geschwätz u. Humbug haßt. In seinem Don Juan und seinen I-sttsrs findet sich ein reicher Schatz von Witz, Humor u. Menschenkenntniß. Wenige Männer hatten ein so offenes Auge für Thatsachen u. Wirklichkeiten. Seine Beredtsamkeit, sein Pathos u. seine Verzweiflung, seine Man- krsäs u. seine Ltziiäs Maroicis, die in gleicher Form in seinen elfteren Schöpfungen wiederkehren, waren nur Phasen seines Geistes. Gegen das Ende seines Lebens strebte er seine wahre Stärke an, u. diese lag im Witze n. der directen Darstellung menschlichen Lebens. B-s ?osbioai IVorics erschienen wiederholt, zuerst 6 Bde., Lond. 1815, am vollständigsten 17 Bde., ebd. 1832—33, Tauch- nitz-Ausgabe, 5 Bde., Lpz. 1842, und wurden in fast alle lebenden Sprachen übersetzt, deutsch namentlich von Adolf Böttger (1 Bd., Leipz. 1850, 3. Ausl., 1845, Diamantausgabe, 12 Bde., Lpz. 1850, 7. Aufl., 1861) und in vorzüglicher Weise der Don Juan von O. Gildemeister, Bremen 1845. Die autobiographischen Memoiren B-s wurden durch den Erben dieser Papiere, seinen Freund Thomas Moore, aus Rücksicht auf B-s Verwandte vernichtet, jedoch gab er später heraus: Msmoirs ok ttzs liks ob Iwrck 8., in- olnäinA bis oorresponäsnos vittt bis krisnck, Lond. 1829 und öfter. Bon guten neueren Biographien sind zu nennen: Tuckerman in den Charakterbildern engl. Dichter, deutsch, Marburg 1857; Macanlay in seinen Lssaxs, 1. Bd.; von Treitschke in den Historischen u. politischen Aufsätzen, 3. Aufl., Lpz. 1867; Eberty, Eine Biographie, Lpz. 1862, 2 Bde.; K. Elze, Lord B., Lpz. 1870, 2 Bde. Bartlmz. ö>rsonima Lre/r., Pflanzengattung aus der Familie der MalpiAtziaLsas-MaipiAttisas, Bäume und Sträncher mit ungetheilten Blättern, verwachsenen Nebenblättern u. endständigen Blüthen- trauben; Blüthen mit 51heiligem, mit 10 Drüsen besetztem Kelche, mit kahlen, genagelten Blumenblättern, 10 am Grunde verwachsenen Staubblättern u. 3fächerigem Fruchtknoten mit 3 länglichen od. psriemensörmigen Narben; Frucht eine 3fächerigeSteinfrucht mit kugeligen L-amen. Von Z34 ^ssaoeus - den 90 Arten SAmerikas sind zu nennen: L. erassikoUa D<7., deren Rinde unter dem Namen kMapara. Llantvoa als Mittel gegen den Biß der Klapperschlange berühmt ist; dieselbe soll auch, sowie die Rinde anderer Arten, mit der 6ortex Xloornogns identisch sein, welche früher alsHanpt- mitlel gegen Lungenschwindsucht in Gebrauch war. 6. spieata enthält in Rinde u. Holz sehr viel Tannin; dieselben dienen daher znm Gerben u. als adstringirendes Arzneimittel. Engter. özssaceus (Üz'ssinrw, Lzcssoiäons), flannifederig; daher 6/ssacvi, so v. w. Moderpilze. Byssokith, feinfaserige Varietät des Strahl- steins, eine Art Hornblende (s. d.). Byssns (Bart der Muscheln, Muschelfäden, Mn- schelseide), lange biegsame Fäden, welche von gewissen Muscheln zum Behufs ihrer Befestigung oder zum Nestbane gesponnen werden. Bei der eßbaren Mießmnschel z. B. liegt die B-drllse am Grunde des Fußes; beim Spinnen drückt das Thier die Spinnplatte des Fußes auf die B- drüse, beim Znrückziehen desselben wird dann der aus der Drüse herausgedrückte Klebstoff zu einem Faden ausgezogeu. Daun wird das Vorderende des noch weiche» Fadens au irgend einen Körper angeheftet. Die Gesammtheit aller Fäden bildet dann den Bart oder B. Dieser ist bei der Mießmnschel nur grob, bei der Steckmnschel dagegen sehr fein, glänzend, seidenartig. In Unter- Italien werden aus Mnschelseide mancherlei Geflechte n. Webereien, Handschuhe u. dgl. angefertigt, freilich mehr der Curiosität wegen, als daß cs ein besonderer cultivirter Erwerbszweig wäre. Th-m°. Byssus (gr.), die Baumwolle aus Indien und Ägypten, von mehreren Gattungen des Ooso^pinw gewonnen. Die daraus in Griechenland gefertigten Zeuge hießen Sindones und waren sehr kostbar. Auch in Elis u. Achaia wuchs B. Vgl. Förster, De d)'8so vet., Lond. 1776; Fabbroni, Osl bombier o cksl biss» äsM antnobi, Perugia 1782. Bythistes, in der Griechischen Kirche der Geistliche, welcher den Täufling unter Wasser taucht. Byström, Johann Niklas, schwed. Bildhauer, geb. 18. Decbr. 1783 zu Philippstadt in Schweden; war anfangs Kaufmann, seit 1803 in Stockholm Bildhauer; er ging, nachdem er sich bei Sergel vorgebildet hatte, 1810 nach Nom, schuf dort seinen trunken schlafenden Bacchanten, lebte 1815—21 in Stockholm, wo er die Kolossalstatue des Kronprinzen u. die Marmorstatuen Karls X., XI. n. XII. aufführte, u. kehrte dann wieder nach Rom zurück; seit 1829 nahm er seinen festen Wohnsitz in Stockholm, besuchte 1835 Rom nochmals u. st. daselbst 12. März 1848. Bon seinen meist pikanten u. lebendigen Arbeiten sind die bekanntesten: Eine trunkene Bacchantin; Der berauschte Amor; Venus im Begriff ins Bad zu steigen; Karl XII. in Kolossalgröße; Lome im Morgenkleide; Juno schlafend den Hercules säugend; Harmonia mit Hymen u. Amor; 2 badende Jungfrauen; Victoria; Pandora; Christus, Liebe und Religion, in der Domkirche zu Linköping rc. Negnet.* Bythometrie (v. Gr.), Messung von Tiefen e des Seldschuken Suleiman bediente sich 1078 Nikephoros III. Botaniates, um sich Con- stantinopels u. damit des Thrones zu bemächtigen, worauf Michael n. sein Bruder Constantin in ein Kloster gehen mußten. Nikephoros selbst behauptete sich nur Lurch seinen F-eldherrn Alexios Koinnenos, einen Neffen des Isaak Koinnenos, welcher indeß, am Hofe verdächtigt, es räthlich fand, sich zu entfernen. Da aber Alexios durch das Heer u. die großen Adelsfamilien, nach Constantinopel zurückgeführt wurde, ging Nikephoros III. 1081 ins Kloster, worauf dann Alexios I. von Senat und Volk als Kaiser ansgernfen ward. Er zog nach Kleinasien gegen die Seldschuken, schloß aber Frieden mit ihnen (der ihnen allerdings Kleinasien bis nahe an die Propontis überließ), um sich gegen Robert Gniscard wenden zu können, den in Epirus gelandeten kühnen Führer der Normanen, die seit 1030 in Umer-Jtalicn festen Fuß gefaßt u. seit 1040—1070 die Byzantiner völlig aus Italien verdrängt hatten. Der Kaiser war aber nicht glücklich u. gewann erst nach Roberts Tode (1085) die verlorenen Besitzungen wieder. Die nördlichen Grenzen sicherte er nach mehrjährigem Kampfe 1091 durch entscheidende Siege über die Petschenegen. Unterdessen hatte die Eroberung Jerusalems u. das immer weitere Vordringen der Türken in Asien im westl. Europa allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Alexios selbst halte einige Male bei den abendländischen Höfen um Unterstützung gebeten. Endlich kam 1095 der 1. Kreuzzug zu Stande; die Menge u. Zügellosigkeit des ersten Hansens aber erregte bei Alexios Argwohn, u. er ließ denselben 1096 schnell nach Asien übersetzen. Als er bei dem 2. Zuge den Grasen Hugo, Bruder Philipps I. von Frankreich, widerrechtlich gefangen nahm, rücktendieKreuz- fahrer gegen Constantinopel an. Endlich ward 1097 ein Vergleich abgeschlossen, zufolge dessen er die Kreuzfahrer als Bundesgenossen betrachten u. ihnen Unterstützung zukommen lassen sollte; dagegen machten diese sich anheischig, alle dem Reiche früher gehörigen Provinzen znrückzugeben u. die zu erobernden Länder als Vasallen von ihm zu Lehn zu nehmen. Als der Normanne Bohemund, Fürst des Lurch die Kreuzfahrer eroberten Antiochien, seine Lehnspflicht nicht leistete, kam es mit diesem 1103 zum Kriege. Bohemund kehrte nach Italien zurück, belagerte mit Hilfstrnppen ans Italien Dyrrha- chium, schloß aber 1108 mit Alexios einen Frieden. Alexios suchte in der letzten Zeit seines Lebens bes. die Ruhe im Innern seines Reiches herzustellen; auch legte er manche Streitigkeiten der Griechischen Kirche bei u. starb 1118. Sein Sohn Johannes II. (Kalo-Johannes, 1118—1143), der beste der Komncnen, regierte im Innern gut u. human u. behauptete siegreich die Interessen des Reiches gegen die Türken und die Feinde im N., wie auch gegen die Franken in Syrien. Ihm folgte sein Sohn Emanucl (Manuel) I. (1143—80), ein tüchtiger Feldherr, zugleich ein Held von riesiger Stärke u. Tapferkeit u. ritterlicher Nomanlik, der seine Negierung mir Kriegen wider alle Feinde des Reiches vom Taurus bis nach Sicilien ans- , (Gcsch. bis 1204). füllte. Mit seinem Tode waren die besseren Zeiten der Komnenen vorüber. Alexios II. (1188—83) war bei seines Vaters Tode erst 12 Jahre alt, u. seine schöne Mutter, eine fränkische Prinzessin ans Antiochien Namens Maria, vernachlässigte nicht nur seine Erziehung, sondern ließ auch ihre Günstlinge schalten. Einer derselben, der Protosebastos Alexios, herrschte willkürlich, ohne doch den in Phrygien eindringendcn Türken Widerstand ent- gegenzustcllen. Diesem Regiment machte der wilde, im gesummten Morgenlande als Abenteurer berüchtigte Vetter Emanuels, Andronikos I., ein Ende: er stürzte 1182 durch einen Ansstand den Minister Alexios, ließ bald hernach die Kaiserin Maria, endlich auch den Kaiser erdrosseln u. bestieg selbst den Thron (1183), herrschte aber so grausam, daß er von dem Volke umgebracht wurde (12. Sept. 1185). Er war der letzte der Komnenen. An seiner Stelle erhob man Isaak II. Angelos (Enkel der Theodora, der jüngsten Tochter des Kaisers Alexios I., und des Constantin Angelos), welcher Gründer der elenden Dynastie der Angelen ward. D) Unter der Herrschaft der Angelen, 1185—1204. Dem Kaiser Isaak II. fehlte die nöthige Thatkraft, um die Ruhe im Innern u. die Sicherheit nach außen zu erhalten. Er vermochte nicht zu hindern, daß die Türken immer größere Fortschritte in Kleinasien machten u. daß sich die Bulgaren der griech. Regierung wieder entzogen, u. erregte dadurch die größte Unzufriedenheit. Sein Bruder Alexios III. erhob sich gegen ihn, ließ ihn ans der Flucht 1195 blenden u. in ein Kloster bringen und bestieg statt seiner den Thron, um noch viel schlechter zu regieren. Die Regierung führten seine Gemahlin und seine Günstlinge, welche das Volk arg bedrückten. Indessen war der junge Sohn Isaaks, Alexios IV., aus der Haft seines Oheims nach dem Abendlande entkommen n. bewog 1202 die unter dem Vcnetianer Heinrich Daudolo vor Zara liegenden italienischen, französischen u. belgischen Kreuzfahrer des sogen. 4. Krcuzzuges, seinem Vater bei« znstehen, wogegen er versprach, ihnen 200,000 Mark Silber zu zahlen, die Griechische Kirche unter die päpstliche Oberhoheit zu stellen u. mit ihnen gegen die Ungläubigen zu ziehen. Die Kreuzfahrer erschienen 23. Juni 1203 vor Constantinopel, zwangen Alexios III. zur Flucht, setzten Ende Juli 1203 Isaak wieder auf den Thron u. gaben ihm seinen Sohn Alexios IV. zum Mitregenten. Die Regenten mußten indessen, um ihren Verbindlichkeiten gegen die Kreuzfahrer uachzukom- men, dem Volke große Lasten ausbllrden. Die dadurch hcrvorgernfene Unzufriedenheit benutzte ein vornehmer Beamter, Alexios V. DukasMnr- zuphlos, um eine Empörung gegen Isaak und seinen Sohn anzuspinnen, n. ließ Letzteren 8. Febr. 1204 im Gefängnis) ermorden; Isaak starb vor Schreck. Da drangen die Kreuzfahrer unter furchtbaren Kämpfen 9.—13. April 1204 mit stürmender Hand in die Stadt, vertrieben den Alexios Murznphlos, der später gefangen u. grausam ge- tödtet wurde, u. nachdem sie die Stadt geplündert hatten, machten sie dem Byzant. R-e in so fern ein Ende, als sie keinen Byzantiner, sondern einen Lateiner zum Kaiser wählten; das Land aber 343 Byzantinisches Reich (Gcsch. bis 1422). theilten sie so, daß ein Dheil als Krongut dem neu zu wählenden Kaiser zufallen, 3 andere Theile an die übrigen Anführer u. die Republik Venedig kommen sollten, in der Weise, daß diese Machthaber nicht souverän, sondern Lehnsträger des Kaisers sein sollten. L) Das Byzant. R. als Lateinisches Kaiserthum unter abendländischen Regenten, 1204—61. Erster Kaiser ward der treffliche flandrische Graf Balduin I. Venedig nahm die Küstenländer des Adriatischen u. Ägäischcn Meeres, einige Plätze des Peloponnes u. viele Inseln; der Markgraf Bonifacius von Montferrat erhielt Makedonien als König von Thessalonich. Überdies gab es noch eine Menge kleinerer Herrschaften, indem mit der Verfassung n. den Gesetzen des fränkischen Königreichs Jerusalem das ganze Feudalsystem durch die Abendländer auf griechischen Boden verpflanzt wurde; so entstand ein Fürstenthum Achaia, ein Herzogthum Athen, ein Herzogthum Naxos u. Negroponte, Pfalzgrafschaften von Zante u. von Kephalonia (s. d.) rc. Diesen Staaten gegenüber behaupteten sich die Byzantiner in Asien, u. hier entstand das Kaiserthum Nikäa u. das Kaiserthum Trapezunt (s. d.); in Epirus u. Ätolien hielt sich ein unehelicher Abkömmlnng des Hauses Angeles. Die neuen Reiche u. Herrschaften der Abendländer waren meist nicht glücklich; die Sieger wollten zum großen Theil sich nur bereichern; die Griechen, von Haß gegen die Fremden erfüllt, gehorchten nur von der Noth gezwungen u. verbanden sich bald mit dem Bulgarenkönig Johannes, der über die thrakische Grenze drang n. 1205 Balduin I. bei Adrianopel schlug. Balduin selber fand den Tod. Heinrich, Balduins ausgezeichneter Bruder u. Nachfolger, gewann das Zutrauen des Volkes dadurch, daß er dasselbe in kirchlichen n. politischen Dingen human u. versöhnlich behandelte u. den Griechen Ehren und Würden gah. Mit den Bulgaren n. dem Kaiser von Nikäa schloß er Frieden. Als Heinrich 1216 starb, wählte man, nachdem der Ungarnkönig Andreas die Krone ausgeschlagen hatte, Heinrichs Schwager, den Grasen Peter von Courtenay, zum Kaiser. Da dieser auf einer Reise aus Frankreich nach Griechenland dem Fürsten Theodor von Epirus die Stadt Durazzo entreißen wollte, fiel er 1217 in dessen Gefangenschaft, aus der er nicht wieder frei wurde. Unterdessen hatte seine Gemahlin Jolantha in Constantinopel regiert, u. da diese 1219 gestorben war, wurde die Krone seinem Sohne Robert angetragen, der auch 1221 nach Constantinopel kam. Durch die Schwäche der letzten Regenten war der Zustand des Reiches sehr verschlimmert, ja, dasselbe durch die Eroberungen der byzantinischen Fürsten von Epirus n. Nikäa zuletzt beinahe auf die Stadt Constantinopel u. deren nächste Umgebungen eingeschränkt. Als Robert 1228 gestorben war, übertrug man Johann von Brienne, Titularkönig von Jerusalem, die Vormundschaft über Roberts unmündigen Bruder Balduin; dieser kräftige Greis rettete das von den Bulgaren u. Nikäern hart bedrängte Constantinopel, u. nach seinem Tode (1237) veruneinigten sich zum Glück jene Feinde des Reiches. Balduins II. Negierung war eine höchst traurige, seine Kriege kosteten ihm so viel Geld, daß er alle Kostbarkeiten u. Reliquien verkaufen mußte. Unter ihm ward das Lateinische Kaiserthum von den nikaischen Kaisern immer nachdrücklicher eingeengt. Die Nikäer hatten bereits die Balkan-Halbinsel bis nach Dyrrhachium und Thessalien hinein wieder gewonnen. Der seitl. Jan. 1259 herrschende Michael VIII. Paläologos, Gründer der letzten byzantinischen Dynastie, dessen Feldherr Alexios Strate- gopulos mit Hilfe der Genuesen Constantinopel eingenommen hatte (25. Juli 1261), wurde nun nach Balduins Flucht Kaiser des wiederhergestellten Oströmischen oder Rhomäischen Reiches. I?) Das Byzant. R. unter den Paläo- logen, 1261—1453. Das Reich der Paläologen war doch nur ein Schattenbild des alten Reiches, da es zunächst weder Epirus, noch Griechenland, noch Trapezunt wiedergewonnen hatte, innerlich auch die Erschütterung durch die Lateiner niemals völlig überwinden konnte u. im O. seit 1289 andauernd durch die osmanischen Türken bedroht wurde. Dagegen begannen die Byzantiner seit 1263 die Wiedereroberung von Morea, die (mit Ausnahme der venetianischen Städte) bis 1432 vollendet wurde u. die Bildung eines durch paläologische Prinzen regierten Despotats ermöglichte. Auf Kaiser Michael VIII. folgte 1283 sein SohnAn- dronikos II. Gegen die Türken rief er 1303 die damals berühmten catalonischen Freibeuter zu Hilfe; diese schlugen zwar die Türken zurück, ver- wüsteten aber nachher Griechenland n. setzten sich auch in diesem Lande fest. Von 1321—28 wurde der Kaiser in innere Unruhen verwickelt; in letzterem Jahre ward er von seinem Enkel u. Milregenten Andronikos III. zur Abdankung ge- nöthigt. Aber auch dieser Andronikos (1328—41), der allerdings 1337 Epirus noch einmal ans Reich brachte, war ein ohnmächtiger Regent. Unter ihm ging Kleinasien endlich völlig an die Türken verloren. Unter dessen Sohn Johann V. (1341 bis 1399) riß dessen Vormund Johannes Kanta- kuzenos (1347—1355) einen Theil vom Byzant. R-e los u. bildete ein neues Reich, dessen Sitz zu Didymoteichos in Thrakien (s. d., Gcsch.) war; als aber Kantakuzenos 1355 seine Regierung niederlegte n. sein Sohn Matthias dieselbe fortführen wollte, wurde er von den Byzantinern geschlagen u. gefangen. Johann V. wurde von seinem eigenen Sohn Andronikos IV. 1375 vom Throne gestoßen, der zwar 1376 znrückgedrängt wurde, aber schon 1378 wieder emporkam u. 1381 sich unter türkische Hoheit zurückzog. Der alte Kaiser starb 1391 nach unglücklichen Kriegen gegen die Türken. Nicht glücklicher war sein Sohn Ema- nuel II. (1391—1425), der, weil er nirgends Hilfe gegen die Türken fand, endlich die Herrschaft seinem Sohne Johann VI. (1425—48) übergab. Die Türken waren allmählich auf der Balkan-Halbinsel die herrschende Macht geworden. Sie hatteii 1354 den Hellespont, 1361 Avrianopel erobert u. 1381 bereits Kaiser Johann V. zu ihrem Tributär herabgedrückt, dann durch die Schlacht bei Kossowa 1389 das seit 1333 rasch erwachsene Serbische Reich zerschmettert und 1401 sich sogar schon an den Mauern von Constantinopel versucht, was dann 1422 ohne Erfolg wie> 344 Byzantinismus — Bzura. derholt wurde. Als sie mm immer näher ruckten u. 1431 schon Thessalonich erobert hatten, suchte Johannes das Reich durch eine Bereinigung der Griechischen u. Lateinischen Kirche zu retten. Aber dieselbe kam nicht zu Stande, n. die Erhebung der Magyaren, Polen, Deutschen n. Walachen gegen Sultan Murad II. endigte mit der großen Niederlage bei Varna, 10. Nov. 1444. Johann ließ das nnn ans Morea, das Gebiet von Con- stantinopel n. einige Städte Griechenlands eingeschränkte, hilflose Reich seinem Bruder Constantin XII. Dragases, der bisher in Morea regiert hatte. Immer drohender wurden die Fortschritte der Türken. Mohammed II. (seit 1451) baute unweit Constantinopel auf der europäischen Seite des Bosporus ein festes Schloß, u. seine Truppen streiften bis vor die Mauern der Stadt. Verstärkt von 2000 Genuesen (die seit Ausrichtung der den Venetianern abgeneigten Herrschaft der Paläologen, welche noch dazu die Flotte vernachlässigten , als Bundesgenossen der Byzantiner erscheinen, unter denen der tapfere Giustiniani war, erwartete Constantin den Angriff der Türken, die 6. April 1453 mit 400,000 Mann vor Constantinopel sich lagerten. Der heldenmüthigste Kampf entspann sich nun, auf beiden Seiten zeigte sich die höchste Tapferkeit, vor Allen bewies sich Constantin als Held. Alle Anstrengungen waren indeß fruchtlos, u. nach einer Belagerung von 50 Tagen fiel Constantinopel 29. Mai 1453 durch einen allgemeinen Sturm. Constantin fand auf der Bresche seinen Tod. Mit ihm endigte die Reihe der oströmischen Kaiser; ans dem griechischen Constantinopel wurde das türkische Stambnl. Die Besitzungen des christlichen Abendlandes ans griechischem Boden sind bis 1566, das byzantinische Gebiet in Morea bis 1460, das Reich von Trapezunt bis 1461 in die Hände der Osmanen gefallen. Alle weiteren Schicksale der Länder, aus denen einst das Byzant. R. bestanden hatte, wie auch die bis heute nur zum kleinsten Theil geglückten Versuche der Neugriechen, einen Theil des alten Griechenreiches zu erneuern, gehören der türkischen u. der neugriechischen Geschichte an (s. Türken u. Griechenland, neuere Gesch.). Die Geschichte des Byzant. R-es erzählen die Byzantinischen Schriftsteller, unter ihnen von Constantin d. Gr. bis zum Untergange besonders Zonaras, Niketas Akominatos, Nikcphoros Gre- goras und Laonikos Chalkondylas; die anderen die Geschichte einzelner Kaiser. Außerdem vgl. E. du Fresne du Cange, viskoria Lz^antina, Par. 1680, 2 Thle., Fol., Ven. 1729; Le Beau, vmtoirs ckn Las-smxirs, Par. 1757—1811, 27 Bde., n. A., 1824—33, 21 Bde., deutsch, Nürnb. 1757—1811, 22 Bde.; Gibbon, vistory ok tbe cioolins anck fall ok tirs Roman Vmxirs, Lond. 1782—88, 6 Bde., u. L.; G. Finlay, Historzc ok bbs Lz^ankiiis anä Oroeic Vmxirss, 2 Bde. (1. von 716—1057, London 1854, und 2. von 1057—1453), Lond. 1854; PH. Krug, Kritischer Versuch zur Aufklärung der byzantinischen Chronologie, Petersb. 1810; Muralt, vssai cio ebro- noArapbis R^antins, Petersburg 1855; Krause, Die Byzantiner des Mittelalters, Halle 1869. Hertzberg? Byzantinismus bezeichnet den Inbegriff der Fehler, Schwächen u. Unthaten, welche dem Byzantinischen Reiche den Untergang brachten, also namentlich Despotismus, Grausamkeit, Üppigkeit, Kriecherei re. Byzantium (Byzanz), s. Constantinopel. Bzowski, Abraham, katholischer Kirchengeschichtschreiber, geb. 1587 in Prosczovice in Polen; war Prior der Dominicaner in Krakau; starb 1637 in Rom; er sehr, eine Fortsetzung der Annalen des Baronius, 13.—21. Bd., Köln 1616—30, Rom 1672; Riatoria eoelesiaskioa (Auszug aus Laronii annalss), Köln 1651, 3 Thle., Fol.; Vs rebns Asstio swmmornm pon- lüllonm, Köln 1619; Xomsiwlator oaiiotornm prokessions msäioorum, Nom 1612, 1621, Köln 1623, Fol., u. m. a. Bzura (Bsnra), Fluß in Russisch-Polen; entspringt bei Zgierc in Masovien, nimmt die Rawka u. a. ans und fällt links bei Kamionka Wyszogrod in die Weichsel. Übergang Dom- browskis über die B. 1809; s. Österreich. Krieg von 1809. C. Bei der Schreibart mit C und K sind im Wesentlichen folgende Grundsätze beobachtet worden: 1) Mit K sind geschrieben: a) deutsche oder im Deutschen durch den Gebrauch eingebürgerte Wörter, z. B. Kaffe, Kammer, Kasse, Kanzlei; b) griechische und aus dem Griechischen stammende Wörter und Eigennamen, so: Kyros, Kimon, Kyklopen. Als Ausnahmen hiervon sind mit dem C geschrieben: a) naturhistorische Namen, die zwar ans dem Griechischen stammen, aber in Systemen und naturhistorischen Schriften mit dem C geschrieben werden, so: CalophyllnA, Cytisus; b) Namen aus der Medicin, Chemie und Naturkunde, welche mit einer lateinischen Endsilbe geschrieben und mit dieser gewöhnlicher sind. 2) Mit C werden geschrieben: alle Wörter aus der lateinischen und den romanischen Sprachen und solche, die aus diesen Sprachen stammen, sofern sie im Deutschen noch nicht vollständig eingebürgert sind. 3) Verweisungen von C ans K, und umgekehrt, sind nur bei wichtigeren Gegenständen gegeben. Daher bitten wir, Artikel, die man nicht unter C findet, unter K zu suchen. C — Lavancl. 345 C, 1) der an die Stelle des griechischen Gamma, getretene, aber dem Laute des griechischen Kappa entsprechende 3. Buchstab des römischen und etruskischen, später der romanischen Alphabete; s. u. Alphabet. Der durch ihn vertretene Laut ist kein bestimmter, sondern geht nach Verschiedenheit der Sprachen od. der Nachbarschaft von Vocalen u. anderen Consonanten von K bis Z alle Nuancen durch. Im Lateinischen lautete 6 ursprünglich immer wie K, z. B. ospnb kaput, esrs kera; erst seit dem 3. Jahrh. n. Chr. nahm es vor s, i, w, vo,^ allmählich einen zischenden Laut, ähnlich unserem Z, an; im Italienischen gestaltete sich der Zischlaut vor o, i breiter (tsch), z. B. eiroo, im Spanischen leichter (ds), im Französischen wurde er dünner (ß), z. B. oirgns; im Englischen klingt 0 vor s> 1 wie ß; im Polnischen u. Böhmischen stets wie z. Von den germanischen Alphabeten hat die skandinavische Runenschrift die Rune ^ für o erst später, neben der Rune Kann, angenommen (s. Runen); die Angelsachsen nahmen es mit der lateinischen Schrift auf; in althochdeutschen Handschriften kommen beide Buchstaben, k u. c, vor. Schwankend ist der Gebrauch im Neudeutschen. 2) Als Zahlzeichen: s) 6 (osnbnm), so v. w. 100, 66 200 rc.; d) in der Rubricirung — 3. 3) Als Abkürzung: s) auf den Stimmtafeln bei den Abstimmungen in römischen Criminalgerichten ^ «onäsnwo (ich verdamme), daher o von Cicero I-itsrs bristis (der traurige Buchstabe) genannt wird; vgl. L; k>) in römischen Inschriften, Handschriften u. auf Münzen so v. w. Oains, ursprünglich 6ains, 6aosar, 6apnb, Osnsor, 6oninria, 61vis, Oivitas, 6oIIsZsinm, 6odor8, 6okonia, 6omitia, 6onsn)i, 6onsnl, 6onsoripbu8, onrsvib sie.; e) umgekehrt (g) an) so v. w. 6sis; dd) so v. w. Lomio. das tnskische halbe As, wahrscheinlich aus dem Griechischen übergenommen, wo man den Obolos durch 0 bezeichnete n. zur Andeutung der Hälfte jene Figur in 6 od. 0 theilte; ä) in Handelsbüchern: Capital, Courant, Conto rc.; s) (Med.) ans Recepten: 6s.1x (Kalk); vgl. 66; k) (Log.) in philosophischen Lehrbüchern so v. w. 6onbra- positio; ss) bei Temperatnrangaben Bezeichnung der Grade nach Celsius, der den Abstand des Gefrierpunktes vom Siedepunkte des Wassers in 100 gleiche Theile, Grade, theilt (Centesimalscala), z. B. 15° 6. wird demnach gelesen: 15 Grad (nach) Celsius od. 15 Grad der Centesimalscala; d) (Numism.) in den Vereinigten Staaten so v. w. Cent, der hundertste Theil des Dollar; auf dem Revers neuerer Münzen: an) auf französischen: die ehemalige Münzstadt St. Loo, dann Caen, 66 Besanyon; db)aus österreichischen: Prag; eo) auf preußischen: Kleve; seit 1866, sowie ans den deutschen Reichsmünzen: Franksurt a. M. 4) (Math.) In der Mechanik häufig angewandt zur Bezeichnung der Geschwindigkeit (6s1eritas). 5) Chemisches Zeichen für Kohlenstoff(6ardonium). <») (Mus.) Die erste Stufe unserer diatonischen Tonleiter und somit der Ausgangspunkt des modernen Tonsystems; bis in das Mittelalter war L. die erste Stufe. Ferner ist der Halbkreis, welcher indessen allgemein wie ein 6 gebildet wird, das Zeichen des 2- oder ganzen Tacts, u. durchstrichen des Zeichen des Allabreve- tacts. Brambach»* C, Weißes C(C-Vogel, Hopfenfalter, Vanss- 8N 6 skbnm L.), Schmetterling der Tagfaltergattung Eckflügelfalter; Flügelroth, schwarz gefleckt, unten braun, gelb u. grün, mit einem weißen 6; Raupe auf Nesseln, Hopfen, Johannis- u. Stachelbeersträuchern, Haseln u. a.; roth, hinten weiß, an den Seiten braun; in Europa gemein. 6s, chemisches Zeichen für 6a1oinm. Caapebapfeffer, s. kotoworpkm. Cab (engl.), kleines zweiräderiges Fuhrwerk, welches in England die Stelle unserer Droschken vertritt. Cabairieicabalsam, s. Uzwosxsrmnm. Cabalaya, so v. w. Schuppenthier. Cabale (sranz.), von Kabbalah (hebr.), s. d., heimliches Einverständniß, geheime Verbindung in einer bösen Absicht, Ränke, tückische Anschläge, Schleichverbindung, Geheimrotte, ein tückischer Streich, Meuchelei; daher Cabaleur, ein Ränkeschmied, u. Cabalist, richtiger Kabbalist, ein Ränkemacher. Der historische Witz bildete auch aus den Anfangsbuchstaben der Namen der Mitglieder des ränkevollen Ministeriums unter dem engl. König Karl II.: Clifsord, Ashley, Buckingham, Arlington u. Lauderdale das Wort Cab al. Daher cabaliren (fr. osdalsr), gegnerisches Ränkeschmieden. Cabaletta (ital.), in der italienischen Musik der in einem größeren Tonstncke, besonders einer Arie, vorkommende, vorzüglich cantable u. dem Gehör schmeichelnde Zwischensatz. Er findet sich gewöhnlich zweimal in einem Stücke u. wird das erste Mal streng, das zweite Mal frei vorgetragen. Die C. kommt auch selbständig vor. Oabslium über, so v. w. 6ompsnäinm. Caballero (span.), Cavalier. Caballero, Fernan, s. n. Böhl v. Faber 2). Csbsüus (mittellat.), Pferd. lisbsns (fr.), 1) Hütte; einzeln stehendes Haus; daher heißen in der Vendee Cabaniers die Bauern, welche meist in einzelnen, von Gräben umzogenen Häusern wohnen. 2) Die Cajllte ans kleinen Schiffen. 3) Bedeckter Kahn, auf der Loire abwärts bis Nantes; wird nach der Fahrt verkauft. Cabanel, Alexandre, sranz. Historienmaler der Gegenwart, geb. 28. Sept. 1823 in Montpellier; besuchte das Atelier Picots, debütirte 1844 im Pariser Salon mit einem Christus am Öl- Lerge, erhielt 1845 den großen römischen Preis n. ging nach Italien. Von dort zurückgekehrt, malte er von 1850—53 n. a. einen Hl. Johannes, den Tod Moses, eine Velleda, die Zwölf Monate im Stadthause, den Christi. Märtyrer, die Ver- berrlichnng des hl. Ludwig, Herbstabend (1855), Othello, seine Schlachten erzählend, Michel Angelo, Aglae (1859), Maria Magdalena, Faun, eine Nymphe raubend, den Dichter Florentin, die Geburt der Venus, Adam u. Eva unter dem Baume der Erkenntniß (Maximilianeum in München), Triumph der Flora rc. u. zahlreiche treffliche Porträts, darunter das Napoleons III. C. ist seit 1863 Mitglied der Akademie u. seit 1864 Prof, an der Looks äss Lssux-Lito. Seine Hanpter- folge verdankt er jenen Bildern, worin er die 346 Cabanis — Cabenda. Schönheit der nackten menschlichen Gestalt mit der Wärme sinnlichen Lebens dem Beschauer recht nahe legt. Als Colorist geräth er zn leicht ins Blonde und Rosige n. nähert sich so, indem er auch die Reize koketter Weiblichkeit und weiche Körperlinien nicht verschmäht, der Weise des 18. Jahrh. Seine Farbe ist meist matt u. süßlich. Als Decorationsmaler bewährte er sich im Stadthanse u. im Palais Emil Pereires. Regnet. Cabanis, 1) Pierre Jean George, franz. Arzt u. Philosoph, geb. 5. Juli 1757 inCosnac; studirte in Paris, ging 1773 als Privatsecrctär eines Polen mit nach Warschau; kehrte 1775 nach Paris zurück, widmete sich den schönen Wissenschaften, studirte später Medicin n. wurde nach n. nach Professor der Gesundheitslehre ». Professor der Klinik an der Medicinischen Schule in Paris. Er schloß sich der Revolution an, war Anhänger Mirabeans, wurde Volksrepräscntant in dem Nathe der 500 u. Mitglied des Erhaltungssenats. Er st. 5. Mai 1808 bei Meulan. B. war durchaus Sensualist u. führte das ganze moralische Wesen des Menschen auf das Nervensystem zurück. Er schr.: NsIanZss cks lit. alls- manäs, Par. 1787; Iws äeZrss äs osrtitnäs äs Io, msäsoins, ebd. 1779 u. 1802, deutsch von Ayrer, Gott. 1794; Iw8 rapxorts äu piiMgns et äu moral äs l'lwwms, ebd. 1802, 2 Bde., 1824, 3 Bde., u. A., 1866, deutsch von Jacob, Halle 1804, 2 Bde.; Iwttrs postllums snr iss eaw8S8 prsmierss, 1824. Werke, ebd. 1823 bis 1825, 5 Bde. 2) Jean Louis, berühmter Ornitholog, geb. 8. März 1816 zu Berlin; stn- dirte zu Berlin u. war zugleich am Zoologischen Museum angestellt, sammelte 1°/z Jahre in N- Amerika (1839—41) Naturgegenstände, besonders Vögel. Er schr. zahlreiche Abhandlungen in Wiegmanns Archiv (seine Ornithologischen Notizen sind für die Systematik der Vögel von besonderer Wichtigkeit gewesen). Im Museum Heineanum, 4. Bd., Halberst. 1855—63, führte er sein System durch. Die ornithologischen Schätze, die zahlreiche wissenschaftliche Reisende ans fernen Gegenden mitbrachten, wurden von C. bearbeitet, so namentlich die von Tschudi aus Peru, von Schomburgk aus Guiana, von v. d. Decken aus Afrika. In dem von ihn: 1855 gegründeten Journal für Ornithologie sind zahlreiche Abhandlungen von C. Auch die Deutsche Oruithologische Gesellschaft zu Berlin wurde von ihm 1868 gegründet. Cabaret (sranz.), 1) Wirthshaus, Schenke; daher Cabaretier, Schenkwirth; cabaretiren, oft ins Wirthshaus gehen. 2) Thee- u. Kaffebrett. Cabarrus (Cabarras), County im Nordamerika«. Unionsstaats NCarolina, u. 35» n. B. und 80° w. L.; 10,546 Ew.; Countysitz: Concord. Cabarrus, 1) Franyois, Graf von C., spanischer Minister n. Gesandter, geb. 1752 in Bayonne; war erst Kaufmann, dann durch seinen Schwiegervater Galabert Seifcnfabrikant in Ca- ravanchel bei Madrid. Bei der großen Finanz- noth des Staates machte er, mit dem Finanzminister Musquez bekannt, diesem den Vorschlag, verzinsliches Papiergeld zu emittiren, u. da dies u. andere finanzielle Pläne Beifall fanden, errichtete er im Aufträge der Regierung die San- Carlos-Bank, eine Staatsbank, u.ward 1782 deren. Director. 1785 gründete er die Handelscompagnic der Philippinen, veranlaßte den Beginn des Kanals von Segovia und trat endlich noch unter Karl III. als Staatsrath ins spanische Finanz- ministerium. Nach dessen Tode jedoch fiel er durch Verleumdungen der obscurantischen Partei bei Karl IV. in Ungnade, ward 1790 verhaftet und erst nach 4 Jahren befreit; feierlich all der ihm zur Last gelegten Reate nichtschuldig erklärt, wurde er 1795 Graf u. Hofbanguier, Generalintendant der Civilbauten u. Generaldirector der königlichen Fabriken. 1797 ging er als spanischer Minister znm Friedenscongreß nach Rastatt, dann als Gesandter nach Paris, wurde aber vom französischen Direktorium als Franzose nicht angenommen, erhielt nach seiner Rückkehr nach Madrid großen Einfluß auf Spaniens Angelegenheiten, wurde namentlich Mai 1798 Präsident der Junta, welche das Rechnungswesen zn untersuchen hatte, fiel aber beiGodoy in Ungnade u.ward nachBnrgos verbannt. Bald indeß durch die Finanznoth wieder znrückgerufen, wurde er durch den Friedens- fursten nochmals von: Hofe entfernt u. diesmal als Gesandter nach Holland geschickt. Von Ferdinand VII. znrückberufen und erst zum Generalintendanten des Consolidationsfonds, dann zum Fiuanzminister ernannt, ging er 1808 mit dem König nach Frankreich. Nach dem Einfall der Franzosen trat er auf deren Seite. Erst. 27. April 1810 als Finanzministcr des Königs Joseph. Von ihm erschienen eine Reihe von Schriften über die commerciellen und finanziellen Verhältnisse Spaniens. 2) Therese, Tochter des Vor., später Madame Tallien, s. Chimay 2). «agai? Oabas (fr.), ein feines, aus Binsen geflochtenes Frucht- od. Arbeitskörbchen. Cabat, Nicolas Louis, franz. Landschaftsmaler, geb. 24. Dec. 1812 in Paris, Schüler von Camille Flers; bereiste einen großen Theil Frankreichs und stellte 1833 eine sehr realistisch gemalte Landschaft aus. Später hielt er an dieser Richtung aller Angriffe ungeachtet fest, besuchte zweimal Italien u. ward vielfach ausgezeichnet. SeineStoffe entnimmt er theils Frankreich, theils Italien. Besonders zu nennen wären von seinen Stimmungslandschaften: Der Winter, Der Samaritaner, Die Mühle von Dampierre, DerNemi- u. der Bolsena-See, Ansicht von Nesa, Der Morgen, Die Dämmerung, Mond-Anfgang. Auch historische Landschaften malte C.: Der junge Tobias u. der Erzengel Rafael, Der Gang nach Emaus. Nennet. Cabebe, Hauptstadt des Negerreiches Molmva in Central-Asrika, u. 8° s. Br. u. 41° 40' ö. L.; regelmäßig gebaut; Sklavenhandel; angeblich 50,000 Ew. Cabell, County im Nordamerika». Unionsstaate WVirginia,u. 38° n. Br. u. 82° w.L.; 6429 Ew.: Countysitz: Barboursville. Cabenda, Stadt in Loango, auf der WKüste von SAfrika, an der Bai gleichen Namens, in vortrefflicher, doch sehr ungesunder Lage, mit der schönsten Aussicht u. in der fruchtbarsten Gegend; Handel mit rothem Sandelholz u. Kupfer. C. war früher ein Hauptsklavenmarkt u. im Besitze Cabestaing der Portugiesen, deren Fort 1786 von den Franzosen zerstört wurde. Cabestaing (Cabcstanh), Wilhelm von, Edelmann, aus dem Roussillon od. der Provence, Troubadour. Bekannter als durch seine Gedichte, von denen wir noch einige haben, ist er durch seinen von der Sage berichteten Tod. Als Stallmeister Raimunds von Castel-Roussillon od. eines Herrn von Seillan verliebte er sich in dessen Gemahlin Marguerite (od. Tricline-Carbonnel). Aus Eifersucht tödtete ihn Raimund u. ließ sein Herz als Speise zubereitct Margucriten vorsetzen. Als diese erfuhr, was für F-ieisch sie gegessen, wollte sie keine Speise mehr zu sich nehmen und starb einen freiwilligen Hungertod (od. wurde von Raimund getödtet), 1213. (Dasselbe wird noch von anderen Frauen dieser Zeit erzählt.) Später sollen die Verwandten des Ermordeten nebst vielen anderen Rittern, an deren Spitze Alfons, König von Aragonien, stand, Raimunds Schloß zerstört haben; auch wallsahrtcten die Damen n. Herren der Umgegend noch jährlich zudem gemeinschaftlichen Grabe der Liebenden. Es sind noch 7 (nach A. 11) Gedichte von ihm vorhanden, her- ausgeg. von Hüffer, Der Trobador Gnillcm de Cabestanh, Berl. 1869. Bolchert. Cabcstan (fr.), 1) auf dem Schiffe die stehende, mit Räderwerk versehene Ankerwinde; 2) (Cabständer) überhaupt stehende Vorrichtung zum Aufwinden. Cabet, Etienne, franz. Publicist n. Haupt einer communistischen Secte, geb. 2. Jan. 1788 in Dijon; ward, nachdem er einige Jahre die Rechte studirt hatte, Rechtsanwalt zu Dijon, wo er sich an allen Demonstrationen gegen die Negierung betheiligte, Mitglied verschiedener geheimer Gesellschaften, sonach in Untersuchungen verwickelt und 1831 seiner Stelle als Oberstaatsanwalt von Cor- sica enthoben ward. 1831 trat er für das Dep. Cote d'Or in die Deputirtenkammer u. bekämpfte hier die Regierung mit großer Heftigkeit. 1834 flüchtete er wegen eines Preßprocesscs nach England u. studirte daselbst die Schriften commnnist. Inhaltes mit Eifer. Hier lernte er auch F. Adams': Lord W. Carisdalls Reisen nach Jkarien kennen, einen Roman, in dem ein socialistisches Utopien geschildert wird, C. bearbeitete ihn (VozmAv en Ica- ris, 1842, deutsch von Wendel-Hippler, 1847) u. gewann viele Anhänger in ganz Frankreich mit seinen weder originellen, noch in geschicktem Stil dargelegten Gedanken. Durch das Amnestiedecret von 1839 begnadigt, nahm er seinen Aufenthalt in Paris u. begann nun seine communistischen Ideen in Schriften v. Journalen zu veröffentlichen. Bon 1843—46 leitete er die Wochenschrift Iw Ro- pulairs, in der er einem gemäßigten Communis- mns huldigte n. so heftig gegen das lasterhafte Treiben der anderen Radikalen eiferte, daß er sich mit ihnen vollständig entzweite u. mit 150 Actionären des Roxulalrs den Namen Oomwu- vistes learisns annahm. Aber er suchte auch seine materialistisch-communistischen Ideen praktisch zu verwirklichen u. gründete 1848 in Texas die sogen. Manschen Colonien mit einer Anzahl seiner Jünger, die ihm ihr Vermögen zum Ankäufe des Landes einhändigtcn n - ihm vorausreisten. — Cabiuct. 347 C. versprach nachzukommen. Die Februarrevolution hielt ihn in Paris zurück; auch hier bethei- ligte er sich, obgleich ein abgesagter Feind von Gewaltmaßregeln, bei den social-republikanischen Clubs. Doch nachdem die Arbeiteranfstände in Paris bewältigt waren, schiffte sich C. mit einer Schaar seiner Anhänger nach Amerika ein, fand aber bei den bereits dort Angekommenen nicht die freundlichste Aufnahme, da sie statt der vor- gespicgelten Freiheit, Zufriedenheit, Wohlleben rc. in dem Musterstaate nur Strapazen, Hunger, Entbehrungen, Krankheit gefunden hatten. Nur ein Th eil der Ikarier blieb ihrem Diktator treu u. zog im Mai 1850 nach der verlassenen Mormonenstadt Nauvoo in Illinois. Von Anderen dagegen, welche nach Frankreich zurückgekehrt waren, ward C. 1849 verklagt, u. das Zuchtpolizeigericht der Seine verurtheilte ihn in contumaciam, weil er fremdes Eigenthum, ungefähr 200,000 Francs, auf betrügerische Weise an sich gebracht habe, zu 2 Jahren Einsperrnng u. Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre. C. ging nach Paris, stellte sich im Juni 1851 dem Gerichte, u. im folgenden Monat, wo sein Proceß aufs Nene zur Verhandlung kam, wurde er von der gegen ihn wegen Betrugs erhobenen Anklage auf seine Vertheidigung hin sreigesprochen. Jetzt wurde er wieder populär n. hatte Aussicht, von den Socialdemokraten in die -i.s8siudl.ss 1s- Aislativo gewählt zu werden; aber er fiel durch u. schiffte sich nach dem Staatsstreiche vom 2. Dec. wieder nach Amerika ein. Im Sommer 1854 ließ er bekannt machen, daß seine Mansche Colonie zu Nauvoo über 400 Köpfe mit 91 Ehepaaren zähle; aber infolge von Zwistigkeiten wurde er 1856 aus der Colonie ausgcstoßen u. st. am 9. Nov. dess. I. zu Saint-Louis in Missouri. Er sehr.: Revolution äs 1880 st Situation prsssuts (September 1832) sxxliguäss st sclairsss pur Iss rsvolutions äs 1789, 1792, 1799 st 1804, et par 1a Restauration, Par. 1832, 2 Bde.; Association lidrs pour 1'säucation äu psupls, ebd. 1833; Ristoirs jiopulairs äs 1a revolution Iranhaiss äs 1789 ä 1830, 1840, 4 Bde. (ein im radicalen Sinne geschriebenes Werk, das große Verbreitung fand); Darms Isttrss ä'un sommullists a un rstormists sur las ommunauts, 1841, deutsch von Allhnsen: Die neue Sittenverbessernng durch die Mansche Gemeinschaft, Kiel 1850; RroxaZanäs eommunisto, 1842; ^Imanacd Icarisn, 1843 (jährlich bis 1852 fortgesetzt); Rtat äs 1a gusstion sociais eu ^n- Alstsire, snRcosss, snlrlanäs st snRrancs, 1843; Rrocös äu cvininunisins ä Toulouse, Tonlon;e 1843; Rstits eommunauts äs äsvoirs st petits eolonis Iratsrnslis, 1844; Da Ismms, son mal- dsursux sort äans la socists aetuslls, son dou- Irsnr äans 1a eommunauts, 1844, 4. Aufl., 1848, u. m. a.; D'ouvrisr, 4. A., 1848. Volchert.« Cabinet (franz.), 1) kleines Behältniß neben einem größeren Zimmer od. Saal, zur Verbindung mit anderen Zimmern, Corridoren u. durch Treppen mit ganzen Stockwerken, theils als Toiletten-, Garderoben-, Schlafzimmer, Büffet, Spielzimmer, Vor- u. Lesezimmer (0. äs Iscturs) rc. dienend, sonach auch selbständiges, kleineres oder größeres Zimmer. 2) Versammlungsort höherer 348 (Unlust noir — Cabinctsmalcrci. Staatsbeamten. Daher 3 ) das aus den Ministern eines Fürsten bestehende Collegium. Meist steht es unter dem Fürsten selbst, in dessen Abwesenheit der erste Minister (Staatskanzler, Großsiegelbewahrer, Geheimerathspräsident) ihm vorsitzt. C-smi- nistcr, in manchen Staaten Minister, welche Sitz u. Stimme iin C., aber kein besonderes Departement haben, auch wol den Conferenz- n. Provinzialministern entgegengesetzt, von denen Erstere meist nur auf besonderes Verlangen zn C-svcr- sammlungen zngelassen werden oder wurden, Letztere die Aufsicht über eine besondere Provinz führen. Die Geschäfte dabei besorgen C-ssecre- täre oder C-sräthe. Die vom C., dasselbe auf die Person des Landesherrn überhaupt bezogen, ausgehenden Ordres (C-sordres, C-sbesehle) werden fast immer von der Person des Fürsten unterzeichnet u. müssen in constitntionellen Staaten, um zum Vollzüge zu gelangen, von einem Minister contrasignirt sein. In Preußen hatten bis 1848 die durch die Gesetz-Sammlung veröffentlichten C-sordres die Kraft der Gesetze. C-s- sicgel ist das Siegel, mit welchem gewöhnlich C-ssachen unter- u. zngesiegelt werden, dem größeren Staatssiegel, womit feierliche Urkunden und Verträge untersiegelt werden, entgegengesetzt. 4 ) Zimmer zu einer Sammlung von Kostbarkeiten u. Seltenheiten. 5) Eine solche Sammlung selbst, z. B. Münz-, Kunst-, Naturalicn-Cabinet. Lablnet nolr (franz., Schwarzes Cabinct), ein unter Ludwig ÄV. in Frankreich eingerichtetes, mit der Postverwaltnng in Verbindung stehendes Cabinct, welches dazu diente, der Regierung die Geheimnisse der Privatcorrespondenz zu eröffnen. Das Erbrechen der Briefe u. das Wiederverschließen derselben geschah ans so geschickte Weise, daß die Empfänger von dem Vorgänge keine Kunde erhielten. Dieses System der Brieferöffnnng, welches von der Revolution abgeschafst wurde, nachdem es an Mirabeau einen eifrigen Bekämpfen gesunden, führte Napoleon I. wieder ein u. organisirte es, indem er eine größere Anzahl Beamte dazu anstellte. Sämmtliche Beamte standen in naher Verwandtschaft, ein Umstand, der cs ermöglichte, daß Las Geheimniß, in welches diese Anstalt gehüllt war, bis zu den letzten Jahren der Restauration bewahrt wurde. Ludwig XVIII. n. Karl X. behielten dies Mittel, die Geheimnisse des brieflichen Verkehres zu erfahren, bei u. benutzten dasselbe wie Ludwig XV. nicht nur, um etwaigen staatsgefährlichen Verbindungen auf die Spur zn kommen, sondern auch um über private Verhältnisse und die Obrovigns roanäglsnss des Familienlebens Ausschluß zn erhalten. Auch von deutschen Regierungen wurde das französische Beispiel nachgeahmt. Später nahm man indeß von einer Maßregel Abstand, welche zur Verhinderung von Complots sich als vollkommen unzulänglich erwies, während sie auf der anderen Seite das Rechtsgefllhl und die persönliche Freiheit aufs Tiefste verletzte. Die ungeheure Zunahme der Korrespondenz u. die daraus hervorgegangene Unmöglichkeit der Bewältigung des Materials trug wol am meisten zur Beseitigung bei. Vgl. Briefgeheimnis). Cabincals die persönliche Ausübung der Gerichtsbarkeit, das persönliche Eingreifen in die Rechtsprechung seitens des Regenten, ist in Deutschland von jeher unstatthaft n. verfassungs-, bezw. rechtswidrig gewesen. Wie schon in den kaiserlichen Wahlcapitulationcn (W.-C. von 1792 Art. XVI. Z 4; XVII. 88 6, 7; XVIII. 8Z 3, 4; XIX. 88 3, 4; XXI. 88 5, 6 u. a.), war auch in den Grnndverträgen des Deutschen Bundes (Wiener Schlnß-Acte, Art. 29) jeder Eingriff des Landesherr» in die gerichtlichen Verhandlungen verboten. So fand sich auch in den Grundrechten des deutschen Volkes vom 28. März 1849 Art. X. die Bestimmung: Cabinets- u. Ministe- rialjnstiz ist unstatthaft. Mehrere der neueren Verfassungsgesetze nahmen eine gleiche Bestimmung auf, und es ist jedenfalls in allen deutschen Staaten unbestreitbar Rechtens, daß die Rechtspflege nur von den verfassungsmäßig bestellten gerichtlichen Instanzen selbständig geübt wird. Der innere Grund dieses allgemeinen Satzes des öffentlichen Rechtes in Deutschland ist die Unverletzbarkeit des subjektiven Rechtes aller Staatsbürger der souveränen Staatsgewalt gegenüber und die Nothwendigkeit der constitntionellen Fürsorge für die in allen Fällen praktische Anerkennung derselben. Die Geschichte der deutschen Gerichte hat in der That nur selten einen Fall der C. zu regi- striren gehabt. Der letzte u. berühmteste war der Machtspruch Friedrichs L. Gr. wider den Müller Arnold (daß gerade dieser durch u. durch gerechte Monarch eines solchen Mißbrauches seiner landesherrlichen Macht sich schuldig machen konnte, würde anffallen, wenn nicht auch bekannt märe, in welchem Maße „sich mit jener Tugend des weisen Fürsten die Überschätzung seines persönlichen llr- theils verband). Die C. fällt nach den Begriffen des heutigen Staatsrechtes unter den Begriff der Justizverweigernng u. könnte deshalb auch vorkommenden Falles zur Verhandlung beim Bun- desrathe des Deutschen Reiches gebracht werden (Reichs-Stras-Gesetz v. 16. April 1871, Art. 77). Grotefeiid." Cabinetskiifer (Xntlirsnns mnsoornm L.), keulenförmiger Käfer aus der Familie der Speckkäfer, klein, rundlich, braun, graustreifig, mit roth- braunen Bändern; die sechsfüßige, braune, stark behaarte Larve häufig als furchtbarer Feind in Naturaliensammlungen; der Käser auf Blumen. Cabinetsmalerei (Cabinetsglasmalerei) nennt man die Glasmalerei in ihrer Anwendung zur Verzierung profaner Bauwerke im Gegensätze zur Kirchenglasmalerei,- sie entstand nach der Reformation, >vo derartige Ausschmückungen der Kirchen in Verfall kamen u. die gemalten Fensterscheiben mehr zur Zierrath von öffentlichen Bauwerken, Rathhänsern, Znnfthänsern, Schlössern und auch städtischen Privatwohnungen dienten. Diese Bilder waren gewöhnlich nur auf einer Seite gemalt u. stellten Wappen, Landschaften, Scenen aus der Geschichte n. d.em Volksleben dar; auch verwandte man weniger Sorgfalt auf die Ausführung derselben u. legte mehr Gewicht auf Buntfarbigkeit, als auf künstlerischen Werth. Die besten Bilder dieser C. sind die von Maurer in Zürich, von denen noch mehrere hier u. da in der Schweiz cpistiren. 349 Cabinttsiiünister — Cabral. Cabinetsmimster, s. u. Cabinet 3). Cabinctsordre, s. u. Cabinet 3). Labls (fr.), so v. w. Telegraphen-Kabel; s. Telegraph. Cabo (span. u. Port.), so v. w. Vorgebirg. Cabochon, ein nicht fa^onnirter (kunstgemäß gestalteter), sondern nach seiner natürlichen Form geschliffener Edelstein, besonders Rubin, u. daher oft ovaler oder krummer Form. Cabo Frio, Stadt in der brasil. Prov. Rio de Janeiro, am gleichnamigen Vorgebirge; ungesundes Klima; Seehafen; Collegium; Handel; Salzraffinerie, Fischerei; 3500 Ew. Lsbomba Pflanzengattung aus der Familie der kstz'wxlnrsaoeas-Oabombsas; die dünnen, schleimigen Stengel tragen nntergetanchte, im Umriß rundliche, in sehr schmale Abschnitte vielfach zerschlitzte u. schwimmende schildförmige Blätter, aus deren Achseln sich auf langen Stielen kleine weiße od. gelbliche Blüthen erheben, welche 3 blumenblattartige Kelchblätter und 3 Blumenblätter, 6 Staubblätter mit nach außen gekehrten Antheren u. 3, seltener 2 od. 4 Carpelle mit je 3 Eichen mit kurzem Griffel u. kurzer Narbe besitzen; die Früchtchen sind lederartig, nicht aufspringend. Man kennt nur 2, in SAmerika verkommende Arten. Cabot (Caboto), 1) Giovanni, bedeutender Seefahrer aus Genua; zog von hier nach Venedig, 1475 aber nach Bristol; unternahm bei dem regen Handel von Bristol mit Island Reisen nach dein N. des Atlant. Oceans, auf denen er (nach unverbürgten Nachrichten) schon vor Columbus das Festland NAmerikas entdeckt haben soll. Angeregt durch die Entdeckungen von Columbus, ließ er sich von Heinrich VIII. von England mit einem Freibriefe für den ausschließlichen Handel in den zu entdeckenden Ländern des Nordens versehen u. segelte in der Absicht, den kürzesten Weg nach China zu finden, im Mai 1497 von Bristol ab; am 24. Juni desselben Jahres erreichte er das Festland Amerikas, wahrscheinlich Labrador oder Neu-Fundland. Er starb schon 1498. 2) Sebastian«, Sohn des Vor., geb. 1473 in Venedig; begleitete 1497 seinen Vater auf der Entdeckungsreise nach Amerika u. segelte 1498 selbständig nach Amerika, von Labrador bis Florida an der Küste entlang. 1512 suchte er in spanischem Dienste einenwcst- lichen Weg nach Ostindien u. trat 1516 wieder in englische Dienste, fand 1517 die Hudsonsbai, trat später in spanische Dienste u. erforschte den Rio de la Plata. Er kehrte hierauf nach England zurück, wo er als königl.Oberpilot u. Gouverneur der Gesellschaft zur Entdeckung unbekannter Länder 1557 zu London starb. Ihm zu Ehren wurde der zwischen Labrador, Canada u. der Hudsonsbai liegende, zum Territorium der Britischen Hudsonsbai-Compagnie gehörige Landstrich Cabo» tia genannt. Er soll die Abweichung der Mag. uetnadel entdeckt haben. B. schr. angeblich: Na- vixaticmo nslks parts ssttentrionali, Vened. 1583. Vgl. Biddle, Nsmoir ob Leb. 0., Lond. 1832; d'Ävezac, I,es naviAatsurs tsrrs-ueuvieus, ckean et Leb. 6., Par. 1869; Nicholls, I,rks, ackvsn- turss anck ckiseoverios ok 8sb. 6., Lond. 1869; H.'llwa'.L, Sebast. C., Berl. 1871- Cabotage (fr., engl. OoastivA kracke), 1) die Küstenschifffahrt u. der Küstenhandel überhaupt. Im engeren Sinne 2) die Frachtschifffahrt von einem Hafen zu einem anderen desselben Landes. Früher war allgemein die C. den Schiffen des eigenen Landes Vorbehalten, u. selbst fremde Ca- pitäne u. Schiffsmannschaften durften auf heimi- scheu Schiffen keine C. treiben. In neuerer Zeit haben viele Staaten sich gegenseitig die C. freigegeben, u. England gestattet sogar allen fremden Schiffen die C., von welcher diese iudeß nur wenig Gebrauch machen, da sie mit den sog. Colliers, des Lootsenfahrwassers kundigen Küstenfahrern, schwer concurriren können. Die Vereinigten Staaten nehmen die C. für alle Küsten N- u. SAme» rikas für sich in Anspruch, weil der Seeweg vom O. nach dem W. der Bereinigten Staaten die Küsten entlang führt. In Kriegszeiten geben die kriegführenden Mächte gewöhnlich die C. frei, so daß Neutrale die Handelsverbindung unterhalten können, wofern nicht etwa sämmtliche Häfen blo- kirt sind. Daher Sabotier, 1) ein Küstenfahrer; 2) Lootse. Cabotiren, Kllstenhandel treiben. Cabotra, s. u. Cabot 2 ). Cabötin (fr.), wandernder Schauspieler; daher cabotiniren, mit einer Schaufpielerbande umherziehen. Caboto, so v. w. Cabot. Cabo Verde (Cap Verd, Grünes Vorgebirg), das äußerste westl. Vorgebirg des afrikanischen Con- tinents, u. 14" 53^ u. Br., 0" 6^ ö. L. (von Ferro), zwischen den Flüssen Senegal u. Gambia in Se- negambien; von dem hier häufigen Seegrase oder seinen schönen grünen Wäldern so genannt. Nord- westl. davon die Capverdischen Inseln (s. d.). Cabra, Stadt in der spanischen Provinz Cor- dova, am gleichnamigen Fluß; Collegium; Manufakturen; vorzüglicher Weinvau; 11,100 Ew. Cabral, 1) Pedro Alvarez, der Eindecker Brasiliens, geb. um 1460 aus einer alten portugiesischen Adelsfamilie; wurde, dem König Ema- nuel von Portugal wegen seiner Talente u. Tapferkeit gerühmt, von diesem nach Vasco de GamaS Rückkehr von der ersten Seereise zum Befehlshaber der nach Ostindien bestimmten Flotte von 13 Schiffen mit 1200 Mann ernannt und stach 9. März 1500 in Sec. Jndeß, indem er eine zu westliche Richtung nahm, gcrieth er in den südamerikanischen Mccresstrom und an die Küste des heutigen Brasilien, das er am 24. April 1500 für den König in Besitz nahm u. Terra da Santa Cruz nannte. Nun seinen Weg nach dem eigentlichen Ziel der Reise sortsetzend, verlor er 29. Mai 1500 durch Sturm 4 Schiffe u. auf der Weiterfahrt noch 3, kam endlich an die Insel Mozambique, über die wir ihm die erste Kunde verdanken, u. von da nach Calicut, wo er bei dem indischen Fürsten die Anlegung einer portugiesischen Factorei erlangte; auch schloß er uoch weitere Handelsverbindungen ab u. kam 31. Juli 1501 wieder in Lissabon an. Von da ab wird C. nicht mehr genannt. Er st. um 1526. Seine Reisen s. Namusio, NaviAationi s viaM, 3 Bde., Vened. 1563, neuer Abdr., Vened. 1835. 2) Antonio Bernardo da Costa C., Graf von Thomar- portug. Staatsmann, geb. 9. Mai 1803 in For, 350 Cabrcra. nas de Algodres in Ober-Beira; stndirte 1818 in Coimbra Jurisprudenz, wurde Advocat, daun Richter in Fora de Perella, hierauf Mitglied des zu Terceira errichteten Gerichtshofes u. unter der Regentschaft Beisitzer des Kriegsrathes daselbst; später war er Secretär des Generalauditors der Armee in Oporto, unter Dom Pedro Procu- rator bei dem Obertribunal daselbst und darauf Richter des ersten Gerichtshofes der Azoren. 1835 in die Cortes gewählt, trat er seit 1836 als entschiedener Scptembrist gegen die Regierung ans, nahm auch 1838 insgeheim Antheil an dem Aufruhr in dem Arsenal. Durch das Mißlingen dieses Aufstandes war er gemäßigter geworden u. trat zur Hospartei über, der er Lurch sehr geschickte Transactionen bald einen mächtigen Anhang zuführte, wodurch aber auch sein Einfluß u. Ansehen so stieg, daß er 1838 an Soares Baldeiras Stelle Civilgouver- neur von Lissabon u. Ende 1839 Minister der Justiz u. geistlichen Angelegenheiten wurde. In seiner Regierung, wenn auch nicht immer streng an die Verfassung sich haltend, energisch, gewann er sich die Gunst des Hofes, der in ihm gegenüber Len unruhigen Geistern seine kräftigste Stütze sah, u. konnte daher wol den Schritt wagen, die königliche Macht aus den Schranken der erst im April 1838 beschworenen Verfassung zu befreien u. durch eine revolutionäre Junta, die er selbst in Oporto gebildet, 19. Jan. 1842 die Charte Dom Pedros ausrufen zu lassen. Die Königin, anfänglich an ihren Verfassungsschwnr sich erinnernd, entließ den kühnen Verfassungsbrecher, um ihn indeß schon nach ein paar Wochen, nachdem die Larta äs lezr in Lissabon u. im übrigen Portugal wiederhergestcllt war, als neu ernannten Grafen v. Thomar wieder zu empfangen u. ihm daS Ministerium des Innern zu übertragen. C. regierte von nun an mit unumschränkter Gewalt, in allen seinen Einrichtungen voni Hofe bereitwilligst unterstützt, mochten dieselben noch so sehr das Volk bedrücken, oder noch so schwer die ohnehin schon zerrütteten Finanzen das Staates schädigen. Alle Parteien haßten ihn daher u. am meisten die Landlcute, auf denen seine Bedrückungen am schwersten lasteten, so daß endlich der inzwischen 1844 zum Staatskanzler ernannte allmächtige Leiter des portugiesischen Staates sich ganz isolirt sah u. infolge eines rasch über das ganze Land sich ansbreitenden Aufstandes 16. Mai 1846 seine Entlassung nehmen und sich flüchten mußte. Indeß 1847 wieder znrückgekehrt, stellte er sich an die Spitze des chartistischen Wahlausschusses, reorganisirte diese Partei wieder u. erfreute sich bald des alten Einflusses, so daß, nachdem er 1848 noch in außerordentlicher Mission in Madrid einige Zeit verweilt, er schon Ende Mai 1849 von der Königin mit Bildung eines neuen Cabinets beauftragt wurde. C., gegen Len Las Volk noch immer den alten Haß hegte, regierte nun wieder in früherer Weise rein willkürlich, mit dictatorischer Gewalt, zeigte sich aber in diplomatischen Streitigkeiten wegen Entschädignngsforder- ungen mit England u. Amerika gegen diese Mächte zum Schaden der portugiesischen Finanzen höchst nachgiebig, so daß die Opposition gegen ihn immer mehr zunahm u. selbst sein Bruder, der In- stizministcr Silva C., mit Saldanha, der eine Cvalition aller oppositionellen Parteien gebildet hatte, sich gegen ihn erhob — allerdings ohne Erfolg; auch eine von den Cortes gegen ihn erhobene Anklage wegen Zolldefraudation blieb erfolglos, u. wurde der Proceß niedergeschlagen; um so mehr aber wuchs die Erbitterung gegen C., u. er mußte bei Abstimmung über eine Clausel des neuen Wahlgesetzes, wodurch gewisse Beamte als nicht wählbar zu Deputirten bezeichnet wurden, eine Majorität von 52 Stimmen gegen sich sehen, so daß er seine Entlassung anbot, welche die Königin diesmal, 18. Febr. 1851, nicht annahrn, aber 2 Monate später infolge eines vom Herzog von Saldanha geleiteten Aufstandes 26. April 1851 zu geben gezwungen wurde. C. entfloh nach Vigo n. von da nach England, kehrte jedoch im Febr. des folgenden Jahres schon nach Lissabon zurück u. wurde zum Staatsrath auf Lebenszeit ernannt. 1859 — 61 vertrat er Portugal am Hofe zu Rio de Janeiro als Gesandter n. bevollmächtigter Minister u. wurde, von da abberufen, Präsident des höchsten Verwaltungs-Tribunals. Lagai. Cabrcra, kleinste der bewohnten unter den BalearischenJnseln, südl. von Mallorca; O^oHsicm; guter Hafen, Fort; uneben, unbebaut, Ziegen zur Weide dienend; 1857 52 Ew. C. war früher Zufluchtsort der Seeräuber, dann Verbannungsort. Noch sieht man die Trümmer eines von dem Piraten Dragut 1550 zerstörten Schlosses. Cabrcra, Don Ramon C., Graf von Mo- rella, ehemaliger General der Carlisten in Spanien, geb. 31. Aug. 1810 in Tortosa von bürgerlichen Eltern; erhielt 1831 die niederen Weihen, ergriff, da ihm der Bischof wegen seiner Ausschweifungen die höheren Weihen nicht ertheilen wollte, 1833 die Waffen für Don Carlos; 1835 unter Carnicer Chef eines Elitenheeres, verübte er, nachdem ein Offizier Miuas im Febr. 1836 seine alte Mutter hatte erschießen lassen, aus Rache die größten Grausamkeiten, indem er seine Züge durch Valencia und Aragon mit Blut u. Brand bezeichnte. Er begleitete dann Gomez auf seinem Streifzuge nach Andalusien, kehrte aber getrennt fechtend u. plündernd durch die Mancha u. Cuenca nach Aragonien zurück, wo er, an der Grenze bei Rancon geschlagen u. verwundet, von Hirten gerettet u. beim Pfarrer Don Manuel Mo- ron in Almaden eine Zuflucht fand. Nun sammelte er eine neue Truppe um sich, die bald 10,000 Mann u. 1600 Pferde zählte, drang mit ihr 1837 nach Valencia vor, siegte 18. Febr. bei Bunol u. 19. März bei Burjasot über die Christinos, nahm die Bergfeste Cantavieja, die er 1836 verloren hatte, wieder u. focht mit Glück gegen den wider ihn gesendeten christinischen General Oraa, unterstützte Don Carlos auf dem Zuge nach Madrid, wandte sich dann wieder gegen Oraa und nahm 1838 die Festung Morella. Hierfür wurde er von dem Prätendenten zum Grafen von Morella u. Generallieutenant ernannt u. zugleich als Generalgouverneur von Aragonien, Valencia u. Murcia bestätigt. Er focht in diesen Provinzen mit Glück und Geschick, schlug 1. Oct. 1838 Pardinas zwischen Morella u. Caspe u. behauptete sich mit Erfolg gegen die Christinos. Rach Cabriel — Cacav. 351 Marotos Abfall und Übergang im August 1839 mußte sich C. auf die Defensive beschränken. Ende 1839 gefährlich erkrankt und dadurch in seinen Operationen gehemmt, hielt er sich doch fortwährend, bis Espartero endlich ihn nöthigte, 6. Juli 1840 sich mit den Seinen auf französisches Gebiet zu begeben. Im Mai 1842 von Don Carlos seiner bisherigen Functionen als militärischer Chef der Carlistischen Emigration entlassen, trat er erst 1845, als Don Carlos zu Gunsteit seines ältesten Sohnes, des Grafen von Montemolin, entsagte, wieder hervor, indem er diesen Schritt des Königs nicht anerkannte. Doch näherte er sich allmählich dem Grafen Montemolin, ja, floh sogar mit demselben im September 1846 nach England und machte von da aus Vorbereitungen zu einein Einfall in Spanien; er landete im Juni 1848 in Spanien u. führte ein halbes Jahr in dem nördlichen Spanien Krieg, bis er infolge des unglücklichen Treffens bei Pasteral 27. Jan. 1849 nach Frankreich flüchtete. Er wurde zu Err an der spanischen Grenze verhaftet n. nach Perpignan gebracht; im August aber von dem Präsidenten der französischen Republik freigelassen, ging er wieder nach London, wo er 1850 die reiche, für die carlistische Sache sehr begeisterte Miß Richards heirathete, deren Neichthnm er zur Unterstützung seiner Parteisache zu verwenden beabsichtigte. Im Juli 1850 reiste er nach Neapel, um eine wegen der beabsichtigten Heirath des Grasen Montemolin mit einer neapolitanischen Prinzessin mit Spanien eingetretene Spannung zu benutzen u. gegen Spanien zu in- triguiren, wurde aber Anfang 1851 von da ausgewiesen u. lebte bis 1855 abwechselnd in London u. Paris, ohne an den späteren Carlistenaufständen sich zu betheiligen; auch lehnte er 1861 den Antrag, an die Spitze der neapolitanischen Banden zu treten, ab. Die neueste Carlistenerhebnng (1869) brachte C. wieder in Erinnerung. Er schien auch der Bewegung sich anschließen zu wollen; da er aber 11. März 1875 dem König Alsonso seinen Degen angeboten, erklärte ihn Don Carlos als einen Verräther unter Degradation, worauf er zuerst nach Frankreich ging, vom König Alsonso aber Titel, Ämter u. Ehren znrückerhielt u. in dessen Dienste znrücktrat. Vgl. W. v. Rahden, Cabrera, Erinnerungen aus dem Spanischen Bürgerkriege, Franks, a. M. 1840; Rosbella, Hisboria äs L. 5 äs Zmsrrs civil, Madr. 1844. Lagm." Cabricl, 156 sim langer Nebenfluß des Tucar in Spanien, in den er bei Cofrentes mündet; entspringt in der Provinz Teruel in der Sierra d'Albarracin, unweit der Quelle des Tajo. Cabriolet, leichtes 2räderiges, einspänniges Fuhrwerk; dient in Paris als gewöhnliches Mieth- suhrwerk, gleich den Droschken in anderen Städten. Cabrol, Barthol., berühmter Chirurg des 16. Jahrh., geb. zu Gaillac; prakticirte erst in seiner Vaterstadt, dann in Montpellier, wo er 1570 seitens der Facnltät, 1595 seitens Heinrichs IV. beauftragt wurde, anatomische Vorträge zu halten. Er schrieb ein Xlpsiabsö anatomiqus, Tournon 1594 u. an verschiedenen Orten aufgelegt (auch in das Lateinische übersetzt: Xiplladotou anato- mleum, Genf 1604 u. ö., ins Holländische übertragen von Plempins, Amsterd. 1648), das sich durch seine große Übersichtlichkeit, durch eine philosophische Behandlung des Stoffes u. endlich durch einen reichen Schatz der trefflichsten physiologischen, chirurgischen n. praktischen Bemerkungen, die am Ende angefügt sind, anszeichnet. Thamyayn. Cnbständer, s. Cabestan 2). Cacajäo, der schwarzköpfige Schweifaffe. llacslia ü., Pflauzengatt. aus der Familie der Oompositg-s-Lsnsciornäsas-Zsoscionsne (XIX. 1), mehrjährige Kräuter, mit abwechselnden, gezähnten oder gelappten Blättern, in Rispen oder Doldenrispen stehenden weißen, gelblichen oder rosafarbenen Blüthenköpfen; sämmtllche Blüthcn röhrig von einer gemeinsamen einreihigen Hülle umgeben; Schließfrüchtchen (Achänien) länglich, unge- schnäbelt u. kahl mit vielborstigem Haarkelche. Von den zahlreichen im östlichen Asien, N- u. Mittel- Amerika einheimischen Arten werden einzelne als Zierpflanzen cultivirt. Die früher als Lacalia bezeichneten europäischen Pflanzen gehören meist der Gattung Xäenostzäss dass. an. Engler. Caeäo (span.), die Früchte eines tropischen Baumes, I'llsobroina Oacao (C-baum). Geringere Sorten kommen auch wol von IR. bicalor, IR. Kniausnsiv, IRcllira (wilder C-baum) u. a. Die Früchte des wahren C-banmes sind gurkenförmig, fleischig, etwa 15—20 cm lang u. 5 cm breit, zngespitzt, zehnfurchig u. mit Warzen besetzt, anfänglich blaßgrlln, dann gelblich, bei der gleise hochroth. In einer gelben dicken u. einer weißen zarten Rinde darunter finden sich, in einem weißen, angenehm säuern, eßbaren, häufig zu Branntwein benutzten Marke reihenweise 25—40 olineu- große, eiförmige C-bohnen (C-nüsse), mit violett- planem, saftigem Kern in harter, zerbrechlicher, brauner, oft grau-brauner Schale. Wenn die Früchte reif sind, werden sie abgenommen, die L-chalen zerbrochen, die Bohnen von den fleischigschleimigen Umhüllungen gereinigt u. in bedeckte Körbe oder Gefäße gethan, wo sie 4—5 Tage der Währung unterliegen, rothbraun werden u. ihren vorher bitteren und herben Geschmack verlieren; dann werden sie an der Sonne getrocknet u. verpackt. Häufiger jedoch werden sie gerottet, d. h. noch frisch in die Erde gegraben, oder in Körbe u. Fässer verpackt u. mit Steinen beschwert, wodurch die Währung stärker wird. Man erkennt den gerotteten C. an einem grauen, sandigen, mit Glimmerblättchen vermischten, od. röthlichen tho- nigen Überzüge, wie man ihn z. B. bei dem Guate- mala-C., dem von Caracas, Guayaquil, Berbice, Surinam und Esscquibo findet. Der beste, sehr angenehm u. mild schmeckende C. kommt wol nie nach Europa. Es ist der kleine, fast goldgelbe Soconusco-C., dem der kleine dunkelorangegclbe C. von Esmeraldas ähnlich ist. Die bekanntesten Sorten sind: a) Caracas-C., von Caracas, Nicaragua u. Soconusco, der beste, rund, groß u. schwer, fettig, roth und mit einem silbergrauen Staube überzogen; b) C. von Guayaquil, minder gut u. fettig, aber von derselben Farbe, groß n. platt, mit wenig Staub von außen und von bitterlichem, doch nicht unangenehmem Geschmacks; kommt jetzt viel ans die europäischen Märkte; c) Maranhao-C., dem vorigen ziemlich gleich. 352 Cacaobaum — Cacciui. nur etwas geringer in Qualität; Geschmack etwas zusammenziehend; ä) Berbice-C., der fetteste von allen, doch kleiner, als der Caracas-C., auch ebener u. glatter, mit hellgrauem, glimmerartigem Staube; e) Surinamscher C., in 2 Sorten, wovon eine dem Berbice-, die andere dem Guaya- gnil gleicht; I) C. von Cayenne, verschiedenfarbig, unbestaubt und mit scharfem Geschmacke; b) C. von den Inseln (denAntillen, besonders von Martinique), gleicht dem vorigen ziemlich, ist aber etwas geringer; Ir) C. von Grenada, der vorzüglich über England zum Handel kommt, ist in Hinsicht der Güte dem von Cayenne ziemlich gleich; i) C. Bourbon, von der französischen Insel Bourbon, kommt erst seit Kurzem in den Handel, ist kleiner, als der Caracas; k) der brasilianische (Maragna-) C. ist der schlechteste und kommt wenig in den Handel. Der Hauptbestand- theil 'der C-bohncn ist ein festes, fettes Öl, etwa 50—60 pCt., dann das Theobromin (s. d.), eine dem Cafse'tn analoge organische, stickstoffhaltige Base; die übrigen sind Eiweißstofs, Schleim, Spuren von Stärkemehl u. ein Farbestoff. Die Boh- neu sind seit den ältesten Zeiten ein wichtiges Nahrungsmittel in Amerika u. werden bei uns nach Art des Kaffes u. statt desselben bereitet u. getrunken, oder mit Zusätzen von Zucker, Gewürz rc. zur Chocolade benutzt, deren Hauptbe- standtheil sie bilden. Das Mahlen geschieht nach Ablösung der Schalen durch gelindes Rösten aus einer C-mühle von sehr mannigfaltiger Coustruc- tion unter eisernen Walzen, die ans einer geheizten Bodenplatte im Kreise herumgehen und nüt Pferde-, Dampf- oder Wasserkraft in Bewegung gesetzt werden. Um C-masse (C-brod) zu erhalten, werden die C-bohnen gerieben u. zubereitet, wie bei der Chocolade, nur mit der Abänderung, daß kein Gewürz u. oft auch kein Zucker dazu kommt; dieselbe wird oft mit Kartoffelmehl od durch Entölung verfälscht. Ist das beigemischte Mehl nicht ganz fein, so bildet es, in Wasser aufgelöst, einen leicht erkennbaren Bodensatz. Der stärkste Gebrauch des C. ist in den südlichen Ländern, in den Co- lonien, in Spanien, Portugal u. Italien. Außerdem wird das C-öl aus dem C. gewonnen. Entölter C., der C-butter beraubt, wird besonders als Getränk für Magenleidende empfohlen. Der C. gehört zu den kräftig nährenden Pflanzensubstanzen, dient daher nicht nur zum diätetischen Gebrauche, sondern auch in bloßer Abkochung der gerösteten Bohnen als kasseähnliches Getränk u. wird so statt des Kaffes genoffen, dient auch in Krankheiten mit Entkräftung u. Abzehrungen aller Art als Stärkungsmittel. Die Schalen des gerösteten C. (C-schaleu) geben den C-thee; sie werden auch zu Branntwein, ja sogar als Beimischung zum Rauchtabak benutzt. Möhr.» Cacnobauni, 1) wahrer, s. Itrsobroms,; 2) wilder, s. I?ao1rira. Cacaobuttcr (Cacaoöl, Cacaosett), weißes od. blaßgelbes Fett, durch Ausziehen der Cacaobohnen (der Samen von Hrsodroiva Oasao II.) mit Aether oder Schwefelkohlenstoff erhalten; besitzt einen milden Geschmack u. schwachen Geruch nach Cacao; spec. Gew. 0,gs—0,g,; Schmelzpunkt 29—30". Das Fett ist in kochendem Alkohol lösl., scheidet ssich aber beim Erkalten wieder ab. Aus der Lösung in Äther bilden sich beim Verdunsten Kry- stalle von Cacaostearin, die beim Verseifen eine feste Fettsäure u. Ölsäure liefern. Die C. kommt in Tafeln in den Handel u. dient namentlich wegen ihrer Eigenschaft, selbst nach vielen Jahren nicht ranzig zu werden, zur Bereitung von Salben, sowie auch zu feinen Seifen. Clören. Cacaoöl, so v. w. Cacaobutter. Cacaopflaume, s. Or^sotzalamm. Cacapon, 235 Icm langer Nebenfluß des Po- tomac im nordamerik. Unionsstaate Virginia; entspringt auf dem Alleghanygebirge; an seinen Ufern reiche Eisen- u. Kohlenlager. Caccamo, Gemeinde in der ital. Prov. Palermo aus Sicilien, am Meere u. am Fuße des Berges San Calogero; schöne Aussicht; im Gemeindebezirke 7203 Ew. Caecianiga, Antonio, italien. Schriftsteller u. Politiker, geb. 30. Juni 1823 zu Treviso; gab nach Vollendung seiner Studien in Mailand 1848 das humoristische Blatt: Iw spirito lollstt» heraus, mußte nach der Revolution flüchten u. correspondirte als Verbannter mehrere Jahre von Paris aus für die bedeutendsten italienischen Journale unionistischer Richtung. 1855 zurllckgekehrt, war er Centraldeputirter in Venedig n. einer der eifrigsten Kämpfer für die Einheit Italiens, indem er selbe vom wirthschaftlichen u. moralischen Standpunkte aus als eine Nothwendigkeit in verschiedenen Flugschriften u. umfangreicheren Arbeiten darstellte. Nach Herstellung des Königreiches Italien bekleidete er die Würde eines Podesta u. Siudaco zu Treviso, eines Präfecten von Udine u. vertrat als Mitglied des Parlaments in höchst beachteus- werther Weise das Volks- u. namentlich landwirth- schastliche Interesse, für das er auch seit einigen Jahren in stiller Zurückgezogenheit auf seiner Villa bei Treviso durch Herausgabe namentlich agronomischer Arbeiten wirkt. Von seinen Schriften in dieser Richtung sind erwähnenswertst: Iw vita oampsabrs, Mail. 1870, u. a.; Lorstcki morall sä soonowioi, Trev. 1869; Iw olironaelrö äol vlllgWio, Mail. 1872; dann sein Llmanaooa ä'an sromita, 4 Jahrgänge; Lieoräs äsUa xro- vinoia äi Ilroviso, 1872, mit 50 photographischen Tafeln, neue billige Ausgabe ohne Tafeln eben unter der Presse. Als Belletrist zeichnete er sich aus mit seinem: II kroseritto, n. A., Mail. 1870, deutsch, Berl. 1868, u. mit II äolos kar nisnto, sssns äslla vitw Vonsrüana, äsl sseolo paasato, Mail. 1869, ein treffliches Sittenbild. Lagai. Cacciatore, Nicolo, italienischer Astronom, geb. 26. Jan. 1780 bei Girgenti; wurde erst Lehrer der griechischen Sprache, dann der Geographie am Seminar zu Girgenti, darauf an der Rormalschule zu Palermo. Hier mit Piazzi bekannt geworden, wurde er erst dessen Gehilfe u. später dessen Nachfolger in der Direktion der käsigen Sternwarte. C. machte sich besonders durch die Beobachtung der Kometen verdient; doch ist ein Wandelstern, den er gesehen haben will, nicht wiedergefunden worden. Er st. 27. Jan. 1841 zu Palermo. Specht- Caccini, Giulio, geb. um 1560 zu Rom (daher Giulio Romano gen.), berühmter Sänger Cacercs — Cacilia. 353 u. Komponist; machte sich um die Ausbildung des einstimmigen Gesanges, bes. der Arie u. des Reci- tativs, verdient. Während seines Aufenthaltes in Florenz seit 1578 componirte er Gesänge, welche er mit Begleitung der Theorbe vortrng, vereinigte sich mit Peri zur Komposition des Schäserspiels Daphne u. der MaAeckia per mnaioa Euridice (nach der Dichtung von Rinuccini) u. wurde hierdurch Mitschöpfer der modernen Oper. Die Euridice componirte er u. Peri zuletzt Jeder für sich; ferner schr. C. kleinere dramatische Musikstücke. Er st. zu Florenz in der erstenHälfte des 17.Jahrh. Seine Tochter Francesca C., geb. 1581 oder 1582 zu Florenz, zeichnete sich als Sängerin u- Com- ponistin aus, schr. ebenfalls Gesänge, die Balletoper I-a lidsraricms äi Lu^ssisro äaU' isolu ä'^ioina (veröffentl. 1625) u. a. Brambach. Cäeeres, 1) span. Provinz, den nördl. Theil der Landschaft Estremadura bildend; gebirgig, aber voll fruchtbarer Weiden; Gebirge: im N. dieSierras Le Gredos u. de Gata, im S. die Sierras de S. Benito, de S. Pedro u. de Guadalupe; Hauptfluß Tajo; 20,758 IMm (377 UM); 1860: 293,672 Ew. 2) Hauptstadt derselben, am gleichnamigen Flusse; Collegium; Hospital; Leder-, Fayence-, Seilfabriken; Handel mit Wolle (Caceres, geringe Sorte); 14,795 Ew. Der Name entstand aus dem römischen Ouabrs, Ls-seills.. Cachar, Landschaft in Bengalen (Ostindien); s. Kachhar. Cache, County im nordam. Unionsterritorium Utah, u. 41° n. Br. u. 112° w. L.; vom Bären- flufse bewässert; die Washateh-Berge, sowie ein Zweig des Felsengebirges durchziehen dasselbe; 8229 Ew. Countysitz: Logan. llsobS (fr.), geheim, verborgen; Oarts oaellse, im Kartenspiel verdeckt gehaltene Karte. Cachelot, so v. w. Pottwal. Cacheo, Stadt an der Küste von Senegam- bien (westliches Afrika), unweit der Mündung des Rio S. Domingo in den Atlantischen Ocean; Sitz eines portugies. Unterstatthalters, der unter dem Generalgouverneur der Kapverdischen Inseln steht; Kapuzinerkloster; Fort, Hafen; lebhafter Handel; 500 Ew. Cache-Pots (fr., v. oaekior, verbergen, u. xot, Topf), Verzierungen aus verschiedenen Stoffen über gewöhnliche Blumentöpfe, um diesen ein zierlicheres Ansehen zu geben. Die Anwendung der C-P. ist dem Einsetzen der Pflanzen in feinere, stark glasirte oder Porzellan-Töpfe vorzuziehen, weil in letzteren die Pflanzen nicht gut gedeihen. Cachet (fr.), 1) Petschaft. 2) Siegel; daher cachiren, zusiegeln. Oaottst: volant (fliegendes Siegel), ein Siegel, das auf dem oberen Blatt Papier eines zu versiegelnden Briefes so ausgeschnitten ist, daß der Brief versiegelt scheint, aber doch offen ist. Cachexle (gr., Med.), s. Kachexie. Cachicame, Art Gürtelthier (s. d.). Cachiren (fr.), verstecken, verbergen; beim Buchbinder: mit Papier überziehen. Cachoieira, s. Caxonira. Cacholong (wahrscheinlich mongolisch), Edelstein von milchweißer, auch röthlich-weißer Farbe Pierers Universal-ConversationZ-rexikon. 8. Ausl, l u. lebhaftem GlaSglanze, schichtenweise matt; speci- fisches Gewicht 2^; besteht ans amorpher Kieselsäure; er steht dem Chalcedon in seiner äußeren Gestalt u. der Art seines Vorkommens nahe u. begleitet ihn zuweilen. Fundorte: Hllttenberg in Kärnten, Koffakow bei Gabel in Böhmen, Insel Osteröe, eine der Färöer, Island, Buditz in Mähren, Grube Donat bei Freiberg. Cachot (fr.), 1) dunkles Gefängnis); 2) strenger Arrest; s. u. Strafe. Cachoterie, Geheimnißkrämerei. Cachou (fr.), so v. w. Katschu. Osakas L., Pflanzengatt, ans der Familie der Umbelliisras-OamyzUoZpsimsae-Lmvrueae (V. 2), perennirende Kräuter, mit mehrfach gefiederten Blättern u. zusammengesetzten, vielstrahligen Dolden mit kleinblätteriger Hülle; Blumenblätter mit cingebogener Spitze; Scheibe stark verbreitert; Frucht länglich, fast cylindrisch, mit dicken, schwammigen, sehr genäherten, primären Rippen u. mit verbreitertem, breit ausgehöhltcm Samen mit eingerollten Rändern. Von den 6—7, im Mittelmeergebiete, im westlichen u. mittleren Asien heimischen Arten verdienen besondere Erwähnung: 0. ociontalAioa mit graufilzigen Blättern, im nördl. Asien, deren möhrenartige, sehr aromatisch schmeckende Wurzel Speichel erregt u. in Sibirien gegen Zahnschmerzen dient. 6. lüdanotis L., in Sicilien u. dem nördl. Afrika heimisch: im Alter- thum als scharf reizendes Mittel im Gebrauche. 0. oretiea Lcrm., mit lanzettlichen, gesägten Blattabschnitten u. rauhen Früchten, auf Cypern u. Creta häufig; die Früchte waren als nervenstärkendes u. diuretisches Mittel geschätzt, während die weihrauchduftende Wurzel wegen ihres Wohlgeruches sehr gesucht war. 6. maritima, 0. äioüo- toma u. 6. xorsArina (Bacillenkraut) sind Formen einer im Mittelmeergebiete und auf den Kanarischen Inseln vorkommenden, einjährigen Art, die den neueren Botanikern entweder als Lrubsra IsptoptrMa Lö/fm. oder 6apuo- piiz-IIum äiokotomnm Lay. bekannt ist; die Blätter der Pflanze waren ehemals officinell. Engler. Cachucha, spanischer, bes. in Granada heimischer üppiger Tanz, mit Kastagnetten von einem Paare getanzt, während die im Kreise umhersitzenden Zuschauer unter Guitarrenbegleitung dazu singen. Seine Melodie ist die eines gleichnamigen spanischen Volksliedes. Die Hauptsache dabei bilden die Bewegungen des Oberkörpers. Fanny Elsner tanzte ihn zuerst in dem viabis boitsux, u. seitdem machte er die Runde auf den europäischen Theatern. Cacilia (Cäcilie), 1) C. Metella, Tochter des Cäcilius Metellus Dalmatiens; floh in den Unruhen des Cinna 87 v. Chr. zu Sulla nach Athen, welcher sie heirathete. Von den Athenern beleidigt, wurde sie durch Sullas strenges Verfahren gegen die Stadt gerächt. Wegen ihrer Ausschweifungen ließ sich aber Sulla wieder von ihr scheiden; sie st. im Jahre 81. 2) C. die Heilige, vornehme Römerin im 3. Jahrh.; war Christin geworden u. wurde wider ihren Willen von ihren Eltern an den Römer Valeriauus verheirathet. In der Brautnacht rief sie mährend der Klänge der Hochzeitsmusik Gott um Schutz ihrer Keuschheit an u. V. Vimd. 23 354 Cücilius — OavtoLö. bekehrte dann ihren Bräntigam u. dessen Brnder Tiburtius zum Christenthum. Die beiden Brüder wurden deshalb hingerichtet, C. aber, nach mißlungenen Versuchen, sie im heißen Bade zu ersticken n. zu enthaupten, st. erst den 3. Tag, im I. 23t. Ihre Gebeine wurden 821 in der ihr ftn 5. Jahrh. zu Ehren erbauten Kirche in Rein beigesetzt. Ihr Tag ist der 22. Nov. Sie wird als Patronin der Musik verehrt; auch die Erfindung der Orgel (s. d.) schreibt man ihr zu. Ihr zu Ehren wurden sonst in den Klöstern große Musikfeste gefeiert, eine Sitte, die sich in einigen Städten, z. B. in Basel, noch erhalten hat, wenn auch ihr kirchlicher Charakter verloren gegangen ist (Cäcilienfeste). Berühmte Bilder C-s sind von Rafael (in der Bologneser Akademie) n. C. Dolce (im Dresdener Museum), von Fr. Francia (Freske in der Cäci- cilienkirche zu Bologna). Löffler.» CiiciltUs. Die Oaeeilia Avus war ein plebej. Geschlecht des alten Nom; zu ihr gehören die Familien: Bassus, Jsidorus, Metellus, Pli- nius, Simplex, u. A. C. Statins, s. u. Statins. Cäcrna, etruskische Familie zu Volaterrä (Familienbegräbniß der C. hat sich bei dieser Stadt auf den Gütern der Franceschini im Oampo Nero erhalten); von ihr war ein Zweig nach Rom übergesiedelt, die geben das Ende der Republik u. unter Len ersten Kaisern Vorkommen. 1) Aulus C. stand im Bürgerkriege ans der Seite des Pom- pcjus n. hatte gegen Cäsar eine Schmähschrift geschrieben, weshalb er flüchten mußte. Nach Cäsars Sieg schrieb er im Jahre 48 v. Chr. Inder gusrelarum, wodurch er sich mit Cäsar versöhnte. Er schrieb auch über die etruskische Disciplin. 2) Aulus C. Severus bekämpfte 6 n. Chr. die Dalmatier u. Pannonier unter den beiden Bato (s. d.), wurde dann Unterfcldherr des Germanicus am Rhein, widerstand vergebens den bei der Nachricht von Angustus Tode sich empörenden Legionen; zeichnete sich bei dem gefahrvollen Rückzuge des Germanicus aus dem Teutoburger Walde, wo er Arminius eine Niederlage beibrachte, so aus, daß ihm die Ehre des Triumphs zu Theil wurde. 3) Anlus Alienns C., ans Bicentia, Quästor in Bätica; erklärte sich 68 n. Chr. anfänglich für Galba u. ward deshalb Anführer einer Legion in Ober-Deutschland, doch verließ er bald Galbas Partei, unterdrückte eine Bewegung zu dessen Gunsten in Helvetien, das er verwüstete, u. erkannte den Vitellins an, der ihn 69 nach Italien vorrücken ließ. Nach dem Übergang über die Penninischen Alpen mit 30,000 Mann belagerte er Placentia, erlitt aber durch einen Ausfall de? Othonianer eine Niederlage, worauf er sich gegen Cremona wandte, wo er aber ebenfalls geschlagen wurde. Dagegen siegle er über Otho bei Bedriacum u. ward Consul. Aus Eifersucht gegen seinen College« C. Fabius Valens ging er, gegen Vespasianus gesendet, zu dessen Partei über u. wurde deshalb von seinen eigenen Soldaten mit dem Tode bedroht, aber von den Vespanianern gerettet. Vespasianus nahm ihn zwar freundlich auf, mißtraute ihm aber u. gab ihm kein Amt; deswegen zettelte er 79 auch gegen diesen eine Verschwörung an, nach deren Entdeckung ihn Titus hinrichten ließ. H-nne-Am Rhyn.» llaecltas (lat.), Blindheit. Cacongo, Negerreich ans der WKllste des südlichen Afrika, am gleichnamigen Fluß; im S. vom Congo begrenzt; abhängig von dem Reiche Loango; das Land ist gebirgig n. fruchtbar, aber für Europäer ungesund; die Bewohner lieben es, europäische Sitten u. Einrichtungen nachzuahmen; Hauptstadt Kingnale oder Cingale. Cacotelin (Chem.), stickstoffhaltige Base, Zer- setznngsproduct des Brucins durch Salpetersäure (s. Brncin). llactsae (Cactnsgewächse), Pflanzenfam., die einzige der Klasse der Opuntien, saftige Sträucher od. Bäume, mit milchigem od. wässerigem Safte, mit Ausnahme der Gatt, ^ersastia von eigenthümlicher Tracht; Stengel u. Äste selten gestreckt, meist einen kugeligen, kegelförmigen od. säulenförmigen Kör- per darstellend, rund, od. kantig, od. gerippt, od. mit Höckerchen bedeckt, welche ans den verkümmerten Zweigen oder Blättern gebildet sind, innen fleischig, mit sehr großem Marke n. vielen, einen holzigen Cylinder bildenden Gefäßbllndcln; die Rippen oder Höckerchen sind mit wolligen, stacheltragenden Polstern besetzt; die Stacheln sind sehr vielgestaltig, glatt oder quer gerippt, gerade oder gekrümmt, bisweilen mit lockerer Oberhaut versehen; Blätter fehlen meist ganz, oder sind nur an den jüngsten Trieben vorhanden, klein, stielrund, hinfällig, selten ordentlich ansgebildet, wie bei Üorssloa; Nebenblätter fehlen stets; Blüthcn zwitterig, einzeln auf den Höckern oder Kerben der Kanten sitzend, bald groß u schön, bald klein u. unansehnlich; die zahlreichen Kelchblätter sind spiralig dachziegelig in eine den Fruchtknoten bedeckende Röhre verwachsen, n. die inneren gehen allmählich in die ebenfalls verwachsenen oder fast freien Blumenblätter über; nur selten sind bloß 3—6 verwachsene, den Fruchtknoten krönende Kelch- u. ebenso viele Blumenblätter vorhanden; die zahlreichen, langen u. sädigen Staubgefäße hängen nur unten mit den Kelch- oder Blumenblättern zusammen; der nnterständige, fleischige Fruchtknoten ist einfächerig, meist mit vielen, den zahlreichen wandständigen Samenleisten aufsitzenden, horizontalen Eichen; Griffel fadenförmig mit vielstrahliger Narbe; die Frucht ist eine fleischigsaftige, glatte od. mit Schleppen, Höckern u. Narben besetzte, an der Spitze genabelte, einfächerige, vielsamige Beere mit breiig gewordenen Samenleisten; Samen ohne, oder mit nur wenig Eiweiß, länglich oder nierenförmig, mit schwarzer körniger oder warziger Samenschale; Keimling gerade od. gekrümmt öder halbkugelig, cylindrisch oder keulenförmig, mit freien oder in einen eiförmigen Körper verwachsenen Keimblättern. Man kennt gegenwärtig 13 Gattungen mit etwa 1000 Arten, zwischen denen die Gärtner eine große Anzahl Zwischenformen gezogen haben; die Hauptmasse der Arten findet sich im tropischen u. subtropischen Amerika, nur wenige in Chile u. Canada bis zu 50" n. Br. Einige Arten von Nopalsa u. Opuntia, welche in der Alten Welt eingeführt wurden, haben sich dort vielfach verbreitet u. sind verwildert; so Opuntia vulgaris IlKtt., in ganz SEuropa, die man mitLAave anwrioana zur Herstellung undurch- s dringlicher Hecken verwendet. Die meisten erhal« Oaotus — ten einen ziemlich indifferenten, schleimigen oder milchigen, süßlichen oder schwach säuerlichen Saft; bei einigen ist er jedoch selbst ätzend scharf, dem der Euphorbien u. Feigenbäume ähnlich u. wird dann wie dieser benutzt. Dieser Saft, selbst der scheinbar indifferente, wird gegen Geschwüre, Abs- ccsse, Rheumatalgie n. Arthralgie angewendet; auch soll er als Wurmmittel dienen. Die süßlichen vd. sauren Früchte sind bei allen eßbar, oft wohlschmeckend u. heilsam. Auf einigen zieht man die Cochenille, die alten Stämme braucht man zu Fackeln, daher der Name Fackcldistel. Man unterscheidet folgende Unterfamilien: I. Lollinosaotsas; der Stengel ist an den Rippen mit Höckerchen od. Wärzchen bedeckt, welche an der Spitze Stacheln, äußerst selten Blüthcn tragen; die Kelchröhre ist über das Ovarium hinaus verlängert; hierher gehören: Llsloeaetus Hc. Otto, LlamiUaria I/irro., Lelsvz-pliora INrrsnb., LsnelwenbsrAis. .OooL., Lelünvsaotus HL. ck' Otto, Lisooeuctus Osrsns Hirm., Llrzälooaotms HL., Lpi- pIiMum ik'/er//'. II. Opuntisas, mit verzweigtem u. gegliedertem Stengel; die Kelchröhre ist nicht länger, als das Ovarium; hierher gehören: Llripsa- 11s Oaei-ttr., Hopalsa Opnniia MM.. Lorssscia MM. Engter. Ductus II., früher sehr artenreiche Pflanzengatt, aus der Fam. der Cacteen, welche jetzt aufgehoben u. in mehrere andere Gattungen zerspalten ist; s. u. Oaebsas. Engter. Cactusgewiichse, s. dueisas. Cäcübum (a. G.), Landschaft in Latium, an den Grenzen Campaniens, zwischen Terracina n. Gaeta; hier wuchs ein dem Falerner gleichstehen- Ler Wein (Cäcuber). Cäcülns, altitalischer Heros, Sohn Vnlcans von einem Mädchen, welchem Vulcan einen Fener- snnken in den Schooß svruigen ließ; er erbaute Präneste. Duecum (Oosem^, ,«.), der Blinddarm. Duvümen (lat.), 1) Gipfel, Spitze; 2) (Bot.) Wipfel, Krone; s. Stamm; 3) (Anat.) Theil des Oberwurms im Kleinhirn. Cacus, in der röm. Mythologie flammenspeiender Niese u. Straßenränder in Italien, der aus dem Aventmischen Berge bei Rom in einer Höhle (Sutrum 6ad) wohnte, deren Eingang er mit einem Felsblocke schloß. Er stahl dem von -Geryon znrückkehrenden Hercules, während dieser schlief, einige Rinder, die er, um den Beraubten in der Spur zu täuschen, rückwärts an den Schwänzen in seine Höhle führte; doch verrathen durch das Brüllen der Rinder, wurde er von Hercules erschlagen. Euander brachte deshalb dem Hercules Dankopfer. Nach Anderen verrieth seine Schwester Caca dem Hercules Len Diebstahl, worauf ihr ein Sacellum mit Altar u. immerbrennender Flamme nebst jungfräulichen Priesterinnen geweiht wurden. Lsscus (cosons, lat.), blind. Loramsn oasvum, blindes Loch (Anat.), eine kleine rundliche Öffnung am Stirnbeine hinter der Basis des oberen Nasen- stachels, welche entweder direct, oder durch enge spaltsörmige Öffnungen in die Stirnhöhlen u. durch diese in die Nasenhöhle führt. Durch sic hindurch geht eine Verbindungsvene des oberen - Cadaval. 355 Blutleiters der harten Hirnhaut mit den inneren Nasenvenen. Diese Öffnung ist mithin kein blindes Loch, sondern das Ende eines durch das Stirnbein verlaufenden u. die Schädelhöhle mit der Nasenhöhle verbindenden Kanals. B-rirs. Cadalso, Jose, spanischer Dichter, geb. 8. Oct. 1741 zu Cadix, von adeliger Familie aus Biscaya; studirte in Paris, trat 1762 beim Kriege gegen Portugal in ein spanisches Reiterregiment u. fiel 27./28. Febr. 1782 als Adjutant des commandi- renden Generals vor Gibraltar. Er schr. unter dem Pseudonym Inan del Balle u. I. Vas- quez: Lavsllo duroia (Tragödie), 1771; Los era- äitos ä 1a violeta (Satire), 1772; Los oeios äs vai juvsntnä, poesias, 1773; Las eartas marrnseas, Isla de Leon 1820 (Briese, einem reisenden Mauren untergelegt); Odras, n. A., 1818, 3 Bde., u. ö. Cadalus, aus der Lombardei gebürtig; wurde 1030 Bischof von Naumburg u. war seit 1036 Kanzler der Kaiser Konrad II. u. Heinrich III. Von seinem Tode in Deutschland ist nichts bekannt, u. da 1045 ein C. als Bischof von Parma erscheint, welcher 1061 als Honorius zum Gegenpapste Alexanders II. gewählt wurde, so glaubt man, daß dieser mit dem Naumburgcr Bischof identisch ist. Cada Mosto, Alois da C., berühmter Entdecker, geb. 1432 in Venedig; machte, nachdem er eine sorgfältige Erziehung genossen, einige Handelsreisen im Mittelmeere, traf auf einer dieser Reisen auf Cap Vincent mit dem dort weilenden Jnfanten Don Enrique von Porkigal zusammen u. trat dann 1455 in dessen Dienste eine Entdeckungsreise längst der Küste Afrikas an, auf welcher er bis znm Gambia kam; aber, nachdem er Gold u. Sklaven eingehandelt, mußte er wegen Streitigkeiten mit den Einwohnern u. zunehmender Muthlosigkeit seiner Mannschaft zurückkehren. Mit Anton Uso schifite er 1456 wieder nach dem Gambia, entdeckte die Inseln des Grünen Vorgebirges u. kam bis zum Flusse Casamansa u. dem Rio Grande. Nach dem Tode des Jnfanten Heinrich (1463) kehrte er nach Venedig zurück u. st. um 1480. Er schr.: IN lidro äs la prima. vuviFuräons per oosano a Io terrs äs UsAri äs ia Lassa Ltiopia, Vic. 1507; Mail. 1519. Lagai.» Cadaval, Nun» Cadtano Alvarez Pe- reira de Mello, Herzog von C., portugiesischer Staatsmann, geb. 9.Apr. 1799, aus einem vornehmen, dem Hanse Braganza verwandten Grafengeschlechte, welches 1649 die herzogliche Würde erhielt; unter Johann VI. Staatsrath, 1826 Mitglied des Regentschaftsrathes n. Präsident der Pairskammer, neigte er sich allmählich von dem constitntionellen System der Jnfantin-Regentin zu dem der absolutistischen Gegenpartei hin, n. als der Kampf zwischen beiden Parteien immer heftiger geworden u. Dom Pedro seinen Bruder Dom Miguel zum Regenten ernannt, nahm dieser den Herzog v. C. Febr. 1828 zu seinem ersten Minister, der nun mit Pater Macedo vereint auf Umsturz der Verfassung hinarbeitete, so daß die Cortes aufgelöst u. Dom Miguel zum König von Portugal ausgerufen wurde. So eifrig er diesem bei Unterdrückung der Freiheit diente, machte er sich doch während einer Krankheit Dom Miguels der Königin-Mutter verdächtig, weil er der Jn- 23 * 356 6uäuvsr — Cadet. famiu Maria die Regentschaft zudachte, u. erhielt 1830, da er noch dazu Wortführer der gemäßigten Partei geworden, seinen Abschied, verachtet von allen Parteien. 1833 trat er im Bruderkriege mit Tellez Jordao wieder gegen die Constitutionellen auf, verließ aber infolge der Niederlagen seines Verbündeten 22. Juli 1833 Lissabon u. ging später nach Paris, wo er im Febr. 1838 starb. Lagoi.- Oaäaver (lat., v. oaäors, fallen), 1) Leiche; bes. 2) ein in der Klinik zur Zergliederung dienender Leichnam. 3) Der Leichnam eines Thieres, das gesallcne Stück Vieh. Den in der freien Natur liegenden 6. nennt man ein Aas, es dient den aassressenden Thieren zur Nahrung. In cultivir- ten Gegenden werden die gefallenen Thiere einer rationellen Ausbeute unterworfen, ihre Häute wandern in die Gerbereien, aus dem Fleische bereitet man werthvolle Futter- u. Düngmittel, das Fett gelangt in die Fettfiedcreien, die Sehnen finden in den Leimfabriken Verwendung, ans den Knochen stellt man Düngemittel her. Die Wegschaffung, bez. die weitere Behandlung des 6-s ist Sache des Abdeckers (s. d.). Caddo, County im nordamerik. Unionsstaate Louisiana, unter 32" n. Br. u. 93" w. L.; 21,714 Ew.; Countysitz: Shreveport. Cade, James, Irländer; empörte sich unter dem Namen Mortimer 1450, auf Richards, Herzogs von Dort, Anstiften, gegen König Heinrich VI. von England, fand in Kent großen Anhang u. bemächtigte sich, da der König nach Killing- wood-Castle floh, Londons u. übte aber dort so viele Grausamkeiten aus, daß das Volk gegen ihn aufstand. Endlich von seinen Anhängern verlassen, floh er nach Sussex u. ward dort erstochen. Cadeac, Ort im Arr. Bagneres des franz. Dep. Ober-Pyrenäen; 4 kalte schwefelige Mineralquellen, 2 Bade-Anstalten; Marmor; 450 Ew. Csäeau (fr.), kleines Freundschasts- od. Gelegenheitsgeschenk. Cadell, Francis, australischer Entdeckungsreisender, gev. 1822 zu Cockenzie in der schott. Grafschaft Haddington; machte als junger Seemann den Chinesischen Krieg mit n. kam 1848 nach Australien, wo er sich dadurch ein großes Verdienst erwarb, daß er nach zweimaliger Befahrung des Murray dessen Schiffbarkeit nachwies u. die Schifffahrt auf demselben anbahnte. Später betheiligte er sich auch an Entdeckungsreisen zu Lande u. unternahm 1874 eine Reise in West- Australien, um, von der Nikol-Bai ausgehend, einen geeigneten Überlandsweg nach den östlichen Thei- len des Continents aufzusuchen, zu dessen Ermittelung Warburton, Forrest u. A. (vgl. Australien, S. 429) vergebliche Versuche gemacht hatten. Über das Resultat dieser Reise ist bis jetzt (Sept. 1875) nichts bekannt geworden. Cadenabbia, Landungsplatz in der italienischen Prov. Como, am westlichen User des Como-Sees, in herrlicher Gegend; klimat. Kurort; dabei die Villa Carlotta, mit großartigem Park u. seltenen Kunstwerken (Thorwaldsens Alexanderzug); die Billa gehört dem Herzog von Sachsen-Meiningen. Cadenz, 1) (frz. Oaäsvee, ital. Laäsiwa, lat. OlanLnia und Laäoutüa,, Tonfall, Tonschluß) die Harmonie- od. Melodiefolge, welche einen bestimmt fühlbaren Ruhe- oder Endpunkt gibt. Die harmonischen C-en, welche in vollständigster Gestalt aus dem Vorbereitungsaccord im Niederschlage, dem nächstverwandten Dominantaccord im Aufschläge u. dem tonischen Schlußaccord bestehen, werden eingetheilt: in ganze (vollkommene) C-en, welche ein Tonstück (Final-C.), oder auch nur einen Zwischensatz völlig abschließen, so daß nichts weiter erwartet wird; in halbe (unvollkommene, Mittel-) C-en, welche nur eine Periode, meist durch Ausweichung in die Dominante u. Subdominante, abschließen; Trugschluß-(Trug-)C. (Oacksrws rom- yuo, Laäsrma. ck'ingaimo, 0. InMba, Olauaula kalsa), welche nach gemachter Vorbereitung zum ordentlichen Schluß einen fremden, unerwarteten Accord eintrelen läßt. 2) Jede nach einer Fermate wirklich notirte oder willkürlich ausgeführte Verzierung in Läufern, Trillern, größeren Gänge» n. dergl., welche ans die Tacteintheilung des Musikstückes keine Rücksichten nimmt (Oaäeiwa üvrita, verzierte, Bravour-C.). 3) Das Tanzen genau nach dem Tact, eines der ersten Erfordernisse der Tanzkunst. 4) Der Schlußsatz einer Rede od. eines Gedichtes, insofern er von ergreifender Wirkung ist. Oaäons (lat., fallend), von einem Stern, der seinem Untergehen sich naht. Cadeöl, s. Wachholderöl. Cadct (fr.), 1) der jüngste oder jeder jüngere Sohn, bes. adeliger Familien; wegen der Majorate wurden diese in katholischen Ländern meist Geistliche od. Militärs. Daher 2) ein junger Mensch, der freiwillig in den militärischen Dienst tritt, um diesen zu lernen u. später als Offizier fortzudienen. Die Kaserne, wo die Cadetten wohnen u. zugleich Unterricht empfangen, heißt Cadettenhaus. Die erste Cadettenschule entstand in Brandenburg unter Kurfürst Friedrich Wilhelm. Allmählich wurden solche in fast allen Ländern gegründet. Neben allgemein wissenschaftlicher Ausbildung wurde aus die technisch-militärische Ausbildung vom Knabenalter an großes Gewicht gelegt. Hiervon ist man jetzt, besonders in Deutschland, zurückgekommen; die Cadettenanstalten sind jetzt Schulen, die nebenbei den Zweck verfolgen, die Schüler an Subordination und militärische Anschauungen zu gewöhnen und die körperliche Ausbildung besonders zu fördern. Die eigentlichen Kriegswissenschaften werden in Deutschland erst später aus den Kriegsschulen gelehrt; nur die Selectaner im Berliner Cadettenhause, d. h. die begabtesten Schüler, welche nach Äbsolvirung der Prima noch ein Jahr im Cadcttencorps bleiben und dann als Offiziere in die Armee treten, erhalten Unterricht in den militärischen Wissenschaften. In Preußen existirt ein Cadettenhaus in Berlin, das nach Vollendung des im Bau begriffenen neuen Hauses nach Lichter- elde verlegt werden wird, u. 6 sog. Boranstalten hie Klassen bis Tertia) in Potsdam, Kulm, Wahl- tadt, Ploen, Bensburg u. Oranienstein. Neben dem Zwecke der Heranbildung künftiger Offiziere haben die Cadettencorps auch Len Nutzen, verdienten Offizieren und Beamten die Erziehung ihrer Söhne zu erleichtern. 3) In der Schweiz nennt man Cadetten die Schüler bestimmter Lehranstalten (Gymnasien und Realschulen), welche unisormirt. 357 Ccidct de Vaux — Cadix. bewaffnet u. militärisch unterrichtet werden u. besondere, nach dem Muster der Armee eingerichtete Corps bilden, was ihnen aber beim Eintritt in den wirklichen Militärdienst keine Vorrechte gibt. Cadet de Baux,' Antoine Alexis Fran^., berühmter französ. Chemiker u. Pharmaceut, geb. 13. Sept. 1743 zuParis; gründete 1777dasllournal äs karis, setzte dabei aber seine chemischen Studien u. Untersuchungen fort, gründete mit Parmentier «ine Bäckerschule, verbesserte wesentlich die Reben- cultur u. die Weinbereitung u. war bei höchster Selbstlosigkeit um das Wohl seiner Nebenmenschen bemüht. Er st. arm 29. Juni 1828 bei seinem Sohne in Nogent-les-Vierges. Seine Schriften sind sehr zahlreich; besonders zu bemerken sind: Obssrvatious sur Iss kossss ä'aisunss, Paris 1778; I-'art äs kairs Is vin, ebd. 1801; Nomens äs prsvsuir eb äs äötruirs Is mepbitisms äes mnrs, ebd. 1801; lusalubribs äss dabitatüons, ebd. 1802; ?slnbnrs an lait, ebd. 1802; 6s1s.- tins äss os, ebd. 1803; LlauedissuAe äomssbigus L 1a vapsur, ebd. 1805; Culturs äs la vigns, ebd. 1807; Onltnrs än tabue, ebd. 1810; lies bases alimsntairss et äs la pomme äs tsrrs, ebd., u. verschied, andere Schriften über die Verwendung der Kartoffel; blovvsuu proosäs äs psiutnrs, ebd. 1814; Conservation än rnoüt sonstrait ä la ksiinsntatisn sxirltnsnss, ebd. 1819; Iraitss äivsrs ä'soonoinis rurals, a1im->n- tairs st äomsstions, ebd. 1821. Cadetsche Flüssigkeit, so v. w. Alkarsin. Cadillac, Stadt im Arr. Bordeaux des franz. Dep.Gironde, rechts ander Garonne u. ander Slld- bahn; Zuchthaus für Weiber, Irrenhaus; Fabriken für Ackerwerkzeuge; man baut vorzüglichen W-riß- wein; 2777 Ew. Cadix (Cadiz), 1)Provinz in Spanien; 7269 sZüm (132 sM); (1860) 391,305 Ew.; bildet die südlichste Ecke Andalusiens; grenzt im N. an die Provinz Sevilla, im O. an die von Malaga u. das Mittelländische, im SW. au das Atlantische Meer u. im W. an den Guadalquivir; auf der südlichsten Landzunge steht das feste Gibraltar, Len Briten gehörig; gegen das Atlantische Meer ist das Cap Trafalgar; die Küsten bestehen meist ans großen Salzsllmpfen, deren Ausbeutung neuerdings abgenommen hat; der westliche Thcil ist eben, der östliche gebirgig (Sierra Gallina u. a.); der bedeutendste Fluß ist der Guadalete, der Guadalquivir berührt die Provinz nur in seinem unteren Laufe; der westliche Theil der Provinz gehört zu den wohlhabendsten u. bestangebauten vom ganzen südlichen Spanien und wird von 81 üm der von C. nach Sevilla führenden Eisenbahn durchschnitten. 2) Bai von C., zwischen der WKllste der Provinz u. dem nördlichen Theil der Isla de Leon; an ihrem Eingänge durch 2 starke Forts, Castillo de San Sebastian u. Castillo de Sta. Catalina, die als Staatsgefängnisse dienten, gedeckt; besteht aus 2 Theileu: dem Handelshafen u. dem Kriegshafen (Bai von Puntales) südlich darunter, wo der größte Theil der span. Flotte stationirt ist; der letztere steht durch den Kanal S. Piedro, der die Isla de Leon umzieht, wieder mir dem Atlant. Meere in Verbindung. 3) Hauptstadt daselbst u. wichtige Festung, auf einer Fclsen- inscl, welche durch eine schmale Landzuge mit der Isla de Leon verbunden ist, mitten in der Bai; von bedeutenden Festungswerken umgeben, außerdem durch Forts und Klipven verthcidigt. Die eigentliche Stadt C. hat nur 2 Thore, das See» und Landthor, und ist auf den 3 Seiten, wo sie das Meer vor sich hat, mit einem 3 in hohen Walle mit bombenfesten Kasematten, welcher bes. 2 gegen N. vorspringende Bastionen hat, auf der sich an zweckmäßigen Punkten starke Batterien befinden, befestigt; gegen S. sind aber mehrfache Reihen starker Werke, besond. 2 Bastionen angebracht, vor denen sich eine Vorstadt u. seit 1812 ein Durchstich (die Cortadnra) befindet, über welchen eine eiserne Brücke führt, welche aber wieder durch ein starkes Werk vertheidigt wird. Die Küsten werden durch ansehnl. Forts vertheidigt. Dicht bei C., westl. von der Stadt, liegt nämlich eine flache Sandhalbinsel, auf der sich das Fort San Sebastian u. der Leuchtthurm erhebt, in NNO. der Stadt, an der Küste des Festlandes das Fort Sta. Catalina, das den leider in Versandung begriffenen Handelshafen von C. einigermaßen vertheidigt. Die Stadt hat schnurgerade, schöne, mit Marmor gepflasterte, des Nachts mit Gas erleuchtete Straßen, ausgenommen den ältesten Stadttheil, prächtige Plätze, palastähnliche Häuser zieren dieselbe; die Häuser sind massiv, oben platt, mit Thllrmchen u. Gärten verziert, Galerien laufen um alle Stockwerke u. geben ihnen ganz ein afrikanisches Ansehen, jedes hat seine Cisterne zum Auffangen des Regenwassers (Trinkwaffer wird von Puerto Sta. Maria geholt). Bischofssitz, mehrere Seebehörden, Tribunal für Colonialstreitigkeiten; 2 Kathedralen (eine alte und neue), 5 Pfarrkirchen mit trefflichen Gemälden, 3 Filialkirchen, früher 13 Klöster; Akademie mit Zeichnenschule u. Botanischen Garten, Mathematische, Nautische und Piloteuschule, Chirurgische Lehranstalt, Sternwarte; Lffentl. Bibliothek; Theater, Amphitheater für Stiergcfechte (Hauptvergnügen der Einwohner); größeres königl. u. mehrere kleinere Hvspitien, unter denen besond. uennenswerth ist Las Hospiz für Waisen, Alte u. Irre, mit Schulen, Arbeits- und Spielplätzen; Zollhaus, Börse, Arsenal. C., obwol schon von den Phönikern gegründet u. bereits zur Römerzeit eine beträchtliche Stadt (Gades), verdankt doch seine jetzige Größe u. seine einstige leider vergangene Bedeutung als Handelsplatz der Entdeckung von Amerika; denn hier strömten Indiens u. Amerikas Schätze zusammen; trotzdem ist es jetzt noch eine der wichtigsten Handelsstädte Spaniens u. Hauptexportplatz des Teresweines, ferner von Südfrüchten u. Salz; die Zahl der ein- u. auslaufenden Schiffe beträgt 4—5000 jährlich. In neuerer Zeit droht das Aufblühen von Huelva als Exporthafen von Sevilla Abbruch zu thun. Alle handeltreibenden Nationen halten hier Consuln; von hier gehen regelmäßige Postdampfer nach Westindien, u. der Hafen ist zugleich Station für engl. Dampfschiffe nach u. vou Ägypten. Seit 1872 ist ein Telegraphenkabel nach Portorico gelegt. Dagegen ist die Industrie von keiner Bedeutung. Die Bevölkerung betrug 1860 63,513, ward aber 1872 zu 71,521 angegeben. Die Einwohner suchen außer- 358 Cadiz — Cadnnumlegrrungcn. halb der Stadt, auf Landhäusern auf Isla de Leon und zu Chiclana Erholung. Das Klima ist ungewöhnlich heiß und durch den Wind von Afrika (Solano) zuweilen unerträglich. Geschichtliches. C. wurde um 1100V. Chr. von den Phönikcrn aus Tyrus als Gaddir oder Gadeira gegründet. Es lag zum Theil auf dem Festlande, hatte einen Hcrculestempel u. war schon damals berühmte HauvclSstadt. Den Phönikern entrissen es die Carthagcr, welche L. zum Hauptpunkt ihres europäischen Handels machten u. von da aus ihre EroberuugszUge unternahmen. Nach dem 2. Punischen Kriege 206 v. Chr. kam es in die Gewalt der Römer, die es Gades nannten; nachdem Cäsar der Stadt das Bürgerrecht geschenkt, wurde sie Municipalstadt u. hieß ^.nxnsta urbs llulis Oackitana. Die Gaditaner waren bekannt wegen ihres Luxus. Von den Römern kam es der Reihe nach an die Spanien beherrschenden Völker: Vandalen, Westgolhen, Araber (seit 71 l), bis diese es 1262 wieder an die Spanier verloren. C. war nun ein Hauptplatz des Handels mit Asrika u. erhielt nach der Entdeckung Amerikas noch mehr Wichtigkeit als Landungsplatz aller amerikanischen Schiffe. Die Engländer verbrannten unter Essex u. Raleigh dort die spanische Flotte 1596 u. plünderten u. verbrannten auch die Stadt, welche später von den Spaniern wieder aufgebaut u. mehr befestigt wurde. Ein anderer Angriff der Engländer 1702 mißlang zwar, aber seitdem die Engländer 1704 Gibraltar erobert hatten, sank der Handel von C. Den 8. Jan. 1780 Seeschlacht auf der Hohe von C. zwischen einer spanischen Flotte unter Admiral Langara u. dem britischen Admiral Rodney; den 22. Juli 1801 Seesicg der Engländer unter Admiral Saumarez über die Franzosen unter Lenoir (s. Französischer Revolutionskrieg). Bei der fra» zösischcn Invasion fand die span. Central - Junta hier ihren Zufluchtsort. Die Franzosen belagerten C. seit 6. Febr. 1810 erst unter Soult, dann unter Victor u. Sebastian!, vermochten aber nur die Forts Matagorda u. Catalina einzunehmen, u. Wellingtons Vorrücken zwang die Franzosen 25. Ang. 1812 zur Aufhebung der Belagerung (s. Spanisch-Portugiesischer Befreiungskrieg). Hier kam während der Belagerung die spanische Cor- tescon.iitution zu Stande. Am 1. Januar 1820 empörten sich auf Isla de Leon die nach Amerika zur Unterdrückung der dortigen Revolution bestimmten Regimenter, unter Riegos Führung, n. Lies veranlaßte die Span. Revolution (s. Spanien, Gesch.). 1823 flüchtete sich die Regierung der Cortes mit dem von ihr gefangen gehaltenen König Ferdinand 14. Juni in diesen Platz als letzten Zufluchtsort; die Franzosen unter dem Herzog von Angoulhme belagerten C., der Platz selbst ergab sich erst 3. Oct. 1823. Dann bekam C. französ. Besatzung und behielt sie bis 1824. 1829 — 32 war C. Freihafen. In dem Kriege der Carlisten fielen auch hier mehrmals unruhige Auftritte vor, bcsond. im Juli 1835, u. 1868 ging von C. die Revolution aus, infolge deren Jsabella II. ihres Thrones verlustig wurde, indem hierALmiralTopete 17. Sept. jenen Aufruf erließ, infolge dessen die königlichen Truppen u. die Bürgergarde sich ihm u. dem General Prim anschlossen. Letzterer erließ von C. aus 19. Sept. die Proklamation an die Spanier zur „Wiederherstellung des Vaterlandes", worauf die Revolution sich mit Blitzesschnelle über ganz Spanien ausbreitete. Nachdem die Con- stituirenden Cortes 1873 die Föderativrepublik proclamirt, bemächtigten sich die socialistischen Intransigentes der Stadt, brandschatzten die Begüterten u. brachten die Artillerie des Platzes zum Absalle, während die übrige Garnison sich dem von. Sevilla anrückenden General Pavia anschloß und- ihm die Stadt öffnete; der revolutionäre Ausschuß aber wurde gefangen genommen. tGeo'gr.) Aolpe." (Besch.) Lagai.' Cadiz, Hauptstadt der Grafschaft Harrison im Staate Ohio (Verein. Staaten von NAmerika);. schön gebaut, reizende Lage an fruchtbaren, wohl bebauten Hügeln, welche reiche Kohlenlager enthalten; durch Zweigbahn mit der Steubenville- Jlkdiana-Eisenbahn verbunden; Stapelplatz für Wolle; 2000 Ew. Cadmium, ein von Stromeyer u. Hermann fast gleichzeitig 1818 entdecktes Metall, welches seinen Namen dem Vorkommen in der Zinkblende (lat. Oaämia) verdankt. Zeichen des Atoms 66, Gewicht 112; spec. Gew. — 8„. Es findet sich in der Natur nicht gediegen, aber fast alle Zinkerze enthalten kleine Mengen von C-verbindnngenp der Greenockit, ein sehr seltenes Mineral, besteht aus Schwefel-C. Das C. ist von zinnweißer. Farbe, stark metallglänzend, auch bei gewöhnlicher Temperatur sehr dehnbar u. geschmeidig. Es schmilzt bei 315" (Zink bei 360", Blei bei 335") u. verflüchtigt sich in der Nothgluth. Beim Liegen an der Lust oxydirt es sich nur sehr langsam; an der Luft erhitzt, entzündet es sich u. verbrennt zu braunem C-oxyd. Säuren lösen es unter Bildung von C-salzen leicht auf. Man gewinnt das C. aus den Zinkblumen (dem Zinkoxyd, welches sich bei der Destillation der Zinkerze durch Verbrennung der ersten Antheile Zinkdampf bildet), indem man dieselben mit Kohle in irdenen Röhren dcstillirt, oder indem man cadinmhaltiges Zink oder Zinkoxyd in einer verdünnten Säure löst u. ein Stück Zink in die Lösung stellt; das C. wird dadurch regulinisch und vollkommen rein niedergeschlagen. Die Gcsammtprodnction beträgt gegenwärtig 15—20 Ctr., wovon der bei weitem größere Theil auf Schlesien kommt. Es würde wegen seiner Lnftbeständigkeit, seiner schönen Farbe und größeren Geschmeidigkeit in vielen Fällen dem Zink vorzuziehen sein, wenn nicht sein hoher Preis (Las Psunv 3H—4 N) im Wege stünde. Man verwendet es als Zusatz zu gewissen Lcgirungen (s. C-legirungen), sowie zur Herstellung einer gelben Farbe (s. C-sulfuret). Hetzer. Cadmiumchlorid (Chlorcadmium), chemische Verbindung von Cadmium und Chlor (Formel 0601,), welche bei Einwirkung von Salzsäure ans Cadmium, CaLminmoxyd, kohlensaures Cadmiumoxyd oder Cadmiumsulfuret sich bildet. Die wässerige Lösung liefert beim Eindampfen farblose, wasserhaltige, prismatische Krystalle, welche an trockener Lust verwittern. Hetzer. Cadmiumlegirungen sind Gemische von Cadmium mit anderen Metallen. Bemerkenswerth Cadmiumoxyd ist die Woodsche Legirung von 3 Th. Cadmium, 4 Th. Zinn, 15 Th. Wismuth, 8 Th. Blei, welche bei 75° schmilzt u. als Metallkitt, sowie zu Cliches benutzt wird; sehr leicht schmilzt auch eine Mischung von 2 Th. Cadmium, 1 Th. Blei u. 4 Th. Zinn. Eine rasch verhärtende Legirung (Amalgam) von Quecksilber, Cadmium u. Zinn wird auch zum Ausfüllen (Plombiren) der Zähne verwendet. Hetzer. Cadminmoxyd, chemische Verbindung von Cadmium u. Sauerstoff (Formel OäO); sie ent' steht beim Verbrennen von Cadmium, sowie beim Erhitzen von C-Hydrat, kohlensaurem od. salpetersaurem C.; rothbrauues feuerbeständiges Pulver. Hetzer. Cadmiumoxydhydrat (Cadminmhydroxyd), chemische Verbindung von Cadmium, Wasserstoff u. Sauerstoff von der Formel OckH^Oz, weißes, in Säuren leicht lösliches Pulver, welches beim Fällen eines löslichen Cadiniumsalzes mit Ätzkali entsteht. Von kohlensaurem Ammon wird es nicht aufgelöst (Unterschied vom Zinkoxyd). Beim Erhitzen verwandelt es sich in braunes Cadmiumoxyd. H-tz-r. Cadmiumpräparate, aus dem Cadmium dargestellte salzartige Verbindungen; darunter 6aämium sukkurisum, schwefelsaures Cadmium, ein farbloses, leicht lösliches Salz, zuweilen statt Zinkvitriol in der Augenheilkunde verwendet; Schwefelcadmium, ein tief orange gefärbtes Pulver, zuweilen in der Malerei verwendet. Mohr. Cadmiumsalze (Cadmiumoxydsalze) sind Verbindungen des Cadmiumoxyds mit Säuren oder von Cadmium mit Chlor, Brom, Jod u. Fluor. Sie sind meist farblos u. in Wasser löslich. Mit Kalilauge, Natronlauge u. Ammoniak geben sie einen weißen Niederschlag von Cadmiumoxydhydrat, der in dem letztgenannten Fällungsmittelleicht löslich ist. Kohleusaures Ammon bewirkt einen weißen Niederschlag von kohlensaurem Cad- miumoxyd. Schwefelwasserstoff fällt gelbesSchwefel- cadmium. Zink schlägt aus allen metallisches Cadmium nieder. Hetzer. Cadmiumsulfuret (Schwefelcadmium), Verbindung des Cadmiums mit Schwefel (6ä8). Es findet sich in der Natur krystallisirt als Gree- nockit; künstlich stellt man es durch Fällen von schwefelsaurem Cadmiumoxyd mit Schwefelwasserstoff oder Schwefelcadmium, Auswaschen u. Trocknen des Niederschlages dar. Es bildet dann ein schön gelb gefärbtes, sehr haltbares Pulver, welches unter dem Namen äauns brillant« als Wasser- u. Ölfarbe, sowie zum Färben von Tvi- lettenseifen Anwendung findet. Hetzer. Cadol, Victor Edouard, franz. Dramatiker, geb. 11. Febr. 1831 zu Paris; versuchte erst die Verwaltungscarriere u. wurde an der NBahn angestellt. Aber schon im Alter von 22 Jahren gab er dieses Amt auf, um sich der Literatur zu widmen. Er schr. erst Novellen, Theaterstücke rc. für Zeitungen u. Volksbühnen und gründete uiit Anderen den Lsprib brav y als. Sein erstes in eineni größeren Theater (dem Vaudevilletheater) aufgeführtes Lustspiel: I-n Osrmains (1864), erlangte nur mäßige Anerkennung. Dann schr. er mit Ed. Foussier u. Jules Barbier: I-s raaitre — Cadorna. 359 äs In maison, II. allein I-es Lmbitions äs §Luvsk. Sein bestes Stück: I>ss iuutiles (1868 u. 1869), wurde mehr als 200 Mal hinter einander gegeben. Auch hat man von ihm einen Band Novellen: Oontes Asäs, Iws beiiss imbseilss. Volchert. Cadore (Pieve di), Districtshauptort in der ital. Prov. Bclluno (Venetien); Holzhandel; 3335 Ew.; Geburtsort Tizians (Vecellio von C.). Nach C. sind die Cadorischen Alpen (s. d. benannt. Cadore, Herzog v., s. Champaguy. Cadorin, Giuseppe, ital. Kunstschriststeller, geb. in Pieve di Cadore im Veuetiauischeu, gest. 14. Dec. 1851 in Venedig; war Priester u. Lehrer der schönen Wissenschaften im Seminar zu Venedig. Er schr.: veil' amors äi VenoLiaui äi 1. Ve- osilio, Ven. 1833; Dsiis s-iss LbitLts äi M Vs- esiiio in VensLiL, 1834. Er hinterließ reiches Material über Tizians Leben u. die Baugeschichte des Dogcnpalastes. Regnet. Cadorische Alpen, ein Zweig der OAlpen, früher zu den Trideutinischeu oder STiroler Alpen gerechnet, zwischen der Etsch, der Eisack, der Rienz, der Drau u. der Piave; sie verfolgen von Trient an eine nordöstliche Richtung u. gehen im Monte Paralba in die Kartuschen Alpen über. Sie bilden die Grenze zwischen Österreich (STirol) und Italien (Venetien). In ihrem westl. Theil werden sie durch das Thal des Avisio (Fleims-Thal u. Fassa-Thal) in zwei parallele Hauptketten gelheilt, weiter östlich aber vom Ampezzo - Thal durchbrochen. Der Name kommt vom ital. Orte Pieve di Cadore (Prov. Belluno), am Vereinig- ungspunkte des Ampezzo- u. des Pieve-Thals. Die höchsten Spitzen sind: Monte Antelao 3255 m, Monte Marmarole 2720 w, Monte Cridola 2583 m. Cadorna, Raffael, italienischer General u. Staatsmann, geb. 1815 in Mailand; trat frühzeitig in die Militärakademie zu Turin, wo er nach Abschaffung der Cadetten als gemeiner.Soldat dienen mußte. 1840 wurde er zum Genielieutenant befördert. Beim Ausbruche des Krieges von 1848 war er Geuiecapitän und erhielt vom Ministerium den Auftrag, in Mailand zwei Genie- compaguien zu bilden, bei welcher Gelegenheit ihn die Provisorische Regierung zum Major beförderte. Im nächsten Jahre war C. Mitglied des Kriegs- rathes u. einige Zeit Generalsecretär im Kriegs- miitisterium. Nach dem Tage von Novara (23. März 1849) trat er als Major in die Infanterie zurück u. erhielt Urlaub auf unbestimmte Zeit, welchen er dazu benutzte, den zweiten Feldzug gegen die Kabylen unter Saint-Arnaud mit- zumachen. In der Krim commandirte er eines der provisorischen Bataillone. Beim Beginne des Krieges von 1859 ward er Oberstlieutenant im Generalstabe und am Schluffe desselben General. Als solcher hatte er nachher das toscanische Heer zu organisiren, commandirte in den Marken u. Umbrien eine Division u. wohnte der Belagerung von Ancona bei. Nach der Annexion SJtalienS wnrde er zum Militärcommandanten von Sicilien ernannt, wo er sich sehr beliebt machte, n. erhielt dann den Auftrag, dem Näuberuiiwesen zu steuern, was ihm indeß nicht ganz gelang; 1866 com- mandirte er unter Cialdini ein Armeecorps, ohne 360 Cadoudal — Caen. zum Schlagen zu kommen. 20. September 1870 nahm er Rom nach vierstündiger Beschießung n. war Civil- u. Militärgouverneur von Rom bis zur Einverleibung des Kirchenstaates in das Königreich Italien. 1873 erhielt er das Generalkommando in Turin. Cadoudal, George, gewöhnlich bloß Georges genannt, Anführer der ChouauS im Franz. Rcvo- lntionskriege, geb. l.Jan. 1771 zu Brech bei Auray, im Dep. Morbihan; stndirte in Bannes, wurde in der Revolution als Royalist Parteigänger im Ven- deekriege. Dem Frieden mit der republikanischen Regierung (April 1795) trat er nicht bei, sondern setzte sich mit den Royalisten in England in Verbindung; nach dem Mißlingen der Landung bei Qui- beron Juni 1795 vereinigte er seine Schaar mit den Chouans, mußte aber, allenthalben geschlagen, 1796 nach einem Vergleiche mit Hoche seine Truppen entlassen; zwar gelang es ihm 1799, die Bretagne wieder zu insnrgiren, aber die Niederlagen der Insurgenten iin Jan. 1800 nöthigten ihn zu neuen Unterhandlungen mit Brune, worauf er Frankreich verließ u. sich nach England begab, wo ihni von den Bourbonen der Grad als General- lieutenant gegeben ward. Er kehrte bald nach Frankreich zurück, um die Jnsurrection zu erneuern, konnte jedoch nichts ausrichten. 1803 ließ er sich mit Pichegru in eine Verschwörung gegen Bonaparte ein u. landete 21. Ang. zu Beville in der Normandie, wurde aber nach 6monatlichem geheimem Aufenthalte in Paris März 1804 von der Polizei verhaftet u. 10. Juni 1804 guillotiuirt. Nach der Restauration wurde seine Familie geadelt. Sein Bruder Joseph, ebenfalls Anführer bei den Chouans, geb. 1784, gest. 1852, ist bei diesen unter dem Namen Joyou bekannt. Des Letzteren Sohn, Louis George, geb. 10. Febr. 1823 in Anzvn, legitimistischcr Schriftsteller, schr.: §aits ob röeits oontomporains, 1860; Iws si^uss du tsmps (literarische rc. Kritiken), 1861; 8ou- vouirs do XV auuäss, 1845—61 (geschichtliche, literarische rc. Skizzen), 1862; Lladams Xoaris, Tours 1863; Oos sorvitours des boimuss, 1864. Cadrau (fr.), 1) das Zifferblatt der Uhr; daher 6. solairo, Sonnenuhr. 2) Theilscheibe. 3) Windrose. 4) (Petref.) So v. w. Perspectivschnecke. Cadre (fr.), 1) Einfassung, Rahmen. 2) Ein Rahmen zur Auszimmerung der Brunnen- und Minengäuge. 3) Nahmen einer Truppe, d. h. entweder nur die Offiziere u. Unteroffiziere, oder auch ein geringer Theil der Gemeinen, die bei der Fahne bleiben, während der größere Theil beurlaubt ist u. nur zu gewissen Ausbildungsperioden oder bei Mobilmachungen eingezogen wird. Cadüc (v. lat. eadüous), 1) hinfällig, schwach, schnell verwelkend; daher Oaduoas xlantas, schnell eingehende Pflanzen. 2) Verfallen, außer Cours, anhcimfallend; daher Oaduoa mortis (Oaduoum, Todfall),so v. w. Baulebung, u. das Recht darauf Oaduoijus; eaduoa bona, anheimgefallene Güter; s. Caducität; Oaduoum koudum, eingezogenes Lehn. 3) Baufällig. llsduoeus (gr. Lerz-bsiou), Stab von zwei Schlangen umwunden, welche oben die Köpfe einander zukehreu, ohne den Kamm zu sträuben. Seine Entstehung soll er daher haben, daß Mercurius einst in Arkadien zwischen 2 kämpfende Schlangen einen Stab warf, um welchen sich dieselben wanden u. den Kampf aufgabeu. Daher galt der 6. als Symbol des Friedens, u. Mercurius trug ihn (weshalb er den Beinamen Caducifer hatte) und geleitete damit die Schatten zur Unterwelt. Nach Anderen erhielt Mercurius den 0. von Apollon dafür, daß er diesem die Ehre der Erfindung der Leier überließ. Unter Menschen war der 0. der Fricdensstab, welchen Herolde trugen, die sich dem Feinde nahten u. deshalb Oaduösatorss hießen; u. jetzt ist der 0., da Mercurius auch Gott des Handels war, Symbol des Handels. Oadueoati uummi sind Münzen mit dem 6., von Städten, welche den Mercurius verehrten, auch von römischen Kaisern geprägt. Caduciren (v. Lat.), für verfallen erklären.- daher caducirte Güter, so v. w. Loos, oaduos, s. Caducität 4); caducirte Kuxe, s. u. Kuxh caducirteActien rc., solche Papiere, welche gewöhnlich wegen nicht geleisteter späterer Einzahlungen nichtig erklärt wurden. Caducität (v. Lat.), 1) Hinfälligkeit, Baufälligkeit. 2) Etwas Verfallenes, Unbrauchbares. 3) Wüstes, unangebautcs Grundstück, meist wegen Pest-, Kriegs-, Wasser-, Brand- u. Viehschäden, von welchem die darauf haftenden öffentlichen Abgaben nicht entrichtet werden können; daher Oadu- oia lox, Verfügung über diese. 4) C-en (kioua oaduoa), im Mittelalter unbewegliche Grundstücke, welche entweder wegen Erblosigkeit (Lsoas- tas), od. wegen Felonie (Lausitao) anheimfielen. 5) (Caducitäten) Verloren gegangene, ob. infolge der Zahlungsunvermögenheit des Schuldners oder des Unvermögens des Gläubigers, denselben zur Zahlung bei Verweigerung derselben anzuhalten, verloren zu gebende Capitalieu u. Ausstände. Osäuous morbus, die Fallsucht, Epilepsie. Cadurker (a. Geogr.), gallisches Volk in Aqui- tania; Hauptstadt: Cadurcum (Divona), jetzt Lahors; sie wurden 53 v. Chr. von Cäsar unterworfen. Oadus (griech. u. röm. Aut.), ein meist irdenes, längliches, mit Henkeln versehenes Gefäß von cy- lindrischer Form, unten in eine Spitze auslanfend, zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten (besonders Wein), Obst, Hülsenfrüchten, Honig, der Asche von Verstorbenen rc. Das Gefäß wurde gefüllt, entweder zur Hälfte iu den Boden gegraben, od. in schräger Stellung an die Wand gelehnt. Der 0., ursprünglich kein festes Maß, wurde iu der späteren Zeit der Republik für das attische Maß Me- tretes (—12 Obus — 72 8sxtarii — 144 Xst/lai — 864 L^atboi — 39,g, 1) genannt. Caedmon, s. Ceadmon. Caen, Hauptstadt des glcichnam. Arr. u. des franz. Dep. Calvados, an der Mündung des Odon in die Orne, die zur Fluthzeit Seeschiffe bis zur Stadt trägt, u. an der von Paris nach Cherbourg führenden Eisenbahn mit einer Abzweigung nach Laval. Die Stadt ist gut gebaut, hat breite Straßen, schöne Gärten und Promenaden, große freie Plätze; Präfectur, Departcmentsbehörden, Appellationsgericht, Assisen, zwei Friedensgerichte, Handelsgericht, Remontedepot; unter den Kirchen ist bemerkenswerth die romanische St.-Stephans- Cacr Leon — Caernarvon. NAW.N-Ä-- Kirche mit Grabmal Wilhelms des Eroberers; Justizpalast, Stadthaus, Börse, Theater; bronzenes Denkmal Ludwigs XIV. auf dem Stadthausplatze; Reste einer in der Revolutionszeit grüßtentheils zerstörten Citadelle; Akademie mit Facultäten der Jurisprudenz u. der Schönen Wissenschaften (früher Universität, in der Revolution aufgelöst), Navigationsschule, Bauschule, Zeichnen- u. Gewerbeschule; Gemäldegalerie, naturhistorisches und physikalisches Cabinet, chemisches Laboratorium, Bibliothek von über 60,000 Bänden, Botanischer Garten; Gesellschaft der Wissenschaften, Linnösche u. Medicinische Gesellschaft, Gesellschaft der nor- mandischen Alterthumsforscher, Ackerbau-, Handelsund Philharmonische Gesellschaft, Berathuugs- kammer für Kunst u. Manufactur; Taubstummenanstalt; Spitzenklöppelei in Zwirn, schwarzer u. weißer Seide, Baumwollen- u. Wollenmanufac- tureu; bedeutende Ölfabrikation, Ziegelfabrikation u. Pferdezucht; lebhafter Handel, jährlich istägige Messe; 4 Schiffswerften u. 2 Häfen, Caenu. Oyes- treham, mit letzterem durch den 13,834 m langen, mit einem Kostenaufwande von 9 Will. Fcs. erbauten u. Aug. 1857 vollendeten Kanal verbunden. Die im I. 1873 verkehrenden Schiffe reprä- sentirten insgesammt 216,844 Tonnen Last, davon Einfuhr 164,080 Tonnen (100,750 engl. Kohlen) u. Ausfuhr 52,764 Tonnen. Die Zölle betrugen 2,096,267 Fcs.; 48,200 Ew. Geburtsort von Faber, Pierre Huet, Ander, Malherbes und Se- grais. — C. ist im 11. Jahrh. von Wilhelm dem Eroberer angelegt n. hieß Cadomns. 1091 hier Friede zwischen Robert III. von der Normandie u. den Engländern; 1436 gründete König Heinrich VI. von England hier eine Universität, welche in der französischen Revolution aufgehoben wurde. 1562 kam es in die Hände der Hugenotten; doch unterwarf es sich bald dem König wieder; aber später eroberten die Reformirten mit Colignys Hilfe das Schloß. 1793 wurde unter Wimpfen von C. aus ein Aufstand gegen die Jacobiner versucht (f. u. Französischer Revolutionskrieg). 1815 ward es von dem preußischen 1. Armeecorps genommen u. die Citadelle besetzt. Schroot." Cacr Leon, Stadt in der englischen Grafschaft Monmouth, am Usk- und Bristol-Kanal; früher stark befestigt; Zinn- u. Eisenminen; 1300 Ew. C. L. ist das loos. Lilurum der Alten; war das Standquartier einer römischen Legion. Es ist interessant als die alte Hauptstadt der Lritaunia osounän (des jetzigen Wales) und als wichtiger Platz im 12. Jahrh., in welcher Zeit es häufig in den Kriegen zwischen den Gälen u. den Normannen zerstört wurde. Hier soll König Arthur seine Residenz anfgeschlagen haben, u. noch jetzt wird C. L. im Volksmuude Arthurs Tafelrunde genannt; auch war hier der Sitz eines Erzbis- thums, das nachher nach St. David verlegt ward. Noch findet man viele Überreste des Alterthums, u. a. eines römischen Amphitheaters. Caermarthen (Carmarthen), 1) Grafschaft im südlichen Theil des engl. Fürstenthnms Wales; 2453 Usicm (44,5 IHM); 115,710 Ew.; grenzt im N. an die Grafschaft Cardigan, im Ö. an die Grafschaft Glamorgan u. Breckuock, im S. an die Bai von Caermarthen, im W. an die Grafschaft Pembroke; Flüsse: Towy, Tmlas, Cothy, Tawe, Amman, sämmtlich sehr fischreich; Boden hügelig (Ausläufer des Walisischen Gebirges bis 860 m), viel Weideland, im Towy-Thal sehr fruchtbar; von mehreren Eisenbahnen durchschnitten (s. u. 2); Prducte: Steinkohlen (jährl. 2AMill. Tonnen), Eisen, Zinn, Blei, Marmor; die Industrie beschränkt sich hauptsächlich auf metallurgische Products; bedeutende Viehzucht. 2) (Caer Fryddin) Hauptstadt darin, an beiden Ufern des Towy; Eisenbahnverbindungen nach Pembroke, Cardigan, über Shrewsbury mit dem N. u. über Swansea mit dem S. von England; Sitz der Kanzlei des Fürstenthnms Wales; Straßen meist steil u. unregelmäßig; schöne Pfarrkirche im gothischen Stil; schönes Rathhaus mit ionischer L-äulenfaxade; Brücke; Denkmal zu Ehren des bei Waterloo gefallenen T. Picton (Parlamentsmitglied für C.); Hafen; Schiffe bis zu 300 Tonnen können den Towy herauffahren; Zinnblech, Seile, Eisenwaa- ren, Schiffsbau; Fisch- u. Lachsfang; Handel mit Vieh, Butter, Eiern, metallurgischen Landespro- ducten u. Kohlen; 10,488 Ew.; von C. führt der Herzog von Leeds den Titel als Marquis von C. — C. ist sehr alt u. wird schon im Itinsrarium des Antonius als Maridunum im Besitze der Demeten erwähnt; auch finden sich noch Überreste von römischen Bauten. Es war lange Zeit Residenz der Fürsten von Wales; 1137 wurde es durch Owen Gwynedd eingenommen u. niedergebranut, später von den Grafen Cläre wieder aufgebaut. Schroot.* Caernarvan (Cauarvou), 1) Grafschaft im nördlichen Theil des englischen Fürstenthnms Wales; 1495 Uslcm (27 ssM); 106,121 Ew.; grenzt im N. an die Irische See, im O. an die Grafschaft Denbigh, im SO. an die Grafschaft Merioneth, im S. an die Cardigan-Bai, im W. an die Caernarvon-Bai, im NW. an die Meuai- Strait, welche C. von Anglesea scheidet. Die Grafschaft enthält die höchsten u. schönsten Theile von Wales (Snowdon 1100 m, Carnedd Clewelyn 1070m); das Gebirg besteht vorzugsweise aus Granit und Porphyr; Vorgebirge: Braichy-Pwell (im äußersten SW); Baien: Cardigan-Bai, Caernarvon-Bai; viele Seen im Innern; Flüsse: Conway (reich an Perlen, an den Ufern sehr fruchtbar), Seiont; Eisenbahnen: von Caernarvon nach Nevin, Hvlyhead u. Amlwch am Meere, über Conway Verbindung nach den betriebsamsten Thei- lcn von England. Der Boden ist im Allgemeinen gebirgig mit Weideland n. mehr zur Viehzucht, als zum Ackerbau geeignet; Products: etwas Hafer u. Gerste, Butter n. Milch bedeutend, Wolle; Bergbau auf Blei, Kupfer u. besonders Schiefer, dessen Gewinnung über 6000 Menschen beschäftigt; Härings- u. Austernfang, Perlenfischerei; Rindvieh-, Schaf- u. Pferdezucht. 2) Hauptstadt darin, an der Mündung des Seiont in die Menai-Straft, sehr alte Stadt; Eisenbahnverbindungen nach NO. u. SW.; Ruinen eines festen Schlosses (C. Castle) mit 2H m dicken Mauern, von Eduard I. erbaut und noch gut erhalten; mehrere Kirchen; Rathhaus: Hafen, welcher Schiffe bis zu 600 Tonnen anfnimmt, Schiffswerft; Eisen- u. Messiuggieße- reien; Segeltnchsabriken; bedeutender Handel nach 362 Cafard Bristol, Liverpool u. Dublin, namentlich mit Kupfer, Schiefer, Flanell u. Strümpfen; Ausfuhr 1872 für 152,306 Psd. St., während der Werth der Einfuhr nur 35,000 Pfd. St. betrug; besuchte Seebäder; in der Umgegend viele Drnidensteine; 9449 Ew.; Geburtsort Eduards II.; von der Stadt C. führt ein Zweig der Familie Herbert den Grafentitel. — C. war schon Römerstation, u. zwar deren wichtigste in Cambria. In der Nähe lag das alte Segontium (wovon der heutige Name deS Flusses Seiont), von dessen Trümmern Eduard I. die Stadt C. mit ihren Festungswerken 1282 — 84 erbaute. C. wurde 1294 von den Walisern erobert u. geplündert; 1644 litt es sehr im Englischen Bürgerkriege. Schrott.» Cafard (sr.), Heuchler, Scheinheiliger; daher Cafarderie, Heuchelei, u. cafardiren, scheinheilig thun. Cafe (Kaffehaus), eine in Frankreich übliche n. auch in anderen Ländern gebräuchliche Bezeichnung für ein elegant eingerichtetes Schenklocal, in welchem jedoch außer Kaffe auch andere Getränke, sowie auch Speisen verabreicht werden; daher: Cafetier, Kafsewirth; Cafeliere, 1) Kaffckanne; 2) Kaffewirthin. Caffarelli, 1) Gadtano, s. u. Majorans. 2) Louis Marie Joseph Maximilien C. du Falga, französischer General, geboren 13. Februar 1756 ans dem Schlosse Falga im Departement Obcr-Garonne; nahm beim Ausbruche der Revolution Militärdienste, wurde aber von den Volksrepräscntanten, und weil er die Hinrichtung des Königs mißbilligte, unter der Schreckensregierung 15 Monate verhaftet. Nach seiner Freilassung erhielt er Anstellung im Militärausschuß, wurde 1795 als Bataillonschef zur Rheinarmee gesendet u. zeichnete sich bei dem Rhein- übergangebei Düsseldorf aus; dann machteer als Brigadegeneral den Feldzug in Ägypten mit, ward 9. April 1799 vor St. Jean d'Acre verwundet n. st. 27. dess. Monats an den Folgen der Amputation. 4) Auguste, Graf C. du Falga, Bruder des Vor., franz. General, geb. 7. Oct. 1766; diente anfangs dem König von Sardinien, trat aber zu Anfang der französischen Revolution in französische Dienste, stieg im Kriege gegen Spanien 1793 bis znm Generaladjutant, ward nach dem 18. Brnmaire Adjutant Bonapartes, 1799 Brigadegeneral und 1804 als außerordentlicher Gesandter nach Rom geschickt, „m Papst zu vermögen, Napoleon in Paris bei der Krönung zu salben; 1805 wurde er Divisionsgeneral n. Gouverneur der Tuilerien, zeichnete sich in der Schlacht von Austerlitz aus n. ward 1806 Kriegsminister des Königs in Italien, was er bis 1810 blieb; er ging dann als Divisionsgeneral der italienischen Truppen nach Spanien, wo er 1811 die Generale Mina n. Mendizabal bei Saragossa u. 1812 an der Spitze der NArmee die Briten bei Villadiego besiegte u. mit Sonham Wellington zwang, die Belagerung von Burgos aufzuhebcn. 1814 begleitete er die Kaiserin Marie Luise bis Wien, erhielt anfangs 1815 die 13., nach Napoleons Rückkehr von Elba die 1 . Militärdivision u. folgte mit ihr der Armee hinter die Loire; nach der Restauration privatisirte er u. ward 1831 Pair. Er — Caffi. st. 23. Jan. 1849 zu L'Echelle im Departement Aisne. Caffaro, geb. zu Genua, gest. 1163; schrieb eine Geschichte seines Vaterlandes vom I. 1106 bis 1163, welche im 6. Band von Muratoris Loriptor. rsr. ital. abgedruckt u. im 18. Bd. von Pertz' Lion. dorm. bist, enthalten ist. Caffern (Coffein, Thein) ObH^HjOz, Bestand- theil der Kaffebohnen (der reifen Samen von Lotkon arabion L.), der Kaffeblätter, der verschiedenen Theesorten (Blätter vom Itws, osiinonsis ck^.), des Paraguay-Thees (Stengel u. Blätter von Iler paraKns-xoiwis ckiamb.), der sog. Guarana, einer in Brasilien aus den Früchten von iknulinin sor- bilis Mri't. bereiteten Paste, u. der Kola- oder Gurunllsse, der im westl. Central-Afrika als Nahr- ungs- und Arzneimittel verwendeten Samen des Kolabanmcs (6oln nonminnin §e/r.). Zur Darstellung aus Theeblättern (welche 2 u. mehr pCt. davon enthalten, während Kaffebohnen nur bis zu 1 pCt. Ausbeute liefern) fällt man den wässerigen Auszug derselben mit Bleiessig, entbleit das Filtrat durch Schwefelwasserstoff, dampft zur Krystallisation ab u. reinigt durch Umkrystallistren aus Alkohol. Das C. bildet seidenglänzende, sehr dünne Prismen von schwach bitterem Geschmack von dem sp. Gew 1 , 2 g bei 19°. Es schmilzt nach vorherigem Austreiben des Krystallwassers gegen 200—225° und snblimirt bei höherer Temperatur unzersetzt. In kaltem Wasser u. Alkohol ist es schwer, in heißem leicht löslich. Das C. ist eine sehr schwache Base, die mit Säuren sich zu krystallisirbaren Salzen vereinigt. Auch mit einigen Salzen geht es kry- stallifirbare Verbindungen ein. Durch Einwirkung von Chlor oder Salpetersäure wird es unter gleichzeitiger Bildung von Chlorcyan u. Methylamin in Amalinsänre Oiglligl^O, verwandelt; dieselbe bildet schwer lösliche, durch Alkalien blau, durch Ammoniak bei Luftzutritt violett sich färbende Krystalle, welche die Haut roth färben. Durch fortgesetzte Einwirkung von Chlor entsteht Cholestrophan OgUgllgOg. Durch Kochen mit alkoholischem Kalioder Barythydrat geht das C. unter Aufnahme von Wasser n. Abgabe von Kohlensäure in eine stärkere, leicht lösliche, nicht krystallisirbare Base, das Cafse'ldin über. Beim Erhitzen mit Kalkhydrat entsteht unter anderem Methylamin. Die Wirkungen des Kaffes u. Thees rühren zum Theil vom C. her, jedoch sind andere Stoffe bei der Wirkung dieser Genußmittel betheiligt. Das C. gehört zu den Pflanzengiften. Therapeutische Anwendung haben sowol die reine Basis, wie auch ihre Satze gegen Migräne u. bei nervösen Kopsleiden gefunden. CMren. Caffi , Jppolito, italien. Architektur-Maler, geb. 1814 in Belluno im Venetianischen, der Sohn wohlhabender Eltern, die später verarmten; studirte an der Akademie in Venedig, erhielt für einen Kreuzweg das römische Stipendium; ertheilte in Rom Zeichnenunterricht, gab die Historienmalerei auf u. ward Architekturmaler, wobei er durch treffliche Beleuchtung u. gute Perspective bedeutende Erfolge erzielte. Seine große Carnevals» Scene mit Mondschein, Gasflammen u. Feuerwerk (1846) mußte C. über 40 Mal wiederholen. 1843 bereiste er Griechenland u. den Orient u. gab Studien 363 Cafiso — darüber heraus. Wegen Theiliiahme an der Revolution von 1848 vom österreichischen Kriegsgerichte zum Tode vernrthcilt, gelang es ihm nach dem Falle Venedigs, nach Piemont zu entkommen, von wo er nach Nom ging. Beim Ausbruche des Krieges von 1866 trat C. in die italienische Marine u. ging in der Seeschlacht von Lissa mit seinem Schiffe unter. , Regnet. Cafiso, sicil. Älmaß von verschiedener Größe, im Allgemeinen ^ 11 kgr Cagli, Gemeinde in der ital. Provinz Urbino; 10,213 Ew. Cagliari, 1) ital. Provinz, die sllvl. Hälfte der Insel Sardinien umfassend; in die 4 Distrikte C., Jglefias, Lanusei u. Oristano getheilt; 13,615 sZkm (247„ IHM); 393,208 Ew. DaS Nähere s. u. Sardinien. 2) Hauptstadt darin, ehemals der ganzen Insel, am Einflüsse der Mulargia in den Meerbusen von C., amphitheatralisch um ein festes Schloß herum, auf einem Hügel gelegen; Sitz des Erzbischofs, der höchsten Regierungsbehörde, des höchsten Gerichtshofes, der Admiralität, des Handelstribunals; königl. Schloß; 38 Kirchen, darunter eine mit Marmoraltar u. unterirdischen Kapellen, früher 20 Klöster; Universität (1720 gestiftet, 1764 reorganisirt, mit etwa 200 Studenten), Seminar; naturhistorisches u. Antiqui- tätcn-Cabinet; Bibliothek (18,000 Bde.); Ackerbau- Gesellschaft; einige Lazarethe; Münze; Tabak- u. Pulverfabriken; Salz; Kornmagazin, Getreide, Hül- sensrüchte, Olivenöl, Wein, Safran, Flachs, Käse, Felle werden ausgeführt; sichere Rhede, schöner Hafen mit Schiffswerften; Quarantainehaus; C. hat Mangel an Trinkwasser; die röm. Wasserleitung ist verfallen; seit 1857 mit Bona in Algerien durch Telegraphen n. durch die Sardinische Eisenbahn mit Jglesias im W. u. Oristano im NW. verbunden; Hasenverkehr 1873: 5728 Schiffe mit 640,990 Tonnen, wovon 252,418 ans den auswärtigen Handel kamen. 33,039 Ew. — C. hieß bei den Alten Caralis u. ist von den Carthagern gegründet, von welchen auch wahrscheinlich die rings imstande zerstreuten sogen. Nuraghen(Befcstigungs- thürme?) erbaut worden sind. Im 2. Punischen Kriege wurden 215 v. Ehr. die sardinischen Rebellen von T. Manlins Torquatus bei C. geschlagen. Später erhielt es das römische Bürgerrecht u. ward frühzeitig Bischofsstadt; seit 1258 gehörte es Pisa, seit 1326 aber Aragon. 1353 hier Sieg des venetia- nischcn Admirals Pisani über die Genuesen unter Doria. Karl V. rüstete hier den Feldzug nach Tunis aus. 15. Aug. 1707 Eroberung C-s nach 2tägigem Bombardement durch Admiral Leake für die Spanier (s. Spanischer Erbfolgekrieg); 1718 wieder von den Spaniern erobert, aber 1721 an den Kaiser n. von diesem an den König von Sardinien. abgetreten. 1800 bis 1815, während der Occnpation Savoyens und Piemonts durch die Franzosen, war C. die Residenz des Königs von Sardinien. Kolpe.' Cagliäri (Caliari), italienische Malerfamilie aus Verona; die beiden berühmtesten sind: 1) Paolo C., gewöhnlich Paul Veronese, geb. 1528 (1530) in Verona, gcst. 1588; war für die Plastik bestimmt u. Schüler seines Vaters Gabriel, eines Bildhauers, trat später unter Leitung seines Cagliostro. Oheims Anton Badile zur Malerei über, studirte viel nach Dürers Stichen, wurde in Mantua, wohin ihn der Cardinal Ercole Gonzaga zur Ausschmückung des Domes berufen hatte, u. bes. in Venedig zuerst anerkannt, ging früh nach Rom, ließ sich aber Lauernd in Venedig nieder, zu dessen Schule er gehört. Im Jahre 1555 malte er die Bilder in der Sacristei u. Kirche S. Sebastians, für welche ihm selbst seine Nebenbuhler bei der Preisbewerbung die dafür ausgesetzte goldene Kette Ansprachen. Seine zahlreichen Werke, meist mit lebensgroßen Figuren, zeichnen sich durch eine heitere Auffassungsweise aus; Farbe und Vortrag sind glänzend, so daß man seinen Stil den Prachtstil genannt hat. Dem Verständniß der Menge legte er seine Werke dadurch näher, daß er selbst für biblische Stoffe das Costllm seiner Zeit wählte. Er schilderte namentlich das alte prächtige venetia- nische Leben noch einmal in seiner vollen Herrlichkeit u. berauschenden Lust, wußte aber auch bei ernsteren Gegenständen mit tiefer Empfindung n. lebendigem Ausdruck eine ergreifende Wirkung her- vorznbringen. Werke: Die Deckengemälde im Dogenpalaste zu Venedig, namentlich die Apotheose der Venezia; der Raub der Europa, ebd.; das Martyrium der heiligen Christina, in der Akademie zu Venedig; die Familie des Darms vor Alexander, im Palaste Pisani, ebd.; die Hochzeit zu Kana an lOmal. Besonders Dresden besitzt die werthvollsten Gemälde C-s (14), u. a.: die Findung Moses, die Jünger in Emaus, die Kreuztragung, die Anbetung der Könige, eine Hochzeit zu Kana rc. Im Berliner Museum befinden sich 4 allegorische Darstellungen zur Verherrlichung Deutschlands (einst für das I?onäaoo cksi Voäesekil zu Venedig gemalt), eine Grablegung Christi, eine Findung Mosis; in der Münchener Pinakothek sind 13 Gemälde von ihm, darunter eine Heilige Familie, Maria aus der Flucht nach Ägypten, der Tod Kleopatras, Christus n. die Ehebrecherin u. a.; im Louvre 12, darunter die 9,7s m breite und 6,20 m hohe Hochzeit von Kana, das berühmteste Bild des Meisters (gestochen von Mitelli, von Jackson u. neuerdings von Prevost); im Escurial 8, im Pardo 10 Gemälde von ihm; viele in Petersburg (Grablegung); in der National-Galerie zu London die Consecration des St. Nikolaus. Nach ihm gestochen wurden 126 Blätter; 2 hat er selber radirt, die besten rühren von PH. And. Kilian her. 2) Carlo C., gen. Carletto, Sohn u. Schüler des Vor., geb. 1570, st. schon 1596. Mit seinem Bruder, 3 ) Gabriel, vollendete er mehrere Bilder seines Vaters, die sodann die Unterschrift tragen: Lrsckos ?anU Oaliari Vsr. Regnet.» /Cagliostro, Alexander, Graf von, nannte sich der berüchtigte Abenteurer Giuseppe Balsamo, geb. 2. Juni 1743 in Palermo, Sohn armer Eltern. Er nahm von seiner Tante u. Pathe Vincenza C. den Namen an, kam jung nach Cal- tagirone in das Kloster der Barmherzigen Brüder, erwarb sich hier einige pharmaceutische u. physikalische Kenntnisse, ward aber ausgestoßen, weil er beim Vorlesen aus Legendenbllchern allerhand Scherze u. Zoten einflocht. In Palermo täuschte er Leichtgläubige durch Zauberkünste, Geisterseherei, Schatzgraben u. Nichahmen von Handschriften, 364 Cagmard - mußte jedoch deshalb Palermo verlassen, u. um sich mit einem Nimbus bei seinem ferneren Auftreten zu umgeben, machte er, nachdem er sich durch Betrug von einem Goldschmiede die Mittel verschafft hatte, in Begleitung eines angeblichen Weisen Alhotas eine Reise nach Ägypten, Syrien, Griechenland n. der Türkei, wo er als Arzt auftrat. Er kehrte 1770 als Graf C. zurück, stellte sich in Malta dem Großmeister des Ordens vor, von dem er Empfehlungen nach Italien erhielt; lernte in Nom die schöne Lorenza Feliciana, ein Dienstmädchen, kennen, welche seine Frau wurde und ihm durch Wucher mit ihren Reizen bedeutende Einnahmen verschaffte. Seine Kunstgriffe immer weiter ansdehnend, verlegte er sich von da an ganz auf die Beschwindelung der Menschen. Mit gefälschtem prenß. Offizierspatent n. prenß. Uniform durchzog er Italien, Spanien, Portugal, kam 1771 nach England, dann nach Frankreich, ließ sich 1776 in London in eine Gesellschaft Swedenborgianischer Rosenkreuzer od. angeblicher Freimaurer höherer, für sich abgeschlossener Ordnung aufnehmen und in Holstein vom Grafen St. Germain (s. d. A.) in der Alchemie unterrichten und durchzog Deutschland. 1779 ging er nach Kurland, wo Elise v. d. Recke zu seinen Gläubigen gehörte, dann nach Petersburg, wo er aber schlechte Geschäfte machte u. die Kaiserin Katharina ihn auswies, hierauf als Goldmacher u. Visionär nach Warschau, 1780 nach Straßburg, Bordeaux, Lyon n. 1785 nach Paris, wurde hier in die Halsbandgeschichte (s. d.) verwickelt u., nachdem er eine Zeit lang in der Bastille gesessen hatte, aus Frankreich verwiesen. Dann lebte er bis 1787 wieder in England u. ging darauf durch die Schweiz nach Rom, wo er 1789 verhaftet, als Freimaurer zum Tode verurtheilt, aber zu lebenslänglicher Gefangenschaft begnadigt wurde. Er st. 1795. C. kannte seine Zeit u. wußte die Leidenschaften und Schwächen der Menschen bestens zu benutzen. So wollte er den Stein der Weisen bereiten lehren, die Menschen zu verjüngen wissen, eine Lebenstinctnr u. ein Schönheitswasser besitzen, veranstaltete höchst plumpe Geistererscheinungen u. Visionen, befaßte sich auch mit Magnetismus u. Somnambulismus u. mit Prophezeiungen u. nahm den Titel Groß-Kophta als Großmeister der angeblich wiederhergestellten ägyptischen Maurerei an, welche sowol Männer als Frauen umfaßte und höchst anstößige Mysterien hatte. Goethe geißelte sein Treiben in dem Lustspiel: Der Groß-Kophta. Vgl. Nsm. snlbsntigns, Par. (erdichtet); C., Vertheidignngsschrift, von ihm selbst ausgesetzt, nebst merkwürdigen Zügen aus seinem Leben, Jena 1786; Elisa v. d. Recke, Nachrichten von des berüchtigten C. Aufenthalt in Mitau, Berl. 1787; L. E. Borowski, C., einer der merkwürdigsten AbentenrerunseresJahrh., Königsb. 1790; Sierke, Schwärmer und Schwindler des 18. Jahrh., Lpz. 1875. / Heime Nm-Rhyn.» Cagniard(Cagnard), Karl, BarondelaTour (oder C. Latour kurzweg), franz. Physiker, geb. 31. Mai 1777 zu Paris, gest. daselbst 5. (9.) Juli 1859; wurde Ingenieur-Geograph, dann Beisitzer im Staatsrathe n. von 1850 an Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Seine Bedeutung - Cagnoni. beruht wesentlich auf seinen Erfindungen n. wissen, schaftlichen Untersuchungen, die bes. in die Gebiete der Mechanik, der Akustik, der Chemie und der allgemeinen Physik gehören. 1809 wandte er die Archimedische Schraube zuerst an, um Gase in Wasser zu leiten, 1810 constrnirte er seine sogen. Kanonenpumpe, bei der das Wasser, statt durch einen Kolben gehoben zu werden, durch stoßweise ansströmenden Dampf bis etwa zur Höhe von 8 in gehoben wird. Ausführlich beschäftigte er sich mit den Sirenen, über die er zuerst in Lun. oüim. xü^8. XII. 1819 eine Abhandlung veröffentlichte; spätere mit wesentlichen Verbesserungen erschienen in: Ooinxtos-rsnäns, 1837, S. 313, 331, 1838, S. 47, 422, 1839, S. 60, 1841, S. 119, 402, 414, 1842, S. 179. Auch NM die vollkommenere Ausnutzung der Kupfererze namentlich von Chezy machte er sich verdient (s. Bull, 8oo. ck'ünoonraA., 1821, Nr. 261). 1822 veröffentlichte er seine Untersuchungen über einige Wirkungen, die durch die gemeinsame Thätigkeit der Wärme und der Compresfion auf Alkohol, Wasser, Äther rc. hervorgebracht werden (Lun. obim. pbz-8. XXI. XXII.). Andere wichtige Arbeiten auf akustischem Gebiete find: Über das Pfeifen mit dem Munde, Institut, 1836, S. 180. 1837, S. 13, 45 rc.; 8nr In rssonnunes äss Ugniäos, Vibration Zlobulnirs, Lun. obim. pbxs. 1834,8.56; kzwomstronaoustigns, (lomptss-ron- än8 IV., 1837,' ikrsssion n Ingnolls 1'nir oontsnu änu8 Is trneliös nrtörs 8S trouvs 8ouini8 psuäant I'nots >Ig In xbonntion (Lomptss-rsnckus IV. 1837). Darauf folgte seine Untersuchung über die Weingährung, Lun. obim. pbz-s. 1838, 8. 68, n. seine merkwürdigen Beobachtungen über 8ro- änotions siliosusss et onlonirso obtonnos pur äsa notiou8 Isutso (oes, s. u. Cohoes. Cahors, Hauptstadt des gleichnam. Arr. und des französischen Depart. Lot; Bischofsfitz, Prä- sectur, Departementalbehörden, 2 Friedensgerichte, Handelsgericht, Gericht I. Instanz; alte Käthe- dralkirche; College, Theologisches Seminar; öffentliche Bibliothek, physikalisches Cabinet, sonst auch Universität (1331 vom Papst Johann XXII. gestiftet, aber während der Revolution aufgehoben); Ackerbaugesellschaft; vor dem Präfectnrpalaste Denkmal des MarcuS Lucterius, vom Kaiser Augustus errichtet, vor der Kathedrale Denkmal Fenelons, der hier erzogen wurde; Fabriken von Fayence, Gerbereien, Wollenspinnerei; Kohlengruben; Handel mit Trüffeln, Branntwein, Nußöl, Nüssen, Hanf, Flachs, Wein u. Tabak; 14,593 Ew.- in der Nähe Ruinen eines römischen Amphitheaters. —- C., im Alterthum Divona (Cadur- cum), eine Stadt der Cadnrker im Aquitanischen Gallien, ist der Geburtsort des Papstes Johann XXII., des Dichters Clement Marvt und des Königs Joachim Murat von Neapel. Die in der Umgehend gezogenen Weine (s. Cahors- Wein) gehören zu den Bordeauxweinen, u. werden von denselben vorzüglich die rothen, nament- - Caillau. lich die rosenrothen, sehr geschätzt. Im Mittelalter war C. einer der Hauptsitze der südfranzösischen Wechsler (Ooarsivi, in Deutschland Cawertschen, Gowertschen ckrer Cauder-Wälsche genannt). Cahors-Wein (in Deutschland oft Pontac), schwerer Rothwein aus dem franz. Depart. Lot, meist von dunkelrother Farbe, den man durch Einkochen des Mostes oft stärker u. siißer macht u. zum großen Theil zum Verschneiden verwendet. Cahours, Aug. Andre Thomas, bedeutender franz. Chemiker, geb. 2. Oct. 1813 in Paris; war Examinator bei der Polytechn. Schule daselbst, Wardein bei der Münze und Professor an der Centralschule. Unter seinen zahlreichen Schriften find besonders erwähnenswerlh: Dsyons äs süi- mis Asnärals slömsvtairs, 2 Bde., Par. 1856, u. werthvolle Abhandlungen in den Xvv. süim. xd^s. (Dnils äs Pommes äs tsrrs et sos eombivaisons; Dsssnss äs Isvonil, äs baäiavs st ä'anis; Xeticm än släors sur Iss stbsrs sarboviqns st snovini- gns; Lal^oilats äs mstüzäsns,- 3nr 1s Inrlnrol/ Zur I'auisol et püsvstcä sto.). Auch in den Oomp- tss rsnäus finden sich viele Abhandlungen über theils selbständige, theils mit Dumas, Gerhard Becquerel u. A. ausgefllhrte Untersuchungen meist aus dem Gebiete der organischen Chemie. Von seinem Draits äs eüimis orZ. slsm. erschien 1875 eine neue Auflage. Caieos, Inselgruppe in Westindien, zu den Bahamas, und zwar zu deren südlichen Gruppe gehörend, durch die C.-Straße von den übrigen Bahamas getrennt u. nördl. von Hayti gelegen, u. 21° n. Br. u. 54° 20' w. L., von einer Sandbank umgeben; mit den Turks-Inseln zusammen 576 sdstcm (10^z dW); 4723 Ew., meist freie Neger, von jener Anzahl kommen jedoch auf die C. nur 25 (dslcm (Vg d)M) u. 112 Ew.; Haupt- producte find Baumwolle u. Salz. Die 3 größten Inseln heißen N.-, O.-< u. die größte Groß- Caicos. Caillau, Jean Marie, verdienstvoller Arzt, geb. 14. Oct. 1765 zu Gaillac; bestimmte sich erst zum Geistlichen, trat aber 1787 ans seiner religiösen Brüderschaft aus, beschäftigte sich anfänglich in Bordeaux mit der Erziehung junger Männer, fing 1789 an Medicin zu studiren und zwar mit solchem Erfolge, daß er bereits 1794 bis 1795 als Arzt die WPyrenäen - Armee begleiten konnte, u. war dann in den Hospitälern von Bayonne u. St. Jean de Luz thätig. 1796 ging er nach Bordeaux zurück, promovirte 1802 in Paris, wandte sich wieder nach Bordeaux, wo er nicht nur eine sehr angestrengte praktische, sondern auch wissenschaftliche Thätigkeit entwickelte, wurde 1815 Vicedirector, 1819 Director der Medicinischen Schule. Er starb 8. Febr. 1820. Von seinen Schriften, deren sehr viele der Erziehung u. den Krankheiten der Kinder gewidmet find, seien erwähnt: L.vis aux msrss äs Inmillss sur I'säuoation st Iss malaäiss äss svkavts, Bordeaux 1796; lourval äss mörss äs kamills, Par. u. Bord. 1797—98; Drsmisrss liAvss äs nosolsAis svkavtivs, Bord. 1797; Llsmoirs sur I'aspb^xis par snbmsrsiou, ebd. 1799; Xvis aux msrss äs lamiils, anx psros, anx institntsnrs äs Dun st äs 1'autrs ssxs, ä tous esnx, gui s'oeon- 366 Laille — Comics. xoub äs l'säucation otc., ebd. 1799; Oisconrs pronoucs ä l'ecols slörnsubairs äs msäocins, ebd. 1801; 8ur l'suänrcisssmsnt äu bissn csllu- lairo, clrs 2 Iss sulanbs nouvoaunös, ebd. 1805; Instruction, snr Is croup, ebd. 1812; Dablsan äs ln insäscins bipxocratiguo, ebd. 1806; .4vis snr In vaccins, ebd. 1807; ^lmauacli äs Is socists äs inöäecins äs Loräoanx, ebd. 1829. Thamhayn. Caille, Nicolas Louis, s. Lacaille. Cailliaud, Frederic, verdienstvoller franz. Reisender, geb. 9. Juni (n. A. 17. März) 1787 in Nantes; studirte neben seiner Goldschmiedeknnst in Paris Mineralogie, machte große Reisen durch Europa, kam 1815 in Geschäften nach Alexandrien, bereiste Ober-Ägypten u. fand'die schon im Alter- thnm bekannten Smaragdgrnben am Dschebel Zabcrah in der Nähe des Rothen Meeres, besuchte 1818 die große Oase, drang 1819 bis zur Oase Suva vor u. fand die Oase Falatra wieder. Ans einer zweiten Reise zog er 1821 mit Ibrahim Pascha, der in Nubien Krieg führte, den Nil hinauf, nach Dongola u. Sennaar, weiter, als bisher irgend ein Europäer gekommen war. 1822 kehrte er mit großen wissenschaftlichen Sammlungen nach Frankreich zurück, wurde 1827 Conservatvr am Natur- historischen Museum in Paris n. lebte später in Nantes, wo er 1. Mai 1869 starb. Jomard gab seine Reisen heraus, als: Vozmx-s a l'ossis äs Ilröbos st äans los äössrts (1815—18), Paris 1822, 2 Bde.; Voz-sAs s Llöroö, sn lfiouvs blaue, au äola äs §axoAl äans Is miäi än ro- ^aums äs Lsnnsr, s Lirralr st äans los cing antrss oasis 1819—22, Par. 1823—27, 1 Bde.; Uocusil äos monnmonts rolativss anx inoours st anx nsagss äs 1'IlMpto, Par. 1831—1837, 2 Bde.; Llomoirs snr los mollnsgnos psrkorants, Haarl. 1856. Die Beschreibung der von ihm gesammelten Pflanzen gab Del'ille, Paris 1826, heraus. Caillie, Neub, franz. Reisender, geb. 19. Sept. 1799 zu Mauze in Poitou; 15 Jahre alt schiffte er sich ein nach dem Senegal u. trieb ein Handelsgeschäft mit den dortigen Völkern; lernte 1824 bei den Brakna die Landessprache u. trat 1827 von Sierra Leona aus, als Maure verkleidet, eine Reise nach Timbuktu an. Er ging nach Kakondy, dann nach Time in SBambara, wo er lange kränkelte, setzte 1828 seine Reise auf dem Niger fort, kam nach Dschenne u. endlich glücklich nach Timbuktu, hielt sich dort 14 Tage auf u. kehrte mit einer Karawane durch die Sahara gänzlich erschöpft und entblößt über Tanger nach Paris zurück. Er erhielt hier die von der Pariser Geographischen Gesellschaft ausgesetzten 10,000 Fcs. als Prämie u. 1000 Fcs. Pension, kaufte sich ein Gütchen bei Paris u. erlag dort 17. (25.) Mai 1839 den Folgen seiner Strapazen. Seine Reise gab Jomard als: lonrnal ä'un vo/aZe a Dim- bouebou et ä äenuö äans 1'^.Irigus centrale, Par. 1830, 3 Bde., heraus. Caimans (Caymans), 3 kleine Inseln nordwestl. von Jamaica (Britisch - Westindien): Grvß-C., Klein-C. u. L.-Brac; 580fIjIcm(10V-!IjM); gesundes Klima; reiche Vegetation; viele Schildkröten; Fischerei, Lootsendienst; ca. 1800 Ew. Cain, Auguste, franz. Thierplastiker, geb. 12. Nov. 1822 in Paris; war erst Tischler und trat dann im Atelier Rüdes ein, debütirte 1846 mit Thiergruppen, deren er seither eine große Menge schuf n. in Bronze gießen ließ; darunter: ein seine Jungen vertheidigender Adler; Hahnenkamps; Cochinchina-Hahn; Sahara-Löwe rc. Er bewegt sich mit Vorliebe in kolossalen, heroisch kühnen Gruppen. Regnet. Ca'l'ncasiinrc (Cätncin, Chem.) (l^ll^O^, eine in der Caincawnrzel (v. Ob.iococca raesmosa äasy.) vorkommende, zu den Glukosiden gehörende organische Säure, welche in feinen seidenglänzenden Nadeln krystallisirt. Sie besitzt einen anfangs kaum wahrnehmbaren, hernach bitteren und zusammenziehenden Geschmack, ist in Wasser u. Äther schwer, in heißem Alkohol leicht löslich. Ihre Salze sind nukrystallisirbar. Auf Platinblech erhitzt, wird sie zerstört u. verbrennt mit Geruch nach Weihrauch. Beim Kochen mit verdünnter, wässeriger Salzsäure zerfällt sie in Traubenzucker u. Chiococcasäure; kocht man aber anhaltend mil alkoholischer Salzsäure, so spaltet sie sich in Zucker u. Caincatin. Die C. bildet den wirksamen Be- standtheil der gegen Wassersüchten empfohlenen Caincawnrzel (liaäix (lalncas). Clörm. Catncawnrzel (Raäix (laincas), s. Olrioeveou. Cainrto, s. (llu-zsoplizälum. ElNlfne (fr.), Galeerenschaluppe. ?a lra (fr., d. i. es wird gehen, cs wird sich machen), ein zur Aufreizung des Pöbels gebrauchtes Lied ans der franz. Revolution (nach dem Refrain: .4b, ya ira, sa ira, Iss arisbocratos ä la ianterns sie., so genannt); es wurde 1797 verboten. Cairnes, John Elliot, engl. Volkswirth u. der bedeutendste Schüler John Stuart Mills (s. d.), geb. 1824 zu Drogheda in Irland. Sein Vater, ein Brauer, bestimmte ihn zur Fortführung det- väterlichen Geschäftes. C. ließ sich jedoch nebenbei in das Drivibz- (lvllsAo in Dublin einschreibeu u. fügte den geschäftlichen Arbeiten des Tages eifrige u. andauernde Nachtstudien hinzu. Hierdurch legte er die Keime zu einer schweren Krankheit, die seinem so nützlichen Leben ein frühzeitiges Ende bereitete. 1848 gab er das Braucrhandwerk gänzlich auf u. begann auf der Universität Dublin das Studium der Rechte, ward dann als Advocat an die dortige Barre gerufen, ohne jedoch die Advocatur jemals praktisch ausznüben. Ein Günstling des als Volkswirth bekannten späteren Erzbischofes Whatley von Dublin, erhielt er von diesem 1857 den von ihm gegründeten u. fundirten Lehrstuhl für National' öknomie an der Universität Dublin, den B. deu Verordnungen gemäß 5 Jahre lang in wahrhaft glänzender Weise ausfüllte. Hierauf ward er nach einander als Professor der Jurisprudenz n. der Nationalökonomie an das Husens OolloFs zu Gol- wah u. an das llnivsrsit)' (lvllsAS in London berufen. Als er infolge fast gänzlicher Lähniung des Körpers gezwungen wurde, sein Amt niederzulegeu, da ernannte ihn der Rath des tlollsAs für seine großen Verdienste um die Wissenschaft zum Professor Emeritus. Seine eigene Universität Dublin verlieh ihm kurz vor seinem Tode wegen seiner hohen wissenschastlichen Bedeutung den Grad eines 367 Caini^vrm — Ehrendoctors der Rechte. C. st. 7. Juli 1875 zu Blackheath, eiuer der Vorstädte Londons. Seine Schriften: Hw oimraotsr nnä lo^ieal mstiroä ok xolltieal eeonomx, Lond. 1857; Ossn^s in Political sconom^, tlrsorstieal anck appUsck, ebd. 1873; Oolitioal sssnz-s, ebd. 1873, u. sein bedeutendstes Buch: 8oow lsackinx prineiplss ol xolitieal sconomx nsivl/ srponnäsä, ebd. 1874, wurden unter dein Lichte der jüngsten Gedanken n. des jüngsten Wissens entweder geschrieben, oder wieder nmgearbeitet. Neben den genannten Werken schrieb C. vielfache Artikel über politische, volkswirthschaftliche n. philosophische Themen für die OortniZütl/ Rsrisv, Nncinillans LlnAg-rüns u. a. Zeitschriften. Mit Einschluß seines vortrefflichen Werkes über Düs slavs pcnvsr, its eüarns- tsr, cnnssr auck proüaüls äosixns, Lond. 1862, haben die genannten Schriften C. ohne Zweifel den ersten Platz unter den engl, volkswirthschaftlichen Schriftstellern seit dem Tode Mills. Auf würdige Weise führte er die Schule fort, von der jener berühmte Schriftsteller und Philosoph der Vertreter war, u. die in den ersten Zeiten ihres Bestehens Namen aufzuweisen hatte, wie Adam Smith und Ricardo. Barümg. Cairngorrn (Oairn §ornm, d. i. Blauer Berg), Berg in Schottland, an der Grenze der Grafschaften Banff u. Jnverneß, zur Gampianskette gehörig; der 1285 m hohe Gipfel ist fast stets mit Schnee bedeckt; an seinem Fuße entspringen die Flüsse Avon n. Dee. Cairns, Hngh McCalmont, Lord, bedeutender engl. Jurist u. Staatsmann, geb. 1809 in Cultra in der Grafschaft Down in Irland; war im Drinitx OollsAs zu Dublin erzogen, studirte in der Rechtsschule des Middle Temple zu London Jura n. ward 1844 von derselben als Advocat an die Londoner Barre berufen. 1852 wählte ihn die Stadt Belfast im conservativen Interesse ins Unterhaus, wo er bis October 1866 saß, 1856 stieg er zum Hnssns-Oonnssl auf n. 1858, als Graf Derby wieder ans Ruder gelangte, erhieü er den Ritterschlag u. die einflußreiche Stellung eines General-Anwaltes (8olicitor Censral). In dieser Eigenschaft entwickelte er außerordentliche Eigenschaften, und seine Reden galten als Meisterstücke von Beredsamkeit. Bei der Bildung der letzten Verwaltung des Grasen Derby (1866) wurde C. zuerst Lttorns^ Csnsrnl u. dann 18. Oktober Lord-Richter am Appellhofe. Am 23. Februar 1867 wurde er mit der Peerswllrde bekleidet u. im Februar des nächsten Jahres zum Lord-Kanzler von Großbritannien gemacht. Dieses Amt bekleidete er bis zum Rücktritte des Ministeriums Disraeli im December 1868. Während der Verwaltung Gladstones nahm C. einen hervorragenden Antheil an den öffentlichen u. richterlichen Geschäften des Oberhauses, u. als 1874 Disraeli wieder ein neues Cabinet bildete, trat C. aufs Nelie in dasselbe als Lord-Kanzler. Unter seiner Führung ward während der Parlainents- sespon von 1875 eine großartige Jnstizreform durchgefllhrt (s. Großbritannien), welche namentlich in den Gerichtshöfen u. in dem Proceßver- fahren Englands eine wahre Umwälzung bewirken Wird. Banking. - Ctljamarcci. Cairo, Stadt im Alexander County des nord- amerik. Unionsstaate Illinois, am Einflüsse des Ohio in den Mississippi, n. 36° 59' n. Br. u. 89° 10' w. L.; Geschäftsplatz; Überschwemmungen ausgesetzt, ungesund; 6267 Ew. Laisse (fr.), 1) Kiste, Kasten. 2) Geldkasse; daher 6. ä'sssompts, Answechselungskasse, auch Vorschnßkasse, Discontobank, z. B. für Staats- papiere; daher Oaissisr, Kassirer, Kassenverwalter. Caithnefi, die nördlichste Grafschaft Schottlands; den Orkney-Inseln gegenüber, durch den Pentland-Firth von ihnen getrennt; 1844 ffZüm (33,i> HZM); 39,992 Ew.; grenzt im SW. an die Grafschaft Sutherland u. wird im SO., O. n. N. von der Nordsee umschloffen; sehr gebirgig: der Morden mit 1015 in ist die bedeutendste Höhe; die Küste bildet die Sinclair-Bai n. die Dnnnet-Bai; Flüsse: Thnrso, Wick-Water, Dnn- bealh, mehrere kleine Seen; Klima trotz der nördl. Lage (58° n. Br.) ziemlich gemäßigt und mild, W.- n. NWWinde herrschen vor, häufige Regen; Boden ziemlich öde, ist aber im Allgemeinen, namentlich an den Flnßnfcrn, nicht unfruchtbar; Banmwuchs mangelt fast gänzlich; Prodncte: Kalk- n. Eisenerze; Viehzucht (bes. Käsewirthschaft), etwas Ackerbau, Fischerei (namentlich Häringsfang), Strohflechterei, gewebte Maaren, Leder, Bierbrauereien; Handel mit Fleisch, Federn, Gänselebern und Wolle; die Einwohner, skandinavischen Ursprunges, sind kühn und unternehmend; Hauptstadt Wick, an der Mündmig des Wick-Water in die Nordsee, Mittelpunkt der Hä- ringsfischerci in Schottland, seit 1874 durch eine Eisenbahn mit dem S. verbunden, mit den Vorstädten Luisbugh u. Boathaven 2357 Ew. Casus (Kayes), John, bedeutender engl. Arzt, geb. 6. Oct. 1510 in Norwich; kam 1529 nach Gonville-Hall in Cambridge, bereiste von 1539 an Deutschland, Flandern, Frankreich, Italien, stndirte unter I. B. Montanns in Padua, promovirte hier 1541, kehrte 1544 nach England zurück und zeichnete sich durch seine ungewöhnlichen Kenntnisse so aus, daß er bald Leibarzt Eduards VI., sowie der Königinnen Maria n. Elisabeth ivurde; 1568 mußte er diese Stellung wegen religiöser Bedenken niederlegen. Er starb 1573, nachdem er testamentarisch den Ban eines neuen Oolle^s zu Gonville-Hall angeordnet hatte, in dem eine bestimmte Anzahl Studenten erhalten werden sollte; es heißt jetzt Oonvills anck La/ss 6olle°;o. In der Kapelle desselben ruht sein Sarg, n. seine Gedenktafel trägt die lateinische Inschrift: Oui Oains. Er schrieb eine Menge Werke, von denen hier zu nennen sind: Os spüsinsra Britannien; Os antignitats OantaüriZisnsis aoaäsiniao; 11s ennibns dritannloio; Os annalibns eollsbii 6ons- villi st 6ai1, u. übersetzte u. commentirte einen größeren Theil der Werke des Celsus n. Galcnos. Thamhahn. Cajamarca (Caxamarca), 1) Departement der südamerikanischen Republik Peru, theilweise in den Peruanischen Anden gelegen; 36,749 s^jlcln (667 I^M); 273,000 Ew.; zerfällt in die vier Provinzen: C., Cajabamba, Chota und Jaen; wird bewässert vom oberen Maranon; Klima: auf den Höhen sehr kalt, in den Ebenen sehr heiß; 363 Oajanus Products: Baumwolle, Gerste, Weizen, Mais, Tabak, Silber (vorzüglich Silbergewimmng in den früher berühmten u. mehr bearbeiteten Minen von Hualgajoc), Kupfer- u. Eisenerze. 2) Hauptstadt darin, zu beiden Seiten des Rio Crigncjas, 2860 m ü. d. M.; sehr gesunde Lage, etwas rauh; schöne Kirchen u. Kapellen; Ruinen eines Inka- Palastes, in welchem der letzte Inka, Atahualpa, von den Spaniern gefangen gehalten wurde, jetzt theilweise als Hospital benutzt; überhaupt noch viele Denkmäler altperuanischer Baukunst; Eisen- und Stahlarbeiten, Wollenzeuge (namentlich Flanell); Handel; gegen 18,000 Ew.; in der Nähe die schwefelhaltigen warmen u. heißen Mineralquellen Lauos ävl Inoa, schon von den altperuanischen Inka als Bäder benutzt. Vgl.: Das Hochland von C. im 2. Bd. von A. v. Humboldts Ansichten der Natur. Kolpe.- llajanus D<7., Pflanzengattung aus der Fam. der ÖaMiouavsae-i'dassolsas-OagansLS (XVII. 61. 6.). Einzige Art: 6. inckisus Azm. (indischer Bohnenbaum), 2—3 in hoher Strauch, mit 3thei- ligen, unterseits harzig punktirten Blättern, gelben oder roth gestreiften Blüthen in achselständigen Trauben; Frucht eine zusammengedrückte, zugespitzte, zwischen den Samen mit schiefen Eindrücken versehene Hülse; wahrscheinlich im tropischen Asien heimisch; gegenwärtig in der heißen Zone der Alten u. dienen Welt cultivirt, da die Samen (Angola-Erbse) theils allein, theils mit Mehl der Jatrophawurzel zu Brod gebacken, genossen werden. Die Wurzel wendet man in China als adstringirendes Mittel gegen Bleichsucht, Durchfälle, Zahnschmerzen u. selbst gegen den Biß gütiger Thiere an, während man in Ostindien die Blätter gegen Hämorrhoidalblutungen benutzt. Engter. Cajazzo, Stadt in der italienischen Provinz Casena (Terra di Lavoro), am Volturno; Bischofssitz; guter Wein; 5892 Ew. C. ist das alte Ca- latia im Sabincrlande; wurde in dem 2. Panischen Kriege durch die aus Atella verpflanzten Bürger verstärkt und unter Sulla zur Präfcctur Capua gezogen; daher es Einige zu Campanien rechnen; seit Cäsar wurde es röm. Colonie. Hier 19. u. 20 Septbr. 1860 Sieg der Neapolitaner über die Truppen Garibaldis. Vgl. Melchiorri di C., Dsaorimons elsii' anbisküssuna eittä cki ÖasarM, Neap. 1619. Cajeputbaum, s. Nelslsuea. Cajeputöl (OIsum Oasoputi), eindünnflüssiges, ätherisches Öl aus den Blättern der Llolakouea- Arten, von durchdringend gewürzhastem, kampher- artigem Gerüche u. brennendem Geschmacke. Es besitzt eine hellgrüne Farbe, die von einem eigcn- thümlichen Harze herrührt, gewöhnlich aber durch aus Gefäßen aufgenommenes Kupfer verstärkt ist. Es ist in Alkohol leicht löslich, reagirt neutral u. ist optisch unwirksam. Das spec. Gew. schwankt zwischen 0,,, und 0,^. Etwa ^ des Öls destilliren zwischen 175° u. 178" über, der Rest zwischen 175° u. 250°. Die Zusammensetzung des niedriger siedenden Antheils ist Mit starker Salpetersäure erhitzt, verwandelt sich das C. größtentheils in Oxalsäure. In der Me- dicin findet es eine ausgedehnte Anwendung. — Cajus. Häufig wird es aus Kampher und Nosmarinöl nachgemachr u. mit Schafgarbenöl grün gefärbt, was leicht erkannt wird, wenn man Zucker, welcher mit einigen Tropfen des Öls getränkt ist, in Wasser löst, wobei alsdann der Kampher sich abscheidet. Clör-n. Cajetan (Cajetanus, Gaetano), 1) St. C., geb. 1480 in Vicenza, aus dem gräflichen Hause der Thieni im Venezianischen; studirte die Rechte in Padua u. kam 1505 nach Rom, wo er unter Papst Julius II. die Stelle als Protonotar begleitete u. in die Brüderschaft der Göttlichen Liebe trat; dann widmete er sich der Krankenpflege u. stiftete 1527 den Theatinerorden (s. d.), dessen Superiorat bis 1533 er mit Caraffa abwechselnd führte; sodann wurde der Orden nach Neapel verlegt, wo C. immer Superior war; er st. das. 7. Aug. 1547. C. wurde 1669 kanonisirt; Tag: 7. Ang. 2) C. (eigentlich Jacob de Vio, später nannte er sich Thomas zu Ehren des Thomas von Aquino), geb. 25. Juli 1470 in Gäcta; war erst Lehrer der Philosophie u. Theologie in Rom, wurde 1508 General der Dominicaner, dann Bischof von Palermo u. 1517 Cardinal; er ging 1518 als päpstlicher Legat nach Deutschland, um die Reichsstände zum Türkenkriege zu vermögen,; betrieb auf dem Reichstage in Augsburg die Unterdrückung der Lutherischen Lehrsätze und forderte von Luther, der sich 12. Oct. vor ihm stellen mußte, vergebens Widerruf; er wurde 1519 Bischof von Gäöta u. 1523 Legat in Ungarn; st. 9. Ang. 1534. C. gehörte übrigens zu den freisinnigeren Katholiken u. schr. u. a.: Os auotoritats papas ob soneilü; Schriften gegen Luther, gesammelt Lyon 1530; 80 Tractate, Lyon 1581, Antwerpen 1612; Erklärungen über die Bibel, Lyon 1639, 5 Bde. Fol.; Über die Luinma, bllooloAias des Thomas von Aquino, Antwerpen 1656. 3) (Cajetano) Heurico, eigentlich Sermaneto; wurde 1585 Cardinal u. nach dem Tode Heinrichs III. von Sixtus V. als Oessabns a labsrs nach Frankreich geschickt, um der Wahl eines katholischen Königs beizuwohnen; er trat dort zur Ligue u. wurde während der Belagerung von Paris durch Heinrich IV. eines der bedeutendsten Parteihäupter. Der Papst, unzufrieden mit seiner Haltung, die seinen Instructionen geradezu widersprach, rief ihn zurück. Später wurde er nach Polen geschickt, um den König Siegmund zum Türkenkriege zu bestimmen; er richtete aber auch hier nichts aus. Er st. 1599 in Rom. Löffler.' Cajoliren (v. Franz.), schmeicheln, durch Liebkosungen zu gewinnen suchen; Cajolerie, Schmeichelei rc.; Cajoleur, Schmeichler. Cajus, meist durch 6. abgekürzt, römischer Vorname, später auch eigentlicher Name, seit der Kaiserzeit richtiger geschrieben Gajus. Dieser Name war einer von denen, welcher sich die Römer zur Bezeichnung von fingirten Personen bedienten, wo Neuere X oder L rc. oder Mst setzen. 1) Eigentlicher Name des Kaisers Caligula (s. d.). 2) Name mehrerer Christen in der apost. Zeit: ein C. aus Makedonien war Begleiter des Paulus auf seinen Reisen; ein C. aus Derbe ging mit Paulus nach Athen; ein C. war ein von Paulus zum Christen bekehrter Korinther, in dessen Wohnung die Caivano — Calabrien. 369 Gemeinde ihren Gottesdienst abhielt; an einen unbekannten C. richtete Johannes seinen 3. Brief. 3) C., zur Zeit des Bischofs Zephyrinns, unter dem Kaiser Caracalla (um 217), Presbyter in Rom, von Photius dunkel Bischof der Heiden genannt, Verfasser eines Dialogs gegen den Montanisten Proclus. Schwerlich ist C. der Presbyter Verfasser der 1851 von E. Miller herausgegebenen ?bilo3oxfiumsna, ebenso wenig des Fragments bei Muratori, eines sehr alten Verzeichnisses der in der Römischen Kirche für kanonisch geltenden neu- testamentlichen Schriften. 4) St. C., geb. in Salona; wurde 283 Papst; er starb 296; Tag: 22. April. Liisflcr. Caivano, Gemeinde im Bez. Casoria der ital. Provinz Neapel; 10,682 Ew. Oalcils (Meersenf), Pflanzengatt, aus der Fam. der Lruviksras-IUsuroibmöLs-Lakiliusas (1.15), mit 2schneidigen, 2gliederigen Schötchen u. einsamigen Gliedern, von denen das untere verkehrteirund, das obere schwert» oder eiförmig. Art: 6. maritima Soox., mit länglichen, am Grunde verschmälerten, gelappten Blättern u. hellvioletten Bliithen; am Meeresstrande in Europa, Afrika u. Amerika; sonst als Herba eaicilss (8. srueae waritimas, 8. rspbani maritimi) officinell. Engler? Cala, altes Schloß, westlich von Paris, Residenz der Merovinger (ans deren Dynastie Chil- derich hier getödtet wurde), auch der Capetinger. Hier baute Batildis ein Kloster, u. 1008 wurde ein Concil hier gehalten. Seit dem 15. Jahrh. verfiel es. Calababalsam, s. 6aIopbMum. Calabar, 1) Küstenland in Ober-Guinea (WAfrika), östlich von der Mündung des Qnorra oder Nun bis zum Flusse Alt-Calabar; zerfällt in Alt- u. Nen-C.; der Boden besteht aus rothem Sande, mit Fruchterde gemischt; fruchtbar an Zuckerrohr, Pfeffer, Palmöl, Nothholz, Dams- wurzeln; sehr gutes Elfenbein; die Bewohner sind noch sehr roh u. beschäftigen sich meist mit Einsammeln von Palmöl; früher war auf dieser Küste ein sehr lebhafter Sklavenhandel. 2) Alt-C. oder Bonge, Fluß an der OGrenze der Landschaft; seine Quellen sind noch unerforscht; mündet in die Biafra-Bai. 3) Alt-C. (Ephraimsstadt, vukss - iorvn), Stadt auf einer Insel u. an der Mündung des gleichn. Flusses, nur 15 Meilen von der Insel Fernando doPo entfernt; bedeutender Handel in Elfenbein, Roth- u. Ebenholz, Palmöl; 40,000 Ew. 4) Neu-C., Fluß an der WGrenze, der sich in den Bonny, einen der Mündungsarme des Niger ergießt. 5) Neu-C., Stadtim Königreich Benin, am gleichnamigen Flusse; großer Palmölmarkt. Calabarvohne (Gottesurtheilsbohne, Oräoal bsan), nierenförmige, etwa 3 om lange u. halb so breite u. dicke, mit einem festen, braunen, genarbten Corium umkleidete u. einer tief eingeschnittenen, roth umränderten Raphe versehene Samen der zu den Leguminosen gehörigen Pflanze kbxsostiZma vsnsnosnm Lal/cm»' (s. d.), welche in dem afrikanischen Königreiche Dahomeh an der Küste von Guinea (Alt-Calabar) heimisch ist. Die äußerst giftige Eigenschaft der C-n läßt sie in ihrem Heimathlande als Mittel zur Prüfung der Schuld PiererS UnderscU-Convsrsations-Lexilon. L. Ausl. I od. Unschuld Angeklagter verwendet werden, daher der Name Gottesurtheilsbohne. Nachdem die toxische Allgemeinwirkung der C. in Europa schon früher (1846) studirtwar, wurde dieselbe seit der Entdeckung von Fraser (Edinb. 1862), daß die locale Anwendung derselben die Pupille contrahire und Kurzsichtigkeit hervorbringe, in den augenärztlichen Arzneischatz aufgenominen. Das wirksame Princip der Bohnen ist ein Alkaloid, Physostigmin oder Calabarin genannt, dessen reine Darstellung indessen noch nicht völlig gelungen ist. (Daneben noch ein anderes Alkaloid, Eserin genannt.) Außerdem wird das alkoholische Extrakt der Bohnen angewandt. Ein Tropfen der alkoholischen Tinctur oder des Calabarins in den Bindehantsack des Auges geträufelt, bewirkt schon nach wenigen Minuten Verengerung der Pupille (Krampf des Schließmuskels, Myose) bis aus Stecknadelkopfgröße u. außerdem Krampf des Accomodationsmuskels (künstliche Kurzsichtigkeit, schon nach wenigen Stunden wieder verschwindend). Das Calabarin ist demnach der Antagonist des Atropins (s. d.). Es wird angewandt bei Accomodationslähmung des Auges, sowie gelegentlich, um die Dauer der durch Atropin hervorgerufenen Erweiterung der Pupille abzukürzen; auch sonst in der Medicin (z. B. gegen Veitstanz) benutzt. Stammeshaus. Calabarin, s. u. Calabarbohne. Oaiabas, s. Oreaosntia. Calabasse, Flaschenkürbis; dem ähnliches Gefäß. Calaböso (Calabozo), Stadt im Staate Gua- rico der slldamerikan. Republik Venezuela, südl. von Caracas, am linken Ufer des Guarico; Rindviehzucht; 5000 Ew. Hier im Südamerikanischen Freiheitskriege 24. Juni 1821 Sieg der Colum- bianer unter Bolivar über die Spanier unter General La Torre. Calabrese, Mattia Pretti, genannt Jl C., s. Pretti. Calabreser, ein Hut mit breitem Rande und spitzem Kopfe, wie ihn die Landleute Calabricns tragen; galt 1848 u. 49 als revolutionäres Abzeichen u. wurde daher von den Behörden verfolgt. Calabrien (Calabria), 1) (a. Geogr., bei den Hellenen anfangs Japygia, Messapia u. Salentina) Landschaft SJtaliens, von Tarent oder von dem Hasen Sasina auf einer u. von Brnndisium auf der anderen Seite bis znm Vorgebirge Japygium; im engeren Sinne der östliche Küstenstrich von lurria 6assari8 bis kortua tarsntinna. 2) (N. Geogr.) Der südlichste Theil der Apenninischen Halbinsel, das alte Bruttium; begreift die italienischen Provinzen Cosenza, Catanzaro u. Reggio- Calabria (s. d.); zusammen 17,257 jH>km (313,4 HIM); 1871 1,206,302 Ew. in 410 Gemeinden. — Die Ureinwohner des heutigen C. (Bruttier od. Brettier) waren lucanischeu Ursprunges; indessen hatten sich schon früh hellenische Colonien über die Küsten u. das Binnenland verbreitet; dasselbe bildete einen Theil von Orasoia maAna. Im 3. vorchristl. Jahrhundert wurde es von den Römern unterjocht u. gehörte nach der Theilung erst zum Weströmischen, dann zum Oströmischeu Reiche, dessen Kaiser den Namen C. von der östlichen aus die westliche Halbinsel Italiens übertrugen. 847 eroberten es die Saracenen u. blieben, ob- Band. 24 270 Calabura — Calais. gleich es Kaiser Nikephoros II. als Heirathsgut seiner Tochter an Kaiser Ottos I. Sohn abtrat u. der Kaiser es zu erobern strebte, Herren des Landes, bis Robert Guiscard im 11. Jahrh. sie daraus vertrieb. Er nannte sich seit 1059 Herzog von C. u. Apulien (s. Apulien, Geschichte). Durch Erbschaft kam es (um 1150) an Roger II., König von Sicilien, dann mit Sicilien an Neapel u. wurde 1860 dem Königreich Italien einverleibt. Wegen der gebirgigen Beschaffenheit machten C. u. die Abruzzen den verschiedenen fremden Invasionen viel zu schaffen, bes. that 1799 der Cardinal Ruffo von hier aus den Franzosen viel Schaden (s. Neapel, Gesch.), u. nach der Annexion von Italien wurde C. noch lange von Briganten beunruhigt; dieselben sind heute noch nicht ausgerottet. Der Kronprinz von Neapel führte gemeiniglich den Titel: Herzog von C. Vgl. v. Rath, ein Ausflug nach C., Bonn 1872; v. Wickede, Die Käinpfe mit den Briganti in C., im 5. Jahrg. der Zeitschr. Aus allen Welttheilen, Leipz. 1874. Calabüra, s. Limit! »gla. llslaäium Unk., Pflanzengattung aus der Fam. der ^roläoas-Lniackisas (XXI. 7); umfaßte früher ziemlich verschiedenartige Aroidccn; jetzt werden nur diejenigen dazu gerechnet, welche eine weiße Scheide mit eiförmiger oder länglicher Röhre besitzen, die einen Kolben einschließt, dessen unterer weiblicher Blüthenstand 2fächerige, mehrreihige Fruchtknoten mit kugeliger Narbe enthält, während der längere, durch verkümmerte Blüthen von dem weiblichen getrennte männliche Blüthenstand aus 4 oder mehr mit einander verwachsenen Staubblättern bestehende Blüthen besitzt; der Grundstock ist knollig u. treibt mehrere pfeilförmige Blätter, die durch ihre zierliche Nervatur, sowie dadurch, daß stellenweise sich kein Chlorophyll, sondern nur rother oder farbloser Saft entwickelt, ausgezeichnet sind. Von den mehr als 20 Arten, welche alle in S- u. Central-Amerika heimisch sind, werden viele wegen der schön gezeichneten u. gefleckten Blätter in Warmhäusern cultivirt; seit einigen Jahren gehören sie zu den beliebtesten Blattpflanzen, u. ist die Zahl der Spielarten, welche namentsich von 6. inarmoratum Makk/rrert, 0. piotuin D6i, <1 psUnoiäum Dt7., 6. bieoior Lenk, u. 6. pioturacium Trncki. existiren, eine sehr bedeutende. Eiigler. Calagualawurzel, s. Loiz-poäium. Calagurris (a. Geogr.), s. Calahorra. Calahorra, Stadt in der spanischen Provinz Logrono, am Cidacos; Bischofssitz; 7100 Ew. Hier stand wahrscheinlich das Calagurris der Alten, im Lande der Vasconen, merkwürdig durch die lange Belagerung des Pornpejus, worin die Bewohner aus Hunger ihre Weiber u. Kinder schlachteten u. verzehrten, ja, das Fleisch derselben zum Theil einsalzten; durch die Übergabe wurde der Sertorianische Krieg 71 v. Chr. beendigt. C. hatte unter den römischen Kaisern das Recht, Münzen zu schlagen, u. warQuintilianus' Geburtsort. Es wurde im 15. Jahrh. Bischofsstadt; der Sitz wurde aber 1002 nach Naxera verlegt. Calais, 1) Stadt u. bedeutende Festung im Arr. Boulogne des französischen Dep. Pas de Calais, an der schmälsten Stelle des Canals (La Manche, Pas de Calais), Station der Nordbahn; besteht aus der oberen Stadt (Hunts viiis), der unteren Stadt (Lasse viils, einer Art Vorstadt) u. der nordöstlich gelegenen Vorstadt Cour- gain (fast nur von Seeleuten bewohnt); reinlich u. gut gebaut; schöne Promenaden auf den Wällen (von wo aus man bei klarem Wetter die englische Küste sieht); Civil- und Handelsgericht; College, Navigationsschule, Zeichnenschule; Gesellschaft für Ackerbau, Künste u. Wissenschaften; schöner Marktplatz, Rathhans, Börse, Kasernen; Fabriken in Tüll u. Spitzen, welche einschließlich St. Pierre etwa 6000 Arbeiter beschäftigen u. einen jährlichen Productionswerth von 25 Mill. Fcs. ergeben, ferner in Seide und Baumwolle, Leinenwebereien, Seifensiedereien, Getreide- und Ölmühlen, Dampssägen, Brauereien u. Brennereien; Schiffswerften, Fischereien; stark besuchte Seebäder. Der Hafen ist in neuester Zeit bedeutend verbessert worden; er saßt etwa 100 Schiffe u. hat 3 Leuchtthürme. Im I. 1873 liefen 1822 beladene Schiffe mit 347,055 Tonnen ein, während 1263 beladene Schiffe mit 221,844 Tonnen ausliefen; es betrug der Werth der Einfuhr 59H Mill. Fcs., derjenige der Ausfuhr 50, i Mill. Fcs. Der Hafen wird durch mehrere Forts vertheidigt; an demselben steht die Bildsäule Ludwigs XVIII. zur Erinnerung an seine Rückkehr nach Frankreich (24. April 1814). Tägliche regelmäßige Postdampfschifffahrt nach Dover (England); Gsen- bahnverbindnng über Lille mit Belgien u. Deutschland, über Boulogne mit Amiens und Paris; elektro - magnetischer Telegraph nach Dover (die erste telegraphische Verbindung Englands mit dem Continent, wie die erste submarine Telegraphenanlage überhaupt fSept. 1851s). Eine unterseeische Eisenbahn von C. nach Dover liegt im Project, dessen Ausführung nur noch eine Frage der Zeit ist, da die Franz. Nationalversammlung in ihrer Sitzung vom 2. Aug. 1875 den daraus bezüglichen Gesetzentwurf angenommen hat. (Vgl. v. Hesse, Der unterseeische Tunnel zwischen England und Frankreich, Leipz. 1875.) C. zahlt 12,843 Ew., worunter etwa 5000 Engländer; jährlich passiren au 200,000 Fremde die Stadt, um sich nach England einzuschiffen, oder umgekehrt von dort nach dem Continent sich zu begeben. Die Umgebung führte sonst, seit es die Franzosen wieder erhielten (1558), den Namen Lu^s rsoonguis. — C., in dessen Nähe im Alterthum der Itrus xor- tns, von dem aus Cäsar seine zweite Expedition nach Britannien unternahm, gehörte im Mittelaller zur Grafschaft Boulogne u. hieß bis zum 13. Jahrh. Lenin oder Lenins. Erst seit 1228 wurde C. befestigt und ein Schloß in der Nähe gebaut. Eduard III. von England eroberte es 1347 durch Aushungern u. schickte die Einwohner als Leibeigene nach England. Hier 7. Oct. 1416 Bundesvertrag zwischen Heinrich V. von England u. Johann von Burgund gegen Frankreich. 1436 belagerte es Herzog Philipp von Burgund für Frankreich; doch entsetzte es der Herzog v. Gloucester mit einem britischen Heere. 8. Jan. 1558 capi- tulirte es an den Herzog Franz von Guise. Nach dem Frieden von Chateau-Cambresis sollte C. 371 OnInmaArostis — Calomc. S Jahre in französischer Gewalt bleiben u. dann den Engländern zurückgegeben werden; aber Frankreich behielt es, u. von La an bildete Calaisis mit Guines eine Unterstatthalterschast der Picardie. 1595 eroberten es die Spanier unter Erzherzog Albert von Österreich, jedoch wurde es im Frieden von Vervins zurückgegeben u. blieb nun immer bei Frankreich. Bei C. 2 Seeschlachten: 29. Juli 1588 zwischen der spanischen Unüberwindlichen Flotte unter dem Herzog Medina Sidonia, welche eine Landung in England versuchen sollte, u. der englischen Flotte des Lord-Admirals Howard Effing- Ham, welche diesen Angriff siegreich znrückschlug, n. 16. Sept. u. 21. Oct. 1659 zwischen der spanischen Silberflotte unter dem Herzog de Ocquendo u. den Holländern, unter Admiral Tromp, wobei elftere vernichtet wurde. 2 ) St. C., Hauptstadt des gleichnam. Arr. im stanz. Dep. Sarthe, an der Anille, Station der Eisenbahn Orleans-Cha- lons; Gericht erster Instanz; gothische Kirche; Fabriken in Serge, Tüchern, Wollen- u. Leinenzeugen, Glas u. Leder, Gerbereien; Handel mit Getreide und Holz; 3509 Ew. 3 ) Stadt im Washington County des nordamerikan. Unionsstaates Maine, am St.-Croix-Fluffe; Holzhandel u. Schifffahrt; 6700 Ew. U Schr°°t.' Oslsmagrostis Pflanzengatt, aus der Fam. der KramInsas-XArostiäsLo (III. 2), mit znsammengedrücktcu Ährchen, deren Hüllblätter etwas ungleich sind und deren Achse am Grunde der Deckblätter mit 2 Haaren, welche länger als die Breite des Deckblattes sind, versehen sind; die länglichen Perigonblätter sind so lang oder länger, als der Fruchtknoten. Arten: a) mit kriechender Grundachse, meist flachen, oberseits u. am Rande rauhen Blättern, vor u. nach der Blüthe zusammengezogenen, während derselben ansgebreiteten Rispe und mit Hüllblättern, von denen das untere länger als das obere, beide aber beträchtlich länger als das begrannte Deckblatt sind: 1) 6. lanesolata ZotA, mit lanzettlichen, zugespitzten Hüllblättern u. am Deckblatte endständiger Granne; ans Moorwiesen und in Erlenbrüchen. 2) 0. sxiAsa (Z.) Zok/» (Hügelrohr), mit lineal- pfricmenkörmigen, an der Spitze seitlich zusammengedrückten Hüllblättern und ans dem Rücken des Deckblattes entspringender Granne; häufig in trockenen Wäldern, an sonnigen Ufern rc. 3) 6. armniinaoss, (L.) Zollt, ausgezeichnet durch die über die Blüthe verlängerte, oberwärts pinselförmig behaarte Ährchenachse, sowie durch die nahe über dem Grunde des Deckblattes entspringende, gekniete, lange Granne, b) Xmmo- xinla, mit fast gabelig verzweigter Grundachse, säst senkrechten, einen dichten Rasen bildenden Verzweigungen, oberseits an den Nerven weichhaarigen, sonst kahlen Blättern u. ährensörmiger, auch während der Blüthe znsammengezogener Rispe. 4) 6. arsnaria (Z.) Zollt (Strandhafer); an den Küsten der Nord- u. Ostsee wild, in der Mark zur Beseitigung des Flugsandes angepflanzt. Engter. Calainanderholz (Calamantherholz), s. vios- M'OS. Oslamariae, Pflanzenklasse der Gipfelsproffer (Xorobr/a) im Endlicherschen System, mit hohlem, gegliedertem Stengel, gefurchten Gliedern u. an den Knoten quirlig gestellten kleinen Blättern, welche mit einander verwachsen eine gezähnte Scheide bilden; Fruchtstand am Ende des Stengels. Diese Klasse besteht nur aus der Fam. der Schachtelhalme (Lgnisstaosas), mit der Unterfamilie der vorweltlichen Calamiten. Calamatta» Louis, sranzös. Kupferstecher, italienischer Abkunft, geb. 21. Juni 1802 in Ci- vitavecchia, Schüler Marchettis u. Giangiacomos; kam früh nach Paris, folgte der Richtung Ingres n. debütirte 1827 mit Bajazet u. der Schäfer nach Dedrenx-Dorcy. Während seines Aufenthaltes in Brüssel wurde C. 1838 Professor u. Direktor der dortigen Akademie. Er st. 9. März 1860 als Professor der Kupferstechknnst an der Akademie von Mailand in dieser Stadt. Seine Stiche zeichnen sich durch Genauigkeit u. Feinheit der Farbengebung aus u. geben den Geist der Originale aufs Getreueste wieder. Hauptwerke: Das Gelübde Ludwigs XIII., nach Ingres; Francesca da Rimini, nach Ary Scheffer; Die Vision Ezechiels u. der Friede, nach Rafael; Joconde, nach Leonardo da Vinci; Anbetung der Hirten, nach Madou; Madonna della Sedia, nach Rafael, n. zahlreiche Porträts, so: Paganinis, Napoleons I., nach der Todtenmaske; des Abbe Lamennais, nach Ary Scheffer; Guizots, noch Paul Delaroche; Fourriers, nach Gigour; Rubens' Selbstporträt; die Porträts Ingres n. der George Sand rc. 1857 erfand C. eine Stechweise, welche den Stich, das Radiren u. Touchiren mit einander verbindet u. die Farbenwirkung außerordentlich erhöht. So producirte er: Beatrice Cenci, nach G. Reni; Erinnerungen ans Vaterland, nach Stevens; Ohk nach Madou. R-gnet. Calame, Alexander, berühmter Landschafts- u. Genremaler, ans einer Neuenburger Familie, geb. 28. Mai 1810 in Vevey, gest. 17. März 1864 in Mentone, der Sohn eines Bauunternehmers, der wenig Erfolg hatte; ward von diesem zum Wechselagenten Diodati in Vevey in die Lehre gegeben und arbeitete bei diesem so fleißig, daß er nicht bloß für seine Mutter sorgen, sondern auch alle Schulden des Vaters abzahlen konnte. Neben seinem eigentlichen Geschäfte colorirte er des Verdienstes halber Schweizer-Ansichten und erhielt vom berühmten Diday Kunstnnterricht, worauf er sich ganz der Kunst zuwendete. Dann gab er Zeichnenstunden u. lithographirte gern gekaufte Blätter. 1828 stellte er sein erstes Bild: Die Handeck, aus (nun im Genser Museum); das nächste: Das Anzasca-Thal, trug ihm 1829 in Paris die große Goldene Medaille ein; es verbrannte 1848 mit dem Schlosse Neuilly. Für einen: Thurm im Walde erhielt er die Ehrenlegion. Seine Bilder fanden namentlich in Holland u. Belgien außerordentlichen Beifall. 1842 ging C. nach Paris u. wurde Mitglied der Akademien von Petersburg u. Brüssel; 3 Jahre später ging er für längere Zeit nach Rom u. Neapel und brachte u. a. Die Ruinen von Pästum mit (im Städtischen Museum in Leipzig), die ihn auch in Deutschland bekannter machten. C-s Stärke liegt in der phantasiereichen Darstellung der Alpenwelt mit ihren Gletschern, Felskolossen, Wasserfällen, 24 * 372 Calamiancn — Oalanuis. Seen u. Wäldern, nnd gehören Die vier Tages- u. Jahreszeiten in ebenso vielen Landschaften zu seinen bedeutendsten Werken. Seine Hauptpopularität aber verdankt C. seinen Lithographien und Radirungen. Er war auf einem Auge blind; st. als Millionär. Regnet. Cakamiänen, Inselgruppe u. span. Provinz der Philippinen (Asien), südwestl. von der Insel Mindoro, mit vielen Felsenriffen u. Jnselchen; zusammen 3864 Uslcill (6S HW); Products: Reis, Honig, Wachs, Farbehölzer; 20,000 Ew. Dazu die JnselBnsuanga, 952sHIcm (17sHM), Calamianes (Dorf Cnliong, Sitz des Alcalden) u. a. m. Vslamms (6alg.nnng.rm Igpis), s. Galmei. 6s- lamina praoparata (präparirter Galmei, Pharm.), natürliches, sehr unreines kohlensaures Zinkoxyd, stark mit Eisenoxyd vermischt, früher in der Me- dicin verwendet. Oslsmmtlis Lru., Pflanzengatt, aus der Fam. der I>sbistse-8sturojsss (XIV. 1), mit mittelgroßen Blüthen, cylindrischem, 13nervigem, 2lip- pigem Kelche, 3zähniger Oberlippe, 2spaltiger Unterlippe, 2lippiger Blnmenkrone mit flacher, aus- gerandcter, gerade vorgestreckter Oberlippe u. abstehender, ziemlich gleichmäßig Zspaltiger Unterlippe. Arten: 1) 6. alpina Dam. (Alpenthymian), mit mehreren von Grund ans verzweigten Stengeln, '6blüthigen Scheinquirlcn und in der Fruchtreife abstehenden Kclchzähnen; verbreitete Alpenpflanze, deren stark gezwürzhaft riechendes Kraut als ilsrbs Olinopoäü montsni officinell war u. auch noch Bestandtheil des sogenannten Schweizerthees ist. 2) 6. seioos Slarrv. (Basi- lienquendel, wilde Basilia), mit nur einem Stengel, 6blüthigen Schcinquirlen n. in der Fruchtreife anliegenden Kelchzähnen; in ganz Europa an trockenen Weg- u. Waldrändern nicht selten. 3) 0. cckü- uslis MuM, mit gabelig verzweigten, 3—5blü- thigen Blüthenständen in den Achseln der eiförmigen, stumpf gesägten Blätter u. mit fast rundlichen Clausen (Theilfrüchtchen, Nüßchen); in der Schweiz, durch die Rheinfläche zerstreut bis Aachen, im südlichen Tirol, Krain u. Littorale; das Kraut (Bergmelisse) wird als Küchenkraut benutzt. 4)6. Nsxets Starrv., von voriger durch 12—ISblüthige Zweige u. längliche,, Clausen verschieden; in der südlichen Schweiz, Österreich, Salzburg, Tirol, dem Littorale, ehemals als Nslisss Istspsts s. 6. oü'. L.NAlorum, officinell. 5) 6. Arsnäiüors ILre/i. (edle Bergminze), mit 3—Sblüthigen Blüthenzwei- gen, großen, rosafarbenen Blüthen u. eiförmigen, scharf u. tief gesägten Blättern; in STirol, Steiermark, Krain u. Istrien. 6) 6.61inoxoäium^>eE. (Oliiwxoäiuin vulxars L.), mit eiförmigen bis länglich-eiförmigen, unterseits blaßgrünen Blättern, vielblüthigen, sitzenden Halbquirlen, an deren Grunde zahlreiche linealisch-pfriemenförmige, lan- zettliche Borblätter stehen, u. mittelgroßen, purpurfarbenen Blüthen; auf buschigen Hügeln, in trockenen Wäldern uud Gebüschen verbreitet. Engler. Calamrtät (v. Lat.), 1) Wetterschaden, besonders am Getreide. 2) Unglück, Elend, besonders in Bezug auf das materielle Wohlergehen einzelner Personen od. ganzer Klassen, Corpora- tionen u. Staaten. Calamrten sind versteinerte Pflanzenübcrreste, bes. Stengelglieder aus der Klasse der Equisetaceen od. Schachtelhalmgewächse, oft ziemlich lang und dick, transversal gegliederte und der Länge nach gefurchte od. gestreifte, meist ganz einfache Stämme, in der Regel ohne Zweige u. blattartige Organe, nur zuweilen an den Gliederungsstellen mit gezahnten Blattscheiden. Oft bemerkt man bei ihnen kleine Knoten am Ende der Riefen und an den Gliederungen rundliche Eindrücke, welche Blattnarben sind. Die Früchte waren an den Enden der dünnen Äste befestigt u. bildeten lange schuppige Ähren; die Stämme selbst besaßen nicht Wurzeln, sondern zapfenförmige, rundliche Enden. Diese merkwürdigen, 30—40 Fuß langen und 3 Fuß dicken Stämme kommen meist liegend und plattgedrückt, zuweilen aufrecht u. dann noch walzenrund in der Steinkohlenformation vor, meist aus einer Kohlenrinde u. einem Steinkerne bestehend, letzterer zeigt gewöhnlich die Gliederung nnd Riefung deutlicher, als erstere. Man kennt schon an 50 Arten, z. B. Oslswitss tisusitionis, osvnselormis. Lehmann? Calamopora (Petref.), Gattung der 2osn- tfisris tsbulsts, bestehend aus langen, dicht nebeneinanderliegenden Röhren, welche durch Seitenporen mit einander communiciren. Häufig in den älteren Schichten der Grauwackenformation, so: 6. ^oMsnäios Solche., 6. xolz-morptts SM/) Valsmus (lat.), 1) Halm od. Stengel, bes. des Schilfes od. Rohres; daher 2) Schreibrohr, s. u. Schreibmaterialien. vslamus L. (Rotang), Pflanzengattung der Familie der kslmss-liopläoesrz'wss-l'lllllsti- kronckos (VI. 1), mit dünnen, rohrartigen, oft über 200 m langen, durch Bäume u. Sträucher weithin kriechenden Stengeln, an denen lang- scheidige, häufig stachelige, vielfach gefiederte Blätter vertheilt sind; die zweihäustgen Blüthen stehen am Ende der Stengel in zweireihigen Zweigen, welche von scheidenförmigen Tragblättern und Vorblättern bedeckt find; die männlichen Blüthen enthalten meist 6 Staubblätter mit pfeilförmizen Antheren u. einen verkümmerten Fruchtknoten;, die weiblichen dagegen einen 3fächerigen Fruchtknoten mit aufrechten Samenknospen; die Frucht, ist eine meist einsamige, seltener 2- od. 3samige Beere, welche von zahlreichen, dachziegelsörmig gelagerten Schuppen bedeckt ist. Das Vaterland ist Ostindien, und aus den Stämmen wird das sogen, spanische Rohr, sowie aus den dünnen Ästen das Stuhlrohr gewonnen. Hierzu eignen. sich besonders 6. xetrssus Donr., 6. solpronnm I-orcr., 6. viminslis M., 6. rucksntnm Donr. Aus den jungen Trieben von 6. sslsoos Sasrt»., die auf Kohlen geröstet oder gekocht werden, bereiten die Indianer eine wohlschmeckende Speise. 6. vrsoo Ne, im Innern von Sumatra, sondert an den die Früchte bedeckenden Schuppen ein rothes Harz ab, welches durch Abreiben od. Auskochen gewonnen wird n. als Dracheublut in den Handel kommt; früher wurde es als adstringiren- des Mittel angewendet, wird jetzt fast nur zum Färben des Weingeistes u. Terpentin-Firnisses benutzt. Dasselbe Product liefern 6. Lotung F, auf Java, 6. vsims He, 6. Istispinus Fort.,. 373 Calanca-Thal — Calas. B. mAsr V., von Ostindien und den Sunda- Jnseln. Eligler.» Calauca -Thal, Nebenthal des Moesa-Thals (Misox) auf der SSeite der Rhätischen Alpen im schweiz. Kanton Graubünden, Bez. Moesa; von der Calancasca durchströmt; rauh u. unfruchtbar; 1700 ital. sprechende kath. Ew., welche ihren Erwerb meist im Auslande als Maurer, Kaminfeger, Glaser rc. suchen; gleichn. Schloß u. Ruinen. Calanchöe, s. Kalanchoe. Calanda (Galanda), Gebirgsstock der Alpen- kette des Tödi auf der Grenze der schweizer Kantone Graubünden u. St. Gallen; zwei Gipfel, Churer-C. oder Männersattel 2684 in, und östl. davon Haldensteiner-C. od. Weibersattel 2808 m; besteht aus Kalkstein. Am westlichen Fuße vorbei führt der Paß La Foppa aus dem Vättiser-Thal von St. Gallen nach Graubünden. Der Gebirgsstock ist von der OSeite bequem zu -ersteigen, fällt dagegen im W. gegen das Tamina- Thal schroff ab. Calanilo (ital.), abnehmend, sich vermindernd, das stufenweise Nachlassen in der Stärke des Tones, wodurch auch das Tempo langsamer wird. Calandra, Giovanni Battista, ausgezeichneter Mosaikkünstler, geb. 1586 zu Vercelli; starb 1644 (1648). Werke meist Nachbildungen von Gemälden, besonders in der Kuppel der Peters- kirche in Rom. Calandrelli» 1) Jgnazio, ital. Optiker u. Astronom, geb. 22. Oct. 1792; widmete sich der Mathematik u. Astronomie und vollendete seine Studien am OollsAium Romanum, ward zuerst Professor derMathematik an demselben u. dann am Seminar Apollinare, 1839 Universitätsprofessor u. ging 1845 in gleicher Eigenschaft nach Bologna, wo er für die Sternwarte einen ausgezeichneten Ertelschen Meridian anschasste. Drei Jahre später kehrte er als Professor der Optik u. Astronomie -an die Laxisura zurück und ward gleich darauf Vorstand des päpstlichen Observatoriums auf dem Capitol. Erst. 12. Febr. 1862, nachdem er einige Jahre vorher in den Ruhestand getreten war. Seine Arbeiten beziehen sich zumeist auf Planeten u. Kometen, Ellipsenberechnungen rc.; sein Hauptaugenmerk war auf die Eigenbewegnng der Sterne gerichtet, namentlich aber war der Sirius Gegenstand seiner Beobachtungen. 2 ) Alessandro, ital. Patriot; war 1848 Artillerieoffizier, trat in die Constituente zu Rom und übernahm bei der Ministerveränderung vom 8. März 1849 das Departement des Krieges u. der Marine, legte jedoch 2. April desselben Jahres diese Stellen Wieder nieder. Als der französische Angriff auf Rom erfolgte, trat C. 1. Juli in das neue Triumvirat u. versuchte, jedoch vergeblich, eine für die römische Republik ehrenvolle Capitulation mit dem französischen Befehlshaber Oudinot zu Stande zu bringen. Nach der Restauration im Kirchenstaate ward er nach zweijährigem Proceß im Septbr. 1851 zum Tode verurtheilt, doch zu 20jähriger Zwangsarbeit begnadigt u. auf die Galeeren von Ancona abgeführt. 3 ) Giovanni, Steinschneider u. Bildhauer, von ital. Abstammung, geb. 9. Mai 1834 in Berlin; bekannt namentlich durch einen Carneol-Jntaglio mit dem Kopfe Friedrich Wilhelm IV. u. 12 Cameen in Onyx, die Apostel darstellend, auf dem von Fischer entworfenen Glaubensschilde des Prinzen von Wales (Pathen des Königs), u. durch mehrere nach Zeichnungen von P. Cornelius ausgeführte Cameen, sowie mehrereStatuen, z. B. von WilhelmI., Cornelius, Bork, das beste Relief am Siegesdenkmal zu Berlin u. a. Reliefarbeiten. V Regnet. Calaudriren, Zeuge zwischen Walzen (Calan- der) durchgleiten lassen, um ihnen Glätte u. Appretur zu geben. Calandröne, Blasinstrument der italienischen Landleute, der Flöte in den Tonlöchern ähnlich; an den beiden Enden hat es 2 Klappen. Calandsürüder, im Mittelalter (zuerst 1220 im Kloster Ottenberg erwähnt) Verbrüderungen geistlicher u. weltlicher Personen, die unter der Leitung von Priestern am 1. Tage des Monats (6alonäs.s, daher der Name) zNsammenkamen u. Anordnungen über Feste, Fasten, Almosenspenden u. Laienausnahmen rc. trafen. Ihr eigentlicher Zweck war, Sterbekassen zu bilden, Seelenmessen in Armuth u. Verlassenheit Verstorbener zu besorgen, Arme zu unterstützen, überhaupt Werke der Barmherzigkeit zu üben. Bei ihren Zusammenkünften (Calanden) hielten sie brüderliche Mahlzeiten, welche später in Trinkgelage ausarteten, so daß calandern sprüchwörtlich von feiernd u. schlemmend sich umhertreiben gebraucht tvurde. Auch schenkten die Geistlichen, welche das Braurecht hatten, ihr Bier aus, so daß die Häuser Orte der Völlerei wurden. Eigentlich finden sich Calande nur in denjenigen Ländern, welche das alte Sachsenland umfaßt, od. die von diesem aus germanisirt wurden, od. in kirchlicher Beziehung unter den Diöcesen und der Metropolitangewall sächsischer Kirchenfürsten standen, doch kommen sie auch in der Schweiz, in Ungarn und in Frankreich vor. Sie bildeten keinen geistlichen Orden, standen aber unter der Aufsicht der Bischöfe. Die Reformation führte die Aufhebung dieser Brüderschaften herbei. Ihre Einkünfte wurden zu gemeinnützigen Anstalten eingezogen. Es gab auch solche Brüderschaften, welche nur aus Adeligen und höheren Geistlichen bestand, wie der Caland zu Bergen auf der Insel Rügen, od. welche nur ritterliche Personen umfaßten (Ritterliche Calande). Die Besitzungen der C-schäften hießen Calauds- güter;„Zins derselben Calandszins. Vgl. Blumberg, Über die C., Chemn. 1721. Löffler.» Calao, so v. w. Hornvogel. Calas, Jean, bekannt als Opfer religiösen Hasses u. leichtfertiger Justiz, geb. 19.März 1698 in Lacaparöde bei Chartres; war protestantischer Kaufmann in Toulouse u. ward, da sich fein ältester Sohn, Marc Antoine, 1761 aus Melancholie erhängt hatte, gefangen gesetzt, 1762 vor dem Parlament zu Toulouse angeklagt, daß er diesen wegen Übertrittes zum Katholicismus ermordet habe, u. 9. März lebendig gerädert. Der jüngste Sohn u. die Töchter wurden in Klöster gesperrt. Voltaire lernte die unglückliche Familie m Genf kennen u. bewirkte eine Revision des Proceffes. 9. März 1765 wurde C. vom Pariser Parlament für unschuldig erklärt und seine Ehre wiederhergestellt; auch wurde von Ludwig LV. der Familie 374 Calasanza — Calatravaordcn. ihr Eigenthum znrückerflattet u. ein Geschenk von 30,000 L. gegeben. Die beste Darstellung dieses Protestes ist von Coquerel, in seiner Hiotoirs äss sZIisso cku äössrb, Par. 1841. Löffler? Calasanza, Joseph (üoosxkns a matrsvsl), geb. 1556 in Aragonien, Stifter des Piaristen- ordens (s. d.); er st. 1648 u. ward 1748 selig, 1767 heilig gesprochen; Tag: 27. Aug. Calascibetta, Stadt im Bezirke Piazza der ital. Prov. Caltanisetta auf Sicilieu; 5791 Ew.; dabei viele Berghöhlen u. reiche Schwefelgruben in der Umgebung. Calasclone fital.), in Unter-Italien lautenähn- liches Saiteninstrument mit 2 Saiten, welche mit elastischer Baumrinde oder auch nur mit den Fingern gerissen werden; mit längerem Halse heißt sie Callissoncine. Calasio, Marius de, geb. bei Aquila im Samnitergebirge; wurde von Papst Paul V. als Lehrer der hebräischen Sprache in Rom angestellt; st., über 70 Jahre alt, 24. Jan. 1620; er schr. eine hebräische Grammatik, ein hebräisches Wörterbuch u. eine hebr. Concordanz zur Bibel, herausgeg. von Michael Angelus von St. Romu- lus, Rom 1621, 4 Bde., u. ö. Caläta, ital. Tanz mit raschem Tempo, gewöhnlich im I- od. H-Tact. Calatafimi, Stadt im Bezirke Alcamo der ital. Prov. Trapani auf Sicilien, in sehr fruchtbarer Gegend; guter Käse; S414 Ew.; Schwefelquellen u. die Ruinen des alten Segesta in der Nähe. Bei C. schlug 15. Mai 1860 Garibaldi mit seinen Freischaaren nach mehrstündigem Kampfe die neapol. Truppen unter Landi. Calatayud (Ciudad), Stadt in der spanischen Prov. Saragossa, am Zusammenflüsse des Talon u. Tiloca, in einer fruchtbaren Ebene; Bischofssitz; einst berühmt durch seine Stahlarbeiten, jetzt Fabrikation vonTuch, Seife, Leder u. Wollenzeugen ; starker Hanfbau; 9820 Ew. Die Stadt ist im 8. Jahrh. von den Arabern gegründet n. hieß zuerst Kala't-Ajub. 1118 entriß sie ihnen der König von Aragonien, n. diesem nahm sie wieder der castilianische König 1362. CsIAbus (v. Gr.), Korb, Weingefäß; daher tlalatüiäirnn, Körbchen, Blüthenkorb, s. Blüthen- stand u. Composibas. Calator (lat.), 1) Diener zu öffentlichen Ausrufungen u. zum Zusammenrufen des Volkes zu den Comitien. 2) Herolde, die von dem Priester vor den Opfern ausgeschickt wurden, um die auf der Straße arbeitenden^Handwerker aufzufordern, ihre Arbeit einzustellen. Calatrava, Flecken in der spanischen Provinz Ciudad-Real, am Guadiana; Getreide, Wein; Viehzucht; Ouecksilberbergwerk; 2700 Ew. Hierwurde 1158 der Calatrava-Orden gestiftet. Calatrava, Don Jose Maria, span.Staatsmann, geb. 26. Febr. 1781 zu Merida in Estremadura; wurde nach Beendigung seiner Studien 1805 Advocat in Badajoz; 1808 Mitglied der durch das Volk niedergesetzten Junta von Estremadura u. 1810 Deputirter bei den auf Isla de Leon sich versammelnden allgemeinen Cortes, trat er nach u. nach, namentlich aber in den Cortes zu Cadiz, als entschiedener Vertheidiger der Freiheit auf, wurde aber deshalb mit vielen Anderen bei der Rückkehr Ferdinands VII. 1814 nach Melilla an der afrikanischen Küste verbannt; von da 1820 nach Wiederherstellung der Constitution zurückgekchrt, ward er Abgeordneter für Estremadura bei den neuen Cortes, wo er als Gegner von Martine; de la Rosa auftrat; damals war er mit dem Entwürfe des neuen Cri- minalgesetzbuches beauftragt, welches in seinen drakonischen Bestimmungen das düstere, herbe Wesen deS durch die Verbannung Verbitterten wiedergab. Nach Auflösung der ersten Cortes ging^ er in die Provinz zurück, wurde aber 1823 nach Sevilla berufen, um das Justizministerium zu übernehmen, das er auch in Cadiz weiterführte. Als die Stadt den Franzosen übergeben war u. der König das zu Gunsten der Constitutionellen, versprochene Amnestiedecret am folgenden Tage, 30. Sept. 1823, wieder umfließ, floh C. nach England, wo er sich dem Studium der dortigen Rechtsverhältnisse widmete. Nach der Julirevolu- tion wurde er, an die Grenze des Vaterlandes eilend, Mitglied der dirigirenden Junta zu Ba- yonne, zog sich aber, nachdem Minas Unternehmen mißlungen, nach Bordeaux zurück, bis er 1834 zur Rückkehr nach Spanien ermächtigt u. Beisitzer des höchsten Gerichtshofes wurde; indeß bekundete er auch hier wieder seinen alten Haß gegen Martine; de la Rosa u. ein gemäßigteres System n. betheiligte sich selbst an dem Aufstande der Madrider Nationalgarde gegen das Ministerium Toreno im Aug. 1835, wo er nur mit Mühe der Verhaftung entging. Nachdem aber im Aug. 1836 die Königin die Constitution von 1812 angenommen, wurde C. Präsident des Ministeriums, war aber seiner Aufgabe, Wiederherstellung der Ordnung, so wenig gewachsen, daß selbst seine Freunde in Opposition gegen ihn traten. 17. Aug. 1837 endlich gab er seine Entlassung, infolge der Forderung einiger Offiziere Esparteros. Bei Einführung der neuen Cortes wurde er für Albacete zum Senator 'ernannt, blieb aber ohne allen politischen Einfluß. Er st. 24. Jan. 1846 zu Madrid. Lagai. Calaträvaorden (Orden von Salvatiera), ursprünglich geistlicher Orden in Spanien. König Sancho III. von Castilien versprach 1158 Demjenigen den Besitz der von den Templern verlassenen Stadt Calatrava, welcher dieselbe gegen die Mauren vertheidigen würde. Abt Raimund vom Cistercienserkloster Fitero in Navarra u. Ritter Diego Velasqnez verbanden sich infolge dessen zu einem geistlichen ritterlichen Verein unter cister- ciensischer Regel u. schützten die Stadt. Der Orden wurde 1164 von Papst Alexander III. bestätigt, nachdem sich schon 1163 die Ritter von den Mönchen getrennt und Don Garcias de Nedou zum ersten Großmeister gewählt hatten, ohne dem geistlichen Verbände mit denCisterciensern zu entsagen. 1197 ging Calatrava an die Mauren verloren; die Ritter zogen sich nach Salvatiera und erhielten den Namen von dieser Stadt, bis ihr erster Sitz ihnen 1212 infolge des Sieges bei Las Navas de Tolosa wieder zustel. Zwiespalt im Orden selbst u. Anmaßungen bewogen den Papst Jnnocenz VIII., die Großmeisterwürde 1489 mit Oaslaturn — Calcium. 375 der Krone von Spanien für immer zu vereinigen, wogegen die Ritter 1540 das Recht erhielten, sich zu verheirathen, n. die neue Pflicht der Vcrthei- digung der unbefleckten Empfängniß Mariä übernahmen. Seit 1808 wird der Orden, der lange schon von seiner früheren Bedeutung— Grundbesitz n. sonstiger Rcichthnm — herabgesunken war, wie ein Verdienstorden vergeben. Ordenszeichen: hängender Rhombus aus Silber mit dem rothen Lilienkreuze an ponceaurothem Bande. Ordensklei- dnng: weißer Mantel, mit einem rothen, lilien- sörmigenKreuze ans der linken Seite. Seit 1219 hatte der Orden auch Klosterfrauen, Comthurin- nen von Calatrava, die vor der Aufnahme auch Ahnenprobe ablegen müssen, die Kleidung der Cistercienserinnen tragen u. ihr Hauptkloster zu Almagro hatten, aber jetzt säcularisirt sind. Osolatura (Cälatur, lat.), 1) durch Treiben mit der Bunze verfertigte halberhabene Arbeit; daher Oaslnta, so gearbeitete Gefäße und Kunstwerke. 8 ) So v. w. Bildschnitzerei. Calaveras, County im Nordamerika». Unionsstaate California, u. 38° u. B. u. 120° w. L.; 8895 Ew.; Countysttz: San Andreas. An die OGrenze streifen die Berge der Sierra Navada. Csloanöus (lat.), Fersenbein, derjenige Fnß- knochen, welcher die Ferse (s. d.) bildet. Osloar (lat.), 1) Sporn, s. d. 2) 0. avis (Anat., Vogelklaue, auch der kleine Scepferdefnß, ?S 8 bippocampi miuor genannt), eine längliche, öfters mit mehreren longitudinalen Einkerbungen versehene Erhebung an der Innenwand des Hinterholmes der Scitenkammern des Gehirns. 3) (Bot.) Der Sporn, ein gewöhnlich hohler, wal- ziger, kegeliger od. sackförmiger Fortsatz am Grunde der Blüthentheile, in der Regel in seiner Spitze eine Honigdrüse einschließend. Daher calcaratus, gespornt, was mit einem Sporne versehen ist, wie der Kelch bei Iropasolum, die beiden oberen Blüthenblätter bei vslxiiinium, die Blumen- Blätter von Lguilexia, Impativns und vieler Orchideen. Calcar, 1) Meister von C., Maler in der 2 . Hälfte des 15. Jahrh., aus Kalkar, Schüler der Eyckschen Schule. Von ihm u. a. das Altarbild in seiner Vaterstadt. 2) Jan van (Johann v.), Maler, geb. 1500 in Kalkar im Klevischen; hielt sich 1536 zu Venedig auf, wo er sich der Tizianischen Schule anschloß; später ahmte er die Weise Rafaels nach u. war darin so geschickt, daß er selbst Kenner täuschte. Er st. 1546 in Neapel, nach Anderen in seiner Heimath. Werke: Flügel desHauptaltars zu Kalkar (zweifelhaft einJugend- werk); Natsr äolorosa. (lithograph. v. Strixner), in der Pinakothek zu München. Er zeichnete die Illustrationen zu dem Werke Aut. Vesals: De üumani corporis labilen, Bas. 1543. Oslosrls (lat.), Kalk, Kalkerde (vgl. Kalk), mit verschiedenen Beiwörtern: 0. carbonica xrascixitata, gefällter kohlensaurer Kalk, statt der Krebsaugen, Austeruschaleu; als Lbsorbous in der Medicin verwendet, ein weißes Pulver. 6 . cblorata s. b^pocblorata, Oalx cblorata, so v. w. Chlorkalk. 0. pbospborica, phosphorsaurer Kalk, Knochenerde, s. Phosphorsänrcsalze. 6 . soluta, Xgua 6 alcis, Kalkwasser. 6 . snlkurica usta, gebrannter Gips, dient in der Chirurgie znm Gipsverbande (s. d.); 6 . usta s. viva, gebrannter Kalk (lebendiger Kalk), s. Calciumoxyd. Calcasien, County im nordamerikan. Unionsstaate Louisiana, am gleichnam. Flusse, n. 30° n. B. u. 93" w. L.; 6733 Ew.; Countysttz: Lake Charles Court-House. Csloeitormis, 1) (lat.) schuhförmig. 2) (Bot.) Aufgeblasene Blüthentheile, die einem Schuhe nicht unähnlich sind, wie z. B. die Unterlippe bei 6 ai- ccolaria u. die Honiglippe bei L^pripcciium. Oslooola (Petref., Pantoffelmuschel), zu der Ordn. der Deckelkorallen gehörig, mit pyramidaler u. gekrümmter Rückenschale u. hoher Area; sehr verbreitet im Grauwackenkalk der Eisel, am Harz, in Frankreich u. Amerika, den man daher häufig C-schiefer nennt. Art: 6 . sanckaliua. clalooolaris L., Pflanzengatt., nach Franz Cal- ceolari (Apotheker zu Verona im 16. Jahrh.) benannt, aus der Fam. der Lcropbularinsas-Verbas- coas (II. 1), kautartige Pflanzen mit 4kantigem Stengel, gegenständigen Blättern n. gabelig verzweigten, lockeren Blüthenständen; Blüthen mit viertheiligem Kelche, zwcilippiger Blumenkrone, kleiner Oberlippe u. viel größerer, kurz-schuh- förmiger, aufgeblasenerUnterlippe, 2 knrzenStaub- blätteru u.zweifächerigem, eiförmigen Fruchtknoten; Frucht eine zweifächerige, zwciklappige Kapsel. Sämmtliche Arten, mehr als 50, sind auf den Anden in der alpinen Region heimisch, u. viele von ihnen werden wegen ihrer prächtig gefärbten (gelb, roth, orange, gefleckt), an den langen Blü- thenstielcn zierlich hängenden Blüthen in Gärten u. im Zimmer cultivirt; die Zahl der Spielarten u. künstlich gezogenen Bastarde ist eine sehr beträchtliche. Engl-r. Calcination (v. Lat.), Verkalkung, 1) das Verfahren, durch welches feste, feueröeständige Körper durch Glühen eine solche Veränderung erleiden, daß sie in losem Zusammenhänge od. als Pulver Zurückbleiben, welches vollkommen frei ist von aller organischen Substanz; calciniren, dieses bewirken. Vgl. Kalk. 2) Besonders hinsichtlich der Metalle der Proccß, wodurch auf gleiche Weise Verbindung des Sauerstoffes mit denselben u. Bildung von Metalloxyden bewirkt werden; daher Calcinirofen, Vorrichtung zum Dnrchglühen von Substanzen; er ist eine Modi- ficatiou des Flammofens; Calcinirscherben, flache Schalen, aus der Masse der irdenen Schmelztiegel oder ans Chamotte zum Prokuren von Erzen n. anderen Körpern durch Calciniren im Kleinen. Calciniren (Chcm.), s. n. Calcination 1 ). Calcio (ital., Fußtritt), Ballonspiel in Italien, besonders Toscana, wo der Ballon mit den Füßen sortgestoßen wird. Calcit, so v. w. Kalkspath; auch iu Kalkspath umgewandelter Gaylussit. Oaleitrapa, s. Oentaursa. Calcium, ein zur Gruppe der Metalle gehöriges chemisches Element, dessen Zeichen 6 a, dessen Atomgewicht — 20, u. dessen spec. Gew. — 1 , 5 s ist. Es hat eine gelbe Farbe, starken Glanz u. einen hakigen Bruch. Es ist weich u. zähe, so daß cs sich leicht in dünne Drähte und Blätter ver- 376 Calciumbromid — wandeln läßt. An feuchter Luft läuft es rasch an u. verwandelt sich allmählich durch Aufnahme von Sauerstoff und Wasser in C-oxydhydrat (Kalkhydrat). Das Wasser zersetzt es schon bei gewöhnlicher Temperatur sehr lebhaft, ebenso energisch wirkt es auf verdünnte Säuren. In atmosphärischer Luft, ebenso in Chlor-, Brom- u. Jodgas verbrennt es beim Erhitzen unter starkem Funkensprühen. Es findet sich in der Natur nirgends gediegen, ist aber ein wesentlicher Bestandtheil mehrerer weitverbreiteten Mineralien; s. Calciumsalze. Das C. wurde zuerst von Davy im Jahre 1808 rein dargestellt, indem er einen Teig von C-oxyd und Wasser der Wirkung eines kräftigen elektrischen Stromes aussetzte. Leichter u. in größerer Menge erhielt es Bunsen (1855) durch dasselbe Mittel aus geschmolzenem Chlor-C. Lids Bodart u. Jobin stellten es in neuerer Zeit durch starkes Glühen von Jod-C. u. Natrium in einem fest verschlossenen eisernen Tiegel dar. Eine Legirung desselben mit Zink, aus der durch Erhitzen in einem Kohlentiegel der größte Theil des Zinkes entfernt werden kann, bildet sich, wenn man CHIor-C., Zink u. Natrium in einem Tiegel bis zur Nothgluth erhitzt. Hetzer. Cälciumbromid (Bromcalcium), chemische Verbindung von Calcium mit Brom (Formel llaLig), weißes, sehr zerfließliches u. daher nur schwer krystallisirendes Salz, das man durch Auf- lösen von Calciumoxyd od. kohlensaurem C-oxyd in Bromwasserstoffsäure erhält. Hetzer. Caleiumchlorid (Chlorcalcium), chem. Verbindung von Calcium n. Chlor, nach der Formel LaLIz zusammengesetzt. Zu seiner Darstellung löst man kohlensauren Kalk (Marmor, Kalkstein od. Kreide, je nachdem man ein reines od. unreineres Product erzielen will) in Salzsäure auf u. dampft die Lösung vorsichtig ein. Beim Erkalten scheidet sich das Chlorcalcium in großen, säulenförmigen, wasserhaltigen Krystallen aus (OaOIz -i- 6 a§), die in reinem Zustande farblos, aus unreinen (gewöhnlich eisenhaltigen) Materialien dargestellt, gelb gefärbt sind. Dieselben lösen sich unter starker Kälteerzeugung in Wasser auf; stößt man sie mit trockenem Schnee in einem abgekühlten Mörser zusammen, so erhält man eine vortreffliche Kältemischung, deren Temperatur bis —48° sinkt. Beim Erhitzen geben die Krystalle ihr Wasser ab, u. es bleibt wasserfreies C. als grau-weiße, poröse Masse von bitterem Geschmack zurück, die beim Glühen schmilzt u. beim Erkalten zu durchscheinenden Stücken erstarrt. Das wasserfreie C. löst sich unter Wärmeentwickelung in Wasser sehr leicht auf, zieht mit großer Begierde Wasser au und zerfließt an feuchter Luft sehr rasch. Man benutzt es deshalb vielfach zum Entwässern von Gasen, von flüssigen und festen Körpern. Zu ersterem Zwecke füllt man poröse Stücke desselben in Glasröhren (Chlorcalciumröhren) u. leitet die zu entwässernden Gase durch dieselben. Flüssigkeiten schüttelt man mit Stücken von geschmolzenem Lhlorcalcium u. destillirt sich von denselben ab. Feste Körper stellt man neben Schalen, die poröses Chlorcalcium enthalten, unter Glasglocken auf. Hetzer. Caleiumfluorid (Fluorcalcium), chemische Ver- Calciumoxydhydrat. bindung von Calcium u. Fluor (Formel OuVIz). Künstlich durch Neutralismen von Flußsäure mit kohlensaurem Kalkdargestellt, bildetes ein körniges, krystallinisches Pulver von weißer Farbe, welches in Wasser nicht ganz unlöslich ist. Für sich allein schmilzt es erst bei den höchsten Temperaturen, weit leichter in Berührung mit Gips u. ähnlichen Körpern. Beim Erwärmen mit concentrirter Schwefelsäure wird es unter Entwickelung von Fluorwasserstoffgas (s. d.) u. Bildung von schwefelsaurem Kalk zersetzt. In der Natur findet es sich ziemlich verbreitet als Flußspath (s. d.), der wegen des oben erwähnten Verhaltens vielfach als Flußmittel bei hüttenmännischen Processen, sowie zur Darstellung der Fluorwasserstoffsäure dient. Es findet sich ferner gelöst im Meerwasser, in manchen Quellwässern u. in der Milch. Hetzer- Calciumhydroxyd, s. Calciumoxydhydrat. Calciumoxyd (Kalkerde, Kalk, gebrannter Kalk, Llaloarig, usta, auch wol Ätzkalk genannt), Verbindung des Calciums mit Sauerstoff, von der Formel 6a0. In reinem Zustande ist es eine weiße, amorphe, ganz unschmelzbare Masse, welche stark ätzend wirkt. An feuchter Luft zieht es erst Wasser, dann Kohlensäure an u. verwandelt sich zuletzt ganz in wasserfreien kohlensauren Kalk. Mit Wasser besprengt, erhitzt es sich sehr stark u. verwandelt sich in C-Hydrat, wobei es zu Pulver zerfällt (Löschen des Kalkes). Man stellt das C., welches sich in der Natur nicht findet, durch Glühen von reinem kohlensauren Kalk (isländischem Kalkspath od. Marmor) dar, der dabei leicht seine Kohlensäure abgibt. Dieselbe Operation wird in besonderen Öfen, Kalköfen, mit dem gewöhnlichen Kalkstein ausgeführt (Brennen des Kalkes) u. liefert ein unreines, etwas eisen- u. thonhaltigeS u. daher mehr od. weniger grau gefärbtes Product. Da frisch gebrannter Kalk begierig Wasser aus der Lust anzieht, so benutzt man ihn, um die Lust in abgeschlossenen Räumen, Schränken rc., in welchen feinere physikalische Apparate aufbewahrt werden, trocken zu erhalten. Zu diesem Zwecke stellt man Stücke von gebranntem Kalk in flachen Gefäßen in dieselben n. erneuert ihn, so oft er zu Pulver zerfallen ist. Seine wichtigste Anwendung ist die zur Darstellung von C-Hydrat (s. d.). Hetzer. Calciumoxydhydrat( Calciumhydroxyd, Kalkerdehydrat, Kalkhydrat, gelöschter Kalk, Ätzkalk, auch schlechtweg Kalk), eine nach der Formel LallzOg zusammengesetzte Verbindung von Calcium, Wasserstoff u. Sauerstoff. Es bildet ein feines weißes Pulver von ätzendem Geschmack u. stark alkalischer Reaction. In der Nothgluth verwandelt es sich unter Wafferabgabe in Calciumoxyd. In Wasser ist es etwas löslich, und zwar, abweichend von anderen Körpern, in heißem weniger leicht als in kaltem (1 Thl. bei 18 ° in 780 Thlu. Wasser, bei 100° in 1500 Thln.); die Lösung heißt Kalkwasser (s. d.). An kohlensäurehaltiger Lust verwandelt es sich in kohlensauren Kalk, wobei es sein Wasser verliert. Wichtig ist das Verhalten des C-s gegen Zucker. Beim längeren Stehen von Zuckerlösung mit Kalkhydrat bildet sich eine iu Wasser leicht lösliche Verbindung (Zuckerkalk), die 14 pCt. Kalk enthält «nl» WWMNN LWMWWiW Calciumoxysulfurete - Lurch Weingeist aus ihrer Lösung abgeschieden werden kann. Die wässerige Lösung derselben wird durch Kohlensäure so zersetzt, daß der ganze Kalkgehalt als unlöslicher kohlensaurer Kalk sich abscheidet, während reiner Zucker gelöst bleibt. — Zur Darstellung des C-s wird gebrannter Kalk mit Wasser (etwa H Thl. aus 1 Thl. Kalk) besprengt. Derselbe zerfällt dabei unter Aufblähen u. beträchtlicher Erwärmung zu einem feinen weißen Pulver. Wendet man eine größere Menge Wasser an, wie das beim Löschen des Kalkes im Großen stets geschieht, so erhält man einen steifen Brei (Kalkbrei), der zähe u. fett ist, wenn der angewendete Kalk rein war, weniger zähe(mager), wenn der Kalk Sand od. Thon enthielt. Die fetten Kalke verwendet man zu Luftmörtel, die mageren zu Wassermörtel. Kalkmilch ist mit Wasser stark verdünnter Kalkbrei. Wegen seiner stark basischen Eigenschaften findet das C. in den Gewerken um so häufiger Verwendung, als es billig beschafft werden kann. So dient es zur Herstellung der Kalilauge, Natronlauge, des Ammoniaks (Salmiakgeist) und des Chlorkalkes, in der Stearinkerzenfabrikation zum Verseifen der Fette, beim Gerben zum Enthaaren der Häute, in den Leuchtgasfabriken zur Reinigung des Gases. Man benutzt es ferner in der Zuckerfabrikation sowol zur Läuterung der Zuckerlösung, als auch zur vollständigen Abscheidung des Zuckers aus derselben. In neuerer Zeit hat man das C. auch zur Darstellung von Wasserstoff im Großen verwendet. Glüht man nämlich Kalkhydrat mit Kohle, so entsteht neben Calciumoxyd und Kohlensäure auch Wasserstoff: 26a.z8z0, -i- 6 — 26aO -s- 6(8 -I- 48 Calcium- u. Kohle geben Kalk, Kohlensäure u. Wasser- oxydhydrat stoff. Hetzer. Calciumoxysulfurete nennt man verschieden zusammengesetzte Verbindungen von Calciumsulfuret mit Calciumoxyd. Sie entstehen beim Erhitzen von gebranntem Kalk mit Schwefel u. beim Kochen von Kalkmilch mit Schwefel und Wasser. Die durch Zusammenschmelzen von schwefelsaurem Natron, Kalkstein u. Kohle erhaltene rohe Soda (s. d.), aus der durch Wasser die Soda ausgelaugt wird, soll nach Einigen den Kalk als unlösliches Oxysulfuret (6a0 -s- 26 u 8 oder 6u0 -s- 36ä8) enthalten, während Andere die Existenz dieser Verbindung in der rohen Soda in Frage stellen. Hetzer- Calciumphosphate, Phosphorsäuresalze des Calciums, s. Phosphorsäuresalze. Calciumsalze (Calciumoxydsalze, Kalksalze) nennt man die Verbindungen, welche aus Säuren entstehen, indem deren vertretbarer Wasserstoff durch Calcium ersetzt wird; farblos oder weiß. In Wasser löslich sind das salpetersaure, das saure phosphorsaure Calciumoxyd, das Calciumchlorid; das Schwefelsäuresalz ist in Wasser ein wenig löslich, die übrigen lösen sich nicht in Wasser, meist aber in verdünnten Säuren. Die C. werden direct durch Einwirkung des Calciumoxyds auf die betr. Säuren dargestellt. In der Statur finden sich der kohlensaure Kalk (Kalkspath, Aragonit, Menne, -Kreide, Tropfstein), der schwefelsaure Kalk (Gips, Alabaster, Marienglas, Anhydrit), der phosphor- - Lalcmmjuperoxyd. 377 saure Kalk (Apatit, Phosphorit), das Fluorcalcium (Flußspath). Die Knochen u. Zähne der Rückgrat- thiere enthalten 60—70 pCt. phosphorsauren Kalk, die Schalen der Schalthiere, sowie die Schalen der Bogeleier bestehen wesentlich aus kohlensaurem Kalk. Concentrirte Lösungen geben mit Natronlauge einen weißen Niederschlag von Kalkhydrat, mit Schwefelsäure u. schwefelsauren Salzen einen weißen Niederschlag von schwefelsaurem Kalk. Kohlensäure, phosphorsaure u. oxalsaure Alkalien geben mir neutralen od. alkalischen Kalksalzen auch bei starker Verdünnung weiße, in Säuren leicht lösliche Niederschläge, bezügl. von kohlensaurem, phosphorsaurem, oxalsaurem Kalk. Kalksalze mit flüchtigen Säuren färbendie Weingeistflamme, wiedie Flamme des Bunsenschen Gasbrenners gelbroth. Das Spectrum der Kalksalze zeichnet sich namentlich durch eine orangerothe u. eine grüne Linie aus. Hetzer. Calciumsnlfantimoniat, chemische Verbindung von Antimousupersulfid mit Calciumsulfuret, zur Gruppe der Sulfosalze gehörig, da in ihr das Schwefelantimon die Rolle der Sulfosäure, das Calciumsulfuret die der Sulfobase spielt. Man erhält es in wässeriger Lösung von gelber Farbe durch Kochen von Antimonsupersulfid mit einer wässerigen Auflösung von Calciumsulfuret, oder durch Kochen von Antimonsulfid mit Schwefel u. Kalkmilch. Fest, aber unrein wird es durch Glühen von Antimonsulfid mit Schwefel und gebranntem Kalk dargestellt; gelbbraunes, in Wasser lösliches Pulver, welches, mit Säuren zusammengebracht, sich unter Entwickelung von Schwefelwasserstoff u. Ausscheidung von Schweselantimon rothbraun färbt. Hetzer. Calciumsulfhydrat (Calciumhydrosulfid, Schwefelwasserstoff, Schwefelcalcium), chemische Verbindung von Calcium, Schwefel u. Wasserstoff; Formel: 6u8z8z. Man erhält es in wässeriger Lösung durch Behandeln von Calciumsulfuret mit Wasser, oder durch Einleiten von Schwefelwasser- stoffgas in Kalkmilch. Es besitzt die Eigenschaft, die Haare in eine weiche, gallertartige Masse zu verwandeln, die sich von der Haut abschaben läßt. Das Rhusma, eine bei den Orientalen zur Entfernung des Kopf- u. Barthaares dienende Salbe, enthält diesen Körper als wesentlichen Bestand- theil. Hetzer- Calciumsulfuret (einfach Schwefelcalcium), chemische Verbindung von Calcium und Schwefel (6a8). In reinem Zustande durch Glühen von Kalk in Schwefelwasserstoffgas oder von schwefelsaurem Kalk in Wafferstoffgas erhalten, bildet es ein weißes, erdiges Pulver, welches, eine Zeit laug den Sonnenstrahlen ausgesetzt, im Dunkeln leuchtet (Cantons Phosphor). Durch Wasser wird es in unlösliches Kalkhydrat u. lösliches Calciumsulfhydrat (s. d.) zersetzt. 26a8 -i- 2 lkzO — 60 , 828 z -t- OaUzO, Cal- U- Wasser gebe» Calcium- u. Kalkhhdrat- ciumsulfuret sulshydrat Durch Kohle oder schwefelsauren Kalk verunreinigt erhält man es beim Glühen von schwefelsaurem Kalk (Gips) mit Kohle. H-tz-r. Caleiumsuperoxyd, chemische Verbindung von Calcium und Sauerstoff; Formel: OaOz; entsteht in perlmutterglänzenden Schüppchen, wenn ?78 Calml — Calcutta. man Kallwaffer mit einer wässerigen Lösung von Wasserstoffsuperoxyd zusammenbringt. Sie ist sehr- leicht zersetzbar. Hetzer. Calcnl (v. lat. 6aloulus, Steinchen), so v. w. Rechnung, Berechnung (weil mau sich in den ältesten Zeiten der Steinchen beim Rechnen bediente). Geometrischer C., so v. w. geometrische Analysis, im Gegensätze zu dem älteren synthetischen Verfahren. Daher calculiren, so v. w. berechnen in mathematischer, wie in logischer Beziehung; Calcnlation, Berechnung, Überschlag der Kosten, die eine Waare oder das Herstellen derselben dem Kaufmann oder Fabrikanten verursacht, und des Preises, der wahrscheiulicherwcise beim Verkaufe derselben erzielt wird, um daraus den möglichen Gewinn zu ermessen. Das Buch, in welches die Calculationen eingetragen werden, nennt man Calculatiousbuch oder Calculaturbuch. Calculator, 1) bei den alten Römern dcr Haussklave, welcher die Wirthschaftsrechuungen seines Herrn zu führen u. zugleich auch die Kinder desselben im Rechnen zn unterrichten hatte. 2) In unserer Zeit heißen C-en die Beamten der Kassen-Rechnungs-Controlcbehördc, welche rechnungsmäßig die Richtigkeit der bei dieser eingehenden, oder von ihr ausgestellten Rechnungen zn prüfen u. eventuell zu bescheinigen haben, z. B. ob richtig zusammeugczählt u. abgezogen ist, die Quantitäten nnt den Preisen richtig vervielfacht u. die wahren Einheitspreise zn Grunde gelegt sind, die Geldsortcn richtig umgewandelt wurden u. dgl., ohne dabei auch ins Sachliche der gelegten Rechnungen einzugehen. Marcus. Oaloiilus (lat.), 1) Stein. 2) Stein im Brettspiel. 3) Das kleinste altrömische Gewicht, ungefähr — ^ Osratium. 4) Berechnung, s. Calcul. 5) Die Stimme im Votiren; daher 6. Lliuorvas, der weiße Stein bei Stimmengleichheit im Areo- pagos zu Athen, der für den Beklagten entschied; daher auch jetzt die entscheidende Stimme eines hei wichtigen Angelegenheiten, auch nicht von Amts -i,egeu Befragten. 6) Stein (Med.), die in verschiedenen Höhlen oder im Gewebe des menschlichen u. thierischen Körpers sich bildenden Niederschläge ; so: 6. intestinalis, Darmstein; 0. rs- nnin, Nierenstein; 0. snblinAnalis, Zuugensteiu; 6. nretbriens, Harnleitcrstein; 6. nrstbralis, Harnröhrenstein; 0. ntori, Gebärmutterstein; 6. vesieas tellsas, Gallenstein; 0. vssioalis u. 0. vssicas urinarias, Harnblasenstein; s. Steinkrankheit (Intlnasis). Calcutta (aus d. sanskr. Xalikata, nach einem Tempel der Göttin Kali), Hauptstadt der britischen Präsidentschaft Bengalen in Ostindien, sowie des gesammtcn Anglo-Jndischen Reiches, eine der größten Städte Asiens, liegt am linken Ufer des Hooghly, eines, mächtigen Armes des Ganges, etwa 165 km von dem Meere stromaufwärts, über 7 km sich an dem Strom entlang ausstreckend, mit einer Breite von über 2 km. Auf der Landseite wird die Stadt, die ein Areal von fast 20 Hskm bedeckt, von dem Mahratta-Walle (Nalirabta, Oitolr) umgeben, einer 1742 gegen die Invasion der Mah- ratten begonnenen Circumvallation, die sich im N. der Stadt vom Flusse aus erst östl., dann slldöstl., endlich wieder südwestlich nach dem Flusse zu wendet, aber hier nie vollendet ward und dem Verfalle cntgegengcht. Jenseits des Walles liegen die Vorstädte C-s, von denen die wichtigsten sind: Tschitpnr im N.; Nnndenbagh, Bahar-Simlah, Sialdah, Jntally u. Ballygange im O. u. SO.; endlich Bhowanipur, Allipur u. Kiddcrpur im S. C. gegenüber auf dem rechten User des Hooghly liegen die Dörfer Sibpnr, Haurah, mit großartigem Bahnhofe, u. Sulki, mit den Waarenhäusern (8alt-§olalis) der Regierung, mehreren großen Fabriken u. verschiedenen Docks u. Schiffswerften. Parallel mit dem Mahratta-Walle ans der Stadtseite läuft die große Circular-Road. Am Flusse beginnt die Stadt mit Garden-Rcach, einer Reihe schöner Villen mit Parkanlagen; dabei der Ankerplatz für die Dampfer der Peninsular-Company; nördlich von Gardeu-Reach folgen die Docks der Regierung, weiter über dem Kanal Tolly-Nullah liegt das Arsenal, auf welches das Fort William folgt. Vor diesem liegt die weite Esplanade, oberhalb welcher der große Tschandpaul-Ghaut am Flusse den Hauptlandungsplatz C-s bildet, rechts davon der vornehmste Theil der Stadt, der von der ehem. Vorstadt Chowringhee (Tschauringhi) den Namen führt. Weiter stromaufwärts folgt der stattliche Strand mit vielen schönen Gebäuden und Landungsplätzen (Ghaut), bis endlich im N. der Circular-Kanal die Stadt von der Vorstadt Tschitpur scheidet. Eine Linie von Bebi-Roß-Ghaut ans am Flusse östlich bis zur Upper-Circular- Road gezogen, bildet ungefähr die Scheide zwischen der Weißen Stadt (im S.) und der Schwarzen Stadt (im N.). Die Weiße Stadt, nicht bloß von den Europäern, sondern auch von vielen Einheimischen bewohnt, hat einen durchaus europäischen Anstrich; so gut wie in London kann in ihr ein City wie ein Court-end unterschieden werden. Die City ist von stattlichen geraden Straßen durchschnitten, während das aristokratische Viertel, die Chowringhee, die prächtigen Paläste (vielfach in griechischem Stil mit geräumigen Säulenhallen) der höheren Negierungsbeamtcn u. reichen Kanflcute umfaßt. Zwischen der Chowringhee u. dem Flusse dehnt sich die geräumige Esplanade od. Maidar aus, mit dem Gouvernementsgebäude, der Stadthalle und anderen Palästen, den prachtvollen Plätzen europäischer Hauptstädte vollkommen gleichkommend; ihre südliche Front bildet das Fort William, welches, eine der stärksten Festungen Indiens, ein Oktogon, von welchem 5 Seiten landeinwärts, 3 nach dem Flusse zu streichen, von Clive gleich nach der Schlacht von Plassey (1757) begonnen u. 1773 vollendet wurde. Das Fort ist mit 619 Geschützen armirt u. kann 14,000 Menschen beherbergen. In demselben findet sich ein vortreffliches Zeughaus u. eine Kanonengießerei. Die Schwarze Stadt, in welcher sich der größte Theil der Bevölkerung, darunter jedoch nur wenige Europäer, zusammendrängt, trägt ganz den Charakter orientalischer Städte,hat enge u. krumme, schmutzige Straßen, theilweise hohe, wenige massive Häuser, zum großen Theil nur armselige Hütten. Unter den öffentlichen Gebäuden sind die bedeutendsten: das Gouvernements-Gebäude, an der Esplanade, 1804 von Marquis Wcllesley mit einem Kostenaufwande von 130,000 Pfd. St. er- Colciitta. 87S baut; die Stadthalle ebendaselbst, im dorischen Stil; der Oberste Gerichtshof; die Medresse, daS Hindu-College u. die Universität; die Martiniere, eine Erziehungsanstalt für 20 Knaben und 30 Mädchen, begründet von General Claude Martin; Metcalfe-Hall, ans Subscription zum Andenken an die Verdienste Sir Charles Metcalfes um C. erbaut; das Ochterlony-Monumcnt, zum Andenken an Sir David Ochterlony und dessen Verdienste um die Mohammedaner. An der SWSpitze von Fort William führt ein schöner Ghaut zum Strome, zum Andenken an den hdchverdienlen Alterthumsforscher James Prinsep erbaut; unweit desselben das Monument zur Erinnerung an die Siege bei Maharadschpur u. Pnniar, construirt aus den in der Schlacht erbeuteten Kanonen. Als Merkwürdigkeit zeigt man das jetzt baufällige Monument vorder berüchtigten Schwarzen Höhle (einem Loch von 8 Hjm Ausdehnung), in welcher 1756 der Serad- schah Ed-daulah 146 Engländer einsperren ließ, von denen 123 durch Hunger u. Durst ihr Leben verloren. Sonst sind noch zu nennen das Zollhaus und die Neue Münze am Strande; die St.-Panls- Kathedrale, die schottische Kirche am Tank-Sqnare; ebendaselbst Writers Buildings; das Theater i» der Parkstraße. Auf dem rechten Ufer des Hooghly, gegenüber Garden-Reach,das Bishops College, eine Bildungsanstalt für Geistliche u. Lehrer aus Einheimischen. Die Hindu haben in C. 167, die Mohammedaner 74 Cnltusstätten, die Chinesen 1 Tempel, die Juden 1 Synagoge; außerdem finden sich in C. 1 griechische und 1 armenische Kirche; 3 Baptistcnkapellen, sowie 2 für nicht- baptistische Independenten; die Katholiken haben 5, die Anglicaner 8, die Established Clmrch os Scotland 1, die schottische Free Church ebenfalls 1 Kirche. Von Unterrichtsanstalten befinden sich zu C., außer der Universität (anstatt des eingegangenen College von Fort William begründet) u. den Schulen u. Pensionaten für Europäer, das Hindu-College, das College Pantschala und die Bengal-School; ferner das Sanskrit-College ftir brahmanische Schüler u. zahlreich von Eingeborenen frequentirt, u. die Medresse für die Mohammedaner. Unter den Gelehrten Gesellschaften steht die 1784 gegründete Asiatic Society of Bengal obenan; sonst sind noch die Medical and Physical Society u. die Agricultural and Horticnltural Society zu nennen. Es erscheinen zu C. nicht bloß eine ziemliche Anzahl Zeitungen in englischer, bengalischer u. hindnstanischer, sowie einzelne auch in persischer und armenischer Sprache, sondern auch mehrere wissenschaftliche Zeitschriften gediegenen Inhaltes, u. a. das flonrnal ob tirs Lwiabio 8c>- oistx ob LonAal. Unter den sonstigen Bildungs- Mitteln ist der Botanische Garten hervorzuheben, einer der größten der Erde, in welchem fortwährend 150—200 Arbeiter beschäftigt sind u. dessen Vermittelung Europa die Einführung sehr vieler Cultur- u. Zierpflanzen zu danken hat; er liegt unterhalb der Stadt am rechten Ufer des Hooghly, südlich vom Bishops College. Unter den zahllosen Stiftungen n. Wohlthätigkeitsanstalten sind hervorzuheben-. die St. James School, gestiftet vom Bischof Middleton, das European Female Orphan Asylurn, die Benevolent Institution, für die Erziehung armer christlicher Kinder, die Free School and Church, die Church Missionary Almshousc, das Hospital für Leprose, die Institution der Ge» neral-Assembly. Da das Wasser des Stromes brackig ist, bleibt man auf Regenwasser angewiesen, zu dessen Aufsammlung 1013 Wafferbehälter (darunter 15 öffentliche) od. Tanks bestehen. Der schönste u. beste ziert die Tank-Square. Artesische Bohrversuche sind bis jetzt bei 150 m Tiefe ohne Erfolg geblieben. Die Einwohnerzahl der Stadt (ohne die oben genannten Vorstädte) betrug nach dem letzten Lensus 447,600, steigt aber, die Vorstädte u. Howrah eingerechnet, auf 892,429, darunter gegen 300,000 Hindu, über 100,000 Mohammedaner u. zwischen 6—7000 Europäer, dabei das männliche Geschlecht das weibliche weit überwiegend. Die Verwaltung der Stadt geschieht durch den General-Gouverneur; für rein locale Angelegenheiten besteht zur Berathung seit 1847 ein Municipalrath von 7 Mitgliedern (3 von der Regierung ernannten n. 4 von der Bevölkerung erwählten). Obwol sehr ungünstig gelegen — die enorme Hitze und die Nähe der sumpfigen Niederungen des Ganges machen die Stadt znm Sitze klimatischer Fieber und zum Herde der Cholera, und die Lage im Bereiche der Teifune bedingt von Zeit zu Zeit ungeheure Verwüstungen — ist C. dennoch durch dis Con- ccntration der obersten britischen Behörden u. durch seinen Handel eine der ersten Städte Asiens. Die Lebensweise der Europäer, Vergnügungen, Luxus, Genüsse, sind von den europäischen nicht verschieden, abgesehen von den Modificationen, die das Klima bedingt; im Gegentheil übersteigt der Luxus, wie in den Gebäuden (daher C. den Namen Stadt der Paläste führt), so in anderen Dingen den europäischen noch um ein Beträchtliches. Die Stadt ist die Residenz des Generalgouverneurs des gestimmten britischen Ostindien, sowie des Obersten Rathes, eines Lieutenant-Governor für Bengalen, des Oberrichters, der obersten Gerichtshöfe für die Präsidentschaft u. vieler anderen Magistrate; ferner eines anglicanischen Bischofs, außerdem derCentral- punkt aller evangelischen Missionen in Ostindien. Daneben gehört C. zu den bedeutendsten Handelsstädten ganz Asiens und ist der Mittelpunkt des Verkehres zwischen Ostindien u. England. Nach dem Innern dient dem Handel die höchst bedeutende Flußschifffahrt mit mehr als 500 Stromfahrzeugen; nach auswärts die Seeschifffahrt, obgleich nur Schiffe bis zu 500 Tonnen bis 'C. stromaufwärts fahren können. Größere Schisse sind gezwungen, in dem unterhalb gelegenen Hafen Diamant Harbour anzulegen; außerdem hat man am rechten Ufer des Mutrah, eines anderen Gan- esarmes, den Hafen Port Canning anznlegcn eabsichtigt, der durch eine Eisenbahn mit C. verbunden werden soll. Durch die Dampfer der Peninsular-Company steht die Stadt mit Madras, Ceylon, von hier mit Europa über Ägypten, mit Australien u. mit Hinter-Indien, China, Japan in regelmäßiger Verbindung. Dazu tritt für den Verkehr mit dem Innern von ganz Hindustan (dem Stromgebiete des Ganges) die große Heerstraße (Great Trunk), die nach den nordwestlichen Provinzen führt; die großen Eisenbahnlinien über 380 Caldani — Caldara. Patna u. Benares nach Allahabad, von da nördlich nach Lahors, westlich nach Bombay, welche die Verbindung mit den bedeutendsten Städten Indiens Herstellen, nebst einer kleineren östlich in der Richtung nach Assam geführten. Der Telegraph verbindet es mit allen Städten Indiens, deren Wichtigkeit die Anlage eines solchen erforderte, u. über Bombay, den Persischen,Meerbusen, Smyrna rc. direct mit London u. Europa, außerdem mit Ceylon, Hinter-Jndicn u. China. Die wichtigsten Ausfuhrartikel sind Opium, Reis, rohe Baumwolle u. Seide, Indigo, Jute; in zweiter Linie Zucker, Tabak, Salpeter, Seidenwaaren, Thee, Schellack, Farbehölzer, Häute; die Einfuhr erstreckt sich in erster Linie auf fertige Baumwollenzeuge, dann aus Garne, Tuche, Salz, Kohlen, Maschinen und bearbeitetes Eisen. Nicht so bedeutend wie der Handel ist die Industrie. Handel u. Wandel werden befördert durch die Bank of Bengal, die Union-Bank u. die Handelskammer von Bengalen. — C. ist eine sehr junge Stadt; im Jahre 1700 war ihre Stätte noch mit Wald u. Wiesen bedeckt. Nur zwei kleine Dörfer, von denen das eine den Namen C. führte, lagen dazwischen. Letztere erhielt die Ostindische Compagnie von Azim, einem Sohne Aureng-Zeybs, zum Geschenke, worauf Gouverneur Charnock die Factorei von Hooghly nach C. verlegte. Dennoch blieb es ein elender Ort, bis es nach Gründung des Fort William u. Consolidirung u. Vergrößerung der britischen Macht seit Mitte des 18. Jahrh. sichtbar zur Blüthe gelangte. Seit 1773 wurde C. Residenz des Generalgouverneurs. Am 6. Mai 1846 große Feuerbrunst hier. Die große Rebellion der Sipoy von 1857 konnte in C. nicht znm Ausbruche kommen. 24 km nördlich von der Stadt C. liegt Barrackpnr am Hooghly mit einem Palaste des Generalgouverneurs inmitten eines großen u. schönen Parks u. den Cantonnements einer Anzahl Regimenter. Auch Dumdum, 6 Icm von C., ist eine Militärstation. Caldani, 1) Leopolds Marc-Antonio, berühmter Anatom, geb. 21. Nov. 1725 zu Bologna. Von seinem Vater ursprünglich für die juristische Carriere bestimmt, entschied er sich für Medicin, beschäftigte sich namentlich mit Anatomie u. Nosologie, promovirte 1750, erwarb sich trotz seiner Jugend sehr bald den Ruf eines geschickten Arztes, durch seine Arbeiten die Mitgliedschaft des berühmten Instituts von Bologna u. 1755 die Professur für Anatomie, siedelte aber verschiedener Anfeindungen wegen nach Padua über, wo er 1771 Morgagnis Stellung erhielt u. würdig ausfüllte. Er st. 30. (nach Anderen 20. oder 24.) Decbr. 1813, verehrt von seinen Landsleuten u. den Fremden wegen seiner eminenten Talente u. der Vielseitigkeit seines Wissens. In dem Streite über die Irritabilität trat er auf Hallers Seite (Lull' in- ssnsitivitü eck irritabilita äi aleuns xarbi äsZIi auiwali, Bol. 1757, u. Retters. sopra 1'irritsbi- litä eä insensitivits. Halleriana, ebd. 1759). Vielseitige Benutzung fanden auch im Auslande seine: Institution«» xstboiossics.«, Padua 1772 u. ö.; Institution«» plrMoloMas, ebd. 1773 u. ö.; Institution«» anatomioas, Vened.1787, Lpz.1792; Institution«» ssmiotieas, Padua 1808. Am berühmtesten aber wurden die in Verbindung mit seinem Neffen Florian C. herausgegebenen Icons» anatornicas, Vened. 1801—13; der letzte Theil erschien 1814; den sehr genauen Tafeln schließt sich ein kurzer Text an. Außer den genannten Werken findet sich noch eine große Menge von Monographien u. Abhandlungen aus verschiedenen Jahren. Seine Gedächtnißrede, von seinem Neffen Florians gehalten, ist in den Abhandlungen der Locists. itslrana XIX. ausgenommen. 2) Florians, Neffe des Vor. u. Sohn des Mathematikers Pctronio Maria C., geb. 1772 in Padua; studirte unter seines Onkels Leitung namentlich Anatomie u. Physiologie, erhielt die Professur dafür 1800 in seiner Vaterstadt, ging 1812 nach Bologna als Jnspector der Anatomie u. Medicin u. wurde Mitglied u. Pensionär des Kgl. Italienischen Instituts der Wissenschaften und Künste, Mitglied verschiedener Gelehrter Gesellschaften. Erst, als Rector magnikicus in Padua, wohin er zurllckgekehrt war, 11. April 1836. Außer den vorher erwähnten Icons» anatomicas gab er noch heraus: Riüsssioni sopra alcuni parti ä'un nuovo sis- tsma äsi vasi nbsorbonti scl sspsrionra »all' «Isttricitä auimalo, Padua 1792; Ossorvarioni sulia msmbraua äsi timpauo, ebd. 1794; Opus- cula anatomica, Ticini 1803; Tabula« anatom. liAamsut., Vened. 1803; Rlsmouta äi anatomia, ebd. 1828, u. a. m. Kurz vor seinem Tode erschien die Xnatomia umana complota, ebd. 1836. Thamhavn. Caldära, 1) Polidoro, berühmter italienischer Maler, genannt da Caravaggio nach seiner Vaterstadt im Mailändischen, geb. 1495; diente anfangs den Schülern Rafaels im Vatican bei der Anfertigung des Mauerbewurfes zu Frescogemäl- den, wurde dann Maler u. einer der ausgezeichnetsten Schüler Rafaels. Bei der Plünderung Roms 1527 floh er nach Neapel u. sammelte viele Schüler um sich, ging später nach Messina, wo er eine Malerschule errichtete, u. wurde 1543, als er nach Rom zurückkehren wollte, von einem Diener ermordet. C-s Sgrasfitomalereien sind fast sämmt- lich zu Grunde gegangen, doch findet man i»i Vatican u. an dem Äußern mancher Paläste in Rom Werke von ihm, meist mythologischen Inhaltes; Einzelnes ist in Kupferstichen erhalten. Von allen Schülern Rafaels folgte keiner der Auffassung der Antike so wie er, bis später auch er in widrigen Naturalismus verfiel, doch legte er mit seiner Energie gleichwol den Grund zur späteren neapolitanischen Schule. Seine Ölgemälde haben meist einen schweren braunen Farbenwn u. machen den Eindruck, als ob sie nur mit einer Farbe gemalt seien. In Galerien ist er außerhalb Neapel selten; die Galerie in Gotha besitzt eine Verkündigung von ihm, das Berliner Museum einen Heiligen Lucas, die Dresdener Galerie einen Kampf römischer Reiter aus einem Schilde von Eisenblech. Nach ihm stach Galestruzzi u. gab die Stiche heraus als: Oper« äi R. äs. 6arava--ssio, Rom 1653. 2) Antonio, berühmter Componist, geb. 1670 zu Venedig u. daselbst von Legreuzi unterrichtet; trat schon als 18jährigcr Jüngling mit einer Oper, Argene, an die Öffentlichkeit, wurde 1714 Kapellmeister am Hofe zu Mantua, Oalänria — Calderon. 381 1716 kais. Vice-Hoflapellmeister zu Wien. Daselbst war er (neben Fux) Lehrer Karls VI.; er st. 28. Der. 1736. C. schrieb zahlreiche Opern u. Festspiele, Oratorien, Messen, Motetten, Psalmen, Hymnen, Cantaten, Sonaten für 2 Violinen u. Baß. Seine dramatischen Compositionen, einst berühmt, sind jetzt fast unbekannt; sie haben einen fließen den, leichten Stil, entbehren aber einer tieferen Charakteristik; die kirchlichen Werke stehen höher. Über den letzten Theil seines Lebens hat sich die irrthümliche Nachricht verbreitet, als habe er sich 1736 von der Welt zurückgezogen, nur für die Kirche cvmponirt, sei nach Venedig zurückgekehrt n. daselbst erst 28. Ang. 1763 gestorben. 1) Regnet.* 2) Brambach. Ualäarls (Oalckarinm, lat.), 1) Badezimmer, s. u. Bad. 2) Ehernes Gefäß zum Kochen. 3) 6. jnäieiaria,, das Gottesurtheil mit heißem Wasser; s. Wasserprobe nnt. Gottesurtheil; auch als Todes- strafe das Ertränken in siedendem Wasser. llaläarlum (lat.), 1) so v. w. dalciaria; 2) warmes Hans, s. u. Gewächshäuser. Caldas (span. u. Port., warme Quellen) heißen mehrere Bade- u. Ouellenorte in Spanien n. Portugal, darunter: 1 ) C. da Reinha, Flecken im Distr. Leiria der ehemal. portugiesischen Provinz Estremadura; Fayencefabrikation; Messe im Ang.; 1800 Ew.; hier 4 besuchte warme Schwefelbäder von 26—27° R. Wärme, mit Badehaus u. zwei großen Hospitälern für 2000 Kranke, die auch Verpflegung erhalten, das bedeutendste der portugiesischen Bäder. Das Bad ist 1495 durch die Königin Leonore, Gemahlin Johanns II., eingerichtet u. derselben deshalb ein Denkmal errichtet worden. Johann V. ließ die Anstalt 1747 wiederherstellen. 2) C. de Gerez, Dorf im Distr. Braga der ehem. portugiesischen Provinz Minho; heiße Quellen n. sehr besuchte Bäder. 3) C. de! Rey, Stadt in der spanischen Prov. Pontevedra, am Vigo; heiße Mineralquellen u. Bad. 4) C. de Mombuy, Flecken in der spanischen Provinz Barcelona, in wilder u. gebirgiger Gegend; Hospital; ehemals sehr besuchte heiße Mineralquellen von 46—56° L.; Überreste alter römischer Bauwerks; 3600 Ew.; ist das alte Aquicaldenses. Caldera, Stadt in der Provinz Atacama der südamerikanischen Republik Chile, an der gleichnamigen Bai; wichtiger Hafen, dessen Ausfuhr 1873 einen Werth von 5,737,209 Doll, (meist Metalle) repräsentirte; Leuchtthurm; regelmäßige Dampferverbindung; Eisenbahn nach Copiapo (Hauptstadt der Prov. Atacama); (1865) 3320 Ew. , Calderari (d. h. Kesselschmiede), geheime politische Gesellschaft in Italien, bes. im Königreich beider Sicilien, n. hier vielmehr in den Provinzen, als in der Hauptstadt; sie entstand in Palermo um 1809, als Lord Bentinck die Zünfte auflöste, wo die Kesselschmiede der Königin Caroline insgeheim das Anerbieten machten, für sie gegen die Engländer die Waffen zu ergreifen. Obgleich die Königin dieses Anerbieten ablehnte, so wurden doch die Versammlungen der Kesselschmiede die Vereinigung der Unzufriedenen. Als Bentinck hiervon Nachricht erhielt, ließ er die größten Schreier nach Neapel übersetzen. Hier stifteten sie bald neue Verschwörungen gegen Mnrat u. schlossen sich an. eine der ältesten politischen Gesellschaften, die Unitarier, zum Theil Überbleibsel der Banden von 1799, an, die sich nun C. nannten, meist aus gemeinen Leuten bestanden u. nach der Rückkehr des Königs Partei gegen die Carbonari nahmen. 1816 schlug der Fürst Canosa, damaliger Polizeiminister, vergebens vor, sie als Gegengewicht gegen die Carbonari zu benutzen. Kurz darauf wurden sie verboten n. verschwanden nach u. .nach. Nach Graf Orlow (in den Memoiren über Neapel) waren sie gegen Ende 1813 in Neapel als 0. äs! oontraposo (C. des Gegengewichtes) aus den Carbonari entstanden u. von dem Fürsten Canosa zu deren Bekämpfung ünterstützt worden. Vgl. I?ik- ksri äi NontNAvs,, Dubl. 1820. Lagai.* Calderari, Otto Graf, italien. Architekt, geb. 1730 zu Vicenza, gest. das. 6. Oct. 1803, Schüler des Dom. Cerato; er stndirte Vitruvius, Sca- mozzi u. Palladio u. baute in Vicenza u. Umgebung die Palazzi Anti, Sola, Cordella, Bonini, Villen, Kirchen u. in Verona das berühmte 8o- minario aroi vesoovils. Seine Bauten charakteri- sirt vollendete Harmonie, Reinheit der Formen u. weise Sparsamkeit in der Decoration. R-gnet. CalderoNf I ) Don Pedro C. de la Barca HHao y Riano, berühmter spanischer Dichter, qeb. 17. Jan. 1600 in Madrid: ü udirte bis 1619 in Salamanca, ging dann nach Madrid u. diente seit 1625 in Mailand u. in den Mederlanden als Soldat. Im I. 1635 wurde er Hofbühnendichter; 1651 in den geistlichen Stand getreten, wurde er 1653 Caplan in Toledo, 1663 Ehrencaylan des Könias u. 1681 Oaxelan mazwr der Kongregation von St. Petrus . Er ^t. 25. Mai 1681. , S ein Grab in dem Kloster Booch-Arkossy » 3) Regnet. Caldiero, Dorf in der italien. Prov. Verona, Distr. San Bonifacio, am Fibio; warme Schwefelquellen (22° L.) u. Bäder; 2292 Ew. Hier 12. Novbr. 1796 Gefecht der Österreicher unter Alvinczy u. der Franzosen unter Bonaparte, u. 29.—31. Octbr. 1805 blutige und unentschiedene Kämpfe der Österreicher unter Erzherzog Karl mit Len Franzosen unter Massena. Caldwell, 1) County im nordamerikanischen Unionsstaate Kentucky, unter 37" n. Br. u. 88° w. L.; Steinkohlen, Eisenerz; 10,826 Ew.; Countysitz: Princeton. 2) County im nordamerikanischen Unionsstaate Louisiana, u. 32°n. Br. u. 92° w. L-; 4820 Ew.; Countysitz: Columbia. 3) County im Nordamerika». Unionsstaate Missouri, u. 39° n. Br. u. 94" w. L.; 11,390 Ew.; Countysitz: Kingston. 4) County im Nordamerika». Unionsstaate NCaro- ina, u. 36° n. Br. n. 81° w. L.; 8476 Ew.; Connty- Colembourg. sitz: Lenoir. 5) County im nordamerikan. Unions» staate Texas, u. 29° n. Br. n. 97° w. L.; 6572 Ew.; Countysitz: Lockhart. Calebasse (fr.), s. u. Orssesnbia. Oalsyons (fr.), Unterbeinkleider. Caledonra (Calcdonien), 1) (a. Geogr.) der nördlichste Theil der Insel Albion, also das jetzige Schottland; hier die 0. silva, die schottischen Waldgebirge; die Einwohner, Caledonier (Gälen), waren Kelten; s. u. Britannia (a. Geogr.) und Schottland (Gesch.). 2) County im nordamerikan. Unionsstaate Vermont, u. 44° n. Br. u. 72° w. L.; 22,247 Ew.; Countysitz: St. Johnsburg. Caledonischer Kanal, durchschneidet die Grafschaft Jnverneß (NSchottland) von NO. nach SW., geht von der Stadt Jnverneß am Firth of Moray bis zum Fort William am Linnhe-Loch und verbindet die Nordsee mit dem Atlantischen Ocean, durchzieht die Seen Neß, Oich u. Lochy u. hat 13 Schleusten (8 Hauptschleußen). Der Kanal wurde 1803 im Bau begonnen, 1822 eröffnet u. 1848 vollendet u. kostete 1,311,270 Pfd. St. Er kann von größeren Kriegsschiffen befahren werden; die Häfen an seinen beiden Ausmündungen können die größten Flotten aufnehmen. Durch ihn wird die gefährliche Fahrt um die schottischen Küsten vermieden u. bedeutend gekürzt; er ist von großer Wichtigkeit für den Handel n. Ackerbau Schottlands, bringt dem Staate aber kaum die Hälfte der Unterhaltungskosten ein. Caledonisches Meer, Theil des Atlantischen Meeres zwischen der WKüste von NSchottland u. den Hebridischen Inseln. Caledonit, Mineral, in rhombischen Krystallen od. Büscheln, durchscheinend bis durchsichtig; Bruch uneben; Fettglanz; Farbe dnnkelspangrün ins Berggrüne; Strich grünlich-weiß; Härte — 2,g—3; spec. Gew. — 6,«; besteht aus 55,g schweselsaurem Bleioxyd, 32,g kohlensaurem Bleioxyd, 11,« kohlensaurem Kupferoxyd; findet sich zu Leadhills in Schottland u. Rezbanya in Siebenbürgen. llslekscientm (lat.), erhitzende Mittel. Calefac- tion, Erwärmung. Calefactor, 1) Einheizer, Laufbursche, Aufwärter. 2) Schmeichler, Öhrenbläser; daher calesactern, hernmlaufen, sich um fremde Angelegenheiten bekümmern. 3) (Osäskaebor ooras) Im Mittelalter der Kanzleibeamte, welcher das Siegelwachs bereitete. Calembourg, ein Wortspiel, bei welchem ein oder mehrere gleichlautende Worte einen an sich oder durch verschiedene Schreibung zweifachen Sinn geben, einen gewöhnlichen, allgemein verständlichen u. einen, welcher aus der Beziehung ans ein bestimmtes Object hervorgeht, so daß beide Arten der Auffassung gcgenübergestellt einen komischen Contrast bilden. So sagten die Franzosen bei der Vermählung Napoleons I. mit Marie Luise: 6'ssb äomma^s gn'ells a nn nsr ronä (eine runde Nase), was klang wie: nn üsron (einen Nero zum Manne), n. 1815 nach der Rückkehr LudwigsX VIll.: üons sonnnss su öbut äs pazwr äss Aranäss oonbribntions, pures gns nous avons nn §ros re- vsnn (d. h. ein bedeutendes Einkommen, od. auch einen znrückgekehrten Dicken, Anspielung auf die Körperstärke des Königs). Die französische Sprache 383 Lulbiiäus ist besonders reich in diesen Wortspielen; der Marquis von Biövre machte deren so viele, daß Deville sie sammelte u. herausgab. Ihren Namen erhielten sie nach Einigen von einem Apotheker C. in Paris, nach Anderen von einem deutschen Edelmann von Calemberg, oder von einem westfälischen Grafen Calenberg, der am Hofe des Königs Ludwig XIV., oder an dem des abgesehen u. in Lnneville residirenden Königs Stanislaus von Polen lebte u. so schlecht französisch sprach, daß stets die ergötzlichsten Verwechselungen znm Vorschein kamen. Die Herzogin von Boufflers, Geliebte Stanislaus', merkte sich dieselben, um die königlich französische Familie damit zu belustigen. Es wurde nun am Hofe Mode, jeden Doppelsinn C. zu nennen, u. vom Hofe ging das Wort auf Paris u. ganz Frankreich über. valenäas (Lulsnckas, lat.), der 1. Tag eines jeden Monats (s. u. Kalender); derselbe wurde mit Opfern u. Lustbarkeiten hingebracht. An den Calenden wurden auch die geliehenen Capitalien znrückgezahlt n. die Zinsen abgetragen (s. Oalsn- äarinm); daher Lalsnäas tristso, die traurigen Calenden, nämlich für die Zahlenden; aä lluloo- äas (Hrnsons, d. h. nie, weil die Griechen den 1. Monatstag nicht durch das Wort Kalenden bezeichnten, welches Wort ihrer Sprache überhaupt nichr angehörte. Calendario, Filippo, venetianischer Bildhauer u. Baumeister; lebte um die Mitte des 14. Jahrh. u. ward vom Dogen Marino Falieri mit dem Bau des Dogenpalastes betraut, infolge dessen er den Porticus gegen die Riva degli Schiavoni u. die sechs ersten Bögen an der Pia- zetta ausführte. Auch die allegorischen Figuren an den Capitälen des ersten Stockwerkes sind von C. Da er dem Dogen verschwägert war, fiel 1335 sein Kopf mit jenem Marino Falieris, au dessen Verschwörung er theilgenommen haben sollte. Regnet Lslonäarium, I) (röm. Ant.) Schuldenregister, in welches die Capitalicn nebst Zinsen eingetragen wurden; es wurde von einem besonderen Sklaven (Calsoäarruo) geführt. 8) So v. w. Kalender; daher l-ulenckarium üoras, Verzeichniß von Pflanzen nach den Monaten, in welchen sie blühen; 6a1snäurium savotorum, so v. w. Martyrologium; daher Calendariograph, ein Kalenderschreiber, u. Calendariographie, die Kunst, einen Kalender zusammenzustellen. Lalenästwuin, im Mittelalter die Geschenke, welche am Neujahrstage der Kirche u. den Geistlichen gegeben wurden. vslonäula L. (Ringelblume), Pflanzengatt, aus der Familie der 6omxo8itas-I?Io8euIo8us-6L- Isuäulo'iäsus (XIX. 4), Kräuter mit einzelnen, endständigen, flachen Köpfen, an denen 2 Reihen Hüllblätter u. 1—3 Reihen zungenförmiger, weiblicher u. fruchtbarer Randblüthen stehen, während die röhrenförmigen, zwitterigen Scheibcnblllthen alle unfruchtbar sind; Staubbeutel kurz geschwänzt; Griffel der Strahl- u. Randblüthen tief 2spaltig, mit freien Ästen, der Schcibenblüthen kegelförmig, sehr kurz 2spaltig, verkümmert; Frucht bogen- od. kreisförmig gekrümmt, ohne Kelchsaum. Arten: 6. arvouoio T,., mit länglich-lanzettlichen Blättern, ziemlich kleinen goldgelben Köpfen, linealischen, ge- — Calsa. schnäbelten, auf dem Rücken stacheligen, äußeren u. kreisförmig eingerollten inneren Früchtchen; in SDentschland heimisch, in NDeutschland Gartenunkraut. 6. oklieinalia L., Ringel-, Studenten-, Todtenblume, mit spatelförmigen unteren Blättern, ziemlich großen, orangefarbenen Köpfen, fast sämmtlich kahnförmigen, auf dem Rücken spitz-höckerigen Früchten, von denen die äußeren kaum geschnäbclt, oberwärts innen flügelig-gekielt sind; in SEuropa heimisch, in Deutschland häufige Zierpflanze, hier und da verwildert. Die ganze Pflanze hat einen unangenehmen, balsamisch-harzigen Geruch; sonst waren Kraut, Blüthe u. Samen (Horba, Illorso, Leinen Lulsn- cknlas) officinell zur Auflösung zähen Schleimes u. in mehreren chronischen Übeln geschätzt, n. neuerdings wurde das aus der ganzen Pflanze bereitete Extract innerlich u. äußerlich gegen den Mutter- krebs empfohlen. Die Blumen dienen zur Färbung der Butter, überhaupt als Surrogat des Safrans zum Färben. Aus den Blüthen gewinnt man einen Ingnor Illsrnm Calsncinlas, der nach Schneider, auf blutende Wunden gegossen u. mit Leinwand aufgelegt, ein vorzügliches blutstillendes Mittel sein soll, auf folgende Weise: Die ganz aufgeblühten frischen Blüthen werden in einem langen, 4—8 Unzen haltenden, fest verkorkten u. verbundenen Arzneiglase, das frei an einem Banniaste anfgehängt ist, den Sommer hindurch, bis Fröste zu befürchten sind, den Sonnenstrahlen ausgesetzt, u. die sich hierbei bildende, durch Abgießen n. Ausdrücken der Blüthen gesammelte Flüssigkeit in wohlverstopften Gläsern aufbewahrt. '' Engter? Calentüra (Spanisches Fieber), von Sauva- ges kbrsnitis oslsnturs genannt, hitziges Fieber eigener Art mit heftiger Raserei; befällt Seeleute in tropischen Gewässern, bes. wenn sie nachts in heißen Räumen eng eingeschlofsen schlafen, plötzlich, so daß sie aus dem Schlafe erwachend in wilden Phantasien sich oft ins Meer stürzen. Über die Entstehung u. das eigentliche Wesen dieser Krankheit gibt es nicht viel mehr, als Vermuthungen. Oalopins Pflanzengatt, aus der Fam. der Oruoiksras-Ioatüooue, ein einzähniges, aufrechtes Kraut mit fiederspaltigen Grundblättern u. pfeilförmigen Stempelblättern, weißen, in Trauben stehenden Blüthen, deren Kelchblätter abstehen; Frucht ein dickes, eiförmiges oder längliches, etwas zusammengedrücktes, nicht aufspringendes Schöt- chcn mit hängendem kugeligem Samen, in welchem die Kotyledonen zusammengefaltet sind. Die einzige bekannte Species der Gattung: 6. eorvini Ackerns., findet sich in Sibirien, Klein-Asien, Mittel- u. SEuropa, in Deutschland am Unter-Rhein auf dem ganzen Mayenfelde zwischen Mayen, Koblenz u. Andernach. Eagler. Cales (a. Geogr.), Stadt in Campanien, Sitz der Calenen, lag an der Via lutiuu und baute guten Wein. Sie wurde von den Römern erobert u. 334 v. Ehr. durch 2500 röm. Bürger colonisirt (nach Cicero war es eine Municipalstadt). Vgl. Mattia Zona, LIsmorie cksll' autiolüsLima oitta cli Outvi, Neap. 1820. Calesciren (v. Lat.), warm machen, erwärmen. Calfa, Ambro ife, armenischer Gelehrter, gen. Jussuf Bey, gcb. 2. März 1830 in Constanti- 384 Calhoun - nopel; studirte bei den Mechitaristen in Venedig u. wurde 1848 Professor u. 1854 Director am Collegium Moorat zu Paris; er wurde nachher infolge der Trennung der Mechitaristen einer der Gründer des Armenischen Collegiums in Grenelle. C. schr. u. a. eine Universalgeschichte, Ven. 1851, 5 Bde.; Armenische Kalligraphie, Par. 1854, 3. Ausl., 1859; Armenisch-französisches u.Französisch- armenisches Wörterbuch, ebd. 1860—66; übersetzte auch mehrere Jugendschriften ins Armenische. Calhoun, 1) County im nordamerik. Unionsstaate Alabama, unter 33" n. Br. u. 85° w. L.; 13,980 Ew.; Countysitz: Jacksonville. 2) County im nvrdam. Unionsstaate Arkansas, unt. 33" n. Br. u. 92" w. L.; 3853 Ew.; Countysitz: Hamp- ton. 3) County im nordam. Unionsstaate Florida, unter 30" n. Br. u. 85" w. L.; 998 Ew.; Countysitz: St. Joseph. 4) County im nordam. Unionsstaate Georgia, u. 31° n. Br. u. 84" w. L.; 5503 Ew.; Countysitz: Morgan. 5) County im nordam. Unionsstaate Illinois, u. 39" n. Br. u. 90° w. L.; 6562 Ew.; Countysitz: Harbin; am Mississippi Kohlenfelder. 6) County im nordamerikanischen Unionsstaate Iowa, u. 42° n. Br. u. 94" w. L.; 1602 Ew.; Countysitz: Lake City. 7) County im nordam. Unionsstaate Michigan, unter 42° n. Br. und 85" w. L.; 36,569 Ew.; Countysitz: Marshall. 8) County im nordam. Unionsstaate Mississippi, u. 33° n. Br. u. 89° w. L.; 10,561 Ew.; Countysitz: Piksboro. 9) County ini nordam. Unionsstaate Nebraska, im Census von 1860 mit 41 Ew., 1870 aber nicht erwähnt. 10) County im nordam. Unionsstaate Texas, n. 28° n. Br. u. 96" w. L.; 3443 Ew.; Countysitz: Jndianola, 11) County im nordam. Unionsstaatc WVirginia, u. 38° n. Br. u. 81" w. L.; 2939 Ew.; Countysitz: Lowman. Calhoun, John Caldwell, nordamerikan. Staatsmann von irischer Abstammung, geb. 18. März 1782 in Abbeville (Staat SCarolina); stn- dirte u. prakticirte seit 1807 als Advocat in Abbs- ville, wurde 1809 ins Repräsentantenhaus von SCarolina und 1811 zum Congreß nach Washington gewählt. Er übte damals als Führer der Kriegspartei u. Gegner des Embargogesetzes u. der Einführung der Zettelbank großen Einfluß auf den Congreß aus. 1817 wurde er unter dem Präsidenten Monroe Kriegsministcr u. organisirte als solcher das ihm überwiesene De- partemcnt, welches sich damals in einem Zustande völliger Verwirrung befand. Seit 1825 unter Adams u. Jackson Vicepräsident der Vereinigten Staaten, trat er 1830 von dieser Stelle ab, weil er den Ansichten der Präsidenten entgegen die Sonderinteressen der Einzelstaaten auf Kosten der Union gewahrt wissen wollte, u. wurde Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung im Senat S- Carolinas. Hier begann er eine Agitation gegen die Schutzzölle ins Leben zu rufen, welche dem mehr industriellen Norden Vortheil brachten, während der ackerbautreibende Süden dadurch benachtheiligt war. Er berief 22. Nov. 1832 eine Volksversammlung, die sich als Convent constituirte u. vom 1. Febr. des nächsten Jahres an die Erhebung der Zölle verbot. Diesem revolutionären Gebühren trat die Centralregierung entgegen. C. — Calidills. versuchte im Congreß eine Vertheidigung seiner sogenannten Nnllificationslehre, nach welcher die Beschlüsse des Congresses erst durch Zustimmung der Einzelstaatenregierungen Gesetzeskraft erlangen sollten. Ihm gegenüber trat Dan. Webster (s. d.), dessen Ansichten von der Majorität getheilt wurden. Der Beschluß, daß die Schutzzölle im Laufe der nächsten 9 Jahre reducirt werden sollten, führte zu einer Ausgleichung zwischen SCarolina u. der Union, doch wurde das Schutzzollsystem im Jahre 1842, statt aufgegeben, von Neuem befestigt. Die Hauptbestrebungen C-s, als Mitgliedes des Senats, galten dem Freihandel, der Trennung der Regierung vom Bankwesen, der Sparsamkeit im Staatshaushalte u. Aufrechterhaltung der Sklaverei. 1844, in dem letzten Verwaltungsjahre des Präsidenten Tyler, wurde er Staatssecretär des Innern; seit 1845 ohne öffentliches Amt, trat er 1850 noch einmal als Agitator für das Institut der Sklaverei auf u. verlangte sogar die Trennung der SStaaten von der Union, st. aber 31. März dess. I. Seinem Wirken ist die spätere Secession mit dem Bürgerkriege zuzuschreiben. Seine Reden u. staatsrechtlichen Abhandlungen erschienen 1853. Cali (San Jago de C.), Stadt im Staate Cauca der slldamerikanischen Republik Columbia, am gleichnamigen Flusse und im WAbhange der Anden; Ackerbau; Viehzucht; Handel; angeblich gegen 12,000 Ew. Caliari, Malerfamilie; s. Cagliari. Caliaturholz, s. ?tsroearpu8. Calrban, 1) bei Shakespeare (im Sturm) Sohn der Zauberin Sycotax, mit ihr Bewohner einer wüsten Insel, Ungeheuer, häßlich, roh, verrucht, thierisch, aller Verbrechen fähig u. teuflisch verschmitzt; nach seiner Mutter Tod Prosperos Sklave, versucht er sich gegW denselben zu empören, wird aber mit Hilfe Ariels überwunden; daher 2) ein häßlicher, bestialischer Mensch. Caliber, Calibrrren, s. Kaliber, Kalibriren. Calicedraholz, s. (lsärsla. Callco (Calicoes), ursprünglich der Kattun, da er von Calcntta kam; jetzt englischer, zum Druck bestimmter, wie glatter Nankin gewebter Kattun. Es gibt 2 Sorten, Karck^iäs u. LIviäs, die sich durch Verschiedenheit der Länge u. Breite aus- zeichnen. Calicut (Kalikotu), Seestadt des Distr. Malabar der britisch-indischen Präsidentschaft Madras; früher bedeutender Handelsplatz mit jetzt theilweise versandeter Rhede; ungefähr 15,000 Ew. Im Mittelalter gegründet u. damals Sitz des bedeutendsten Gewürzmarktes des Orients, stand es unter der Herrschaft der Zamorin (Tamurin Ra- dscha), einer malabarischen Fürstenfamilie, n. war die erste indische Stadt, welche die Europäer (Vasco de Gama, 20. Mai 1498) zur See erreichten. 1510 stürmten es die Portugiesen unter Albu- querque u. legten 1513 ein Fort an, 1616 die Engländer eine Factorei. 1773 u. 1789 wurde es von Hyder Ali unter furchtbaren Grausamkeiten erstürmt u. verwüstet; seit 1792 ist es dauernd britisch. Thielem-mn. Calicutisches Huhn, so v. w. Truthuhn. Calidrus, Marcus, berühmter röm. Redner; war 57 v. Ehr. Prätor u. bewirkte die Rückkehr 385 Californieu (Gcogr. u. Statist.). Ciceros aus dem Exil und beschützte später den Milo; beim Ausbruch des Bürgerkrieges trat er zu der Partei Casars u. erhielt von demselben die Verwaltung der Provinz Oallia oioxaäana. Er starb dort in Placentia. C. war als Redner wegen seiner feinen und eleganten Redeweise berühmt; es fehlte ihm dagegen, nach Ciceros Ur- theil, das Feuer des Vortrages. Kalifornien. Geogr. u. Skat. Küstengebiet des westlichen NAmerika, am Großen Ocean, südlich vom 42. nördl. Parallelkr., sammt einer langen, schmalen, in südöstlicher Richtung sich erstreckenden Halbinsel; diese wird Alt- oder Nieder-C., das Küstengebiet Nen- oder Ober°C. genannt. A. Alt- od. Nieder-C. (California In vieja od. baja), die Halbinsel, Territorium der Republik Mexico (lorritorio äs Laja 6.); im S. u. W. vom Großen Ocean, im N. von Ober-C. begrenzt u. im O. durch den Colorado u. den Golf von C. von den mexican. Staaten Sonvra n. Cinaloa getrennt; Länge: 1275 lcra, Breite: 44,5 bis 178 bin, Flächeninhalt: 164,439 Hjlcm (2896 UM). Bodengestaltung: Der südl. Theil der Halbinsel wird von einer fast genau von S. nach N. gerichteten Bergkette durchzogen, die beim Cap San Lucas beginnt u. in der Nähe der Bai von La Paz unter 24" 20' n. Br. endet; ihre bedeutendste Höhe erreicht sie im San Lazaro, ungefähr 1828 in hoch. Zwischen dieser Bergkette n. der OKüste streichen fast parallel mit elfterer niedrige Höhenzüge, zwischen denen schöne, fruchtbare Thäl'er liegen. In diesem Theil der Halbinsel liegen die werthvollsten Silberminen. Nördlich von 24" 20' bis etwa 27° n. Br. zieht sich längs der WKüste eine lange Ebene hin, die gegen O. allmählich bis zu einer Höhe von 945 bis 1250 m ansteigt und dann plötzlich steil nach der OKüste absällt; der erhabene ORand dieser Ebene bildet die Sierra de la Gigantea. Das ganze Hochplateau ist, abgesehen von den tiefen Schluchten, die es durchziehen, unfruchtbar u. baumlos. Westlich u. nordwestlich von San Jgnacio, unter 27" n. Br. (in dessen Nähe der Vulcan de las Virgines), dehnen sich bis San Borja unter 29° n. Br. weite Ebenen aus, die eine vollständige Wüste bilden. Im nördlichen Theil der Halbinsel (nördlich von San Borja) verschwindet die tafelförmige Beschaffenheit des Bodens zum großen Theil. Die Bergkette an der OSeite setzt sich, mehrfach unterbrochen, fast parallel mit der Küste nach N. fort, bis sic sich zwischen dem 30. u. 31. nördl. Parallelkreise in der Ebene verliert. Dahingegen tritt an der WSeite unter 29° n. Br. ein neuer Höhenzug auf, der, den westlichen Theil u. die Mitte der Halbinsel durchziehend, nach N. hin immer mehr an Höhe znnimmt u. endlich zu einer Bergkette von bedeutender Höhe wird. Zwischen dieser Bergkette u. der WKüste liegen mehrere große, fruchtbare Thäler. Flüsse fehlen der Halbinsel gänzlich; an den Küsten giht es mehrere Bäche u. in größeren Thälern zahlreiche Quellen. Die Küsten sind zum Theil sehr zerschnitten; auf der OSeite ist die Molege-Bai wichtig, auf der WSeite die Mag- dalena-Bai, letztere ein herrlicher Hafen, welcher an Größe, Tiefe und Sicherheit dem von San Francisco nicht nachsteht. Diese, sowie die San- PiercrZ Uaivsrsal-CoiiversaticnS-Lexikon. L. Aufl. I Jgnacio-Bai u. Scammon-Lagune sind treffliche Walfischgründe. Das Klima ist gesund; der Winter kurz, nicht ohne Reif u. Frost, der Sommer außerordentlich heiß, sehr trocken; es regnet fast nur im Juli u. August, selten im Juni und October, in den übrigen Monaten des Jahres ist der Himmel wolkenlos u. sehr klar. Der Boden ist größtentheils felsig u. sandig, daher unfruchtbar u. baumlos; in den vielen qnellenreichen Thälern jedoch, überhaupt an solchen Stellen, wo Wasser vorhanden ist, herrscht eine sehr große Fruchtbar- keit. Der Mineralreichthum ist sehr bedeutend, die Ausbeute indeß noch eine geringe. Die Silberminen des Südens sind im Besitze mehrerer Gesellschaften; das Gebiet zwischen 24" 20' u. 31" n. Br. ist im Jahre 1866 von der Lower California Company in New-I)ork erworben worden, welche die Ausbeute der in demselben vorhandenen zahlreichen Erzlager bezweckt. Außer Silber kommen Kupfer, Quecksilber, Blei, Salz rc. vor. Producte des Pflanzenreiches: Baumwolle. Mais, Warzen, Zuckerrohr, Wein, Obst, Bataten, Melonen, Erbsen, Schminkbohnen, Gemüse, Hans, Flachs, Cactusarten; Nutzholz selten, im S. Eichen u. Tannen, in fast allen Thälern Akazien und Palmen. Das Thierreich ist vertreten durch: Bcrgschafe mit schöner Wolle, Rehe, Biber, aschgraue Fasanen, Enten, Löffelgänse, Kolibri, wilde Tauben, Schildkröten, schöne Muscheln, Perlmuscheln, Haifische, Thunfische, Rochen, Sardellen, Seewölsc, Seekälber, Walfische. Die Urbewohner des Landes (Stämme der Pericu, Monqui u. Cochimi), die zu den rohesten Jndianerstämmen gehörten, wurden von den Jesuiten in zahlreichen Missionen gesammelt u. zu Ackerbau u. Viehzucht angehalten; nach Vertreibung derJesniten im Jahre 1767 wurden die Missionen von den Dominicanern u. Franciscanern geleitet; 1833 wurden sie aufgehoben. Die bedeutendsten Missionen, jetzt meist elende Dörfer, waren: S. Borja, S. Jgnacio, Loreto, S. Antonio, Todos Santos, S. Jose de Labo u. a. Die Gesammtzahl der Einwohner wird in osficiellen Berichten vom Jahre 1870 auf 21,645 angegeben; der größte Theil der Bevölkerung ist eine Mischlingsrace aus spanischem n. indianischem Blute, wobei letzteres vorwiegt. Der Handel, noch unbedeutend, ist im Aufblühen begriffen; Ausfuhrartikel: Silber, Perlen, Schildkröten rc. Industrie erst im Beginnen. Hauptstadt: La Paz, früher Bahia de Santa Cruz, wo Cortez 3. Mai 1535 landete; 500 Ew. Inseln: a) im Golfe von C.: Angel de la Guarda, Ti- baron, Carmen, Santa Cruz, S. Josef, Spiritu Santo, Ceralbo; b) im Großen Ocean: Cerros, Santa Margarita. L. Neu- oder Ober-C. (California la nusva oder Alta 0.), einer der Vereinigten Staaten von NAmerika, an der Küste des Großen Oceans; grenzt gegen N. an den Staat Oregon, gegen O. an den Staat Nevada u. das Territorium Arizona, gegen S. an Alt- od. Nieder-C. u. gegen W. an den Großen Ocean; Flächenraum: 489,441 ßljlcni (8888,7 UM). Bodengestaltung: Die Gebirgskette des nördl. Alt- oder Nieder-C. setzt sich nach N. hin durch das südl. Neu- od. Ober-C. über den 2830 in hohen Mt. Bernardino bis zum v. Land 25 386 Californicn (Geogr. u. Statist.). Tejon-Pafle unter 35" n. Br. fort, wo die beiden Gebirgszüge, die Küstenketten n. die Sierra Nevada, die auf die Bodengestaltung des ganzen Staates bestimmend einwirken, ihren Anfang nehmen. Beide Gebirgszüge streichen, das San-Joa- quin- u. Sacramento-Becken einschließend, von SO. nach NW. Das 680—1000 m hohe Küstengebirg (Coast Ranges), mehrfach, bes. aber durch die Bai von San Francisco unterbrochen, läuft mit der Küste, von der es durchschnittlich 70 km entfernt bleibt, fast ganz parallel. Zwischen seinen Hauptketten und dem Meere finden sich, durch herrliche Längsthäler von jenen geschieden, noch mehrere niedrige Ketten. Höchste Gipfel: Mt. Riplcy, u. 39" n. Br. 2192 m; etwas nördlicher Mt. John 2436 m u. unter 40° n., Br. der wahrscheinlich noch höhere Mt. Linn. Üppige Wälder, vorwiegend aus Coniferen u. Eichen bestehend, bedecken die an mineralischen Schätzen reichen Küstenkettcn. Die Sierra Nevada hat eine Länge von etwa 865 n. eine durchschnittliche Breite von 150 Icm. Die westliche Abdachung ist eine viel sanftere u. längere, als die östliche; im W. nämlich fällt das Gebirg zu dem San-Joaquin- u. Sacramento-Becken od. dem Großen Thal (Great Valley) ab, das zum Theil nicht viel höher liegt, als der Meeresspiegel, im O. dagegen nur bis zum Niveau des Utah- od. Großen Beckens, 1220 m ü. d. M. Das Gebirg erreicht unter 36H" im Mt. Whitney 4570 m seine Höchsts Erhebung. Von diesem Punkte nach N. hin bis zum Beckworth-Passe unter 39° 45' n. Br. wird die Gipfel- u. Kammhöhe desselben immer niedriger. Vom Beckworth-Passe nordwärts nimmt die Höhe wieder zu, so daß der Mt. Shasta unter 41" 30' wieder eine Höhe von über 4300 m erreicht. Beim Mt. Shasta vereinigt sich die Sierra Nevada wieder mit den Küsteuketten, u. nun beginnt ein Labyrinth von Bergketten, die sich über die Nordgrenze C-s hinaus nach Oregon hinein erstrecken. Nördlich vom Tahoe-See ist die Sierra Nevada hauptsächlich vulcanischer Natur; zwischen dem Laffen-Pic n. dem Vulcanstock des Mt. Shasta dehnt sich ein weites vulcanisches Plateau mit zahlreichen aufgesetzten Kegeln aus, von denen mehrere noch wohlgeformte Krater zeigen. Schwache Erdbeben, sowie zahlreiche heiße Quellen find außerdem Zeugen der ehemaligen vnlcanischen Natur dieser Region. Die höchsten Gipfel der Sierra Nevada sind mit ewigem Schnee bedeckt, u. auch der Kamm derselben wird an vielen Stellen das ganze Jahr hindurch nie ganz von Schnee frei; allein eine deutlich ausgeprägte Schneegrenze erscheint in keinem Theil derselben. Die Abhänge derselben sind mit Eichen, Cedern u. riesigen Fichten bedeckt. Unter diesen Riesenbäumen ist noch von ganz besonderem Interesse die tztzaslünAtonia oder Leqnoia Ai§autsa, welche nicht selten bei einem Durchmesser von 7—10 m eine Höhe von 120 m und darüber erreicht. Das Große Thal (Great Valley), zwischen der Sierra Nevada und den Küstenketten, wird von N. nach S. vom Sacramento u. von S. nach N. vom San Joa- quin durchflossen, die im tiefsten Theil, ungefähr in der Mitte desselben sich vereinigen und bald darauf in die Bai von San Francisco münden. Im südl. Theil des Thals breiten sich die Tulare- Seen u. Sümpfe us, welche in der Regenzeit eine einzige große Wasserfläche bilden. Größere Nebenflüsse des Sacramento sind Feather u. Merced. Letzterer fließt durch das berühmte Dosemite- Thal, eine Kluft quer durch die Sierra Nevada, welche von 600—1375 m hohen, an einzelnen Stellen senkrecht aufsteigenden, steilen Mauern eingeschloffen wird; es ist reich an prachtvollen Wasserfällen, von denen viele höher sind, als alle bis jetzt bekannten. Längs dem ORande der Sierra Nevada liegt eine Reihe von Landsecn: Owens- See, Mono-See, Tahoe-See, Goose-See u. a. Das sich östlich an die Sierra anschließende Utah- Becken reicht nur mit seinem SWRande in Ober- C. hinein. Den südöstlichen Theil des Staates erfüllt die etwa 140 Icm breite n. über 300 km lange Colorado-Wüste mit einem Schlamm-Bulcan u. mehreren trockenen Seebetteu. Der nördliche Theil des Staates wird durch den Klamath-Fluß mit seinen Nebenflüssen, worunter der Trinity- River, bewässert. Kllstenflüsse sind: Russian R., Salinas R. u. a. Die Küste, die größtentheils felsig ist, springt im Cap Mendocino u. C. Con- ceptiou am weitesten ins Meer vor; die tiefste Einbuchtung bildet die Bai von San Francisco, einer der vortrefflichsten Häfen der Welt; außer diesem sind noch 11 andere, weniger bedeutende, offene Häfen vorhanden, z. B. die Bai von Mon- terey, San Pedro, San Diego u. a. Südlich vom C. Concepcion liegen der Küste mehrere Inseln vor, von denen Santa Cruz die größte ist. Das Klima ist schön u. mild, milder, als das der OKüste mMr'AeichM"BreitengdLden. Ein merklicher Unterschied besteht zwischen dem im W. der Küstenketten u. dem des San-Joaquin- u. Sacramento- Beckens. In der WhL-.der-Küste steigt das Thermometer selten über -l- 21° K.. u. sinkt selten unter -f- 3,5° R.; die höchste'Temperatur, die man be- obMket hat, war 29,g° und die niedrigste — 3"; 23° ist jedoch schon eine sehr hohe Temperatm. östlich von dem Küstengebirge sind die Extreme bedeutender; hier steigt das Thermometer nicht selten über 32° R.; die mittlere Wintertemperatur ist ungefähr 2° L. niedriger, u. die mittlere Sommertemperatur 9—12" höher, als an der Küste. Regen fällt fast nur im Wuiter, Schnee selten u. bleibt dann nie lange liegen; Gewitter kommen nicht häufig vor; den größten Theil des Jahres hindurch ist der Himmel klar u. heiter. Der Boden ist in den Thälern an der Küste u. des Nordens, sowie im nördlichen und mittleren Theil des San-Joaquin- u. Sacramento-Beckens längs den Flüssen äußerst fruchtbar, im südlichen Theil des letzteren und östlich und südöstlich von der Sierra Nevada dagegen größtentheils unfruchtbar. Produkte: Mineralreichthum außerordentlich bedeutend, namentlich Gold an den westlichen Abhängen der Sierra Nevada zwischen 37" u. 40° n. Br. u. in den Counties Calaveras, Klamath und Shasta (HnartLiiüniuAs), jährl. Ausbeute 20—25 Mill. Doll. (1872 für 19,049,098 Doll.); Silber in den Counties Butte, Marion, San Luis Obispo u. mehreren südlichen (wenn auch in geringerer Menge); Quecksilber in den Counties Butte, Marion, Nape, jährliche Ausbeute etwa I Mill. Doll.; ferner Kupfer, Blei, Eisen, Nickel, Anti- Californwu mon, Wismuth, Steinkohlen, Asphalt, Chrom; ansgebeutet werden jedoch nur die Edelmetalle u. Kupfer, sowie Granit, Serpentin, Marmor, Gips, Mineralquellen. Pflanzenreich: großer Reich- thmn an Bau- u. Nutzhölzern: herrliche Eichen (darunter tzuorous lonAiAlanlla.), Tannen (darunter (kinus lambsrtiana). Fichten, Cypressen, Cedern (darunter Ilinja ^i§anboa), Ahorn, Maulbeerbäume, Feigen, Datteln, Zuckerrohr, Bananen, Orangen, Citronen, Oliven, Wein (pro 1872 bereits über 4 Mill. Gallonen), viel Obst, in edlen Sorten, neuerdings auch Thee; ferner Weizeü"jetwa 20"Mll. Vnshcls jährlich), Gerste (12 Mill. B. jährl.), Hafer (1Z Mill. B. jährl.), Mais (1 Mill. B. jährl.), Kartoffeln (2 Mill. B. jährl.). Unter den landwirthschastlichen Prodncten figuriren: Butter (etwa 2 z Mill. IcZ jährl.), Käse (1 Müll. L§), Wolle (2z Mill. k§) u. s. w. Für das Jahr 1873—74 ist der Ertrag der Landwirthschaft u. des Bergbaues amtlich (jedenfalls aber zu hoch gegriffen) auf 97 Mill. Doll, abgcschätzt. Davon sollten entfallen auf Weizen 44, andere Cerealien 9, Wolle 10, Wein 4, Edelmetalle 30 Mill. Ganz zweifellos liegt aber die Thatsache vor, daß in C. die Bedeutung des Ackerbaues die fast sprüchwörtlich gewordene des Bergbaues bereits weit überholt hat. Thierreich: Elenthiere, Hirsche, Bären, Antilopen, Panther, Cuyotes( Wolfsart), Füchse, schwarze wilde Katzen, Hasen, graue Eichhörnchen, Gänse, Enten, Bccassinen, Geier, Falken, Rebhühner u. viele Arten Seevögel; Seehunde, Störe, Makrelen, Sardellen (wichtige Handelsartikel), Lachse, Forellen u. verschiedene andere See- u. Süßwasserfische, Krebse, Hummern, Austern; seit einiger Zeit auch Seidenraupenzucht, An Haus- khieren zählte man 1866: Pferde 109,907, Maul- thiere 21,310, Rinder 436,363, Schafe 1,346,749, Schweine 332,049. Handel außerordentlich bedeutend: der Hauptausfuhrartikel ist Gold, außerdem noch Wolle, Wein, Felle, Talg und Fische, Gesammtwerth derselben 52 Mill. Doll.; Werth der Einfuhr 60 Mill. Doll. Da der Handel sich fast ausschließlich aus San Francisco concentrirt, s. Näheres u. d. Art. Die Industrie ist zwar noch im Entstehen begriffen, hat aber schon einen bedeutenden Aufschwung genommen, so daß in dieser Hinsicht das Mißverhältnis) zwischen der Ein- und Ausfuhr des Handels nicht mehr von langer Dauer sein wird. 1870 bestanden 3984 Fabriken mit fast 40 Mill. Doll. Capital u. 66H Mill.Doll. Fabrikationswerth. DerGefammtwerth des immobilen u. mobilen Besitzes der Bevölkerung von C. betrug nach der officiellen Schätzung von 1868: 198 Mill. Doll. Regelmäßige Dampfschifffahrten nachNew-Orleans, New- Aork u. mehreren südamerikan. Häfen des Stillen u. Atlantischen Oceans, desgl. nach Panama (von dort Eisenbahn über die Landenge nach Aspin- wall), OAsien u. Australien. Bon Eisenbahnen «xistiren in C. die Pacific-Bahn von San Francisco bis zur Grenze bei Truckee, dann die Bahn von Sacramcnto über Vallejo nach San Francisco u. jene von da nach Salina; Ende 1873 standen bereits 1075 üm in Betrieb und waren weitere 8200 Icm projectirt. Die Bevölkerung nach (Statistik). 887 dem Census von 1870 betrug 560,247 Köpfe, darunter 7241 Indianer, deren Zahl im I. 1860 noch 17,798 betragen hatte, Beweis, daß die Ausrottnngsbestrebungen gegen dieselben mit Erfolg gekrönt sind. Unter der weißen Bevölkerung befinden sich Irländer 53,452, Deutsche 29,172, Engländer 18,947, Schottländer 4861/ Skandinavier 4696, Franzosen 7924, sonstige Europäer 9761, Britisch-Amerikaner 10,470, Chinesen und Japanesen 46,070. Zieht man hierzu in Betracht, daß der Durst nach Gold die meisten dieser Fremden nach C. gezogen, so sind die dortigen chaotischen Zustände nicht auffallend. In der Hauptstadt Sau Francisco konnte vor einiger Zeit dem abscheulichsten Unfuge nur durch das rigorose Verfahren eines Vigilanz-Comites zur Nothdurft Einhalt gethan werden (s. u. San Francisco). Von den fremden Elementen der Bevölkerung ist das deutsche für das Land vom größten Segen, da die äußerst wichtigen Anpflanzungen von Wein u. Obst von ihm ausgingen u. es das einzige ist, das einen höheren Bildungsgrad besitzt u. bethätigt. Die Befürchtung einer Überschwemmung durch das chinesische Element hat sich in keiner Weise als gerechtfertigt erwiesen. Die Sterblichkcitsverhältniffe stellen sich ähnlich wie die im östl. Unionsgebiete unter gleichen Breitengraden dar; nur etwas geringer als namentlich in Missouri, Louisiana u. Mississippi. Die politischen Einrichtungen des Staates sind gleichförmig wie im übrigen Unionsgebiete, mit nur geringen Abweichungen. Eintheilung in 50 Coun- ties. Städte: Sacramento (früher Benicia), Hauptstadt, 16,283 Ew.; San Francisco (früher Jerba buena), größte Stadt u. wichtigsteHandels- stadt an der WKüste Amerikas, 1870 149,473 Ew.; Stockton, 10,066 Ew.; San Jose, 9089 Ew.; Los Angeles, 5728 Ew. Die Verfassung (1. Sepi. 1849 von der Convention zu Momerey entworfen, 13. Nov. d. I. vom Volke ratificirt, 9. Sept. 1850 vom Congreß zu Washington an- u. C. als Staat in die nordamerikanische Union ausgenommen) ist eine der freisinnigsten der Bereinigten Staaten. Für die Rechtspflege besteht ein Obergerichtshof (Luprsms Oourt) mit einem Ostiok llustios u. 6 Lssooiats lluabioss und 6 Districtsgerichte, jedes mit 1 Richter. Sä'nmtliche Gerichtsbeamte werden vom Volke gewählt und dürfen während ihrer Amtsdauer keine andere Stellung bekleiden. Die Finanzen sind in verhält- nißmäßig guter Verfassung: Einnahmen 1868 bis 1869 2,961,766 Doll., Ausgaben 2,915,934 Doll. Die fnudirte Staatsschuld betrug 1870 3,506,000 Doll, gegen 5,126,500 Doll, für 1867. Nach dem damaligen Finanzplau sollte die Schuld bis 1875 gänzlich getilgt sein. 1870 erhoben der Staat 2,540,383, die Connties 5,068,041, die Städte 208,691 Doll, an Steuern. Religion: von allen verschiedenen Culten am zahlreichsten die römischen Katholiken u. Methodisten. Unterrichtsanstalten: 1869 2 Universitäten zu Oak- land bei San Francisco u. Sta. Clara, 20 Colleges u. 1354 Volksschulen mit 1687 Lehrern u. Lehrerinnen. Der Unterricht ist seit 1867 unentgeltlich, u. wurde 1869 dafür die Summe von 1,290,444 Doll, verwendet. 1872 kamen von den 25» 388 Californicn (Gesch.). Ausgaben für das Schulwesen 12 Doll. 13 Cts. auf den Kopf der Bevölkerung. Die Zahl der erscheinenden Zeitungen u. Zeitschriften betrug 1870 201, darunter 6 deutsche; seit 1874 erscheint auch eine chinesische Zeitung Pan-Wan-Pan-Su, d. i. Chinesischer Anzeiger von San Francisco. Gelehrte Gesellschaften: Loaäom^ ok Natural Loioness zu San Francisco. Bibliotheken in Monterey, San Francisco und San Jose. Wohlthätigkeits- u. dgl. Anstalten: Irrenanstalt zu Stockton, Marinehospital in San Francisco, Staatsgefäugniß zu St. Quentin. Haupt- beschäfligung ist neben der in neuester Zen mächtig aufbliiheuden Laudwirthschaft und dem Handel der Bergbau, namentlich das Goldsuchen, vorzüglich am Sacrameuto u. dessen östlichen Zuflüssen ; es wird entweder trocken gegraben (körnig bis zu 21 Karat Feingehalt), od. aus den sumpfigen Stellen an den Flußufern in dünnen Blättchen ausgewaschen. Vgl. Hittcl, ll'lrs resouross ob Oslikornia, San Franc. 1863; Kühls, C., Nero-Jork 1867; Natural vealtlr ob 6., San Franc. 1868; Brace, Mrs nsrv ^Vest, or 6. in 1867/68, New-Iork 1869; Whitneys üsoloxiosl surve^ vt 6., 1869. Geschichtliches. L.) Niedcr-C., s. n. Mexico. L) Hoch-C. Die Ansiedelung von Hoch-C., erst seit 1768 von Mexico aus Lurch Jesuitenmissionen betrieben, hatte nach Bekämpfung der größten Schwierigkeiten vermöge eines zweckmäßigen Colonisationssystems in nicht langer Zeit die Abhängigkeit der ganzen Küste von San Diego bis San Francisco von der weltlich-geistlichen Herrschaft,der Missionäre znrFolge. Die Jesuiten, westliche Ökonomen, brachten bald das ganze Land in blühenden Zustand. Die erste Mission war 1769 zu San Diego entstanden; die Gründung anderer folgte rasch. Nach der mexikanischen Revolution von 1823 blieb C. Provinz der neuen Republik, u. obgleich die Negierung des Landes vielfach wechselte, so stimmten doch alle Verwaltungen darin überein, daß die Regierung C-s säcu- larisirt werden müsse, u. die Patres verloren mit ihren Besitzungen auch ihre Wurde u. ihren Einfluß. Die Centralisation der Regierungsgewalt in der Bundeshauptstadt Mexico verursachte unter der ersten Verwaltung des Präsidenten Santa Anna einen Aufstand in C., der mit der Vertreibung der Bundesoffiziere u. einer Unabhängig- keitserklärnng C-s endigte. Im folgenden Jahre jedoch, als die Aufregung vorüber war, kehrte die Bevölkerung zur alten Regierung zurück und fügte sich der neuen Ordnung der Dinge. Die Tonsolidirung des Landes machte bedeutende Fortschritte, namentlich durch die Einwanderung Fremder, von denen die meisten aus den Vereinigten Staaten kamen. Die aus der großen u. mächtigen Nachbar-Republik eingewanderten Ansiedler bildeten ein Element beständiger Währung; Unruhen auf Unruhen, heimlich unterstützt von den Vereinigten Staaten, folgten einander, bis im Frühling 1846 die Bevölkerung Ober-C-s den Gouverneur Michel-Torena, welcher sich verhaßt gemacht hatte, vertrieb u. einen geb. Californier, Don Jose Castro, zum Generalcommandanten wählte. In der Folge bildeten sich zwei einander schroff gegeniiberstehendeParteien: die kalifornische, welche unter dem Schutze Englands die Selbständigkeit des Staates wahren wollte, und die amerikanische, welche auf einen Anschluß an die Vereinigten Staaten ausging. Aber während des sich zwischen denselben eutspinnendeu Kampfes hatte der Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexico eine für erstere günstige Wendung genommen, u. Sloat, der Befehlshaber der amerikanischen Flotille am Stillen Meere, erklärte sofort, daß er Ober-C. im Namen der Vereinigten Staaten in Besitz nehme. Sein Nachfolger Stockton ergriff die nöthigen Maßregeln zur völligen Unterwerfung des Landes, stieß jedoch auf heftigen Widerstand. Ein trefflich berittenes Corps brach gegen das von Stockton dem Gouverneur Castro bereits entrissene Los Angeles auf u. zwang die amerikanische Garnison zur Capitulation. Eine um diese Zeit landeinwärts aulangende Abtheiluug der in Mexico cingeruckten amerikan. Armee unter Kearncy erlitt gleichfalls bei San Pasqual durch die Californier eine empfindliche Niederlage. Stockton setzte nun seine ganze Schiffsmannschaft aus Land u. marschirte mit 500 Mann 29. Dec. 1846 regen LoS Angeles, schlng 8. Jan. 1847 am Rio San Galviel die Californier zurück u. besiegte sie 9. Jan. vollständig auf der Ebene von Mesa, womit der Kampf um den Besitz C-s praktisch sein Ende erreichte. Durch Friedensvertrag 2. ,sebr. 1848 wurde das Land nebst anderen großen Gebietsstrecken von der Mexikanischen Republik gegen eine Entschädigungssumme von 15 Will. Doll, an die Vereinigten Staaten abgetreten. Diese Einverleibung hatte um so größeren Werth, als die Entdeckung der reichen Goldlager des Landes fortschritt. Nachdem man schon 1842 an derSan-Francisco-Bai einereiche Goldader aufgefunden hatte, entdeckte im Frühjahre 1848 Marshall am Americanos, einem Nebenflüsse des Sacrameuto, eine große Anzahl Goldschuppen, u. bald darauf legten Mormonen 3» Meilen über Suttersfort ebenfalls eine ergiebige Goldwäsche an. Binnen 3 Monaten waren schon 4000 Menschen mit dem Goldsuchen beschäftigt. Der Zuzug von Colonisten aus der Union wie aus Europa u. Asien vermehrte die Einwohnerzahl in unglaublicher Schnelligkeit, hatte aber eine fast völlige Vernichtung der Regierungsautorität zur Folge, so daß die Anarchie in schreckenerregender Weise um sich griff. Um dem Unwesen zu steuern, schickten die Verein. Staaten 1849 General Smith als Militärgouverneur nach San Francisco; indeß wollten die Californier von einer Beihilfe der Regierung weder zur Beruhigung, ihres Staates, noch zur Entwerfnng der Verfassung etwas wissen. Anfang August trat der Convent der Californier zu Monterey zum Beschluß, der Verfassung zusammen u. übergab dieselbe 12. Oct.; das Volk nahm sie 13. Nov. an. Anfang. Dec. wurde Burnett als Gouverneur gewählt u. 17. Dec. die Assembly eröffnet. 15. Aug. 1850 wurde die Bll über die Zulassung C-s in die Union im Senat zu New-Iork angenommen, u. 9. Sept. votirte das Repräsentantenhaus die Aufnahme Hoch-C-s in die Bereinigten Staaten als eines besonderen, unabhängigen, die Sklaverei 389 Califoruischer Meerbusen — Calixtus. «nsschließenden Staates, der zwar anfangs unter die Herrschaft rohen Pöbels gerieth, 1855 aber sich von derselben befreite u. dann während des Bürgerkrieges entschieden zur Union hielt. Unter der Präsidentschaft Lincolns bekleidete die Gouverneurstelle der Republikaner Frederick F. Low, wie überhaupt der ganze Staat in seiner Majorität zu der republikanischen Partei steht. Auf Low folgte 1867 als Gouverneur H. Haight, dessen Wahl die demokratische Partei, die nach Beendigung des Bürgerkrieges an Stärke gewonnen, durchgesetzt hatte. Doch die republikanische Partei erholte sich von ihrer 1867 erlittenen Niederlage bald, so daß cs ihr 1871 bei den Wehlen zum Congrcß, sowie bei der des neuen Gouverneurs gelang, den Sieg davon zu tragen: ihr Candidat Newton Booth ward mit beträchtliche»: Mehrheit gewählt. Eine noch gar nicht abzusehende Umwälzung in den gewerblichen u. socialen Verhältnissen C-s steht durch die mächtige u. weitverzweigte Gesellschaft derOrangers (s. d.) bevor. Geogr. (Topogr.) Berns sen. sBolkswirthschaftlichesl Sckroor. lGcschlchtliches) Bartling.' Californischer Meerbusen (Meer des Cor- tez, Llar roxo ö dsrmsjo), zwischen der Halbinsel Californien und dem mexikanischen Staate Sonora; nimmt den Rio Colorado ans, hat viele Buchten (namentlich an der Halbinsel), kleine Inseln. Er wurde zuerst 1533 von Francisco Ulloa befahren. Laligs (lat.), 1) Art römischer Schuhe, welche namentlich die Soldaten trugen; sie bestanden aus einer ledernen, mit Nägeln beschlagenen Sohle, welche mit Riemen um den Fuß befestigt wurde; doch scheint es deren auch gegeben zu haben, welche lederne Obertheile hatten und stieselartig waren. 2) OaliAns llispanieas, so v. w. Spanische Stiefeln; s. u. Tortur. Caligüla, CajusCäsarGermanicus, der dritte röm. Kaiser, 3. Sohn des Germanicus u. der Agrippina, geb. 31. Aug. 12 n. Chr. in Antium, nach And. in Tibur, nach gemeiner Sage im Lager im Trevirerlande; trug als Kind die OaiiAas (s. d.) der Soldaten, daher der Beiname; wußte durch Schmeicheleien die Gunst des Liberins zu erwerben u. entging allein unter den Seinen der Mordsucht desselben. Er durchlebte eine wilde n. sittenlose Jugend. Bon Liberins mit Ehren und Wohlthaten überhäuft, folgte er diesem nach dessen Ermordung, an der er mitschuldig war, 25. März 37 als römischer Kaiser. Anfangs regierte er gut, aber nach einer geistschwächenden Krankheit ward er der grausamste Wütherich und der wüsteste Wollüstling. Er ließ unzählige Menschen, selbst seine Anverwandten, ohne allen Grund, sondern bloß aus Mordlnst n. Habsucht, La deren Güter in den kaiserlichen Besitz kamen, hinrichten, lebte mit seinen Schwestern in Blutschande, ließ sich als Gott erklären u. wollte sein Leibpferd zum Consul erheben. Das zusammengeraubte Geld vergeudete er auf sinnlose Weise, führte zwecklose Feldzüge aus, nur um als Triumphator einziehen Zu können, verachtete die Wissenschaften; er baute «ine zwecklose Schiffbrücke von Bajä nach Pnteoli U- ließ eine große Menge Menschen, welche sich aus derselben versammelt hatten, von derselben ins Meer stürzen; er hatte schon einen großen Theil des Senats und der Ritterschaft in seinen schwarzen Büchern zum Tode bestimmt, als er von den Anführern seiner Leibwache 24. Januar 41 n. Chr. ermorder wurde; mit ihm siet seine 3. Gemahlin Cäsonia u. seine Tochter. In erster Ehe war er vermählt mit Junta Clandilla, der Tochter des Marcus Silanus, welche in den Wochen starb. Seine Lebensbeschreibung findet sich bei Suetonius. Calisayarinde, s. Oinesioiur. Cälius Aurelianus, afrikanischer Arzt aus Sicca Beneria in Numidien; lebte in Rom, vielleicht vor Galenos (geb. 131. n. Chr.), vielleicht gleichzeitig mit ihm. Er wird in seinen Leistungen sehr verschieden beurtheilt, hat aber jedenfalls das große Verdienst, uns durch seine Übersetzung die acht Bücher des Soranus über acute u. chronische Krankheiten, deren Urtext verloren gegangen ist, erhalten zu haben. Die beste Ausgabe desselben ist von Konrad Amman besorgt worden: 6aslii Lmreliani Lieesnsio, Lleäiei vetusti, äs morbis avntis ed osironieis libri VIII, Amsterdam 1709, 1722, 1755. Seine übrigen Werke sind nicht mehr vorhanden, waren aber auch nach Sorani- schen Vorbildern gearbeitet. Thamdayn. kslix, 1) (lat., gr. Lzäix, Becher) Kelch, Becher; s. u. Trinkgeschirr. 2) Sternbild: der Becher (s. L.). Calixtiner, 1) (Utraquisten) hussitische Partei, welche den Genuß des Kelches (Oalix) im Abendmahl für die Laien forderten; s. u. Hussiten. 2) Anhänger des Calixtus in den Shnkrenstischen Streitigkeiten; s. u. Calixtus 4). Calixtus. I. Päpste: 1) St. C. I. (218. bis 225 (222j), der 16. Papst; starb als Mänyrer; Tag: 14. Oct. 2) C. II., eigentl. Guido, Sohn Wilhelms des Großen, Graf von Burgund, der 168. Papst; vorher Erzbischof von Vienne und päpstlicher Legat in Frankreich, wurde er 1119 im Kloster zu Cluny zum Papste erwählt u. zu Vienne gekrönt. Um den Jnvestiturstreit mit Kaiser Heinrich V. zu beenden, hielt er in Reims eine große Kircheuversammlung, zu der auch Ludwig VI., König von Frankreich, erschien; da aber die Unterhandlungen über die Investitur zu Mousson in Lothringen scheiterten, verbot er die Investitur Lurch Laien u. that den Kaiser in den Bann, der erst 1122 von ihm genommen wurde, nachdem mit dem Wormser Concordat dem Jnvestiturstreite ein Ende gemacht worden. 1120 hatte er sich eines Gegenpapstes zu erwehren in der Person Gregors (VIII.). Er st. 13. Dec. 1124 u. hinterließ eine Biographie Karls des Großen. 3) C. III., vorher Alfonso Borgia, ein Spanier, der 217. Papst; wurde, nachdem er zu Lerida Doctor der Rechte geworden und Vorlesungen gehalten, vertrauter Rath des Königs Alfons von Arago- nien, dann Bischof von Valencia, seit seiner Erhebung zum Cardinal aber an den päpstlichen Hof gezogen, 8. April 1455 zum Papste erwählt. Ein früheres Gelübde, Verfolgung der Türken, zu erfüllen, forderte er alle Fürsten der Christenheit zum Kreuzzuge u. Geldbeiträgen auf, aus denen er 16 Galeeren ausrüsten ließ, welche den Türken auch 3 Inseln nahmen; auch unterstützte er den Stander Beg u. sah die Türken 6. Aug. 1456 bei 390 Call — Callcott. Belgrad von Hunyadi geschlagen. Von den Fürsten aber war er wenig unterstützt, ja, in Deutschland suchte man bereits das päpstliche Ansehen zu erschüttern n. sammelte feit 1457 (Frankfurter Versammlung) Beschwerden gegen den päpstlichen Hof. Dem König Alfons von Aragonien erwies er sich für die Erhebung auf den päpstlichen Thron nicht dankbar, ja, that ihn sogar in den Bann wegen eines Streites über das von C. dem Neffen Peter de Borgia, Herzog von Spoleto, als päpstliches Lehn zugedachte Neapel. C. starb 6. Aug. 1458, außer seinem tadelusweriheu Nepotismus, als ein sehr gelehrter, rechtschaffener Mann geachtet. Johannes, Bischof von Tuscolo, Gegenpapst Lucius' III. nach 1181, nannte sich auch C. III., ist aber nicht zu zählen. II. Gelehrte: 4) Georg (eigentlich Calliscn), einer der größten Theologen der Lutherischen Kirche im 17. Jahrh., gcb. 14. Dec. 1586 zu Medelbye im Herzogthum Schleswig, Sohn eines Predigers; studirte zu Flensburg u. Helmstädt n. widmete sich hier besonders der Sprachwissenschaft u. Philosophie; nachher wandte er sich der Theologie zu, besonders dem Studium der christlichen Alterthümer u. der Patristik, trat seit 1611 als eifriger Disputator u. Bekäinpfer herrschender Vorurtheile auf. Nach einer größeren Reise durch Deutschland, Holland, England u. Frankreich wurde er 1614 Professor der Theologie in Helmstädt u. 1636 Abt von Königslutter, gehörte aber bis zu seinem Tode IS. März 1656 der Universität Helmstädt an, eine ihrer größten Zierden. Gestützt auf seine tiefen patristischen Studien, trat er gegen den Lutherischen Orthodoxismus auf u. suchte durch das Zurllckgehen auf den Lehrbegriff der ersten fünf Jahrhunderte, der allen christlichen Parteien gemeinsam, den inneren Neligionsfrieden wieder- herzustelleu; indeß wurde er dabei so mißverstanden, daß man ihn des Kryptopapismus beschuldigte. Wol vertheidigte er sich dagegen mit Erfolg, rief aber damit die Synkretistischen Streitigkeiten (j. Synkretismus) ins Leben, die noch lange nach seinem Tode fortgeführt wurden; der Haß gegen ihn ging so weit, daß man beim Herzog von Brauujchweig seine Amtsentsetzung sogar beantragte, der ihn aber in Schutz nahm u. in seiner Amtsthätigkeit beließ. C. war es, der zuerst die Moral von der Dogmatik als eine selbständige Wissenschaft trennte, in letztere durch seine historischen u. exegetischen Forschungen ganz neue Gesichtspunkte brachte u. damit für die theolo- gische Wissenschaft eine neue Bahn brach, auf welcher ein Spener, Thomas,us, Semler rc. fortarbeiteten. Er schr.: De praoeipuis relixlonis ettrlstianae eapitibus, Helmst. 1611, 1613; Dpi- toms tcheolox., Gosl. 1619, 1661, herausg. von G. Titius; Dpit. tttsoloAias moralis, Helmst. 1634, 1662; Xpparatus s. introäuetio in stu- äium st äisoipkiuam tlisoloZms, Helmst. 1655, herausg. von seinem Sohne u. aus seinen Handschriften vermehrt, 1661; Do statu rsrum in eoelesia oooiäsntali sseulls VIII., IX., X., etc-, Helmst. 1661, gew. citirt s. t. DraZmsntum ttistoriae eeel. veeiäsnt.; dann De ounjuAio 61s- rieorum, 1631; Do toierautia relormatorum, 1658, cbd. 1697. Vgl.Gaß, Georg C. u. der Synkretismus, Breslau, 1846; Henke, Georg C. u. seine Zeit, Halle 1853—1860; Henke, C-s Brief. Wechsel, Halle 1833. Lagai. Call, Peter, Schlachtenmaler, geb. 1681 im Haag. Friedrich Wilhelm I. von Preußen ließ alle Belagerungen u. Schlachten des Flandrischen Krieges unter Ludwig XV. von ihm malen; er starb 1737. 6s»s D. (Schlangenkraut), Pflanzengatt, aus der Fam. der Xroiciss>s-6aUeas (VII. 1), mit kriechender, grüner Scheinachse, Lzeilig gestellten Blättern, aufrechtem, mit einem bleibenden, flachen, innen gefärbten Hüllblatte versehenen Blü- thenschaste mit cyliudrischem Kolben, dessen nackte, die ganze Achse bedeckenden Blüthen zwitterig sind u. meist 6 Staubgefäße, sowie einen einfächerigen Fruchtknoten mit 6—8 Samenknospen enthalten, welcher sich zu einer Beere entwickelt. D. palustris L., in NEuropa, auch in Deutschland, in sumpfigen Orten. Ehemals war der scharfe Wurzelstock (Racim Draouneuli aguatioi s. palustris) officinell, namentl. als schweißtreibendes Mittel; getrocknet u. durch Maceriren der Schärfe beraubt, dient er im Norden als Nahrungsmittel, und es wird daraus mit Roggenmehl ein sehr geschätztes Brod bereitet. OaÜa astlüopioa D ^Itiottarckia akrioana XAtttA, 2antsclosobäa aotlüopiea Hm.), s. u. Dieliaräia. Engler. Callao (C. de Lima, San Felipe del C.), Küstenstadt der südamerik. Republik Peru, an der Mündung des Rimac in den Großen Ocean; seit 1851 durch eine Eisenbahn mit Lima verbunden; Hafen, Zollhaus, Citadelle; etwa 10,000 Ew. Der in neuester Zeit mit einem Dock u. einem neuen Damme versehene Hafen (Bauten, welche 7'/g Mill. Pesos kosteten) ist der wichtigste der ganzen südamerikanischen WKüste. Im Jahre 1870 betrug die Zahl der einlaufenden Schiffe 1844 mit 1,126,283 Tonnen Gehalt, wovon auf die Dampfer etwa Vs kommt. Der größte Theil der Schiffe geht in Ballast nach den Guano-Inseln, um dort Rückladung einzunehmen. Der Werth der Guano-Ausfuhr beläuft sich auf etwa 70 Mill. LI jährlich, außerdem werden ausgeflihrt Edelmetalle für etwa 23 Mill. u. Baumwolle für etwa 8 Mill. N. Das frühere C. (gebaut umer Philipp IV. von Spanien) stand näher nach der See zu, wurde aber 1746 durch ein Erdbeben zerstört, wobei gegen 4000 Menschen umkamen. Der häufigen Erdbeben halber hat C. nur niedrige Häuser u. ist überhaupt ein schlecht gebauter, schmutziger Ort. Hier 5. Nov. 1820 Seesieg der Chilenen über die Spanier. Schroot. Callaway, 1) County im nordamerik. Unionsstaate Kentucky, unter 36° n. Br. u. 88° w. L.; 9410 Ew.; Countysitz: Murray. 2) County im nordam. Unionsstaate Missouri, u. 38° n. Br. u. 91° w. L.; 19,202 Ew. Countysitz: Fulton. Callcott, Aug. Walt., engl. Landschaftsmaler, geb. 1779 in Kensington, gest. ebenda 1844; machte 1827 eine Reise nach dem Continent, wurde 1837 Couservator der königlichen Sammlungen. Er malte vorzüglich reich staffirte Strandpartien Hollands u. der Themse, auch italienische Landschaften u. Figurenbilder, darunter holläiwische 391. Calle — Allste mit Fischweibcrn, Hafen von Livorno, Garda-See, Rafael u. Fornarina. Viele seiner Bilder, die sich Lurch Schönheit der Linien, klares Colorit, wohlthuende Harmonie n. solide Durchbildung auszeichnen, sind durch Stich vervielfältigt. Regnet.» Calle (La C.), Stadt im algerischen Dep. Constantine, am Mittelmsere, aus einem von 3 Seiten unersteiglichen Felsen; Fort, Hafen für kleinere Fahrzeuge; wichtige Korallenfischerei; Ausfuhr von Getreide, Leder u. Tabak; 3008 Ew.; in der Nähe 3 große Seen n. schöne Wälder aus Korkeichen,Pistacicnn.Fichten; Eisen-u.Bleigruben. Callenberg, Johann Heinrich, geb. 1694 im Gothaischen; wurde 1727 Professor der Philosophie in Halle n. 1739 der Theologie; er st. 16. Juli 1760. C. stiftete 1728 in Halle ein Misfionsseminar zur Bekehrung der Juden zunächst in Europa, dann auch in Asien u. Afrika; dasselbe wurde 1791 mit den Frankeschen Stiftungen vereinigt. Er schr.: Oismenta iinZnas arab., 1729; Anleitung zur jüdisch-deutschen Sprache, 1733, u. a. stallisnilra LerM., Pflanzengattung aus der Fant, der 2limo8eae-In§sas, Sträucher od. kleine Bäume, mit doppelt - gefiederten Blättern und achselständigen Blüthentrauben oder Köpfchen; Blüthen 5—6theilig, mit glockenförmigem Kelche, kleinen, in der Knospe klappigen Blumenblättern u. oft sehr vielen, sehr langen, am Grunde verwachsenen Staubblättern, deren schildsörmige An- theren in jeder Hälfte 4 aus 8 Zellen bestehende eiförmige, oder aus 16 Zellen zusammengesetzte linsenförmige Pollengruppcn enthalten; Frucht eine lineale oder sichelförmige, Älappige Hülse mit eiförmigen oder kreisförmigen, zusammengedrllckten Samen. Ungefähr 80 Arten der Gattung bewohnen das tropische u. subtropische Amerika; be- merkenswerth: 1) 6. bsbragoua LsE., von Caracas u. Vera-Crnz; liesert vorzügliches Nutzholz, das sog. Kieselholz. 2) 6. porboriosnsis Lenkir., in Central-Amcrika; liefert Gummi, welches man gegen Blut- und Schleimflüsse anwendet. 3) 0. Aranäiüora Lsrrk/r., in Mexico; Ausgüsse ihrer Blüthen sind bei Augenentzündungen gebräuchlich. Einige Arten werden wegen der prächtigen Blüthen auch in Warmhäusern cultivirt. Engter. Calliani, Stadt des Collectorats Tannah der brit. Präsidentschaft Bombay, an der Eisenbahn von Bombay nach Allahabad; Industrie in Baum- wollenzeugenn.Kupferwaaren; Handel; 15,000 Ew. Calliäno, Flecken im Bezirke Roveredo des Österreich. Kronlandes Tirol, im NW. von Roveredo, am linken Ufer der Etsch. Hier der sehr starke Paß Castello della Pietra, wo 1487 die Österreicher über die Venctianer siegten u. Bonaparte 4. Sept. 1796 die Österreicher unter Wnrmser schlug (s. Französ. Revolutionskrieg). Callinjer (Kallindscher, im Sanskrit Kaland- schara), berühmte Festung in der Landschaft Bun- delkund (Central-Jndien), auf einem 400 m hohen Plateau, mit zahlreiche Ruinen siwaitischer Heilig- thümer u. dem Nilkauth, berühmtem Idol des Siwa. Gegründet durch Kedar Radscha im 7. Jahrh. u. Sitz einer bedeutenden Macht, fiel es 1202 an die Ghoriden, 1532 an Delhi, 1543 Calliscn. an die Patan-Asghanen, 1790 an Ali Bahadur, Herrscher von Bundelkund. 1812 wurde es von den Briten mit Sturm genommen. Calli Nnddi, Nebenfluß des Ganges im Duab, entspringt in den Vorbergen des Himalaja n. mündet oberhalb Canodschi (s. Ganges). Calliope, der 22. Planetoid, 16. Nov. 1822 durch Hind in London entdeckt. llalliopsis Äckin-d., Pflanzengatt, aus der Fam. der Ooinxomtas - genooioniäeae - Usiianbirsas- Onäbsoüisas (XIX. 2.), Nordamerika». Kräuter, mit gegenständigen, fiederschnittigen Blättern, endständigen Köpfen, mit kurzen, abstehenden äußeren u. aufrechten, längeren inneren Hüllblättern, gelben oder röthlichen, zwitterigen Scheibenblüthen und gelblichen, an der Basis rothbraunen, ungeschlechtlichen, znngenförmigen Randblüthen. Bon den 3 bekannten Arten wird 0. binetorig, Ht7., mit einfach fiedertheiligen Grundblättern u. doppelt fieder- theiligen Stengelblättern, sehr häufig in Gärten als Zierpflanze cultivirt. Engler. Callisen, 1) so v. w. Calixtus 4). 2) Heinrich, berühmter Wundarzt, geb. 11. Mai 1740 zu Preetz (Holstein); erlernte in Kopenhagen die Chirurgie bei einem Regimentschirurgen, wurde durch den Tod seines Vaters (1759) gezwungen, Kopen> Hagen zu verlassen und sich in Kronenburg als Chirurg niederzulassen, kehrte aber nach Kopenhagen zurück, trat als Chirurg erst in die Armee, dann in die Marine, wobei er sich so anszeichnete, daß er zum Reservechirnrgen des Friedrichhospitals ernannt wurde und aus Staatskosten vier Jahre reisen durste, eine Zeit, die er namentlich in Leyden, Paris, Rouen, London zu seiner weiteren Ausbildung benutzte. 1771 wurde er Chefchirnrg der Flotte, promovirte 1772 (Os mstiwcio prao- siäii elaooio re^ias aanibabsm bnsncii), erhielt 1773 die Professur für Chirurgie in Kopenhagen, betheiligte sich an der Gründung der Königlichen Medicinischen Gesellschaft, wurde 1801 Leibarzt der königlichen Familie, lehnte 1787 einen Ruf nach Berlin ab, bekam 1794 die Stelle eines Generaldirectors u. ersten Professors der chirurg. Akademie, legte aber zum großen Bedauern seiner Schüler 1805 seine Stelle nieder. Er st. 5. Febr. 1824 an einer chronischen Lungenerkrankuug. Sein bedeutender Ruf nach außen gründete sich namentlich auf sein Buch: Irwtitutionsa ebirur§ias iroäisrnas, Kopenh. 1777, 2. Ausl, als Orineixia 8^8tsmabi8 slürarZ'. llockiornao, ebd. 1788—90, 3. n. 4. Ausl, als LMsma oiiirnrA.; die 4. A. deutsch übersetzt: H. C-s System der neueren Chirurgie, von A. K. P. C., Kopenh. u. Hamb. 1822, ebenso von Kühn übertragen, 1819. Dieses klassische Werk zeichnet sich namentlich durch die Ordnung u. Klarheit aus, mit welcher der ganze Stoff behandelt ist. C. hat noch in dänischer Sprache eine ärztliche Topographie von Kopenhagen geschrieben. Seine Gedächtnißrede hat Rahlff, Kopenhagen 1825, erscheinen lassen: Oanäatio in me- moriam Henri ei OsIIiasnii imbita, ete. 3) Christian Friedrich, namhafter Theolog, geboren 20. Febr. 1777; stndirte 1794—99 in Kiel,Leipzig n. Jena Theologie, wurde 1800 Privatdocent der Philosophie in Kiel, 1803 Prediger in Hollingstedt, 1804 bei der Friedrichsberger Gemeinde in Schles- 392 OnIIistemoQ — Catlot. wig zu Hütten u. 1817 Mitglied des Obercon- sistoriums, 1834 Mitglied der schleswig-holsteinischen Regierung u. 1835 Generalsuperintendent des Herzogthnms Schleswig, Oberconsistorialrath u. Hofprediger in Gottorp; letzteres Amt legte er 1845 nieder; er st. 3. Oct. 1861 in Schleswig. C. gab 1815 die Veranlassung zur Gründung der Schleswig-Holsteinischen Landesbibelgesellschaft u. schr.: Theophilus, ein Beitrag zur Philosophie der Religion, Amberg 1803; Christliche Glaubenslehre, Altona 1810; Handbuch beim Lesen der Heiligen Schrift, N. L., ebd. 1813, 2 Thle.; Handbuch beim Lesen des A. T., Schlesw. 1821 bis 1823, 3 Thle.; Abriß des Wissenswürdigen aus den den Prediger u. sein Amt in Schleswig n. Holstein betreffenden Verordnungen, 3. Ausl., Altona 1843; Abriß einer populären u. praktischen Glaubenslehre, Schlesw. 1852. 4) Adolf Karl Peter, Nesse von C. 2), geb. 8. April 1786 zu Glückstadt; bezog 1803 die Universität, um Medici» zu studiren, ging 1805 nach Kopenhagen, promovirte 1809 u. wurde Regimentschirurg, bereiste dann Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Holland, wurde nach seiner Rückkehr am Friedrichshospital angestellt, 1816 außerordentlicher Professor, 1829 ordentlicher an der Chirurg. Akademie, übernahm 1842 die ordentliche Professur an der Universität, legte aber diese Stellung krankheitshalber 1843 nieder n. privatisirte in Altona. Er ist Übersetzer der 4. Aust, der Chirurgie seines Onkels (s. oben) u. hat sich vor Allem rühmlichst bekannt gemacht durch sein Medicinisches Schriftsteller- Lexikon, Kopenh. 1829—37, Nachtrag, 1838—45, ein mit dem ausdauerndsten Fleiße zusammengetragenes Werk. Außerdem hat er noch geschrieben: H. C-s Lebensbeschreibung, Kopenhagen 1824 , 3) Löffler.* 2) u. 4) Thamhayn. llsllisiemon Ä. Lr., Pflanzengatt, ans der Fam. der Ll^itaesao-I-spbo3permsas (XII. 1), Sträu- cher oder kleine Bäume, mit lederartigen, rundlichen, linealischen oder lanzettlichen Blättern, prächtigen Purpurrothen oder gelben Blüthen, welche den Zweigen eingesenkt sind u, eine unter der Spitze der Zweige befindliche Ähre bilden; Kelch mit eiförmiger oder glockenförmiger Röhre, dem 3—4sächerigen Fruchtknoten angewachscn, mit 5 abfälligen, häutigen Abschnitten; Blumenblätter abfällig; Staubblätter zahlreich, meist frei, seltener in Bündel verwachsen; Griffel fadenförmig, mit kleiner Narbe; Eichen in den Fasern des Fruchtknotens zahlreich an schildförmigen Eiträgern; Frucht eine von dem hart gewordenen Kelche ein- geschlossene, am Scheitel sächerspaltig aufspringende Kapsel mit linealischen Samen. Von den 12 theils in Nen-Caledonien, meist aber in Australien heimischen Arten werden mehrere in Warmhäusern cnltivirt. Engler. Oallitlmmnion Li/nAb., Algengattung aus der Fam. der Florideen, mit reich u. ungemein zierlich verzweigten, bunt, oft roth gefärbten Zellfäden, welche seitenständige, ungeschlechtliche, aus 4 Zellen bestehende Sporengruppen tragen und anderseits sitzende, kugelige, geschlechtlich erzeugte Fruchtkörpcr entwickeln. Zahlreiche Ärten im Ocean, aber auch au den Küsten des Mittelländischen Meeres u. der Nordsee. Engler. klnllitriclisoens, dikotyledone Pflanzenfamilie von noch unsicherer Stellung imSystem; enthält Wasserpflanzen mit gegenständigen, nngetheilten, an der Spitze oft eine Rosette bildenden Blättern u. eingeschlechtlichen, mit je zwei Vorblättern versehenen Blüthen, von denen die männlichen 1 oder 2 Staubblätter, die weiblichen einen vierfächerigen, mit 2 Griffeln versehenen Fruchtknoten enthalten; die gestielten Früchtchen enthalten in jedem Fache einen Samen. Einzige Gattung: Lallitrialls L. Engler. llsllitrielio L. (Wasserstern), einzige Gattung der Callitrichaceen (1.2). Arten: 1)6.vsrna L., mit hellgrünen, schwimmenden, verkehrt-eiförmigen n. untergetauchten, linealischen Blättern, schwach gebogenen Deckblättern u. ovalen, sehr schmal- flügelig gestielten Früchtchen; in stehenden und fließenden Gewässern sehr verbreitet. 2) 6. 8ta§- xnlis Seox., ausgezeichnet durch breitflügelig gestielte Früchtchen. 3) 6. anotmmnslis mit ebensolchen Früchtchen, aber dunkelgrünen, linealischen, nie oben zu einer Rosette vereinigten Blättern; seltener, als die beiden anderen, vorzugsweise im nördlichen Deutschland, sowie in Skandinavien. Engler. Oallitris Pflanzengatt, aus der Fam. der Cnpressineen (XXI. 10), pyramidenförmige Bäume, mit scheinbar gegabelten, zusammengedrückten, ge- gliederten Zweigen, gegenständigen, lederartigen, schuppenförmigen, lang herablanfenden, paarweise abwechselnden, auf der Rückseite Drüsen tragenden Blättern u. einhäusigen Blüthen; männliche Blüthen in cylindrischen, am EndederSeitenzweige stehenden Kätzchen; weibliche Blüthen ebenfalls in kleinen endständigen Kätzchen; Frucht ein vierkantiger, kleiner Zapfen mit 4, die cylindrischen, geflügelten Samen bedeckenden Schuppen. Art: L. guackri- valms in NAfrika am Atlas einheimisch, Stammpflanze des Sandarakharzes, welches zu Räucherungen bei Gicht u. chronischen Rheumatismus dient u., in ätherischen Ülen gelöst, einen vortrefflichen Firniß gibt. Das Holz ist sehr gut und wird vorzugsweise bei Moschcenbauren verwendet. Engler. OnIIoickoso, Unterordnung der Aroideen, mit meist zwitterigen Blüthen, welche die Achse der Ähre ganz bedecken. Callös (v. lat. osllllsus), 1) schwielig, s. u. 6aUus; 2) einer Schwiele ähnlich. Calloser Körper des Gehirnes (Hirnschwiele, Gehirnbalken, große Hirncommissur, Lorpus oaUosnm Lsrsdri), ein aus weißen Längsfasern bestehender u. beide Hemisphären des Großhirnes verbindender Theil des Gehirnes; s. Gehirn. Daher Callo- sität, Dickhäutigkeit. Callot, Jacques, berühmter franz. Zeichner, Kupferstecher u. Maler, geb. 1592 zu Nancy, der Sohn eines Wappenheroldes von Lothringen u. durch seine Mutter mit Jeanne d'Arc verwandt; scheint für den Militärstand bestimmt gewesen zu sein, zeigte aber schon früh bedeutende Anlagen u. große Vorliebe zur Kunst, so daß ihm sein Vater durch den Maler Henriet in Nancy Unterricht in dieser ertheilen ließ. Zwölf Jahre alt, entfloh er seinen Eltern u. machte sich auf den Weg nach Rom, wobei er in einer Zigeunerbande 0 Muiia — 6u1lus. 393 Aufnahme fand, die ihn bis Florenz mit sich nahm. Hier brachte ihn ein Officier zum Maler Remigio Canta Gallina, der ihm Anleitung zum Kupferstechen gab. Bald danach ging er nach Rom, wurde aber dort von Kanfleuten aus Nancy erkannt u. wider seinen Willen nach Hause gebracht. Aber schon im nächsten Jahre (1606) entlief er wieder u. kam diesmal bis Turin, wo er seinem in Geschäften dort anwesenden älteren Bruder in die Hände gerieth u. nochmals heimgeschafft wurde. Nun endlich willigte sein Vater ein, daß er nach Rom gehe, wozu sich denn auch bald günstige Gelegenheit fand. In Rom ward C. Schüler des trefflichen Kupferstechers Filippo Tomassino. Als ihm dieser wegen eines Liebesverhältnisses mit seiner jungen Frau das Haus verbot, ging C. nach Florenz, wo er bei Hofe günstige Aufnahine u. Unterstützung fand u. sich unter Canta Gallina u. Alf. .Parigi weiter bildete. Aus jener Zeit danren seine besten Blätter: 20 Heldenthaten der Mediceer u. die 7 Todsünden in 4 Bl., letztere nach Bernardin Pochet. Nun versuchte sich C. im Radiren n. leistete darin bald Ausgezeichnetes, so die Versuchung des hl. Antonius u. die Messe von Florenz (1620). Nach dem Tode Cosimos II. (1621) kehrte C. nach Nancy zurück, wo er am lothring. Hofe dieselbe Gunst fand, wie am floren- tinischen, u. sich nun ganz dem Radiren widmete. Seit 1625 mit Kathar. Kuttinger vermählt, lebte er in kinderloser Ehe ganz seiner Kunst. Damals entstanden u. a. seine 10 Blätter vom großen Caronssel in Nancy u. das Blatt: Die Belagerung von Breda, welcher er im Aufträge des spanischen Jnfanten beigewohnt. Aus Anlaß dessen nach Paris berufen, radirte er nun die Befreiung der Insel Re (1627) u. die Eroberung von la Rochelle (1629). Obwol hoch in Ehren gehalten, zog sich C. 1632 nach Nancy zurück u. erlebte im nächsten Jahre dessen Eroberung u. die Einverleibung Lothringens durch Ludwig XIII., dessen Auftrag, die Wegnahme Nancys zu stechen, er entrüstet ablehnte. Das fortwährende Kriegseleud trieb ihn endlich aus der geliebten Heimath nach Florenz; doch st. er, ehe er diesen Plan hatte aussühren können, 24. März 1635 zu Nancy. Kein Künstler verstand es, in einem kleinen Raume eine solche Fülle von Gegenständen zusammenzudrängen, die, ohne den Blick zu verwirren, neben u. in einander heraustreten, so daß das Einzelne sich zwar dem Ganzen anreiht, aber doch als Einzelnes sortbesteht. Seine Zeichnungen binden sich nicht an die strengen Regeln der Kunst, sind vielmehr neue Reflexe all der phantastischen, wunderlichen Erscheinungen, die der Zauber seiner über- sprudeluden Phantasie gestaltetete. In seinen dem gemeinen Leben entnommenen Darstellungen ist eine lebensvolle Phantasie ganz eigenthümlicher Art; selbst ein Bauerntanz erscheint im Schimmer einer gewissenOrigiualität. Unerreicht bleibtC. in der leichten Behandlung, wo er fast nur mit Umrissen eine Wirkung erreicht, die Andere durch mühsamste Schraffirung nicht erreichen. Überall erscheint C. originell, in den wunderlichsten Stellungen, Grup- Pimngen u. Abenteuerlichkeiten, wie in idyllischer Einfachheit. Die Zahl seiner Blätter wird auf 14—1500 geschätzt. Am vollständigsten sind sie in den Sammlungen zu Braunschweig u. Dresden. Seine flüchtig angelegten Ölgemälde haben geringeren Werth. Jean Paul nennt C. einen malenden Gozzi u stellt ihn als poetisch-romantischen Anagrammatiker über den prosaischen Ho- garth. C-s Blätter zerfallen in solche religiösen, kriegerischen, landschaftlichen Charakters u. solche, welche Fest- u. Sittenbilder darstellen. Die berühmtesten sind außer Len schon genannten: das Lupxliaium sosleri ckrsnnm; Der hl. Nikolaus im Walde predigend; Das Wunder des hl. Mansue- tus; Das Feuerwerk auf dem Arno, gewöhnlich der Fächer genannt; Die Bettler; Die großen n. die kleinen Leiden des Krieges; Iw partsrrs äs dlanoz; Der Garten von Nancy; Ansicht des Louvre; Ansicht des konb nsut'i Der Kindermord; Der kleine Priester; Claudius Drevet; Charles de Lorme n. Jean Domiqne Peri. Regnet. OsIIuns iNrlrsb. (Heidekraut), Pflanzengattuug aus der Fam. der ürioaosas-Lrioiusas (VÜI. 1), mit vierspaltigem, buutgefärbtem Kelche, glockenförmiger, tief vierspaltiger, kürzerer Blumenkrone, 8 Staubblättern, 4fächeriger, vielsamiger Kapsel, deren Klappen sich von den Scheidewänden lösen. Art: 0. vulgaris (I-.) Kalr'sb., aufrecht-ästiger Strauch, mit lineal-lanzettlicheu, dachziegelarlig gedrängt 4reihigen Blättern und kurzgestielten, eine einseitswendige Traube bildenden lila- oder rosen- farbenen, seltener weißen Blütheu; sehr verbreitetes, unter dem Namen Heidekraut allbekanntes Forstunkraut. Engter. üsllus. 1) (Bot.) das schwammige oder knorpelige Gewebe, welches sich nach Verwundungen, wie sie z. B. beim Abschneiden von Stecklingen, beim Propfen u. Oculireu entstehen, über die Wunden hinweg, vorzugsweise aus dem Cambium bildet. Bei Schälwnnden, welche bei dem Ocu- liren u. Propfen in der Rinde entstehen u. bei denen nur die Rinde entfernt ist, bildet sich aus Len stehengebliebenen cambialen Zelllagen ein neuer Rindenkörper; bei Flachwunden, bei denen auch vom Holzkörper ein Stück entfernt ist, bewirkt nur das am Rande der Wunde befindliche Cambium eine Neubildung von Gewebe u. bildet einen die Ränder der Wunde überwallenden Wulst; bei den Spaltwunden endlich senkt sich der Überwallungswulst theilweise in den Spalt hinein. Schließen dagegen, wie bei den Frostspalten, zur Zeit der Neubildung des Jahresringes die Wuudrän» der fest an einander, dann erheben sich die beiden, zunächst lippensörmig aneinanderliegenden Überwallungsränder in der Forin einer Leiste über die Kreislinie des normalen Stammumfanges (Frostleisten). 2) (Physiol. u. Path.) Schwiele der Haut, durch anhaltenden Druck an den Füßen, Händen rc. (bei harter Handarbeit, vielem Barfußgehen rc.) entstandene Verdickung der Haut. Gewöhnlich nennt man solche Verdickungen Callo- sitäten. 3) Gleiche gutartige Verhärtung der Haut in häutigen u. anderen weichen Gebilden, besond. nach einer nicht gehörig zertheilten Entzündung; so bes. in Wundrändern, die callös werden; wird durch neue Anregung der Entzündung, der Zer- theilung oder zufolge eines Eiterungsprocesses beseitigt. 4) 0. der Knochen, die bei Knochenbrüchen um die Bruchstelle sich bildende Gewebs- 394 Calutannsäure Wucherung, die zuerst bindegewebiger Natur, weich u. sehr gefäßreich ist, allmählich j aber durch eine Reihe von Umänderungen in normale Knochen- snbstanz sich umwandelt. Diese Gewebswucherung hat ihren Sitz in dem Knochenmarke, den Knochenkanälchen, der Beinhaut, den umliegenden Weichthcilen, Muskeln, Sehnen rc. und bedingt zum größten Theil die Anschwellung um die Bruchstelle. Bei gut geheilten Knochenbrüchen verschwindet diese Anschwellung im Laufe der Zeit wieder vollständig. Die Umwandlung des 0. in Knochensubstanz kommt unter gewissen, nicht näher bekannten Bedingungen, besonders bei alten, schwächlichen oder mit manchen Leiden (z. B. Scorbnt, Knochenerweichung) behafteten Personen nicht zu Stande, u. es kommt dann zur Bildung eines sog. falschen Gelenkes, einer Pseudarthrose (s. d.). C.-Wncherung nennt man die im Uebcrmaße stanfindende Bildung desselben. 1> Engler. 4) Berns. Callntannsänre (Chem.), die Gerbsäure des Heidekrautes (Calluna vulgaris Aack'sb.), bernsteingelbe, geruchlose Masse, deren wässerige Lösung Silberoxyd reducirt, Eisenchlorid grün färbt u. Zinnchlorid schön gelb fällt. Erhitzt man die Lösung mit Mineralsäuren, so färbt sie sich roth- gelb u. scheidet gelbe Flocken von Calluxanthin ab. Clören. Oslmnto (Musik, ital.), sanft, ruhig. Calmcls, Anatole Celestin, sranz. Bildhauer der Gegenwart, geb. 26. März 1825 zu Paris, Schüler Bofios u. Pradiers; besuchte bis 1840 die Leols äss Leaur-arts u. schmückte viele öffentliche Gebäude von Paris mit Werken seines Meißels: so die kaiserl. Druckerei mit einem Gutenberg, die Eintrachtsbrücke mit einem Kriege, das Stadthaus mit einem Papin, die Kirche Saint Maurice mit zwei Reliefs, den Thurm von Saint Jacques mit einem hl. Clemens, den neuen Louvre mit einem Massena rc. Viele seiner Gruppen u. Büsten befinden sich in Bronze gegossen im Kunsthandel. Regnet. Calmen, die Gegenden des Occans in den äquatorialen Breiten, in welchen für längere Zeit völlige Windstille eintritt; von Seefahrern gefürchtet u. möglichst gemieden. Vgl. Passate u. Winde. Calmct, Augustin, theologischer Schriftsteller, geb. 26. Febr. 1672 in Mesnil-la-Horgue bei Commercy; wurde 1688 Bcnedictiner in Tonl, war seit 1698 Lehrer der Philosophie u. Theologie u. Prior in Moyen-Montier, wurde 1704 Subprior in Münster, 1718 Abt zu Nancy, 1728 in Senones; st. 25. Oct. 1757 in Paris. Er schr.: La 8ts. Lible en latiu et en Irauyais aveo nn eommsntairs littsral et eritigus, Par. 1707—16, 23 Bde., Auszug daraus als öibls äs Vene« vom Abbe de Vence, Par. 1748, 14 Bde., n. A. als Lidls ä'Lvignou, Avign. 17 Bde.; daraus besondersLrolegomönss äl'Leritnre saints, Par. 1720, 3 Bde., u. als Lrssor ä'antiqnitss snoiess, Amst. 1722, 12 Bde., deutsch von Mosheim, 2. A., Bremen 1744, 6 Bde.; visssrta- ticws, gni penvent ssrvir äs xrolsgomsnss äs l'Lvriturs ste., Par. 1720; Hist, saints äs Landen stän nouveaulastamsnt st äesjnils, Par. 1718, 2 Bde.; Dietionnairs llistorigns et oritigns äs la — Calomarde. 8ible,ebd. 1722—28, 4 Bde. Fol., deutsch v. Glöckner, Liegnitz 1751—54, 4 Bde., im Auszuge, Hann. 1779—81, 2 Thle.; Ristoirs sedssiasti- gns et oivils äs 1a Lorraine, Nancy 1728, 4 Bde. Fol., 1745—47, 7 Bde.; Histoirs universelle saorss et prokane, Straßb. 1735—71, 17 Bde.; Lebensbeschreibung von Fange. Selbstbiogr. in seiner Libliotpsgus Lorraine, Par. 1763. Löffler.' Calmiren (v. Fr.), 1) stillen, beruhigen; 2) bes. die Beruhigung der aufgeregten Nerven durch die Magnetiseure; s. u. Thierischer Magnetismus. Calmirende Mittel (Lsäantia), kühlende, den ^ Blutlaus verlangsamende, krampf-, brechen- und schmerzstillende, sowie niederschlagende Heilmittel. Oslo (v. Ital.), der Abgang von Maaren; daher 0. äs psso, Mangel an Gewicht; 6. äs ,prsWo, das Fallen der Waare im Preise. Calogero, Monte San (nach einem erdichteten Heiligen benannt), heißen mehrere Berge aus ! Sicilien und dessen Umgebung: 1) bei Sciacca, ^ 390 m hoch, mit 45" L. heißen Salzquellen und ! Dampfbädern in Grotten; 2) bei Termini, 1325 m hoch, mit herrlicher Aussicht; 3) auf der Insel Lipari, mit 42" R. heißen Quellen, Dampfbädern u. Versteinerungen. Calomarde, Don Francisco Tadeo, Was C., spanischer Staatsmann, geb. 1775 im Flecken Villel in Aragonien, der Sohn armer Eltern; machte als Lehrer in einer Familie zu Saragossa seine Studien, wurde daselbst Doctor der Rechte ^ u. Advocat u. erhielt, da er sich hohe Ziele gesteckt, durch die Heirath mit einer Nichte des Leibarztes des Königs eine Anstellung im Justizmini- - sterinm. 1808 ging er mit der Central-Junta nach Sevilla, dann nach Cadiz u. wurde dort oberster ^ Beamter im Justizministerium. Bei der Rückkehr i Ferdinands VII. nach Spanien huldigte er ihm sofort u. erhielt dafür die erste Stelle in der 8s- erebaria general äs Inäias, wurde aber, da er für die Vergebung eines Bisthums in Amerika eine bedeutende Geldsumme annahm, nach Toledo und nach heimlicher Rückkehr nach Madrid 1816 nach Pamplona verbannt. Nach Wiederherstellung ? der Constitution trat er auf Seite der Liberalen, fand aber kein Vertrauen; erst bei der Wiederherstellung des unumschränkten Königthums 1823 zum Secretär der Regentschaft ernannt, ward er als ^ ein brauchbares Werkzeug der Reaction erkannt, > wurde Secretär der Lainara äsl real patronat» : u. 1824 Justizminister, in welchem Amte er, der vollen Gunst des Königs sich erfreuend, den Absolutismus aufrechterhielt, die Geistlichkeit begünstigte, die Jesuiten zurückberief u. jede freisinnige Bewegung verfolgte und unterdrückte. Daneben . aber suchte er, die Zukunft ins Auge fassend, auch bei Don Carlos sich in Gunst zu setzen u. war der Erste, welcher bei dem Scheintode Ferdinands Sept. 1832 dem Jnfanten Don Carlos als König huldigte. Als der König sich wieder erholte, trug C. hauptsächlich dazu bei, daß Ferdinand VII. das die Aufhebung des Salischen Gesetzes verfügende Decret vom 29. März 1830 durch ein solches vom 31. Dec. 1832 zurllcknahm, mußte aber, als Ferdinand das letztere Decret für erschlichen erklärte, mit den übrigen Ministern abtreten u. wurde auf seine Güter in Aragonien verwiesen, Calomel — Calori-i. 395 von wo er jedoch einige Monate spater als Fran- ciscaner verkleidet nach Frankreich entfloh. Seitdem lebte er meist in Orleans unter Aufsicht der französischen Polizei u. st. 1842 in Toulouse. Lagai. Calomel (Quccksilberchlorür, Halbchlorquecksilber), aus Qnecksilbersublimat und metallischein Quecksilber durch Zusammenreiben, Sublimation u. Zerreiben u. Schlämmen des Sublimats bereitet; gelblich-weißes, schweres Pulver, in Wasser u. Säuren unlöslich; in der Medicin innerlich u. äußerlich verwendet. Calonne, 1) Charles Alexandre de C., geb. 20. Jan. 1734 in Douay; wurde General- advocat des Gerichtshofes zu Artois, dann Ge- neralprocurator im Parlament in Douay, Llaltrs äss rsguetss, 1768 Intendant von Metz, später von Lille u. 1783 Gencralcontroleur des Schatzes. Er führte als solcher eine verschwenderische Verwaltung, bei der er zuerst das von ihm angenommene Anleihesystem befolgte, u. fiel, als er 1787 bei der Versammlung der Notablen auf eine Besteuerung der höheren Stände antrug; s. Frankreich (Gesch.). Nach Lothringen verwiesen, ging er von da nach England u. vertheidigte hier seine Verwaltung in verschiedenen gegen Necker gerichteten Schriften. In der Revolution war er für den König sehr thätig, unternahm in dessen Sache mehrere Reisen, kehrte jedoch 1795 nach London u. 1802 nach Frankreich zurück, wo er 30. Oct. dess. I. starb. Er schr. u. a.: sDablos-u cks 1'Lu- roxs en Hovembrs 1795, Par. 1795. 2) Vi- comteAlphonseBernard deC., sranz.Publicist, geb. 1818 in Bethunc; studirte die Rechte, wendete sich aber der Literatur zu u. betheiligte sich als Mitarbeiter an mehreren legitimistischen Zeitschriften, zuletzt an der Hsvus eorwemporaius, deren Eigenthümer er 1855 wurde; er bekehrte sich nun zum Bonapartismus n. erwarb sich die Gunst der Regierung, die er zwar 1859 verlor, aber bereits 1861 wiedergewann, bis er sich 1868 von der Politik des zweiten Kaiserreiches lossagte. Er schr. u. a.: LsvavFsrs (Novelle), Par. 1852; Vozm^s an xa^s äs Üolrsms, 1852; I-a läiuörve äs INiiälas resbaurös. 1855; kauvre Uatliieu, 1855, 2Bde.; I-es frais äs In Ausrre, 1856, 2Bde.; Iw xortraib äs In Llarguiss, 1857; De 1a äefvoos äes oöbos on XuAlstorrs, 1859, u. mehrere politische Broschüren, namentlich auch über deutsche n. italienische Zustände: I-a xolitigus äs la Hrrmes äans Iss atlüirss äs IXIIsmaAnv et äs I'Italis, 1866; De röls äs In Ilrusss st äs 1'XIlsmLAns äu Iflorä äans 1'öguilibrs swro- pösn, 1866; I>a politigus äs Llr. äs Lsvst et sss äavsssrs ponv 1a paix äs 1'Lurops, 1869; In eoustltutlou äs l'AIlemaxus äuHorä, 1870 u. a. Lslopk^IIum D., Pflanzengatt, aus der Fam. der Oluslacsas-LalopIrzNsas (XIII. 1), Bäume mit glänzenden, lederartigen Blättern, welche von zahlreichen parallel verlausenden Seitennerven gestreift sind, und mit achsel- oder endständigen, mehrfach verzweigten Blüthenrispen; der Kelch ist von der Blumenkrone nicht deutlich abgesetzt, u. die 7—12 Kelch- u. Blumenblätter sind 2 — 3reihig angeordnet; die Antheren der zahlreichen Staubblätter sind eiförmig oder länglich; der Fruchtknoten ist eiusächerig, mit einem einzigen Eichen; Frucht eine Steinfrucht mit einein kugeligen Samen. Von den 25 bekannten Arten der Gattung kommen 3—4 im tropischen'Amerika, die übrigen im tropischen Asien vor. Merkwürdig: 0. InopIiMuva D., in Ostindien u. Cochinchina, schöner Baum mit großen, ovalen Blättern u. wohlriechenden Blumen, aus dessen Stamme, Ästen u. Blättern man einen dunkelgrünen Balsam (Lal- sLluum Llarlas) gewinnt, der zum Heilen der Wunden benutzt wird. Auch soll nach Lamark u. Blume das in Schalen versandte Takamahak von diesem Baume kommen; vgl. Illaplwiuiri u. Takamahak. Die Blätter werden gegen Augenkrankheiten u. das Al des Samens bei Hautausschlägen, Rheumatismen, sowie zum Brennen benutzt. 0. Nao-rmaliuea IsMck., Baum auf Madagaskar u. den Mascarenhas-Jnseln; liefert einen dunkelgrünen Balsam, das Bourbonische Takamahak (Marienbalsam, Calababalsam). 0. aps- balum UMck. (0. 6a1aba D.), in Ostindien, großer Baum, mit eiförmigen, stumpfen Blättern, nach Lindley die Stammpflanze des wahren ost- indischen Takamahak; die der Cornelkirsche ähnlichen bitterlichen Früchl-e werden genossen u. liefern ein in Indien gebräuchliches Brennöl. 0. Lalaba ^aeg., Baum in Wcstindien, aus dessen eingeschnittenerRinde ebenfalls ein getrocknet dunkelgrüner Balsam fließt, der angenehm gewürzig, citronenartig riecht und auf den Antillen gleich dem Peru- u. Cvpaivabalsam benutzt wird. Engter.» Calor (lat.), Hitze. Oalov moräax, beißendes, stechendes Wärmegesühl bei Berührung der Haut eines Fieberkranken, vorzügl. bei acuten Krankheiten. Calorescenz, Verwandlung dunkler Wärmestrahlen in leuchtende Strahlen. Bringt man in den Weg eines Bündels convergirender Strahlen des elektrischen Kohleulichtes (oder der Sonne) ein Glasgefäß, welches eine undurchsichtige Lösung von Jod in Schwefelkohlenstoff enthält, so werden die leuchtenden Strahlen von dieser Lösung zurückge- halteu, nur die dunklen Wärmestrahlen gehen hin- durch, so daß ein in den Vereinigungspunkt der Strahlen gebrachter brennbarer Körper (Papier) sich entzündet. Bringt man nun in diesen Ver- einiguugspunkt ein Stück platiuirtcr Platiufolie, so wird dieselbe in diesem Punkte glühend. Die dunklen Wärmestrahlen sind also dadurch in leuchtende Strahlen umgewandelt. Die dunklen Wärme- strahlen unterscheiden sich von den leuchtenden nur durch eine geringere Schwinguugsgeschwiildigkeit u. infolge davon geringere Brechbarkeit; sie liegen deshalb im Spectrum jenseits des äußersten Roth u. heißen daher auch ultrarorhe (überrothe) Strahlen; sie wirken nicht mehr aus den Gesichtssinn, sondern erzeugen nur das Gefühl von Wärme. Die C. beruht also darauf, daß durch die Übertragung auf das Platin die Geschwindigkeit der Ätherschwingiingen vergrößert und infolge davon ihre Brechbarkeit so erhöht wird, daß sie einen Eindruck auf den Sehnerv machen. Tyndall, der Entdecker dieser Erscheinung, hat derselben den Namen C. gegeben. Über die analoge Erscheinung der Fluorcscenz s. d. Wimmenau-r in. Oalorwum (lat.), so v. w. Wärmestoff; s. Wärme. Calorie (Wärmeeinheit), diejeuigeWärmcmenge, welche, der Gewichtseinheit (einem §, resp. üx) 396 Calorifere — Calorische Maschine. reinen Wassers bei seinem Gefrierpunkte zngeführt, dessen Temperatur um die Temperatureinhcit (von t> auf 1° 6.) erhöht; s. Wärme. Calorifere, Ofen einer Luftheizung; s. d. Caloristcation (v. Lat.), Wärmeerzeugung. Colorimeter (v. Lat. u. Gr.), Apparat zur Bestimmung der durch irgend einen chemischen od. physikalischen Proceß entwickelten Wärmemenge. Es gehören dahin besonders die Apparate zur Ermittelung der Verbrennnngswärme (s. d.) einer Substanz, d. h. der durch Vereinigung derselben mit Sauerstoff erzeugten Wärmemenge; der thie- rischen Wärme, d. h. der von einem thierischcn oder menschlichen Körper durch die in demselben stattfindenden Oxydation?-- (Verbrennnngs-)pro- eesse entwickelten Wärmemenge; der Verbindungswärme, d. h. der Wärme, welche durch chemische Vereinigung zweier Stoffe hervorgerusen wird; ferner der durch organische Arbeit erzeugten Wärme; endlich gehören dahin diejenigen Apparate, durch welche man, zur Ermittelung der spe- kifischen Wärme einer Substanz, die Wärmemenge direct bestimmt, die von dieser Substanz ausgenommen wird, wenn sie von einer niedrigeren aus eine höhere, od. welche abgegeben wird, wenn sie von einer höheren auf eine niedrigere Temperatur gebracht wird. Die zu den erstgenannten Zwecken dienenden C. bestehen meist in einem durch Umgebung mit schlecht leitenden Substanzen vor einem Wärmeverluste möglichst geschützten Gefäße, welches mit Wasser (auch wol Quecksilber) von bestimmter u. constanter Temperatur gefüllt ist u. in welches man den die Wärme abgeben- den, in einem Gefäße von gut leitender Substanz (dünnem Kupferblech) befindlichen Körper hineinbringt. Aus der nach Beendigung des Versuches zu messenden Temperatur des Wassers u. dessen anfänglicher Temperatur berechnet man dann die von dem betreffenden Körper abgegebene Wärmemenge. Die C. zur Bestimmung der specifischen Wärme beruhen zum Theil ans demselben Prin- rip (Mengungsmethode); das Eis-C. von Lavoi- sier u. Laplace enthält anstatt des Wassers Eis, «. man bestimmt die Wärmemenge, welche ein bis zu einer bestimmten Temperatur erhitzter Körper bei seiner Abkühlung auf 0" abgibt, durch die Menge von Eis, welche durch die abgegebene Wärme geschmolzen wird. Näheres über die zu diesen verschiedenen Zwecken dienenden C. s. u. Wärme. Daher Calorimetrie, die Bestimmung von Wärmemengen durch das C. Wimmenauer Al. Calorimötor, ein von Hare erfundenes Bolta- sches Element, welches früher in den Fällen angewandt wurde, wo die Metallplatten eine große Oberfläche haben. Hares C. besteht aus einer etwa 30—SO om breiten und einige m langen Zink- m einer ebenso großen Kupferplatte, welche, Lurch Holzstückchen oder Tuchstreifen von einander getrennt, spiral aufgerollt werden. Der so erhaltene Cylinder, der ein Plattenpaar von sehr großer Oberfläche darstellt, wird in ein Gefäß mit verdünnter Schwefelsäure getaucht. Verbindet man den einen Poldraht mit der Zink-, den anderen mit der Kupferplatte, so erhält man einen galvanischen Strom, niittels dessen Metalldrähte glühend gemacht, selbst geschmolzen werden können. Daher der Name C., Wärmeerreger (v. lat. oalor. Wärme, u. movsrs, bewegen, erregen). Jetzt bedient man sich zu demselben Zwecke einer Groveschen oder Bunsenschen Batterie, indem man sämmtliche Zink- cylinder unter sich, sowie sämmtliche Kohlen- oder Platincylinder unter sich verbindet, so daß dieselbe ein einziges Element von sehr großer Plattenoberfläche darstellt. „ Wimmemmer rl. Calorisches Äquivalent einer Verbindung zweier Stoffe nennt man die Zahl von Wärmeeinheiten, welche frei wird, wenn sich diejenigen Mengen beider Stoffe mit einander verbinden, welche einem § Wasserstoff äquivalent sind, als^ z. B. wenn fick) 1 § Wasserstoff mit 8 § Sauerstoff, od. 39 A Kalium mit 35,^ § Chlor verbinden. Calorische Maschine (v. Lat.), eine Maschine, welche durch die Spannkraft erhitzter Luft in Bewegung gesetzt wird. Die ersten Versuche, statt des Wasserdampfes als Agens für Schiffsmaschinen erwärmte atmosphärische Luft anzuwenden, rühren wahrscheinlich gleichzeitig von einem Deutschen, Prehn in Ratzeburg, u. I. Ericsson her. Elfterer hatte sich schon eine längere Reihe von Jahren mit Entwürfen u. Berechnungen zu einer solchen Maschine beschäftigt; es fehlten ihm aber, trotzdem daß mehrere berühmte Mathematiker u. Maschinenbauer sich von der Ausführbarkeit dieses Plans überzeugt hatten, die Mittel n. Unterstützungen, seiner Erfindung in der Praxis Eingang zu verschaffen. John Ericsson, ein Schwede von Geburt, hatte 1833 nach langen Versuchen eine c. M. gebaut, die aber nicht in Gang zn bringen war; Hessen ungeachtet setzte er seine Bemühungen fort u. kam endlich zn einem Resultat, indem er 1852 eine Schiffsmaschine baute, die einen Effect von 800 Pferden geben sollte. Die eingestellten Probefahrten verliefen aber so ungünstig, daß das Schiff recht bald in ein.Dampfschiff umgebaut wurde. Die Idee der Schiffsmaschine beruhte darauf, daß die erhitzte Luft vermöge ihrer Spannkraft einen Kolben treiben sollte, ähnlich wie der Dampf in der Dampfmaschine. Die entweichende heiße Luft ließ man durch einen Cylinder mit Drahtgeflecht (Regenerator) gehen, an den sie ihre Wärme abgab u. der nachher von frischer kalter Luft durchströmt werden sollte, um an diese die Wärme zur Wiederverwerthung zn übertragen, so daß man init einem Minimum von Brennstoff auszukommen hoffte. Die Erfahrung führte Ericsson zur Verwerfung der Regeneratoren, u. baute er später kleine Maschinen ohne dieselben, welche eine große Verbreitung fanden. Um die Construction dieser Maschine zu verstehen, muß man beachten, daß Lust, in einem abgeschlossenen Ranme erhitzt, an Spannkraft zunimmt. Da sehr erhitzte Luft die metallenen Wände des Cylinders angreift u. die Schmiermittel verflüchtigt, so läßt sich die Erhitzung nur bis etwa 250" steigern, wobei sich im günstigen. Falle der Druck nur um 0 ,, Atmosphären oder 0,g KZ per Hjom steigert, während Dampf schon bei 180" einen zehnmal so großen Druck ausübt. Aus diesem Grunde erhalten c. M-n so viel größere Dimensionen, als Dampfmaschinen von gleicher Stärke, und sind nur für geringe Kräfte, bis etwa zn höchstens 2 Pferde- kräften, praktisch zu empfehlen. Die Einrichtung Oalosoms. — Calov. 367 der auf Tafel VI. Maschinenlehre dargestellten c-n Bi. ist folgende. Das in dem Cylinder 8 unterhaltene Feuer zieht in der Richtung des Pfeils durch den Kanal 8 in den ringförmigen Raum § um den Arbeitscylinder und entweicht durch die Esse Ll. Im Arbeitscylinder L.L bewegen sich zwei Kolben, der Arbeitskolben 6 u. der Speisekolben 8. In der Lage der Figur gehen beide Kolben nach links, aber der Speisekolben 8 viel rascher, als der Arbeitskolben 6. Der Arbeitskolben drängt dadurch die in II sich befindende Luft, welche durch ein von der Stange Z mittels eines Daumens der Schwungradwelle geöffnetes Ventil entweicht. Gleichzeitig tritt durch vier Ventile VV des Arbeitskolbens frische Luft in den zwischen den Kolben sich vergrößernden Raum. Hat der Speisekolben die erwärmte Luft verdrängt, so schließt sich das Ausflußventil, u. die beiden Kolben nähern sich wieder. Dadurch wird die frische Luft zwischen ihnen znsammengedrückt, die Ventile V schließen sich, und die frische Lust tritt nun durch ein den Speisekolben rings umgebendes Ventil in den Raum um die Feuerbüchse 8, wo sie schnell erhitzt wird u. nun durch ihre erhöhte Spannkraft den Arbeitskolben mit Gewalt zurücktreibt, der dann seine Kraft an das Schwungrad abgibt, worauf das Spiel von Neuem beginnt. Der Arbeitskolben gibt also nur bei der Bewegung von links nach rechts Kraft an das Schwungrad. Um die dadurch im Gauge der Maschine entstehende Ungleichmäßigkeit auszugleichen, ist der Schwungring an einer Seite schwerer, so daß das Übergewicht den Kolben zurücktreibt. Durch einen Hebel mit Sperrklinke, welche in Sperrzähne des Schwungrades greist, wird dieses beim Anlassen der Maschine in Umdrehung versetzt. Die Vortheile der c-n M-n gegen Dampfmaschinen bestehen in der gänzlichen Gefahrlosigkeit, der Ersparung einer Kessclanlage und der Anwendbarkeit der erhitzten Lust zur Heizung der Arbeitsräume, wodurch namentlich Brennmaterial gespart wird. Unangenehm ist dagegen das geräuschvolle Arbeiten u. das leichte Durchbrennen der Öfen. Überhaupt ist das Angreifen der Metalle durch erhitzte Lust der Punkt, welcher die größere Anwendung der c-n M-n verbietet u. sie auf kleine Verhältnisse beschränkt. Vgl. I. Völkers Beurtheilung der c-n M. des Cap. Ericsson, Magdeb. 1853, u. Schesfler, Die Principien der c-n M. von Ericsson, Brannschw. 1853. Gi-feler. calosoms, so v. w. Schönkäfer. ValotksmmiL Dabrtt. (LiUotis, LMa), Pflauzen- gattung aus der Familie der Ll^rtaoeas-I-suoo- Lpormeae, meist kräftigeSträucher mit lederartigen, ungetheilten, schmalen, Inervigen Blättern, prächtigen, in Bündeln od. Ähren vereinigten Blüthen, welche in der Jugend in den Zweigen fest eingeschlossen sind n. erst, wenn sie vollkommen entwickelt sind, aus den 1 Jahr alten oder älteren Zweigen Hervorbrechen, bisweilen auch bis zur Fruchtreife in der ausgeschwollenen Blüthenstand- achse eingesenkt bleiben, Kelch 4—ötheilig; Blumenkrone 4—5blätterig, abfällig; Staubblätter viele in 4—5 Len Blumenblättern gegenüberstehende Bündel vereinigt; Fruchtknoten halbunterständig od. srei, am Scheitel wollig, meist 3fächerig mit vielen aufrechten oder aufsteigenden Eiche»; Frucht eine von dem verhärteten Kelche eingeschlossene Kapsel, die am Scheitel fächerspaltig aufspringt u. wenige, dünnhäutige Samen mit geradem Embryo enthält. Man kennt gegenwärtig über 20 Arten, welche alle im westl. Australien heimisch sind. Engter. Oslotropis Ä. (Mudarpflanze), Pflanzeugatt. ausderFam.derL.8oIspiackeas-0aIobropiäsag(V.2; aufrechte, kahle Sträucher mit breiten, gegenständigen Blättern u. großen Blüthen; Blumenkrone fast glockenförmig mit btheiligemSaume; Staubblätter nnt kahnsörmigeu, eine Nebenkroue bildenden Anhängseln und zusammengedrückten, in eine dünne Spitze verschmälerten Pollenmassen; Frucht eine bauchig aufgetriebene, platte Balgfrucht mit langhaarigen Samen. Arten: 1) 0. xiAantsa, Ä. Lr.. mit kurzgestielten, länglich-eiförmigen Blättern u. rückwärts eingerollten Abschnitten der Blumenkrone; im südlichen Asien u. Westindien; besitzt eine röthliche, nach Rettig riechende Wurzel, welche einen scharfen Milchsaft u. ein Alkoloid (Mndariu) enthält, das schon in kleinen Gaben schnell Brechen bewirkt; die faserige Rinde dient zur Darstellung feiner seidenartiger Gewebe, die Kohlen zur Bereitung von Schießpulver. 2) 0. xroosra Ä. der vorigen ähnlich, aber mit glockenförmiger Blumenkrone u. abstehenden Abschnitten derselben; die Wurzel enthält einen scharfen, ätzenden Milchsaft, der getrocknet wie Opium riecht und als kräftiges, aber gefährliches Purgirmittel wirkt, äußerlich auch in Salbeuform bei Hautkrankheiten benutzt wird; die Blätter werden bei kalten Geschwülsten u. Gichtschmcrzen aufgelegt; die Samenwolle dient zum Füllen von Kissen u. Matrazen u. als Zunder. Engter. Calotte (sr.), eine glatte, eng anliegende Mütze, so das schwarze Mützchen der kath. Geistlichen zum Verbergen der Tonsur; danach benannt dieCalotti- sten (IwRsAimsnb äs 1s.6alotts),eine humoristische Gesellschaft in Paris zu Ludwigs XIV. Zeit. Sie führte ein mit Emblemen verziertes Wappen mit der Devise: L'sot rexnsr gus cis savoir rirs. Sie schickte Jedem, der sich durch Lächerlichkeiten oder Thorheiten irgend einer Art auszeichnete, ein Patent. Wegen mehrerer Ungeschicklichkeiten (mau hatte sogar fremden Königen Patente geschickt) wurde sie aufgehoben. Vgl. Llsm. paar sorvir ä I'kisb. äs ia Galotws, Basel 1725. Einen ähnlichen Namen (HL^imo cko la tlslolts) erhielt während der Restauration in Frankreich die Priesterherrschast. Calov (eigentlich Kalau), Abraham, luth. Theolog, geb. 16. April 1612 zu Moruugen in Ostpreußen; studirte seit 1626 in Königsberg, war seit 1634 Docent in Rostock, wurde 1637 Assessor der theologischen Facultät und in demselben Jahre Professor in Königsberg, 1643 Rector am Gymnasium u. Prediger in Danzig, 1650 Generalsuperintendent u. Professor der Theologie in Wittenberg; er st. 25. Febr. 1686, nachdem er 2 Jahre vor seinem Tode sich zum 6. Mal verehelicht hatte. C. war ein überaus streitlustiger Polemiker im Interesse Lutherischer Orthodoxie, Im Aufträge des sächs. Hofes verfaßte er gegen G. Calixtus 1665 den Oonsenous repstltuo üäsj vors lubiwranas; er schr. u. a.: 8/stsma Ivoo- rum tbsol., Wittcnb. 1655—77, 12 Thle.; Auszug: Lbeoloxia xosit., ebd. 1682; Lpoclixm artienlornm üäsi, ebd. 1686; losAO^s aä tflso- loAiam; 6ommsnbarin8 iu Clsnsoin, 1671; Liblis. illnatrata, gegen H. Grotius, ebd. 1672, 5 Bde., n. A., Dresd. 1719; Hiotoria. oxnorstiotioa, ebd. 1682; viele Streitschriften nicht bloß gegen die Synkretisten, sondern auch gegen Neformirte, Arminianer, Contraremonstranten, Sociniancr, den Labbadismns, I. Böhme. Vgl. Tholuck, Die Wittenberger Theologen, 1852. Löffler.- Calpc, 1) im Alterthum Name des Felsens von Gibraltar (v. Gr. Lälps, d. i. Urne, nach dessen Gestalt) bildet mit Abyla in Afrika die Säulen des Hercules. 2) (Calpia) Stadt im Bätischen Spanien; jetzt Gibraltar. Calpee (Kalpi), Stadt im Lande Bundelknnd, Borderindische NWProvinzen, Distr. Dschansie in einer Schlucht am rechten Ufer des Dschnmna; einer der heißesten Orte Indiens; Handelsdepot sür die Baumwollenproduction des Landes und Zuckerraffinerie; 18,514 Ew. Alte Stadt der Hindu, 46V n. Chr. von Vasndeva gegründet, wurde sie 1196 von den Mohammedanern besetzt, fiel 1527 an den Großmogul, 1761 an die Wahlakten, 1802 an die Engländer. Calprenede, Gautier de Costes, Ritter (Chevalier) de la C., geb. um 1600 im Schlosse Tolgou in der Gascogne; studirte bis 1632 in Toulouse, trat dann iu die Armee u. wurde 1650 königl. Kammerherr; starb 1663 in Paris. Er schrieb mehrere Romane, die er aus der alten Geschichte entlehnte; so Kassandra, Par. 1642, n. Ausl., 1731, 10 Bde.; Kleopatra, 12 Bde.; Faramond, ebd. 1661, mit der Fortsetzung von de Vaumoriere, 12 Bde., u. a. m.; auch hat man von ihm mehrere sehr schlechte Trauerspiele. C. hatte Phantasie u. zeichnete seine Charaktere mit kräftigen Strichen; aber seine dickleibigen Romane, die sich bei seinen Zeitgenossen einer großen Beliebtheit erfreuten, erscheinen uns ungenießbar wegen der unendlich langen Gespräche und Beschreibungen, der unzähligen verwickelten Jntri- guen, der abgeschmackten Abenteuer u. süßlichen, langweiligen Sentimentalität ihrerHelden. Volchert.' Calpurina , Tochter des L. Calpurnius Piso, 4. Gattin des Jnl. Cäsar; sie warnte ihren Gemahl an seinem Todestage vor dem Besuche der Curie u. lieferte nach dessen Ermordung dessen Papiere n. Vermögen an Antonius aus. Calpurnius. Die Lalpnrnia §ens war ein plebejisches Geschlecht; zu ihr gehören die Familien Bibulns, Flamma, Piso rc. Außerdem: Titus Jnnins C. SiculuS, lat. Dichter, unter dessen Namen elf Mögen epistiren, Nachahmungen des Theokritos u. Virgilius. Die 7 ersten wurden wahrscheinlich unter der Regierung Neros geschrieben, die 4 anderen sind 200 Jahre später durch Nemesia- uns Len ersteren nachgeahmt, aber ohne Geschmack; Ausgabe von Gläser, 1842. Vgl. Haupt, Vs oar- illwidus Oalpurnü, Berl. 1854. Calque (fr.), Abdruck einer auf frischen Kalk abgezogenen oder durch geöltes Papier nachgemachten Zeichnung; davon calqniren, 1) eine Calque machen; 2) die Umrisse der Calque auf eine neue Unterlage von Papier (Zeichnung oder Aquarell), Leinwand (Ölmalerei), frischen Maner- bewnrf (Fresco), trockene Wand (Tempera, En- kaustik) u. s. w. mittels eines Griffels und einer gefärbten Zwischenunterlage, oder auch nur des Eindruckes vom Griffel, oder auch, nachdem man die Umrisse sein durchstochen, mittels eines Staubbeutels von Kohle oder Kreide, mit dem man daran klopft, übertragen. Man hat dazu besonderes Calquirpapier; s. u. Papier. Vgl. Carton. Regnet.- Caltabellöta, Stadt im Bezirke Sciacca der ital. Provinz Girgenti auf Sicilien, am gleichn. Flusse; 6560 Ew. Caltagiröue (Caltagerone), Hauptstadt des gleichnam. Districts in der ital. Provinz Catania auf Sicilien; mehrere Klöster n. Kirchen; Bischofssitz; Collegium; Hospital, Waisenhaus; Töpferei u. Bildhauerei; Handel; 25,978 Ew. Caltanissetta, 1) Provinz auf der Insel Sicilien; grenzt nördlich an Palermo, östlich an Catania n. Noto, westlich an Girgenti u. südlich an das Mittelmeer; hat einen Theil des neptuni- schen Gebirgszuges u. die Flüsse Salso, Terranova n. Platani; durchzogen von 55 Lm der Eisenbahn Palermo-Catania; Erzeugnisse sind Getreide, Wein, Ölivenöl, Flachs, Mandeln, Kastanien, Nüsse, Pistazien, Schwefel; starke Viehzucht; 3769 f^Icm (68,4 230,066 Ew.; getheilt in die Distr. C., Piazza Armerina und Terranova, zusammen 28 Gemeindebezirke. 2) Hauptstadt darin, am Salso, Station der vorgenannten Eisenbahn, mitten auf der Insel, in einer weiten und fruchtbaren Ebene; Bisthum; Gymnasium, Technische Schule; Citadelle; Erdölquellen, beträchtliche Schwefelgru- ben; 26,156 Ew. Hier 2. Sept. 1820 Sieg der königl. Truppen unter General Pepe über die aufständischen Palermitaner; s. u. Neapel (Gesch.). Osltlm V., Pflanzengatt, aus der Familie der RannneulLosao-klsIIeborsas (XIII. 3), mit fünf- blätterigem, abfallendem Kelche, ohne Blumenkrone, mit zahlreichen nach außen aufspringenden Staubblättern u. 5—10 mehrsamigen Früchtchen. 6. palustris V. (Kuhblume, Dotterblume, Butterblume), kahl, mit aufsteigendem, oberwärts ästigem Stengel, glänzenden, Herz- oder nierenförmigen, gekerbten Blättern u. dottergelben Kelchblättern; giftig. Diese in Sümpfen u. Wassergräben verbreitete, im April u. Mai blühende Pflanze soll, von den Kühen gefressen, das Gelbwerden der aus ihrer Milch bereiteten Butter bewirken; die nicht aufgeblühten Blumenknospen werden an Stelle der echten Kappern verkauft u. verwendet. Engter. Calumet, Friedenspfeife, s. d. Calumet, County im nordamerik. Unionsstaate Maryland, u. 38° n. Br. u. 76" w. L.; 9865 Ew.; Lountysitz: Prince Frederickstown. Calumiua (lat., Calumnie), Ehrenrührigkeit, Verleumdung;daherCalumniant (Calumniator), Verleumder, falscher Ankläger; Calumniat, der Verleumdete; s. u. Verleumdung. llalummZeo suliaoter, ssmpsr sliqulä lmerot (lat. Sprüchwort), d. h.: Verleumde keck, es bleibt immer etwas davon haften. Calüso, Tommaso, eigentlich Valperga di Calvados — Calvert Islands. 399 C., geb. 20. Dec. 1737 in Turin; war früher im Dienste des Malteser-Ordens, trat 1761 in den Orden der Oratoristen, lehrte seit 1768 in Turin, wo er Director der Sternwarte u. Professor der griechischen u. orientalischen Sprachen wurde; er st. 5. April 1815. C. schrieb u. a.: Deila xossia, Tur. 1806; Vsrsl italiaul, ebd. 1807; Patina oarmlua onin spsoimins Zrasvo- rum, ebd. 1807; lCriusipss äs xliilosoxlüs xour äss iuitüss aux matflsrnatiguos, ebd. 1811, u. a.; pseudonym als Didymus Taurinensis: Litsraturae eaptioas ruäimsvtum, Parma 1783. Lebensbeschreibung von Prosp. Balbo, Mail. 1816, u. von Boucheron, Tur. 1833, Tüb. 1839. Calvados, 1) (Roolisra äs 0.) etwa 40 km lange Klippenbank im Canal la Manche, zwischen den Mündungen der Orne u. Vire, etwa 8 km von der Küste; höchst gefährlich für die Schifffahrt; soll nach einem hier 1588 gescheiterten Schiffe der spanischen Armada genannt sein; Fundort vieler Austern. 3) De Part, im nordwestl. Frankreich, nach dem Vor. genannt; 5520,, Hjkw (100 IHM); 454,012 Ew. in 764 Gemeinden, darunter nur etwa 6000 Protestanten; umfaßt die zur ehemaligen Normandie gehörigen Landschaften Bessin, Bocage, Campagne de Caen, Auge n. Lieuvain; grenzt im N. an Len Canal, im O. an das Depart. Eure, im S. an das Departement Orne, im W. an das Departement Manche; im S. gebirgig, Fortsetzung der Höhen, welche die Wasserscheide zwischen der Seine und Loire bilden, weiter nördlich wellig u. schließlich schroff zum Meere abfallend. Flüsse: Touques, Dives, Orne, Seulles, Dromme(mit Aure), Vire. Klima gesund, aber ziemlich veränderlich, oft Regen, WWinde herrschen vor. Boden im Allgemeinen fruchtbar, namentlich an den Flüssen u. in den Thälern, nur an der Küste sandig u. öde, im Ganzen mehr für Viehzucht als für Ackerbau geeignet; wenig Waldungen. Products: Getreide, Flachs, Hanf, Ölgewächse, Obst (namentlich Äpfel u. Birnen für Ciderbereitung), Gemüse, Seetang; Rindvieh, Schafe, Pferde, Schweine; Eisen und Steinkohlen (1869 3 Mill. Ctr.), Torf, allerhand Steinarten, Bolus, Mergel; Ackerbau (nicht hinreichend); Viehzucht mit Butter- u. Käsegewinn (Butter von Jsigny, Käse von Livarot u. Pont- l'Eveque), Pferdezucht, Bienenzucht, Wiesencultur, Blumenzucht, Gemüsebau, Fischfang (Austern, Muscheln, Hummern u. dgl.). Industrie: Blonden, Spitzen, Landwand (loilss srsbouuss), Öle, Cauevas, Baumwollenwaaren, Angorazeuge, Tuch, Garn, Strumpfwirkerei, Strohflechterei, Leder, Papier, Eisengießerei, Stahlwaaren, Mefferfabri- ken, Gesammtwerth der gewerblichen Jndustrie- producte etwa 97 Mill. Fcs. jährlich. Handel bedeutend; Ausfuhr: Pferde, Rindvieh, Ol, Geflügel, Butter u. die übrigen Erzeugnisse; Einfuhr: engl. Steinkohlen (198,533 Tonnen von der Gesammteinfuhr von 360,895 Tonnen im Jahre 1873), Wolle, Baumwolle, Eisen, Colonialwaaren. Von den 6 Häfen sind die bedeutendsten Caen- Oyestreham u. Honfleur. Das Depart. wird von 224 km der WBahn (Paris-Cherbourg 109 km, Paris-Grauville 28 km, Flers-Caen 58 km, Le-Mans-Mezidon 32 km, Zweigbahnen 97 km) durchschnitten. Eintheilung in die 6 Arrondissements: Bayeux, Caen, Falaise, Listeux, Pont l'Evbqu«, Vire. Hauptstadt Caen; Las Departement gehört als Bisthum Bayeux zum Erzbis- thum Rouen. Schwor.' Calvacrt , Dionys, genannt Dionisio Flammingo, Landschasts-, später Historienmaler, geb. um 1545 in Antwerpen, Schüler Fontanas u. Lor. Sabbatinis in Bologna. Von Rom zurückgekehrt, stiftete er in Bologna eine Schule, aus welcher Albani, Domenichino u. Guido Reni hervorgingen; er st. 1619. Dem Zeitgeschmack entgegen, wollte er mit seineni ernsten Sinne u. an Dürer erinnernden Gründlichkeit durchaus den älteren Stil wieder einführen, weshalb ihn seine Schüler verließen u. zu den Caracci übergingen. Von seinen Gemälden, nach denen Hieran. Vierix, PH. Thomasin u. R. Sadaler gestochen haben, befinden sich die meisten in Italien, namentlich in Bologna. Regnet.» Calvaire (fr.), 1) Klosterfrauen u. L. F. von Calvaria, nach der strengen Regel St. Benedicts, gestiftet 1617 in Poitiers von Antoinette von Orleans, mit Nonnen des Ordens von Fonte- vrault, unter der Leitung des Kapuziners Joseph Le Clerc du Tremblay, gewöhnlich Pater Joseph genannt, vom Papst Paul V. und König Ludwig XIII. bestätigt und bald über 20 Klöster Frankreichs verbreitet. Tracht: Nock und Gürtel braun, Scapulier über dem Vortuch u. schwarz, im Chor darüber ein schwarzer Mantel; vom 1. Mai bis zum Fest Krenzeserhöhung gingen sie barfuß. Sie erloschen 1790, wurden später in Paris wieder hergestellt. 2) C. (Calvaristeu, l?rstres Nissiounairss än 0.), gestiftet 1633 von Hubert Charpentier auf dem Berge Betharam in Böarn zur Bekehrung der Protestanten, 1638 mit den Vätern der Missionen zur Verbreitung des Glaubens vereinigt, 1650 wieder getrennt, 1666 reformirt u. mit den Vätern von St. Sulpice vereinigt; 1790 untergegangen, 1826 wiederer- standeu. Ihr Sitz ist ans dem auch Calvarieu- berg genannten Mont Valörien in Paris. Löffler.» Calvaria (lat.), 1) (Anat.) die Schädeldecke (Vornix orauü), die obere Schädeldecke vom oberen Augenhöhlenrande bis zur oberen halbkreisförmigen Linie des Hinterhauptbeines. Von manchen wird C. auch als gleichbedeutend mit Oramum (Gehirnschädel, im Gegensätze zu Gesichtsschädel, §aoiss) betrachtet. 2) Golgatha, schwerlich als Schädelstätte Hingerichteter, sondern wahrscheinlich von der Schädelform so genannt, daher in kathol. Ländern Hügel mit Darstellungen der Kreuzigung Christi, zu welcher in der Fastenzeit gewallfahrtet wird. Solche Calvarienberge sind bei Paris (Mont Valörien); bei Fulda (preuß. Prov. Hessen-Nassau); bei Albendorf im Kreise Neurode des preuß. Regbez. Breslau, mit vielen Höhlen u. Bildern der Lebensgeschichte Jesu, nebst den 12 Leidensstationen; bei Heiligenstadt im Regbez. Erfurt; bei Schemnitz im Kreise Honth des österr. Verwaltuugsgebietes Preßburg u. a. m.; besonders zahlreich in Italien. Vgl. Via äolorooa. Calvert Islands (auch Kaven genannt), Inselgruppe im Stillen Meere, u. 54° n. Br. u. 170° 49' w. L., zu Britisch-NAmerika gehörend. 400 Calvi — Calvin. Calvi, Pompes, ital. Architektur- u. Land- schaslSmaler, geb. in Mailand 1806; lernte bei Migliaria; wirk! namentlich durch glückliche Ver- lheilung des Lichtes, treffliche Behandlung des Helldunkels u. richtige Perspective. Werke: die Überreste des Porticus der Octavia in Rom (1834) u. das Innere des Domes in Monza (1838), im Belvedere zu Wien. Regnet. Calvi, l) Hauptstadt des gleichnam. Arr. im nördl. Theil des franz. Depart. (Insel) Corsica, am gleichnam. Golfe, Festung ans einer Halbinsel mit kleinem Hafen; Gericht I. Instanz; Handel mit Wein u. Olivenöl; 2175 Ew. Die Stadt wurde von einem Herrn von Nebbio, einem Anhänger Gennas, gegründet; die Genuesische Bank ließ die Festungswerke bauen u. gab der Stadt viele Gerechtsame, sie stand daher in den corsischen Freiheitskämpsen stets auf der Seite Genuas. In der Mitte des 16. Jahrh. von den Franzosen zweimal vergeblich belagert, wurde sie 1794 von den Engländern erobert. 2 ) C. Risorta, Stadt in der italienischen Provinz und dem Bezirke Caserta; Bisthum; Kathedrale; einst ansehnlich, hat jetzt nur noch die bischöflichen und andere Gebäude; Seminar; ungesund, öfter Erdbeben; Ruinen eines Amphitheaters; 2862 Ew. — C. steht an der Stelle des alten Cales. Auf den Trümmern desselben wurde 879 C. von dem Grasen Atenulf von Capua erbaut; 1555 vergebens von den Türken belagert; hier im Französischen Revolutionskriege am 9. Decbr. 1798 Sieg der Franzosen über die Neapolitaner, und 10. Jan. 1799 Vertrag zwischen Franzosen und Neapolitanern. 3 ) Monte C., Berg in der ital. Provinz Livorno, an der See, Ausläufer des toScanijchen Hügellandes, 543 in, hauptsächlich ans weißem Marmor bestehend; berühmt durch seine Porphyre. Calvillen, s. Apfel a). Calvin (Calvinus, eigentlich Jean Caulvin od. Cauvin), berühmter Theolog, geb. 10. Juli 1509 zu Noyon in der Picardie; war früh schon für den geistlichen Stand bestimmt u. studirte Theologie in Paris, dann, von seinem Vater dazu bewogen, die Rechte zu Orleans u. Bourges, die er aber nach einiger Zeit wieder zu Gunsten der Theologie aufgab. Zugleich durch das Studium der Heiligen Schrift, namentlich des griech. N. T., wozu ihn Wolmar anleilete, u. durch innere religiöse Kämpfe selbständig zu resormator. Überzeugungen geführt, predigte er in den Versammlungen der Evangelischgesinnten zu Paris, entsagte hier seinen kath. Pfründen u. faßte den Plan, Frankreich zum Protestantismus zu bekehren. Aber die Verfolgung derReformir- ten nahm so überhand, daß er sich mit Noth aus Paris flüchten konnte, woraus er sich 1535 nach Straßburg u. Basel begab. Hier schrieb er seine In8titubiu ollristiaurrs isIiAiouis, durch welche er Len König Franz I. von der Versolgung der Protestanten abzuhallen hoffte, jedoch umsonst. Sein nächster Versuch, in Ferrara als Reformator zu wirken, mißlang, u. er wandte sich 1536 nach Genf, wo die Reformation bereits durch Farel u. Virel eingeführt war u. er nun Gehilfe dieser Beiden wurde. Als Lehrer u. Prediger angestellt, bestrebte er sich, sein eigenes Glaubensbekennruiß zum herrschenden zu erheben. Gestützt auf die vielen in Genf eingewanderten reformirten Franzosen u. andere Anhänger seiner Lehre, stellte er sich namentlich den Genfer Patrioten gegenüber, welche sich mehr um Politik als um Dogmatik bekümmerten und daher von den Zeloten Libertiner genannt wurden, ohne daß damit damals eine moralische Herabwürdigung gemeint war. Als C. u. Farel nun den Genfern einen neuen Katechismus nach ihrer Lehre aufdrängen wollten, erregte dieses großen Streit, der damit endete, daß die beiden Prediger aus Genf verbannt wurden (1538). C. brachte sein Exil meist in Straßburg zu, wo er eine franz. resormirte Gemeinde gründete u. als Abgeordneter der Stadt an den Reichstag in Frankfurt u. zu dem Religionsgespräch zu Regensburg gesandt wurde. Aber unterdessen erlangten seine Anhänger in Genf nach heftigem Parteikampse wieder die Oberhand u. riefen ihn 1541 zurück. Ungern kam er, wurde aber durch erhöhte Stellung u. große Ehren entschädigt u. zugleich auch beaustragt, die Gesetze Genfs abzufassen. Die bestehende Regierung war von da an sein Werkzeug u. er eigentlicher Dictator. Ein durchgreifendes Spio- > nirsystem wurde von ihm organisirt, um alle Reden u. Thaten seiner Gegner in Erfahrung zu bringen. Beleidigungen seiner Person wurden wie Gotteslästerungen bestraft u. Leute, welche abweichende Ansichten aufstellten, öffentlichen Demä- thigungen unterworfen u. excommunicirt, später aber, als sich die Anhänger C-s noch sicherer fühlten, geradezu hingerichtet, wie z. B. Jakob Gruet, der jüngere Berthelier (s. d.) u. d. A. Der bekannteste Justizmord unter C-s Herrschaft ist aber die Verbrennung des Michael Servet (s. d.) wegen abweichender Ansichten über die Dreieinigkeit, im Jahre 1553. Auch blühten unter E-s Herrschaft die Hexenprocesse in hohem Maße, u. in moralischer Beziehung wurde gegen harmlose Vergnügungen u. sogar gegen Trachten, gegen Taufnamen, die nicht aus der Bibel stammten u. gegen Volksgebräuche mit einer Strenge einge- schritten, welche später glauben machte, daß C. in Genf die Sitten verbessert hätte, was aber nach zeitgenössischen Berichten u. Schilderungen gar nicht der Fall war. Das Theater wurde unter C. vollständig unterdrückt. C. verpflanzte den Mönchsgeist in die neue Kirche, ja, dieser Mönchs- ! geist sollte die ganze Gemeinde beherrschen. Erst > i. I. 1555 gelang es C. durch mehrere Hinrichtungen, denen arge Unruhen vorangegangen, die sog. Libertiner niederzuwerfen. Von da an war seine Regierung, wenn auch nicht milder, doch nicht mehr blutig. Im Jahre 1558 stiftete er die Akademie zu Genf, deren erster Rector Beza (s. d.) wurde, die indessen in jener Zeit vorzugsweise der Theologie C-s diente. Im Übrigen war er rastlos bestrebt, seine Richtung weiter anszudehnen, - u. knüpfte zu diesem Zwecke Verbindungen mit den Presbyterianern Schottlands, wo John Knox sein Schüler war, sowie in Skandinavien und Polen an. Vorzugsweise aber wirkte er für seine Glaubensgenossen in Frankreich (s. Hugenotten), welche, dort vertrieben, stets bei ihm Aufnahme u. Schutz fanden. — Seine Gesetze zur Organisation der Kirche machten die Presbyterialverfassung zur 401 Oalvisiktiig. actio — Oalvoioas. herrschenden bei den Reformirten. In Genf bestand das Konsistorium nach dem 20. Nov. 1541 feierlich von der gesammten Bürgerschaft angenommenen Gesetze ans den 6 Stadtgeistlichen u. 12 Ältesten, sämmtlich Rathsherren, den Syndik an der Spitze. Dieser Behörde war die Kirchen- u. Sittenzucht übertragen, die gegen die ursprünglichen Grundsätze C-s dadurch einen theokratischen Charakter annahm, daß kirchliche u. sittliche Vergehungen mit bürgerlichen Strafen belegt wurden. In dogmatischer Hinsicht zeigt C-s Theologie die strengste systematische Konsequenz. Seine Lehre, in der Institntio niedergelegt, ist ein Werk aus einem Guß, wie kaum ein anderes. Der beherrschende Mittelpunkt ist die zu den äußersten Konsequenzen fortgebildete Augustinische Prädestinationslehre, die er gegen Bolsec (s. d.) mit allem Eifer verthei- digte u. iin Oonssnsus Osnsvensis 1552 fixirte. Seine Abendmahlslehre steht mit dieser Prädestinationslehre im Zusammenhänge, so sehr C., der die Oonksssio XnAnsbana, variabel, von 1540 annahm n. mit der unbestimmteren Fassung Melan- chthons sich einverstanden erklärte, in Len Ausdrücken der Luther, sie annäherte, wodurch er zwar Luthers Zustimmung erlangte, aber auch den Widerspruch der luth. Streittheologen Westphal und Heßhus hervorrief. Als Exeget hat C. besonders Großes u. bleibend Werthvolles geleistet. C, bewirkte auch, freilich nur um seine Lehre zu stärken u. auszn- breiten, 1549 eine Übereinkunft zwischen den schweiz. Protestanten, welche eine scheinbare Vereinigung der Zwinglianer n. Calvinisten enthielt, jedoch auf heftigen Widerstand stieß, so daß erst nach C-s Tod 1566 die sogen. Helvetische Konfession (s. d.) zu Stande kam. — C-s Freunde sagen von ihm, sein Privatcharakter sei durchaus ehrenhaft gewesen u. bei allen seinen Handlungen hätten ihn die besten Beweggründe beseelt; die Fehler, welche er begangen, seien in seiner Zeit begründet gewesen u. allgemein herrschenden Vor- urtheilen entsprossen. Sein Gesicht war mager, blaß u. geistvoll, die Stirn hoch, die Augen lebhaft u. stechend, der Bart dünn u. spitz. Wären seine Pläne in Frankreich geglückt, so wäre er ein Papst der Reformirten Kirche geworden. Seine Gattin u. sein einziges Kind gingen ihm im Tode voraus. Er erlag den Anstrengungen seines Wirkens u. starb 27. Mai 1564 in Genf, im Vollbesitze seiner Würden. Sammlung seiner dogmatischen, exegetischen (bes. 6ommsntairs snr la eonooräanos, Genf 1561, 4 BLe., die Lominon- tarii in N. D., heransgeg. von Tholuck, 1833 f., 7 Bde., n. A., 1838; Ooinm. in Ubros ksalmo- rnm, von Tholuck, Berl. 1836, 2 Bde.; 6omin. in llbrmn Osnsssos, von Hengstenberg, ebd. 1838, 2 Bde.; Auszug des Brieses Pauli an die Römer, deutsch von Krummacher u. Bender, Franks. 1837) u. polemischen (einzeln meist pseudonym) Schriften, Amsterd. 1667, 9 Bde., Fol. Nene Gesammtans- gabe von Baum, Reuß u. Cnnitz in Oorp. rslor- watorum, Braunschw. 1863—74, Bd. 1—12. Von ihm ist auch die Verbesserung der franz. Bibel (nach Olivetans Übersetzung), Genf 1551, Lebensbeschreibung von Th. Beza, Genf 1576; Bretschneider im Reformationsalmanach 1821; Henry, Hamb. 1835—44, 3 Bde.; Herzog, Bas. Picrers Universal-Convcrsations-Lexiko». v. Anfl. I 1843; Guizot, deutsch von Funkel, Lpz. 1847; Bungener, Genf 1863, deutsch, Lpz. 1863; Stä« helin, Elberf. 1863; Vignet n. Tissot, Genf 1864; Audin, Paris 1841, 6. Ausl., 1873, deutsch von Egger, Augsb. 1842 f.; die erschöpfende, leider unvollendete von Kampschulte, Bd. 1, Lpz. 1869. Vgl. auch Galiffc, t^uslgnss paxos ä'Illsboirs sxaots, Genf 1862, u. dlouvellss pa§os ä'bisb. ex., ebd. 1863; Nilliet - Decandolle, 8nr äsnx Points obsenrs äs In vis äs (!., ebd. 1864. Henne-Am Rhyn. Löfflcr. 6sIvisMna aelio, im Römischen Rechte die Klage, durch welche der Patron das, was sein Freigelassener ihm zum Nachtheil veräußert hat, von dem Besitzer der Sache wieder verlangte. Calvisius, 1) C. Taurus, s. Taurus. 2) Sethns, eigentl. Kallwitz , deutscher Componist u. musikalischer Schriftsteller, geb. 20. Febr. 1556 in Gorsleben bei Sachsenburg; studirte in Helmstedt u. Leipzig, wurde 1580 Cantor an der Pau- linerkirche, 1582 Cantor zu Schulpforta, 1594 an der Thomasschule zu Leipzig; starb daselbst 24. Nov. 1615. Er schr.: Opus drronologsionm obe., Lpz. 1615, 4. Änfl., 1685; §ormnla oa- Isnäarii oovi eto., Heidelb. 1613; Llenolrns ea- Isnäarü CrsAor, Franks. 1613. Oslvitiss, die durch Schwund der Haarbälge entstehende Kahlköpfigkeit. Lalvus (lat.), 1) kahl, Kahlkopf; 2) (B"t.) ohne Samenschopf oder Haarkrone. Calw, Stadt, so v. w. Kalw. lkalx (lat.) 1) Kalk. 2) (Anat.) Die Ferse. Calyc ... (v. gr. üäkz-x), Kelch . .. llsl^eantliaoeae, kleine Pflanzenfamilie aus der Klasse der Nosifloren, enthaltend Sträucher mit vierkantigen Ästen, gegenständigen, ungetheilten, nebenblattlosen Blättern, mit zahlreichen, spiralig gestellten, am Grunde in eine Röhre verwachsenen Kelchblättern, welche allmählich in Blumenblätter, Staubblätter u. Fruchtblätter übergehen, die nur mit einer fruchtbaren Samenknospe versehen sind. Gattungen: Obiiuonanbbns u. Oalz-eantstus. E.igl-r. »Ll>oantkus I-., Pflanzengattung aus der Familie der Calycantheen (XII. 3), kleine Nordamerika». Sträucher, von denen in Deutschland häufig angeüaut wird: 6. üoriäns L. (Gewürzstrauch), mit knrzgestielten, eiförmigen bis länglichen, ganzrandigcn, spitzen, linkerseits blaßgrünen Blättern, knrzgestielten, dunkelbraunen, zimmt- artig riechenden Blüthen und ebenso riechender Rinde. Die C-arten sind ihres Wohlgernches wegeo sehr beliebte Sträucher in den Ziergärten, vor- zugsweise der am leichtesten gedeihende u. am reichlichsten blühende 0. üoriäns. Sie wachsen am besten in kräftigem, etwas sandigem Grrtenboden, verlangen aber in den nördl. Gegenden Deutschlands Schutz gegen strenge Winterkälte u. vermehren sich vorzugsweise durch Wnrzelauslänfcr. (Bot.) Engler. (Gärtii.) Wolde. eaIxostus(Bot.), mit einem Kelche umhüllt; das Gegentheil: aoalzwatns. Lshoes renales (Nierenkelche, Anat.), Anhänge der Harnleiter (s. Nieren). Cal/elsas, Fam. der Krustenflechtcn (Illebens.? ürz-oblasti), mit krustenartigem Thallus, kreisel- od. birnförmigen od. kugeligen Fruchtbehältern sApo- V. Band. Zg 402 Oktlyoiüorg.6 — Camaldulcnscr-Emstcdler. thccien), welche mit einem eigenen, nicht von dem Thallus gebildeten, faserigen, unterwärts in einen Stiel verschmälerten Gehäuse (Lxoipnlum) versehen sind. Von den hierher gehörigen Gattungen sind erwähnenswerth: 1) Feolium XcF., mit sehr kurz gestielten Apothecien. Art: F.. tigillars an alten Bretterwänden u. Baumstämmen. 2) Calz-olum Fers., mit langgestielten Apothecien n. braunen, biscuitförmigen Sporen. Arten: 6. niZrum KcLaer., sehr häufig an Rinden alter Nadelhölzer; 0. xnsillum FM., vorzugsweise an alten Pappeln u. Weiden. 3) (Z-xkrsttnm ^4e?r., mit kreiselförmigcn, gestielten Apothecien u. braunen, kugeligen Sporen. Arten: 6. mslanoxlmsum ^e?r. u. 0. trielrials ^4c/r., an Laub- u. Nadelhölzern häufig. 4) Ooniov^bs ^4e/r., mit kugeligen, gestielten Apothecien u. gelblichen, kugeltgen Sporen. Arten: 0. knrkuraoos. F., an alten Baumrinden schwefelgelbe Überzüge bildend, und 0. »tilbsa Engter. l)sI>cMcrae (Kelchblüthige), 59. Klasse der Pflanzen bei Endlicher, charakterisirt durch freien, oder mit dem Fruchtknoten verwachsenen klappigen Kelch, ans dessen Schlunde die Blumenblätter u. Staubblätter mit od. unter den Blumenblättern eingefügt zu sein scheinen, da die Blüthenachse, an deren Rand die Kelchblätter stehen, ausgehöhlt ist. Hierher wurden gerechnet die Familien Vc>- virz-sig-osas, Oombrstaosao, FlavZieas, Mrmo- ickoroao, ksiilaäelxlrsas, Oenotirersas, Ilalora- Aüus n. I,^birrarisas. Auch ältere, doch unrichtige Bezeichnung der Pflanzen mit pcrigynischeu Blüthen (s. Blüthe ll.); m diesemSinne bezeichnete z. B. Decandolle die zweite Unterklasse der exogenen Gefäßpflanzen in seinem System als 0. Engter.» Oahoikoi-ims (Bot.), kelchförmig; cabpeinalis (ealz-einns), kelchig. caI>ouIÄU8 (Bot.), gekelcht, d. h. mit einem Neben- oder Außenkelche, z. B. die Blllthe der Malven. Lslxculus (Bot.), kleiner Kelch, der Außenkelch, Nebenkelch; s. Blüthe I. Calymne (Petref.), Gattung der Trilobiten, in Silur u. Devon. 0. Llnvaenbaeiri, häufig in den oberen silnrischen Schichten Skandinaviens, Frankreichs u. NAmerikas. l!al>ptra, Mooshaube, s. Moose. OaFptranibsr ä'rv., Pflanzengatt, ans der Fam. der Nz^rtaeoas-Uz-risas, Bäume vd. Sträucher mit gegenständigen, fiedernervigen Blättern und kleinen, in zusammengesetzten, achsel- od. endständigen Rispen stehenden Blüthen; Kelche mit krei- selförmiger, oft über den Fruchtknoten hinaus verlängerter Röhre u. mützenförmigem, abfallendem Saume; 2—5 sehr kleine Blumenblätter u. zahlreiche freie, fadenförmige Staubblätter; Fruchtknoten 2—3fächerig mit fadenförmigem Griffel; Frucht eine von der Kelchröhre überragte Beere mit 1—2 kugeligen Samen. Mehr als 70 Arten sind im tropischen Amerika heimisch; sehr viele liefern äußerst wohlriechende u. wohlschmeckende Früchte, welche wie die Gewürznelken verwendet werden u. in den Handel kommen; dasselbe gilt von den Blüthenknospen der brasilianischen 6. aromntiea K. Lrk. u. der peruanischen 0. xa- rüenlata. Ä. cll F. Engter. OaFstegia s. Oonvolvolus. Cnlxx (gr. Lalz-x), Hülle; in der Bot. Kelch s. u. Blüthe. Oamaleu (franz.) Camöe; Bilderstein; einsar- bigcs Gemälde. Ein solches ist entweder in verschiedenen Tönen derselben Farbe, grau in grau (lZrisaiUs), gelb in gelb (Orra^s), oder mit einer Farbe auf einen Grund von anderer gemalt. C.-Arbeiten erfreuten sich namentlich im 18. Jahrh. großer Beliebtheit. Einer der berühmtesten C.-Maler war Parmegiano. Aus dieser Zeit sind auch die C.-Arbeiten im Vatican, wo der Grund aus Gold besteht. Herrscht in einem Bilde eine Farbe so vor, daß die anderen zurllcktretcn, oder sind in einem solchen 2 od. 3 Farben ohne Rücksicht auf die Natur angewendet, so nennt man es ebenfalls en 6. gemalt (braunes, rothcs, grünes C.). Regnet. Camail (franz.), 1) eine den Hinterkopf und die Schultern bedeckende Kappe, von den katholischen Geistlichen im Winter getragen; 2) kleiner, eleganter, nur wenig über die Taille herabreichender Damenmantel. Camajore, Gemeinde in der Provinz u. dem Bezirke Lucca; 16,914 Ew. Camaldoli, Einsiedelei u. Kloster auf einem Berge am Abhange der Apenninen in der ital. Prov. Arezzo; wurde 1018 von St. Romuald gegründet und ist die Wiege des Camaldulenser- Ordcns. Andere Klöster des gleichen Namens liegen bei Sorrento, am Vesuv n. ein größeres bei Neapel. Camaldulenser-Einsiedler (Calmaldoliten, Romualdiner), von St. Romuald von Ravenna (st. 1027) zur strengsten Beobachtung der Regel St. Benedicts gestiftet, 1072 vom Papste bestätigt und nach ihrer ersten Einsiedelei Camaldoli bei Arezzo benannt; führten anfangs gegen die Bene- dictinische Regel ein beinahe rein beschauliches Leben in Einsiedeleien zusammen, od. ganz einzeln als Klausner. Aber 1300 erhob sich die Einsiedelei San Michele di Murano bei Venedig zu einem förmlichen Kloster, die Einsiedler wurden Mönche u. bildeten eine eigene Congregation von Cöno- bitcn; darüber entstand mit den Camaldulenser- Eremiten (Einsiedlern) ein vieljähriger Streit, u. auch diese spalteten sich in die Kongregationen von Camaldoli, vom Kronenberg (Alants Oororm), von Turin, von Grosbois bei Paris. Auch unter den Cönobiten unterschied man seit der Reformation 1431 Conventualen n. Observanten. Im 17. u. 18. Jahrh. bestand der Orden aus 2080 Religiösen in 5 von einander unabhängigen Kongregationen, unter eigenen Generalen (Najorss). Weiße Kutten trugen Alle, weitere die Mönche; Bärte u. größere Strenge im Fasten, Schweigen u. Selbstgeißeln hatten die Eremiten voraus. Vor der Klosteraufhebung in Italien bestand nur noch Camaldoli selbst, mit wenigen im Kirchenstaate n. 1822 im Neapolitanischen wiederhergestellten Einsiedeleien. Ein Glied des Ordens war Papst Gregor X.'Vl. Auch gab cs Camaldulrnserimien, gestiftet von dem General der C. Rudolf (1086) zu Mncellano im Toscanischen; im 17. Jahrh. 24 Klöster. Tracht: Rock u. Scapulier von weiter Serge, über diesem ein weißwollener Gürtel, im Camaradcric Chor eine weiße Kutte u. über dem weißen Schleier noch ein schwarzer; statt der Kutte trugen die Laienschwestern einen weißen Mantel. Sie hatten zuletzt nur noch ein Kloster mit wenigen Mitgliedern in Noni. Löffler.» Camaraderic, 1) Kameradschaft. 2) Eine Verbindung von mehreren Personen, besonders von Schriftstellern n. Publicisten, welche den Zweck hat, einen Schriftsteller, Künstler, Gelehrten rc. entweder durch öffentliche u. geheime Angriffe, Verdächtigungen u. Verkleinerungen in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, od. einem solchen durch Lobhudeleien in öffentlichen Blättern oder in der gesellschaftlichen Conversation die Gunst des Pnblicums zu verschaffen. Über den Einfluß der C. auf die Künste u. Wissenschaften in Frankreich schrieb Lesguillon: Ln cawaraäsris, Par. 1853 (Preisschrist). Scribe benutzte sie '°als Motiv zu seinem Lustspiel: La camaraäsris. Camares, Flecken im Arr. St. Affrique des franz. Dep. Aveyron, amDourdou; Wollenspinnerei, Tuch- u. Tricotwcberei; 2193 Ew.; in der Nähe der Badeort Sylvanes mit glaubersalzhalligen Quellen. Camaret, Halbinsel u. darauf Dorf im Arr. Chäteaulin des franz. Dep. Finisterre, zwischen der Rhede von Brest u. der Bai von Douarne- ncz; Sardellenfischerei; Leuchtthurm, kleiner Hafen; 1260 Ew.; dabei ein (wahrscheinlich keltisches) Denkinal in einer Reihe von 60 Felsenstücken. Hier landeten 1694 die Engländer unter dem Marquis von Caermarthen, mußten aber wieder znrückweichen. Camargue (La C.), Insel im Arrond. Arles des französischen Depart. Rhönemündungen, von 2 Armen der Rhone an ihrem Ausfluß in das Mittelmeer gebildet; 730 landschaftlich an Holland erinnernd; Seen (LtanZ cks Vaicarss); viel Vieh, besonders Schafe (jährlicher Bestand über 100,060) und eine Race halbwilder Pferde (C-Pferde; beim Einfangen derselben u. Zeichnen mit dem Brenneisen wird das Hirtenfest Ferradou gefeiert); Getreide- u. Weinbau. Ein Theil der Insel heißt Plan du Bourg; Hauptort: Saintes- Maries; 951 Ew. Camarina (a. Geogr.), Stadt ans Siciliens SKüste, an der Mündung des Hipparis; wurde 598 v. Ehr. von Syraknsanern gegründet. Bei C. lag ein gleichnam. See oder Sumpf, dessen Ausdünstungen eine Pest herbeiführten. Da man denselben gegen den Rath des Orakels anstrocknete n. die Stadt auf dieser Seite bloßstellte, so benutzten dies die feindlichen Syrakusaner u. bemächtigten sich 554 v. Ehr. der Stadt u. zerstörten sie; später noch einige Male wiederhergestellt und wieder zerstört, verfiel sie ganz infolge der Eroberung durch die Römer im ersten Punischen Kriege. Ihr Name ist noch in dem des Flusses Camarino (Hipparis) erhalten, Camarina (span., d. i. das Kämmerchen) nannte man ursprünglich die vertrante Umgebung des span. Königs Ferdinand VII., die, der absolutistisch-hierarchischen Partei angehörig, im Rücken der Minister deren Gesetze n. Anordnungen unwirksam machte n. damit auf den Sturz der freien Verfassung hinarbeitete. Die politische Sprache — Cambay. 40? der Neuzeit bezeichnet damit überhaupt die ans fürstlichen Günstlingen. Hoflculen rc. bestehende nächste Umgebung des Fürsten, welche, außerhalb der Regierung stehend, einen geheimen Einfluß auf die Regentenhandlnngen des Fürsten ausübt. Lagai.» Lamsssia Pflanzengattung, zu den Liliassas-4.spiioäsisas gehörig: 0. sscnlsnto, Lrirckl., in NAmerika, Zwiebelgewächs mit linca- lischen, gekielten, gestreift-nervigen Blättern und aufrechtem Blüthenschafte mit viclblüthiger blauer Traube; von den 6 Perigonblättcrn sind 5 mit einander verwachsen und aufrecht, das 6. ist herabgebogen; 6 Staubblätter; der freie, sitzende, fast kugelige Fruchtknoten enthält in jedem Fache mehrere in 2 Reihen gestellte Samenknospen; Frncht eine lederartige, fachspaltig aufspringende Kapsel. Die Zwiebeln liefern gebacken od. gedörrt denJndianern im Oregongebiete eine beliebte Speise (Ouamasch): bei der Entzündung der Brüste stillender Frauen dienen sie zu einem außerordentlich wirksamen Umschläge. Engter. Camauro (ital.), 1) Camelot. 2) Die roth- sammetne Mütze des Papstes. Cambaceres, Jean Jacq nes Regis de C., Herzog von Parma, franz. Staatsmann, Erzkanzler unter Napoleon I., geb. 18. Oct. 1753 in Montpellier; war Rath an der 6onr äss Oomptss und seit 1791 Crnninalgerichtspräsident daselbst. 1792 Convcntsdeputirter, stimmte er 1793 für den Aufschub der Hinrichtung des Königs, wurde Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und legte diesem dcnPlan zu einem bürgerlichen Gesetzbuchs vor. Nach dem Sturze Robespierres, Juli 1794, wurde er Präsident des Convents u. nachher des Wohlfahrtsausschusses, als welcher er den Frieden mit Preußen u. Spanien förderte, aber durch die Verdächtigungen seiner Gegner, als strebe er nach der Dictatur, von diesem Posten entfernt. Nach dem Eintritt in den Rath der 500 legte er denselben den Entwurf des Civilgesetzcs (s. u.) wieder vor u. wurde 1796 Präsident dieses Rathes, trat aber 1797 ans demselben; nach der Revolution vom 30. Prairial des Jahres Vll. wurde er Justizminister u. nach dem 18.Brumaire zweiter Consul; nach der Erhebung Napoleons zum Kaiser zum Reichskanzler und 1808 zum Herzog von Parma ernannt. Er war dem Kaiser immer treu und wirkte vortheilhaft für das Nechtswesen im Lande, weshalb Napoleon ihn auch sehr schätzte, aber seinem Widerrathe des Zuges nach Rußland kein Gehör gab. 1813 wurde er mit dem Präsidium der Reichsregentschast betraut u. begleitete die Kaiserin nach Blois. Weil er nach Napoleons Rückkehr von Elba 1815 wieder Justizminister u. Präsident der Pairskammer gewesen war, wurde er 1816 auf Veranlassung der Royalisten verbannt n. lebte in den Niederlanden. Er kehrte 1818 nach Frankreich zurück, lebte zurückgezogen in Paris und st. 5. März 1824. C. verfaßte: krojst äs Ooäg civil, Par. 1796 (Grundlage des späteren 6oäs istapcäson); 6säs kranyais an cvllsetäon par orärs äs matisrss äss Isis äs In rspndligns, Par. 1797. Cambay (früher Kambajat, Khumbavati), alte Stadt auf der Halbinsel Gndscherat an der WKüste 26 * 404 Cambcllmuis — Cambrai. Ostindiens, an der Mündung des Myhiflusses; 10,000 Ew. Einst die blühende u. schön gebaute Hauptstadt der Halbinsel, mit reicher Industrie von Baumwollen^, Seiden- und Goldstoffen und beinahe einstündigein Umfange, ist sie jetzt verfallen; noch etwas Edelstcinschleiferei wird betrieben. Sitz des Nabobs von Candy, der unter Oberaufsicht der Negierung von Bombay ein Gebiet von ungefähr 1300 s^jicm mit 40,000 Ew. beherrscht. Nach ihr der Golf von C., in den Ner- budda, Tapti u. a. F üsse sich ergießen. Cambellänus (Camberlingus), 1) im frühen Mittelalter Kammerherr; hatte die Oberaufsicht im Audienzziinmer, führte die Vasallen vor, antwortete denselben im Namen des Kaisers u. erhielt von den Vasallen den Ehrenmantel, den diese bei der Beleihung trugen; letzteres wurde später in eine angemessene Geldsumme (Cambella- gium) verwandelt. 3) So v. w. tlninsrarius, s. u. Kämmerer. Cambcrt, Robert, sranz. Operncomponist, geb. um 1628 zu Paris; war eine Zeit lang Organist der Kirche St. Honore u. wurde dann von der Königin Anna v. Österreich, der Mutter Ludwigs XIV., als Oberintendant der Musik angestellt. Als Mazarin 1647 die Euridike von Peri ü. Caccini halte aufführen lassen, sah sich Abbe Pcrrin angeregt, den Text einer sünfactigen Pastorale ähnlichen Stils zu schreiben, wozu C. die Musik setzte. Das Stück wurde 1659 auf dem Schlosse Jsiy u. zu Vincennes mit großem Er- ;olge aufgeführt, u. dies war der Anfang der sranz. Oper. Durch Mazarin wurden Dichter u. Com- ponist zu weiteren Opern angeregt; es folgten Xrians on les ainours äs Lnevüns, Läonis, n. dieBeiden erhielten 28. Juni 1669 das Patent zu Musik-Akademien für dramatische Compositio- uen in Paris und anderen Städten des Königreiches. Sie eröffneten im März 1671 ihr Theater mit der Oper komone, welche man gewöhnlich als die erste regelmäßige franz. Oper ansieht; dann wurde die fünfactige Pastorale I-es psinss et Iss xänisirs äs I'ninour in Scene gesetzt. Da sich aber Uneinigkeit unter den Theaterdirectoren einstcllte, so benutzte I. B. Lulli diese Gelegenheit, um das Patent außer Kraft setzen zu lassen. C. verließ gekränkt sein Vaterland, wurde Regiments- Musikmeister und dann Oberkapellmeister unter KönigKarlII. von England. Erst. 1677 zu London. Die Partitur des Adonis ist verloren; Fragmente der Nomons sind von CH. Ballard veröffentlicht; von der Oper I-ss xeines st Iss xini- sirs äs 1'ninour besitzt die Nationalbibliothek zu Paris ein Manuscript. Brambach. Cambiaso, Luca, Luchetto da Genova od. Cangiaci, berühmter italienischer Historienmaler, geb. 1527 zu Moneglia im Genuesischen, gest. 1585 zu Madrid; bildete sich in Rom unter Leitung seines Vaters Giovanni C. nach Rafael u. Michel Angelo; trug, erst 15 Jahre alt, in Concurrenz mit Laz. Calvi über diesen den Sieg davon, indem ihm die mythologischen Malereien im Palaste Doria in Genua übertragen wurden. Später wurde er nach Spanien berufen, um im Escurial für Philipp II. zu malen. C. besaß eine außerordentliche Fertigkeit im Produciren, so daß man von ihm erzählt, daß er mit beiden Händen zu gleich malte. In seinen Bildern findet sich neben mancher manieristischen Ausartung doch eine gesunde Auffassung der Natur. Werke: im Berliner Museum eine Caritä mit drei Kindern; in der Münchener Pinakothek das Brustbild eines Mannes. Regnet. Cambiform, s. Gewebe. Cambio (ital.), Wechsel; daher: Cambist (Cambiator), Wechsler, auch Angeber des Wechsels; C-geschäft, Wechselgeschäft, C-conto rc.; Cambiiren, Wcchselgeschäste treiben; tlambii actio, Wechselklage; Cambial, was auf Wechsel Bezug hat; so Cambialbürge, Carnbialrecht. Cambro, Arnolso di C., Baumeister u. Bildhauer, geb. 1232 in Florenz, im Baufache Schüler eines deutschen Meisters, Jacob; führte durch seine Meisterwerke einen besseren Geschmack in der Baukunst ein u. verband sehr glücklich Festigkeit u. Anmnth. Er begann 1294 den Bau der Kathedrale von Florenz (vgl. Brunelleschi), baute zu gleicher Zeit die Kirche S. Croce, die Befestigung von Florenz, das Kloster in Assisi u. m. a. Gebäude in Florenz. Er starb 1300. CamSium, Cambiumrinff (Bor.), s. Gewebe. Combo, Dorf im Arr. Bayonne des sranz. Dcp. Nieder-Pyrenäen, am linken User der Nive, die hier schiffbar wird; eine kalte u. zwei warme (18° R.) Mineralquellen, Badeanstalt; 1470 Ew. Cambodscha (Cambodja), s. Kambodscha. Lsmbogis, s. Cnrcinin. Cambon, Joseph, Mitglied des Franz. Na- tionalconvents, geb. 17. Juni 1754 in Montpellier, wo er Kaufmann war; wurde 1791 Deputirter der Gesetzgebenden Versammlung, dann des Convents, widmete seine Thätigkeit bes. den Finanzen, legte das große Buch öffentlicher Schuld an, fertigte treffliche Berichte über die finanzielle Lage des Landes u. forderte genaue Rechnungsableguug. Seine darauf bezüglichen Anordnungen waren mnstergiltig, so daß viele derselben noch heute in Kraft sind. Obwol er sich anfangs auf die Seite Ludwigs XVI. stellte, stimmte er zuletzt unbedingt für seinen Tod; er trug viel znm Falle Dantons u. seiner Anhänger, dann zum Sturze Rob espierres bei, mußte sich aber wegen Vertheidigung von Collot d'Herbois vor einem gegen ihn von Tallien erwirkten Verhaftsbefehl verbergen u. lebte dann auf seinem Gute bei Montpellier. Er trat erst 1815 wieder als Deputirter in die Kammer ein, machte hier den Vorschlag, die Bourbonen für unfähig zur Regierung zu erklären, wurde nach Ludwigs XVIII. zweiter Rückkehr verbannt und starb 15. Febr. 1820 bei Brüssel. Schroot? Camborrre, Stadt in der englischen Grafschaft Cornwall, Station der von Plymouth-Devonport nach Penzance führenden Eisenbahn; bedeutende Kupfer- u. Zinnbergwerke; Handel; 7757 Ew. Cambrai, eine Art Batistleinwand, genannt nach der Stadt Cambrai. Cambrai (Cambray, deutsch Camerik), Hauptstadt des gleichnam. Arr. im frauz. Dep. Nord, am rechten User der Schelde und der Mündung des St. Quentin - Kanals, Station der NBahn; befestigt, starke Citadelle; alterthümliche Bauart, breite aber unregelmäßige Straßen; Sitz eines Erzbischofs; -105 Cmnbray-Digny Gericht I. Instanz, Handelsgericht; Kathedrale mit schöner Orgel u. Glockenthurm n. Denkmal Fene- lons, der hier Erzbischof war; College, Theolog. Seminar, Zcichnenschule; Alterthumsmuseum, öffentliche Bibliothek (über 34,000 Bde.); Theater; Palast; Kasernen; Fertigung von Bamnwollcn- u. Leinenzeugen (Linon n. Batist, Cambrai oder Cambrik genannt), ferner von Gaze, Zwirn, Öl, Cichorien, Seife, Zuckerraffinerien, Färbereien, Zeugdruckereien, Bleichen; Handel mit Baumwollen- u. Leinenzeugen, Wolle, Hopsen, Lein, Butter, Vieh; 22,897 Ew.; Geburtsort von Mine Bourdon, Balthasar u. Kasp. Warst, General Dumou- riez u. Marschall Mortier; Sterbeort Fenelons. — C. war das Camaracnm der Alten, eine Stadt der Nervicr im Belgischen Gallien; erhielt später eine römische Colonie u. war Sitz der Proconsuln, welche Paläste, Wasserleitungen, Amphitheater rc. anl.'gten. 370 wurde C. von dem Usurpator Maximus zerstört und später von den Vandalen und Alanen genommen. Dann nahmen es die Gothen. Von den Römern wiedererobert, kam es unter Chlodio an die Franken 437 (444). Es gehörte zu Australien u. war ein fester Ort, wo Chilpe- rich Zuflucht gegen seine Brüder fand. Nach Ludwigs des Frommen Tode kam C. mit Australien an Lothringen; 880 wurde es von den Normannen erobert u. verbrannt. C. u. sein Gebiet (Cam- bresis, Theil des jetzigen Depart. Nord) war inzwischen eine Grafschaft geworden, welche Kaiser Heinrich I. nach dem Aussterben der eigentlichen Grafen den Bischöfen von C. gab. Erbliche Ca- stellane von C. waren die Herren von Crevecoeur; nach deren Aussterben 1309 mit Hugo kam die Würde durch Hugos Schwester Hildegard an die Herren von Montmirail, u. deren Enkelin Marie verkaufte Crevecoeur nebst der Castellanei von C. an Otto von Dampierre; 1430 wurde dieselbe an Philipp von Valois verkauft, u. nun wurden gewöhnlich die Dauphins Castellane von C. Darüber, daß Ludwig IX. die von Karl VII. an Burgund verpfändete Castellanei von C. u. Crevecoeur wieder einzog, entstand ein langer Streit, bis Kaiser Karl V. 1543 die streitigen Güter an die rechtmäßigen Erben, die Herren von Beures, ertheilte. Hier wurde 10. Decbr. 1508 die Ligue von C. zwischen dem KaiserMaximilian, König Ludwig XII. von Frankreich, Ferdinand dem Katholischen von Spanien u. dem Papste gegen Venedig (s. Frankreich u. Venedig) u. 1529 der Friede (Damenfriede) geschlossen, welcher den zweiten Krieg zwischen Spanien u. Frankreich beendigte (s. Frankreich). 1510 wurde C. zum Herzogthum u. der Bischof als deutscher Reichsfürst zum Herzog und 1559 das Bisthum in C. zu einem Erzbisthum erhoben. 1581 Uat C. der Sache der Niederländer bei u. wurde dishalb von den Spaniern belagert, aber entsetzt. Johann von Monlnc, Herr zu Baligny, zum Gouverneur eingesetzt, machte sich zum unabhängigen Herrn von C., doch wurde die Stadt 1595 von den Spaniern erobert, und das Herzogthum kam unter spanische Hoheit. 1677 wurde es den Spaniern von den Franzosen wieder abgenommen u. im Nimweger Frieden förmlich an Frankreich abgetreten. Am 25. Juni 1815 wurde es von den Engländern erstürmt, die Be- — Cambridge. satznng zog sich in die Citadclle und capitulirte 26. Juni. C. war auch die erste französische Siadt, die den zurllckkehrcnden Ludwig XVlII. !^I5 empfing. 1815—18 war bei der Occnpaüon Frankreichs durch die Alliirten hier Wellingtons Hauptquartier. Cambray-Dignll, Wilhelm, Graf v., ital. Finanzminister u. Vicepräsident des Senats, geb. 1823 in Florenz; kam nach Vollendung seiner Studien an den Hof des Großherzogs (1845) n. suchte in dieser Stellung für liberale Reformen n. gegen die Allianz mit Österreich zu wirken, aber umsonst. Nach 1859 erklärte er sich für den Anschluß Toscanas an Italien u. wurde von seinen Landsleuten ins Parlament gewählt. 27 Öctbr. 1867 trat er als Finauzminister in das Ministerium Menabrea, wo ihm die schwierige Aufgabe znfiel, die so sehr zerrütteten Finanzen Italiens wieder zu ordnen; zu dem Behufe wollte er nach genauer Darlegung des Finanzstandes die Mahlsteuer und die Verpachtung des Tabakmonopols eingeführt wissen u. fand nach langen Debatten die Zustimmung der Kammern zu seinem Finanzplan. Jn- deß mußte C. mit dem Ministerium Menabrea Nov. 1869 abtreten, ja, Lanza, der Nachfolger des Letzteren, stellte sogar als Bedingung der Annahme des Portefeuilles die Entfernung C-s ans der Umgebung des Königs, bei welchem derselbe wegen seiner gut französischen Gesinnung sehr beliebt war. C. hielt sich seitdem von den politischen Angelegenheiten fern, übernahm aber die Mitdirection der Laues, Losesna. Lag«. Cambrefincs (fr.), feine levantische u. bengalische Leinen, so genannt wegen der Ähnlichkeit mit dem Cambrai. Cambrefis, Landschaft in den franz. Niederlanden; 970 flskin (17,s UM); s. Cambrai Cambria, County im nordamerikan. Unionsstaate Pennsylvania, u. 40° n. Br. u. 78" w. L.; 36,569 Ew.; Conntysitz: Ebensburg. Cambridge, 1) (Cambridshire) Grafschaft in England; 2124 Hskm (38,« sljM); grenzt im N. an die Grafschaft Lincoln, im O. an Snfsolk u. Norfolk, im S. an Essex u. Hertford, im SW. an Bedford, im W. an Huntingdon; meist eben, von der Ouse bewässert; von den Kanälen Bell- vills Leam n. Mortons Leam, welche den Whitlesea- See durch den Nyne u. Nen mit der Nordsee verbinden, u. verschiedenen Eisenbahn-Linien (von London nach Boston und Hüll, mit Abzweigung nach Kings Lynn, von Darmouth und von Ipswich westlich nach Huntingdon und Bedford und weiter) durchschnitten; die Grafschaft ist im N. theilweise morastig, jetzt meist zu Marschland umge- bildet (Ely), im S. fruchtbar; Products: Getreide, Gartenfrüchte, Rindvieh (Butter- u. Käsegewinn); Haupterwerbszwcig Ackerbau und Viehzucht; Industrie unbedeutend; 186,906 Ew. 2) Hauptstadt darin, zu beiden Seiten des Cam, über welchen eine eiserne Brücke führt; Bischofssitz; schöne Plätze, darunter der Marktplatz mit Rathhaus, der Universitäts-Bibliothek u. schönem Brunnen (auf Kosten Thomas Hobsons 1614 erbaut); 18 Pfarrkirchen, darunter die des Heiligen Grabes (8b. Lsxukodrs'a Uaunci 6irsps1), als Rotunde nach dem Muster der Heiligen-Grab-Kirche in Jerusalem, 406 Cambridge. der allgemeinen Angabe nach von den Templern unter Heinrich I. gebaut, in der neuesten Zeit auf Kosten der Camden Society restaurirt; Great St. Marys (Universitäts-)Kirche mit hohem Thurm, St.-Andrews-,St.-Benedicts-,St.-Michaels-Kirche, 6 Dissenterskapellen. Die Universität besteht aus 17 Unterrichtsanstalten (15 Colleges u. 2 Halls), die in verschiedenen Theilen der Stadt liegen, aber durch Gärten u. Promenaden unter sich in Verbindung stehen. Abgesehen von verschiedenen, dem Reiche der Fabel angehörendcn Berichten, kann man behaupten, daß die Geschichte C-s im 12. Jahrh. beginnt. Im 1.1110 sandte Joffrid, der Abt von Croyland, nach seinem nahe bei C. gelegenen Schlosse Cottenham einen seiner Mönche, den Professor der Gottesgelahnheit Gislebert, niit noch drei anderen gelehrten Mönchen. Diese kamen nach Cambridge, lehrten in einer gemietheten Scheuer die Wissenschaften n. zogen in ganz kurzer Zeit eine solche Menge Studenten dorthin, daß ein einzelnes Gebäude sie nicht alle fassen konnte. Doch vielleicht auch diese Angabe ist zweifelhaft. Wenigstens als Alfred von Veverley 1129 Student hier war, gab es noch keine öffentlichen Hallen oder Hostelrien, sondern ein Jeder lebte in seiner eigenen Micthwohnung. Die erste regelmäßige Gesellschaft von Studenten war die von Peterhouth, gegründet 1257. Um diese Zeit fingen die Studenten an, unter der Aufsicht eines Principals u. ans eigene Kosten in sogenannten Hostelrien zu- sammenznlebcn. Diese Hostelrien wurden nach dem Namen des Heiligen, dem sie gewidmet waren, genannt, oder nach den anstoßenden Kirchen, oder nach den Persönlichkeiten, die diese Gebäude früher gebaut oder besessen hatten. Im I. 1280 gab es an 34 Hostelrien, doch sie gingen nach n. nach ein, als Lotirte Collegien entstanden. Die Hostelrien waren der Ursprung des sogen. Collegiatsystems, welches die beiden Schwesteruniversitäten von den anderen des Reiches u. von denen des Continents unterscheidet. Zwischen dem Ende des 13. u. dem Anfänge des 16. Jahrh. wurden die sämmtlichen königlichen u. religiösen Stiftungen, welche heute die Universität ausmachen, dotirt. Die eigentliche Stiftungsurkunde der Universität ist von der Königin Elisabeth. 1604 gab Jakob I. der Universität das Recht, gleich der Stadt, zwei Mitglieder ins Parlament zu senden. Das älteste College ist das St. Peters College, 1257 von Hugh de Bal- sham, Bischof von Ely, gegründet; Cläre Hall, wie es früher genannt wurde, eines der ersten u. jetzt eines der schönsten Colleges in C. , verdankt der Gräfin von Cläre (1326) ihren Ursprung; ferner Pembroke Hall (1343 von Marie von Va- lence, Gräfin von Pembroke, gestiftet; William Pitt studirte hier); Gonville u. Cajus College (1349 von Edmund Gonville gestiftet u. 1558 von John Cajus bereichert u. vergrößert; Jeremy Taylor studirte hier); Trinity Hall (1350 von William Bateman, Bischof von Norwich, gestiftet, für Jurisprudenz; hat eine juristische Bibliothek); Corpus Christi oder Beiinet College (1351 von zwei Gelehrten Gesellschaften C-s gestiftet); Kings College (1441 von Heinrich VI. gestiftet, zur Aufnahme der Schüler von Eton; der Dichter Waller und Sir R. Walpole studirten hier); Oneens College (1446 von Margarethe von Anjou gestiftet und 1465 von der Gemahlin Eduards IV. erweitert; großeBiblivthek, Kapelle, schöne Gärten); Catharine Hall (1475 vom Universitätskanzler Robert Wood- lark gestiftet, erbte Bischof Sherlocks Bibliothek); Jesus College (1496 von John Alcock, Bischof von Ely gestiftet; Colcridge studirte hier); Christ? College (1451 von Heinrich VI. gestiftet u. 1506 von Margarethe von Richmond, Mutter Heinrichs VII., erweitert; Erasmus lehrte, Milton studirte hier); St. Johns College (1511 von Margarethe von Richmond gestiftet, in neuester Zeit sehr erweitert); Magdalene College (1542 von Baron Thomas von Audley gestiftet; Samuel Pepis studirte hier und vermachte diesem College seine reiche Bibliothek); Trinity College (das bedeutendste u. reichste der ganzen Universität, 1546 von Heinrich VIII. gestiftet u. von der Königin Maria sehr erweitert; Kapelle, große Bibliothek, Gemälde- n. Büstensammlung, Statue Newtons von Roubilliac, Statue Lord Byrons von Thorwaldscn; Bacon, Coke, Donne, Barrow, Newton, Cowley, Dryden, Middleton u. Lord Byron studirten, Erzbischof Whitgift, Bischof Wilkins, Jsaac Barrow und Richard Bentley lehrten hier); Emanuel College (1584 von Sir Walter Wildmay gestiftet, besitzt die Bibliothek Bancrofts, Gemäldesammlungen u. Gärten); Sidney Sussex College (1598 durch Ver- mächtniß von Frances Sidney, Gräfin v. Sussex, gestiftet; Kapelle, Gärten); Downing College (1800 ans Grund testamentarischer Verfügung des 1749 verstorbenen Barons George Downing gestiftet, aber erst 1821 eröffnet, für Jurisprudenz u. Me- dicin, gute Bibliothek). Jedes dieser Colleges hat ein besonderes Gebäude, Bibliothek, Speisesaal rc. und bildet eine eigene Corporation; in ihnen wohnen u. speisen die Studirenden u. Lehrer gemeinschaftlich. Während ihres Aufenthaltes in C. selbst sind die Studirenden an eine besondere Tracht gebunden: viereckige Mützen ohne Schirm (Msn- oirsreapo) und langt Röcke (6orvns), daher der Name 6orvn8msu, im Gegensätze zu den städtischen Bewohnern (Vorvusmsn).' Die Gcsammtzahl der Studirenden der ganzen Universität betrug im I. 1873 2136, von denen jedoch stets eine große Anzahl abwesend ist; 1858—59 waren 730 Studenten anwesend u. 33 Professoren u. 18 Gehilfen > angestellt. Seit 1859 steht ein Gymnasium damit in Verbindung. Die Statuten der einzelnen Colleges sind ebenso verschieden, wie ihre Vermögens- Verhältnisse. Als großes Ganzes bildet die Universität nur eine Corporation, u. unter ihrer Ge- sammtaufsicht u. Verwaltung stehen die große (öffentliche) Universitätsbibliothek, der Senatspalast, die Universitätsdrnckerei, Universitätssternwarte u. alle anderen der Universität als solcher gehörenden ! Gebäude u. Sammlungen. Das Haupt der Uni- !! versität ist der Kanzler (CiranesUor, oft ein könig- - > licher Prinz), mit einjähriger Amtsverwaltung, bisweilen unter Zustimmung des akademischen Senats auf 2 Jahre verlängert; der Bicekanzlcr wird jährlich von den Vorständen der einzelnen Colleges neu gewählt, mit ihm zugleich der Ausschuß (Caput); der akademische Senat besteht aus sämmtlichen Doctoren u. Magistern der Universität. Es bedarf eines vierjährigen Studiums, um Cambridge. 407 Baccalaureus, 7 um Magister, 8 um Doctor der Rechte oder der Medicin, 12 um Doctor der Theologie zu werden. Es gibt zahlreiche Lehrstühle für Theologie, Jurisprudenz, Medicin, Anatomie, Physik, Chemie, Zoologie, Botanik, Mineralogie, Geologie, Mathematik, Astronomie, Politik, Geschichte, Philosophie, Hebräisch, Griechisch, Arabisch u. a. Sprachen, Musik u. m. a. Als zur Universität gehörig sind noch vorzüglich zu erwähnen: die Kapelle in Kings College, im gothischen Stil erbaut, Fenster von buntem Glase mit herrlichen Glasmalereien; der Senatspalast, mit Statuen von Georg I. u. II., William Pitts, des Herzogs von Somerset u. a.; die große (öffentliche) Universitätsbibliothek mit 170,000 Bänden u. über 4000 Ma- nuscripten; sie steht am Markte, u. an ihrem Eingänge die Statue der Artemis von Eleusis, sowie mehrere antike Monumente, die Doctor Clarke hierher schenkte; der Botan. Garten, 4 Acres (über 1,H bs.) umfassend, reich an exotischen Gewächsen; das Observatorium, im griechischen Stil 1822—24 erbaut, 18,000 Pfd. St. kostend, unter dem Professor der Astronomie u. zwei Assistenten stehend; das Fitz-William-Museum, 1816 der Universität vom Viscount Fitz-William legirt (100,000 Psd. St.), ein Gebäude im griechischen Stil, 1837 in Angriff genommen u. erst in neuester Zeit ganz vollendet, enthält Bibliothek, Gemälde, Kupferstiche u. Zeichnungen. Die Universität C. nimmt in der englischen Gelehrtengeschichte einen sehr hervorragenden Rang ein; über ihre innere Einrichtung s. u. Universität. Bgl. Instar^ ok Urs Univsr- sil^ ol 6., Lond. 1815, 2 Bde. mit Kupfern; Füller, ^ Instar^ ob Iba Univermt^ ob 0. ancl oi bbs I7sltds.ill ^.bbo/, n. A., ebd. 1840; Dyer, IRs privilsKss ob tds Unlvorsit^ ok 6., ebd. 1824, 2 Bde.; Coopers ^bbsnas OantabriAisnsss, u. den jährlich in C. erscheinenden OambrickAs Ilnivorsib/ Oslsnckar. §rss Cramwar Lolrool; Krankenhaus (Addenbrookcs Hospital); Howardsches Gefängnisi. Industrie außer den Arbeiten für die Universität fast keine; Handel mit Getreide, Öl und Eisen- waaren; jährlich wird hier im Sept. die Stour- bridge Fair, eine der ältesten und bedeutendsten Messen Englands, abgehalten. 30,078 Ew. C. ist Knotenpunkt der unter 1) genannten Eisenbahnen. Es gibt einem Mitglieds der königlichen Familie den Herzogstitel u. ist der Geburtsort des Bischofs Jeremy Taylor und des Dramaturgen Enmberland. — C. ist das Cambricum der Alten; es war eine Stadt der Jcener in Lrilannia ro- mana, Römerstation (noch findet man bei C. Alter« thümer) u. wurde 871 von den Dänen zerstört. Unter Wilhelm dem Eroberer hieß C. Grantbridge, nach Grant, dem damaligen Namen des Cam. Ein damals gebautes Schloß ist jetzt spurlos verschwunden; hier ließ Maria die Katholische (6. Fcbr. 1556) die in der Marienkirche begrabenen Leichname der Reformatoren Bucer u. Paul Fagius ausgraben u. verbrennen. 3) Zweite Hauptstadt (Semi-Capital) der Grasschafr Middlesex im Staate Massachusetts (Ver. Staaten von NAmerika), am Charles River, 1 Stunde nordwestl. von Boston, besteht aus C. (Old C., dem Sitze von Harvard University), East C. (früher Lechmere Point, durch Brücke mit Boston u. Charlestown verbunden), C. Port (ebenso Brücke nach Boston) u. dem District North C.; ziemlich weitläufig gebaut, rechtwinkelig sich kreuzende, mit Alleen bepflanzte Straßen. Harvards Universität ist die älteste u. noch jetzt die bedeutendste Universität der Vereinigten Staaten; sie wurde 1638 vom Prediger John Harvard durch ein Legat von 780 Psd. St. gestiftet, besitzt gegenwärtig (durch zahlreiche andere Stistungen) ein Vermögen von über 1 Million Doll. u. umfaßt außer der eigentlichen Universität noch ein College für Jurisprudenz, eines für Theologie u. eines für Medicin; an ihr lehren 30 Professoren; im Winter 1873 zählte sie 1167 Stndirende; Bibliothek von über 150,000 Bänden, einschließlich zahlreicher lateinischer, griechischer, türkischer, arabischer, persischer, hindostanischer, japanischer u. a. Manuscripte; die ursprünglich von Harvard selbst der Universität hinterlassene Bibliothek (5000 Bde.) verbrannte 24. Jan. 1764 nebst mehreren naturwissenschaftlichen Sammlungen; die Legislative bewilligte darauf sogleich 2000 Pfd. St. zur Gründung einer neuen; zahlreiche Vermächtnisse u. Stiftungen (die bedeutendste davon 1818 von einem ihrer Gönner, Israel Thorndike aus Boston, welcher die aus 3200 Bänden u. 10,000 Handschriften u. Karten bestehende Bibliothek des Professors Ebeling in Hamburg für sie ankaufte) haben sie seitdem zum heutigen Umfange gebracht; ferner gehören noch zur Universität ein Natnraliencabinet, Anatomisches Museum, Mineralogisches Cabinet, Botanischer Garten u. Sternwarte; sie umfaßt 14 Gebäude. Außerdem hat C. noch eine Laicinische Schule, Staatsarsenal u. mehrere andere öffentliche Gebäude; ist eine der ältesten Städte der Neu-England-Staaten (1630 angelegt) und hieß zuerst Newtown. 39,634 Ew. Im Amerikanischen Revolntionskriege war, während die Engländer in Boston standen, C. von den Amerikanern besetzt. Bartling.' Cambridge, 1) Adolphus Frederick, Prinz von England, Herzog von C., Graf von Tippe- rary, Baron von Cnlloden, der jüngste Sohn des Königs Georg III., geb. 25. Febr. 1774; besuchte die Universität Göttingen, hielt sich einen Winter am Hofe Friedrich Wilhelms II. auf, machte 1793 den Feldzug gegen die Französische Republik mit u. befehligte den britischen Vortrab. Ans dem Rückzüge von der Schlacht von Hondschooten (6. Sept.) fiel er in französische Gefangenschaft, wurde aber bald ausgewechselt. 1794 zum Obersten u. Herzog von C. ernannt u. in das Oberhaus berufen, hielt er sich hier zu Fox' Partei, u. als diese sich auflöste, unter Granville zu Pitt. 1803 ging er nach Hannover, um die Vertheidigung dieses Kurfürstenthums zu leiten, trat aber den Oberbefehl bald an Wallmodcn ab u. kehrte nach England zurück. Nach Napoleons Sturze wurde er 1816 Generalstatthalter von Hannover. Hier erwarb er sich durch Milde u. Leutseligkeit, sowie durch seine Neigung zu den schönen Künsten allgemeine Liebe. 1831, bei den Göttinger Unruhen, wurde er Vice- könig, führte 1833 das von König Wilhelm verliehene neue Grundgesetz ein, legte aber, als dieser 1837 starb u. sein Bruder Ernst August, Herzog von Enmberland, den Hannover. Thron bestieg, seine Stelle nieder u. kehrte nach England zurück. 408 Cambricn — Cainec. Er war hier Beschützer u. Gründer mehrerer wohl- thätigcn Vereine, so des Deutschen Hospitals. Er st. 8. Juli 1850 in London u. wurde in der Kirche von Kcw beigesctzt. Er war vermählt seit 1818 mit der Landgräfin Auguste von Hessen (geh. 1797). Seine Kinder sind außer dem Folgenden: Prinzessin Auguste (geh. 19. Juli 1822, seit 28. Juni 18-13 vermählt mit dem Großherzog Friedrich Wilhelm v. Mecklenbnrg-Strelitz n. Prinzessin Marie (geb. 1833 n. vermählt mit dem Grasen v. Teck). 2) George Friedrich William Charles, Herzog von C. Sohn des Vor., geb. 26. März 1819; erbte nach seines Vaters Tode dessen Titel, erhielt durch Parlamentsacte 12,000 Pfd. St. Apanage, wurde Mitglied des Oberhauses, avancirte in der Armee zum Generalmajor der schott. Garde zu Fuß, wurde 1852 Generalinspector der Cavalerie und 1854 Generallieutenant; er war im Feldzuge in der Krim activ u. nahm thcil an den Schlachten an der Alma u. bei Jnkerman; aber die Strapazen des Krieges erschütterten seine Gesundheit so, daß er 1855 nach England zurückkehrte. Im Januar 1856 nahm er theil am Kriegsrathe in Paris, u. Juli ds. Js. erhielt er an Lord Har- dinges Stelle den Oberbefehl über die britische Armee, welchen Posten er noch heute innehat. B. gehört in seiner Stellung zu den gemäßigten Reformatoren in der englischen Armee', die gern alle neuen Fortschritte im Militärwesen für die engl. Armee verwerthen möchten, ohne doch mit dem alten n. veralteten System ganz zu brechen. Ihm ist die Abschaffung der Prügelstrafe zu danken, sowie die leichtere Ausrüstung der Truppen, gesteigerte Ausbildung der Armee im Felddienste, wozu stehende Lager errichtet wurden, sowie Einführung von Prüfungen für Offizierscandidaten. Die Aushebung der Käuflichkeit der Offizierstellen fand an ihm lange Zeit einen energischen Gegner Loch gab er 1870 den allgemeinen Wünschen nach. Bartling.' Cämbrien, alter Name von Wales. Cambronne, Pierre Jacques Etienne, Graf von C., franz. General, geb. 26. Dec. 1770 in S. Sebastien bei Nantes; machte unter der Republik die Feldzüge in der Vendee mit, trat 1795 in die Linie, kämpfte in Irland u. 1799 in der Schweiz, diente unter Napoleon in allen Kriegen, wurde 1810 Oberst, 1814 Brigadegeneral n. begleitete Napoleon nach Elba. 1815 mit dem Kaiser zuriickgekehrt, wurde er znm Grafen und Pair von Frankreich ernannt, befehligte bei Waterloo eine Division der alten Garde n. fiel in britische Gefangenschaft (er kann also nicht, wie die Sage geht, das Anerbieten der die Garde umringenden englischen Cavalerie mit dem Ruse: Im §arcis msurt, inais slis ns so ronä xas! erwidert haben). Weil er der bonrbonischen Regierung keinen Eid der Treue geleistet hatte, wurde er von dem nicdergesctzen Kriegsgerichte nach seiner Rückkehr aus England freigesprochen. 1820 zum Ma- rechal de Camp u. Kommandanten von Lille ernannt, trat er 1824 von dieser Stellung zurück u. st. 8. Jan. (nach Anderen 5. März) 1842 in Nantes, wo ihm von der Stadt ein Denkmal gesetzt wurde. vambsarius (lat.), Wechselbesitzer; Cambsor, Wechselaussteller. Caillden, 1) County im nordam. Unionsstaate Georgia, u. 30" n. Br. u. 81" w. L.; 4615 Ew.; schließt die Cumberland-Insel in sich u. hat den für größere Schiffe zugänglichen Hafen von St. Marys im Cumberland-Sund; Couutysitz: Jeffer- son. 2) County im nordam. Unionsstaate Missouri, u. 38" n. Br. u. 93" w. L.; Eisen- und Bleilager: 6108 Ew.; Countysitz: Linn Creek. 3) County im nordam. Unionsstaate New-Jersey, n. 39° n.Br. u. 74" w. L.; 5361 Ew.; County- sitz: Camden. 4) County im nordam. Unions- staateNCarolina, n. 36" n. Br. u. 75" w. L.; 5361 Ew.; Countysitz: Camden Court House. 5)Stadt, gegenüber Philadelphia; Eisenwerke, Schiffbau, > Fabriken; 20,045 Ew. 6) Stadt im Knox County des nordamcrikan. Unionsstaates Maine; Schiffbau; Handel; 4588 Ew. 7) Stadt u. Sitz des Kershow County im nordam. Unionsstaate SCa- rolina; 2000 Ew. Hier 16. Aug. 1780 Sieg der Engländer unter Lord Cornwallis über die Amerikaner unter Gares; dabei fiel General de Kalb, dem 1825 ein Denkmal gesetzt wurde. 8) Hauptstadt des County Washita im Staate Arkansas, am rechten Ufer des Washita River, an einer Hügelkette gelegen; höchst geschmackvoll gebaut; lebhafter Handel u. Dampfschifffahrt nach New-Orleans; über 2000 Ew.; erst 1842 angelegt, sehr rasch emporblühend. 9) Grafschaft in der engl. Colonie Neu-Slld-Wales in Australien; grenzt im NO. an die Grafschaft Cumberland, im O. au den Ocean, im S. an den Shval Häven River; seit 1818 angebaut; schönes Stufenland (Ausläufer der Blauen Berge); gute Weideplätze (Cow Pastures), wovon die Grafschaft sonst den Namen führte; 5000 Ew.; Hanptort: Shoal Häven, am gleich». Flusse, jetzt Camden William. Camden, William, engl. Historiker, geb. im Mai 1551 in London; war Courector, dann Rector an der Westminstcrjchule in London, wurde 1597 Wappcnherold; st. 9. Nov. 1623. Er sehr.: üribaaaias edoroArapliios, cisseriptio (sein Hauptwerk), Amst. 1586, 6. A., Loud. 1607, Fol., engl. Übersetzung, n. A., Lond. 1806, 4 Bde., u. ö.; tlnAkiea, ilormanniea, Liberales,, Osmbries s vetsribus ässoripbs, Frkf. 1602, auch 1603, Fol.; Lemsrics ob s Arsster vvorio eoaesraivA Lritsn- nla, Lond. 1605, 7. A., 1674, n. A., 1870, von der Osiaäea Lvoietx; einer Gesellschaft, welche sich die Veröffentlichung alter historischer u. a. Schriften zur Aufgabe gestellt u. die auch eine neue Ausgabe von Werken C-s in 6 Bdn. veranstaltet hat; Lsrum saAiiosrum sb bibsra. suasios, rsFasois Llisabstüis, ebd. 1615—27, 2 Bde. Fol., u. ö., vermehrt Oxf. 1717, 3 Bde., engl, übers.: Listor^ ok Llivsbsbb, Hussa ob LuZstsuü, Lond. 1688. Camden House, Schloß in Chislehurst (s. d.). Caindcn-Socicty, s. u. Camden, William. Camee (ital. 6smmso), erhaben geschnittener Edelstein. Im Alterthum wurden dazu meist Onyxe, doch auch andere edle Steine benutzt, u. wird bei den elfteren schichtenweise geschnitten, so daß der Grund eine andere Farbe zeigt, als die relief geschnittene Figur. Die Fertigkeit, C-n wie überhaupt Steine zu schneiden, scheint das clas- sische Alterthnm dem kunstreichen Indien entlehnt Oninsliw — Onniotmlö. 4b9 zu Huben. Sie wurde von jenem auf eine hohe, erst neuerdings wieder erreichte Stufe gebracht. Viele derselben zeigen Inschriften, welche aber nicht immer den Namen des Künstlers enthalten. Als solche kennt man u. a. Agathopos, Bvethos, Enodos, Herophylos, Koinos, Mykon, Nikandros, .Protarchos n. Solo». Besondere Berühmtheit haben erreicht: das sog. Mantuanische Gesäß, zuletzt im Besitze des Herzogs Karl von Brann- schweig (jetzt wieder in Brannschweig); der Cammeo Gonzaga mit den Bildnissen Ptolemäos' I. und seiner Gemahlin Eurydike, im Gemmencabinet zu Petersburg); der Galantes st'iksrianus mit den Bildnissen der Familie des Augustus, ein Sardo- nyx aus 5 Lagen, 34 ein hoch, 26 om breit, in Paris; die Osmma, LwAustss., Apotheose des Au- gnstns, das schönste römische Werk dieser Art u. Zeit (12 Jahre n. Chr.); die niederländ. C., ein Sardonyx von 3 Lagen, Claudius als Triumphator über die Briten darstellend, 26 om hoch, in: königl. Cabinet im Haag, u. der Onyx mit dem Porträt des Augustus, 15 om hoch und 11 orn breit, ans 144,000 Ll geschätzt, im Grünen Gewölbe zu Dresden. In der Neuzeit sind C-n als Schmuck sehr beliebt geworden u. werden theils aus edlen Steinen, theils aus Muscheln hergestellt. Sehr schöne C-n schnitten Fr. Barrier in Paris, Christoph Becker in Wien, Jos. Costanzi in Rom, Ant. Pichler in Neapel, Jean Le Rivaz in Paris, G. Ant. Rossi in Mailand, Jak. Trezzo in Mailand u. Karl Voigt in München. Über Gemmen u. Edelsteinschnitt, s. d. A. Regnet. Lamolm, Pflanze; s. OamsIIia. Oamelms Oamtr, Pflanzengatt, ans der Fam. der (lruoikerao-Lamsiinsas (XV. 1), mit gedunsenen, birn- oder keilförmigen, über dem Kelchan- satze kurzgestielten Schötchen, deren Klappen sehr convex, an der Spitze plötzlich in einen linealen, sich dem Griffel anlegenden Fortsatz zugespitzt sind; Samen 2reihig, mit flachen Keimblättern u. dem Rücken des einen aufliegenden Wllrzelchen. Arten: 1) (!. ontivg, (L.) Oants (Leindotter), mit oben abgestutzten Schötchen mit anfangs dünnhäutigen Klappen; nicht selten auf Äckern, besonders unter Flachs. 2) 6. miorooarpa mit oben abgerundeten Schötchen u. schon anfangs derben Klappen; hier u. da als Ölfrucht gebaut, aber auch nicht selten wild ans Äckern uud an Wegrändern. Engler. OsmellmL. (Oamslia, Kamelie),Pflanzengatt, ans derFam. der NornstiosmiLosLs-Cloräonisas (XVI. 5), nach dem Jesuiten G. I. Kamel (s. d.) benannt, mit bblätterigem, abfallendem Kelche und mehreren dachziegclartigen Deckblättern, 5 Kronen- blättern, vielen Staubblättern, von denen die äußeren mit einander verbunden, die inneren frei sind, mit 3—»fächerigem Fruchtknoten, fast freien Griffeln u. 4—5 hängenden Eichen in jedem Fache; Frucht eine holzige, öfter spitze, Mehrfächerige, fächerspaltig aufspringende Kapsel mit einem oder wenigen Samen in jedem Fache, welche einen geraden Embryo mit dicken Keimblättern enthalten; Blätter lederartig, immergrün, eiförmig u. am Rande gesägt. Von den wenigen, im östlichen Asien heimischen Arten sind besonders her- vorzrcheben: 1) 0. japonica , japanischer Strauch, wegen der schönen, großen, in der Farbe sehr variirenden, meist aber weißen oder rosen- rothen Blumen als Topfpflanze n. in Gewächshäusern sehr geschätzt. Man gibt ihr eine fette, mit Sand vermischte Erde, viel Sonne, mäßige Feuchtigkeit, stellt sie im Sommer ins Freie u. überwintere sie bei 4—6" Wärme; man vermehrt sie durch Stecklinge u. Ableger; von elfteren steckt man mehrere im März in einen Topf n. senkt ihn in ein mäßig warmes Mistbeet; in einem Jahre schlagen sie Wurzel, dann versetzt man sie n. bringt sie wieder ins Mistbeet. 2) 6. saoan- grm 2'änndA., durch zartere, schmälere, stumpf gesägte Blätter n. viel kleinere Blüthen ausgezeichnet; stammt ebenfalls ans Japan u. wird als Zierpflanze cultivirt. Engter. Lamelopsräslis, so v. w. Giraffe. üsomsnlum, 1) so v. w. Cement; 2) der Zahnkitt, die Wnrzelrinde des Zahnes; s. n. Zahn. Oamei-s (lat.), 1) gewölbte Decke; 2) Gemach, Kammer; 3) Zimmer, wo Geld anfbewahrt wurde; bes. 4) das Privatvermögen eines Fürsten; daher 6. eomborum, oberste Behörde für alles die Cha- tulle des Landesherrn betreffende; vgl. Kammer (Staatsw.); 6. apostolioa, so v. w. Apostolische Kammer; Larusras nnntii, so v. w. Kammerboten. OsmseÄe (Lamsralia), Alles, was in den Wirkungskreis der landesfürstlichen Kammerbehörden gehört, namentlich was sich ans die Verwaltung des fürstlichen u. des siscalischen Vermögens n. Einkommens (Domänen, Steuern, Zölle) bezieht. In weiterem Sinne bezeichnet C. überhaupt Alles, was die öffentliche Verwaltung n. Polizei im Staate, im Gegensätze zudem Gerichtswesen, betrifft. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts hatte sich eine besondere Disciplin, die Cameralwissenschaft, ausgebildet, welche auf die Entwickelung der Nationalökonomie oder Volkswirthschaftslehre in Deutschland von unverkennbarem Einfluß gewesen ist. Es war dies weniger eine Wissenschaft, als vielmehr eine aus praktischen Gründen gemachte Zusammenstellung aller für einen Kammerbeamten nöthigen Kenntnisse. Ihr eigenthümliches Wesen ist daher nur aus der Geschichte der Kammerbehörden zu erkennen. Seit dem Ende des Mittelalters bestand nämlich in den meisten deutschen Ländern eine eigene Behörde für die Verwaltung der Domänen u. Regalien: die Kammer, welcher im Laufe der Zeit auch ein großer Theil der neu aufkommenden u. rasch wachsenden Polizeigeschäfte übertragen wurde. Sie war meist aus einer Deputation der Landesregierung ein selbständiges Collegium geworden; in Burgund hatte man diesen Schritt bereits 1409 gethan, dort hatte Kaiser Maximilian die Sache kennen gelernt n. durch Errichtung der Hofkammer zu Innsbruck (1498) u. Wien (1501) für Deutschland den ersten Impuls gegeben. Kurfürst August I. von Sachsen, welcher nicht allein zur Belebung der Industrie in seinem Lande viel beitrug, sondern sich auch um die wissenschaftliche Bearbeitung der ökonomischen Lehren verdient machte, gründete zu Dresden eine Kammer, wodurch er eine bessere Verwaltung seiner Domänen u. Finanzen herbeiführen wollte. Nach diesem Vorbilde fanden die Kammer-- Collegien auch in anderen deutschen Ländern Nach- 410 Onuaei-n. obsLura u. Onmevti luoicla. ahmung, n. auch Dänemark u. Schweden nahmen dieselben an. Hauptzweck war allerdings nur das Erzielen höherer Einkünfte der betr. Fürsten. Allmählich fing man an, die für Kammerbeamte dergestalt nöthigen Kenntnisse, soweit sie nicht in juristischen Vorlesungen gelehrt wurden, als eine eigene Doctrin — freilich in verschiedenem Umfange — zusammenzufassen. Es bildete sich eine förmliche Schule deutscher Cameralisten aus, welche mit Jung, Rößig u. Schmalz bis an das Ende des 18. Jahrh. reicht. Als nun die besonders in Italien u. England entstandene politische Ökonomie zu uns herüberkam, ging theils unbewußt Manches von der cameralistischen Auffassung in die neue Lehre über, theils wurde gar mit Bewußtsein dahin gestrebt, beide mit einander zu verschmelzen, die Camerallehren, deren Unzulänglichkeit als Wissenschaft man immer mehr erkannte, durch die Nationalökonomie zu verjüngen. Das erste Haupt- denkmal dieses Bemühens war das Lehrbuch der politischen Ökonomie von Rau. Offenbar ist gegenwärtig der Name Cameralwissenschaft im Sinne des vorigen Jahrhunderts veraltet. Contzen. Kamera obseura u. Kamera lueiäa (v. lat. oamsra, Gewölbe, im späteren Lat. Zimmer, Kammer; vbscmrus, dunkel; lueiäus, hell: dunkle u. Helle Kammer; hierbei eine Tafel), Apparate, welche dazu dienen, das Bild der vor denselben befindlichen Gegenstände auf einer ebenen Fläche (mattgeschliffene Glastafel, Blatt Papier rc.) erscheinen zu lassen. Die Bilder sind bei der 6. o. reelle, bei der 0. 1. virtuelle. a) Oamsra obseura. Die einfachste Form der 0. o. ist aa) die sogen, optische Kammer, deren Erfindung einem Benediktiner, Dom Pa- nunce, zugeschrieben wird u. die jedenfalls vor Leonardo da Vinci (gest. 1519) bekannt war. Läßt man in einem sonst ganz verfinsterten Zimmer (s. Fig. 1) durch eine ganz kleine Öffnung (etwa eines Fensterladens) die Strahlen von äußeren erhellten Gegenständen auf eine jener Öffnung gegenüberstehende weiße Fläche fallen, so erscheint auf derselben ein vollkommen ähnliches Bild jener Gegenstände. Am besten ist die Fläche durchscheinend (Schirm von transparentem Papier, mattgeschliffene Glastafel), so daß man das Bild von hinten beobachten kann. Das Bild ist verkehrt, d. h. was in Wirklichkeit oben ist, erscheint auf dem Bilde unten, was rechts ist (von hinten gesehen), links, und umgekehrt. Das Bild kommt auf folgende Weise zu Stande. Die von einem leuchtenden Punkte vor der Kammer ausgehenden Lichtstrahlen werden alle durch die Wand abgehalten, nur das die Öffnung treffende Strahlenbündel gelangt in die Kammer u. zeichnet auf die gegenüberstehende Wand einen Hellen Fleck. Andere Punkte vor der Kammer erzeugen natürlich ebenfalls Helle Flecke, aber an anderen Stellen der Wand, u. alle diese Flecke haben eine ähnliche gegenseitige Lage, dieselben Farben u. (obgleich sie alle lichtschwächer sein müssen) dasselbe Nerhältniß der Lichtstärke, wie die sie erzeugenden Punkte; die Gesammtheit dieser Flecke stellt somit ein vollkommen ähnliches Bild der Gegenstände vor der Kammer dar. Da , aber alle diese Lichtstrahlen sich in der kleinen Öffnung durchschneiden,! so trifft ein Lichtstrahl auf einen um so tiefer liegenden Punkt der Wand, je höher sein Ausgangspunkt gelegen ist, oder um so viel weiter links, je weiter der Ausgangspunkt nach rechts liegt, u. umgekehrt, woraus sich ergibt, daß das Bild in der dunklen Kammer ein verkehrtes sein muß. Das Bild leidet aber an einem großen Fehler. Da von jedem äußeren Punkte nicht ein einziger Lichtstrahl, sondern ein ganzes Bündel von Strahlen durch die Öffnung in die Kammer eintritt (je größer die Öffnung, desto dicker das Bündel), so ist auch das Bild eines äußeren Punktes nicht wieder ein Punkt, sondern ein Fleck von merklicher Ausdehnung; die Bilder benachbarter Punkte decken einander also theilweise, so daß das Gesammtbild ein verschwommenes ist. Diesen Fehler kann man allerdings zwar nicht ganz aufheben,, aber doch beliebig vermindern, indem man die Öffnung sehr klein wählt; aber dadurch tritt ein neuer Übelstand ein: es wird nämlich dadurch die Lichtmenge, welche von jedem äußeren Punkte in die Kammer gelangt, erheblich vermindert, das Bild also sehr lichtschwach. Eine dunkle Kammer in kleinem Maßstabe läßt sich leicht aus zwei genau über einander schiebbaren (etwa 8—10 em weiten) Pappröhren Herstellen. Die weitere (etwa 10 om lang) ist vorn durch einen mit einem kleinen Loche versehenen Deckel verschlossen (ans der aufzuleimenden Pappscheibe schlage man in der Mitte ein Loch von 1 em Durchmesser u. überspanne dieses mit einem Sta- niolblättchen, in welches mit einer Nähnadel ein Loch gestochen ist); die engere Röhre (deren Länge gleich der mittleren Sehweite sein, also etwa 25—30 em betragen muß) wird am vorderen Ende mit Durchzeichenpapier (oder noch besser feinem weißem Seidenpapier, nach dem Aufspannen mit dicker Lösung von Gummi arabicum bestrichen) verschlossen u. mit diesem Ende voran in die weitere Röhre ein Stück weit eingeschoben. Der Raum zwischen beiden Deckeln repräsentirt die dunkle Kammer, die engere Röhre dient zum Abhalten fremden Lichtes. Sieht man nun in das Hintere offene Ende der engeren Röhre, indem man den Apparat wie ein Fernrohr nach hell (von der Sonne) beleuchteten Gegenständen, richtet, so erblickt man auf dem transparenten Papier ein verkehrtes Bild dieser Gegenstände, welches um so kleiner, aber auch um so deutlicher wird, je weiter man die engere Röhre in die weitere einschiebt, bb) Die eigentliche (dioptrische) 0. o., welche für die Photographie eine so große Wichtigkeit erlangt hat, ist im Princip nichts Anderes, als eine vervollkommnte Form des soeben beschriebenen Apparats, durch welche die beiden oben bezeichnten Fehler desselben aufgehoben werden. Ihre Erfindung wird dem Neapolitaner Giambattista della Porta zugeichrieben; ob mit Recht, ist zweifelhaft; jedenfalls ist er der Erste, der (im I. 1589) den vervollkommnten Apparat beschrieben hat. Die Verbesserung besteht darin, daß die Öffnung größer gemacht u. in dieselbe eine Convexlinse eingesetzt wird. Diese vereinigt die von einem Punkte kommenden Lichtstrahlen in einer bestimmten (von der Entfernung des leuchtenden Punktes u. von der Krümmung der Linse abhängigen) Entfernung wieder in einen CM161'9 odsoma II. 0LMI619 liieiäa. össsM P. U.-C.-L. e. Aufl. Onirisrg, oliseui'n i Punkt; befindet fich also die anffangendc Fläche in dieser Entfernung von der Linse, so erscheint ans jener Fläche ein scharfes Bild von ziemlicher Lichtstärke. Die Entfernung der anffangenden Fläche von der Linse muß daher, um scharfe Bilder von verschieden weit entfernten Gegenständen zn erhalten, abgeändert werden können, was dadurch erreicht wird, daß man an der Vorderwand der L. o. eine Röhre befestigt n. in diese eine zweite genau in jene passende Röhre einschiebt, in welche die Linse eingesetzt ist. Durch Verschieben der zweiten Röhre wird die richtige Einstellung bewirkt. Die 6. o. diente früher theils als bloßes Spielzeug, theils aber auch dazu, die auf einer Papierfläche aufgefangenen Bilder durch Nachfahren der Contouren mit dem Bleistifte sestzuhalten. Zu beiden Zwecken ist es wünsckenSwerth, die Bilder nicht verkehrt, sondern aufrecht zu erblicken, was durch einen mit dem Apparat verbundenen ebenen Spiegel erreicht wird. Eine hierzu geeignete, sehr bekannte Form der 0. o. ist die in Fig. 2 abgebildete. Sie besteht aus einem inwendig geschwärzten Kasten 0 mit Röhrenansatz, in welchem sich mit leichter Reibung eine zweite, die Linse I- enthaltende Röhre verschieben läßt. Diese bricht die von einem Gegenstände xL8 kommenden Lichtstrahlen so, daß sie, nachdem sie von einem unter 45° geneigten Spiegel 8 rcflectirt worden, aus einer matt geschliffenen Glastasel das Bild L'8' Hervorbringen. Das von oben u. von den Seiten kommende fremde Licht, welches, wenn es die Glastasel träfe, das Bild undeutlich machen würde, wird durch einen Deckel I) abgeblendet. Diese Form der 6. o. wird meist nur als Spielzeug benutzt; die Bilder derselben erscheinen zwar dem bei 0 befindlichen Auge des Beschauers aufrecht, aber er sieht, was in Wirklichkeit rechts ist, im Bilde links u. umgekehrt. Zum Nachzeichnen der Con- tourcn eigner sich dagegen eine zweite Form, welche in Fig. 3 dargestellt ist. Bei dieser ist der Linscn- einsatz I- an der oberen Seite des Kastens angebracht, u. über demselben ist ein um 45° geneigter Spiegel 8 befestigt, welcher der Linse die Strahlen znwirst; diese entwirft dann auf einem aus dem Boden des Kastens liegenden Blatte Papier ein Bild, welches sich leicht nachzeichnen läßt, wenn der Aasten an der den abzubildenden Gegenständen zugekehrten Seite eine durch ein nn- dursichtiges Tuch zu verhängende-Öffnung har u. groß genug ist, um den Oberkörper des Zeichners aufzunehmen. Dieser sieht das Bild aufrecht, und was in Wirklichkeit rechts ist, erscheint ihm nicht links, sondern ebenfalls rechts, co) Die zum Gebrauche des Photographen verwendete 0. o. hat keinen Spiegel; die auffangende Fläche ist der mit dein Linseneinsatze versehenen Wand parallel u. wird zum Zwecke des Photographi- rens mit einer Substanz überzogen, welche Lurch das Licht eine chemische Veränderung erfährt; dadurch ist ein Mittel geboten, die Bilder der 6. o., resp. die Vertheilung von Licht u. Schatten auf denselben zu fixiren (s. u. Daguerreotyp u. Photographie); es braucht kaum bemerkt zu werden, daß die hierzu zu verwendenden Linsen achromatisch sein müssen, ckck) Das Auge (s. d.) der höheren Thiere u. des Menschen ist ein nach dem i. 6arllsrn luoiän. 411 Princip der 0. o. gebauter Apparat, dessen auf- fangende Fläche die Netzhaut ist. b) Die 6smers lueiäs. Der Zweck der 6. o., Bilder zu erhalten, welche sich durch Nachfahren mit dem Stifte zur leichteren Herstellung einer naturgetreuen Zeichnung verwenden lassen, kann noch einfacher durch die 0. I. erreicht werden. Während aber die 0. o. die von dem abzubildenden Gegenstände kommenden Strahlen so bricht, daß sie sich auf der auffangenden Fläche zu einem wirklichen od. reellen Bilde vereinigen, bewirkt der als 6. I. (allerdings nicht sehr treffend, da eine (!., ein Kasten, nicht vorhanden ist) bezeichnte optische Apparat, daß die von dem abzubildenden Gegenstände u. die von der ausnehmenden Papierfläche herkommenden Strahlen in gleicher Richtung das Auge treffen, so daß es dem an einer bestimmten Stelle befindlichen Auge den Eindruck macht, als ob ans dem Papier ein Bild des Gegenstandes sich befinde. Ein solches nur scheinbar vorhandenes u. nur von einem bestimmten Punkte aus erscheinendes Bild wird ein virtuelles genannt, an) Wollastons 0. 1. (Zeichenprisma) besteht aus einem vierseitigen, etwa 2 ein langen Prisma, dessen Querschnitt 8 Fig. 4 zeigt. Das Prisma hat an der einen Grundfläche eine Metallfassung u. wird mittels eines Stativs so aufgestellt, daß seine Seitenkanten horizontal liegen, n. zwar in der durch die Figur dargestellten Lage. Der von einem Punkte des Objects herkommende Strahl tz dringt nahezu rechtwinklig, also ohne merklich gebrochen zu werden, durch die Fläche bo in das Prisma ein, erfährt an den Flächen eck u. äs,, bei § u. Ir, eine zweimalige totale Reflexion u. tritt endlich wieder rechtwinklig zur Fläche ab, also ebenfalls ungebrochen, aus dem Prisma aus. Unmittelbar über der Austrittsstelle befindet sich das Auge 0 des Zeichners, welcher somit jenen Punkt auf einer unten liegenden horizontalen Papierfläche bei n zn sehen glaubt. Wenn dieser nun mit der Hälfte der Pupille min an dem Prisma vorübersieht, so kann er gleichzeitig, ebenfalls bei n, die Spitze eines Bleistiftes 3 sehen, mit welchem er somit das Bild des Objects auf dem Papier nachzuzeichnen vermag. Das vierseitige Prisma kann auch durch ein etwa 4 mm langes, um 45° geneigtes Metallspiegelcheu, den Sömmeringschen Spiegel, ersetzt werden, db) Wichtig ist die 6. I. besonders als ein fast unentbehrliches Hilfsmittel zum Zeichnen mikrc- skopischer Objecte. Von den zahlreichen zu diesem Zwecke geeigneten Apparaten lenken die einen die aus dem Ocular des Mikroskops kommenden Strahlen so ab, daß das Bild (wie bei Wollastons 0. I.) ans eine direct gesehene Papierfläche proji- cirt erscheint; die anderen lenken die von dem Papier und der Spitze des nachzeichuenden Stiftes kommenden Strahlen so ab, daß sie von dem Gesichtsfelde des Mikroskops — in welches direct hineingesehen wird — herzukommen scheinen. Von allen sei nur einer der einfachsten Apparate der letzteren Kategorie hier erwähnt, die Nobertsche 0. 1., welche Fig. 5 im Durchschnitte zeigt. Sie wird mit dein die Basis bildenden Ringe auf das Ocular des Mikroskops aufgesetzt. Durch das dünn geschliffene Glasplättchen sb, welches auf dem un- 412 Oniiierni'ius — Camcrarius. Ier45° abgeschuittenen Rohre befestigt ist, sieht man direct in das Mikroskop. Seitwärts von dein Rohre befindet sich ein rcchtwinkeliges Glasprisma oäk. Bon dem neben dem Mikroskop ans dem Tische liegenden Zeichenpapier tritt das Licht durch die Fläche äi säst ungebrochen in das Prisma, erfährt an der Fläche ek eine totale Reflexion, tritt dann durch die Fläche sä wieder aus u. trifst nun die Glasplatte ab, welche, für dasselbe als Spiegel wirkend, es nach oben zurückwirft, so daß es gleichzeitig mit den aus dem Mikroskop kommenden Lichtstrahlen ins Auge gelangt. Der Beobachter hat daher den Eindruck, als ob das Bild des unter dem Mikroskop liegenden Objects zugleich mit der Bleistiftspitze auf dem Papier sich befinde, er kann also die Contouren des Bildes nachzeichnen. Es sei indessen bemerkt, daß das Zeichnen mit Hilfe der 0. I. nur nach anhaltender Übung leicht u. sicher gelingt. Wimmenauer Ll. eamerarm5 (lat.), 1) Aufseher des Schatzes, der erste Beamte im Palaste der fränkischen Könige. 2) In Schottland Magistrat, der in dem Lande mnherreiste, um Gericht zu halten n. die Polizei zu untersuchen. 3) In einigen Städten der Vorsteher od. Verwalter der städtischen Kämmereikasse. Camerarrus, 1) Joachim, Humanist und Theolog der Reformationszeit, geb. 12. April 1560 in Bamberg, aus einem alten kärntischen Geschlechts, das eigentlich Liebhard hieß und sich, als von den Kämmerern der Bischöfe von Bamberg stammend, Kammermeister nannte. C. stu- dirte seit 1515 in Leipzig, dann seit 1518 in Erfurt, wurde 1521 an letzterer Universität Professor der griechischen Sprache, lebte auch eine Zeit lang in Wittenberg, wo er Melanchthons Freundschaft erwarb; wurde 1526 Lehrer der Geschichte u. griech. Sprache in Nürnberg u. 1530 Deputirter am Reichstage zu Augsburg, wo er mit Melanchthon die Augsburgische Confession ab- saßte. 1535 berief ihn Herzog Ulrich von Württemberg nach Tübingen, um der Universität eine neue Organisation zu geben, 1541 folgte er einem Rufe des Herzogs Moritz von Sachsen nach Leipzig, wo er länger Rector war; 1555 war er wieder mit Melanchthon als Deputirter auf den Reichstagen zu Augsburg, zu Nürnberg u. 1556 auch zu dem (übrigens nicht zu Stande gekommenen) Regensburger Religionsgespräche abgeordnet. 1568 folgte er der Einladung des Kaisers Maximilian II. nach Wien, um sich mit ihm über kirchliche Dinge zu berathen. Er starb 17. April 1574 in Leipzig. Seine Schriften, über 150, umfassen fast alle Zweige des menschlichen Wissens. Bon fast allen griechischen Schriftstellern gab er ganz oder zum Theil Übersetzungen mit Scholien m Erklärungen, auch zu Cicero, Quintilianus, Plan- tus, Terentius,Virgilius Commentareu.Bemerkun- gcn heraus. Am bekanntesten sind seine Lebensbeschreibungen über Eobanns Hessus, Nürnb. 1553, Len Fürsten Georg v. Anhalt, Lpz. 1555, deutsch von Schubert, Zerbst 1853, u. Melanchthon, Lpz. 1566 u. ö-, neueste Ausg. von Strobel, Halle 1777, u. die Ausgabe von Melanchthons Briefen, Lpz. 156g. Zu erwähnen sind von seinen übrigen Schriften: Oommontarii IluAnas §r. ob lat., Bas. 1551, Fol.; Griechische u. lateinische Gedichte; Lpivtolas familiäres, Franks. 1583—1595, 3 Bde.; Lentsntias st saplsntia Llraeicka; Ilotatia liAurainm ssrmonls in libris Lw. et apostolioip seriptis; Ulstoria ä. 0.; Harratio äs szmoäo dlloaena; Historien narrativ äs lratrurn orttioä. sovlosüs in Lolisnna, Noravia st kolonla; 6a- teoirssis Christians,; Honnlias. 2) Joachim, des Vorigen Sohn, einer der hervorragendsten Ärzte und Botaniker seines Jahrhunderts, geb. 6. (5.) Nov. 1534 zu Nürnberg; genoß im Hause seiner Eltern eine außerordentlich sorgsame Erziehung, kam dann nach Wittenberg unter Melanchthons Einfluß, stndirte hier und in Leipzig Medicin. ging dann nach Breslau zu Kraton, dem kaiserl. Leibarzte, bereiste ganz Italien, promovirte in Bologna 1562 u. kehrte 1564 nach Nürnberg zurück, wo er sich niederließ. Er suchte als Arzt die Heilmittellehre möglichst zu vereinfachen, bediente sich meist nur pflanzlicher Arzneien u. benutzte seinen großen Einfluß zur Gründung nützlicher Institute. So vermochte er den Magistrat 1592, ein medicinisches Collegium einzurichten, als dessen Dsosnns psrpstnus er 11. Rovbr. 1598 starb. Er selbst legte mit größter Sorgfalt einen Garten an, in dem die seltensten Gewächse gezogen wurden, deren Samen er allerwärts zugeschickt bekam, ließ junge Leute auf seine Kosten Botanik studiren u. kaufte berühmte botanische Bibliotheken, z. B. die kostbare von Kaspar Wolf in Zürich, nebst den Mannscripten Konrad Geßners n. 1500 Holzschnitten, die er bei der Herausgabe des Lpitoins utilissims kstri iLnärsas LlattirioU etc., Franks. 1586, benutzte, deutsch von Georg Handsch, bekannt als Kräuterbuch. Er gab ferner heraus: Hortus msäleus st pbilosoplrious, Franks. 1588, mit der ersten Abbildung einer blühenden Agave und einer genauen Zeichnung des Keimens der Dattelpalme, was für eine außerordentliche Beobachtungsgabe zeugt; 8/mboIornm st snMsina- tnm osntnrias trss, deren erste 1590 in Nürnberg erschien, die letzte ,1597, mit vielleicht den ersten Pflanzcn-Kupferstichen; Lvlsota OsorAies sivs opnscmis äs rs rnstiea, Nürnberg 1577; Lzmoxsis guornnäain brsvinin seä psratilinm eommontarioram äs pssts sto., Nürnb. 1583. C. lebte nur seiner Wissenschaft u. lehnte verschiedene Anträge, fürstlicher Leibarzt zu werden, ab. 3) Ludwig Joachim, Sohn des Vor., ebenfalls berühmter Arzt, geb. 23. Jan. 1566; bereiste Italien, Holland, England, gab die Stellung eines Leibarztes beim Fürsten Christian von Anhalt auf, um, wie sein Vater, nur seiner Wissenschaft leben zu können, ging nach Nürnberg, wurde mehrere Male Decan des ärzlichen Collegiums; er starb 13. Jan. 1642. Er gab die Lzmdolornm st smblsmstuin esnt. trss seines Vaters mit Hinzufügung einer vierten von Neuem heraus, Frkf. 1654, Mainz 1677. 4) Rudolf Jakob, Arzt n. Botaniker, geb. 17. Febr. 1665 in Tübingen; stndirte Medicin u. Philosophie, bereiste Deutschland, Holland, England, hielt sich in Paris auf, kehrte 1687 nach seiner Vaterstadt zurück, wurde 1688 außerordentlicher Professor u. Director des Botanischen Gartens, auch Mitglied der L.eaäsmia natnras surlosoiain, 1689 ordentlicher Professor der Physik u. 1695 kroksssor prünarins; er starb Oamsra steiles, — Cameronimicr. 41Z 11. Sept. 1721. Sein Hauptverdienst besteht inb der richtigen Erkenntniß der Geschlechts- u. Be- . sruchtnngstheile der Pflanzen, so daß er gewisser- > maßen in der Begründung der Sexualtheorie als ' Vorläufer Linnes zu betrachten ist. Seine Ansichten u. Untersuchungen hat er niedergelegt in dem Briefe: Os ssxn plantnrnm, Tüb. 1694, Her verschiedentlich abgedruckt ist, und in einer späteren Dissertation: Os eonvsnisntia plantsrnm io krnotätivatnonö st viribus, ebd. 1699. 1) Löffler.' 2—4) Tbamhayn. Lsmers slsIMts (lat., Sternkammer), Gerichtshof in England, bestehend aus dem Lord-Kanzler und den königl. Rathen, welcher als Ausnahmegericht bloß über Staatsverbrechen, besonders von angesehenen Personen, richtete, mit furchtbarer Strenge u. Willkür verfuhr u. eine Menge Justizmorde beging. Er hatte seinen Namen von Sternen, welche die Decke des Sitzungszimmers desselben ehemals zierten. Unter Karl I. wurde dieses allgemein gefürchtete und gehaßte Ausnahmegericht von den Puritanern aufgelöst. Camerino, Hauptstadt des gleichnam. Bezirkes der Prov. Macerata in den Marken des Königreichs Italien; Erzbischofssitz; 1724 gegründete Universität, Seminar; Kathedrale, 19 Klöster; Seidenspinnerei und Seidenweberei, Gerbereien; Handel; 4400, als Gem. 11,800 Ew. — C., das Camerinum (Camarinnm) der Alten, war eine latinische Stadt im Umbrien; die Einwohner, Ca- merter, standen bei den Römern, zu denen sie schon im 2. Panischen Kriege hielten, in großem Ansehen; diese schickten später eine Colonie hierher. Im Mittelalter wurde C. eine Mark u. gehörte zum Herzogthum Spoleto (s. d.). Seit der Mitte des 13. Jahrh. gehörte C. den Varani; von ihnen wurde Joh. Maria Varano 1520 vom Papste Leo zum Herzog ernannt. 1589 erhielt sie Ottavio Farnese, und nachdem dieser 1550 Herzog von Parma geworden war, wurde C. zur päpstlichen Kammer gezogen. Camerlengo (ital., Kämmerling), 1) so v. w. Osmsrarius 1), so ein Cardinal-C., welcher den päpstlichen Schatz Verwalter. 3) In Italien ein Abgabeneinnehmer. Camera, Johann, reformirterfranz. Theolog, von dem der Amyraldismus u. Pajonismus ihren Ausgang nahmen, geb. um 1580 in Glasgow; war 1608 Pfarrer in Bordeaux, 1618 Prof, der Theologie in Saumur, 1624 in Montauban; er starb 1625 an Mißhandlungen durch einen fanati- firten Menschen. C gab den Anstoß zur Milderung der streng calvinischen Lehre von der Gnadenwahl u. der Unwiderstehlichkeit der Gnadenwirkungen in der Reformirten Kirche. Seine Werke nach seinem Tode herausgeg. von Cappellns. Über ihn Baur, Theol. Jahrb. 1853. Löffler. Camera«, 1) County im nordamerik. Unionsstaate Louisiana, unt. 29" n. Br. u. 93" w. L.; 1591 Ew.; Countysitz: Calcasieu. 3) County im nordamerik. Unionsstaate Pennsylvania, unter 41° n. Br. u. 78° w. L.; 4273 Ew.; Conntysitz: Schippen. 3) County im nordamerik. Unionsstaate Texas, unter 26° n. Br. n. 97" w. L.; 10,000 Ew.; Conntysitz: Brownswille. Camera«, 1) Richard od. Archibald, schott. Prediger; trat 1669 gegen die Jndulgenzacte Karls II. auf u. schritt 1675 bis zur Separation von der Kirche und offenen Empörung vor, welche durch die Schlacht an der Brücke von Both- well (21. Juni 1679), worin er fiel, niederge- worfen wurde. Sein Freund Cargille wurde enthauptet. S. Cameronianer. 3) Simon, nord- amerikan. Staatsmann, geb. 1792 in Pennsylva- nien; kam 1816 zu Harrisburg in eine Druckerei u. hierauf nach Washington, wo er in einer Zeitungsexpedition untergeordnete Dienste leistete; 1832 erhielt er den Jnspectorposten in West-Point, wurde 1845 von Pennsylvanien in den Senat gewählt u. 1861 von dem Präsidenten Lincoln zum Kriegs- Minister ernannt. Da er die Sklaven alsbald frei- gegeben u. bewaffnet wissen wollte, so kam er in Conflict mit den anderen Ministern u. erhielt Ende 1861 seine Entlassung, hatte aber nachher noch manche üble Nachrede wegen der Verwaltung seines Ministeriums zu bestehen. Er wurde im Juli 1862 Gesandter in Petersburg und kehrte Ende dess. JahreS nach Amerika zurück. 3) Charles Duncan, ein Schotte von Geburt; trat 1846 in die englische Armee, in welcher er bis zum Capitän avancirte. Nachdem er an dem Kaffern- kriege theilgenommen hatte, wurde er kurz vordem Ausbruche des Krimkrieges mit der Beaufsichtigung der Befestigungen von Erzerum beauftragt n. hierauf mit einer Mission nach Trape- zunt betraut, wo er bis 1856 blieb. 1858 wurde er znm englischen Viceconsnl in Transkaukasies u. 1860 znm Consul in Abessinien ernannt, als welcher er 1862 seinen Sitz in Massana nahm n. den Herzog Ernst von Sachsen-Koburg auf dessc« Reise in die Nilländer begleitete. Im folgenden Jahre erhielt er die Weisung, sich nach Gon- dar zum König Theodor zu begeben, um dort Handelsbeziehungen anzukuüpfen u. der Regierung Bericht über die politische Lage des Landes zu erstatten. Aber durch sein tactloses Benehme« verletzte er den König, welcher ihn sammt de« Missionären im Juni verhaften u. in schweres Gefängnis; nach Magdala führen ließ. Da alld ^ Versuche, die Gefangenen zu befreien, ohne Erfolg blieben, so unternahmen die Engländer Ende , 1867 einen Feldzug gegen die Abessinier, u. erst nach dem Siege der Engländer vor Magdala 10. April 1868 ließ der König den Consul C. ! nebst den anderen Gefangenen frei, namentlich um mit dem englischen General Napier Friedensunterhandlungen einznleiten. C. ging im Juli 1868 nach Genf; er st. dort 31. Mai 1870. Cameronianer, die strengste Partei unter ^ den Presbyterianern in Schottland, so von ihrem ! Haupte, dem Prediger Archibald Cameron (s. d.), - auch nach dessen Freund Cargille Cargilliteu ge- nannt. Sie waren unzufrieden mit den die Ver- - tilgung des Presbyterianismus bezweckenden Matz- ; regeln Karls II. u. seines schottischen Parlaments, 1 trennten sich 1675 von ihren fügsameren Glau- : bensgenossen u. sprachen dem König das Recht : auf den Thron ab. Ermordung u. Hinrichtung - der Jhristen veranlaßte sie, Gewalt mit GewaÜ ; zu vertreiben u. sich entschieden gegen den kathol. Jakob II. zu erklären, selbst als nach dem Falle , der Stuarts 1690 der Presbyterianismus die 414 Comciun — Comoöns. Herrschaft in Schottland gewann, ohne daß übrigens die C. dadurch zufrieden gestellt worden wären. 1709 erhoben sie sich gegen die Union Englands n. Schottlands. Seit 1743 haben sie als separirte Presbyterianer förmliche Duldung. Löffler? Camerun (Mongoma-Lobah), vnlcanischer Ge- birgsstock im Lande Bimbia (WAfrika), gegenüber der Insel Fernando Po im Meerbusen von Guinea, die höchste Erhebung in WAfrika; nimmt einen Flächengehalt von etwa 2290 H>Icm ein. Im N. ist eine Reihe von kurzen Gebirgszügen, woran sich der 1570—1880 m hohe Kleine C. (Mougo- ma-Etindeh) u. weiter nördl. der Rnmby-Bergzug schließt; nach S. erstreckt sich die große Bergmasse des Qua, welche ein prächtiges Amphitheater um die Amboser-Bucht bildet, das sich zu bedeutenden Kuppen erhebt, deren eine, der Gottesberg (Mongoma-Lobah), 4120 m ü. d. M. hoch ist. Das C.-Gebirg ist reich bewaldet mit Palmen, Akazien, Ficusarten, Cardamomen, Kolabäumen n. s. w. Die unteren Abhänge sind von dem Stamme der Ba-Kuiri bewohnt, welche Bananen ii. Cocospalmen bauen. Das Gebirg wurde zuerst 1861 u. 1862 vom Capitän Burtou u. dem deutschen Botaniker Mann bestiegen. Vgl. Burtou, iLbsolcnta mick büs Oamaroons Mountains, Lond. 1863, 2 Bde. Kolpe? Camilla, der 107. Planetoid, 17. Nov. 1868 durch Pogson in Madras entdeckt. Camillo, Francesco, span. Maler, florent. Abkunft, geb. 1610 in Madrid, gest. daselbst 1671, Schüler seines Stiefvaters Pedro de las Cuevas; ward schon mit 18 Jahren zur Ausschmückung der Jesuitenkirche berufen u. bald danach beauftragt, im Schauspielsaal von Buen - Netiro die Könige von Spanien zu malen, denen seine 14 Bilder aus denMetamorphosen desOvidius ebenda folgten. Bilder von ihm in Toledo, Madrid, Alcala, Se- govia, Salamanca, Pardo rc. Hauptwerke: Heil. Leocadia in Toledo; Maria in Bethlehem, in Madrid, Kreuzabnahme, in Segovia, u. namentlich der heil. Borromäus in Salamanca. Seine Zeichnung ist correct, seine Farbe leuchtend und an- umthig. Regnet. Camillus, röm. Familienname der patricischen b'nris. Asus. 1) Marcus Furius C., 403 v. Ehr. Censor, sechsmal consnlarischer Kriegstribun und während der zehnjähr. Belagerung von Veji, die er 396 v. Chr. durch die Eroberung der Stadt beendigte, zum ersten Mal Dictator. Ebenso erfolgreich kämpfte er gegen die Capenaten u. Falisker, die er der Sage nach, indem er den Verrath eines Lehrers, der ihm alle seine Zöglinge als Geißeln zusühren wollte (s. u. Falerii) zurückwies, mehr durch Großmuth als durch Waffengewalt bewältigte. Als er die Forderung der Plebejer in Rom, daß der Sitz der Hauptstadt von Rom nach Veji verlegt werde, Hintertrieb, wurde er vom Volks- tribnn L. Apnlejns nachträglich wegen ungerechter Vertheilnng der vejentischen Beute angeklagt und, obgleich er ins Exil nach Ardea gegangen war, abwesend um eine große Geldsumme gestraft. Als Nom nach der unglücklichen Schlacht an der Allia von den Galliern unter Brennus erobert worden war, wurde C. 390 in seiner Abwesen, heit entbannt u. zum Dictator ernannt, sammelte nach einer unverbürgten Erzählung (s. u. Bren- nns 1) ein Heer n. schlug die Gallier; s. Rom (Gesch.). Da er auch den erneuten Wunsch der Plebejer, die verbrannte Stadt nicht wieder auf- znbanen, sondern nach Veji ausznziehen, durch seine Beredtsamkeit vereitelte, so nanüten ihn die Römer den zweiten Gründer Roms. 387 wurde er zum dritten Mal Dictator gegen die Äquer, Volsker, Etrusker, Latiner, Herniker rc., die er sämmtlich besiegte, worauf ihm ein Triumph de- cretirt wurde. 385 war er einer der 6 Nribnin milikum «ans. potosi., wo im Kriege gegen die Volsker n. Antiaten ihm das Obercommando von seinen College» übertragen wurde, und 367 zum vierten Mal, als das von den Patriciern heftig bestrittene Verlangen der Bolkstribnnen C. Lici- nius und C. Sextins nach Gleichstellung der Plebejer mit den Patriciern bei den Wahlen für das Consulat Unruhen befürchten ließ, legte jedoch sein Amt bald nieder, ohne etwas entschieden zu haben. 366 war er abermals Dictator bei einem Einfalle der Gallier, die er bei Alba schlug. Seine Lebensgeschichte ist vielfach durch Sagen ausge- schmückt. Er starb 364 v. Chr. 2) Spurins Fnrins C., des Vor. Sohn, 366 v. Chr. der erste Prätor in Rom. 3) Lucius Für. C., Bruder des Vor.; wurde 350 v. Chr. Dictator, um den neuen Consulwahlen zu präsidiren, da die Consnln krank waren; er selbst wurde, ohne daß sin Plebejer dazu kam, mit App. Claudius Crafsus zu Consnln für 349 gewählt und schlug die Gallier bei den Pontinischen Sümpfen. Camisarden, die reformirten Bewohner der Sevennen in Nieder-Languedoc während ihrer durch religiöse Verfolgung n. die Sucht, sie zum Katholicismus zu bekehren, veranlaßten Empörung 1702—10, weil sie, meist Landleute, über ihren Kleidern Hemden (Oamisss) trugen; s. u. Sevennenkrieg n. Frankreich (Gesch.). (lsmism (röm. Ant.), 1) so v. w. Inänsinm. 2) Leinenes Unterkleid, bald Hemd, bald eine Art von Kamisol. 3) (Kirchw.) So v. w. Uba. 1 ). Camoens (Camoes, Camods), Luis de, berühmtester portugiesischer Dichter, geb. 1524 in Lissabon; studirte zu Coimbra u. wendete sich darauf nach Lissabon; von hier wegen seiner Neigung zu der Hofdame Katharina de Atayde verwiesen, zog er mit gegen Marokko, wo er ein Auge verlor, u. ging 1553 nach Indien, von wo er aber wegen einer Satire: Oisps.rs.bss ns. Inäis, nach Macao verwiesen ward. Von dort kehrte er 1569 nach Lissabon zurück. Zu Macao vollendete er sein in der portugiesischen Literatur epochemachendes Epos: Os Ousisüss oder die Lufiaden (Söhne des Lnsns, mythischen Stammvaters der Lusitanier oder Portugiesen), an welchem er 30 Jahre gearbeitet und in welchem er Vasco de Gamas Fahrt zur Aufsuchung des Seeweges nach Indien u. seine mannigfachen Erlebnisse besang u. Geschichtliches mit Poesie, das Christenthnm mit der griechisch-römischen Mythologie anziehend vereinigte, gleichzeitig auch in klassischer Weise die Hanptmomente der Geschichte des Volkes der Portugiesen einflocht. Er litt in Indien Schiffbrnch, rettete aber das ihm Werthvollste: dieses Gedicht. Dasselbe (in 10 Gesängen in herrlichen Otiaverime« 415 Camogh6 — Stanzen) erschien erst 1572; der Dichter erhielt für die Dedication an den König Sebastian eine sehr geringe Pension, die er nach Sebastians Tode wieder verlor. C. verfiel in tiefste Noch. Er st. IO. Juni 1580 angeblich in einem Hospital in Lissabon; 15 Jahre später ward ihm ein Denkmal in der St. Anneukirche errichtet, welches aber bei dem Erdbeben 1755 zerstört wurde; 1867 wurde sein ehernes Standbild in Lissabon aufgestellt. Die Lufiaden, herausgcg. von Souza-Botelho, Paris 1817 u. 1823; beste kritische Ausgabe mit historischem u. literarischem Commentar von Fonseca, ebd. 1846; neueste mit Biographie v. Juromenha 1860—71, neue Ausg., Lpz. 1874; übersetzt in alle europäischen Sprachen, auch ins Lateinische und selbst ins Hebräische, deutsch von Kuhn und Winkler, Lpz. 1802; von Heyse, Hamb. 1807, 2 Bdchn.; von Donner, Stuttg. 1834, 3. Ausg., Lpz. 1869; von F. Booch-Arkossy, Lpz. 1854, 2. A., 1857; von K. Eitner, Hildburgh. 1872. Er schr. noch Sonette, herausgeg. von Arentschildt, Lpz. 1852; außerdem Satiren, Briefe, auch 3 Komödien. Werke, herausgeg. von Barreto Feio und Monteiro, Hamb. 1834, 3 Bde. Lebensbeschreibung von Adamson, Lond. 1820, 2 Bde., u. Mordani, Bologna 1841. C. ist der Held in seines Landsmannes Almeida Garrett gleichnam. Epos, Par. 1825; in Tiecks Novelle: Tod des Dichters, u,, in mehreren neueren dramatischen Arbeiten. Über sein Hauptwerk: Die Lufiaden, wodurch er der portugiesischen Literatur eine vorher nie gehabte Bedeutung und wesentlich ihren Fortbestand als solche sicherte, s. speciell den Art. Lufiaden. Booch-Artossy." Camoghe, Berggipfel im schweiz. Kanton Tessin, an der ital. Grenze, 2226 rn hoch; von Bellinzona oder Lugano aus zu ersteigen; gewährt eine der großartigsten Alpenfernsichten vom-Sim- plon bis Monte-Rosa u. vom Gotthard bis zur Ortelesspitze, über den Como-See, einen Theil des Lugano-Sees u. des Lago-Maggiore, über die Lombardische Ebene bis nach Mailand hinaus. Camogli, Gemeinde in der ital. Provinz u. dem Bezirke Genua, Eisenbahnstation; 9813 Ew. Camonrca (Val di C.), Thal in der Provinz Bergamo des Königreichs Italien (Lombardei), am Oglio; gute Viehzucht; Erzeugnisse sind Getreide, Mais, Gerste, Kastanien, Seide, Eisen, Marmor, Kalk; 50,000 Ew. — Das Val di C. stand früher unter Mailand u. ergab sich 1426 an Venedig; 1509 riß es Ludwig XII. von Venedig los u. überließ es dem Kaiser Maximilian I.; Karl V. überließ es Franz I. von Frankreich, u. dieser gab es an Venedig zurück. Camorra u. Camorristi, eine geheime Gesellschaft, welche sich über das ganze Gebiet des vormal. Königreichs Neapel verbreitete, ursprüngl. zum Schutze der Schwachen u. Unterdrückten gestiftet, in diesem Jahrhundert in Gaunerei u. Räuberei ausgeartet, die sich auch (außer zur Übernahme von Schmuggeltransporten in früherer Zeit) zur Ausführung schwerer Verbrechen im Aufträge herbeiließ. Fest organisiert u. solidarisch unter sich verbunden, stets bereit zu Gewalt u. Mord, waren sie in den Gefängnissen selbst von den Mitgefangenen und Kerkermeistern gefürchtet. Die Campagna. Brüderschaft der C. hatte in jeder Provinzialhauptstadt eine Centralstelle, in Neapel selbst 12 solche, deren jede unter einem gewählten Chef mit absoluter Gewalt stand; neben ihm verwaltete ein Rechnungsführer (Contarolo) die gemeinschaftliche Kasse (Barattolo), in welche der Ertrag der Geschäfte zur gleichen Vertheiluug eingeliefert werden mußte. Wer aufgenommen werden wollte, mußte Nachweisen, daß er noch keine Spionage u. keinen Diebstahl begangen, daß weder seine Frau, noch Schwestern zu den Prostituirten zählen, und auf ein eisernes Crncifix einen furchtbaren Eid der Treue u. Verschwiegenheit leisten; dann wurde er 1 Jahr lang Lehrling (?ieoiotto), nach Ablegung lebensgefährlicher Proben von Mnth u. Gehorsam u. einer Probezeit erst eigentlicher Camor- rista durch Verleihung der 2 besonders geformten Messer, eines ihrer Erkennungszeichen. Andere Zeichen waren ein weiter Plaid von gestickter Wolle, eine besondere Art weiter Jacken rc. Die Disci- plin ist außerordentlich streng; auf Verrath, selbst von Seiten Ausgestoßener, steht Todesstrafe. Ernste Streitigkeiten unter sich entscheidet meist der Dolch. Ursprünglich bestand die C. nur in den Gefängnissen, wo die häufig dort eingesperrteu Mitglieder den in den allgemeinen Gefangenensaal eingewiesenen Sträflingen dadurch Geld abnahmen, daß sie denselben Gelegenheit zu Tabakrauchen, Wein u. Spiel verschafften; erst seit 1830 verpflanzte sich die C. auch in die Städte. Nachdem Ferdinands II. Negierung die C. ans politischen Gründen geduldet, hat Franz II. alle die Polizei bekannten C. deportiren lassen, weshalb die zurückgebliebenen C. sich an Garibaldi anschlossen u. für die Revolution thätig waren. Als aber die neue Regierung sie im Polizcidienste verwenden wollte, schlugen sie sich in die Gebirge u. bieten noch bis in die heutige Zeit als Förderer des Brigantenthums der ital. Polizei die größten Schwierigkeiten. Lagai. Camorta, s. Nikobarische Inseln. Camou, Jacques, franz. General, geb. I.Mai 1792 in Sorrouces; diente schon zur Zeit des Ersten Kaiserreiches im franz. Heere, zeichnete sich aber besonders 1830 in Algier aus; 1852 wurde er Divisionsgeneral in Algier; 1854 machte er als Befehlshaber anfänglich der 3., dann der 2. Division des Bosquetschen Corps den Krimkrieg mit, wo er sich besonders bei Traktir, an der Tschernaja u. der Erstürmung des Mainelon auszeichnete. Nach dem Frieden erhielt er das Commando der Boltigeurdivision der kaiserlichen Garde und kämpfte 1859 in Italien gegen die Österreicher mit, wo er namentlich den Übergang der Franzosen über den Tessin bewirkte und bei Solferino focht. 1862 trat er in den Ruhestand, wurde 1863 Senator; er starb 10. Febr. 1868 in Paris. Camozzi, Giambattista, geb. 1515 in Asolo bei Treviso; wurde 1550 Professor der Philosophie in Bologna, 1555 in Macerata u. 1558 vom Papste nach Rom berufen; er starb hier 1591. C. übersetzte die griechischen Kirchenväter und schrieb Anmerkungen zu Theophrastos und Aristoteles. Campagna (ital.), 1) Feld, Weichbild, Umgegend einer Stadt; so 3) Stadl u. Hauptort des 416 Campagna - gleichnam. Bezirkes der Italien. Provinz Salerno lPrincipato cueriore); Erzbisthum; Kathedrale; Scidcnzucht, Ölbau; Handel; 9813 Ew. Campagna, Girölamo C. da Vergna, Bildhauer, geb. 1552 in Verona, Schüler Jakob Sansovinos; starb nach 1623. Werke: Hautrclics des Leichnams Christi in S. Ginliano zu Venedig, bronzene Hochaltargrnppe der 4 Evangelisten im S. Giorgio maggiore n. mehrere Porträtstatueu. C. gehört zu den besseren Künstlern seiner Zeit, die sich von der Manier sernhielten. Campagna di Noma u. C. di Marittima, Theile der ital. Provinz Rom; schlecht angebaut u. ungesund (Malaria, Sumpffieber). Gegenwärtig wird die Entsumpfung u. Besiedelung derselben betrieben. S. übrigens Rom (Provinz). Campagne (fr.-), 1) das Land, im Gegensätze der Stadt. 2) So v. w. Feldzug. 3) (Hüttenw.) Die Zeit, welche ein Hohosen in ununterbrochenem Gange ist. 4) Die Zeit eines ununterbrochenen industriellen Arbeitsbetriebes überhaupt, z. B. bei der Nunkelrllbeu-Zuckerfabrikation. Campagnöla, Domenico, Historienmaler u. Kupferstecher; blühte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Venedig u. wetteiferte erfolgreich mit Tizian. Werke: Fresken in der Leuoia äsl ganto in Padua, Sceuen aus dem Leben des St. Antonius darstellend; Bier Propheten in der Akademie zu Venedig; in der Dresdener Galerie ein Ölbild: die Freigebigkeit. Von seinen durch schöne Zeichnung ausgezeichneten Stichen sind zu erwähnen: eine Schlacht im Walde, Himmelfahrt Mariä, Ausgießung des Heil. Geistes, ein Äin- dertanz. Campan, Marktflecken im Arr. Bagnörcs des franz. Depart. Ober-Pyrenäen; Höhle; Marmor; Fertigung von Etamines, Crepons; H-ndel mit Papier u. Butter; 3524 Ew. Es liegt im schönen, vom Mont Aigu geschlossenen Campanerthal, welches der Adonr durchzieht u. worin das alte Kloster Medons, die Priorei St. Paul und das Dorf l'Esponne liegt; bes. bekannt durch Jean Pauls Dichtung: Das Campanerthal. Campan, Jeanne Louise Henriette, franz. Schriftstellerin, geb. Genest, geb. 6. Oct. 1752, Tochter eines Ministerialsecretärs; kam 1767 als Vorleserin der Töchter Ludwigs XV. an den Hof, ward 1770 durch ihre Verheirathung mit Campan, Secretär der Königin Marie Antoinette, in deren Nähe gezogen, ward deren erste Kammerfrau, wollte derselben auch in den Kerker folgen n. konnte nur durch Pethions Weigerung, sie mit in das Gefängniß (den Temple) zn lassen, von ihr getrennt werden. Nach Robespierres Sturz errichtete sie zu St. Germain eine Pension für junge Mädchen, und Napoleon vertraute ihr die Leitung bes Erziehungshauses von Töchtern der Ehrenlegion zu Ecoueu au. Nach der Rllckkehr des Königs ward das Haus aufgehoben n. die C. entlassen; sie lebte nun zu Paris u. st. zu Mantes 16. Mai 1822. Ihre Llsmoirss our In vis pri- vss äs In rsins Llaris ^ntoinebts, 5. Aust., Par. 1823, 4 Bde., deutsch, Bresl. 1824, 3 Bde.; außerdem: äournal aneeäobigus, Paris 1824; 6orre- sponäanes insäils avse 1a rsins Hortons«, ebd. 1836, 2 Bde. - Campanella. Oampsna (lat.), 1) Glocke. 2) Luftpumpe. 6. trutina, Wage. Campäna, 1) Pedro, eigentlich Champagne od. v. de Velde, Historienmaler der span. Schule, geb. 1503 in Brüssel, gest. 1580 ebenda; erhielt seine Ausbildung in Italien, wo er sich Rafael zum Muster genommen hatte. Um 1548 ließ er sich in Sevilla nieder, u. hier findet man seine ineisten Gemälde, namentlich seine Kreuzabnahme (in der Domsacristei); auch zu Triana, Vorstadt von Sevilla, u. zu Carmoua sind Bilder von ihm, die einerseits an Dürer, anderseits an Michel An- gelo erinnern. 2) Anton C. v. Splügen, öster- reich. Baumeister, geb. 1776; baute die berühmte Straße über den Splügen, wofür er in den Adelstand erhoben wurde; er wurde Director des Militärisch-Topographischen Instituts; er st. 1841 in Wien. Regnet.» Campanella, Tommaso, ital. Philosoph, geb. 5. Sept. 1568 zu Stilo inCalabrien; trat 1583 in den Dominicanerorden ein, wurde in das Kloster des hl. Georg zu Morgentia in Abruzzo u. hierauf nach Cosenza geschickt, um dort Philosophie, hier Theologie zu studireu. Zweifel an k'.r Aristotelischen Philosophie regten ihn zu gründlichen, selbständigen Forschungen au; vor Allem wirkten auf seine Richtung die Schriften des Telesius, den er noch an seinem Lebensabend als den ersten Philosophen bezeichnete. Zu Altamonte in Len Abruzzen, wo er seine Studien sortsetzte, schrieb er 1590 eine Abhandlung gegen Jakob Anton Maria in Neapel, der eine Schutzwehr des Aristoteles gegen Telesius verfaßt hatte. Er hielt sich daun einige Jahre in Neapel, Rom, Florenz, Venedig, Padua, Bologna auf. Da er in seinen heimathlichen Bergen die Nähe des Gottesreiches, einen völligen Umschwung der Dinge, die Einführung der Gütergemeinschaft verkündigte, wurde er 1599 plötzlich verhaftet, nach Neapel gebracht u. des Hochverrathes beschuldigt: er sollte sich mit den Türken gegen die spanische Herrschaft verschworen haben. Der spanische Vicekönig dictirte ihm ewige Gefangenschaft. Er wurde als Rebell u. Ketzer behandelt, 7 Mal, zuletzt gräßlich, gefoltert u. in die scheußlichsten Kerker geworfen, was er mit Standhaftigkeit ertrug. Anfangs wurden ihm Bücher versagt; er dichtete schwungvolle Gesänge u. brachte sie n. philosophische Abhandlungen, da ihm heimlich die Gelegenheit geboten wurde, zu Papier. Es dauerte lange, bis ihm die Gefangenschaft erleichtert wurde. Er saß nun auf dem Castel Nuovo oder dem Fort St. Elmo, erhielt Bücher, durste Besuche annchmen, mit auswärtigen Gelehrten correspondiren. Auf Grund politischer Verdächtigungen wurde seine Lage dann aufs Neue erschwert. Nachdem der Papst Paul V., die Fugger u. das Haus Österreich erfolglos für seine Befreiung gearbeitet hatten, gelang es endlich dem Papst Urban VIll., sie durchzusctzen. Auf Besehl des Königs Philipp IV. erklärte der Vicekönig Herzog von Alba den Philosophen für unschuldig, u. 15. Mai 1626 wurde er seiner Hast entlassen. Er ging nach Rom. Nur zum Scheine wurde er noch einige Zeit als Gefangener der Inquisition behandelt; 1629 erhielt er seine völlige Freiheit. Sein körperlicherZustand war jammervoll, Campani — doch sein geistiger Aufschwung, seine Arbeitskraft ungebrochen. Der Papst nahm ihn unter seine Hausfreunde auf und bewilligte ihm ein Jahrgehalt. Vor den Spaniern, die ihm wegen seines Umganges mit dem französischen Gesandten nachstellten, floh er 1634 nach Frankreich. In Paris empfing ihn Ludwig XIII. wohlwollend; Richelieu setzte ihm einen Jahrgehalt von 2000 Fcs. aus u. zog ihn oft zu Rathe. Im Dominicanerkloster der Vorstadt St. Honorö sammelte u. ordnete er seine Schriften; diese Beschäftigung unterbrach der Tod, 21. Mai 1639. Campanella sagt: Gott ist die einzige Wahrheit. Er spricht zu uns durch Werke n. Worte; seine lebendige Urkunde ist die Welt, seine geschriebene die Bibel. Den Inhalt der letzteren eignen wir uns durch den Glauben, den Inhalt der ersteren durch die Wahrnehmung an. Die wissenschaftliche Bearbeitung des Geglaubten ist die göttliche Wissenschaft, die Theologie; ihre Magd ist die menschliche Wissenschaft, die wissenschaftliche Bearbeitung der Wahrnehmungen; Weissagungen u. Wunder sind die theologischen, Vernunft u. Erfahrung die philosophischen Beweisgründe. Der Physiker soll sich nicht auf Bibelstellen, der Thcolog nicht ans physikalische Gesetze berufen. Zwischen Theologie und Philosophie stellt C. die Metaphysik; die seinige rühmt er als Dibiia. pbiiosopborum, als Wieder- herstellerin aller Wissenschaften. Die Physik des Tilesius nimmt er vollständig in seine Weltanschauung auf, gibt ihr aber eine festere Grundlage u. ergänzt sie. Alles — lehrt er mit seinem Vorgänger — ist beseelt, empfindet, ist durch Liebe u. Haß bedingt: der Raunt, die Wärme n. Kälte, die ganz passive Materie, die Weltkörper, die Pflanzen, die Thiere, die Menschen. Viel selbständiger ist seine praktische Philosophie. Der Maßstab der Verdienstlichkeit ist ihm die Besiegung der Triebe. Er betont unsere Pflichten gegen den Staat; das Staatswohl ist in seinen Augen die oberste weltliche Aufgabe. Aber der höhere Geist, der dem politischen Ganzen innewohnt, ist die Religion; sie darf also nur in einer Gestalt geduldet werden; die Ketzerei ist zu unterdrücken; eine Quelle derselben, das Schulstudium der griechischen u. hebräischen Sprache, ist zu verstopfen; dagegen sind Mathematik u. Naturwissenschaft zu Pflegen. Aufhebung der Nationalunterschiede durch Racenvermischung, Bereinigung der Staaten zur Universalmonarchie unter spanischem Scepter, Unterordnung dieses Reiches unter den Papst — das find C-s politisch-kirchliche Ideale. Den Jesuitenorden preist er hoch. Er donnert gegen Luther, Calvin, Macchiavelli. Werke: Dbiiooopbia, souoi- ims äomoustruta, cum vorn äoksusiouo 8. Deiosii, Neap. 1591; Droäromus pbiio8opirias iustau- rauäss, Frkf. 1617; 8s ssusu rvrum ob ma§ia iibri IV, Frkf. 1620, neue Ausg. beider Schriften, Par. 1636; LpoivAia pro (laiiiaoo luatbs- matreo Dioroutino, Frks. 1622; Dsaiis pbiioso- pbiao spiloAistioas partss IV; Do rorum uaturu (kbMoioZiog,), äs dominum moribus (bloruiiu), koiitioa, oui oivitas soiis juuoka, est, ob Oooo- uomiea, Frkf. 1623; Orvrlms soiis, wiederholt in den Disputationen, Par. 1637, einzeln Utrecht 1643; ^strologsioorum iibri VI, Leyd. 1629, Pierers Universa!-Conversations-Lexikon. 6. Nufl. ' Companien. 417 Frkf. 1631; ^ibsismus briuiupbatus, Nom 1631, nnt Do Aoutilismo uou rotiuonäo u. Do prao- äosbiug.tious, sisotiouo, roprobationo ob uuxiliis äiviuao Arutias, Par. 1637; Losltu ä'alouus possie üiosoüebs äi 8sptimouta.no Zguilla, oa- vata äa ouoi iibri äotti la oautioa, oou I'sspo- sioious, 1632, n. A. von I. C. Orelli: Doosis üiosoüobs äi 1. 6., Lugano 1834; Lloäioiuaiimu iibri VII, Leyd. 1635; Dbilosopbias ratiouaiis partoo V: drammatioa, Dialsotioa, Dbstorioa, Doötioa, DistorioAraxbia, Par. 1637; Disputa- tionum in IV partos suao pbilosopbias realis iibri IV, Par. 1637; Dmvorsalis pbiiosopbius ssu metapb^sioarum rorum juxta, propria äoZ- mata partes III, iibriLVIII, Par. 1638; Dcäo^a iu uativitatom portsutosam Dsipbiui Oaiiiei, Par. 1639; Do mouarobia Dispauia, Amst. 1640; Do übrig proxriis ot rsota ratiouo stuäsuäi szm- taAma, Par. 1642, Amst. 1645; die vier ersten Bände der gesammelten Werke, Par. 1640. Ge- sammtausgabe seiner Werke von A. d'Ancona, Turin 1854. Vgl. Balduchini, Vita o üiosoüa äi 1'. 0., Neap. 1843; M. Carriere, Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit, Sluttg. u. Tüb. 1847, S. 522 ff.; Erdmann, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I. 542 ff. Campani, Giuseppe, berühmter Mechaniker; lebte in der 2. Hälfte des 17. Jahrh. in Rom u. verfertigte ausgezeichnete Fernrohre, mit deren Hilfe u. a. Dom. Cassini zwei Saturnusmonde entdeckte. Nach seinem Tode wurden seine astronomischen Instrumente von Benedict XIV. gekauft u. dem Institut zu Bologna geschenkt. Er veröffentlichte mehrere Schriften astronomischen und optischen Inhaltes. Campanien, nach der alten Geographie Campania, die südwestlichste Landschaft Mittel-Italiens, nach späterer Eintheilung zu Unter-Italien gerechnet wegen seiner Fruchtbarkeit, auch Doüx von den Römern genannt; erstreckte sich vom Liris bis zum Vorgebirge der Minerva, grenzte im NW. an Latium, im SO. an Lucania, im NO. an Samnium, im S. u. O. an das Tyrrhenische Meer, welches an seiner Küste die beiden großen Busen 8iuu8 Dutaoiauus (früher 8. Oumuuus) u. 8. Daestauus bildete; das Land war eben, umschlossen von den Apeninuen mit weinreichen Bergen, im SW. der Vesnvius; Vorgebirge: Dromoutorium LIissuum u. Dr. Lliuor- vao; bewässert von Liris, Vulturuus u. Küsten- flüfsen; reich an Getreide, mit vorzüglichem Wein (Falerner), Öl, Obst, besonders Feigen, Bauholz, Vieh, Mineralquellen; Hauptstadt: Capua, außerdem Bajä, Cnmä, Misenum, Linternum, Putcoti, Neapolis, Herculanum, Pompeji, Nola, Saicr- num rc. Es heißt noch jetzt Campanien u. gehörte zum Köuigr. Neapel; 17,978 Hjicm (326*/-iÖM,>; 2,754,592 Ew.; nmsaßt die 5 Provinzen Avellino, Benevent, Caserta, Neapel u. Salerno. — Die ältesten Einwohner waren die Ansoner, wahrscheinlich latinischen Stammes, denen sich griechische Ansiedler, in der Gegend des Vesuv, in Cnmä, Puteoli, untermischten, im 7. u. 6. vorchristl. Jahrhundert. Auch die Etrusker dehnten in dieser Zeit ihre Herrschaft über verschiedene Theile des Landes in wiederholten Eroberungszügen ans. tV. Band. 27 418 Campanile — Beide verdrängte die Eroberung der aus den Bergen vorstürmenden Samniten (424 Capna, 420 Cumä), ihnen folgten in der Herrschaft die Römer, welche 343 v. Chr. von den Campanern gegen die Samniten zu Hilfe gerufen worden waren, nach langen, blutigen Kämpfen. Im 2, Punischen Kriege bildete C. längere Zeit das Haupttheater des Kampfes; in der folgenden Zeit wurde eS durch Kolonien u. Ertheilung deS römischen Bürgerrechtes vollständig mit Rom verschmolzen. Schon vor der Eroberung durch die Römer blühte dort, durch griechischen Einfluß, die Kunst; die campa- nischen Gefäße, ungcmalte Töpferwaaren, waren weit u. breit gesucht, besonders für den gewöhnlichen Gebrauch. Das Land blieb blühend bis zur Völkerwanderung; Vandalen, Gothen, Longo- barden verwüsteten es damals, n. Letztere bemächtigten sich des Landes, wo nur wenige Seestädte den Byzantinern blieben; im 9. u. 10. Jahrh. blühten hier die Fürstenthümcr Bencvent, Salerno u. Capna; im 11. Jahrh. stifteten die Normannen hier ihr Reich, dessen Hauptstadt Neapolis ward, von welcher der Name nach und nach in Napoli unterging; s. Neapel. Campanile (ital.), einzeln stehender Glockenthurm bei einer Kirche. llampanula D. (Glockenblume), Pflanzeugatt. ans der Fam. der Campauulaccen (V. 1), mit kreiselförmigem, fünfspaltigem Kelche, glockenförmiger, mehr oder weniger tief Slappiger, im Grunde von den an der Basis verbreiterten Staubfäden geschlossener Blumenkrone, mit unterständigem, kreifelförmigem Fruchtknoten u. zwei- bis dreifächeriger, an der Seite mit Löchern aufspringender Kapsel. Sehr zahlreiche Arten, in Deutschland allein mehr als 30, von denen folgende die häufigsten: 4) mit Kelchen ohne zurückgeschlagene Anhängsel, u. dreifächeriger Kapsel: 1) 6. rotunäikoUa D., mit uierenförmig-rundlichen od. herz-eiförmigen Grundblättern, linealischenStcngelblättern, locker-rispigen, verhältnißmäßig kleinen Blüthen; überall verbreitet. 2) 6. pusilla LarmLe, der vorigen ähnlich, aber kleiner u. armblüthiger; häufig in den Alpen. 3) 0. raxrmenloiäss D., mit länglich-lanzettlichen, sitzenden, grob-gekerbt gesägten, beiderseits kurz- ranhhaarigen Blättern und lanber einseitswen- Liger Blüthentraube; zerstreut, m Gärten öfter lästiges Unkraut. 4) 0. Iraosislium L., mit scharfkantigem Stengel, herz-eiförmigen, zerstreut stdishaarigen Blättern, ziemlich großen, eine Rispe bildenden Blüthen; in schattigen Laubwäldern u. Gebüschen. 5) 0. latitolia D., mit rundlichem Stengel, länglich-eiförmigen, beiderseits zerstreut wcichhaarigen Blättern u. sehr großen, tranbig gestellten Blüthen; seltener, auch als Zierpflanze angepflanzt. 6) 6. pabuls. D., mit länglich-spatel- sörmigen u. lineal-lanzettlichen Blättern, mittelgroßen, eine lockere Rispe bildenden Blüthen und aufrechter, über der Mitte oder an der Spitze sich öffnender Kapsel; auf Wiesen u. in Gebüschen sehr häufig. 7) 0. Rapunonlns D. (Rapunzel), der vorigen ähnlich, mit dicker, fleischiger Wurzel, am Rande welligen Blättern u. , schmaler Rispe mit kurzen, aufrecht abstehenden Ästen; wegen der als Salat genießbaren Wurzel zuweilen augebaut. 8) 6. porsioikolia D., mit aufrechtem, einfachem Oninprrnulinkts. Stengel, kahlen, derben, länglich-keilförmigen bis linealischen Blättern u. großen, weit glockenförmigen, in wenig-blüthigen Trauben gestellten, himmelblauen Blüthen; in trockenen Wäldern. 9) 0. earpatdier -/ireg., mit schlaffem, aufsteigendem, ästigem Stengel, gestielten, herz-eiförmigen, gckerbt-gesägten Blättern n. entfernt stehenden, großen, weit glockenförmigen Blüthen; in Ungarn einheimisch, häufige Zierpflanze in Gärten. 10) 0. esrvioaria D., mit scharfkantigem, steifem Stengel, lanzettlichen, gekerbten, steifhaarigen Blättern und zahlreichen, in achsclständige Köpfe zusammengedrängten Blüthen mit stumpfen Kelchzipfeln; in Gebüschen, lichten Wäldern u. auf trockenen Wiesen. 11) 0. xlomsrata. D., mit stumpskantigem Stengel, länglich-eiförmigen oder länglich-lanzettlichen, am Grunde abgerundeten, grau-kurzhaarigen Blättern, mit ähnlichen Blüthen wie vorige, aber mit spitzen Kelchzipfeln; wie vorige, aber häufiger. 8) Ueäium. Die Kelchbuchten find mit zurück- geschlagenen, die Kelchröhre bedeckenden Anhängseln versehen. 12) 6. slpina. ekasg, niedrige Pflanze init wolligem Stengel u. Blättern, langgesticlten, nickenden, mittelgroßen, fast tranbigen Blüthen; Alpenpflanze in oer Höhe von 1800 — 2500 w. 13) 0. barbnta D., mit länglich-lanzettlichen, grundständigen Blättern, nickenden, in eine Traube gestellten Blüthen mit am Saume gebärtetcr Blu- menkronc; Alpenpflanze in der Höhe von 1300 bis 2000 in, auch auf den Sudeten. 14) 6. Lls- ckium D., stcifhaarig, mit länglich-kcrbig-gezähnel- ten Blättern, großen, kurzgestielten, nickenden, in Trauben stehenden Blüthen, stumpfen Kelchanhängseln u. kahler, am Rande umgebogener Bln- menkrone; in SEuropa heimisch, sehr häufige u. schöne Zierpflanze. Engler. vampsnulncsas -Tuss., Pflanzenfam. aus der Klasse der Campanulinen, meist Milchsaft führende Pflanzen mit meist spiralig gestellten, ungetheilten Blättern, ohne Nebenblätter, mit zwitterigen, meist regelmäßigen Blüthen, init btheiligem od. bspal- tigem Kelche, mit ülappiger Blumenkrone, 5 öfter am Grunde verwachsenen Staubblättern, 2—5° fächerigem Fruchtknoten mit mittelständigen Samen- leisten, an denen zahlreiche umgewcndete Samenknospen fitzen, mit oberwärts 2—5theiligem, mit Sammethaaren besetztem Griffel; Frucht meist eine Kapsel, deren Fächer mit einem Loche ausspringen; die Samen sind eiweißhaltig. Die Familie zerfällt in 2 Unterfamilien: 1 ) VaiilsndoiAisao, mit an der Spitze aufspringender Kapsel; hierher: ckaoions D., I'Iatz-coäon 4. Dk7., ^VuiUsnbor§iL KH-'ack., krismatooarpus 4. DO. 2) Oampami- Isa.s, mit seitlich oder an der Basis aufspringender Kapsel; hierher: ?Ii/touiss. D., Oampannla D-, Fpsonlaria l'De'-Ä., Iraoiislinm D., 4cksnopllora Flr'so/t. Während die Wahlenbergiecn vorzugsweise am Cap der guten Hoffnung, in Neu-Hol« land, auf den Inseln des Indischen Archipels u. im antarktischen Amerika verbreitet sind, findet sich die große Mehrzahl der Campanuleen vorzugsweise zwischen 36 u. 47° n. Br., besonders auf der östlichen Hemisphäre. Engler. liampanuIÄus (Bot.), glockenförmig. Oampanulinae, 32. Klasse des Endlicherschen Systems (Lzmrmckras 4. Dr.), mit oberständiger, 5- 419 Campanus - Heiliger Blumenkrone mit iu der Kuospenlage klappigen Abschnitten, mit 5 zwischen den Abschnitten der Blumenkrone stehenden Staubblättern, deren Staubbeutel meist verklebt oder verwachsen sind. Hierher gehören nach Endlicher die Familien: Lrunomgosas, Cooäsnigosas, llollollgesas, Oampa- nulaeegs u. LtzUckigosas; nach der Ansicht neuerer Botaniker auch die Oueurllitgaogo. Engter. Campänus, Johann, Theolog, gebürtig im Herzogthnm Jülich; studirte in Düsseldorf und Köln, wurde 1520 von hier vertrieben, 1528 Privatdoccnt in Wittenberg; er stellte Lehrsätze aus, die dem Dogma von der Trinität zuwiderlicfen, weshalb Luther in Marburg 1529 nicht mit ihm disputiren wollte n. er 1531 Sachsen verlassen mußte. Vom Jülicher Fiscal 1555 im Herzog- thmn Kleve ins Gcsängniß gesetzt, soll er darin bis zu seinem Tode, 1574 od. 1580, geblieben sein. Seine Ansichten finden sich bes. in den Schriften: Wider die Lutherischen», alle Welt nach den Aposteln, 1531, n. Göttlicher u. heiliger Schrift Restitution u. Besserung, 1532, n. Widerlegung der lloei tllsokoZ. Melanchthons, 1532. Gegen seine Anhänger, Campanisten, eiferte Luther. C. lehrte statt der göttlichen Dreiheit eine Zweiheit von Vater n. Sohn, deren Abbild der als Mann u. Weib geschaffene Mensch sei. Die Persönlichkeit des Hl. Geistes verwarf er u. verstand unter dem Hl. Geist nur die Geistigkeit von Vater n. Sohn u. ihr Wirken im Menschen. Löffler» Campbell, 1) County im nordamerikanischen Uuionsstaate Georgia, u. 33" n. Br. u. 84" w. L.; 9176 Ew.; Countysitz: Campbellton. 3 ) County im nordamerikan. Unionsstaate Kentucky, u. 39" n. Br. u. 84° w. L.; 27,406 Ew.: Countysitz: Alexandria. 3) County im nordamerik. Unions- staatc Tennessee, u. 36" n. Br. u. 83° w. L.; 7445 Ew.; Countysitz: Jarksboro. 4) County im nordamerik. Unionsstaate Virginia, n. 37" n. Br. u. 79" w. L.; 28,384 Ew.; Countysitz: Campbell Conrthouse. 5) Insel im SO. von Neu-Seeland, u. 52° 34/ s. Br. u. 173° 8" w. L.; etwa 15 km im Durchmesser, gegen 460 m hoch; unbewohnt. Campbell, 1) John, engl. Historiker, geb. 1708 in Edinburgh; st. als Cabinetssecretär in London 1775; er schr.: Kriegerische Thaten des Prinzen Eugen u. des Herzogs Marlborough, 1736, 2 Bde. Fol.; Lebensbeschreibung berühmter englischer Admirale, Lond. 1742 n. 1744, n. Aust, als LUval llistor^ ok 6rsLt-llritaiu, bis 1812 fortgcführt in8Bdn., Lond. 1813; Gegenwärtiger Zustand von Europa, cbd. 1750 u. ö.; Politisches Gemälde von Großbritannien, ebd. 1744, 2 Bde.; Geschichte der Niederlassungen der Portugiesen, Holländer, Spanier, Franzosen, Schweden in Ostindien, u. a. m. 2 ) Sir Alexander, engl. General, geb. 1760 in England; trat 1776 iu engl. Dienste als Fähnrich, befand sich 1782 in dem belagerten Gibraltar, ging 1793 nach Indien, wo er bis zum Befehlshaber iu Mysore avancirte; kehrte 1805 nach England zurück, wurde 1808 General u. focht seit 1809 in Spanien, befehligte 1812—16 auf Bourbon und Mauritius; er st. 1824 in Calcutta. 3 ) Thomas, engl. Dichter, geb. 27. Juli 1777 in Glasgow; widmete sich daselbst den elastischen Studien und — Campbell. betrat 1795 die juristische Laufbahn in Argylcshire, lebte dann iu Ediuvurgh u. ging 1799 zu seiner weiteren Ausbildung nach Güttingen. 1801 nach Edinburgh zurückgekehrt, ließ ersich1803iu Sydcn- ham bei London nieder; hier beschäftigte er sich literarisch, besuchte 1818 Deutschland nochmals u. hielt seit 1820 Borträge au der Snrrey-Jn- stitmiou über Poesie. Bon 1821—30 redigirte er das lllsv Llontlll^ LlgAgmns u. seit 1831 das Llstropolltau Llg.Ao.rnns. wurde 1827 Lord-Rector der Glasgow-Universität und unternahm 1832 eine Reise bis Algier. Er entwarf 1825 den Plan zu der Londoner Universität u. beförderte dieselbe tbätigst; er st. 15. Juni 1844 in Bou- logne u. wurde in der Wcstminsterabtei beigesetzt. Dort wurde ihm im Poeteuwinkcl 1855 ein Denk» mal errichtet. C. war ein eifriger Agitator für die Befreiung der unterdrückten Nationen, namentlich der Polen, für welche er durch Reden und Gedichte das Mitgefühl seiner Landsleute zu erwecken bemüht war. Er schr.: ll'lls ?Isgsures ok Hops (Lehrgedicht), Edinb. 1799 u. ö., deutsch von Lackmann, Hamb. 1838; Jungks ok Oreat- llritgin krom tlls Lvosssion ok OooiAS III. bo tlis psaos ok ^misns, Lond. 1808, 3 Bde.; 6or- bruäs ok LVxominA, ebd. 1809, u. ll'llsoäorio, ebd. 1824 (2 poetische Erzählungen); Lxssimsns ok tlls Lritisll posts, Lond. 1819—21, 7 Bde., 1841, 1 Bd.; I-ettors krom tlls Loutll, 1837, 2 Bde., 2. A., 1845; Mm liks ok Llrs. Liclckons, 1837, 2 Bde.; Mio liko anck tims8 okkstiaroii, 1841, 2 Bde., 2. A., 1843; Mm kilArim ok Olsueoo (Gedicht), 1842; I'rsäorio tlls Crout, Ins oourt gnä timss, Lond. 1844; kostioak LVorks, Lond. 1828, 2 Bde., n. A., 1862. Vgl. Nedding, l-itorgrz- rsminisooness guck msmoirs ok Mi. 0., Lond. 1859. 4) Lord John, brit. Rechtsgelchrter u. Staatsmann, gib. 15. Sept. 1781 zu Spriug- field bei Cupar in Schottland; studirte in Edinburgh und wurde in London Berichterstatter für das LlorninA Ollronisls u. 1806 Sachwalter. Er kam nach seiner Verbindung mit der Tochter des torystischen Lords Abinger (1821) in das Parlament, wo er sich den Whigs anschloß; er war seit 1827 einer der XivAs Lounsels, 1832 Lolleitor Asnsrai, 1834 ^ttorus^ Asnsral u. 1841 Lord- Kanzler von Irland u. Peer, mußte aber bald wieder einem torystischen Nachfolger weichen; er trat 1846 als Kanzler von Lancaster iu das Ministerium und wurde im März 1850 Lord-Oberrichter dertzuosns Leuollu. 1859 Lordkauzler; er st. 23. Juni 1861. C. schr.: Invss ok tlls llorci Ollanosllors ok kÄiAlanä, 1845—47, 7 Bde.; llivss ok tlls Cllisk-ckustioss ok bluAlgnck, 1849 bis 1857, 3 Bde. Er gab noch heraus seine Lpssollss at tlls dar auä in tlls Houss ok Oommous, Lond. 1842; außerdem schr. er noch: Lllgllsspsarss IsAgl gaguirsmsuts oousiäsrsck, ebd. 1859; von den llivos ok tlls I-orck Ollan- osllors ok LuAianck kam die 4. Anfl. 1857, 10 Bde., heraus. 5) Sir Archibald, brit. General; führte in Spanien eine Brigade mit Ruhm, blieb als General bis 1820 in portugiesischen Diensten, mußte dieselben aber als Gegner der Cortes verlassen, trat in englische Dienste zurück u. befehligte, nach Ostindien geschickt, dort die Expedition gegen 27» 420 Campbclltown — Campe. die Birmanen seit 1824, schlng 1826 die Aschanti und zwang sie zum Tribut; er st. 1843 zu Edinburgh, nachdemeralsStatthalteru. Befehlshaber derTrnp- pen in Neu-Braunschweig viele Thatkrast bewiesen. 6) Lord Clyde, Colin, engl.General, geb.20. Oct. 1792 in Glasgow, wo sein Vater (M'Liver) Tischler war; nahm den Namen seines Oheims C. an, trat 1808 in das englische Heer u. focht zuerst unter Sir I. Moore bei Cornna, nahm 1809 an der Expedition nach Walcheren u. später unter Ballesteros an dem Peninsularkriege theil; 1814 focht er im Amerikan. Kriege, wurde dann Brigademajor u. unterdrückte 1823 den Aufstand in Demerara; 1832 zum Oberstlieutenant und 1841 zum Obersten ernannt, betheiligte er sich 1842 an der Expedition nach China n. wurde dann nach Indien versetzt, wo er 1848—49 das Commando einer Abtheilung im Pendschab u. bei Gudscherat übernahm u. bis 1852 die Truppen im Peschawer-District befehligte. Als Chef der Hochländerbrigade zog er unter dem Oberbefehl Lord Raglans mit in die Krim, wurde 1854 zum Generalmajor ernannr u. focht in der Schlacht an der Alma, sowie in anderen Treffen mit Auszeichnung gegen die Russen. 1856 nach England zurückgekehrt, wurde er zum Generallientenant u. Generalinspector der Infanterie u. im Aug. 1857 zum Oberbefehlshaber der engl. Truppen in Ostindien erhoben. Als solcher schlug er im Decbr. 1857 die Rebellen beiCawnpore, nahmim März 1858 Lucknow u. im Mai Bareilli u. warf den Aufstand bis Ende des Jahres nieder. Er wurde zum Lord Clyde erhoben, kehrte im Mai 1860 nach England zurück, stieg zum Obersten der Cold- stream Guards n. 1862 znm Feldmarschall. C. st. 14. Aug. 1863 in Chatham. 6) Regnet. Campbelltatvn, Hauptort auf der zur Grafschaft Argyle (Mittel-Schottland) gehörigen Halb- Jnsel Cantyre, an der gleichnam. Bai; Häringsfischerei; Whiskybrennerei, Weberei; Steinkohlen, Walkererdekohlen; 6688 Ew. Campe, 1) Joachim Heinrich, berühmter deutscher Pädagog, geb. 29. Juni 1746 zu Deensen im Braunschweigischen; studirte in Helmstädt u. Halle Theologie, wurde 1773 Feldprediger in Potsdam, 1776 Educationsrath u. 1778 Director des Philantropins in Dessau; er zog sich hier aber bald zurück, legte ein eigenes Erziehungsinstitut in Trittow bei Hamburg an, das er 1783 an Trapp abtrat, u. privatisirte nun in Hamburg; 1787 Schulrath in Braunschweig geworden, errichtete er hier die Schulbnchhandlung, legte 1805 seine Stelle nieder u. wurde Domherr am Cyriaks- stifte; er st. 22. Oct. 1818 in Braunschweig. Seine Verdienste um die Verbesserung n. Reinigung der deutschen Sprache, sowie um die Jugend alsSchrist- steller u. Pädagog sind bedeutend, wenn er auch oft zu rigvristisch zu Werke ging und aus übertriebenem Nützlichkcitssinn manchen Fehlgriff that, wie er namentlich den Werth der Dichtkunst total verkannte. C. sehr.: Briese aus Paris zur Zeit der Revolution, Par. 1790; Drei Proben einiger Versuche deutscher Sprachbereicherung, Brauuschw. 1791—94; Wörterbuch zur Aufklärung u. Verdeutschung der unserer Sprache anfgcdrungenen fremden Ausdrücke, ebd. 1801, 2 Bde., 2. Ausl., 1813; Wörterbuch der deutschen Sprache, 1807 bis 1811, 5 Bde.; Kleine Kinderbibliothek, Hamb. 1779—1784, 12 Bdchn., 11. Anfl., 1815; No- binson der Jüngere, ebd. 1779, 2 Bde., 85. Aust., 1874, in alle europäischen Sprache» übersetzt; Die Entdeckung von Amerika, ebd. 1781 f., 3 Bde., 23. Aust., 1874; Theophron, Rathschläge für einen ins Leben tretenden Jüngling, ebd. 1783, 2 Bde., 11. Aust., 1843, neu bearbeilei von W. Krause, Berl. 1871; Väterlicher Rath für meine Tochter, ebd. 1789, 10. Ausl., 1832; Allgemeine Revision des Schul- u. Erziehungswesens, ebd. 1785—91, 15 Bde.; Sammlung interessanter Reisebeschreibungen für die Jugend, ebd. 1785 bis1793, 12Thle.,'6. Ausl., 1831; Neue Sammlungen merkwürdiger Reisebeschreibungen, ebd. 1802—4, 6 Bde., 3. Ausl., 1831, 7 Bde.; j Sämmtliche Kinder- u. Jugendschriften, 37 Bde., 4. Aust., 1829—32. Vgl. Hallier, I. H. Campes Leben u. Wirken, Soest 1862. 2 ) August, Neste des Vor., geb. 1773 in Deensen; lernte in der ^ Schulbuchhandlung den Buchhandel, arbeitete später im Biewegschen Geschäfte in Berlin, ging dann nach Braunschweig u. Paris, gründete mit C. 3) 1800 eine Buchhandlung in Hamburg, trennte sich jedoch bald wieder von ihm und übernahm 1810 die seit 1777 bestandene Buchhandlung seines Schwiegervaters Hoffmann unter der Firma Hoffmann L Campe. Diese Handlung trat er 1823 seinem Bruder Julius ab, behielt sich jedoch sämmtlichen Verlag vor, den er unter seinem Namendebitirte. Erst. 1836. Seine Gattin Elise, geb. Hoffmann (geb. 12. Juni 1786 inHamburg, gest. Anfang März 1873), verfaßte einige Biographien und war auch sonst literarisch thätig. 3l Friedrich, Bruder des Vor., geb. 1777 in Deensen; lernte ebenfalls bei seinem Oheim den Buchhandel, studirte dann in Königsberg und etablirte sich mit dem Bor. 1800 in Hamburg, ^ gründete das Museum für Literatur n. Kunst das., l trennte sich von seinem Bruder, machte eine Reise i durch Europa u. etablirte 1802 in Nürnberg eine Kunst- u. Buchhandlung, mit der er nachher eine ^ Druckerei verband. Er gab dem Nürnberger Bilder- u. Kartenhandel neuen Schwung u. kaufte in den damaligen Kriegszeiten viele werthvolle Gemälde, »ns denen er eine Gemäldesammlung bildete, die eine Zierde Nürnbergs ist. Großes j Verdienst um den Buchhandel erwarb sich C. später dadurch, daß er 1825 den ersten Anstoß zur Stiftung des Buchhändlervereins in Leipzig ! gab u. dessen Vorsteher wurde; er st. 1846 und 1 sehr.: Reliquien von A. Dürer, Nürnb. 1827; Malerlexikon, ebd. 1833. 4 ) Julius, Bruder ! der Vor., geb. 1792; lernte bei C. 1), Bieweg I u. dem Vor. den Buchhandel, nahm dann an den Kriegen 1813—15 gegen die Franzosen theil u. erhielt von seinem älteren Bruder August 1823 die Sortimentshandlung Hoffmann L Campe abgetreten. Er vergrößerte das Geschäft durch viele bedeutende Verlagsunternehmungen. Die besonders durch Börne, Heine vertretene freisinnige Richtung seines Verlages zog ihm häufig Maßregelungen seitens der deutschen Regierungen zu, wie z. B- ! Preußen den Verkauf des C-schen Verlages in seinem Gebiets untersagte. Hierdurch ließ er sich Climpeador jedoch keineswegs in seiner Bahn beirren, u. der hierbei bewiesene Muth gereicht ihm zu hoher, Ehre. Er st. 14. Nov. 1867. Schroot.» Cnmpeador (span.), tapferer Kämpfer, Held; Beiname des Cid. Campe che, 1) Staat der Republik Mexico; bildet den westl. Theil der Halbinsel Uncatan; 55,600 Hjlcm (1214,g mjM); grenzt nördl. u. östl. an den Staat Dncatan, südl. an die Republik Guatemala u. Chiapas, westl. an Tabasco u. an den GolfvonC.; 66,724 Ew. C. ist erst 1861 von Uucatan getrennt worden n. theilt dessen natürliche Verhältnisse u. sociale Zustände (s. u. S)u- catan). Die Ew. sind gewerbfleißiger u. gebildeter, als die Ducataner. 2) San Francisco de C., Hauptstadt darin, an der Mündung des Rio de San Francisco in die Campeche-Bai; der bedeutendste Hafen der Halbinsel, aber wenig geschützt, weshalb die Schiffe in einiger Entfernung von der Küste ankern müssen; Steuermaunsschule; Citadelle; schöne öffentliche Anlagen; Mangel an Brunnen, das Wasser wird ans Manlthieren herbeigeschafft; bedeutender Seehaudel n. Schiffbau; 9000 Ew. Campeche-Bai, kleine Bucht des Mexicani- schen Meerbusens, zwischen den rncxicanischen Staaten Campeche u. Tabasco, u. 19° SO" 45" n. Br. u. 72° 50' 45" w. L.); nur offene Rhede. Campechcholz (Blauholz, Blutholz, OiAnnm «amysesiiannm), Las Holz des im mittleren Amerika einheimischen C - Baumes (OismatoLzäon oamxsesiiannm L.). Es kommt in großen, von Rinde u. Splint befreiten, bis 200 siA schweren Stücken in den Handel. Dieselben sind meist stark gefurcht u. besitzen eine röthlich- bis dunkelbraune Farbe, welche durch längere Einwirkung der Luft sich fast in Schwarz verwandelt. Das sehr feste, znckerartig u. adstringirend schmeckende, der Veilchenwurzel ähnlich riechende Holz ist ein sehr geschätztes Färbematerial. Die verschiedenen im Handel verkommenden Sorten führen ihre Namen nach den Gegenden, aus denen sie herstammen. Das vorzüglichste Blattholz ist dasjenige, welches aus der Campeche-Bai ausgeführt wird, während Honduras-, Jamaica-, Domingo-Blauholz und andere Sorten weniger werthvoll sind. Das C. kommt auch gemahlen u. geraspelt in den Handel. Es dient schon seit Anfang deS 16. Jahrh. zum Blau- u. Violettfärben u. findet noch immer Anwendung zum Blau-, Schwarz- u. Grünfärbcn von Wolle, Baumwolle u. Seide. Vielfach wird statt des Blauholzes der C.-Extract zum Färben verwandt, welcher entweder schon in Amerika, od. auch imJnlynde durch Verdunsten der wässerigen Abkochung des sein zertheilten Holzes dargestellt wird u. eine im Bruche glänzend schwarze, süßlich zusammenziehend schmeckende Masse bildet; derselbe löst sich mit violett-brauner Farbe und wird auch zur Darstellung einer guten Tinte benutzt. Der färbende Bestandtheil des C-s ist der 1811 von Chevrenl daraus dargestellte blaue Farbstoff, das Hämatoxylin (s. d.). Clörm. Campeggi (Campegius), 1) Lorenzo, geb. 1474 in Padua; wurde Professor der Rechte, dann Geistlicher, Bischof von Feltri, 1517 Cardinal, 1523 Bischof von Bologna; auf dem Reichs- — Cmnper. 421 tage in Nürnberg 1524 u. mehr noch in Regensburg brachte er eine Verbindung der katholischen Stände des Reiches gegen das weitere Umsichgreifen der Reformation zu Stande; 1528 ward er wegen der Ehescheidung des Königs Heinrich Vlll. nach England gesandt, ohne jedoch etwas ausznrichten; auch war er als katholischer Redner auf dem Reichstage in Augsburg 1530; st. 1539 zu Rom. 2) Thomas, Bruder des Vor., geb. 1500; ward 1540 Bilchof von Feltri, 1545 Mitglied des Tridentiner Concils; st. 1564; er schr.: Os auotoritats 8. Oonoiliornm, Ben. 1561. Seine übrigen Schriften, kirchcnrcchtlichen Inhaltes, gesammelt, Ven. 1555. Löffler.» Campement, Lagern von Truppen unter freiem Himmel; Feldlager. Campen, s. u. Kämpen. Campen, 1) Jakob van, Haupt der Wiedertäufer; ging nach der gewaltsamen Unterdrückung derselben in Deutschland nach den Niederlanden, wo Johann Bockold ihn 1534 zum Bischof von Amsterdam ernannt hatte; er wurde 10. Juli 1535 hingerichtet. 2) Thomas van, s. Thomas ä Kempis. 3) Jakob van, Maler u. Baumeister von Haarlem; bildete sich in der Malerei nach Rubens, widmete sich aber während seinesAufent- haltes in Rom vornehmlich der Architektur; er st. 13. Sept. 1658. Das Stadthaus von Amsterdam ist sein vorzüglichstes Werk. 4) Nikolaus Gottfried van, holl. Geschichtschreiber, geb. 15. Mai 1776 in Haarlem; wurde 1816 Lehrer der deutschen Sprache u. 1829 Prof, der Geschichte am Athenäum in Amsterdam; st. das. 14. März 1839. Er schr.: Oesosiisäsnis van äs krausesis sisrssosiayyij in Ouroxa, Leyden 1815—23, 8Bde.; Lssosirijvinx van sieb ToninArijkc äsr silsäerianäsn, n. A., Haarl. 1827;Vatsr1anäsolrsIcaraIct:srlcnnäs, 1826, 2 Bde.; Ossosi. äsr Isttsrsn sn rvebsnseüapysn in äs Nsäsri.., Haag 1821—26, 3 Bde.; Oosesi. äsr kcrnistoAbsn nar siet Orient, 1822—26, 4 Bde.; 6s8«k. äsr siksäsrl. sinitsn Ouroya, ebd. 1831—33, 3 Bde.; Osäsnsibossi van sileäsri. mosä en trornvs §sännrsnäs äsn sisig. opstanä, 1834; Geschichte der Niederlande, Hamb. 1831 bis 1833, 3 Bde.; klanäsiookc äsr sioogPuitsosis Isttsricnnäs, Haarl. 1823—30, 4 Bde.; gab auch mit Tijdemann die Zeitschrift Mnemosyne 1815 bis 1821, 10 Bde., heraus. Camper, Peter, berühmter Anatom und Chirurg, aus vornehmer Patricierfamilie stammend, geb. 11. Mai 1722 in Leyden; studirte daselbst, promovirte 1746 als Doctor der Medicin u. Philosophie, reiste 1748 nach England, Frankreich u. Deutschland, trat mit den berühmtesten Gelehrten in enge Verbindung u. nahm 1750 in Franeker eine Professur für Medicin u. Chirurgie an. Aber schon 1752 ging er wieder nach England, blieb 1755—60 als Professor für Anatomie u. Chirurgie in Amsterdam, hatte von 1763—72 den Lehrstuhl für Chirurgie, Anatomie n. Botanik in Groningen inne, privatisirte von 1773 ab in Franeker u. ging dann wieder auf Reisen, die er stets in kleinen Tagestouren aus- fllhrte, mit genauer, allseitiger Führung eines Tagebuches. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten fand er auch Zeit für Politik, er wurde 422 Camphauscn. Mitglied des Staatsrathes im Haag n. Depntir- tcr fiir den Landtag der Prov. Friesland und widmete der Kunst vielseitige Thätigkeit, denn er malte, zeichnete, ätzte, beschäftigte sich mit der Baukunst n. versuchte sich selbst in der Bildhauerei. Er fand zuerst die Gegenwart der Luft in den Knochenhohlräumcn, wies nach, daß dieAffen- art, welche die alten Anatomen beschrieben, zu den Orang-Utang gehörte, machte wichtige Entdeckungen in der Chirurgie u. in der vergleichenden Knochenlehre, bahnte die wissenschaftliche Begründung der verschiedenen Menschenracen an durch Hinweis auf die Verschiedenheit der Kopsknochen u. machte sich dem größeren Publicum besonders bekannt durch seine Schrift: Betrachtungen über die Schönheit, namentlich des Kopfes u. über die natürlichen Verschiedenheiten, welche die Physiognomien charakterisiren rc. Der nach ihm benannte, dabei in Betracht kommende Gesichtswinkel — gebildet durch zwei Linien, deren eine vom äußeren Gehörgange ans nach dem Nasenboden gezogen wird, die andere im Profil von dem hervorragendsten Punkte des Oberkiefers über die Nase weg — wird als Unterscheidungsmerkmal zwischen den Schädeln verschiedener Menschenracen benutzt. C. st. 7. April 1789 im Haag, als Mitglied fast aller Akademien Europas, bis dahin der einzige Holländer, der in der Pariser Akademie der Wissenschaft den einen der 8 Sitze für Auswärtige eingenommen hatte, hochverdient um Anatomie u. Zootomie, sowie alle Zweige der Naturwissenschaft u. der Heilkunde. Von seinen Schriften sind zu nennen: vomonstrabionss nna- tomioo-pabbolnAwao, Haag 1760—62; Vs olau- ckiesbions, Gröningen 1763; Vs eaUo ossinm, ebend. 1765; Vs kraotura pabsllas ste., Haag 1789; loouss lwrnininm, von Sömmcring her- ansgegeben, Franks. 1801; Über den natürlichen Unterschied der Gesichtszüge im Menschen verschiedener Gegenden n. verschiedenen Alters; Über das Schölte antiker Bildsäulen und geschnittener Steine, nebst einer Darstellung einer neuen Arr, allerlei Menschenköpfe mit Sicherheit zu zeichnen, aus dem Holländ. von Sömmering, Berl. 1792; Vorlesungen über den Ausdruck der verschiedenen Leidenschaften durch die Gcfichtszüge; über die bewunderungswürdige Ähnlichkeit im Bane des Menschen, der viersüßigen Thiere, der Vögel n. Fische u. über die Schönheit der Formen, aus dem Holl, von Georg Schatz, Berl. 1793. Außerdem sind noch verschiedene seiner Dissertationen gesammelt und, wie auch kleinere Werke, nach seinem Tode herausgeg. u. übersetzt. Eine Lebensbeschreibung besitzen wir von seinem Sohne, Adrian Gilles C., u. von Schatz in der vorher angegebenen Übersetzung; Condorcet u. Vicq d'Azyr haben Gedächt- uißrcdcn zu seiner Ehre gehalten; Cuvier hat seiner ehrend gedacht in dem viseonrs vnr Iss pro^rss (Iss soisnesv ptrMgnos ckspnis 1789. Thamhayn. Camphauscn, 1) Ludolf, preuß. Staatsmann, geb. 3. Jan. 1803 in Hünshoven bei Geilenkirchen; besuchte das Gymnasium in Weil- burg u. die Handelsschule in Rheidt, gründete mit seinem älteren Bruder 1825 ein Bankier- Hans in Köln, wurde 1832 Mitglied des Stadt- raiheS u. der Handelskammer daselbst, des Ver- waltungsrathcs der Rheinischen Dampfschifffahrts- Gesellschaft rc. Als Vertreter der Stadt Köln bei dem rheinischen Provinziallandtage stellte er 1843 einen Antrag auf Preßfreiheit u. 1845 auf allgemeine Volksrepräsentation u. Vereinigung der Provinziallandtage zuReichstagen; auf dem Vereinigten Landtage in Berlin 1847 war er unter den rheinländischen Abgeordneten, hielt sich aber hier zu der conservativen Fractivn der Liberalen. Nach der Märzrevolution 1848 wurde er Präsident des Ministeriums vom 29. März (s. u. Preußen); sein Programm war das Festhalten am Rechtsboden; da er aber die Majorität der 22. Mai eröfsncten Preuß. Nationalversammlung, welcher er zu wenig liberal war, nicht erhalten konnte, nahm er 20. Juni seine Entlassung n. lebte dann auf seinem Landsitze am Fuße des Siebengebirgcs. 30. Juli wurde er zum Bevollmächtigten bei der Centralgewalt von Deutschland in Frankfurt ernannt, gab aber diese Stellung schon im April 1849 auf u. trat dann wieder als Abgeordneter in diel. Kammer, wo er zur Opposition gehörte; auch war er 1850 Mitglied des Erfurter Parlaments, wurde 1860 auf Lebenszeit ins Herrenhaus berufen, 1867 in den Reichstag gewählt n. trat nachher in sein Bankhaus zurück. Er schr.: Versuch eines Beitrages zur Eisenbahugesetzgebung, 1838. 2) Otto, preuß. Staatsmann, Bruder des Vor., geb. 21. Oct. 1812 in Hünshoven; wurde, nachdem er in Bonn, Heidelberg, München u. Berlin die Rechte u. Cameralia studirt hatte, 1834 Referendar bei der Regierung in Köln, 1837 Assessor bei der in Magdeburg und 1840 Hilfsarbeiter iin Finanzministerium in Berlin; Ende desselben Jahres kam er zur Regierung nachKoblenz, 1842 nachTrier, 1844 als Finanzrath beim Finanzministerium nach Berlin. Er wurde 1848 dem preuß. Bevollmächtigten bei der deutschen Centralgewalt in Frankfurt attachirt, saß 1849 u. 50 in der preuß. 2. Kammer und im Volkshanse in Erfurt u. wurde 1853 Geheimer Oberfinanzrath u. 1854 Präsident der Seehand- lungs-Gesellschaft, 1860 lebenslängliches Mitglied des Herrenhauses, 1867 Mitglied des Reichstages u. 26. Oct. 1869 an v. d. Heydts Stelle Finanzminister, als welcher er die preuß. Finanzen durch umsichtige Verwaltung zu großer Blüthe brachte n. 9. Nov. 1873 Viccpräsident des Staatsmini- steriums. 3 ) Wilhelm, deutscher Schlachtenmaler, geb. 8. Febr. 1818 zu Düsseldorf. Sein Vater starb wenige Stunden nach des Sohnes Geburt an einem Schlagfluß. C. besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, erhielt dann von Alfr. Rethel Zeichenunterricht u. trat 1834 ander Akademie ein, diente dann als Freiwilliger in einem Husarenregiment u. ward dadurch auf seine künftige Richtung hingewiescn. Zu seinen ersten Bildern wählte er Stoffe aus dem 30jähr. Kriege: Lilly bei Breitenfeld rc., dann Prinz Eugenius bei Belgrad, Reiters Morgenlied nach W. Hauff. Zu Anfang der 40er Jahre besuchte er Holland, Belgien u. Ober-Italien n. später Deutschland, verweilte länger in München u. ward dort durch die monumentale Richtung zu seinem Gottfried v. Bouillon vor Askalon angeregt. Doch griff er bald zu Stoffen späterer Zeit: Cromwells Reiter Camphcne — beobachten den anrückenden Feind, Flucht Karls I. bei Naseby; dann zur Geschichte Friedrichs II-, der ihn am meisten fesselte. Hierauf kamen die Freiheitskriege an die Reihe, so in Blüchers Übergang über den Rhein bei Caub und Blücher u. Wellington bei Waterloo. Nach dem Dänischen Kriege von 1864 malte C.: Düppel nach dem Sturme; nach dem Kriege von 1866: Das Zusammentreffen des Kronprinzen u. des Prinzen Friedrich Karl bei Chlum; endlich nach 1870 zwei den Kaiser Wilhelm darstellende, eines in Begleitung von Bismarck, Moltks n. Roon, das andere in Begleitung von Moltke, re. Seine Eigcnthüm- lichkeit besteht in lebendiger Composition n. freier Zeichnung, denen er die Farbe unterordnct, die sich in mäßigen Grenzen hält. Er schr.: Der Maler auf dem Kriegsfelde, Vieles. 1865. 1) 2> Bauer." 3) Rcguet. Camphene (Chem.), Kampherarten. Unter diesem Namen faßt die organische Chemie eine Anzahl Substanzen zusammen, welche alle 10 Atome Kohlenstoff im Molccül enthalten n. deren Hauptvertreter der gewöhnliche oder japanische Kampher 6l°8^0 u. der Borneokampher oder Las Borneol 6,08,«0 sind. Von diesen Substanzen zeigen viele eine gewisse Analogie in ihrem chemischen Charakter mit Körpern anderer Gruppen. So läßt sich z. B. der Borneokampher als ein ematomiger Alkohol betrachten, entsprechend dem Äthylalkohol LzkllaO. Er bildet wie dieser beim Erhitzen mit Säuren ätherartige Verbindungen, verliert durch schwache Oxydation 2 Atome Wasserstoff u. bildet den gewöhnlichen Kampher welcher sich somit als Aldehyd des Bor- neols ansehen läßt, entsprechend dem Aethylaldehyd 6284O. Jedoch ist das chemische Verhalten der C. im Ganzen ein derartiges, daß sie sich nicht in andere Gruppen einreihen lassen, sondern als besondere Gruppe zusammengesaßt werden müssen. Als Eigenthllmlichkeit treten bei diesen Substanzen häufig Fälle von physikalischer Isomerste auf, d. h. Körper von derselben Zusammensetzung u. denselben chemischen Eigenschaften zeigen ein ganz verschiedenes Verhalten gegen den polarisirten Lichtstrahl, so zwar, daß oft die eine Substanz den polarisirten Lichtstrahl um ebenso viele Grade nach links dreht, als die andere ihn nach rechts ablenkt. Das Nähere s. u. Kampher. Clören. Camphin, ein Kohlenwasserstoff von der Zusammensetzung der sich aus Kampher bei der Destillation mit Jod bildet. In keiner Beziehung dazu stehend, wurde unter diesem Namen früher ein gereinigtes harzfreies Terpentinöl als Brennöl in den Handel gebracht. Dasselbe wurde durch vorsichtiges Rectificiren von gewöhnlichem Terpentinöl über gebranntem Kalk Largestellt u. in eigens dazu eingerichteten Lampen verbrannt, deren sehr complicirte Constrnction einen starken Luftzug u. somit eine rußfreie Flamme erzielte. Auch eine Lösung von 1 Volumen des so gereinigten Terpentinöls in 3 Vol. Alkohol v. sp. Gew. 0,22» diente unter dem Namen C. als Brenuöl. Jetzt sind diese Producte durch das viel billigere Petroleum gänzlich verdrängt. Clören. Camphol wird sowol der Borneokampher, als auch der gewöhnl. japan. Kampher (s. d.) genannt. Cmnphtlysm. 423 Canipholen, s. Cainpholsäure. Campholsäurc (^„kl^O^. Leitet manKam- phcrdämpsc über ein erhitztes Gemenge von Kalk u. Kalihydrat, so bildet sich campholsaures Kali, ans welchem durch Salzsäure die C. abgeschieden wird. Sie läßt sich auch durch Einwirkung von Kalium auf eine Lösung von Kampher in Steiuöl erhalten. Sie ist weiß, krystallisirbar, wenig lösl. in Wasser, leicht in Alkohol u. Äther, schmilzt bei 80" u. siedet unzersetzt bei 250°. Salpetersäure oxydirt sie zu Kampheriäure u. Campyoronsäure (LglllüO»). Wasserfreie PhoSphorsäure zersetzt sie unter Bildung von Campholen, einem bei 135 bis 137° siedenden Kohlenwasserstoffe von der Formel 6g8,a. Tlören. Camphor, so v. w. Kampher; s. d. Osmpbora Me«., Pflanzengatt, aus der Farn, der 1-aurlnsas-Oaruptwrsac (XIX. 1), Bäume mit abwechselnden, elliptischen, zngcspitzten, 3-5- nervigeu, lederartigen Blättern u. kleinen, in Rispen gestellten Blüthen; Perigon 6theilig mit abfälligem Saume; 15 Staubblätter in 5 aufeinanderfolgenden Kreisen, die 6 obersten ohne Autheren; Frucht eine von der verkehrt-kegelförmigen Blü- thenachse getragene Beere. Bemerkeuswerthe Arten: 0. oltkcluaruin M crd R/«. (Raurus 6ain- plrora L., Kampherbanm), großer Baum in China, Japan, Cochiuchina, auf den Antillen cul- tivirt, mit glatten gelben Zweigen, eiförmigen, langgestielten u. laugzugespitzten Blättern, in Trauben stehenden, kleinen Blüthen u. schwarz-rothen, erbsengroßen Beerenfrüchteu. Vorzugsweise aus der stark riechenden Wurzel wird der Kampher gewonnen, eines der hervorragendsten Arzneimittel, bas in seinen das höhere Nervenleben, sowie die Sensibilität im Blutsystem erregenden Wirkungen unübertroffen dasteht. 6. ^näulilora M ad (Raurns Flauäulrkora IRall.) liefert schwächeren Kampher, während die Rinde als Surrogat der Rack. Lassakras dient; der Stamm liefert Nutzholz (Kampherholz). 6. Rartllsnoxxkon M ab Ld. (Imurus Rartü. -kaeg.), auf Sumatra u. Java; besitzt ebenfalls medicinisch verwendbare Rinde; aus den Früchten wird Öl gepreßt, welches äußerlich in Gebrauch ist. Engl-r. llampborosma T,., Pflanzeugatt. aus der Fam. der Olisuopoäiacsas-Oüonopoäisag, Halbsträucher mit kleinen, linealischen oder psriemenförmigeu Blättern u. dichtgedrängten, kleinen, grünlichen Blüthen, deren krugförmiger, 2zähniger Kelch 4 Staubblätter u. einen eiusächerigen Fruchtknoten, in der Fruchtreife eine einsamige Kapsel einschließt. 6. monoxsliaca L., im Mittelmeergebiete, mit behaarten, linealischen, kampherartig riechenden Blättern, ist osficinell (8srba eampiwratas). 0. acuta. L., mit starren, kahlen, xsriemcnförmigen Blättern, in Italien heimisch; wird jetzt mcht mehr benutzt. Engkr. Camphren 6g8„0, farblose Flüssigkeit, die sich bei längerer Erhitzung von Kampher mit concentrirter Schwefelsäure bildet. Sie ist unlösl. in Wasser, leicht lösl. in Alkohol u. Äther. Camphuysen, Dirk Rafaelz, niederländischer Dichter, geb. 1586 in Gorkum; wurde erst Maler, daun Theolog u. war einer der eifrigsten Armi- uianer; aus seiner Pfarrei Bleuten vertrieben, st. 424 Ccunpi — Campomancs. er 3. Juli 1626 in Dokkmu; er lieferte eine Sammlung erbaulicher Gedichte: Ltiobbskislcs rismsn, Amsterd. 1652 u. ö.; eine Übersetzung der Psalmen Davids, 1680. Lebensbeschreibung vonKoop- man, Amst. 1804. Campi, italienische Malerfamilie aus Cremona, wo man ihre Werke in vielen Kirchen findet: 1) Galeazzo, geb. 1475 in Cremona, gest. 1536. Hauptwerk: Altar in S. Sebastians zu Cremona. 2) Giulio, Sohn des Vor., geb. 1580 in Cre- mona, gest. 1572; lernte bei Ginl. Romano in Mantua, nahm aber so viel möglich von dem Stil jedes großen Meisters seiner Zeit an. Werke: im Dome zu Mantua, in Sigismondo zu Cremona u. im Palast del Soragna im Parmesani- schcn (die Heldenthaten des Hercules, gestochen v. Ghifi). 3) Antonio, Bruder des Vor., Maler u. Bildhauer; lebte in Italien, ahmte vornehmlich den Correggio nach u. lebte noch 1591. Werke in S. Paolo zu Mailand. Er schr. eine Chronik Crcmonas 1585. 4) Vincenzo, Maler, Bruder u. Gehilfe des Vor. st. 1591; Kreuzabnahme im Dome zu Cremona. 5) Bernardino, Maler, Verwandter der Vor., geb. 1522, gest. 1590; war Schüler von Giulio C., nahm nachmals von Tizian, Rafael, Giulio Romano n. Correggio vieles an; war der bedeutendste Meister der eklektischen Schule der C., welche mit der der Caracci in Cremona rivalifirte, u. bildete mehrere Schüler. Hauptwerke: Kuppel in S. Sigismondo zu Cremona, namentlich Geburt Christi in S. Domenico daselbst. Er schr.: I?arsrs sopra In pittura, Cremona 1580. Regnet.' stampi kisenric», Gemeinde in der Prov. u. dem Bezirke Florenz; 11,642 Ew. Campidoglio, bei den jetzigen Italienern das Capitol in Rom; s. Rom. Campidöna, Stadt, so v. w. Kempten. Campiglia Marittima, Stadt im Bezirke Volterra der italienischen Prov. Pisa, Station der Römischen Bahn; großes Krankenhaus, Leih- u. Sparkasse; Marmorbrüche im Monte Calvi (Marmor Brocadeo di Geradesca); Sllßholzbau; 5863 Ew. Außerdem heißen noch 3 Orte in Italien Campiglia, jedoch mit anderen Beinamen. Camprne, sandige Gegend ans der Grenze zwischen den Niederlanden u. Belgien, in NBra- bant; durch Fleiß der flämischen Einwohner dennoch sehr fruchtbar u. durch ihre Viehzucht bekannt. Campio (mittellat., von oampus, Feld, abgeleitet, sranz. Champion), im Mittelalter Fußkämpfer in den Ordalien, entweder für sich, oder für einen anderen Angeschuldigten. Im Kampfe für die eigene Person besiegt, wurden sie nie wieder zum Zweikampfe gelassen; geschah dies im Kampfe für Andere, so wurden sie fortan ehrlos u. bei Gerichten über Capitalverbrechen mit ihrer Partei hingerichtet. Sie hatten eine besondere Kleidung von Leder u. kommen schon unter Karl d. Gr. vor. Lamp, llauäü (6. Vsronsnsss), Ebene im Cis- alpinischen Gallien, wahrscheinlich bei Vercellä, am Einfluß der Sesia in den Po (nach Anderen bei Verona). Hier 30. Juli 101 v. Chr. Sieg des Marius und Catulus über die Cimbern; s. Rom (Gesch.) n. Cimbern. Campircn, (v. Fr.), so v. w. lagern ohne Zelle unter freiem Himmel (vgl. Bivouac); daher Campirleine, eine Leine, an die in einem Lager oder Bivouac die Pferde der Cavalerie u. Artillerie gebunden werden; Campirpfahl, ein hölzerner, unten mit einem eisernen Schuh n. oben mit einem eisernen Ringe versehener Pfahl, der zur Befestigung der Campirleine benutzt wird. Campistron, 1) Jean Galbert de, sranz. Dramatiker, geb. 1656 inTonlouse; lebte seit 1672 in Paris u. war 30 Jahre Secrctär des Herzogs von Vendvme; st. 11. Mai 1723 in seiner Vaterstadt; er schr. die Tragödien VirAinis, Tlri- äs.to, Lnäronio u. a.; die Öpern^oblils, ^loiäs, ^ois st Oalatbss n. das Lustspiel Iw saloux ässabuss. Werke, 1760, 3 Bde. 2) Louis de, Bruder des Vor.; war früher Jesuit; st. 1737 in Toulouse; er schr. lateinische u. französische Gedichte. Campo (ical., span., portug.), flache Gegend, Gefild, Lager, Schlachtfeld. Campoamor, Don Ramon de, spanischer Dichter, geb. 1820; studirte in Madrid Medicin, wandte sich aber nach seinen ersten Erfolgen auf literarischem Gebiete der Poesie zu; später wurde er Civilgouverneur von Alicante u. Valencia, saß auch in den Cortes. Er schr.: ^z-ss äol alma (Gedichte), Madr. 1842; Babuins orl^Iuslss, ebd. 1842; volorss (Elegien), 9. Ausl., 1866; I-a LlosoLs. äs las Iszws, 1846; Oolou (Gedicht), 1859; kolomieas von In äsmooracia, 1862; Iw absolut», 1865; von seinen Obras postleas erschien eine n. A., 1872. Campobasso, 1) (früher Molise) Provinz in Unter-Italien; 4604 Hstcm (83,, HsM); grenzt nordöstl. an das Adriat. Meer, slldöstl. an die Prov. Foggia, slldl. an Benevento, südwestl. an Caserta, nordwestl. an Aquila, nördl. an Chieti, das alte Samnium; gebirgig durch die Apenninen; bewässert vom Biferno u. Trigno; von 26 icm der SBahn (Bologna-Otranto) durchschnitten; angenehmes Klima; mit Ausnahme des unteren Bi- ferno-Thals wenig fruchtbar; getheilt in 3 Districte: C., Jsernia u. Larino; 364,208 Ew. 2) Hauptstadt darin; Criminalgerichtshof, Civiltribnnal; königliches Collegium; Messerschmiede; lebhafter Transitohandel; 14,090 Ew. Campo Formio (richtiger C. Formido), Dorf mit Schloß bei Udine in Venetien (Königreich Italien); 2086 Ew. Hiervon ward der Friedensschluß zwischen Österreich u. Frankreich in der Nacht vom 17. auf den 18. Oct. 1797 genannt; eigentlich zu Passeriano geschlossen (C. F. war für neutral erklärt); s. Französischer Revolutionskrieg und Österreich (Gesch.). Campoloro, Flecken im Arrond. Bastia des sranz. Dep. Corsica; vorzüglicher Weinbau; eine Zeit lang Residenz des Königs Theodor. Campomancs, Don Pedro Rodriguez, Graf von C., spanischer Minister, Historiker und Nationalökonom, geb. 1723 in Asturien; wurde 1762, bekannt als vorzüglicher Jurist u. bereits im Postdepartement nnt Erfolg thätig gewesen, durch Karl III. Fiscal des königlichen Hohen Rathes von Castilien, nachmals Präsident dieser Behörde, 1788 Präsident des Rathes von Castilieu u. 1791 von Karl IV. znm Staatsrath ernannt, 425 Oainxorri nesia in welcher Eigenschaft der schon früher auf allen Gebieten der Volkswirthschaft thätige Mann namentlich auf Hebung der Landwirrhschaft, Errichtung von Hospitälern, Besserung des Armenwesens, des hohen Unterrichtes, des Postwesens, der Justiz u. namentlich auf Minderung des Steuerdruckes hinarbeitete. Wol hatte ihm der König für alles dieses segensreiche Wirken den Titel de Castilla beigelegt, aber dennoch konnte auch er gegen die Jntrignen des Grafen von Florida Bianca sich nicht halten; er mußte aus dem Rathe weichen u. seine Ämter abgeben, nachdem er über 30 Jahre seines Lebens nur dem Wohl Spaniens gewidmet; er lebte nun ganz seinen literarischen Arbeiten bis zu seinem Tode, 3. Febr. 1802. Wegen seiner 4nti§nväLä maritima äs la ropudiloa cko OartaZo, con ei poriplo äs sn Ksnsrai Lannon, traäneiäo äoi Arie§o z? iiinotraäo, Madrid 1756, war er zum correspondirendcn Mitglieds der Akademie der schönen Wissenschaften in Paris ernannt worden, worauf später seine Ernennung znm Director der König!. Akademie der Geschichte zu Madrid folgte. Außerdem schrieb er u. a.: Olssnrsc» sobrs ei lomsnbo äs la inänstria populär, Madr. 1774, deutsch von Göritz, Stnttg. 1778, das erste gute Buch über Nationalökonomie in Spanien; Lodrs la säueaoion populär äe los artisanos ^ su komento, 1775, Anhang dazu 1775—77, zusammen 6 Bde., worin er im Aufträge des Königs darlegte, was bezüglich der inneren Polizei, der Steuern, der Landwirthschaft, der Industrie u. des HandelsinSpanien zu reformirensei; Irataäoäsla roZalla äs amortmaoiou, 1765, Fol., n. Aust., Gerona 1821, worin er für Beschränkung der Veräußerungen der Todten Hand in Spanien eintrat, u. den handschriftlich hinterlasscnen Irataäo äs la rsAalla Lspaöa, herausgeg. von Vinc. Salva, Par. 1830, der ein hübsches Gegenstück zur vorstehenden Abhandlung bildet. 'Lagai. llampomanesia Ä. cü !>., Pflanzengatt, aus der Fam. der Lhn'taooas-AgwtsLs, Bäume od. Sträu- cher mit gegenständigen, fadennervigen Blättern u. ziemlich großen Blllthen, welche zu 1—3 auf achselständigen Blllthenzweigen stehen; ausgezeichnet durch den 6—mehrfächerigen Fruchtknoten mit 2—4 Reihen Samenknospen in jedem Fache; Frucht eine kugelige, vom Kelche gekrönte Beere, deren Samen einen spiralig gekrümmten Embryo einschließen. Mehr als 100 Arten finden sich im tropischen u. subtropischen Amerika, welche meist süße u.. wohlschmeckende Früchte besitzen, wegen deren auch einzelne Arten cultivirt werden. Engler. Campo Mayor, Stadt bei Elvas im Distr. Portalegre der ehcm. portugiesischen Prov. Alemtejo, nahe der Eisenbahn von Madrid nach Lissabon; Festung gegen Spanien mit den Forts S. Joao u. Schomburg; 5300 Ew. Hier 1709 Sieg der Spanier über die Briten u. Portugiesen. 1712 wurde C. vergebens von dem Marquis de Bay belagert. 1732 Auffliegen des Pulvermagazins u. Zerstörung fast der ganzen Stadt. Von ihr führt der Marschall Beressord den Titel Marquis von C. M. Die Stadt wurde 16. März 1811 von Mortier erobert, jedoch schon am 21. wieder geräumt. Vamp» santo (ital., heiliges Feld), Friedhof, — Camuccini. Begräbnißplatz; besonders der mit Kunstwerken geschmückte Begräbnißplatz hervorragender Persön- iichkeiten in Pisa (s. d.) angelegte u. mit heiliger, von Jerusalem geholter Erde bedeckte; durch Len Erzbischof Ubaldo dem Andenken der um den Freistaat verdienten Männer gewidmet. Auch in Neapel, Florenz, Mailand, Genua, Turin u. Bologna befinden sich ähnliche Anlagen, u. in Berlin wurde der Plan zu einem großartigen C, S. entworfen, welcher mit dem am Lustgarten zwischen L-chloß u. Museum zu erbauenden Dome verbunden werden sollte. Die Entwürfe zur ornamentalen Ausschmückung des Innern machte P. Cornelius. Camposanto, Gemeinde im Bezirke Mirandola der ital. Prov. Modena; 8204 Ew. Campo vacerno (Ochsenmarkt), jetziger Name des ehemal. Forum in Rom (s. d.). Campra, Andre, franz. Operncomponist, geb. 4. Dec. 1660 zu Aix in der Provence; war eine Zeit lang Kirchenmusikdirector zu Toulon, Arles, Toulouse, seil 1694 zu Paris an der Collcgial- kirche der Jesuiten, später an Notre-Dame. Seine Stellung zwang ihn, die ersten beiden Opern unter dem Namen seines Bruders zu veröffentlichen, aber durch den Erfolg ermuthigt, nahm er seine Entlassung u. widmete sich ganz der Oper. Unter den Nachfolgern Lnllis nimmt C. vor Nameau die angesehenste Stelle ein; er wurde 1722 k. Kapellmeister, n. vom Prinzen von Conti erhielt er den Titel einem Musikdirektors. Er st. 29. Juli 1744 zu Versailles. Unter seinen Opern sind hervorznheben: 4,'Lurops galante (1697), I-s (larnsval äs Vsniss (1699), Ilssions (1700), 4.rstünsö (1701), lavorsäs (1702), Iws Unsss (1703), IxüiAsms en Ranriäs, dslsms- gns (1704), Llins, Irionapüs äs l'.ämour (1706), Üippoäamis (1708), Iws §öbss vensbisnnes (1710), läomsnes (1712), I>ss amovrs äe Aars sb äs Vsnns (1712), RsILxtzg (1713), Lamille (1717), ^.otzills sb vsiäainis (1735); ferner schrieb er für den Hof dramatische Unterhaltungen, 3 Bücher Cantaten, 5 Bücher Motetten, heransz von Ballard, u. a. Brambach. Camp sie, Flecken in der Grafschaft Stirling (SSchottland), an einer Zweigbahn der von Glasgow nach Edinburgh führenden Eisenbahn; Fabriken grober Tücher (C. Greys), Kattuudruckerei, Bleichen; 5700 Ew.; in der Nähe die C. Hills, Berge von 455 rn Höhe, wo schöne Achate gefunden werden. llampus (lat.), 1) Ebene, Fläche; 2) bes. flaches Feld, Acker; 3) (röm. Ant.) Platz in Rom, zu Festen, Volksversammlungen, Waffenübungen u. Ähnlichem; so bes. der Oampns Llartius, das Marsseld; s. u. Rom (a. Geogr.). Camrnp, District in Nieder-Affam des brit. Ostindien; durchflossen vom unteren Brahmaputra; 344 HZKw; noch wenig angebant; 300,000 Ew. ' Camuccini, Vinc., Geschichtmaler, geb. 1773 in Rom, gest. 1844 das.; machte seine Studien in den Hauptstädten Italiens, in London, Paris u. Deutschland; wurde 1818 Director der Akademie zu Neapel, kehrte von dort nach Rom zurück, wo ihn der Papst zum Oberaufseher der Galerie u. der Mosaikfabrik u. Maler an der Peterskirche 426 Camus — Kanada in Rom ernannte. C. gilt als einer der besten Meister seiner Zeit in Italien, versteht gnt zu gruppiren u. durch große Massen zu wirken, ist aber nicht frei von den Einflüssen der Schule Davids. Werke: Horatius Coclcs, Ermordung CäsarS u. Tod der Lucretia, Bekehrung Pauli, Der ungläubige Thomas, Christus in der Vorhölle, für die Prager Akademie; die Porträts des Papstes Pius VII. im Belvedere zu Wien, des Königs u. der Königin von Neapel; l Litt xrin- oipali äslla vita äs 6ssü Lristo, erschienen in Zeichnungen 1829 ff. Er restaurirte auch mit seinem Bruder, Pietro C. (st. 1833), alte Gemälde. Einige seiner Werke sind von Bettelini in Kupfer gestochen. Regnet? Camus, 1) Charles Etienne Louis, geb. 25. Aug. 1699 in Cressy; war Professor der Mathematik u. Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Paris; nahm 1736 an der Gradmessung in Lappland thcil; st. 2. Febr. 1768 in Paris. Er veröffentlichte verschiedene mathematische (Oours äs matlismalignss, 4 Bde., Par. 1766) u. mechanische Schriften u. Abhandlungen in den Memoiren der Pariser Akademie. 2 ) Armand Gaston, sranz. Rechtsgclehrter, geb. 2. April 1740 in Paris; war General-Advocat der französischen Geistlichkeit, später Rath des Kurfürsten von Trier n. des Fürsten von Salm-Salm; nach Ausbruch der Revolution wurde er Deputir- ter des 3. Staates für Paris bei den Notablen, wo er mit großer Energie für die Abschaffung der alten Vorrechte der Geistlichkeit sprach. In dem Nationalconvcut wurde er für das Depart. Haute-Loire gewählt; hier forderte er 1792, daß die Minister wegen Veruntreuung in Anklagestand versetzt u. die Güter der Emigranten u. Klöster verkauft würden; im Nov. ging er als Kommissär zur Überwachung der republikanischen Generale, bes. Dumouriez', nach Belgien u. stimmte von dort für den Tod Ludwigs XVI. Als er im März 1793 den Auftrag' erhielt, Dumouriez zu verhaften, ließ ihn dieser gefangen nehmen u. den Österreichern ausliesern. 1795 wurde er gegen die Prinzessin Therese, Tochter Ludwigs XVI., ausgetanscht. Obgleich eifriger Republikaner u. dem Consulat entgegen, behielt er auch unter diesem seine Stelle als Archivar, war bis 1797 Mitglied u. Präsident des Rathes der 500. Er st. 2. Nov. 1804. C. schr.r 6oäs matrimon., Par. 1770; I-sttrs sur In prolession ä'avosab, 1772—77, 2 Bde.; 6oäs snäieiairs, 1792, 4 Bde.; VozmZs äans Iss äspartsmsnts nouveUe- insub rsunis, 1803, 2 Bde.; übersetzte Aristoteles' Geschichte der Thiere, 1783, n. Epiktetes u. Kebes, 1796, 2. Ausl. 1803; Eollsotion äss äsoisions uouveUes, ebd. 1784, 3 Bde., u. m. a. Camwood (engl.), Rothholz von Laxdls nitiäa, einem an der Küste Sierra Leona wachsenden Baume, welches in der Färberei eine dem Brasilienholze ähnliche Anwendung findet. Es hat ein lebhafteres Roth, als Fernambnk, u. wird in England auch zu Messcrhesten verarbeitet. Cana, span. Längenmaß-^-8 Palmos; auf Menorcas 1 ,g». m, auf Mallorca —1,^ m. Cana, Insel der Hebriden, westl. von Rum, zur schott. Graffch. Argyle gehörig; 8 Lw lang; (Geogr. u. Statist.). niedrig; 800 Ew.; an der nördl. Spitze der Ccm- paßselsen, wo die Magnetnadel bedeutend nach W. abweicht. Carleida, portugies. Flüssigkeitsmaß—1,gg, I; 12 C. — 1 Almude, 360 C. — 1 Tonelada. Canada. I. AllgemeineDarstellnng. Dominion os C. heißt ein seit 1. Juli 1867 durch eine Acte beider Häuser des Parlaments von Großbritannien neu begründeter britisch - nord- amerikanischer Colonialstaat, der die früher getrennten Provinzen des britischen Nordamerika: Canada, Nen-Schottland u. Neu-Braunschweig in ein bundesstaatliches Dominium vereinigte unter dem Namen C. Die Provinzen Ober- und Unter-C., das frühere C., die seit 1840 politisch vereinigt waren, wurden wieder getrennt, so daß der Bund zu Anfang aus den vier folgenden Gliedern bestand: Ontario (früher Ober-C.), Quebec (früher Unter-C.), Neu-Braunschweig u. Nen-Schottland. In diesen Bund traten bis jetzt (1875) von den übrigen Provinzen des brit. NAmerika noch das Territorium der Hudsonsbai- Compagnie oder Nuperts-Laud, 1869; das als Selkirk oder Ansiedelungen am Rothen Fluß bekannte Territorium, unter dem Namen Provinz Manitoba; Britisch - Columbia u. die Vancouver- Jusel, 1871, und endlich 1873 auch die Prinz- Edwards-Insel. Nen-Fundland allein von den sämmtlicheu Provinzen Britisch-NAmerikas hat sich bis jetzt geweigert, in den Bund zu treten. Seine Annexion ist aber nur eine Frage der Zeit. Flächeninhalt u. Bevölkerung: Ew. auf i Provinzen: ! !kin HfM >1871) Ontario ichem. Obcr-C.) 2/9,139 5069,! 1,620,85t 5,s Quebec sebem. Unter-C.) 500,789 9094,5 1,191,510 2,4 Neu-Braunschweig . . 70,709 1285,1 285,594 4,5 Nen-Schottland . . . 56,280 1022,l 387,800 6,- Prinz-Edwards-Jnsel . 5023 102,> 94,021 18,7 Manitoba. 36,081 654,0 11,983 0,15 Britisch-Colnmbia etwa 551,850 10,018,» 42,000 0,57 Nordwest-Territorimn stvobci ehe»,. Hudsonsbai- Lander) etwa . . . 7,599,000138, OM, ° 85,000 0,°i 9,099,000165,250,° 3,718,745 0,t Davon nach der Nationalität: Franzosen 1,082,949, Irländer 846,414, Engländer 714,142, Schottländer 549,946, Deutsche 202,991, Holländer 29,662, Neger 21,496, Indianer 23,035 rc. Nach ihrer Religion scheidet sich die Bevölkerung in 1,492,029 römische Katholiken, 544,698 Presbyterianer, 514,214 Methodisten, 494,049 zur Angli« canischen Kirche Gehörige, 37,935 Lutheraner, 21,829 Congregationalisten, 7345 Quäker, 4896 Universalisten, 2275 Unitarier. Die Einwanderung betrug 1873 99,109 Köpfe, wovon die Hälfte sich im Lande ansiedelte, die andere Hälfte aber nach den Bereinigten Staaten wieder fortzog. Die Regierung hat im November 1874 den Beschluß gefaßt, die Einwanderungsangelegenheit dem Ackerbauministerium von C. zu übertragen. Das Land grenzt im N. an das Eismeer, die Baffinsbai und die Davisstraße; im O. an den Atlantischen Ocean, im SO., S. u. W. an die Vereinigten Staaten (Maine, New-Hampshire, Vermont, New-Aork, den Ontario-See, Erie-See, den St.-Clair-See, den St.-Clair-Fluß, den Hnron-See, Oberen-See, Wisconsin, an die Pa- 427 Canada (Gcvgr. u. Statist.). cific-Staaten u. Territorien: Minnesota, Dakota, Montana, Idaho, Washington) u. an die F-nca- Straße; im W. an den Stillen Ocean u. an das Territorium Alaska. Die Küstenlinie ist eine außerordentlich ausgedehnte, doch ein großer Theil derselben ist infolge des rauhen Klimas von gar keiner commcrciellen Wichtigkeit. Vorgebirge derselben sind im N. Cap Richards, Cap HorS- burgh, Cap Die Clintock, Cap Liverpool, Cap Bowen, Cap Hooper, Cap Walsingham; im O. Cap ChudleighstCap Mngford, Cap St. Lewis (Küste von Labrador), Cap Bauld, Cap St. John, Cap Race (Küste von Neu-Fundland), Cap Canso, Cap Sable (Küste von Neu-Schottland); im W. Cap Scott am nördlichen Ende der Vancouver- Jnsel und Cap St. James an der SSpitze der Queen-Charlottc-Jnscl. Zwischen den Inseln im N. befinden sich eine Menge Baien, Sunde, Kanäle rc., wie die Mackenzie-Bai, Delphin-Straße, Krönungs-Golf, Prinz-von-Wales-Slraße, Banks- Straße, Melville-Snnd, Mc-Clintock-Kanal, Narrow-Straße, Lancaster-Sund , Prinz-Regcnten- Einfahrt, Golf von Boothia, Fury- und Hecla- Straße, Fox-Kanal, Frobisher-Bai (früher für eine Straße gehalten, welche in den Fox-Kanal führen sollte), Cumberland-Sund, n. im äußersten N. die Smith-Straße u. der Kennedy-Kanal.; im O. befinden sich: Baffins-Bai, deren nördliche Verlängerung die Smith-Straße u. deren westliche Verlängerung der Jones-Sund, der Lancaster-Sund u. a. bilden; ferner Davis-Straße, Hudsons-Straße, Hudsons-Bai mit der James-Bai im S.; Golf von St. Lorenz mit der Chaleur-Bai, Northnmber- land-Straße u. dem Golfe von Canso; Fundy-Bai zwischen Neu-Schottland n. Neu-Braunschweig; im W. die Straße von Fuca u. der Qucen-Charlotte- Sund. Physischen, geologische Beschaffenheit. Unglücklicherweise dacht sich das Festland von NAmerika nach dem Eismeere zu ab u. ähnelt in dieser Hinsicht Sibirien. Ans diesem Grunde sind nicht bloß die ausgedehnten arktischen Hochländer nördlich von 60°, sondern auch große Theile von Labrador u. Ruperts-Land für immer unfruchtbar. Mit der alleinigen Ausnahme von Britisch- Colnmbia, das sich nach W. n. S. zu abdacht, fällt der ganze Überrest nach N. oder NO. zu ab. Das ganze Gebiet ist ein ungeheures Netz von Flüssen u. Süßwasser-Seen, das in zwei od. drei Fällen den besonderen Zug der physischen Geographie Amerikas darbieter, nämlich den, daß ein Fluß oder ein See nach entgegengesetzten Richtungen hin abfließt. C. zerfällt seiner natürlichen Beschaffenheit nach in 3 geographische Regionen, die mit ebenso vielen geologischen Eintheilungen übereinstimmen. Im N. des Lorenzstromcs dehnt sich von den Küsten Labradors bis zum Huron-See u. von da bis zum Eismeere eine gebirgige Region aus, dis ungefähr °/io C-s bedeckt. Diese Bergzüge heißen das Lanrentische (Lorenz-) Gebirg, n. der entsprechende Theil C-s trägt den Namen Laurcn- tische Region. Diese Region bietet eine große Anzahl kleiner Seen u. Bergketten von 1500 bis 1600 m, im Allgemeinen gut mit Holz bestanden. Sie schließt sich durch einen schmalen, wenig hohen Rain an die ALirondac-Berge im nördlichsten Theil des Staates New-Dork. Die Region im S. der Laurentischen Berge ist ein flaches Land, das sich vom Golfe von St. Lorenz bis zu den Großen Seen ansdehnt. In seinem unteren Theil von Höhenzügen durchschnitten, erweitert es sich nach SO. zu u. umfaßt die ganze Region zwischen den Seen Ontario, Erie und Huron. Die an 1,500,000 Hjlcm große Ebene fällt sanft nach den Großen Seen zu ab, n. zwar so, daß der Obere See kaum 200 in ü. d. M. liegt. Der östliche Theil C-s, der sich im S. des Stromes befindet, wird vom nordamerik. Staate Vermont ans bis znm Vorgebirge Gaspe von einer Bergkette durchzogen. Diese Berge, die nur eine Verlängerung der in Vermont gelegenen sind, gehören zu dem großen System der Älleghanies; ähnlich der Laurentischen Region zeigen sic viele runde Höhen u. zahlreiche kleine Seen. In N»i°Braunschweig befindet sich in der Mitte des Landes, zwischen dein Ristigouche u. Miramichi, ein breites Tafelland von 340 m mittlerer Höhe, mit in einzelnen Bergen von 650 in tief eingeschnittenen Thälcrn. Es Lehnt sich vom N. bis an die Grenze der Verein. Staaten aus und wendet sich alsdann nach O., längs der WKüste der Fundy-Bai. Die localen Namen sind Tobique Mountains im N. u. Nerepis Hills im S. Eine Kette niedriger Hügel läuft vom Cap Wrath auf der Insel Cape Breton bis znm Cap Sable in Neu-Schottland, n. zwar an den westlichen Küsten beider Länder; zwischen der Northnmberland-Straße u. der Fnndy-Bai die etwa 380 m hohen Cobequid Mountains, in denen viel Eisen gewonnen wird. Was die übrigen Theile des Dominion anbetrifst, so ist unter ihnen Britisch-Colnmbia der gebirgigste. In ihm liegt ein Theil des großen westlichen Berg- u. Tafel» land-Systcms des amerikanischen Festlandes. Man findet hier eine Menge langgestreckter Bergzllge, u. zwar: 1) der Bergzug an der Küste, der 'im N. die See-Alpen genannt wird, und im S. die Cascade-Range; 2) Peak Mountains im N. vom Fraser u. vom Stuart-Fluß, n. die Schneeberge od. Gold-Range weiter nach S.; 3) das Hauptgebirg der Oregon-, Rocky- oder Shining-Mountains. Die drei höchsten Gipfel desselben liegen in der Nähe der Quellen des Athabasca u. des nördlichen Armes des Saskatshewan, nämlich: der Brown (5333 in), Hooker (5234 in), Mnrchison (5263 m). Weiter nach N. zu grenzt das Gebirg an das linke Ufer des großen Mackenziestromes, n. an den Ufern des Eismeeres ist es unter dem Namen British Chain bekannt. Flüsse u. Seen. Das Dominion von C. zeigt vier Flnßsysteme, nämlich den St.-Lorenz-Strom, den Abfluß nach der Hudsonsbai, den arktischen Abhang und den Pacific-Abhang. I. Was der Nil für Ägypten ist, das ist der Lorenz-Strom (s. d. A.) für C. Er bildet die großen canadischen Seen (s. d. A.) Bon den Nebenflüssen des Lorenz-Stromes sind die wichtigsten auf dem nördlichen oder linken Ufer: Nipigon, Temse, Trent, Ottawa, St. Maurice, Saguenay und Montmorency; auf dem südlichen oder rechten Ufer: Richelieu, St. Francis, Chaudiere. Die Flüsse in Nen-Brannschweig, die sich in den Golf von St. Lorenz ergießen, sind: Ristigouche in die Chaleur-Bai, Miramichi in die Bai gleichen Namens, n. St.-John, der einen 42d Canada (Geogr. u. Statist.). Theil der Grenze zwischen den Verein. Staaten (Maine) n. C. bildet. Neu - Schottland hat viele sich in die zahlreichen Buchten ergießende Flüsse, die meisten jedoch sind Gebirgsströme. Die wichtigsten sind der St.-Mary n. der Shubenacadic, der durch einen Kanal Halifax Harbonr mit der Cobequid-Bai, dem nördlichen Theil der Fundy- Bai, verbindet. II. DerAbfluß nach derHudson-Bai. Diese Bai nimmt in sich den Abfluß eines Beckens ans, das sich ungefähr 160 km von ihren Ufern ansdehnt, mit Ausnahme des Nelson-Thals, das bis zum Felsengebirge reicht. Die Hauptflüsse sind: a) Churchill od. Missinippi, nahe bei dem Atha- basca aus dem Buffalo-See entspringend, b) Nelson, der ans zwei Strömen in den Rocky-Mountains gebildet wird, nämlich dem North-Sas- katshewan, der zwischen den Bergen Lyell und Murchison auf dem WAbhange des Saskatshewan- Gebirges entspringt, u. dem South-Saskatshewan, der zwischen den Bergen Murchison u. Balfonr entspringt. Der Vermillian u. der Kananasis-Paß verbinden sein Thal niit dem des Kotani, eines Nebenflusses des Columbia. Beide Arme haben manche Nebenflüsse. Nachdem sie sich auf 3° von einander entfernt haben, vereinigen sich die beiden Arme wieder u. fließen östlich in das nördliche Ende des Winnipeg-Sees u. von da nordöstlich in die Hudsons-Bai. In das SEnde des Sees Winnipeg fließen ab der Rainy-See u. der See der Wälder (Iialcs ob tbo Voocka) u. der North- Red-River u. der Assiniboine, die sich beim Fort Garry vereinigen. In das OEnde des Winnipeg- Sees fließen der Manitoba-See und der See Winnipegus. o) Severn. Dieser Fluß ist durch eine Gabelung des Berens-Sees mit dem SEnde des Winnipeg-Sees verbunden. Andere Flüsse, die in den Theil der Hudsons-Bai strömen, welcher James-Bai heißt, sind: Albany, Moose, Rupert, East-Main. Weiter nach W. zu sind der Große u. Kleine Whale River. III. Der arktische Abhang. Der Strom dieses Abhanges ist der Mackenzie, der unter dem Namen Athabasca oder La-Biche-Fluß auf der WSeite der Rocky-Mountains in der Nähe der großen Koppen Hooker u. Brown entspringt. Der Athabasca nimmt den Abfluß des Kleinen Sklaven-Sees in sich auf u. fällt in das WEnde des Athabasca-Sees. In dasselbe ergießt sich auch der Peace-River, der gleichfalls im W. der Rocky-MountainS entspringt. Aus dem Athabasca-See fließt der Sklaven-Flnß in den Großen Sllaven-See. Aus dem WEnde des Großen Sklaven-Sees fließt der eigentliche Mackenzie nördlich dem Eismeere zu. Beim Fort Simpson nimmt er auf dem linken Ufer den An Liards od. Turagain auf, der aus dem Stekiu- lande kommt. Ein wenig nördlich vom Fort Newman nimmt er den Bärenfluß ans, der den Abfluß des Großen Bären-Sees bildet. In die Ströme, welche das Delta bilden, ergießt sich der Peel-River, u. endlich bahnt sich der große Strom seinen Weg in die Mackenzie-Bai und so in das Eismeer. Der Untergrund in einem großen Theil seines Thals ist beständig gefroren. IV. Der Pa- cific-Abhang. a) Simpson od. Skecna, der in den Peak-Mountains entspringt; er bildet den Abfluß mancher Seen, d) Fraser, der Fluß Britisch-Co- lnmbias; entspringt in Per Nähe des Athabasca u. fließt zuerst westlich, dann südlich u. endlich nördlich in den Golf von Georgia. Der Hauptstrom ist eine Kette von Seen, Wasserfällen und Schnellen, o) Columbia, welcher größentheils den Vereinigten Staaten angehört. Das Klima C-s ist gegen die gleichen Breitengrade in Europa ziemlich kalt; lange strenge Winter, vom November bis April anhaltend (das Thermometer oft plötzlich von -ff 2" zu —20" R. fallend), kurze Frühlinge, heiße Sommer, dabei im Allgemeinen der Himmel verhältnißmäßig klar; SWWinde herrschen vor u. bringen heiteres Wetter, NOWinde bringen fast immer im Sommer Regen, im Winter Schnee. Products des Mineralreiches: Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Steinkohlen, Salz rc.; des Pflanzenreiches: Mais, Roggen, Gerste, Hafer, Hanf, Flachs, sowie überhaupt die meisten Getreidearten, Obstsorten und Culturpflanzen des mittleren Europa (Obst namentlich in Ontario, dort selbst Aprikosen und Pfirsiche), unerschöpflich reiche Waldungen, darunter von Nadelhölzern namentlich die weiße oder Weymuths-Fichte (Iwrä IVbexinontbs kius, kinun Ltrobus, der höchste Baum NAmerikas im O. der Rocky-Mountains, die schönsten Masten liefernd), ferner kiuns oana- cisnsis (ebenfalls sehr hoch), ?. wAra u. slba, ?. Ilanksiaua (kleiner Baum, von den Canadiern als Cypresse bezeichnet, gutes Holz zum Ban kleiner Boote), Balsam-Fichte (?. balvamsa. von welcher der kanadische Balsam kommt), ?. rubra, st. rlFiäa; von Laubhölzern die kanadische Eiche (deren Holz aber zum Schiffbau nicht so geeignet, wie das der europäischen, weil weniger dauerhaft), Pappeln, Birken, Erlen, Weiden, Ahorn, Zucker- ahorn (Laer sankariuuiu), aus dessen Saft viel Zucker gewonnen wird; von kleineren einheimischen Pflanzen ist noch der Wasserreis (Lirania agna- tioa) wichtig; des Thicrreiches: Elenthiere, Hirsche, Buffalo (im südwestl. Theil), Bären, Wölfe, Füchse, Hasen, Biber u. Otlcrn (beide von Jahr zu Jahr seltener werdend h wilde Katzen, Marder, Wiesel, überhaupt viele wegen ihrer kostbaren Pelze geschätzte Thiere, Rindvieh, Schafe, Schweine u. andere von Europa eingesührte Haus- thiere, wilde Truthühner, viele Sumpf- u. Was- servögcl, großer Reichthum an Fischen und Cru- staceen rc. Die Industrie dreht sich, wie in allen neu organisirten Ländern, in C. inehr um die Hervorbringung von Rohstoffen, als um die Verfertigung von Handelsartikeln. Sie besteht vornehmlich aus Holzfällen, Ackerbau, Viehzucht (s. u. Handel, Ausfuhr) u. Hüttenbetrieb (im I. 1872 betrug die Production an Eisen bereits 2,054,000 Ctr.), Fischerei, Bergbau. Der Handel ist be- deutend u. in einem riesenhaften Aufschwünge begriffen. Das Finanzjahr 1871—72 ergab: Ausfuhr 82,639,663 Doll, (-j- 8,466,045i gegen d--S Einfuhr107,709,116 „ (-P-20,761,634/Borjahr), welche Ziffern sich aus die einzelnen Länder folgendermaßen vertheilten: Einfuhr ^schr in 1000 DoÜ. Großbritannien. 61,901 25,638 Vereinigte Staaten .... 34,218 31,897 Westindien. 2448 4327 Brit.-nordamerikan. Provinzen 1969 1726 42S Canada (Geogr. u. Statist.). Einfuhr Ausfuhr in 10S0 Doll. Frankreich. 1869 102 Deutschland. 937 36 Spanien. 130 25 Holland. 194 6 Belgien. 204 61 SAinerika. 81 671 China u. Japan. 387 — u. s. w. Die Artikel der Einfuhr bestanden in erster Linie ans Kleiderstoffen (n. Kleidern). Messerwaa- ren, Zucker. Porzellan, Leder, dann aus gröberen Eisen- n. Kupferwaaren, sowie Maschinerie. Bei der Ausfuhr nimmt das Holz die erste Stelle ein (etwa steigert sich jährlich um 2 Mill. Doll.), dannn folgt Getreide, Butter, Käse (zusammen H), sodann Fische u. Crustaceen (^), Pelzwerk, „Fleisch, Häute, Kupfer. Baumrinde, Pottasche, Öl, Ölkuchen rc. Die Eingangszölle beliefen sich auf 13,045,493 Doll.; davon entfielen auf die Provinzen: Quebec 47,gt pCt., Öntario 29,g« pCt., Neu-Schottland 10,25 pCt., Neu-Brannschweig 7,7g pCt., Britisch-Colnmbia 2,gg pCt., Manitoba O.gg pCt. Der Schiffsverkehr ergab a) seewärts: eingelaufen 10,358 mit 2,989,793 Tons, ausgelaufen 9898 „ 2,956,911 „ b) auf den Binnenseen: eingelaufen 17,436 mit 3,582,148 Tons, ansgelaufen 16.233 ,. 3,279,308 „ Von den Seeschiffen gehörten 81 pCt. u. von den Schiffen der Binnenseen 60 pCt. der britischen Flagge an. Der amerikanische Zoll drückt schwer aus die canadische Ausfuhr und vermehrt in den Staaten die Kosten von Speisen u. Kleidung, von Brenn- u. Leuchtstoffen. Kanäle u. Eisenbahnen rc. Die wichtigsten Kanäle sind: der Rideau- Kanal (von Kingston am Ontario-See nach By- town, jetzt Ottawa, am Ottawa), Welland-Kanal (vom Erie-See nach dem Ontario-See, um den Niagara zu umgehen), La-Chine-Kanal (um den St. Louisfall zu umgehen), Grenville-Kanal (am Ottawa) u. der Kanal zwischen dem Oberen-See u. dem Huron-Sce (zur Umgehung des St.-Mary- Falls f8aulb ob 8t. Llar^j). Die Eisenbahnen halten mit der Entwickelung des Handels gleichen Schritt: Ende 1871 waren bereits über 4800 Am in Betrieb, u. der Vollendung nahe sind (1875) weitere 1750 km, sowie außerdem schon die Con- cessionen für additionelle 1280 Am ertheilt wurden, ganz abgesehen von der Pacific-Bahn, die allein 3840 km lang sein wird. An der Börse in London werden die Actien von 6 canadischen Eisenbahn-Gesellschaften quotirt, nämlich: Atlantic u. St. Lawrence, Grand-Trunk, Great-Western of C., Midland of C., Northern of C., Wellington Grey u. Bruce. Das Dominion verpflichtete sich, von 1871 ab in 10 Jahren Britisch-Colnmbia mit einer das ganze Land durchschneidenden Bahn zu versehen. Der Oanaäian ^Imanao führt 39 Eisenbahnen im Dominion auf. Von diesen sind die folgenden die wichtigsten: Grand-Trunk (vom Ri- viöredu Loup nach Port Huron 1276 km, Zweigbahnen 729 km, Gesammtlänge 2205 km); Great- Western, vom Niagara bis nach Windsor am Detroit, 367 Km, mit der Guelf-Zweigbahn und der Toronto-Zweigbahn, Gesammtlänge 573 km; Nova-Scotia-Bahn, von Halifax nach Picton, 237 km; European and North-American, von St. John an der Bai von Fundy nach Shediac. 173 km; Northern-Bahn, von Toronto nach dem Huron-See, 156 km; Jntercolonial-Bahn, der Vollendung nahe, von Riviöre du Loup nach Truro in Neu-Schottland, 2172 km; Canada-Southern- Bahn, vom Fort Erie am Niagara nach Amherts- bnry am Detroit, 367 km; North-Shore-Bahn (1875 zu beendigen); Toronto-Grey- and Bruce- Bahn, 192 km, u. Canadian Pacific-Bahn (1881 zn vollenden), vom Nipisstng-See nach Victoria in Britisch-Colnmbia, 3840 km. Die Post beförderte 1872—73 an Briefen u. Postkarten 34H Will., Zeitungen 25H Mill. Telegraphenstationen bestanden 1871 829; Länge des Netzes 16,121 kni; Anzahl der Depeschen 1,141,547. Mit Europa (England) ist C. durch verschiedene Dampferlinicn 2—3mal wöchentlich in direkte Verbindung gesetzt (s. Halifax u. Quebec). Verfassung. Sie ist der des Mutterlandes nachgebildet. Das Parlament setzt sich zusammen aus dem Souverän, einem Oberhause, Senat genannt, u. einem Unterhause. Der Souverän wird durch einen General- Gouverneur (1875 Sir Frederik Temple, Graf von Dufferin) repräsentirt, der seine Autorität unter dem Beistände eines Rathes ausllbt, welcher den Namen führt: Husens ?riv^ lüouneil kor 6. Diese Körperschaft wird von Zeit zu Zeit durch den Generalgouverneur gewählt. Der Senat besteht aus nicht mehr als 72 Mitgliedern, je 24 für die Provinzen Ontario u. Quebec u. 12 für jede der übrigen Provinzen. Die Senatoren werden vom General-Gouverneur auf Lebenszeit gewählt, sowie auch der Sprecher (Präsident) des Senats von ihm ernannt wird. Das Unterhaus besteht (1875) aus 181 Mitgliedern (82 für Ontario, 65 für Quebec, 19 für Neu-Schottland u. 15 für Neu-Brannschweig) u. wird auf 5 Jahre gewählt. Um wahlfähig zu sein, muß man einen Grundbesitz von mindestens 5 Pfd. St. jährlichen Reinertrag haben, 21 Jahre alt u. Unterthan der englischen Krone durch Geburt oder Naturalisation sein. Wähler sind alle 21jährigen britischen Unter- thanen, die im Wahldistrict ein Eigenthum (Freehold) von mindestens 40 Shilling Reinertrag besitzen. Der General-Gouverneur beruft das Parlament ein n. hat Las Recht, es zu vertagen u. aufzulösen. Den Sprecher wählt dasselbe aus seiner eigenen Mitte auf die Dauer der constitutionellcu Periode. Beide Versammlungen werden jedes Jahr ein Mal einberufen; jedes Mitglied derselben muß zuvor dem General-Gouverneur od. dessen Stellvertreter den Huldigungseid leisten. Der Gouverneur bestätigt die durch die Versammlungen gegangenen u. von denselben angenommenen Bills vorläufig ui sendet sie dann an den britischen Staatssekretär ein; der Krone England steht innerhalb zweier Jahre das absolute Veto zn. Jede von den Versammlungen angenommene Bill, welche die Rechte der Anglikanischen u. der Römisch-Katholischen Kirche, die Ausübung des Gottesdienstes u. die Kronprärogative der Verleihung unbebauten Landes betrifft, muß dem britischen Parlament vorgelegt werden. Die Bestimmung, daß alle auf die Verhandlungen der beiden Versammlungen Be- 430 Cauada (Gcogr. u. Statist.). zng habenden officiellen Documente, Schriften, Berichte u. dgl. nur in englischer Sprache abgefaßt werden dürften, ist durch die englische Parlamentsacte vom 1. Aug. 1848 aufgehoben. Jede Provinz hat eine eigene Executive u. Legislative, in denen ein Mce-Gouverneur den Vorsitz führt. Letztere werden vom General-Gouverneur ernannt. Die provinziellen Parlamente können gemäß der Consöderations-Acte ihre Verfassungen von Zeit zu Zeit abändern. Finanzen. Der Gesammt- betrag der Einnahmen des Dominion von C. betrug in dem 1. Juni 1873 endenden Finanzjahre 20,813,469 Doll, und der der Ausgaben 16,380,822 Doll. In Wirklichkeit gestaltet sich jedoch das Verhältniß keineswegs so günstig, indem unter den Einnahmen die Erträgnisse neuer Anlehen eingerechnet sind, welche die gleichzeitige Schuldentilgung weit übersteigen. Unter den Einnahmen stehen die Erträgnisse der Zölle weit voran (1871 12,787,982 Doll.), dann kommen die der Accise (4,735,652). Von den Ausgaben erfordert die Verzinsung der Staatsschuld den größten Betrag (schon 1871 5,257,231 Doll., wozu 470,607 für Tilgung kamen, ungerechnet die Schuldverwalt- nngskosten). Schuld (1871) 122,400,179 Doll., wogegen 40,213,107 Activa vorhanden, so daß der Nettostand 82,187,072 Doll. war. Dazu kam jedoch 1874 ein neues Anlehen von 4 Miil. Pfd. Sterl. Die Schuld wurde hauptsächlich für Anlage öffentlicher Nutzlichkeitsbauten ausgenommen. Münzen: Durch eine Acte des britischen Parlaments von 1871 ward im Geldwesen C-s vas Decimalsystem eingeführt. Die Einheit bildet der Dollar zu 100 Cents. Der Werth des elfteren beruht auf der Basis von 486K Cents — 1 Pfd. St. britischen Geldes. Der Werth des Geldes des Vereinigten Königreiches von Großbritannien ist Lurch das gleiche Gesetz festgestellt, wie folgt: 1 Sovereign — 4 Doll. 86Z Cts.; die Silberne Kronen 1 Doll. 20 CtS.; dieH-Kroue --- 60 Cts.; der Florin (2 Shilling) 48 Cts; 1 Shilling — 24 Cts. Maße u. Gewichte. Durch ein Gesetz des kanadischen Parlaments vom 23. Mai 1873 ward auch ein neues einheitliches System von Gewichten u. Maßen eingeführt, wonach der engl. Jmperial-Iard das allem giltige Längenmaß bildet; das Imperial pounck ^vcür äu pois das allein giltige Gcwichtsmaß; die Imperial Gallon das Flüssigkeitsmaß u. das Imperial busirsl das trockene Maß. Durch dieselbe Acte wurde der britische Centncr (imnärsL vei§llt) zu 112 Pfund u. die Tonne zu 2240 Pfd. abgeschafft u. der Zentner auf 100 Pfd. u. die Tonne auf 2000 Pfd. Lvoir I)) Neu-Braunschweig (Hsrv-Lrausrviok) > grenzt im N. an die Prov. Quebec, im O. an den Lorenz-Busen, im S. an den Isthmus von Chignecto u. an die Bai von Fundy, im W. au die Vereinigten L-taatcn (Maine). Hauptbeschäftigung: Schiffbau, Fischerei u. vor Allem der Hvlzschlag, der, trotzdem das Land weite fruchtbare Ebenen besitzt, den Ackerbau bis jetzt i» den Hintergrund gedrängt hat. Der Boden bringt an Getreide hervor: Weizen, Mais und Buchweizen. Das öffentliche Land wird in Grundstücken von je 100 Acres gegen Zahlung von 20 Doll. od. Arbeitslieferung zum Belause von 30 Doll, frei verwilligt, nachdem der Ansiedler 3 Jahre aus demselben gewohnt u. 10 Acres gelichtet u. bestellt hat. Der Schiffbau in St. John, Mirauüchi, St. Andrews ist von großer Bedeutung. 1870 wurden 88 Schiffe von 35,599 Tonnen Gehalt, 1871 65 Schiffe von 27,000 Tonnen Gehalt gebaut. 31. Dec. 1871 waren in St. John registrirt 767 Schiffe von 226,727 Donnen Last, darunter 66 Schiffe von 25,100 Tonnen. Die Fischerei in der Chaleur-Bai, dem Pierers Nniverjal-Conversarwns-Lexilvn. t>. Aufl. t St.-Loreuz-Golf, der Fuudy-Bai, in den großen Flüssen u. Landseen ist eine der werthvollsten des Dominions. Handel: Die Ausfuhr besteht, neben Fischen ( 2 V 2 Mill. Doll.), hauptsächlich in den verschiedenen Holzarten (etwa 3 Will. Doll.); Gesammt-Ausfuhr 6 Mill. Doll.; Einfuhr 10 Will. Doll. (1871). Die Bevölkerung besteht theils aus Acadiern od. Abkömmlingen der Franzosen, der ersten Ansiedler, theils aus Nachkommen der späteren brit. Colonisteu, denen sich fortwährend neue Ansiedler aus Großbritannien zugesellt haben, so daß jetzt die brit. Bevölkerung überwiegt. Indianer zählt man noch etwa 2000, denen 61,000 Acres Land Vorbehalten sind. Religion: Augli- canische Kirche 45,481, Baptisten verschiedener Art 42,729, Methodisten3439, Wesleyaner 26,212, Presbyterianer 38,852. Die Mehrheit bilden die Katholiken, 96,016, die unter einem eigenen Bischof stehen. Rechtswesen. Die Versassung ist ähnlich derjenigen des eigentlichen C. Dem Uutergouverneur (lüsuteuanb 6vvsruor) steht ein Executivconcil von 9 Mitgliedern zur Seite. Die Gesetzgebende Versammlung oder das Parlament besteht aus einem legislativen Concil oder Oberhause, von der Regierung ernannt, u. einem Unterhause, dessen 40 Mitglreder von den 14 Grafschaften des Landes u. von der Stadt St. John gewählt werden. Der Obergerichtshof besteht aus einem Oberrichter u. 3 anderen Richtern; außerdem gibt es Grafschaftsgerichte und Untergerichte. Die Civilverwaltung ist ganz selbständig, u. nur in den durch die Conföderations- Acte vorbehalteuen Angelegenheiten, wie Vertretung nach außen, Militärverwaltung rc., ist Neu-Braunschweig von der Dominialregierung abhängig. Der öffentliche Unterricht erfreut sich einer sorgsamen Pflege von allen Seiten, u. das Land besitzt, im Vergleiche mit seiner geringen Entwickelung, eine Menge vorzüglicher Schulen, namentlich zu Fredericktown das Königl. College und das College der Baptisten. Seit Jahren war die Einführung nicht-confessioneller Schulen eine brennende Frage in der Legislatur; sie führte gleich am Anfänge der Sitzung 1872 die Abdankung des früheren Ministeriums herbei, das nicht geneigt war, die Sache aufzunehmen. Das neue Ministerium setzte ein den Wünschen der Mehrheit des Volkes entsprechendes Gesetz durch behufs Einführung solcher Schulen, wogegen die Katholiken eine hestige Opposition erhoben. Die Verausgabung der Provinz für Elementarschulen betrug 1871 136,711 Doll., also 47 Cts. für den Kopf der Bevölkerung. Städte. Die Hauptstadt der Prov. ist Fredericktown (Procksriaton) am St. John; die größte Stadt u. der bedeutendste Handelsplatz von Neu-Braunschweig ist St. John. L) Neu-Schottland (Hava-Leotia), früher zusammen mit dem Gouvernement Neu-Braunschweig den Namen Acadia führend, besteht aus einer von NO.nachSW.sichhinziehcndenHalbinsel am Atlantischen Ocean. Zu dieser Prov. gehört auch die Insel Cape Breton (s. d.). Neu-Schott- land hat viele u. gute Häfen, darunter namentlich den zu Annapolis an der Fundy-Bai. Wegen seiner hohen u. felsigen Küsten hat das Land ein rauhes Ansehen. Auch im Innern ist es meist v. Bmd. 2 g 434 Canada (Geogr. u. Statist.). uneben, wenn auch ohne bedeutende Erhebungen, u. im Allgemeinen stark bewaldet, an den Küsten u. Flüssen gut angebaut. Den mindesten landschaftlichen Werth hat der atlanlische Küstenstrich, wo das Gestein platonischer Bildung ist. Weiter landeinwärts bessert sich aber der Boden, namentlich wegen der weiteren Erstreckung von Thonschiefer. Die nördl. wie die westl. Region der Prov. ist in ihrer ganzen Ausdehnung fruchtbar. Die Grafschaft Annapolis ist die beste für Obstzucht, Gartenbau u. Ackerbau im Allgemeinen; zunächst kommt Kings County. Beide Grafschaften enthalten ausgedehnte Striche von Marschboden. Die hauptsächlichsten Beschäftigungen sind, neben dem Ackerbau, der in letzter Zeit mehr als früher gefördert wird, der Bergbau, Schiffbau u. Fischfang. Kohlen- u. Eisenlager erstrecken sich durch den ganzen W. von Neu-Schottland u. Cape Breton. Die Kohlengewinnung betrug 1869 511,795 Tonnen. Die wichtigsten Eisensteinlager befinden sich in der Grafschaft Annapolis, am SFuße des Cobequid-Gebirges, am East-River in der Grafschaft Picton. Die sonstigen Mineralien sind Blei, Achat, Amethyst, Chalcedon, Carneol, Jaspis, Opal, Onyx, Granit, Schiefer, Quadersteine, farbiger u. weißer Marmor, Mühlsteine, Schleissteine, Gips, Kalk, Mergel, endlich neuerdings auch Gold. Der Goldquarz wurde 1860 entdeckt, u. war der Ertrag bis Ende 1868 160,000 Unzen. Das ergiebigste Jahr war 1867 mit 30,000 Unzen, 1869 dagegen nur 17,868 Unzen— 330,558 Doll, an Werth. Der Schiffbau ist bedeutend, 1870 wurden 141 Schiffe von 33,659 Tonnen Gehalt gebaut. Die neu-schottländ. Fischerei übertrifft die aller anderen Provinzen. Handel. Die Ausfuhr, Fische (6 Mill. Doll, jährl.), Holz, Mineralien n. Bausteine, beträgt jährl. im Durchschnitt 8 Mill. Doll. u. die Einfuhr an 14 Mill. Doll., die sich zur Hälfte in Halifax concentrirt. Von der Bevölkerung gehörten 1871 102,000 zur römisch-katholischen Religion, 55,124 zur Anglikanischen Kirche u. 54,263 zu den verschiedenen Arten der Baptisten, der Rest vertheilt sich ans Methodisten u. Presbyterianer. Die Provinz ist eine Diöcese der engl. Colonial-Kirche. Der Unterricht wird, ebenso wie in den anderen Thei- len des Dominions, mit Sorgfalt gepflegt. Rechtswesen u. Verfassung sind denen von Neu-Braun- schweig fast ganz gleich. Finanzen. Die Einkünfte betrugen 1871 667,149 Doll., die Ausgaben 676,666 Doll. Städte. Halifax, Hauptstadt der Prov., mit vorzüglichem Hasen; Windsor mildem Hanptcollege u. Truro mit der Normalschule der Prov. Die Prov. setzte dem Eintritt in das Dominion einen langen u. beharrlichen Widerstand entgegen; die neu-schottländische Schwierigkeit vereitelte lange das Zustandekommen des neuen politischen Systems. Im Jan. 1869 fand eine Con- ferenz statt, welche endlich zur Regelung der Unionsbasis führte. Das Dominial-Parlament genehmigte die abgeschlossene Vereinbarung, und der Eintritt Neu-Schottlands in das Dominion erfolgte. Zuerst schien es, als habe sich die Prov. mit dem neuen Verhältniß völlig zufrieden gegeben, doch 1869 brach, wol von amerikanischen Agitatoren u. der in der Prov. bestehenden Annexionsparteigeschürt, eine heftige Opposition aus, die jedoch von Seiten des Dominions keine Beachtung fand. 1?) Prinz-Edwards-Jnsel, an derSSeite des Lorenz-Busens, durch die Northumberland- Straße von Neu-Schottland u. Neu-Braunschweig getrennt. Die steilen, bis an 40 m hohen roth- klippigen Küsten sind reich an tief einschneidenden Buchten, welche die Insel in 3 Halbinseln zerschneiden. Sie hat ein so zuträgliches Klima, einen so fruchtbaren Boden, daß man sie den Garten des britischen Amerika zu nennen Pflegt. Sie ist zwar außerordentlich arm an Mineralien (nur Kupfer u. Raseneiscnstein kommen in geringen Mengen vor), doch gehören die Fischereien zu den werthvollsten des Britischen Amerika. Die Ausfuhr besteht aus Hafer, Kartoffeln, Rüben, Gerste, Schweinefleisch, Schinken, Schmalz, Eier, Butter, Austern, Hafergrütze, Pferde, Heu und Fische im Gesammtbetrage von 2,254,200 Doll. (1871). Die Einfuhr, bestehend ans englischen Manufactnr- waaren, Weizenmehl, Kohlen, Brettern u. Kalksteinen, belief sich auf 1,928,660 Doll. Die Insel zerfällt in 3 Grafschaften. Charlottetown ist der Sitz der Regierung. Die Insel zählt 357 Districts- schulen mit iiber 15,000 Schülern. Der Unterricht ist frei, nur eine ganz geringe Gebühr wird für die Feuerung der Schulen erhoben. Von 1868—69 wurde aus dem öffentlichen Schatze für Unterricht allein 98,965 Doll, ausgegeben. Alle Theile der Insel werden von guten Fahrstraßen durchschnitten, nicht minder besitzt die Insel ein theilweise unterseeisches Telegraphensystem u. seit 1874 auch eine sie die ganze Länge nach dnrch- schneidende Eisenbahn. Die Prinz-Edwards-Jnsel ward 1745 zum ersten Mal von England in Besitz genommen u., nachdem sie inzwischen in die Hände der Franzosen gerathen, 1758 wiedererobert u. den britischen Besitzungen in NAmerika endgiltig einverleibt. 6) Manitoba (früher Dsck-Wvor Lsttto- moui), liegt zwischen den Seen Winnipeg und Manitoba, 49" n. Br. und den Vereinigten Staaten (Minnesota). Sie war ein Theil der Territorien, welche der Hudsons-Bai-Compagnie gehörten, u. um dort eine Colonie anzulegen, ward sie 1811 von dem Grafen von Selkirk angekauft. Der westl. Theil ist eine ebene Fläche, öde u. monoton, mit hier u. da zerstreuten niederem Gebüsch u. fast gänzlich ohne bewässernde Ströme, während die östl. Länderstriche eine mannigfaltige Landschaft von Hügel u. Thal darbieteu, fruchtbar u. weidenreich u. gut mit Holz bestanden. Die Temperatur-Unterschiede sind ungeheuer, da das Thermometer im Winter oft bis auf 45° Fahrenheit fällt, im Sommer aber nicht selten bis auf 95° od. 105° im Schatten steigt. Nichtsdestoweniger ist das Klima ein gesundes. Die Mehrzahl der Bevölkerung besteht aus dem Bois brultz, französischem Halbblute, welches von den kanadischen Voyageurs abstammt, die früher von den Pelzgesellschaften zahlreich beschäftigt wurden u. sich häufig mit Indianerinnen am Rothen Fluß verheiratheten, außerdem aus Indianern, Amerikanern, schottischem Halbblute u. europäischen Ansiedlern. Die Hauptbeschäftigung derEw. be- 435 Kanada steht in Viehzucht u. der Jagd u. Pelzhandcl, obwol derselbe Monopol der Hudsons - Bai- Compagnie ist; seine Ausfuhr wird auf 2^ Will. Doll, geschätzt. Das Budget der Provinz belief sich 1872 auf 81,425 Doll. u. die Zolleinnahmen etwa auf 80,000 Doll. Die Prov. ist in 24 Wahlbezirke gethcilt u. das Gerichtswesen wie im übrigen Dominion eingerichtet. Die Regierung der Prov. Manitoba besteht aus einem Vicegouver- neur u. einem Executiv-Comite von 5 Mitgliedern; der Gesetzgebende Körper ans einem Senat von 7 ans Lebenszeit ernannten Mitgliedern und das Unterhaus aus 24 Deputirten, von denen jeder der 24 Wahlbezirke einen wählt. Der Sitz der Regierung ist Fort Garry, u. die Prov. wird im Senat des Dominions durch 2, im Unterhause durch 4 Abgeordnete vertreten. Die einzige Stadt in der Prov. ist Winnipeg. L) Das NW.-Territorium (ehemaliges Territorium derHudsons-Bai-Compagnie) u. Ruperts-Landgrenzen im O. an die Prov. Quebec, an Labrador, den Atlantischen Occan, die Davis- Straße u. die Bassins-Bai, im N. an das Eismeer, im W. an Alaska u. die Prov. Britisch- Columbia u. im S. an den 49. Gr. n. Br. u. die Provinzen Ontario u. Quebec. Dieses Territorium besteht seiner Beschaffenheit nach aus drei verschiedenen, sich neben einander nach NW. erstreckenden Regionen, dem Lande am Fuße des Felsengebirges, der Centralprärie, der Küstenstnfe im W. u. SW. der Hudsons-Bai. Die erste u. letzte Region sind ödes Felsenland; dagegen besitzt das Territorium in der großen Centralprärie, begrenzt im O. von den großen Seen Atha- basca, Deer, Winnipeg, über 10 Längengrade in der Breite, durchschnitten von den mächtigen Strömen Saskatshewan, Athabasca u. Peace, ein Gebiet, das einer hohen Entwickelung fähig ist und unermeßliche Ebenen umfaßt, in deren tiefem Boden der Pflug Hunderte von Meilen Furchen ziehen kann, ohne auf einen Stein zu stoßen. Das Klima ist keineswegs so streng, als früher ange- > geben wurde. Am Saskatshewan ist dasselbe fast > so mild, wie das von St. Paul in Minnesota. ^ Seine mittlere Winter-Temperatur ist —15" Fahrenheit u. seine mittlere Jahres-Temperatur 44", demnach gleich der Winter- u. Jahres-Temperatur von Wisconsin, Michigan, Ober-Canada u. NNew- Aork. Der District im S. der Hudsons-Bai wird > gewöhnlich Ruperts-Land genannt, es besitzt den ! kortits Leit (fruchtbarer Landstrich), eine an 180 km breite fruchtbare Alluvialniederung. Dieselbe läuft vom oheren rechten Qnellenarme des Mooseflusses durch dessen wertes mittleres u. unteres Gebiet u. durch das ganze Thal des Albäny u. des Winnipeg u. ist vollkommen zum Anbau geeignet. I Das Klima ist nicht strenger, als in Central-C.; ' Weizen u. alle anderen Cerealien u. Küchenpflanzen der gemäßigten Zone gedeihen hier; der Baumwuchs besteht ans Sprossenfichte, Tamarae, Pappel, Birke. Außer den großen Flüssen Moose u. Albany zieht es viele kleine Flüsse n. größere ! und kleinere Landseen, welche sämmtlich fischreich l sind. Die Mineralschätze des Landes sind ohne I Zweifel sehr groß, jedoch bis jetzt noch unerforscht. ^ Unbedingt von großer Wichtigkeit ist das Kohlen- (Gcsch.). seid des NWGebietes, eines der größten in der Welt, u. zwar von vorzüglicher Steinkohle. Vom Wtlfer des Athabasca-Sees bis 49 Gr. n. Br. lassen sich die Kohlenflötze mehrere hundert Meilen lang verfolgen. Sie erscheinen in vorzüglicher Mächtigkeit am Saskatshewan. In der Nähe dieses Flusses lagern auch ausgedehnte Salzflötze. Viele Nebenflüsse des Saskatshewan führen Goldsand, am reichlichsten in den Barren n. Buchten. Die Zahl der Einw. wird von Einigen bis zn 200,000 geschätzt, was jedoch viel zu hoch veranschlagt sein dürste. Seit 1870 steht das Territorium unter der directen Verwaltung der Dominions-Regierung. III. Geschichtliches. Zuerst besuchten die Italiener Giovanni u. Sebast. Cabot (s. d. 2) mit 6 englischen Schiffen 1497 das von Elfterem schon früher gesehene Land, doch wurde von den Engländern keine Notiz von dieser Entdeckung genommen. Um 1500 nahm der in franz. Diensten stehende Italiener Giovanni Berazzani das Land für Frankreich in Besitz; 1534 u. 1535 fuhr Jacq. Cartier den Lorenzstrom hinauf u. nannte das Land Neu-Frankreich; er schloß Verträge mir Len Eingeborenen n. baute ein Fort. Um 1600 wurde schon ein großer Pelzhandel zwischen C. n. Frankreich getrieben. 1603 u. 1608 gingen Handelsgesellschaften von Nonen, St. Malo und La Rochclle nach C.; 1608 legte Capitän Cham- plain den Grund zu Quebec, worauf die Colonie zum französischen Vicekönigreiche gemacht wurde. Den Titel Vicekönig von Neu-Frankreich erhielt 1620 der Marschall Montmorency. Von dem festen Quebec aus regierten die Franzosen 150 Jahre lang eine weite Region, die sich im O. bis Acadia (Neu-Schottland) ausdehnte u. im W. bis zum Oberen-See u. den Mississippi entlang bis Florida u. Louisiana reichte. 1759 entriß eine kleine britische Armee von 5000 Mann unter General Wolfe (s. d.) Neu-Frankreich auf den Ebenen von Abraham seinen ersten europäischen Herrschern durch die Einnahme von Quebec. Nach u. nach fielen auch Jsle-aux-Noix u. die Forts Oswegatchie u. Levis den Engländern in die Hände, n. dann ward Montreal belagert und vom General Amherst mit einer Armee von 17,000 Mann eingenommen. Die Capitulation dieser Stadt ward imSept. 1760 unterzeichnet ».damit der franz. Herrschaft in C. ein Ende gemacht. Die Briten führten nun durch Proclamation vom 17. Sept. 1764 englisches Recht n. englische Gerichtshöfe für Civil- u. Criminalprocessc ein; dies erregte aber als Antastung der franz. Nationalität Unwillen, u. als die nordamerikanischen Unruhen ausbrachen, wurde für alle älteren Colonisteu 1774 Lurch die Quebec-Acte nicht allein Religionsfreiheit garantirt, dem Klerus sein Recht wiederge- geben u. die alle franz. Seigneur-Verfassung fd. h., daß ein Individuum einen ganzen District in Lehn bekam u. diesen nun Einzelnen, ihmLehn- baren, abtrat) sondern auch das franz. Recht mir Ausnahme des Criminalrechtes hergestellt, während die neuen, d. h. englischen Ansiedler in ihren Lownships das engl. Recht beibehieltcn. Diese Maßregel u. der Umstand, daß die damals an Despotie gewöhnten Franzosen besser mit der 28 * 436 Canada engl. Regierung daran waren, als mit ihrer eigenen, waren Ursache, daß, als der NAmcrikanische Freiheilskrieg ausbrach u. 1775 die amerikan. Generale Montgomery u. Arnold C. zu insurgi- rcn versuchten, die Einwohner von C. der brit. Regierung treu blieben. Auch mißlang das Unternehmen der Amerikaner auf Quebec im Decbr. 1775, u. Bourgoyne reinigte C. von den Insurgenten. Die Wiederherstellung des französischen Civilrechtes hatte aber die engl. Tories verdrossen, u. sie zogen sich in die Wildnisse an den Seen zurück, wo sie den I'amil^-Oontraot, eine politische Verbindung, gründeten, den unbebauten Boden an sich brachten, sich zugleich der Richter-, Verwaltungs-, Kirchen- u. Schulämter bemächtigten u. jeden neuen Gouverneur in ihr Interesse zogen. 1784 wurde die Habeas-Corpus-Acte in C. eingeführt. Auf Pitts Betrieb wurde, um C. ganz den anderen engl. Colonien gleichzustellen, die neue Constitution von 1791 verfaßt. Danach wurde C. in 2 Gouvernements, Ober-C. u. Unter-C., ge- theilt u. jedem vom König zu ernennenden Gouverneur ein berathender Vollziehnngsrath und 2 parlamentähnliche Corporationen, der Gesetzgebende Rath und die Assembly, beigegeben. Aber diese echt englische Einrichtung sagte dem französischen Charakter nicht zu; die in Nieder-C. die engl. Nationalität um das vierfache überwiegende franz. Bevölkerung trat mit der rein engl. Gesetzgebenden Versammlung u. dem Geheimen Rathe bald in eine lange u. leidenschaftliche Opposition, die endlich 1837 in eine Jnsurrection der beiden Provinzen ausartete. Diese Erhebung ward schnell u. blutig unterdrückt, doch die Aufregung der Parteien wuchs nichtsdestoweniger von Tag zu Tag, als aus den zur Pacification der Colonie angeknüpften Unterhandlungen die Verfassung vom 3. Juli 1840 hervorging, die im Großen u. Ganzen der des Britischen Reiches nachgebildet war. Der hervorragende Zug dieser Verfassung war die Wiedervereinigung der durch die Acte von 1791 getrennten Provinzen Ober- u. Unter-C. unter eine Regierung. Die vollziehende Gewalt ward durch einen Gouverneur u. einen verantwortlichen Premierminister ausgeübt. Die Zahl der Minister ward nicht durch das Gesetz bestimmt. (Über die Befugnisse des Gouverneurs u. des Gesetzgebenden Körpers vergl. unter I., Rechtswesen.) Der Zweck der neuen Verfassung war, bei aller Freiheit, die sie den Colonisten gewährte, das unruhige u. an Zahl überwiegende französische Element abzuschwächen u. dem englischen das politische Übergewicht zu sichern. Diese Absicht ist jedoch nicht erreicht worden, namentlich scheiterte sie an der Verstärkung, welche die franz. Partei durch die irischen Einwanderer erhielt. Auf welch einem gespannten Fuße die Parteien noch immer mit einander standen, zeigte sich deutlich 1859, wo die Wahl einer Hauptstadt genügte, den alten Haß der einander widerstrebenden Elemente in C. aufs Neue in Flammen ausbrechen zu lassen. Quebec u. Montreal machten ihre alten Ansprüche geltend. Toronto und Kingston erhoben neue; da aber die verschiedenen Jnteressirten die Unmöglichkeit einer Verständigung einsahen, so wählten sie das Mutterland zum Schiedsrichter. Dieses, (Gesch.). von strategischen Rücksichten geleitet, sprach sich für Ottawa (früher Bytown) aus. 1858 fand eine Industrie-Ausstellung in C. statt, welche viele ; Besucher nach Montreal zog, unter anderen auch > den Prinzen von Wales, der bei dieser Gelegenheit das ganze Land durchreiste, die berühmte Bictoriabrllcke eröffnete u. den ersten Stein zu dem neuen Parlamentsgebäude in Ottawa legte. Eine andere Industrie-Ausstellung fand 1862 zu Toronto statt. Während die Vereinigten Staaten durch den Bürgerkrieg zerfleischt wurden, ward in England, das für seine kanadischen Besitzungen ^ Besorgnisse hegte, der Wunsch rege, alle Theile des britischen NAmcrika in eine große Consöde- ration zu verschmelzen. Diesen Wunsch machte sich 1864 ein überstimmtes Ministerium zu Nutze, uin sich zu halten, u. brachte eine darauf hinaus- gehende Versassungsrevision in Vorschlag. Lange Zeit wurde über die Union der verschiedenen Provinzen des brit. Amerika verhandelt: in dem eigentlichen C. sprach sich die allgemeine Meinung zu Gunsten des Projekts aus, in den anderen f Provinzen jedoch machte sich eine heftige Oppo- > sition geltend, die aus der natürlichen Furcht ent- ^ sprang, daß das ungeheure Übergewicht des eigent- ' lichen C. in Bevölkerung, Reichthum u. allge- ! meiner Wichtigkeit die anderen gänzlich, erdrücken würde. Nach langer u. sorgfältiger Überlegung i aber besiegten die großen Vortheile, welche das ganze Unternehmen gewähren mußte, die provinziellen Eifersüchteleien, u. die sogen. Pro-Födera- , listen trugen endlich den Sieg in Neu-Schottland n. Neu-Braunschweig davon. Im Decbr. 1866 kanten Delegirte von C. mit den der beiden genannten Provinzen zusammen, um die Constitn- ! tion des neuen Bundes zu entwerfen. 26. Febr. j u. 8. März 1867 wurde das Gesetz von beiden ! Häusern des brit. Parlaments angenommen; 28. ! März erfolgte die königl. Sanktion u. 22. Mai k die königl. Proclamation, laut welcher der neue r Bund 1. Juli 1867 ins Leben treten sollte. Diesem Bunde traten nach u. nach die Eingangs > > angegebenen Provinzen des brit. NAmerika bei, j mit der einzigen Ausnahme von Neu-Fundland. , Laut der Conföderationsacte gehören zu den Be- ^ fugnissen der Bundesregierung namentlich folgende Gegenstände: die öffentliche Schuld u. das öffentliche Eigenthum; die Besteuerung für Bundes« ß angelegenheiten; die Postverwaltung; die Gehälter k der Civilbeamten der Bundesregierung; der Cen- r sus; Geld, Maße u. Gewichte; das Copierecht; . die Heirathen u. Scheidungen; das Criminalrecht. , Die Gesetzgebenden Körper der Provinzen haben -V dagegen das Recht, sich für Provinzialzwecke selbst zu besteuern; Geld auf den alleinigen Credit der Provinz zu borgen; die Provinzialbeamten anzustellen u. zu besolden; die Anlage von Irren» u. Armenhäusern rc. zu beschließen. Der Unterricht ist gleichfalls der Provinzial-Gesetzgebung überlassen, mit gewissen gesetzt. Vorkehrungen gegen Eingriffe in die Rechte religiöser Minoritäten. Von geschichtl. Wichtigkeit sind noch die durch den Genfer Schieds- erichtsspruch u. durch den des deutschen Kaisers eigelegten Streitfragen über die Grenze zwischen Britisch-NAmerika u. den Vereinigten Staaten westl. von dem Felsengebirge u. über die N- u- WGrenze bei der Vancouvers-Jnsel (die sogen. San-Juan-Streitigkeit). Durch die Beilegung dieser Streitfragen erhielten die Unionsstaaten mit Hinsicht auf die erste durch den Vertrag von Washington die Freiheit, gegen Zahlung einer durch eine Commission zu bestimmenden Summe 10 Jahre lang in den canadischen Gewässern zu fischen, wogegen sie aber die canadischen Fische zollfrei bei sich eingehen lassen müssen. Der St.- Lorenzstrom ist den Bewohnern der Uniois auf ewige Zeiten geöffnet u. der Michigan-See den Canadiern auf eine Reihe von Jahren. Was die N- u. WGrenze bei der Vancouvers-Jnsel anbetrifft, so bestimmte der deutsche Kaiser, daß die kleine im Queen-Charlotte-Sonnd gelegene Inselgruppe San Juan den Vereinigten Staaten gehöre u. daß sich die streifige Grenzlinie westlich von dieser Inselgruppe durch den Qneen-Charlotte- Sound, den King-Georges-Sonnü u. die Straße von Fuca ziehe. Literatur: Rudlic aceount ok Oanaäa kor 1873 (xrintsä box oräsr ok Rarliamsnt), Ottawa 1874; Report (6) ok tlrs Department okLlarins anä Rislisriss kor 1873. ebd. 1874; Report, rsturos null statistics ok kirs Inland rsvenuss ok 0. kor 1873, ebd. 1874; Faillon, Ikistoire äo In Oolonis kranyaiss on 0., Montreal 1865; F. S. Hunt, 6., a §soArapl,ical, aAricnltural anä minsraloAical süstcli, Toronto 1865; M. Macfie, Vanconver Island anä Lritisli Oolnm- bia, Lond. 1865; CH. Marshall, Tlrs Oanaäian Dominion, Lond. 1871; Martindale, RscoRsc- tions ok 6., Lond. 1873; A. Monro, Distorz', AooZiapIrx anä statistics ok Lritislr lilortlr-Lms- rioa, Montreal 1864; Philpot, Oniäs Look ko tlrs Oanaäian Dominion, Lond. 1871; Th. Raw- lings, Mrs Oonkeäeration ok tlrs Lritislr Rortir- Lmsrican Lrovinoss, tlrsir past lristor/ anä kntnrs xrospocts, Lond. 1866. Bartling. Cänadabalsam, der aus der nordamerikanischen Lines dalsamsa D<7. ausfließende Terpentin. Er bildet eine farblose bis blaßgelbe, zähflüssige Masse von aromatischem Geruch, in Weingeist nur unvollständig löslich. An der Luft trocknet er zu einem harten Firniß. Mit Wasser destillirt liefert er ca. 17 pCt. eines Kamphers von balsamischem Geruch, während eine Harzmasse zurückbleibt, von der ein Theil in Alkohol, ein anderer in Äther löslich, ein dritter Theil in beiden Flüssigkeiten unlöslich ist. Er wird zum Verkitten von optischen Gläsern benutzt. Clären. Canadian River, Fluß in den Vereinigten Staaten von NAmerika; entspringt auf der Guadalupe Range im Gebiete Neu-Mexico, fließt in östlicher Richtung durch den nördlichen Theil des Staates Texas, dann durch den südlichen Theil des Jndianergebietes u. vereinigt sich nach einem Lause von ungefähr 320 irm mit dem Arkansas. Während des Sommers ziemlich seicht, schwillt er Ende Winter plötzlich an und überschwemmt die Umgegend. Von seinem gefärbten Wasser führt «r den Beinamen Rio Colorado; sein nördlicher Hauptarm ist der Rio Nutria (Norrh-Canadian). Canadische Compagnie, eine Gesellschaft französischer Unternehmer, welche den Handel mit Biberhäuten in Canada ausbeuten wollte; ver- — Oanalis. 437 einigte sich 1719 mit der Französisch-Indianischen Gesellschaft u. ging mit dieser zu Grunde. Canadische Krankheit (ülordns canaäsnsis. Englische Krankheit, ülalaäis «iss öbonlemsnts), ein 1760 zuerst unter den Bewohnern der Bai von St. Paul beobachtetes Syphilord und besonders 1785 grassirend. Zeichen: Pusteln und Geschwüre im Munde, flechtenartige Geschwüre in der Haut, nächtliche Knochenschmerzen, Knochenfraß der Knochen der Nase, des Gaumens, des Schädels, der Extremitäten, Anschwellungen der Achsel-, Hals- und Leistendrüsen, Ausfallen der Haare, Brustbeschwerden, Verlust der Sinne, Auszehrung; s. Syphilo'rde. Canadische Seen heißen die 5 großen Süß- wasserseen zwischen dem Dominion of Canada u. den Vereinigten Staaten, welche ihr Wasser gemeinschaftlich aus dem St.-Lorenz-Strome unter dessen verschiedenen Namen (St. Louis, St. Marys Strait, Strait of Mackinaw, St. Clair, Detroit, Niagara) empfangen n. durch denselben unter sich in Verbindung stehen. Es sind: der Obere See (Dalcs Superior), Michigan, Huron, Eric und Ontario (s. d. einzelnen Artikel und vgl. unter Amerika, S. 542). Sie bilden das größte Binnen- seensystem der Erde, nehmen zusammen einen Flächenraum von nahezu 275,000 f^jlcin ein, sind durch ihre Schifffahrt, Eisenbahn- und Kanalverbindungen von größter Wichtigkeit für die Vereinigten Staaten sowol, als für die englischen Besitzungen. Canaille (franz.), 1) gemeines Volk aus der niedrigsten Klasse. 3) Niedriges Schimpfwort liederlicher, lasterhafter Leute aus der untersten Klasse; daher canaillös, liederlich, nichtswürdig; Ca- naillerie, niedriges, schändliches Betragen. Canale (Canaletto), Antonio, auch ilTonino, Landschaft- u. Prospectmaler, geb. 1697; malte anfangs Theaterdecorationen, ging 1719 nach Rom, wo er die alten Bauwerke aufnahm u. sich dabei zuerst der Oamsra odsoura zur richtigen Darstellung der Perspective bedient haben soll. Später kehrte er nach Venedig zurück u. zeichnete sich durch treue Darstellung der Straßen, Plätze u. Kanäle dieser Stadt aus u. reiste zweimal nach London, wo er 1768 starb. Er gab 31 Blätter Ansichten von Venedig, die er selbst radirt hat, heraus. Er ist nicht zu verwechseln mit seinem Neffen Bern. Canaletto (s. u. Bellotto). Regnet.» Canaletto, 1) Antonio, s. Canale. 2)Ber» nardo, s. Bellotto. Lanalioüli (lat., Anat.), kleine Gänge; besonders 6. lacrimalss, Thränenkanäle; 0. ssminalss, Samenröhrchen. LanLlis (lat.), 1) Röhre, s. u. Wasserleitungen. 2) (Anat.) Gang, Kanal; z. B.: 6. alveolaris, so v. w. Unterkieferkanal; 0. (Ductus) artoriosus Lokallii, s. u. Botalli; 6. caroticus, s. Kopfarterien- kanal; 0. Ralloxii, s. Fallopischer Kanal; 0. in- Auinalis, Leistenkanal; 0. inkraorlntalis, so v. w. Unteraugenhöhlenkanal; 6. lacrimalis, so v. w. Thränengang; 6. maxillaris, s. Unterkieferkanal; 0. msäullas spinalis, s. Rückenmarkskanal; 0. na- salis, Nasenkanal; 0. Palatinos, s. u. Oberkiefer; 0. Rstiti, s. Peütscher Kanal; 0. Lzlvii, Sylvi- scher Kanal; 0. xztAomaticus, Zionistischer Ka« 438 Canandaigua — Canaresische Sprache u. Literatur. nal; Osnales semi-eireulare», Bogengänge des Labyrinths im inneren Ohr, s. d.; 6. vläianus, Gang für Nerven »nd Arterien gleichen Namens im Flügelfortsatze des Keilbeines, f. d. Canandaigua, Sitz des Ontario County im Nordamerikas Unionsstaate Neu-Dork, u. 42» 50' n. Br. u. 77» 15' w. L., am Canandaigua-See hübsch gelegen; 5146 Ew. Cananore, s. Cannanore. Canara (aus dem sanskrit. Karnata, einem Reiche im Innern des Dekhan), in neuerer Zeit übertragen als die Bezeichnung des Küstenstriches unter den Ghat, an der WKllste Vorder-Jndiens, von 15°'bis 12° 20' n. Br., gegen N. begrenzt von dem Flusse Sadarivaghas, gegen S. durch den Tschandragiri von Malabar geschieden, ein ungefähr 250 km langer hafenloser Küstenstrich mit zahlreichen Quellen u. Sümpfen, gebirgig durch die westlichen Verzweigungen der Ghat, dennoch fruchtbar u. gut angebant mit hauptsächlich Reis u. Pfeffer, auch reich an Palmen u. Teakwäldern; 2500 km; über 1 Million Ew. brahmanischer Religion, stark gemischt mit Dschaina, Moslemin, Juden und von den Portugiesen abstammenden Christen. Hier beginnt das Gebiet der dekhani- schen Sprachen; im S. wiegt der Tuluva-Dialekt vor. Das Land wird durch den Fluß Kundapura in NC. (administrativ ein District der SDivision der Präsidentschaft Bombay) u. SC. (District der Präsidentschaft Madras) getheilt; in dem ersteren (Haiga der Inder) ist Honamar der Hauptort, in dem letzteren (Tuluva) Maugalore, beide zugleich die einzigen bedeutenden Häfen. C. ist seit 1799 britisch; über seine früheren Geschichte s. Indien n. Dekhan. Canarac, Ort im District Puri der Division Orissa der vorderindischen Präsidentschaft Bengalen; berühmt durch die schwarze Pagode, einen mit vielen Sculpturen bedeckten Hindutempel aus dem Ende des Mittelalters, der jedoch in neuerer Zeit sehr verfallen ist. Canaresische Sprache u. Literatur. Das Canaresische (Canara od. genauer Cannada ist die Dravidische Form für das sanskritische Larnata od. Larnataka) gehört zu den Dravida- od. dekhamschen Sprachen Indiens und wird auf dem inneren Plateau desDekhan zwischen den östl. u. westl. Ghat- Gebirgen, nördl. über den oberen Kistua (Krischna) hinaus bis in die Gegend von Beder, südl. bis Coimbatore gesprochen. Obgleich von N. her das Mahratti, von O. her das Telugu u. Tamil, das Malajalam von SW. her vielfach in dieses Gebiet eingedrungen sind u. sich das Dekhani, die im S. gesprochene Mundart des Hindostani, als allgemeine Sprache der Mohammedaner wie als läu- Aua krauen der britischen Regierung und Armee über das ganze Land verbreitet hat, so wird dennoch die Zahl Derer, die das Canaresische sprechen, auf 7—8Mill. angeschlagen. Auch hat sich durch Eroberung u. Einwanderung das Canaresische in dem jetzt Canara genannten Küstenlande so festgesetzt, daß es hier das Tulu, die einheimische Landessprache, aus dem Munde der gebildeteren Klassen verdrängt hat. Die canaresische Schrift bietet die gesammte Buchstabenreihe des Sanskrit-Alphabets in gleicher Ordnung dar; die Schriftzcichen, namentlich wie sie auf älteren Inschriften erscheinen, bekunden deutlich ihren Ursprung aus dem Devanagari- Alphabet. Man unterscheidet die altcanaresische Sprache (kurvacka, Aals oauacka) von der ueu- canaresischen; beide Sprachuiedersetzungcn haben in ihrem Wörterschatze zahlreiche Sauskritwörter ausgenommen; während sie sich jedoch im Altcanare- sischen gewöhnlich den Lautgesetzen der Dravida accommodirten, wurden sie im Neucanarcsischen ganz unverändert der Sprache einverlcibt, so daß jeder Gebildete dieselben noch als Fremdwörter fühlt. Auf das heutige Canaresische hat auch das Hindostani vielfach Einfluß geübt. Nächst den Tamilen haben unter den dekhamschen Völkern die Canaresen die reichste Literatur, welche jedoch, jüngeren Ursprunges, vollständig dem Gedankenkreise der indischen sich anschließt. Die ältesten noch vorhandenen Bücher bilden Sabdamanidarpana (d. i.Wortperlenspiegel) vonKaviketzava, eineGram- matik des Canara nach dem System des Paniui, das Sabdamandschari (Blumenkorb der Worte), ein Substantivwörtcrbuch, u. Khandas, eine canaresische Metrik von Kavinagavarma. Ebenfalls dem 12. od. 13. Jahrh. soll noch das Heldengedicht Dscha- gannalhavidschaja angehörcn. Als classisch werden von den heutigen Canaresen angesehen die 4 größeren Gedichte, die Bearbeitungen der indischen Epen: Mahabharata u. Ramajana; die Übersetzung des Bhagavata-Purana, u. für die jetzigen ^ gelehrten Canaresen das wichtigste, das Dschaimi- nibharata (eine Bearbeitung des sanskritischen Atzvamedhaparva) von Lakschmipati aus Deva- pura. Sie gehören dem 14. Jahrh. an u. tra- gen ganz den Charakter der späteren Kunstpoesie. Wiederum einem späteren Kreise gehören die erzählenden Dichtungen Sobagina sone (Redeschmuckkranz), Birumale (Redeplatzregen) von Kenaka- dasa, Gajatscharitra u. die novellenartige Geschichte des Somasekhara und Tschitrasekhara au; ferner das Vasava-Purana und das Raghuvausakavja, zwei wichtige Werke der Linga-Verehrer; weiter die lobpreisenden Dichtungen (8duti oder Naimt- mzmn) Bhaktisara von Kenakadasa (aus Wisch»»), Siwabhaktisara (auf Siwa) und die Mahana- vamapadagalu, eine Sammlung kleinerer Lobgedichte; endlich als moralisch-didaktische Pro- s ducte das Jinamuni-Taneyyadnyanopadea, ein Hauptbuch der Dschaina, die Anubhavamrita, von den Brahmanen sehr geschätzt, und die Sarvadnjanapadagalu, eine Gnomensammlung. Gleichzeitig entstand eine große Anzahl kleinerer lyrischer Poesien, welche rein volksthümlich sind. Ihre Verfasser werden Dasa (d. i. Gebundene einer Gottheit) genannt. Zu ihnen gehören Kenakadasa, Pnrandaradasa, Vidschajadasa, Veikun- thadasa, Rangavallidasa; sowol in canarefischcr Sprache, wie in Hindostani dichtete Kabiradasa. Mit lyrischen Stücken gemischt sind die Prasanga und Jakschagana, Bearbeitungen alter mythologischer Stoffe in rhetorischer Prosa; ähnlicher Art sind die Dandaka in gereimter Prosa. Unter den Prosaschriften sind eine Geschichte des Sringeri-Klosters u. eine Geschichte der älteren Könige von Maisur ziemlich alt. Bemerkenswerth ist noch die Geschichte des Königs Bhutalapanda Canaria — Ccmarienvogel. 439 nebst den alten Gesetzen des Landes. Als ein Muster des prosaischen Stils gilt eine canaresische Bearbeitung des indischen Pantschatantra; sonst sind noch die Vetalapantschavinsati, die Sukasaptati u. die Battis puttali, ein beliebtes Märchenbuch mahrattischem Ursprunges, im Lande viel verbreitet. Ein neueres Prosawerk ist der Roman Nilavati von Jadavaraja, einem Hofdichter in Maisur. In neuester Zeit hat sich hier und da auch bei den Canarescn das Bestreben gezeigt, für den Druck zu schreiben. So hat Krischuama- charja, ein Advocat des obersten Gerichtshofes zu Madras, eine Canaresische Grammatik (Madr. 1838), ein Anonymus Kathamandschari (Erzählungen, Bangalore 1841) u. Adacki Sooba Row, Ltoriss null Rsvouuo ikapers (Madr. 1846) herausgegeben. Die Missionäre haben die Bibel übersetzt u. eine große Anzahl Tractätchen ansgegeben; auch begründeten sie 1844 eine Zeitung, die zuerst in Mangalore, dann in Bellary erschien. Unter Europäern wurden die besten Arbeiten über das Canaresische von John Mac Kerrell (Grammatik, Madras 1820) u. W. Reeve (Wörterbuch, Madr. 1832) geliefert. Vgl. Caldwell, L, oom- parsbivs Zrummur vk Druvickian or Lonbü-In- äinn kainil/ ok lanAnaAso. Lond. 1356. Canarra (Gran-Canaria), die fruchtbarste u. wasserreichste der Kanarischen Inseln; 1861 (30,g (UM); 1860: 68,302 Ew.; Gebirge: Roc- que de Sancillo 1666,»» m, Rocque de Nueblo 1505,» in u. Pico del Pozo de las Nieves 1834,» m; fast ganz vulcanisch, im N. u. O. sehr fruchtbar; zahlreiche Heilquellen; Wein- u. Olcultur, Seesalzgewinnung, Ziegenzucht; die Fichtenwaldungen nehmen immer mehr ab. Hauptort ist Ciudad de las Palmas, größte Stadt der Kanarischen Inseln, 11,400 Ew., große u. schöne alte Kathedrale, Wasserleitung, befestigter Hafen, Handel; Artenara, im Innern, 1200 Ew., deren Wohnungen ganz in Tuff gehguen sind; Tiraxana, alte Colonie freier Neger, Olbau; Teror, 4600 Ew., wunderthätiges Marienbild, heiße Quellen; Gal- dar, 2000 Ew., sehr alte Stadt. Canarie (fr., ital. Canario), sonst ein von der Gigue nur durch das geschwinde Zeitmaß unterschiedenes Toustück in G oder H Tact; besteht aus 2 Theilen, jeder zu 8 Tacten. Canarienbaum, Canarienharz u. Cana- ricnniissc, s. u. 6ana.rium. Canariensamen, Samen von dem Canarien- glanzgras (kbalario oanarisnsis); s. i?tis.Iari3. Canariensect, s. u. Cauarische Inseln. Kanarienvogel (l?iin§iUa. ouuuria. L., 8sri- nns eauarius ^r.), Vogelart aus der Fam. der Finken, Gruppe der Sperlingsvögel, Ordnung der Gangvögel (?L8ssrso); Schnabel kurz ,dick, stumpfspitzig, geradrandig; Flügel verhältnißmäßig groß u. spitz, in der Ruhe die Hälfte des Schwanzes bedeckend; Schwanz mittellang, am Ende eingeschnitten. Vaterland die Canarischen Inseln. Bei dem wild lebenden Männchen sind Stirn, Augen- , streif, Kehle u. Brust goldgelb; Kopf, Nacken, Rücken und Oberschwanzdccksedern gelb-grün mit grauen Federrändern; Unterseite weißlich; Schwingen und Steuersedern schwärzlich. Die Weibchen ' sind oberseits braun-grau mit breiten schwarzen Schaftstrichen, sonst fast wie das Männchen gefärbt, jedoch mit dem Unterschiede, daß bei ihm nur Brust u. Kehle goldgelb, die übrigen Theile aber alle mehr grünlich u. dunkler gefärbt sind. Jüngere Männchen haben die Farbe des Weibchens. Bei den ebenfalls diesem ähnlich gezeichneten Nestvögeln vertritt Grau u. Gelb-grau die Stelle von Braun-grau u. Grün-gelb. DerC. ist ein lehrreiches Beispiel der Veränderung, welche ein Thier erleidet, wenn es vom Menschen gezüchtet wird. Kaum mehr als 300 Jahre sind verflossen, daß man die ersten Wildlinge dieses jetzt verbreitetsten aller Stubenvögel nach Europa brachte; erst um die Mitte des 16. Jahrh. begann man den C. in Europa zu züchten, u. wenig über 30 Jahre ist es her, daß dieser Vogel sich die Welt erobert hat. Die gelbe Farbe, wie wir sie bei den in Gefangenschaft gehaltenen fast ausschließlich kennen, ist Folge der Züchtung, ein unvollkommener Leucismus (d. h. Weißwerden des ganzen Gefieders). Und wenn auch an manchen sogenannten grünen Vögeln die ursprüngliche Färbung wenigstens theil- weise hervortritt, so ist doch selbst die bei diesen Thieren so oft vorhandene schwärzliche Federholle ein Product der Züchtung. Mau unterscheidet hauptsächlich 2 Racen: Harzer oder Audreas- berger u. Holländer (Brüsseler, Brabauter, Pariser). Die letzteren sind in der Regel ganz goldgelb und ausgezeichnet durch eigenthüinlichc Federwuchernngen auf Brust, Rücken und Oberflügel. Sie zerfallen in mehrere Uuterracen; die größten sind die Pariser od. Trompeter mit krausen Schulter« u. Brustfedern; die eigentlichen Holländer oder Brabanter sind kleiner, mit unvollkommener Brustkrause (Oiiopsan) und ohne Scheitelbusch; die Brüsseler endlich, welche an Größe zwischen jenen beiden stehen, sind sehr schlank, rein goldgelb und nur an der Brust ein wenig kraus. Die Holländer sollen auch bei der sorgfältigsten Lehre niemals den vollkommenen u. reinen Schlag der Harzer Vögel erhalten. Diese zerfallen in zahlreiche Racen: in Hoch- od. Gold- gelbe,Gelblich- od. Röthlichbraune,Strohgelbe, Weiße, Grau-grüne, Gezeichnete, Gescheckte, Getigerte, Plattköpfige u. Ge- haubte, Gekrönte, Jsabell-Schwarz- und Grünslüg el, Schwarz- und Grünplatten, Schwalben rc. Am beliebtesten sind die Hochoder Goldgelben, deren Farbe dem Orange nahekommen u. möglich gleichmäßig über den ganzen Körper vertheilt sein muß. Schwalben sind solche, bei denen bestimmte Körpertheile, namentlich Oberkopf u. Flügel, eine dunklere Färbung zeigen, als der übrige Leib; bei den Schwarzschwalben sind z. B. jene Theile schwärzlich-grün u. der übrige Leib gelb. Der Gesang der Canarienvögel soll nur aus wohlklingenden Tönen bestehen; am beliebtesten sind die Glocken- u. Flötentöne, die Hohl-, Pfeif-, Lach-, Knarr- u. Bogenroller oder Triller. Je wechselreicher diese Laute vorgetragen werden, je angenehmer die Übergänge sind, mit welchen der Schläger sie verbindet, je richtiger er an- u. absetzt, um so höher steht er im Werthe. Der oft wirklich staunenerregende Gesang eines guten Vogels ist nur durch die außerordentliche Mühe u. Sorgfalt der Züchter zu erzielen u. zu erhalten. Unter 440 Öaimrinn. — Canarischc Inseln. 100 Vögeln sollen nur 10 ihrem Lehrer im Gesänge wirklich gleichkommen oder ihn übertreffen, nur 20 ihm annähernd gleichkommen, 70 endlich nur mittelmäßige Sänger abgeben, auch wenn sie vom besten Schläger abstammen u. beim vorzüglichsten Meister die Kunst des Gesanges erlernten. Als Hauptfntter reicht man den Canarienvögeln Rübsamen, ausnahmsweise u. nur zuweilen ein wenig Canariensamen, täglich einige Körnchen Hafergrütze; außerdem zur Abwechselung Grünzeug, wie man es gerade haben kann, ein Blättchen Salat, Sternmiere, Kreuzkraut u. a. Während der Mauser u. zur Brutzeit reichen diese Stoffe zur Nahrung nicht aus, dann muß man namentlich hartgekochtes Hühnerei füttern, u. zwar sowol vom Eiweiße u. Dotter, als auch von der Schale; letztere ist nicht zu vergessen, da sie die nöthigen Mineralstoffe zur Bildung der Federschäfte und Spulen enthält u. liefern soll. Statt Eischale gibt man auch wol das aus der Apotheke zu heziehende Os Kspias, die Rückenschuppe des Tintenfisches. Das Lrinkwasser muß stets frisch, darf nie faul sein; doch schadet es nicht, wenn ein grüner, von mikroskopisch kleinen, zu den Algen gehörenden Pflänzchen herrührender Anflug die Wände der Wasserbehälter überzieht; derselbe hält vielmehr durch sein Wachsthum das Wasser frisch. Zur Zeit der Mauser thut man gut, dem Vogel ein zweites Trinkgefäß in den Bauer zu setzen: Wasser, in welches man ein Stückchen Eisen (einen Eisennagel, nicht Drahtstift) legte, u. welchem man einige Tropfen guten Rothweins zufügte; dem Vogel bekommt solche Eisenweinkur ebenso wohl, wie eisenhaltige Mineralwasser, Stahlquellen rc. dem blutarmen Menschen. Wollen Canarienvögel brüten, dann gibt man ihnen einen Nesthalter (am besten einen Harzer Bauer), befestigt als Nest einen kleinen Blumentopf in demselben u. legt als Nistmaterial Haare, Federn u. Moos in den Bauer (Charpie ist zu vermeiden, weil sich die Vögel leicht darin verwirren u. die Jungen in ihr die Füße brechen); Federn dürfen nie beim Baumaterial fehlen, weil sonst die nistenden Vögel einander die Federn ausrupfen, namentlich die Weibchen ihre Männchen oft ganz kahl machen. Wer größere Zuchten vornehmen will, oder mit kranken Vögeln zu thun hat, dem sei Brehm, Gefangene Vögel, Leipz. seit 1872, angerathen, das auch hier zum Führer diente. Vgl. auch Der C., 4. Stereotyp-Ausg., Hamb. 1875. Thoms. Osnsrinn L., Pflanzengatt, aus der Fam. der OampannIaoöas-V-alilsnbsrAioas (VI. 10), mit gegenständigen, gestielten, pseilsörmigen u. gezähnten Blättern, gabelig verzweigtem Blüthenstande u. schönen großen Blüthen mit Ktheiligem Kelche, 6- spaltiger, glockenförmiger, blaßgelber, an den Einschnitten purpurrother Blumenkrone; Frucht eine unterständige, «Fächerige, vielsamige Kapsel. Die einzige Species der Gattung, 6. Oampannla L., ist auf den Canarischen Inseln heimisch u. gedeiht bei uns gut im Kalthause. Engter. Canarische Inseln (span. Jslas Canärias), eine Inselgruppe des nordwestlichen Afrika (von den Spaniern jedoch zu Europa gerechnet), im W. der marokkanischen Küste, nur 15 M vom Cap Bojador entfernt, von 27° 37' bis 29° 30' n. Br. u. 0° 30' w. bis 5° L. L.; 7295 Hjlcm (132, g iHM). Sie bestehen aus 7 größeren be- wohnten Inseln: Hierro od. Ferro 4622 (1860), Palma 31,405, Gomera 11,386, Teneriffa 91,482, Gran - Canaria 68,302, Fuertevcntura 11,325, Lancerote 15,524 Ew., n. mehreren kleineren unbewohnten. Sämmtlich bergig, erheben sie sich zu sehr bedeutenden Höhen; der höchste Punkt ist der Pico de Teyüe auf Teneriffa 3589 m, nebst der Felsenkette von Guajara 3265, g m, die Sierra de Palma auf Palma, 1800 — 2200 in, u. auf Gran-Canaria der Pico del Pozo de las Nieves, Nueblo u. Sancillo 1500 —1800 m; die ganze Gruppe ist durchaus vulcanisch, Palma ist fast ganz basaltisch, Teneriffa und Lancerote bestehen aus Trachyt; die meisten Krater sind jedoch erloschen. Aus Palma erfolgten noch 1677 Lava- ergllsse, aus Lancerote noch 1730 — 36 u. 1824. Das beständig milde Klima ist eines der trefflichsten auf der Erde; Schnee beständig nur auf den höchsten Theilen von Teneriffa u. Palma. Im Winter verursachen die heftigen Regengüsse oft verwüstende Überschwemmungen; auf einigen Inseln ist aber auch wiederum der Regen Jahre lang ausgeblieben. Die Vegetation, begünstigt durch Klima u. fruchtbaren Boden, ist nach dem verschiedenen Niveau sehr verschieden, hat aber infolge der Colonisation einen ganz anderen Charakter angenommen, als vor der Entdeckung von Amerika, wie denn z. B. die großen Drachenbaum- wälder fast ganz ausgerodet sind. Hauptpro- ducte sind Öl, Getreide, europäische Baumfrüchte, Zucker (besonders früher), Wein (der einst berühmte Canariens ect oder Malvasier kommt nur noch als Sherry und verfälscht vor; auch liegt seit 1852 der Weinbau infolge der Traübenkrank- heit so sehr darnieder, daß er kaum noch den 10. Theil der früheren Production hervorbringt) und Orseille; aus der Thierwelt Ziegen u. Esel, sowie Hirsche (auf Gomera), der Dromedar ist seit Jahrhunderten eingeführt; unter den Vögeln erscheint der Canarienvögel in ganzen Banden; Bienen in der Retamagegend von Teneriffa, Seidenraupen, Cochenille aus Teneriffa. Die Bevölkerung von 237,036 Seelen (1860) ist katholisch u. trägt wesentlich spanischen Charakter; die Urbewohner, dieGuanches, von berberischem Stamme, sind in ihrer Reinheit ganz verschwunden u. mit den Eroberern vermischt. Hauptbeschäftigung ist Acker- u. Weinbau, doch ist, nur etwa H des Bodens cultivirt; ansehnlicher Fischfang, besonders auf Stockfisch, wird an der gegenüberliegenden afrikanischen Küste betrieben. Industrie fehlt fast ganz; Seidenstoffe werden auf Palma und Branntwein auf Fuerteventura u. Gomera, beides für den Export nach der Havanna, fabricirt. Der Handel steht in keinem Verhältniß zu der günstigen Lage des Archipels; Hauptausfuhrartikel sind Wein, Getreide, Branntwein, Barilla (natürliche Soda), Orseille, dann Cochenille, Ziegenhäute, Harze, Honig u. Wachs, Salz u. etwas Seide. Der Handelsverkehr ist am bedeutendsten mit England, wie denn auch vorzugsweise Engländer den Handel auf den C-n I. selbst betreiben; von Spanien finden sich jährlich höchstens 12—18 kleine Schiffe ein. Doch hat sich seit der Oanariuni — Cancan. 441 Erklärung der C-n I. zu Freihäfen (1852) der Handel sehr gehoben. Die C-n I. bilden eine besondere Provinz des Königreichs Spanien; stehen unter einem Generalgouverneur, der zu Santa- Cruz auf Teneriffa residirt, u. zerfallen in 3 Ber- waltungs- u. 8 Gerichtsdistricte. Die Einkünfte decken die Verwaltungskosten nicht. Die Geistlichkeit steht unter einem Bischof; der Schulunterricht ist sehr vernachlässigt; höhere Schulen gibt es gar nicht. Die Miliz zählt in 8 Bataillonen 11,600 Mann. Vgl. L. v. Buch, Beschreibung der C-n I., Berl. 1825, mit Atlas; Lärmig Islanäs kx Viäsl L ^rlstt, Lond. 1834—38; Barker, Webb u. Berthelot, Riat. rmturslls äss Istos Oanarloa, Par. 1836—44, Bd. 1 —S, mit Atlas. — Die C-n I. hießen im Alterthnm Insnlas Xtlanbioao (I. lorbuuatas, I. Hsspsrickum), später klanarias n. Oanarias. Die Namen der einzelnen waren nach Ptolemäos u. Plinius: Ombrios (Plnvialia), Junonia, Capraria (Casperia), Ninguaria und Canaria (Planaria). Um das Jahr 1350 wurden sie den Arabern bekannt, welche röthliche und schwarzbraune, langhaarige Leute, die Ackerbau trieben und gastfrei waren (Gnanches), dort fanden. Aber schon Ende des 13. Jahrh. hatten die Genuesen u. 1341 der Florentiner Angiolinv del Tegghia die Inselgruppe gesehen u. besucht, dann schenkte Papst Clemens VI. 1344 dieselbe dem spanischen Prinzen Ludwig de la Cerda, der jedoch nie in den Besitz derselben kam. 1402 landete der normannische Baron Jean de Betheucourt an den C-n I., mit denen ihn Heinrich III. von Castilien belehnt hatte; er eroberte Ferro u. zwei andere Inseln, aber sein Neffe Marciot de Bethencourt mußte diese Inseln dem Jnfanten Heinrich von Portugal 1424 überlaffen. 1455 besuchte sie Cadamosto auf dessen Befehl. Die Inseln Canaria, Teneriffa und Palma eroberte erst seit 1478 Fernande; de Lngo für Castilien. Sieger und Besiegte verschmolzen zu einem Volke, doch tritt in Sitten und Gebräuchen der afrikanische Typus noch sichtbar hervor, wenn auch die Besiegten Christen geworden sind u. ihre Sprache bis auf wenige Spuren vergessen haben. Kolpe.* esnsrimn L. (Canarienbaum), Pflanzengatt, aus der Fam. der Burseraceen (VI. 1), hohe, harzreiche Bäume, mit großen unpaarig-gefiederten lederartigen Blättern u. kleinen, in achselftändige Rispen vertheilten Blüthen, deren becherförmiger Kelch 3-, seltener 5theilig ist n. deren 3—4, seltener 5 Blumenblätter ziemlich dick sind; Staubblätter 8—10; Fruchtknoten eiförmig, meist 3fächerig, mit je 2 Eichen in jedem Fache; Frucht eine eiförmige, oft 3kantigc Steinfrucht mit einem einsamigen Steinkern. Bon den etwa 50 Arten der Gattmig findet sich die große Mehrzahl im Indischen Archipel, mir wenige in Afrika u. auf Len Mascarenen, eine in Australien. 6. oommuns L. (Lalsainockönckron Wzfianiollm LstnM.), auf den Molukken; im übrigen tropischen Asten cultivirt. Die mandelähnlichen Samenkerne (Canariennüsse) sind süß u. ölreich u. werden roh oder geröstet mit Salz gegessen u. unter das Brod verbacken; unreif genossen erzeugen sie Dysenterien. Ferner liefert der Baum das dem Elemi ähnliche Canarienharz, eine weißgelbe, mit einem weißen Anfluge bedeckte, feste, zwischen den Fingern erweichende, erwärmt dem Elemi ähnlich riechende Masse, welche hauptsächlich zu Fackeln verwendet wird. 6. bonxalenso Äowd., in Silhet einheimisch, liefert den ostindischen Kopat (6opa1 tensr), welcher auch nach Europa verhandelt wird. 6. kimsla Loir., liefert in seinen Früchten die sogen, chinesischen Oliven, welche roh od. zubereitet genossen werden. Ebenso tragen eine Anzahl anderer in Ostindien u. China einheimischen Arten mehr oder minder gute Früchte. Engter. Canarue (Canarac), Ort im District Pnri, Prov. Orissa des brit.-ind. Gouv. Bengalen; berühmt durch den unweit gelegenen großartigen Hindutempel, die sogen. Schwarze Pagode, einen thurmartigen Bau, mit einer Kapelle das Bild des Gottes enthaltend, dessen Eingang eine viereckige Halle bildet. stLnavalia Pflanzengatt, aus der Fam. der?s.yilloiiao Bartling.' Cannon, County im Nordamerika!!. Unionsstaate Tennessee, unter 35° n. Br. u. 86° w. L.; 16,502 Ew.; Countyfitz: Woodbury. Cannstadt, s. u. Kannstadl. Cano, Alonzo, genannt Racionero, span. Maler, Bildhauer u. Baumeister, geb. 19. März 1601 in Granada; ward von seinen Landsleuten mit Michel Angel» verglichen, mit dem er allerdings einige Ähnlichkeit hat. Wegen eines unglücklichen Duells mußte C. 1637 Granada verlassen u. floh nach Madrid, wo er durch die Protection des Grafen Olivarez zum Hosbaumeister u. Hofmaler u. 1647 zum Majordomus der Brüderschaft von den sieben Schmerzen Marias ernannt u. 1653 Subdiakon des Capitels von Granada wurde. Hier st. er 5. Oct. 1665. Seine Lehrer waren in der Malerei Fr. Pacheco u. Inan Castillo, in der Sculptnr Juan Martine; und in der Baukunst sein Vater Miguel. In seinem Stil lehnte er sich an die Antike an u. brach so mit dem Naturalismus seiner Vorgänger u. Zeitgenossen; seine Scnlpturen überragen alles bis dahin in Spanien Geleistete an Feinheit der Zeichnung u. Schönheit der Form, sowie an Sorgfalt der Ausführung; seine Gemälde zeichnen sich durch correcte Zeichnung, blühendes Colorit, klaren Ton u. Tiefe der Auffassung aus. Er gründete die Malerschule von Granada. Werke: in Sevilla: Lerez; ein todter Christus, im neuen Palaste zu Madrid; eine Madonna mit dein Rosenkranz, im erzbischöflichen Palast zu Granada; im Berliner Museum: eine heil. Agnes u. der Esel des Bileam. Regnet.' PiererZ Univerinl-LonverlationL-Lexiton. 6. Aufl. I - Canosa. Canobbro, 1) Thal in der italienischen Provinz Novara, am Fluß Teuere, der in den Lago- Maggiore mündet; arme Einwohner, die sich mit Schälen der Eichenrinde u. Gerberei nähren. 2) Flecken darin, am Teuere u. westl. am Lago- Maggiore; schöne Kirche; Spitzenklöppelei, berühmte Gerbereien; 2581 Ew. Canoe, so v. w. Canot. Canon, Canonisch, s. u. Kanon, Kanonisch. Canon, Johann, eigentlich Johann v. Stra- schiripka, österreich. Historienmaler, geb. 1829 zu Wien, ein Schüler Waldmllllers; diente 1848 bis 1852 als Cürassierosfizier u. ging dann ganz zur Kunst über, wobei ihm C. Rahl einflußreich zur Seite stand; bereiste den Orient, Frankreich und England u. nahm in Karlsruhe längeren Aufenthalt. Jetzt lebt C. in Wien. Werke: Cromwell an der Leiche Karls I.; Hans Sachs; Die Lautenspielerin; Die Fleischbank; Loge des hl. Johannes. Im letztgenannten Bilde (welches der Kaiser Franz Joseph während der Weltausstellung in Wien ankaufte u. welches eine Versöhnung der verschiedenen Kirchen zum Gegenstände hat) schlug C. den Weg der Nachahmung alter Meister ein. Für die Decoration, für das Porträt und die Einzelfigur besitzt C. ein glänzendes Talent. Rcgn-r. Canon (span., so v. w. Röhre) nennt man in den Cordilleren und im Felsengebirge eine tiefe, enge u. steile Stromschlucht, wie sie namentlich in den Thälern des Colorado u. Aellowstone häufig Vorkommen. Der Große C. des Colorado hat eine Länge von gegen 400 icm u. die Wände desselben eine Höhe von durchschnittlich 1000 m. Canonge, Jules, frauz. Dichter, geb. 20. März 1812 zu Nimes; gab zuerst einen Band Gedichtesammlung heraus: Rröluckss, 1835, und wurde Mitglied mehrerer Akademien n. literarischen Gesellschaften. Man hat von ihm die Gedichte: l,s lasss s, Lorronts (sein bestes Werk); Isrsntia, Is sonAs äss lies ä'or, 1839; Rss Premiers soil- taires, 1841 (Legenden); Ra Reine ckss Ress, 1844; Roemss et imxrsssions pastiguss, 1846; die Novellen Irans, 1849, n. ^riss en Rranos, 1850; viele Bände Gedichte, wie Varia, 1855; Louvenaness, 1864; Märchen und Sagen, wie: Olim, 1859; I,s§sn nant im 17. Linienregiment, 1832 Lieutenant u. ! ging als solcher 1835 nach Algier, wo er sich in den Kämpfen gegen Abd el Kader vielfach aus- > zeichnete, so auf den Zügen unter Clauzel nach , Maskara. Als Capitän 1837 dem Obersten ! Combes als Ordonnanzoffizier zugetheilt, nahm ! er an der Erstürmung von Constantine Lntheil. > 1839 kehrte er nach Frankreich zurück, um an der spanischen Grenze aus versprengten Theilen der Streitkräfte Cabreras ein Bataillon für die Fremdenlegion zu bilden, u. ward 1840 in das Lager von St. Omer berufen, wo er auf Befehl des Herzogs von Orleans die theilweise Bearbeitung eines Handbuches für den Dienst der leichten Truppen übernahm. Zu den Chasseurs zu Fuß versetzt, begab sich C. 1841 wieder nach Algerien, rückte 1842 zum Bataillonschef auf, focht unter Cavaignac, Bourjolly u. St. Arnaud, welch letzterer ihn hesonders gegen Bu-Maza verwendete; 1845 ward er Oberstlieutenant u. nach Tenes versetzt, wo er das Land unterwarf u. dafür 1847 zum Obersten ernannt wurde. Als Commandeur des 2. Regiments der Fremdenlegion wurde er 1848 dem General Herbillon zugetheilt und von demselben gegen die Bergbewohner des Aures ver- wendet; er schlug den Feind am Dschebel Schelia, drang dann bis Kebesch vor u. zwang den Anführer, Bey Achmed, die Waffen zu strecken. Von diesem Zuge zurückgekehrt, erhielt er ein Zuaven- Regiment, mit dem er den Kabylen, hauptsächlich den Stämmen der Dscherdschera, eine Reihe siegreicher Gefechte lieferte, 1849 den Zug nach der Zaatscha unternahm, welche er erstürmte u. dann dann das Gefecht bei Narah zu Gunsten der Franzosen entschied. 1851 ward er als Brigadier zur Uebernahme einer Infanterie-Brigade nach Paris berufen und vom Prinz-Präsidenten zum Flügcl- adjutanten erwählt und unterstützte denselben beim Staatsstreiche (2. Decbr.) wesentlich. Unter Beibehaltung seiner Functionen als Adjutant des Kaisers rückte er 1853 znm Divisionsgeneral auf und übernahm als solcher den Befehl über die 1. Infanterie-Division der unter St. Arnaud stehenden Orientalischen Armee. Nach der Landung der Murten auf der Krim machte er einen mißlungenen Versuch, die Russen in der Dobrudscha zu verfolgen, dagegen trug er durch Erstürmung der Höhen bei dem Dorfe Almaiamak wesentlich zum Siege an der Alma bei u. übernahm nach dem Tode St. Aruauds 28. Septbr. 1854 den Oberbefehl über die französischen Truppen in der Krim. Da es ihm nicht gelang, die Schwierigkeiten zu überwinden, mit welchen die Eroberung von Sebastopol verknüpft war, so legte er 16. Mai 1855 das Obercommando in die Hände des Generals Pelissier und übernahm den Befehl über das 1. Armeecorps unter demselben. Doch schon im August ward er nach Frankreich zurückberufen u. nach Stockholm gesendet, um den Anschluß Schwedens an die Alliirten zu vermitteln. 1856 wurde er Marschall. Im Italienischen Kriege 1859 com- mandirte er das 3. Armcecorps u. kämpfte bei Magenta u. Solferino; 1862 erhielt er das Com- mado des in Chalons lagernden Heeres, 1863 den Oberbefehl des 4. Armeecorps in Lyon und im Juni 1865 das 1. Armeecorps in Paris, wo er gleichzeitig Militär-Gouverneur wurde. Im Deutsch-Französischen Kriege 1870 wurde ihm zuerst das Commando über die Mobilgarden im Lager von Chalons, dann das 6. Corps bei der Rhein-Armee übertragen, mit dem er 16. und 18. Aug. 1870 an den Schlachten bei Metz theil- nahm; in der Festung mit eingeschloffen, ging er nach der Capitulation als Kriegsgefangener nach Kassel u. dann nach Stuttgart. Nach dem Frieden 1871 wurde er eine Zeit lang Obercomman- dant der Armee zu Bourges und ist jetzt Mitglied 29 * 452 Canstatt des obersten Kriegsrarhes; ein Commando hat er jedoch nicht wieder erhalten. Schroot." Canstatt, Karl Friedrich, geb. 11. Juli 1807 in Rcgensbnrg; empfing seine Gymnasialbildung in München, stndirte von 1823 ab in Wien u. Würzburg Medicin, promovirte hier 1829, ging nach Heidelberg n. zum zweiten Mal nach Wien, ließ sich 1831 als praktischer Arzt in seiner Vaterstadt nieder, begab sich dann 1832 zur Beobachtung der Cholera nach Paris, besuchte darauf die Schweiz u. ging von 1834—37 nach Brüssel, wo er in Houlay im Aufträge der Negierung ein Cholerahospital errichtete; er kehrte 1838 in sein Vaterland zurück, ward Gerichtsarzt in Ansbach, 1843 Professor der medicinischen Klinik u. Direc- tor des Krankenhauses in Erlangen; st. daselbst 10. März 1850. Er schr.: Wesen u. Behandlungsweise der ostindischen Brechruhr, Regcnsb. 1831; Krankheiten des höheren Alters, Erl. 1839, 2 Bde.; Specielle Pathologie u. Therapie, ebd. 1841 f., 4 Bde., 2. Ausl., 1843—48; Llorbrw LriZIrtit, ebd. 1844; Klinische Rückblicke, Tüb. 1850 f. Ein großes u. bleibendes Verdienst um die medicinische Wissenschaft erwarb er sich durch die Herausgabe seines Jahresberichtes über die Fortschritte der gesammten Medicin aller Länder, ebd. 1842 sf., der nach seinem Tode von Eisenmann, Friedreich, Scherer, Birchow, Hirsch fortgesetzt wurde. Thamhayn.» Canstein. Die Freiherren von u. zum C. gehören einer der ältesten Familien in Westfalen an, wo ihr Stammschloß Canstein liegt; sie bildeten schon früh mehrere Linien, wurden 1657 in den Freiherrenstand erhoben u. blühen jetzt in 2 Linien,der nassauischen u. preußischen. Einer dieses Geschlechtes, der Frhr. Karl Hildebrand, geb. 4. Aug. 1667 in Lindenberg, war erst Kammerjunker des Kurfürsten von Brandenburg und diente dann unter den brandenburg. Truppen als Freiwilliger in den Niederlanden. Durch Krankheit genöthigt, verließ er den Militärdienst u. ging nach Berlin, wo er sich frommen Werken widmete. Damit auch Ärmere sich die Bibel verschaffen könnten, besorgte er eine wohlfeile Ausgabe derselben mit stehenden Lettern (1713 das N. T., 1716 die ganze Bibel in kleinerem, 1717 in größerem Format). Er starb 19. Aug. 1719. C. schr.: Vorschlag, wie Gottes Wort Len Armen in die Hände zu bringen, Berl. 1710; Concordanz der 4 Evangelien, Halle 1718, Fol.; Leben Speners, 1729. Seine Bibliothek und einen großen Theil seines Vermögens vermachte er dem Hallischen Waisenhanse, u. es wurde davon zum Theil die C-sche Bibelanstalt gegründet (s. u. Frankesche Stiftung). Lebensbeschreib, von Plath, Halle 1861; vgl. Bertram, Gesch. der C-schen Bibelanstalt, Halle 1863. Cantabile (ital., singbar, gesangreich), 1) das Zusammenhängende, Leichte und Fließende einer Melodie. 8) Die sanften u. wegen der den Sing- stimmen angemessensten Mittellage der Töne leicht ausführbaren Stellen eines Musikstückes von mäßig langsamer Bewegung. 3) Ein Tonstück von langsamer Bewegung mit gesangartiger Melodie. Cantabrer (Oantäbri, a. Geogr.), in älterer Zeit Gesammtname der Völker der NKüste Spaniens, von denen das anstoßende Meer das 6an- — Canto!. tmbrienin irurrs (j. Meer v. Biscaya) u. das in S. begrenzende Gebirg Onntmbri naonbss hieß. Daher verstand man früher unter Cantabria die ganze NKüste Spaniens bis an die Pyrenäen, während seit Augustus nur das Waldland westl. von den Autrigonen u. Vasconen u. östlich von den Asturern (also das jetzige Biscaya, das nördliche Burgos u. das westliche Guipuzcoa) diesen Namen führte. Die C. waren ein rohes, abgehärtetes Bergvolk, bei denen die Frauen die Acker bauten; ein Lieblingsgetränk bereiteten sie sich aus dem Opferblute; berühmt waren die Cantabri» schen Schinken. Sie erhielten sich lange ihre Unabhängigkeit von den Römern, bis sie seit Augustus' Zeit in dem Cantabrischen Kriege (25—19 v. Ehr.) von denselben unterjocht wurden (s. Spanien, Gesch.). Viele fanden ihren Tod in den Schlachten, Viele tödteten sich selbst; die Wenigen, die sich ergaben, mußten sich in der Ebene niederlassen, welche aber doch nur durch zahlreiche Besatzungen im Zaume gehalten werden konnten; der Rest, welcher in dem Gebirge blieb, sind die Ahnen der Basken. Cantabrisches Gebirg, westliche Fortsetzung der Pyrenäen durch das nördliche Spanien; es beginnt am Bidassoa mit granitenen Bergen von durchschnittlich 500 in, bedeckt in verschiedenen Ketten die Provinzen Guipuzcoa, Biscaya und Santander, Theile von Pampluna, Alava, Burgos, Palencia u. wird von der Bergterrasse von Galicien bis zum Meere fortgesührt. Die südwcstl. Ketten führen auch den Namen des Asturisch-leone- sischen Berglandes. Die Abdachung nach N. ist kurz und steil, Las Gebirg tritt überall nahe au das Meer; die Flüsse sind unbedeutend u. haben einen kurzen Lauf u. jähen Fall. Die Flüsse der südlichen, sanfteren Abdachung fließen dem Ebro und dem Duero zu; die der WSeite, wie der Minho u. andere, nach dem Atlantischen Meere. Das Gebirg besteht größtentheils aus gelbem. Sandstein, welcher ungeheure Lager von Roth- eisenstein enthält, in Leon aus Granit. Aas Klima ist im Allgenieinen gemäßigt u. feucht, die Thäler fruchtbar. Die Höhen find bis zu 1400 m mit dichter Eichenwaldung (Unsren» ilsx) bedeckt, u. darin Hausen u. a. wilden Thieren noch Bären; Wein, Südfrüchte gedeihen nicht, sondern nur Getreide, Gerste, Hanf u. Flachs. Das Gebirg führt in den verschiedenen Provinzen verschiedene Namen, so: die Sierra de Aralar 1800 m, welche Guipuzcoa von Navarra scheidet, Sierra de Altube 2000 rn, Pcnas de Europa 2400 m, dann daS Asturische Gebirg, der größte Theil mit dem Paß von Pajares 2000—2300 m, das mit dem Kegel des Penamarela 3100 rn endigt. In der leoni- schen Kette find die bedeutendsten die Sierra negra, die Pena Trcvinio 2700 m, endlich im S. an der Grenze von Portugal die Sierra de Mome- zieho 2300 in. Cantadour (proveng.), Bänkelsänger. Cantal, 1) Departement im südl. Frankreich (zur ehemaligen Provinz Auvergne gehörig); 5741,„ Hjürn ( 104,27 i_M); grenzt im N. an Puy de Dome, im O. an Haute-Loire u. Lozere, im S. an Aveyron, im W. u. NW. an Lot u. Correze; sehr gebirgig (s. unt. 2); Flüsse: Dor- Cantara — dogne mit der Nue, Summe, Auze, Marone u. Cere (mit Jourdanne od. Jourdenne), ferner der Trueyre (zum Lot) u. der Alagnon (zum Allier); von 127 km der Eisenbahnlinie Toulouse- Lyon durchschnitten; kaltes Klima mit Sturmen u. häufigem Hagel; Boden wenig fruchtbar, nur an den Flüssen gutes Weideland u. darum bedeutende Viehzucht; berühmte Mineralquellen (Chau- dcs-Aigues u. a.); Producte: Walkererde, Thon, Gips, Marmor, Antimon, etwas Getreide, Kartoffeln u. Flachs, Gemüse, viel Kastanien (statt Brodes genossen), ferner Wildpret, Wölfe, Füchse, Pferde (zum Cavaleriedienste sehr geschätzt), Rindvieh (womit C. einen großen Thcil von Frankreich versorgt, es sind etwa 280,000 Stück vorhanden; in ganz Frankreich nur etwa 150 auf 1000 Ew.), Maulesel (Llräsbs ä'^uvsr^ne), Esel, Ziegen, Schafe, Schweine; Bienen; Butter, vorzüglicher Käse (namentlich zu Salers, Droma^s äs Roqnskorb). Eintheilung in 4 Arrondissements: Aurillac, St. Flvur, Manriac und Murat, zusammen mit 23 Kantonen und 264 Gemeinden. Einwohner (1872) 231,867; seit 1841 in starker Abnahme begriffen (damals noch 257,423 Ew.), ein großer Thcil davon wandert jährlich nach dem übrigen Frankreich u. nach Holland, dort Arbeit suchend. Zn Beziehung auf gewerbliche Industrie ist das Depart. das am wenigsten productive von allen, u. beträgt der Werth der betr. Erzeugnisse jährlich nur etwa 4 Mill. Fcs. Hauptstadt: Aurillac an der Jourdanne. 2) (Noniss Gsktornm) Südlichster Theil des Gebirges von Auvergne, vulkanischen Ursprunges, reich an Wasserfällen und großartigen Scenerien; höchste Spitzen: Plomb du Cantal 1858 m, Pny Brunet 1806 m, Puy Mary 1786 m. Es wird viel Sennwirthschaft dort getrieben. Vgl. O. Delitsch, Eine Wanderung im C. (Zeitschr. Aus allen Welttheilen, V. Jahrg., Lpz. 1874). Schroot.» Cantara, s. Cantaro. Cantarmi, Simon C. (il Pesarese), ital. Maler «. Kupferstecher, geb. 1612 in Pesaro, gest. 1648 in Verona, Schüler n. Freund Guido Renis, mit dessen Werken man die seinigen oft verwechselt. Hauptwerke: Entführung der Europa; Mercnr u. Argus; Venus u. Adonis. Man hat von ihm 37 in Kupfer radirte Blätter. Regnet.' Cantaro, Handelsgewicht und Weinmaß in NAsrika, der Türkei u. Italien. Als Handelsgewicht (Centner) hat es verschiedene Schwere: in Constantinopel — 56,^, rcsp. 57,^ KZ; in Rom — 33^ k§. Als Flüssigkeitsmaß (Cankara) in Spanien u. dein spanischen Amerika war der G. — 16,igg 1. Osntatnrs (ital.), Sänger. Cantate (v. Ital.), lyrisches Gedicht in verschiedenen Sätzen, bestimmt zum Gesänge mit Instrumentalbegleitung; besteht gewöhnlich aus Recitativ, Arie, Duett, Terzett u. Chören. Von Lied n. Ode ist die C. durch Wechsel der Empfindungen u. der metrischen Formen verschieden. Je mehr die einzelnen Theile der C. individuell bestimmte Empfindungen ausdrücken, um so mehr nimmt sie ein dramatisches Element in sich auf, das der Componist durch Übertragung der verschiedenen Theile an verschiedene Stimmen noch Canterbury. 453 deutlicher hervorhebt. Man unterscheidet geistliche u. weltliche Cantaten; jene heißen, in größerem Stil ausgesührt, besonders wenn sie biblische Scenen darstellen, Oratorien (s.d.); in kleinerem Stil heißen sie Cantatillen (Cantatinen); eine kleine C. für eine Singstimme mit schwacher Begleitung heißt Cantilene. C-n schrieben: unter den Italienern Rolli, Metastasio, unter den Franzosen Rousseau, Bachelier, unter den Engländern Congreve, Dryden, unter den Deutschen Ramler, I. G. Jacobi, Wieland, Herder, Gerstenberg, Bürger, Tiedge. Als Componisten solcher Dichtungen ragen hervor: Händel (Alexandersest), Nolle, Haydn (Schöpfung, Jahreszeiten), B. A. Weber, Karl Maria v. Weber, A. Romberg, Schneider, Fesca, Börner. LanMts (lat., d. i. Singet!), der 4. Sonntag nach Ostern, an welchem die Messe mit den Anfangsworten des 98. Psalms: Oantato Domino sto., beginnt. Cantatorrnm, Kirchenbuch der Röm. Kirche, aus welchem nach Verlesung der Epistel das Re- sponsorium abgesungen wird. Osntateix (lat., ital. Oanbabrios), 1) Sängerin. 2) Im Mittelalter so v. w. Drasüsa. ClMtovieja, feste Bergstadt in der span. Prov. Teruel (Aragonien); 2000 Ew. Stützpunkt der Carlisten in dem ersten Aufstande, 1836 von ihnen verloren, 1837 von Cabrera wieder eingenommen; ebenso in dem zweiten Aufstande, in welchem es ihnen im Sept. 1875 nach harter Belagerung entrissen wurde. Cantenac, Dorf im Arr. Bordeaux des franz. Dep. Gironde; bedeutender Weinbau (Mödoc) u. Weinhandel; 1010 Ew. Canterbury, 1) Hauptstadt der engl. Grafschaft Kent, in eineni reizenden Thal am Stour, der sie in mehreren Armen u. Kanälen durchfließt; in Form eines Ovals gebaut u. von 4 Hauptstraßen in Gestalt eines gothischen Kreuzes durchschnitten; alte ehrwürdige Stadt; Sch eines Erzbischofs, welcher zugleich Primas von E ngland ist, aber gewöhnlich in Sonthwark (London, residirt, unter welchem die 4 Prälaten von London, Lincoln, Rochester u. Winchester u. 21 Suffragan- bischöfe stehen; große Kathedrale in Form eines doppelten Kreuzes, mit schönem Hauptaltargemälde, Glasmalerei, 27 Nebenaltären, Denkmal des Erzbischofs Thomas Bocket und des Schwarzen Prinzen; die östl. Theile wurden von 1174—85 erbaut, seit 1376 noch das dreischiffige Langhaus hinzngefügr; sie wurde im September 1872 durch einen Brand verwüstet; unterirdisch ist eine Kirche, worin die nach Zurücknahme des Edicts von Nantes emigrirten französischen Protestanten Gottesdienst hielten; 14 andere Kirchen, worunter die St. Martinskirche (sehr alt, auf den Ruinen eines kölnischen Tempels erbaut, schöner Tausstein), die Heilige-Krenz-Kirche u. die St.-Dunstans« Kirche, worin das Haupt von Sir Thomas More begraben ist; Synagoge; Ruinen eines Augusti- nerklosters, längere Zeit als Brauhaus benutzt, in neuerer Zeit aber theilweise restaurirt, Ruinen eines Schlosses; Rathhaus, Theater, Hospitäler, große Kasernen; Ökonomische Gesellschaft; Gewerb- thätigkeit ziemlich gering: etwas Seidenwaaren, 454 Ountliarelliis — Canton. Kattun u. Musselin; Handel, namentlich mit Getreide u. Pökelfleisch, war srüher nicht unbedeutend, hat aber nachgelassen; in der Umgegend etwas Hopfenbau; Einwohner (1871) 20,962. In der Nähe 2 Mineralquellen. Ein Zweig der London-Dover-Eisenbahn führt von Ashford aus über C. nach Ramsgate. C. sendet 2 Mitglieder ins Parlament. — Zur Römcrzeit stand auf der Stelle von C. eine Stadt der Cantier. Bis 596 war C. Residenz der Könige von Kent. Um 570 wurde hier der Grund zum Christenthum in England gelegt u. ein Bisthum gegründet; 597 wurde St. Augustinus der erste Erzbischof und erhielt nachher den Titel als Primas des Reiches, der unter Lanfranc 1072 erneuert wurde und fortan dem dasigen Erzbischof blieb, welcher zugleich erster Peer des Königreiches ist n. das Recht hat, den König zu trauen. 1170 wurde der Erzbischof Thomas Becket in der Kathedrale ermordet. Vgl. Stanley, Wstorioal Memorials ob (!., 4. A., Lond. 1864. 2) Britische Colonie an der Pegasus-Bai ans der OKüste der Tewahi-Insel Punamu, der südl. Insel von Nen-Seeland (Polynesien); etwa 6000 sHIcm; ausgezeichnetes Weideland u. herrlicher Boden für den Ackerbau, angebaut werden namentlich Weizen, Gerste, Hafer u. Kartoffeln; 1871 47,000 Ew.; Hauptstadt: Christ- church; Hafenstadt: Lyttleton, mit dem Port Cooper. 1) Bartling." Lsntbarellus Pilzgatt. (Hz'insnoin^Lstss- ^Ag-rieini), fleischige Hutpilze mit wachsartigen, gegen den Rand hin verzweigten, schmalen, am Stiel herablaufenden Lamellen. 6. oibarius (Eierschwamm, Pfifferling), eidottergelb, mit fleischigem, fast ausgeschweiftem, meist in der Mitte vertieftem Hute; häufig in Nadelwäldern; eßbar u. wohlschmeckend. 6. inknnciibulikorinis §eox>., mit tief trichterförmigem, bräunlich-gelbem Hüten, hohlem gelbem Stiel; ziemlich häufig in Bergwäldern. 6. anrantiaens FVr'es, goldgelb mit filzigem Hute; ziemlich häufig; nicht eßbar. Engter. Canthartdcn (Lantlmrickes), s. Kanthariden. vantlmrickae, s. Reizkäfer. Cantharidin (Chem.) 6^62, der wirksame, blasenziehende Bestandtheil der Kanthariden oder Spanischen Fliegen (Nslos vesioatorius), ans welchen es durch Weingeist od. Äther ausgezogen wird, nach deren Verdunsten es in färb- u. geruchlosen kleinen Tafeln sich abscheidet, die bei 210" schmelzen und in Nadeln sublimiren; in Wasser nicht, in Alkalien, Äther, kochendem Alkohol leicht löslich. Auf der Haut bringt es Blasen hervor; innerlich wirkt es als heftiges, Magenentzündung hcrvorrnfendes Gift. Clären. Lsntwum (lat.), 1) ein Gesang, Lied; daher 6. eantioorum (d. i. Lied der Lieder), das Hohe Lied Salomonis. 2) In Len römischen Komödien u. Tragödien, im Gegensätze zum Dialog (vivsr- binm), eine Art Monolog, welcher gesangartig unter Begleitung der Doppelflöte (Mbia) vorgetragen wurde. Bisweilen war dieser Vortrag zwischen zwei Histrionen so getheilt, daß der Eine die mimischen Bewegungen machte u. der Andere sang. In dem C. herrschte leidenschaftliche Erregung, daher der Rhythmus lebhaft war u. die Metra vsl wechselten. Cantiea, wurden auch abgesondert von dem Drama bei Gelagen u. sonst gesungen. 3) Zaubergesang. 4) Pasquill. Cantier (a. Geogr.), Volk im südöstl. Theil von Britannien, in dem jetzigen Kent, mit dem Vorgebirge Cantimn, zwischen der Mündung der Thamefis (Themse) u. dem Hasen Rutnpä (jetzt Ruinen von Richborough). Die C. waren das gebildetste Volk unter den Britanniern u. wurden den Römern zuerst bekannt. Als Städte werden Lon- dinium (London), Durovernum, Rutnpä erwähnt. Lnntilens lloianäi (Rolandslied), s. u. Roland. Cantilene (v. Jtal.), 1) Singstück, ein fröhliches, heiteres Lied; 2) f. u. Cantate. Cautine (fr.), Feldflasche; Marketenderbude, Feldschenke; daher Oantinieis, Marketenderin. Cantire, Halbinsel in der Grafschaft Argyle, im südwestlichen Schottland, lang gestreckt in einer Ausdehnung von 89 km, mit dem Festlande nur durch eine schmale Landenge bei Kilcalmonell zusammenhängend; gebirgig, im Ben Torc gipfelnd; das südl. Ende, Äull ok 0., ist nur 21 icm von Irland entfernt. Oanio (ital., Mus.), 1) Gesang; daher 6. ksrmo, s. Osmtus ürmua; 0. ÜAurato, s. Figuralgesang. 2) Die Stimme, welche bei einem Musikstücke die Melodie führt, gewöhnlich Sopran oder Tenor. 6. ripisno der ausfüllende Discant, d. h. eine Discantstimme, welche nur bei Tuttistellen mit- wirkt, im Gegensätze zu den Soli. Canton (fr.), 1) Kanton, ein abgegrenzter, als für sich bestehendes Ganze betrachteter Theil eines Landes od. Gebietes od. einer Stadt. 2) Die einzelnen Staaten der Schweizerischen Eidgenossenschaft, früher Orte, wurden seit dem 15. Jahrh. von den Franzosen und später auch von den Schweizern C-e, genannt; s. Schweiz (Geogr.). 3) Gebietstheile in Frankreich, deren in der Regel mehrere zu einem Arr. gehören n. ihrerseits mehrere kleine, eine mittelgroße, oder Theile größerer Gemeinden enthalten. 4) Bezirk, aus welchem für Regimenter Rekruten ausgehoden werden; daher Cantonist, ein zu dieser Aushebung Verpflichteter (C-pflichtiger), od. auch ein solcher nach seiner Einstellung u. auf Urlaub gehend; s. u. Werbung. Canton, 1) Stadt (in China), s. u. Kanton. 2) Hauptort des Stark County im nordamerik. Unionsstaate Ohio, am Nimishillen Creek u. der Ohio-Pennsylvania-Bahn; höhere Lehranstalt;Wol- lenwebereien, Maschinenfabriken; 8660 Ew., darunter etwa 2000 Deutsche; Steinkohlenlager in der Nähe. 3) Hauptort des St. Lawrence County im Nordamerika». Unionsstaate New-Uork; Manu- facturen; 6379 Ew. Canton, 1)John, bedeutender Physiker, geb. 31. Juli 1718 zu Stroud in Gloucestershire; wurde 1737 Schreiber in London, später Lehrer u. von 1742 an Vorsteher einer Privatschule (Akademie des Spital Square); st. 22. März 1772. Er erfand 1750 das Verfahren, künstliche Magnete ohne natürliche zu fertigen, beschäftigte sich besonders mit Elektricität, wies (in: Msvtrioal Experiments sie., ?kn1. fl'r., 1751) zuerst die elektrische Vertheilung nach u. beschrieb in derselben Abhandlung ein Korkkugelektrometer. Ferner entdecke er 1762 zuerst die Zusammendriick- Cantomicmeut — Ccmule. 455 barkeit des Wassers, indem er bewies, daß das Wasser, durch das doppelte Gewicht der Atmosphäre seines Raumes zusammengepreßt werde (in: Lxpsrimonts to xrovs, tbat rvatsr is not ineomxrsssibls, Ibil. Ir., 1762, u. On tbs oom- xrsssibilltx ok ivater sie., ebd. 1764). Auch zahlreiche andere Abhandlungen von ihm finden sich in den Unlosopkiesl Irans aoiüoim, einzelne in anderen Zeitschriften. 2) Gustav, deutscher Landschafts- u. Thiermaler in München, geb. 1813 zu Mainz; bildete sich in Düsseldorf, bereiste Tirol, die Schweiz u. Italien u. verbindet in seinen Bildern das landschaftliche Element mit Menschen- u. Thiergestalten anss Anmuthigste. Er war auch Mitarbeiter an: Deutsche Dichtungen mit Randzeichnungen deutscher Künstler (Düsseldorf, Buddeus) u. führt die Radirnadel mit großer Fertigkeit. H Regnet. Cantormemeut (fr.), 1) (Cantonnirung) die einstweilige Verlegung von Truppen im Kriege oder Frieden in Städte und auf das platte Land (Cantonnirungsquartiere). C-s treten im Kriege ein, wenn der Feind nicht zu nahe ist u. man daher keine Überraschung von ihm zu besorgen hat. Die Bertheilung der Truppen in die C-s geschieht mit Rücksicht auf die Größe der Ortschaften, auf die Bedürfnisse der Truppen, auf die Schlacht-od. Marschordnung, sowie auf schnelles Sammeln der einzelnen Abtheilnngen bei plötzlicher Annäherung des Feindes. Gegen Überfälle sichert man die C-s durch Vorpostenaufstellungen u. andere zn deren Unterstützung bereitgehaltene Abtheilungen. Für eintretende Alarmirungen find im voraus die Plätze zum Sammeln bestimmt. Die Umstände bestimmen, ob die C-s weit, oder- eng, od. auch nur theilweise sein sollen. Vgl. Winterquartiere u. Cordon. Davon cantonni- ren, in C-s sich befinden. 3) In Algerien bestimmte, vermessene Districte, welche den einzelnen Araberstämmen angewiesen find. Cantons Phosphor, s. Calciumsulfuret. Lantor (lat.), 1) Sänger. 2) Vorsänger in einer Kirchengemeinde. 3) In den Domcapiteln der 4. Domherr, im Range nach dem Scholasticus, der mit ihm gewöhnlich den Gottesdienst besorgte u. bei den Domschulen Unterricht ertheilte; dessen Officium tkantoria; auch in Klöstern gab es einen C. In den Nonnenklöstern hatte die (jantrix den Dienst im Chor zu besorgen, auch den Unterricht im Gesang zu ertheilen. 4) Lehrer an einer Stadtschule, welcher gewöhnlich auch Unterricht im Gesänge ertheilt. Cantorat, die Stelle, u. Can- torei, die Wohnung eines C-s. Lantrix (lat., Sängerin), s. n 6sntor. Cant«, Cesare, einer der bedeutendsten ital. Gelehrten u. Schriftsteller, geb. 5. Sept. 1805 zu Brivio im Mailändischen; erhielt schon in seinem 18. Jahre die Professur der Ästhetik in Sondrio, 1827 eine solche in Como u. 1832 in Mailand. Als Dichter, wie als Historiker bereits bekannt, mußte er infolge der freisinnig gehaltenen Schrift: La^ionamenbi sulla storia lombsräa. äel sooolo XVIII.. Mail. 1833, eine fast einjährige Haft verbüßen, die er in der Form eines historisch-politischen Romans unter dem Titel: iliwAÜerlta. lustorla (Mail. 1837, n. A., 1874, deutsch v. Fink, Stuttg. 1841), beschrieb; hierdurch, wie durch seine religiösen Hymnen u. Gesänge, denen er Politik beizumischen verstand, in den weitesten Kreisen populär, machte er sich zum berühmten Manne auch über die ital. Grenzen hinaus durch sein großes Werk: Ltoris, univsrssls, Turin 1837 ff., 35 Bde., 9. A., 1864, das fast in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde, deutsch von Brühl, Schaffh. 1848 ff. Obwol er sich in diesem umfangreichsten ital. Geschichtswerke unseres Jahrh. als Bertheidiger des Papstthums, als Vertreter der Idee, den Staat mit der Kirche, die Politik mit der Religion zu vereinen, als Gegner der Freigeistcrei bekundete, feindete ihn die Regierung doch mehrfach wegen seiner politischen Gesinnung an, u. bei Beginn des Aufstandes in Mailand 1848 entging er der Verhaftung nur durch seine eilige Flucht nach Turin, von wo er indeß nach Unterdrückung der Revolution wieder nach Mailand zurückkehrte. In einem zweiten Hauptwerke: Ltoria. äsZU Itslisni, Turin 1854, 6 Bde., 1859, 4 Bde., erklärte er sich für einen ital. Staatenbuud, in welchem auch der Papst n. Österreich ihren Platz finden sollten. Politisch thä- tig war C. als Parlamentsmitglied 1859, indeß nach der Besetzung der Marken u. Umbriens zog er sich auch hiervon wieder zurück, um ganz seinen Studien leben zu können. Im I. 1874 wurde er von der Regierung zum Director der Archive in Mailand ernannt. Von seinen Werken sind noch zu erwähnen: Ltoria äslla eittä o äioeasi cki 6omo, Como 1829 u. ö., 2 Bde.; lotturo ^io- vanili, 4 Bde., In Isttoratura italiana per via. ä'ssewpii, Flor. 1850; Ltoria cisl esnt' anui, Flor. 1851; Lsooaria e il ciiritto psnalg, ebd. 1860; vol äiritto nsila storia, Tur. 1861; Ltorio minori, ebd. 1864 ff.; Vita. ps.rg.HvIs cki Llira- bsau s IVssbington, Mail. 1868; Oli vretioi ck'Italia, Tur. 1866—68, 3 Bde.; 8uon ssnso s bnon euors, 1.—10. A., Mail. 1870; Ilpor- takvssli äi nn' oxsrazo, Mail., n. A., 1872; Im oronistoria äell inäipsncksrma itsligns, Mail. 1871 ff.; Italiani illustri ritrstti, Mail. 1872 bis 1874, 3 Bde.; XIZiso ola IsAg. lornbaräa, seine bedeutendste Dichtung, n. A., Mail. 1870, nachdem die erste 1828 erschienen, rc. Sein Bru- der Jgnazio, geb. 5. Dec. 1810, war der Erzieher der Kinder des Erzherzogs Rainer und ist ebenfalls als Historiker rühmlich bekannt. 8->gai. Lantus (lat.), Gesang, 6. äurus, 6. mollig- u. 6. naturalis, die drei Grundhexachorden des Guidonischen Tonsystems, s. Solmisation. 6. üZu- raiis (6. ÜAnratus), Figuralgesang, s. u. Kirchenmusik. 0. türmus, 1) der aus gleichen Tonlängen bestehende Kirchen- u. Choralgesang, welchen Papst Gregor d. Gr. eingeführt haben soll; 2) besonders Chvralmelodie, um welche sich andere Stimmen in verschiedenartig rhythmisirten Noten (6. LZuratus) bewegen. Canule (fr.), chirurgisches Instrument, von Silber od. Kautschuk, an beiden Enden offen, verschieden gestaltet; dient beim Kauterisiren, um die umgebende» Theile zu schützen, auch in Verbindung mit schneidenden u. stechenden Instrumenten, um diese bequem einzubringen, auch um in Wunden einen Ausfluß zu bewirken. 459 Canulejus — Canulejus, Gajus, War 445v. Chr. Volks' tribun u. brachte mit seinen College» den Gesetzvorschlag (Osnulsjs lex) ein, daß Plebejer und 'llatricier sich gegenseitig heirathen u. Plebejer Konsuln werden dürften; s. Rom (Gesch.). Canusium, s. Canosa 1 ). Canüti, Dominica Maria, ital.Maler, geb. 1620 in Bologna, Schüler Guido Rems, gest. 6. April 1684 Las.; eiferte diesem mit Glück nach, vbwol es ihm an feinerem Farbensinne fehlte; auch führte er den Stichel mit großer Sicherheit. Seine Stärke liegt im Fresco. Werke: eine Kreuzabnahme bei Fackelschein, und die Fresken in der Libreria von S. Michele in Bosco zu Bologna. Regnet? Canzöne (ital., fr. Otzsnscm), 1) jedes Lied od. Liedchen. 2) (Poet.) Lyrische Dichtart, pro- venxalischen Ursprunges, schon im 13. Jahrh. in Italien gebräuchlich, von Petrarca in bestimmte Form gebracht (daher 6. kotrsrollsoos) u. von den Toscanern ausgebildet (daher 0. lllosoans). Sie gliedert sich in Stanzen von 11- u. 7silbigen Versen. Der erste Theil derselben zerfällt in gleiche Hälften (§ronts, klsäi) mit correspondirenden Reimen; der zweite (Lirims, Volts) ist von freierer Bildung. Nach einer Reihe von 5-10 solcher Stanzen schließt die C. mit einer kleinen Stanze (Ripress, OonZsäo, Oommisto, Olüuss), worin der Dichter von seinem Liede Abschied nimmt u. ihm den Ort seiner Bestimmung anweist. Neben dieser regelmäßigen C. gab es schon früh die 0. clistsss, welche die Verse nicht innerhalb ihrer Strophe, sondern mit den entsprechenden Versen der folgenden Strophen reimen ließ. Einzelne Strophen verbanden die Dichter auch durch Anhänge u. Zusätze (Ostens od. ülonili). Die 0. ^nsoreonties besteht aus kleineren Stanzen u. kürzeren Versen. Die 0. kinäsrios (0. slls Orsos), von kühnerem Schwünge u. freierem Metrum, wird getheilt in Volts, ltlvolts u. Ltsnrs oder llsllsts, Oontrsbsllsts u. Ltsnrs, entsprechend der griechischen Odentheilnng in Strophe, Antistrophe u. Episode; sie wurde erst im 16. Jahrh. von Luigi Alamanni eingeführt u. von Chiabrera ausgebildet; dieser nannte seine sehr willkürlich gegliederten C-n auch Osnronotts, 6. s bsllo (Lsllsts), eine der ältesten ital. Dichtarten, beim Tanze gesungen, bis zum 16. Jahrh. 3 ) Jede zum Thema für Variationen dienende Melodie. 4 ) Ein kleines Singstück für 4 u. mehr Stimmen. (lsuronetts (ital.), ein kleines einfaches Lied im Volkstone. Caolin, s. Kaolin. Caorle, Psarrdorf auf einer Lagnneninsel in der Prov. Venedig des Königreichs Italien; steht mit der Stadt Venedig durch Kanäle in Verbindung; kleinerHafen, kleines Fort; 2719 Ew. Einst Sitz des Patriarchen von Venedig. Cap (v. ital. Ospo, engl. Cape), 1) Vorgebirg; 2) besonders das Vorgebirg der guten Hoffnung, s. u. Capland. Capabel (v. Fr.); fähig, im Stande. Capaeeio, Stadt in der ital. Prov. Salerno, am Mittelmecre; theilt sich in C. Vecchio (bloß die Kathedrale u. geistlichen Gebäude; war früher eine bischöfliche Stadt für sich und wurde vom Capece-Latro. Kaiser Friedrich II. zerstört) u. in C. nu ovo; Bischofssitz; 3945 Ew.; auf den Trümmern des alten Pästum. Capacrtiit (v. Lat.), 1) der körperliche Inhalt eines hohlen Raumes. 2) Fassungskraft, Fähigkeit, Begabung eines Menschen, besonders zur Erlernung einer Kunst od. Wissenschaft. Capatti, Alessandro, namhafter ital. Histo- rienmaler der Gegenwart in Rom, geb. 1810; ward schon 1840 einstimmig zum Mitgliede der Akademie von S. Luca in Rom gewählt. Haupt- werk: Boas u. Ruth, Fresken für den Fürsten Torlonia. kupax (lat.), 1) fähig, Etwas in sich anfzuneh- men, geräumig. 2) Fähig, tauglich zur Verwaltung eines Amtes, zur Führung eines Geschäftes rc.; daher bei den Johannitern ein Ritter, der fähig war, eine Comthurei zu bekleiden; 0. tsucli, lehnsfähig. Cap blane (Cabo Blanco), Vorgebirg an der NWKüste von Afrika, nördl. von Senegambien, u. 22° n. Br. u. 2" ö. L. (v. Ferro). Cap-Colonie, so v. w. Capland. Cap Corsa, die nördlichste Spitze der Insel Corsica; dann auch die lange schmaleHalbinsel, in welche diese Insel ausläuft. Sie ist von einem Gebirge bis 1625 m Höhe durchzogen u. enthält eine Menge von Thälern, die zu den schönsten, fruchtbarsten (Wein u. SFrüchte) u. wohlhabendsten Theilen der Insel gehören. Capdueil, Pius de, Baron v. Puy-Ste.- Marie, proven^al. Troubadour; lebte im 12. Jahrh., machte den Kreuzzug von 1190 mit und fiel in Palästina. 3 begeisterte Kreuzzugslieder u. etwa 20 Liebesgedichte sind von ihm vorhanden. Cape (engl.), so v. w. Cap. Capeadores, s. u. Stiergefecht. Cape Ann, Vorgebirg im äußersten O. des County Essex, im nordamerikan. Unionsstaate Massachusetts; 2 Leuchtthürme. Cape Breton, Insel u. Colonie am äußersten Ende der kanadischen Prov. Neu-Schottland (Nova Scotia) in Brit.-NAmerika, U.45H—47°n. Br. u. 60—61° w. L.; 8094 Hstcm (147 UM). Ihre natürlichen Verhältnisse find im Ganzen die von Neu-Schottland (s. d. A. u. Canada, L. S. 433/34); reiche Fischerei; Steinkohlenbau; 50,000 Ew. Hauptstädte: Sidney u. Louisburg. Ein tiefer Busen (Bras d'Or) dringt vvu N. her seeartig in die Insel u. theilt sie in zwei nur an schmaler Stelle zusammenhängende Hälften. Zwischen dem NCap u. Cape Kay auf Neu-Fundland befindet sich der 29 lau breite Eingang zum St. Lorenzstrom. Capece-Latro, Giuseppe, neapolit. Staatsmann, geb. 23. Sept. 1745, aus einer der ältesten Familien Neapels; wurde sehr jung Erzbischof von Tarent mit dem Titel n. den Vorrechten eines Primas des Königreiches, kämpfte gegen veraltete Ideen u. Aberglauben, wies die Unrechtmäßigkeit des Tributs nach, welchen Neapel an den römischen Hof entrichtete, schrieb gegen den Cölibat, erklärte sich dann aber auch mit Freimuth gegen die verwerfliche Staatsverwaltung der Königin Caroline. Nach Errichtung der Republik 1799 vom Volke zur Leitung des Staates berufen, wurde er nach der Rückkehr der 457 Cape Coast Castle — Capella. königlichen Familie eingekerkert, spater aber frei« gesprochen. Unter Joseph u. Murat war C.-L. Minister des Innern n. erwarb sich als solcher besondere Verdienste um das Wohl des Landes. Nach der Restauration auch seines Erzbisthums entsetzt, zog er sich ins Privatleben zurück u. st. 2. Dec. 1836. Er schr.: RlsAio äs LsäsriAo II., Le äs Rrussia, herausgeg. von Graf v. Guibert, Bcrl. 1831. Lag«-' Cape Coast Castle (in derFantisprache 6 reell, d. i. Sitz), mehrere Forts, Hauptplatz der brit. Besitzungen an der Goldküste; Sitz des Gouverneurs (der unter dem Gouverneur von Sierra- Leoue steht). Dabei die gleichn. Stadt; Gouvernementsschule; bedeutender Seehandel mit Gold, Elfenbein u. Palmöl, landeinwärts bedeutender Absatz europäischer Maaren bis Sakatn u. zum Niger; 10,600 Ew., meist Neger. Seit 1844 im brit. Besitze, diente C. den Engländern als Operationsbasis in den Aschanti-Kriegen. Cape Cod, Halbinsel im nordamerik. Unionsstaate Massachusetts, u. 42" 3' 42" n. Br. u. 70" 14' 15" w. L.; schließt die Cape-Cod-Bai ein. Am nördl. Ende, Raca-Point, steht ein Leuchtthurm mit Drehlicht, genau unter 42° 3' 40" n. Br. n. 70° 14' 48" w. L. Auf dem Hochlande ein Leuchtthurm mit feststehendem Lichte u. 42° 2' 24" n. Br. u. 70° 4' 18" w. L. Cape Fear, Fluß im Nordamerikas Unionsstaate NCarolina, der sich nach einem Laufe von etwa 500 km (zur Hälfte für Dampfer schiffbar) in den Atlant. Ocean ergießt. An seiner Mündung liegt Smiths Island. Capefigue, Jean Baptiste Honorö Raymond, franz. Geschichtschreiber, geb. 1802 in Marseille; ging 1821 nach Paris, studirte Jura, wendete sich aber bald der Schriftstellerei zu u. wurde als Royalist Mitredacteur der tzuotüäisims, 1827 Redacteur des LIsssuAsr äss tlllamllrss, schrieb spater noch für viele andere Zeitungen; nach der Julirevolution 1830 blieb er Anhänger der Bourbonen, söhnte sich aber mit der Orleansschen Dynastie aus, war nach der Februarrevolution 1848 wieder Legitimist, schloß sich dann aber der Kaiserpartei an: er st. Ende Dec. 1872. C. schr.: Vis äs saint Vmcsub äs Rauls, Par. 1827, 2. A., 1840; Rssui sur Iss iuvusious äss lflcrmauäs äous Iss 6aulss sie., ebd. 1823; List, äs Rlli- lixps XuAusts (sein bestes Werk), ebd. 1829, 4 Büe., 3. A., 1842, 2 Bde.; Hist, csustitutioimslls «t aämiuistralüvs äs la Rruncs äspuis In mort äs kllilipps XuAusts susHu's, In üu än rsZue äs Louis XI, ebd. 1831—33, 4 Bde.; Ristoirs xllilos. äss zuiks, ebd. 1833 (Preisschrift); Ri- stoirs äs In Rskcrms, äs In LiZus sb äu rsAus äs Henri IV, ebd. 1834 f., 8 Bde.; Licllslisu, Llasuriu, In Rronäs st 1s rsAus äs Louis XIV, ebd. 1835 f., 8 Bde.; Louis XIV, son Asuvsru. «t sss rolations äipl. avsc IRurops, ebd. 1837 s., 6 Bde., n. A., 1844; Ls Aouvsru. äs äuil- let, Iss parbis st Iss llsmmss politiguss, ebd. 1835, 2 Bde.; klistoirs äs la Restauration, ebd. 1831, 10Bde., 3.A., 1842, 4 Bde.; äacguss II a 8t. Csrmain (historischerRoman), 1833, 2Bde.; RlMpps ä'Orlsaus, rsZent äs Rraucs, 1838; Ru§uss 6upst et Is, 3. raes, gusgu'ä Rllilipps XuAusts, 1839, 4 Bde; L'Rurops penäuut Is eonsuiat et l'empirs äs Rupolsou, 1839—41, 10 Bde.; Lss 6sut-äours, 1841, 2 Bde., deivtsch 1843; Lburismagne, 1841, 2 Bde.; Louis XV st In soeists äu 18. siede, 1842, 4 Bde.; L'Rurcps xsnäauti la rsvoi. krany., 1843, 4 Bde.; Lss äipioinatss suropssns, 1845; Rranyois I. st In Renaissance, 1844, 4 Bde.; Lsuis XVI, 1844, 4 Bde., n. A., 1855; La prssiäsucs äu conssil äs Llr. 6uisot, 1847; L'Rurops äspuis I'avsnsmsnt äs Louis Rllilipps, 1845—46, 10 Bde.; Ls OonZrss äs Visnns, 1847; L'Rurops äspuis la clluts äs Louis Rllilipps zusgu'ä 1a prssiäsncs äc Louis Napoleon Ron., 1849, 3 Bde.; Lss guatrs Premiers sisclss äs l'Rgliss ckrst., 1850 s., 4 Bde.; L'R§1iss au moz-sn-aAS, 1852, 2Bde.; L'Rgliss psnäaut Iss guatrs äsr- nisrs sied., 1858, 4 Bde.; Rist, äss Aranäss opörations änanciorss, 1855—58,4 Bde.; Xvant 1789; Rog-auts, Droit, Liberts, 1857; Lims, äs Rompaäour, 1858; Llms. la comtesss äu Rarr/, 1858, 2 Bde.; Lllls. äs la Vallisrs st Iss tavorites äss trois sZss äs Louis XIV., 1859; Lss äsrniers gours äs I'riauon, 1866; La Ravo- rits ä'uu roi äs Rrusss, 1867: La Oucllssss äs LourAOAns etla visill. äsLouis XIV., 1867, u. s. w. C. ist ein Vielschreiber, dessen Stil oft nachlässig ist n. der in der Benutzung der wichtigen, vorher unbekannten Quellen, die er bis 1848 in den Archiven einsehen durfte, oft flüchtig u. ungenau gewesen ist. Seine Werke über die berühmten Frauengestalten des 17. u. 18. Jahrh. sind ohne wissenschaftlichen Werth. Volchert.» Cape Girardeau, 1) County im nordamerik. tlnionsstaate Missouri, u. 37° u. 38° n. Br. u. 89" w. L.; 17,558 Ew.; Countysitz: Jackson. 2) Poststation darin, am Mississippi, oberhalb der Einmündung des Ohio; Schiffslandungsplatz; 3500 Ew. Cape Island (Cape Island City), blühender Badeort im County Cape May im nordamerik. Unionsstaate New-Jersey; auf der gleichnamigen, nur durch eine schmale Meerströmung vom Festlande getrennten Insel; im Sommer namentlich von der vornehmen Welt Philadelphias besucht. Oupsllu (lat., die Ziege), 1) (Astron.) Stern erster Größe im Sternbilde des Fuhrmanns. Vgl. Äga u. Amalthea. 2) (Mus.) S. X capslla. Capella, 1) Martianus (in einer Handschrift M. Minneus Felix C.), latem. Schriftsteller, geb. angeblich zu Madaura in Afrika im 5. Jahrh. nach Chr.; war Proconsul, schrieb in Rom ein encyklopädisches Werk, abwechselnd in Prosa und Versen, Latüriccm, über die 7 freien Künste, dem ein allegorischer Roman: Ds uuptiis RlliloloAias st Llsicurü, als Einleitung vorausgeht, aus ungewisser Zeit, aber noch vor der Eroberung Afrikas durch die Vandalen (430), zuerst gedruckt: Vicenza 1499, Fol., das Werk ist gelehrt, aber schwülstig u. schwerfällig, nicht ohne Barbarismen; n. Ausg. von Kopp, Franks. 1836, von Eyssen- hardt, Leipz. 1866. Dieses Buch galt lange als Lehrbuch in den Klosterschulen u. wurde auch zu Anfang des 11. Jahrh. angeblich vonNotker ins Althochdeutsche übersetzt, herausg. von Grass, Berl. 1837. 2) Galeazzo Flavio Capra, geb. 7. 458 Capellan - Mai 1487 in Mailand, Staatssekretär des Herzogs Franz Sforza; st. 23. Febr. 1537. Er schr.: I)s rsbus in Itaiis, gsstis sö äs bsllo meäiolaueusi, Ven. 1532 u. ö.; Historia belli iklusoiani, als Fortsetzung, Straßb. 1538, u. m. a. Capellan (Capellanus, Caplan), 1) der an einer Kapelle (Oratorium, LaoeUinin) zum Altardienste angestellte Geistliche, im Gegensätze zu einem Pfarrer, dem Geistlichen in einer Tauf- kirche, von welchem der C. oft ganz abhängig war. (lapsllnnns rsAius (L.psiatinus), Hofcaplan, an einer Königs- oder sonstigen Hofkapelle, welche gewöhnlich von der bischöflichen Jurisdiction exi- mirt waren. Bnrgcapläne, an Gotteshäusern bei Schlössern der Edelleute, waren entweder wirkliche Pfarrer, wenn das Gotteshaus des Schlosses eine Pfarrkirche war, oder standen unter dem Pfarrer der Parochie, wenn dasselbe bloß Kapelle war. Hanscapläne hielten sich iin Mittelalter auch manche Patricierfamilien in den größeren Städten, z. B. in Köln, welche Messen m ihren Hauskapellen lasen. Lapsllani militum, Militärgeistliche. Die tkapsiinni episeopalss waren entweder Hans- secretäre des Bischofs, oder wurden an Hauptkirchen der Diöcese als Assistenten des Bischofs beim Gottesdienste verwendet. Eigene C-e waren auch an Kirchen u. Kapellen von Klöstern, Hospitälern n. dgl. Instituten mit dem Amte der Seelsorge angestellt, ebenso bei Filialkirchen, und hießen tknpellavi ourati. An Len Stiftskirchen wurden auch Capläne gehalten, welche den Chordienst für abwesende Domherren besorgten. Caplanei ist ein einfaches Beneficinm, welches den Inhaber bloß zur Lesung einer bestimmten Anzahl Messen im Jahre in einer Kapelle u. an einem Altar verpflichtet. 3) In der Protestantischen Kirche an einigen Orten der Hilssgeistliche eines Pfarrers, so v. w. Diakon. 1-- Capclle, s. Bad (Chem., S. 510). Capellen, 1) Theodvrus Frederik van, holländischer Seemann, geb. 6. Sept. 1762 zu Nimwegen; trat 1772 in den holländischen Seedienst, wurde 1783 Capitän u. zeichnete sich bei mehreren Seegefechten aus. 1792, als die Franzosen Holland bedrohten, befehligte er mehrere Kanonenböte gegen dieselben; 1799 commandirte er den Theil der holländischen Flotte, welcher zu den Engländern überging. Deshalb vor ein Kriegsgericht gefordert, ward er, als er sich nicht stellte, in contumaciam zum Tode vcrurtheilt u. lebte bis zum November 1813 in England. Nach der Rückkehr des Prinzen von Orauien 1814 wurde er Viceadmiral. 1816 commandirte er die niederländische Flotte, welche mit der englischen unter Lord Exmouth Algier beschoß, u. hatte vorzüglichen Antheil an dem glücklichen Ansgange der Expedition. Er st. 15. April 1824 in Brüssel als Hofmarschall des Prinzen von Oranien. 3) Go- Lard Alex. Gerard Phil., Baron van der C., holländ. Staatsmann, geb. 15. Decbr. 1778 in Utrecht; wurde 1803Präfectursecretär daselbst, 1808 Präsect in OFriesland u. 1809 holländ. Minister des Innern u. Staatsrath. Während der französischen Herrschaft lebte er in Deutschland; 1814 ernannte ihn König Wilhelm zum niederländischen Colonialminister u. verwendete ihn in mehreren — Capcllo. anderen wichtigen Geschäften. 1815—26 war er Generalgonvernenr von Batavia; wurde 1828 Präsident des Curatorinms der Universität in Utrecht, ging 1838 als außerordentlicher Gesandter zur Krönung der Königin Victoria nach London n. notificirte dem Englischen Hofe 1840 die Thronbesteigung des Königs Wilhelm II., dessen Obcr- kammerherr er nachher wurde. Er privatisirte dann ans seinen« Landgnte Vollenhoven bei Utrecht, wo er 10. April 1848 starb. Capello (Cappella), 1) Bianca, eine Vene- tianerin aus angesehener Familie, Tochter des Bartolome» C., geb. um 1548; floh mit Pietro Buonaventuri, einem jungen Florentiner Kaufmann, unter Mitnahme mehrerer Kostbarkeiten des elterlichen Hauses 1563 nach Florenz, wo Pietro, wegen dieser Entwendung vom Senat von Venedig verfolgt, sich unter den Schutz des damals für seinen Vater, Großherzog Casums, regierenden Prinzen Francesco stellte. , Dieser, eben im Begriffe, mit Johanna von Österreich sich zu vermählen, entbrannte in Liebe für Bianca, hielt aber das von Pietro nicht gehinderte Vcr- hältniß bis zur Vermählung mit Johanna geheim; erst nach Vollzug derselben trat er öffentlich niit Bianca ans u. ernannte Pietro zum Palastinten- danten, ließ ihn aber, als seine Anmaßungen immer höher stiegen, 1570 ermorden. Jndcß hatte Bianca, um den Prinzen noch mehr an sich zu fesseln, eine Schwangerschaft simulirt u. brachte ihm, der von seiner Gemahlin nur Töchter hatte, ein untergeschobenes Knäblein als ihr Kind dar. Als die Großherzogin Johanna 1578 starb, wollte Francesco auf Zureden seiner Brüder mit Bianca brechen, doch wußte diese ihn aufs Neue derart zu umgarnen, daß sie zwei Monate später schon mit ihm heimlich getraut, im Oktober 1579 aber, nachdem auf seinen Wunsch der hohe Rath Venedigs sie als Tochter der Republik Venedig erklärt u. eine glänzende Gesandtschaft in Begleitung von 90 Nobili Venedigs in Florenz die Adoption vollzogen, öffentlich als Großherzogin erklärt wurde. Jndeß durch ihren Stolz u. die Herrschsucht ihres Bruders, der eine Zeit laug Minister in Florenz war, wurde sie bald dem Volke im höchsten Grade verhaßt u. suchte deshalb, u. da sie den untergeschobenen Sohn nicht zur Thronfolge bringen konnte, sich mit dem nächsten Thronerben, dem Cardinal Ferdinands Medici, auszusöhnen, der auch 1587 mit ihr u. seinem Bruder Francesco aus dem Lustschloß Poggio di Cajano eine Zusammenkunft hatte. Wenige Tage danach aber erkrankte das großherzogliche Paar, u. 19. Ott. 1587 starben Beide, erst der Großherzog u. daun Bianca, jedoch nicht, wie häufig behauptet wurde, infolge einer von Ferdinand veranstalteten Vergiftung. Biancas Geschichte ist wiederholt mich in Deutschland als Roman behandelt worden. 3) Karl C., ein Verwandter Biancas; war, während Florenz 1529—30 elf Monate lang belagert wurde, venetianischer Botschafter daselbst u. hinterließ sehr interessante Depeschen, die in neuerer Zeit E. Alben in Florenz drucken ließ. 3) Giovanni C.; war 1646 Oberbesehlshaber über Venedigs Flotte u. Heer im Kriege gegen die Türk-n ans Candia, mußte aber im Nov. dess. I. 459 Cape May — nach der Eroberung von Rettimo den Oberbefehl wieder abgeben; später war er als Gesandter Venedigs in Constantinopel thätig. Lagm. Cape May, County im nordamerik. Unionsstaate Ncw-Jersey, u. 39° n. Br. u. 74" w. L.; 8349 Ew.; Conntysitz: Cape May Courthouse. Das Land bildet hier eine Halbinsel, mit den Seebädern von Cape Island (s. d.). Am SEnde derselben befindet sich ein Leuchthans mit Drehlicht zur Bezeichnung des Wasserweges in die Dela- ware-Bai. Caper (C-schiff, engl, krivatssr, franz. Xrma- tsnr, 6orsairs), Schiff, welches zu Kriegszeiten mit Erlaubniß des kriegführenden Staates von Privaten ausgerüstet wird, um der feindlichen Macht durch Angriffe ans ihre Kriegs- od. Handelsflotte Schaden zuzusügen. Solche Schisse werden von einem C-capitän (Caperer) geführt, der entweder selbst das Risico trägt, oder von einem oder mehreren Unternehmern unter Zusicherung eines An- theils an der gemachten Beute angestellt wird. Von den kriegführenden Mächten werden Erlaubniß- scheine, Caperei zu treiben (C-briefe, Iwttrss äs margns), ertheilt, u. der Capitän u. die Mannschaft eines jeden C-s, der ohne C-briefe capernd betroffen wird, als Seeräuber bewachtet. Aufgebracht konnten nach dem früheren Sserechte von einem C. alle feindliche oder von feindlichen Häfen kommende oder nach ihnen gehende Schiffe werden, ebenso neutrale Schiffe, welche feindliches Gut geladen hatten; im letzteren Falle war jedoch bloß die Ladung verfallen, das Schiss aber frei, es sei denn, daß es Kriegscontrebande geführt hatte. In neuerer Zeit hat der Grundsatz, wonach neutrale Flagge feindliches Gut deckt (frei Schiff frei Gut) das C-recht, wo dasselbe überhaupt noch gilt, beschränkt. Sobald ein Schiff aufgebracht ist, werden alle Papiere in Beschlag genommen u. das Schiff in einen Hafen der kriegführenden Macht (Neutrale dürfen die Ausübung des C-rechtes in ihren eigenen Gewässern nicht dulden) gebracht, wo alle Vorräthe inventirt und versiegelt werden. Das Admiralitäts- oder Seegericht entscheidet sodann, ob Schiff u. Ladung eine gute Prise ist, wo dann beide verkauft, gewisse Procente an den Staat gegeben u. der Rest unter den Ausrüster des C-s, Len Capitän u. die Mannschaft des C-s getheilt wird. Wird das Schiff vom Gerichte sreigegeben, so ist der C. mitunter verpflichtet, dem Besitzer Schaden, Kosten u. Zeitverlust zu ersetzen, aber in dieser, wie in anderer Beziehung, find nie bestimmte Normen eingehälten worden. Da dis CapereimeistvonAben- teurern ausgeübt wurde und es sich oft erwiesen hat, daß diese um der Beute willen ihre Befugnisse überschritten, so daß diese Art legalisirten Seeraubes in verbrecherische Piraterie ausartete, so ist man in neuerer Zeit sehr vorsichtig in der Ausstellung von C-briesen geworden u. ertheilt dieselben, wenn überhaupt noch, meist nur gegen Stellung einer hohen Caution. Um unrechtmäßigen Erpressungen u. Unterschlagungen vorzubeugen, wurde es keinem C. gestattet, ein gecapertes Schiff gegen Lösegeld freizugeben u. überhaupt an Stelle des Prisengerichtes eigenmächtig gegen dasselbe zu verfahren. Die C-ei widerspricht als eine Capillargefäße. Gefährdung privaten Eigenthums dem im Landkriege jetzt von allen civilisirten Völkern angenommenen völkerrechtlichen Grundsätze der Sicherheit privaten Gutes gegen Brandschatzung, sie gewährt aber Staaten, welche eine große Handelsflotte haben, die Möglichkeit, sich gegen eine überlegene Kriegsflotte zu vertheidigen, weshalb die Abschaffung derselben von einzelnen Mächten, namentlich von England, lange Zeit vergeblich angestrebt wurde. Einzelne Staaten, so Preußen und die Nordamerikanischen Freistaaten in dem 1785 geschlossenen Vertrage, haben der Caperei gegenseitig entsagt. Zum völkerrechtlichen Grundsätze wurde die Abschaffung des C-wesens erst durch die Vereinbarung der den Pariser Vertrag vom 30. März 1856 unterzeichnenden Großmächte erhoben, welchem beizutreten die Vereinigten Staaten von N- Amerika sich weigerten. Die Regierung derselben machte geltend, daß die Caperei sich von der Ausübung des Rechtes, das Kriegsschiffe gegen Privateigentum auf hoher See für sich in Anspruch nehmen, nicht wol scheiden lasse, n. daß also den Staaten, welche eine große Kriegsflotte unterhielten, die Aufgabe eines Rechtes zu Gute komme, welches minder seemächtigen Staaten das Mittel gewähre, dem Feinde Abbruch zu thun u. ihn zu bekämpfen, ähnlich wie Freiwilligencorps die reguläre Kriegsmacht eines Staates verstärken. Die Seeversicherung schützt gegen Caperei, wenn Kriegsmolesten nicht ausdrücklich ausgenommen sind. Ist der Krieg bereits ausgebrochen, so werden Versicherungen gegen Kriegsgefahr nur zu sehr hohen Prämien (30—40 pCt.) angenommen, u. die Rheder Pflegten in diesem Falle früher die Schiffe zu armiren u. einen C-brief zu nehmen, wodurch die Schrecken des Seekrieges, indem die ganze Handelswclt daran betheiligt war, um Vieles vermehrt wurden. Die ersten C. finden sich im 12. Jahrh., wo in Dänemark ein Verein zur Vertheidigung gegen Seeräuber, auch um sie anzugreifen, zusammeu- trat. Die Fürsten begünstigten diese Vereine, sahen aber bald das Gefährliche derselben ein u. beschränkten sie durch Verordnungen. Im 15. u. 16. Jahrh. findet man erst C-briefe, u. der Niederländische Krieg diente dazu, die Caperei in ein sörmliches System zu bringen. Capet, 1) Hugo C., König von Frankreich; s. u. Hugo. 2) Louis C. wurde von den französischen Revolutionären Ludwig XVI. während seines Processes als Abkömmling C-s genannt. Capetinger, das französische Königshaus Hugo Capets (s. u. Hugo); begann 987 mit Hugo Capet u. erlosch 1328 mit Karl IV. im Mannesstamme, worauf eine Seitenlinie derselben, Valois, zur Regierung kam; s. Frankreich (Gesch.). Capctons, so v. w. Kapitonicr. Cape Vincent, Eingangshafen im Jefferson- County des nordamerik. Uniousstaates New-Uork, am St. Lorenzfluß oder eigentlich am nordöstl. User des Ontario-Sees; 3585 Ew. Oapiomt! jus (lat.), das Recht, durch ein Testament Etwas erben zu können. vspiüsmentum (röm. Aut.), Kopfschmuck von fremden Haaren; vgl. Perrücke. Capillarerscheinungen, s. Kapillarität. Capillargefäße (LaxtUarin vnsa, Haargefäße, 460 6axIIIaris — Anat.), die feinsten, äußerst dünnen (daher ihr Name), durchsichtigen Blutgefäße, welche die letzten Endigungen der Arterien mit den ersten Anfängen der Venen vereinigen n. somit den Übergang des Blutes aus jenen in diese vermitteln. Die C. sind der physiologisch wichtigste Theil des ganzen Blutgesäßsystems, indem durch sie der das Leben unterhaltende Stoffwechsel besorgt wird. Sic bilden in allen Körpertheilen (mit Ausnahme der sogenannten einfachen Gewebe) ein gleichförmiges, ununterbrochenes Netz, in dessen Maschen die Substanz der Gewebe liegt. Charakteristisch ist ferner für die C. im Gegensätze zu den Arterien u. Venen, daß sie durch Abgabe von Ästen nicht mehr auffallend kleiner werden, u. daß die von ihnen gebildeten Netze ziemlich gleich große u. gleich geformte Maschen in den einzelnen Organen bilden. Wo sich also C. wieder in zunehmenden Zweigen sammeln, gehen allmälig Ärterienenden oder Venenanfänge aus ihnen hervor, jedoch mit so allmählichem Übergange, daß eine Grenze nicht angegeben werden kann. Die Wand der C. ist in der Regel sehr dünn, waffcrhell, scheinbar struc- turlos, sehr dehnbar, besitzt einen bedeutenden Grad von Elasticität u. ist gegen chemische Mittel sehr widerstandsfähig. In ihr liegen in unregelmäßigen Abständen zahllose Kerne. Nach Zusatz einer schwachen Höllensteinlösung erkennt man, daß diese Kerne die Zellenkerne von Platten, spindelförmigen, nach der Mitte des Gefäßes gekrümmten Zellen sind, aus denen die Wand der C. zusammengesetzt ist u. deren Grenzen als vielfach geschlängelte Linien hervortreten. Zwischen diesen Zellen , sollen sich nach neueren Untersuchungen seine Öffnungen (die sogen. Stomata) befinden, durch die unter gewissen Umständen (z. B. bei der Entzündung) die Blutkörperchen, sowol rothe, als farblose, die Blutbahn verlassen u. in die Gewebe eiuwandern sollen (vgl. auch den Artikel Diapedesis). In Anordnung und Weite sind sie sehr verschieden, die feinsten u. einfachsten kommen in Nervengebilden u. Muskeln, die größten im Knochenmarke vor. Die feinsten C. sind aber noch so groß, daß sie für ein einzelnes Blutkörperchen durchgängig sind. Die von den C-n gebildeten Netze sind Maschen oder Schlingen von rundlicher oder gestreckter Form. Von der größeren oder geringeren Menge der Capillargesäße hängen viele, sowol physikalische, wie physiologische Eigenschaften der Theile ab. Diejenigen Organe zeichnen sich hauptsächlich durchReichthum an Haargefäßen aus, welche viel Blut enthalten, das nicht nur zu ihrer Ernährung, sondern auch zur Bereitung u. Absonderung gewisser Säfte verwendet wird, so die Schleimhäute u. die drüsigen Organe, u. hier haben die Capillargefäßnetze auch eine ganz andere Gestalt, als in den Theilen, wo bas Blut nur zur Ernährung der Substanz dient. Über die Bedeutung der C. für den Stoffwechsel iu physiologischer n. pathologischer Hinsicht s. Stoffwechsel u. Blut (v. S. 560). Berns." llspillLria (Bot.), haarfein, haardünn. Kapillarität, die Ursache der Capillarer- scheiuuugen (Haarröhrchenerscheinungen), d. h. der Erscheinungen der Hebung oder Senkung von Flüssigkeiten in eingetauchten Röhren von sehr - Capillarität. geringem Durchmesser (Haarröhrchen, Capillar- röhrchen, v. lat. oaxillns, Haar), oder zwischen Platten, die in geringem Abstande von einander sich befinden. Die C. beruht auf dem Zusammenwirken der zwischen den Röhrenwänden u. der Flüssigkeit wirkenden Adhäsion (s. d.) und der zwischen den Flüssigkeitstheilchen bestehenden Cohäsion (s. d.). Wird ein fester Körper in eine Flüssigkeit theilweise eingetancht, so tritt in der Nähe der Berührnngsstelle beider eine Störung der freien (horizontalen) Oberfläche der Flüssigkeit ein. Ist die Adhäsion zwischen dem festen Körper n. der Flüssigkeit größer, als die Cohäsion der letzteren, wird also der Körper von dieser benetzt (s. Adhäsion), so erhebt sich die Flüssigkeitsoberfläche an der Berührnngsstelle, n. zwar so hoch, bis das Gewicht der gehobenen Flüssigkeitsmenge der Cohäsion derselben u. der Adhäsion zwischen ihr u. dem festen Körper das Gleichgewicht hält; ist dagegen die Adhäsion schwächer, als die Cohäsion der Flüssigkeit, so findet eine Depression, ein Sinken der Flüssigkeitsoberfläche an die Berllhr- ungsstelle statt. Daher steht in einem reinen Glase bekanntlich Wasser — von welchem das Glas benetzt wird — am Rande höher, Quecksilber dagegen — weil von diesem das Glas nicht benetzt wwd — am Rande niedriger, als in der Mitte. Ist der eingetauchte Körper eine Röhre, so nimmt die Oberfläche der Flüssigkeit innerhalb derselben, wenn Benetzung stattfindet, eine nach oben concave, wenn dagegen keine Benetzung stattfindet, eine nach oben convexe Form an; der Gipfel der in der Röhre befindlichen Flüssigkeitssäule bildet, wie man sagt, im ersten Falle einen con- caven, im zweiten einen convexen Meniscus. Ist die Röhre hinreichend eng, so bleibt es nicht bei der Bildung eines Meniscus, sondern, wenn die Röhrenwand von der Flüssigkeit benetzt wird, diese also einen concaven Meniscus bildet, steigt infolge des an der Oberfläche des Meniscus u. normal zu demselben wirkenden Cohäsionsdruckes (s. Cohäsion) die Flüssigkeit, je enger die Röhre ist, desto höher, in letzterer über das äußere Niveau (capillare Erhebung), wenn dagegen keine Benetzung stattfindet, wenn sich also ein convexer Meniscus bildet, sinkt, ebenfalls infolge des Cohäsionsdruckes, die Flüssigkeit unter das äußere Niveau, u. zwar ebenfalls um so tiefer, je enger die Röhre ist (capillare Depression). Eine wesentliche Bedingung für das Gelingen dieser Versuche ist, daß die Wände der Röhre von allen Unreinigkeiten, welche die Adhäsion verhindern würden, frei seien. Die Erhebung, resp. Senkung der Flüssigkeitssäule ist, wie Beobachtung u. Berechnung übereinstimmend zeigen, dem Röhrendurchmesser umgekehrt proportional. So wird z. B. Wasser von 8,5"0. nach Gay-Lussac in einer Glasröhre von 1 nun Durchmesser um 29,« mm gehoben, in einer Glasröhre von 2 mm Durchmesser um 14,« mm, also nur halb so hoch. Ähnliche Erscheinungen finden auch in anderen engen Räumen statt. So steigt z. B. Wasser zwischen zwei parallelen Glasplatten in die Höhe; u. zwar ist die Höhe der gehobenen Säule so groß als in einer cylindrischen Röhre, deren Durchmesser gleich dem doppelten Abstande der Platten ist. Zwischen zwei unter einem spitzen 461 Capillarnctz Winkel zusammenstoßenden Platten steigt eine dieselben benetzende Flüssigkeit in der Nähe der Kante höher, als da, wo die Platten weiter von einander abstehen, u. der Gipfel des gehobenen Wassers bildet eine gleichzeitige Hyperbel, deren Asymptoten die Kante u. das horizontale äußere Niveau der Flüssigkeit sind. Ein in einer kegelförmig sich verjüngenden Röhre befindlicher Flüssigkeits- tropfen hat das Bestreben, sich der engeren oder der weiteren Öffnung zu nähern, je nachdem er die Wände der Röhre benetzt, oder nicht. Viele Naturerscheinungen finden in der C. ihre Erklärung, so: daß ungeleimtes Papier als Löschpapier dient, das Zerfließen des Zuckers, der nur mit einer seiner Flächen das Wasser berührt, das Naßwerden von Sand bis zu einer gewissen Höhe, wenn auch nur die Grundfläche eines Sandhaufens mit Wasser in Berührung kommt, das Anf- steigen des Öles in brennenden Dochten rc. Versuche über C. haben vorzüglich Musschenbroek, Gay-Lussac, Brunner, Frankenheim angestellt; die gegenwärtig anerkannte Theorie der C. stammt von La Place. Wimmenauer LI.» Capillarnctz, s. u. Capillargefäße. vapillitkum, Haarnetz oder Haargeflechte, nennt man eine verwebte flockige Masse im Innern des Peridiums (Balges) der Bauch- u. Schleimpilze, welcher die Sporen eingestreut sind. Engter. Lnpillus (lat.), Haar; daher OapiUornm äs- üuvinm, Ausfallen der Haare nach acuten und chronischen Krankheiten, bei denen die Haarbälge nur eine vorübergehende Ernährungsstörung erleiden, die Haut normal bleibt u. nach Ablauf der zu Grunde liegenden Krankheit neue Haare an Stelle der ausgefallenen hervorwachsen. Lapko (lat.), das Nehmen; daher: 6. lonAn xosssssions, so v. w. Diasscrixtno louANS possessionis u. Ilsncapio; vgl. Verjährung; 6. mortis oansa, jede vom Tode eines Dritten abhängig gemachte Erwerbung einer Sache, die jedoch weder eine Art der Beerbung oder eines Vermächtnisses, noch der Schenkung auf den Todesfall ist, u. unterscheidet sich dadurch von der Donatio mortis causa, daß diese durch den Todesfall des Schenkers, jene aber, eine Schenkung unter Lebenden, durch den Tod eines Dritten bedingt ist; 0. xix- noris, so v. w. Pfändung. Capisträno, St., Johann, berühmter Kreuzzugsprediger, geb. 24. Juni 1386 in Capistrano (italien. Provinz Aquila); studirte erst die Rechte, dann Theologie u. trat in den Franciscanerorden; wurde 1426 päpstlicher Legat u. Inquisitor gegen die Fraticcllen in Ober-Italien; 1444 zum Ge- neralvicar der Observanten gewählt, wirkte er 1450 in Deutschland zur Bekehrung der Husfiten, wider welche er in Franken einen Kreuzzug predigte u. von denen er 1451 in Mähren 4000 bekehrte; er predigte ferner in Wien (wo ihm am Stcphansdome ein Denkmal gesetzt ist), in Breslau, Krakau und in Ungarn gegen die Türken, welche die Begeisterung seiner Kreuzfahrer 1456 von Belgrad vertrieb; er st. 23. Öctbr. 1456 in Jllock in einem Kloster und wurde 1515 selig gesprochen u. 1690 kanonistrt; Tag: 23. Octbr. Lspkta (lat.), Mehrzahl von 6aput. 0. s. 6ax- snlas Daxavsris, Mohnköpse; s. Daxaver. 6. — Capital. ju§ata, auf römischen Münzen 2 Köpfe, mit einander zngekehrten Gesichtern (0. aävsrsa), mit abgewendeten (0, aversa). Dapita aut navim (Köpfe oder Schiff), römisches Spiel, wobei ein Geldstück, auf dessen einer Seite ein Vennskopf, auf der anderen ein Schiffsschnabel geprägt war, in die Höhe geworfen u. danach auf Gewinn u. Verlust gerathen wurde. Capitaine (fr., Capitän) in der Landarmee der Rang eines Compagnie- od. Escadronchess, Hauptmanns od. Rittmeisters, in der Marine Comman- dant eines Schiffes (fr. 6. äs vaissean), C-lieu- tenant, in der deutschen Marine Commandant eines kleineren Schiffes. 0. «Darmes, s. u. Compagnie. 0. Asnsrak, 1) sonst in Frankreich so v. w. Marschall; dann 2) zwischen dem Marschall und General- lientenant mitten inne stehender Offizier; 3) in den Niederlanden sonst Oensrai sn ebek, gewöhnlich mit dem Statthalter eine Person. Capital heißt im gewöhnlichen Sinne eine «Lumme Geldes, welche nutzbringend, zinstragend angelegt ist, oder angeliehen wird; im weitere», volkswirthschaftlichen Sinne aber außer dem Geld«-, jenem wichtigsten Tauschmittel, jedes zu fernerer Production bestimmte und behufs dieser benutzte Product, das mithin seinen Zweck dadurch erfüllt, daß es in der Benutzung, im Gebranchtwerden wieder neu prodncirt. Wenn aber durch diese Verzehrung u. Wiedererzcngung das C. in seiner bisherigen Form auch als verbraucht erscheint, so gilt es wirthschaftlich doch als erhalten, wenn der Werth des Productsergebnisscs den Werth des C-s auch in entsprechender Weise wieder ersetzt, somit auch als vermehrt od. vermindert, je nachdem jener Werth über den Wicderersatz des C-wer- thes hinausgeht, od. hinter demselben zurückbleibt. Hauptformen des C-s in volkswirthschaftl. Sinne sind: Boden-, Benrbarungs- n. perennirende Anpflanzungen, alle Arten von Baulichkeiten, welche zur Wohnung, zum Betriebe, zur Aufbewahrung u. Sicherung dienen, sowie alle künstlichen Verkehrsanlagen: Werkzeuge, Maschinen, Geräthe, sofern sie mehr Arbeit oder Beschwerde ersparen, als ihre Herstellung gekostet hat; Nutz- und Arbeitsvieh, sofern es unter menschlicher Sorgfalt wieder zur Production — Erzeugung von Vieh od. thierischen Stoffen, Leistung durch seine Zug- rc, Kraft — dient; Hauptstoffe, aus welchen ein neues Product entsteht (Saatkorn, Getreide, Hans, Wolle); Hilfsstoffe, welche, ohne Bestandtheile des Products zu sein, zu dessen Herstellung verbraucht werden; Mittel, welche bis zur Vollendung der Production zur Erhaltung des Prodn- centen vorgestreckt werden müssen; Vorräthe für den Tauschverkehr (Handelsvorräthe); Geld, als den Tausch vermittelnde Waare; endlich sogen, unkörperliche C-ien (Pseudo-, Qnasi-C-ien, die, ebenfalls ans Production hervorgegangen, sür solche benutzt werden u. übertragbar sind, z. B. die Kundschaft bei einem Geschälte rc.). Je nach den Zwecken ihrer Benutzung unterscheidet man Gebrauchs- n. Erwerbs-C-ien. Als Gebranchs- (Nutzungs-) C-ien sind diejenigen C-ien zu bezeichnen, welche zur unmittelbaren Befriedigung von Bedürfnissen, zur Beschaffung persönlicher Güter dienen, während unter Erwerbs- (Pro- 462 Capital. dnctiv-) C-ien jene verstanden werden, welche bei der Production sachlicher Güter einwirken u. deren Zweck ein erwerbswirthschaftlicher ist. Jndeß fließen beide Begriffe vielfach in einander, so daß ein u. derselbe C-bestandtheil für den Einen Productiv-, für den Anderen Gebrauchs-C. ist, und können fast alle Gebrauchs-C-ien sich beliebig in Productiv - C-ien umwandeln. Dagegen können die Gebrauchs-C-ien nur mit Hilfe der Erwcrbs- C-ien erzeugt werden, u. hängt daher die Menge der je zur Zeit vorhandenen Gebrauchs-C-ien von derjenigen der je zur Zeit verwendeten Erwerbs- C-ien ab. Die Menge der letzteren wird aber bei gebildeten Völkern vermöge der größeren Sicherheit u. Aussicht auf Gewinn bei erleichterter Verwendung des C-s für erwerbswirthschaftliche Zwecke stets eine bedeutendere sein, als bei Völkern auf niederer Cnltnrstufe, denen solche Sicherheit und leichtere Möglichkeit zur Nutzbarmachung, zugleich aber auch die Neigung oder Geschicklichkeit zur Verwendung des C-s zur Production sachlicher Güter fehlt, während bei den nach den Erfolgen der industriellen Thätigkeit erst noch ringenden gebildeten Völkern die Erwerbs-C-ien verhältniß- mäßig vorwiegen, es anderseits aber ein Zeichen großen Reichthums ist, wenu ein Volk bei seiner fortgeschrittenen Cultur dahin gekommen ist, daß cs, ohne den Erwerb aufzugeben, auch anfangen kann, von dem bereits Erworbenen zu genießen, das Gebrauchs- im Verhältniß zum Erwerbs-C. auch ein bedeutendes ist. Das C. theilt man ferner nach der Art seiner Verwendung in ein stehendes, Anlage-C., u. in ein umlaufendes, Be- triebs-C. Ein stehendes C. ist dasjenige, welches der Eigenthllmer mehrmals zur Production benutzen kann u. von welchem nur der jedesmalige Werth der Nutzung in den Werth des neuen Products übergeht, das zwar durch fortgesetzten Gebrauch aus- u. abgenutzt werden kann, aber um Productiv zu werden, weder den Besitzer wechseln, noch seine Gestalt verändern muß, während das umlaufende C. nur einmal vom Besitzer zur Production verwendet werden kann, von ihm, um productiv verwendet werden zu können, abgegeben werden muß u. somit mit seinem ganzen Werthe in dem des neuen Products aufgeht. Es wird aber aus dem umlaufenden C. das stehende erschaffen u. erhalten, u. kann letzteres auch nur mit Hilfe des ersteren benutzt werden. Das Verhältniß der Größe des Anlage-C-s zu der des Betriebs-C-s bedingt die wirthschaftliche Cultur- stufe, auf der ein Volk steht, und namentlich der vorherrschende Productionszweig und die Art u. Weise, wie die Production betrieben wird. Endlich spricht man von todten (oder richtiger schlafenden) C-ien, d. h. solchen Productiv-C-ien, welche wol zur Production verfügbar, aber aus Geiz od. Unverstand nicht dazu verwendet werden, also keinen, nicht einmal persönlichen Genuß darbieten, — nicht zu verwechseln mit der Art C-ien, welche für einen allenfallsigen C-bedarf oder zur Sicherung gegen Mangel für spätere Zeit als Verbrauchs- vorräthe zurückgelegt werden. C-ien entstehen u. mehren sich in erster Reihe durch Ersparniß, d. h. dadurch, daß der Producent neue Producte seinem augenblicklichen Verbrauche entzieht u. als Grundlage für eine dauernde Nutzung aufbcwahrt, wozu allerdings Ordnung, Selbstbeherrschung u. Voraussicht in der Volkswirthschaft die ersten Voraussetzungen sind; dann durch Culturfortschrute, durch welche ohne Beeinträchtigung des bisherigen Vermögensstandes entweder neue, einen Tauschwerth erlangende Vortheile erzielt werden, od. der Werth der bereits vorhandenen C-ien erhöht wird. Je weiter die Cultur eines Volkes fortschreitet, um so günstiger gestalten sich die Vorbedingungen für C-vermchrung, u. um so mehr wächst der C-vor- rath des Volkes im Ganzen. In der Reihe der 3 Factoren, welche in der Regel zu einer wirth- schaftlichen Production Zusammenwirken müssen, nimmt das C. nach der zeugenden Naturkraft u. der dieselbe nutzbar machenden Arbeit des Menschen die dritte Stelle ein: es gewährt als productive Macht die Mittel, die Naturkraft in größerem Maße u. mit geringerem Verbrauche von Arbeitskraft auszubeuten. Je mehr der Unternehmungsgeist der Menschen zunahm, um so größer wurde die Bedeutung, welche das C. als Pro- ductionskrast in der Volkswirthschaft erhielt. Der Umstand, daß das große C. sowol beim Einkäufe der Rohprodukte, wie bei Verarbeitung derselben im Vortheil gegen das kleine C. ist, führte zu einer umfangreichen Ansammlung von C-ien, welche, wo des Einzelnen Kraft nicht ausreichte, oder das Risico der Unternehmung für ihn zu groß erschien, mit Hilfe verschiedener Unternehmer in Form von Handelsgesellschaften zu Stande kam (Grund-C., C-stock). Das wirthschaftliche Gedeihen eines jeden Volkes beruht auf der ununterbrochenen Ansammlung des C-s bei ununterbrochener Anspannung des Unternehmungsgeistes. Tritt zwischen beiden ein Mißverhältniß ein, so daß, wenn mißliche Zeitumstände den Credit erschüttern, oder von Staatsregierungen große Anleihen contrahirt werden, das C. an einzelnen Stellen sich sammelt, ohne verhältnißmäßig rasch abzufließen, so sieht sich der Unternehmungsgeist durch Geldmangel gehemmt, die Production wird verringert, der Gewinn der Arbeit geschmälert, und die Folge davon ist, daß schließlich auch die C- ansammlung ins Stocken geräth, bis, wenn dieser Zustand länger anhält, eine C-krisis eintritt, welche eine gewaltsame Veränderung in den Vermögens- Verhältnissen einzelner C-inhaber herbeiführt. Ähnliche Erscheinungen werden hervorgerufen in politisch ruhigen, die Hoffnung auf zukünftigen Gewinn fördernden, d. h. speculationsgünstigen Zeiten, durch übermäßige Anspannung des Unternehmungsgeistes, welcher, indem er das C. an- lockt, den Produccnten zur Ansammlung desselben keine Zeit läßt u. das in rentablen Unternehmungen arbeitende, d. h. sich durch Zu- u. Abgang in fortwährender Umbildung befindliche Betriebs- C. diesen entzieht, um es in ein erst rentabel zu machendes Anlage-C. zu verwandeln. Eisenbahn-, Bank- u. andere Aktiengesellschaften, wenn sie in größerer Anzahl zu derselben Zeit ihre Operationen beginnen, greifen störend in den geregelten Gang der C-bewegung ein, bis die eintretende Krisis gewaltsam das natürliche Verhältniß wieder herstellt. Das große C., welches den Markt beherrscht, alle großen u. viele Arbeitskräfte ab- 463 Capital — Capitalvcrbrcchen. sorbirenden Unternehmungen ins Leben ruft u. aufrecht erhält, ist aus dem kleinen C. hervorgegangen u. bedarf des letzteren zu seiner fortwährenden Wiedererzeugung. Der Fabrikant zertheilt sein Waarencapital, dessen einzelne Theile in die Hände der kleinen Kanfleute (Detaillisten) u. Handwerker übergehen, während diese Ansammler des kleinen C-s für den Absatz an die eigentlichen Consumcnten sorgen. Es liegt in der Statur der Handelsverhältnisse, daß das große C. sich ver- hältnißmäßig rascher vermehren muß, als das kleine, und es läßt sich nicht leugnen, daß das große C. eine Anziehungskraft für das kleine besitzt, welche den wirthschaftlichen Ruin der Arbeiter und des kleinen Gewerbes zur Folge haben müßte, wenn nicht gewisse Ausgleichungen statt- sänden. Das große C. ist zu seiner Verwcrth- uug gezwungen, große, die Gefahr des Verlustes vermehrende Anstrengungen zu machen, welche die industrielle Thätigkeit des ganzen Volkes hebt, die Arbeit gesucht macht, also auch den Werth derselben und die Fähigkeit des Arbeiters, ein C. zu sammeln, erhöht. Die C-ansammlungen der Arbeiter geben diesen die Macht, vereinigt ebenfalls als Capitalist anfzutreten u. eine Handelsnnter- nehmuug ins Leben zu rufen, welche um so gedeihlicher werden muß, als dabei eine Association der Arbeit und des C-s zur Erreichung des gemeinsamen Zweckes der Neubildung des C-s stattfindet. Diese Art der C-bildung ist in neuerer Zeit schon oft mit (leider aber noch häufiger ohne) Erfolg versucht worden (Arbeitergenossenschaften, Inäustrial-kaibnsrslrip, oder System der actionären Genossenschaften zwischen den Capitalisten u. Arbeitern). Als productive Kraft fordert das C. für seine Leistung eine Gegenleistung, wie der Arbeiter für seine Arbeit den Lohn verlangt. Diese Leistung ist der C°zins. Die Besitzer von C-ien, welche aus der Darleihung derselben ein Geschäft machen, so daß sie es dem Unternehmungsgciste u. Talent des Empfängers überlassen, Gewinn daraus zu ziehen, bezeichnet man mit dem Namen Capitalisten od. Rentiers. Sie nützen der Gesellschaft nicht nur dadurch, daß sie indirect die Productionskraft des Volkes vermehren, sondern in vielen Fällen auch dadurch, daß sie neben der wirthschaftlichen u. erwerblichen Thätigkeit Desjenigen, welchem sie ihre materiellen Mittel anvertrauten, ihre eigene Thätigkeit einem rein geistigen Gebiete zuwenden u. ihre Muße mit wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen aussüllen. Das productiv angelegte C. muß außer einem Äquivalent für die aufgewandte Arbeit dem Producirenden Inhaber auch den Zins abwerfen, den er als Capitalist, d. h. als sein eigener Gläubiger, zu beanspruchen hat. In diesem Falle heißt der Zins C-gewinn oder C-rente. Naturgemäß strömt das C. solchen Unternehmungen zu, welche eine hohe Rente versprechen, bis Concurrenz od. andere Verhältnisse die Rente Herabdrücken u. der Strom eine andere Richtung einschlägt. So entzieht die Aussicht auf eine hohe Rente bei industriellen Unternehmungen dem Feldbau das C., bis dieser, durch höhere Preisnormirung seiner Producte rentabler geworden, die Rentner von Neuem anlockt. Die höhere oder geringere Ver- werthung der C-ieu wird häufig auch durch das größere oder geringere Risico bedingt, da sichere C-anlagen naturgemäß gesuchter sind, als solche von zweifelhafter Sicherheit, Angebot u. Nachfrage aber über den Werth jeder Waare, als welche hier auch das C. zu betrachten ist, entscheidet. Im Allgemeinen wird der C-zins sich desto niedriger stellen, je größer der Wohlstand eines Volkes ist (s. Zins u. Wuchergesetze). Die Idee einer C- stcuer, mit welcher neuere Finanzpolitiker aufgetreten sind, indem sie darin eine gerechtere Ver- theilung der Steuerlast erblicken wollten, erscheint, abgesehen von der Schwierigkeit der Schätzung, wenn man dabei nicht verletzend in private Verhältnisse eingreifen will, deswegen unzweckmäßig, weil jede Besteuerung auf den Preis der Waare influirt, mit welcher der davon Betroffene handelt, indem dieser dem Consumenten, wenigstens theilweise, die Steuerlast aufbürdet. So würde eine Besteuerung des C-s eine Erhöhung des Zinsfußes zur Folge haben, namentlich wenn ein Theil des besteuerten C-s nach anderen Staaten auswanderte, wo es der Steuer nicht unterworfen wäre, und so eine Geldtheuerung herbeigefllhrt würde. Vgl. außer den betreffenden Abschnitten in den Lehrbüchern von Rau, Roscher, Schäffle, Wirth, Maugoldt u. A. insbesondere Gerstner, Beiträge zur Lehre vom C., Erl. 1857; Cossa (Luigi), Sulla' teoria äsl oapltals, 14, 1874; C. Marx, Das C., Kritik der politischen Ökonomie, 1. Aufl., Hamb. 1867; v. Danckclmann, Zeitschrift für C. u. Rente, 1862 ff. Lagai." Capital (Oapitulum), der oberste, verzierte Theil einer Säule, nach dessen Form man hauptsächlich die verschiedenen Säulenordnuugen unterscheidet; s. u. Säule. Kapitale (v. Lat.), 1) Hauptstadt, namentlich eine solche, welche zugleich Verkehrsmittelpunkt ist. 2 ) (Capitallinie, Kriegsw.) Die Halbirungslinie des Winkels in der Spitze eines Forts od. Bastions, meist zugleich die Halbirungs- od. Mittellinie des ganzen Werkes. Verlängerung der C., die Verlängerung dieser Linie nach außen; auf derselben wird mit den Sappenschlägen gegen das angegriffene Werk vorgegaugen; s. Festungskrieg. llspitäle crimen, so v. w. Capiralverbrechen. 6. juäieinm, s. Halsgericht. 6. jus, s. v. w. Baulebung. kapitalisier«^, 1) das Zusammentragen einzelner unverzinslicher Forderungen an ein Individuum zu einer verzinsbaren Summe. 2 ) Die Zinsen zum Capital schlagen, indem man dieselben nicht consumirt. 3 ) Nach dem durchschnittlichen jährlichen Ertrage, welchen ein Geschäft ab- wirft, den Capitalwerth desselben berechnen. Dies geschieht, indem man den Zinsfuß in die Summe des Ertrages dividirt n. den Quotienten mit 106 multiplicirt. vspitslis posns (lat.), so v. w. Capitalstrafe; s. Todesstrafe. 0. rss (lat.), Vergehen, worauf der Tod, od. bürgerlicher Tod, z. B. Exil, steht; s. u. Verbrechen. Kapitalschrift, so v. w. Uncialschrift. Capitalsteuer, s. Stenerwesen. Capitalstrafe so v. w. Todesstrafe. Kapitalverbrechen (6aMaIs erirwon), im 464 Capitän — engeren Sinne nur die Verbrechen, welchen der Tod (?oena> capitis) gedroht ist. Im gewöhnlichen Sprachgebrauchs werden jedoch damit alle Verbrechen bezeichnet, die überhaupt eine schwere Strafe (Tod, Zuchthaus oder Kettenstrase) nach sich ziehen; s. u. Verbrechen. Capitän, s. Capitaine. Capitanatä, alter Name der ital. Provinz Foggia (s. d. Art.). Capitäui, im Mittelalter m Jtalren dre größeren Lehnsleute der Bischöfe, sosern sie Gerichtsbarkeit ausüben; s. Kapitani. Capitama (portug.), 1) Hauptmannschaft. 2) Sonst in Brasilien so v. w. Gouvernement. Capitäno (ital.), 1) so v. w. Capitän. 2) Thea- terfignr, bramarbafirend, ein Raufbold u. Maulheld, immer ein Ausländer, in Italien ein Spanier, in Frankreich ein Italiener rc.; Costüm: ein langer spanischer Stoßdegen, großer Schnurrbart, weite große Stiefeln, ungeheure Sporen. Aus dem deutschen Theater wurde der C. durch den Daradoridatnmtorides des Gryphius einge- führt, ist jedoch in neuerer Zeit verschwunden, u. vergebens haben ihn Wolf in der Preciosa, Raupach u. Bauernfeld wieder cinzufllhren versucht. Cspitatlo (lat.), so v. w. Kopfsteuer. Capitata (Handelsw.), angekommen, abgeliefert. Caplts eens! (kroistarii, lat.), in Rom die Bürger der 6. Klasse, die wegen Mangels an Vermögen nur ihre Person anzugeben und zu versteuern brauchten. Sie bildeten den Gegensatz zu den ^.ssiäni oder Iweupiotes. Erst seit Marius waren sie zum Kriegsdienste verpflichtet; Staats- ämter bekleideten sie nie. S. u. Rom (Ant.). Capitel (v. Lat.), 1) ein Hauptstück. 2) Die Hauptsache, der Hauptinhalt, kurzer Inbegriff. Daher 3) Abtheilung eines einzelnen Buches vd. einer ganzen Schrift, weil sonst beim Anfänge solcher Abtheilnngen der Inhalt kurz angegeben wurde. Die Eintheilung der Bücher in C. ist eine neuere Erfindung, zum bequemen Citiren der Stelle; die C-eintheilung in der Bibel seit dem 12. Jahrh. cingeführt. Reuchlins Lehrer, Johannes de Lapide, soll zu Ende des 15. Jahrh. diese Eintheilungsart auf die Prosanschriststeller übertragen haben, zuerst auf Theophrastos und Gellius, seitdem auch auf andere Klassiker u. endlich auf alle prosaische Druckschriften. 4) Die einzelnen Sätze einer für gemeinsamen Lebensberus vorgeschriebenen Regel. 5) Die durch eine solche Regel gebundene geistliche Corporation, Orden. 6) Die Versammlungen solcher Orden (weil dabei sonst ein C. aus ihren Regeln vorgelesen wurde) zu Berathnng von Ordenssachen. Es waren entweder General-C., wobei der ganze Orden durch Deputirte, oder Provinzial-C., wobei die Provinz eines Ordens durch Deputirte zusammenkam, oder Kloster- oder Haus-C., wozu lediglich die Capitularen oder Conventualen eines Klosters zur Berathnng über specielle Angelegenheiten desselben sich versammelten. Der Versammlungsort hieß ebenfalls das C. oder die C-stube (C-Haus)., Capitilavrum (lat., d. i. Kopfwaschnng), so v. w. Palmsonntag. Cspltir «leinmutio, s. Bürgerlicher Tod. Capitolinus. Capitmm (lat.), 1) s. Kapuze. 2) Der Ort zunächst an dem Altar (krosbz-torinm); daher der Geistliche, der alle für diesen Ort nöthigen Dinge zu besorgen hat, Oapitiarrns, j. Custos. Caprto, römischer Familienname, besonders der Lteja, I'ontoza, Finnin u. Mtinia Aon» gebräuchlich. Merkwürdig: 1) Cajus Atejus C., war 55 v. Chr. Volkstribun u. Gegner der Con- suln Pompejus und Crassns. Als Crassns zum Parthischcn Feldzuge ansziehen wollte, ließ er ihn gefangen nehmen, u. da er durch des C. College» wieder befreit worden war, suchte er den Con» sul durch erdichtete schlimme Prodigien zu schrecken, weshalb er bestraft wurde. Später neigte er sich zur Partei des Cäsar, gleichwol war ihm dieser nicht gewogen. 2) Cajus Ateius C., Sohn des Vor.; war im Jahre 5 n. Chr. Consul; st. 22 n. Chr. Er war berühmter Jurist; Schüler des Ofilius, huldigte er dem neuen monarchischen System in Rom, allerdings mit etwas zu starker Schmeichelei, und hielt am Rechte, wie es ihm überliefert war, fest, im Gegensätze zu seinem Zeitgenossen n. Mitschüler Q. Antistius Labeo. Die verschiedenartige Richtung beider Männer rief dann Controversen hervor, die sich auf ihre Anhänger vererbten, u. so entstand die an A. C. sich anschließende Schule der Sabinianer, benannt nach Maffurius Sabinius, gegenüber der von den Anhängern des Antistius Labeo gegründeten Schule der Proculianer. 2) Lagai. Capito (Köpfel), Wolfgang Fabricius, geb. 1478 zu Hagenau im Elsaß; studirte erstMe- dicin u. hatte bereits 1498 promovirt, wendete sich aber dann der Theologie u. zugleich der Jurisprudenz zu, war darauf Docent in Freiburg, wurde 1512 Pfarrer in Bruchsal u. 1515 Prediger u. Professor der Theologie an der Universität Basel, wo er das Neformationswerk begann; er ging 1520 an den Hof des Erzbischofs Albrecht in Mainz u. 1523 nach Straßbnrg, wo er Propst am Thomasstift war u. mit Zell u. A. das Reformationswerk daselbst beförderte; er führte auch die Reformation in Hagenau ein u. war Mitarbeiter an der Confessio Istrapolitana; C. st. im Dec. 1541. Er schr. u. a.: Lmanationes in Ln- baone et Llossam; Dxplioatio in äoxasmorou; Vita Oooolampaäii. Capitol, so v. w. Capitolium. kapitolinische Spiele, in Rom dem Jupiter gefeierte gymnastische, scenische u. musikalische Spiele, zum Andenken an die Rettung der Stadt u. des Capitols vor den Galliern durch die Wachsamkeit der Gänse; s. u. Capitolinus 1). Capitolinus, röm. Beiname, welcher Gliedern verschiedener Kontos gegeben wurde, namentlich der Naniia, tznintis, u. Lostia Äons. Berühmt sind: 1) Marc.Manlius C., 391 v. Chr. Con- sul; schlug die Äquer und vertheidigte dann das Capitolium gegen die Gallier unter Brennus u. trieb, von den Gänsen geweckt, die Feinde zuerst zurück; s. Rom (Gesch.). Zur Belohnung erhielt er ein Haus auf dem Capitolium u. den Beinamen C.; da er sich aber nachher nicht sattsam geehrt glaubte, u. aus Eifersucht gegen den allgeehrten Furius Camillus machte er sich 384 einen Anhang unter den Plebejern und erregte einen Capitolium — förmlichen Aufstand gegen die Patricier, welche er anklagtc, das nach der Befreiung von der gallischen Eroberung zurückerhaltene Gold unterschlagen zu haben. Deshalb von dem Dictator Cornelius Cossus vor Gericht geladen, erschien er mit seinem Anhänge, konnte aber die Anschuldigung nicht beweisen und wurde ins Gcfängniß geführt. Da die Plebejer das Gefängniß erbrechen und ihn befreien wollten, ließ der Senat den C. los; er agitirte aber gegen alle Staatsgewalten und bot sich znm Alleinherrscher an. Nun aber wurde er vor das Volksgericht gestellt, zum Tode ver- urthcilt und vom Tarpejischen Felsen herabge- stürzt, sein Haus auf dem Capitol niedergerissen und das Manlische Geschlecht bedeutet, daß kein Glied desselben wieder den Namen Marcus führen sollte. 2) Tit. Quintius C. Barba- tus, besiegte als Consul 471 und 468 v. Chr. die Äquer und Volsker. Da im Jahre 446 die Letzteren Rom wieder bedrängten u. die Patricier wegen der neu erregten Streitigkeiten mit den Plebejern in großer Verlegenheit waren, so wurde C. znm vierten Mal Consul; nach Beschwichtigung der Plebejer schlug er auch die äußeren Feinde. Er wurde hierauf noch zwei Mal Consul (443 u. 439) und ließ sich während seiner Amtsführung angelegen sein, den Frieden im Innern zu erhalten. Capitolrum, 1) die Citadelle des alten Rom (s. d., a. Geogr.). Es bildete die südliche Spitze des Capitolinischcn Berges (Kspltolivas mono); hier war der Staatsschatz ausbewahrt n. Sitz des Nationalheiligthnms, des Tempels des Jupiter (Capitolinischer Jupiter), in welchen eine Wasserleitung (ksxitolinsXgns) zum heiligen Gebrauche geleitet war. Da man hier 1547 das Cousular- verzeichniß fand, welches der Catonischen Ära zu Grunde liegt, so nennt man diese auch die kapitolinische Ära. Seit Bonifacius IX. steht an der Stelle des C-s das neu erbaute Campidoglio mit dem Kapitolinischen Museum, welches unter anderen berühmten Sculpturwerken des Alterthums die nach ihm benannte Capitolinische Venus, eine unbekleidete, der Mediceischen Venus sehr ähnliche marmorne Bildsäule der Venus einschließt. 2) Prachtgebäude in anderen Städten, wie Tempel, Kirchen, Festungen; jo in Capua, Epidaurns, Beneventum, Byzantium, Karthago, Mediolanum, Ravenna, Florentia, Verona u. v. a. 3) Jetzt das Stadthaus in Toulouse u. das Congreßgebäude in Washington, sowie die Regierungsgebäude in mehreren einzelnen Uuionsstaaten. 4) Im Mittelalter Reliquienkästchen in der Gestalt eines Schlosses. Capitölo (ital.), 1) Reihe von Isrxs riws, welche einerlei Gegenstand betreffen. 2) Jedes andere, besonders scherzhafte, satirische Gedicht, sofern mehrere Abtheilungen in den Xsrrs rüne geschrieben sind. Lspitiila (lat.), im Mittelalter 1) die Bücher, worin die Kirchengesetze (Ksuones soolssisstioi) u. die Gesetze, Beschlüsse u. Decrcte der Könige verzeichnet wurden, weil sie in Capitel eingetheilt waren; s. Capitnlarien. 2) Die kurzen Lectionen, welche in der Kirche verlesen wurden. 3) Die Gesetze der Mönche, Chorherren ec. 4) 0. sxbrs- ^ Pierers Universal-Conversations-Lexiloir. 6. Ausl. ) Kapitulation. 465 oräinsris, Theil der I-ibri kenäornm; s. Korpus juris. Kapitulant (v. Lat.), 1) der eine Capitula- tion schließt. 2) Der sich freiwillig als Soldat anwerben läßt, s. u. Werbung. Capitulär (v. Lat.), Mitglied eines Capitels mit Sitz u. Stimme. Capitularien (v. Lat.), Ausdruck für die kö- nigl. Verordnungen aus der Zeit der Karolinger, hergenommen von der Abfassung derselben in einzelnen numerirten Sätzen (Kapitals). Um diesen Verordnungen, soweit sie sich ihrem Zwecke nach nicht innerhalb der Grenzen bloßer Vollzugsverordnungen u. specieller dienstlicher Instructionen hielten, gleiches Ansehen mit dem Volksrechte zu verschaffen, wurde an ihrer Abfassung dem Volke, od. wenigstens der geistlichen u. weltlichen Aristokratie eine Theilnahme gestattet, u. unterscheidet man daher unter den C., welche, soviel ihren Gegenstand betrifft, alle Verhältnisse des Staats-, Hof- und Privatlebens umfassen, zwei Klaffen: Kapitals. Aensrslis, d. h. unter Theilnahme des Volkes, der Geistlichkeit u. des Adels zu Staude gekommene u. somit allgemein verbindliche, u. dann Kapitals specialis, vom König selbständig erlassene Bollzugsverordnungen u. Dienstinstructionen. Sehr viele betreffen das Kirchenstaatsrecht, da der päpstliche Hof den Karolingern die Kirchenregieruna noch nicht entzogen hatte. Oft waren auch Concilienschlüffe den C. einver- lcibt. Diese C. wurden in der Reichskanzlei vom Kanzler aufbewahrt u. bei den Erzbischöfen, Bischöfen u. Äbten in den Gerichtsbüchern gesammelt. Die wichtigsten sind die C. Karls des Großen. Von den officiellen Ur- und Abschriften hat sich, zwei unbedeutende Stücke abgerechnet, nichts erhalten. Dagegen gibt es eine Sammlung der wichtigsten C. von dem Abt Ansegisus (s. d.) in 4 Büchern, welche in erster Gestalt im I. 827 erschien, später aber noch einmal umgearbeitet wurde u. auf den Reichstagen fast officielles Ansehen erhielt. Ihr wurden, vielleicht schon von Ansegisus selbst, 3 kleine Nachträge (Xppsnäioss) behufs der Vervollständigung hinzugefügt. Eine Fortsetzung der Sammlung verfaßte daun der Diaconus (Levita) Benedictus zu Mainz um 840 — 845 in 3 Büchern, denen aber mehr nur compilatorischer Charakter innewohnt, da sic Vieles aus den Kirchenvätern, aus dem Lrsvisrium Xisriol, dem Ba- juvarischen Volksrechte rc. enthalten, neben manchem Unechten. Lothar I. von Italien ließ auch einen Auszug der C. Karls des Großen u. Ludwigs des Frommen veranstalten u. als officielle Gesetzsammlung verkünden. Das Hauptwerk war früher die Ausgabe von Baluze: kspitulsris Rs- Aum Vranooraiu, 2 Bde., Par. 1677; die neueste u. beste Ausgabe lieferte Pertz in der 2.Abth. IwAss, 3. u. 4. Bd. der Lkonuin. 6srni. bist. (I-sZprnr 1. n. 2. Bd.), Hann. 1835 bis 1837. S°g°i." vapitulsrlus (röm. Aut.), 1) Einnehmer der Kopfsteuer. 2) Werbeoffizier unter den römischen Kaisern. 3) So v. w. Capitular. Kapitulation (v. Lat.), 1) Vertrag oder Bedingungen, welche Unterthanen ihren Regenten vorlegen, daß diese danach regieren; so die C. der deutschen Kaiser, s. Wahlcapitulation. Bes. IV. Band. Zg 466 Oapituluin — Capland (Gcogr.). 8) der erneuerte Vertrag eines einmal gewordenen Soldaten mit derMilitärbehördefür längeren Dienst. 3) Der Vertrag zwischen zwei kampfenden Parteien, durch den die schwächere von der Bekämpfung des Gegners absteht und meist sich kriegsgefangen ergibt. Eine Festung darf nur capituliren, d. h. sich dem Gegner übergeben, wenn gänzlicher Mangel an Nahrungsmitteln eingetreten, od. eine gangbare Bresche gelegt u. keinerlei Aussicht mehr vorhanden ist, einen Sturm abzuschlagen; andernfalls ist der Commandant kriegsgerichtlich zu vcr- urtheilen. Je bedrängter die Lage der Besiegten ist, um so weniger Zugeständnisse wird der Sieger in der C. machen. Eine tapfere Vertheidigung pflegt der Sieger, auch wenn die Besatzung Iriegs- gefangen wird, dadurch zu ehren, daß diese, ehe sie die Waffen abgibt, mit kriegerischen Ehren aus- marschirt. Auch im freien Felde können C-en Vorkommen, sie werden aber stets sehr schwer zu rechtfertigen sein, u. nur dann, wenn der Versuch des Durchschlagens einer völlig nutzlosen Aufopferung gleichkäme. Seit dem Anfänge des 18. Jahrh. sind folgende C-en in offenem Felde vorgekommen: 1709 bei Pultawa, das schwedische Heer ergibt sich Peter dem Großen; 1713, eine schwedische Armee ergibt sich dem russisch-dänischen Heere bei Tönning; 1766, das sächsische Heer ergibt sich Friedrich dem Großen bei Pirna; 1757, der Herzog von Cumberland mit 20,000 Engländern schließt eine C. mit den Franzosen unter Richelieu beim Kloster Zeven, infolge deren die engl. Truppen Deutschland verlassen; 1760 bei Maxen, 10,000 Preußen unter General Fink ergeben sich den Oesterreichern; 1781, 8000 Engländer strecken bei Jorktown vor dem General Washington die Waffen; 1806 bei Prenzlan strecken 14,000 Preußen unter Hohenlohe vor den franz. Marschällen Lannes u. Murat die Waffen; 1806, Blücher mit 8000 Mann ergibt sich Bernadotte unter ehrenvollen Bedingungen bei Rattan, „weil er kein Broü n. Pulver mehr hatte"; 1808, 14,000 Franzosen unter Du- Pont ergeben sich bei Bahlen dem span. General Reding; 1808, 13,000 Franzosen unter Junot ergeben sich bei Cintra in Portugal den Engländern unter Dalrymple; 1813, 15,000 Franzosen unter Vandamme ergeben sich der russisch-preußischen Armee bei Kulm; 1849,23,000 Ungarn unter Görgey ergeben sich bei Vilagos den Russen; 1865, 30,000 Conföderirte unter General Lee ergeben sich in Virginien dem nordstaatlichen General Grant; 1865, 3000 Conföderirte unter Johnstone u. Bean- regard ergeben sich dem Unionsgeneral Sherman in SCarolina; 1866, 19,000 Hannoveraner ergeben sich, nachdem sie bei Langensalza gesiegt, der Übermacht des preußischen Generals Vogel von Falkenstein; 1870, 83,000 Franzosen unter Mac Mahon (Wimpffen) ergeben sich der deutschen Armee unter König Wilhelm von Preußen (Napoleon III. kriegsgefangen). 4) Vertrag eines Staates mit einem anderen über das Recht des einen, Angehörige des anderen zu Truppen in seinem Dienste anzuwcrben; solche hatten Frankreich, die Niederlande, Neapel u. der Papst mit schweizerischen Kantonen abgeschlossen, dieselben sind aber nach u. nach wieder aufgehoben worden (s. Schweiz, Gcsch.). 5) Staatsvertrag zwischen der türkischen Regierung und den europäischen Mächten, türk. Ahdname-i-Lynmajum, durch welchen für die Europäer in der Türkei freie Schifffahrt, freier Handel u. freie Gerichtsbarkeit durch die Gesandten u. Consuln rc. erwirkt wird. Die erste solche C. wurde 1479 mit Venedig abgeschlossen. Durch die französische C. von 1536 war Frankreich der Schutz aller katholischen Geistlichen in der Türkei gewährt. »>b Lapitiilum, Köpfchen, z. B. in der Anatomie; über 0. in der Bot. vgl. Blüthenstand. Capivacci, Geronimo, geb. zu Padua, gest. das. 1589 als öffentlicher Lehrer der Heilkunde, ein Schüler Argenterios, wie dieser ein wackerer u. unerschrockener Vorkämpfer gegen den medici- nischen Aberglauben, der noch von Galenos her das Mittelalter durchspukte. Er war ein Mann von außerordentlichem Wissen u. glücklichem Handeln, der sich besonders durch eine erfolgreiche Behandlung der Lustseuche großen Ruhm verschaffte (Do Ins Veusrsa, Speyer 1590, Frkf. 1594) u. sein wissenschaftliches Ansehen durch seine Nstiwäus wsäsncli begründete. Seine Gesammtwerke sind von Joh. Hartmann Beyer, Frkf. 1603, herausgegeben worden: Opsra ownia guiugus ssetioui- bus oowprslwiwg,. Thamhayn. Caplan, so v. w. Capellan. Capland (Cap, Capcolonie, Cap der guten Hoffnung, Oapo ok dooä Hops, Laax äs 6ooäs Üoop), früher niederländische, seit 1806, sanctio- nirt durch den Wiener Congreß 1814, englische Besitzung im äußersten südlichen Theil des afrikanischen Festlandes; grenzt im N. an das Gebiet der Hottentotten (von diesem durch den Oranjeoder Garipfluß getrennt) u. an das Gebiet der Betschuanen, im NO. an den Oranjefluß-Freistaat n. die Colonie Natal, im SO. an Frei-Kafsraria n. den Indischen Ocean, im S. u. W. an den Atlantischen Ocean; erstreckt sich von 27" 30' bis 34" 51' s. Br. u. von 34" bis 49° östl. L. von Ferro. Die eigentliche (alte) Capcolonie bildet den südwestlichen und größten Theil dieses Gebietes; an sie schließen sich die neueren britischen Eroberungen in SAfrika, im N. das Griqua-Land, im NO. das Basuto-Land u. im SO. Britisch- Kaffraria, als Dependenzen. Flächeninhalt n. Bevölkerung dieser Länder weisen folgende Zahlen "Uf: Hjkiri ÜHM Ew. Capcolonie . . . 498,347 9050 496,380 Griqua-Land, West. 43,076 782 40,000 Basuto-Land . . . 21,886 397 40,090 Britisch-Kaffraria . 8,970 163 86,200 572,279 10,392 662,580 Das C. steigt in 3 von S. nach N. auf einander folgenden Terrassen auf: im S. steigt man von der schmalen, an der Garip-Münduug nur I11,g üm breiten Küstenebene, an deren SWEcke ein 67,z icw langes, isolirtes Gebirg mit dem 1052 in hohen Tafelberge liegt, zu der etwa 942 in höher erhobenen zweiten Terrasse hinauf, welche im S. durch die hohen Kleinen u. Großen Schwarzen Berge, im SO. durch die Winterberge, im W. durch das Cedar- u. Zuure-Gebirg begrenzt wird u. steil zur Küstenebene absällt. Ungeheuer tiefe Transversalthäler (Klooss oder 467 Copland (Gcogr. u. Statist.). Klüfte genannt) durchbrechen diese Gebirge. Diese 2. Terrasse ist eine 148,4 km breite n. 593,g kcm lange, ans hartem Thon gebildete Ebene, Karrü (d. h. hart) genannt. In der warmen Jahreszeit vertrocknen alle Quellen, nur in der Regenzeit ist sie ein Blumen- u. Grasmeer. Die dritte, 157 — 785 in höher liegende Terrasse ist im W. durch das Roggeveld-Gcbirg, im S. durch das Nieuwevelds-Winter-Schnee- u. Witt-Gebirg von der Karrö getrennt, die jedoch ebenfalls steil zur Karrv abfallen. Die bedeutendsten Vorgebirge des Landes sind: das Cap der guten Hoffnung (6sps kaint, n. 37» 22' s. Br. u. 36" 4' östl. L.), dasNadelvorgebirg (6apo^.§u1Iias, u. 34°51' s.B. u 34" 30' östl. L.), der südlichste Punkt Afrikas; ferner die Paternosterspitze, Cap Deseado, Cap Donkin, C. Voltas, C. Jufante, C. Francis, C. Recife, C. Padrone. Durch diese Vorgebirge ist die Küste reich an Buchten, unter welchen die wichtigsten sind: im W. Tafel-Bai (groß u. offen, an ihr die Capstadt, vor ihr die Robben-Jnsel), Saldanha-Bai (vielleicht der größte und sicherste Seehafen der Erde, aber ohne alles Trinkwasser an der Küste, vor ihr die Dassen-Insel), St.- Helena-Bai (mit der Paternosterspitze), Rothe-Wall- Bai (nur für kleine Fahrzeuge), Donkin-Bai, Voltas-Bai; im S. die große False-Bai mit der Simons-Bai, die Mndge-, Walkers-, Struys-, Fisch-, Sebastians-, Mossel-, Plettenbergs-, St.- Francis-, Gamtoo-, Algoa-Bai (die größte an der SKüste) u. Waterloo-Bai; alle diese Baien sind offen u. den SOStürmen ausgesetzt. Der Hanpt- sirom des C-es ist der Oranjefluß od. Kai Garip (großer Fluß), welcher meist die NGrenze bildet. Im Griqua-Lande mündet der Vaal in denselben. Andere Zuflüsse des Atlantischen Oceans sind der Olifant- u. Bergfluß, des Indischen Oceans der Breede Rivier, Ganritz, Gamtoos, Zondag, Große Fischflnß, Buffalo u. Kai. Alle diese Flüsse sind meist unbedeutend, seicht u. zur Schifffahrt nicht geeignet, nur der Garip wird in der Regenzeit bis zu 15„ m tief u. zu 1256 m breit und überschwemmt dann häufig n. plötzlich die umliegende Landschaft; während der trockenen Jahreszeit ist selbst dieser an vielen Stellen nur 0,^4 bis 0,j, m tief. Klima außerordentlich gesund, die mittlere Jahrestemperatur 18—19" L. Der Winter dauert vom Mai bis September u. ist die angenehmste Jahreszeit, nur in den höheren Gebirgen zuweilen Eis u. Schnee; Sommer vom September bis April, die Hitze durch die Seewinde gemäßigt, nur in den Thälern des Garip u. seiner Zuflüsse drückend. Im Sommer herrschen SO-, im Winter NWWiude vor. Bei dem gänzlichen Mangel an Sümpfen ist die Luft außerordentlich rein und klar, epidemische Krankheiten höchst selten, nur zuweilen die Blattern n. in den Hochebenen Rheumatismus. Der Regen tritt im Winter weder regelmäßig, noch anhaltend ein u. fehlt im Sommer bisweilen mehrere Monate lang gänzlich. Geognost. Beschaffenheit: Oberfläche größtentheils horizontal geschichteter eisenhaltiger Sandstein mit Resten großer vorweltlicher Saurier (z. B. des Dicynodon); aus ebendemselben bestehen auch, mit Ausnahme der im W. gelegenen Khamies u. Kupferberge. dir fast nur Granit und Gneis enthalten, beinahe alle Bergketten; unter dem Sandstein silurischer Thonschicser, an anderen Stellen Granit mit Gneis u. Glimmerschiefer, im O. Mergclerde, doch bestehen lange Reihen von Bergen im britischen Kafferlande ans Basalt, im S. noch jüngere Kalkformationen, im W. ältere (wahrscheinlich silnrische) Kalksteinformation. Producte des Mineralreiches: Salz im Überfluß (besonders auf der Küstenstufe u. unfern der Capstadt bei Grocnekloof), Salpeter, Kupfer, Eisen, silberhaltiger Bleiglanz (im Distr. Ujtenhage), Mangan (im District Albany), große Ablagerungen fossiler Muscheln (im District Üjten- hage, werden gebrannt u. liefern guten Kalk), Kreidckalk (im District Albany, liefert gutes Baumaterial). Pflanzenreich: Trotz der allgemeinen Dürre n. Einförmigkeit des Bodens doch reiche u. eigenthümliche Flora, die zu 12,000 Arten ge- schätzt wird; vorzüglich vertreten sind die Familien der Protoceen, Diosmeen, Rcstiaceen, Polygaleen, Jrideen, Mesembryanthemum-, Oxalis- u. Pelar- goninmarten; Wälder sind selten u. finden sich nur in den tieferen, von Bächen durchschnittenen Thälern der Districte George u. Ujtenhage u. am östlichen Abhange der Kurnka; unter den Wald- bäumen finden sich Naurus bullata (Stinkholz), koäoaarpus elonAata. (Gelbholz), blr/tiirina. 6o- raUoäsnärov, Oksa Oaponsis; Obstbänme u. Obst- sträucher fehlten ursprünglich fast gänzlich; Wiesen nur an den Hügelketten im O. in den Districten Ujtenhage, Albany u. Victoria. Zu bemerken sind noch baumartige Farren, viele Alodarten (Lkos ardorosesrw, L. korox, H.. Ilnsatg. u. a.), AFries, ooräilokia, bllzUIiropappus (gtosds) riiinoesrotis (Rhinocerosstranch), kortulrwaria. ^ckra. Seit Einwanderung der Europäer werden cultivirt: Äpfel-, Birnen-, Kirschen-, Manlbeer-, Orangen-, Walnuß- u. andere Obstarten, namentlich auch Wein (der berühmte Capwcin), Dattelpalmen, Kaffe- bäume, Thee- n. Banmwollenstaude, Kartoffeln, Roggen, Weizen u. fast alle europäischen Getreidelt. Gemüsearten. Thierreich: Elefanten (die fast gänzlich aus dem C-e verschwunden sind), Flußpferde, Rhiuoceros, wilde Schweine, Antilopen Quagga, Zebra (heerdenweise in den Hochebenen), Paviane, OsroopitUsena Lr/tllop/ssa (eine kleine Affenart, die einzige des C-es), gefleckte Hyänen, Löwen, Leoparden, Strauße, Walfische, Leguan, Krokodile, viele giftige Schlangen, eine große Anzahl verschiedener Fische, Muscheln, Austern; Rindvieh, Schafe, Pferde n. andere europäische Haus- thiere sind in großer Menge durch die Colonisten eingeführt worden. Die Einwohner sind theils Ureinwohner, theils Colonisten; jene sind Nama- qna (gewöhnlich Hottentotten genannt), Amakosa-, Fiugn- u. Amatembn-Kaffern u. Basuto (Bosut), ein Zweig der Betschuanen; die Hottentotten zerfallen in die 4 Stämme: Colonial-Hottentotten, Raum, Koraqna n. Saan. Von den Eiugewan- dertcn sind die Bewohner der westlichen (älteren) Districte vorwiegend holländischer (Africandcrs), in den östlichen (neueren) dagegen englischer Abstammung, auch haben sich ün den beiden Provinzen deutsche Colonisten angesiedelt; ferner finden sich noch Asiaten, namentlich Malaien (meist Fischer, Handwerker u. Dienstboten) u. Afrikaner (Neger aus 30 * 4ti8 Capland (Gcogr. u. Statist.). den aufgefangenen Sklavenschiffen hierhergebracht). 1865 wurden gezählt: 181,532 Weiße, 81,598 Hottentotten, 100,536 Kaffern u. 132,655 Basuto, Betschuanen, Malaien u. a. Farbige. Eintheil- un g: Die eigentliche Cap-Colo»ie mit europäischer Administration u. Gesetzen zerfällt in: n) die 23 westlichen Divisionen, umfassend das Land vom Atlantischen Ocean im W. bis zum Gamtooflnß im O., also ziemlich das im 1.1814 von Holland an England abgetretene Gebiet u. darum auch vorwiegend von holländischen Abkömmlingen bevölkert, und b) die 32 östlichen Divisionen, der vom Gamtooflnß östlich gelegene Landstrich, erst seit der englischen Besitznahme cnltivirt u. vorzugsweise von englischen Abkömmlingen bewohnt. Verfassung u. Verwaltung. An der Spitze der Regierung steht ein Gouverneur, der zugleich Oberbefehlshaber der Truppen ist; als königlicher Statthalter hat er fast die ganze Exekutivgewalt in Händen, u. nur die höchsten Verwaltuugsbe- amten: der Lieutenant-Gouverneur, der die Verordnungen des Gouverneurs contrasignirende Co- lonial-Secretär, der General-Anditenr, der Schatzmeister u. der Direktor des Zoll- u. Steuerwesens, welche von der englischen Regierung eingesetzt werden, stehen ihin als eine Art Geheimrath (Lxoeukivs Oonnoii) zur Seite. Das Griqua-Land hat einen besonderen Lieutenant-Gouverneur. Seit Juli 1854 besitzt das E. für die Gesetzgebung ein eigenes Parlament, das in Ober- (IwLisIativs Oounoil) n. Unterhaus (.stsssmdl/ Lorwo) zerfällt. Doch muffen die von dem Ober- u. Unterhause berathe- uen Gesetze erst durch die Königin bestätigt werden. Für die Rechtspflege besteht in der Capstadt ein höchster Gerichtshof aus vollkommen unabhängigen Richtern; niedere Instanz sind die Landdrosten, in deren Händen auch die Civilverwaltung der einzelnen Distrikte u. die Polizeigewalt ruht; sie sind vom Gouverneur abhängig und haben seine Verordnungen zu Vollstrecken; ihnen znr Seite steht ein aus 4—8 vom Gouverneur ernannten Mitgliedern (Kemraaden) zusammengesetzter Rath. Die Gesetze selbst sind theils englischen, theils holländischen Ursprunges. Die Finanzen sind in geordnetem Zustande. Im Jahre 1871 betrugen die Einkünfte 836,174, die Ausgaben 764,915 und die Schulden 1,160,000 Pfd. Sterl. Der Werth des gesammten Vermögens in der Colonie soll sich in den letzten 30 Jahren verfünffacht haben, namentlich erlangte derselbe seit 1848 einen raschen Aufschwung. Am meisten trug hierzu die Cultur der feineren Wolle bei, die immer eifriger betrieben wird. Die Einwanderung ist nicht bedeutend, u. sind nur 5 pCt. der Bevölkerung in Europa geboren. Übrigens hatte das C. 1798 erst 61,947 Ew. (21,746 Christen, 25,754 Sklaven u. 14,447 Hottentotten); 1857 war die Zahl aus 267,096 gestiegen (102,156 Weiße, 129,167 Farbige, 10,584 Fremde u. 25,189 Malaien u. Heiden). Die bewaffnete Macht bestand früher ans 3 englischen Linien-Jnfanterie.Regimentern, einer Abtheilung Artillerie und Ingenieure und einem englischen Reiter-Regiment; für den Krieg soll die dienstpflichtige einheimische Bevölkerung auf- geboten werden. Die Grenzdistricte hat man durch militärisch geschulte Ansiedler, welche zum Theil aus den für Len Krimkrieg geworbenen Leuten (Deutsche Legion) bestehen, geschützt. Religion: allgemeine Glaubens- und Gewissensfreiheit; am meisten verbreitet ist die Holländisch-Reformirte Kirche (vorzugsweise im W.), ferner englische Episkopalen, römische Karholiken, Reformirte, Wesleyaner n. a. (namentlich im O.), Bekenner des Islam (unter den Malaien in der Capstadt), Heiden sind größtentheils die Hottentottenstämme u. die Kaffern, für deren Bekehrung u. Civilisation jedoch in der letzten Zeit zahlreiche englische, holländische, französische und deutsche Missionen sehr thätig gewesen sind. Für Schulbildung ist erst in neuerer Zeit (durch die Ordonnanz des Gouverneurs Sir G. Rapier vom Jahre 1829) etwas geschehen, diese vom Staate abhängig gemacht u. organisirt worden. Infolge davon wurden ein Gymnasium in der Capstadt (Loutir-rdkrronn Ool- IsAö) n. mehrere Districtsschulen gegründet; außerdem gibt es noch zahlreiche Elementarschulen (meist Freischulen für weiße u. farbige Kinder beiderlei Geschlechtes). Doch gab es noch 1865 63,607 Weiße und 284,395 Farbige, welche weder lesen, noch schreiben konnten, u. nur 36 pCt. der Bevölkerung von 5—15 Jahren erhielten Schulunterricht. Gelehrte Gesellschaften: Locist/ kor tlrs nä- vanosmsnt ok civilmstron nml litsraturs, Locket/ kor tlrs aclvmiLsmsnt ok Olrristian simov/Isägs, Locist/ kor tlrs äiscovsr/ ok Oontral-Lkriea, L.Aricu1turaI Looiet/ (sämmtlich in der Capstadt). Bibliotheken in der Capstadt (gegen 60,000 Bände) n. in Grahamstown (Division Albany). Sternwarte u. Botanischer Garten in der Capstadt. Hauptbeschäftigung ist Ackerbau und Viehsnamentlich Rindvieh- u. Schaf-) Zucht. Es waren 1825 in Bebauung 217,692 Morgen Landes; der Ackerbau liefert namentlich ausgezeichneten Weizen (den besten im Distr. Worcester), dann Gerste, Roggen u. Mais; die Schafzucht hat vorzugsweise in den Distrikten Clan William u. Colesberg Lurch Einführung sächsischer Merinos in neuerer Zeit außerordentlich gewonnen; im Distr. Zwellendam wird ferner noch mit gutem Erfolge Pferde- und Manleselzucht getrieben. 1865 zählte man gegen 10 Will. Schafe, 2^ Mill. Ziegen, gegen 700,000 Rinder, über ^ Mill. Pferde. Es wurden beinahe 19 Mill. Pfund Wolle gewonnen; 1871 aber sogar 46,gi Müll. Pfd. ausgeführt, wovon ch aus die östlichen Divisionen kommen. Der Geldwerth der exporlirten Wolle (gegenwärtig weitaus des wichtigsten Handelsartikels), 1858 erst 1,014,858 Pfd. Sterl., stieg 1871 aus 2,210,748 Psd. St., während der Geldwerth der Weinausfuhr, 1859 153,941 Psd. St., 1871 aus 10,742 Psd. St. gesunken war. Kleinere Grundbesitzer werden seil Len letzten Jahrön begünstigt, die übermäßigen Weiderechte der größeren Grundbesitzer heschränkt u. nach britischem Colonialrechte ordentliche Erb- pachte des Grnndeigenthums angelegt; die Viehzüchter nehmen ihre Weide- u. a. Plätze gewöhnlich ebenfalls von der Regierung in Lehn. Von Wichtigkeit ist ferner (war es aber früher weit mehr) der Weinbau, namentlich im Capdistrict (berühmt die Weinberge von Constantia, s. Capweine) u. den Distr. Worcestern. Stellenbosch. In der Neuzeit entdeckte man auch reicheDiamantselder. Fischfang wird 469 Copland trotz des großen Reichthums an Fischen nnr wenig getrieben, auch der Walfischfang wird säst nur von europäischen u. amerik. Walfischfängern betrieben. Industrie ist noch ziemlich gering, da die Landbewohner sich die meisten Bedürfnisse sebst Herstellen. Einigermaßen werden betrieben Seifen-, Wagen-, Stahlwaarenfabrikation n. Hntmacherei. Handel: Der Binnenverkehr ist wegen des gänzlichen Mangels an schiffbaren Flüssen, u. weil die Negierung nur erst in neuerer Zeit für Verkehrswege Sorge zu tragen angefangen hat, bis jetzt noch ziemlich gering, um so bedeutender aber der Seehandel. 1871 betrug die Einfuhr 3,107,838, die Ausfuhr 3,585,996 Pfd. St. Ausfuhrartikel sind Wein, Öl, Butter, Mehl, Hafer, eingesalzenes Fleisch, gesalzene Fische, Alod, Häute, Wolle, Talg, Thran, Wachs, Fischbein, Straußfederu, Elfenbein; Einfuhrartikel: Kaffe, Zucker, Manufactur-, Glas-, Stahl- u. Wollenwaaren, Holz, Putz- u. Mode- waaren, Papier, Farben rc. Haupthandelsplatz der WProvinz ist die Capstadt, der OProviuz Grahamstown. Eisenbahnen sind etwa 600 km vollendet: von der Capftadt nach Stellenbosch, Simonstown, Malmesbury u. Saron, n. von da nach Worcester, und mehrere andere projectirt (Worcester - Beaufort, P ort - Elizabeth - Grah ams- town rc.); in Britisch-Kaffraria ist vollendet die Linie East-London-King-Williamstown. Mit Europa (England) steht das C. durch regelmäßige Dampferlinien in Verbindung: von London dreimal, von Dartmouth zweimal, von Falmouth einmal monatlich, außerdem von Plymouth u. Southampton in Len Monaten Juni u. Juli je dreimal. Münzen, Maße u. Gewichte. Man rechnet wie in England nach Psd. Sterl. zu 20 Sh. d 12 Pence, wobei der früher geltende holländische Rijsdaalder Papiergeld zu 18 Pence fest- gestellt wurde. Außer den englischen Münzen cur- siren noch spanische, holländische u. französische Gold- und Silbermünzen. Längenmaß: der alte Amsterdamer rheinländische Fuß zu 12 Zoll ü 12 Linien (^ 0,g,g in); die Elle ist entweder die alte Amsterdamer Elle 0,gm in), od. die englische Hard (0,g„ in). Feldmaß: der Amsterdamer Morgen zu 600 Amsterdamer Quadratruthen ä 169 Quadratfuß (— 3,igg preuß. Morgen). Getreidemaß: entweder die Mud zu 4 Scheffeln L 4 Vier- devats ä 8 Koppen (— 111,,5, I), oder das alte Winchester Bushel zu 8 Gallons ä 4 Quarts ä 2 Pints (— 35,227 I); gewöhnlich rechnet man 1 Mud — 3 Winchester Bushels. Flüssigkeitsmaß: vorzugsweise das alte englische Gallon zu 4 Quart ä 2 Pints ä 4 Gills (— 3,7gs I); der Legger hält 152 alte Gallons, die Pipe 110 alte Gallons. Handelsgewicht: Neben dem jetzt vorzugsweise gebräuchlichen engl. H.voir-äu-pois- und Troy- gewicht (s. England, Gewichte) wird auch nach dem alten Amsterdamer Pfund gerechnet zu 32 Loth ü 4 Drachmen, 100 Pfd. —1 Centner (—49,^ k^). Die Schiffslast wird zu 4000 Amsterdamer Pfund berechnet oder auch nach englischen Tons; 1 Ton 20 Hundredwcight ä 4 Quarters ä 2 Stones ä 14 Pfd. L.voir äu poicks ä 16 Unzen ä 16 Drachmen (also die Schiffslast — 2032 k§). Wechselcourse. Man wechselt in der Capftadt durch Vermittelung des Gouverneurs, oder der (Gcsch.). Navy Office in London mit 1—3 pCt. Prämie-, auf Bombay, Calcutta u, Madras zu ff: 2 Sh. Sterl. für 1 Company Nupee; auf Amsterdam zis ff: 20 Pence Sterl. für 1 Gulden holländ. Cour.; auf Paris zu ff: 9 Pence Sterl. für 1 Franc. Privatwechsel etwas niedriger, als die der Regier- uug. Vgl. die jährlich dem englischen Parlament vorgelegten Blaubücher (LIus Looks); Moodie, Oaxe-Rsoorcis kroin 1652—1795, I Bd., Capstadt 1856; Andres, SAfrika, Lpz. 1859; Hall, Nanual ok Loutfi - Llrioan EovArapfiz-, Capst. 1859; Livingstone u. Elfis, SAfrika, Lpz. 1860; Mrs Oaps ok Oooä Hops rLImanae anck ^unual Ls- Zistor, Cape Town 1874. Geschichtliches. Wenngleich nach Herodotos schon im Alterthum die Phöuiker Afrika umschifft haben sollen u. die Fahrten der Araber im Mittel- alter an der OKüste sich weit nach S. erstreckten, so gab es doch keine Kunde vom C., ehe die Entdeckungsfahrten der Portugiesen bis dahin vorgedrungen waren. König Johann II. von Portugal, welcher den Sitz des sagenhaften Priesters Johann nach erhaltenen Nachrichten in ORfrika glaubte, wollte denselben aussucheu lassen u. sendete deshalb 1486 ein kleines Geschwader unter Bartolome» Diaz aus. Dieser umsegelte auch wirklich 1487 das Cap, aber weiter vorzudringen hinderte ihn eine unter seinem Schiffsvolke ausgebrochene Meuterei, welches aus dem unbekannten Meere Hunqers zu sterben fürchtete. Wegen der schrecklichen Stürme, welche Diaz an dem Cap bei der Umsegelung ausgestanden hatte, nannte er dasselbe Oapo tor- msutoso (Stürmisches Vorgebirg), aber der König Johann, welcher nach Diaz' Mittheilungen nicht zweifelte, daß der Weg nach Indien gefunden sei, gab ihm den Namen Vorgebirg der guten Hoffnung, sein Nachfolger, König Emanuel, ließ den aufgefundenen BZeg weiter verfolgen. Eine Flotte von 4 Schiffen unter Basco de Gama ging 8. Juli 1497 unter Segel, u. obgleich die Expedition mit heftigen Stürmen, der Führer auch mit einer Meuterei der Leute zu kämpfen hatte, umsegelte Vasco doch 22. Nov. 1497 das Cap glücklich, worauf er die östliche Fahrt fortsetzte. Doch war den Portugiesen nur um den Weg nach Indien zu thun; um das Land, welches am Cap endigte, bekümmerten sie sich nicht. Erst die Holländisch- Ostindische Compagnie erhielt 1651 die Erlaubniß, hier eine Kolonie anzulegen, die, mit dem Handelsmonopol versehen, die anlandenden Schiffe mit Proviant versehen sollte. 1652 wurde die neue Capstadt durch van Riebeck angelegt u. durch Festungswerke gesichert. Die Kolonisten (Boers) lebten anfangs in fortwährendem Kriege mit den Kaffern, Hottentotten u. Buschmännern, die sich jedoch unterwarfen, od. in öde Gegenden zurllck- zogen. Die Colonie gedieh, obgleich die holländ. Statthalter Nichts für die Verbesserung des politischen Zustandes derselben thaten. AlsLudwigXIV. Holland zu vernichten drohte, wanderten mehrere reiche Holländer hierher aus. 1780 im NAmeri- kanischen Kriege mißlang ein Angriff der Briten zur See auf das C. (s. Nordamerikanischer Freiheitskrieg). Im Französischen Revolutionskriege eroberten die Briten unter Admiral Elphinstone und General Clarke 16. Sept. 1795 das C. (s. 470 Capland Französischer Revolutionskrieg), u. eine den Holländern zu Hilfe kommende Flotte unter Adnnral Lucas mußte sich ergeben. Zwar erhielt Holland das C. durch den Frieden von Amiens 1803 zurück, aber schon 1806 ward es von den Briten abermals eingenommen, die es nun als Eigen- lhum behandelten, staatlich zu vrganisiren suchten u. im Pariser Frieden 1814 förmlich abgetreten erhielten. Auf die Entwickelung des C-s unter brit. Herrschaft wirkte die Beschränkung der alten Vorrechte der Boers in den größeren Besitzungen, besonders die Aufhebung des Sklavenhandels, der Verkehr mit Ostindien u. die Vereinigung mit England günstig ein; 1820 siedelten sich 4000 Briten dort an. Infolge von Unordnungen in der Verwaltung mußte der Gouverneur Lord Somerset 1827 seine Stelle niedcrlegen; ihm folgte Lord Cole. Die meist von den Boers ver- anlaßten verwüstenden Einfälle der Kaffern an den NGrenzenbr achten dem C-e großen Schaden. Im Jahre 1835 machten 20,000 Kaffern einen Einfall, doch wurden sie im Zaume gehalten. Um 1835 wurde von den Engländern ein großer Strich Landes an der NOGrenze des C-es, jenseits des Oranjeflusses, erobert, Adelaide genannt und durch eine Reihe Forts u. Blockhäuser befestigt. Nach u. nach unterwarfen sich die Kaffern, denen (72,000 Mann stark) Wohnsitze innerhalb des brit. Gebietes angewiesen wurden. Als die bereits 1829 angekündigte Emancipation der Hottentotten 1837 u. die der Neger 1839 zur Ausführung gebracht werden sollte, fühlten sich die holländ. Colonisten, besonders da sie nur r/g des Schadens vergütet bekamen, benachtheiligt, u. an 5000 zogen unter Peter Reticf, nachdem sie ihren Grundbesitz verkauft hatten, fort u. siedelten sich jenseits des Oranjeflnsses in den Gebieten der Kaffern und der Weihnachtslüste (nachmals Colonie Natal) an. Ungeachtet fortwährender Kämpfe mit den Kaffern, u. obschon ihre Zahl durch Niederlagen sehr zusammengeschmolzen war, kehrten die Ausgewanderten doch nicht zurück, sie erklärten sich vielmehr, nachdem sie durch Zuwanderungen wieder verstärkt waren, 11. Nov. 1839 unabhängig von England, indem sie die Republik Port Natal gründeten, die jedoch nicht von Bestand war (s. u. Natal). Um die Capcolonie vor ferneren Raubzügen der Kaffern zu schützen, schloß der Gouverneur Napier 1840 Frieden mit ihnen n. erneuerte die Verträge. An Napiers Stelle trat 1844 Sir Peregrine Maitland als Gouverneur ein. 2. Febr. d. I. wurde der Hafen der Capstadt zum Freihafen erklärt. Schon 1846 brach wieder ein Kafsernkrieg aus, veranlaßt durch mehrere von den Kaffern begangene blutige Gcwaltthätigkeitcn, die sich während des nun wüthenden Kampfes noch vermehrten, bis es endlich 1847 den Gouverneuren Sir Henry Pöttinger n. Sir Harry Smith gelang, die Kaffern zu unterwerfen n. einen Theil ihres Gebietes als Britisch-Kaffraria mit dem C. zu vereinigen; die Häuptlinge wurden nun britische Beamte (Friedensrichter) u. mußten der Regierung Treue schwören. Indessen war auch die Niederlassung der Boers in Natal der brit. Herrschaft unterworfen worden, u. die meisten Boers zogen deshalb unter ihrem Führer Pretorias in daS (Gesch.). Gebiet des oberen Oranjeflnsses. Doch die Eng. länder erhoben auch auf dieses Land als Oranje- Niver-Sovereignty Ansprüche, u. als diese von den Boers nicht anerkannt wurden, schlug Smith dieselben nach tapferer Gegenwehr bei Bloem Plaats 29. Aug. 1848 u. legte bei Bloemfon- tein ein starkes Fort an. Die Boers wandelten nun in der Mehrzahl unter Pretorias nordost- wärts und gründeten am oberen Vaalfluß die Transvaal-Republik (s. d.). Die Übrigen blieben ruhig, bis in der 31. Octbr. eröffneten Assembly die Frage aufgeworfen wurde, ob nicht die Colonisten geneigt wären, Sträflinge ans England als Diener u. bei gutem Benehmen als Mitbürger aufzunehmen. Dagegen aber protestirten die Colonisten energisch, u. es erhob sich thätlicher Widerstand. Endlich aber gab die engl. Regierung nach: Lord John Russell erklärte 8. Febr. 1850 im Unterhanse, daß den Colonien die Sträflinge nicht aufgedrängt werden sollten. Dieser Verlegenheit folgte indessen bald eine neue. Im Oct. 1850 machten die Kaffernstämme wieder Einfälle in die Colonie, u. daraus entstand ein neuer Kafsernkrieg, welcher noch verheerender wurde, als der vorhergehende, um so mehr, als auch die Kaffern, welche sich unterworfen hatten, ihren Eid brachen n. sich mit ihren Volksgenossen vereinigten. Es wurden zahllose Mordthaten von ihnen begangen, n. sie siegten sogar in mehreren Gefechten über die Engländer. Ja, um das Blaß voll zu machen, brachen jetzt auch die Hottentotten los, wetteiferten mit den Kaffern in allen Arten von Gräueln u. gingen sogar mit dem Gedanken um, die Engländer ganz aus dem Lande zn vertreiben. Erst Ende 1851 erlangten die Engländer, noch bevor sie Verstärkung aus dem Mutterlands erhalten, unter Oberst Somerset wieder einige Vortheile, u. Ende 1852 unterwarfen sie unter dem neuen Gouverneur Cathcart, der mit Truppen angekommen, die Urbewohner n. verwiesen die Kaffern jenseits des Flusses Kai. Zugleich suchte der Gouverneur sich mit den Boers im Oranjeflußgebiete in ein besseres Einvernehmen zn setzen, da es der vereinigtenKräfte der weißen Bevölkerung bedurfte, um einen etwaigen neuen Ausbruch der Feindseligkeiten von Seiten der Eingeborenen schnell unterdrücken zn können. Sir G. Clerk begab sich, nachdem schon im Frühjahre Unterhandlungen wegen völliger Lostrennung des Gebietes von der engl. Colonie angeknüpst waren, im Sept. nach Bloemfontein n. schloß 23. Febr. 1854 einen Vertrag mit den Boers, worin England die Oranje-Flnß-Republik als unabhängigen Freistaat anerkannte. Dieser Vertrag wurde 10. April in London ratificirt. Einen großen Zuwachs an Ansiedlern erhielt der neue Freistaat im^Lause des Jahres 1854 infolge der an mehreren Stellen des Landes entdeckten Goldlagcr. Inzwischen hatten auch die Forderungen der Capcolonisten beim Mutterlands Gehör gesunden, da die Negierung wohl erkannt hatte, wie viel vortheilhafter und zweckmäßiger als ein kostspieliges Heer es sei, den guten Willen u. Eifer der Ansiedler selbst zur Vertyeidigung des Landes anfznbietcn. Das erste Parlament, ein Ober- u. Unterhaus (lw»'is1ativs , Garmcil u. ^ssembkg- Lonse) bildend, wurde 1- 471 Capmany y de Montpolan — Capon. Juli 1854 vom Generalgonverneur eröffnet. Von da an blieb die Ruhe ungestört, mit Ausnahme einiger Reibereien mit den unverbesserlichen Kaf- sern. Es blieb indeß bei kleinen Streifzügen u. Scharmützeln, u. der seit1855 eingesetzte General- gouvernenr, Sir George Grey, bereiste im Jan. die Grenzdistricte, um für etwaige Überfälle die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Im Laufe des Jahres trat er mit einzelnen Kaffernhäuptlingen, welche um Erleichterungen des Handelsverkehres für ihre Stämme nachsuchtcn, in Unterhandlung u. suchte auf friedlichem Wege zu gewinnen, was sein Vorgänger durch Gewalt u. Rücksichtslosigkeit erstrebt hatte. Zur besseren Erhaltung der Ruhe beschloß die engl. Regierung eine militärische Besiedelung der Grenzdistricte, u. zu diesem Ende wurde von der während des orientalischen Krieges gebildeten Deutschen Legion der Theil, welcher das Angebot der Regierung, in Geld u. Ländereien bestehend, annahm, nach dem Cap eingeschifft u. im Frühjahre 1857 an den verschiedenen Stationen, welche den Grenzcordon bildeten, vertheilt. Seit 1858 strömten wieder europäische Einwanderer nach der Colonie, u. der Handel nahm einen bedeutenden Aufschwung. 1865 wurde Britisch- Kaffraria mit der Capcolonie vereinigt u. 1875 dieselbe durch Theile von Frei-Kafsraria vergrößert. Die infolge der Entdeckung von Diamanten seit 1870 steigende Einwanderung in die bis dahin menschenleere Hochebene an beiden Ufern des unteren Baal führte zu diplomatischen Streitigkeiten zwischen Sir Harry Barkly, dem Gouverneur des Caplandes, u. den beiden holländischen Republiken über den Besitz dieses Landes, die einen Augenblick (März 1871) in Krieg ausznbrechen drohten. Das Cap-Parlament entschied 19. Juli 1871 sich zu einer provisorischen Annexion dieses officiell WGriqualand genannten Landes, wogegen von Seiten der Transvaalschen Republik diplomatische Schritte in London gethan wurden. Die dauernde Annexion stieß übrigens in England sowol, als in der Capcolonie aus viel Widerstand. (Näheres u. Griqualand.) (Geogr.) Kolpe.' Hemie-Am Rhyn.» Capmany y de Montpala«, Don Antonio de, verdienter span. Sprach- u. Alterthumsforscher, auch Geschichtschreiber, geb. 24. Nov. 1742 in Barcelona; war erst bis 1770 Militär, dann Commissär des Don Pablo Olavide, welcher die catalonische Handwerkercolonie nach der Sierra Morena führte, u. kam nach seiner Rückkehr nach Madrid in die Akademie, deren beständiger Secre- tär er 1790 ward; er floh 1808 bei der franz. Invasion nach Sevilla u. war 1812 n. 1813 De- putirter in den Cortes; er st. 14. Nov. 1813 in Cadix. C. schr.: Oilossüa äs la sloeusuoia, Madr. 1777 u. ö.; lÄsmorias sodrs In marlna, oomsroio ^ artes äs Barcelona, ebd. 1779—92, 4 BLe.; 6oäi§o äs las eostmndrss marlt. äs Lars., ebd. 1791, 2 Bde.; Lwts äs braäuslr äsl iäioma kraus, al sastsllano, ebd. 1776, n. Anfl., Par. 1835; Olcslonarlo krausss-sspanol, ebd. 1805; Ousstüonss sodrs varios pnntss äs lrlsto- ria ovouoiuiea, xolltüsa zs milltar, ebd. 1807; gab heraus: Oräsnanras äs las ariuaäas uara- lss äs la soroua äs L.raZon, ebd. 1787; ^ntl- Zuos trataäos äs pacss ^ allan^as subrs algnuos Lsxss äs 4.ra^on, ebd. 1786; Lsatro Irlstoriso erlblso äs la elosusneia sastsllana, ebd. 1786 bis 1794, 5 Bde., u. Anfl., Par. 1843. Oapo (ital.), Anfang, Haupt, Chef; daher äa 6., von Anfang, s. Da capo. Capo di Perro, Gian Francesco, berühmter Einlege-Arbeiter ans Bergamo; st. das. 1533. Er war ein Schüler u. Rivale des Fra Damiano. Hauptwerk: Das Chorgestühle in Sta. Maria Maggiore in Bergamo. Seine Kunst ward von seiner Familie noch mehrere Generationen hindurch geübt. Regnet. Capo d'Jstrra, 1) Bezirkshanptmannschast in der österr. Markgrafschaft Istrien, 794 f^jlcm (14,^ ÜI!M); 62,149 Ew. 2 ) Hauptstadt darin, am Busen von Triest, auf einer Felseninsel; befestigt u. durch eine lange Brücke mit dem Festlande verbunden, die durch das Castell Leone vertheidigt wird; Bezirksgericht; der Bischof des Bisthums C. hat seinen Sitz in Triest; Dom u. der Lalarro pudliso, 30 Kirchen, 3 Klöster; Ober-Gymnasium, Lehrerbildungsanstalt; Provinzialstrafhaus; 2 Schifsswerfte, Hafen mit Leuchtthurm; bedeutende Gewinnung von Seesalz in Privatregie (400,000 Ctr.), Fischerei u. Küstenschifffahrt; Wein- und Ölbau; Leder- und Seifenfabrikation; 7539 Ew., in der Gemeinde 9169 Ew., Italiener, welche den veuetianischen Dialekt sprechen; die Bauart der düsteren Stadt erinnert an Venedig; eine Wasserleitung bringt der Stadt Trinkwasser. — Capo L'Jstria soll von Kolchiern unter dem Namen Ägida erbaut worden sein. In der 1. Hälfte des 6. Jahrh. n. Chr. flohen viele reiche Familien vor den Langobarden, Ava- ren u. Slaven hierher u. gründeten die Größe n. den Wohlstand der Stadt; in der 2. Hälfte des 6. Jahrh. ward sie von Justinianus erobert, verschönert u. nach dessen Oheim Justinns I. Justinopolis genannt. Später riß sie sich von den römischen Kaisern los u. behauptete sich als Republik bis 932, wo sie von den Venetianern erobert wurde. 1380 wurde sie genuesisch; 1487 kam sie wieder an die Venetianer n. wurde zur Hauptstadt des venetian. Istrien erhoben. Mit Istrien kam auch C. d. I. 1797 unter die Herrschaft Österreichs. Cicakc.» Capo d'Istrias, s. Kapo d'Istrias. Cäpolla, Bartolomeo, geb. in Verona; studirte in Bologna, wurde Professor der Rechte in Padua; st. 1474. Er schr.: Os sälsto asäill, Leyd. 1505; Os ssrvitutübns, Köln 1529; 6an- tslas cansaruin vivilium, durch welche er sprüch- wörtlich geworden ist, Hannover 1572; Os aäl- pisssnäa posssssions, Leyd. 1577; Os fürs sm- pdxbsutico, Straßb. 1593, u. a. m. Capon (fr.), ein verschlagener Mensch, ein schlauer Betrüger; daher caponiren, betrügen, besonders im Spiel. Capon, William, engl. Architekt, geb. 6. Oct. 1757 zu Norwich, gest. 26. Dec. 1827 in London; war zuerst Porträtmaler, studirte aber dann bei Michael Novosielski Baukunst u. entwarf die Decorationen für das Drnry-Lane- und Covcntgarden-Theater, unterstützte auch den berühmten Kemble bei der Ausführung seiner Ideen bezüglich der Verbesserung der Scene. Die Zeich- 472 Caponniöre — 6s.xps.ris. nuug einiger Ruinentheile genügte C., hiernach Izn seiner Zeit üblichen literarischen Lobhudeleien das ganze Gebäude zu reconsirniren. Regnet. Caponnicre, eine Art Blockhaus, welches in der Polygonarbefestigung (s. d.) im Graben erbaut ist u. die Bestimmung hat, eine kräftige u. der Zerstörung Lurch seindliche Geschosse wenig ausgesetzic rasante Grabenbestreichung, als wesentliches Moment einer gesicherten Vertheidigung, herzustellen. Die C. kommt entweder in der Mitte einer langen Linie, deren Hälfte die Weite des wirksamen Kartätschschusses nicht überragen darf, senkrecht auf jene gesetzt, oder auf dem ausspringenden Winkel zweier kurzen Linien, u. zwar auf der Capitale des Winkels, zu liegen, so daß dann die langen Außenwände der C. eine schräge Stellung zum Graben erhalten und die feindlichen Kugeln nur unter einem schiefen Winkel die C. treffen können und daher nach außen abstrakten müssen. Die C. ist gewöhnlich mit der crenelirten Grabenmauer verbunden, u. es ist vortheilhaft, sie so weit einzuziehen, daß die von dem Raume hinter derselben nach dem Graben führenden Ausgänge eine gedeckte Lage erhalten u. die Ge- schützscharten mehr in die Mitte des Grabens kommen. Sonst baut man aber auch zuweilen freiliegende C. mit Hofraum im Innern u. einer unterirdischen Communication nach rückwärts. Die C. erhalten nach Umständen 1 od. 2 Etagen u. nach jeder Seite in jeder Etage 2—3 Geschütze; außerdem Gewchrscharten, ans denen man auch Handgranaten wirft; zuweilen werden sie bloß für Infanterie eingerichtet. Man baut die C-u bei passageren od. provisorischen Befestigungen von Holz u. gibt ihnen eine bombensichere Eindecknng von Eisenbahnschienen od. Balken u. Erde, in der permanenten Befestigung dagegen aus Steinen, mit Gewölben, Eisen- od. Balkendecken u. einer Erdbedeckung. Die Stirnseite erhält entweder einen ausspringenden Winkel, oder sie wird mit einem Kreis constrnirt, od. gerade abgeschnitten. Jedes Geschütz bekommt ein besonderes Gewölbe. Der besseren Haltbarkeit wegen wendet man meist Tonnengewölbe u. Perpendicnlarkasematten an. Von den C-n eines detachirten Forts heißt die in der Spitze liegende die Saillant-C., sie flankirt beide Facen; die an den Schulterpunkten liegenden Schulter-C-n, sie bestreichen die Gräben vor den Flanken u. sind nach vorn meist durch eine Erdvorlage gedeckt. Die zur Bestreichung des Kehlgrabens angelegte C., über deren Decke hin u. wieder die Communication in das Fort führt, heißt Kehl-C. S' Caporali, Cesare, ital. Dichter, geb. 21. Juni 1531 zu Perugia, gest. 1601 zu Castiglione unweit Perugia; lebte in reiferen Jahren als Ca- nonicus, später als Beamter in Atri u. verbrachte >>en Rest seines Alters im Hause seines Gönners, des Marquis von Cornea. Er gilt als der vorzüglichste Nachahmer d§s burlesken Dichters Berni übertraf denselben aber bei Weitem an geschmackvollem u. reinem Stil u. wußte sich von den etwas derben u. zweideutigen Anspielungen seines Vorgängers u. seiner Zeitgenossen entschieden frei zu halten. Belege sind seine Satiren: Oaxiboli; VisAAio äi karnaso; Vits, äi Llsosnats (eine durch 12 Abschnitte sortgeftihrte Verspottung der u. der dafür erschmeichelten Gunst). Eine Sammlung seiner Werke erschien unter dem Titel Rimg äi 6. 0., Perugia 1770. Booch-Arkossy. Capotasto (ital.), 1) der Hauptbund, Hauptsattel, bei Saiteninstrumenten mit Bunden das Leistchen, worauf die Saiten unterhalb der Wirbel fest aufliegen; besonders 2) bei der Guitarre die Vorrichtung, durch welche man mittels eines unter dem Hauptkunde fest zugeschraubten Leist- chens von Holz, Elfenbein u. dgl. alle Saiten zugleich fest niedergedrückt erhalten kann, wodurch ein neuer Hauptbund und eine beliebig höhere Stimmung entsteht. 6appa, mantelartiges Kleid der Ordensgeistlichen, mit weiten Ärmeln (bei den Benedictinern Flocken), oft auch mit einer Kapuze (Kutte). kappsriässs, dikotyle Pslanzenfam. aus der Kl. der Rboeaäsas, einjährige Kräuter od. Sträucher mit abwechselnden, selten gegenständigen, einfachen od. gefingerten Blättern, oft ansehnlichen, in achselständige Bündel vereinten od. endstänLige Trauben bildenden Blüthen, mit 4—8 Kelchblättern, die frei od. mehr od. weniger mit einander verwachsen sind, 4 od. 8, seltener 5 Blumenblättern, bisweilen ohne solche, 6, 8 od. vielen Staubblättern, einem meist einfächerigen od. durch falsche Scheidewände mehrfächerigen, selten sitzenden, meist von der verlängerten Blllthenachse getragenen Fruchtknoten, mit zahlreichen nmgewendeten Samenknospen, welche in einer oder mehreren Reihen an wandständigen Samenleisten stehen; Frucht eine lange, schotenförmige, zweiklappige, vielsamige Kapsel od. eine Beere; Samen nierenförmig, mit wenig od. ohne Eiweiß; Keimling gekrümmt, mit gefalteten od. zusammengerollten, selten flachen Keimblättern. Die Fam. zählt ungefähr 300 Arten in der warmen u. heißen Zone beider Hemisphären, nur einzelne Arten von Oapparis kommen im südl. Europa vor. n) Olsomoas, einjährige Kräuter mit einfächeriger, schotenförmiger Kapselfrucht: Oleoms, kolanisia. b) Onpparsas, Sträucher od. Bäume mit Beeren- od. Sreinfrüchten: Llori- sonia, Oapparis, Oratasva, Navarra u. a. Engter. ünpparis L. (Kapper), Pflanzeugatt. ans der Fam. der Capparideen (XIII. 1), Sträucher od. Bäume mit einfachen Blättern, borstigen od. dornigen Nebenblättern, weißen, oft mit Tragblättern versehenen, verschieden angeordneten Blüthen mit 4—5 Kelchblättern, 4, selten mehr dachziegel- förmig gelagerten Blumenblättern, meist vielen Staubblättern, langgestieltem, 1 — 4fächerigem Fruchtknoten mit 2—6 Sameuleisten u. sitzender Narbe; Frucht eine kugelige od. cylindrische Beere mit vielen Samen; Embryo zusammengerollt. Ungefähr 120 Arten, welche meist zwischen den Wendekreisen verbreitet sind; nur wenige kommen in den wärmeren Gegenden Europas u.WAsiens vor. 0. spinosa 47 (gemeine Kapper), kleiner Halbstrauch mit liegenden od. von Mauern herabhängenden Ästen, rundlichen Blättern u. großen, weißen u. röthlichen Blüthen; in SEuropa wild; seine Knospen sind das bekannte Gewürz, welches häufig durch andere, beim Öffnen leicht zu unterscheidende Blllthenknospen, namentlich die von Oalüra palustris, verfälscht wird; ehemals war 473 Cappel - die Wnrzelrinde (Lortsx üaäieis üappnriäis) u. ein aus denselben bereitetes Öl (Kappernöl) offi- cinell; auch werden viele der tropischen Arten von den Eingeborenen als Abführmittel, als Mittel gegen Nerven- u. Gelenkschmerzen angc- wendet. Engler. Cappel (Cappellus), Louis, ausgezeichneter Hebraist u. Kritiker, geb. 15. Oct. 1585 zu St. Elicr bei Sedan; studirte seit 1609 in Oxford u. auf Universitäten des ContinentS die orientalischen Sprachen, ward 1613 Professor der hebr. Sprache zu Saumur, später auch Prediger daselbst und Professor der Theologie; er st. daselbst 18. Juni 1658. C. verfocht in seinem ^reannin pnnotationis rsvolatnm, Leyden 1624, das zuerst anonym erschien, die Ansicht von der Neuheit der hebr. Punctation u. ward dadurch in einen. Streit mit dem jüngeren Bnxtorff (s. d.) verwickelt. In seinem zweiten Hauptwerke: Orltioa saora, Par. 1650, bestritt er die herrschende Ansicht von derJntegrität des hebr. Textes. Außerdem schrieb er n. a.: Diatrids äs voris st artti- guis Usbrasornm libsris, Amsterdam 1645. Schräder. Cappella, Bianca, s. Capello. Cappoui, edles florentinisches Geschlecht, das in den bürgerlichen Unruhen im 14. Jahrh. eine bedeutende Rolle spielte. Merkwürdig sind besonders Gino u. sein Sohn Neri (s. Florenz, Gesch.). Aus neuester Zeit: Gino, Marchese C., italien. Gelehrter, bes. Geschichtschreiber, geb. 14. Sept. 1792 in Florenz; bildete sich 1818—20 auf Reisen in Frankreich, England u. Deutschland, worauf er in Florenz den Wissenschaften lebte; er erblindete 1844 vollständig. Trotzdem wurde er Präsident des Ministeriums vom 19. Aug. 1848, gab aber nach dem October-Aufstande seine Entlassung und kehrte in den Privatstand zurück, nahm auch an den ferneren politischen Ereignissen in Italien keinen Antheil. Nach der Bildung des Königreichs Italien wurde er Senator u. Präsident der Geschichtscommission für Toscana, Umbrien u. die Marken. Er gab heraus: Colletas sboria äsl rsams äl MpoÜ u. Dooumsnti äl storia itsliann, Flor. 1836 f., war bei der 5. Ausgabe des Vooadolario der Akademie della Crusca betheiligt, begründete mit dem Buchhändler Vieusseux in Florenz die Zeitschrift LmtoloAis, u. veröffentlichte 1875 sein Hauptwerk: die Ltoria äslln ropudblioa Lorentina. Dasselbe ist in glänzendem Stil geschrieben, u. der Verfasser versteht es trefflich, sich in den Geist seiner Zeit hineinzuleben und deren ganzes Thun u. Treiben bei aller Gründlichkeit der Forschung malerisch zu schildern. Hemie-Am Nhyn.« Osprs (lat.) Ziege; auch der Stern LnpsUa. Capräja, Insel, zur italien. Provinz u. dem Bezirke Genua gehörig, östlich vom nördl. Theil Corsicas, nordwestl. von Elba; vulcanisch, felsig, reich an Wein, Honig u. Ziegen; Hafen, der durch ein Fort geschützt ist; Fischerei; 476 Ew., vereinigt m einer Gemeinde C. Sie hieß bei den Alten Capraria. 1507 entrissen sie die Genuesen dem Jacopo de Moro, der sich zum Herrn aufgeworfen hatte. Caprära, Insel in der Gruppe der Tremiti- Jnseln im Adriatischen Meere, an der Küste der — Capri. italienischen Provinz Foggia; ist die größte derselben, aber unbewohnt. Caprära, eine bolognesische Adelsfamilie, die 1724 im Manncsstamme erlosch. 1) Äneas Sylvins, Graf v. C., kaiserlicher General, geb. 1631 in Bologna, Sohn des Senators Nicolo v. C. u. Neffe des Grafen Piccolomini; trat früh in kaiserl. Dienste, nahm an 40 Feldzügen am Rhein n. in Ungarn Antheil u. zeichnete sich besonders unter dem Herzog von Lothringen bei der Eroberung von Neuhänsel (1685) aus. Er st. als Feldzeugmeister 3. Febr. 1701 in Wien. 2) Albrecht, Gras von C., Bruder des Vor.; focht auch in den kaiserlichen Heeren, wurde 1682 u. 1685 Gesandter in Constantinopel, ohne jedoch das erste Mal eine Verlängerung des Waffenstillstandes erlangen zu können; er hat sich auch als Schriftsteller bekannt gemacht. 3) Alexander, der 2. Bruder von 1), geb. 1626; war Prälat am päpstlichen Hofe, dann Bevollmächtigter des Königs Jakob II. von England, 1706 Cardinal; st. Juni 1711. 4) Giam- battista (Johann Baptist), geb. 29. Mai 1733 in Bologna, Sohn einer C. n. des Grasen von Monte Cocolli; wurde 1758 als Vicelegat nach Ravenna u. 1767 als Nuntius nach Köln geschickt. 1785 sollte er den Kaiser Joseph in seinen kirch- lich-reformatorischen Beschlüssen aufhalten, konnte aber, obwol bei Joseph II. u. Kaunitz in hoher Achtung, doch in Wien nichts erreichen; er wurde 1792 Cardinal, 1793 Beisitzer im Staatsrathe u. 1800 Bischof von Jesi. 1801 als l-SAntns s, lators nach Paris gesandt, brachte er nach höchst schwierigen Unterhandlungen mit dem Consulat Ostern 1802 das erste Concordat zu Stande, salbte 28. Mai 1805 als Erzbischof von Mailand den Kaiser Napoleon zum König von Italien; st. 21. Juni 1810 in Paris. Lagai.« Caprarra (a.Geogr.), das jetzige Capraja (s.d.). Ospvoolus, Las Reh. Caprera, eine der Bnccinarischen Inseln, zur ital.Prov.Sassari gehörig, zwischen den Inseln Cor- sica u. Sardinien am östl. Eingänge derBonifacius» straße; 27,5 km groß u. größtentheils von großen Sandstein- u. Granitblöcken bedeckt, welche chaotisch über einander liegen u. der Insel ein wild-romantisches Ansehen geben; die wenigen ebenen Punkte sind sandig und von sehr geringer Fruchtbarkeit. Im Alterthum hieß C. mit der ^ Meile nordwestl. gelegenen Maddalena die Onnienlarias insnlas od. ktäntonis Insula; sie war der Aufenthalt wilder Kaninchen u. wilder Ziegen; menschliche Bevölkerung, außer Hirten u. Fischer auf Zeit, hatte sie nicht. Hier ließ sich 1854 Garibaloi nieder, erwarb sich daselbst ein kleines Grundstück, cultivirte Südfrüchte, lebte dort mit Lanüwirthschaft beschäftigt, außer während seiner Expeditionen von 1859/60 u. 1870/71, bis 1875, wo er sich eine Zeit lang als Abgeordneter in Rom anfhielt, im September aber wieder auf die Insel zurückkehrte. Capri, 1) Insel im Golfe von Neapel, vordem Vorgebirge Campanella, zum Distr. Castellammare der ital. Prov. Neapel gehörig; der westl. Theil mit dem Städtchen Anacapri, zu welchem man auf einer Felsentreppe von 536 Stufen hinansteigt, ist durchaus gebirgig, der Monte Tuoro n. Solaro (610 in) die höchsten Spitzen; steilfelsige Küsten, 474 6avi'iooio — Capronsäureanhydrid. die mir einen Zugang gestatten ini Hafen der gleichnamigen Stadt; Las Innere ist ein felsiges u. unfruchtbares Thal, dein aber die Thätigkeit Getreide, Südfrüchte und vorzüglichen Wein (Capriata) abgewinnt; an den Küsten viele Fische, besonders Muränen, u, zur Zeit der Wanderung der Vögel gibt es hier Überfluß an Wachteln, durch deren Fang der hiesige Bischof sein Bisthum (Wachtelbisthum) ausnützte, das jedoch gegenwärtig aufgehoben und mit Sorrent vereinigt ist; viele Häfen; Korallcn- fischerei; das Klima ist sehr mild und gesund; eine der schönsten Merkwürdigkeiten der Insel ist die Blaue Grotte (s. d.); etwa 5V dstcm; 4007 Ew. — C. hieß im Alterthnm Caprcä, gehörte der Stadt Neapolis u. hatte einen Flecken und Leuchtthurm; Angustns tauschte sie ein, erwählte sie wegen ihrer reizenden Lage zum Som- meranfenthalte und baute am nördlichen Ufer ans dem höchsten Punkte des Vorgebirges einen Palast. Liberins bewohnte sie in seinen letzten Jahren u. legte 12 Villen an, deren größte die Villa lloviv war. Später blieb C. verlassen und wurde bloß Staatsverbrechern als Exil angewiesen. Die Briten hatten 1806 C. besetzt u. stark befestigt; die Besatzung unter Hudson Lowe wurde von den Neapolitanern unter General Lamarque 1807 überfallen u. nach I6tägiger Gegenwehr 17. Oct. von der Insel vertrieben. Vgl. Norbert Hadrawa, Briefe über das Alterthnm von C., Dresd. 1794. Vgl. Gregorovius,' Die Insel C., Lpz. 1868. 2) Stadt auf der OKüsie, befestigt (neben Anacapri der einzige Ort der Insel), 120 in hoch; Hafen; schöne Kathedrale; geistliches Seminar; 2332 Ew. Kapriccio (Oaprioa, ital.), ein Gegenstand, der auf eine von den gewöhnlichen Regeln des Geschmackes abweichende, doch geniale Weise behandelt ist, so ein Gemälde u. ein Musikstück, letzteres namentlich, wenn es bloß die Übung in gewissen Notenfiguren u. schwierigen Passagen zum Zwecke hat u. daher an einer bestimmten, scharf ausgeprägten Tonfigur sesthält. Kaprice (fr.), 1) Laune, Eigensinn; 2) so v. w. Capriccio; daher capriciös, launenhaft; sich capriciren, eigensinnig ans etwas bestehen. Kapricornus (lat.), Stcinbock; das Sternbild des Steinbockes. Caprification (v. Lat.), schon den Griechen n. Römern bekanntes, in der Levante, auch zum Theil in Italien übliches Verfahren, die Reife der Feigen zu befördern u. sie in größerer Menge zu erhalten. Man hängt über den (allein cultivirten) weiblichen Feigenbaum die mit einem Theil der Zweige abgeschnittenen, sogenannten Früchte des männlichen (wilden) Feigenbaumes (Oaxriücus), in welche häufig die Fcigengallwespe (Cxnips xso- n«8 D.) Eier legt, die dann als geflügeltes Jnsect auskriecht u. instinctmäßig auch in die unreifen Feigen eindriugt u., nach der gemeinen Meinung, Samenstaub aus den männlichen Feigen zu den weiblichen Blüthen bringt; man erlangt Gleiches, wenn man alle 4—5 Tage einen Tropfen Öl in die Öffnung der weiblichen Feigen bringt. Feigen ohne C. haben einen angenehmen Geschmack und halten sich besser. Daher caprificiren, Feigen künstlich befruchten. Kaprüoliaceac, Pflanzenfam. ans der Klasse der I-cmicerinac, meist Holzgewächse, mit gegenständigen Blättern, meist mit Nebenblättern, vier- bis fünstheiligem Kelche, verwachscnblätteriger, vier- bis fllnftheiliger Blumenkrons, meist ebenso vielen, zuweilen gespaltenen Staubblättern, 2—öfächerigem Fruchtknoten mit einem oder mehreren hängenden oder horizontalen Eichen in jedem Fache; Samen eiweißhaltig mit axilem Keimling. Die Familie zählt ungefähr 200 Arten, vorzugsweise in der nördlichen Hemisphäre, nur wenige im tropischen Australien n. SAmerika. a) Lambuceas, mit radförmiger oder glockenförmiger Blnmenkrone, niit regelmäßigem Saume, mit kurzem, tief 2- bis öspaltigem Griffel und mit eineiigen Fachern des Fruchtknotens: Moxa, Lambucus, Viburmim. b) Iwnicsrsas, mit rühriger oder glockenförmiger Blumenkrone mit oft unregelmäßigem Saume, mit einem verlängerten Griffel u. kopsförmiger Narbe; Fächer des Fruchtknotens mit einein oder vielen Eichen: Lz-mpboricarpos, Moiia, I-innaca, Im- niosra, I-c^CWtsria, visrvllla. Engter. kaprUoliuin Vom'»., Pflanzengattung, als Abtheilung unter I-onicsra (s. d.) gestellt. kaprimulgus, Ziegenmelker. kaprina, s. Nudisten. Caprinsänre (Chem.) lhllhoO.r kommt vor in der Butter, im Cocosnußfett, Leberthran und im Fuselöl des aus Rübenmelasse bereiteten Branntweins. Sie bildet eine bei gewöhnlicher Temperatur weiße, krystallinische Masse, die bei 29,5° schmilzt u. gegen 270° unter Gelbfärbung destillin; sie ist in Wasser wenig, in Alkohol n. Äther leicht löslich. Von den Salzen sind die der Alkalien leicht löslich. Clären. Capronitril (Chem.) 0bl6zH„, durch Destillation von Cyankalium mit amylschwefelsaurem Kali erhaltene, leicht bewegliche, bei 146° siedende Flüssigkeit; in Wasser wenig, in Alkohol u. Äther leicht löslich. Beim Kochen mit alkoholischer Kalilauge zerfällt es in Capronsäure u. Ammoniak. Clären. Capronsäure (Chem.) findet sich neben anderen Fettsäuren in der Butter, ferner im Cocosnußöl, im menschlichen Schweiße, im Limburger Käse u. ist nachgewiesen worden in der Wurzel von Mnioa montana, in Latxrium bir- oiuum u. in der Frucht von Cruico biloba. Sie wird neben Caprin- und Caprylsänre ans dem Cocosnußöl dargestellt u. bildet eine ölige, nach Schweiß riechende Flüssigkeit, die gegen 198° siedet, einen brennenden Geschmack besitzt, in Wasser schwer, in Alkohol leicht löslich ist. Sie bildet sich auch bei der Oxydation der Albuminate durch Braunstein u. Schwefelsäure. Ihre Salze sind meist in Wasserlöslich u.krystallisirbar. Die zusammengesetzten Äther sind aromatisch riechende Flüssigkeiten, von denen einige, wie der Hexyl- u. Octyl- äther als Bestandtheilc des ätherischen Öls verschiedener Heracleumarten Vorkommen. Außer der beschriebenen C. sind noch 3 andere Säuren von der Formel bekannt, die sich durch ihw Strnctur u. Eigenschaften von der gewöhnlichen C. unterscheiden: i) die normale C.; 2) die Jso- C.; 3) die Diäthylessigsäure. Clären. Capronsäureanhydrid (Chem.) (6güliO)zO, farbloses, der Capronsäure ähnlich riechendes Oh Capronsäurcäther — Our-sicum. 475 welches Wasser aus der Lust anzieht u. dadurch in die Capronsäure übergeht. Clören. Capronsänreäther (Chem.), s. Capronsäure. CaprotttM, Beiname der Juno, nach dem Feste Lapritonag nonas, das ihr an den Nonen des Julius von den römischen Frauen unweit der 6apras xalu8 bei Rom gefeiert u. wobei aus wilden Feigenbäumen kommende Milch geopfert wurde; die Sklavinnen hatten an diesem Tage Freiheit. Die Veranlassung zu diesem Feste war folgende: Als die Latiner einst gegen die Römer zogen u. von denselben die Übergabe ihrer Weiber u. Töchter verlangten, erbot sich eine Sklavin Tutula oder Philotis, mit den anderen Sklavinnen sich den Latinern als die Freien zu ergeben. Dies geschah, u. in dem Lager der Latiner angekommeu u. dort vertheilt, gaben sie vor, es sei heute ein Fest, welches mitWeintrinken gefeiert werden müßte. Als die Männer betrunken geworden waren, gab Tutula von einem wilden Feigenbäume herab ein Zeichen u. rief die Römer herbei, welche die Latiner in ihrem Lager überfielen u. schlugen. Die damaligen Sklavinnen wurden freigelassen. Caproylalkohol (Hexylalkohol,Chem.) OgIIliO, ein Alkohol, welches in dem aus Weintrestern gewonnenen Fuselöl vorkommt. Es bildet eine farblose, zwischen 148 und 154° siedende Flüssigkeit. Eine andere Modification des C-s wird gewonnen aus dem Hexylwasserstoff, einem Bcstandtheil des rohen Petroleums, aus Capronaldehyd u. aus dem Öl von Horndsum Ai§antsum. Durch Oxydationsmittel werden alle in Capronsäure verwandelt. Außer diesen (primären) C-en sind noch andere secundäre u. tertiäre Alkohole bekannt. Ein sekundärer C. entsteht z. B. durch Einwirkung von Jodwasserstoff aus Mannit u. bildet eine bei 137° siedende Flüssigkeit, die mit Schwefelsäure Hexylen Lollis liefert. Clören. Caproylwafferstoff (Hexylwasserstoff, Chem.) 6s8it kommt neben anderen homologen Kohlenwasserstoffen im leichten Steinkohlentheeröl, sowie im rohen Steinöl vor, aus welchem er durch fractionirte Destillation als eine bei 61° siedende, in Wasser unlösliche, in Alkohol u. Äther leicht lösliche Flüssigkeit gewonnen wird. Clören. Caprylalkohol'(Octylalkohol, Chem.) 6«8^0. Es sind mehrere Alkohole von dieser empirischen Formel bekannt: Primärer C., aus dem ätherischen Öl einiger Hcracleumarten, in welchen er als Essigsäureäther vorkommt, gewonnen, bildet eine farblose, durchdringend aromatisch riechende Flüssigkeit vom Siedepunkte 190°; liefert bei der Öxydation Caprylsäure. Der Essigsäure- Capryläther bildet eine bei 207° siedende, nach Apfelsinen riechende Flüssigkeit. Sekundärer C., durch Destillation von Ricinölsäure, die im Nici- nusöl vorkommt, mit Kalihydrat erhalten, ölige Flüssigkeit von angenehm aromatischem Geruch, unlöslich in Wasser, löslich in Alkohol u. Äther; siedet bei 181°. Tertiärer C., aus Chlorbutyryl u. Zinkäthyl dargestellt, zwischen 145 u. 165° siedende Flüssigkeit. Clören. Caprylen (Öktylen, Chem.) (lgHig, flüssiger, stark riechender Kohlenwasserstoff, durch Destillation von Caprylalkohol mit Schwefelsäure erhalten. Caprylsäure (Chem.) 0^11,bildet einen Bsstandtheil ranziger Fette, der Butter, des Co- cosnußöls, ferner des Runkelrüben- u. Weinfuselöls, des Käses u. wird wie die Capronsäure aus Cocosnußöl gewonnen. Sie stellt über 13° eine ölige, nach Schweiß riechende Flüssigkeit dar, welche unter 13° in Nadeln erstarrt. Im Wasser ist sie wenig, in Alkohol u. Äther leicht löslich. Die Salze der Alkalien sind leicht löslich in Wasser, die übrigen schwer löslich. Von den zusammengesetzten Äthern besitzt der Äthyläther einen angenehmen Geruch nach Ananas. Clören. Caprylsänreanhydrid (Chem.) (OgH^OstO, wasserhelles, leicht bewegliches Öl von widerlichem Geruch, unter 0° schmelzend, bei 290° siedend. Caprylsäureäther (Chem.), s. Caprylsäure. Capsu (lat.), 1) Behältniß, Kasten, Kiste; 2) Behältniß zur Aufbewahrung von Reliquien; daher (lupsurius, Sklave, welcher die Söhne seines Herrn in die Schule begleitete u. ihnen die Büchermappe trug; Sklave, welcher die Kleider der Badenden verwahrte. Capsa (a. Geogr.), feste Stadt in Byzaceno (Afrika) im östl. Numidien, mitten in der Wüste gelegen; diente dem König Jugurtha zur Schatzkammer u. wurde 106 v. Chr. von Marius zerstört, dann aber von den Römern wieder anfgebaut u. zur Colonie erhoben; jetzt Kassa. »spsella MeckrL««, Pflanzengatt, aus der Fam. der Öruoit'oras-Iwxiäinsas (XV. 1), mit schief dreieckigen oder länglichen, zuweilen seicht ansgebuchteten Schiffchen, mit vielsamigen Fächern und kahnsörmigen, auf dem Rücken flügellosen Klappen n. mit kleinen weißen Blüihen. Bekannteste Arten: 0. bnrsa pustoris (Hirtentäschelkraut); Stengel aufrecht, einfach oder ästig; Grundblättcr gestielt, länglich, eine Rosette bildend; Stcngel- blätter kleiner u. sitzend; Schiffchen auf wagerecht abstehenden Stielen dreieckig-verkchrt-herzförmig; sehr .gemein, an Rändern und Wegen, auf Schutt u. Äckern; das widerlich kresfenartig riechende, scharf bitterlich schmeckende, wahrscheinlich schon von Hippokrates u. Dioskorides unter dem Namen 'Iblaxsi erwähnte Kraut (Herba bursao pagtoris) wurde frisch u. als Pulver gegen Blutflüsse, Wechselfieber u. Steinbeschwerden angewendet. Ferner: 6. xroeumbsns , mit schwachem Stengel, mit niederliegcnden Ästen, etwas fleischigen Blättern u. länglich-verkehrt-eiförmigen od. elliptischen Schiffchen; auf nasfcn, salzhaltigen Triften Deutschlands. Engter? Capsicin (Chem.), eine durch Behandeln des weingeistigen Auszuges des spanischen Pfeffers (der Frucht von Oapsionm anuuum) mit Äther u. Verdunsten dieser Lösung erhaltene Substanz; bildet eine weiche, gelbe bis braune Masse, von brennendem Geschmacke, wenig in Wasser, leicht löslich in Alkohol, Äther, Terpentinöl, Kalilauge; entwickelt beim Erhitzen heftig zum Husten und Niesen reizende Dämpfe. Clören. llapsioum 4)., Pflanzengatt, ans der Fam. der Loianaosas-Lolansas (V. 1), einjährige od. pereu- nirende südamerikanische Pflanzen, mit 5zähnigem Kelche, fünfspaltigcr, radförmiger Blumenkronc, znsammenneigenden Staubbeuteln, die der Länge nach aufspringen, u. stumpfer Narbe, sowie mit einer trockenen, aufgeblasenen Beere, die am Grunde 476 Capsir — vom stehenbleibenden Kelche umgeben, unvollständig 2—3sächerig mit obcrwärts fehlenden Scheidewänden u. vielsamig ist. Arten: ^.) 0. armunm L. (0. iuäicnm T-obsl), mit eiförmigen od. länglichen, zugespitzten, gestielten, kahlen Blättern, einzeln oberhalb der Blattachseln stehenden Blüthcn und langen, länglich-kegelförmigen Beereufrüchten; hat zahlreiche Barietäten, die Bielen als selbständige Arten gelten: u) 0. macrocarpum; die länglichen, reif glänzend rochen Früchte besitzen eine schmerzhaft brennende Schärfe, doch werden sie, nachdem sie im Ofen getrocknet u. gepulvert sind, als Pfeffer benutzt (Indianischer od. Spanischer Pfeffer, Paprika in Ungarn). Bei uns werden sie in der seinen Kochkunst als Gewürz zu manchen stark zu würzenden Speisen, auch bei Bereitung der Pfefferkuchen gebraucht, seltener zur Stärkung des Magens, betrügerischer Weise zur Schärfung des Essigs u. Branntweins. Die Blätter, Zweige n. grünen Beeren können zum Gelbfärben benutzt werden. Ferner: b) 6. totrsAonnrn ibMel (0. c/äonkkorms der Gärtner), mit eckiger, fleischiger Frucht, die vor der Reife frisch, aber auch in Essig eingemacht genossen wird (in England kelk-xsMsr, in Frankreich kokvron). o) 0. luteum ck-am., in Ostindien cultivirt, mit fcderkieldicken, einen halben Finger langen, anfangs grünen, dann bleifarbenen, schwarz-grünen, endlich tiefgelben, sehr scharfen, als Gewürz (kkment äs Llosamblgus nach Hamilton) benutzten Früchten, die übrigens in der Farbe mehrfach variiren. L) 6. brasiliuuum Hand haben zu können. Ist er nicht in diesem ! Haken, so befindet er sich mit seiner Mündung im C-schuh, einem ledernen Schuh an der rechten Seite des Sattels. Die Feuerwaffe bleibt jedoch stets Nebenwafse der Cavalerie u. hat nur Werth im Fußgefechtc zur Vertheidignng einzelner Örtlichkeiten, Defilecn rc. mb' ^ Carabinieri (Carabinieros), die Polizeisoldaten > (Gensd'armen) sowol in Italien, als in Spanien. Karabiniers (fr.), 1) in der franz. Reiterei unter Heinrich IV. reitende Scharfschützen, deren jede Schwadron einige erhielt. 2) Unter dem Kaiserreich schwere Reiterei, den Cürassieren ähnlich, von diesen nur durch gelbe Harnische n. Helme ! mit rochen Helmraupen verschieden. 3) So v. w. Voltigeurs. Caracalla. Caraböbo, 1) Staat der südamerikan. Föderativ-Republik Venezuela; 21,028,^ Usicra (382 HZM); grenzt im N. an das Antillen-Meer, im O. an den Staat Caracas, im S. an Portugueza, im W. an Coro; See: Tacarigna (See von Valencia), 433 rn (nach Humboldt) über dem Meere, bis zu 314 m tief; Umgegend desselben außerordentlich fruchtbar, wie überhaupt der ganze Staat; Producte: Kaffe, Cacao, Baumwolle, Tabak, Zuckerrohr, Mais, Südfrüchte; Hauptbeschäftigung: Ackerbau u. Viehzucht, auch Gewerbe u. Handel blühend; Eintheilung in 8 Kantone; 1854 230,509 Ew.; Hauptstadt: Valencia mit 10,000 Ew. 2) Dorf, 15 stm slldwestl. von Valencia. Hier 24. Juni 1821 Schlacht (Bolivar gegen die spanischen Generale La Torre u. Morales; s. Südamerikanischer Rcvolutionskrieg), welche die Unabhängigkeit Columbias sicherte. Von diesem Dorfe erhielt der ganze Staat den Namen. Kolpe.' Osrabus, s. Laufkäfer. Karakal, s. Karakal. Caracalla, gallisches Soldatenkleid, mit Ärmeln u. Kappe; ging bis auf die Schenkel, später seit Kaiser Caracalla bis auf die Füße herab. Caracalla, M. Aurelius Autoninns Bassianus, römischer Kaiser, Sohn des Kaisers Septimins Severus u. der Julia Domina (sein geschichtlicher Name als Kaiser ist Autoninns, von den Soldaten ward er, weil er die lange Caracalla zu tragen gebot, spottweise C. genannt), geb. 4. April 188 n. Ehr. zu Lugdunum in Gallien. Noch als Knaben nahm Severns den C. u. seinen jüngeren Bruder Geta mit zu einem Feldzuge gegen die Parther, wo sie von der Leibwache 196 zu Cäsarenu.C.198zum Augustus ausgerufen wurde. Dann vermählte Severus den C. in Rom mit der Fulvia Plautilla, Tochter seines GünstlingS Plautianus, welche er jedoch nicht liebte. Zwischen C. u. Geta herrschte, obgleich sie sich in Grausamkeit u. in Ausschweifungen gleich waren, die größte Abneigung, u. Severus, um sie nicht in Rom allein zu lassen, nahm sie Beide mit auf seinem Zuge nach Britannien. Hier benutzte C. die Gelegenheit, sich das Heer zu gewinnen. Nach dem Tode des Severns (211) sollten C. u. Geta, welche schnell einen schimpflichen Frieden mit den Barbaren machten, nach der Rückkehr nach Rom gemeinschaftlich regieren, allein C. ließ den Geta 212 ermorden u. regierte allein; s. Rom (Gesch.). Unter den vielen Opfern, welche seinem Blntdurste fielen, war auch der Jurist Papinianus. C. machte eine Reise durch alle Provinzen des Reiches, ging nach Gallien, wo er die Alemannen angriff, Dakien, wo er die Geten erfolglos bekriegte, Thrakien, Makedonien, Nikomedien n. Antiochien, entriß dem König Abgar Osrhoene u. colonisirte die Hauptstadt Edessa. Überall, wohin er kam, plünderte u. raubte er n. mißhandelte alle Unterthanen. In Alexandrien richtete er aus Rache wegen der Sarkasmen einiger Bewohner der Stadt über seinen Brudermord ein gräßliches Blutbad an; 216 überfiel er Len Partherkönig Artabanus IV. Nachher stiftete Macrinns, der Präfect der Prätorianer, eine Verschwörung gegen ihn au n. ließ ihn durch Julius Martialis zwischen Karrhä u. Edessa 8. April 217 ermor- 480 Caracara — Caracci. den. In Nom baute er einen Circus und ein Bad (Oaraeallao Oireus u. 6. Lalnouw); s. Rom (a. Geogr.). 4.* Caracara (Carancho, ?>>I)dorns I^rsr7/ok, 6. <7i«n.), Gattung aus der Naubvogelfamilie der Falken; hat einen schwachen, an der Wurzel geraden, wenig gebogenen Schnabel, stumpfen Unterschnabel, kahles Gesicht, nackten Kopf, Scheitel niit krausen Federn, lange, bis ans Ende des korperlangen, stufigen Schwanzes reichende Flügel; fliegt nicht hoch, lebt gesellschaftlich, frißt Sänge» thiere, Vögel u. niedere Thiere. Der Traro (Pol^d. drasilionnis Krv«.), dunkelbraun mit gelben Füßen n. bläulichem Schnabel, 40 em lang, 130 am Flugbreite, ans SAmerika, ist in Zoologischen Gärten häufig. Thom«? Caracas, 1) ehemals spanisches Generalcapi- tanat im N. von SAmerika, umfaßte den östlichen Theil von Terra firma, Spanisch-Guiana u. die Margarethen-Inseln (Provinzen Caracas, Maracaibo, Cumana oder Neu-Andalusien, Gniana, Va- rinas u. Sta. Marguerita) u. entsprach der jetzigen Republik Venezuela. Das Areal wurde im Jahre 1810 zu 16,824 geogr. HW, die Volkszahl zu 976,000 angegeben, wovon 497,000 auf die Provinz C. oder Venezuela gerechnet wurden. 2) Gegenwärtig Bundesdistrict (nicht Staat) der südamerik. Republik Venezuela; grenzt im N. an das Antillen-Meer, im O. an den Staat Barcelona, im S. an Guarico, im W. an Aragua u. Cara- bobo; ist meist gebirgig, weil von dem ans zwei Parallcltetten bestehenden Küstengebirge durch- zogen; die bedeutendsten Flüsse sind der Tuy u. der Unare; See: Tacarigua (See von Valencia, zum Theil nach Carabobo gehörig), außerdem noch mehrere große Lagnnas; Klima: mit Ausnahme einiger Küstenstriche, wo Überschwemmungen Fieber erzeugen, sehr gesund, die Hitze durch die hohen Gebirge gemildert; Boden sehr fruchtbar, höchst üppige Vegetation; Hanptproduct: Cacao (der berühmte Caracas-Cacao), außerdem noch Kaffe, Indigo, Reis, Baumwolle, Vanille u. andere Gewürze, Chinarinde; Rindvieh, Schafe; Hauptbeschäftigung: Landbau u. Viehzucht; auch Handel (namentl. mit Cacao u. anderen Producten) u. Gewerbe (namentl. Mannfacturwaaren); 60,010 Ew. 3) (Santiago de Leon de C.) Hauptstadt des glcichn. Distrikts u. der ganzen Republik Venezuela, am Fuße des 2512 m hohen Gebirgszuges Silla, nach Boussingault 907 w ü. d. M.; wegen ihrer hohen Lage sehr gesund; schön gebaut (namentlich seit dem großen Erdbeben von 1812), breite regelmäßige Straßen, schöne öffentl. Plätze, große, aber unschöne Kathedrale (von 24 Säulen getragen, litt 1826 durch ein Erdbeben; hier wurde Bolivars Asche, früher in Santa Marta, 1842 beigesetzt), Pauls- u. m. a. Kirchen, mehrere Klöster; Sitz des Präsidenten der Republik, der obersten Behörden, des Congresses, eines Erzbischofs (unter welchem die Bischöfe von Merida u. Gniana stehen); Universität (1722 gestiftet), Gymnasium, Priesterseminar und andere Unterrichtsanstalten; Kasernen; Gcwerbthätigkeit erst in letzter Zeit ziemlich bedeutend; Handel blühend; 48,797 Ew.; Geburtsort Bolivars. Ihre Hafenstadt ist La Guayra, 15 Lm entfernt und von ihr durch eine hohe Bergkette getrennt; obwol offene Rhede, hat La Guayra unter allen Häfen das größte Importgeschäft. — Der Küstenstrich von C. wurde 1498 zuerst von Columbus entdeckt, nach ihm von Ame- rigo Vespucci besucht und von Spanien zur Co- Ionisation auserlesen. Karl V. schenkte 1528 das Land, wozu noch das heutige Aragua n. Guarico gehörten, als castilischcs Kronlehn dem Augsburger Handelsherrn Bartholomäus Welser, zur Entschädigung für eine Anleihe; dieser schickte sei- neu Schwiegersohn Ambr. Dalfinger als Statthalter mit einer Jesuitenmisston, 24 deutschen Bergleuten u. einer Compagnie spanischer Soldaten dorthin, welche Letztere aber mit den Handelsagenten sich Bedrückungen gegen die Eingeborenen erlaubten, denen weder Dalfinger, noch nach dessen Tode 1541 Welsers Söhne abhelfen konntcus, so daß Letztere den Besitz schon 1546 wieder aufga- ben u. Spanien unter Entfernung aller Deutschen von dort 1558 Venezuela wieder zur Krone zog. Die Stadt C. wurde erst 1567 von Diego Losada unter dem Namen Santiago de Leon de C. an der Stelle gegründet, wo schon 1560 Francisco Fa- jardo die kleine Niederlassung Valle de San Francisco errichtet hatte. Dank ihrer glücklichen Lage hob sich die Stadt ungemein rasch, obwol sie 1595 von den Engländern eingeäschert wurde. 1636 wurde hier ein Erzbisthum errichtet, 1766 aber entvölkerten schwere Seuchen Stadt und Provinz. 1808 erhob sich C. gegen Joseph Napoleon sür Ferdinand VII., 19. April 1810 aber gegen den Mutterstaat, von dem es infolge des Decrets der Versammlung vom 1. Juli 1811 abfiel. 29. Juli 1811 wurde C. von den Spaniern wiedererobert, welche aber 4. Aug. 1813 von Bolivar wieder vertrieben wurden. 26. März 1812 durch ein Erdbeben, bei welchem gegen 12,000 Menschen umkamen, fast ganz zerstört, wurde C. 14. Juli 1814 wieder von den Spaniern unter dem General Boves genommen, ergab sich aber 4. Juli 1821 an Bolivar. C. bildete nun einen Theil der Republik Columbia, seit 1831 aber von Venezuela, dessen Hauptstadt es wurde. Die frühere Provinz C. wurde später in die beiden Staaten C. u. Guarico getheilt. (Geogry Koche." (Gesch.) Lagai.» Caracci (Carracci), italienische Malerfamilie aus Bologna, deren Glieder sich durch Stiftung einer Akademie und als Reformatoren der Kunst einen großen Namen gemacht haben; führten den Manieristen gegenüber, die sich Idealisten nannten, Ernst u. Strenge in die Studien ein und drangen auf Erlernung u. Aneignung der Vorzüge der verschiedenen großen Meister, so daß sie Anordnung u. Zeichnung von Rafael, Colorit von Tizian, Helldunkel von Correggio rc. annahmen zr. Alles durch eine tüchtige Malerpraktik verbanden (eklektische Schule). Die hierdurch errungenen Vortheile gaben zwar der malerischen Technik einen neuen Aufschwung, vermochten aber nicht der Kunst ein selbständiges Leben wieder zu geben. Außerdem bestanden diese Grundsätze, die von der Ursprünglichkeit des künstlerisch schaffenden Geistes absehen, indem sie am Äußerlichen fest- halten, in der Schule weit mehr theoretisch, als praktisch. Das Haupt der Familie u. der eigentliche Stifter der Schule war: 1) Lodovico C-, Caracci — Caraccioli. 481 geb. 1555 in Bologna, gest. 1619, Schüler Pro- 'pcro Fontanas, später Tintorettos, die indeß Beide ihn als talentlos ansahen, weil er sich von der herrschenden Manier abwandte u. mit ungemeiner Mühe u. Langsamkeit arbeitete. C. ließ sich durch den Rath seiner Lehrer, die Kunst zu verlassen, nicht beirren, ging nach Florenz, wo er bei Pas- signano seine Studien fortsetzte, bereiste dann die Städte Italiens, wo sich Meisterwerke der früheren Zeit befanden, u. ließ sich endlich in Bologna nieder, um dort eine neue Malcrschule zu gründen, welche die Vorzüge Correggios, Parmeggia- ninos, Ginlio Romanos u. Tizians zu vereinigen suchte. Seine Schule, obgleich vielfältig angefeindet, kam, nachdem auch die Neffen C-s hinzugetreten waren, bald in Flor u. genoß eines solchen Rufes, daß C. zur Ausschmückung des Palastes Farnese nach Rom berufen wurde. Er übertrug die Vollendung der Arbeit seinem Neffen Annibale und kehrte nach Bologna zurück, um den Klosterhof von S. Michele unter Beihilfe seiner Schüler mit Fresken zu schmücken. Nach Vollendung dieser Arbeit (1605) fertigte er noch in mehreren italienischen Städten große Fresken. Werke: Fresken aus dem Leben St. Benedicts, in S. Michele in Bosco, Madonna in der Glorie mit Heiligen, in der Pinakothek, beide in Bologna; im Berliner Museum: Maria, das Christkind betrachtend, Speisung der 5000 Mann; in der Dresdener Galerie: Christus mit der Dornenkrone, Ruhe auf der Flucht; in Frankfurt a. M.: Maria mit dem Kinde auf dem Throne; in der Münchener Pinakothek: Grablegung Christi, St. Franciscus von Assisi. Auch stach er in Kupfer. 8) Ago- stino C., Neffe des Vor., geb. 1558 zu Bologna, gest. 1601 (n. A. 1605) in Parma; ursprünglich Goldschmied, wurde er von seinem Oheim für die Malerei gewonnen, lernte bei Prospero Fontana die Malerkunst, bei Tibaldi das Kupferstechen, bei Passerotti das Federzeichnen, bei Minganti das Modelliren. Seine umfassenden Kenntnisse gaben ihm neben seiner künstlerischen Befähigung eine angesehene gesellschaftliche Stellung, wodurch er die Eifersucht seines Bruders Annibale wachrief Um den Zank mit diesem zu vermeiden, verließ er Bologna, bereiste Italien, um die älteren Meister zu studiren, und warf sich vornehmlich auf die Kupferstecherkunst. Nach Bologna zurückgekehrt, leitete er den theoretischen Unterricht in der Akademie. Werke: Communion des sterbenden Hieronymus, in der Pinakothek in Bologna; seine besten Stiche sind nach Tintoretto, Correggio u. seinen eigenen Bildern, besonders die Kreuzigung nach Tintoretto auf 3 Platten. 3 ) Annibale, Bruder des Vor., geb. 1560 in Bologna, gest. 1609 in Rom; ursprünglich Schneider u. erst durch seinen Oheim zur Kunst gezogen, behielt er die Vorliebe für rohere Sitten und Genossen bei, ist aber dennoch der Bedeutendste von Allen. Sein Talent entwickelte sich ungemein rasch, u. er erwarb sich solche Geschicklichkeit binnen kurzer Zeit im Zeichnen, daß er, einst mit seinem Oheim von Banditen überfallen u. ausgeplündert, aus dem Gedächtniß die Physiognomien der Diebe zeichnete u. so zu ihrer Entdeckung führte. Im 18. Jahre malte er seine ersten selbständigen Bilder: Vierers Umversal-Loiwersations-Lexilou. 6. Aufl. ^ eine Kreuzigung u. eine Taufe Christi. Von den gleichzeitigen Künstlern wegen seiner von der herrschenden Manier gänzlich abweichenden Behanü- lungsweise heftig angegriffen, ging er auf Lodo- vicos Rath 1580 nach Parma, um Correggios Werke zu studiren; in Venedig suchte er sich viel von Tizian, mehr noch von Paul Veronese anzueignen. Nach Bologna zurückgekehrt, bethätigte C. seinen Künstlerrnf durch ein von ihm angeser- tigtes Gemälde, in welchem er die einzelnen Figuren nach dem Muster verschiedener großer Meister behandelte; als er aber um 1600 nach Rom kam, machten die Antiken u. Rafaels u. Michel Angelas Werke einen so großen Eindruck auf ihn, daß er sich von dem früher Gelernten fast ganz lossagte. Jetzt erst gedieh sein Talent zur vollen Entwickelung, u. sein Stil gewann jenen Zauber der Darstellung, der nur dann erreicht wird, wenn die technische Routine sich mit edlem Formsinn u. schöpferischer Phantasie verbindet. Ein großer Theil seiner Schüler folgte ihm nach Rom, wo er den Palast Farnese (s. d.) u. mehrere Kirchen mit zahlreichen Bildern schmückte. Er st. dort 1609 u. wurde im Pantheon neben Rafael beerdigt. Werke: Madonna n. Heilige, in der Pinakothek in Bologna (nach verschiedenen Stilen gemalt); St. Rochus, in der Dresdener Galerie; eine Pietä im Llusso Lorbomoo in Neapel u. in der Galerie Borghese in Rom; mythologischer Bildercyklus, im Palast Farnese in Rom (gestochen von P. Aquila in 21 Blättern, von C. Cesio in 41 Blättern und von I. Belly in 52 Blättern); Landschaften, in Rom; im Berliner Museum: ein Christus am Kreuze; in der Dresdener Galerie: Genius des Ruhmes (beide lithographirt von Hansstängl), Maria auf dem Throne, Mariä Himmelfahrt; im Louvre befinden sich 26 Gemälde. Von seinen Kupferstichen sind 18 bekannt, darunter der sog. Christus von Ca- pracola. 4) Francesco, genannt Franceschino, Neffe des Vorigen, geb. 1595 in Bologna, gest. 1622 in Rom; wurde von seinem Großoheim in der Kunst unterrichtet, entwickelte sich frühzeitig u. hatte mit seinen ersten Bildern einen günstigen Erfolg. Aber übermüthig u. anmaßend, trat er nach dem Tode der Brüder seines Vaters gegen seinen Großoheim Lodovico C. auf u. suchte ihn öffentlich herabzusetzen, indem er über seine Thür schrieb: Hussta s 1a vsra seuola cisi Laraeoi (Dies ist die wahre Schule der Caracci). Infolge dessen mit allgemeiner Verachtung gestraft, ging er nach Rom, wo sich aber auch frühere Gönner von ihm zurückzogen. An seinem Lebensglück verzweifelnd, ergab er sich nun allen Ausschweifungen u. st. an deren Folgen. 5) Antonio Marziale, natürlicher Sohu Agostinos, geb. 1583 in Venedig; malte in S. Bartolomeo all' Jsola mehrere Fresken, in dem Palaste ans dem Monteca- vallo einen großen Fries; st. 1618 in Rom, wohin er nach seines Vaters Tode zu seinem Großoheim gegangen war. Regnet.' Caraccioli, eine aus Griechenland stammende, aber schon seit dem 9. Jahrh. in Neapel ansässige Familie, die sich gegenwärtig noch in 3 große Linien u. verschiedene Zweige, von denen die vornehmsten die Fürsten v. Avellino u. Torella sind, theill. 1) Giovanni, ein armer neapolitanischer v. Band. Z i 482 Caracole — Carafa. Edelmann, der 1415 Secretär der Königin Jo-s Hanna II. von Neapel n., nachdem er 1416 den> königlichen Gemahl, Jakob von Bourbon, Grafen de la Marche, gefangen gesetzt hatte, Connetable, Großseneschall u. Herzog von Vicenza, Fürst von Meist, Graf v. Avellino u. Herr zu Capua wurde. Er regierte in Johannas Namen unumschränkt; da er aber die Königin, welche feinen ferneren habsüchtigen Wünschen das Gehör verweigerte, unwürdig behandelte, bewirkte die Herzogin von Snessa einen Verhastbefehl gegen ihn, bei dessen Vollziehung er 1432 erschlagen ward. Die Königin cvnfiscirte seine Güter. 2) Giovanni C., Fürst zu Melfi, Herzog von Venosa, As- coli u. Soria, Großseneschall von Neapel und Marschall von Frankreich; ergriff beim Einfalle der Franzosen in Neapel unter Karl VIII. dessen Partei, sowie anfangs auch unter Ludwig XII., erklärte sich aber später für Kaiser Karl V. u. wurde deshalb vom Marschall Lautrer 1528 in Melfi gefangen u. nach Frankreich geführt. Franz I. verzieh ihm u. gab ihm mehrere Güter u. den Oberbefehl über die französischen Truppen in der Provence. Er entsetzte 1543 Luxemburg u. Landrecy, wurde 1544 Marschall und Oberbefehlshaber in Piemont; st. 1550 in Susa, ans der Rückreise nach Frankreich. 3) Marino, Graf von Ga- lera, geb. 1468 in Neapel; als Gesandter des Herzogs von Mailand 1515 auf dem Laterani- schen Concil, wurde er dem Papste Leo X. bekannt, von diesem zum Apostolischen Protonotar ernannt u. 1518 nach Deutschland geschickt, um den Kurfürsten von Sachsen zur Auslieferung Luthers zu bewegen. Karl V. nahm ihn in seine Dienste u. brauchte ihn bei den Unterhandlungen mit Venedig, England u. Mailand; er schloß 1520 mit dem Herzog von Mailand Frieden u. wurde infolge dessen zum Grafen von Galera ernannt, erhielt 1524 das Bisthum Catanea, dann von Paul V. die Cardinalswürde u. wurde, als 1535 die Sforza in Mailand ausstarben, kaiserlicher Statthalter in Mailand, wo er 1538 starb. 4) Graf Galeazzo, Sohn des Vor., geb. 1517 in Neapel; erhielt eine Stelle am Hofe des Kaisers KarlV. u. neigte sich der Reformation zu, welche Neigung durch eine Reise nach Deutschland befestigt wurde. Um seines Glaubens leben zu können, verließ er 1551 Familie u. Vaterland und ging nach Genf zu Calvin. Hier lebte er in Dürftigkeit u. st. 1586. Lebensbeschreibung lateinisch von Nic. Balbano im 8. Baude des Lln- ssum keivst., deutsch von Barth in der Christo- terpe von 1838. 5) Carlo Andrea, Marchese von Torrecusa, Herzog von S. Giorgio, geb. 1583 in Neapel; zeichnete sich als spanischer General in Afrika, Amerika, den Niederlanden, in Deutschland, besonders in der Schlacht vonNörd- lingen, im Elsaß, in Italien u. Frankreich aas. 1641 erhielt er das Obercommando in Roussillon, Catalonien, Portugal und Neapel; er st. 1646. 6) Domenico, Marquis von C., geb. 1711; war neapolitanischer Gesandter in London u. Paris, an welch letzterem Orte er mit Marmontel u. d'Alembert iu sehr nahen Beziehungen stand u. als ein Stern der gebildeten französischen Gesellschaft galt, später Vicekönig von Sicilien, st. ser 1789 in Palermo. 7) Louis Antoine, geb. >1721 in Mons; lebte nach Vollendung seiner Studien längere Zeit in Italien, namentlich am Hofe Benedicts XIV. u. Clemens' XIll., diente dann in Polen als Oberst, bereiste Deutschland u. nochmals Italien u. Frankreich; er st. 1803 in Paris, wo er seit seinem Rücktritte aus polnischen Diensten den Wissenschaften gelebt. Er schr.: Ls livrs ü 1a moäs, 100070060 (1760, roth gedruckt; dasselbe, aber etwas verschieden, grün gedruckt); Lsbtrss st rsersabicms morales, ebd. 1757; I)io- bionn. pittorssqus st osntsnoisnx, ebd. 1768, 3 Bde.; La potits Luises äsvsvus Aranäs Ms. 2 Bde.; die Wahrheit mit Dichtung vermengenden Lsttres intsrsssantss än paps Olsmsnb XIV., ebd. 1777, 4 Bde. Werke, Lütt. 1761, 10 Bde. 8) Francesco Marchese; trat jung in die Marine, durchlief die unteren Dienstgrade u. ging dann nach England. 1793 commandirte er bei der Einnahme von Toulon die neapolitanischen Schiffe. Als 1798 der Hof bei seiner Übersiedel, ung von Neapel nach Sicilien statt auf der dazu bestimmten, von C. befehligten Flotte sich vielmehr auf englischen Schiffen überfahren ließ, ging C., erbittert über diese Zurücksetzung von Seiten des ! Hofes, nach Neapel zurück, wo er im Dienste der ! Parthenopeischen Republik mit den Überresten der Marine einen Landungsversuch der sicilisch-englischen Flotte abschlug. Als 1799 der Cardinal Ruffo Neapel für den König wieder besetzte, ward ! C. gegen den Wortlaut der Capitulation verhaftet > u., von der Junta Speciale wegen Hochverrats ^ verurtheilt, ans einem engl. Schiffe, seinem Palaste gegenüber, am Mastbaume aufgehängt. Lagai? Caracena, Ludovico de Benavides, Ca- rillo y Toledo, Marquis von C., spanischer Feldherr aus einer italienischen Familie, geb. um > 1600; focht anfangs in spanischen Diensten gegen Frankreich, Savoyen u. Parma, nahm theil an der Kriegsoperation zum Entsätze von Turin durch > den Prinzen Thomas von Savoyen, wurde 1640 General der Reiterei, vertheidigte Tortona gegen die Franzosen, socht in Flandern u. wurde span. Gouverneur in Mailand; als solcher nöthigte er die Modenesen 1648 zur Aufhebung der Belagerung von Cremona u. den Herzog von Modena zum Frieden. Weniger glücklich war sein Einsal! in Piemont 1650; doch 1652 eroberte er Trinis, Crescentino und Casale. Später focht er unter Juan dÄustria gegen Frankreich, befehligte dann die spanische Armee gegen Portugal, wurde aber bei Villaviciosa 1655 geschlagen. Er st. 1668. Lag«? Caracöle (v. Fr., Wendeltreppe), ungebunden« halbe Wendungen mit dem Pferde von der Rechten zur Linken; daher caracoliren, ein Pferd herumtummeln u. dabei häufig halbe Wendungen machen. Carafa (Caraffa), eine alte neapolitanische Familie, die sich in 2 Hauptlinien, C. della Spina und della Statera mit verschiedenen Nebenlinien theilt und deren Ahn, ein Pisaner, dem Kaiser Heinrich VI. in einer Schlacht das Leben rettete. I) Oliviero, geb. um 1406; war Erzbischof von Neapel u. Königl. Rath daselbst, wurde 1467 Cardinal, dann als Lsgatus a latsrs von Sixtus IV- 483 6ars.ALQL - . IN Alfons von Neapel gesendet, darauf 1472 zum Admiral über eine gegen die Türken ausgerüstete Flotte ernannt, mit welcher er Smyrna u. den Hafen von Setalia in Kleinasien nahm; 1476 wurde er päpstlicher Gesandter in Neapel u. brachte 1482 den Frieden zwischen Sixtus IV. u. König Ferdinand zu Stande; er st. zu Rom 20. Juni 1511, ein hervorragender Beschützer und Förderer der Wissenschaften und Künste. 2) Giov. Pietro, wurde als Paul IV. Papst (s. d.). 3) Carlo, geb. 1517 in Neapel; diente unter dem Herzog von Parma in den Niederlanden, trat aber, von der spanischen Regierung beleidigt, in den Malteserorden. Seinen Oheim, den Papst Paul IV., der ihn zum Cardinal ernannte, beherrschte er mit seinem Bruder Giovanni u. seinem Neffen Alfonso ganz u. verwickelte ihn in Krieg mit Philipp II. von Spanien (s. u. Päpste, Gesch.), weswegen Paul IV., zur Einsicht gelangt, 1559 seine Neffen verbannte u. aller ihrer Würden verlustig erklärte. Sein Nachfolger, Pius IV., ließ die Brüder gefangen nehmen und den Cardinal im Gefängniß erdrosseln; Pius V. aber erklärte, nachdem 1566 der Proceß der Brüder revidirt worden, sie für unschuldig. 4) Giovanni, Graf v. Montorio, Herzog v. Palliano, Bruder des Vorigen; wurde von seinem Oheim, Papst Paul IV., zum General der päpstlichen Truppen ernannt. Wegen Mißbrauches der Gewalt u. des Mordes seiner unschuldigen Gemahlin, Violanta Discarsona, wurde er mit seinem Bruder vom Papste 1559 verbannt u. unter Pius IV. 1561 enthauptet. 5) Alsonso, Neffe der Vor.; wurde Cardinal u. Erzbischof von Neapel und, in den Sturz seiner Oheime verwickelt, gefangen gesetzt; jedoch gegen Caution losgelassen, zog er sich in lein Bisthum Neapel zurück. 6) Antonio, Feb. 1538 in Neapel; war Cardinal und unter Pius V. Präsident der Congregation für Verbesserung der Bibel u. Erklärung des Tridentinischen Concils u. unter Gregor XIII. dessen Bibliothekar; er st. 1591. Er übersetzte u. a. des Theodoretos Oomment. in psslinos; des Gregor von Naz. Orationss; sammelte die päpstl. Decretalien und besorgte eine verbesserte Ausgabe der Septuaginta. 7) Geronimo, Marquis von Montenegro, geb. 1564 in Neapel; diente seit 1584 unter Farnese in den Niederlanden u. war 1597 bei der Eroberung von Amiens, das er gegen Heinrich IV. vertheidigle. Später diente er unter dem Erzherzog Albert u. zeichnete sich 1620 in der Schlacht am Weißen Berge bei Prag n. 1621 im Mai- ländischen aus, worauf ihn der Kaiser zum Reichs- fürsten u. der König von Spanien zum Vicekönig u. Generalcapitän von Aragonien ernannte. Er st. als spanischer Generallientenant in Genna 1633. 8) Antonio, seit 1665 kaiserl. Offizier; diente in Ungarn gegen die Türken u. wurde von Leopold I., als die Türken Wien belagerten, nach Polen zum König Johann Sobieski geschickt, um denselben um Hilfe zu bitten. Nach der Befreiung Wiens (1683) diente er wieder in Ungarn u. Siebenbürgen gegen die Türken, eroberte 1685 Eperies, 1686 Ofen, 1687 Erlau, Munkacs und Griechisch-Weißenburg u. wurde nun Comman- dant von Ober-Ungarn, in welcher Eigenschaft er — Caraiben. das berüchtigte Eperieser Blutgericht errichtete, das furchtbar unter Verdächtigen wie unter Unschuldigen wllthete, bis der Ungarische Reichstag diesem Treiben ein Ende machte n. C. das Com- mando verlor; dagegen erhielt er, früher schon zum Inhaber eines Cavalcrieregiments, wirklichen Geheimrath u. Hofkriegsrath ernannt, vom Kaiser das Goldene Vließ u. den Auftrag, das an Österreich fallende Siebenbürgen zu übernehmen. Unter Herzog Karl von Lothringen führte er noch ein Commando gegen die Franzosen; er st. 9. März 1693 in Wien. 9) Michele, italienischer Operncomponist, geb. 17. Nov. 1787 (nicht 28. Nov. 1785, wie gewöhnlich nach Fbtis angegeben wird) in Neapel; machte wissenschaftliche u. musikalische Studien in seiner Heimath u. erhielt die letzte musikalische Ausbildung bei Cherubim in Paris. Er schr. früh eine Oper (II kanbasma) u. Cantaten, widmete sich daun aber dem Militärdienste unter Mural, machte den Zug nach Si- cilien n. nach Rußland 1812 mit, wo er sich die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion verdiente. Nach Murats Sturz wandte er sich ganz der Opern- composition zu, errang mit II vavoslio ck'Orisnts 1814 in Neapel Erfolg, wurde bald in Wien u. Paris bekannt u. gesucht. Er schrieb 30 Opern (GabrisUa, lÜAsnia in lanricks, I äns Illynro n. a. für Italien; Xbnkar in Wien, loanns ck'Xre, I>s solitairs in Paris aufgeführt). Infolge sei- ner glänzenden Aufnahme in Paris siedelte er dahin über (1827), schr. noch eine Reihe von Opern (La violette, Llasanisilo u. a.), fand auch als Klaviercomponist Eingang, wurde 1837 Mitglied derAkademie der schönenKünste n. 1839—70 Lehrer am Conservatorium. Er st. 28. Juli 1872. Seine Opern sind trotz ihrer früheren Beliebtheit vom Repertoire verschwunden, i)—6) Sagau» ch Brambach. Laragana I>crm., Pflanzengatt, aus der Fam. dep kapjlionaooas-LotsLS-dalsASLS (XVII. 3), Sträucher mit paarig-gefiederten Blättern u. achsel- ständigen, gestielten, einzelnen od. doldig gehäuften, ziemlich großen Vlüthen, mit kurzröhrigem, 5zähnigem Kelche, kahlem Griffel, anfangs znsam- mengedrllckter, später fast stielrunder, mehrsamiger Hülse. Von den 15 in Rußland n. dem Himalaja heimischen Arten werden bei uns häufig als Ziersträucher angebant: 1) 6. arborescons T., mit in Dolden gestellten goldgelben Blüthen, stacheligen Nebenblättern u. elliptischen Blättchen; stammt aus Sibirien. Die erbsenartigen, eßbaren Samen dienen als Vogelfutter; die Blätter benutzt man zum Blaufärben, die unreifen Hülsen als Gemüse, Wurzel und Rinde als lösendes Mittel bei Katarrhen. 2) (I. krntssosns OLl, mit häutigen od stacheligen Nebenblättern, keilförmig - länglichen Blättchen u. einzeln stehenden, hochgelben Blüthen; stammt ans SRußland. Engter. Caraglio, Giovanni Jacopo, namhafter italienischer Kupferstecher u. Steinschneider, Schüler Marc-Antonios, geb. um 1498 od. 1512 in Verona, gest. daselbst 1570; stach nach Rafael, Giulio Romano, Tizian u. A.; lebte eine Zeit lang in Warschau und hinterließ 64 zum Theil sehr werthvolle Blätter. Regnet.» Cara-Grusch. 4facher türkischer Piaster. Caralben, eigentlich Cariben, seetüchtiger n. 31 ' 484 Caraibische Inseln — Oaraxa. semBuberischer Jndianerstamm, vor Ankunft der Europäer auf den kleinen Westindischen Inseln u. im nördl. Theil SAmerikas längs des Amazonenstromes bis znm Rio Negro als Eroberer herrschend; sind gut gewachsen, breitschulterig, stark u. kräftig; Augen klein, schwarz und blitzend, Haar glänzend schwarz, Hautfarbe gelblich-braun od. olivenfarbig, doch durch Orlean völlig roth gefärbt. Kriegerischer, als die Einwohner auf den größeren Antillen, widerstanden sie den Europäern kraftvoll; schließlich unterlagen sie allenthalben den Verfolgungen u. wurden förmlich ausgerottet (man schätzt die gewaltsam getödteten C. ans 2 Millionen), nur am Orinoco n. in Guiana finden sich noch schwache Überreste derselben, welche jetzt sehr harmlos sind. Sic glauben an einen Gott im Himmel, der aber, nur seine eigene Seligkeit genießend, sich um die Menschen nicht bekümmert, daher auch nicht verehrt wird. Außerdem haben sie einen sehr ansgeschmückten Geisterglauben. Aus der Vermischung von C. mit Negern entstanden die Schwarzen C., deren es ans St. Vincent etwa 1000 Familien gibt, welche mit den eigentlichen C. in Feindschaft leben. Caraibische Inseln (Caribische Inseln, Kleine Ansillen), nach ihren ursprünglichen Bewohnern benannte Westindische Inseln, von Portorico an (18° n. Br., 48° w. L. von Ferro) bis zur NOKüste der südamerikan. Republik Venezuela (10° n. Br., 44° w. L. von Ferro), das Caraibische Meer (s. d.) umschließend, den Engländern, Franzosen, Spaniern, Holländern, Dänen u. Schweden gehörend. Je nachdem sie den östlichen, den größten Theil des Jahres über hier wehenden Passatwinden gerade entgegen, oder von denselben mehr abgewendet liegen und sie daher ihrer östlichen Lage wegen eher, oder ihrer westlichen Lage nach später erhalten, werden sie von den Engländern u. NAmerikanern in Windward Islands (Inseln im süberj dem Winde): die Inseln von Tabago bis Martinique, u. Leeward Islands (Inseln unter dem Winde): die Inseln von Dominica bis Portorico, unterschieden. Richtiger (doch ungewöhnlicher) nennen die Spanier alle Inseln nördl. von Tabago bis Portorico Isias barlo vionto (Inseln im Winde) u. nur die westl. von Tabago gelegenen Isias soto visnto (Inseln unter dem Winde). Sie zerfallen in geologischer Hinsicht in 4 Klassen: 1) ältere Felsbildung u. vulkanische Gebilde: Trinidad; 2) ganz vulcanisch: Martinique, Guadeloupe rc.; 3) vulcanisch mit Muschelkalk die östliche Reihe: Barbadoes rc.; 4) Kalk neuester Bildung: Margarita, Cnraxao rc. Thätiger Bulcan die Soufribre auf Guadeloupe (1484 m hoch). Heftige Erdbeben suchen häufig diese Inseln heim. Es gibt eine trockene und eine nasse Jahreszeit (Oktober bis Januar), in welcher der Regen in Strömen niedersällt, die östlichen Passatwinbe fast gänzlich aushören und in welcher namentlich die Fremden sehr leicht vom Fieber befallen werden. Während der übrigen 9 Monate sind namentlich die Abende n. Morgen sehr schön; der Übergang vom Tage zur Nacht ist sehr rasch, fast ohne Dämmerung; die Nächte sind kühl, aber entzückend durch Len reinen Himmel und den wunderbaren Glanz der Sterne. Die meisten dieser Inseln zeichnen sich durch außerordentliche Fruchtbarkeit aus. Produkte: Zuckerrohr, Kaffe, Baumwolle, Tabak, Indigo, Mais, Gewürze, Südfrüchte. Von den Ureinwohnern sind nur noch wenige übrig; einen großen Theil der Bevölkerung bilden die Neger u. freien Farbigen. Die bedeutendsten dieser Inseln sind von N. nach S.: St. Thomas, Ste. Croix (dänisch, sollten 1867 an die Verein. Staaten verkauft werden), Cura;ao (niederländisch), St. Christoph, Barbuda, Antigua (englisch), Guadeloupe, Marie-Galante (französisch), Dominica (englisch), Martinique (französisch), St. Lucia, St. Vincent, Barbaüoes, Grenada, Tabago u. Trinidad (sämmtlich englisch). Bisweilen werden auch die nördl. gelegenen Vir- ginischen od. Jungfern-Jnscln (englisch) hierher ge- rechnet. Seit 1871 wird durch die amerikanische Telegraphen - Compagnie eine telegraphische Verbindung über St. Thomas und die Kleinen Antillen nach Demerara in SAmerika hergestellt. Über alle diese einzelnen Inseln s. deren eigene Artikel. K°lP°.- Caraibisches Meer (Caribisches Meer, Mar del Norte, Antillen-Meer), Theil des Atlantischen Oceans; wird im N. von den Großen, im O. von den Kleinen Antillen (Caraibischen Inseln, s. d.) umschlossen, bespült im S. die Küste der südamerikanischen Republik Venezuela, im SW. n. W. die von Central-Amerika u. dem mexikanischen Staate Tjucatan u. steht im NW. durch den Kanal von Sjucatan mit dem Mexikanischen Meerbusen in Verbindung. Oarombola, Baum, s. u. 4.vsrroa. Carambolage, (fr.), s. u. Billard. Caramel (Chem.), der braune Körper, welcher entsteht, wenn Rohr- oder Traubenzucker über 170°, am besten längere Zeit bei 190°—220°, erhitzt wird. Die Substanz schmeckt nicht mehr süß, ist gährnngsunfähig, in Wasser u. Alkohol leicht löslich u. besitzt ein sehr starkes Färbungsvermögen, welcher Eigenschaft neben ihrer Unschädlichkeit sie häufige Anwendung zum Färben von Getränken, z. B. des Kaffes u. des künstliche» Rums, verdankt. Die Bildung des C-s beruht auf dem Verluste von Wasser; je nachdem der Zucker durch gesteigerte Hitze mehr Wasser verliert, unterscheidet man auch wol Caramelan, Carame- len u. Caramelin. ClSren. Carannaharz(C.-gummi, 6nmmi Oaraimae), ein aus SAmerika und von den Antillen (von Lurssrs, aouminata IPMck.) stammendes Harz; besteht aus großen grün-braunen bis dunkelbraunen Stücken, die in Schilf eingewickelt in den Handel kommen. Das C. ist frisch zähe, wird später hart n. spröde, hat das spec. Gew. 1„r4, schmilzt leicht, besitzt einen harzigen Geschmack n. schwachen Geruch u. enthält 96"/^ eines in Alkohol, Äther u. Alkalien löslichen Harzes. Lsraps , Pflanzengatt, zur Familie der Meliaceen (VIII. 1), Bäume mit unpaarig gefiederten Blättern und kleinen, in achselständige Rispen gestellten Blüthen, mit 4—ötheiligem Kelche, 4—5 Blumenblättern, 8—10 in eine krugförmige Röhre verwachsenen Staubblättern, dicker, halokugeliger, den 4—öfächerigen Fruchtknoten umgebender Scheibe; Frucht eine 1—öfächerige Kapsel Campella — mit 2—5 großen, dicken Sanien in jedem Fache. Arten: 6 . Auiancnsis Baum in Westindien, mit nutzbarem Holze. Durch Ausprcssen der Fruchtkerne erhält man ein fettes Oel, Carapaöl, dessen sich die Indianer znm Einreiben des Körpers, als Mittel gegen den Stich der Jnscctcn, bedienen; es ist von bitteren: Geschmack n. wird bei 4" fest. Die Rinde dieses Baumes, Carapa- rinde, ist der Chinarinde sehr ähnlich, von dunkcl- Lranner Farbe, harzig, von bitterem Geschmack u. enthält eine organische Base, das Carapin; dieses ist weißlich, von bitterem Geschmack und bildet mit Salzsäure u. Essigsäure krystallinische Salze. 0. rnolnccsnsis Um., Baum auf den Molukken, mit Früchten, die den Granaten gleichen u. deren Rinde als Magenmittel gebraucht wird; enthält in der Wurzel einen weißen gummiartigen Saft, der gegen verschiedene Krankheiten heilsam wirken soll. 6 . xrocsra D<7., Baum aus den Caraibischen Inseln, liefert ein schönes geflammtes Holz, das jedoch nicht mit dem von einem anderen, am Senegal wachsenden Baume kommenden Lols äs Oaraxa der Franzosen zu verwechseln ist. Engter? Carapella, 100 irni langer Fluß in Italien; entspringt in der Provinz Avellino am WAbhange des Monte Casa Leandro, geht dann über in die Provinz Foggia u. theilt sich in zwei Arme, deren südlicher in den See Salpi fließt; der nördliche fällt in einen Arm des Cerraro u. mit diesem in den Busen von Manfredonia. Carascosa, Michele, Baron C., General, von niederenStande, ans Sicilien gebürtig; wurde 1798 Offizier u. half in demselben Jahre die Parthe- nopeische Republik proclamiren. Als die Franzosen 1806 Neapel besetzten, wurde er Bataillonschef in einem Linienrcgiment, zeichnete sich unter Joseph Napoleon in Spanien aus, befehligte dann als Divisionsgeneral 1814 u. 1815 einen Theil des neapolitanischen Heeres unter Murat gegen die Franzosen u. dann gegen die Österreicher u. Unterzeichnete die Militärconvention von Casalanza. In die Dienste Ferdinands I. übergetreten und 1820 Kriegsminister, suchte er den Aufruhr unter den Truppen zu stillen, wurde aber bald gezwungen, selbst Antheil an der„Nevolntion zu nehmen. Gegen die einrückenden Österreicher sollte er die Straßen von Terracina decken, indeß die Österreicher umgingen ihn, u. seine Division zerstreute sich. Als Förderer der Revolution wurde er, in Spanien ein Asyl suchend, in contumaciam zum Tode verurtheilt u. ging nun nach England, wo er sich mit seinem alten Waffengefährtcn, General Pepe, im Zweikampfe schlug u. später starb. Er schr.: Llcnwirss snr 1 a rsvslntion än rozmnme äs Iflaxlss sn 1820, Lond. 1823. «-Mi' llaeassius, so v. w. Karausche. Caratacus, König der Siluren in Britannien; widerstand 9 Jahre erfolgreich der vordringenden Macht der Römer, bis er 51 n. Ehr. vom Legaten Ostorius geschlagen, durch Verrath der Königin Cartimandra gefangen u. nach Rom im Trinmph- zuge geführt wurde. Kaiser Claudius gab ihm Freiheit u. Herrschaft zurück. Caraud, Joseph, franz. Genremaler der Gegenwart, aus Cluny, Schüler von Abel de Pnjol; Carvamiiisäurc. ä 85 cnltivirt mit besonderem Glücke das historische Genre. Hauptwerke: Ludwig XV. n. dieDnbarry; Vorstellung der Athalie; Einkleidung der La Balliere; Ludwig XVl. in der Schlosserwerkstätte; Der Erstgeborene; Die Contracts-llnterzeichnung; Das Namcnsfest der Wiedergenescnen. Carausrus, M. Aurelius Valerius, röm. Feldherr, aus gallischer Familie; schlug 285 die Bagauden, erbaute auf Befehl des Diocletianns u. Maximianns eine Flotte zu Boulogne und schlug daniit die räuberischen Germanen. 286 ging er nach Britannien und ließ sich da als Cäsar huldigen. Theils die Verwirrung im Römischen Reiche, theils seine gute Verwaltung befestigten ihn in seiner Regierung, und nachdem er die gegen ihn gesandte Flotte vernichtet hatte, erkannte ihn der Kaiser 290 als Mitregenten an; s. Rom (Gesch.). Er wurde 293 ermordet. Caraväca (Caravacas), Stadt in der span. Provinz Murcia, am gleichnam. Nebenfluß der Segura; vorzüglicher Weinbau; etwa 7000 Ew.; in der Nähe die Stalaktitengrotte Barquilla. Caravaggio, Marktflecken im Bezirke Treviglio der ital. Provinz Bergamo (Lombardei), zwischen Serio n. Adda, Station der Oberitalien. Eisenbahn; Techn. Schule; Spital; 7767 Ew.; Geburtsort der Maler Polidoro Caldara u. Michel Angelo Amerigi da C.; dabei die Kirche Madonna di C., mit prächtigem Hochaltar, Gemälden und Statuen, Wallfahrtsort, wohin eine Allee führt. Hier 1448 entscheidender Sieg der Mailänder unter Franz Sforza über die Venctianer. Caravaggio, 1) so v. w. Amerigi, Michel Angelo. 2) So v. w. Caldara. Caravellas, Stadt in der brasilian. Provinz Espiritn Santo, am gleichnam. Fluß, nahe der Küste; Hafen; Handel; 5000 Ew.; in der Nähe Leopoldina, Colonie von Deutschen u. Franzosen. Carayon, Aug., französischer Historiker, geb. 1813; trat in den Jesuitenorden u. hat sich besonders mit der Geschichte desselben beschäftigt u. sich darum verdient gemacht; seine Arbeiten in dieser Beziehung sind: Bocnrnsnts insäits con- csrnant 1a OompaZnis äs ässus, Poit. 1863 bis 1865, 14 Bde.; LiblioArapliis lästorigns äs 1a Oomp. äs äcsns, 1864; Brsinisrss missions äs ässnitss an 6 anaäa, 1864; Bannisssrnsnt äss äss. äs 1a Iwuisians, 1865; Ltadlissemsnt äs la 6 omp. äs ässns ä Brest, 1865; Brisons än Llargnis äs Bombal, 1865; Xatss bistorignss snr Iss parlsrnsnts st Iss ässnitss an 18. siscls, 1867; er gab auch heraus Garasses Bistsiro äss ässnitss äs Baris, 1864, u. Delvaux' Bsttres insäitss snr 1 s rstablisssmsnt äss ässnites sn BortuZal, 1866. Carballo (Banos de), besuchter Badeort in der span. Provinz Coruna, am Berganrino; Quellen von 20—29° L. Carbamid, s. Harnstoff. Carbannnsiiure (Chem.) 6 OXÜ 2 OII, eine im freien Zustande bis jetzt nicht bekannte Säure, deren Ammoniaksalz, das carbaminsanre Ammon OOHHzOslsillZ, sich bei der Einwirkung von trockenem Ammoniakgas auf Kohlensänregas bildet. Es stellt eine weiße, lockere, leicht sublimirbare Masse dar, die sich mit Wasser rasch zu kohlensaurem 486 Oardo — Larbonart. Ammon umsetzt. Von den Äthern der C., die als Urethaue bezeichnet werden, sind bekannt: der carbaminsaure Methyläther oder Methylurethan 60dlklz068,, der carbaminsaure Äthyläther od. das Äthylurethan (XMülvOOzUz u. der carbamins. Amyläther od. das Amylurethan 60dlLz06sL„. Das Äthylurethan bildet farblose, unter 100° schmelzende, bei 180° sublimirende, leicht lösliche Krystallblätter. Es bildet sich bei der Behandlung von Kohlensäureäthyläther mit Ammoniak, sowie beim Erhitzen von salpetersaurem Harnstoff mit absolutem Alkohol in zugeschmolzenen Röhren. Es ist isomer mit dem Alanin. Das Amylurethan, ähnlich wie voriges dargestellt, bildet einen in Alkohol, Äther u. Wasser löslichen, aus letzterer Lösung in seidenglänzenden Nadeln krystallisirenden Körper, der bei 66° schmilzt, bei 220° destillirt u. isomer ist mit dem Leucin. Clören. Carbo (lat.), Kohle; 0. animulis, thierische Kohle; 0. oarnis, Fleijchkohle; 6. iiZni xraepu- rsbns (6. vsAvtabills), Holzkohle; 6. tüliuo, Lindenkohle; 6. sanAuiviv, Blutkohle; 6. sxongias (8pnr>§ia> nsta), Schwammkohle. Carbo, Familienname der römischen plebejischen Lopirin Asos. 1) Cajus Papirius C., Volkstribun 131 v. Ehr.; nahm gegen den Senat und den jüngeren Scipio Africanus (für dessen Mörder er von Vielen gehalten wurde), die Partei des ermordeten Tib. Gracchus; als Consnl 120 wandte er sich den Optimalen zu, konnte aber deren Vertrauen nicht gewinnen und wurde von L. Crassus wegen Bcthciligung an den Unruhen >cs C. Gracchus angeklagt; dem Ausgange des Pro- esses wich er durch Selbstentleibung. Er war ein ausgezeichneter Redner. 2) Cnejns Pap. C., Anhänger des Marius; diente unter Cinna im Bürgerkriege n. wurde nach dem Siege vor Rom 86 v. Ehr. mit Cinna Consnl u. behielt das Con- sulat auch noch im folgenden Jahre. Im Begriffe, nach Griechenland überzusetzen, um die Sulla- ner zu verfolgen, starb Cinna, und C. blieb nun allein Consnl u. nahm 84 Winterquartiere in Ari- minnm; 83 zog er mit den neuen Consuln gegen Sulla, wurde aber nach mehreren unentschiedenen Kämpfen 83 v. Chr. geschlagen und floh nach Afrika, wo er in des Pompejus Hände gerieth, welcher ihn 82 auf Sicilicn hinrichten ließ. i--' Carbohydrüre, so v. w. Kohlenwasserstoffe. Karbolsäure, s. Phenol. Carbon, 1) County im nordam. Unionsstaate Pennsylvania, unter 40° n. Br. u. 73° w. L.; ist von dem Kittatinny- od. Blue-Nidge-Gebirge südöstl. begrenzt u. wird von den Mauch-Chnnk-, Broad-, Spring- n. Pokono-Bergen durchkreuzt; reiche Steinkohlenlager; 28,144 Ew.; Countysitz: Mauch-Chnnk. 2) County im nordamerikanischen Unionsterritorium Wyoming, unter 43° n. Br. n. 106° w. L.; 1368 Ew. Carbonäri (ital., d. i. Kohlenbrenner), geheime politische Gesellschaft in Italien, welche zuerst 1820 sich bemerkbar machte, wenn auch ihre Entstehung in die Zeit der sranz. Herrschaft über Neapel (1806 bis 1815) fällt, wo dieRepublikaner, die sranz.Herrschaft, wie die König Ferdinands haffend, sich in die Abruzzen flüchteten, aber auch durch des im Herzen selbst republikanisch gesinnten Prinzen Moliterni Vermittelung gegen den wortbrüchigen Mnrat der Sache des Königs Ferdinand und der Königin Marie Caroline dienten, ja, wie Graf Orlow in seinen Llsraoirss our Io rovanrns äs Hoplos berichtet, wurde diese Verbindung unter Vorwissen und Mithilfe dieser letzteren Fürstin gestiftet oder wenigstens reorganisirt, während nach Anderen schon Joseph Bonapärtes Polizeiminister Salicetti und dessen Nachfolger Maghella sich ihrer gegen die Banditen bedient haben sollen. Die C. ahmten die Freimauer nach u. nahmen Bilder u. Deco- rationen der Logen, ihr Rituale überhaupt vom Kohlenbrennen. Der Versammlungsort hieß La raooa, Hütte, die Umgebung desselben der Wald, das Innere (die Loge) Vsnäita (Verkauf); die Hütten waren provinzweise in Republiken vereint, welche die alten Namen führten, wie OLucanien, WLucanien, Hirpinien, Daumen rc. Die Ober- Hütten (Alts vsnäite) zu Salerno und Neapel suchten vergebens eine Oberherrschaft zu gewinnen. Die Gesellschaft hatte vier Grade; doch sind nur die zwei ersten bekannt, von denen der zweite den Namen Pythagoreer führte, während man im ersten sich gute Vettern nannte. Sie mischten viel Religiöses in das Ritual u. verehrten den St. Theobald als Schutzpatron. Ihr Erkennungszeichen war I. H. R I., d. i. zusbum nsoars roZes ItaUas (d. h. es ist recht, die Könige Italiens zu tödten). Ihre Farben waren: schwarz, roth und blau (Kohle, Feuer und Rauch). Der geheime Zweck der C. war Religionsfreiheit u. Vereinigung von ganz Italien unter eine Regierung; wenigstens wurde er dahin 1815 geändert, da er vorher nur Befreiung von fremder Gewalt (Symbol: Vertreibung der Wölfe aus den Wäldern; Ruf: Rache des durch den Wolf erdrückten Lammes!) gewesen war. In letzterem Sinne hielten es die C. auch, wie oben bemerkt, anfangs mir der zurückgekehrten alten neapolitanischen Regierung. Da diese aber keine repräsentative Verfassung annahm, so waren sie die Hauptursache der neapolitanischen Revolution 1820. Kurz zuvor und nachher mehrte sich die Zahl der Mitglieder sehr, wie denn im März 1820 650,000 neue Mitglieder ausgenommen wurden, worunter sehr viele Geistliche u. Militär, u. auch Frauen unter der Bezeichnung: Gärtnerinnen, einen Zweigverein bildeten. Die kleinste Stadt hatte ihre Vendita, u. in Principato citeriore zählte man deren 182. Trotz der allgemeinen Theilnahme war doch, als es zum Schlagen kam, die Wirkung der C., da Einheit u. Leitung fehlte, gering. Die Lsterreiäi. Armee erklärte 1820 nach ihrem Einrücken nach Neapel alle C. für Hochverräther u. löste ihre Verbindung gänzlich auf, während sie vom Papst Pius VII. in Rücksicht aus die in ihrem Statut befindlich- Bestimmung, daß jeder Carbonaro den Allmächtigen nach seiner eigenen Einsicht u. Überzeugung verehren könne, mit dem Bannflüche belegt u. zum Theil zum Tode verurtheilt, im Lombardisch-Vene- tianischen Königreiche begnadigt n. die Führer auf den Spielberg nach Brünn geschickt wurden. Der Carbonaria, die sich rasch über ganz Italien verbreitet hatte, nachgebildete Vereine sind die später ausgearteten Calderari (s. d.), die Decisi, d. h. die Entschlossenen, welche einen ehemaligen Geistlichen, Carbonat - Ciro Nnuichiarico, zum Leiter hatten, nach dessen Hinrichmug aber sich auch auflösten (1827), u. die europäischen Patrioten. In Frankreich bestand die Verbindung der C. als Obarbonuoris seit der Restauration der Bourbonen, u. zwar erst in Verbrüderung, dann in völliger Verschmelzung mit der Carbonaria, u. nach der Niederlage derselben in Italien wurde Paris der Centralpunkt der Charbonnerie. Ihre Organisation war eine der italienischen ähnliche, nur daß eine Venta nicht mehr als 20 bons Cousins umfaßte. Der Sitz der höchsten Venta war Paris, außerdem bestanden daselbst einige 100 untergeordnete Benten. Die Zahl sämmtlicher C. in Frankreich wird auf 60,000 angegeben, u. zu ihnen zählten viele angesehene Männer, welche zwar nicht direct an dem Sturze der bestehenden Gewalten arbeiteten, aber doch die Mißstimmung des Volkes gegen die Bourbonen unterhielten u. nährten, bis 1830 die Revolution eine veränderte Parteistellung hervorrief u. die Charbonnerie, ihrer tüchtigsten Führer beraubt, allmählich ganz erlosch. Dagegen bildete sich aus Republikanern eine Obarbovueris äsmo- eiatigus unter der Leitung von Buonarotti, Teste und d'Argenson mit republikanischen Tendenzen, ohne indeß ihr Dasein besonders bemerkbar zu machen, während die italienischen Flüchtlinge sich von ihr lossagteu, um als Junges Italien ihre speciell nationalen Ziele zu verfolgen. Eine letzte Spur der Charbonnerie wurde noch 1841 im südl. Frankreich entdeckt, wenn auch noch da und dort insgeheim einzelne solche Verbindungen bestehen. Vgl. Usmoirs »k bbs seorob soeiobies os bbs Foutii ok Italia, partivularl^ tbs Oarbo- nari (aus dem Italienischen), Lond. 1821. Lagai.» Carbonat, derber Diamant in braun-schwarzen, feinkörnigen Aggregaten. Karbonate, so v. w. Kohlensäuresalze. Carbondale, Stadt im Luzerne County im Staate Pennsylvania (Bereinigte Staaten von NAmerika), am Lackawanna u. Wyoming; Eisenbahn nach Scranton; reiche Steinkohlenminen. C. wurde erst 1851 als Stadt incorporirt, hatte aber, rasch emporblühend, im Jahre 1856 bereits 6400 Ew. Carbone, Giovanni Bernardo, der berühmteste Porträtmaler der genuesischen Schule, geb. 1614 in Genua, gest. daselbst 1683. Seine Porträts sind denen Van Dyks bisweilen täuschend ähnlich. Auch in größeren Compositionen versuchte er sich mit Glück, wie sein Hl. Ludwig in Guastalla zeigt. Regnet. Oarbonsum (Oarbonieum, fr. Oarbono. Chem.), Kohlenstoff. 6 . aulkurntum. Schwefelkohlenstoff. 6 . trioklorabum. Chlorkohlenstoff. Osrbomsnum säiotum, Edict des Prätors Carbo, später von den Kaisern zum Gesetze erhoben, bestimmte einem Unmündigen, dessen Kindschast bestritten wurde, unter Aussetzung dieses Rechtsstreites, bis zu erlangter Pubertät den interimistischen Besitz der väterlichen Erbschaft. varbomous, kohlensauer, z. B. 4oiäum oar- bovioum, Kohlensäure, 8ali oarbonioum, kohlensaures Kali. Carbonne, Stadt im Arr. Mnret des franz. Deparr. Hame-Garoune, an der Garonne; Fär- - Carcano. 487 bereien, Fertigung von Tuch; Handel mit Wolle u. Ol; 2505 Ew. Carbonyl (Chem.), zweiwerthiges Radicak, welches im freien Zustande als Kohlenoxyd (s. d.) 60 bekannt ist, und von welchem sich folgende Verbindungen ableiten: Carbonylchlorid (Kohlen- oxychlorid oder Phosgen, s. d.) 006^; C-oxyd od. Kohlensäure (s. d.) 60«; C°sulfid od. Kohlen- oxysulfid (s. d.) 008; Carbominsäure 6O882O8; Carbamid od. Harnstoff 00(882)2 (s. d.) u. a. in. Ein anderes Radical, in welchem der Sauerstoff des C-s durch Schwefel ersetzt ist, ist das im freien Zustande nicht bekannte Sulfo-C. 08, von welchem sich ähnliche Verbindungen ableiten, wie die Sulfocarbonsäure 68(88)2, das Sulfocarba- mid oder der Schwefelharnstoff 68(882)2 u. a. Clören. CarbolhialdtN (Chem.) 6^8, „82 8, entsteht durch Einwirkung von Schwefelkohlenstoff aus Aldehydammoniak als farblose glänzende Krystalle; in Wasser und Äther unlöslich, leicht löslich in heißein Alkohol, mit schwach basischen Eigenschaften. Vgl. Aldehyd. Clören. Carboxyl (Kohlensäurerest, Chem.) wird in der organischen Chemie die Atomgruppe 6008 genannt, welche in allen organischen Säuren enthalten ist. Unter Annahme dieser Gruppe ist z. B. die Strukturformel der Essigsäure (628.0.2) — 68^6008. Von der Anzahl der in einer Säure enthaltenen C-gruppen hängt die Basicität der Säure ab. So ist z. B. die Essigsäure, als nur ein 6008 enthaltend, einbasisch, d. h. sie besitzt nur ein durch Metalle od. metallähnliche Körper auf dem Wege der Salzbildung vertretbares Wafferstoffatom. Die Oxalsäure O 282 O. — 6008. 6008ist aus dem angeführten Grunde zweiwerthig. Clören. Vsrblmvülus, 1) (Min.) so v. w. Karfunkel (Min). 2) (Carbunkel, Med.) Brandiger Blutschwär, so v. w. Karfunkel; s. unter Anthrax. 0. oontaAiösus (6. Milieus, 6. bunAarious, 0. ssxtrionalis), so v. w. 'Schwarze Blatter. Carbylamine, s. Cyan. Carcagente (Carcaxente), Stadt in der span. Provinz Valencia, am Jucar, Eisenbahnstation; Schloß, schöne Kirche; bedeutender Reis-, Weizcn- bau u. Seidenzucht,Orangen, Granaten; 8842 Ew. Bei C. 13. Juli 1813 im Spanisch-Portugiesischen Befreiungskriege Gefecht zwischen den Spaniern u. Franzosen, Letztere Sieger. Carcano, Giulio, ital. Dichter u. Schrift, steiler, geb. 1812 zu Mailand; stndirte zu Pavia Rechtswissenschaft, betrat aber auch mit Erfolg die belletristische Laufbahn. Schon sein 1834 veröffentlichtes Erstlingswerk: Icia ckslla Norrs, lenkte ihm die Aufmerksamkeit des literarischen Publikums zu, was ihm in noch höherem Grade gelang durch den Familienroman 4nZäoIa Llaria, Mail. 1839, deutsche Ausg. v. Langenn, Lpz. 1843; er erwarb sich damit den Namen des ital. Goldsmith. Dieser seiner bisher besten Arben folgten die derselben verwandten Kaeoonti ssm- Moi, Mail. 1843 u. ö.; Damiano, storia ck'una povsrs. kamiAlia, Mail. 1851, 1869; allgemein beliebt sind feine Doäioi Novelle, Mail. 1856 u. ö. Seine ersten lyrischen Versuche (krimo 488 Carcauo-Gewehr — Oni-ÜLruiirs. kossis) erschienen gesammelt 1840; erst später versuchte er sich im Drama: Lpartaons (1857), Ilräoino (1860) n. Valentina. Wenn er damit keinen durchschlagenden Erfolg erzielte, so erwarb er sich dafür desto mehr Verdienst durch die gediegene Übertragung der meisten Shakespeareschen Stücke. Neben seinen amtlichen Stellungen (1844 wurde er 2. Bibliothekar an der Brera in Mailand, 1848 Sccretür der Mailänder Provis. Regierung, wegen welcher Betheiligung er 1849 einige Zeit als Flüchtling in der Schweiz lebte, 1859 berief man ihn zum Secretariat an der Mailänder Akademie der schönen Künste, 1860 ernannte ihn die ital. Regierung zum Ober- ftndienrath der Prov. Mailand, worauf er 1868 zum Mitglied des Obersten Rathes des öffentlichen Unterrichtes gewühlt wurde) war er unausgesetzt thätig mit größeren u. kleineren Beiträgen ästhetischen, kritischen und historischen Inhaltes in Len gelesensten Zeitschriften u. Sammelwerken. Er schr. ferner: Llsmoris äl Oranäi, Mail. 1870, 2 Bde.; Oabrlo s Ciamilla, storla mtla- vsss äsl 1859, Mail. 1874. C. begann eine Gesammtausgabe seiner sämmtlichen poetischen u. prosaischen Schriften, Flor. 1861 — 70. Booch-Arkossy. Carcano - Gewehr , bisheriges italienisches Infanterie-Gewehr, mit Kolben-Verschluß, Central- Zllndung, 17,5, mm Kaliber (infolge dessen ungenügend rasante Flugbahn), 3 Ladegriffen; s. u. Gewehr. Das C.-G. wird in Italien jetzt durch das Vetterli - Gewehr und bei den Bersaglieri- Batailloncn durch ein Repetir-Gewehr ersetzt. Carcassonne, Hauptstadt des gleichnam. Arr. u. des sranz. Depart. Ande, an der Ande, am Kanal du Midi u. an der SBahn; zerfällt in die Eile (Altstadt) u. die Ville-Basse (Neustadt), zu beiden Seiten des Flusses gelegen und durch 2 Brücken (l?ont vienx aus dem 12. Jahrh. und >?ont norck, 1841—1846 erbaut) verbunden; die Altstadt mit sestem Schloß, sehr unregelmäßig gebaut, die Neustadt sehr schön; altes Schloß, gothische Kathedrale mit Glasmalerei, Rathhaus, Präfecturpalast, Justizpalast, bischöflicher Palast; Bischofssitz; Präfectur u. Departementalbehörden, Gericht I. Instanz, Handelsgericht; Lycenm, Seminar, Zeichnenschule; öffentliche Bibliothek von 21,000 Bänden, physikalisches u. natnrhistorisches Cabinct; Ackerbaugesellschaft; Theater; Börse; Kasernen; schöne Promenaden; berühmte Tuchfabriken, die etwa 2000 Arbeiter beschäftigen, ferner Fabriken in Kattun, Strumpfwaaren, Leder, Papier, Cigaretten, Leinwand, Draht, Nägeln, Seife rc.; Handel damit n. mit Wein, Getreide, Obst, Öl; Hafen; 23,644 Ew.; Geburtsort des Dichters Fabre d'Eglantine; in der Nähe eine von Napoleon I. errichtete Brücke von 3 Bogen, welche den Kanal du Midi über den Fluß Fres- quel führt; Umgegend sehr fruchtbar u. gewerb- thätig. — C. hieß in alter Zeit Carcaso (Car- cassio, Carcassum) u. war Stadt der Tectosagen im Narbonensischen Gallien. Während Cäsars Feldzügen in Gallien diente sie als Waffenplatz und Kriegsmagazin. Um 300 n. Chr. wurde das Bisthum C. gegründet. Nachher nahmen die Westgothen C. u. sollen daS dasige Schloß erbaut haben. Bei C. schlug König Reccared 587 und 589 die Franken, und die Gothen hielten sich in C., bis sie vor den Saracenen weichen mußten, welchen es bald darauf die Franken wieder ab- nahmen. Nachher wurde C. Sitz eines Grafen; der erste bekannte ist Arnold um 970; als dessen Stamm 1060 mit Raimund ausstarb, so kam C. an die Grafen von Barcelona, welche die Grafschaft C. dem Grafen von Böziers in Lehn gaben, aber die Stadt C. für sich behielten. Im 13. Jahrh. wurde C. von dem Kreuzheere den Albigensern abgenommen und von Ludwig IX. dem Simon Montfort gegeben. 1247 fiel es durch Übergabe von Seite des letzten Grafen an Frankreich. Carcassonnes (Carcassonnische Tücher), leichte sranz. Tücher von Carcassonne, die viel nach dem Orient, nach Westindien u. Afrika versandt werden. Careavelhos (Carcavelo), Dorf im Districl Santarem der ehemaligen portugiesischen Provinz Estremadura, am Atlantischen Meere; 360 Ew.; baut den besten (süßen, weißen) Wein der Provinz (Carcavelo). Osreer (lat.), 1) Gefängniß; daher 6rroeris akkraetio, widerrechtliche Befreiung eines Gefangenen. 2) Gesängnißstrafe; besonders 3) bei den Schulen u. Universitäten Strafe für gröbere Dis- ciplinarvergehen in eigenen Localen; daher 6ar- esrarius, Gefängnißwärter, u. Laresrationm, das demselben zu entrichtende Schließgeld. 4) 6areo- rss (röm. Aut.), im Circus (s. d.) die Hallen, wo die Gespanne der Wettrenner bis zum Ausrennen standen. Carces, Flecken im Arr. Brignoles des sranz. Depart. Var, am Argcns; Seidenmannsactur, Branntweinbrennerei, Gerberei; 2726 Ew. varobarias, der Riesenhai (s. d.). stardiaroäon, s. u. Fische. vsrolissmm (röm. Ant.), Maschine beim Bauen, zur Beladung u. Ausladung der Schiffe, auch bei Belagerungen gebraucht; wahrscheinlich ein Krahn. llaroinoms (v. Gr., Med.), 1) Krebs (s. d.); Oaroinoms, oonli, so v. w. Augenkrebs; 2) das offene Krebsgeschwür; daher carcinomatös, krebsartig; s. Krebs. Oaräammo L. (Bcrgkresse, Schaumkraut), Pflanzengatt. aus der F-am. Oruoiksrao - ^rabiäsas (XV. 2), mit linealen oder lanzettlich-linealen Schoten, flachen, nervenlosen Klappen, welche sich bei der Reise elastisch nach außen umrollen, ungetheil- ter Narbe, einreihigen Samen u. flachen Keimblättern. Alle Arten weiß, nur 0. pratensis blaßroth blühend. Deutsche Arten, meist mit feuchtem Standorte: 1) 6. pratensis L. (Wiesenkresse), mit einer Rosette von gefiederten Grundblätter», deren Blättchen rundlich u. gestielt sind, während die Blättchen der Stengelblätter linealisch oder länglich sind; Staubblätter halb so lang als die verkehrt-eiförmigen Blumenblätter und mit gelbe» Staubbeuteln; häufig vom April bis Juni ans Wiesen; gutes Fntterkraut; die bitteren u. etwas scharfen Blüthen sonst ofstcinell; das Kraut wird frisch wie Brunneukresse gebraucht. 2) 0. amara I/., von voriger durch die kurzgestielten, rundlich- eiförmigen oder länglichen Blättchen der Stengelblätter, Lurch die Len Blumenblättern fast gleich ! langen Staubblätter u. durch deren violette Stand- Cardamomcrr — Cardano. ^89 beutel verschieden, durch letzteres Merkmal auch von der sehr ähnlichen echten Brunnenkresse (Mstnitinm oküojnols) zu unterscheiden; ans feuchtem Waldboden. 3) 6. imxotions D., sowie die folgenden mit kleinen, länglichen, aufrechten Blumenblättern, mit gestielten, eiförmigen, fingerförmig tiefgetheilten Blättchen u. mit abstehenden Schoten; in schattigen, humusreichen Laubwäldern. 4) 6. porviüoro D., mit fitzenden, ganzrandigen Blättchen u. aufrechten Schoten; zerstreut an überschwemmt gewesenen Plätzen. 5) 6. birants, D., behaart n. mit gestielten rundlichen Blättchen der unteren Blätter; nicht selten in Gebüschen u. Laubwäldern. 6) 0. rsssäikolia L., klein, mit eiförmigen, langgcstielten Grnnd- blätteru, 3theiligen u. gefiederten Stengelblättern mit länglich-keilförmigen Blättchen u. mit verkürzten Blüthent"auben; auf der ganzen Alpenketts n. den Sudeten. 7) 6. trikolia D., mit Zzähligen Blättern, einblätterigem Stengel n. kriechenden Ausläufern; in den Alpen, Böhmen n. Schlesien. Bekannt sind bis jetzt ungefähr 50 Arten, welche vorzugsweise Europa n. die Hochgebirge des mittleren n. westlichen Asien bewohnen. Engler. Cardamömen (Cardamomen-Jngwer, Carda- momum), die Samenkapseln u. der Samen mehrerer Zingiberaceen (Jngwcrpflanzen) Indiens u. Afrikas, vorzüglich von den Gattungen L.momnm und DIsttario, mit stark aromatischem, scharfem Geschmacke, welcher von einem eigenthümlichen ätherischen öl herrührt. Die vorzugsweise im Handel vorkommenden Sorten sind: a) Kleine malabarische C., 3eckige, oben mit einem kleinen Nabel versehene, 12 mm lange, der Länge nach gestreifte Kapseln mit röthlichen oder röthlich- braunen Samen, von Dlsttorls, Oaräamomnm pstiärte cb Mrtorr auf Malabar. k>) Lange cey- lanische C., schwache, 3eckige, oben mit einem kleinen Nabel versehene, stark gefurchte Kapsel von 2'/,—4 om Länge, mit gelblich-braunen, ovalen und runzeligen Samen; stammt von L.mownm aromotionm Äowb. auf Ceylon, o) Banda C., röthlich-braune, schwach gestreifte Kapseln mit schwach-eckigen Samen von ^.momnm §rannm >,arackisi ^4/d. C. werden an Speisen, zum Abziehen von Branntweinen u. von den Conditoren gebraucht. Officinell ist die Sorte o. als Mittel bei Verdauungsschwäche u. Verschleimung. C. werden, wenn sie kräftig bleiben sollen, bis zum Gebrauche in ihren Kapseln aufbewahrt; diese selbst sind ohne erheblichen Gewürzstoff. Durch die Destillation erhält man aus denselben ihren wesentlichen Be- standtheil, das C-Ll (OIsum oarckamomi). Engler.' Cardanische Regel (Cardanische Formel), Math.) ist eine algebraische Formel, welche den reellen Werth von x aus der kubischen Gleichung gibt, wenn diese nur eine reelle Wurzel hat, d. i. wenn (M -p (o)» positiv ist. Nach ihr ist dann -^ -i- denn setzt man x —n. zugleich k —3 s° gibt x°-ppx—g die lineare Gleichung b — u —g; ans dieser in Verbindung mit finden sich als Werthe von t u. — n die Radicanden der Kubikwurzeln der Formel. Mittels ihrer ergibt sich z. B. für -p 12x ^—63, ^ ^ ^ ^ ,/ o 64 -I- 3 " / — ^ — -p 1 — 4 — — 3. Die Formel läßt sich auch für die Auflösung von kubischen Gleichungen (s. d.) verwenden, welche obiger Bedingung nicht entsprechen, sondern 3 reelle Wurzeln haben. Die Gleichung x^ -p px — g ist zuerst von Scipione dal Ferro von Bologna gelöst worden; man weiß davon jedoch nnr, daß der Entdecker seine Regel um 1505 seinem Schüler Fiore mittheilte. Dieser hielt sie geheim, gebrauchte sie aber u. rühmte sich dcm Tartaglia aus Brescia gegenüber, der schon kubische Gleichungen anderer Form gelöst hatte, seiner Kunst. Letzterer fand, dadurch angestachelt, 12. Febr. 1555 die berühmte Regel, die also die Regel des Tartaglia heißen sollte, kurz vor einer Disputation, zu der er den vermeintlichen Prahler Fiore gefordert hatte u. in welcher er glänzend siegte. Er hielt seine Kunst ebensalls geheim, um sie später als Krone eines geplanten großen Werkes zu veröffentlichen, ließ sich aber durch die Bitten des Cardano doch endlich bewegen, seine Regel 25. März 1539 in Versen diesem mitzutheilcn, der sie 1545 treulos, wort-, ja eidbrüchig (erhalte geschworen, sie nicht zu veröffentlichen, ja nur in Chiffcrn niederznschreiben) in der Lra maZna bekannt machte. Bmhnis-r. Cardano (lat. Oarcianus), 1) Geronimo, denkwürdiger Arzt und Mathematiker des 16. Jahrh., geb. 23. Sept. (oder 24. Nov.) 1501 in Mailand, der uneheliche Sohn eines vornehmen Mailänder Gelehrten, Fascio C.; ward streng erzogen und für den geistlichen Stand bestimmt, entschied sich aber im 20. Jahre für das Studium der Mathematik, Philosophie n. Medicin, ging 1521 nach Pavia, erklärte bereits 2 Jahre später den Euklides, wandte sich nach Padua, wo er als Doctor der Medicin promovirt wurde, nahm 1534 die Professur der Mathematik in Mailand an, las gleichzeitig medicinische Collegia u. prakticirte, lehnte einen Ruf nach Kopenhagen ab, ging aber nach Schottland zum Erzbischof von St. Andrews, Hamilton, um ihn an einem viel- jährigen Asthma zu behandeln, kehrte über die Niederlande u. Deutschland zurück, blieb bis 1559 in Mailand, wurde noch in diesem Jahre Professor der Medicin in Pavia u. 1562 in Bologna. Wegen eines Versuches, das Leben Jesu astrologisch erklären zu wollen, bekam er böse Händel mit der Geistlichkeit, sogar Haft n. wurde erst im Sept. 1571 in Freiheit gesetzt. Er ging dann nach Rom, erhielt vom Papste eine Pension n. st. 21. Sept. 1576 (nachAnderen erst 1578; nach Bayle schrieb er noch im Oct. 1576 an seinem Do vita proprio,, das Gabriel Rande 1643 in Paris, 1654 in Amsterdam heransgab u. in dem er sich selbst mit leidlicher Aufrichtigkeit und Unparteilichkeit schildert). C. war ein Mann von einem allumfassenden Geiste n. großem Wissen, nnr leider nicht geeignet, den Richtungen seiner Zeit zu widerstehen, dem Hange zum Wunderbaren ergeben, seine überspannte Phantasie dem Aber- 490 Cardca — glauben voll öffnend. Neben dem Glauben am Träume u. Visionen, an Astrologie n. den 8pi- ritus Inmillaris finden wir eine Menge positiver Kenntnisse u. eine Fülle der edelsten Gedanken, ans einer zukünftigen Zeit bereits herübergenommen: neben der mystischen Finsterniß helllenchten- des Geistesleben; so wird es verständlich, wenn seine Zeitgenossen ihm nachsagten, er sei der weiseste Narr u. der närrischste Weise gewesen. Seine Schriften gehören zu den wichtigsten Denkmälern des Jahrhunderts. Als Arzt hatte er einen weithingehenden Ruf, verdiente viel Geld, war aber wegen seiner Liederlichkeit desselben stets bedürftig. Er stellte eine wunderbare Theorie aus über Len Zusammenhang der Körpertheile mit den Weltkörpern, z. B. des Herzens mit der Sonne, des Blutes mit dem Monde, n. gab außer Com- mentaren zu einigen Hippokratischen Schriften noch heraus: Vs sanitats tueuäa st vita pro- äucsnäa libri IV, Rom 1580, u. Vs ssntraäie- tionidus meäleorum. Als Philosoph war er ein eifriger Verfechter des Neuplatonismus; sein physikalisches u. metaphysisches Wissen legte er, oft genug zusammenhanaslos u. widerspruchsvoll, in zwei umfangreichen Werken nieder: Vs vndtllitats likri XXI, Nürnberg 1550 u. Basel 1664, ein Werk, das ihn mit Julius Scaliger in heftigen Streit brachte, n. Vs rsrum natura libri XVII, Basel 1557, Avignon 1558 u. 1581, deutsch von Pantaleon, Basel 1559, u. von Fröhlich v. Plawen, ebd. 1591; ein Auszug dieser Schrift findet sich im vietionnairs äs plrilssopdis äs 1'VuozmIo- psäiv mstkoäigus. Als Mathematiker ist C. berühmt geblieben, besonders durch die Veröffentlichung der sogenannten Cardanischen Regel (s. d.) zur Auflösung der Gleichungen dritten Grades, als deren eigentlicher Erfinder Tartaglia oder Tar- talea gilt, dem sie C. abgeschwindelt hatte. Auch mit Gleichungen vierten Grades beschäftigte er sich u. hat immerhin die Algebra nicht unwesentlich gefördert. Er war der Erste, welcher die negativen Wurzeln einer Gleichung berücksichtigte, die er freilich nicht der positiven für ebenbürtig hält, sondern sie üetas (eingebildet) nennt. Seine Untersuchungen finden sich in vrastüoa aritlrmetäoas xensralis sto., Mail. 1539, einem Compendinm der dermaligen Arithmetik, deren 10. Buch ilrtüs maxuas sivs Vs rsAukis XlAsbras Inder unus, ebd. 1545, die Tartagliasche Auflösung kubischer Gleichungen enthält; ferner in: Vs rsAula alira, ebd. 1570, in welchem ebenfalls kubische u. höhere Gleichungen behandelt werden. Außerdem schrieb er: Opus novum äs proporbiouldus uumsroruiu, motuuw, pouäsrum, sousrum, Basel 1570; Xe- ronis sueouluin; Nebopossoxia 800 kaeisi du- manas ieouibus ooinplexa, Paris 1658, die aber in der Sponschen, 10 Foliobände umfassenden Gesammtausgabe, Lyon 1663, nicht enthalten ist. Eine Lebensbeschreibung findet sich im 2. Bande der vaeoolta äi vits ä'uomiui illugtri. In seiner Familie hatte er manches Unglück. Sein ältester Sohn, 8) Giovanni Baptista, geb. 14. Mai 1534, Arzt in Mailand u. Herausgeber von: Vs kul^ure u. Vs adstäusutüu viborum Istääo- ruw, wurde wegen versuchten Giftmordes an feiner untreuen Gattin 13. April 1560 enthaup- - Cardigan. tet, ein Ereigniß, das dem Vater nach seiner Behauptung durch das Bild eines blutigen Schwertes am rechten Ringfinger schon vorher angedeutet worden war. Thamhayn. Cardea (auch Carna), römische Göttin des Öffnens u. Verschließens der Thür, daher als Hauswächterin verehrt. Janus besiegte ihre Sprödigkeit u. lohnte ihre Gunst mit ihrer Erhebung zur Göttin. Ihr Fest fiel auf den I.Juni. Sie bewahrte die Schlafenden vor den Strigen, den altrömischen Vampyren. Cardenas, Stadt aus der NKüste der spanischen Antillen - Insel Cuba, mit Matanzas u. Havanna im W., mit El Roque, Cienfue- gos u. den wichtigsten Zuckcrdistricten im S. u. SO. durch Eisenbahn verbunden u. zu Handelsverkehr günstig gelegen, aber auch fremden Angriffen bloßgestellt; 13,000 Ew. Am 19. Mai 1850 ward sie von nordamerikanischen Freibeutern unter Lopez ansgeplündert u. Ende 1852 von einer Feuersbrunst betroffen, die das Theater, die Douane u. Pulvermühle in Asche legte u. 1 Mill. Dollars Schaden anrichtete. Cardi, Luigi, gen. Cigoli oder Civoli, berühmter ital. Baumeister u. Maler der Floren- tinischen Schule, geb. 1559 in Empoli; lernte bei Allori, studirte A. del Sarto u. Correggio u. lebte in Florenz (wegen seines blühenden Co- lorits der Florentiner Tizian genannt). Clemens VIII. u. später Paul V. beriefen ihn nach Rom, wo er 1613 in dem Augenblicke starb, als ihm seine Ernennung zum Malteser-Ritter mitgetheilt ward. C. wirkte auf eine ernstere u. tiefere Auffassung der Kunst hin, indem er sich von der herrschenden Manierirtheit abwandte. Werke: Der geheilte Lahme, in der Peterskirche (gestochen von Dorigny); Christus u. Petrus auf dem Meere, im Palaste Pitti (gest. von Lorenzini). Er vollendete den Bau des Palastes Pitti, erbaute den Palast Brumaccini, den Hof des Palastes Strozzi u. die Loggia Tornaquinci in Florenz. C. schr.: Von den Eigenschaften u. der Natur der Farben u. der Art, sie am haltbarsten zu machen. Regnet.« Cardiff (das gälische Oasr-Nakk, Fort am Taff), Hauptstadt der Grafschaft Glamorgan im englischen Fürstenthum Wales, unweit der Mündung des Taff in den Kanal von Bristol u. am Glamor- gan-Kanal; Schloß, 45 Kirchen u. Kapellen, darunter Johanniskirche mit herrlichem Thurme, schöne Brücke; freie Bolksbibliothck, Museum; großes Hospital, Stadthaus; Handel mit Zinublech, Kohlen (1872: 2-/g Mill. Tonnen) u. Eisen (256,000 T.), Gesammtwerth der Einfuhr 1873: 1,885,000 Psd. St.,derAusfnhrdagegen 4,966,000Pfd. St.; eigene Schiffe hatte die Stadt 140, darunter 64 Dampfer; 39,536 Ew. (1873); Eisenbahn nach Swansea u. den großen Eisenwerken von Merthyr Tydvil, wohin auch von C. aus der Glamorgan-Kanal führt, zudem ist C. noch eine der Hauptstationen der Great-Western-Bahn von London nach Milford- Haven; außerdem noch Kanal nach dem Hafen Penarth (4 üm südlich von C.) u. großes Bassin für 200 Schiffe, vom Marquis von Bute (welcher den Barontitel von C. führt) 1834—39 mit 400,000 Pfd. Sterl. Kosten erbaut. Cardigan, 1) Grafschaft im engl. Fürsten- Cardinal. 491 thum Wales; 1794 djlcm ( 32 , 5 s ÜÜM); grenzt im N. an die Grafschaften Merionerh u. Mont- gomery, im O. an Radnor ». Brecknock, im S. an Caermarthen u. Pembroke, im W. an die Cardigan-Bai (zum Irischen Meere gehörig); im O. waldig u. gebirgig; höchste Spitzen: Plynlim- mon 776 m, Tregaron Down 549 in; Flüsse: Tivh (od. Teify), Aeron, Dstwith, Rheidol; wird von der nordwestlichen Hälfte der Caermarthen- Cardigan-Eisenbahn durchschnitten; Klima rauh, aber gesund; Boden im W. eben u. zu Ackerbau u. Viehzucht geeignet; Products: Getreide, Schafe, Rindvieh (imW.), Silber, Kupfer, Blei, an Brennmaterialien bes. Torf; 73,441 Ew. C. enthält einige romantische Wasserfälle, namentlich die Rheidol- Fälle u. die vsvilg LriäAs (Tenfelsbrücke), u. an 20 kleine, wegen ihrer wilden Schönheit berühmte Seen oder Olzms. 2) Hauptstadt darin, an der breiten Mündung des Tivy, Endpunkt der vorgenannten Bahn; Nationalschnle; ein ziemlich verfallenes Castell, alte Kirche, Rathhans, Brücke, 1160 von Gilbert de Cläre erbaut, kleiner Hafen; Lachsfang; Handel mit Getreide n. Schiefer; 3461 Ew. (1871) Hier 1136 Schlacht zwischen Engländern und Walisern. 3) Bai im W. der irischen Grafschaften Caernarvon, Merioneth und Cardigan, Theil des Georgs-Kanals (zum Irischen Meere gehörig). Cardinal, 1) ein dem Bischof gleiches Getränk, nur daß weißer Wein dazu verwendet wird. 2) Sorte Schnupftabak. 3) Beliebte Apfclsorte (s. Apfel o). Cardinal, Vogel, s. Kardinal. Cardinal (v. lat. earäo, Thllrangel) bezeichnet einen Beamten, dessen Stellung nicht vorübergehend, wechselnd, sondern dauernd ist, jo unter Theodosios das Amt des ÄIsZister uaiUtnm als aküxnin ob immobnm in oaräins ono, wird dann in ähnlicher Bedeutung von kirchlichen Ämtern gebraucht; daher dann inoaräinars gleichbedeutend mit iutitulars ist; so ist dann C. ursprünglich jeder Bischof, Priester u. Diakon, welcher einer Kirche wirklich einverleibt war, zum Unterschiede von solchen, die sich nur vorübergehend dabei anshielten. Es kamen daher in allen Gegenden Car- dinäle vor, u. einige Pfarrer in Frankreich nannten sich bis ins 11. Jahrh. C.-Pfarrer. In diesem Verhältniß zu Kirchen in Rom standen die dortigen Priester u. Diakonen, die von Alters her das Presbyterium oder mitberathende Kirchen- colleginm des Römischen Bischofs bildeten, zu dem seit dem 9. Jahrh. auch die Sufsragan- u. Col- lateral-Bischöfe des Papstes gerechnet wurden. Als Räthe, Gesandte u. Stellvertreter des Papstes mit ihm im Ansehen steigend, kamen sie in Besitz der höchsten Kirchenwürdcn nach der päpstlichen, nachdem Nikolaus II. 1059 ihnen das ausschließliche Recht verliehen hatte, den Papst zu wählen, u. Pius V. behielt ihnen 1557 ausschließlich diesen Titel vor, weil Nom 6aräo soolssia- rnm sei. Ihre Zahl war bis in das 16. Jahrh. unbestimmt, zuweilen 50, zur Zeit der Wahl Nikolaus' III. (1277) nur 7. Obgleich die Con- cilien zu Konstanz n. Basel sie auf 24 beschränkten, banden sich Loch spätere Päpste nicht daran, n. Pius V. setzte fest, daß nie mehr als 70 Cardinäle (die Zahl der Jünger Jesu) sein sollten, nämlich 6 C.-Bischöfe: von Ostia, Porto, Albano, Frascati, Sabina u. Palestrina; 50 C.-Pricster, die ihren Titel von den Pfarr- u. Stiftskirchen, n. 14 C.-Diakonen, welche denselben von den Kapellen in Nom haben. Sie sind Ehrcnbesitzer ihrer Kirchen, in deren Bezirke sie bischöfliche Gerichtsbarkeit ausüben, den Kirchendienst aber durch Priester versehen lassen. Das Collegium der inNom anwesenden Cardinäle (C-Collegium) ist der oberste Staats- u. Kirchenrath des Papstes, den er zu Consistorien zusammenruft (s. Consistorium), wobei sie berathende n. entscheidende Stimme haben. Aus ihnen wählt der Papst seine obersten Hof- n. Kirchenbeamten, die Präsidenten u. Beisitzer der höchsten Behörden zu Rom, seine Statthalter in den Provinzen des Kirchenstaates n. Legaten an fremde Nationen u. bildet aus ihnen gewisse stehende oder vorübergehende Ausschüsse, 6on§ro- Aationss enrärualss (s. d.). Auch werden sie von katholischen Fürsten präsentirt u. heißen dann, wenn vom Papste angenommen, Kroncardinäle; in diesem Falle übernehmen sie zuweilen die Protection katholischer Reiche am päpstlichen Hofe (C.-Protector). Sie haben das souveräne Recht, aus ihrer Mitte den Papst zu wählen, wie auch nur aus ihnen der Papst gewählt werden darf (s. ob. u. unt. Papstwahl). Im Range stehen sie über allen anderen Kirchenprälaten u. den Kurfürsten gleich. Äußere Zeichen der C-e sind: der C-shut (s. d.) u. das rothe Barett; der rothe Pric- sterrock mit Mäntelchen, bei Trauer, im Advent u. in den Fasten violett; beim Gottesdienste folgt ihnen ein Schleppträger (Oauäntorio); Ordensgeistliche behalten als C. die Farbe ihrer Orden bei; der weiße Zelter mit rother Decke u. goldenen Zügeln; der Titel Eminenz erst durch Urban VIII. 1630. Ihre besten Einkünfte beziehen sie, außer dem regelmäßigen Gehalte von 4500 Scudi, von Nebenämtern u. Pfründen. Der älteste C.-Bischof heißt C.-Dechant, hat aber, wie die ältesten der beiden anderen C-stände, nur Ehrenvorzüge; der C.-Camerlengo führt die Aussicht über die päpstliche Kammer u. die Einkünfte des Papstes, bewohnt zur Sedisvacanzzeit das päpstliche Zimmer, wird dann auf der Gasse durch die Schweizergarde begleitet n. macht die Anstalten zum Conclave; C.-Staatssecretär ist der Cabinets- minister u. Minister der auswärtigen Angelegenheiten, dem seit 1833 ein C.-Staatssecretär des Innern als Minister des Innern u. der Justiz sür die Provinzen zur Seite gesetzt wurde; der C.-Vicarins ist der Stellvertreter des Papstes hinsichtlich des Bisthums Rom, welches die Stadt mit ansehnlichem Gebiete enthält; C.-Vicekanzler ist Vorgesetzter der römischen Kanzlei u. hat höheren Rang, als die anderen Cardinäle. Die Wahl (kromotio) der Cardinäle, bei der sie früher selbst eine Stimme hatten, geschieht jetzt allein durch Len Papst, welcher dabei die Wünsche auswärtiger Fürsten berücksichtigt; obwol die C. aus allen Nationen genommen werden sollen, überwiegcn doch immer weit die Italiener. Die Promotion geschieht bei einem geheimen Consistorium, mit den Worten: Habstw trstrss! De jnrs erfolgt ihre Ernennung (Orsatio) frei durch den Papst, 492 Cardinal — Cardioide. cks täoto nach vorgängiger Bcrathung mit dem C.-Colleginm. Jedock) kann der Papst in der Sitzung erklären, daß er eine bestimmte Anzahl Car- dinälc ernannt habe, deren Namen er noch nicht nenne. Diä" in petto behaltenen ans solche Weise ernannten Cardinäle erhalten von dem Moment Vieser Erklärung ihre Anciennität. In der Regel legt der Papst die Liste der neuen Cardinäle ans den Tisch, u. der C.-Cainerlengo liest sie ab. Gewöhnlich werden sie nach geendigter Sitzung ins Con- sistorinm gerufen, ihnen das rothe Barett mit den Worten: lüsto caräinalio! aufgesetzt, sie an ihre Pflichten erinnert u. zum Fußkuß gelassen. Sind die Ernannten abwesend, so werden sic später zur Tafel geladen, vorher mit der C-stonsur (4 Daumen breit) n. dem violetten Kleide versehen, erhalten bei der Audienz den Zuruf: Lsto sarcki- nalio! ii. thun den Fußkuß.' Jetzt erfolgt der Erwerb des Cardinalats durch die Annahme der Ernennung seitens des Ernannten. Beim ersten Eintritt ins Consistorinni fallen sie 3mal vor dem Papste nieder, werden zum Fuß-, Hand- u. Mundknß gelassen, darauf wird das 1s llouin gesungen u. in die päpstliche Kapelle gezogen, wo sich der neue C., nachdem ihm die Kapuze auf den Kopf gesetzt worden ist, platt ans die Erde legt; nach einigen Gebeten sicht er wieder ans, die Kapuze wird ihm wieder abgcuoinmcn n. die Bulle, welche den C-seid (dem Papste treu zu sein, seine Würde aufrecht zu erhalten u. dergl. in.) enthält, übergeben. Im nächsten Consistoriiim wird ihm erst der Mund verschlossen (Las Mitstimmen verboten), im 3. darauf wieder geöffnet, ihm nun der Titel von einer Kirche gegeben u. ein Ring an den 4. Finger gesteckt, wofür er 500 Ducaten bezahlen muß. Seit 1856 ist durch Decret der kirchlichen Congregation ein genaues Ritual bei Creir- iing von Cardinälen eingeführt. Die Würde eines C-s heißt Cardinalat. Vgl.Buddens,I>s oriAine onrckinalinm, Jena 1639; Mnraiori, Oiss. äs carckinaiinni institutions in nnbiguitabo Italien, 5. Bd/; Kleiner, Oiss. äs oriMns st nntignitats cnräinnlinm in: Schmidts llissnurnsjuris eoels- siastioi L.Bd.; Mejer, Die heutige römische Curie, ihre Behörden n. ihr Geschäftsgang in Jacobson n. Richter, Zeitschrift für das Recht n. die Politik der Kirche, Lpz. 1847, Heft I. u. II. Wffler* Cardinal, Peire, berühmter Troubadour, dessen Lebensjahre ungefähr mit dem 13. Jahrh. ziisammenfielcn, geb. zu Puy Notre-Dame en Velcy, gest. in Tarascon; warmer Verehrer des Grafen Raimund VI. von Toulouse, Meister des ethischen Sirventes (s. d.), worin er mit kühnem Freimuthe die Entartung des Klerus, des Adels (vor Allem des nichtswürdigen Esteve von Bel- inont; vgl. F. Diez, Leben u. Werke der Troubadours, S. 461 f.), der Reichen überhaupt, des Richterstandes, der ganzen Zeit geißelte. Er wurde übrigens nicht verfolgt, ja, er stand selbst bei Fürsten n. Adel in hohem Ansehen. Auswahl seiner Gedichte in Odoix ckss posvies oriAinalss ckss tron- baäonrs, Bd. 4. in üsräinalls, so v. w. Kardinalzahlen; s. u. dln- ineralia. LsräinSlis (lat.), Cardinal. Cardinalpunkte, 1) Hauptpunkte, worauf es bei einer Bestimmung od. Entscheidung ankommt. 2) (Math. Geogr.) Der Ost-, Süd-, West- und Nordpunkt des Horizonts; s. u.^, Himmelsgegend, Cardinalshut, Hut der Cardinäle; es gibt 4 Arten: 1) der Pontificalhnt, aus rothem Zeuge mit breiten Rändern u. kleinem plattem Kopfe u. 6 Schnüren an der Seite, an denen 5 rothe Eicheln befestigt sind; wird nicht getragen u. nur beiin Tode des Cardinals zu seinen Häupten auf- gehängt, 2) Der sogen. Sonnenschirm, sehr groß, von carmoisinrother Seide, mit 2 Schnüren, ^ an denen Eicheln befestigt sind; wird nur bei Kanonijations - n. Jubiläumsprocessionen getragen. 3) Der kleine rothe Hut, von Filz, gleicht den Hüten der Weltgeistlichen; Einfassung, Schnüre u. Eicheln von Gold; wird für gewöhnlich zur rothen oder violetten Soutane getragen, 4) Der schwarze Hut, unterscheidet sich von dem Hute der Weltgeistlichen nur durch ein rothes, mit Gold eingefaßtes u. mit reicher Goldstickerei versehenes Band; er wird zum sogen, kleinen Habit getragen. Der rothe Hut wurde den Cardinälen von Papst Jnnocenz IV. auf dem Concil von ^ Lyon 1245 als Abzeichen verliehen. Im Wappen ^ der Cardinäle ist er flach mit breitem Rande und > langen, in einander geflochtenen Schnüren mit Quasten, deren Zahl früher willkürlich war, jetzt 15 ist; die Farbe ist roth. Ihn führen die Car- ! dinäle nur außerhalb Rom über der Grafenkrone; in Rom ihn im Wappen zu führen, ist durch eine , , Bulle von Jnnocenz X. verboten. Cardinalzahlen, Grundzahlen,s.u.Huinsraiig,, Cardioide (Math.), eine Cnrve vierten Grades von herzförmiger Gestalt in beistehender Fig. kilsvkgLLI?!; sie entsteht, wenn auf dem feste» ^ Kreise mit dem Mittelpunkte 0 und dem Radius 6I?i ein Kreis von gleichem Radius mit dem Mittelpunkte 6* rollt; dadurch gelangt der Punkt der Peripherie des rollenden Kreises nach u. nach in die Lagen ?s rc. u. beschreibt, wie auch jeder andere Punkt der Peripherie, eine C.; diese ist demnach eine Epicyklo'tde. Sie ist zugleich die Brennlinie eines Kreises vom dreifachen Radius des erzeugen- 493 OaräioIkt.Oni-cUtn, — täaränus. Len u. entsteht durch Reflexion, wenn die Strahlen von einem Punkte des Umfanges auffallen; die C. der Figur ist die Brennlinie des Kreises, der mit dem Radius ÜL um 0 beschrieben wird, wenn die Strahlen von L ausgehen. Legt man durch den Punkt des festen Kreises eine beliebige Gerade n. trägt von dem anderen Endpunkte L der entstandenen Sehne nach beiden Seiten die Länge des Durchmessers — 81) — LV ab, dann sind v u. ^ Punkte der C., deren Con- struction danach leicht ausführbar ist. Die Gleichung der C. ist, wenn man den Radius des festen Kreises mit r bezeichnet u. als Anfang des Koordinatensystems nimmt, für rechtwinkelige Koordinaten (/^ -p — 4rx(/^ -s- x^) — 4r^x^ — 0, für Polarcoordinaten n — 2r (1 -I- cos. i). Die Linie ist symmetrisch gegen die /-Achse; in der Fig. wird sie durch die Gerade 0i?i6L in 2 congruente Hälften getheilt. Ihr Flächeninhalt ist 6r^?r, ihr Umfang 16r. Den Namen gab ihr Castilliani. Vgl. Carrö, Asm. äs I'Lo., 1705; Kramer, ^na- I/ss äss ÜAnos oonrbss, H 173. Buchrucker. Lsräiola, Osrälts, s. Mollusken. vai-ckum (Herzmnschel), Konchylie, bauchige Muscheln mit einwärts gekrümmten Wirbeln; von diesen bis zum Rande gerippt; im Querschnitt herzförmig. 0. eänlg, sehr verbreitet, eßbar; die Schalen werden zum Kalkbrennen benutzt. Verwandt ist: Lsrnioarpium osräissa (Venusherz), in Ostindien. L-hmann. Osräo (lat.), Lhürangel, Himmelspol, Himmelsachse. Cardobenediet, s. knien». Cardöl (Chem.), der scharfe, balsamartige Be- standtheil des im Pcricarp von Lmaoaräinin oosi- äsntsls (s. d.) enthaltenen Acajonharzes. Es bildet gereinigt eine gelbe Flüssigkeit von lhg^spec. Gew., die beim Erwärmen einen schwachen, angenehmen Geruch entwickelt. Das im Handel vorkommende 6. vssieans ist das besprochene, während 6. prn- rieiw von 8smees.rpns Xnaearäinm herstammt. Auf die Haut gebracht wirken beide ^blasenziehend wie Kanthariden. Clören. Cardöna, Villa in der spanischen Provinz Barcelona, am Cardonsr, nahe der Grenze der Provinz Lerida, in bergiger Gegend; Fertigung > von Seidenwaaren, Tuch, Wollenzeugen, Lein- ^ wand, Messern; etwa 3600 Ew. Der 160 in hohe > Felsen, worauf das Castell liegt, und die ganze Gegend, mehr als eine Stunde im Umkreise, bestehen ans Steinsalzfelsen, die ausgebentet, sowie auch zu allerhand Knnstwaaren verarbeitet werden. — C. hieß bei den Alten Udnra n. war ein Ort der Jacetaner im Tarraconensischen Spanien. Die Salzselsen kannten die Alten auch schon. Im Mittel- alter diente es als Grenzfestung gegen die Mauren. 1375 wurde Folco von C. zum Grafen u. dessen Nachkomme Johann Raimund Folco III. znm Herzog von C. erhoben. Nach ihm kam C. an das Hans Cordova. 1711 wurde C. von Philipp V. mit Sturm genommen; 1712 u. 1714 vergebens Von den Franzosen belagert und ergab sich erst nach der Einnahme von Barcelona (s. Spanischer Erbfolgekrieg). Cardöna, Raimund II. de C., seit 1509 Vice- könig von Neapel; befehligte 1512 die italienischspanische Armee u. verlor gegen Gaston de Foix die Schlacht von Ravenna. Ferdinand der Katholische schickte ihn nun gegen die Venetiancr, die er in mehreren Gefechten schlug; er machte aber durch seine Grausamkeit den spanischen Namen in Italien verhaßt. 1515 kehrte er nach Neapel zurück. Carducci, Giosuä, ital. Dichter, geb. 1835 bei Pietrasanta (Toscana); widmete sich philologischen Studien ans der Universität zu Pisa, erwarb im 20. I. bereits die philologische Doctor- würde u. wurde im 25. als Professor auf den Lehrstuhl der ital. Nationalliteratur an der Hochschule zu Bologna berufen. Er veröffentlichte einen Band Gedichte (Lims, San Miniato 1857); I-svia Kiravia, (Pistoja 1868); 1 Oevennali. Besonderes Aufsehen durch rücksichtslos kühne, die ganze christlich-pfäffische Anschauung über Religion, Menschengeist, irdische n. höchste Bestimmung in Frage stellende Sprache erregte sein 1865 unter dem Pseudonym Enotrio Romano veröffentlichter Inno s. 8ato.no (Hymne an Satan); kossis äi 6io8us (!., Florenz 1871; Ruovo Lossis äi Lnotrio Loms.no, Jmola 1873; 8tnäi Isttsrari, Livorno 1874, u. m. a. C. gilr wegen seiner kühnen, Alles verneinenden u. umstürzenden Geistesrichtung bei hochpoetischer Gestaltungskraft für einen der interessantesten Dichter des heutigen Italien. Booch-Arkossy. Carducho, 1) Vincenzo (eigentlich Car- dncci), spanischer Historienmaler, geb. 1568 in Florenz, gest. 1638 in Madrid; ging mit seinem Bruder nach Spanien u. wurde dort von Philipp III. u. Philipp IV. namentlich im Schlosse zu Pardo viel beschäftigt. Werke in Segovia, Toledo, Valladolid, Salamanca; Hauptwerk: Einweihung eines Bischofs, im Nationalmuseum zu Madrid. Aus seiner Schule gingen Ricci u. viele andere tüchtige Künstler hervor. 2) Bartolome», Maler, Bruder des Vor., geb. 1660 in Florenz, Schüler Zuccheros in Rom; ging mit C. 1) nach Spanien u. st. dort 1608. Hauptwerke: Kreuzabnahme, in S. Felipe el Real in Madrid; Anbetung der Könige, im Alcazar in Segovia; Stigmatisir- ung des hl. Franciscus, im Kloster S. Hieronymus in Madrid. Regnet. Lnräuus L. (Distel), Pflanzengattnng ans der Familie der 6omxo8ltAs-6/ng.rsg.o-0s.räninsso, (XIX. 1), mit dachziegelförmig gelagerten, stachelspitzen Hüllblättern, rührigen Zwitterblüthen, freien Staubblättern, gezähnelten, an der Basis durch einen Ring verbundenen Pappushaaren; der Stengel ist von den herablaufenden Blättern stachelig-gezähnt-geflügclt; die Blätter sind stachelig gewimpert, u. ihre Blattzipfel enden in längeren u. stärkeren Stacheln. Häufige Arten: 0. asan- tboi'äss L., mit tief-fiederspaltigen, beiderseits grünen u. lang-stacheligen Blättern u. kugeligen, einzeln stehenden Blüthenköpfen mit aufrechten od. bogenförmig abstehenden Hüllblättern; häufig an Wegrändern n. auf Triften. 0. erlsxns L., mit buchtig-fiederspaltigen, linkerseits dünn weißfilzigen u. wcißstacheligen Blättern u. ziemlich kleinen, gehäuften Blüthenköpfen; zerstreut, namentlich in feuchten Gebüschen. 6. Personals. der vorigen ähnlich, aber mit unteren tief-fiederspal- tigen u. oberen eiförmigen, gezähnten Blättern; 494 Cardwell — Caresbrook Castle. in der ganzen Alpenkette u. den höheren Gebirgen von Böhmen, Mähren u. Schlesien; in manchen Gegenden, z. B. in der Moldau u. Walachei, werden der Stengel n. die jungen Triebe dieser und der vorhergehenden Art als Gemüse genossen. 6. nutans , mit tief fiederspaltigen, gleichfarbigen, derb- u. langstacheligen Blättern u. großen, meist nickenden, einzeln stehenden Köpfen; häufig auf Triften u. Brachen. Engler. Cardwell, Edward, Viscount, englischer Politiker u. Staatsmann, geb. 24. Juli 1813 zu Liverpool, wo sein Vater Großhändler war. Auf der Schule zu Winchester vorgebildet, studirte er von 1832—36 zu Oxford die Rechte, wo er zugleich Mitglied u. Stipendiat des Lalkiol-klollsAS war. 1838 berief ihn die Rechtscorporation des Jnner-Temple als Advocat an die Londoner Barre. Seine in dieser Stellung entfalteten bedeutenden Fähigkeiten machten Sir Robert Peel auf ihn aufmerksam, der ihn denn auch bald von der juristischen Laufbahn abzog u. für das politische Leben gewann. 1842 trat C. in liberalem Interesse als Vertreter des Fleckens Clitherol in das Parlament u. ward von Peel Februar 1845 als Secretär ins Schatzamt berufen, welchen Posten er bis Juni 1846 verwaltete. Sterbend ernannte rhn Peel zu seinem Testamentsvollstrecker n. beauftragte ihn mit der Veröffentlichung seiner politischen Denkwürdigkeiten. 1847 ward C. von seiner Vaterstadt ins Parlament gewählt, die er bis zu den allgemeinen Wahlen im Juli 1852 vertrat. Bei denselben sowol in Liverpool, als in Ayrshire geschlagen, gelang es ihm erst Januar 1853 bei einer Nachwahl, einen Sitz im Unterhause wieder zu erobern, u. zwar diesmal für Oxford. Im Deccmber 1852 erhielt er unter dem Ministerium Aberdeen den Posten eines Präsidenten des Han- dclsamtes, sowie er zu gleicher Zeit zum Mitglieds des Staatsrathes berufen wurde. Als Febr. 1855 die Tories unter dem Ministerium Derby die Zügel der Regierung ergriffen, trat C. mit seinen Collegen natürlich vom Amte zurück, ward aber Juni 1859, nachdem er bei den Wahlen im April 1857 von Oxford wiedergewählt worden war, mit Lord Russell u. Lord Palmerston aufs Neue ins Ministerium gerufen, und zwar als Secretär für Irland, welche heikle und schwierige Stellung er aber bald mit der eines Kanzlers des Herzogthums Lancaster vertauschte. Am 2. April 1864 folgte er dem Herzog von Newcastle im Ministerium Palmerstou als Staatssecretär der Colonien. Im Juli 1866 durch das neue Torycabinet Derby vom Amte verdrängt, trat er 1868 in das von Gladstone gebildete sogenannte Reformcabinet als Staatssecretär für den Krieg. Ende Febr. 1871 brachte er im Hause der Gemeinen die lange erwartete, durch die kriegerischen Ereignisse auf dem Continent beschleunigte Bill über die Reorganisation des engl. Heeres ein, eine Gesetzesvorlage, die, vom politischen Standpunkte aus betrachtet, ein geschickt entworfenes Compromißstück ist, das sowol der conservativen Partei, welche die alte Organisation erhalten oder doch nur rein in ihrem Sinne nmgeändert zu sehen wünschte, als auch der radikalen Partei, welche eine gänzliche Umformung des bestehenden Militärsystems u. gänzliche Unterstellung des Höchstcommandirenden der Armee unter das Kriegsministerium forderte, Rechnung zu tragen suchte. Zwar schasste die Bill, vom militärischen Standpunkte aus betrachtet, das bestehende Kaussystem der Offizier-steilen ab, sonst aber ließ sie im Großen u. Ganzen die alte Einrichtung u. Formirung der Armee bestehen und richtete ihr Hauptaugenmerk auf eine Vermehrung der Artillerie, der Reserven, der Miliz und der Freiwilligencorps. Als er bei den allgemeinen Wahlen im Febr. 1874 in Oxford unterlag, ward er als einer der letzten Acte des Ministeriums Gladstone von demselben in den Peerstand erhoben u. trat alsdann mit demselben, durch das Torycabinet Disraeli verdrängt, unmittelbar darauf vom Amte zurück. Neben einigen unwichtigen Flugschriften veröffentlichte C., wie schon bemerkt: Äsmoiro ok tbg liiZbb llon. 8ir Robert?esl (mit Lord Mahon), 2 Bde., Lond. 1856—57. Bartling. Care (a. Geogr.), eine der alten Zwölsstädte in Etrurien, am Flusse Cäritis (jetzt Eri), mit der in NO. liegenden Hafenstadt Pyrgi (j. S. Severoj. C. hieß anfangs Agylla u. soll von thessalischen Pe- lasgern erbaut sein. Als bei der Eroberung Roms durch die Gallier die Vestalinnen, Priester u. Heilig- thümer der Stadt hier Aufnahme fanden, erhielt sie das Bürgerrecht. Das Recht der Cäretaner (Oasri- tum z'us) war das Älteste Municipalrecht in Italien. Seit 351 v. Ehr. kam C. in gänzliche Abhängigkeit von Rom. In der Nähe fanden sich heiße, von den Römern viel besuchte Bäder (4guas oasretanao); in der Umgegend wuchs Wein u. Getreide u. wurde starke Schweinezucht getrieben. Jetzt Lerveteri, wo alte Grabmäler entdeckt wurden. Vgl. Canina, VssoriÄono äi 6srs Nation, Rom 1834. Lsi-Zan (lat., fr. 6nrsme), 1) die Fastenzeit. 2) Jedes 40tägige Fasten. 3) Die Lossprechung von dem Fasten durch Papst oder Bischof. 4) Die Strafe des Carirens. Careno de Miranda, Don Juan, span. Maler, geb. 1614 in Aviles in Asturien, Hofmaler Karls II.; bildete sich nach Belasquez und van Dyk; st. 1685 in Madrid. Von hohem Werihe sind besonders seine Porträts. Werke von ihm im Escurial u. in vielen Städten Spaniens; im Berliner Museum ein Porträt Karls II. als Knabe. Carentan, Stadt im Arr. St. Lö des sranz. Dep. La Manche; liegt sumpfig, an der Taute u. an der WBahn; Hafen; Schloß; Spitzen- und Kattunfertigung; Handel mit Getreide, Hans, Flachs, Leinwand, Eider, Honig und Seefischen; 3620 Ew. C. wurde 1574 vom Grafen Mont- gomcry erobert, ging aber bald wieder an die Ligue verloren. Carentoir, Stadt im Arr. Bannes des franz. Dep. Morbihan; Färbereien; Handel mit Butter u. Eider; 4589 Ew. Carenz (v.Lat.), 1) Mangel, Entbehrung; daher C-jahr, das Jahr, in welchem die Einkünfte eines Amtes zu Gunsten entweder der Wittwe des früheren Inhabers, oder des Fiscus verwendet werden und der etwaige Nachfolger dasselbe nicht bezieht. 2) Fasten zur Strafe. Caresbrook Castle, Städtchen auf der engl. Insel Wight, ehemals Hauptort derselben; groß- 495 Caressiren artige Ruinen eines Schlosses, in welchem Karl I. 1N48 gefangen saß; in der Nähe Kasernen und Besserungsanstalt für jugendliche Verbrecher. Caressiren (v. Fr.), liebkosen; daher cares- sanr, liebkosend, u. Caressen, Liebkosungen. Carette (Caretteschildkröte, Ollslonia imbricata Dnm. Lrb>'.), eine Meerschildkröte; s. Schildkröte. Desgl. eine feine Sorte Schildpatt (s. d.), welches von ihr stammt. Carette, Ant. Ernest Hippolyte, franz. Offizier u. Schriftsteller, geb. 23. Mai 1808; trat 1828 in die Polytechnische Schule zu Paris und betheiligte fick lebhaft an der Julirevolution 1830; er machte dann im Geniecorps die Feldzüge in Algerien mit u. beschäftigte sich dort zugleich mit Nachforschungen über das alte NAfrika, wurde auch Mitglied der wissenschaftlichen Commission zur Untersuchung Algeriens (1840—42). Er avancirte 1852 zum Bataillonschef beim Genie, 1858 zum Oberstlieutenant u. 1863 zum Obersten; als Direc- tor der Befestigungen von Arras wurde er 1868 pensionirt. Er verfaßte: vsssripiüon cts 1'XlAsris (mit Warmer), Par. 1847; Ltnstss mir la La- bz'Iiv xroprsmsnt äits, 1848 f., 2 Bde.; Loscksr- vbss sur I'oriAins ob Iss mi^rations ckss priu- eipalss tribns äs 1'^.Irigus septsutrionalo, 1853; X1§sr, Rnnis, I'ripoli st Is §erxan, 1853. Carew, John Edward, engl. Bildhauer, geb. nm 1800 in Irland; war bis 1823 Schüler des älteren R. Westmacott, arbeitete dann längere Zeit im decorativen Fache für den Grafen Egre- mont, ging mit ihm nach London, Brighton und Petworth u. ward nach Lessen Tode in einen fatalen Rechtsstreit mit dessen Erben verwickelt. Hauptwerke: Arethusa; Statue Keans als Hamlet; namentlich sein Falkner (1845); der Samaritan (Relief für das Grab Nelsons). Mehrere seiner Büsten abgebildet in den lUnstrations ok moäsrn scnlptnre, Lond. 1834 ff. Regnet. Osrsx Alrestelr, Pflanzengatt, aus der Fam. der Ozpsraesae-Oariesas (XXI. 3), ausdauernde Pflanzen, bald mit kurzen oder langen kriechenden Grundstöcken, bald von dicht-rasenförmigem Wüchse u. mächtige Polster bildend, mit linealischen, längs- geialteten, meist am Rande rauhen Laubblättern und mit mehr oder weniger 3kantigem, rauhem Blüthenstengel, mit eingeschlechtigen, perigonlosen, meist einhäusigen, selten zweihäusigen Blüthen. Die männlichen Blüthen enthalten 3 Staubblätter u. stehen in eigenen, oder am Grunde oder an der Spitze weiblichen Ährchen, deren Deckblätter spiralig angeordnet sind; die weiblichen Blüthen enthalten einen Stempel mit fadenförmigem Griffel u. 2 bis 3 Narben, eingeschloffen von einem 2stieligen, an seinen Rändern verwachsenen, schlauchförmigen Tragblatte, welches mit der nüßchenartigeu Frucht absällt; sie bilden Ährchen zweiter Ordnung, welcke in den Achseln spiralig gestellter Deckblätter allein oder mit männlichen Blüthen Ährchen bilden, die wiederum Ähren oder Köpfchen zusammensetzen können. Von den zahlreichen (mehr als 300), besonders in der nördlich gemäßigten Zone vorkommenden Arten finden sich über 100 in Deutschland, oft große Strecken, namentlich Moorboden, beveckend; sie sind wegen ihrer rauhen, kieselsäure- halligen Blätter schlechte Futterkräuter. Häufigste — 6nrex. Arten: a) Mit nur 1 endstandigcn Ährchen: 1) 6. clioisa li., zweihänsig und mit glatten Blättern, b) Mit mehreren, Blüthen beiderlei Geschlechtes enthaltenden Ährchen: 2) 6. sz'psroiäos L., mit kopfartiger Ähre. 3) 6. nrsnaria D.. mit 6 bis 16 Ährchen, von denen die unteren weiblich, die oberen männlich sind, und mit langen, sehr weit kriechenden Grundstöcken, die unter dem Namen Uüirwms, Curicis (Uackix oar. oder Hack. Lassa- parillao Acrmanicas) als schweiß- u. urintreibendes Mittel officinell sind. 4) 0. praecox Sc/u-sb. (6. Lolrrsbsri Ae/rrL.). mit 3—6 Ährchen, welche eine meist ovale, gedrängte Ähre bilden; ans trockenen, sonnigen Plätzen. 5) 0,, bri^olckos mit 3—6, eine längliche, lockere Ähre bildenden Ährchen u. weißlichen Deckblättern; in schattigen Laubwäldern, in SDeutschlaud als sog. Seegras zum Ausstopfen von Kissen u. Matratzen benutzt. 6) 6. vulpina mit geflügelt-3kantigem, sehr rauhein Stengel und planconvexen, 6—7nervigeu Schläuchen; in feuchten Gräben rc. 7) 6. mnrieata K., mit nur oberwärts rauhem Stengel und nervenlosen Schläuchen; sehr verbreitet. 8) L. loporina X,., mit meist 6 ovalen, ziemlich genäherten Ährchen u. aufrechten, in einen 2zähmgen, ani Rande rauhen Schnabel zugespitzten Schläuchen. 9) 6. seckinata Ätnrr. (6. stsllulata t?oocl.), mit 3 bis 5 rundlichen Ährchen u. eiförmigen, weit abstehenden Schläuchen; auf Moorwiesen. 10) 6. eion- Aats, L., mit 8—12 länglichen Ährchen n. läng- lich-lanzettlichen Schläuchen; auf sumpfigem Walo- boden. 11) 6. canssesns X,., grau-grün, mit 4 bis 6 ovalen Ährchen u. eiförmigen, fein gestreiften Schläuchen; auf Torf- u. Moorboden. 12) 0. rsmota L., mit weit entfernt stehenden unteren Ährchen u. planconvexen Schläuchen; in schattigen Laubwäldern, o) Mit mehreren Ährchen getrennten Geschlechtes, die endständigen männlich. 13) 6. Aracilis t7urt. (0. s,outs, der meisten Floren), mit kriechenden Ausläufern, langen, die Ähre überragenden Tragblättern, 3 — 5 überhängenden, schlank-cylindrischen weiblichen Ährchen, eiförmigen, beiderseits gewölbten Schläuchen u. 2—3 männlichen Ährchen; sehr gemeinhin Sumpfgräben und an Ufern. 14) 0. doocksnouZflrü. mit nur oberwärts rauhem Stengel, 2—4 weiblichen aufrechten Ährchen, rundlichen od. eiförmigen, außen gewölbten, innen flachen Schläuchen; sehr verbreitet auf feuchten Wiesen. 15) 6. pilulikera L., dicht rasenförmig, mit abwärts gekrümmtem Frncht- stengel, meist 3 rundlichen Ährchen u. grau-weißen Schläuchen; an grasigen u. trockenen Waldstelleu. 16) 6. vsrna Vi/I (0. praecox ./aeg.), mit Ausläufern, ziemlich breiten, steifen Blättern, eiförmigen, spitzen Ährchendeckblätteru u. 1—3 weiblichen Aehrchen; sehr häufig an trockenen Plätzen. 17) 6. üacca Fe/rreb. (L. glanea Feop.), grau-grün, mit zahlreichen flachen, ziemlich steifen, den Blüthen- stand umgebenden Laubblättern, 2—3 langestielten, cylindrischeu weiblichen Ährchen u. meist 2 männlichen Ährchen; auf fruchtbaren, feuchten Wiesen. 18) 6. pauicsa X,., grau-grün, mit 1 od. 2 aufrechten weiblichen Ährchen, kugelig-eiförmigen Schläuchen u. 1 männlichem Ährchen; gemein in Sümpfen. 19) 6. palisscsus L., hellgelb-grün, mit oberwärts rauhem Stengel, zerftrent-behaarten 496 Laubblättccn, 2—3 dichtblüthigen weiblichen Ährchen n. länglich-ellipsoidischen Schläuchen; ans fench- ten Waldplätzen u. Wiesen. 26) 0. ckiAitata D., mit scheidenförmigcn Tragblättern, 2—3 entfernten weiblichen Ährchen mit 3kantigen, verkehrt- eiförmigen Schläuchen u. 1 männlichen Ährchen; in schattigen Laubwäldern. 21) 0. üavaL., dicht rasig, gelb-grün, mit 2—3 genäherten weiblichen Ährchen, etwas aufgeblasenen, ziemlich lang ge- schnävclten Schläuchen u. 1 männlichen Ährchen; auf feuchten Wiesen. 22) 0. mivatisa Huck«., mit 3—6 , hängenden, langgestielten, schlanken Weibchen Ährchen, langgeschnäbelten Schläuchen u. einem lang-cylindrischen männlichen Ährchen; in schattigen Laubwäldern. 23) 6. kssuckooxperns lebhaft- grün, mit rauhem Stengel, 3—6 hängenden weiblichen Ährchen, länglich-lanzettlichen, langgeschnäbelten Schläuchen, gesägten Deckblättern u. einem männlichen Ährchen; in Gräben und Sümpfen. 24) 0. rostrata (0. ampuliaesa 6^oock.), grau-grün, mit schmalen, oft eingerollten Blättern, 2—3 cylindrischen, aufrechten weiblichen Ährchen n. fast kugeligen, langgeschnäbelten Schläuchen; in Torfsümpfen. 25) 6. vssisaria grasgrün, mit rauhem Stengel und eiförmigen Schläuchen; sehr häufig auf nassen Wiesen. 26) 6. spackiesa LotL (0. xalnckosa Aoock.), mit 2—3 cylindrischen weiblichen Ährchen u. länglich-eiförmigen, 3kantigen Schläuchen; in Gräben u. Sümpfen. 27) 0. ri- paria, mit 3—4 dicken, cylindrischen weiblichen Ährchen n. etwas von den Deckblättern überragten Schläuchen. 28) 0. iürta 4-., grasgrün, mit behaarten Blättern, 2—4 weiblichen Ährchen, ei-kegelförmigen, langgeschnäbelten nnd langzuge- spitzten Deckblättern; sehr häufig; Rhizom Surrogat für 6. aronaria. Engter. Carey, 1) Harry, engl. Dichter u. Musiker, natürlicher Sohn des Herzogs von Halifax, geb. um 1669 in London; that sich hauptsächlich hervor durch seine Balladendichtnngen, darunter namentlich die sehr bekannte u. von Addison gelobte: Lall/ in onr 4Usz-. Zudem ist er der Componist des engl. Nationalliedes: (stock savs tirs LinZ. Sein wüstes Leben, das ihn an den Bettelstab brachte, führte ihn 4. Oct. 1743 zum Selbstmorde. Eine Sammlung seiner sämmtlichen Lieder und Balladen erschien unter dem Titel: 4bs musieai Osuturx in ovs imnckrock LnAlisIi UaUaäs on various Lubjoots anck oesasions, Lond. 1740. — Sein Sohn George Saville C., geb. um 1740 nnd gest. 1807, schrieb gleichfalls Lieder, Possen, u. a.: Lnaleets in pross anä vsrss, 1771, 2 Bde.; l-oetnio anä Nimier/, 1776; Dalnoa, or Licsteüss ob tiis äilksrsut rvatsrinA Mess in ünAlanä, 1799. 2 ) William, namhafter engl. Orientalist ».Missionär der Baptisten, geb. 17. Aug. 1761 zu Paulersbury in North- amtonshire; lernte zuerst das Schuhmacherhandwerk in dem kleinen Orte Hackleton, wo sein eifriges Streben, sich über religiöseDinge zu unterrichten, bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn zog n. ihm die Freundschaft des Geistlichen Thomas Scott zu Ravenstone einbrachte. C. ward Mitglied einer Baptisten-Congregation, fing mit 20 Jahren an zu predigen u. ward, nachdem er dies 2 Jahre lang gethan, öffentlich im Carey. Flusse neu getauft. Nachdem er einige Zeit der Baptistengemeinde in Leicester vorgestanden, ging er 1793 als Missionär nach Ostindien, ward dort Vorsteher einer Jndigofactorei, studirte die ostindischen Sprachen, gründete in Serampore eine Missionsanstalt, ward 1801 Lehrer der bengalischen Sprache am College zu Fort William, nachdem er in Serampore eine Druckerei mit Lettern für mehr als 40 verschiedene indische Sprachen errichtet hatte, u. später Professor der indischen Sprachen im College Fort William in Calcutta, wo er 9. Juni 1834 starb. Er schr.: Bengalische Grammatik, 2. A., 1805; gab heraus: Hitopaäsua n. Lamaxana (s.b.); Grammatiken des Sanskrit, der Mahrattensprache, 2. A., 1808, des Pendschab, 1812, u. anderer indischen Sprachen; Lexikon der Mahratten- n. der bengalischen Sprache (s. d.). Auf seine Veranlassung ward auch die ganze Bibel ins Chinesische u. in 6 indische Sprachen n. das N. T. in 21 Dialekte übersetzt und im Volke verbreitet. Sein Llswoir erschien 1836 in London. 3 ) Felix, Sohn des Bor.; behandelte zuerst unter den Europäern die birmanische Sprache ss. d.) wissenschaftlich in (strammar ok tds Lnrman lanZuago, Seramp. 1814. 4 ) Henry Charles, Nordamerika!!. Nationalökonom, geb. 15. Decbr. 1793 in Philadelphia, der Sohn des Irländers Matthew C., der von seiner Vaterstadt Dublin nach Philadelphia auswanderte, weil er wegen einer von ihm redigirten oppositionellen Zeitung der Regierung im höchsten Grade mißliebig geworden war. In seiner neuen Heimach gründete Matthew C. ein bedeutendes Verlags- geschäft, in das sein Sohn, nachdem er eine sorgsame n. ausgedehnte Bildung erhalten, 1814 als Theilhaber trat. 1821 übernahm C. die Leitung des väterlichen Geschäftes allein u. ward kurze Zeit darauf leitender Theilhaber des großen Verlagsgeschäftes von C. u. Lea. In dieser Stellung machte er sich um den Buchhandel durch Einslihr- nng der Verlagsauctionen (Macke saiss) verdient, die außerordentlich viel dazu beigetragen haben, einen besonders im Vergleiche mit DeutschlaiiS unverhältnißmäßig starken Absatz von Büchern in den Vereinigten Staaten zu schaffen. 1838 zog sich C. von den Geschäften zurück u. legte sein großes Vermögen in industriellen Unternehmungen an. Ohne je ein öffentliches Amt zu übernehmen, widmete er von dieser Zeit an seine Muße ausschließlich der Förderung der nationalökonomischen Wissenschaft. Allgemein wird er für den bedeutendsten Nationalökonomen Amerikas gehalten, u. seine Schriften waren in vielen Fällen gegen die Lehren Ricardos (s. d.) gerichtet. C-s erster Versuch auf dem Felde seiner Wissenschaft war: Lssay on bds rats ob rvaZss, rvitd au ncanünati.-r, ok tds 6LU8SS ok tds äikksrenoos in tsts oonckition cck tds labourinA Population tdrouAliout tbs vorlck, Philad. 1835. Dies ist eine sehr fähige Abhandlung u. im großen Ganzen ein Commen- tar der Vorlesungen über Arbeitslöhne des engl. Nationalökonomen Senior (s. d.). Ihr Inhalt ist ein gemischter, vielfältiger n. lehrreicher, u. ihre Hauptaufgabe besteht in der Widerlegung der Doctrin Ricardos, daß hohe Gewinne nur aus gedrückten Arbeitslöhnen hervorgehen können. 497 Carga — Cargo. Kurz darauf veröffentlichte er sein erstes Haupt- werk: kriuoiplss ok koiibiosi Iloonom/, Philad. 1837—40, 3 Bde., deutsch von Adler, 2. A., Wien 1870, worin er vielfach neue Theorien, besonders über den Werth, über dte volkswirth- schaftliche Vertheilung u. über die Jnteressenhar- monie entwickelte u. namentlich die unhaltbare Behauptung anfstellte: Arbeit sei die einzige Ursache des Werthes, was man viel eher von der Nachfrage sagen kann. C-sWerk ward später (1850) von dem Franzosen Bastiat stillschweigend als Hauptmatcrial zu seinen Larmonios eeonomignos benutzt. Dann folgten: rlls Orsckit; a/stom in Inanes, Orsst-Lritsin snck tbs Iluibeck-Ltstss, Philad. 1838, im Ganzen nur der Abdruck eines Capitels seiner Principien der Nationalökonomie mit einigen Zusätzen, u. Mrs?sst, tüo krosvnt suä kbs Vntuis, ebd. 1848. In dem letztgenannt ten Buche untersucht C., gestützt auf die Thal sachen, den ökonomischen Fortschritt der Mensch heit. Er zeigt uns dieselbe, wie sie ursprünglich durch die äußere Natur beherrscht wird, dann aber nach u. nach, in dem Maße wie die völkerung wächst u. das Capital häufiger wird, sich ihrerseits zur Herrin der sie umgebenden wirkenden Kräfte der Natur macht. Indem er die Theorie Ricardos, daß die Ackercultur aus dem besten Boden beginne, n. das Bevölkerungs- princip von Malthus (s. d.) bekämpft, versuchter den Nachweis, daß die ländliche Arbeit immer mehr u. mehr productiv werde, sei es nun, daß sie sich an schon angebaute Ländereien mache, sei es, daß sie sich auf bis dahin uncnltivirten Acker ausdehne; daß das Wachsthum der Bevölkerung beständig das der Produktivität ländlicher Arbeit begünstigt habe; daß das Wachsthum der Bevölkerung u. die Ausdehnung der Cultur von einer gradweisen Verbesserung der physischen u. sittlichen Lage des Arbeiters begleitet seien. An dieses Werk schlossen sich: Mrs 81s.vs trscks, cko- russtiv suä korsiZn, wir/ it oxiots, suck llovv it ms/ be exbinAuisbeck, Philad. 1853; 1'üo barmem/ okinbsresbs, sAriorckbursI, msuuksoturiuA, suä oommoroisi, New-Aork 1852; Hsttsro ou illtsrnstionsl oop/ri^irb, Philad. 1853; ^usrvers to klls gusstions: Virst: eonskibutes ourrsne/? IVüsb srs tüo 0 SU 8 S 8 ok uuskssckiuess ok tüs orrrrono/? Luä rvirsb is tlls romsä/, ebd. 1840. Im letzteren Werke, das eine energische Befürwortung äußerster Bankfreiheit ist, definirt C. am Schluffe das Umlaussmittel (Onrrsno/) als ein Anlage suchendes Capital, was, gelinde gesprochen, eine gar seltsame Definition ist. Das wichtigste unter allen Werken C-s aber sind seine: kriueiplso ok soeial ooisuee, Philad. 1868—60, 3 Bde., wovon zunächst eine französische und dann eine deutsche Übersetzung von Adler unter dem Titel: Grundlagen der Socialwiffenschaft, München 1863 bis 1864, 3 Bde., erschien. Von dem dann in Philadelphia in einemBande erschienenen Auszuge (Äsvusi ok oocisi voisnes, heransgeg. von Mac Kean, 1864) wurden bereits zwei deutsche Übersetzungen, die eine unter dem Titel: Lehrbuch der Volksioirthschaftslehre u. Socialwiffenschaft, München 1866, sowie in demselben Jahre eine ungarische u. eine russische Übersetzung herausgegeben. Pierers Universal-TonversatwnL-Lexilon. 8. Ausl. In diesen Principien der Socialwiffenschaft findet man die Gesammtheit der Ansichten n. Theorien, die der Autor in früheren Zeiten ausgestellt hatte. Der originale Theil seiner Doctrinen läßt sich auf drei Thesen beschränken: eine der Theorie Ricardos über die Bodenrente diametral entgegengesetzte Lehre; 2) Widerlegung des Bevölkerungs- princips von Malthus u. 3) die These der Protection. Doch daneben finden wir in dem Werke noch eine Menge andere, mit mystischem Beiwerk umwobene, häufig arg paradoxe Theorien, so z. B.: daß es nicht die Produktionskosten, sondern die Reproduktionskosten sind, welche den Werth regnliren. In seinen Erstlingswerken war C. ein feuriger Anhänger des Freihandels; in seinen letzteren aber ist ein vollständiger Wechsel über ihn gekommen. Zwischen Trafik u. Handel (Nracks snä Lommsros) macht er einen ganz außerordentlichen Unterschied, der gänzlich unverständlich ist. Doch das staunenswertheste Paradoxon, das C. in seinen Principien der Socialwiffenschaft ansgestellt hat, ist seine neue Theorie des Geldes, die alle anderen geradezu auf den Kopf stellt. Von C-S sonstigen Schriften sind noch zu erwähnen: sülls §rsuell null ilmsriosu tsritkg oompsrock, Philad. 1861; Mrs rvs/ ko onicko DnAisnck rvi- tüonb ÜAllbinA iisr, ebd. 1865; Uevisv ok klls Osescks 1857—67, ebd. 1867, deutsch unter dem Titel: Wirthschaftspolitische Rückblicke auf die letzten Jahre, von Adler, München 1868; Oon- trsoiiou or Plxpeneion? Ilspuckistioii orUsoump- tiov, ebd. 1866; 8orv protection. incrosos ok public siick private rsvenuss, snä national in- cksponckencs msreii iasnck in bsnck toAstber, ebd. 1869; 8bsli rvs bsvs pesos? lettors to tbs krosiäont eiset ok tkoHnitsck 8tsto8, ebd. 1869, deutsch unter dem Titel: Geldumlauf u. Schutzsystem, Pest 1870; Intvrnstionsi Gop/rigüt tzusstions, ebd. 1872; ff'bo Unit/ ok I-scv, ss exbibitoä in tbs rslstlone ok pb/aicsl, eocisl, msntsi sock moral soisneo, ebd. 1873. Über C»s Lehren s. Nationalökonomie. Vgl. Dühring, C-s Umwälzung der Volkswirthschaftslehre und Socialwiffenschaft, München 1865, u. das gegen- theilige, mit scharfsinniger Kritik geschriebene Werk A. Langes, I. St. Mills Ansichten über die sociale Frage u. die angebliche Umwälzung der Socialwiffenschaft durch C., Duisb. 1866, worauf Dühring mit dem Buche antwortete: Die Ver- kleinerer C-s u. die Krisis der Nationalökonomie, Bresl. 1867, 1 6 Briefe. Eine eingehende Analyse der Lehren C-s findet sich in Protins: Des eco- nomistss sppröciss, on Uscsssitö cke Is pro- tsotiou: Cobden, Chevalier, C., Du Mesnil, Ma- rigny, Par. 1863. . Bartling. Carga, Maß für Wein, Öl u. Getreide in einigen span. Landschaften; in Catalonicn für Weinu. Branntwein —120,xg i, fürÖl—120,^ i, in Barcelona für Getreiden 177, 12 s i; Handelsgewicht im span. Amerika, in Peru und Chile — 69,2„ in Peru für Reis — 172,^ lcx. Cargo sital. u. engl.), Last, Ladung; im Seewesen die Schiffsladung, d. h. sämmtliche auf ein Schiff verladene Güter; sodann das Verzeichniß dieser Güter unter Angabe der Versender, Empfänger rc. Abgeleitet davon ist Cargador, IV. Band. Z2 498 Cargo — Cargadeur od. Snper-C., d. i. der vom Absender u. Eigenthümer zur Begleitung der Schiffsladung nach Len Absatzhäsen u. zum Verkaufe derselben, bezw. Einkäufe einer Stückladung ans dem Erlöse Bevollmächtigte, dem in besonderen Fällen noch ein Untcr-Cargador beigegeben ist. Dieser gewöhnlich aus dem Geschästspersonal des absendcn- den Handlungshauses erwählte C. bezieht für seine Dienstleistung entweder festes Gehalt, od. procentweise Provision od. Procente am Gewinn. Größere Handelsgesellschaften haben an den überseeischen Häfen ihren C. ansässig, so daß also die Mitreise mit der Ladung wegfällt, wenn nicht neue Absatzgebiete ausgesucht werden sollen. Das Allg. D. Handelsgesetzbuch macht in Art. 825, 4 denCar- gadenr für den durch dessen Verschulden an den versicherten Gütern erwachsenen Schaden zu Gunsten des Versicherers verantwortlich. Lagai. Cargo, span. Handelsgewicht — 128,1« auf Mallorca n. Menorca — 120,2t ^'S- Carhaix, Flecken im Arr. Chateanlin des franz. Depart. Finisterre, am Hierre; Handel mit Leinwand, Tuch u. Vieh; in der Nähe Bleigruben; 2496 Ew.; Geburtsort von La Tour d'Anvergnc. Cariäco, 1) Meerbusen im Staate NuevaAn- dalucia der südamerikan. Republik Venezuela, von 1600—2500 m hohen Bergen umgeben u. dadurch vor den Winden geschützt, im N. von der Halbinsel Araya abgeschlossen; enthält den Hafen von Cumana. 2) Stadt an demselben und am gleichn. Flusse; Hafen; Baumwollen- u. Cacao- bau; 2000 Ew. Cariäti, Stadt im Bezirke Rossano der ital. Prov. Cosenza (Calabrien), am Meerbusen von Tarent; Bisthnm u. Titel als Fürstenthum des Hauses Spinelli; Kathedrale, geistliches Seminar; Zollamt; Seidenwürmerzucht; das beste Manna in Calabrien; kleiner Hasen; 3439 Ew. Im 11. Jahrh. wurde C. von dem Herzog Unfredo erobert u. später öfter von den Türken geplündert. Carioa T,., Pflanzengatt, aus der Fam. der I'gLsitioraooae-kaxLxsLs, Bäume der heißenZone Amerikas u. Asiens, voll bitteren Milchsaftes, mit abwechselnden, großen, abstehenden, lauggestielten, fast schildförmigen, bisweilen gefingerten, 7—9theiligen Blättern, weißen, gelben od. grünlichen in langgestielten, achselständigen Trauben stehenden, eingeschlechtlichen od. zwitterigen Blü- then; männliche Blüthen mit kleinem, fünflappigem Kelche, trichterförmiger Blumenkrone n. 10 ihrem Schlunde eingefügtenStanbblättern; weibliche Bl. mit 5 lineal-länglichen Blumenblättern u. einem freien, sitzenden, einfächerigen od. durch unechte Scheidewände fünffächerigen Fruchtknoten mit zahlreichen Eichen; Frucht eine fleischige, innen schwammige, vielsannge Beere mit eiförmigen, zusammeugedrllckten, von einem Samenmantel bedeckten Same», mit fleischigem Eiweiß u. axilem Keimling. Von den ungefähr 20, im tropischen Amerika einheimischen Arten ist die wichtigste: 6. xapsg'L L. (gemeiner Melonenbaum), bis 6 m hoher Baum, dessen melonenähnliche, anfangs grüne, reif gelbe Früchte mit Zucker od. Salz roh od. gekocht gegessen, od. vor der Reife wie Gurken eingelegt werden. Fleisch, in die siebenlappigen Blätter gehüllt, wird in wenigen Stun- Carkcatur. den zart u. weich. Der Milchsaft des Baumes erregt zwar leicht Entzündungen des Darmkanals, aber mit Honig u. dgl. vermischt, ist er arzneikräftig. Der Milchsaft der unreifen Frucht treibt die Würmer ab. Die etwas kressenartig schmeckenden Blüthen thut man als Gewürz an Speisen. Aus dem Baste fertigt man Stricke u. Gewebe. Engter.' Caricatur (ital., von oarioars, überladen, übertreiben), die komische Übertreibung der Schwächen eines Gegenstandes, bald im harmlosen Spiel der Laune, bald in satirischer Absicht. Indem die C. die natürlichen Verhältnisse des Urbildes verschiebt u. dessen umgekehrtes Ideal aufstellt, bewegt sie sich vorzugsweise in der Welt des Häßlichen. Auf die Zerstörung des Häßlichen sind alle C-en, bewußt oder unbewußt, gerichtet; aber nur eine Komik, die aus tiefem Gemüthe zerstört u. im Zerstören baut, eine Komik, deren Haß im Dienste der Liebe steht, kann uns ästhetisch (und moralisch) befriedigen; die C. verliert ihre abstoßende Wirkung durch den Humor (s. d.). Die herrschenden Formen der C. sind der vergleichende Witz, die phantastische Travestie, die muthwillige Gestaltenverwechslnng (s. d. A. Grotesk). In Zeiten, wo das öffentliche Leben das Interesse der Staatsangehörigen lebhaft in Anspruch nimmt, wo die Parteien u. Parteiführer sich gegenseitig ihre Schwächen abzulauschen suchen, nehmen auch Witz u. Satire vorzugsweise in C-bildern an dem Kampfe der Geister theil u. machen bestimmte Personen u. deren Handlungen zum Gegenstände Ver Persiflage; dagegen wendet sich die satirische C. in Zeiten, wo das Privatleben von keiner politischen Bewegung aus dem Geleise gerückt wird, mehr den Schwächen u. Mängeln gewisser Klassen der Bevölkerung zu, od. gibt allgemeine Charaktere, z. B. den Geizhals, den Marktschreier, den Stutzer, dem Gelächter preis. Carikirte Darstellungen in der Malerei wie in der Plastik werden schon von den Griechen erwähnt, die selbst ihre Götter nicht damit verschonten. Nach Alianus (Vä- rias irisb. IV. 4) bedrohte ein Gesetz in Theben Den mit einer Geldstrafe, welcher durch seine Darstellung Gegenstände od. Personen ins Niedrige herabzöge. Die Masken der griechischen u. römischen Komödie, wie sie sich in pompejanischen Wandgemälden dargestellt finden, waren recht eigentlich C«en. Eine reiche Welt von C-en eröffnet sich uns in den Komödien des Aristophanes. Indem diese traumartigen, märchenhaften Gestalten den Zuschauer od. Leser mit unwiderstehlichem Zauber fortreißen, durch herzliches Lachen von der eigenen Thorheit u. von der Enge des Lebens befreien, versöhnen sie ihn zugleich mit dem bitteren, aber wohlgemeinten Ernste des Dichters. Sein Humor verwandelt das athenische Leben in einen Carneval, offenbart aber in diesem Bilde zugleich die treueste Anhänglichkeit an den guten, wiederzuerweckenden Geist des Volkes. Die oft starke Obscönität des großen Komikers wurde durch die in ihm vorherrschende Gesundheit und Reinheit u. eben die echte Freiheit seines Humors vor nachtheiligen sittlichen Wirkungen bewahrt. In der kirchlichen Kunst des frühen Mittelalters wurden hauptsächlich die heidnischen Götter und die griechischen Philosophen carikirt. So ist Venus als ein dickes, nacktes Weib, das ans einem Bocke reitet, in der Vorhalle des Magdeburger Domes abgebildet, u. in der Kirche St. Pierre zu Caen erscheint Aristoteles auf allen Vieren kriechend n. eine nackte Weibsperson ans dem Rücken tragend. Auch die Juden u. Türken mußten später oft zum Gegenstände carikircnder Phantasie dienen, und Fratzenbilder von Hexen u. Teufeln, die auf einzelne Stände, Mönchsorden, auf das Papstthnm od. auf Ketzer hindeuteten, waren sehr gewöhnlich. Mehr Anspruch auf künstlerischen Werth als diese Plumpen Stein- u. Holzbildwerke haben die gemalten C-en der italienischen Meister. So verspottete Michel Angelo die Unwissenheit u. Sitten- losigkeit eines ihm verhaßten Cardinals, indem er in seinem jüngsten Gerichte demselben einen Platz unter den Verdammten mit den Attributen der Dummheit u. Wollust anwies. Auch von Leonardo da Vinci u. Annibale Caracci rühren eine Anzahl C-en her. Die religiösen Kämpfe des 16. Jahrh. drückten sich in C-en ans, die der Holzschnitt vervielfältigte, namentlich war dies in Frankreich der Fall. Später bot das üppige Hoflebcn der Franzosen trefflichen Stofs zu C-en, u. Ludwig XIV. u. seine Minister suchten sich durch strenge Verfolgung dieser Spöttereien zu erwehren. Aber der Muthwille trieb sein Wesen fort. Selbst Napoleon I. mußte sich oft den Bilderspott gefallen lassen. Der Bürgerkönig Louis Philipp war ebenfalls ein beliebtes Stichblatt der humoristischen Zeichner. Unter den Künstlern Frankreichs, welche in der C. Vorzügliches leisteten, sind Callot n. in neuerer Zeit Charlet u. Granville zu nennen. Unter den franz. Blättern, welche die C. cnlti- virten, war lange Zeit das Charivari das bedeutendste. Am reichsten an Caricaturisten ist England, dessen freie Verfassung u. reges öffentliches Leben dem Humor großen Spielraum gewährt, n. in der politischen sowol, wie in der moralischen C. hat es bedeutende Meister anfzuweisen. Vor allen ist unter diesen Hogarth u. in neuerer Zeit Cruikshank zu erwähnen. An die Stelle fliegender Blätter, die in Holzschnitt od. Lithographie C-zeichnungen verbreiteten, sind periodische Witzblätter getreten, unter denen derikunoll das verbreitetste ist. In Deutschland ist die politische C. erst seit der Märzbewegung des Jahres 1848 in Aufnahme gekommen. Eine Menge Lithographien u. periodisch erscheinende Blätter illustrirten die Zeitereignisse der revolutionären Periode in C-en. Bon diesen Blättern hat sich nur der Kladderadatsch in Berlin erhalten. Neben diesem sind noch als Organe des carikirenden Humors, aber eine mehr auf Sittenzustände als auf Politik gerichtete Tendenz befolgend, die Münchener Fliegenden Blätter u. die Düsseldorfer Mouathefte, in Wien der Floh, der Kikeriki u. a. hervorzuheben. Unter den deutschen Caricaturisten der Neuzeit hat sich Ad. Schrödter durch seinen Picpmeier einen Namen erworben. Auch Kaulbachs Illustration des Reineke Fuchs u. dessen humoristische Darstellung der Weltgeschichte im Fries des Neuen Museums zu Berlin gehören dem Felde der C. an. Erwähnung verdient noch die Sammlung von socialen C-eu des Schweizers Rud. Töpffer, die unter dem Titel Histcüros en sstamxes in Genf erschienen sind. Vgl. Malcolm, Uioborieak aketoii ob tbs art cck earioaturinA, Land. 1813. n. llaewo (ital.), 1) überhaupt eine Last, Ladung eines Fuhrmannes. 2) Gewicht in Italien — 50,§ kA. Laelos (lat., Med.), 1) Knochenfraß. 2) Eine der(l. ähnliche Zerstörung der Zahnmasse; s.Zahn- krankheiten. Carignan, Stadt im Arr. Sedan des franz. Depart. der Ardennen, an der Chiers u. OBahn; Fabrikthätigkeit; Märkte; 2089 Ew.; in den Ereignissen von Sedan öfter genannt. Carignan, 1) Tommaso, Prinz von Savo- Yen-C., 5. Sohn des Herzogs Karl Emauuel I. von Savoyen, geb. 1596; erhielt 1630 Stadt u. Gebiet Carignano zur Apanage mit dem Titel eines Fürsten von C. und wurde dadurch der Stammvater der jüngeren savoyischen Linie, Savoyen-C., welche mit seinen Söhnen Emanuel Philibert u. Eugen Moritz 1656 in 2 Äste sich theilte, wovon der ältere 1831 der älteren oder königlichen Linie in der Regierung folgte, der jüngere aber schon 1736 mit dem berühmten österreichischen Feldmarschall Engen, Prinzen von Savoyen, erlosch. Tommaso zeichnete sich in spanischen, italienischen u. französischen Diensten aus; er st. 1656 in Turin. 2) Eugen, der berühmte Feldherr, s. Eugen von Savoyen. 3) Karl Albert, geb. 29.Oct. 1798; folgte seinem Vetter Karl Felix als König von Sardinien 27. April 1831; s. Karl Albert, König von Sardinien. 4) Eugen Emanuel Joseph, Enkel von Eugen Maria Ludwig, Grafen von Villafranca, dem Ur» Großvheim des Königs Victor Emanuel (geb. 1753, gest. 1785), u. Sohn von Joseph Chevalier de Savoie (geb. 1783, gest. 1825), geb. 14. April 1816; ward durch königliches Decret 28. April 1834 als Prinz von Savoyen-Carignan u. für successionsfähig erklärt; wurde Admiral der königl. Flotte u. General-Commandant der Nationalgarde des Königreiches. Lagai. Carignano, Stadt im Bezirke der italienisch- piemontesischen Provinz Turin, am Po; schöner Marktplatz; 7491 Ew. — C., im Altcrthmn Carnianum, kam 1250 durch Kauf an die Grafen Susa u. 1418 Lurch Erbschaft an das Haus Savoyen. 1544 wurde die Stadt von den Franzosen erobert u. die Werke demolirt. 1630 wurde die jüngere Linie des Hauses Savoyen nach C. Savoyen- Carignan benannt; s. Carignan. Carillon (fr.), 1) Glockenspiel. 2) Tonstück, welches für ein Glockenspiel eingerichtet ist. Carrmäta, 1) Inselgruppe in der C.-Straße (C.-Passage), an der WKllste der Sunda-Jnsel Borneo; 440 Hjkm (8 IHM). 2) Die größte Insel dieser Gruppe, 620 km im Umfang; höchst üppige Vegetation, aber nur schwach bewohnt, da ie großentheils aus einem Berge besteht. Carina (lat.), 1) Schiffskiel. Daher 2) Oarinas, eine Straße in der 4. Region von Rom (s. d., a. Geogr.), weil sie die Form eines Schiffskiels hatte. 3) (Bot.) Der Kiel, die Rückenschärfe, eine charfkantige Erhöhung eines Blüthen- od. Frncht- theils. 4) So v. w. Schiffchen, d. h. die beiden mit ihrer unteren Kante verwachsenen unteren 800 Carincna — Carletorr. Blätter der schmctterlingsförmigen Blume. Daher oarinsbns, kielförmig. Carincna, freundliche Stadt in der spanischen Provinz Zaragoza; berühmt durch ihren trefflichen Wein (Garnacha), sowie durch ihre Oliven; 330» Ew. Carini, Stadt in der italien. Provinz u. dem Bezirke Palermo, am gleichnam. Flusse; Fischerei; im Gemeindebezirke 9585 Ew. Carinola, Gemeinde im Bez. Ga'tta der ital. Prov. Caserta; im Gemeindebezirke 764» Ew. Cnrinthia, iin Mittelalter so v. w. Kärnten. Die Einwohner Carinthi (Carinti). Carrnus, Marc. Aurelius C., Sohn des Kaisers Carus; wurde von seinem Vater 282 n. Ehr. zum Cäsar und bald darauf zum Mitregenten erhoben u. verwaltete das Reich, während sein Vater gegen die Parther zog. Da er wegen seiner Grausamkeit dem Volke verhaßt war, so wurde nach seines Vaters Tode nicht er, sondern Diocletianns von dem Heere zum Kaiser ausgerusen. C. zog gegen diesen, wurde aber bei Margus, unweit des heut. Belgrad, geschlagen n. 285 ermordet. Siehe Rom (Gesch.). Cariös (v. Lat.), am Knochenfraße leidend. Caripe, Thal im Staate Cnmana in der südamerikan. Republik Venezuela; Heimath des Caripischcn Fcttvogels; s. u. Fettvogcl; auch Tabakbau (Psbsoo äs Onselrsro). Carisslmi, Giov. Giacomo, berühmter ital. Componist, geb. um 1604 zu Marino im Kirchenstaate; wurde 1628 Kapellmeister an der San- Apvllinari-Kirchc bei dem OoIlsZinm Csrmsoionm, hatte vielen Einfluß auf Verbesserung der Musik n. ist Erfinder der Cantate. Unter seinen Oratorien sind die ausgezeichnetsten: Jephta und Salomons Urtheil. Von seinen zahlreichen Werken sind gedruckt: Llissso 5 et 9 voonm, Köln 1663, 1666; zwei-, drei- und vierstimmige Motetten, Rom 1664, 1667; Ocmoorti sseri s 2, 3, 4 s 5 vooi, ebd. 1675; Lris äs osmors vcä bssso oon- tinno, ebd. 1667; verschiedene einzelne Stücke in Sammelwerken (in Llnsies romans, Bamb. 1665, Lsloobiovs ok mnsiv, von Crotch, Lsoreä masie, von Steven) u. a. Lws osntsnäi, deutsch bearbeitet: Richtiger Weg, in der Singkunst zu unterrichten, Angsb. 1696 u. ö. Unter seinen Schülern befindet sich Alessandro Scarlatti. Er starb 1674. Brambach. Caristie, Auguste Nicolas, gelehrter französischer Architekt, geb. 6. Dec. 1783 in Avallon (Ionne), Schüler von Bandoyer und Percier; wurde General-Civilbauinspector u. Präsident der Commission der historischen Bauten; er starb 5. November 1862. Hauptwerke: Restauration des Marius-Bogens in Orange; Monument der Opfer von Quiberon. Caritas (lat.), 1) Liebe, Menschenliebe. 2) In Klöstern außerordentliche Mahlzeit, für Arme be- stimmt. 3) Jede Erholung, die außer den gewöhnlichen Mahlzeiten die Mönche genossen; dann so v. w. Agape; Grundstücke u. andere Güter, welche den Klöstern geschenkt wurden; überhaupt jedes Geschenk für Geistliche. 4) (Osribs) In der bildenden Kunst Darstellung der Mutterliebe als allegorische Figur od. als eine Mutter mit Kindern. Davon erhielten alle Genrebilder, welche eine derartige Gruppe darstellen, diese Bezeichnung. Carit Etlar, Pseudonym, s.Brosböll, I. C.CH. Carl, s. Karl. Carl, Johann Samuel, königlich dänischer Justizrath u. Leibmedicus, geb. 1675 zu Ohringen in Franken; stndirte in Halle, wurde Schüler Hofsmanns u. Stahls, 1699 Licentiat, dann Leibarzt des Grafen Isenburg - Stollberg, später des Grafen von Wittgenstein, 1736 Christians III. von Dänemark; er starb 13. Juni 1757 zu Mel- dorf in Holstein. C. war nach Stahls eigenem Aussprnche der echte, würdige Schüler desselben und entschieden sein glühendster Anhänger. Ein grober Mystiker, fügte er zu seines Lehrers Lehre noch eine Menge eigenes Mystische u. Theosophische hinzu. Von Stahl unterscheidet er sich vortheil- haft durch Verwerfung des unsinnigen Aderlasses u.°der übertriebenen Anwendung der Abführmittel, sowie durch Zulassung, wenn auch in eingeschränkter Weise, der Mineralwasser. Das Beste und Nützlichste, was er geschrieben hat, ist seine Abhandlung über die Präservativnskuren, Halle 1747. Außerdem hat er noch herausgegeben: Gründliche Anweisung von der Diät für Gesunde u. Kranke, Franks, a. M. 1713; Summarische Pesttabelle, Thnrnan ^1714; Haus-Arznei für die Armen, nebst einem Unterrichte zur Reiseapotheke, ebd. 1719, 21,26; Rrsxsos msäiess bllorspis Zsns- rslls ob spsoislls, Halle 1718; Erfahrungsgründe von des Blutlassens wahrem Gebrauche u. Mißbrauche, Flensb. 1739; Von dem gefährlichen Dienste der Säugammen, Büding. 1726; visste- tios ssers, die Zucht des Leibes zur Heiligung der Seelen beförderlich (ohne Namen, Jahr und Ort); Der züchtigenden Gnade Abendwerk, Berleburg 1726; ÄMerinm maZnum, Kopenhagen 1738 u. s. f. Thamhchn. Carlat, Flecken im Arr. Aurillac des sranz. Depart. Cantal, Hauptort der ehemal. Grafschaft gl. Namens; Ruine eines Schlosses; 953 Ew. Carlen, Emilie Flygare, schwed. Novellistin (nicht zu verwechseln nnt ihrer Schwägerin Octavia C. u. Tochter Rosa C.), geb. 8. Ang. 1807 in Strömstad in Schweden, Tochter eines Kaufmannes Namens Smith; heirathete 20 Jahre alt einen Arzt, A. Flygare, welcher 1833 starb; 1841 heirathete sie den Dichter John Gabriel Carlen (starb 6. Juli 1875 in Stockholm). Als Novellistin trat sie auf 1838 mit dem anonymen: Valdemar Klein; sie wurde nach und nach die in ihrem Vaterlande populärste und gelesenste unter Len schwedischen Novellistinnen, obschon ihr Name im Anslande nicht ebenso verbreitet wurde, wie der von Fr. Bremer. Die besten unter ihren sehr zahlreichen Romanen u. Novellen dürsten sein: Rosen xs Mstslön, Stockh. 1842; Rsk Varoinx-, ebd. 1844; Ltt Xöpinsnslms i LksrAsiräon, ebd. 1859. Die meisten von ihren Werken sind ins Deutsche und andere europäische Sprachen übersetzt. Die besseren von ihren Arbeiten sind unterhaltend. Einen höheren schriftstellerischen Rang kann man ihr kaum einräumen. ft Carlcton, William, irischer Romanschrewer, geb. 1798 in Clogher in der Grafschaft Tyrone, wo sein Vater ein armer Landmann war; erhielt t !- Z ! Carli — Carlino. 501 seine wissenschaftliche Bildung in dem Institut eines Priesters in Glaßlough n. unternahm eine Pilgerreise nach Lough-Derg. Darauf ließ er sich in Dublin nieder, wo er unter höchst drückenden Verhältnissen seine literarische Thätigkeit begann. Im Jahre 1848 flüchtete er wegen Theilnahme an der von O'Brien u. Mitchell geleiteten Revolution nach NAmerika, von wo er nach etwa 10 Jahren nach Dublin zurückkehrte. Hier st. er 30. Jan. 1869. Er schr.: Iraits and oboriss ok tilg Irisll xsasanbr^, Dubl. 1830—32,2 Bde., neueste Ausg., 1872, deutsch, Lpz. 1837; RardoronAiia büs Wssr (Roman), Dubl. 1839; Erzählungen, ebd. 1841, 3 Bde.; Valentins LI'Lintsll/, ebd. 1845, 3 Bde.; Rock)'tllo Rover, ebd. 1846; lüs dlaeic Rroxllst (ein in grellen Farben entworfenes Gemälde des irischen Elendes), ebd. 1847, deutsch von Ger- stäcker, Lpz. 1848, 2 Bde.; llütlis Rroetor, ebd. 1849; Rsd-RaU, Lond. 1852, 3 Bde.; ViUis ReiU/, Dubl. 1855, 3 Bde., und die Erzählung Lire Lvil R)-s, ebd. 1860; ilüo doudls RroxUsoz-, «r l'rials ok tlls Henri, Lond. 1862, 2 Bde.; Rodmond Oonnt O'ÜLnIov, Dubl. 1862; 'lös Rair ob Rmxvals and tl>s Llastor and Loiiolar ll'ales, Lond. 1870. AuS seinem Nachlaß kamen heraus: Rärin Rallads, ebd. 1873. BarMog* Carli (Carlee, sanskrit. Karla), Ort in dem Collectorat Punah der britisch-vorderindischen Präsidentschaft Bombay, nordwestlich von Punah; dabei, von W. nach O. gehend, ein Berg, dessen Inneres zu einer großen Tempelhöhle, ungefähr in den Anfängen unserer Zeitrechnung, ausgehauen ist; die Decke wird von knieenden Elefanten getragen, die aus dem Felsen gehauen sind, u. die Wände sind mit Reliefs von Buddha, Menschen und Elefanten geziert. Carli, 1) Dionisio, Kapuziner aus Piacenza; Hing 1666 als Missionär mit Guattini u. A. nach Congo u. von da nach Bamba u. Soano; nachdem sie während ihrer Mission 3000 Kinder getauft u. einige Neger bekehrt hatten, kehrte C. nach Europa zurück, durchreiste Spanien u. Südfrankreich u. ließ sich in Bologna nieder. Die Beschreibung seiner Afrikanischen Reise, ital., Reggio 1672 u. ö., deutsch, Augsb. 1693, ist auch in mehrere Sammlungen ausgenommen worden, z. B. im 4. Bande der Deutschen Allgemeinen Historie der Reisen. 2) Giov. Girvlamo, geb. 1719 bei Siena; war in Mantua Secretär der Akademie, wo er das Museum u. die öffentliche Bibliothek gründete; st. das. 1786. Er schr. Abhandlungen über den Argonautenzng n. Kunstgegenstände u. a. 3) Giov. Rinaldo Graf C.-Nnbbi, geb. 1720 in Capo d'Jstria; wurde 1745 Professor der Astronomie u. Nautik in Venedig, kehrte 1749 nach Istrien zurück, wurde nachher Präsident des Oberhandelsgerichtes u. Studienrathes in Mailand u. zuletzt 1771 Geh. Staatsrath u. Präsident des Finanzcolleginms; st. 1795. Er schr.: vsila spedirions dsgli Xr- Aonantü in Oolso, Ven. 1745; vslls inonsts s doll' istitur. dsiis Lseolls d'Ibalia, 1750—60, 3 Bde.; Dsiis anbiellibü itaiiolrs, 1788—91, 5 Bde.; Rstbors amerioans, Cosmopoli-Florenz 1780, 3 Bde., deutsch von Henmg, Gera 1785, 3 Bde.; Ltoria di Verona üno ad 1517, 1796, 7 Bde. Werke (ohne die Amerikanischen Briefe), Mail. 1784—94, 18 Bde. Booch-Arkossy.» Oarlina L., Pflanzengatt. aus der Fam. der Ooinpositae-tlMarsao-OarliusLs (XIX. 1), mit dachziegeligem Hüllkelche, dessen äußere Blättchen grün, stachelig gezähnt u. abstehend sind, während die inneren länger, trvckenhäutig, gefärbt u. strahlend sind, mit zwitterigen Blüthen ans einer mit spreuartigen, steifen Fransen besetzten Blüthen- standachse, mit spitzen Anhängseln an den Staubbeuteln, länglicher, angedrückt-behaarter Frucht u. gefiederter Haarkrone. Bemerkenswerthe Arten: 6. aeaniis A. (Eberwurzel), mit großem Kopfe, dessen braune Scheibe von weißen verlängerten Hüllblättern umgeben ist, auf kurzem, einfachem Stengel; an dürren, sonnigen Bergen; die Wurzel ist officinell (s. Eberwurzel). Ihr ähnlich ist 6. noan- ttrikolia (6. Oüardonsss), ins Frankreich, wo deren Wurzel als Rad. Oarlinas eingesammelt wird. 0. vnl§aris L., mit verlängertem, dolden- rispig verzweigtem Stengel, halbstengelnmfassenden Blättern, mehreren mittelgroßen Köpfen, kürzeren äußeren u. längeren, strohgelben inneren Hüllblättern; auf dürren Hügeln, in trockenen Wäldern, an Wegerändern in Deutschland nicht selten; die Wurzel sonst nebst dem Kraute als Rad. st Ilorba Oarlinas oilvsstris 8. Rsraeanbtia officinell. Die Wurzel der der 6. aoanlis L. sehr ähnlichen, in Griechenland vorkommcnden 0. Anmmiksra Ress. (Rad. Oamaslsontis aldi) wird gegen den Bandwurm gebraucht. Die Pflanze schwitzt ein dem Mastix ähnliches Gummi aus, das als Kaumittel benutzt wird. Engler.» Carnaupalme, s. corvpbs. Carlingford, Stadt in der irischen Grafschaft Lonth, an der gleichnamigen Bai; Austernfischerei; 500 Ew. Carlino, 1) ital. Silbermünze, in Neapel, Sicilien, Rom u. auf Malta gebräuchlich. Sie wurde eingeführt von Karl VI. um 1730 zu Neapel; Av. Brustbild und Name des Königs, Rev. Wappen mit Krone, Titel in der Umschrift, zuweilen ein Kreuz u. die Worte: In imo siAno vinsss; unten die Zahl 10 (d. i. M-aui). Es gibt auch halbe mit der Zahl 5; doppelte, mit 20; sechsfache mit 60; zwülsfache mit 120. Der Werth dieser verschiedenen Sorten beträgt nach deutscher Reichswährung: '/z C. — 0,„ LI, 1 C. — 0,gi LI, Doppel-C. — 0,5g LI u. s. f. Der sicilianische C. hat dasselbe Gepräge, mit Ausnahme, daß sich auf dem Rev. ein gekrönter Adler befindet; es gibt halbe, ganze u. doppelte. Der römische C. ist dem neapolitanischen nachgebildet, hat aber geringeren Gehalt; Av. das päpstl. Familienwappen oder Schlüssel mit Kreuz, Tiara, in der Umschrift: Name u. Titel; Rev. Cartouche mit: Rn Öarlivo Romano; er gilt — 7^/g Bajocchi — 0,g, LI. Der maltesische C. ist nur 0,it LI Werth. Durchschnittlich galten in Italien: 10 Carlini ^ 1 Scudo, 26 E. — 1 Zechino, 45 C. 1 Pistola. 2) Sardinische Goldmünze, von Karl Emanuel 1755, Doppel- louisd'or-Größe; Avers Brustbild des Königs, in der Umschrift der Name; Revers Wappenschild, in der Umschrift der Titel; Werth 38,52 LI. Es gab auch halbe C. dieser Art; ferner einen 502 Carlislc — piemontesischen n. savoyischsn C. in Gold (seit 1786) von nahezu 116 Ll Werth. Brambach. Carlisle, 1) Hauptstadt der engl. Grafschaft Cumberland, am Eden; alterthümliche Bauart; Citadelle und festes Schloß (in welchen! Maria Stuart nach der Schlacht von Langside 1568 einige Zeit gefangen saß), daher als Festung angenommen; Bischofssitz; Kathedrale; Lancasterschule; großes Zeughaus, Pulvermagazin; Fertigung von Musselin, Twist, Hüten, Leder, Fischangeln und Peitschen; Pferdemärkte, lebhafter Handel; Kanal nach dem Solwaybusen (Irisches Meer); C. ist eine Hauptstation des westl. Eisenbahnweges von London nach Edinburgh u. der Endpunkt 7 verschiedener Bahnlinien; 31,049 Ew. (1871); in der Nähe gut erhaltenes Druiden-Denkmal: die große Meg u. ihre Töchter. — C. hieß zu Zeiten der Römer Luguvallum und lag im Lande der Briganter, nicht weit von dem Nömerwalle. Von den Dänen zerstört, wurde es erst wieder von Wilhelm II. anfgcbaut. Unter Heinrich I. wurde das Bisthum gegründet. Das Schloß am westl. Theil baute Richard III., die Citadelle im O. der Stadt Heinrich VII. C. wurde 26. Nov. 1745 von dem Prätendenten Karl Eduard erobert, 1746 aber wieder von dem Herzog von Cumberland genommen. 2) Hauptstadt des County Cnm- berland im Staate Pennsylvania (Vereinigte Staaten von NAmcrika), an der Cumberland- Valley-Eisenbahn; regelmäßig gebaut, breite Straßen; 12 Kirchen; Dickinson-College; Bibliothek von 25,000 Bdn.; Bank; Kalksteinbrüche; 6650 (1870) Ew.; Umgegend sehr fruchtbar. Im Jahre 1794 hatte hier General Washington während der sog. Whisky-Jnsurrection sein Hauptquartier. Carlisle, 1) Frederick Howard, Earl of C., engl. Staatsmann, geb. 1748; war Geheimrath u. Schatzmeister des Hauses des Königs, später erster Commissär des Handels u. der Plantagen u. 1780—82 Lord-Lieutenant von Irland. Dort von dem Herzog von Portland verdrängt, schloß er sich der Oppositionspartei an. C. war der Vormund seines Neffen, des Lord Byron, entzweites sich aber mit ihm und ward durch die bitterste Satire von ihm angegriffen. Er starb 4. Sept. 1825. C. schr.: Die Rache des Vaters; Die Stiefmutter; Ein Gedicht auf den Tod Georgs u. auf Nelsons Tod; gesammelt als Ma- ßsäiss allst kosms, London 1801. 2) George Howard, Earl of C., Sohn des Vor., geb. 17. Sept. 1778; wurde in Eton u. Oxford erzogen, erhielt durch seinen Vater eine Anstellung bei der Gesandtschaft, die Lord Malmesbury 1795—1796 auf dem Festlande beschäftigte, kam nach seiner Rückkehr ins Parlament u. zeichnete sich namentlich bei den Verhandlungen über Ostindiens Angelegenheiten aus; er folgte 1825 seinen! Vater in der Peerschast; trat 1827 unter Canning ins Cabinet u. ward bis 1828 Siegelbewahrer. Unter Grey trat er wieder ins Ministerium, zog sich aber 1834 ins Privatleben zurück. Er st. 7. Oct. 1848 auf seinem Sitze Castle Howard. 3) George William Fred. Howard, Vicekönig vonJrland, geb. 15.Apr. 1802; war seit 1825 Viscount Howard of Morpeth, kam 1826 für Morpeth in Northumber- land u. 1830 für den Wahlbezirk WIorkshire ins - Carlowitz. Parlament und wurde 1835 Minister für Irland. Nachdem er 1841 von seinem Wahlbezirke nicht wiedergewählt worden war, machte er Reisen nach dem Continent und nach NAmerika; 1846 wurde er Minister der königl. Domänen u. folgte 1848 seinem Vater in der Peerschaft; 1850 wurde er Kanzler des Herzogthums Lancaster u. 1855 Vicekönig von Irland, welchen Posten er mit kurzer Unterbrechung bis wenige Monate vor seinem Tode bekleidete. Er st. 5. Dec. 1864 und wurde in dem Familienmausolenm in der Nähe des Schlosses Howard bei Malton in Dvrkshire beigesetzt. C. schrieb: Mrs sseoust Vision ob Oalliol (poetische Paraphrase), Lond. 1858; Mrs iiks aast rvritivAs ob kops; On proplioox u. a. Sein literarischer Nachlaß wurde als st?Irs vios- rsAg.1 spösoirss Allst aststrsssss, Iseturss aust posills gesammelt und herausgegeben von I. I. Gaskin, Dubl. 1866; seine koems besonders Lond. 1869. Er war nicht verheirathet; in der Peerschaft folgte ihm sein Bruder William George Howard, geb. 1808. Bartling.» Carlisten, so v. w. Karlisten. Carlo (ital.) und Carlos (span.), so v. w. Karl (s. d.). Carlone, ital. Künstlerfamilie, die im 17. Jahrh. blühte. Der bedeutendste ist Carlo C., geb. 1686 zu Scaria bei Como, gest. 1776 zu Como; bildete sich in Rom u. Venedig u. arbeitete dann in Passau, Linz, Prag und Wien viel in Fresco. R-gn-t, S. Carlos, 1) Stadt in dem centralamerik. Staate Nicaragua, au dem See gl. Namens, wo der Fluß S. Juan austritt. Das Project, diesen Fluß zur Durchstechung des Isthmus von Danen zu benutzen, führt den Namen S.-Carlos-Project. 2) Wohlgebaute Stadt im Staate Carabobo in der südamerik. Republik Venezuela; Viehzucht u. Ackerbau; 8000 Ew. 3) Hauptstadt eines Departements der Provinz Nuble in der südamerikan. Republik Chile, am Nuble; 5400 Ew. Carlotta (Carlota, span. u. portug.), weiblicher Vorname, so v. w. Charlotte. Carlow (irisch Catherlough), 1) Grafschaft in der irischen Provinz Leinster; 916 (16 ffHM); grenzt im NW. an Queens County, im N. an die Grafschaft Kildare, im O. an Wick- low, im SO. an Wexford, im SW. u. W. an Kilkenny; Gebirge: im SO. die Blackstair Mountains; Flüsse: Narrow u. Slaney; Klima gesund; Eisenbahn von Dublin nach Waterford u. mehrere Zweigbahnen; Boden fruchtbar; Eisenerze, Kalksteine , Steinkohlen; Ackerbau und Viehzucht; 51,472 Ew. (1871). 2) Hauptstadt darin, am Zusammenfluß des Burren u. Narrow, Station der Eisenbahn Dublin-Waterford; Bischofssitz; kath. Seminar; Abtei, alte Kirche, Schloßruine; Reiterkaserne; Wollen- und Baumwollenweberei; Handel mit Steinkohlen, Getreide und Butter; 7778 Ew. Carlowitz, Stadt, s. Karlowitz. Carlowitz, wahrscheinlich aus Böhmen stammendes, seil dem 15.Jahrh. in Sachsen begütertes Geschlecht, welches durch C. 2) 1552 die Würde eines der Reichs-Erb-Vier-Ritter des Heiligen Römischen Reiches erwarb; verbreitete sich in vielen Carlscrona, Carlsfeld, Carlsham, Carlskoga, Carlstadt rc. — Carluka. 503 Zweigen, später auch in Preußen und vorübergehend fast in allen Ländern Deutschlands. Alle noch bestehenden Linien stammen von dem knr- sächsischcn Jägermeister Georg v. C. (st. 1619) ab. 1) Christoph, geb. 13. Dec. 1507 in Hermsdorf; studirte seit 1549 in Leipzig, Basel, St. Dole Humaniora und die Rechte, war Rath des Herzogs Georg, mit welchem er 1530 auf dem Reichstage zu Augsburg war, u. dann der Kurfürsten Moritz u. August von Sachsen. Er wurde seit 1529 zu diplomatischen Sendungen nach England, Polen, Siebenbürgen und die Niederlande verwendet, war sächsischer Gesandter auf allen Reichstagen und besonders thätig in den Verhandlungen mit dem kaiserlichen Hofe. In den letzten Jahren seines Lebens zog er sich von den öffentlichen Geschäften zurück u. starb 8. Januar 1578 zu Rothenhaus in Böhmen. Lebensbeschreibung von Langenn, Lpz. 1854. Z) Georg Karl, geb. 3. Decbr. 1658 in Allschönfels; wohnte in kaiserl. Diensten 1683—86 den Feldzügen gegen die Ungarn u. 1689—93 in sächsischen Diensten, denen am Rhein und in den Niederlanden bei, wurde Generaladjutant des Kurfürsten Johann Georg IV., zuletzt Generalmajor und General- kriegscommissär; Kurfürst Johann Georg IV. und König August verwendeten ihn mehrmals zu wichtigen diplomatischen Missionen, namentlich zu Unterhandlungen mit dem Czar Peter von Rußland. Er blieb 23. März 1700 vor Dünamünde. 3) Karl Adolf, geb. 21. Juli 1771 ans Großhartmannsdorf; diente erst 1786—1794 in der sächsischen Oarcks äu Oorxs und trat 1809 als Adjutant des Generals von Zezschwitz wieder in die sächs. Armee ein, errichtete 1809 als Major das Jägerbataillon u. wurde 1813 Oberst; er trat in diesem Jahre in russ. Dienste, wurde zum Generalmajor, Gouvernementsrath und Chef des Kriegsdepartements ernannt u. erhielt das Com- mando des Banners der freiwilligen Sachsen. Während des Wiener Congresses ging er in prenß. Dienste, wurde Jnspecteur der thüring. Landwehr, 1821 Commandant von Magdeburg, 1822 Ge- nerallientenant, 1824 Viccgouverneur von Mainz u. 1829 Gouverneur von Breslau; er starb dort 20. Jan. 1837. 4) Hans Georg, des Vor. Bruder, geb. 11. Decbr. 1772 auf Oberschöna; wurde 1795 sächsischer Oberhofgerichtsassessor u. Amtshauptmann in Freiberg, 1805 Geheimer Finanzrath in Dresden, 1813 Departementschef unter dem russ. Gouvernement, 1821 Bundestagsgesandter in Frankfurt u. Geheimrath, 1827 Geheimrath im Geheimen Rathscollegium, 1831 Staatsminister ohne Portefeuille, 1834 Minister des Innern u. 1836 des Cultus u. öffentlichen Unterrichtes; er st. 18. März 1840. 5) Albert, Sohn des Vor., geb. 1. April 1802 zu Freiberg m Sachsen; studirte auf der Universität zu Leipzig, wurde 1826 Assessor und 1828 Referendar der lönigl. sächsischen Landesregierung; 1830 Mitglied des Landtages, vertrat er energisch die Interessen des Adels bei Berathung der neuen Verfassung, trat sodann 1831 in kovurg-gothaischen Staatsdienst als Regierungsrath, 1837 aber in gleicher Eigenschaft wieder in königl. sächsischen Dienst, den er jedoch bald verließ, um sich lediglich den ständischen Angelegenheiten in Sachsen zu widmen. Nach Übernahme seines väterlichen Erbgutes 1845 als lebenlängliches Mitglied von der Regierung in die sächsische Erste Kammer berufen, wurde er Präsident derselben u. 1846 Justizminister u. trat im März 1848 während der Unruhen mit dem Gesammtministerinm ab. Später trat er wieder in die sächs. Kammer, verließ dieselbe aber im März 1850, vom König von Preußen zum Com- missär zu Erfurt ernannt. Seit 1852 war er mehrmals Mitglied der prenß. Zweiten Kammer und nahm zuletzt theil an dem Constitnirenden Reichstage des Norddeutschen Bundes, immer für die liberale Sache gegen die Couservativen kämpfend, so besonders gegenüber dem Ministerium Manteuffel. Die letzten Jahre verlebte er in Zurückgezogenheit in Sachsen u. starb 9. August 1874 in Kötzschenbroda. Clcalei.» Carlscrona, Carlsfeld, Carlsham, Carls- koga, Carlstadt, Carlsten rc., s. Karlskrona, Karlsfeld rc. Carlson, Fred. Ferdinand, schwedischer Geschichtschreiber, geb. 13. Juni 1811 in Upland; studirte seit 1823 in Upsala u. wurde, nachdem er seit 1834 das Ausland bereist hatte, 1836 Docent der Geschichte in Upsala; 1837—47 war er Prinzenlehrer in Stockholm, nahm dann sein Lehramt in Upsala wieder ans u. wurde 1849 Professor; im August 1863 kehrte er als Staatsrath u. Chef des Departements der kirchlichen Angelegenheiten nach Stockholm zurück, gab aber im Juni 1870 seine Dimission ein u. wurde 1872 Mitglied der Ersten Kammer des Reichstages. Er schrieb die Fortsetzung zu Geijers Geschichte Schwedens in Heerens u. Ukerts Geschichte der europäischen Staaten, 1855, 4 Bde. (auch schwedisch als LvsriAss üistoria rmäsr jcomm§arns ob kkalmslcs, busst, Stockh. 1855 f., 2 Bde.); Om stabs-IrvälkmnASll i Lverigs rmclor LonrmA Oarl Xis rsAsrinA, ebd. 1856; Om trscksuncksr- kmncUinAarns äron 1709—18, ebd. 1859. Carlton, County im nordamerik. Unionsstaate Minnesota, n. 46° n. Br. u. 92° w. L.; reich bewaldete Gegend; (1873) 286 Ew.; Countysitz: Twin Lakes. Lariuäovica Unr's , Pflanzengatt, aus der Fam. der Cyclantheen, Pflanzen mit holzigem Stengel n. Luftwurzeln, abwechselnden, starren, in den Blattstiel verschmälerten, gefalteten, gespaltenen oder fächerförmig 3—5theiligsn Blättern u. eingeschlechtlichen, auf einem Kolben vereinigten Blüthen; männliche Blüthen mit Vielspaltiger Hülle n. vielen fadenförmigen Staubblättern; weibliche Blüthen mit 4theiliger Hülle, 4 sehr langen Staminodien n. einein einfächerigen, vieleiigen Fruchtknoten; Frucht eine vierkantige Beere mit vielen Samen. Wichtige Arten: 6. xalmata L. cö I?., mit fächerförmigen, 3—5thei- ligen Blättern; in Peru u. Neu-Granada; das Holz dient zur Anfertigung von Booten, während die Blätter Las Material zu den Panamahüten liefern. 0. kuniksra /Otnl/r., mit hohem, kletterndem Stengel, von welchem lange, feilförmige Luftwurzeln ausgehen, u. mit zweispaltigen, am Grunde geöhrten Blättern; in Guinea. Engter. Carlnke, Flecken in der schottischen Grafschaft 504 Carlyle. Lanark, an der Eisenbahn Edinburgh-Glasgow; Kohlen- u. Eisensteingruben; 3423 Ew.; in der Nähe Schloß Mauldsie, Sitz des Grafen Hyndford. Carlyle, 1) Thomas, berühmter engl.Essayist, origineller, aber höchst paradoxer Biograph, Historiker u. philosophischer Schriftsteller, dabei einer der ausgezeichnetsten Kenner u. Förderer der deutschen Literatur in England, geb. 4. Dec. 1795 in Ecclefechan, Grafschaft Dmnsries in Schottland. Nachdem er, der Sohn bemittelter Landleute, den ersten Unterricht in der Gemeindeschule seines Geburtsortes erhalten, ward er in das College zu Annan geschickt, um sich daselbst zum akademischen Studium vorzubereiten. Darauf verbrachte er sieben Jahre an der Universität Edinburgh, n. das ist so ziemlich alles, was man von seinem Uni- versitätslebcn weiß. Man darf jedoch nach dem Studium seines Charakters n. seiner Werke annehmen, daß er schon frühzeitig der Gewohnheit huldigte, viel mit seinen eigenen Gedanken zu leben, u. daß sich sein Genie viel mehr durch eine große geistige Concentration ausbildete, als durch Lehren, welche er in seiner Jugend empfing. Man weiß indessen, daß C. sich zuerst im Studium der Mathematik als ein Anhänger von Leslie (s. d.) auszeichnete, daß er während einiger Jahre, unmittelbar nachdem er die Universität verlassen, als Lehrer der exacten Wissenschaften am College zu Dysart in Fifeshire wirkte. Man hatte den jungen C. zuerst für den geistlichen Stand bestimmt; seine Ansichten über Religion indessen modificirten sich während seiner Studienjahre so sehr, daß er der Theologie den Rücken wandte u. nach einem vorübergehenden Studium der Rechte, seinen Neigungen folgend, sich ganz u. gar der Literatur widmete. Seine ersten schriftstellerischen Versuche waren Beiträge zu Brewsters Ln- o^elopWäia. 1824 veröffentlichte er eine Übersetzung von Legendres Geometrie mit einem Essay über die Proportionen. 1823—24 war im Ronäon-LlaALvine sein: Riss ob Lossiller erschienen, u. während desselben Jahres seine Übersetzung von Goethes: Wilhelm Meister (William Nsistsr's apprsntiessliips'Ediitb. 1825, neueste Ausg. 1874). 1825 ward das: Leben Schillers von ihm umgearbeitet u. als Buch herausgegeben: lüko ob Lolüller, an oraminabion os Üis vvorlco, Lond. 1825, neueste Ausg. 1874, deutsch, Franks. 1830. Mit großem Beifalle ward es ausgenommen. Die Übersetzung von Wilhelm Meister fand jedoch kein so günstiges Geschick: DeQuincey sowol, wie Lord Jeffrey, der Herausgeber der RclinburgR Review, fertigten das Werk mit einer mehr als ungerechtfertigten Kritik ab. 1827 heirathete C. eine Miß Welsh, die in gerader Linie von John Knox abstammte, n. während dess. Jahres erschienen 8xs- eimens ok 6srman Romanos (4 Bde., Edinburgh), welche eine Auswahl des Schönsten aus Göthe, Tieck, Jean Paul, Fouque, Musäns, Hofsmann u. A., nebst kritischen u. biographischen Notizen über die Verfasser enthielten; daran schlossen sich Fragmente aus Wallenstein u. der Jungfrau von Orleans. Von 1827—34 lebte er hauptsächlich zu Craigen- putloch in Dumfriesshire, einem kleinen, seiner Frau gehörigen Gute, von wo ans er mit Goethe .einen regen Briefwechsel unterhielt. Hier sann und grübelte C. über die großen Fragen in der Philosophie, der Literatur, dem socialen Leben n. der Politik, deren Erläuterung er — nach seiner eigenen, besonderen Weise — sein ganzes Leben mit Ernst u. Ausdauer widmete. Hier auch begann er jene glänzende Reihe von kritischen n. biographischen Essays, welche die Engländer zum ersten Mal mit dem Reichthum deutschen Gedankens bekannt machten. Neben seiner gründlichen Kenntniß der deutschen Sprache besaß er die feste Überzeugung, daß die Literatur Deutschlands in Tiefe, Wahrheit, Aufrichtigkeit u. Ernsthaftigkeit des Zweckes bei Weitem derjenigen überlegen sei, die man in seinem Lande bewunderte n. genoß. Ausgestattet in hohem Grade mit einem Talent für die Porträ- tur, begann er gar bald die Ebenbilder eines Schiller, Fichte, Jean Paul u. anderer fremden Größen zu zeichnen, von denen man bis dahin im Britischen Reiche kaum Etwas vernommen hatte. Einer seiner schönsten, beredtesten n. gediegensten zu Craigenputtoch geschriebenen Essays war der über Burns (Rclinbur§lr Review 1828). Er gab für alle späteren Kritiken über den schottischen Dichter den Ton an. Der Artikel über deutsche Literatur in derselben Review ist eine meisterhafte Abhandlung über ein Thema, dessen Wichtigkeit C. der Keniitnißnahme seiner Mitbürger auszwang. Das Hauptwerk, das er auf seiner Heidefarm schrieb, war der 8artor Rssartus (Mw lailor ckons ovsr (Der wiedergenähte Schneiders, der Titel eines alten schottischen Liedes). Dieses Werk, gleich allen seinen späteren Productionen eine unbeschreibliche Mischung des Erhabenen u. Grotesken, ward verschiedenen Londoner Verlegern angeboten, von ihnen allen aber zurückgewiesen, weshalb der Autor sich genöthigt sah, es bruchstückweise in Rrsvsr's Nagnvms (1833—34) zu veröffentlichen. Es gibt vor, die Geschichte oder Lebensbeschreibung eines Herrn Professors Teufels- dröckh zu sein, ist in Wahrheit aber eine Art Selbstbiographie, worin schonungslos das moralische Siechthnm der Zeit aufgedeckt wird, aber ohne die Angabe eines klar zu erkennenden Heilmittels. 1837 erschien das erste Werk, das C-s Namen trug, nämlich ll'lw jRrsneli Revolution, n, Instar^, Lond. 1837, 3 Bde., 4. Aufl., 1864, deutsch von Feddersen, Lpz. 1844, 3 Bde. Das. selbe gleicht, ohne sich von der Geschichte zu entfernen, durch die Großartigkeit der Behandlung und dem Schwung der Sprache einem Epos. 1839 erschien von ihm eine Schrift über den Chartismus, hierauf die Vorlesungen On Lsro worslnx, Lond. 1841, deutsch von Neuberg, Berl. 1853, u. dann Rast und Rossend, Lond. 1843. In diesen Werken trat eine neue Geistesrichtnng C-s hervor, die Tendenz, das Individuelle über das allgemein Menschliche zu stellen. Dieses Bestreben führte C. in letzter Instanz zu einem förmlichen Cultns der Vergangenheit, weil deren gesellschaftliche Zustände der Individualität Gelegenheit gaben, sich stärker auszuprägen. 1845 veröffentlichte C. das, was von den Meisten als sein bestes u. Hauptwerk angesehen wird: Oliver Oromwslls lsttsrs and speselws, witd eluci- datlons and a oonnsetinA narrative, London 1845, 2 Bde., Supplement, 1846. 1850 er- 505 Carmcignola schienen seine I-attsr-äa^ ?ampp1sbs, die feurigste, sardonischste u. wüthendste seiner Schriften, die man als die genialste Apologie des Rückschrittes u. die schärfste Kritik des fortschrittlichen Geistes unserer Zeit ansehen darf, welche die europäische Literatur der letzten Jahre hervorgebracht hat. Im nächsten Jahre ließ er sein Ickks ob äaiin Sterling, Lond. 1851, folgen, eine Biographie von großer Anziehungskraft für die jüngeren Geister des Zeitalters. C-s letztes Werk von Bedeutung u. größerem Umfange ist Was ob IHoärioli II. ob krussia, oallsck I'reäsriolc tbs Creat, Lond. 1858—65, 6. Bde., neueste Ausg. in 10 Bdn., 1874, deutsch von Neuberg, fortgesetzt von A. Althaus, Berl. 1858—69. C., der feit Herausgabe seines Lartor Rosartns in Chelsea bei London wohnt, wurde 11. Nov. 1865 zum Rector der Universität Edinburgh als Nachfolger Gladstones gewählt. Seine 2. April 1866 gehaltene Inauguralrede: On tds viwios ob booico erschien im Drucke, Lond. 1866, neue Ausg., 1871. Aus Veranlassung der Reformdebatten von 1867 schrieb er in Nnomillan's LlnAarins, dann besonders als Broschüre gedruckt (Augsb. 1867), eine gegen das neue demokratischeWahlgesetz gerichtete Abhandlung iin Stil der Imttsr-ckav I?amx1ästs, unter demseltsamenTitel: LbootivAMaAara—anä alter? Während des Deutsch-Franz. Krieges stand C. in seinem Vatcrlande mit Wärme u. Entschiedenheit für die Sache der Deutschen ein, zu deren Gunsten er mehrfach u. besonders in einem lan gen an die Times gerichteten Briefe (Nov. 1870) kräftig das Wort führte; diese Briefe sind gesammelt in dem Buche: I-sttors on tirs vcar bs- twsen Csrmanz- anä Ibranoo, Lond. 1871. Seine neuesten Schriften sind I'bs sarl/ LinZa ob Horvrax u. I'iis kortrait ob Lnsx, Lond. 1875. Die Werke C-s erschienen zuletzt in einer Ge- sammtausgabe von 37 Bdn., Lond. 1872—74, die meisten anch in Tanchnitz' OoUootion ob Lritisd Lntdors; eine deutsche Übersetzung von Ausgewählten Schriften besorgte Kretzschmar, Leipz. 1855—56, 6 Bde. Zu erwähnen ist noch, daß C. 1874 vom König von Preußen der Orden pour Io msrits verliehen wurde. Vgl. C. D. Hodge, Maomas 0.: tüs man anä tsaodor, Lond. 1874. 2) Richard, englischer Buchhändler, Deist und Demagog; wurde mehrere Male wegen Verbreitung irreligiöser Schriften mit Ge- sängniß und Geldbußen belegt, so 1819 wegen Wiederabdrucks von Paynes ob rsason und Herausgabe von Palmers ikrineipiss ob naturo, 1831 wegen einer Flugschrift, worin er die englischen Feldarbeiter zu Gewaltthateu gegen ihre Arbeitgeber anfsorderte. Mit der Zeit änderte er seine religiösen und socialistischen Ansichten, wie er in der zuletzt von ihm herausgegebenen theologi- schenWochenschrist:1bo LbristiauIVLrrior, bewies, wodurch er aber seine Anhänger vollends verlor. Er starb im Elende 1843 in London. 1) Bartling. Carmagnöla, Stadt in der italienischen Prov. Turin, an der Mella u. Station der Bahn Turin- Cuneo und der Oberitalienischen Bahn; Lyceal- Gymnasium, Techn. Schule; Spital; Seidenzucht; Handel mit Seide, Hanf, Leinwand, Getreide u. Vieh, im Juni große Seidenmesscn; ca. 4000, — Carmenta. als Gem. 12,799 Ew. C. war sonst eine Grafschaft, dem Hanse Saluzzo gehörig; im 16.Jahrh. befestigten die Franzosen die Stadt; 1588 wurde sie von den Savohern erobert u. blieb ihnen im Frieden 1601. Carmagnöla, Francesco Bnssone, genannt C., venetianischer Feldherr, geb. 1390 in Car- magnola, Sohn eines Bauers; erst in ganz untergeordneter Stellung, trat er 1412 in die Dienste des Herzogs Philipp Visconti von Mailand, wo er sich so auszeichnete, daß ihn dieser von Stufe zu Stufe bis zum Feldherrn erhob. Er zog seinen Herrn aus der schwierigsten Lage u. unterwarf ihm die ganze Lombardei u. Genua, wofür ihn Philipp zum Grafen erhob u. ihm seine Nichte vermählte. Später infolge von Verleumdung beim Herzog in Ungnade gefallen, mußte er 1425 in Venedig einen Zufluchtsort suchen. Der Herzog ließ C-s Gemahlin u. Kinder ins Gefängniß werfen und seine Güter confisciren, worauf ihn der Doge Francesco Foscari bewog, den Oberbefehl über das venetianische Heer zu übernehmen, mit dem er auch zu Gunsten der ebenfalls unter seinen Befehl gestellten Florentiner gegen Mailand ins Feld rückte. Er nahm 1426 die Forts von Brescia, gewann die Schlacht von Macalo 1427 gegen Visconti u. erhielt im Frieden Brescia, Bergamo u. die Hälfte des Cremonefischen für Venedig. Da er aber bei dem Wiederausbruche des Krieges 1431 eine Niederlage der Flotte auf dem Po erlitt, vermutheten die Venetianer, daß er einen neuen Verrath zu Gunsten des Herzogs von Mailand beabsichtige, u. stellten ihn vor den Rath der Zehn; von diesem zum Tode verurtheilt, ohne daß seine Schuld zu erweisen wäre, wurde er 5. Mai 1432 als Verräther enthauptet. Vgl. Berlan, Geschichte C-s. Von ihm handelt Man- zonis Trauerspiel: li vonts äi 6., 1820. Lagai.» Carmagnole (fr.), 1) in Paris Savoyarden- knabe, welcher Schuhe putzt, Kleider reinigt, Schornsteine fegt; wahrscheinlich so genannt von der Stadt Carmagnöla in Piemont, woher Viele kamen. 2) In der französischen Revolution von SFrank- reich ausgehendes Lied, welches anstng: Llaäams Veto avoit xroiuis, u. dessen Verse alle den Refrain: Dansona In 6arma§nols, hatten; es wurde bei Volksfesten, Hinrichtungen u. Ausbrüchen der Volkswuth gewöhnlich angestimmt u. mit Tanz begleitet. 3) Ein Jacobiner von einem gewissen Schnitt der Kleidung, nämlich Gilet mit Ärmeln, weiten Schifferhosen u. rother Mütze. 4) Ein republikan. Soldat der Revolutionszeit. 5) Eine in den Amtsberichten der sranz. republikanischen Beamten vorgetragene Prahlerei über angeblich von der republikanischen Armee erfochtene Siege. Carmaux (Cramaux), Flecken im Arr. Albi des franz. Dep. Tarn, am Seron u. an der SBahn; bedeutende Steinkohlengruben;Glasfabri- kation; Märkte; 5010 Ew. Carmarthen, so v. w. Caermarthen. Carmen (lat.), 1) Gedicht, bes. lyrisches Gedicht, namentlich Gratulations- u. sonstiges Gelegenheitsgedicht; 0. kauwsum, Pasquill. 2) Zauberformel. Carmenta (Carmentis), arkadische Nymphe, Mutter Euanders, mit dem sie nach Italien gewandert sein soll, wo sie den Capitolinischen Berg 506 6arrll6nts.Iis porta — Carir. bewohnte u. als weiffagende Gottheit verehrt wurde. Wahrscheinlich auch war sie eine cinhei- unsche ital. Gottheit. Ihr zu Ehren mar die Larmonbalis Ports. (s. u. Rom, a. Geogr.) benannt, wo sie einen Tempel hatte; später weihten ihr die römischen Frauen einen kleinen Tempel nebst Opferpriester in der 8. Region. Ihr Fest waren die Larmsntslig. den 11. Januar, mit Nachfeier am 15., wo man ihren Schutz für das Gedeihen des römischen Volkes anflehte. Den Dienst dabei verrichteten die Frauen; sie selbst wurde unter 2 Namen angerufcn, als Antevorta (Prosa, Porrima, Vergangenheit) u. Postvorta (Zukunft), daher man auch 2 Carmentä kannte u. sie als Göttinnen der Geburt u. des Schicksals dachte u. spätere Künstler sie der Jlithyia ähnlich bildeten. Nahe verwandt waren die Camenen. i--* Osrmentslis ports, Thor in Rom (s. d., a. Geogr.). Carmcr, eine aus der Normandie stammende n. von da nach England ausgewanderte Familie, von welcher ein Glied mit der Prinzessin Elisabeth, Gemahlin des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, nach Deutschland kam n. sich in der Pfalz nicderließ; seine Nachkommen traten in preußische Dienste, erwarben Güter in Schlesien u. wurden 1791 in den Freiherrn- u. 1798 in den Grafenstand erhoben; die Familie folgt der evangelischen Confession u. theilt sich jetzt in 2 Linien. Graf Johann Heinrich Kasimir, prenß. Minister, geb. 29. Dec. 1721 in Kreuznach; trat 1749 in preußische Staatsdienste, wurde 1768 zum Justizminister; u. Chefpräsidenten für Schlesien ernannt. Als solcher richtete er sein Augenmerk darauf, den schleppenden Gang des Gerichtswesens zu refor- miren u. veraltete Mißbräuche in der juristischen Praxis abzuschaffen. Seine erfolgreiche Wirksamkeit bestimmte Friedrich II., ihn mit dem Entwürfe einer Proceßordnung für die ganze Monarchie zu betrauen, welchen C. im August 1774 dem König vorlegte. Da der damalige Großkanzler von Fürst sowol diesen, als auch den von C. neu bearbeiteten Entwurf gemißbilligt n. sich allen Reformvorschlägen C-s widersetzt, so erhob der König 1770 C. an Fürsts Stelle zum Großkanzlcr. Dieser wurde 1780 mit der Reform der Justiz betraut u. gab 1781 das ('orpns jnris Ilriäsrioimmm, erstes Buch von der Proceßordnung, 2 Bde., heraus. Nach mancherlei Schwierigkeiten, die ihm die Gegner der Rechtsform cntgegenstellten, gelang es C., Ende 1793 die Zustimmung des Königs zur Veröffentlichung seines inzwischen umgearbeiteten Gesetzeswerkes zu erlangen, welches als Allgemeines Landrecht 1. Juni 1794 in Kraft trat. Als der erste Versuch einer umfassenden Rechtsgesetzgebung seit Jnstinianus war das C-sche Werk von hoher Bedeutung für die Rechtsgeschichte. Der König Friedrich Wilhelm II. erhob den Verfasser 1791 in den Freiherrn-, sein Nachfolger Friedrich Wilhelm III. 1798 in den Grafenstand. Den Rest seiner Tage verlebte C. in Rützen bei Guhrau, wo er 23. Mai 1801 starb. Biographie (von seinem Sohne), Brest. 1802. Seine Nachkommenschaft blüht in 2 Linien. Bauer.» Carmignano, Gemeinde in der ital. Provinz u. dem Bezirke Florenz; 10,364 Ew. Carminati, Bassiano, ital. medicinischer Schriftsteller, geb. 1750 in Lodi; stndirte in Pa- via, prakticirte eine Zeit lang in seiner Vaterstadt u. wurde dann, 28 Jahre alt, Professor der allgemeinen Therapie u. Pharmakologie in Pavia, später der Pathologie u. gerichtlichen Medicin u. gleichzeitig Director des Hospitals; er st. 8. Jan. 1830. Seinen Ruf nach auswärts begründete er namentlich durch sein im elegantesten Latein geschriebenes Werk: 8z-Aisns, tsisrapsubios ob msbsris msäios, Pavia 1791—94; unter dem Namen Joseph Sacchi schrieb er gegen die damals austauchende Lehre Browns seine Lnimsävsrsionos in prinoixis tsisoriss Hrnnonianss. Außerdem gab er noch heraus: Do animslimn sx mspdibilms st noxiis Irslitidns inboribn ejnsgns propioribns osnsiz, 3. Bü., Lodi 1777; Llosrosis sulls. natura o snM um äol LiiAO Assbrioo in insäioiua ob okirurxia, Mailand 1785, deutsch, Wien 1785; Oxusonta tüerapsutioa, Pavia'1788; Heils aogus minsrali artslatts o nativs äsl rogno I-omdaräo, trattato msäioo, Mail. 1829 u. a. Thamhay». varminstivs (Carmioantia, Pharm.), blähungtreibende Mittel (s. u. Blähungen), bes. die ätherischen Öle. Carmoisin, s. Karmesin. Carmona, Stadt in der spanischen Prov. Sevilla, am CarboneS, auf einer fruchtbaren Hochebene;,, Wein- u. bedeutender Olivenbau; über 100 Ölmühlen, Wollen- u. Leinenweberei, Seife, Hüte, Leder; etwa 8000 Ew.; maurische Ruinen; Überreste des alten Carmo (Carinon). Zu Cä- sars Zeit war es einer der festesten Plätze im Bätischen Spanien, später wurden die Mauern zerstört, u. erst Philipp IV. ertheilte ihr den Namen einer Stadt. Carmona, Don Salvator, spanischer Kupferstecher, geb. 1730 in Madrid, gest. 1807 ebenda; bildete sich auf Staatskosten in Paris bei Charles Dnpnis, ward Mitglied der dortigen Akademie, kehrte 1760 nach Madrid zurück u. verehelichte sich mit einer Tochter von Rafael Mengs. Haupt- ülätter: Die Geschichte verzeichnet die Thate» Karls III., nach Solimene; Auferstehung, nach Vanloo; Anbetung der Hirten, nach Pierre; Madonna mit dem Kinde, nach Van Dyk; mehrere Porträts, darunter das Bouchers. Regnet. Carmontelle franz. Literat, geb. 25. Ang. 1717 in Paris; war Vorleser beim Herzog von Orleans; starb 26. Dec. 1806 in Paris. C. ist der Erfinder einer neuen Gattung franz. Dramen, der krovsrdss. Er gab in Paris (1768—81) 8 Bde. krovsrdss äramatiguss heraus, u. nach seinem Tode erschienen 2 neue Bde. Man rühmt an denselben die Natürlichkeit der Sprache u. die Wahrheit in der Charakterzeichnung. Weniger Beifall als diese Salonstücke fanden seine Lustspiele: I'sisLtrs äs samxaAns, Par. 1775, 4 Bde., u. der Roman I-os IPnunss, Par. 1825, 3 Bde. Eine Abhandlung über C. ist in der Ausgabe der?rov. är. äs O. von de Mery, Par. 1822, 4 Bde. Bolchert. Carn (Cairn), die in manchen Gegenden Großbritanniens gefundenen Steindenkmäler der alten Kelten, meist aus aufrechtgestellten konischen u. darüber gelegten platten Steinen bestehend; ihre Verwendung ist nicht aufgehellt; wahrscheinlich gehörten sie zum religiösen Cultns. Ccirna — Caruarvou. 507 Carna, s. u. Cardea. Carnac, Dorf im Arr. Lorient des franz. Dep. Morbihan, am Atlantischen Ocean; 2823 Ew., wovon nur 603 im eigentl. Orte. Hier gegen 1200 in 11 Reihen aufgerichtete Felsblöcke (Menhirs), keltisches Denkmal; diese Felsblöcke sind bis zu 6 in hoch, oft sind die Reihen 1500 in lang. Manche halten sie für das Denkmal einer großen Schlacht, Andere für Todtendenkniale; einstimmig schreibt inan sie aber den Kelten zu. Dabei ein 20 in hoher Tumulns, der höchste bekannte, jetzt mit einer Kapelle auf der Spitze. Carnall, Rudolf v., K. Geh. Oberbergrath u. Berghauptmann, geb. 9. Febr. 1804 zu Glatz, gest. 17. Nov. 1874 in Breslau. Nach seiner 1819 begonnenen Ausbildung für das Bergfach trat er 1830 als Obereinfahrer n. Mitglied des Bergamtes in Tarnowitz in den Staatsdienst, wurde 1844 Oberbergamts-Assessor in Bonn u. 1847 Vortragender Rath in der Ministerialab- theilung für Bergbau-, Hütten- u. Salinenwesen in Berlin; 1848 war er auch kurze Zeit Direktor der Gewerbeakademie daselbst, wo er gleichzeitig regen Antheil an der Begründung der Deutschen Geolog. Gesellschaft nahm. Anfang 1856 als Berghanptmann nach Breslau versetzt, gründete er mit den Schles. Bereit, für Berg- u. Hüttenwesen n. leitete als Vorsitzender die Herausgabe von dessen Jahrbuch. 1861 in den Ruhestand versetzt, widmete er sich besonders der Communal- verwaltung und anderen gemeinnützigen, sowie wissenschaftlichen Aufgaben. Von seinen Schriften sind besonders hervorzuheben (mit Zobel): Geo- gnostische Beschreibung eines Theils der nieder- schlesischen, Glatzer u. böhm. Geb., Karstens Arch., Bd. 3 u. 4., 1831; Geognost. Vergleichung zwischen Nieder-Schlesien u. Ober-Schlesien, Gebirgsfor- mationen, 1832; Die Sprünge im Steinkohlcn- gebirge (Karst. Arch., Bd. 9), 1838; Entwurf eines geognost. Bildes von Ober-Schlesien (Bergm. Jahrb., B. 1), 1844; Geognost. Karte von Ober- Schlesien, Berl. 1857, 2. Ausl. r. Carnallit (Min.). Krystalle des C-s, welche sich in den Klüften der derben u. großkörnigen Car- » nallitmassen von Staßfurt finden, gehören dem rhombischen System an u. nähern sich in ihrer Ausbildung hexagonalen Formen. Der C. besitzt muscheligen Bruch, hat starken Glasglanz n. ein spec. Gewicht vonl,«; ist in reinem Zustande farblos, doch meist durch eingelagerte mikroskopische Eisenglanzkryställchen od. Göthitnädclchen roth gefärbt. Anhydrit u. Quarz sind ebenfalls in mikro« skopischen Kryställchen beigemengt u. können durch Auflösen in Wasser leicht herauspräparirt werden; die Quarzkryställchen zeigen Prisma u. Pyramide. Nach A. Göbel sollen in dem Rückstände Bruchstücke von Kicselpanzern (Oosoinoäisens) deutlich erkennbar sein und bei dem C. von Mainan in Persien ein zartes voluminöses und weiches Gebilde einer organischen Substanz zurückbleiben. I. Fritzsche macht es jedoch wahrscheinlich, daß sowol hier, als bei den auf dieselbe Weise zu er- haltenden Flocken aus dem C. von Staßfurt sehr feine krystallinische Bildungen das flockige Gewebe Hervorrufen. Die wesentliche chemische Zusammensetzung des C-S wird durch die Formel AZfOI" -4- XOi-l- ansgedrückt,wobei ein Theil des Kaliums durch Natrium ersetzt werden kann. Er ist an der Luft zerflicßlich, sowie im Wasser leicht löslich und leicht schmelzbar. Bei Staßfurt werden bedeutende Mengen gewonnen und auf Kalisalze verarbeitet; andere Fundorte sind Kaluß in Galizien und Maman in Persien. Lehmann. Carnarvon, Grafschaft, so v. w. Caernarvon. Caruarvon, Henry Howard Molyneux Herbert, 4. Graf von, aus dem berühmten Geschlechts der Grafen von Pembroke, engl. Staatsmann u. Philanthrop, geb. 24. Juni 1831 in London. Während C. mit hoher Auszeichnung seinen Universitätsstudien im OliristOdnroll OoUsAs zu Oxford oblag, verlor er, noch ehe er seine Volljährigkeit erreicht, 1849 seinen Vater, der als Politiker, Schriftsteller u. Reisender eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hatte. Dadurch ward er des Vortheils beraubt, den die Söhne der Peers in England meist genießen, nämlich sich während der Lebenszeit des Vaters im Unterhausc als Politiker n. Staatsmänner auszubilden. Nach erreichter Volljährigkeit nahm C. im Oberhanse auf der conservativen Seite seinen Sitz u. strebte sofort, wenn auch zuerst nur mit zweifelhaftein Erfolge, parlamentarische Auszeichnung an. 1854 ward er zum Gouverneur von Caernarvon Castle ernannt, u. 1858 berief ihn der Graf Derby (s. d.) als Unterstaatssecretär für die Colonien in sein Ministerium. In diesem Amte entfaltete er ebenso große Geschäftsgewandtheit, wie Umsicht u. Thä- tigkeit. Nachdem er 1859 zum 8i§Ii Ltsvmrt der Universität Oxford ernannt worden war, trat er in demselbenJahre, beim Falle des Ministeriums Derby, von seinem Staatsposten zurück u. benutzte seine ans diese Weise gewonnene Muße zu einer Reise nach dem Orient. Die Fehden der Stämme des Libanon waren in einer Massacre der dortigen Christen ansgebrochen, u. C. gab der Welt den Vortheil seiner Erfahrungen u. Untersuchungen in dem interessanten Werke: RooaUsotions ok ürs Drusos ok tirs IHmnon, Land. 1860. Nach seiner Rückkehr hielt er an vielen Orten in England Vorlesungen u. im Hause der Lords gehaltvolle Reden über Gcfängnißdisciplin, Erziehung u. andere sociale Themen. Als die Conservativen 1866 wieder ans Staatsruder gelangten, erhielt C. vom Grafen Derby das wichtige Amt eines Staatssekretärs für die Colonien mit einem Sitze im Cabinet. Von Vielen seiner schwierigen Aufgabe für nicht gewachsen gehalten, widerlegte er jedoch bald alle Befürchtungen durch in jeder Hinsicht glänzende Verwaltung. Die wichtigste n. weitreichendste seiner Maßregeln war die Confödera- tion der britischen Colonien in Nordamerika als Dominion ob Oanaäa, welche er 1867 im Parlament mit großer Staatsklugheit durchsetzte. Doch ehe seine Bill noch die königliche Sanction erhalten, war C. mit zweien seiner Collegen aus dem Cabinet geschieden, weil er der Resormbill der Derbyschen Negierung, als einer seiner Ansicht nach zu demokratischen u. schädlichen Maßregel, seine Zustimmung nicht ertheilen konnte. 1869 gab C. seines Vaters Lsminisesnees ok ^tllens anä tlls Llorva heraus u. 1875 eines der bedeutendsten Werke seines Freundes, des berühmten 508 Carnation — Carncval. Theologen und Philosophen Mansch Decans von St. Pauls, unter dem Titel: Plis Cnostio Hs- rssiss ob tbs ürsb snä ssoonä Qevtnriss, b/ 8. I,. Nsnssl, Ososn ob 8b. Pauls, rvitb a sksbsli ok Ins rvork, liks snä olrsrsotsr. Bei der Bildung eines conservativen Ministeriums i. I. 1874 ward C. abermals Colonialminister u. zeichnete von Anfang an seine Verwaltung wieder durch große Maßregeln aus, namentlich durch sein Bestreben, die Colonien u. kleinen Staaten von SAfrika in eine ähnliche Conföderation zu vereinigen, wie die von Britisch-NAmerika; augenblicklich (Mitte 1875) schweben die Verhandlungen darliber noch. Bartling. Carnation (v. Lat.), die Nachahmung der Hautfarbe am menschlichen Körper in der Malerei; hat wegen der gebrochenen, an keiner Stelle deutlich u. bestimmt hervortretenden Farbentöne der Haut große Schwierigkeiten u. erfordert sowol ein genaues Studium der Natur, als auch technische Erfahrung in Bezug auf die Mischung der Farben, die ein dem Flcischton ähnliches Colorit erzeugen. Die C. ist verschieden nach Maßgabe des Alters, der Nation, des Geschlechtes, ja nach der Individualität jedes einzelnen Menschen, bald mehr ins Bräunliche, bald ins Rothe spielend. Außer der Färbung ist dabei auch zu beachten, daß die Illusion der Rundung der Formen erzeugt wird, weshalb die Farbe nicht zu dünn aufgetragen werden darf u. die pastlose Behandlung vorzuziehen ist. Correggio, Tizian, Rubens, Van Dyk waren in Behandlung der C. Meister. Carnatis (aus dem sanskrit. Karnata), Name des südöstl. Küstenstriches des britischen Vorder- Jndien, von Cap Comorin im S. bis Gnntur im N., in einer Breite von ungefähr 50 km, übrigens mit nicht genau bestimmten Grenzen. Nach gegenwärtiger Bezeichnung umfaßt es die Districte Tinevelli, Madnra, Trichinapalli, Tand- schur Salem, Arkot, Nellur der Präsidentschaft Madras (s. d.) in administrativer Beziehung. Ursprünglich das alte Reich Karnata, fiel es nach der mohammedanischen Eroberung an die Reiche von Golkonda u. Bidschapnr, nach deren Einverleibung durch den Großmogul an die Statthalter des Dekhan. Im 18. Jahrh. machten sich die Nabob von C. mit der Hauptstadt Arkot unabhängig, als erster Anwareddin 1748, u. spielten eine bedeutende Rolle in den Kämpfen der Engländer n. Franzosen um die Oberherrschaft, deren hauptsächlicher Schauplatz dieser Landstrich war. Seit 1801 wurde ihre Macht auf den Titel beschränkt; 1855 ist auch dieser mit dem Tode des letzten Nabob erloschen. (Näheres s. Indien, Gesch.) Carnanbalvachs, aus den Blättern einer brasilianischen Palmenart, Loxsrnieis ssriksrs, ausschwitzend ; ist hellgelb, schmilzt bei 84" u. enthält viel Meliffylalkohol, der beim Verseifen daraus erhalten wird. Clören. Carnc, Louis Marcelin, Graf v., franz. Staatsmann u. Schriftsteller, geb. 17. Febr. 1804 in Qnimper, aus einer adeligen Bretagner-Familie; trat 1825 in den Dienst des Ministeriums des Auswärtigen, ging 1830 als diplomatischer Attache zur Regierung Ludwig Philipps über, war seit 1839 Mitglied der Depntirtenlämmer, hielt 1840 zur Opposition gegen Gnizot n. kämpfte für die sog. Unterrichtsfreiheit der Kathol. Kirche; wurde 1847 Directionschcf des Handels im Ministerium, trat aber 1848 in das Privatleben zurück, wurde 1863 Mitglied der Akademie n. erwies sich bei allen Gelegenheiten als streng kirchlich n. päpstlich gesinnt. Er schr.: Vnss sur 1'llisboirs ooutsm- porains, 1833; Oss intsrsbs nonvssux enDuropo äspuis In rörolnbion cko 1830, 2 Bde., 1838; Ltuäss sur 1'Iiisboirs äu Convsrnsinsnb rsprö- ssnbstick su Prsuos, 2 Bde., 1855; Lbuäss sur Iss ckonästsurs äs 1'units ckrsnysiss, 2 Bde., 1848—56; I/Hurops st Is ssoonä Lmpirs, 1865; 8onvsnirs äs ms, zsunssss, 1873. Sein Sohn machte 1866—68 als Attache im Ministerium des Auswärtigen die franz. Expedition nach dem Mekong in Hinter-Jndien mit u. schr. darüber in der Rsvus äss Dsux Llonäos. Ein Neffe von C., Jules, that sich seit 1862 als Romanschriftsteller hervor. Carneiro da Sylva, Joachim, portngics. Graveur, Stecher u. Schriftsteller, geb. 1727 in Porto, gest. 1818; ging mit 12 Jahren nach Rio de Janeiro u. ward dort Schüler des Miinz- gravenrs Juan Gomez, kehrte 1756 nach Lissabon zurück, ging 1757 nach Nom u., weil alle Portugiesen von dort abgerufen wurden, nach Florenz, um sich weiter anszubilden; er gründete dann in Lissabon eine eigene Schule, die sehr besucht ward. Hauptwerke: Die Reiterstatue König Josephs; Der hl. Joseph mit dem Christkinde; Die Anrufung Marias. Er lieferte die Stiche zu Clarants Elementen der Geometrie u. zu Carvalhos Reitkunst. Rcg>m- Carncöl (8sräs, 6srniols), gelblich-rothe Abart des Chalcedons, nach seiner Farbe benannt. Diese wird durch Glühen bedeutend erhöht, indem sich das färbende Eisenoxydhydrat in Eisenoxyd verwandelt. Geschätzt sind namentlich die aus einer rothen und einer weißen Lage bestehenden, weil sie sich zu Cameen eignen. Der berühmte Ring des Polykrates soll mit einem solchen Steine versehen gewesen sein. Einfarbiger C. wird zu Petschaften rc. verschlissen. Er kommt in gleicher Weise wie der Chalcedon vor (s. d.). r-hm-mn. Carnero, Meerbusen, so v. w. Quarnero. llarnos (lat., Plural von Osro). Fleisch. Harnet (fr.), Geschäftsbuch, Schreibtasel, Schuldregister. Larneus (lat.), 1) fleischig; 2) fleischfarben. Carneval (v. it. 6srns mit dem lat. Imperativ vsls: Fleisch, lebe wohl! n. A. vom frz. 6sr usvsl, Schiffswagen, weil die Göttervermummun- gen am Nerthusfeste in einem ans Rädern ruhenden Schiffe gezogen wurden; damit stimmt die franz. Schreibart Osrusval überein; im Mittelalter Osrno- espium, Osruiprivinin (Fastnacht)), eigentlich die Zeit von dem Feste der heiligen Drei Könige bis zu Aschermittwoch, während welcher man von Alters her, besonders in Italien, sich durch mancherlei Lustbarkeiten im voraus für die Enthaltsamkeit der Fastenzeit schadlos hält. Fast überall aber ist die Zeit der Dauer des C-s weit kürzer angesetzt, u. die eigentlichen Lustbarkeiten währen nur 8, in Deutschland oft nur 3 Tage. Die Entstehung des C-s hängt wahrscheinlich mit der Feier ^ Carneval. 509 rer Frühlingsfeste, besonders der Lupercalien (s. d.), zusammen, welche, da die Christliche Kirche in einer bestimmten Zeit vor Ostern Entsagung gebot, vor den Eintritt dieser Zeit verlegt wurden, hat jedoch auch Elemente der Bacchanalien u. Saturnalien ausgenommen. Im Mittelalter wendete sich der C. m Italien in seiner ganzen Pracht nach Venedig; von da aber, als der Glanz dieser Stadt im 18. Jahrh. erbleichte, nach Rom. Nach dem Typus dieser beiden Städte richtete sich dort der C. in den übrigen Städten ein, obschon mit weit geringerem Glanze. Das ganze Volk einer großen Stadt Italiens scheint, sobald sich die C-szeit (in Rom die 8 Tage vor Aschermittwoch) naht, keinen anderen Gedanken zu hegen, als den C.; nach u. nach wachsen an Zahl auf den Straßen die das Fest charakterisirenden Masken aller möglichen Gattungen, n. Jeder sucht seine Rolle neckend u. geneckt werdend mit italienischer Lebendigkeit u. Geschick gut u. consequent durchzuführen. Geistliche Masken sind verboten; satirische sind selten; schöne Costüme kommen nur hei den Frauen vor, die gefallen und ihre Schönheit ins Licht stellen wollen. Die Polizei schützt jede Maske und hält strenge Ordnung auch durch Militärwachen, die überall aufgestellt sind; Waffen, besonders heimliche, sind streng verpönt. Fast jede Stadt in Italien hat einen Corso, d. h. eine lange, breite Straße, so daß mehrere Wagcnreihen neben einander fahren können, an den Seiten mit Trottoirs für die Fußgänger. Hier ist der Platz, wo sich die Masken zusammcndrängen u. 2 lange Reihen Wagen an Wagen langsam hinfahren; zwischen ihnen bleibt ein freier Raum. Diese Wagen sind offen n. unbedeckt u. auch mit Masken, besonders von schönen Frauen, besetzt. Bediente n. Kutscher sind ebenfalls maskirt; Beide nehmen von Bekannten beiderlei Geschlechtes so viel mit auf ihren Tritt u. Bock, als diese nur zu fassen vermögen; zuweilen sind auch die Pferde maskirt. Um diese Wagen herum u. zwischen ihnen wogt nun das Maskengedränge, Viele sitzen auch maskirt auf den Balcons u. in den Fenstern, od. gehen, stehen u. sitzen auf freien Plätzen. Den allgemeinen Jubel erhöht noch das Werfen mit Oorckettti, ursprünglich kleinen Zuckerplätzchen, später in Gips u. Kalk nachgeahmt, jetzt von Korianderkörnern, Mehl u. Zucker. Wenn die Dämmerung eintritt, erfolgt ein Wettrennen von Pferden ohne Reiter; wenn das erste am anderen Ende ankommt (wofür dessen Herr als Siegeszeichen il ?al'1io, ein golddurchwirktes Stück Zeug, erhält), fällt ein Kanonenschuß, u. somit ist die Ordnung der Wagen gelöst, u. Alles eilt demaskirt in die Theater, wo große Stücke gegeben werden. Andere eilen den ^Sabines, den deutschen Maskenbällen ähnlich, zu, noch Andere in die Ostorias, wo bis zum Morgen geschmaust wird. Den Schluß des italienischen C-s bezeichnen noch die Moccoletti, kleine Kerzen, die von Beginn der Dämmerung an Jeder anzündet und die im Nn in der Hand aller Masken sind. Jeder sucht den Moccolo seines Nachbars auszulöschen u. dieser ebenso schnell ihn wieder anzuzünden. Erschöpft auch von diesem Scherze, eilt dann Jeder nach Hause, oder in die Osterien, um sich durch eine tüchtige Mahlzeit mit Fleischspeisen zu stärken auf die Fasten, welche dieselbe Nacht mit dem Glockenschlage der Mitternacht znni Aschermittwoch beginnen. In Frankreich wurde der C. lange nicht anders gefeiert, als daß eine größere Freiheit für Tanzvergnüg- nngen, namentlich für Maskenbälle, u. ein lebendigeres geselliges Leben in Privatzirkeln stattfand. Nur das Aufhören des Fleischessens wurde dadurch angedeutet, daß der Losni Arno (Fastnachtsochse, ein fetter Ochse mit vergoldeten Hörnern u. mit Bändern verziert) durch die Straßen zur Schlachtbank geführt wurde. Diese Nmführung des Fast- nachtsochsen in Begleitung historischer Costüme findet jetzt noch alljährlich am Sonntag vor Fastnacht in Paris statt. Außer den 3 llours Aras (fetten Tage), welche mit dem Sonntag vor Fastnacht beginnen und mit dem Llaräi Aras (fetten Dienstag) endigen, feiern einige französische und schweizerische Orte auch die Lli-eniews (Mittfasten) u. gestatten an diesem Tage einen Maskenaufzug. Bei den germanischen Völkern fielen in die ersten Zeiten des neuen Jahres Feste, welche mit Schmausereien und Verkleidungen gefeiert wurden: so in Skandinavien das Julfest, rn Nieder-Deutschland das Schoduvcllaufen (s. d.). In Deutschland bildete sich im Mittelalter Ähnliches wie in Italien unter dem Namen Fasching ans, u. man trieb dort als Mummenschanz allerhand Kurzweil (Fastnachtspossen) u. Verkleidungen, die der Hanswurst durch seine plumpen Scherze würzte. Auch dramatische Vorstellungen (Fastnachtsspiele) fanden seit dem 13. bis ins 17. Jahrh. statt, indem anfangs Jeder den durch Verkleidung übernonimenen Charakter durchführte, später ganze Gesellschaften verabredete Späße extemporirten, was nach u. nach geschriebene Fastnachtsspiele, wie sie Hans Folz, Hans Rosenplüt, Hans Sachs lieferten, ver- anlaßte. Sie wurden die erste Veranlassung zu dem entstehenden Theater. Im 17. Jahrh. kam der Fasching wieder ab, u. erst die Franzosen, als sie 1796—1814 Italien erohert hatten, führten den C. auch in französischen und deutschen Städten ein, so daß selbst in Paris eine Art C. auf den Straßen war. Gleiches fand am Rhein, in Köln, Koblenz, Straßburg, in Süddeutschland, z. B. in Nürnberg, München rc., statt. Doch fehlte dort immer ein Corso u. die ganze südliche Nationalität. Jetzt ist der C. dort bedeutungsloser geworden und zeigt sich mehr in der Weise der Nordländer in Sälen n. Hallen durch Fastnachts- anfzüge (besonders glänzende in München u. Düsseldorf durch die Mitglieder der Kunstakademie aus- gesührt) u. Fastnachtsscherze, Spiel u. Tanz. Nur an einigen Orten, so in Basel, wo die Fastnacht eine Woche später, als sonst Mich, begangen wird, in Mainz u. vornehmlich in Köln, blieb der C. lebensfrisch u. eine Art Volksfest. Verschiedene Gesellschaften haben sich dort zum Zwecke der C-s- feier gebildet, welche nach Neujahr zur Berathung über die aufzuführenden Scherze zusammentretew Die Mitglieder erscheinen in den Sitzungen mit der Narrenkappe und tituliren sich während der Dauer derselben Narr. Der Festzug geht gewöhnlich von einer allgemeinen Idee (z. B. der Hochzeit des Prinzen C. mit irgend einer allegorischen Prinzessin) aus, die launig u. witzig durch- 510 Carniccr — Carnot. geführt wird, u. an die sich die anderen, oft satirischen Maskenscherze anreihen. Nachahmungen des Kölner wie des italienischen C-s sind seit 1867 in Leipzig, theilwcise auch seither in Berlin und Hamburg versucht worden. Eine dem römischen C. ähnliche Volksbelustigung ist in Brasilien der Jntrndo (s. d.). Carnicer, Don Ramon, span. Operncom- ponist, geb. 1789 zu Tarrego in Catalonien; war seit 1818 Kapellmeister der Oper zu Barcelona n. wurde 1828 Kapellmeister des König!. Theaters zu Madrid, 1830 Professor der Composition am Eonservatorinm in Madrid; st. hier 17. März 1855. Er setzte, immer bemüht, eine spanische Nationaloper zu gründen, u. a. die Opern: ^.äola äs Vnsi§nano, Norm z- Vonstantino, von Inan vsnorio, Vlsna )'Xlalvina, VI Oolov, VIVulsmio äs Llsssiim, Ismalin n. Ipermnestra; außerdem Kirchcnstücke u. Todtenniesien. Osrnlkex (lat.), Scharfrichter; daher Onrniüsiim, 1) Scharsrichterei; 2) Richtplatz; 3) Folterkammer, Folter; carnificiren, 1) zerfleischen; 2) martern. Car Nikobar, Hanptinsel der Nikobaren- Gruppe im Jnd. Ocean (s. Nikobaren). Caruin (v. lat. oaro, Genit. snrois, Fleisch; Chcm.) -i- vzO, aus dem amerikanischen Fleischextract als weiße mikroskopische Kry- stalle dargestellt, schwerlich löslich in kaltem, leicht löslich in kochendem Wasser, in Alkohol u. Äther unlöslich; schmeckt schwach bitter u. verbindet sich mit Säuren, Gasen u. Salzen. Clören. esrnipnvium, so v. w. Fastenzeit; daher 6. votus, Anfang der Fasten, mit dem Sonntag HuaärnZssiiims, und 0. novum, Anfang der Fasten mit dem Sonntag (juinguaZssimns. Osrmvorn (lat.), fleischfressende Thiere. Carnot, 1) Lazare Nicolas Marguerite, Gras, sranz. Staatsmann, geb. 13. Mai 1753 zu Nolay in Burgund; studirte Mathematik u. trat 1771 ins Gemecorps. Bei Anfang der Revolution war er Hanptmann, wurde 1791 Deputirter der Gesetzgebenden Versammlung u. stimmte als Conventsmitglied für Ludwigs XVI. Tod. Im März 1793 wurde er zur NArmee gesandt; er cassirte den feigen General Gratien, stellte sich an die Spitze der Truppen u. errang den Sieg bei Wattignies, der den Entsatz von Maubeuge zur Folge hatte. C. wurde nun Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, beschränkte sich dabei aber auf Leitung der militärischen Geschäfte. Wie durch ein Wunder organistrte er 14 Armeen. Obwol persönlich allen Gräueln des Wohlfahrtsausschusses fremd, wollte er sich gleichwol von seinen gestürzten College» nicht trennen. Nach Einführung der Constitution v. I. III (1795) erwählten ihn 17 Departements zu ihrem Vertreter; dann ward er zum Mitgliede des Directoriums gewählt. In Miß- Helligkeiten mit Barras gekommen, wurde er durch dessen Partei gestürzt u. 4. Sept. 1797 zur Deportation verurtheilt, welcher er durch die Flucht nach Deutschland entging. Durch Aufdeckung der Schändlichkeitcn seiner College» in der Schrift llöponss äs 0. au rgpporb kalb sur la oonsura- tivu äu 18 vruetiäor au V. sbo., Lond. 1799, deutsch, Hamb. 1799, beförderte er deren Sturz. Nach dem 18. Brumaire ward C. znrückbcrufen u. Inspeeteur aux rsvuss, im April 1800 aber Kriegsniinister; jedoch trat er von diesem Posten bald wieder ab, da seine Ansichten nicht die Napoleons waren, gegen dessen lebenslängliches Con- sulat u. Kaiserwürde er als Glied des Tribunals, in welches er 19. März 1802 berufen war, stimmte, der Einzige in diesem ganzen Körper. Nach der Aufhebung des Tribunals privatisirte er, völlig arm u. bis 1808 sogar ohne jede Pension. Als Frankreich nach den Napoleonischen Niederlagen selbst angegriffen wurde, bot C. seine Dienste an, n. nun ward ihm die Vertheidignng Antwerpens anvertrant, das er, erst als Napoleon abgedankt hatte, auf Ludwigs XVIII. Befehl übergab. Durch eine die Principien der Freiheit verthcidigende Denkschrift an Ludwig XVIII. (wider seinen Willen bekannt geworden u. gedruckt) machte er sich den Bourbonen verhaßt, u. als er bei Napoleons Rückkehr unter Erhebung zum Grafen und Pair das Ministerium des Innern übernommen hatte u. nach dem zweiten Sturze des Kaisers Mitglied der Provisorischen Regierung geworden war, wurde er vom König in der Verordnung vom 24. Juli einbegriffen, d. h. aus Frankreich verbannt. Er ging zuerst nach Warschau, dann nach Magdeburg, wo er 3. Aug. 1823 starb. Er sehr. u. a. noch: VloAs äs Vnubav, Dijon 1783; Vssai sur Iss maoirmss en Asnsral, eb. 1786, n. Anfl., 1810; Osuvrss mablismnbiguss, Basel 1796; vsüsxions sur In mstaxli^sigue än ealvul inünitssimal, Par. 1796,4. Aust., 1860, deutsch von Hauff, Franks. 1800; vrnits äs In oorrslaiion äs ÜSurss äs Aso- mstris, Par. 1801; Cöomstris äs Position, edd. 1801, deutsch von Schumacher, 2 Thle., Altona 1808—1810; Vs In äslenss äss piness kortes (auf Befehl Napoleons geschrieben, worin er eine eigene Befestigungsmanier, s. Carnotsches Befestigungssystem, aufstellte), ebd. 1809, 3. Aust., 1812, Braunschw. 1814, deutsch von Rühle v. Lilienstern, 1811, 2. Aust., 1816; vxposs äs Is, von- äuits politigus äs 0. äspuis Is 1. Inillsb 1814, ebd. 1815; Oorrssponäauos äs Xkapoleon vno- naparts nvsv Is oomts 0. psnäsnb Iss 6snt-jours, Par. 1819; von Huioüots (komische Epopöe), Lpz. 1820; Mmoirss bist, sb milib., 1824. Lebensbeschreibung von Rionst, Gent 1817; von W. Körte, Lpz. 1820; von Arago, Par. 1850; W- inoirss sur 6., herausg. von C. 2), Par. 1881 bis 1864, 2 Bde. Vgl. Arago, LioArnpIüs äs 6., ebd. 1850. 2 ) Lazare Hippolyte, franz. Pnblicist u. Staatsmann, Sohn des Vor., geb. 6. April 1801 in St. Omer; begleitete seinen Vater in die Verbannung, kehrte nach dessen Tode nach Frankreich zurück, übernahm aus Juliens Händen die neu gegründete Rsvus onez-olopsäigus, welche er besonders der deutschen Literatur widmete. Anfangs St.-Simonist, trennte er sich später von dieser Partei, gegen deren Ausschreitungen er kräftig auftrat. Er redigirte verschiedene socialistische Zeitschriften und versuchte einem vernünftigen Socialismus Bahn zu brechen. Seit 1839 wurde er öfter in die Deputirtenkammer gewählt. 1840 war er Berichterstatter der Befestigungsfrage. Grundsätzlich ein Republikaner, nahm er wesentlich theil an der Februarrevolution 1848 u. trat als Minister des Unterrichtes in 511 Carnvtschos Befcstigungssystcm — Caro. dis provisorische Ministerium vom 24. Febr.; Ca- vaignac beließ ihn in dem Ministerium vom 28. Juni, doch trat er schon Anfang Juli ans. 1850 in die Gesetzgebende Versammlung gewählt, hielt er sich zur äußersten Linken; imDec. 1851 wurde er beseitigt. 1852 n. 1857 in Lyon in die De- putirtenkammer gewählt, konnte er nicht eintreten, weil er dem Kaiser den Huldigungseid verweigerte; erst 1863, als dieses Hinderniß beseitigt war, trat er ein und gehörte zu der Opposition; bei den Wahlen 1869 mußte er Gambetta weichen, doch wurde er 1871 wieder in die Nationalversammlung gewählt. Er übersetzte Müllers Griecheu- lieder(1828); gab Llsmoirss von Gregoires(1837), Bertr. Bardre (1842 f.) u. über seinen Vater heraus; schr.: Oxposs äs In äootriuo 8t.-8lMorüsnns, 1830; Rsüsxlons snr 1a ckomsstäoibs, 1838; Oos äevoirs siviguss äss milibaiiss, 1838; 8ur Iss prisons ei Is Systems psnitsntiairs, 1840; Os l'osdavgSS oolorüal, 1845, u. a. Sein ältester Sohn Franz, Ingenieur, geb. 11. Aug. 1837, war während des Krieges Präsect des Depart. der unteren Seine, wo er die Landesvertheidigung organisirte, und ist seit 1871 Deputirter der Nationalversammlung, wo er sich der äußersten Linken zugesellte. i--* Carnotsches Befestigungssystem. Der Widerstand, welchen viele Plätze in den Kriegen Napoleons geleistet hatten, gab dem Kaiser der Franzosen die Veranlassung, 1809 au Carnot (s. d. 1) die Aufforderung ergehen zu lassen, eine Instruction zu verfassen, welche die commandirenden Offiziere in den Festungen ebenso wol auf die Pflichten, als auf die Mittel der Vertheidigung aufmerksam machen sollte. Carnot gab von 1810 an infolge dessen sein berühmtes Werk heraus, in welchem er alle Pflichten für Vertheidigung der Festungen in zwei Punkte zusammeufaßt: der Commandeur der Festung muß lieber sterben wollen, als sich ergeben, u. er muß alle Mittel der Kunst kennen, welche die Vertheidigung sichern. An die Spitze aller dieser Mittel stellt Carnot den Gebrauch der blanken Waffen. Zahlreiche und schnell ans einander folgende Ausfälle sind in seinen Augen das einzige Mittel, eine glänzende Vertheidigung herbeizuführen; diese Ausfälle sollen nicht in großer Entfernung vom Platze, sondern erst dann unternommen werden, wenn der Feind die 3. Parallele errichtet, oder das Glacis krönt, oder sich in den Außenwerken logirt. Um diese Ausfälle aber schnell u. kräftig genug ausführeu zu können, was bei dem bisherigen Bastionär- system nicht möglich war, schlägt er vor, die Contrescarpe des Hauptgrabcns ganz wegzulassen u. statt ihrer eine sanfte, rampenartige Böschung anzulegeu (Olaols sn oontrspenbs), auf welcher der Ausfall von der Sohle des Hauptgrabcns schnell und sicher auf das Glacis gelangt. Der Feind, glaubt Caruot, müsse hiergegen sehr starke Traucheewacheu bereit halten. Diese sollen aber durch zahlreiches Berticalfeuer aus kasemattirten Wurfbatterien überschüttet werden, so daß sie sich nicht in der Parallele halten können u. zurückgezogen werden müssen. Hierauf sollen sogleich wieder die Ausfälle beginnen rc. Wenn auch diese Theorie Carnots theilwcise verfehlt ist, da erfahrungsmäßig die Wirkung der Wurfbatterien weit hinter seinen Erwartungen zurückbleibt, so sind dennoch diese Vorschläge als bedeutsam zu bezeichnen. Und wenn diese Vorschläge auch nicht von ihm erfunden wurden (denn die Wurfbatterien entlehnte er von Virgin, u. das (Auers ou eoirbrs- psnbs kam schon bei den Römern zur Anwendung u. später hatten schon Rimpler, Glaser, Rottberg u. A. dasselbe vorgeschlagen), so gebührt ihm doch das Verdienst, diese wichtigen Vertheidigungsmittel mit mehr Nachdruck empfohlen zu haben, als irgend ein Ingenieur vor ihm. Von den übrigen Vorschlägen Carnots, welche er in seinen 3 Manieren angewendet wissen wollte, verdienen besonders der innerhalb des Hauptwalles angelegte Generalabschnitt, die Anwendung der Contregarde u. die Errichtung einer crenelirteu Mauer, deren Vertheidiger durch Arcaden gegen das feindliche Wurffeuer vollkommen gedeckt sind, Anerkennung. Auch schlägt er zur Verstärkung schon bestehender Bastionärbefcstigungen die Anlage einer General- couvreface vor. In seiner ersten Manier zeigte Carnot die Anwendung des Bastionärsystems nach seinen Grundsätzen; er wollte diese Befestigung angewendet wissen, wo ein vorzugsweise ebenes u. trockenes Terrain, welches erst bei mehr als 3,g m Tiefe Wasser hat, die Anlage sehr starker Profile gestattet u. das Defilement nicht erschwert. In der zweiten u. dritten Manier wendete er die Tenaillenbefestigung an, n. zwar in der zweiten für ein nasses, in der dritten für ein bergiges Terrain. Als allgemeine Nachtheile seiner Vorschläge bezeichnet^ man: Mangel an bombensicheren Räumen u. die Gefahr, daß bei dem (Auers sn oontrspsnbs der Feind mit den zurückgewor- fenen Ausfalltruppen gleichzeitig in den Platz ein- dringen könne. Keine seiner Manieren ist vollständig zur Anwendung gekommen. s-" Carnuntum (a. Geogr.), alte keltische Stadt am Danubius in Ober-Pannonien; wurde im Jahre 9 n. Chr. römisch mit dem Range einer Muni- cipalstadt, nach Anderen Colonie u. Waffenplatz. Hier lag die Donauflotte u. eine römische Legion; Severus n. Liciuius wurden hier zu Cäsaren procla- mirt, u. Marcus Aurelius hielt sich von 178 n. Chr. 3 Jahre lang im Markomannenkriege hier auf. Es wurde 375 von den Quadeu zerstört; wiederhergestellt, wurde es von Attila von Neuem verwüstet. Es lag bei dem jetzigen Petronell, unweit Presburg, ungefähr dem Einfluß der March gegenüber, n. in neuester Zeit wurden bei Petronell Bäder u. Gräber aufgefnudcn; auch das dortige Heidenthor stammt aus jener Zeit. Carnüten (a. Geogr.), Volk im Lugdun. Gallien, zwischen Liger u. Sequana, mit der Hauptstadt Genabum (jetzt Orleans). Sie waren Schutzgenoffen der Reiner, vertheidigteu ihre Unabhängigkeit tapfer u. waren die Ersten, die in den allgemeinen Bund im I. 53 n. Chr. gegen Cäsar traten. llsro (lat.), Fleisch. 0. luxurruns, üppig wachsendes Fleisch, die zu üppig wachsenden Fleischwärzchen (Granulationen) bei der Heilung von Geschwüren, Wunden rc. Caro, Annibale, italienischer Schriftsteller u. Dichter, geb. 1507 in Cittanuova; trat nach beendeten Studien als Hauslehrer in die Familie 512 Carvja — des vornehmen Ludovico Gaddi in Florenz ein, kam dann in die Dienste von dessen Bruder, Giovanni Gaddi, welcher ihn später mit nach Nom nahm u. gut versorgte. Er diente nach u. nach dem Herzog Farnese von Parma u. Piacenza als Botschafter u. den Cardinälen Ranuccio u. Ales- sandro Farnese als Secretär. Er st. in Nom 1566. C. gilt für den verdienstvollsten Pfleger des toscanischen Dialekts der ital. Sprache, die er durch seine literarischen Arbeiten (Lnsiäs äoi Virxilio, Ven. 1581, Par. 1760, 2 Bde.; La Lisolisiäs; Lotters tamiZIiari, Ven. 1572—75, Mail. 1807, 6 Bde.; Lotters insäiti, herausg. v. Mazzuchelli, Mail. 1829; 6Ii straeoioni, oom- moäia, Mail. 1572; Lims, Mail. 1569) ganz entschieden förderte, weshalb er in Bezug aus correcten u. schönen Stil unter die ital. Classiker gerechnet wird. Gesammtausgabe seiner Werke, Ven. 1757, 6 Bde., Mail. 1806, 6 Bde. (in der Sammlung der Olassiol Italiani). 2) Jakob, deutscher Geschichtsorscher, geb. 2. Febr. 1836 in Gnescu; verlegte sich nach vollendeten Studien mit Vorliebe auf die polnische Geschichte, trat 1863 in Jena als Docent auf, wurde hier, nachdem er die Großfürstin Helene auf einer Reise durch Rußland begleitet, Professor der Geschichte, 1868 aber in Breslau. Er schr.: DaS Interregnum Polens im I. 1586, Gotha 1861; Geschichte Polens (für Heerens u. Uckerts Gesch. der enrop. Staaten, begonnen von Roepell), Bd. 2 u. 3, Gotha 1865 u. 68; Lessing u. Swift, Jena 1869; ein Formelbuch der polnischen Königskanzlei, Wien 1872, u. verschiedene kleinere Schriften. 3) Elme-Marie, geb. 4. März 1826 in Poitiers; war seit 1848 Lehrer an den Lyccen zu Angers, Rouen u. Rennes, Professor der Philosophie zu Douai, 1858 Lehrer an der Normalschule zu Paris, 1861 Inspektor der Akademie daselbst u. wurde 1864 Professor an der Facultät der Wissenschaften. Er schr. u. a.: Ln mz'stioisms an 18.8ise1s, Par. 1852—54; Ltuäes morales snr Io tsmps present:, 1855; Lien st sos nonvoanx oritignos, 1864; La pdilosopiiie äs 6oetiie, 1866, deutsch als Goethe-Studien, von I. Germack, Przemysl 1867. i) B°°ch-Ari°ssy. Caröja (Barocha, span.), die mit Teufelsbildern bemalte Mütze der von der Inquisition ver- urtheilten Ketzer bei den Autos da Fe. Carolath-Beuthen, eine nach dem Flecken Carolath u. der Stadt Nieder-Benthen im Kreise Freistadt des preuß. Regbez. Liegnitz benannte Standesherrschaft; 250 dsüm (4H s^W); 11,000 Ew. Sie gehörte der Familie Schönaich, deren Glieder 1551 in den Reichsfreiherrn-, 1700 in den Reichsgrafen- und 1741 in den Fürstenstand unter dem Namen von C.-B. erhoben wurden u. welche unter demselben noch blüht. Der gegenwärtige Fürst Karl, geb. 14. Febr. 1845, ist erbliches Mitglied des Preuß. Herrenhauses, sowie Mitglied des Deutschen Reichstages; vermählt seit 1866 mit Elisabeth, geb. Prinzessin von Hatzfeld. Carole, sonst in Frankreich u. Belgien Lied zur Begleitung der Carola oder Branle, von Einem, der Refrain von Allen gesungen. In England waren die Carols auch solche Tanzlieder; dann auch heißen die geistlichen Jubelgesäuge so, z. B. Liiriotmns Oarol, Weihnachtslied. Carolinen. Carolina (Ooustitutio Oarolina, oriminalis), die unter Kaiser Karl V. im I. 1532 publicirte Peinliche Halsgerichtsordnung (s. d.). Carolina, 1) (La C.) Stadt u. deutsche (1767 vom Minister Olavides gegründete) Colonie rn der Sierra Morena der span. Prov. Jäen; im Viereck mit rundem Markte angelegt; Tuch- u. Leinwandweberei; 4000 Ew. 2) Landschaft im SO. der Verein. Staaten von NAmerika; wurde schon 1497 von Sebastian Cabot gesehen, dann 1512 von dem span. Seefahrer Ponce de Leon als Theil von Florida besetzt, vorübergehend von französischen Hugenotten besiedelt, aber 1660 von Karl IL von England in Besitz genommen n. nach seinem Namen benannt. Der Philosoph Locke erhielt 167» den Auftrag, eine Verfassung für C. auszuarbeiten, die sich aber als unpraktisch erwies u. wieder aufgegeben werden mußte. 1729 wurde das Land von den englischen Edellenten, denen es die Krone verliehen hatte, an dieselbe zurückverkauft u. in die zwei Colonien Nord- u. Süd-C. getheilt (s. u. Nord-C. u. Süd-C.). Caroline, 1) County im nordamerik. Unionsstaate Maryland, mit. 38° n. Br. u. 75° w. L; 12,101 Ew.; Countysitz: Denton. 2) County im nordamerik. Unionsstaate Virginia, mit. 38° n. Br. u. 77°w. L.; 15,128 Ew.; Countysitz: Bowling Green. Öarolinss L., s. Laoiiira. Carolinen (Carolinische Inseln, Neuphilippinische Inseln), Gruppe von 4—500 Inseln im Großen Ocean, zwischen 3" u. 11° n. Br. u. 152° u. 180° ö. L. (von Ferro), von Einigen zu Asien, von Anderen zu Australien gerechnet; sie stehen größtentheils auf Koralleubänken u. sind niedrig, nur wenige, die östlichsten, haben Berge bis zu 970 m Höhe, mit dichter Waldung besetzt; zur Zeit, wo die Monsune wehen, heftigen Stürmen u. Erdbeben ansgesetzt; Trinkwasser, Bäche u. Flüßchen nur auf den größeren Inseln, die kleineren haben nur Quellen u. Lachen; angenehmes Klima. An Thieren gibt es außer dem von den Europäern eingesührten Rindvieh, Schweinen, Hunden, Ratten, Hühnern u. Tauben nur den Vampyr u. zwei Arten großer n. gefährlicher Eidechsen, im Meere Delphine in Heerden, einen großen dickköpfigen, einen gehörnten und überhaupt viele sonderbare Fische, Trepang, Seekrebse, Schildkröten,, die Riesenmuschel; Gewächse: Pisang, Padamus, Co- cospalme, eine Malvacea, Brodfruchtbaum, der die Hauptnahrung liefert, Betel, Gewürznelken, Orangen, Zuckerrohr, Curcume, Bambus u. die Arumwurzel, die sorgfältig augebaut wird. Die Einwohner, auf über 100,000 geschätzt (einzelne Inseln sind sehr stark, andere dagegen gar nicht bewohnt), sind Malaien, doch mit abweichender Sprache; sie sind gutmüthig, groß, stark, auf den östl. Inseln nußbraun, aus den nördl. kupferfarbig; sie gehen fast nackt, einige tragen eine Art Mantel, die Weiber einen Schurz um die Hüften. Ihre Häuser stehen auf steinernem Grunde in Dörfern zusammen; ihre Geräthschafteu sind aus Bambus m Cocos, andere aus Schildplatt verfertigt, in neuerer Zeit haben sie auch Eisen u. Leder; aus den Fasern einiger Pflanzen weben sie aus einem künstlichen Webstuhl Matten und färben sie mit Ourolus - der Curcnme; aus den Waldbaumen zimmern sie sich große Boote, aus dem Safte der Cocospalme gewinnen sie eine Art Syrup. Ihre Nahrung besteht in Begetabilien u. Fischen. Die Weiber werden gut behandelt, die Ehen ohne besondere Feierlichkeit geschlossen od. gelöst; die Leichen werden begraben, verbrannt, od. ins Wasser geworfen. Zur Begrüßung berührt man sich mit den Nasen. Die Insulaner führen als Waffe einen Speer aus Bambusrohr, mit Spitze aus hartem Holz u. mit Widerhaken, außerdem Schlendern. Erwähnungswerth sind noch die Freundschaftsbündnisse zwischen zwei Männern, von denen dann einer den anderen überall vertreten kann u. muß. Große Mauern u. Dämme, aus Quadern aufgeführt, die man auf einzelnen Inseln gefunden hat, scheinen von höherer früherer Civilisation zu zen- gen. Ihre Religion besteht vorherrschend in Geisterglauben u. Zauberei. Die Regierungs- Verfassung ist monarchisch; ein König herrscht über eine od. mehrere Inseln; die Erbfolge hat der Sohn od. Bruder. Rathsversammlungcn werden auf freiem Felde gehalten; zu ihnen werden die Unterhäuptlinge gefordert. Übrigens erhebt Spanien Ansprüche auf den Besitz der C. Fischerei u. Schifffahrt ist der Hauptbetrieb; ihre bemasteten Piroguen zur Fischerei sind aus einem einzigen Baumstamme gefertigt, die zur Schifffahrt aber fassen 40 Mann. Der Handel ist Tausch; sie vertauschen die Products ihrer Inseln gegen Eisen, Böte, Zeuge n. andere europäische Maaren. Der Umfang des C.-Archipels wird verschieden angegeben; im weitesten Sinne find auch die Ladronen od. Marianen im N. (von Chamisso) u. im O. der Marshalls-Archipel (von Rienzi) dazu gerechnet worden; zu den eigentlichen C. gehören aber nnr die Inseln von 150° bis 182° ö. L., von W. nach O. folgende Gruppen: a) die Pelew- (Palau-) Inseln oder westlichen C.; d) die eigentlichen oder östlichen C., u. unter diesen wieder eine westliche Gruppe (größte Insel Eap oder Jap), eine mittlere, die ausgedehnteste, mit lauter ganz kleinen Inseln (Hauptgruppe Hogolu- od. Rug-Jnseln), u. eine östliche, deren bedeutendste Ponape Island oder Ascension u. Ualan oder Stroug Island sind (Näheres s. diese Inseln). — Die C. wurden 1528 durch Al- varo de Saavedra auf einer Fahrt von Mexico nach den Molukken entdeckt, 1686 von dem Spanier Francesco Lazcano besucht und nach dem spanischen König Karl II. benannt; 1696 bekam man nähere Nachrichten, ebenso 1721, 1783 durch Wilson, 1804 durch NAmerikaner, zuletzt durch Kotze- hue, Freycinet, Lütke, Duperrey, Wilson u. Du- mont d'Urville. Kolpe.* Ksrolus (lat.), Karl; 0. Ua§nng, Karl d. Gr. Caron, 1) Augustin Joseph, geb. 1772; trat 1789 in die franz. Armee u. war Oberstlieutenant der Cavalerie bis zur Restauration, wo er pensionirt wurde, und lebte seitdem im Elsaß; wurde als Theilnehmer an der Militärverschwörung vom I. 1821 verhaftet, aber durch Barthe vertheidigt u. freigcsprochen; infolge eines Versuches im Juli 1822, den in Colmar wegen Theil- nahme an einer Verschwörung gefangen gehaltenen Obersten Pailhez zu befreien, zum Tode ver- Pierers Nniverjal-ConvcrsationL-Lexikon. 6. Ausl. 1 - Carouge. 513 urtheilt und 13. Sept. zu Straßburg erschossen. 2) Adolphe Alexandre Joseph, bekannter franz. Kupferstecher, geb. 1797 in Lille, Schüler von Clem. Berwic; wurde vielfach von der Regierung u. der Loelsts äsa ^inis cies arta beschäftigt. Er st. 1867 in Clemart. Hauptwerke: Cypariffe, nach Binchon; Mme. de Sevigne, nach Deveria; Erweckung der Tochter,deS Jairus, nach Johannot; Christus auf dem Älberge, nach Ary Scheffer; Faust u. Gleichen, nach Dems.; Madonna mit dem Kinde, nach P. Perugino. 2 ) Regnet. Carondelet, Vorstadt von Saint-Louis in Missouri (s. u. Louis, Sr.) Caronni, Paolo, itäl. Kupferstecher, geb. um 1779 zu Monza; st. 1842 in Mailand; zählt zu den besten Schülern Longhis. Hauptblätter: Die Vision des Ezechiel, nach Rafael; Alexanders Besuch bei Darms, nach Lebrun; Venus säugt den Amor, nach Parmeggianino; Der Triumph Davids, nach Domenichino; Maria mit dem schlafenden Kinde, nach Sassoferrato; Venus nimmt Amor den Bogen, nach Procaccini. Regnet. Caröra, Stadt im Staate Barqmsimeto der südamerikan. Republik Venezuela; Fertigung von Ledcrwaaren, Hängematten; Maulthiere; Cochenille; wohlriechende Balsame; Handel; 5000 Ew. Oarüta, Möhre, s. u. Dauous Oarota. Carotin (Chem.), der Farbstoff der gelben Rübe (vanons Qarota); krystallisirt in kleinen rothbrannen Tafeln, mit veilchenartigem Geruch, bei 168° schmelzend, in Wasser, Alkohol unlöslich, leicht löslich in Benzol und mit blutrother Farbe in Schwefelkohlenstoff. Clören. Oarötis (v. Gr.), Kopfarterie, s. d.; daher ea- roticms, in Verbindung mit der Kopfarterie stehend; 6arotioi suloi oasis oplisno'iäsi, Furchen an dem Keilbein, in denen die Kopfpulsader liegt; 6aro- tious os-naUs, Kanal der Kopfarterie im Felsenbein (s. d.). Carotto (Caroto), 1) Giano Francesco, Maler, geb. 1470 in Verona, Schüler von Liberale u. Mantegna. Nachdem er in Verona durch mehrere Kirchengemälde Ruf erworben hatte, ging er nach Mailand, wo er für Ant. Maria Visconti arbeitete, dann nach Casale, um eine Kapelle des Marchese W. v. Monferrato u. das Schloß desselben mit Malereien zu schmücken; er kehrte dann nach Verona zurück, wo er 1546 starb. C. ist der beste veronesische Maler seiner Zeit. Werke: Die 3 Erzengel n. Christus u. 2 Heilige, in Verona, Madonna mit dem Kinde, im Berliner Museum; dasselbe Sujet im Städelschen Institut zu Frankfurt. 2) Giovanni, Bruder u. Schüler des Vor., geb. 1488 in Verona; malte vorzugsweise Architekturstücke u. war darin der Lehvcr Paolo Veroneses; er st. 1548. Seine Zeichnungen der antiken Überreste Veronas beschrieb und gab heraus Torella Saraina. Regnet.» Carouge, Stadt im schweizer Kanton Genf, an der Arve, mit Genf durch Pferdebahn verbunden; Kirche, Synagoge; Fertigung von Leder (Saffian), Garn u. Steingut; 5870 Ew. — Bis 1792 war C. unter sardinischer Herrschaft und genoß große Freiheiten, welche der König der Stadt ertheilte, um die Genfer Fabrikthätigkeit hierher zu ziehen; seit 1792 französisch; 1816 schweizerisch, t. Land. 83 514 Carvvö — Carove, Friedrich Wilhelm, deutscher Schriftsteller, geb. 2V. Juni 1789 in Koblenz; studirte aus der dortigen Rechtsschule, wurde 1809 Advocat, 1811 Oouseiller anäitsur am Appellationshofe zu Trier, 1814 Coutroleur beim Rheinzollamte in Gernsheim, studirte 1815—18 in Heidelberg besonders Philosophie bei Hegel, wurde 1818 Repetent an der philosophischen Facultät in Berlin, 1819 Privatdocent in Breslau, lebte seit 1820 in Heidelberg u. seit 1823 in Frankfurt a. M.; 1847 siedelte er wieder nach Heidelberg über, nahm 1848 theil an dem Vorparlament n. war ein eifriges Mitglied der Freunde des allgemeinen Weltfriedens; er st. 18. Marz 1852 in Heidelberg. Der Katholischen Kirche angehörig, trat er als Gegner der Hierarchie auf u. suchte unter dem Gesichtspunkte einer allgemeinen Mensch- heitsrcligion Philosophie u. Kirche, Katholicismus und Protestantismus mit einander auszusöhnen. C. schr.: Taschenbuch für Freunde altdeutscher Zeit n. Kunst auf das Jahr 1816; Romantische Blätter, Köln 1818; Über das Recht n. die wichtigsten Gegenstände der öffentlichen Beurtheilung, Franks. 1825; Religion u. Philosophie in Frankreich, Gött. 1827; Über die alleinseligmachende Kirche, Franks. 1826, 2 Bde., 2. A., Hanau 1835; Was heißt Römisch-Kathol. Kirche? Altcnb. 1828, 2. A., 1847; Moosrosen zum Christgeschenke, Gedichte n. Erzählungen, 1831; Kosmorama, Franks. 1831; Der Saint-Simonismus und die neuere französische Philosophie, Lpz. 1831; Die letzten Dinge des römischen KatholicismnS in Deutschland, Lpz. 1832; Überdas Cölibatgesetz des römisch- katholischen Klerus, Franks. 1832; Rückblick ans die Ursachen der franz. Revolution, Hanau 1834; Der Messianismus n. die neuen Templer, 1834; Über kirchliches Christenthum, Römisch-Katholische Kirche n. Reformen derselben, Protestantismus u. Allgemeine Kirche, Lpz. 1835; Papismus und Humanismus, ebd. 1838; Neorama, Beiträge zur Literatur, Philosophie n. Geschichte, ebd. 1838, 3 Thlc.; Worte des Friedens, ebd. 1838; Genesis der Jiilircvvliitiou, ebd. 1841; Über das sogen, germanische n. das sogen, christl. Staats- princip, ebd. 1843; Die Buchdruckerkunst in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung, Siegen 1843; Über Emancipation der Inden, 1845; Souveränetät der deutschen Nation, 1848; Römischer Katholi- cismns in der Pavststadt, 1851, u. a. CarstacOiO, Bitkore (auch Scarpaccia, Scar- pazza, Cartoaccia, Carpazzia genannt), Historienmaler der Venetianischen Schule, Geburts- und Sterbejahr unbekannt, lebte noch 1522; ausgezeichnet durch Einfachheit u. Ernst in seinen Darstellungen, durch sehr tiefe Färbung, sowie eine glückliche Behandlung der landschaftlichen und architektonischen Scencrie. Werke: Geschichte der Sta. Ursula (in 8 Bildern), in S. Vitale; Die Darstellung im Tempel, Die Krönung Marias, in S. Giovanni u. Paolo, sämmtlich zu Venedig. Regnet." Carpeaux, Jean Baptiste, franz. Bildhauer, geb. 14. Mai 1827 in Valcncicnnes; machte seine Studien unter I. Rüde, Dnret n. Abel de Pnjol in Paris u. gehört zu den Verfechtern des Naturalismus. 1850 trug er den römischen Preis Carpeutcr. davon und wurde 1866 zum Ritter der Ehrenlegion erhoben. Er st. 12. Oct. 1875 auf dem dem Fürsten Stirbey zugehörigen Schlosse Bacon bei Asnieres. Bei großer äußerlicher Wahrheit fehlt seinen Werken doch vielfach die innere Ruhe; nur in seiner Gruppe: Ugolino und seine Söhne (vom Staate angetanst n. im Tuilcriengarten befindlich), hat er sich fast zu antiker Energie aufge- schwungcn. Im Allgemeinen Pflegt er das Genre, so in seinem trefflichen neapolitanischen Fischerknaben Bronze) u. in der Statuette des kaiserl. Prinzen mit dem Hunde. Seine Giebelstatuen am Pavillon der Flora (Tuilerien) u. seine Gruppe: Der Tanz, an der Faxade der neuen Großen Oper in Paris, sind allzu malerisch angelegt. Weiter schuf er einen reizenden Fischerknaben mit einer Muschel, ein Mädchen mit einer solchen, Die Lachende, Die Negerin, Im Nalombslla,; außerdem eine Reihe ausgezeichneter Porträtbüsten. Regnet. Larpelluin, das Carpcll od. Früchtchen, jedes geschlossene, die Eichen oder Samen einschließende Fruchtblatt, mag es nun getrennt, als einfaches Pistill, oder zu mehreren verbunden Vorkommen. Carpenedolo, Marktflecken in der Provinz Brescia des Königreichs Italien (Lombardei), am Chicse; Waisen- u. Krankenhaus; 5253 Ew. Im Januar 1797 schlugen hier die Franzosen die Österreicher. Carpcntarlä, 1) älterer Name eines Theils der NKüste des Continents von Australien; un fruchtbar u. sandig an Len Ufern, tiefer im Lande Graswnchs, sonst dürftige Vegetation; Bevölker- rung sehr schwach, thcilweise noch Ureinwohner, ans sehr tiefer Kulturstufe stehend. Das Land wurde 1606 durch ein holländisches Schiff entdeckt, ist bis jetzt aber weder gehörig untersucht, noch colonisirt. 2) Meerbusen dabei; schließt sich mit den Vorgebirgen Uork (östl.) u. Wessel (westl.); die östliche u. südliche Küste ist flach, voll großer Schlammbänke u. darum für Schiffe unzugänglich, die westl. n. namentlich nordwestl. Küste ist hoch n. buchtenreich (Melville-Bai, guter Hafen); enthält mehrere Inseln, darunter: Groote Eiland (Büschings-Jnsel, größte Insel des Busens), Pellew (Sir-Edward P., mit den Inseln Banderlin, N-, Central- n. WJnsel, Observation, entdeckt von Flinders, fruchtbar), Wellesleygruppe, darunter Sweers, Mornington u. a. Carpentarius, s. Charpentier. Carpenter, 1) Mary Susanne, eine der hervorragendsten Porträtmalerinncn Englands, geb. 1793 zu Salisbury, Tochter des Jnsanterie- Capitäns Geddes; begann ihre Kunststudien in der großen Gemäldesammlung Lord Nadnors zu Langford Castle u. kam 1814 nach London, wo sie sich schnell einen Ruf als Porträtmalerin schuf. Im genannten Jahre stellte sie in der Königlichen Akademie das Porträt einer Dame (Mrs. Sparke) aus u. in der Britischen Institution: Wahrsagerin n. Bauernknabe. Von jener Zeit an bis 1866 verging kaum ein Jahr, ohne daß sie Porträts und Phantasiestücke ansflellte, die alle vorzüglich gemalt u. zart behandelt waren. Besonders zu nennen sind die Gemälde des Richters Coleridge, von Lady King, Lord Byrons Tochter, dann von John Gibson, dem Bildhauer (jetzt in der Ratio- Carpcnkr. 515 rial-Porträt-Galerie), Ergebenheit, Porträt des berühmten Miniaturmalers Stewart, Tie Geschwister, Porträts zweier Töchter der Künstlerin, u. Die Kirche zu Oakham. Die drei letztgenannten befinden sich jetzt im Museum zu South-Kenstng- ton. Verschiedene ihrer Gemälde wurden durch Stich vervielfältigt. 1817 heirathete C. den Kunstkritiker W. C. Carpenter, der 1845 zum Conser- vator der Stiche u. Gemälde im Brit. Museum gemacht wurde. Unter ihren verschiedenen Kindern ist ihr ältester Sohn William als Künstler wohl bekannt. Nach dem Tode ihres Gatten 1866 verlieh ihr die Königin wegen ihrer Verdienste um die Kunst eine Pension von 100 Pf. St.; sie st. 13. Nov. 1872 zu London. 2) Mary, Miß, namhafte engl. Philanthropin u. Schriftstellerin, Tochter des namentlich durch sein Werk: Lpoako- Iios.1 Harmon^ ob tkw Oospsls berühmt gewordenen Geistlichen der Unitarischen Kirche zu Bristol, vr. Cant C., geb. 18. Aug. 1807; widmete sich frühzeitig, nachdem sie eine sorgsame Erziehung genossen, dem Loose der Elenden n. Gefallenen. Einen sehr thätigen Antheil nahm sie besonders an der Rettung u. Besserung verwahrloster Kinder in ihrer Vaterstadt, wo sie verschiedene Anstalten gründete, unter anderen die UsllllsÜAs Oirlo Rs- kormakor)-, die sic sämmlich noch heute leitet. Auch für die Verbesserung der Strafanstalten u. des Gesängnißwesens überhaupt trat sie energisch nnt Wort, Schrift u. Thaten ein. C. ist eine ebenso begeisterte, wie mit großen praktischen Erfahrungen ausgerüstete Anhängcrin und Fürsprecherin des von Sir Walter Erosion (s. d.) entwickelten sogen, irischen Gefängnißsystems, dem sie auch eine praktische Durchführung in der von ihr in Bristol angelegten obengen. Besserungsanstalt für verwahrloste Mädchen gegeben hat. Durch eine Reihe werthvoller Schriften hat sie die Aufmerksamkeit der Philanthropen u. Straf- rcchtslehrer in den weitesten Kreisen auf sich gezogen; von denselben sind namentlich bemerkens- werth: LlorninA anck LveninA Llöckibations kor evsrx äs,)? in kkw montR, 1842, 5. A., 1869; ikskormatorx Loiwoks kor Oiüickrsn, 1851; lln- vsnik DoUngnsnbs, ilwir conckikion anck krsat- mollt, 1853; Mrs Okaims ok rgMsck 8oiwol8 Io xsermisrx nick krom tilg animal parliamontar)- ^rant kor eänoational pnrpo8S3. 1859; Our Oonvioks, 1864, 2 Bde. Dieses Werk trug wesentlich dazu bei, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die geeignete Behandlung jugendlicher Verbrecher zu lenken. Außerdem hielt C. viele Vorlesungen über diese und verwandte Gegenstände vor der National ^.soooiakion kor tirs kramotion ok Loeial Lownos, n. nachdem sie 1866 noch die I-ask Ilaz-8 in lünAlauck ok tkw ikajaii liammoliuu Rox veröffentlicht hatte, unternahm sie zu philanthropischen Zwecken im Herbste desselben Jahres eine Reise nach Indien, von der sie im April 1867 nach England zurückkehrte. Die literarischen Früchte dieser Reise, auf der sie Bombay, Snrat, Ahmadabad in Gudscherat, Beypur, Madras, Cal- rutta und Mathura zu wiederholten Malen besuchte, waren: ^.llckrossss to Hinckoos, 1867; Luggsstions on prisou ckisvipllns and ksmalo odueation in ludia, 1867; 8ia Llontlls in In- äia, 1868, 2 Bde. Noch zweimal, 1868—1869 u. 1870—1871, besuchte sie Indien zum Zwecke der Förderung weiblicher Ausbildung, und 1872 war sie mit ihrem Freunde Sir John Bowring eines der .hervorragendsten Mitglieder des internationalen Congresses für Verbesserung des Ge- fängnißwesens zu London, aus welcher Veranlassung sie das interessante Merkchen herausgab: Rokormatorx prison diseipliiw as dsvelopod dz' tirs Ripcht Hononrabis 8ir Valtsr Oroktou in tlls Irisll oonviot prisons, Bristol 1872. 3) William Benjamin, einer der hervorragendsten Physiologen Englands u. bedeutender Schriftsteller auf dem Felde dieser Wissenschaft, Bruder der Vor., geb. 1813 zu Bristol; studirte zu Edinburgh Medicin und ließ sich zuerst als Arzt in seiner Vaterstadt nieder. Kurze Zeit nach seiner Doctorpromotion 1839 veröffentlichte er seine kriiwiplsa ok Asnsral null oomparative pii^- sioioA/, die eines der ersten Werke bildeten, das eine allgemeine Übersicht über die Wissenschaft des Lebens gab. Dieses Werk erlebte unter seinem ursprünglichen Titel 3 Auflagen, später aber ward es wegen seiner beträchtlichen Erweiterung für räthlich gehalten, die zwei Gegenstände desselben zu theilen. Infolge dessen ward 1854 ein Baud veröffentlicht unter den: Titel: ll'iw xrineixdos ok oomparativs püz-oiolog'/, dem dann ein anderer folgte: 'Lüg priuoixdss ok Aonsrai pil/- siolog^. Diese Werke, zusammen mir Mw priu- oiplsn ok immun pkr/sioloM, die ursprünglich 1846 erschienen, aber 1869 bereits die 9. Aust, erlebten, u. 'Lkw prineiplss ok mental piiz-sio- IoA^, Land. 1874, bilden eine nahezu vollständige Encyklopädie der biologischen Wissenschaft. L. schr. ferner: manual ok pki^sioioZ/, 4. A. Lond. 1865; Mis mioroooops aud its rsvelatio»8 and ito usss, 7. A., Lond. 1875; einen Preis- Essay über Mw nss and abuss ok aioolwlie lignors, u. zahlreiche Denkschristen über verschiedene Zweige der Physiologie, der mikroskopischer Anatomie u. der Naturgeschichte in den kküloao- xliieal Irimsuokions rc. Seine wichtigsten originalen Forschungen sind: On tlw straoturs ok siwU«; Ou tüs dsveiopmsnt okl?urpura iOa- pillus, u. Oll tüs struoturs, knnotious aad Asnoral laistor^ ok tlw lkora miniksra (llo/al 8ooistz'). Mehrere Jahre hindurch gab C. Mas Lritwü and lkorsign Llsdioo-OlürniMoal Revisav heraus, sowie er auch einer der Herausgeber der blatural liliotor/ Ilsvwrv war. 1848 wurde er von Bristol nach London als Professor der medi- cinischen Jurisprudenz an das lluivorsitz- Oollo.^g gerufen u. bald darauf zum Examinator in der Physiologie und der vergleichenden Anatomie au der Universität von London ernannt. Diese beiden Ämter jedoch legte er nieder, als er 1856 znm Registrator jener Universität berufen wurde. 1861 verlieh ihm die lloval 8ooiotz' die große goldene Medaille für seine Beiträge zur physiologischen Wissenschaft. Neuen Ruhm gewann sein Name Lurch seine 1868 begonnenen Tiefseeforschungen, für welche die Regierung bis 1870 die Schisse zur Verfügung stellte. Diese Untersuchungen üve: die physikalischen u. biologischen Verhältnisse des Meeresgrundes lieferten höchst wichtige Ergevnisje, 33 * Si6 Carpcntin - durch welche die zoologischen u. geologischen Ansichten mehrfach modificirt wurden. Die Berichte über diese Expeditionen befinden sich in dem Werke: Lfio Nomporatnrs unck laks ok tbo Deep Los, Lond. 1871. Bartling. Carpcntin, zu den grauen Reinetten gehörender mittelgroßer, beliebter Apfel (s. d.). Carpentras, Hauptstadt des gleichn. Arr. im stanz. Dep. Vaucluse, am linken Ufer des Auzon, an der Lyoner Bahn n. am Fuße des Mont-Ven- toux; Gericht 1. Instanz, Assisenhos; Kathedrale, mehrere Pfarrkirchen, Synagoge, bischöfliches Palais; Bibliothek (25,000 Bde., 7000 Medaillen), Antikencabinet; großes Hospital; 740 in lange Wasserleitung von 48 Bogen, deren größter 22,4 w hoch; Fertigung von Leder, Wachslichtern, Bijou- teriewaaren, Scheidewasser, Branntwein, Seiden- u. Baumwollenwaaren; Obst-, Krapp- u. Sasran- bau; Handel mit Seide u. Südfrüchten; 10,504 Ew., darunter gegen 1500 Juden. — C. ist das Tarp entoracte der Alten; es war eine Stadt der Meminer im Narbonensischen Gallien n. erhielt durch Cäsar eine Colonie; noch sieht man Reste eines Triumphbogens des Domitius Ahenobarbus. In der Umgegend wurde guter Weizen gebaut. Schon früh war C. Sitz eines Bischofs; unter Len Merovingern aber verlegten die Bischöfe ihren Sitz nach Venasque (Vindasca). Im Mittelalter war C. Hauptstadt der Grafschaft Venaissin. 1793 wurde C. vergebens von Jourdan belagert; s. Franz. Revolutionskrieg. Csrpontum (röm. Aut.), zweiräderiger, reich verzierter, mit Baldachin versehener Wagen für vornehme Frauen (später auch für Männer). Auf dem C. wurde dem Leichenzuge (6. Innebrs) der verstorbenen Frauen deren Bildniß nachgeführt. Abbildungen von solchen Wagen finden sich auf den Münzen der Julia, Tochter des Titus, u. der Agrippina, Tochter des Germanicus. Carpets, abgepaßte Decken für Zimmer oder Fluren u. Treppen. C. können in allen Arten der Teppichweberei Vorkommen. Gewöhnlich find sie Doppelgewebe. Dagegen gibt es auch C. von anderen Stoffen: Matten, Wachstuch rc. Carpi, 1) Stadt in der italien. Provinz und dem Bezirke Modena, an einem Kanal der Secchia, Station der Oberital. Bahn; Bischofssitz; Schloß; Seminar; Seidenbau u. Weberei; in der Genu 17,724 Ew. C. war sonst Hauptort des Fürstenthums C., welches der Familie Pico gehörte, verkauft an Modena 1530. 2) Ortschaft (nicht Gem.) in der Provinz Verona des Königreichs Italien (Benetien), an der Etsch. Hier 7. Juli 1701 Sieg Prinz Eugens über die Franzosen (s. Spanischer Erbsolgekrieg), worauf C. von den Österreichern erobert wurde. Carpi, getischer Volksstamm in den heutigen Karpathen, deren Namen damit znsammenzuhän- gen scheint, bekannt durch zahlreiche Plünderungszüge in den ersten christl. Jahrhunderten in das römische Gebiet, bis Diocletianus sie besiegte u. in den römischen Provinzen ansiedelte. Carpi, Hugo da, berühmter ital. Holzschneider, gcb. in Carpi vor 1480, gest. 20. Juli 1523 in Rom, hieß eigentlich Panico; war ein Schüler Rafaels u. vcrvollkommnete den von il»n in — Carpzov. Italien eingeführten Holzschnitt wesentlich, wobei ^ er sich zweier u. dreier Blöcke bediente. Er schnitt ! nach Rafael den Tod des Ananias, die Enthauptung Goliaths durch David, Hercules mit dem nemeischen Löwen, den wunderbaren Fischzug u. die Kreuzabnahme; nach Parminianino den Diogenes, nach Giul. Romano den Kindermord zu Bethlehem. Regnet. Carprno, Gem. im Bezirke San Severo der italienischen Prov. Foggia (ehemals Capitanata), am Lago Varano; 6216 Ew. varpinus L., Pflanzengatt, aus der Fam. der Lotulaosas-Oorzckoas (XXI. 4), Bäumen. Sträu- cher mit zweizeilig gestellten Blättern, gleichzeitig niit denselben erscheinenden, achselständigen manu- ! lichen n. endständigen weiblichen Blüthenständen; ! männliche Scheinähren (Kätzchen) cylindrisch, in den Achseln jedes Deckblattes 4 — 12 gespaltene (daher scheinbar 8 — 24) Staubblätter tragend, die zu einer Mittelblüthe u. 2 öfters fehlenden Sei- tenblüthen gehören; weibliche Scheinähren locker; die Tragblätter der infolge Verkümmerung der ! Mittelblüthe nur zweiblüthigen Trugdöldchen fallen ab, dagegen verwachsen das Tragblatt u. die beiden Vorblätter jeder Blüthe zu einer blattartigen Hülle; Fruchtknoten mit 2 fadenförmigen, blaßrothen Narben; Frucht eine einsamige, von dem Rande des Perigons gekrönte Nuß. Arten: 6. Lstnlns L. (Hainbuche, Weißbuche), Baum mit oft zusammengedrückten Stämmen, aber auch strauchartig, mit weißlicher, glatter Rinde, sehr hartem, festem, weißem Holze, zottigen jungen Ästen u. Blattstielen u. länglich-eiförmigen, zugespitzten, doppelt-gesägten Blättern; selten Bestände bil- > dend, häufig in gemischten Laubwäldern, auch vielfach in Dörfern angepflanzt u. zu lebendigen Zäunen u. Lauben verwendet. Das feste, harte Holz wird vielfach verarbeitet, auch dient das i Laub als Viehfutter. Vgl. Hainbuche. Engler. vnrpio, Karpfen. Onrpobnlssmtim s. Lalsnmoäonäron. Osrpoplwrum (Ozmopborum), Fruchtträger ob. Fruchthalter, der bisweilen verlängerte Theil der Blüthenachse, welchem die Fruchtblätter aussitzen. ! Oarptor (röm. Ant.), Sklave, welcher die ausgetragenen Speisen zerlegte. Osrpus (v. Gr.), Handwurzel. Carpzov, 1) Joachim, Sohn des Bürgermeisters Simon C., geb. in Brandenburg; trat 1618 als Offizier in die Dienste des Grafen von Mansfeld, wohnte der Belagerung der Stadt Pilsen bei u. wurde 1620 von den Kaiserlichen gefangen; er begleitete dann Mansfeld auf Feldzügen in Deutschland u. den Niederlanden u. nach Siebenbürgen zu Bcthlen Gabor; nach Mansfelds Abreise nach Venedig übernahm er den Oberbefehl über die Truppen, führte sie durch den Jablonkapaß nach Schlesien u. bemächtigte sich Kosels, das ihm aber die Österreicher wieder entrissen. Hierauf ging er zum König Christian IX. von Dänemark, der ihn zum Generalfeldzeugmeister ernannte; er st. 1628 zu Glückstadt. 2) Benedict, Bruder des Bor., geb. 22. Oct. 1565 in Brandenburg; wurde 1595 Professor der Rechte in Wittenberg, 1602 — 23 Kanzler der verwittwe« Carracci — len Kurfürstin Sophie in Kolditz; nach Wittenberg zurückgekehrt, starb er das. 26. Nov. 1624. 3) Konrad, Sohn des Vor., geb. 11. Juli 1593 in Wittenberg; war Professor der Rechte daselbst; er st. 12. Febr. 1658 als Kanzler des Erzstiftes Magdeburg. 4) Benedict, Bruder des Bor., geb. 27. Mai 1595 in Wittenberg; wurde 1620 Assestor des Schöppenstuhls in Leipzig, 1636 Assessor am dastgen Oberhofgerichte, 1639 Rath u. 1644 Hofrath in Dresden, kehrte aber bald als Professor der Rechte nach Leipzig zurück, ging 1653 als Geheimrath abermals nach Dresden, nahm aber 1661 wieder in Leipzig seine alte Stelle imSchöppenstuhl ein; er st. 30. Äug. 1666. C. galt als der größte Rechtsgelehrte seiner Zeit u. soll mit seinen streng criminalistischen Ansichten 20,000 Todesurtheile gefällt haben. Dabei nahm er monatlich das Abendmahl u. las so fleißig in der Bibel, daß er dieselbe 53mal be« -wältigte. Er sehr. u. a.: Oracbica novs, rsrnm criimnulium, Wittenb. 1635, Fol., 7. A., Lpz. 1739, von Böhmer, Franks. 1758, 5 Bde.; Do caxibuiations Oaosarou, Erf. 1623; Oscisionss iiiustrss saxoniae, Lpz. 1646, Fol., n. A., 1733; llurisprnäonbia sccissiastica (worin er das Epi- fkopalsystem begründete), 1645, Hanau 1652, n. Ä., Dresden 1723, Fol.; Rssponsazur. oiocbor., Lpz. 1646, Fol., n. A., 1709; Orocessus zur. saxo- uioi, Jena 1657, Fol., n. A., 1708; Oeknibionos ckoronsos, Lpz. 1668, Fol., n. A. als llurispru- ckoniis, lorsnsis rom. sux., von Mylius, 1721; Oispubabiouos z'urick.. ebd. 1710. lispoitorium oxorum omn., von Möller, ebd. 1676. 5) Johann Benedict, Bruder des Vor., geb. 22. Juni 1607 in Rochlitz; war seit 1633 Pastor in Meuselwitz, wurde dann Archidiaconus u. 1643 Professor der Theologie in Leipzig; er st. 22. Oct. 1657. C. schr.: Os Hinivitarum posuibou- iia, Lpz. 1640; Inbroäucbio in blisoivAiam zu- ckaicLm; Lzrstoma illsoioAias, Lpz. 1653, 2Bde.; OoäoActicum (Homiletische Anweisung), 1656, n. A., 1689; IsaAOAs ln lidros scciss. lubderan. sz'wboiicos, 1665, 2. A., 1675. 6) Johann Benedict, Sohn des Vor., geb. 24. Äpril 1639 in Leipzig, wo er 1668 Professor der orientalischen Sprachen, 1674 Archidiaconus, 1679 Pastor an der Thomaskirche u. 1684 Prof, der Theologie wurde; er st. 23. März 1699. C. war Gegner der Pietisten, unterdrückte die OoiisAia, pdiiobi- dliog, u. vertrieb Francke, Anton u. Schude aus Leipzig, eiferte auch gegen Spener. Er schr.u. a.: OoiisAtum raddiniao-di blicum in libsiium Lubd, 1703; gab Raymund Martins Oupsto üäoi, Lpz. 1687, Lankischs Concordanz, Lightfoots Ooras balmnätcas u. SchickardtS Ins rsAiumIIsbrasorum, 1674, heraus. 7) Samuel Benedict, Bruder des Vor., geb. 17. Jan. 1647; studirte in Leipzig u. Wittenberg Theologie, wurde 1671 Prof, der Poeük an letzterem Orte, 1674 Hofprediger u. 1692 Oberhofprediger in Dresden; er st. 31. Aug. 1707. C. war, wie sein Bruder, ein Gegner Speners u. schr. u. a.: Oxamon novas praxoos orbboäoxam ücksm ckiscornoncki ob ampiocbonäi n I. Llassnio xroxositas, Wittenb. 1677. 8) Johann Gottlieb, Bruder des Vor., geb. 20. Sept. 1679 in Dresden; wurde 1702 Reisepredi- - Carranza. 517 ger des kursächsischen Gesandten Bose, mit dem er England u. Holland durchreiste, 1704 Diaconus in Dresden, 1708 Archidiaconus an der Thomaskirche in Leipzig, 1713 außerordentlicher Prof, der Theologie, 1719 Prof, der hebräischen Sprache und ging 1730 als Superintendent nach Lübeck; er st. hier 7. Apr. 1767. C. schr.: Inbroänc- bio in iibros canon. Vob. losb., Lpz. 1721, 3. A., 1757; Oriiica saera Veb. liest., ebd. 1728, 3 Thle., engl., 1729; L.pparatus llisborico-cribi- cus unbiguitaium Ooäicis sacri ob Zonbis Oo- braoao, ebd. 1748. 9) Johann Benedict, Enkel von C. 8), geb. 20. Mai 1720 in Leipzig; wurde 1747 Prof, der Philosophie daselbst, 1748 der Poesie u. griechischen Sprache in Helmstädt, 1749 auch Prof, der Theologie u. 1759 Abt zu Königslutter; er st. das. 28. Apr. 1803. C. schr.: Os Laxons Orammaiico, Lpz. 1792; Inder ckoc- trinaiis biisoioAias xniloris, Braunschw. 1768; Oxorcitationos in spist. all Oobraoos, 1750; strieburas bdoolvA. in spist. acl Lomanos, 1756; Opisboiarum caiitoUcarum Lspbsnarius §r. (mit lat. Übersetzung u. Commentar), Halle 1790, u. gab die Todtengespräche des Lukianos, Helmst. 1773 u. a. heraus. I--* Carrücci, s. Caracci. Carrageen (Caragahen, Carraghen, Knorpeltang, Oticus crispus, irländisches Perlmoos) sind die getrockneten Äste von Olronärus crispus OrnAbz/e, einer Alge, die gekocht sehr schleimig sind u. daher einhüllend bei Brustkrankheiten, anhaltendem Husten rc. wirken. C. kommt vorzüglich in der Nordsee vor u. erscheint im Handel härt- lich, hornartig, blaßbräunlich od. gelblich-weiß, in 2—7 Zoll langen Büscheln, an den Büscheln fein gekräuselt. Man weicht das C. vor dem Gebrauche einige Minuten in kaltem Wasser ein u. kocht cs dann in Wasser od. Milch. In Master gekocht, kann man es auch durch Zucker, Citronensafr n. dergl. wohlschmeckender machen, u. da das Gelee seine Conststenz länger behält u. angenehmer zn genießen ist, als viele anderen schleimigen Mittet so ist das C. als Hausmittel sehr zu empfehlen Auch als Nahrungsmittel dient C., u. die Masse aus welcher die indianischen Vogelnester bestehen soll aus ähnlichen Algen gebaut werden. Carranza, Bartholome de, geb. 1583 ZN Miranda (daher auch B. de Miranda) in Navarra; studirte in Alcala Theologie u. trat 1520 in den Dominicanerorden, lehrte dann Theologie in Rom u. später in Valladolid. 1545—48 war er beim Tridentiner Concil, wo er besonders mit seinen„Landsleuten darauf drang, daß die Bischöfe ihre Ämter selbst verwalten müßten. Nach seiner Rückkehr wurde er Prior seines Ordens in Pa- lenzia u. 1550 Provincial. 1554 begleitete er Philipp II. zu seiner Vermählung mit Maria von England, unterstützte diese in ihrem Haste gegen den Protestantismus in England u. den Maßregeln zur Unterdrückung desselben (Ketzercomis- sion rc.); nach Spanien zurückgekehrt, wurde er 1558 Erzbischof von Toledo. Als solcher stand er dem Kaiser Karl V. in seinen letzten Stunden bei, wurde aber, wegen seines spanischen Katechismus lutherischer Ketzerei verdächtig, 1559 von der Inquisition festgenommen u. nach neuuiähri- Carrara — Carrrr. 1-18 ger Gefangenschaft 1567 nach Rom geschickt, wo er die ihm Schuld gegebenen Ketzereien abschwö- rcn mußte in 22. Mai 1576 starb. Er schr.: 8nmma onnoiliornm et pontiüoum, Vcn. 1540 n. ö. Sein Katechismus, Antw. 1858, kam auf den Index. Lag«.* Carrara, Hauptstadt des gleich». Bez. der iral. Prov. Massa e C., an einer Zweigbahn der Strecke Pisa»Genna n. am Fuße der etwa 2000 m hohen Alpe Apnana; Hauptkirche in italienisch- germanischem Stil, Kirche Madonna dclle Grazie; Obertribunal; College, von Napoleon I. gegründete Akademie der schönen Künste (ä.ooaäsmiu äi bollo rrrti); viele Bildhanerwcrkstätten; als Gemeinde mit Avenza 23,827 Ew., die meist von der Marmorgewinnung u. -Industrie leben. In der Nähe bricht man Len Carrarischen Marmor in 3 Hauptsorten: Breccien (zu architektonischen und ornamentalen Zwecken), Bardigli (grün-blau, häufig mit helleren oder dunkleren Adern durchzogen) u. der weiße in 3 Gattungen: der statuarische (von leuchtendem Weiß bis zur Perl- oder Flcischfarbe, derselbe wird bis zu 1700 Lire für den obm bezahlt), der geäderte und der bläulich-weiße (Lianeo olriaro); dazu eine Abart des ersten, MW, die sich znm Theil durch reiche Farbennüancen anszeichnet. Der Carrarische Marmor, schon seit 2 Jahrtausenden bekannt n. verarbeitet, wird nach allen Ländern Europas, nach S- und NAmerika ausgeführt und ist der beste bekannte Marmor für Bildhauerarbciten. Die Brüche mit ihren Werkstätten u. Sägercicn (140 an der Zahl) beschäftigen über 6000 Arbeiter. Etwa 600 Ochsen dienten bisher zur Fortbewegung des Materials, das täglich etwa 8000 Ctr. beträgt. Jetzt dienen Schleppbahnen zur Förderung nach dem Hafen u. dem Bahnhöfe. Die jährliche Ausfuhr hat einen Werth von 6 Mill. Lire. C. gehörte seit dem 12. Jahrh. Pisa, seit dem 16. den Fürsten von Massa n. fiel mit letzteren an Modena. Vgl. C. Magenta, I/inänstria, clor mnrmi L.xnani, Flor. 1871; F. Lazzoni, 0. s 1a sna ^.oenäsmig, <11 bolls arti, Pisa 1849. Schroot. Carre (fr.), so v. w. Quarrö. Carre, Michel, franz. Dramatiker, geb. 1819 in Paris, gest. das. 27. Juni 1872; schrieb erst Gedichte, dann Dramen: 1>s. s snirssss äs Inrtlrer, 1843; Ii'Lnimgns (nach Terentius), 1845; Lesra- mouods st 1?asoar1s1, 1847. Mit Jules Barbier schrieb er seit 1849 Lustspiele, Vaudevilles u. komische Opern (für die Opsra-oowlgns in Paris): Hn ärams äekawiUs,1849; HsnriottsDosolramps, 1850; 1/^morrr monills, 1850; I-s msinorisl äs 8aints-Hs1öns, 1852; Opern: Oalatlrös, 1852; I,v8 iroess äs äoanstts, 1853; ksz-ods, 1856; I,s xaräon äs Uloörmsl, 1859; Da statuo, 1861; Ha rsius äs 8aba, 1862; ?sinss ä'amonr per- äuss, 1863; M^non, 1866; Romso st Inllstts, 1867; Dorr tznlotrotts, 1869, U. s. w. C. hat noch mit Anderen gearbeitet: Van VM a I-onärss (mit Narrey), 1848; lobirr st Hanstts (mit Battu), 1849; Halla-Ilonlcll (mit Lucas), 1862; 1,8 kurst äss salcms (mit Martin) 1862; 1,8 PourbiUon (mit Deslandes), 1867, rc. Volchert. Carrcan (fr.), 1) Viereck. 2) Viereckige Steinplatte. 3) Eckstein. 4) In der franz. Spielkarte die zweite Farbe, deren Zeichen ein rothcs Viereck ist. Carrel, Armand, franz. Publicist, geb. 8. Mai 1800 in Rouen; kam auf die Kriegsschule in St. Cyr n. wurde 1819 Unterlicutenant; er war 1820 in die Verschwörung von Neubreisach verwickelt, nahm 1822 seinen Abschied u. machte den Feldzug 1823 unter dem Freicorps von Mina mit; von den Franzosen gefangen, entging er nur mit Mühe der Todesstrafe. Darauf widmete er sich in Paris der Literatur, war 1830 mit Thiers n. Mignet, nachher allein Redactcur des national, in welchem er die Volkssouveränctät verfocht, n. spielte eine Rolle in der Julirevolution, anderen Ausbruch er durch die von ihn: veranlaßte Protestation der Journalisten betheiligt war; er hatte nachher unter dem Julikönigthnm wegen seines Blattes viele Verfolgungen zu erdulden, bewies immer Frciheitssiuu, schriftstellerische Gewandtheit n. hohen persönlichen Muth bei ausgezeichneter Ehrenhaftigkeit. Er wurde 22. Juli 1836 bei einem Pistolenduell mit Emile Girardin, veranlaßt durch die auf Vernichtung einer selbständigen Presse abzielcnde Herabsetzung des Preises der Zeitungen von 80 auf 40,Franken, die er bitter getadelt hatte, weil nur die snbvcntiouirten Journale dabei bestehen konnten, verwundet n. st. 24. Juli desselben Jahres in einem Landhanse zu St. Maude, wo ihm ein von David angefertigtes Denkmal gesetzt wurde. i--* Carrclagr (fr.), das Pflastern mit Steinplatten; daher carreliren, mit Steinplatten belegen. Carrer, Luigi, bedeutender ital. Dichter, geb. 12. Febr. 1801 in Venedig; erhielt seine wissenschaftlich eBildung in seiner Vaterstadt in Treviso n. in Padua, war dann einige Zeit Lehrer in Castcl- franco u. ging 1830 nach Padua, wo er sich mit Correctnrcn für Druckereien beschäftigte u. zugleich Vorlesungen über Philosophie an der Universität hielt; später wurde er Director des von ihm gestifteten Museums u. Lehrer an der Technischen Schule in Venedig, wo er die Leitung einer Druckerei n. die Herausgabe einer Zeitschrift übernahm; er starb 23. Dec. 1850. C. schr. den sehr beliebten 8nAAic> sniln vita s sulls opsrs äi 0. Coläoni, Ven. 1824, 3 Bde.; kossio, Padua, 1832, 8. A., 1845; II novsllisrs eontoinporano» itrrliano s Skraniero, ebd. 1836—38; ?rc>so s xossis, darunter das gefeierte Gedicht: Da Uoosia. äsi seooli eristiani, in welchem er sein poetisches Glaubensbekenntniß in herrlichen Versen niedcr- gelegt hat, Vened. 1837, 4 Bde.; virionario äi convsrsamoiro s äslla Isttsratnra, ebd. 1837 f.; IstansIIo äi sstbs Aemms, in Versen die Geschichte u. treffende Sittenbilder von Venedig enthaltend, Ven. 1838; ^poloAlii, ebd. 1841. Ferner gab er mehrere alte italienische Werke heraus, wie: Uims von Petrarca, Pad. 1826—37, 2 Bde.; Inrioi ituliani äel seeolo XVI., Ben. 1836; kossis säits sä insäibs äi 1IZo IPsoolo, ebd. 1840; I/Orlanäo innamorato von Bojardo, ebd. 1842, 2 Bde.; I?ioss s possio soolts von G. della Casa, ebd. 1844; I-otters soslts von Bembo, ebd. 1845; Latirs von M. Ang. Bnonarotti, ebd. 1845. Eine gute Auswahl seiner Gedichte u. Carrera — Carrick. 519 prosaischen Schriften erschien in Florenz 1855. E. gilt für einen der gewandtesten u. geschmackvollsten Dichter, wie vorzüglichsten Prosaiker (durch einen schönen u. reinen Stil ausgezeichnet) der jetzigen Litcraturepoche Italiens. Booch-Ariossy. Carrera, 1) drei Brüder, Jose Miguel, Juan Jose u. Luis C., aus guter Familie, aber von schlechter Erziehung, aus Chile; bemächtigten sich im Sept. 1812 des Befehls in Chile, vertrieben den Congreß u. proclamirten die Unabhängigkeit in der Absicht, für sich ein eigenes Reich zu gründen. Der älteste der 3 Brüder, Jose Miguel, schlug den vom Vicekönig von Peru zur Unterwerfung Chiles entsendeten General Paraja im Juni 1813 u. übte nun eine wahre Tyrannei über Chile, bis die Junta, derselben überdrüssig, ibn 24. Nov. 1813 absetzte. Jndeß erschien Josö Miguel bald wieder, mußte aber, mit dem zuvor von ihm angefeindetenOber- general O'Higgins vereint, von dem spanischen General Osorio bei Rancagna 2. Oct. 1814 völlig geschlagen, mit seinen Brüdern flüchten. Sie gingen nun nach Mcndoza u. mischten sich dort in die Kämpfe der Royalisten u. Republikaner. Nachdem 8. April 1817 die zwei jüngeren Brüder von den Republikanern ergriffen, in Mendoza enthauptet worden, fiel auch Jose Miguel, der mit einer Bande Indianer für die Royalisten kämpfte u. verwüstend Salta, Cordova, Mendoza u. S. Jago durchzog, von den Seinigen verrathen, in die Hände der Republikaner n. wurde in Mendoza 1. Dec. 1821 ebenfalls enthauptet. 2) Don Rafael, geb. 1814 in Guatemala, ein halbblütiger Indianer; wurde als Knabe Tambour, hütete das Vieh u. genoß eine sehr vernachlässigte Erziehung. Bei einem Volksaufstande 1837 wurde er von der aufständischen Masse zum Anführer ernannt u. stand nach zweijährigen abwechselnden Kämpfen an der Spitze einer bedeutenden Armee. Durch die Verbindung mit den Regierungen von Nicaragua u. Honduras, die gegen die Bundesregierung fochten, schlug er zu Anfang 1840 den General Morazan, bemächtigte sich der Stadt n. des Staates Guatemala u. vollendete damit den Sieg der Disunionisten u. Staatsrechtspartei. Seit jener Zeit war C. der hervorragendste Staatsmann seines Vaterlandes, sowol als Oberbefehlshaber, wie als Präsident, welche Würde er jedoch erst Jan. 1845 übernahm. 1849 mußte er infolge demokratischer Erhebungen für kurze Zeit die Hauptstadt verlassen u. sich im Präsidium durch ParedeS vertreten lassen, zog aber schon 8. Ana. 1849 als Sieger wieder ein und wurde, während Paredes die Präsidentschaft führte, von der Repräsentantenkammer mit außerordentlichen Vollmachten bekleidet. Nach seinem Siege über die Heere von Salvador u. Honduras bei Arada 8. Febr. 1851 wurde er als Pacificator der Republik proclamirt u. nach Vollendung der Verfassung als Generalcapitän und Präsident auf Lebenszeit mit fast dictatorischer Gewalt an die Spitze des Staates gestellt, dem er durch seine Führung eine gewisse libermacht über die anderen Staaten Central-Amerikas verschaffte. Er st. 14. April 1865. Lagai.» Carretto, Francesco Lav., Marchese del C., neapolitanischer Polizeiminister, von dunkler Abkunft; gehörte anfangs zu den Carbonari, trat einige Jahre nach der Revolution von 1820 in königliche Dienste; unterdrückte, rasch zum Generalinspector der Gensdarmerie emporgerückt, den Aufstand im Cilento 1828, verfuhr aber dabei mit unmenschlicher Grausamkeit, indem er unter anderen Städten Bosco niederbrannte u. 20 Personen hinrichten ließ. In hoher. Gunst bei Hof, ernannte ihn Ferdinand II. 1831 zum Polizeiminister, als welcher er nun eine umsaffende Thätigkeit entwickelte, um durch strenge Polizeimaßregeln jede revolutionäre Regung zu unterdrücken, ein ausgedehntes Spionirsystem einführte n. damit einen gewaltigen Einfluß auf die Staatsleitung gewann. Bei dem Aufstande in Sicilien 1837 ließ er mehr als 100 Personen hinrichten n. brachte Folter u. Stockschläge gegen die Angeklagten in Anwendung. Obwol ein entschiedener Gegner der von Pius IX. 1846 ausgegangenen liberalen Reformen, wollte er, als die Revolution von 1847 Aussicht auf Erfolg hatte, zu den Liberalen übergehen, wurde jedoch von diesen zurllck- gewiesen; ja, der allgemeine Haß, den er auf sich gezogen hatte, veranlaßte den König, ihn Ende Januar 1848 verhaften u. nach Marseille trans- portiren zu lassen. Nach dem Siege der Contre- revolution kehrte C. wieder nach Neapel zurück, jedoch ohne ein öffentliches Amt zu übernehmen. Er st. 1862. Lagai.' Carrhä (a. Geogr.), Stadt in Mesopotamien, mit uraltem Mondtenipel; das heutige Harran. Hier 53 v. Chr. Vernichtung der römischen Armee unter Crassns, der dabei blieb, durch die Parther unter dem Großvezier Surenas. Carrichter von Rexingen, eine für die Geschichte menschlichen Jrrthums interessante Per- sönlichkeit, Leibarzt Maximilians II., der Astrologie, Alchemie und Theosophie ergeben; gab unter dem Namen kbilomnsns verschiedene mevi- cinische Werke heraus u. beschäftigte sich namentlich mit der ernährenden u. heilenden Wirkung der Pflanzen. Er bestimmte genau die Constellation, unter der man jedes einzelne Kraut sammeln und Herstellen müsse, um es nutzbringend zu machen. Und seine Werke wurden, ein Zeichen der Zeit, viel gelesen u. viel aufgelegt. So das Buch von den Pflanzen, in dem steht, unter welchen Zeichen des Thierkreiscs rc., Straßb. 1573—75, Nürnb. 1686, als Kräuter- und Arzneibuch, mit Zusätzen von Cardiluccius, u. Tübingen 1839. Er schrieb ferner eine Deutsche Gesundheitslehre, Nürnb. u. Amb. 1610; Über die Harmonie, Antipathie und Sympathie der Pflanzen, Nürnb. 1686, u. (aber dies Werk unter seinem richtigen Namen): Die Pflanzen Deutschlands, beschrieben nach dem Einflüsse, den sie von den Himmelskörpern empfangen, Straßbnrg 1576, 95, u. unter anderem Titel 1619 u. 1673. Nach Cratons Urtheil „war er ein Charletan, der keinen mstkoclum wsäenäi verstanden, sondern durch seine Verwegenheit den Kaiser Ferdinand I. ums Leben gebracht hat"; Abdias Trew dagegen vertheidigt ihn, „denn seine Schriften seien stark interpoliret worden". Thamhayn. Carrick, 1) C. on Shannon, Hauptstadt in 520 Carrickfcrgus — Carro. der irischen Grafschaft Leitrim (Prov. Connaught), am Shannon n. der von Dublin nach Sligo führenden Eisenbahn; Gerichtshof; Zuchthaus, Kaserne; 1500 Ew. 2) C. on Snir, Stadt in der irischen Grafschaft Tipperary (Prov. Munster), am schiffbaren Snir u. an der Eisenbahn Limerick-Water- ford; Klosterruinen; früher Webereien wollener Zeuge; jetzt Handel mit laudwirthschaftlichen Products»; gegen 5000 Ew. Carrickfergus, Hauptstadt der gleichnamigen ehemaligen Baronie in der irischen Grafschaft An- trim (Prov. Ulster), an der Bai gleichen Namens; Assisen; Rathhaus; Zeughaus; Seebäder, Hafen; Weberei, Färberei; Fischerei; der sonst ziemlich bedeutende Handel hat verloren, seit sich das nahe gelegene Belfast gehoben hat; 9400 Ew. Carrier, Jean Baptiste, franz. Revolutionär, geb. 1756 zu Uolai bei Aurillac; seit 1792 Deputirter der Nationalversammlung, stimmte er für den Tod des Königs, veranlaßte die Verhaftung des Herzogs von Orleans u. schlug die Errichtung des Revolutionstribunals vor. In Nantes, wohin er 1793 als Volksrepräsentant zur Ab- urtheilung der Vendeer ging, fand er die zahlreichen .täglichen Hinrichtungen viel zu langsam, ordnete massenweise Hinrichtungen an, in Lenen eine große Anzahl Derer, die ihm des Royalismus verdächtig schienen, zugleich in Schiffe bringen u. den Boden bei Nacht öffnen (diese Exemtionen hießen Noyaden, Baignaden, verticale Deportationen), andere in den Steinbrüchen bei der Stadt in Masse erschießen, noch andere zu 2 u. 2, meist Personen verschiedenen Geschlechtes, nackt zusammenbinden (daher Republikanische Hochzeiten genannt) und so ins Wasser stürzen ließ. Selbst Robespierre fand sein Vorgehen entsetzlich, so daß er ihn abrief. Nach dem Sturze Robespierres wurde er vor das Revolutionsgericht gestellt und 16. Dec. 1794 guillotinirt. l--* Carriera, Rosalba, italien. Malerin, geb. 7. Octbr. 1675 in Venedig, gest. das. 15. April 17,57; malte namentlich in Miniatur u. Pastell, besuchte die Höfe von Modena, Paris u. Wien u. malte eine große Anzahl fürstlicher Personen, bis sie 1747 plötzlich erblindete und geisteskrank ward. Die Dresdener Galerie besitzt 157 Werke der C. Ihr Stil war rein, frisch u. leicht, ihre Farbe frei u. doch natürlich, ihre Zeichnung nobel u. graciös. Sie malte auch religiöse Historie, u. wurden Werke von ihr gestochen durch Wilson, I. E. Haid u. Sinzenich. Regnet. Carrier de Belleuze, Albert Ernst, franz. Bildhauer, geb. 12. Juni 1824 zu Anisy-le-Cha- teau; ward von David d'Angers in der Kunst unterwiesen, zählt zu den Mitgliedern der naturalistischen Schule und weiß in Bezug auf die Bewegung nicht genügend Maß zu halten. Hauptwerke: Angelica; zwei Amore; Der Kuß (Gruppe); Madonna mit dem Kinde; Christus; Kindergruppen u. allegorische Gestalten an der neuen Augu- pinerkirche; Karyatiden am Handelsgerichts-Palaste u. im Hauptsaal der großen Oper in Paris; zahlreiche, sehr gelungene Büsten. Regnet. Carriere (v. Fr.), 1) eine Bahn für Laufende, Reitende oder Fahrende. 2) Die schnellste Gangart eines Pferdes (s. u. Reitkunst). 3) Die bürgerlichen Verhältnisse, in welchen ein Mann nach u. nach lebt, besonders die öffentlichen Anstellungen, zu welchen er gelangt. Carriere, Moritz, ausgezeichneter deutscher Kunstphilosoph n. Kunsthistoriker, geb. 5. März 1817 zu Griedel (Großherzogthum Hessen); besuchte das Gymnasium in Wetzlar, studirte in Gießen, Güttingen u. Berlin, verweilte einige Jahre in Italien, wo ihn vor Allem die Kunstwerke beschäftigten, habilitirte sich 1842 als Privatdocent der Philosophie in Gießen, wurde 1849 daselbst außerordentlicher Professor, folgte 1853 einem Rufe als Professor der Kunstgeschichte u. Secretär der Akademie der Künste nach München u. stieg hier zum ordentlichen Professor der Ästhetik auf. Schriften: Os ^.ristotols Olatonis amieo, Gött. 1837; Vom Geist, Schwert- u. Handschlag für Franz Bader, Weilb. 1841; Die Religion in ihrem Begriffe, ihrer weltgeschichtlichen Entwickelung n. Vollendung, ebd. 1841; Der Kölner Dom als freie deutsche Kirche, Stuttg. 1843; Abälard u. Heloise, ebd. 1843, 2. Aust., Gießen 1853; Die philosophische Weltanschauung derReformationszeit,>Stuttg. 1847; Die letzte Nacht der Girondisten, Gedicht, Gießen 1849; Religiöse Reden u. Betrachtungen für das deutsche Volk von einem deutschen Philosophen, Lpz. 1850 (anonym), 2. A., 1856; Charakterbild Cromwells, 1851; Das Wesen u. die Formen der Poesie, Lpz. 1854; Erläuterungen zu Kaulbachs Shakespeare-Galerie, Berl. 1856—58; Erbanungs- buch für Denkende „in alten u. neuen Dichterworten, Frkf. 1858; Ästhetik, Leipz. 1859, 2 Bde., 2. A., 1873; Die Kunst im Zusammenhänge der Culturentwickelung u. die Ideale der Menschheit, ebd. 1863—74, 5 Bde., 2.„A. des 1. Bd. 1871, des 2. 1872, des 3. 1873; über die sittliche Welt- ordnnng, Münch. 1870; Deutsche Geisteshelden im Elsaß, ebd. 1871. "> Carrion (C. de los Condes), alterthllmliche Stadt in der spanischen Provinz Palencia, am Carrion; Hauptort der gleichnamigen Grafschaft; 10 Kirchen; Weinbau; 3500 Ew. Carro, Jean de, geb. 8. Aug. 1770 zu Genf, aus einer angesehenen Familie stammend; studirte seit 1790 in Genf u. Edinburgh Medicin, pro- movirte 1793, ließ sich in Wien nieder, wurde 1796 Mitglied der Medicinischen Facultät, zog 1825 nach Prag, den Sommer in Karlsbad zubringend; starb 12. März 1857. Er versuchte, der Erste auf dem Continent, 10. Mai 1799 die Impfung an seinen beiden Söhnen u. wirkte seitdem unermüdlich für die Einführung der Schutzpocken in Deutschland, Ungarn, Polen und dem Orient. Er erfand ein Verfahren, die Lymphe transportfähig zu machen, so daß er sie nach Con- stantinopel, Bagdad u. selbst nach Indien senden konnte. 1807 versuchte er den Gebirgsreis als eine kräftige neue Getreideart in Österreich einheimisch zu machen. In Karlsbad veranlaßte er die Einführung der Schwefelräucherungen. Er schr.: Ob- ssrvations et sxpsrisnoss our 1'inoenlation äs la vaooins, Wien 1801 (Selbstverlag), 1802, deutsch von Portenschlag, 1802; Oistoirs äs 1a vasoination sn ilnrgniö, sn Crsos st anx Inclss orisutalss, Wien 1803, deutsch von Friese, mit Anmerk., Bresl. 1804; Instruction paar 1'stadUsssmsnt ä'uns Carrocium - kawiAaboirs st 1'smploi äss kumiAablons snl- pbursnsss, Wien 1817, deutsch von Wächter, Wien 1817; Obssrvations pratiqnss snr Iss IniniAa- tious snlxdnisnsss, Wien 1819, deutsch von Wächter, ebd. 1819; Oarlsdaä, sss errux minsralss st sss nouvsanx dains ä vapsnr, Karlsb. 1827; Llmanao äs darlsbaä seit 1831. Außerdem gab er des Barons Bohuslas Haffenstein de Lobkowitz sgest. 1510) lateinische Ode auf Karlsbad heraus, Karlsb. u. Prag 1829, deutsch von Ritter von Rittersberg, Prag 1829, u. noch verschiedene, kleinere Abhandlungen. Thamhayn. Carrocrum (ital. Oarrossio), im Mittelalter großer vierräderiger, bunt bemalter, oder mit Decken behängter, von 2 bis 4 Ochsen gezogener Wagen, auf dem ursprünglich eine hohe Stange mit goldenem Knopfe u. dem Bilde des Gekreuzigten, später Heiligenbilder u. besonders ein großes Stadtbanner aufgepflanzt war. Es stand im Treffen mitten in der Schlachtordnung. Sein Verlust war der größte Schimpf, weshalb in seine Umgebung stets die tapfersten Krieger gestellt wurden u. um seinen Besch in der erbittertsten Weise gekämpft wurde. Eine daran befindliche Glocke läutete zum Früh- u. Abendgebete. i-* Carroll, Counües in den nordamerik. Unionsstaaten: 1) in Arkansas, unter 36° n. Br. und 93° w. L.; Marmorlager; 578 Ew.; 2) in Georgia, unter 33° n. Br. u. 85° w. L.; 11,782 Ew.; Countysitz: Carrolton; 3) in Illinois, u. 42° n. Br. u. 90° w. L.; 16,152 Ew.; Countysitz: Mount Carroll; 4) in Indiana, u. 40° n. Br. n. 86° w. L.; 16,152 Ew.; Countysitz: Delphi; 5) in Iowa, u. 42° n. Br. u. 94° w. L.; 2451 Ew.; Countysitz: Carrolton; 6) in Kentucky, u. 38° n. Br. u. 85° w. L.; 6189 Ew.; Conntysitz: Carrolton; 7) in Louisiana, u. 32° n. Br. u. 91" w. L.; 10,110 Ew.; Countysitz: Providence; 8) in Maryland, u. 39" n. Br. u. 77° w. L.; 28,619 Ew.; Countysitz: Westminster; 9) in Mississippi, u. 33° n. Br. u. 89° w. L.; 21,047 Ew.; Conntysitz: Carrolton; 10) in Missouri, n. 39" n. Br. und 93° w. L.; 17,446 Ew.; Conntysitz: Carrolton; 11) in New-Hampshire, u. 43° n. Br. u. 71° w. L.; 17,332 Ew.; Conntysitz: Ossippee; 12) in Ohio, u. 40° n. Br. u. 81° w. L.; 14,491 Ew.; Conntysitz: Carrolton; 13) in Tennessee, u. 35" n. Br. u. 88" w. L.; 19,447 Ew.; Conntysitz: Huntington; 14) in Virginia, unter 36° n. Br. und 83° w. L.; 9147 Ew.; Conntysitz: Hillsville; besuchte Mineralquelle zu Sulphur Springs. Carron, Dorf in der Grafschaft Stirling in Schottland, nngesähr 3 üm nordöstl. von Falkirk, mit dem es durch Eisenbahn verbunden ist; berühmt wegen seiner 1760 von einer Gesellschaft angelegten Eisengießereien; 1088 Ew. Der Fluß gleichen Namens ist ein kleiner Strom, der auf einer großen Wiese, 6. box genannt, nahe dem Mittelpunkte der Grafschaft entspringt u. sich nach einem östlichen Laufe von etwa 26 km in den Forth von Grangemouth ergießt. Dieser Fluß soll, wie einzelne Alterthumsforscher behaupten, die Grenzlinie zwischen der römischen Herrschaft und den unabhängigen Caledoniern gebildet haben, n. verschiedene denkwürdige Schlachten wurden an seinen Ufern geschlagen. In seinem Laufe liefert er das — Carstens. 521 Wasser zu mehreren Kattundruckereien u. für das großen Reservoir der C.-Werke, wo früher namentlich viele Geschütze (die jetzt veralteten Carro- naden) gegossen wurden, und treibt verschiedene Papiermühlen. Carronssel (Carrousel, fr., vom lat. earrns, Wagen), 1) ritterliche Übung zu Pferde im Ringelstechen, Pfeilschießen, Hauen rc.; s. u. Turnier. Die C. kommen schon 842 an den Höfen Karls des Kahlen u. Ludwigs des Deutschen vor. Später wurden sie durch die Turniere verdrängt, traten jedoch, als diese abgekommen waren, wieder an ihn Stelle. Die Ordner dabei hießen Nantsnatorss. Jetzt werden dergleichen nur noch an Höfen bei großen Festen von Cavalieren aufgeführt u. ahmen hier die Turniere nach, so daß Damen Preise vertheilenrc. Die Übungen bestehenvornehmlich inkünstlichenQua- drillen-Figuren (C-reiten), ausgeführt durch Paare, deren Kleidung verschieden ist. 2) Vergnügungs- Vorrichtung für Kinder, auf Jahrmärkten, Kirmessen rc.: hölzerne Pferde u. Bänke, welche mittels Stangen an eine verticale Säule befestigt sind, werden unter Drehorgelbegleitnng horizontal sum die Säule im Kreise gedreht. Auch Apparate zu Ringstechen rc. sind angebracht. i--* llarräoa (lat.), vierräderiger, häufig kostbar ausgestatteter u. verzierter Staatswagen in der röm. Kaiserzeit. Carrncci, s. Carucci. Carsöli, Stadt im Bezirke Avezzano der ital. Provinz Aquila (Abrnzzo ulter. II.), in schöner Lage; 5527 Ew. In der Nähe lag das früh zerstörte Carseoli, eine Stadt der Äquer. Carson, Christopher (gewöhnlich KitCarson genannt), nordamerikanischer Indianer-Agent u. Brigadegeneral, geb. 24. Dec. 1809 zu Madiscm County (Kentucky); schloß sich, nachdem er 16 Jahre lang als Trapper u. Angestellter der Regierung im W. zugebracht, der großen Expedition Fremonts nach den westl. Territorien an u. leistete dabei durch seine Orts- u. Sprachkenntnisse vorzügliche Dienste: Später von der Regierung als Indianer-Agent in Mexico angestellt, schloß er die Verträge zwischen den dortigen Indianern u. den Ver. Staaten in befriedigendster Weise ab. Auch im Seccssions- kriege leistete er der Union gute Dienste u. wurde deshalb zum Brigadegeneral ernannt. Er st. 23. Mai 1868 zu Fort Lynn in Colorado. Schroot. Carson City, Hauptstadt des Nordamerikas Unionsstaates Nevada, im Ormsby County, unter 42° 55' n. Br. u. 75° 46' w. L.; 3045 Ew.; in der Nähe Silberminen. Carstens, Asmus Jakob, geb. 10. Mai 1754 in St. Jürgen bei Schleswig, der erste Historienmaler, von dem sich die Erneuerung der deutschen Kunst herschreibt; war erst 5 Jahre Lehrling bei einem Weinhändler in Eckernförde, studirte seit 1776 die Kunst an der Akademie in Kopenhagen, machte 1783 eine Reise nach Italien, mußte aber schon in Mantua, da es ihm an Mitteln zur Weiterreise fehlte, umkehren, ging über Zürich nach Lübeck, wo er durch Porträtmalen seinen Unterhalt erwarb u. die Mußestunden zum Entwerfen selbständiger Compositionen benutzte. 1787 siedelte er nach Berlin über u. erhielt sich dort von Zeichnungen, die er für Buchhändler an- 522 Carta — fertigte, bis ihm endlich eine Zeichnung, den Sturz der Engel darstellend, eine Professur an der Alarme einbrachte. Er erhielt einige Zeit darauf den Auftrag, den Dorvilleschen Palast mit Fresken zu schmücken, eine Arbeit, die ihin 1792 ein Stipendium zur Reise nach Italien eintrug. In Nom studirte er Rafael n. Michel Angelo, ließ sich hier dauernd nieder u. st. daselbst 26. Mai 1798. Seine Bilder, meist Zeichnungen und Aquarelle, befinden sich zum größten Theil in Privathänden u. zeugen von elastischer Einfachheit, edler Ruhe, hohem Schönheitssinn, individueller Charakteristik n. reiner Poesie, wogegen C. der Sinn für Farbe ganz fehlte. Was er verhieß, leistete die neuere Frescomalerei. Eine ausgewählte Sammlung seiner Zeichnungen besitzt das Museum in Weimar (gestochen u. heransgegeben von W. Müller, erläutert von Schuchardt und herausgegeben von Riegel, Lpz. 1869, u. Photographien nach den Originalzeichnungen von Kemlein, Wien 1870). Homeros, Pindaros, Aristophanes u. Dante waren die Dichter, aus denen er am liebsten schöpfte; zu seinen schönsten Werken gehört das Gastmahl des Platon; Homeros als Sänger seiner Dichtungen; Jason; Die Nacht; die Abtheilung der Danteschen Hölle mit den Sündern ans Liebe; Sokrates rettet Alkibiadcs in der Schlacht von Potidäa das Leben; Ganymedes vom Adler geraubt; Ödipus auf Kolonos u. Ödipus König; die Schlacht der Kentauren n. Lapithcn; Die Parzen, Die Geburt des Lichtes; Sokrates im Korbe; Die Argonauten, nach C-s Tode von Koch radirt in 24 Blättern, Rom 1799. Seine Biographie schrieb Fernow, Leipz. 1806, n. A. von Riegel, Hann. 1871. Regnet. Carta, s. u. Karte. Cartagena, 1) Hafenstadt n. Festung in der span. Prov. Murcia, au einer tiefen Bai des Mittelmceres; Bischofssitz; Seecadettenschule.Schifs- fahrtsschule mit Sternwarte; großes Arsenal, Schiffswerft; Schiffbau, Fertigung von Schisfgeräthschas- ten, Leder, Scidenwaaren; Fischerei; der Handel war sehr gesunken, wird sich jedoch infolge Vollendung der Eisenbahn von Albacete über Murcia nach C. voraussichtlich wieder heben; die Stadt ist gut gebaut, von mittelmäßig starken Festungswerken umgeben u. durch mehrere Forts vertheidigt; der Hafen hat die Form eines Hufeisens, ist durch Berge vor Stürmen geschützt u. einer der sichersten Europas, besond. als Kriegshafen von Wichtigkeit; es liegt ein Theil der span. Kriegsflotte hier; 1857 22,106 Ew. — C., im Lande der Con- testaner, wurde 227 v. Ehr. von dem Karthager Hasdrubal als Lartim^o uova gegründet, in der Tiefe eines Meerbusens, der einen sicheren Hafen gewährte u. vor welchem die Insel Scombreria (Insnla Uereulio), jetzt Makrelen-Jnsel, lag; sie lag hoch ans einer Landzunge, hing durch einen breiten Damm mit dem Festlande zusammen und war durch starke Mauern n. eine Citadelle vertheidigt. Die Karthager machten sie zu ihrem Hauptwaffenplatze u. zum Mittelpunkte des Handels zwi- scheu Afrika u. Spanien; durch Fischerei u. die nahen reichen Silberbergwerke wurde die Stadt bald blühend. Scipio Asricanus eroberte C. 210 v. Chr.; sie wurde 0. 8partaria wegen der Menge von Espartogras genannt u. bewahrte unter der Cartagena. römischen Herrschaft ihren alten Glanz, wurde Sitz des Präfecten im Tarraconensischen Spanien und eines Obergerichtshofes. Cäsar schickte eine Colonie dahin (Loluuia, Vietrix Inlia Ilova 6ar- tiwAo). Bei dem Einbrüche der Vandalen in Spanien wurde C. von diesen 411 n. Chr. genommen u. verwüstet, so daß der Sitz des Erz- bisthums nach Murcia verlegt wurde. Durch die 711 in Spanien eingefallenen Araber wurde C. mehrmals heimgesucht. Erst dadurch, daß Phi- lipp II. in der Mitte des 16. Jahrh. den Hafen mit Festungswerken umgab n. einen Theil der Kriegsflotte dahin verlegte, hob sich die Stadt wieder. Bei C. 2. Sept. 1643 Seesieg der Franzosen über die Spanier. Im Spanischen Erbfolgekriege war C. 1706 von der alliirten Flotte genommen worden, doch zwang sie Berwick 18. Nov. wieder zur Übergabe. 20. Juni 1815 bei C. Sieg des nordamerikanischen Commodore Decature über die algierische Flotte. 5. Nov. 1823 ergab die Stadt sich den Franzosen. Hier 2. Februar 1844 Aufstand; die Stadt wurde 23. März vergeblich vom General Roncali beschossen, capitulirte aber 25. dess. Mts. an die Truppen der Königin. In dem neuesten spanischen Bürgerkriege setzte sich die radical-socialistische Partei, wie überhaupt in SSpanien, so bes. in C. fest, gewann 12. Juli 1873 durch einen Handstreich die Gewalt in der Stadt, brachte auch die Truppen ans ihre Seite u. begann im Namen des „selbständigen Staates (Kantons) Murcia" eine wahre Schreckensherrschaft anszuüben, an deren Spitze der General Contreras stand. Die Regierung von Madrid wurde von den Insurgenten des Hochverrathcs schuldig erklärt, u. die Reichen wurden gebrandschatzt. Al- meria und Alicante wurden 31. Juli und 28. Septbr. durch Kriegsschiffe von C. beschossen, um sie durch Gewalt zum Anschlüsse an die Partei- bestrebnngen in C. zu zwingen. Da die spanische Regierung zu schwach war, gegen die Insurgenten einzuschreiten, machten diese nngescheut weitere Ausfälle. 5. Sept. begann General Cam- pos die Beschießung von C., welche der an seine Stelle berufene General Ceballos sortsetzte, u. nach diesem Lopez Dominguez. Am 11. Jan. floh die Revolutions-Junta auf das Schiff Numancia und begab sich auf demselben nach Algerien, während C. sich 12. Jan. 1874 den Belagerern ergab. Die Numancia wurde nebst den darauf befindlichen Galeerensträflingen von den französischen Behörden der spanischen Regierung ausgeliesert, die übrigen Flüchtlinge aber in Algerien internirt. 3) (C. de las Judias, C. nueva) Hauptstadt des Staates Bolivar in der südamerikau. Föderativrepublik Columbia, unter 10° 25' 38" n. Br. u. 57° 50' w. L., an einer schönen Bai, auf einer schmalen Landzunge, meist von großartigen Vertheidigungs- werken geschützt, diese sind jedoch jetzt im Verfall; gut gebaut; Bischofssitz; schöne Kathedrale, viele andere Kirchen u. Klöster; Universität, Marineschule; ausgezeichneter Hafen, durch die beiden Inseln Barn und Tierra-Bornba gebildet, durch eine Brücke mit der auf einer Insel liegenden, namentlich von Indianern bewohnten Vorstadt Lexemani verbunden und mit drei Eingängen (Boca-Lhica, durch 2 Forts vertheidigt, Boca- 52S Cartago — Cartcsianische Tcufclchen. Grande u. Estero de Pasacaballos) versehen, der beste an der NKüste von SAmerika; Handel mit Perlen, Smaragden, Zucker, Tabak, Baumwolle, Kaffe; die Stadt ist jedoch von ihrer früheren Bedeutung herabgesunken; 9000 Ew., darunter viele Farbige; Klima heiß u. ungesund, schlechtes Trinkwaffer, häufig gelbes Fieber. — C. wurde gegründet 1533 von dem Spanier Pietro de He- redia; 1585 wurde es von Fr. Drake genommen u. verbrannt; 1097 von den Franzosen genommen u. die Werke in die Lust gesprengt; 1741 griffen es die Engländer, aber vergebens, unter Admiral Vernon an. Im Juni 1815 wurde es vergebens von Bolivar belagert; später erklärte es sich für unabhängig, wurde aber durch den spanischen General Morillo im August belagert u. fiel 6. Dec. 1815 wieder in die Hände der Spanier, welche die Stadt nach langer Blokade (seit Juli 1820) 26. Sept. 1821 wieder an die Aufständischen übergaben. Kolpe.» Cartägo, Hauptstadt des gleichnamigen Dep. der centralamerikanischen Republik Costa-Rica (früher Hauptstadt der letzteren), auf einer Hochebene, am Fuße des gleichnamigen, 3250 in hohen (auch Jrazu genannten) Vnlcans, wenige Meilen vom Großen Ocean; 1522 gegründet; litt 1841 sehr stark durch ein Erdbeben; früher 37,000, jetzt nur noch 15,000 Ew. 2) Stadt im jetzigen Staat Cauca der südamerikanischen Republik Columbia, in einem Thal des Cauca; Handel mit Schlachtvieh, Cacao, Kaffe, Tabak; 7000 Ew. Carte (fr.), 1) Speisekarte; L 1a carts speisen, die Speisen nach der C. beliebig auswählcn, im Gegensätze zu lladlo ä'llöbs. 2) 6arts dlanoiis, eigentlich weißes Blatt, unbeschränkte Vollmacht. 3) ('. äs äirsotlon, das Hauptblatt, die Netzkarte bei Vermessungen. Carte, Thomas, engl. Geschichtschreiber, geb. 1686 in Dusmoor; war Geistlicher, verließ aber den geistlichen Stand, weil er bei Georgs I. Thronbesteigung den Eid der Treue nicht leisten wollte; schon 1715 der Theilnahme an der Rebellion verdächtig, mußte er später, in die Verschwörung des Bischofs Atterbury, dessen Secretär er war, verwickelt, nach Frankreich fliehen, bis er durch Vermittelung der Königin Carotine wieder nach England zurückkehren durste, wo er, noch vielfach angefochten, 1754 starb. Er schr.: iüstor/ ob tüs liks ob äamos Ouks ob Ormcmä, 1736, 2 Bde., franz. im Auszuge, Haag 1737, 2 Bde.; Geschichte Englands, 1747—52, 3 Bde. (der 4. Bd. erschien nach seinem Tode 1755); 6ataIoAus äss rollss Aaseons, norm, ob Irans, oonssrves äans Iss arolnvss äs la tour äs l-onärss, Par. 1743, 2 Bde. Fol., u. a. I--' Darts blanolw, s. Carte 2). Carteja (a. Geogr.), Stadt der Bastuler im Bätischen Spanien, am §rebnm Aaäitannm, Handelsstadt mit Hasen. C. war von Phönikern gegründet; 170 v. Chr. wurde hierher eine römische Kolonie geschickt. Hier schlug Cäsars Unterfeldherr Didius 45 v. Chr. den Attius Varus, Genoffen des jüngeren Pompejus. C. lag beim jetzigen Rocadillo. Kartell (v. ital. carba), bezeichnete ursprünglich im Mittelalter die Turnierordnung; s. Turnier; jetzt begreift man darunter Forderung zum Duell; der sie überbringt, heißt C-träger; s. "weikampf. Sodann versteht man darunter die Übereinkunft zweier mit einander Krieg führenden Staaten zur Auswechselung od. Überlieferung der Gefangenen und Deserteure. Solche C-e fanden sonst oft für den ganzen Krieg statt, und es galt dabei gewöhnlich 1 Capitäu 6 Mann, 1 Lieutenant 4, 1 Unterosfizier oder Reiter 2 Mann. Ost wurden sie aber auch für besondere Fälle geschlossen u. hierbei der Überschuß eines Staates mit Geld ansgeglichen. Seit den Revolutionskricgen erfolgt die Auswechselung der Gefangenen erst nach dem Abschluß des Krieges (s. Kriegsgefangene). Außerdem bestehen zwischen den meisten europäischen Staaten C-verträge zur gegenseitigen Auslieferung von Militärdeserteureu und Criminalverbrechern, theilweise mit Ausschluß der politischen Verbrecher. C-schiff ist ein Schiff, das Kriegsgefangene, die ausgewechselt werden sollen, od. Unterhändler führt. Dasselbe fährt unter Parlamentärflagge und darf nur eine Kanone, aber keine Kriegsvorräthe oder Maaren an Bord führen; es ist unverletzlich. Dann bezeichnet C. auch den Vertrag zweier kriegführenden Mächte über ungestörte Fortdauer des beiderseitigen Handels zur See. In der Musik versteht man unter C. den ersten Entwurf eines Tonstückes, daun die Partitur (s. d.) Lagai." Darts psrtie (Seew.), so v. w. Orte Partie. Carter, Counties in den nordamerik. Uuious- staaten; 1) in Kentucky, u. 38" n. Br. n. 82° w. L.; reiche Steinkohlen- u. Eisenlagcr; 7509 Ew.; Countysitz: Graham; 2) in Missouri; unl. 37° n. Br. u. 90° w. L.; reiche Erzlager 1455 Ew.; Countysitz: Van Buren; 3) in Tennessee, u. 36° n. Br. u. 82" w. L.; 7909 Ew.; Couutysitz: Elizabethtown. Carteret, County im nordamerik. Unionsstaate NCaroliua, unter 35° n. Br. u. 76° w. L.; 9010 Ew.; Couutysitz: Beaufort. Carteret, Philipp, britischer Entdeckungsreisender; ging 1766 unter Wallis mit der Cor- vette Swallow auf Entdeckungen nach der Südsee. An der Magelhaensstraße von Wallis getrennt, setzte er die Reise allein fort u. entdeckte u. a. die Pir- cairn-Jnselu. die zum Salomons-Archipel gehörigen Inseln Gower u. Carteret, befuhr dann zuerst Len St.-Georgs-Kanal,dem er den Namen gab, entdeckte die Admiralitäts-Inseln u. kehrte über Batavia 1769 nach England zurück. Eine Beschreibung seiner Reise gab Hawkesworth mit Cooks erster Reise, Lond. 1773, heraus. Geburts- u. Todesjahr sind unbekannt. i--* Cartesianische Teufelchen (C. Taucher, C. Männchen), nach Descartes benannte, kleine hohle gläserne Figuren, die unten eine kleine Öffnung haben, meist von der Gestalt eines geschwänzten Teufels mit hohlem Kopfe u. Rumpfe u. von der tiefsten Stelle des letzteren ausgehendem, am Ende offenem Schwänze. Der Schwerpunkt der Figur muß recht tief liegen u. dieselbe um ein Weniges leichter als ein gleiches Volumen Wasser sein, so daß sie in aufrechter Stellung schwimmt u. dabei fast ganz in Wasser eintaucht. Bringt man eine solche Figur in eine ganz mit Wasser gefüllte gläserne Flasche und bindet diese mit Blase oder 524 Cartesianische Wirbel — Carton. einer Kautschukplatte fest zu, so daß keine Luftblase! Vorlesungen, erhielt 1740 eine Professur sllr zurückbleibt, so sinkt beim Drucke des Fingers auf die Blase die vorher schwimmende Figur zu Boden, indem dann ein Theil des gedrückten Wassers durch die kleine Öffnung sich in die hohle Figur eindrängt n. durch Zusammendrllckeu der darin befindlichen Luft die Figur oder Kugel specifisch schwerer macht; nach aufgehobenem Drucke drängt die Luft das Wasser wieder heraus, die Figur nimmt ihr voriges geringeres specifisches Gewicht wieder an u. erhebt sich infolge davon von Neuem zur Oberfläche. Anstatt der Figur kann selbstverständlich eine Hohlkngel od. ein beliebiger hohler Gegenstand von passendem specifischem Gewichte u. einer kleinen Öffnung am tiefsten Punkte dienen. Wimmenauer LI.* Cartestanische Wirbel, Hypothese, von Des- cartes ausgebildet, um die Planeten- u. Trabantenbewegungen, besonders die Übereinstimmung der Richtung ihrer Bahnen, zu erklären, indem er eine höchst feine Materie in den Himmelsräumen aunahm, die sich um die Sonne u. Planeten wie um einen Mittelpunkt bewege und die untergeordneten Körper mit sich fortreiße u. nm- treibe. Diese Ansicht fand noch lange Vertheidiger an Joh. Bernoulli, Leibniz, Villemont, de Molibres, de Gamaches, ist jedoch jetzt aufgegeben. Vgl. Keplersche Gesetze. Cartesius, Renatus, s. DescarteS. Carthaye, Sitz des Jasper County im nord- amerik. Unwnsst. Missouri; 2450 Ew. Hier am 6. Juli 1861 Gefecht. Carthago, s. u. Karthago. Carthamm (Chem.) O^bllgO?, der rothe Färb floss des Safflors, der getrockneten Blüthen von 6s.rtiis.inu8 tinotorlus. Das gereinigte C. stellt ein dunkelrothes, metallisch glänzendes Pulver dar, unlöslich in Wasser, schwer in Alkohol, leicht in Alkalien löslich; es verändert sich aber rasch in dieser Lösung. Es kommt unter dem Namen RouAö ä'sssistbs in den Handel und dient als Schminke. Clären. vartlismus L., Pflanzeugatt. aus der Familie der Oompositso-OMsrsss-Osntsursss, mit dach ziegelartig gelagerten Hüllblättern, von denen die äußeren laubblattartig und stachelig-gezähnt, die inneren lcderartig, linealisch u. spitz sind, mit gleich artigen Zwitterblüthen, verkehrt-eiförmigen, fast 4kantigen Früchten, deren unregelmäßig gezähnter Rand den aus gezähnten, freien Haaren bestehenden Haarkelch umrollt; letzterer fehlt auch bei 6. tins' doriusT,. (Saflor, Bastardsafran), kahl, mit aufrechtem, ästigem Stengel, länglich-eiförmigen, halb flengelumfassenden, spitzen, stachelig - gezähnclten Blättern, großen, in Doldenrispen gestellten Köpfen und gelben, später orange-fenerroth werdenden Blüthen. Diese enthalten einen gelben u. einen rochen Farbstoff, welcher letztere (Carthamin) in der Färberei benutzt wird. Daher wird diese iu Ägypten einheimische Art stellenweise bei uns an gebaut. Engter. Cartheuser, Johann Friedrich, ordentl. Professor der Pathologie u. Therapie zu Frankfurt a. d. O., geb. 29. Septbr. 1704 zu Hayn (Stollberg); studirte in Jena u. Halle, wurde hier 1731 Licentiat, promovirte dann, hielt akademische Chemie, Physik und Heilmittellehre in Frankfurt a. d. O., später auch für Botanik u. Anatomie, wurde 1755 Mitglied der Kur-Mainzer Akademie in Erfurt u. 1758 der Berliner u. starb, nachdem er auch noch den Lehrstuhl für Pathologie und Therapie erhalten hatte, als k?roko88or primsrius 22. Juni 1777. Er war hochberühmt wegen seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse, besonders in der Chemie u. Botanik, welche ihm ganz neue Perspectiven eröffncten u. seine Reformbestrebun- geu veranlaßten. Außer zahlreichen Dissertationen, die kurz vor seinem Tode gesammelt erschienen, gab er heraus: Lpsoimsu smosnitstum usturss sb srdis, Halle 1733; ^inosnitstss nsburss, ebd. 1735; kNemsuts ell/miso luoäioss äoAmsbioo- SLpsrimsutslis sie., Franks, a. d. O. 1753; Ruck imsuts rnstsriss naoä. rstüsuskis sto. u. k7uu- äamsuts mst. rneci. rsb., ebd. 1741, das letztere 1749—50, auch französisch: Nstisrs ruöciiesls, Par. 1755; k?llsriusoolo§is bllsorst.-prset., Berl. 1745; k^llnLsmsllbs xsttwkoAiss ob tllsrspiso, Franks. 1758—62; Oissertstio ebz'mieo-ptiz'sies äs Asnsriois gultmsäsm pluutsruiu priueipüs baotouus plsrumgus usAlsotis, ebd. 1754; Öis- ssrtstiouss uonuuÜss solsetioros pll^sioo-ollsmi- ess, ebd. 1775. Thamhaha. Cartier, Jacques, franz. Schiffscapitäli, geb. 31. Dec. 1494 in St. Malo, Todeszeit unbekannt; wurde vom König Franz I. 1534, 1538 u. 1540 nach NAmerikä gesendet, um Canada zu untersuchen u. bei Neu-Fundland eine Colonie anzulegen; entdeckte den Lorenzgolf u. fuhr den Lorenzstrom bis Montreal hinauf. Die Beschreibung u. die Journale seiner beiden Reisen finden sich im 3. Bd. von Ramusios kkseoolts äskis nsviAsbions und in Lescarbots Listoirs äs Is I7ouvetls kärsuos, die der dritten im 3. Bd. von Haklnyts llllls priuoipsl usviAstions st«. vsrtilägo (lat.), Knorpel; 0. srisoiäss u. 6. bllzwooläes, Ring- u. Schildknorpel; s. u. Kehlkopf; OsrtilaAiuss srzchsonoiässs, gießkannenförmige Knorpel, die zum Kehlkopfe (s. d.) gehören. Daher: vsrtilsAiusus, knorpelig, knorpelartig; OsrtüIsAiuss sudstsutis, Knorpelsubstanz. Cartismandna, Königin der Briganter in Britannien; verrieth 51 n. Chr. den Häuptling der Silurer Caratacus (s. d.) an die Römer u. wurde deshalb vom Kaiser Claudius reich beschenkt. Der Umstand, daß sie 53 ihren Gemahl Venutius verstieß, um dessen Minister zu heirathen, war der Grund ihres Sturzes, denn als Venutius 59 die Waffen gegen sie ergriff, konnte sie nur mit Hilfe der Römer ihr Leben retten. Cartmel, Marktflecken im nördl. Theil der engl. Grafschaft Lancashire; 5300 Ew.; in der Nähe große Baumwollenspinnerei. Carton (fr.), 1) ein Bogen starkes Papier od. Stück Pappe. Daher 2) der Einband eines Buches von leichter Pappe. Die Herstellung eines solchen Einbandes heißt Cartonniren. 3) (Cartonnage) Schachtel von Pappe zur Aufbewahrung von Bändern, Hauben u. dgl. 4) Behältniß voll Pappe, um Kupferstiche, Landkarten rc. hineinzulegen. 5) Die über einem C. od. einem Gemälde auf durchsichtiges Papier gemachte Zeichnung der Cartouche — Cartwright. 525 Umrisse, deren man sich znm Copiren oder Ausfuhren bedient. 6) Gezeichnetes Vorbild zu der Malerei in Fresco, in L>l, od. für Webnng von Tapeten, meist auf Papier entworfen; als Werke erster Hand, da die eigentliche Ausführung meist anderen Malern übertragen wird, von besonderem Werlhe, wie z. B. die von Rafael in Hampton- court, die von Cornelius zur Glyptothek re. Zum C. gibt der Meister, der denselben entworfen hat, gewöhnlich noch eine Farbenskizze, d. h. eine kleine hingeworfene Copie mit aufgetragenen Farben, wonach der das Bild ausführende Künstler sich zu richten hat. 7) (Buchdr.) Ein gedrucktes Blatt, welches statt eines fehlerhaften eingeklebt wird. Cartouche (fr.), I) Rolle. 2) Die Pulverladung der Geschütze; sie besteht ans einem Beutel von Etamin oder Seidenzeug, der mit Pulver gefüllt, an einem Ende zusammengebnnden, am anderen Ende mit eingenähtem Boden versehen ist. Früher waren die C. mit dem Geschoß verbunden, für die gezogenen Geschütze sind Geschoß u. C. nicht verbunden. S. a. Kartätsche. 3) Bei der Cavalerie und Feldartillerie die Patrontasche, welche von den Mannschaften an einem ledernen, von den Offizieren an einem silbernen oder goldenen Bandelier getragen wird. Cartouche, Louis Dominique, berüchtigter franz. Gauner, geb. 1693 in Paris; zeigte schon in früher Jugend große Geschicklichkeit im Stehlen, sammelte in der Normandie eine Räuberbande, welche sehr zahlreich u. förmlich organisirt war, und setzte mit derselben die ganze Umgegend in Schrecken. Durch sein Glück kühn gemacht, wagte er sich nach Paris, wo er die verwegensten Spitzbübereien verübte u. lange Zeit den Nachforschungen der Polizei entging, bis er endlich im Oct. 1721 ergriffen und zum Tode verurtheilt wurde. Nachdem er selbst unter der Folter die Mitglieder seiner Bande nicht verrathen hatte, that er es, da er sich wider Verhoffen nicht von denselben gerettet sah, noch auf dem Wege zum Schaffot; er ließ sich zu diesem Zwecke in das Gefängniß zurückführen u. wurde dann 28. Nov. 1721 gerädert. Vgl. Ulst, cks 1a vig st <1n pro- oös än Lmsux 6., deutsch, Kopenh. 1767; Grandval brachte seine Unthaten in ein Gedicht, Par. 1725 u. ö.; Neuer Pitaval, Bd. 13, Lpz. 1848. Cartouchenadel, eine stählerne Nadel, die durch das Zündloch des Geschützes gestoßen wird, um den Cartouchebeutel aufzustechen und dadurch die Entzündung des Pulvers zu erleichtern. Cartwright, 1) Thomas, puritan. Theolog, geb. 1535 in Hertfordshire, Professor der Theologie n. Mitglied des Dreifaltigkeitscollegiums in Cambridge; griff, als beliebter Prediger, die Bischöfe u. die Englische Kirche offen an, wurde deshalb zweimal zur Auswanderung genöthigt u. zweimal gefangen gesetzt; er erhielt 1592 sein Amt wkder u. starb 1603. C. schr.: Harmonia svanx-slioa; Lommsntaria xraotioa in distoriam svangolioam, Amst. 1630; 6ommsnt. in provsrbia Laiomonis, cbd. 1638; LonMas in librnm Laiomonis soolo- siast., ebd. 1647. 2) Edmund, berühmter Mechaniker u. Constructeur, geb. 24. April 1743 in Marsham (Nottinghamshire); war Pfarrer an verschiedenen Orten, später in London lebend; er st. 30. Oct. 1823 in Hastings. 1786 constrnirte er die nach ihm benannte Webmaschine, wofür er 1810 vom Engl. Parlament eine Prämie Von10,000 Pfd. St. erhielt. Auch versuchte er schon die Dampfkrast zur Bewegung von Schiffen u. Wagen anzuwen- den. 3) John, Bruder des Vor.', geb. 1740; stand bis 1770 im engl. Seedienste, worauf er als Schriftsteller u. Agitator für radicale Grundsätze wirkte. Er war einer der lebhaftesten Vertheidiger der Parlamentsreform u. der Unterdrückung des Sklavenhandels. In diesem Sinne veröffentlichte er viele Schriften; er st. 23. Sept. 1824. Seine Lebensbeschreibung u. Correspondenz, Lond. 1826, 2 Bde. 4) Peter, der berühmteste Methodisten- Wanderprediger in den Vereinigten Staaten und in mancher Hinsicht einer der bedeutendsten Männer, welche der amerikan. Boden hervorgebracht hat, geb. 1785 im Amherst County im Staate Virginia, am JauleSflnsse, von armen Eltern. Sein Vater diente im Revolutionskricge mit Großbri- tanien u. siedelte sich nach Beendigung desselben, mit seiner Familie im jetzigen Logan County in Kentucky an, das damals noch eine vollständige, von nur wenigen Weißen bewohnte Wildniß war; diese Weißen lagen im steten blutigen Kampfe mit den Tausenden von feindlichen Indianern,, welche die Wälder anfüllten. Bis zu seinem 16. Lebensjahre machte C. das von Mord u. Todschlag u. wilden, barbarischen Lustbarkeiten ange- fnllte Abenteurerleben mit, ohne große Gewissensbisse. Riesenhaft von Gestalt u. von unverwüstlicher Gesundheit, schoß er, einem Wildling gleich, in diesem Grenzerleben auf, mit allen Lastern, aber auch mit der ganzen Kühnheit dieser nicht von Staatsgesetzen u. kaum von den Gesetzen der Natur gebändigten Menschen. Eines Tages kam mit derselben Kraft, mit der sich C. diesem Lotterleben hingegeben, die Reue über ihn. C. wurde Methodisten-Wanderprcdiger u. fing im Lewiston County in Illinois als 20jähriger Jüngling feine Mission an, die er fast 70 Jahre lang mit Eifer verfolgte. Seine Bekehrungspredigten waren meistens in einem sehr derben Stil abgefaßt. Die rohen Jnstincte seiner Zuhörer mußten mit Gewalt u. mit den wirksamsten Argumenten gebrochen werden, wobei das Feuer der Hölle nicht die kleiliste Rolle spielte. Durch einen tadellosen Lebenswandel, durch vollkommene Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken, die in den Zeiten der ersten Ansiedelungen am Mississippi die Sitten bis ins Abschreckende verwildert hatten, durch unermüdliches Wandern über weglose Prärien u. durch fast undurchdringliche Wälder, durch eine an Asketismus grenzende Uneigennützigkeir u. Frugalitität erwarb er sich nach u. nach die Zuneigung der besten Familien im Staate, u. es war ihm vergönnt, nicht nur seine Secte zu der bedeutendsten im ganzen W. anwachsen, sondern auch die jungen Staaten am Mississippi an allen Segnungen der Civilisation theilnehmen zu sehen. Er war ein energischer Gegner der Sklaverei u. kurze Zeit Mitglied der Staatslegislatur von Illinois u. hatte bis 1856, wo er seine Selbstbiographie schrieb, mehr als 16,000 Personen zn seinem Glauben bekehrt. C. st. 25. Sept. 1872. Sein Name wird in der Culturgeschichte des amerik. 526 Carucci — Carus. Westens neben den bedeutendsten Männern für alle Zeiten glänzen. 2i r. S) I,. 4) Bartling. Carucci (Carrucci), Jacopo, gen. C. da Pon- tormo, von seiner Vaterstadt im Florentinischen, florentin. Maler, geb. 1493, gest. 1556 (1558), Schüler des Leonardo da Vinci, Mariotto Alberti- nelli n. Andrea del Sarto; arbeitete in Florenz, malte auch nach Dürerischen Kupferstichen u. nahm viel von diesem Meister an. Hauptwerke: Venus u. Amor, im Kensington-Museum; Heimsuchung, in der Annunziata in Florenz; Die 11,000 Mär- tyrer des Diocletianus, im Palast Pitti rc. Regnet? Ciirularins, Michael, Patriarch von Eon- stantinopel 1043—1059, Urheber der schon von Photins vorbereiteten Spaltung zwischen der Römischen n. Griechischen Kirche. C. richtete 1053 ein Schreiben an Johannes, Bischof von Tram, in welchem er die Jrrthllmer der Latein. Kirche, namentlich den Gebrauch des ungesäuerten Brodes beim Abendmahl, aufs Heftigste angriff. Der Kaiser Coiistantiims Monomachos suchte zwar bei Papst Leo IX. den Streit wieder auszngleichen, aber die extremen Forderungen der päpstlichen Legaten, die leidenschaftlichen Entgegnungen Hum- berts vereitelten dieses Bemühen. Die Legaten des Papstes legten 16. Juli 1054 die päpstlichen Exconimunicationsurknndc auf dem Altar der Sophienkirche nieder, worauf C. ebenfalls gegen den Papst den Bannfluch anssprach. Durch Klerus u. Volk geschützt, zog C. auch den griech. Kaiser auf seine Seite, u. ebenso hielten von jetzt an die orientalischen Patriarchen zu dem von Constan- tinopel. Oserulsus, himmelblau, blau; daher caornlso- ;>uiimreus, Lunkelvivlett; oasruleoooiis, ins Blaue ziehend. Osrum L., Pflanzengatt. ans der Fam. der llmdellikeias-^mminoriö (V. 2), einjährige oder ausdauernde Kräuter, niit gefiederten unteren Blättern u. oft doppelt-gefiederten Stengelblättern, mit undeutlichem Kelchrande, verkehrt-eirunden, ausgerandeten Blumenblättern, mit einwärts gebogenem Läppchen n. eiförmiger oder länglicher, von der Seite zusammeiigcdrückter Frucht, deren Theilfrüchtchen mit 5 südlichen Rippen und ein- striemigen Thälchen versehen sind; Fruchthaltcr frei, an der Spitze gabelig; Eiweiß aus der Fngeuseite ziemlich flach. Von den 12, in der gemäßigten u. subtropischen Zone der Alten Welt heimischen Arten ist hervorzuheben: 0. Oarvi L. (Kümmel, Karbe, Kurve, Garbe, Karvei), kahl, mit ästigem Stengel, doppelt-gefiederten Blättern, 4theiligen Blättchen u. linealischen Abschnitten; die beiden untersten Fiedern erster Ordnung am Grunde des fchcidenartigen Blattstiels gekreuzt; Hülle fehlend, vd. einblätterig: Hüllchcn stets fehlend; sehr verbreitet auf Wiesen u. Wegrändern, bisweilen wegen der als Gewürz gebräuchlichen Früchtchen (Kümmel, Lsmsn 6arvi) angebaur. Engter. Caruncnla (Carnukcl), 1) ein Stückchen Fleisch. 2) (Anat.) Thcil von fleischartigem Ansehen und geringem Umfange, der nach Verschiedenheit des Ortes und der Bestimmung verschiedene Namen erhält. 3) (Chir.) Kleine, selten über eine Erbse große, rothe, weiche Fleischauswllchse, besonders nach venerischen Übeln in der Harnröhre, auch auf der Eichel u. Vorhaut; ferner in der Binde, haut des Auges (VxunaLbsMata, kaxulag eon- zunetivao). hier meist nur stccknadelkopfgroß; angeboren, oder infolge eines entzündlichen Processes entstanden. Carupäno, Hafenstadt im Staate Nueva An- dalucia der slldamerikanischen Republik Venezuela; Handel mit Pferden u. Mauleseln; 8000 Ew. Carus (gr.), Todtenschlaf; s. Schlafsucht. Carus, Marc. Anrelius C., geb. 222 n. Ehr. angeblich in Narbo in Gallien, n. A. in Jllyricum; war unter Kaiser Probus ?raokeotu.? praotorlo u. wurde nach dessen Tode 283 Kaiser: s. Rom (Gesch.). Er starb 283 auf einem Zuge gegen Ktesiphon, der Überlieferung nach durch Leu Blitz erschlagen. Carus, 1) Karl Gustav, als Gelehrter, Arzt u. bildender Künstler einer der bedeutendsten seiner Zeit, geb. 3. Jan. 1789 zu Leipzig; besuchte seit 1804 die akademischen Vorlesungen, um sich in der Chemie u. Färberei ausznbilden, fühlte sich aber durch anatomische Studien so zur Meinem hingezogen, daß er sich ihr ganz widmete. Er wurde 1811 Privatdocent, las über vergleichende Anatomie, beschäftigte sich viel mit Geburtshilfe u. Frauenkrankheiten, betrieb auch seit 1811 die Ölmalerei, in der er Treffliches leistete, zog sich aber 1813 in dem franz. Spital zu Pfaffendorf ein schweres Nervenficber zu, von dem er sich nur mit Mühe erholte. 1815 folgte er einem Rufe als Professor der Entbindiingskunst und Director der geburtshilflichen Klinik nach Dresden, wurde 1827 königl. Leibarzt, Hof- u. Medicinalrath, begleitete 1829 den damaligen Prinzen Friedrich August nach Italien u. der Schweiz u. erwarb sich durch seine Vorlesungen über Anthropologie (1827) und Psychologie (1829) einen weithin glänzenden Ruf. 1862 wurde er Präsident der Kaiser!. Leopold-Carolin-Akademie. Er st. 28. Juli 1869 in Dresden. Bon seinen medicinischeu Schriften sind zu neunen: Versuche einer Darstellung des Nervensystems, mit sechs eigenhändig gestochenen Tafeln, Leipzig 1814; Lehrbuch der Zootomie, mit 20 von ihm radirten Kupfer- tafeln, cbd. 1818, 2. Aufl., 1834; Lehrbuch der Gynäkologie, ebd. 1820, 3. Aufl., 1839, 2 Bde.; Die Lehre von Schwangerschaft u. Geburt, ebd. 1822—24, 2 Thle.; Sammlung kleiner geburtshilflicher Abhandlungen, 1826, 2 Bde.; System der Physiologie, Dresden u. Leipzig 1830—40, 2. Aufl., 1847—49; Analcktcn zur Natur und Heilkunde, Dresd. 1829; Über vergleichende Anatomie, Physiologie n. Anthropologie handeln: Er- läuterungstafeln zur vergleichenden Anatomie, 1826—55, 9 Hefte, lat. von Thienemann, 1828 bis 1855; Über den Blutkreislauf der Jnsecten, ebd. 1827; Von den äußeren Lebcnsbedinguiigen der weiß- u. kaltblütigen Thiere, 1824; Grund- zllge zur vergleichenden Anatomie u. Physiologie, Dresd. 1828, 3 Bde. Über die Ur-Thcile des Knochen- und Schalgerüstes, Lpz. 1828; Neue Untersuchungen über die Entwickelungsgeschichte unserer Flnßmuschel, 1832; Das Kopfskelett des Hydrarchos, Bonn 1850. Zn seinen anthropologischen Werken gehören: Grundzüge zu einer neuen Kranioskopie, 1841; Atlas der Krauioskopie, 1843 527 Carutti di Cantogno — Carvajal. n. 1864; über die Formen der Hand, Stnttg. 1846; Proportionslehre des menschlichen Körpers, 1854; Über ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschenstämme für höhere geistige Entwickelung, Lpz. 1849; Symbolik der menschlichen Gestalt, ebd. 1853, 3. Aust., 1858; Über die typisch gewordenen Abbildungen menschlicher Kopfformen, Jena 1863; Über den Schädelbau des Philosophen Krause, Dresd. 1865; Physis, zur Geschichte des leibl. Lebens, Stnttg. 1851. Als Psycholog zeigte er sich in seinen Vorlesungen über Psychologie, Lpz. 1831; Über Geistesepidemien, Meist. 1852; Psyche, zur Entwickelungsgeschichte der Seele, Pforzh. 1846, 3. Aust., Stnttg. 1860; Vergleichende Psychologie, Wien 1866. Als Kunstschriftsteller hat er sich bewährt durch seine Briefe über Land- schastsmalerei, Lpz. 1831 u. 35; Betrachtungen u. Gedanken vor auserwählten Bildern der Dresdener Galerie, Dresd. 1867. Außerdem gab er noch heraus: Reise durch Deutschland, Italien u. die Schweiz im Jahre 1828, ebd. 1835, 2 Thle.; Paris u. die Rheingegend im Jahre 1835, ebd. 1836; Briefe über das Erdleben, Stnttg. 1841; Goethe, seine Individualität u. sein Verhältniß zu den Naturwissenschaften, ebd. 1843; England n. Schottland, Berlin 1845, 2 Bde.; Mnemosyne, Blätter aus Gedenk- und Tagebüchern, Pforzheim 1848; Denkschrift zur 100jährigen Geburtsfeier Goethes, Leipz. 1849; Über Lebensmagnetismus, Lpz. 1856; Organon der Erkennt- niß der Natur u. des Geistes, ebd. 1856; Lebenskunst nach den Inschriften des Tempels zu Delphi, Dresd. 1863; Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten, Lpz. 1864—66. Er war auch Mitherausgeber der Zeitschrift für Natur- u. Heilkunde, seit 1818. Wichtig, weil wir aus ihnen die Lebensanschauungen eines hochgebildeten, mit Kunst und Literatur vollkommen verwachsenen Naturforschers u. dessen Umgang mit bedeutenden Zeitgenossen, wie Goethe, Tieck u. A., kennen lernen, sind seine Lebenserinnerungen u. Denkwürdigkeiten, 4. Bde., an denen er noch in seinem 78. Lebensjahre arbeitete. 2) Victor Julius, berühmter Zoolog u. Zootom, Sohn des Vor., geb. 25. Aug. 1823 zu Leipzig; studirte seit 1841 Medicin daselbst, wurde 1846 Assistenzarzt am Georgs- Hospital, ging 1849 nach Würzburg, Freiburg i. B. u. als Conservator des vergleichend-anatomischen Museums nach Oxford, habilitirte sich 1851 in Leipzig und erhielt 1853 die Professur für vergleichende Anatomie, sowie die Aufsicht über die zootomische Sammlung. In den Sommern 1873 u. 74 folgte er einer Einladung nach Edinburgh, um an Stelle Thomsens, der auf dem Challenger die große wissenschaftliche Reise mitmachte, Vorlesungen über Zoologie zu halten. C. hat sich besonders bekannt gemacht durch seine werthvollen Schriften: Zur näheren Kenntniß des Generationswechsels, Lpz. 1849; System der thie- rischen Morphologie, ebd. 1853; Über die Werth - bestimmung zoologischer Merkmale, ebd. 1854; loonss Mvbomioas, ebd. 1857; Lldkiobkwoa MoloZioa (mit Engelmann), ebd. 1861—1862; Handbuch der Zoologie (theilweife mit Gcrstäcker), ebd. 1863, n. Aust., 1875; Geschichte der Zoologie, Münch. 1872. Außerdem übersetzte er Lewes' Aristoteles u. Physiologie, sowie Darwins: Über das Bariiren der Pflanzen u. Thiere; Über die Entstehung der Arten, Die Abstammung des Menschen, Über den Ausdruck der Gemllthsbewcg- UNgen. Thamhayn. Carutti di Cantogno, Domenico, italien. Staatsmann, geb. 16. Nov. 1821 in Cumiana; widmete sich der Rechtswissenschaft und Literatur, bei Anbruch der freiheitlich nationalen Erhebung aber der Geschichte u. Politik u. wurde Mitarbeiter der Concordia 1848. Im folgenden Jahre trat er unter Gioberti als Attache im Auswärtigen Amte in den sardinischen Staatsdienst, avancirte von 1850—55 vom Üntersecretär zum Vorstande der Direktion der AngelegenheitenJtaliens, nebenbei auf socialem u. politischem Gebiete schriftstellerisch thätig. 1857 Mitglied der Deputation für die hist. Studien, dann Mitglied der Turiner Akademie u Secretär des LonsiAlio vontsnrioso äiplomatiso, ging er 1868 in specieller Mission nach London, wurde Anfang 1859 von Cavonr in die Direktion des Auswärtigen berufen n. im Juli zum Generalsekretär dieses Ministeriums ernannt. Seit 1860 Mitglied des Parlaments, vertrat er die auswärtige Politik Italiens; 1862 Ministerresident im Haag, wurde er 1864 außerordentlicher Gesandter u. bevollmächtigter Minister daselbst; 1869 zum Staatsrathe ernannt, kehrte er nach Italien zurück. Noch vor seinem Eintritt in den Staatsdienst hatte er sich durch seine Erzählungen: OokLvs,, Llassimo u. Xltäsri üäoaräo, dann durch die in Turin aufgeführte nationale Tragödie Vslinän bekannt gemacht; 1849 erschienen Gedichte unter dem Titel: Mäio; seit 1849 erschienen von ihm politische u. sociale Abhandlungen in der Livists, itallana, 1852 die Schrift Dsi prinsipü äs! Aovsrno libsro, dann 1870 I„r (tour äs Irwin st Iss traitss äs 1815, Florenz rc. L>igai. Carvacröl (Chem.), s. Kümmelöl. Carvajal, 1) Giovanni de, Cardinal«, röm. Legat, aus Andalusien stammend, geb. 1400; war Bischof von Piacenza u. Gouverneur von Rom; schon 1440 bei den Vorbesprechungen in Mainz thätig, vertheidigte er auf dem Concil zu Basel die Interessen des Päpstlichen Stuhls mit so großer Gewandtheit, daß er unter Engen IV. 1446 zum Cardinal ernannt wurde. Am 17. Febr. 1448 schloß er das Wiener Concordat zwischen Nikolaus V. u. dem Kaiser Friedrich III., den meisten Kurfürsten, sowie einigen anderen deutschen Fürsten u. ward in der Folge noch mehrfach zu Lcgationcn verwandt. Er st. 1469 in Rom. 2) Bernardino, Neffe des Vor., geb. 1456 in Piacenza; wurde 1493 Cardinal u. Nuntius in Spanien. Da er 1511 das Concil in Pisa berief, vor welchem der Papst Julius II. sich wegen seines Benehmens gegen den Kaiser Maximilian u. den König Ludwig XII. von Frankreich verantworten sollte, that ihn der Papst in den Bann; LeoX. restituirte ihn 1513 in seine Würde; unter den folgenden Päpsten wurde er zu wichtigen Geschäften gebraucht; er st. 1523 als Bischof von Ostia. 3) Lorenzo Galindez, geb. 1472 in Piacenza; war Rath des Königs Ferdinand u. der Königin Jsabella u. hatte unter dem Cardinal Timenes wesentlichen Theil au der Regier- 528 Carvalho — Carwar. ungSpaniens. Von Karl V. zum Oberpostmeister von ganz Indien ernannt, starb er 1527 in Bur« gos. C. schr. u. a.: ääieiones a los varonss ilustrss äs I'orn. l?ors2 äs 6nrmar>, 1617. 4 ) Francesco, spanischer Feldherr, geb. 1464; diente in dem spanischen Heere in Italien u. zeich- riete sich bei Pavia aus; dann ging er nach Mexico, wurde 1542 Generalmajor der königlichen Armee u. kämpfte mit Auszeichnung bei Chuzas. Er schloß sich dann in Peru Gonzalez Pizarro an u. wurde mit demselben 1548 hingerichtct. C. war tapfer u. klug, aber auch grausam, bes. gegen die Indianer, deren er viele Tausende durch schwere Arbeiten opferte. 5 ) Thomas Jose Gonzalez, spanischer Staatsmann u. Schriftsteller, geb. 21. Dec. 1753 in Sevilla; studirte Rechtswissenschaft, ging 1785 nach Madrid, wo er 1790 bei der Verwaltung der indischen Finanzen u. später als Official im spanischen Finanzdepartement angestellt wurde. Seit 1795 Intendant der in der Sierra Morena u. in Andalusien angelegten Co- lonien, bemüht er sich für deren Gedeihen. Aus Gesundheitsrücksichten zog er sich 1807 nach Sevilla zurück, trat 1809 in die Patriotenarmee bei der Heeresabtheilung von Mallorca u. nahm als Intendant theil an derErhebung Spaniens gegen die französische Usurpation. Seine patriotischen Leistungen wurden 1812 durch seine Ernennung zum Präsidenten der Finanzjunta anerkannt, u. 1813 wurde er Staatssecretär, dann aus seinen Wunsch Direktor der Studien von San Jsidoro. Da er aber hier eine Lehrkanzel für constitutionelles Recht errichtete, wurde er abgesetzt u. nach Sevilla gebracht (1815), wo er nur seinen Studien lebte, bis er 1820 zum Studicnrector nach Madrid berufen wurde. Im selben Jahre wurde er zum Mitglied? der Censurjnnta u. 1821 znm Staatsrathe ernannt; 1823 mußte er aber Madrid schon wieder verlassen infolge der Gegenrevolution u. konnte erst 1827 wieder dorthin zurückkchren. Seit 1833 Mitglied des obersten Kriegsrathes u. 1834 des Rathes von Spanien u. Indien in der Kriegsabtheilung, starb er als Prvcer des Reiches 9. Nov. 1834. Schon früh durch Arbeiten im Verwaltungsfache u. in der Philologie bekannt, lernte er noch im 54. Lebensjahre die hebräische Sprache, übersetzte auf dem Marsch n. im Feldlager die poetischen Bücher der Bibel in metrischer Form, Valencia 1827, 6 Bde., denen die Übersetzung der Psalmen, ebd. 1819, 5 Bde., vorausgegangen waren; schr. mehrere Abhandlungen über Militärökonomie u. verfaßte auch eine Reihe Originalgedichte, gesammelt in Oxusoulos on xrosa x verso, Madr. 1847, 13 Bde. Lagai.» Carvalho, 1) Sebastian Joseph, s. Pom- bal. 2) Joze da Silva C., hervorragender portugiesischer Staatsmann, geb. 19. Dec. 1782 in der Provinz Beira; studirte in Coimbra Rechtswissenschaft, gelangte aber, wegen freisinniger Gesinnungen verfolgt, erst 1810 zu einem Amte als Richter der 1. Instanz in Recordaons. 1814 wurde er 8uir äas orpüsas (Waisenpfleger) in Porto u. Berichterstatter bei den Kriegsgerichten, womit seine politische Thätigkeit begann. Schon 1817 im Dec. Mitstifter einer auf Rettung des Landes abzielendcn Verschwörung, war er Hauptsördercr der imAug. 1820 ansgebrochenen Revolution von Oporto, wurde Mitglied der provisorischen Regier ung vom 24. Aug. u. der von den Cortes bestellten Regentschaft u. unter König Johann VI. 1821 Justizminister. Als 1823 die absolutistische Partei siegte, ging er nach England, wo er eif- rigst Politik u. Staatswirthschaft trieb, bis Dom Pedro die konstitutionelle Charte gab. Nun kehrte er ins Vaterland zurück, ging jedoch, als Dom Miguel 1828 die Regierung an sich riß, wieder nach England, war dort für die Expedition Dom Pedros thätig, wurde Mitglied des für die Königin eingesetzten Vormundschaftsrathes, begleitete Dom Pedro nach den Azoren u. wurde nach dessen Landung in Portugal zum Direktor der Civilverwaltung bei der Armee u. zum Präsidenten des Tribunals der Justiz u. des Krieges ernannt; im Dec. 1832 Finanzminister, Staatsrath u. Präsident des obersten Tribunals der Justiz, wirkte er eifrig für die Expedition nach Algarbien n. nach deren Gelingen für die Reorganisation des Staates, veranlagte die Vertreibung der Jesuiten, förderte Industrie u. Handel, legte aber 1835 infolge gegen ihn geschmiedeter Jntriguen seine Stelle nieder, wurde jedoch schon wenige Monate nachher wieder Finanzminister; 1836, nach der Revolution zu Gunsten der Constitution von 1820, zog er sich von allen Staatsämtern zurück. Als eifriger Chartist an der mißglückten Gegenrevolution vom 4. Nov. 1836 betheiligt, mußte er fliehen u. ging wieder nach England. Von der Königin amnestirt, kehrte er 1837 nach Portugal zurück, doch wurde er als einer der Hauptgegner der Radikalen bei dem Aufstande am 14. Juni 1838 von dem Pöbel mißhandelt. 1842 betheiligte er sich an der Herstellung der Charte Dom Pedros durch die Schilderhebung von Oporto n. trat dann wieder in den Staatsrath. Er st. 3. Febr. 1845. Lagai? Carver, County im nordamerik. Unionsstaate Minnesota, u. 44° n. Br. u. 93° w. L.; 13,242 (1860 erst 5000) Ew., meist Deutsche; Countysitz: Chaska. Carver, John, engl. Reisender, geb. 1732 in Stittwater in Neu-England; trat 1750 als Fähnrich in das Regiinent von Connecticut, wurde 1757 Hauptmanu u. machte den Krieg der Engländer gegen die Franzosen in Canada mit. Nach dem Frieden 1763 nahm er seinen Abschied u. bereiste 1766—68 den von Frankreich an England abgetretenen Landstrich, von Boston bis zur Mllnd< ung des Autoniflusses in den Mississippi. Nach der Rückkehr ging er nach England u. st. 31. Jan. 1780 arm in London. Infolge seiner traurigen Erfahrungen wurde in London eine Gesellschaft zur Unterstützung unbemittelter u. unbelohnter Gelehrten gestiftet. Er schr.: dravels btwougü blas intsriar parbs ol Hortll-Amsrisu, Lond. 1778, 3. Ausl., 1779, deutsch, Hamb. 1788. I--' Carvin, Marktflecken im Arr. Bethnne des ranz. Dep. Pas de Calais, Station der NBahn; Gerberei, Runkelrübenzuckerfabrik, Leinenweberei; ergiebige Steinkohlengrnbens; 7024 Ew. Carviol, so v. w. Blumenkohl. Carwar, Seestadt im Distr. Slld-Canara der PräsiLentsch. Madras (Vorder-Jndien); als einst 529 Cary — blühender Handelsplatz von 1663 Sitz einer britischen Handelsfactorei; in diesem Jahrh. verfallen. Cary» Alice» nordamerik. Dichterin, gcb. 1830 im Staate Ohio, aus einer dorthin gewanderten Hugenottenfamilie; trat schon 1851 auf mit Charak- terfkizzen u. Beobachtungen aus dem Alltagsleben: tllovernoolc ?axors, denen OlovernooL Lbiläron (Erzählungen für Üeine Kinder), 1854 folgten, nachdem 1853 eine Sammlung Gedichte: Lzwa anä visier xoöms, von ihr erschienen war. Auch auf dem Gebiete des Romans war sie thätig, wie: 8r§ar, 1852, Narrieck not maisä, 1856, Nsio LissiopsLcm, 1857,?i«tnres on oonntrz'-iiko, 1859, bewiesen. Außerdem von ihr: LMos null siz-mns, 1860, ll?sis Lovers 1867, 8nov siorrios kor )' 0 uvA lollcs, 1868 rc. Sie ist eine eifrige Spiri- tualistin u. ihr Haus in New-Uork ein Central- Punkt für hervorragende Schriftsteller. Vgl. Memorial okLsioo anä Nsiwsis (ihre Schwester), C., 1873. llsrxa Pflanzengatt, aus der Fam. der Juglandeen (XXI. 5), wie Walnüß (InZIans, s. d.), aber die männlichen Blüthenhüllen 2—3lap- pig, mit 4—6 Staubblättern; die weiblichen Blü- thcnhüllen einfach u. bis zur Spitze mit dem Fruchtknoten verwachsen; die Narbe 4lappig u. die Steinfrucht mit Lkantiger Kernschale u. 4klap- piger Fruchthülle. Art: 0. alba Äsitt., hoher Baum NAmerikas, mit eßbaren, öligen, an beiden Enden zugespitzten Nüssen (Hickorynüsse), die Walnüsse an Wohlgeschmack noch übertreffend. car>öosr X,. (Butternnß), Pflanzengatt, aus der Familie der I'ernstrosmiaosas-Mürobolsas (XXIII. 4), Bäume des tropischen Amerika, mit gegenständigen, gefingerten Blättern, abfälligen Nebenblättern, in endständigen Trauben stehenden Blütchen mit 5—6theiligem Kelche, 5—6 Blumenblättern, vielen, an der Basis verwachsenen Staubblättern, 4—fächerigem Fruchtknoten mit einzelnen, seitlich stehenden, aufspringenden Eichen in den Fächern, mit einer in 1—4 einsamige Kerne zerfallenden Frucht, mit großem nierenförmigem Samen, dessen Keimling ein sehr großes, fleischiges, gekrümmtes Würzelchen trägt. Alle Arten liefern ausgezeichnetes Schiffsbauholz, während ihre Samen (Sacari oder Suwarow-Nüsse) zu den wohlschmeckendsten Nußarten gehören u. in verschiedener Weise genossen werden. Die wichtigsten Arten sind 0. Aiabrnm L'ers., 6. nnoiks- rnm L. u. 6. sinizwosum Isis Engler. vsr^opb^IIaoeas (Nelkengewächse), mit ungetheil- ten, meist gegenständigen Blättern, unterständigem, 5-, seltener 4-zähnigen oder blätterigem Kelche, 5, seltener 4 Blumenblättern, 1 oder 2 Kreisen freier Staubblätter, einem aus 2—5 Fruchtblättern gebildeten, meist einfächerigen Fruchtknoten mit einer mittelständigen, säulenartigcn Samenleiste oder 1 oder mehreren grundständigen Eichen, meist nierenförmigen Samen u. am Rande gekrümmt liegendem, das Perisperm umgebendem Keimling. Man unterscheidet folgende Unterfamilien: 1. ?a- rouzlosiioicksao, mit gegenständigen Blättern, tro- tenhäutigen Nebenblättern, oft kümmerlichen Blumenblättern, meist einsamiger, gar nicht oder nur am Grunde unvollkommen aufspringender Frucht, seltener mit mehrklappiger u. mehrsamiger Kapsel u. mit geradem Keimling. Hierher gehören Pierers Umversal-Conversntions-Lexikon. 6. Ausl. ^ die Gattungen: CorriZiola, üsrniaria, Llsoosirnm, karcm^osiia, Lxsrgnla, Lpsrgnlaria. 2. 8ole- rantsioiäsre, mit gegenständigen, schmalen, nebenblattlosen Blättern, bleibendem Kelche, ohne Blumenblätter, mit 5 fruchtbaren u. 5 sterilen Staubblättern, mit 1 —2 grundständigen Eichen, 2 zuweilen verwachsenen Griffeln u. einsamiger, nicht aufspringender Frucht. Dahin die Gattung 8o1s- ranisins 3. Llsinoiäoas, mit stets gegenständigen, öfter am Grunde verwachsenen Blättern ohne Nebenblätter, 5-(4-)blätterigem Kelche, selten fehlenden Blumenblättern, meist 10 der Blllthen- achse eingefügten oder mit den Blumenblättern verwachsenen Staubblättern, 2—5 getrennten Griffeln od. Narben, einsächerigcr, vielsamiger Kapsel, welche mit ebenso vielen od. doppelt so vielen Klappen aufspringt, als Griffel vorhanden sind. Hierher gehören: Lisino, 8a§inu, siloosirinAia., Lrsnaria, Üolosionm, 8toIIaria, Moonosiia, Osrasiium, Nakuosiinm. 4. 8iisnoiäsas, mit gegenständigen, sitzenden, meist schmalen Blättern, 5zähnigcm Kelche, 5 Blumenblättern, welche, sowie die 10 häufig mit ihnen theilweise verwachsenen Staubblätter, dem meist deutlichen Fruchtknotenstiel eingefügt sind, mit 2—fächerigem oder einfächerigem Fruchtknoten, dessen Griffel oder Narben stets getrennt sind u. in welchem sich stets eine mittelständige, vieleiige Samenleiste befindet; die Kapsel springt mit 4, 6, 8 oder 10 Zähnen auf. Hierher ge- hören: a) viauisisao, mit Kelchen ohne Rippen an den Verwachsungsgrenzen zweier Kelchtheile n. 2 Fruchtblättern: 6/psopsiiIa, Tnnioa, Oian- tims, 8aponaria, Vaooaria.; b) Lxosinickeao, mit Kelchen, bei denen an den Berwachsungsgrenzen zweier Kelchtheile sich Rippen befinden u. mit 3—5 Fruchtblättern: Cneusiains, Visoaria, 8i- isns, Mslanckrz-nm, Lzwlmis, Coranaria, Lxro- stomma. Die Familie zählt ungefähr 1000 Arten, welche sich meist auf der nördlichen Hemisphäre außerhalb der tropischen Zone bis an die Grenze der Vegetation vorfinden, dagegen auf der südlichen Hemisphäre seltener sind u. im Tropengebiete nur auf den höchsten Bergen Vorkommen. Engler. c»r>opIiMnao (Pflanzenklaffe), Kräuter oder Halbsträucher, mit wässerigem Safte, meist gegenständigen, seltener abwechselnden, meist einfachen, ganzrandigen Blättern, mit oder ohne Nebenblättern, regelmäßigen Blüthen, meist unterständigcm, selten blumenkronenartigem od. fehlendem Kelche, öfters fehlenden Blumenblättern, 1 oder 2, selten mehr, nicht immer vollständig ausgebildeten Staubblattkreisen, einem meist einfächerigen, aus 2—5 Fruchtblättern gebildeten Fruchtknoten mit einer mittelständigen, säulenartigen Samenleiste od. einem oder mehreren grundständigen Eichen, welche sich meist zu nierenförmigen Samen mit am Rande liegendem, gekrümmtem, das Perisperm umgebendem Keimling entwickeln. Hierher werden neuerdings gerechnet die Familien: XxoiaAinoae, Osierwpo- äinosao, Lmarantaosas, LarzlopsixllaosÄS, iolaooneens, si'ortniaoaeoLs, Liroaeoas (sisiooi- äoas) u. Opnntiaosao (Oaoioao). Engler. Oai^opk^IIus X,., s. Du^onia L. Curxotu L., Pflanzengatt, aus der Familie der kalmas-Lroeinao (XXl. 6), hohe Palmen mit dickem, von ringförmigen Narben bedecktem Stamme V. Baut. zz. 530 Onsn — Onssalpimn. u. mächtiger Krone, mit doppelt gefiederten, einige in langen Blättern n. fächerförmigen Blättchen; Blüthen lcderartig grün, die männlichen mit zahlreichen Staubblättern, die weiblichen mit einem 1—Zfächerigen Fruchtknoten, in großem, zwischen den Blättern herabhängendcn Blüthenständen; Früchte kugelig, wenig fleischig, dunkelroth oder grünlich-roth. Von den 7, vorzugsweise imJndi- schen Archipel heimischen Arten ist besonders hervorzuheben: 0. urons (Brennpalme), bis 20 m hoher Baum mit 6 m langen Blättern, erst grünen, dann roth werdenden, brennend scharfen Beeren; häufig in größeren Gewächshäusern cul- tivirt. Aus den Fasern der Blätter (im Handel Kittul genannt) werden starke Stricke, Besen re. gemacht. Der Stamm liefert Toddy, Sagomehl u. Zucker. Angler. Vasa (lat.), 1) Hütte; daher 0. Kumuli, eine alte mit Stroh bedeckte Hütte in Rom am Fuße des Capitolinischen Berges, welche als das erste Haus des Romulus galt u. bis zur Zeit des Augustns stand, wo sie äbbrannte. 2) Im Mittelalter ein Kloster. 3) (Jtal.) Haus, Familie. 4) (Span.) Stadt. 5) (Portng.) Gerichtshof. Casa, Giovanni dclla, vorzüglicher italieti. u. lat. Dichter, geb. 28. Juni 1503 in Mugello im Florentinischen; wurde 1530 Geistlicher, trat in Dienste des Cardinals Aless. Farnese und wurde unter Papst Paul III. 1541 apostol. Commissär in Florenz, 1544 Erzbischof von Benevento u. bald daraufpäpstl.Nuntius in Venedig; unterJulius III. privatisirte er in Treviso, wurde aber unter Paul IV. StaatSsecretär; st. 1556 in Rom. Er gehört zn den besten italienischen Stillsten u. schr. u. a.: Oslatoo, trabtato äs' oostumi, heransgeg. von Tommaseo, Mail. 1825; Nratstabo äsAli ulüci oommuni tra xli amioi ouporiori o inksriori. Gesammtausgabe seiner Werke (Briese, Abhandlungen u. Gedichte in ital. u. lat. Sprache), Flor. 1707, 3 Bde., 1728 f., 4 Bde., Neap. 1733, 6 Thle., Ben. 1752, 3 Bde., in der Ausgabe der Olassici italiani, Mail. 1806, 4 Bde. Lebensbeschreibung Von Casottt. Booch-Arkossy.» Casablanca, Franyois Lavier, Graf von, franz. Polittker u. Staatsmann, geb. 1797 in Nizza; studirte zu Paris die Rechte u. wurde Advocat am Appellationshofe zn Bastia. 1848 von Corsica als Vertreter in die Constituirende, u. darauf in die Gesetzgebende Versammlung gesandt, stimmte er mit der reactionären Majorität, trennte sich jedoch von dieser, als der Conflict zwischen ihr u. Louis Napoleon begann. Als sich 1851 der Prinz-Präsident mit ergebenen Werkzeugen zur Ausführung seiner Pläne umgab, da ernannte er C., dessen blinde Ergebenheit er wohl kannte, zuerst zum Minister des Ackerbaues u. des Handels u. darauf zum Finanzminister. In elfterer Eigenschaft präsidirte er bei der Preisvertheilung an die Aussteller bei der ersten Londoner Weltausstellung. Nach dem Staatsstreiche vom 2. Dec., zu dein er kräftig mitgeholfen, beauftragte ihn Prinz Napoleon, nachdem er ihn zum Staatsminister gemacht hatte, mit der Reorganisation des Staalssecretariats, aus welcher Institution die organischen Decrete hervorgingen, die sämmt- lich die Unterschrift C-s trugen. Im Juli 1852 legte er sein Amt als Minister nieder u. warf vom Kaiser zum Senator gemacht. Er rcdigirli einen vollständigen Entwurf zu einem Ooäs rural u. beschäftigte sich außerdem mit eingehenden Sw dien zn einer Trockenlegung der Sümpfe u. de? Bewässerung des franz. Bodens. 1864 wnrdi C. znm Generalprocurator beim Rechnnngshosi ernannt, von welchem Posten ihn der Sturz des zweiten Kaiserreiches vertrieb. Bartling. Casalanza, Ort in der Provinz Neapel des Königreichs Italien. Hier 20. Mai.1815 Con- j vention, nach welcher Neapel den Österreichern übergeben wurde. Nach ihr führt der österreich. General Bianchi den Titel, Herzog von C. Casäle-Monferrato,, Hauptstadt des ehem. ; Herzogthums Montferrat, jetzt des Hlnchn. Bez. ! der ital. (Piemont.) Prov. Alessandrra, am hier inselreichen Po, Staüon der Oberital. Eisenbahn; Dom (1107 vollendet), mehrere Klöster u. schone Paläste; Bischofssitz; Collegium, geistliches Seminar, Normal- und Technische Schule; öffentliche Bibliothek; Hospitäler u. Wohlthätiqkeitsanstalten, Waisenhaus; Seidenspinnereien, Fabrik, von Lz-rry, äs 6usals (aus den Wurzeln einer Art Schilf); in der Gem. 27,514 Ew., darunter 750 Juden. — C. wurde 730 vom longobard. König Liut- prand an der Stelle des alten Bodincomagus erbaut; Kaiser Otto II. erhob es zu einer Mark- grafschast; dieselbe erhielten die Grafen v. Montferrat (s. d.) u. nahmen ihre Residenz in der Stadl C., welche 1474 auch Sitz eines Bischofs wurde; ! 1590 legte Graf Vincenz die Citadelle an. Nachdem C. 1629, 1630 u. 1640 vergebens von den z Spaniern belagert worden war, wurde es endlich > 1652 von denselben erobert, aber an Herzog Karl - III. v. Savoyen zurückgegeben; 1681 verkaufte es Herzog Karl IV. an Frankreich; 1695 wurde es von den Verbündeten genommen u. geschleift; 1703 ^ befestigten es die Franzosen wieder, verloren e§ ; aber 1706 an Savoyen. Im Österreich. Erbfolge- ! kriege (s. d.) wurde es 1746 von der spanischfranzösischen Armee besetzt; den 18. Mai 1799 von den Österreichern genommen; s. Französisch« Rcvolntionskrieg. stassli (ital., Mehrz. von Oasals), die Nebenortschaften größerer italienischer Städte, bes. Neapels; sie werden zur Hauptstadt mitgerechnet. Casalmaggiore, Hauptort eines Bezirkes von 42,952 Seelen in der ital. Prov. Cremona (Lombardei), am Po; Fabrikation von Fayence, Glas- n. Töpferwaaren, Gerberei; im Gem.-Bez. 16,090 Ew. Hier 1448 Sieg Franz Sforzas zu Schiffe auf dem Po über die Ventianer. Laosslpinm ü., Pflanzengatt., nach Andr. Cäsal- pinus benannt, ans der Fam. der IwAumioosLö- Oassalpiuisas (X. 1), häufig dornige Bäume od. Sträucher mit doppelt-gefiederten Blättern, ansehnlichen gelben oder rothen, in achselständige od. endständige Trauben gestellten Blüthen, mit ungleich 5theiligem Kelche mit größerem u. gewölbtem unterem Abschnitte, 5 ungleichen Blumenblättern, 10 am Grunde zottigen Staubblättern u. unbewehrter, zusammengedrückter, ein- bis viel- samiger Hülse, mit querliegenden, verkehrt-eiförmigen oder eiförmigen Samen mit lederartiger, bisweilen fleischiger Samenschale u. ohne Eiweiß. 531 OuesuIfiinLsao Wan kennt ungefähr 40 Arten, welche in den wärmeren Gegenden beider Hemisphären verbreitet sind. Wichtig: 6. eeiiins-tn Oam/c., mit dornigen Zweigen u. stacheligen Hülsen; das innere roth-braune oder blau-schwarze, innen gelb-rothe, feste u. schwere Holz kommt als Fernambukholz oder Vrasilholz (i?ao Brasil) in den Handel; der in demselben enthaltene Farbstoff wird zum Nothfärben von Wollen- u. Seidenstoffen, zur Tinten- u. Lackfabrikation benutzt. Bon 6. brasilisusis §w., welche keine Dornen besitzt u. auf Jamaica n. den Antillen, aber nicht in Brasilien vorkommt, stammt das westindische Fernambukholz (lüZnum Lrasilstto). Auch das Holz der 0. Limba L., von Jamaica, geht als Fernambukholz. 6. balmmsnsis Lanr., mit doppelt-gefiederten Blättern, liefert das gelbe Brasilholz. 6. SaWan O., ausgezeichnet durch ungleichseitige, ausgerandete Blättchen, im Indischen Archipel heimisch, liefert ein außen schwärzlichbraunes, innen gelb-rothes, sehr geschätztes Farbeholz, das Sappan- oder falsche Sandelholz. 6. Loriaria IBi, mit doppelt-gefiederten Blättern n. linealischen Blättchen und mit gekrümmten schwammigen Hülsen, enthält in diesen reichlich Gerbstoff; dieselben (Libidibi-Schoten) dienen theils als adstringirende Arznei, theils zum Gerben. 6. xulolrsrrima Äo. (Ooinoiana. H»., Pfauenkamm), in ganz Indien verbreitet; besitzt große, gelb u. roth gefärbte, angenehm riechende, bitter schmeckende Blütchen, welche bei chronischen Lungenleiden, Wechselfiebern u. Hautkrankheiten Anwendung finden. Engler. Csesalpinisas, Unterfamilie der Fam. OsZumi- nosas, mit unpaarig- oder paarig-gefiederten, selten doppelt oder dreifach-gefiederten Blättern, mit zwitterigen oder eingeschlechtlichen, unregelmäßigen, meist in Trauben gestellten Blüthen, mit unsymmetrisch Stheiligem Kelchsaume, 5 ungleichen Blumenblättern, 10 (seltener weniger) freien Staubblättern, vielsamiger, oft durch falsche Scheidewände qnerfächeriger Hülse, eiweißhaltigen oder eiweißlosen Samen mit geradem Keimling u. laubartigen, über den Boden tretenden Keimblättern. Wichtigere Gattungen: Loisroiobium, Oosxxigia, Lassälpinia, Oasmatoxxion, Ovimio- olg,älm, Olsckitssius,, Ooiiisiang., Noicientiauerg., Lassia, Leratonia, Oaulrinia, Lsrois, Lrorrnsa, Oumbolätia, lkamurinäus, MaeliMbium, 6o- PLiksra. Engler. Cäsalpinus (Cesalpini), Andreas, Arzt u. Professor in Pisa, berühmt durch seine vielseitige Bildung, geb. 1520 in Arezzo; studirte in Pisa Medicin unter Luc. Ghinus, lehrte dann daselbst als Professor der Medicin u. Director des Botan. Gartens, suchte die Aristotel. Philosophie mit der Medicin zu verbinden, wurde Leibarzt Clemens' VIII.; st. 23. Febr. 1603 in Rom. Er war ein gediegener Kenner der griechischen Literatur u. hat das große Verdienst, lange vor Harvey den großen u. kleinen Kreislauf des Blutes gekannt zu haben. Er hinterließ: Os piantis libri XVI, Florenz 1853, mit einem Versuche, die Pflanzen nach ihren Samen natürlich zu ordnen; Os ms- tallieis libri III, Nürnberg 1602; Labopbrou sive spsouium s-rtis msckioas Oixpoeratieum, Franks. — Casanova. 1605; tzuassticmum psriyabotieanim libri V (enthält die Entdeckung des Blutkreislaufes); Oas- monum mvestÜAgckio ysripatstüss,; Huasstionum msckioornm libri II; Os mockioumsritornm kaeul- tubibus libri II, Venedig 1593. C-s Herbarium, aus 768 von. ihm etikettirten Pflanzen bestehend, wird noch in Florenz aufbewahrt. Casamansa, Golf in Senegambien, u. 12" 33" n. Br. u. 0" 56' 44" ö. L., auf der W- Küste Afrikas, 45 lcm südlich von der Mündung des Gambia, früher fälschlich für eine Flußmündung gehalten; der Eingang ist durch Sandbänke zum Theil gesperrt; an seinen Seiten sind portugiesische Niederlassungen mit bedeutendem Reisbau. Casamieciöla, Ort auf der Insel JZchia im Distr. Pozzuoli der italienischen Prov. Neapel, am Fuße des Monte Epomeo, malerisch gelegen; Töpferei; vorzüglicher Wein; heiße Quellen, von 40—57" lk; gut eingerichtete, stark besuchte Bäder; 3953 Ew. Casanova (deutsch Neuhaus), 5 ital. Gemeinden, mit verschiedenen Beinamen; am bedeutendsten: C. Lerrone, Bez. Albanga, Prov. Genua; 9305 Ew. Casanova, 1) Giovanni Jac. de Seingalt, bekannter Abenteurer, geb. 2. April 1725 zu Venedig; studirte Rechtswissenschaften u. widmete sich dann dem geistlichen Stande. Seine geselligen Talente, seine umfassende Bildung u. seine vor- theilhafte äußere Erscheinung führten ihn in die feineren Kreise der venetianischen Gesellschaft ein, wo er sich in mancherlei Liebcshändel verwickelte u. sich eine kurze Haft u. die Ausweisung aus dem geistlichen Seminar zuzog. Er verließ darauf Venedig, ging erst nach Neapel, dann nach Rom, wo ihn der Cardinal Aquaviva aufnahm und ihm eine Stellung gab, die er jedoch bald in Folge seiner tollen Streiche wieder verlor. Von nun an führte er ein abenteuerliches Reiseleben. Er ging 1743 nach Constantinopel, nahm dann in Korfu Militärdienste, kehrte nach Venedig zurück u. lebte dort erst als Violinspieler, dann als Heilkünstler. Durch galante Abenteuer abermals in eine fatale Lage gerathen, verließ er Venedig wieder u. warf sich nun auf das Spiel, ging nach Paris u. von da aufs Neue nach Venedig, wo er, wieder in Händel verwickelt, 1755 in die Bleikammern gesperrt wurde. Von da durch List entkommen, ging er zum zweiten Mal nach Paris u. wußte in den höheren Gesellschaftskreisen eine glänzende Rolle zu spielen u. mit den Notabili- täten des Staates, der Wissenschaft u. Kunst in nahe Berührung zu treten, wobei er sich namentlich der Gunst der Frauen zu erfreuen hatte. Von Paris aus unternahm er mehrere größere Reisen nach Deutschland, der Schweiz, Ober-Italien u. England, u. hatte in Berlin eine Zusammenkunft mit Friedrich dem Großen. Dieser trug ihm die Gouverneurstelle der Cadettenanstalt an, die er jedoch ablehnte. Er reiste daraus nach Petersburg, wo ihm die Kaiserin Katharina eine Audienz gewährte. Von dort kam er nach Warschau, mußte aber diese Stadt insolge eines Duells mit dem Kronkämmerer Branicki verlassen u. begab sich über Dresden u. Prag nach Wien u. dann wieder 34 * 532 Cäsar. nach Paris. Seine Unbesonnenheiten hatten ihn inzwischen so compromittirt, daß ihm fast überall der Aufenthalt untersagt wurde, weshalb auch seit 1767 in Paris seines Bleibens nicht mehr war. Er wandte sich nun nach Madrid, wo es ihm in- deß nicht besser erging. Obgleich ihm 1774 der Aufenthalt in Venedig wieder gestattet wurde, lebte er doch später wieder in Paris, wo er die Bekanntschaft des Grafen Waldstein aus Dux in Böhmen machte, der ihn als Bibliothekar enga- girte. Seit 1785 lebte er in Dux u. st. dort 4. Juni 1798. Erschr.: Llsmoires, Lpz. 1826—28, 12 Bde., deutsch im Auszuge, ebd. 1822—28, 12 Bde.; leosaineron on Listoirs ä'Läonarä et ä'lülisabetä, 5 Bde., Prag 1788—90; Lovcknta- rions äells. storia äel Zobern» Voneto äbVrnelot äs In Lonssais, Amst. 1769; Istoria äsUs turbulente äella Lolonia äalla morts äi Rlisabeta Lno alla paes kra In Russin s In portn vtto- innnn, Graz 1774, 3 Bde.; List, äs inn kuits äes prisons äe In rspubllgus äs Verriss, Prag 1788; Lolntion äu Problems äelragus, Dresden 1790; Loiollnirs n ln äupliention äs l'bsxnsäro, ebd. 1790. Vgl. Barthold, Die geschichtlichen Persönlichkeiten m C-s Memoiren, Berl. 1845, 2 Bde. Auch ist C. der Vorwurf eines drei- bänd. Romans von Herbert, Jena 1874. 2 ) Giovanni Battista, ital.Historienmaler, Bruder des Vor., geb. 1722 in Venedig; lernte in Dresden bei Dietrich u. L. de Sylvestre, ging 1752 mit Raff. Mengs nach Rom u. ward dort Lehrer der Angelica Kauffmann, Winckelmanns u. Reifensteins. Er starb, nachdem er 1774 als Professor u. Direktor der Akademie nach Dresden berufen worden war, 10. Dec. 1795 das. 3 ) Francesco, Landschafts- u. Schlachtenmaler, Bruder des Bor., geb. 1727 (1732?) in London, gest. 8. Juli 1805 in der Brühl bei Mödling nächst Wien, Schüler Simoninis in Florenz; bildete sich in Paris nach Bourgoignon u. Wouverman u. ging dann über Dresden nach Wien, wo er für die Kaiserin von Rußland viele Schlachtenbildcr aus dem Russ.- Türk. Kriege malte. Er war Mitglied der Pariser Akademie. Hauptwerke: Die Bestürmung von Oczakow; Hannibals Übergang über die Alpen; Schlacht von Freiburg, fämmtlich im Palast Bourbon zu Paris; Reiterschlacht, im Belvedere in Wien. C. radirte auch schön in Kupfer. Er gehört zu den Realisten, die sich in Einzelnheiten gefallen, ohne die Masse zu beherrschen. Viele jeinerWerkewurden gestochen. LSchroot.* 2)3>Regner. Cäsar, Familie der patricischen änlia Zsns im alten Rom, deren Name, von ungewissem Ursprung, in den Zeiten nach C. Julius C. (s. d.) zur Bezeichnung hoher Würden diente; es wurden damit unter den ersten römischen Kaisern alle männlichen Angehörigen des herrschenden Hauses, später aber, besonders seit Vespasianus, nur der Kaiser, u. noch später, bes. seit Diocletianus, der muthmaßliche Thronfolger oder Mitregent beehrt, so daß C. aus einem Eigennamen zu einem Titel wurde. Die Würde der C-en ging nach der Theilnng des Reiches auch auf das Byzantinische Reich über und war im Reiche inimer die zweite, bis auf Alexios Komnenos, welcher den Nikephoros zum C. machte, seinem Bruder aber als Sebastokrator den Rang vor Jenem gab. Seit Philippus Arabs dem Jüngeren (248 n. Chr.) fügten die C-en das Wort Lobilissimns zu ihrem Titel, u. seitdem führte die Gemahlin des C. den Titel Lobilissima. Die C-en wurden gewöhnlich durch einen Senatsbe- schlnß in das OollsZinm pontiüenm ausgenommen. Waren mehrere C-en zu gleicher Zeit da, so hatte einer den Rang vor dem anderen. Aus dem Namen C. ist in der deutschen Sprache das Wort Kaiser (s. d.) entstanden. Cäsar, Casus Julius, berühmter römischer > Feldherr, Dictator u. Geschichtschreiber, geb. 12. Juli 100 v. Chr. in Rom; lebte schon früh eis- rigcn Studien unter Leitung griechischer Lehrer (unter seine Lehrer gehört der Grammatiker M. Anton. Gnipho), vermählte sich 83 v. Chr. mit Cinnas Tochter, Cornelia, welche ihm die Juli» gebar. Als Sulla Rom beherrschte und von C. verlangte, daß er sich von seiner Gattin trennen sollte, fügte er sich dem Machtworte Sullas nicht, sondern verließ heimlich Rom und wanderte im Sabinerlande umher. Als Sullas Zorn gestillt war, begab sich C. zum Prätor M. Minut. Ther- mus nach Asten, bekriegte unter diesem 80 vor Chr. Mitylene mit Glück u. nahm unter P. Ser- vilius am Seeräuberkriege theil. Nach Sullas Tode (78) nach Rom zurückgekehrt, hielt er sich zwar von der Politik entfernt, nährte aber durch seine Processe die Unzufriedenheit gegen die Optimalen u. zog die Aufmerksamkeit der Gegenpartei auf sich. Um sich dem Hasse seiner Gegner zu entziehen, ging er nach Rhodos, um dort beim Rhetor Apollonios Molo zu studiren, fiel aber unterwegs bei der Insel Pharmakusä Seeräubern in die Hände u. mußte sich mit 50 Talenten lösen. Kaum befreit, eilte er nach Miletos, überfiel mit wenigen Schiffen jene Piraten und ließ sie meist kreuzigen. Im I. 74 in seiner Abwesenheit zum Pontifex gewählt, kehrte er nach Rom zurück u. erwarb sich die Volksgunst durch Freigebigkeit; er näherte sich seit 70 dem Pompejus, welcher die Volkspartei ergriffen hatte, ohne ihm seinen Kriegsruhm durch Theilnahme daran zu schmäler». Im nächsten Jahre starb seine Gemahlin Cornelia u. seine Tante, die Wittwe des Marius, welchen letzteren Fall er benutzte, zur Genngthuung des Volkes, an die Verdienste des Marius zu erinnern. Nachdem er im I. 68 als Quästor in Spanien gewesen war, heirathete er die Pompeja, eine Enkelin Sullas, wahrte sich aber die Gunst des PompejuZ, indem er zur Ertheilung des Oberbefehls im Seeräuber- u. Mithridatischen Kriege an denselben beitrug, welche Entfernung des Pompejus von Rom er zu seiner eigenen Befestigung in der Bolksgnnst benutzte. Er wurde im I. 65 Curuli- scher Adil, wo er das Volk durch die Pracht der von ihm gegebenen Spiele und errichteten Bauwerke rc. immer mehr an sich fesselte. Im I. KS wurde er Pontifex Maximus n. das Jahr darauf Prätor. Sein Rath, bei der Bestrafung der an der Catilinarischen Verschwörung Beteiligten Milde walten zu lassen, zog ihm den Verdacht zu, als habe er selbst an diesem Verbrechen gegen den Staat theilgenommen. Als er mit dem Volkstribun Q. Metellus Nepos dasür stimmte, daß Pompejus von seinen ruhmvollen Kriegszngen an der Spitze des 533 Cäsar. Heeres in Rom einziehen sollte, kam es zu Unruhen, weshalb ihn der Senat vergebens seines Amtes entsetzen wollte. Im I. 61 ging er, nachdem er sich infolge ihres scandalösen GebahrenS mit Clodius (s. d.) von der Pompeja hatte scheiden lassen, als Proprätor nach der Provinz Uispania ultorior, die er glücklich verwaltete und wo er durch seine siegreichen Züge nach Lusitanien sich Ruhm u. bes. Reichthümer erwarb, welche er zur Deckung seiner Schulden und zur Erreichung seiner ehrgeizigen Absichten benutzte. Im I. 60 nach Rom zurückgekehrt, wurde er fürs Jahr 59 mit Bibulus Consul, stiftete mit Pompejus und Craffus, mit denen er durch die Bande der Freundschaft verbunden war, das erste Triumvirat und gab dem Elfteren, um ihn noch mehr an sich zu fesseln, seine Tochter Julia zur Fran, während er selbst in dritter Ehe sich mit Calpurnia, der Toch- 1er des für das nächste Jahr bestimmten Consuls L. Calpurnius Piso, verheirathete. Durch diese setzte er nun seine Pläne durch, so namentlich, daß er sich als Proconsul das Cisalpinische Gallien u. Jllyrien (Ober-Italien bis an die Donau) erst auf 5, dann noch auf 5 Jahre als Provinz ertheilen ließ, wozu der Senat in seiner Verlegenheit noch das Transalpinische Gallien (Frankreich) fügte. 58 ging er in seine Provinz u. besiegte hier die Helvetier u. Ariovist, unterwarf fast das ganze Land, ging zweimal nach Germanien u. zweimal nach Britannien; s. u. Gallischer Krieg, Deutschland (Gesch.) u. England (Gesch.). Während C. in Gallien ein außerordentliches Fcldherrntalent entwickelte u. durch immer neue Eroberungen seinen Ruhm und sein Ansehen hob, griff in Rom immer mehr die Befürchtung Platz, daß der siegreiche Feldherr seine Macht zum völligen Umstürze der alten Staatsverfassung zu mißbrauchen beabsichtigte. Ob C. schon damals den Plan gehegt, den morschen Bau des römischen Staates umzustoßen, dessen äußere Formen zu den inneren, durch Parteiwnth u. das Verfolgen persönlicher Interessen von Seiten Derer, welche die öffentlichen Angelegenheiten leiteten, unterwllhlten Zuständen in Widerspruch standen, ist nicht ausgemacht, jedenfalls wurde er ebenso sehr durch die Umstände, wie durch persönliche Neigung dazu gedrängt, sich durch Unterwerfung der Gegenpartei zum Dictator zu machen. Durch den Tod seiner Tochter Julia u. den Untergang des Craffus in Syrien lockerte sich daS freundschaftliche Verhältniß zu Pompejus, welcher eifersüchtig auf den Ruhm C-s 52 zu den Gegnern desselben, der Partei der Optimaten, übertrat. Als C. sich im I. 50 um das Consulat bewerben wollte, verlangte der Senat, daß er dem Gesetze gemäß seine Statthalterschaft niederlege. C. versprach, dies zu thun, wenn Pompejus, welcher in Spanien Statthalter war, dieselbe Fordes ung erfülle. Dies geschah nicht, vielmehr berief der Senat den Pompejus zur Vertheidigung Italiens nach Rom u. trat allen Versuchen C-s, eine Ausgleichung des Conflictes herbeizuführen, in schroffer Weise entgegen, indem er C. zur sofortigen Entlastung seines Heeres aufforderte u. im Weigerungsfälle für einen Feind des Vaterlandes zu erklären drohte. C. antwortete mit der Überschreitung des Rubicon, des Grenzflusses zwischen der Provinz u. Italien, im I. 49, womit der Bürgerkrieg thatsächlich erklärt war. Die Städte Italiens fielen ihm zu, u. Pompejus entwich vor ihm nach Brundisium u. von da nach Griechenland. Nach 2 Monaten war C. Herr von ganz Italien und Sicilien. Da die Grundgesetze des Staates ans diese Weise vollkommen außer Kraft gesetzt waren, wenn auch zur Wahrung der Form die Ertheilung der Dictatur an C. durch den Prätor Marcus Lepidus erfolgte, so schreckte C. auch vor weiteren Gewaltmaßregeln nicht zurück, ließ den Staatsschatz anfbrechcn und rüstete mit dem Gelde eine Expedition nach Spanien aus, wo er im August 49 die Heerführer des Pompejus sich ihm zu unterwerfen zwang. Von dort zurllckgekehrt, theilte er an seine Anhänger reiche Belohnungen aus, verfuhr aber nachsichtig gegen Diejenigen, welche an seinem Sturze gearbeitet hatten, wodurch er seinen Anhang vermehrte. Für das Jahr 48 zum Consul gewählt, ging C. nach Griechenland u. schlug den Pompejus bei Pharsalns. Während er nach Ägypten zog, wurde ihm in seiner Abwesenheit das Consulat auf 5 Jahre, die Dictatur auf ein Jahr u. die tribunicische Gewalt auf Lebenszeit übertragen. In Ägypten fand er den Pompejus von Meuchelmörderhand Hetödtet,,, nachdem er 47 den Aufstand in Alexandria (s. n. Ägypten, Bd. 1, S. 296) unterdrückt u. die Kleopatra auf den Thron gesetzt hatte, ging er nach Pontns, wo er den bos- poranischen König Pharnakes bei Ziela schlug. Bei dieser Gelegenheit gebrauchte er in seinem Berichte an den Senat das bekannte: vsni, viüi, viel! Ende 47 ging er nach Rom; auf dem Wege dahin kamen ihm viele Optimaten, darunter Cicero, entgegen u. wurden von ihm freundlich empfangen. Nachdem er hier die Angelegenheiten geordnet u. sich die Dictatur für das nächste Jahr hatte erneuern lassen, zog er nach Afrika, wo cr den Rest der Pompejaner im April 46 in der Schlacht bei Thapsus schlug (s. Afrikanischer Krieg). Nun kehrte er nach Nom zurück, feierte einen 4tägigen Triumph wegen seiner Siege seit 58, gab dem Volke glänzende Feste und Spiele, weihte das i?orum äulii u. den Tempel der Venus Genetrix, gab mehrere Gesetze zum Steuern der demagogischen Umtriebe, zur Verbesserung der Gerichte, zur Ordnung des Kalenders rc. Für das Jahr 45 wieder zum Dictator und zum alleinigen Consul gewählt, verfolgte u. besiegte er die Pompejaner in Spanien (s. Hispanischer Krieg) durch die Schlacht bei Munda (13. März 45 v. Chr.). Im Sept. kehrte er nach Rom zurück u. erhielt die Dictatur auf Lebenszeit, daS Consulat auf 10 Jahre, die beständige Censur als kräksotus worum und den Titel als Imperator. Hatte C. bisher hauptsächlich seine Feldherrngröße hervortreten lassen, so zeigte er, sobald er das Staatsruder ergriff, auch seine glänzenden Fähigkeiten als Staatsmann. Großmüthig verfuhr er gegen seine besiegten Gegner und entzog ihnen nicht die Möglichkeit, dem Staate durch ihre Dienste zu nützen. Die Ge- müther zu versöhnen, die Parteilekdenschaft zu unterdrücken u. dadurch dem Staate den Frieden wiederzugeben, war sein eifriges Bemühen. Recht u. Ordnung gewannen unter seinem Regiment neue Festigkeit, vorzüglich dadurch, daß zu öffent- 534 Cäsaraugusta lichen Ämtern Männer berufen wurden, welche keinen Mißbrauch mit ihrer Gewalt trieben, daß er die Armee in strenger Mannszucht hielt, die Staatsfinanzen ordnete, das Erpressungssystem der Statthalter in den Provinzen aushob, durch Anlage von Colonien der überdichten Bevölkerung Roms u. anderer Städte einen Abzug verschaffte, die Armen mit Getreidelieferungen unterstützte, die Strenge der Schuldengesetze milderte u. der Industrie neue Handelswege eröffnete. Er beschränkte Len Luxus in säuberte Rom vom arbeitslosen Proletariat. Die schroffe Parteistellung der Optimalen u. Demokraten suchte er auszugleichen, indem er die Klasse der erstcren durch nobilitirte Plebejer von hervorragenden Geistesfähigkeiten vermehrte. Inzwischen wurde ein gegen sein Leben gerichtetes Complot von M. Inn. Brutus u. C. Cassius u. ihren Genossen geschmiedet. Lhatsächlich im Staate der Erste, längst mächtig genug, sich zum Alleinherrscher aufzuwerfen, scheute C., trotz seines sonstigen ziemlich rücksichtlosen Strebens nach Gewalt, den Staatsstreich n. suchte auf einem wenigstens formal gesetzlichenWege zur Monarchie hinüberzulciten. Im Vertrauen auf seine Popularität, auf die Dankbarkeit des Volkes u. die Anerkennung seiner großen Verdienste um das öffentliche Wohl hielt er eine Verschwörung gegen sein Leben für unmöglich. Aber seine Sorglosigkeit brachte ihn zu Falle. Eine Anzahl Republikaner, welche zum Theil seine persönlichen Feinde waren, zum Theil von dem Glauben geleitet wurden, daß zur Rettung der republikanischen Staatsform nur der Tod C-s nöthig sei, überfielen ihn 15. März 44 v. Ehr. in der Senatsversammlung, wohin er trotz vorhergegangener Warnungen sich, von Brutus in seiner Arglosigkeit bestärkt, begeben hatte. Nachdem einer der Verschworenen, Tillius Cimber, welcher ihn um Gnade für seinen Bruder bat, aber abgewieseu wurde, ihm die Toga von den Schultern gerissen hatte, stieß ihm Casca den Dolch in den Nacken. Als C., unter 23 Stichen der Mörder zusammensinkend, auch den Brutus, den er mit Wohlthaten überhäuft hatte, gewahrte, rief er: „Auch Du, mein Sohn!" u. fiel entseelt an der Bildsäule des Pom- pejus nieder. Einige Tage nachher wurde sein Leichnam auf dem Forum ehrenvoll bestattet, wobei Antonius ihm die Leichenrede hielt. Er starb kinderlos, da seine einzige Tochter von Cornelia, Julia, schon im I. 52 gestorben war; den von Kleopatra geborenen Cäsarion (s. d.) hatte er nicht anerkannt; zu seinem Erben hatte er den von ihm adoptirten jungen Caj. Octavius, Enkel seiner Schwester, eingesetzt, der von da den Namen Julius Cäsar Octavianus annahm (s. Augnstus). Octavianus stellte in dem Tempel der Venus Genetrix C-s Standbild, mit einem Stern auf dem Haupte, auf, wodurch seine Vergötterung bewirkt wurde. Was den Privatcharakter C-s anlangt, so war er, wenn man von den mannigfachen Verirrungen seiner Jugend und von der Schwäche, die ihn in späterer Zeit der Schmeichelei zugänglich machte, absieht, eine achtunggebietende Persönlichkeit. Streng gegen sich selbst, Mühsal n. Entbehrung nicht scheuend, war er seinen Untergebenen ein Muster. Über allen Zweifel erhaben ist aber seine Größe als Feldherr und ^ — Cäsarca. Staatsmann. Seine Entschlüsse überlegte er lange, aber einmal entschlossen, war er rasch im Handeln u. schreckte vor keinen Conseqnenzen zurück. Gleich» wol war er in späteren Jahren nicht frei von thö- richten Projecten; so hatte er den Plan zu einem Zuge in die unbekannten Regionen von NEurop» und NAsien entworfen, der an Abenteuerlichkeit den Feldzug Napoleons I. nach Rußland weit > Lberbot. Auf Wahrsagerei u. Zeichendeuterei gab er nichts, u. den religiösen Glauben scheint er als etwas für den Staat Nothwendiges, nicht aber aus persönlicher Überzeugung unterstützt zu haben. ! Freigebig u. liebenswürdig in seinem äußeren Benehmen, hielt er auf gute Sitte u. duldete nicht, daß die Institution der Ehe profanirt wurde, ob» wol er es persönlich in dieser Hinsicht nicht so genau genommen haben soll. C. besaß eine umfassende wissenschaftliche Bildung, verfaßte mehrere Gedichte, Schriften über Astronomie u. Grammatik; keine derselben ist erhalten, ebenso auch keine seiner Reden, die durch Lebhaftigkeit, Klarheit u. Schärfe des Ürtheils mehr als durch rhetorischeSchönheit u. berechnete Effecte wirkten. Als historischer Schriftsteller ist er für die Geschichte seiner Zeit von großer Bedeutung. Vollständig besitzen wir 7 Bücher Commenturü (Memoiren über Selbsterlebtes) äs bello Culiioo (dazu als Fortsetzung ein 8. Buch von Aulns Hirtius) und 3 Bücher äs bello vivili. Sie sind äußerst klar u. scheinbar mit vollkommenster Objectivität geschrieben, jedoch vielfach darauf berechnet, C-s Thaten u. Beweggründe in das trefflichste Licht zu stellen. Dem C. wurden auch die Commen- tarien äs bello aLlsxanärino, äs bsllo Lkrioano u. äs bello llispauisnsl beigelegt, während der erstere wol gleichfalls von C-s Freunde A. HirtiuS, die beiden anderen, schlecht geschriebenen von ungebildeten Theilnehmern an den betr. Kriegen versaßt sind. Erste Gesammtausg., Rom 1469, Fol.; dann u. A. von Jungermann, Frkf. 1606; von Oudendorp, Leyd. 1737, n. A., Stuttg. 1821 f., 2Bde.; von A. Baumstark, Stuttg. 1828, 3Bdc.; neuere krit. Ausgaben von Nipperdcy, Lpz. 1847, u. Fr. Dübner, Par. 1867, 2 Bde.; erklärende Schulausg. von Kraner, Doberenz u. A.; die tlommsntarii über den Gallischen Krieg kritisch bearbeitet von Schneider, Halle 1840—55, 2 Bde.; Frigell, Upsala 1861, 3 Bde.; der Bürgerkrieg von Held, Sulzb. 1822, 4. A., 1857; Übersetzung von Baumstark, Stuttg. 1836 ff.; Übersetzung deS ! Gallischen Krieges von Kächly u. Rüstow, Stuttg. 1856, u. a. Erläuterungsschriften, worunter die des früheren Napoleon (I.): krseis äss Znerres ^ äs Lssar, Par. 1835, deutsch, Stuttg. 1836; > W. Rüstow, Heerwesen und Kriegführung C-s, j Gotha 1855 (1862); für den Gallischen Krieg ^ epochemachend der zweite Bd. von Napoleons III. ! llisboire äs äules tlesur, Par. 1865 ff., mit At- . las; ferner Arbeiten von v. Göler, v. Cohauien ^ (C-s Rheinbrücken) u. A., besonders französischen Militärschriftstellern. Alte Lebensbeschreibungen E-s von Suetonius u. Plutarchos; vgl. auch Appianos in s. Bürgerkriegen. (Biogry l,.* (Lit.) Riese. Cäsaraugusta, so v. w. Cäsarea 1). Cäsarea (a. Geogr.), mehrere Städte, benannt nach römischen Kaisern; es waren entweder neu . 535 LaesareL seetio — Cäsorius. erbaute, welchen von befreundeten Königen und Böllern dieser Name gegeben wurde, oder schon bestehende, deren frühere Namen in diesen verändert wurden. Darunter: 1) Cäsaraugusta (Salduba), Hauptort der Edetaner, im Tarraco- nensischen Spanien, am Jberus. Hierher wurden 17 v. Chr. von Augustus nach dem Cantabrischen Kriege die Veteranen seines Heeres verlegt n. die Stadt zu dem Sitze eines obersten Gerichtshofes erhoben; jetzt Saragossa. 2)C.Paneas, Stadt in Ober-Galiläa, in der Nähe einer Höhle, Panion od. Pannion, welche eine Jordanquelle enthalten haben soll u. eine Stätte des Pancultus war. Der Tetrarch Philippos erweiterte sie (daher auch C. Philippi) u. nannte sie C. dem Tiberius zu Ehren; der König Agrippa aber nannte sie nach Nero Nero- nias. In der Nähe dieser Stadt legte der Apostel Petrus das entscheidende Bekenntniß ab, daß er und seine Mitapostel von Jesu Messianität überzeugt seien; auch soll C. nach der kirchlichen Sage der Wohnort des blutflüssigen Weibes, welches Jesus heilte, gewesen sein. Früher versetzte man in die Nähe die Stadt Dan; wahrscheinlicher war dort Baal God oder Baal Hermon; die Stadt hat bis heute den Namen Banias behalten. 3) C. Stra- tonis, auch Palästina oder Palästina, Stadt im Stamme Manasse in Palästina, am Mittelmeere; von den syrischen Königen neben einem Thurme (iflurris Ltratouis) angelegt, von Herodes I. erweitert und verschönert; Tempel des Augustus, Amphitheater, Theater rc.; Hafen, Citadelle. Herodes gab ihr zu Ehren des Augustus den Namen C. und sührte die Spiele Lassarsa ein. Nach dem Tode Agrippas, der sie von Claudius zum Geschenke erhalten hatte, wurde sie 44 mit dem Römischen Reiche vereinigt u. die Hauptstadt der Provinz Oalaostina purum, u. Sitz des Statthalters von Judäa. Hier saß der Apostel Paulus 57—59 gefangen. Vespasianus machte sie zur Co- lonie inner dem Namen Oolouia prima Oiavia. In C. lehrte Origines, u. der Kirchenhistoriker Eusebius ist hier geboren. In den Kreuzzügen, zuletzt vom Sultan Bibars, ward die Stadt gänzlich zerstört. Was noch davon übrig ist, heißt Kaisarijeh. 4) C. Mauretaniä Tingitanä, so v. w. Tingis. 5) C. Mauretaniä Cäsa- riensis, so v. w. Jol. 6) C. Cappadociä, so v. w. Mazaca. Löffler.» Laesarss sootio (0. operativ), Kaiserschnitt, künstliche Entbindung durch Eröffnung der Bauchdecken u. der vorderen Gebärmutterwand. Cäsareopapismus, Las politisch-kirchliche System, welches Bengel als Xpax, d. h. den umgekehrten Oaxa (Papst), bezeichnete. Ist hier alle Politische Gewalt der kirchlichen schlechthin untergeordnet, so ist dort die kirchliche Gewalt ganz in der Politischen aufgegangen. Dieses System wurde namentlich in ORom von den byzantinischen Kaisern aufs Consequenteste ausgebildet u. zur Geltung gehracht. Noch jetzt besteht es in Rußland, wo der Zar die höchste kirchliche Gewalt in sich mit der politischen vereinigt. Der C. fand auch in den protestantischen Ländern Eingang, namentlich wo im 17. u. 18. Jahrhundert das Territorialsystem mit seinem Grundsätze: Oujus rsAio, ejus religio, aufkam u. demgemäß die ganze Kirchengewalt, nicht bloß die Gewalt circa sacra, sonder» auch die in saora, als Ausfluß u. Annex der Staatsgewalt angesehen wurde. Löffler.». Casarcs, Badeori in der span. Prov. Malaga, am Genal; 4450 Ew. Cäsarion, Sohn der Kleopatra und Julius Cäsars, geb. 47 v. Chr., als Mitregent, seiner Mutter dem Namen nach König von Ägypten (s. d. S. 296). Octavianus ließ ihn 31 v. Chr., nach der Schlacht bei Actium, tödten. Ciisarische Ara, s. u. Jahresrechuung. Cäsarius, 1) C., Bruder von Gregorius Na- zianzenus, ausgezeichnet als Naturforscher, Mathematiker u. Arzt, Leibarzt des Kaisers Julianus, Lomes rorum privatarum u. Quästor in Bithy- nien; zog sich, als Julianus den Feldzug gegen die Perser unternahm, auf Andrängen seines Bruders Gregorius in die Stille des Familienlebens nach Nazianz zurück; st. 368. Ihm werden unrichtig beigelegt: Dialog! IV (für religiöses Leben und Aberglauben der damaligen Zeit belehrend), in Leunclavius' Ausgabe von Gregors v. Nazianz Werken, Bas. 1571, Par. 1583. Über ihn von seinem Bruder Gregorius Oratio lunobris in lau- äsm Laos. Iratiis. 2) St. C., geb. um 470 in Chalons-sur-Saone, Mönch von Lerins; wurde 502 Bischof von Arles; st. 543. Er schr.: Regeln für Mönche u. Nonnen (in Holsten!! Ooäex rogul. monast., Rom 1661), die von vielen Klöstern angenommen u. von Ordensstistern benutzt wurden. Die Mönche und Klosterfrauen des St. C. erhielten sich, bis St. Benedicts Regel allgemein wurde. C. ist dogmengcschichtlich wichtig durch die Synode von Arausio (Orange) 529, auf welcher er die Augustinische Lehre gegen den Semipelagia- nismus zur Geltung brachte. Seine Schrift: Os gratis, et lidsro arbitrio ist verloren. 3) C., Mönch im 13. Jahrh., unter dem sich ein Theil der Franciscaner (s. d.) von dem Orden ablöste. 4) C. von Heisterbach, Mönch, Prediger und Geschichtschreiber, aus der 1. Hälfte des 13. Jahrh.; über 30 Jahre Mönch, zuletzt Prior u. Novizenmeister im Cistercienserkloster Heisterbach. Seine Predigten u. Betrachtungen (herausgegeben von dem Dominicaner Coppenstein, Köln 1615, unter dem Titel Oasciculus moralitatis), seine Geschichtswerke (Katalog der Erzbischöfe von Köln; Vita 8ti. Ongslborti, Leben der heil. Elisabeth; Oialogus magmis visionum ot miraculorum, Köln 1591, unter dem Titel: Illustrium mira- culorum et llistorlarum msmorabillum libri XII, neu herausgegeben von Jos. Strange, 1851) find culturgeschichtlich höchst interessant und geben ein lebendiges, farbenreiches Bild des gesammteu mittelalterlichen Lebens. Über ihn: A. Kaufmann, C. von Heisterbach, Köln 1850. Häufig wird mit diesem C. verwechselt: 5) C. von Prüm, 1212 Wt in Prüm, später Mönch in Heisterbach, wo er das Güterverzeichniß des Klosters Prüm anfertigte, eine für Rechts- und Cnlturgeschichte interessante Geschichtsquelle. 6) C., Cistercienser aus der 2. Hälfte des 13. Jahrh., der eine OxpIIcatio rsrum et vsrbornm (ErMrung von Wörtern, besonders im altdeutschen Rechte) schrieb, abgedruckt in Leibniz, Oollsct. stz'molog., 2 Bde., u. Hontheim, Listor. Orsvir. cliploin., 1 Bd. Löffler.» 536 Cäsarismus — Cäsarismus, politisches System, durch welches an die Stelle der berechtigten Mitwirkung des Volkes an den Staatsangelegenheiten eine Machthaberschaft tritt nach Art der von Cäsar einst in Nom geführten: dem Schein u. Namen nach läßt der C. dem Volke seine Rechte, in der That aber herrscht er, gestützt auf die Soldatenmacht (Militarismus), mit despotischer Willkür, frei verfügend über Volk u. Land, unbekümmert um die Volksrechte. Vgl. Imperialismus, mit dem man so leicht den C. verwechselt, indem z. B. häufig die Machthaberschaft Napoleons III., wie des I., C. genannt wird, was sie eigentlich nicht war. Oaesar non supra grsmmstlvos (lat.), d. i. der Kaiser (geht) nicht über die Grammatiker, des Kaisers Befehle können grammatikalische Regeln nicht umstoßen. Das Sprüchwort soll daher kommen, daß der Kaiser Siegmund einst das Wort soirisma als ein Femininum gebrauchte u. dann, um die komische Wirkung dieses Fehlers zu entkräften, befahl, künftig das Wort allgemein so zu gebrauchen, was freilich nicht geschah. Cäsarodmmm, Stadt der Turonen in 6aIIia vnAärmsnsrs tsrtia, am Liger; jetzt Tours. Ciisaromagus, Stadt der Bellovaker im Belgischen Gallien; jetzt Beauvais. Casas, Las, s. Lascasas. Casas Grandes (span., d. h. große Häuser) werden architektonische Überreste eines alten Cul- tnrvolkes genannt, das einst im N. des Unionsterritoriums Arizona wohnte. Die mit obigen Namen belegten merkwürdigen Ruinen liegen am Rio Gila, oberhalb des Punktes, wo der Rio Santa-Cruz einmündet, in einer Gegend, die noch von den Pima- u. Maricopa-Jndianern bewohnt wird, welche für einen Rest der Azteken gelten. Casäti, Gabrio, Graf, ital. Staatsmann, geb. 2. Aug. 1798 in Mailand; stndirte in Pavia Mathematik u. Rechtswissenschaft. Ohne an der Bewegung von NJtalien in den 20er Jahren tbeilgenommen zu haben, suchte er doch möglichst das Schicksal der infolge derselben Verurtheilten zn mildern u. ging zu dem Behnfe, namentlich auch im Interesse seines zum Tode verurtheilten Schwagers, des Gonfaloniere von Mailand, Grasen von Varese, nach Wien. 1837 zum Podesta in Mailand erwählt, bekleidete er nach dreimaliger Wiederwahl dieses Amt bis 1848; die Regierung zu Administrativreformen mahnend u. drängend, ging er selbst 1844 nach Wien, um dort den Noth- stand der Provinz darzulegen. Als bei den Festlichkeiten zn Ehren des neu eingesetzten Erzbischofs Romilli u. des Patrioten Galdino 8. Sept. 1847 die Polizei mit blutiger Strenge gegen die Bevölkerung einschritt, wandte er sich an das Ministerium mit der Bitte, die Beamten, welche den Auftritt veranlaßt hatten, aus Mailand zu entfernen. Im Jan. 1848 suchte er mit eigener Lebensgefahr dem zwischen Militär u. Volk ausgebrochenen Kampfe zu steuern, u. im März desselben Jahres mahnte er von revolutionären Übereilungen ab, was ihm auch endlich 18. März gelang, Woraufer, von der Municipalität u. dem Volke begleitet, ins Regierungspatais sich begab u. Aufhebung der Polizeimacht und Errichtung einer Nationalgarde verlangte u. erreichte. Aber Cascade Range. am selben Tage begann der Kampf wieder, wäh> rend dessen C. 20. März an die Spitze der Provisorischen Regierung trat, welche die Verschmelzung der Lombardei mit Sardinien unter Karl" Albert zu bewirken suchte. Im Juni nach Turin berufen, wurde er sardinischer Minister bis zur Schlacht bei Custozza, 25. Juli, trat dann an die Spitze der lombardischen Consulta in Turin n. blieb nach der Schlacht bei Novara im Mai 1849 in Piemont, wurde hier vom König zuni Senator ernannt, 1859 Unterrichtsminister. Nach, dem er später noch 4 Jahre das Präsidium des Senats geführt, zog er sich nach Mailand ins Privatleben zurück, wo er 16. Nov. 1873 starb. Lagai.» Casaubon (Casaubonus), I) Isaak de, ge- lehrter Theolog u. Philolog, geb. 18. Febr. 1559 in Genf, von franz. Eltern; wurde 1582 Professor der griechischen Sprache daselbst, 1596 in Montpellier, 1598 in Paris, floh nach Heinrichs IV. Ermordung, da er eine Verfolgung der Protestanten fürchtete, nach England; er st. 1. Juli 1614 in London. Er gab heraus den Diogenes Laertios, Polyänos, Aristoteles, Theophrastos' Charaktere, Polybios, Theokritos, Strabon, Dionysias von Halikarnassos, Äthenäos, Plinius d. I., Per- sius, Suetonius, Apnlejus. C. schr. u. a.: Vs sabirloa Craoeorum xossi st Romanornm sa- üra, Par. 1605, n. A., von Rambach, Halle 1774; Vs rsdns saerrs sb sosloo., Lond. 1614, Fol., Genf 1655; Vs Udsrtabs seelsmastioa, ebd. 1607; vpisbolas, herausgeg. von Gronov, Haag 1638, Magdeb. 1656, Almeloveen, Rotterd. 1769 (mit Biographie), u. v. a. Wolf gab Casaubo- niana, Hamb. 1710, heraus. Vgl. Ruffel, vpks- msrickss I. Oasandonll, Oxf. 1850, 2 Bde.; Jacobi, Ans dem Leben des I. C., Berl. 1854; Pattison, Isaak C., Lond. 1874. 2) Meric, Sohn des Vor., geb. 14. Aug. 1599 in Genf; ging mit seinem Vater nach England, wurde hier Rector in Jckham bei Canterbury u. war zuletzt Professor der Theologie in Oxford, wo er 14. Juli 1671 starb. Er gab heraus: M. Antonius, Terentius, Epiktetes u. Kebes, Hierokles, Flo- rus, Polybios, n. schr.: Vs UnZna Irsbr., Lond. 1650; Vs sntfinslasmo, ebd. 1655, Greifsw. 1708. Löffler.» Cäsca, Publius u. Cajus Servilius C., Brüder, beide Mitverschworcne gegen Cäsar, dem Ersterer bei der Ermordung 44 v.Chr. den ersten Dolchstoß in den Nacken beibrachte. Cascade (fr., ital. Oaseaba), 1) Wasserfall von kleineren Gewässern, die über Felsenterrassen herabfallen. 2) Künstlicher Wasserfall, dessen Anlage in die schöne Gartenkunst gehört; die C-n in Versailles u. in Wilhelmshöhe bei Kassel sind besonders berühmt. 3) Kunstseuer, das einen feurigeu Wasserfall darstellt. Cascade Ränge, Gebirgskette im nordamerik. Unionsstaate Oregon, dem Washington-Territorium u. in Britisch-Columbia, nördl. Fortsetzung der Sierra Nevada in Calisornien; läuft hauptsächlich von N. nach S., bis 320 km entfernt vom Stillen Meere; es besteht hauptsächlich aus gra- nitischem Gestein u. erhielt den Namen von den Wasserfällen, welche, gebildet vom Durchbruch des 537 Cascarillill - Columbiaflusses, die Achse deS Gebirges durch- schneiden. Im W. sind die Berge gut mit Waid bestanden, östl. aber ohne Vegetation. Höchste Gipfel bilden: Mount Jefferson 3300 m, Mount Hood 4200 in, Mount St. Helens 3900 m, Mount Rainier 3670 in. Casearillin (Chem.), Bitterstoff der Cascarill- rinde; bildet weiße, inWeingeist u. Äther lösliche, in Wasser unlösliche Nadeln, ohne Geruch, von bitterem Geschmack. Cascarillöl, das ätherische, durch Destillation der Cascarillrinde mit Wasser erhaltene Öl, gelblich; riecht und schmeckt gewürzhaft wie die Rinde, wenig in Wasser, leicht in Weingeist löslich. Cascariürinde (Eortox Oasoariüao), s. u. Croton. Casch (Cash, Casche), Münze, so v. w. Kasch. Caschunnß, so v. w. Acajounnß; s. u. Acajou. Cascina, Stadt im Distr. u. in der ital. Prov. Pisa, am Arno, Station der Eisenbahn Florenz-Pisa; als Gemeinde 19,600 Ew. 1364 schlugen hier die Florentiner die Pisaner. Ossearia «7aeg., Pflanzengatt, nach I. Casea- rius (Holland. Missionär in Cochin im17.Jahrh.; schrieb den Text zu den erstenBänden des Hartem maladarions) benannt, aus der Fam. der Sa- inydeen (X. 1), Sträucher u. Bäume mit 2reihig gestellten, lederartigen, ungetheilten od. gesägten, oft durchscheinend punktirten Blättern, kleinen, grünlichen oder gelblichen, meist in Bündel oder Dolden gestellten Blüthen mit kurzer oder etwas verlängerter Kelchröhre, 4—6 Abschnitten, ohne Blumenblätter, 6—15 (seltener 20—40) dem Kelche eingefügten Staubblättern mit pinselförmigem Connection, ebenso vielen Staminodien; Fruchtknoten mit Aappiger Narbe, einfächerig mit vielen, an 3 wandständigen Samenleisten stehenden Eichen; Frucht eine 3—4klappige, vielsamige Kapsel; Samen länglich, mit fleischigem Samenmantel, fleischigem Eiweiß u. geradem Keimling. Bon den 80 jetzt bekannten Arten kommen 20 auf Asien u. Australien, ebenso viele ans Afrika, die übrigen auf SAmerika. Alle enthalten schleimig adstringirende Stoffe in ihrer Rinde; so wird 6. aästrinAens Lkart. in Brasilien bei vernachlässigten Geschwüren angewendet. Bon 0. sson- Isnta Äowb., in Ostindien, werden die Blätter als Gemüse genossen, die Wurzeln als Purqirmittel gebraucht. Engler. Casein (Käsestoff). Dieser zu den Eiweißstof- fen gehörende Körper ist ein wesentlicher Bestand- theil der Milch aller Säugethiere; letztere enthält außer dem C. noch die sogen. Milchkügelchen, Milchzucker u. unorganische Salze. Die Milchkügelchen, welche die Trübung der Milch Hervorbringen, sind in Membranen eingeschloffene Fetttröpfchen, welche zur Gewinnung des C-s entfernt werden müssen. Zn diesem Zwecke setzt man der Milch etwas Kalilauge zu; dadurch wird die Membran gelöst und Las Fett in Freiheit gesetzt, wonach durch Schütteln mit Äther letzteres in Lösung geht u. sich an der Oberfläche sammelt. Die untenstehende Flüssigkeit erscheint nun klar u. enthält nur noch den Milchzucker, das C. und die Salze. Aus ihr wird das C. durch Salzsäure abgeschieden. Das C. ist in zwei Modifi- - Casclius. cationen, einer löslichen u. einer unlöslichen, bekannt. In der Milch verdankt es seine Löslichkeit einem Gehalte an Alkali. Um das lösliche C. zu erhalten, verdampft man Milch bei möglichst niederer Temperatur, entfettet den Rückstand durch Behandeln mit Äther, löst das C. in Wasser auf, schlägt es durch Alkohol nieder, wäscht mit Alkohol u. trocknet unter 50". So dargestellt bildet es eine bernsteingelbe, geruchlose, fad schmeckende Masse, in Wasser zu einer gelben schleimigen Flüssigkeit löslich, welche bald in FLulniß geräth. Das C. unterscheidet sich vom Albumin dadurch, daß es in seinen Lösungen durch Kochen nicht gerinnt. Dagegen wird es wie Älbumin durch Mineralsäuren, Metallsalze, Alkohol, Gerbsäure gefällt, außerdem auch durch organische Säuren, namentlich Essigsäure, wodurch Albumin nicht gefällt wird. Äuf Zusatz von Chlorcalcium oder schwefelsaurer Magnesia u. Kochen der Flüssigkeit fallen Verbindungen von C. mit Kalk resp. Mag- nesia nieder. Außer Lurch die gewöhnlichen Re- agentien, welche alle Eiweißkörper fällen, wird C. noch durch den sogen. Lab, die Schleimhaut eines Theils des Kälbermagens, niedergeschlagen. Ein kleines Stück dieses Lab in eine C-lösung gebracht u. gekocht, bewirkt, daß die ganze Menge des C-s sofort in die unlösliche Modification übergeht. Auf diesem Verhalten beruht die Darstellung des Käses n. der Molken. Die unlösliche Modification des C-s, welche entweder durch Fällen mit Lab, od. durch Versetzen von abgerahmter (entfetteter) Milch mit Essigsäure, Auswaschendes Niederschlages mit Wasser, Alkohol und Äther und Trocknen erhalten wird, ist frisch gefällt eine weiße, flockige Masse, die beim Trocknen eine gelbe Farbe annimmt, hornartig u. zerreibbar wird. Sie ist unlöslich in Wasser,,, worin sie nur aufquillt, sowie in Alkohol u. Äther, dagegen löslich in Alkalien. Das freiwillige Gerinnen der Milch bei hoher Temperatur im Sommer wird dadurch erklärt, daß C. als Ferment auf den Milchzucker wirkt, dieser durch Währung in Milchsäure ver- wandelt wird, welche das Coaguliren des C-s bewirkt. — Das C. besteht aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Schwefel u. unterscheidet sich hierin vom Albumin außer durch einen geringeren Schwefelgehalt nicht wesentlich. — Ein dem Milch-C. völlig ähnlicher Stoff findet sich im Pflanzenreiche in den Hülsenfrüchten, den Bohnen, Erbsen n. Linsen, auch in den Mandeln vor, welcher zum Unterschiede Pflanzen-C. od. Legumin genannt wird. Seine Lösungen werden durch sämmttiche Reagentien, welche das Milch-C. fällen, niedergeschlagen u. gerinnen nicht beim Kochen. Der Umstand, daß C. mit Kalk n. Magnesia unlösliche Verbindungen eingeht, ist der Grund, weshalb Hülsenfrüchte in hartem Wasser nicht gar gekocht werden können. Um das Legumin darzustellen, zerquetscht man die in warmem Wasser aufgequollenen Hülsenfrüchte, wobei sich daS C. löst, filtrirt vom Stärkemehl u. den Fasern ab u. fügt zum Filtrat verdünnte Essigsäure, wodurch das Legumin ausgeschieden u. wie das Milch- C. gewaschen u. getrocknet wird. Clären. Caselrus, Johann, deutscher Humanist, geb. 1533 in Göttingen; studirte in Wittenberg und 538 Casollc - Leipzig und seit 1560 in Florenz u. Bologna, wurde 1563 Professor der Philosophie u. Rhetorik in Rostock, 1570—74 Erzieher der mecklenburgischen Prinzen, lehrte dann wieder in Rostock, n. ging 1589 als Professor nach Helmstädt; er st. hier 9. April 1613. C. war in den Streik mit Dan. Hoffmann (s. d.) verwickelt. Er übersetzte u. cdirte mehrere elastische Autoren und schrieb über griech. Schriftsteller, alte Grammatik, Rhetorik, Pädagogik; seine Briese, als: Opus e-pistolieum, herausgeg. von Dranseld, 1687. Caselle, Marktflecken in der ital. Prov. Turin, an der Stura di Lanzv, Station der Oberital. Bahn; Kattun-, Seidenzwirn- u. Papierfabrikation; 5685 Ew. Caselli, Jean, Abbe, berühmt als Erfinder des nach ihm benannten Telegraphensystems, geb. 25. Mai 1815 zu Siena; war anfangs vorwiegend politisch thätig, wurde 1849 aus Parma ausgewiesen, widmete sich nun besonders den Naturwissenschaften, namentlich der Physik u. war besonders bemüht, auch dem größeren Publicum physikalische Kenntnisse näher zu bringen; er gründete zu diesem Zwecke 1854 die Zeitschrift Ln Reorsarions. In derselben Zeit war er mit seinem Bruder Ludovico, einem geschickten Mechaniker, mit der Verbesserung telegraphischer Apparate beschäftigtigt, u. es gelang ihm, den sogen. Pan- telegraphcn zu construiren, durch welchen es möglich ist, Depeschen oder Zeichnungen mit denselben Zügen u. Strichen zu telegraphiren, mit welchen sie aufgcgebcn worden sind. Auf verschiedenen Linien ist dieser Telegraph eingeführt worden. Seine 1865 construirte Maschine, die durch Elek- tricität bewegt wird n. die er im Aufträge u. auf Kosten Napoleons III. ausführts, fand der kostspieligen Anwendung wegen nicht den Weg in die Praxis. r. Casellina e Torri, Gemeinde in der Prov. u. dem Bez. Florenz; 13,942 Ew. Cascntino, Val, Name des oberen Arno- Thales, berühmt wegen seiner landschaftlichen Reize. Caserta, 1) ital. Prov. der Landschaft Companien (früher Terra di Lavoro, d. h. Ackerbau- Land); 5974,, Hstcm (108,x UM); grenzt westl. an die Prov. Rom, nördl. an Aguila, östl. an Compobasso, Benevento, Avellino, südl. an Salerno, Neapel u. das Tyrrhen. Meer; im W. gebirgig durch die Apenninen, im S. meist eben, Hauptflüffe: Garigliano und Volturno; sehr fruchtbar. Die Provinz wird von 153 tzm Eisenbahnen (125 Rom-Neapel, 26 Neapel-Laura n. 10 Foggia-Neapel) durchschnitten. 697,403 Ew.; dieselben treiben Landwirthschaft und am Meere Fischerei. Eintheilnng in 5 Distr.: C., Nola, Piedimvnte, Sora u. Ga'öta. 2) Hauptst. darin auch C. nova), Knotenpunkt der Vorgen. Eisenbahnen; prachtvolles königl. Schloß mit Park, Theater u. Portikus von 64 Marmorsäulen; Bischof; Gymnasium, Techn. Schule, Mädchen-Con- scrvatorium, Handelskammer; 12,000, als Gemeinde 29,451 Ew. C. war sonst Hauptort eines Fürstcnthnms der Familie Gadtani. Cascs, Emanuel Auguste Dieudonne, Comtc laS C., s. Lascascs. - Cäsium. Cäsctto, Münze, so v. w. Cafletto. llnsous (lat.), Käse. Casey, County im nordamerikan. Unionsstaate Kentucky, u. 37" n. Br. u. 84" w. L.; 8884 Ew. Conntysitz: Liberty. Cash, s. Kasch (Kas). Cashel, Stadt in der Grafschaft Tipperary der irischen Prov. Munster, an der von Dublin nach Cork führenden Eisenbahn; kathol. Erzbischof, der in Thurles residirt, Kathedrale, erzbischöflichen Palast mit reicher Bibliothek, Diöcesanschule; Handel mit Getreide; 3970 Ew. Aus dem nahen, isolirt ans der Ebene sich erhebenden Felsen (kocic ok 6.) befindet sich die alte in altsächsischein Stil erbaute, jetzt verfallene Kathedrale St. Patrick, vielleicht die älteste christliche Kirche in Irland, seit 1707 im Besitze der AnglicanischenKirche. Im Mittelalter hieß der Ort Castilia. I-- Cashmere, s. Kaschmir. Cafilmum (a. Geogr.), Stadt inCampanien, vom Vulturnus durchflossen. Im 2. Punischen Kriege, 217. v. Chr., wurde hier Haunibal von den Römern umzingelt u. rettete sich nur durch List, indem er 2000 Stiere mit brennenden Reisbündeln zwischen den Hörnern gegen die Feinde antreiben ließ. Sie war 216 von Römern u. röm. Bundesgenossen besetzt u. wurde von Hannibal nach langer Belagerung durch endliche Uebergabe genommen, 214 aber von den Römern wieder erobert. Später erst von Cäsar, dann 43 v. Chr. von Antonius colonisirt, wurde sie von den Vandalen zerstört. Aus ihrer Stätte entstand 85S Nova Capova (s. Capna). 1-- Casrno (ital.), 1) Landhaus. 2) Ein Gesellschaftshaus für die höheren Klassen niit Tanz-, Speise- u. Concertsälen, Lese- u. Spielzimmern rc., auch Räumen für eine vollständige Wirthschast. Diese C°s entstanden in Italien, indem anfangs Mehrere, außer Stande, sich einzelne Landhäuser zu miethen, zu diesem Zwecke zusammentraten, woraus später geschlossene Gesellschaften entstanden. Casrnum (a. Geogr.), feste Stadt der Volsker in Latium, nahe dem Liris n. am Fuße des Berges Casinus, wo jetzt, an der Stelle eines alten Apollotempels, das Kloster Casino (s. Monte Casino) sich erhebt; die Römer eroberten es und schickten 312 v. Chr. eine Colonie dahin. Indem LAsr Oasinas wuchs treffliches Öl u. hatte Varr» ein Landhaus. Jetzt noch Ruinen bei Sau Germano. Cäsium, ein metallisches Element; Zeichen des Atoms Os; Gewicht desselben 133. Das Metall selbst ist noch wenig bekannt, es gleicht im Allgemeinen dem Kalium, ist aber noch weit leichter oxydirbar, als dieses, überhanptdas elektropositivsie aller bis jetzt bekannten Elemente. Auch seine Verbindungen sind den entsprechenden Kalium- verbindnngen in jeder Beziehung so ähnlich, daß sie nur durch die so außerordentlich empfindliche Spectralreaction von diesen unterschieden werden können. Das Spectrum einer Gasflamme, welche irgend eine C-verbindung dampfförmig cntyälk, zeichnet sich nämlich durch 2 scharf begrenzte blaue Linien aus. Durch diese Eigenschaft des C-s wurden Kirchhofs u. Bunsen 1860 zur Entdeckung desselben geführt und zur Benennung desselben (vom lat. eaesins, s. d.) veranlaßt. — Das Castus — Onspiae pvlLS. 53!> C. ist in der Natur ziemlich verbreitet u. findet sich fast immer neben Kalium (u. Rubidium), freilich uur in äußerst geringen Mengen, so in den Mineralien Petalit, Lepidolith, Triphyllin u. in gewissen Felvspathen, am reichlichsten in dem nur ans der Insel Elba vorkommenden Pollux, der circa 34 pCt. Cäsion (C-oxyd) enthält. Es ist ferner nachcstwiesen im Carnallit u. a. Abraumsalzen von Staßfurt, in vielen Salz- soolen und Mineralwassern, am reichlichsten wol in dem Wasser von Lonrbonnss-Iss-Lains S Chlor-C. in 1 1) und in der Soole von Nauheim. Durch Verwitterung cäsiumhaltiger Mineralien gelangt dasselbe auch in die Ackererde u. von da in die Pflanzen, in deren Asche es' mittels des Spectroskops in einigen Fällen aufgefunden worden ist. — Von Verbindungen kennt man genauer: Das Cäsion (Cäsiumoxyd), Cäsion- hydrat, Chlor-C., das kohlensaure, schwefelsaure n. salpetersaure Cäsion. Hetzer. Castus (a. Geogr.), Gebirg in Syrien, Zwischenglied des Libanon u. Taurus, mit berühmtem Zeustempel, wo jährlich im August ein Fest stattfand; jetzt Dschebel Akre. Ossslus (lat.), blaßblan, ins Graugrüne spielend. Casket, s. Casqnet. Casorra, Stadt in der ital. Prov. Neapel, nordnordöstlich von der Hauptstation der SBahn; Korn- u. Weinbau, Seidenwürmerzucht; als Gem. S338 Ew. Caspar, Joseph, bekannter Kupferstecher, geb. 1799 zu Rorschach in der Schweiz; erlernte die Anfangsgründe der Kunst zuerst 1815 in Rom, ging 1820 nach Berlin u. bildete sich dann unter Longhi u. Anderloni in Mailand u. kehrte 1826 nach Berlin zurück, wo er die Knpferstecherkunst wieder zur Geltung brachte. Hauptwerke: Hl. Katharina u. Maria mit dem Kinde (Madonna Colonna); St. Antonius, nach Murillo; Prinz v. Carignan, nach Van Dyk; Die Tochter des Tizian, nach Tizian; Hl. Barbara, nach Beltrafsio. Regnet. Caspar!, Karl Paul, gelehrter Theolog u. Kirchenhistoriker, geb. 8. Febr. 1814 in Dessau; studirte in Leipzig u. Berlin Theologie u. wurde 1847 Lehrer der Theologie an der Universität zu Christiania u. 1857 Professor daselbst. Er schr.: Auslegung des Obadja, Lpz. 1842; Beiträge zur Einleitung in das Buch JesaiaS u. zur Geschichte der Jesaianischen Zeit, Lpz. 1848; Arabische Grammatik, Lpz. 1848, 3. A., 1866; Über den Syrisch-Ephraemitischen Krieg unter Jothain und Ahas, Christ. 1849; Micha u. seine prophetische Schrift, ebd. 1851; Commentar zum Jesaias, ebd. 1855; Quellen zur Geschichte des kirchlichen Taussymbols, ebd. 1864. Als Mitglied des Re- visionscomite der norwegischen Bibelübersetzung übersetzte er die Psalmen 1851; gab auch Lneiri- riäion stnäiosi von Borhan-Eddin mit Übersetzung, Erklärungen und Glossar, Lpz. 1838, heraus. Wffl-r.' Caspe, Stadt in der span. Prov. Saragossa, am Guadalope u. Ebro; Fabrikation von Tuch, Hüten, Seife, Branntwein; Handel mit Wolle; 9400 Ew. 1168 nahm König Alfons II. den Saracenen das feste Schloß u. gab es den Johannitern; 1412 wurde hier Ferdinand v. Casti- lien zum König von Aragonien erklärt. Caspelding (C-recht), nach dem Eiderstädtischen Landrechte auf dem Kirchhofe gehaltene Gemeindeversammlungen, in welchen der Versammlungsvorsteher (C-Voigt) die Gemeinde von Gemeindeangelegenheiten unterrichtet u. geringfügige Streitsachen in der Gemeinde schlichtet. Die in den Hamburgischen Statuten vorkommenden C- herren sind Kirchenvorsteher mit beschränkter administrativer Gewalt. Casper, Johann Ludwig, hervorragender Mediciner, geb. 11. März 1796 in Berlin; lernte zunächst als Apotheker, studirte seit 1816 Medicin in Berlin, Göttingen u. Halle, promovirte Hierselbst 1819, bereiste 1820 Frankreich u. England, ließ sich 1822 als prakt. Arzt in Berlin nieder, habilitirte sich aber 1824, wurde bereits 1825 außerordentlicher Professor und Medicinalrath, Mitglied des Medicinalcollegiums der Prov. Brandenburg, 1834 Geh. Medicinalrath u. Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinal- wescn, 1839 ordentlicher Professor, 1841 GerichtS- arzt n. Dirigent der praktischen Ünterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde. Er starb, nachdem er verschiedene hohe Auszeichnungen empfangen hatte, 24. Febr. 1864. C. hat sich hohes Ansehen auf dem Gebiete der gerichtlichen Medicin erworben — seine Vorlesungen hierüber gehörten zu den besuchtesten in Berlin — sowie auf dem der me- dicinischen Statistik. Als classisch ist sein Praktisches Handbuch der gerichtlichen Medicin zu bezeichnen, Berl. 1856—58, 5. Ausl., von Liman, 1871, mit Atlas. Mit den Beiträgen zur medicinischen Statistik u. Staatsarzneikunde, Berl. 1825—37, begründete er zuerst diese neue Wissenschaft, welche dann durch die Denkwürdigkeiten zur medicin. Statistik u. Staatsarzneikunde, Berl. 1846, eine festere Haltung bekam. Von seinen weiteren Schriften seien erwähnt: Bescheidene Zweifel gegen die neue Hellseherin in Karlsruhe, Lpz. 1818; Oiss. InanA. äs pblsAinatäa, alba äolsnts, Halle 1819; Charakteristik der französischen Medicin, Lpz. 1822; Über das Verhältniß der Geisteszerrüttung zur Population u. zum Geschlechte in Frankreich n. England, Berl. 1821, in Horns Archiv, B. 2, S. 89—112; Die Verletzungen des Rückenmarkes in Hinsicht ans ihre Letalität, Berl. 1823; Die wahrscheinliche Lebensdauer des Menschen, ebd. 1835; Die Behandlung der Cholera durch Anwendung der Kälte, ebd. 1832; Gericht!. Leichenöffnungen, 1851, 3. A., 1853. C. war Mitherausgeber von Rusts Repertorium; 1831 Herausgeber einer Cholerazeitung u. seit 1833 einer Wochenschrift für die Heilkunde. Außerdem hat er eine Menge zum Theil sehr bedeutender Artikel für Horns Archiv, Rusts Magazin rc. geliefert, für letzteres namentlich die wichtigsten Artikel ans dem vlotlonnairs äss Lelsnovs moä. theils übersetzt, theils ausgezogen, theils bearbeitet n. unter dem Namen Till Ballistarius auch einTrauer- spiel herausgegeben. Thamhayn. Lsspias p>Ias (Oaspia. porta, a. Geogr.), Gebirgspaß in den OasM montss; führte ans Medien nach Hyrkanicn und Parthien, war mit eisernen Thoren versehen u. durch eine Besatzung bewacht. L40 Casquct - Casqnet (Casket, fr.), helmartige militärische Kopfbedeckung. Cast, Couuties in den nordamerikan. Unions- staaten: 1) in Illinois, u. 40" n. Br. u. 90° w. L.; 11,SSO Ew.; Countysitz: Beardstown; 3) in Indiana, n. 40" n. Br. u. 85° w. L.; 24,193 Ew.; Countysitz: Logansport; 3) in Iowa, u. 41" n.Br. u. 94° w. L.; 5404 Ew.; Countysitz: Lewis; 4) in Michigan, u. 42° n. Br. u. 85" w. L.; 21,094 Ew.; Countysitz: Cassopolis; 5) inMinne- sota, u. 46° n.Br. n. 94° w. L.; schöne Wälder, fruchtbares Land; 500 Ew., deren Vermehrung rasch vor sich geht; Conntysitz: Chippewa Agency. 6) in Missouri, u. 38° n. Br. u. 94° w. L.; 19,296 Ew.; Countysitz: Harrisonville; 7 ) in Nebraska, n. 40° n. Br. u. 96° w. L.; 8150 Ew.; Conntysitz: Plattsmonth. Cass, Lewis, nordamerikan. Staatsmann, geb. 9. Oct. 1782 zu Exeter im Staate New- Hampshire; studirte die Rechte, wurde 1803 Ad- vocat zu Zanesville in Ohio, kam 1806 in die Legislatur des Staates u. wurde 1807 oberster Gerichtsvollzieher des Staates Ohio; er machte 1812 den Krieg gegen die Engländer anfangs als Oberst in einem Regiment der Ohio-Freiwilligen mit, wurde dann Commandant eines Infanterieregiments u. zuletzt Brigadegeneral. 1813 wurde er Gouverneur von Michigan, wo er von den Indianern über 3 Will. Acres Land erwarb. 1819 ließ er sich im Staate Michigan nieder. Als 1831 infolge einer Differenz mit Frankreich die gegenseitigen Gesandten abberufen wurden, wurde C. Kriegsminister. Nachdem 1836 die freundschaftlichen Verhältnisse wieder angeknüpft worden waren, ging er alsGesandter nach Paris. Unzufrieden mit dem 1842 zwischen Lord Ash- burton u. dem Staatssecretär Dan. Webster abgeschlossenen Vertrage (s. Nordamerik. Freistaaten fGesch.j), kehrte C. nach Amerika zurück. 1848 von der demokratischen Partei als Präsidentschafts- candidat gegen Taylor aufgestellt, mußte er feinem Gegenkandidaten weichen u. trat in den Staatensenat, dessen Mitglied er bis 1857 blieb, worauf er unter Buchanans Präsidentschaft Staatssecretär wurde. Obgleich Demokrat, war er doch gegen die Secession der Südstaaten, u. als im Ministerium die Vertreter der SStaaten die Oberhand bekamen, gab er im December 1860 sein Portefeuille ab u. privatisirte in Detroit, wo er 17. Juni 1866 starb. Er schr.: Rranoo, its lcinA, eourt anä Zovsrvmsnt; Inguiries rsspeetinA tüs üistor^, traäitions, lanAuaKs etc. ok tüs In- äians livinZ rvitdin tbs Rnitsä Ltatss; Historien! null scisntiüe slcoteliss ok LlidnAan. Vgl. Schoolcraft, I-iks ok 6., New-Dork 1848; Smith, I-iks anä times ok Rsivis 6., ebd. 1856. Bartling.' llassa (lat.), Kasse. Cassagnnc, s. Granier de C. Cassandra, der 114. Planetoid, 23. Juli 1871 von Peters in Clinton (V. St.) entdeckt. Cassano, acht Gemeinden in Italien, mit verschiedenen Beinamen; am bedeutendsten: 1) C. al Jon io (im Alterthum Eassiänum), Stadt im Distr. Castrovillari der italien. Provinz Cosenza (Calabrien); Bischofssitz; bischöfl. Seminar; altes Schloß; Douane; erzeugt Baumwolle, Seide, Ge- — Cassation. treide, Oliven. Soda, Leinwand, Leder, Baum-, wollen- u. Seidenzeuge; warme schweselige Quellen; 9035 Ew. Im Sprengel des Bisthums wohnen 5—6000 Arnauten. 3) C. d'Adda, Flecken in der ital. Prov. Mailand, an der Adda, mit 240 m langer Brücke über die Adda, Station der Oberital. Bahn; Seiden-, Flachs- u. Hanfspinnerei; 6979 Ew. Hier 16. Sept. 1259 Schlacht, in welcher der Tyrann Ezzelino (s. d.) von den Guelfen gefangen wurde; 16. Aug. 1705 Gefecht zwischen den Österreichern unter Prinz Eugen u. den Franzosen unter Bcndome (s. Spanischer Erbfolgekrieg), u. 27. April 1799 Sieg der Österreicher u. Russen unter Suwarow über die Franzosen unter Moreau (s. Franz. Revolutionskrieg) 3) C. delle Murgie, Stadt in derProv.Bari; 4165 Ew.; dabei Kupferhütten. Cassard, Jäcques, franz. Seeheld, geb. 1672 in Nantes; zeichnete sich als Schiffscaprtän besonders unter Pontinis in der Unternehmung auf Cartagena aus, ward deshalb Fregattenkapitän, that den Engländern, Portugiesen u. Holländern in den westindischen Gewässern viel Schaden, eroberte Surinam u. brachte eine Beute von mehreren Millionen nach Martinique. Als er nach dem Utrechter Frieden 1713 übermäßige Forderungen ans Entschädigung von Vorlagen stellte, ließ ihn Flenry in Ham gefangen setzen; er st. das. 1740. Cassas, Louis Franyois, franz. Künstler, geb. 3. Juni 1756 in Azay le Ferron; durch- reistsl772 mit Graf Choiseul Gouffier den Orient, zeichnete viele alte Denkmäler jener Gegenden u. gab sie heraus in: Voz'LAs pittorssgus äs In Lz-ris, äs 1a Rliöniois, äs la Ua1ssii.no ei äs 1a Lasss-litzTpto, 1799 ff., 30 Lief., gr. Fol. (infolge officiellen Befehls unvollendet); wurde 1816 Inspektor u. Professor der Zcichnenkunst an der GobelinS-Manufactur in Paris; er st. 1. Nov. 1827 in Versailles. C. schr. auch: Voxa^s bist, st piitorssqus äs 1'lsiris st äs 1a Oalmatie, Par. 1802, gr. Fol., u. gab noch heraus: Vnss pittor. äss prineixanx miss st monumsnts äs la 6reos. äs la Lisils et äss sept oollinss äs Roms. ebd. 1813, Fol. Cassation (Rechtsw.). 1) Unter den Rechtsmitteln gegen Urtheile sowol im bürgerlichen, als im Strafproceß ist eines dahin gerichtet, das Urtheil u. beziehungsweise das Verfahren, welches demselben vorausgegangen ist, letzteres entweder ganz, oder zu einem Theil, als nichtig anzufechten, u. zwar das Urtheil wegen Verletzung von materiellen Gesetzesvorschriften, welche irrthllmlich — nicht, oder irrig angewendet worden sind; Urtheil sowol, als Verfahren aber deshalb, weil bei Lein bei Fällung des Urtheils beobachteten Verfahren od. bei dem vorausgegangenen Verfahren in einem gewissen Zeitpunkte desselben processuale Gesetzesvorschriften verletzt worden sind. Tendenz des Rechtsmittels ist Vernichtung (C.) des Urtheils oder des Verfahrens und Anordnung eine! neuen Verfahrens, u. zwar entweder einer neuen Urtheilsfindnng, oder, sogar eines ganz oder zum Theil neuenProceßverfahreus überhaupt. Die Ausbildung des Rechtsmittels war im Französischen u. Deutschen Rechte verschieden. Das Gemeine Deutsche Recht hatte eine Nichtigkeitsquerel, Nichtigkeits- 541 Cassatwnshof. Beschwerde, auch Nichtigkeitsklage ausgebildet und hierbei heilbare und unheilbare Nichtigkeiten geschieden. Unter Umständen durfte der angegangene Richter nach Vernichtung des früheren Urtheils sogleich selbst über die Sache erkennen. Nach dem conseqnent ausgebildeten französischen System hat der angegangene (oberste) Richter nur die Nichtigkeit anszusprechen (C-serkenntniß), ohne über die Sache selbst zu erkennen; er hat vielmehr die Sachverhandlung u. Entscheidung an die ordentlichen Gerichte im gewöhnlichen Jnstanzenzuge zurückzu- verweisen. Nacb Gemeinem Deutschem Rechte konnte die Nichtigkeitserklärung überall da nachgesucht werden, wo entweder das Verfahren, od. der Urtheils- spruch an dem Mangel derjenigen Erfordernisse leidet, welche für ein rechtliches Verfahren die unerläßliche Voraussetzung bilden. Die vornehmsten Gründe zur C. bilden Jnhabilität des Richters, Unfähigkeit der Parteien zur Proceßführung, innere Widersprüche in ertheilteu Erkenntnissen, Verletzung wesentlicher Proceßgrundsätze, wie z.B. des gegenseitigen Gehörs beider Parteien, zuweilen auch die Ertheilung eines Rechtsspruches wider ausdrückliche Gesetze. Näheres s. u. C-shof. Nach Französischem Rechte ist für die Entscheidung der Nichtigkeitsbeschwerden ein eigener oberster Gerichtshof (Cassationshof, s. d.) errichtet. Im Wesentlichen folgen die drei deutschen Gesetzentwürfe über Gerichtsverfassung, Bürgerlichen und Straf- proceß, welche vom Bnndesrathe dem Reichstage von 1874/75 in seiner zweiten Session vorgelegt worden sind, dem französischen Verfahren, welches die neue Bayerische Civilproceßordnung von 1869 am vollständigsten ausgenommen hatte. Jedoch finden sich in Len deutschen Entwürfen eine Reihe von zum Theil erheblichen Abweichungen, sowol was den Gerichtshof, als sein Verfahren u. seine Befugnisse betrifft; das Rechtsmittel wird darin Revision (Civilproc. E. Z 485—505; Strafproc. E. 8 299 — 319) genannt. 2 ) Die Entsetzung vom Amte, als gewöhnliche Folge der von Beamten begangenen schwereren Verbrechen, vgl. Amtsverbrechen. Bei Offizieren erfolgt die C. als gesetzlich bestimmte Strafe bei ehrenrührigen groben Vergehen und ist mit dem Verluste der Würde, des Titels, der Ehrenzeichen u. der dienstlichen Kompetenzen, bezw. der Pension verbunden. 1) Bezold. Cassationshof (Cassationsgericht, 6our äs eassation), ein ursprünglich nur in Frankreich zu findender, später aber mit der französischen Gerichtsverfassung auch in anderen Ländern ein- geführter Gerichtshof, welchem die höchste ans- sehende Gewalt übertragen ist, um die Handhabung und Auslegung der Gesetze zu überwachen. In Frankreich trat der C. seit 1791 an die Stelle des vormaligen Lonssil xrivs än Rol, welches in Rechtssachen eine Art Nullitäts« und Beschwerde- Instanz bildete u. dessen Mitglieder Llaltrcs äss rsgnctss hießen. In seiner neueren Gestalt ist der C. keine eigentliche Instanz, indem derselbe über die an ihn gebrachten Sachen nicht selbst erkennt, sondern die rechtskräftigen Urtheile der anderen Gerichte aus Antrag nur anfhebt, um sie dem wiederholten Richterspruche dieser Gerichte zu unterstellen, u. zwar dem Spruche entweder desselben Gerichtes, welches das vorige Nrtheil gefällt hat und in welchem jetzt selbstverständlich andere Personen als das vorige Mal als Richter zu sun- giren haben, oder dem Spruche eines anderen Gerichtes, welches aber mit dem vorigen denselben Rang in der Ämterhierarchie einnchmen muß. Der französische C. besteht aus 3 Abtheilungen, von denen jede nach einer Ordonnanz vom 15. Febr. 1815 mit einem Präsidenten u. 15 Räthen besetzt ist, nämlich: a) der Requetenkammer (6bain- brs äss rsgnstos); b) der Civilkammer (6Iram- brs civils) u. c) der Criminalkammer (Oimmbrs criminelle), und erstreckt seine Wirksamkeit von Paris aus, wo er seinen Sitz hat, über das ganze Territorium Frankreichs. In der Regel erkennt jede Kammer für sich; nur ausnahmsweise treten die Mitglieder aller Kammern zu einem Plenum zusammen, in welchem dann sonst der Justizminister präsidirte, neuerdings aber ein erster Präsident den Vorsitz führt. Die Cassation kann nur bei letztinstanzlichen Erkenntnissen entweder von der Partei, die sich verletzt glaubt, oder von der Staatsbehörde (Staatsanwaltschaft) nachgesuchtwer- den, u. zwar von der letzteren nach Umständen auch bloß „im Interesse des Gesetzes", in welchem Falle eine Cassation ohne Wirkung auf die abgeurtheilte Sache bleibt, indem nur ein Rechtssatz richtiggestellt n. diese Richtigstellung dein irrig geurtheilt habenden Gerichte zur künftigen Danachachtung empfohlen wird. Als Cassationsgründe gelten Jn- competenz des Gerichtes, Überschreitung der Amts- befngniß, Nichtbeobachtnng gewisser durch das Gesetz vorgeschriebener Förmlichkeiten, innerer Widerspruch mehrerer in derselben Sache letztinstanzlich ergangenen Urtheile n. Unvereinbarkeit des Erkenntnisses mit einem ausdrücklichen Gesetze (Oon- travsntion erpresse ä In loi). Bei Civilsachen geht das Cassationsgesnch (kourvor sn Cassation) zunächst an die Neqnetenkammer, welche über die Zulassung des Gesuches zuvörderst einen Vorbescheid (Lrrst ä'aämlssion) zu sällen hat. Erst wenn diese Kammer das Gesuch für zulässig erkannt hat, gelangt die Sache an die Civilkammer, welche nunmehr definitiv über das Cassationsgesuch entscheidet. Bei Criminalsachen erkennt die strafrechtliche Kammer sofort ohne Vorbescheid. Die dnrchgesetzte Cassation hat nun aber nur die Wirkung, daß die Sache, wie schon bemerkt, zur nochmaligen Aburtheilung remittirt wird, nur daß hierbei dieses Mal andere Personen als Richter zu fun- giren haben, als bei dem cassirten Erkenntnisse betheiligt waren. Dies Gericht (ü'ribnoal än reu- voi genannt) hat dann, ohne daß es an die Gründe der Entscheidung des C-es gebunden wäre, entweder nur auf ein neues Plaidoyer der Parteien, oder auch nach Befinden nach einem ganz neuen Verfahren die Sache nochmals zu entscheiden. Wird nun aber auch gegen diese Entscheidung wieder Cassation eingewendet, u. casfirt der C., der dann in vereinigten Kammern zu entscheiden hat, das zweite Urtheil aus den näml. Gründen, so ist allerdings das dritte Gericht, dem nunmehr die Sache übertragen wird, nach einem Gesetze vom 1. April 1837, welches auch sonst mehrfache Vereinfachungen ein- geführt hat, verpflichtet, bei der Benrtheilung des Rechtspunktes sich nach der Entscheidung des C-es 542 Cassatorisch zu richten. Außer diesen Cassatiouseutscheiduugeu ist übrigens dem C-e auch noch die höchste Disci- plinargewalt über das gesammte Richterpersonal, sowie die Entscheidung über Syndicatsklagen (s. d.), über Competenzstreitigkcitcn zwischen den unter verschiedenen Appellhöfen liegenden Tribunalen erster Instanz u. über Perhorresceuzgesuche (s. d.) übertragen, wobei zum Theil ein anderes Verfahren stattfindet. Mit der Beibeibehaltung, resp. Annahme der französischen Gerichtsverfassung n. deren Nachbildungen wurden auch in anderen Landern, besonders in Belgien, dann in Bayern u. Rhein- Preußen seit Rückfall der Pfalz und Rheinlande an Deutschland, in Bayern sodann allgemein seit der neuen Civilproceßordnnng von 1869, Cassationshöfe eingesetzt, dabei jedoch sowol die Einrichtung des Gerichtshofes selbst, als auch das Verfahren vor demselben vielfach abgeändert. Meist ist dabei die Requetenkammer als überflüssig ganz weggefallen (z. B. schon in der niederländischen Cassationsordnung vom 15. März 1815); andere Gesetzgebungen haben den C. nur als eine Ab- theilnng des obersten Gerichtes (z. B. Bayern u. Preußen) bestellt, welches dann als Gericht höherer Instanz zugleich in der Sache selbst entscheidet, wenigstens wo dies ohne neue thatsächliche Verhandlung möglich ist. Der rheinische C. ist infolge des versassungsgesetzlichen Princips, daß nur ein oberster Gerichtshof für die Monarchie bestehen soll, mit dem Obertribunal in Berlin vereinigt. Endlich ist, wo dennoch ein Zurücksenden der Sache an ein anderes Gericht stattfindet, um wiederholte Cassation zu vermeiden, öster die Anordnung getroffen, daß die Gerichte an die ausgesprochene Rechtsansicht des obersten Gerichtes gebunden sein sollen. Vgl. Friedreich, Der franz. C., Münch. 1852; Walther, Die Rechtsmittel im Strafverfahren, Münch. 1853—54, Abth. 2; ferner die Abhandlung Cassation in Merlins Ls- pertoirs äs Inrispinävneo. Bezold.' kassatorisch, aushebend, befreiend; daher c-e Clausel, die einem Rechtsgeschäfte beigefügte Nebenverabredung, daß dasselbe als nicht abgeschlossen, oder als sofort aufgehoben angesehen werden solle, wenn gewisse Bedingungen, z. B. bei dem Kaufe die Bezahlung des Kaufpreises, beim Darlehn die Zahlung der Zinsen, in den bedungenen Terminen nicht erfüllt werden würden. Cassave, s. u. latropba. Cassel, 1) so v. w. Kassel. 2) (Montcassel) Stadt im Arr. Hazebrouk des franz. Dep. Nord, Station der NBahn, auf einer Anhöhe mit Aussicht nach der engl. Küste; gallische u. römische Al- terthümer; Fertigung von Spitzen, Strumpf- u. Leinenwaaren, Hüten, Tbongcschirr, Öl, Tabak; Gerbereien, Färbereien, ^iehhandel; 4258 Ew.; GeburtsortVandammes. — Hierl07lSiegRoberts des Friesen über den Grafen Arnulf III. von Flandern; 1328 Sieg Königs Philipp VI. über die Flamländer; 11. April 1677 Niederlage Wilhelms III. von Oranien durch die Franzosen, s. Niederlande (Gesch.); 16. Febr. 1814 verunglückter Angriff der sächs. Cavalerie unter dem russischen General Geismar auf die von den Franzosen besetzte Stadt. Cassel, eigentlich Selig, dann Paulus, Theo- — Cassette. log u. Archäolog, geb. 27. Febr. 1827 in Groß, glogau von jüdischen Eltern; studirte in Berlin Geschichte u. lebte dann schriftstellerisch beschäftigt u. als Bibliothekar der königl. Bibliothek in Erfurt, wo er sich 1855 taufen ließ, u. seit 1859 in Berlin, wo er 1866 für den Kreis Teltow-Beeskow-Stor- kow in das Abgeordnetenhaus gewählt u. 1867 Prediger an der Christnskirche wurde. Er schr. n. a.: Magyarische Alterthümer, Berl. 1848; Ed- tusche Studien, Wenn. 1856; Über thüringische Ortsnamen, Erf. 1856 f., 2Thle.; Die Wissenschaft u. die Akademien, Erf. 1857; Erfurter Bilder uni Bräuche, ebd. 1859; Weltgeschichtliche Fragmente, Berl. 1859; Der Prophet Elisa (biblische Vorträge), ebd. 1860; Der Schwan in Sage u. Leben, ebd. 1861, 3. Anfl., 1872; Weihnachten (Ursprung, Bräuche u. Aberglaube), ebd. 1862; Die Bücher der Richter u. Ruth, theologisch-homiletisch erklärt, Vieles. 1865; Altchristlicher Festkalender, ebd. 1869; Drachenkämpfe (archäologische und mythologische Auslegungen), ebd. 1869; Für ernste Stunden (Betrachtungen und Erinnerungen), ebd. 1876; Das Evangelium der Söhne Zebedäi, ebd. 1876; Deutsche Reden, ebd. 1871; Esmun, Gotha 1872; Vom Wege nach Damascus (apologetische Abhandlungen), ebd. 1872; Kaiser- u. Königsthrone in Geschichte, Symbolik u. Sage, ebd. 1874; Berlin, sein Name u. sein Beruf, ebd. 1874, u. m. a. Casserio, Julius, auch Casserius Pla- centinns, nach seiner Vaterstadt Piacenza, wo er 1545 (n. A. 1561 od. 1562) geboren wurde, berühmter Anatom; studirte zu Padua unter Hier. Fabricius ab Aquapendente, lehrte hier später unter großem Beifalle als Professor der Chirurgie u. Anatomie n. gab heraus: Vs voois anäitme- gns orAanis llistoria, anabomioa, Ferrara 1666, Ven. 1607; kenbllasstesicm, Ven. 1609 (mit Betheiligung des Kasp. Bartholinus). B. st. 1616. Nach seinem Tode wurden von Dan. Bucretius die hinterlassenen llabnlas anatoniioas zugleich mit der I'abriea corporis flnmani LpiAsIü, Ben. 1627, veröffentlicht. Der kleine erschlaffende Muskel des Paukenfelles, der äußere Hautnerv des Armes u. die Hinteren Seitenfontanellen tragen in der Anatomie seinen Namen. C. hat sich um die Physiologie des Gehörorgans bedeutende Verdienste erworben, fehlte aber darin, daß er die falschen Anschauungen der Alten mit den neuen von Eustachius angeregten vereinigen wollte. Er glaubte noch an die an- od. vielmehr eingeborene Luft des Aristoteles (H,sr inAsnitus) im Innern des Ohres, aber er wies ihr nur eine vermittelnde Rolle an und kannte die Bewirkung der Schallwahrnehmung durch den Gehörnerv, sowie die Hauptfunction der Eustachischen Trompete (s. d.); nur meinte er, die durch dieselbe eintretende äußere Luft diene zur Erneuerung des iler inAsnitns. Auch die von Fabricius ab Aquapendente bereits unternommene Eröffnung der Luftröhre beschrieb er genauer. Thamhayn. Cassette (fr.), 1) Kästchen, besonders Geldkästchen. 2) (Lat. Imennaria) Vertiefte, runde, rautenförmige, viereckige Felder, welche in gewölbten Decken bei Bogen, besonders in Kuppeln zur Erleichterung u. zum Schmucke derselben angeweudet werden. Sie sind mit Friesen umgeben, welche Caffettendecke erhabene oder gemalte Rosetten, Sterne, Figuren u. Arabesken erschließen, u. stehen bei Kuppeln gewöhnlich in 4—5 Reihen über einander; bei geraden Decken sind sie bloß durch die Friese von einander getrennt. Vgl. Kuppelgewölbe. Cassettendccke, so v. w. Cassette 2). Oassia D., Pflanzengattnng aus der Fam. der OeFuminosas - Oassaipinisas - Oassisas (X. 1), Bäume, Sträucher n. Kräuter mit paar^-gefieder- ten Blättern, bisweilen mit Phyllodien (Blattstielblättern), häufig mit warzigen od. schildförmigen Drüsen an den Blattstielen, mit gelben, weißen oder rölhlichen, in achselständige od. endständige Trauben, auch in endständige Rispen vereinigten Blüthen, mit sehr kurzer, scheibenförmiger Kelchröhre, 5 abstehenden, fast gleichen Blumenblättern; von den 10 meist vollkommenen Staubblättern werden bisweilen die 3 oberen sehr klein u. unvollkommen, od. es sind nur 5 vorhanden; Fruchtknoten frei, im Grunde des Kelches sitzend, oder- gestielt, oft gekrümmt, viclciig; Hülse cylindrisch oder seitlich zusammengedrllckt, holzig oder lederartig, nicht aufspringend oder 2klappig, mit querliegenden Scheidewänden zwischen den znsammen- gedrückten, eiweißhaltigen Samen; Keimling mit kurzem Würzclchen u. eiförmigen oder länglichen Keimblättern. Ungefähr 300 Arten sind in den wärmeren Gebieten beider Hemisphären zerstreut; sehr viele finden sich in Amerika von Chile bis nach Mexico und Massachusetts, ebenso in ganz Afrika, im tropischen Asien und Australien, aber nicht auf Tasmanien und Neu-Seeland. Bemer- kcnswerth sind: X) Lsuua; Antheren mit 2 Poren aufspringend; Hülse zusammengedrllckt, kaum aufspringend. 6. Isuitivs, DrseX, mit fast lederartigen, 4—Opaarigen Blättern, eiförmigen bis lan- zettlichen, stachelspitzen, dünnbehaarten Blättchen, fast sichelförmiger, in der Mitte angeschwollener Hülse; in Ober-Ägypten, Nubien, Sennaar; liefert die 8oims.XIsxanärins. ebOripolitaua; die Sennes- blätter enthalten Cathartin (Sennabutter), dem vorzugsweise die purgirenden Eigenschaften derselben zu verdanken sind. 0. obovata, Ld-lkack., mit 4—7paarigen, abgestutzten, sehr kurz stachelspitzen Blättern n. an beiden Enden angeschwollener Hülse; an der O- und WKüste Afrikas, in Arabien, Ostindien; liefert die Leuns. Oslspsusis, Italien s. LsueZulsnsis. tl. s-uAustikokis. Valrl (0. aontikolia Del., 0. msäroinalis u. ObrenbsrAÜ Di'se/r.), mit 5—Opaarigen, ei-lanzettlichen, zugespitzten, fast kahlen Blättern, länglicher, fast gerader, in der Mitte angeschwollener Hülse; an der OKüste von Afrika, in Arabien u. Vorder-Indien; liefert die Leuna luäloa L äs Nseon. Von den zahlreichen anderen Arten, die in ihrer Heimath die mannigfachste Verwendung finden, sei mir noch erwähnt die in den ganzen Tropen verbreitete, sehr widrig riechende u. schmeckende 6. ooeiäsuta- lis D., aus Brasilien; man wendet die Wurzel gegen Unterleibsstockungen, Wassersucht u. Vergiftungen an, während die Rinde (Oortsx Osäexoro) als Fiebermittel gerühmt wird. Die sehr bitteren Samen von 6. Xicalcalis sind ebenso wie die von 0. Xbsus D. bei den Negern u. Türken ein berühmtes Mittel gegen die sogenannte Ägyptische Augenentzündung. O) Oistula; Antheren — Cassini. 5tu Sspaltig; Hülse cylindrisch, nicht aufspringend, hol- zig. 6. kstnls. D., schöner Baum im Innern Afrikas, ursprünglich in Ägypten; in Ost- u. Westindien, SAmerika häufig cultivirt, mit 4—6paa- rigen Blättern, gestielten eiförmigen Blättchen u. bis § m langen, fast zolldicken, cylindrischen, geringelten Hülsen (Cassiaröhren, Osssias üstulas). Das von den Schalen u. Samen befreite Mark, Cassiamark (kulps. Os-ssias), wurde sonst als gelindes Abführungsmittel angewendet; jetzt fast ganz außer Gebrauch, ebenso die unreifen, mit Zucker angemachten Hülsen u. Blüthen. Die Rinde (0. liAues.) u. die Hülsen mehrerer Arten werdm znm Gerben benutzt. Engler. vassis oinnamomea, Zimmt. üassls lignes, s. Onssis. Cassiäner (6as8is.ua selwls.), s. n. Cassius 11). Uassignu mäiotum u. Osssianus juäex, s. CasstuSZ). Cassianus, Johannes, Haupt der semipe- lagianischen Richtung; , war Mönch, erst in Beth- lehem, 390—97 in Ägypten; wurde 400 n. Ehr. Schüler des Chrysostomus in Constantinopel, ging 405 nach Rom u. von da nach Marseille, wo er mehrere Klöster anlegtc und um 440 starb. Er sehr. u. a.: Os iustitutis oosuobiorum, herausg. Brüss. 1485, Fol., u. OoUabiouos patrum io 8ce- üoa srsmo ooraiuorautium Ubri XXIV, Brüss. 1474. Werke, herausg. von Gazet, Arras 1628, Fol., Franks. 1722, Lpz. 1733. Vgl. Wiggers, Os 0., Rost. 1824 f., 3 Thle. Cassinet, tuchartiges Wollenzeug (Webeart 3schäftiger Köper od. 4schäftiger Atlas) mit Kette von Baumwolle, nicht gewalkt, nur in der Wolle gewaschen, nicht gerauht, aber auf der rechten Seite (wo die meiste Wolle liegt) glattgeschoren, zuletzt heiß gepreßt. Doppel-C., baumwollene Kette wie beim C., aber die Schlußfäden sind abwechselnd Streichwolle u. Baumwolle. Beide Schüsse geben 4schäftigen Atlas, aber der wollene Schuß auf einer Seite rechts, der baumwollene Schuß auf der anderen. Wegen der entgegengesetzten Bindungsweise schieben sich die Schüsse leichi zusammen, so daß der Stoff viel schwerer wird. Beyssell. Cassini, 1) Giov. Domenico, berühmter Astronom, gcb. 8. Juni 1625 in Perinaldo bei Nizza; studirte zuerst im Jesnitencollegium zu Genua, seit 1644 aber in Bologna Astronomie, wo er 1650 zum Professor der Mathematik und Astronomie ernannt wurde. Er rectificirte eine früher von Jgn. Dante in der Petroniuskirche zu Bologna gezogene Mittagslinie, beobachtete 1664 n. 1665 in Rom zwei Kometen, bestimmte ihre Bahn, die Umdrehungszeit des Jupiter, sowie diejenige des Mars u. der Venus, erkannte die Abplattung des Jupiter und berichtigte die Theorie der Bewegungen seiner Trabanten. Das große Aufsehen, welches diese seine Entdeckungen erregten, besonders aber seine Ephemeriden der Ju- pitcrtrabanten (Bologna 1668), veranlaßten die franz. Regierung, 1669 C. nach Paris zu berufen und ihm die Direction der dortigen neu erbauten Sternwarte zu übertragen. Er entdeckte nun von 1671—84 vier Monde des Saturnus, die er dem König zu Ehren Liäsra. Ouäoviess. nannte, stellte genauere Beobachtungen über das Zodiakallicht 544 Cassinischc Curve a», bestimmte die Rotationsachse des Mondes, wies die Entstehung der Vibration desselben nach, bestimmte aus Beobachtungen des Mars die Sonnenparallaxe zu 9,s" n. verlängerte die von Picard begonnene u. von Lahire fortgesetzte Grad- messnng bis Roussillon. In den letzten Jahren seines Lebens erblindet, st. er 14. Scpt. 1712. Er schr.: Obssrv. eometas anni 1652 nsgus 1653, Mod.1653; UpbsmvriässLononisnsss, Bol.1668; Opera asbronomiea, Rom 1666, Fol.; Selbstbiographie, herausg. von seinem Enkel C. de Thury, in Nein, ponr ssrvir a l'tiisb. äss svisnoss, 1810. 8) Jacques, Sohn des Vor., geb. 18. Febr. 1677 zn Paris; beschäftigte sich mit physikalischen Untersuchungen, z. B. mit Vervollkommnung der Brennspiegel u. a. Nach dem Tode seines Vaters wurde er Director der Pariser Sternwarte und vollendete die von seinem Vater begonnene Gradmessung. 1717 überreichte er der Pariser Akademie ein wichtiges Werk über die Neigung der Bahnen der Saturnnstrabanten n. des Sa- turnnsringes. Gegen die Annahme der Abplattung der Erdkugel nach den Polen zu behauptete er fälschlich, daß diese in der Erdachse von einem Pol zum anderen etwas verlängert sei (Vs la §ran- äeur ob äs 1a 6§uis äs 1a isrrs, Par, 1720). C. st. 16.April1756. Er schr. noch: illsmsnts ä'astro- nomis, Par. 1740, lat. von Hall; labiss asbro- noin., cbd. 1740, u. m. 3 ) Cesar Frany. C. de Thury, Sohn des Vor., geb. 17. Juni 1714 zu Paris; folgte seinem Vater im Directorat der Pariser Sternwarte; er st. 4. Sept. 1784. C. gab die große Topographische Karte von Frankreich heraus, für welchen Zweck er, da 1756 die Zahlung der von der Regierung dafür verwillig- ten Summe anshörte, eine eigene Gesellschaft zum Vorschuß der Kosten znsainmenbrachte. Er schr. Zusätze zu den lables asbronoin. seines Vaters; Dsseription §eom. äs 1a Vranvs, 1784, u. a. 4) Jean Dominique, Graf C., des Vor. Sohn, geb. 30. Juni 1748 zu Paris; ward erst Gehilfe, dann Director des Observatoriums; nahm an der neuen Eintheilung von Frankreich in Departements theil; vollendete 1789 die von seinem Vater angefangene, ans 180 Blättern bestehende Oarts äs la Francs (Oarts äs I'Leaäsmis, Oarts äs Oassini), wozu bis 1793 noch 4 Bl., Oarts ä'asssinblazs u. äes triavZIes, kamen. Sie ist das Modell aller großen Werke dieser Art. Unter mehreren Versuchen einer Verkleinerung derselben ist die von Dumey u. anderen Ingenieurs 1791 unternommene, in welches sie auf H reducirt ist, als ^tlas national die bekannteste. 1793 wurde C. vom Revolutionstribunal verhaftet, rettete aber sein Leben; doch gingen die Kupferplatten der großen Karte verloren. Er wurde 1816 Mitglied des Generalconseils des Oise-Departements, lebte zuletzt als Privatmann zu Thury-sous-Clermont u. st. 18. Oct. 1845. Er gab heraus Gedichte, 1843. 5) Alex. Henri Gabriel, Vicomte de C., geb. 9. Mai 1781 in Paris, Sohn des Vor.; studirte anfangsAstronomic, dann Rechtswissenschaft; wurde 1829 Rath am Casjationshofe, 1831 Pair u. Mitglied des Instituts für Botanik u. Pflanzenphysiologie; er st. 16. April 1832, u. mit ihm erlosch Las berühmte Geschlecht der Cassini. Er beschäs- — Cassiodorus. tigte sich besonders mit den Synanthereen, über die er 1813 — 25 mehrere Abhandlungen drucken ließ, enthalten in seinen Opnsoräes pbzttol., Par. 1826, 2 Bde., dazu ein Supplementband, ebd. 1834. 0-0 Specht.» Cnssinische Curve (Cassino'lde), Cnrve vom 4. Grade, so beschaffen, daß das Product oder Rechteck je zweier von irgend einem Punkte der Curve nach 2 gegebenen Punkten gezogenen Geraden unveränderlich ist. Ihre Gestalt ist nach Lage der 2 Punkte u. Größe des Rechteckes sehr verschieden. Sie hat ihren Namen von Cassini 1), welcher, die Kepplersche Hypothese von der Bewegung der Planeten mißverstehend, deren Bahn genauer durch diese Linie darzustellen glaubte. Buchrucker.* Cassiuo, s. Monte-Casino. Cassiodorus, Magnus Aurelius, aus einer römischen Familie stammend, die schon seit einem Jahrhundert die höheren Staatsämter bekleidet hatte, geb. etwa 480 oder 481 zu Scyllacium (Sqnillace) in Bruttinm; trat kurz nach 500 in den Staatsdienst des Ostgothenkönigs Theuderich des Großen, von dem schon sein Vater, der bereits dem Odoaker gedient, zum Patricier erhoben worden war, u. erwarb sich durch seine Kenntnisse und Gewandtheit das Vertrauen des Königs und seiner Nachfolger in so hohem Grade, daß er fast zn allen höchsten Staatsmitteln emporstieg: nachdem er Quästor gewesen, ward er Lla^istar ok- üoiorum, dann 514 Konsul und 534 vrasksotns xraetorio. Sein einflußreichstes Amt war das eines Geheimschreibers Theoderichs. Durch ihn wurde die neue Ordnung der Dinge begründet n. geleitet, indem dabei sein Hauptbestrcben war, die röm. u. german. Elemente mit einander zu verschmelzen u. anszugleichen. Als er die Vergeblichkeit desselben einsah, zog er sich, wahrscheinlich nach Vitigis Sturz, 60 Jahre alt, in die Einsamkeit zurück, gründete das Kloster Vivarium in Bruttium, um der Wissenschaft u. Beschaulichkeit zu leben, u. st. daselbst 575, mindestens 95 Jahre alt. Zum Unterschiede von seinem Vater C. Pa- tricius nannte er sich C. (oder nach der ältesten Überlieferung wol richtiger Cassiodorius) Senator. Als Schriftsteller nicht minder bedeutend, wie als Staatsmann, versuchte er sich auf fast allen Gebieten des Wissens, dabei von denselben Gedanken geleitet, die ihn als Staatsmann beseelten. Wie er als solcher bestrebt war, die röm. u. german. Elemente zu verschmelzen, so suchte er, im Besitze der vollen Gelehrsamkeit der letzten Kaiserzeit u. der Heldensage der Gothen, in seinen Geschichts- Werken den Römern nachzuweisen, daß das Volk der Gothen und das Königsgeschlecht der Ama- ler ihnen an Alter u. Adel, ja sogar an Cultur ebenbürtig sei n. es daher keine Schmach für sie sei, von diesem Volke u. Königsgeschlechte beherrscht zu werden. Deutlich zeigt sich dies schon in seinem Ottronison universale, einem Abriß der Weltgeschichte von Erschaffung der Welt an bis 419, das aber ein unzuverlässiges Machwerk ist (s. Th. Mommsen, König!. Sachs. Gesellsch. der Wissenschaften, VIII., 1861), hauptsächlich aber in seinem großen u. gelehrten Werke: I)« oriAins sotugns Ostarum, das wir leider nur in dem dürftigen 845 Cassiquiari u. verworrenen Anszuge des Jordanis besitzen. Sodann sammelte er in den Variarum lidri XII die Briefe Theoderichs n. seiner Nachfolger, sowie seine eigenen Formeln u. Erlasse als Muster für künftige Staatsbeamte. Ihm gebührt auch der Ruhm, zuerst wissenschaftliche Thätigkeit in den Klöstern eingeführt zu haben, wozu er selbst mit seinem Eintritt in das Kloster durch eine Reihe gelehrter Schriften Hand anlegte; zunächst: 6om- mentarius in poolmos; dann: Ilistoria eeols- siastioa Iripartita (ein latein., sehr mangelhafter Auszug ans Sokrates, Theodoretos n. Sozome- nos); Institntio ütsrarum äivinarum; Os ssp- tsm äiseipliuis; Os rations animas; Os ortüo- xiapiiia; Oe arts §rammativa aä Ocmati mvu- tsm; Oomfintus passimiis; Oomplsxicmss in sxistolas, sota apostolorum ob apoeah'psill. Oassioäori Opera, sä. Oarsb, Ootüama^i 1679, kol.; Orammonti äi orarioni pansAiriolro äi Na- xno ilurello Oassioäors 8enators, raoeolti sä iilnstrati äi 6. Lanäi äi Xssms, LIemorig äolla Real Loaä. äolio Leien^is äi Marino, Vor. II., vol. XIII. Er wird als Heiliger verehrt; sein Tag ist der 17. März. Vgl. A. Thorbecke, C. Senator, Heidelb. 1867 (Programm); Ad. Franz, C. Senator, ein Beitrag zur Geschichte der theologischen Literatur, Breslau 1872; Rud. Köpke, Deutsche Forschungen, Berk. 1859, S. 78—93; Wattenbach, Die deutschen Geschichtsquellen im Mittelalter, Berl. 1873, 1, S. 54—61. Raßmann. Cassilsltiäre, Bezeichnung des Armes des Orinoko, welcher in 450 Lm langem Laufe dem Rio Negro, Nebenfluß des Amazonenstromes, zuführt u. so diese beiden Stromsysteme verbindet. Dies Verhältniß wurde zuerst von A. von Humboldt 1800 festgcstellt; der C. war schon 1744 durch den Jesuiten Manuel Namon entdeckt. Cassiren (v. Lat.), 1) ein Urtheil aufheben, s. Cassation. 2) Des Dienstes entsetzen. 3) Tilgen, löschen, z. B. eine Schuldsorderung, einen Wechsel oder ein Conto. llsssis (lat.), Helm, Haube. Cassis, Gem. im Arr. Marseille des sranz. Dep. Rhonemündungen, in einem tiefen, engen Thal am Mittelmeere, Station der Paris-Lyon- Mittelmeer-Bahn; Schiffswerft, kleiner Hafen, > Lenchtthurm; Korallenfischerei, Küstenschifffahrt; Weinbau (Muskateller, Viu äs 6.); 1980 Ew.; Geburtsort von I. I. Barthelemy. Oaositeritos insulso, s. Kassiteriden u. Zinn. ' Cassius. Die Oassia xsns war ein altes römisches Geschlecht, ursprünglich nach der Überlie- l serung patricisch, später plebejisch. Merkwürdig: ^ 1) Spurius C. Viscellinus; war dreimal Con- > sul: 502 v. Chr., wo er die Sabiner besiegte; , 493, wo er zur Versöhnung der Patricier u. Ple- ^ bejer, nach dem Auszuge der Letzteren auf den > Heiligen Berg, beitrug, u. 486, wo er die nach ihm genannte Osx Oassia (s. u. Agrar. Gesetze) 1 einbrachte, nach welcher das den Hernikern abgenommene Land unter Leute aus der Plebs vertheilt werden sollte, er aber dabei die Bundesge- I nossen besonders bedacht u. den Plebejern das für empfangenes Getreide bezahlte Geld zurückgegeben i wissen wollte. Da er, um seinen Plan gegen den I Widerspruch seines College:: Virginias u. der Tri- Parers Lnidersul-Tanveriations-Lexilon. k. Aufl. I — Cassius. bunen dnrchzusetzen, die Bundesgenossen nach Nom gerusen hatte, so wurde er im nächsten Jahre wegen Anwendung strafbarer Mittel angeklagt und vom Tarpejischen Felsen gestürzt und sein Haus vor dem Tempel der Tellns niedergerissen; nach Anderen wurde er von seinem Vater ermordet, weil er durch sein Gesetz den Patricicrstand herabgewürdigt hätte. Deshalb sollen auch die Nachkommen des C. nicht mehr zu den Patriciern, sondern zu den Plebejern gerechnet worden sein. 2) Quintus C. Longinus; diente 167 v. Chr. im Makedonischen Kriege u. führte den gefangenen König Perseus nach Alba; er wurde 164 Consul u. st. in diesem Jahre. 3) Lucius C. Longi- nus Ravilla, 137 v. Chr. Volkstribun, wo er die Oassia lex (über die Abstimmung durch Täfelchen) einbrachte; er wurde 125 Censor, später Prätor u. zeichnete sich in beiden Ämtern durch Gerechtigkeit ».Strenge aus; daher ein Oassiarms suäsx (ein Richter wie C.) sprüchwörtlich ein sehr strenger Richter hieß. Er Pflegte bei seinen Untersuchungen zu fragen: oui dcmo? (wem znm Nutzen?), daher hieß diese Frage das Oassianum äietum. 4) Lucius C. Long., Enkel von C. 2); war im 1.111 v. Chr. Prätor u. verbürgte dem Jugurtha bei seiner Anwesenheit in Rom Sicherheit für seine Person; er fiel 107 im Kriege gegen die mit den Cimbern u. Teutonen verbünde- ten helvetischen Tiguriner, wahrscheinlich am Le- man-See. 5) Cajus C. Long. Varus; war 73 v. Chr. mit Marc. Tereutius Barro Consul u. brachte mit demselben die Oasoia et Lsrsutia lex (s. Orumsntarias loxes) ein, nach welcher jährlich eine ans Staatsmitteln gekaufte Quantität Getreide unter das Volk vertheilt werden sollte; im I. 72 zog er mit Lentulus gegen Spartacus, wurde aber bei Mutina geschlagen (s. Sklavenkrieg); nach Cäsars Tode wurde er von Octavianus auf die Proscriptionsliste gesetzt u. zu Minturnä ge- tödtet. 6) Cajus C. Long., einer der Mörder Cäsars (s. d.); diente 53 v. Chr. als Quästor unter Crassus in dem Parthischen Feldzuge, führte nach der Niederlage des Crassus bei Karrhä den Rest des Heeres zurück, vertheidigte Syrien gegen die Parther u. schlug dieselben im I. 51 bei An- tiochia. Im I. 49 war er Volkstribun, schloß sich der Partei des Pompejus an u. besiegte als Commandant der Flotte desselben die Cäsarianische Flotte bei Sicilien, ergab sich aber nach der Schlacht bei Pharsalos im I. 48 dem Cäsar, der ihm verzieh u. ihn zum Legaten machte, als wcl- cher er wahrscheinlich dem Politischen Feldzuge gegen Pharnakes beiwohnte. Bei seinem nachmaligen Aufenthalte in Rom trat er mit Cicero in Verkehr u. lebte nachher in Brnndisium, um hier abzuwarten, welche Partei als die siegreiche aus dem Kampfe um die Herrschaft davongehen würde. Da Cäsar mißtrauisch gegen ihn war u. ihm Andere, z. B. den Brutus, in der Beförderung zu Staatsämtern vorzog, stellte er sich mit Brutus selbst an die Spitze einer Verschwörung gegen den Dictator u. wurde im I. 44 einer der Mörder desselben. Einige Zeit darauf verließ C. Rom, von dem Volke gehaßt u. von Antonius angefeindet, n. ging nach Syrien, welche Provinz früher für ihn bestimmt, nun aber ihm genom- f. Band. Zg 546 Cassivcllaunus men und dem Dolabella gegeben worden war. Doch da er das asiatische Heer gewann u. Antonius bei Mutina besiegt worden war, vertrieb er Dolabella aus Syrien und erhielt diese Provinz wieder vom Senat. Er verband sich mit Brutus zur Bekämpfung des inzwischen geschlossenen ersten Triumvirats u. zur Erhaltung der alten Ordnung der Dinge. .Nachdem er sich in Asien mit Geld versehen u. bei Sardes mir dem Heere des Brutus vereinigt hatte, zogen Beide nach Europa u. lagerten sich bei Philippi; hier kam es 42 v. Ehr. zur Schlacht, wo, obgleich der Flügel des Brutus siegte, C. von Antonius aus seiner Stellung geworfen wurde n. in der Meinung, daß die Schlacht verloren sei, sich von seinem Waffenträger erstechen ließ. Brutus bestattete seine Leiche aus der Insel Thasos. 7) Lucius C. Loug., Bruder des Vor., Cäsars Anhänger, unter dem er im I. 48 v. Ehr. in Thessalien gegen Pomp ejus diente, aber während der Schlacht bei Pharsalos in Griechenland stand; er wurde im I. 44 Volkstribun, widersetzte sich nach Cäsars Tode dem Antonius und wurde deshalb von diesem aus dem Senat ausgeschlossen. Als sich Antonius mit Octavianus ausgesöhnt hatte» verließ C. Rom u. ging nach Asieu, wurde aber im 1.41 von Antonius amne- stirt. 8) Quintus C. Loug., ein Verwandter von C. 6); war 54 v. Ehr. Prätor in Spanien, wo er sich durch Bedrückungen den Provinzialen verhaßt machte. Darauf wirkte er für Cäsar in Rom und wurde Volkstribnu; namentlich setzte er es durch, daß im I. 49 Cäsars Vorschläge im Senat vorgelesen wurden; doch wurde er insolge des Sieges des Pompejus genöthigt, Rom zu verlassen, u. ging in Cäsars Lager. Dieser sandte ihn wieder nach Spanien, u. C. begann hier sein altes Bedrückungssystem. Eine deshalb ausgebrochene Verschwörung der Hispanier unterdrückte er zwar, aber als sich selbst mehrere römische Legionen wider ihn empörten, wurde er in Corduba eingeschlossen, u. nur die Hilfe des Bogudes mit mauritauischen Truppen befreite ihn. Er wollte mit seinen in Spanien gesammelten Reichthllmern Spanien verlassen, kam aber an der Mündung des Jberus in einem Sturme um. 0) C. Parmensis, einer der Verschworenen gegen Cäsar; befehligte im I. 43 v. Chr. die Flotte des C. 6) an der Küste von Asien, ging nach der Schlacht bei Philippi (42) nach Sicilien u. trat hier zu Sext. Pompejus, 36 aber zur Partei des Antonius über, nahm 31 an der Schlacht bei Actium theil u. wurde danach auf Befehl des Octavianus hingerichtet. Er war Dichter u. schr. außer erotischen Gedichten, Epigrammen u. Briefen auch zwei Tragödien (Thyestes u. Brutus), von denen jedoch nichts erhalten worden ist. Vgl. Wichert, Ds Oassiosiarm. posta, Grimma 1832 bis 1834, 2 Abth.; Ders., I)s Varii st 6assii karm. vita et oarminibus, ebd. 1836. 10) Casus C. Loug.; war unter Claudius 50 n. Chr. Proconsul in Syrien, wurde aber unter Nero, weil Cäsars Mörder einer seiner Vorfahren war, verbannt u. erst unter Vespasianus zurückgerufen. Er war ein berühmter Jurist und gehörte zur Schule des Masurius Sabinus, welche nach ihm Oassiaua sollaia (Cassianer) genannt wurden — Castagno. (s. u. Rechtsschulen); er schr. u. a.: 10 Bücher äs fürs eivili. 11 ) Tit. C. Severus, s. Severus. 12 ) Avidius C., s. Avidius. 13 ) Ja- trosophista; schließt 130 u. Chr. die eklektische Schule ab. Er wies zuerst nach, daß bei Knochenbrüchen der sogen. 6aÜus nicht verhärtetes Knochenmark sei, hat aber in seinen scholastisch-physiologi- scheu Bemerkungen nichts besonders Geistvolles geliefert. Sie sind die Antworten auf seine 84 Naturales st rusäisinalss guaostiouss äs ani- makibus, die mit den Aristotelischen Problemen nichts zu schaffen haben. Sie wurden 1541 i, Paris u. 1595 in Leyden herausgegeben, u. zwai im griechischen Text; dann übertrug sie Adrien Junius ins Lateinische, Par. 1541, ebenso Geß- ner, Zür. 1562, u. Andreas Riviuus, Lpz. 1653; auch Jdler in seinen Llsä. ^raso. minsr. hat sie ausgenommen. Dieser C. darf nicht verwechselt werden mit dem berühmten Leibärzte des Liberias (14—38 n. Ehr.), den Celsus den geistreichsten Arzt des Jahrhunderts nennt u. der mit zu den ersten kaiserlichen Leibärzten gehörte, die ein bestimmtes jährliches Gehalt (er erhielt ungefähr 20,000 N) bezogen. 14 ) Dio C., s. Dio. 15 ) Andreas, geb. zu Schleswig, wo sein Vater Secretär des Herzogs war; studirte in Leipzig Medicin, promovirte 1668 in Groningen (Vs triumviratu iutsstinali eum suis siksrvesoou- tüs, eine berühmt gewordene, mehrfach ansgelegte Dissertation) u. prakticirte dann mit großem Erfolge in Hamburg. Er wird als Erfinder der Bezoaressenz bezeichnet, die ihrerzeit vielfach gegen die Pest angewandt wurde, sowie des Gold- präcipitats, das seinen Namen trägt und eine schöne Purpurfarbe darstellt, die namentlich für Email- und Porzellanmalerei Anwendung findet (Goldpurpur des C.). Die Anweisung für die Zubereitung ist in seiner Schrift: Vs srtrsmo illo st xsrksotissimo uaburas oxiüeio, äs principe tsrrsuorum siäsrs, ^uro, äs aämirauäa ejus natura, Asnsratüous, slksotibus atgus aä ope- rationss babituäins, Hamb. 1685, enthalten. 1;—12) I-.» 13)—15) Thamhayu. Cassivcllaunus, um 54 v. Chr. Häuptling der Briten jenseits des Tamesis. Bei Cäsars zweitem Einfall in Britannien von den Briten ! zum Heerführer gewählt, ließ er durch Häuptlinge ^ das römische Schiffslager überfallen; doch wurden ^ ) die Briten von den Römern geschlagen, ein Theil des Gebietes des C. u. dessen Stadt erobert u. er selbst gezwungen, den Römern Geißeln zu geben. Castagnettcn (v. span, sastanuslas), Klap- periustrumente, bestehend aus 2 kleinen, schalenförmigen Becken, die genau auf einander passen, aus hartem kastanienbraunem Holze gearbeitet (daher der Name); sie werden mit Riemen an den Daumen befestigt, und der durch die Bewegung hervorgebrachte Helle Ton verleiht dem Gesänge oder Tanz, den sie begleiten, eine eigenthümliche Leoendigkeit. Die C. stammen aus dem Orient; ^ die Araber brachten sie mit nach Spanien, und ^ hier sind sie noch jetzt gewöhnlich u. kommen hei Ballettänzen häufig in Anwendung. Castagno, Andrea del C., gen. äsKÜ Iw- xiosabi (der Gehenkte), ital. Maler, geb. I486, gest. 19. Aug. 1480 an der Pest; wurde von eure NI 547 Castagnole florent. Edelmanne zu Masaccio in die Lehre gebracht, um das Zeichnen zu lernen. Seinen Beinamen erhielt er von einem Bilde an der Faxade des Palastes des Podesta, auf welchem er die Mörder des Julian von Medici an den Beinen aufgehängt darstellte. Domenico Veneziano brachte damals die Kunst, in Öl zu malen, nach Florenz, u. als C. das Geheimniß derselben ihm abgelockt hatte, ermordete er ihn, um keinen Nebenbuhler zu haben (doch wird diese Angabe bestritten). Werke: im Berliner Museum eine Pietä und ein St. Hieronymus. Castagnole, 3 Gemeinden in Italien; am bedeutendsten: C. Lanz-c im Bezirke Asti der ital. Prov. Alessandria, Station der Eisenbahn Ales- sandria-Cavallermaggiore; 3668 Ew. Castaldi, Panfilo, italien. Dichter, Rechtsgelehrter u. Humanist, geb. um 1398 zu Feltre, angeblicher Erfinder der beweglichen Lettern in der Buchdruckerkunst, die Johannes Fnst, der 1454 seine Schule der schönen Wisstenschaften in Feltre besuchte, dort von ihm gelernt u. dann nach seiner Rückkehr in Mainz als eigene Erfindung ausgegeben hätte. Noch bis in die neueste Zeit wurde diese Behauptung von italienischen Gelehrten aufrecht gehalten, namentlich von Chevalier Jacopo Bernardi (1865), wie ihm denn auch 1868 ein Denkmal in Feltre errichtet worden ist. C. st. 1470. Castalro (Castellio, Chatrillon), Sebastian, theolog. Schriftsteller, geb. 1515 zu St. Martin du Fresne (nach And. in Chatillon) im Savoyer Gebirge; wurde 1541 Rector in Genf; aber als Gegner der Prädestinationslehre Calvins hier an- geseindet, ging er 1544 nach Basel, wo er Handarbeit verrichtete u. 1553 Professor der griechischen Sprache wurde; er st. daselbst 23. Dec. 1563. Er gab heraus: Homeros, Lenophon, Herodotos, Thomas von Kempis 1563, die Deutsche Theologie, Bas. 1557; übersetzte die Bibel ins Lateinische, Bas. 1551 u. ö., u. ins Französische, ebd. 1555. Vgl. I. Maehly, Seb. Castellio, Bas. 1863, u. die Dialoge des Occhino. i-. Castalla, Stadt im Bez. Jijona der spanischen Prov. Alicante, freundlich am Fuße eines eine maurische Burg tragenden Hügels in der herrlich angebauten Hoya de C. gelegen; Branntweinbrennereien, Sandalenflechtereien und Leinwandwebereien; 2970 Ew. Osstsnea To-rrn,, Pfianzengatt. aus der Fam. der I'aZaooas (XXI. 6), Bäume mit kurzgestielten, an den Mitteltriebcn spiralig, an den übrigen zweizeilig stehenden Blättern; männliche Blüthen geknäuelt in langen Scheinähren, mit 5—6theili- ger Hülle und 16 — 12 Staubblättern; weibliche Blüthen zu 3—5 von einer 4spaltigen Hülle eingeschlossen, welche zuletzt mit derben spitzen Stacheln besetzt ist, mit 6spaltigem Perigon u. rundlicher, 1-s, selten 2samiger Frucht; Keimblätter bei der Keimung unterirdisch. Arten: 6. satüva MA. (0. vsses. tAcrerÄr., 0. vulgaris echte > Kastanie, Maronenbaum), schöner Baum von 16 ! bis zo m Höhe, mit mächtigem, oft sehr dickem ! Stamme mit dunkelbrauner, rissiger Rinde, ab- ! stehenden Ästen, länglich-lanzettlichen, lang zuge- t spitzt-gesägten, lederartigen, oberseits dunkelgrünen I i>. glänzenden Blättern. Der Baum bildet pracht- — Casteau. volle Wälder im ganzen Mittelmeergebiete; namentlich ist er es auch, der den südlichen Thälern der Alpen ihren Hauptreiz verleiht; ferner ist er in ganz Frankreich verbreitet, im südlichen England u. längs des Rheinthals vom Bodensee bis zur Mosel. Das Culturgebiet des wegen seiner als Nahrungsmittel u. als Delicatesse dienenden Samen (echte Kastanien, Maronen) so beliebten Baumes reicht noch weiter nach NO. bis zu einer Linie, welche von England über Blankenburg, Dresden nach Pest geht; jedoch kommen an diesen äußersten Grenzen die Früchte nicht mehr zur Reife. Die Rinde dient zum Färben u. Gerben; das feste u. harte Holz findet mannigfache Verwendung. 6. pumiln stcke/iw., in NAmerika, ist ausgezeichnet durch unterseits weiße filzige Blätter u. trägt ebenfalls eßbare, aber kleinere Samen. Engter. Castanos, Francisco Lader, Graf v. C. .n. Aragones, Herzog v. Bayleu, Grand von ^ Spanien, span. General, geb. 22. April 1756; trat früh in die Armee, ging mit seinem Schwager, dem General O'Reilly, nach Preußen, wo er sich noch weiter militärisch ausbildete; wurde, zurückgekehrt, 1782 Major u. 1792 Oberst in der Armee von Navarra, zeichnete sich unter Caro bei mehreren Gelegenheiten aus, wurde 1796 Generalmajor, aber 1799, als erklärter Feind des Friedensfllrsten, aus Madrid verbannt. 1800 erhielt er wieder ein Commando gegen die Engländer u. wurde 1802 Generallieutenant und Generalcommandaut von Gibraltar; 1808 erhielt er den Oberbefehl über das Armeecorps von Andalusien, machte dort die Divisionen der französischen Generale Dupont u. Vedel durch die Capitulation von Bayleu zu Kriegsgefangenen, verlor aber kurz darauf die Schlacht bei Tudela u. infolge davon das Commando. 1811 ernannte ihn die Regentschaft zum General oir oirsk des 5. spanischen Armeecorps, mit welchem er Wellington unterstützte; er trug viel zum Siege bei Vitoria bei, wurde 1813 Mitglied des Staatsrathes u. nach Ferdinands VII. Rückkehr Generalcapitän von Catalonien. 1815 befehligte er die zum Einrückeu nach Frankreich bestimmte Armee, legte aber 1816 seine Stelle nieder. Nachdem er sich beim König nach Auf- Hebung der Constitution 1823 vom Verdachte con- stitutioneller Gesinnungen gereinigt, wurde er wieder zum Generalcapitanat berufen und 1825 in Len Staatsrath, wo er das System der Mäßigung unterstützte. 1833 zum Granden von Spanien n. Herzog von Baylen ernannt, wurde er Präsident des Rathes von Castilien, der Regentschaft u. Reichsversammlung. Nach Ferdinands VII. Tode mit dem Minister Zea-Bermudez in Differenzen gerathen, zog er sich vom Hofe zurück, bis er nach dem Sturze Esparteros 1843 au Arguelles' Stelle Vormund der Königin Isabelle wurde. 1845 noch zum Senator ernannt, ohne jedoch noch politisch thätig zu sein, st. er 24. Sept. 1852 als Capitän der Hellebardierengarde. 1853 wurde ihm in Baylen ein Denkmal errichtet. Lag--!.* Casteau, Dorf im Arr. Mons der belgischen Prov. Hennegau; altes Schloß in Ruinen; Pulver- u. Pfeifenfabrik. Hier 14. Aug. 1678 Sieg des Prinzen Wilhelm von Oranien über die Franzosen. 35 * 548 Casteggio — Casieggio, Marktflecken im Bezirks Voghera der iwlien. (lombard.) Provinz Pavia, Station der Eisenbahn Bologna-Alcssandria; 351V Ew.; Fundort römischer Alterthümer. C. ist das alte Clastidium. Hier 9. Juni 1800 Gefecht zwischen den Franzosen unter General Lannes u. den Österreichern unter General Ott; Erstere Sieger. Dies Gefecht heißt auch das von Montebello, u. Lannes erhielt davon seinen Herzogstitel. Castelär, Emilio, Führer der Republikaner in Spanien u. Staatsmann, geb. 1832 in Cadix; studirte erst Jurisprudenz, dann Philosophie u. Literatur, trat bald als Novellist auf, dann aber, von der Juli-Revolution von 1854 fortgcrissen, an der Seite der aus der Progressisten-Partei ausgetretenen Demokraten als politischer Schriftsteller. Durch sein erstes öffentliches Auftreten als Volksredncr im Issbro-lisLl über ganz Spanien bekannt, schrieb .er nun für demokratische Blatter u. vertheidigte solche vor dem Schwurgerichte. Seit 1857 Professor für Geschichte u. Philosophie an der Universität Madrid, vertrat er auch in seinen Lehrvorträgen die demokratischen Grundsätze. 1864 gründete er mit Carrascon das Blatt Im vomcxwaoia, in welchem er den Jndividua; lismns gegen den Socialismus vertheidigte und die Bourbonenherrschaft bekämpfte. Dadurch, sowie durch die Begeisterung, welche ibm die Studenten entgegengebracht, der Regierung verdächtig, ward er vom Minister Galliano suspendirt, worauf es zu ernsten Conflictcn zwischen der Polizei u. den Studenten kam. Nach dem Mißlingen des Militärausstandes vom 22. Juni 1866 floh er nach Frankreich u. entging damit der in oontnwaeiam über ihn ausgesprochenen Todesstrafe. Ans Reisen durch die Schweiz, Italien, England u. durch den Verkehr mit politischen Gesinnungsgenossen des Auslandes in seinen Ansichten bestärkt, ging er nach Ausbruch der September-Revolution von 1868 nach Madrid u. vertauschte nun die akademische Lehrkanzel mit der Volkstribüne, überall im Lande Propaganda für die Föderativrepublik machend. Von Saragossa u. Lerida in die constituirenden Cortes gewählt, ward er mit Orense, Garrido, Figueras rc. Führer der Opposition, trat mit Erfolg aufs Entschiedenste für Durchführung der Cultusfreiheit ein, bekämpfte die Wiedereinführung der Monarchie u. die verschiedenen Throncandidatnren, ohne indeß damit durchdringen zu können. Unter der Regierung des Königs Amadeus verlangte er unermüdlich die Wiederherstellung der Republik ». für die Flüchtlinge der Pariser Commune Asyljreiheit. Nach 2jährigem Kampfe für sein Grundsätze sah er sie endlich II.Febr. 1873 zum Siege gelangt, und 12. Februar übernahm er in dem von den jouveränen Cortes ernannten Ministerium Figue- raS das Ministerium des Auswärtigen, sah sich jedoch bald in Widerspruch zwischen seinen Grundsätzen u. seiner Stellung verwickelt, und 7. Juni legte er mit dem Ministerium auch seine Gewalt nieder u. wurde, nachdem die Föderativrepublik von der souveränen Versammlung angenommen worden, mit der Ausarbeitung eines Entwurfes der künftigen Föderativverfassung beauftragt, wel- ! cher auch bereits 17. Juli von der Verfafsungs-! Castelcicala. commission vorgelegt wurde. Kurze Zeit im Ministerium Pi y Margall mit dem Portefeuille der öffentlichen Arbeiten betraut, vertrat er im Gegensätze zu diesem eine Politik der Mäßigung u. Versöhnung u. trug infolge des dadurch entstandenen inneren Zwiespaltes zum Rücktritte dieses Ministeriums bei. Am 26. Aug. zum Präsidenten der Cortes erwählt, erklärte er sich für eine kräftige Regierungsgewalt, die Wiederherstellung der Ordnung n. Kräftigung der Armeedisciplin. Als infolge der Verwerfung des Antrages, die Todesstrafe aus den Kriegsgesetzen zu streichen, das Cabinet Salmeron znrücktrat, wurde 7. Sept. E. das Präsidium der Executivgewatt übertragen, das er auch annahm, nachdem ihm unbedingte Vollmacht bezüglich aller wichtigeren Staatsangelegenheiten ertheilt war, u. endlich willigten die Cortes noch in die von ihm gewünschte Selbstvertagung vom 19. Sept. bis 2. Jan. 1874. Damit war die Dictatur C-s fertig, u. er mußte zur Wiederherstellung der Ordnung gerade die Maßregeln ergreifen, die er bisher verworfen. Als die Cortes 2. Jan. 1874 wieder zusammen« traten, verlas C. eine Botschaft, in welcher er über die Negierungsmaßregeln des Cabinets berichtete u. die Lage des Landes darlegte; da aber die Cortes das für C. beantragte Dankesvotnm auf Salmerons Betreiben, der die Politik der Regierung als eine antirepublikanische charakterisirte, verwarfen, so legte C. mit dem Ministerium die Gewalt nieder, u. als ihm nach dem Gewaltact des Generals Pavia auf Salmerons Antrag S. Jan. die Dictatur zur Rettung der Republik an- gcboten wurde, lehnte er die Annahme ab u. veröffentlichte dann, da man ihn des Einverständnisses mit Pavia verdächtigte, einen an das Land gerichteten Protest gegen den brutalen wider die Consti- tuirende Versammlung gerichteten Schlag. Seitdem zog sich C. von seinen früheren Gesinnungsgenossen wie vom politischen Schauplatze zurück. Er schr.: Im eivilmg-eiou sn los einoo xrimews si§Ios äsl oristiunisino (seine als Professor gehaltenen Vorträge), 2. Aufl., Madr. 1865; 6ns> tionos politioas x sooialss, Madr. 1870, 3 Bde.; seine Parlameutsreden erschienen als visonroo» pnrlamontmrios, Madr. 1871, 3 Bde. Eine Biographie von ihm durch Sanchez de Real, Madr. 1874, u. Erinnerungen an Italien, deutsch von Schanz, Lpz. 1875. «agai. Castel-Bolngncse, Marktflecken in der ital. Prov. Ravenna, Station der Eisenbahn Bologna» Otranto mit Abzweigung nach Ravenna; 5522 Ew. Castelbnöno, Gern, in der italien. Provinz Palermo, unweit des Madenia-Berges; Mineralquellen; Mannahandel; 8306 Ew. Castelcicala, Don Fabricio Ruffo, Fürst von C., neapolitanischer Diplomat, geb. um 1755, ans einer alten neapolitanischen Familie; anfangs Advocat in Palermo, schloß er sich an die Partei von Acton an u. ward in besonderer Mission von diesem nach England gesandt; 1795 znrückgekehrt, war er bis 1798 an der Spitze der 6-iunta äi stato, einer Art Jnquisitionstribnnals; nach Actons Sturze wurde er dessen Nachfolger u. bewog nach !der Schlacht von Abukir seinen Hof zur Kriegserklärung gegen Frankreich; 1814 wurde er Ge- 519 Castel dclla Pictra — Castellan. sandter in London u. 1815 in Paris, wo er 1816 den wichtigen Handelsvertrag mit England abschloß. 1820 sollte er Botschafter in Madrid werden, aber die wahre Gesinnung des von den Insurgenten gezwungenen Königs kennend, weigerte er sich, Paris zu verlassen, und wurde auch nach der Unterdrückung der neapolitanischen Jnsurrec- tion wirklich als Botschafter nach Paris bestätigt; hier st. er 13. April 1832 an der Cholera. Lag-u. Castel della Pietra, Dorf in Tirol bei No- veredo. Hier 1487 Sieg der Tiroler über die Venetianer. Castelstdardo, Flecken im Bez. Ancona der gleichnamigen italien. Provinz; in der Gemeinde 6338 Ew. Hier 18. Sept. 1860 Niederlage der päpstl. Truppen unter Lamoricidre gegen die Pie- montesen unter Fanti. Castel-Fiorentino , Flecken im Bezirke San Miniato der ital. Provinz Florenz, an ver Elsa, Station der Eisenbahn Florenz-Rom; 7227 Ew. Castelfranco , 8 Gemeinden in Italien; am beinerkenswerthesten: 1) C. Veneto, Stadt und Hauptort des gleichnam. Bezirkes in der italien. Prov. Treviso, am Musone; befestigt; Domkirche (mit einem der hervorragendsten Gemälde Bar- barellis: die Madonna und zu ihren Füßen die heil. Liberalis u. Franciscus); Wollenzeugfabriken u. Färberei; als Gem. 10,607 Ew.; Geburtsort des Malers Giorgio Barbarelli; in der Nähe der Palast Soranzo. E. wurde 1179 als Castell gegen Padua angelegt. Hier 24. November 1805 Gefangennahme des österreichischen Corps von Prinz Nohan durch den französischen General Gouvion St. Cchr. 2) C. dell' Emilia, Stadt in der italien. Provinz Bologna, Station der Oberital. Eisenbahn; als Gem. 12,460 Ew. Castel Gandolfo, Stadt in der italienischen Provinz Rom, am Albanischen See; päpstliches Lustschloß mit herrlicher Aussicht auf Rom, die Tiber n. das Mittelmeer, schöne Villen; 1916 Ew. Castel Guelfo, Flecken im Bezirke Borgo Sandonuino der ital. Provinz Parma, am Taro, Station der Eisenbahn Bologna-Turin; 3153 Ew. Hier 13. April 1814 Sieg Murats über die Franzosen. Casteljaloux (C. Gelouxs, Stadt im Arr. Nerac des frauz. Depart. Lot-Garonne, an der Avance und SBahn; Mineralquelle mit Badeanstalten; Kerzensabrikation, Schneidemühlen, Zeugweberei, Wachsbleichen, Papiermühlen, Glashütten, Gerbereien, Kupferhammer; Honig-, Wein- und Mehhandel; 3044 Ew. Castell (v. l. oavksUnm), 1) Citadelle, kleine Festung, die einen unbefestigten Ort schützt. 2) (Schiffsw.) So v. w. Back u. Schanze, d. h. Vorderdeck u. Hinterdeck. Castell, ein sehr altes, angeblich von Rudolf, Grafen von C., dessen Tochter Fastrade die 4. Gemahlin Karls des Gr. gewesen sei, sicher aber vom Besitzer des jetzt verödeten gleichnamigen Bergschlosses in Bayern, Friedrich I. (st. 1090), Dynasten von C., abstammendes reichsständisches gräfliches Geschlecht; seit 1163 waren die Grafen Obermundschenken des Fürstenthums Wllrzburg; jetzt sind sie erbliche Reichsräthe im Bayerischen Landtage; sie besitzen die Herrschastsgerichte Rüdenhansen, Burghaßlach u. Remlingen in Bayern u. viele zerstreute Güter u. Gefälle. Hauptort der Grafschaft: der Flecken C. oder Kastell, im Bezirksamte Gerolzhofen des bayer. Regbez. Unter- Franken, am Steiger-Walde; Alabasterbruch, Mineralquelle; Obst- u. Weinbau; 655 meist protestantische Ew. Castellabate, Flecken im Bez. Vallo der ital. Prov. Salerno; Baumwvllenspinnerei; 4396 Ew. Castellamäre. 3 Gemeinden in Italien führen diesen Namen: 1) (Castcllo a Mare) C. di Sta- bia, Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes der italienischen Provinz Neapel, am Meerbusen von Neapel, erbaut aus den Trümmern der antiken Stadt Stabiä (s. d.), Endstation einer Eisenbahn von Neapel; Bischofssitz; Kathedrale; Hafen, Arsenal, Schiffswerft, große Magazine; Schiffbau, Schifffahrt, Fischerei; Seiden-, Leinwand- und Baumwollenweherei, Gerberei; 15,000, als Gemeinde 26,385 Ew.; in der Nähe Mineralquellen. C. wurde 1654 von den Franzosen unter dem Herzog von Guise eingenommen. Bei C. 1799 Sieg der Franzosen unter Macdonald über die Engländer u. Neapolitaner. 2) C. del Golfo, Stadt in der ital. Provinz Trapani (Insel Sici- lien), am gleichnam. Golfe; Hafen; Handel mit Getreide, Hülsenfrllchten, Wein, besond. mit Sardellen; Hafenverkehr 1873: 14,289 Schiffe, mit 593,489 Tonnen, wovon 185,212 auf den auswärtigen Handel kommen; 11,280 Ew. 3) C. Adriatico, Gem. im Bezirke Penne der italien. Provinz Aquila; 5338 Ew. Castellamonte, Stadt im Bezirke Jvrea der ital. Prov. Turin, auf einer Anhöhe, an der Male- sina; altes großes Schloß; Gymnasium, Techn. Schule; bedeut. Töpfereien; Weinbau; 5997 Ew. Castellan (v. Lat.), I) im Mittelalter Befehlshaber einer fürstlichen Burg, so in Deutschland von gleicher Würde mit den Burggrafen (s. d.) n. in Flandern, Normandie u. Dauphine (Olräto- Isias), welche die Civil- u. Militärgewalt in ihren Districten hatten. Mit dem Ende des Ritterthums hörten die Cast ellan eien auf. Auch in Polen u. Schlesien hatten die C°e mit der Aufsicht über die Burgen die Leitung des Gerichts- u. Militärwesens in den zu den Burgen gehörenden Districten, u. die Castellaneien waren hier Hauptabtheil« nngen des Landes. Nach u. nach verloren die C - e beide Geschäftskreise und waren zuletzt nur Commandanten der allgemeinen Bewaffnung ihres Kreises. Mit den Woiwoden u. Bischöfen bildeten sie den Senat des Königreiches; s. u. Polen (gesch. Geogr.). Der C. von Krakau war die erste Würde des Reiches. 2) Seit dem 13. Jahrh. in Deutschland so v. w. Oaatrsosrs, Burgmann. 3) Jetzt Aufseher über Schlösser rc., auch Wirth (Likonoms von geschlossenen Gesellschaften. i-.* Castellan, Antoine Louis, franz. Maler, Kupferstecher und Architekt, geb. 1772 zn Montpellier, gest. 2. April 1833 zu Paris; widmete sich zuerst der Landschaftsmalerei, dann der Baukunst, ging nach der Levante, Constantinopel, Griechenland, Italien und der Schweiz, ließ sich dann 1804 in Paris nieder u. publicirte das Er- gebniß seiner Studien in einer Reihe werthvoller, reich illustrirter Schriften. Auch erfand C. eine 530 Castellana — Castclloir de la Plcma. neue Technik, mit Wachsfarben zu malen. Werke: lwtürss sur In Norss eb Iss lies äs OsriAv, 8v,ära et 2ants (1808); I-stüres snr Lonstan- tiiwxls (1811); I-stbrss snr 1'Italis sie. (1819); Nosurs, usaAss, oontrrmes äss Ottomanss (1812); Ltuäos snr 1s ofiZ-tsau äs 1?antains- dloau (1840). Regnet. Castellana, Gem. in der ital. Provinz u. dem Bezirke Bari; 8714 Ew. Castclläne, Hauptort des gleichnamigen Arr. im franz. Depart. Basses-Alpes, am Verdon; Gericht I. Instanz; Verfertigung von Hüten, Tuch u. Leder, Färbereien; Handel mit Wolle u. Obst (besonders getrockneten Pflaumen, die berühmten Castellanes, Ifi'uneaux-d.); Salzquellen, Gipslager; 1814 Ew.; fruchtbare Umgegend. C. lag früher auf dem Gebirge; erst nachdem die Herren von C. mit Bonifacius von C., welcher 1257 zu Marseille hingcrichtet wurde, ansgestorben waren, zogen sich die Einwohner 1261 an den Verdon herab n. gründeten das jetzige C. Castellanc, Esprit Victor Elis. Boniface, Graf von, franz. Marschall, geb. 21. März 1788 in Lyon; trat 1804 in die franz. Armee, wurde 1808 Cavalerieoffizier und focht 1809 mit Auszeichnung bei Wagram; 1810 wurde er Capitän, machte 1812 als Adjutant Lobaus den Russischen Feldzug mit u. wurde 1813 zum Oberstmajor des ersten Ehrengarderegiruents ernannt. Nach der Restauration blieb er bei der Armee u. wohnte 1823 als Oberst des Gardehusarenregiments dem Spanischen Feldzuge bei; 1827 zum Marechal de Camp ernannt, wurde er nach Frankreich zurückgerufen. Nach der Julirevolution 1830 trat er zu den Orleans über, wurde Commandaut einer Cavaleriebrigade und stand 1832 mit vor Antwerpen; darauf erhielt er als Generallieutenant das Commando der Armee in den Pyrenäen, wurde 1837 zum Pair ernannt u. war eine Zeit lang bei der Armee in Afrika. 1848 befehligte er eine Division in Rouen; weil er dort das Proletariat streng behandelte, nahm ihm die republikanische Regierung das Commando; dafür erhielt er aber nach den Staatsstreiche 1851 von Louis Napoleon die Commandantur in Lyon, wurde 1852 zum Senator u. Marschall u. 1858 zum Obercommandanten der Militärdivisionen des Südostens mit dem Hauptquartier in Lyon ernannt. Er st. 16. Sept. 1862. Castellaneta, Stadt im Bez. Tarent der ital. Prov. Lecce (Terra d'Otranto), am Liete, Station der Eisenbahn Bari-Taranto; Bischofssitz; Kathedrale; Früchtehandel; Baumwollenbau; 7358 Ew. E. wurde 1080 von Herzog Robert erobert u. hierauf ein Bischofssitz daselbst errichtet. Castellazzo (C. Bormida), Flecken in der ital. Provinz u. dem gleichnam. Bezirke Alessandria; Productenhandel; 6049 Ew. Castelleöne (ehemals Castel Manfredi), Flecken im Distr. Cremona der gleichnamigen italienischen Prov., Station der Eisenbahn Treviglio-Cremona; 6795 Ew. Castelli, 1) Guido, Familienname des Papstes CölestinII. (s.d.). 2 ) Ignaz Friedr., deutscher Dichter, geb. 6. März 1781 in Wien; studirte daselbst die Rechte, wurde 1801 Praklicant in der nieder-österreichischen landständischen Buchhaltung, 1805 ständischer Lieferungscommissär auf einer Etappenstation bei Wien, fiel wegen der Kriegs, lieder für die österreichische Armee, die er beim Wiederanfange des Krieges mit Frankreich veröffentlichte, in die Acht Napoleons, wurde, als die Franzosen Wien bedrohten, von der Regierung nach Ungarn gesandt, kehrte nach dem Abschlüsse des Wiener Friedens zurück, wirkte 1811—14 als Dichter am Kärntnerthor-Theater, begab sich 1815 als Secretär des Gouvernementsrathes Grafen Cavriani nach Frankreich, später in derselben Eigenschaft mit dem Freiherrn von Mllnch- Bellinghauscu nach Ober-Italien, wurde bei der nieder-österreichischen Landschaft als Secretär au- gestellt u. 1840 mit vollem Gehalte in den Ruhestand versetzt; er starb 5. Febr. 1862 in seiner Vaterstadt. C. war der echte Volksdichter Wiens, lebenslustig, behaglich, redselig, ein gesunder, hausbackener Verstand, reich au Schnurren, Possen u. Witzen, die seine Gutmüthigkeit ungefährlich machte. Er dichtete zu viel, um den höheren Anforderungen seiner Kunst zu genügen. Seinen Bühnenstücken, von denen übrigens eine erhebliche Zahl französischen Mustern nachgebildet ist, mangeln bei unverkennbarem Erfindungstalent, glücklichem Humor u. leichter gefälliger Darstellung die ernste Arbeit u. die geistige Tiefe. Das Lustspiel Tod u. Lebendig begründete 1803 seinen Ruf. Durch seinen Text zu Weigels Schweizerfamilie wurde er auf allen Bühnen bekannt. Große Verbreitung fand sein Drama: Die Waise u. der Mörder, das 1819 zu Augsburg im Druck erschien. Als Volkslyriker zeichnete er sich durch seine Gedichte in nieder-österreichischer Mundart, Wien 1828, ans. Schriften außer den genannten: Gedichte in 6 Bdn., 1805; Dramatische Sträußchen, Wien 1809 ff., in 18 Jahrgängen; Poetische Kleinigkeiten, ebd. 1816—26, 5 Bde., 6. Bd., Bert. 1835; Der Schicksalsstrumpf (TravestiederSchicksalstragödien), 1818; Bären, eine Sammlung Wiener Anekdoten, Wien 1825—32, 12 Hefte; Wiener Lebensbilder, ebd. 1828, 2 Bde., 2. Aust., 1835; Gedichte, Berl. 1835, 6 Bde.; Erzählungen aus allen Farben, Wien 1839, 40, 6 Bde.; Hundert neue Wiener Bären, ebd. 1844. Werke, Ausg. letzter Hand, Wien 1844, 47, 15 Bdchen., 3. A., 1861, 22 Bde.; dazu Wörterbuch der Mundart in Österreich unter der EnuS, 1847. Memoiren 1861. /k Castellto, Sebast., so v. w. Castalio. Castello Branco, Hauptstadt des gleichnam. Districts (mit 163,940 Ew.) in der portugiesischen Provinz Bcira, auf einer Anhöhe in der Ebene; Snffraganbischof von Lissabon; Citadelle, Armenhaus; bischöflicher Palast, römische Alterthümer; 6800 Ew. Castells de Bide, Flecken im Bezirke Portalegre der portugiesischen Provinz Alemtejo; festes Schloß mit Zeughaus; Tuchsabrikation; 5500 Ew. Castellon de la Plana, 1) Provinz in Spanien (ehemals Königreich Valencia), zwischen den Provinzen Tarragoua, Teruel, Valencia u. dem Mittelmeere; 6336 (115 UM); reich an Erzen, Braunkohlen und Mineralquellen; von 133 km der Eisenbahn Almansa-Valencia-Tarra- goua durchschnitten; 1860 (l. Aufnahme) 267,134 551 Castcllucchio — Casti. Ew. 2) Hauptst. darin, 1 Legua von der Mündung des Mijares in das Meer; Station der vorgenannten Eisenbahn, in einer an Getreide, Wein, Oliven u. Südfrüchten reichen Gegend; Hanfbau; Segeltuchfabrikation; 19,297 Ew. Castcllucchio, Ort in der italien. Provinz n. dem Bezirke Mantua, am Osone, Station der Eisenbahn Mantua-Cremona; 4040 Ew. Lastellum (lat.), 1) kleines (lastrurn. 2) Feste od. befestigte Ortschaft auf Anhöhen; daher Name vieler Orte, besonders in Italien u. Deutschland, wo einst solche Römerbefestigungen waren; so 6., ein von Drnsus erbautes, von Germanicus ausgebessertes Schloß auf dem Taunus, in NO. von Mainz, bei Wiesbaden; 6. OuouUI, Ort im westl. Theil von Horioum ripsuss; 0. §irmauuin, in Umbrien, befestigter Hafen der Stadt Firmum (jetzt Porto di Fermo); 6. Noriuorum, alter Name der Stadt Cassel bei Lille; 6. ttzsimarmu, so v. w. Ober-Baden; 0. Vrajani, das jetzige Kastel rc. 3) (Röm. Ant.) Im Lager hölzerne Maschine, welche die schanzenden Soldaten gegen die feindlichen Geschosse sicherte. 4) Behälter, worin sich das Wasser einer Wasserleitung sammelte n. von wo aus es nach den verschiedenen Orten der Stadt geleitet wurde. Sie standen unter Aufsicht der Castelnau (C. Montratier), Stadt im Arr. Cahors des sranz. Dep. Lot; Papierfabrik; Weinbau; Korn- u. Viehhandel; 3717 Ew. Castelnau, 1) Michel de, Herr von Man- vissiere, geb. 1520; diente anfangs als Soldat, war spater unter Heinrich II., Karl IX. u. Heinrich III. Gesandter in Deutschland, Rom u. in England, hielt nach seiner Rückkehr zur Partei Heinrichs IV.; er starb 1592. Seine Llsrnoiros (von 1559—70), Par. 1621, ebd. 1659, 2 Bde. Fol., Brüssel 1731, 3 Bde. Fol. 2) C., sranz. General, Adjutant Napoleons III., einer der Intimen des 2. Kaiserreiches. Er ist hauptsächlich bekannt geworden durch seine Mission an Kaiser Maximilian von Mexico im Jahre 1866. Napoleon wollte trotz eines eben abgeschlossenen Vertrages mit Maximilian, wonach die Räumung Mexicos in 3 Terminen, vom November 1866 bis Herbst 1867, geschehen sollte, seine Truppen in kürzester Frist und auf einmal zurückzuziehen. Um den Wortbruch zu bemänteln, sollte Maximi- lian, sei es durch Güte, sei es durch Gewalt, zur Abdankung gebracht u. zur Einschiffung nach Europa veranlaßt werden. Die Lösung dieser weder leichten, noch ehrenvollen Aufgabe wurde dem General C. anvertraut, zu welchem Ende derselbe 12. Oct. 1866 in der Stadt Mexico eintraf, wo er mit dem Marschall Bazaine u. dem Gesandten Dano eine Art Triumvirat bildete. Zunächst wurde dem General gar keine Audienz gewährt, und schließlich scheiterte die Mission C-s an der Festigkeit Maximilians, der seinen Posten nicht verlassen wollte. Von C. liegt ein Bericht an seinen Herrn über den Abzug der Franzosen vor. C. blieb persönlicher Adjutant Napoleons u. begleitete ihn auch nach der Schlacht von Sedan nach der Wilhelmshöhe. Im März 1871 war er in geheimer Mission in Berlin, wo ihm der Degen Napoleons III. zurllckgegeben wurde. Er begleitete den Exkaiser bis Ostende und kehrte später nach Frankreich zurück. 2) Minardus. Castelnaudary, Hauptort des gleichnamigen Arr. im sranz. Depart. Aude, am SKanal u. an der SBahn; Gericht I. Instanz, Handelsgericht; Börse; Seidenwaaren- u. Tuchfabriken, Baum- wollenspinnerei, Leinenweberei, Fayencefabrikation; Getrr oe und Federvieh; Kanalbootbau; Handel; 93" Ew.; dabei das Becken von St. Ferrbol, W serbehälter des Kanals, das als Hafen dient. Hier 1212 Schlacht zwischen Raimund von Toulouse und Simon von Montfort. 1355 wurde C. vom Schwarzen Prinzen verbrannt, aber 1366 wieder aufgebaut. Bei C. 1. Sept. 1632 Sieg der königl. Truppen unter Schomburg über die Partei Orleans unter dem Herzog von Mont- morency. Castelnovo. Unter diesem Namen gibt es in Italien 7, unter Castelnuovo 19 Gemeinden; darunter 1) C. d'Asti, Flecken in der ital. Prov. Alessandria; salin. Schwefelquellen; Jahrmärkte; 3308 Ew. 2) C. Berardenga, in der Prov. und dem Bezirke Siena; 7789 Ew. 3) C. di Garfagna, Bezirkshauptort in der Prov. Mafsa e Carrara; 4841 Ew. 4) C. di Val di Cecina, im Bezirke Voltara der Prov. Pisa; 4663 Ew. 5) C. di Verona, im Distr. Bardolino, Provinz Verona; 3381 Ew. 6) C. Scrivia, im Bez. Tortona der Prov. Alessandria; 7100 Ew, Castelrosso, s. Meis. Castel San Giovanni, Flecken in der ital. Provinz u. westlich von Piacenza; in der Gem. 8317 Ew. Hier 17. Juni 1799 Sieg der Russen u. Österreicher unter Melas n. Suwarow über die Franzosen unter Macdonald. Castel San Pietro dell' Emilia, Stadt im Bezirke Jmola der ital. Provinz Bologna, an der alten Ämilischen Straße, Station der Eisenbahn Bologna - Ötranto; altes Schloß; stark besuchte Jahrmärkte; als Gemeinde 12,330 Ew. Castel Sardo, Stadt in der italien. Provinz Sassari ans der Insel Sardinien; festes Schloß; Bischofssitz; Hafen; Korallenfischerei; 1931 Ew. Von den Genuesen 1200 gegründet, hieß es Castel Genovese, unter den Aragoniern Ende des 13. Jahrh. Castel Aragonese; von Karl Emanuel IH. erhielt es den Namen C. S. Castel Sarrafin, Hauptstadt des gleichnam. Arrondissements im sranz. Depart. Tarn u. Ga- ronne, an der SBahn; Gericht I. Instanz; Fabrikation von Wollcnzeugen, Hüten, Leder, Leinwand; 6514 Ew.; fruchtbare Umgegend. Castelvetrano, Stadt im Bezirke Mazzara der ital. Provinz Trapani; Arbeiten in Alabaster und Korallen;, Reis- u. Weinbau; in der Gem. 20,420 Ew.; Überreste des alten Selinns (s. d.j. Castera Berduzan, Ort im Arrond. Condom des französischen Departements Gers, an der Au- lonne; 3 stark besuchte schwefelige Mineralquellen von 18° U. Casti, Giambattista, ital. Dichter, geb. 1721 in Prato; studirte in Montefiascone, wurde 1737 Professor der Literatur u. Canonicus an der Kathedrale daselbst, dann Hofdichter in Florenz und ging später nach Wien, von wo aus er in Begleitung der österreichischen Gesandtschaften Peters- 553 Castigiren — bürg, Berlin rc. besuchte. Nach Wien znrückge-! kehrt, wurde er kaiserlicher Hofdiener, ging aber nach des Kaisers Tode wieder nach Florenz nnd 1783 nach Paris, wo er 6. Febr. 1803 starb. C. schr.: Novelle xslsuti in ottavs rims, Par. 1793, neue Aust., 1804, 3 Bde.; das komische Epos: Cliauimali parlsnti, Mail. 1802, 3 Thle., deutsch, Bremen 1817, 3 Bde.; Poems, lartaro, Mail. 1803, Genua 1804, 2 Bde.; Possis Irriolm, Flor. 1769, Tur. 1794, u. die komischen Opern: II rs leoäoro In NousÄa, Hs Crotta cli Mo- kouio, u. a. ni. Castigiren (lat. oastiAsrs, germanisirt kasteien), züchtigen; davon Castigation (lat. osstiZatio, germanifirt Kasteiung), Züchtigung. Cast'tglion, 3 Gemeinden in Italien; am größten: L. Fiorentino, in der Provinz n. dem Äez. Arezzo, Eisenbahnstation; 12,935 Ew. Castiglione. 23 Gemeinden in Italien führen diesen Namen, darunter: I) C. del Lago, Gem. in der Provinz u. dem Bezirke Perugia; 10,599 Ew. 3) C. delle Stibiere, Stadt u. Hauptort des gleichnam. Bez. in der Provinz Mantua; 3 Kirchen; Gymnasium, Techn. Schule; Schloß; Theater; Seidenspinnerei; 5401 Ew. — Das Gebiet war sonst Fürstenthnm, welches zum Herzogthum Mantua gehörte; es wurde aber später dem Hause Castiglione, der jüngsten Linie aus dem Hause Gonzaga (s. d.), übergeben. C. wurde Residenz des Fürsten. 1773 kam es durch Kauf (300,000 fl.) an Österreich. Die Stadt C. wurde 1702 von den Österreichern genommen; s. Span. Erbsolgekrieg. Am 9. Sept. 1706 Sieg der Franzosen unter Medavi über die Kaiserlichen unter dem Prinzen von Hessen (s. ebd.), u. am 5. Aug. 1796 Sieg Bonapartes über die Österreicher unter Wurmser; s. Französischer Revolutionskrieg. Augereau erhielt davon den Titel Herzog von C. 3) C. di Sicilia, Gem. im Bezirke Acireale der Prov. Catania; 8654 Ew. Castiglione (Castillioneus), 1) Cristoforo, geb. 1345 in Mailand; studirte in Pavia unter Baldus die Rechte u. wurde bald dessen Nebenbuhler als Rechtslehrer; er lehrte sodann in Siena, Parma, Turin u. kehrte endlich nach Pavia zurück, wo er Rath des Herzogs Johann Galeazzo von Mailand wurde; er st. 1425. C. wird unter die Neuerer im Rechte gezählt und erhielt seiner Zeit die Namen der zweite Scävola u. Priuesps subtilitatum. Zu seinen Schülern gehören Ful- gosi, Rafael di Como rc. Er schr.: Os änello; Rspstitioues; Oousilis. 2) Baldassare, ital. Staatsmann u. Schriftsteller, geb. 6. Dec. 1478 zu Casatico im Mantuanischen; war anfangs in Diensten des Herzogs Lodovico Sforza, daun in denen des Markgrafen Gonzaga von Mantua u. später in denen des Herzogs von Urbino, der ihn als Gesandten in England 1505, in Frankreich 1507 verwendete. Von Francesco Maria von Urbino in den Grafenstand erhoben, kam er 1513 als Gesandter zur Thronbesteigung Leos X. nach Rom, wo er mit den bedeutendsten Gelehrten rc. in Verbindung trat. Nach Clemens' Nil. Wahl wieder nach Rom gesandt, führte er die Friedens- Unterhandlungen zwischen diesem u. Karl V., jedoch ohne Erfolg, für Rom, u. als Rom 1527 gcplün- - Castil-Maze. >dert wurde, fiel er, so schwer ihn dieses Unglück ! niederbeugte, bei Clemens völlig in Ungnade. Dagegen wandte ihm Karl N., der ihn achten ge. lernt hatte, seine Gunst in hohem Grade zu, naturalisirte ihn als Spanier u. verlieh ihm das reiche Bisthum Avila, das C. jedoch vor einer Aussöhnung zwischen Kaiser und Papst nicht annahm. Ohne diese erreicht zu haben, starb er 2. Febr. 1529 zu Toledo. C. schr.: II libro äsl OortsAisno (über das Ideal eines Hofmannes), Vened. 1528 u. ö., in mehrere Sprachen übersetzt, eine castrirte Ausgabe erschien Vened. 1593, Padua 1733; I-sttsrs, ebd. 1769, 2 Bde. (darin auch seine lateinischen n. italienischen Gedichte, die manches Wichtige für die Geschichte enthalten); Giulio Romano errichtete ihm, den Lasso in einem Sonett gefeiert, ein Monument in Mantua. 3) Giovanni Benedetto, genannt Benedetto, auch il Grechetto (der kleine Grieche), italien. Maler u. Radirer, geb. 1616 in Genua, gest. in Mantua 1670; lernte bei Paggi, Ferrari u. van Dyk; er malte besonders Schäferstücke, Märkte u. Thiere, z. B. die Schöpfung der Thiere, ihr Einzug in die Arche, Orpheus unter den Thieren, Circe u. die Gefährten des Odysseus rc. Später bereiste er, um sich für die Historienmalerei auszubilden, die größeren Städte Italiens u. trat in die Dienste des Herzogs Karl I. von Mantua. Seiner Vaterstadt schenkte er mehrere Kirchengemälde u. schuf eine Menge von Bildern, von denen sich in allen bedeutenden Galerien eine Anzahl vorfinden. Im Radiren ahmte er Rembrandt nach, ohne ihn auch nur annähernd zu erreichen. 4 ) Giuseppe, geb. 1698, Jesuit; nach Peking in China als Missionär gesandt, fertigte er zugleich mit Attiret Gemälde für den Hof- Der Kaiser Kien-Long schätzte ihn sehr hoch, und er benutzte dies, um die 1736 gegen die Christen ausgebrochene Verfolgung zu dämpsen. Er st. 1768 in Peking. 5) Carlo Öttavio, Graf von C., geb. 1784 in Mailand; privatistrte, mit orientalischen und gothischen Studien beschäftigt; starb 10. April 1849 in Genna. Er hat sich besonders bekannt gemacht durch die Mitentdecknng der goth. Übersetzung der Paulinischen Briefe u. der Fragmente des A. T., die er auch seit 1819—39 in 5 Heften herausaab (s. u. Gothische Sprache). Er schrieb auch: ^Hanois cvliobg äsl Uusso äl Minus, Mail. 1819; Llsmoirs AsoArsxlügus st nuiuismatigus 8nr Is psrtis orientale äs la Kai- bsrie appslse Lckrilriast, ebd. 1826; Dell uso oui srsuo ässtinati i vstri oou epiAraü onüolig, ebd. 1847. Lebensbeschreibung von Biondelli, ebd. 1856. 1—2) Lagai.* 3—4) Regnet.' Castil-Blaze, Frany., franz. Musiker, geb. 1. Decbr. 1784 zu Cavaillon in der Grafschaft Venaissin; war einige Jahre im Präfectur-Bureau zu Vaucluse, ging dann nach Paris, arrangirte nach deutschen und italienischen Partituren, mir eigens untergelegtem Text, französische Opern, so Figaro, Don Juan, Barbier von Sevilla, Freischütz u. a. m., zum Theil mit eingeschobenen Musikstücken, gab u. a. Sammlungen von Lieblingsarien aus Opern von Gluck, Gretry, Piccinl u. Sacchini heraus. Er schr.: Ist opsrs en Präses, Par. 1820, 2 Bde., 2. Aust., 1826; viotiounairs 553 Castilho — Castilischcs Schcidegebirg. äs nmsigne moäerns. 1821, 2 Bdc., 2. Aufl., 1826. Er st. 11. Dec. 1857. Castilho, Antonio Feliciano de, portug. Dichter, geb. 26. Jan. 1800 in Lissabon; studirte in Coimbra die Rechte, gab als Student die Oanbos äs Lobs s liiaroiso (bukolische Gedichte), 1821, 3. A., Par. 1836, n. ^ 8rimavsra, volis- yao äs xosmatos, Lissab. 1822, n. Aufl., 1837, heraus. Ferner schrieb er: Amor s melanoolia, Coimb. 1828; A lioibs äs OasbsIIo s os Oinmas äoLeräo, Lissab. 1836; er übersetzte auch Ovidius' Amors» (1858) und einen Theil der Metamorphosen (1841), ebenso lieferte er Übersetzungen ans Goethe ».Shakespeare. Gcsammtausgabe seiner Gedichte erschien 1844 f., der 1. n. 3. Bd. Nachdem er durch Verfolgung von Seiten Dom Miguels zurückgedrängt worden war, wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften u. Generalcom- missär des Volksschulwesens, als welcher er sich um Hebung des Volksunterrichtes sehr verdient machte. Er st. im Scpt. 1875 in Lissabon. Sein Bruder Augusto Federigo, geb. 1802, war Landpfarrer im Bisthnm Aveiro; ging später nach Madeira, wo er 31. Der. 1840 starb. C. übersetzte den Lucanus u. gab mit Antonio Huaäros iüstorioos äs 8ortn§a1, 1831—41, heraus. Der jüngste Bruder, Joze Felicianv, geb. 4. März 1812 in Lissabon, ging 1829 nach Paris und 1836 nach Hamburg. Er schr. mit seinem Bruder Alexander: Lraits mnömonigus; Diobion- nairs äs musinonigns (die beide 6 Auflagen erlebt haben) und ll'raits äs stsiwAraxdis; nach seiner Rückkehr nach Portugal, 1843, war er Vorstand der Nationalbibliothek in Lissabon u. redi- girte das äornal äa sooisäuäs äos ami^oz äas ästtoras. 1847 siedelte er nach Brasilien über. Kastilien, I) (Castilla) ehemals besonderes Reich der Pyrenäischen Halbinsel, das nach u. nach anwuchs und in seiner größten Ausdehnung an Leon, Asturien, Biscaya, Navarra, Aragvnien, Granada u. Portugal grenzte, dann mit Leon vereinigt wurde (s. Spanien, Gesch.), nach der Verbindung mit Aragon zum Königreich Spanien aber nur noch die beiden Landschaften (Königreiche) Alt- n. Neu-C. begriff, die zwar in administrativer Hinsicht auch nicht mehr bestehen, aber um des geschichtlichen Interesses willen zu berücksichtigensind. A.) Alt-C. (Castilla la Vieja), begrenzt von Biscaya, Alava, Navarra, Aragonien, Neu-C., Estremadura, Leon u. Asturien, eine Hochebene zwischen dem Castilischen Scheidegebirge und dem Cantabrischen Gebirge von 785—1260 m Höhe; von dem Duero n. seinen Nebenflüssen durchströmt; das Land ist zwar fast ganz von Bäumen entblößt, doch größtentheils angebaut, u. gerade die Ebenen Alt-C-s gehören zu den fruchtbarsten in ganz Spanien, freilich machen sie ihrer Banmlofigkeit u. erdfahlen Farbe wegen keinen angenehmen Eindruck. Die Industrie hat sich beträchtlich gehoben. Den Transport von Maaren erleichtern die Kanäle von Castilla, de Campos und de Segovia, desgleichen verschiedene Eisenbahnlinien (608 km NBahn, 57 km NW., 43 km Madrid-Saragossa, 40 km Za- niora-Medina del Campo, zusammen 748 km). 65,719 (Zkm (1194 geogr. (IM); 1860 (letzte Aufnahme) 1,629,759 Ew. C. ist jetzt eingetheilt in 8 Provinzen: Santander, BurgoS, Logrono, Soria, Segovia, Avila, Paleucia und Valladolid. Die Bewohner, wegen der Lage ihres Landes ziemlich rein von fremder Vermischung, haben ein längliches, hageres Gesicht mit spitzem Kinne, gerade Nase, hohe Stirn n. große Augen mit hoch gewölbten Brauen, zeichnen sich durch edlen, unbeugsamen Charakter und Stolz, uneigennützige Gastfreundschaft, strenge Sittlichkeit und Achtung gegen fremdes Eigenthum aus; ihre Hauptbeschäftigung ist Ackerbau u. Schafzucht. 8) Nen- C. (Castilla la Nueva), begrenzt von Alt-C., Aragonien, Valencia, Murcia, Andalusien und Estremadura, die centrale Hochebene Spaniens, von 626 bis 942 m Höhe; gleich jener von hohen Gebirgen umwallt, im S. von der Sierra Morena u. im N. von der Sierra Guadarrama. Die wichtigsten Flüsse sind der Tajo mit seinen Nebenflüssen: Jarama, Guadarrama, Alberche, Jucar und Cabriel, doch sind alle diese Flüsse bis jetzt noch nicht schiffbar gemacht. Der im Ganzen fruchtbare Boden ist doch wenig bewässert; das Land gleicht einer staubigen Steppe, die nur hier und da durch kleine Olivenwälder, Getreide-, Bohnen- u. Safranfelder und durch dürftige, aus Lehm erbaute Ortschaften unterbrochen wird; die Bodencnltur istvernachlässigt, nurzahlreicheMerino- schafheerden, die eine alte Berühmtheit haben, ziehen über die Ebenen (die sogenannte Mancha. Die Industrie beschränkt sich aus Erzeugung von Wollenstofsen; Bergbau auf Steinsalz, Quecksilber, Silber, Kupfer, Salpeter, Blei und Eisen. Der Handel wird, wo keine Eisenbahnen bestehen, durch Züge bepackter Maulesel betrieben. Eisenbahnen: NBahn 60 km, Madrid-Saragossa 161 km, Madrid-Alicante 135 km, Ciudad-Real- Alcazar 114 km, Manzanares-Cvrdova 62 km, Ciudud-Real-Lissabon 120 km, zusammen 652 km. Das Klima ist sehr heiß u. trocken, aber die Winter kalt. 52,260 Hkm (949 IZM) ; 1,247,254 Ew.; jetzt eingetheilt in 4 Provinzen: Madrid, Toledo, Cuenca u. Guadalajara (abgesehen von der eine eigene Landschaft bildenden Mancha, nun Provinz Ciudad-Real). Die Bewohner, sind in Charakter und Wesen den Ara- gonesen ähnlich, haben viel Mutterwitz, sind aber nicht so offenherzig, theilnehmend, freundlich und gefällig, wie die Alt-Castilier. Geschichtliches s. u. Spanien. Koche« Castilisches Schcidegebirg, Gebirg im mittleren Spanien, welches das Land in westsüdwestlicher Richtung zwischen Duero und Tajo durchzieht; es beginnt im O. mit der Sierra de Aylon u. erstreckt sich bis nach Portugal, wo es sich in den Bergen von Beirr alta, den Sierren d'Est- rella u. de Cintra nach N. u. S. beträchtlich ausbreitet u. dann westlich von Lissabon im Cabo da Nocca gegen das Atlantische Meer ausläuft; es ist meist felsig u. nackt, durch Hügel u. flache Rücken unter sich zur Kette verbunden u. führt in seiner ganzen Längenausdehnnng in den verschiedenen Gegenden verschiedene Namen; der höchste Theil ist die Sierra von Guadarrama nordwestlich von Madrid, wo es Gipfel von 2418 m Höhe gibt. Das mittlere Spanien wird durch dieses Gebirg in 2 Plateaux geschieden, das nördliche u. höhere, 554 Castilla - welches die Hochebene von Alava, den größten Theil von Alt-Castilien u. Leon umfaßt u. im Durchschnitt 800 in hoch ist; das südliche u. niedrigere umfaßt Neu-Castilien, Estremadura u. einen Theil von Murcia u. ist im Durchschnitt 779 m hoch; jenes sendet seine Wasser dem Duero, dieses dem Tajo u. der Guadiana zu; beide sind im O. am höchsten u. nehmen nach W. mehr u. mehr an Höhe ab. Castilla, Don Ramon, peruanischer General u. Staatsmann, geb. 31. Aug. 1797 zu Java- paca auf der Grenze von Bolivia. Als sich Peru gegen das Mutterland erhob, war C. Capitän in der spanischen Armee, die er sofort verließ, um während des ganzen Unabhängigkeitskrieges unter San Martin zu kämpfen; am Ende desselben war er zum Obersten aufgestiegen. C., ein Anhänger konstitutioneller Grundsätze u. Feind persönlichen Ehrgeizes, unterstützte im Bürgerkriege von 1834 als Brigadegeneral den Präsidenten Orbegoso. Als dieser aber Peru an Santa-Cruz, den Präsidenten von Bolivia, ausgeliefert hatte, da vereinigte er sich mit den Streitkräften Salaberrys, die 1835 in zwei Gefechten in die Flucht geschlagen wurden, weshalb C. nach Chile flüchten mußte. Da Santa- Cruz durch seine annexionistischen Tendenzen die politische Existenz des letztgenannten Staates bedrohte, so erklärte dieser den Krieg u. brachte ihm 20. Jan. 1839 bei Jungay eine schwere Niederlage bei. In dieser Schlacht befehligte C. die Reiterei. Als der Krieg mit Bolivia ausbrach, war C. Finanzminister, doch der unglückliche Ausgang desselben trieb ihn 1841 in die Verbannung. 1844 aus derselben zurückgekehrt, gewann er die Generale Nioto n. Ugnain, marschirte gegen den Diktator Vivanco, der die Verfassung aufgehoben hatte, schlug ihn u. ward hierauf 1845 zum Präsidenten erwählt. Nach öjähriger, segensreicher Verwaltung legte er 20. März 1851 freiwillig seine Macht in die Hände seines Nachfolgers Echenique nieder. 1854 trat er jedoch aus seiner Zurückgezogenheit hervor, um seinem Lande eine Gegenrevolution zu ersparen. Sein Erscheinen allein reichte hin, daß Echenique von seinen Truppen verlassen wurde, u. während dieser sich unter den Schutz Englands stellte, zog C. 1855 als Triumphator in Lima ein. 1858 ward er wieder zum Präsidenten gewählt, u. 2 Jahre später erließ er eine neue Verfassung. 1862 ward er durch den General San Ramon u. dann durch den General Pezet ersetzt. Dieser Letztere ließ ihn 1865 gefangen nehmen; doch nach einiger Zeit wieder befreit, was C. Maßregeln, um die Regierung wieder an sich zu reißen, starb aber inmitten derselben 30. Mai 1867 zu Arica in Peru. Bartling. Castille, Charles Hippolyte, französischer Romandichter n. Publicist, geb. 8. Nov. 1820 zu Montreuil-sur-Mer; wurde in Paris Supernumerar im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, schrieb zuerst für das Llusss äss Rnmillss, den Rsprit public, gründete mit de Molinari den Prnvnil iutsllsctusl, 1847, mit Bastiat Rn Rspubligus Rinuyniss, 1848; war auch Redakteur der Revolution äemocr. et sociale, der Lribuus dos Rsuplss n. des 6Iobs. C. ist ein Schriftsteller von unerschöpflicher Fruchtbarkeit u. hat eine Unzahl von - Castillo. Romanen, Novellen u. Feuilletons (meist Schauerromane) geschrieben: Rss Oissnux äs preis, 1848 bis 1848, nebst Fortsetzung: R'^senlnuts, 1852; RsLlnrÜArnvs äss Llnirss, 1854; Rss (lompng- nons äs In Nord, 1854; Im Oknsss nux Obims- rss, 1857; Rss ^mbitisux, 1852—53, 4 Bde.; Ristoires äu Nsungs, 1855 (Samml. von Erzählungen aus dem wirklichen Leben). Die meisten seiner Romane sind erschienen in der Sammlung der Romans xopulnirss illustrss. Von seinen politischen Schriften sind zu nennen: Rist, äs In 2. Rspubl. Iran?., 1854—55; Rortrnits xolitiguos au 19. siede (beide in einem den liberalen Ideen und dem Parlamentarismus feindlichen Sinne); Rarallslo entro 6ssnr, OdnrlsmnAus et Napoleon, 1858; Rist, äs soixants ans (1789—1850), 1859—63, 4 Bde. Volchert. Castillejo, Cristoval, berühmter span. Dichter, geb. um 1494 in Ciudad-Rodrigo, Sekretär des Jnfanten, nachmaligen römischen Königs Ferdinand I., mit dem er 1531 nach Deutschland ging; st. 12. Juni 1556 in Wien. Er war der Ber- > treter des nationalen Stils in der Übergangsperiode zum Clasfisch-Jtalienischen. Seine Gedichte, in Form u. Geist gleich ausgezeichnet, meist satirisch, Madr. 1573, wurden im 11. u. 12. Bd. ' von Ramon Fernande;' Sammlung, Madr. 1782, u. zuletzt im 32. Bd. der Sammlung von Riba- deneyra herausgegeben. I-* . Castillo, 1) Diego Enriquez de C., span. Geschichtschreiber, geb. zu Segovia; war Hofcaplan Heinrichs IV. v. Castilien u. führte für diesen viele diplom. Unterhandlungen, gerieth nach der Schlacht bei Olmedo in die Hände des Jnfanten Alfonso, der ihm seine Manuskripte, welche die Zeitgeschichte betrafen, abnahm, so daß C. dies Stück seiner Arbeit später, als er freigelassen war, von Neuem aussühren mußte. Diese Chronik der Regierungszeit Heinrichs IV. von 1454—74 gab Miguel de Flores, Madr. 1787, heraus. Außerdem existirt von C. ein allegorisches Gedicht auf Alfons V. von Aragon, herausgeg. von Ochoa, Par. 1844. 2 ) Bernardo Diaz del C., geb. in Medina del Campo; begleitete Cortez auf seinem Zuge gegen Mexico, zeichnete sich bei der Belagerung dieser Stadt aus u. schr. eine Geschichte dieses Feldzuges: Ristorig, verändern äs In eonguistn äs Nuevn Rsxnün, Madr. 1632, Fol., deutsch von Rehsnes, Bonn 1838, 4 Bde. Dieses Werk hat durch die Unmittelbarkeit der Darstellung des vom Verfasser Erlebten eine wohlverdiente Bedeutung. 3 ) Alonso Solörzano de C., span. Schriftsteller, im 2. Viertel des 17. Jahrh. blühend; er schr. Huiutn äs Inurn, 1625, Silvios äs Onssnuärn, 1640 u. ö., RI bnebillsr Prnxnsn u. die Rnräunn äs Lsvilln, letztere beide humoristischen Charakters, neueste Ausl., Madr. 1848 bis 1848, und das Lustspiel: Rl Llnxornrgo. 4) Andres del C., Zeitgenosse von Alonso ^ Solörzano de C., geb. zu Anfang dieses Jahrh. ! in Cadiz; gab unter dem Titel Rn UoZiZnnsn j äsl Rusto (Saragossa 1641 u. ö.) 6 Novellen - im schwülstig-blumigen Stil des 17. Jahrhunderts ^ heraus, welcher sich trotz Cervantes noch immer .> nicht verlieren wollte. 5) Antonio del C. Y ! Saavedra, Maler, geb. 1603 in Cordova; Sohn > Castillon - u. Schüler von Augustin del E., übertraf diesen aber bald; starb 1667 in Cordova. 6) Juan Ignazio Gonzalezdel C., humoristischer Schriftsteller, bekannt durch seine Lainobss (komische Scenen in Zwischenacten, getreue Sitteuschilder- ungen der span. Volkssitten in humoristisch-satirischer Darstellung enthaltend). Eine Sammlung derselben gab Ad. de Castro, Cadiz 1845, 2 Bde., heraus. B°°ch-Arkossy.» Castillon, Stadt im Arr. Libourne des franz. Dep. Gironde, an der Dordogne, Station der Orleans-Bah» (Libourne-Bergerac); 3656 Ew. Hier 1453 Sieg der Franzosen über die Engländer, deren Feldherr Talbot fiel. Castillonnes, Stadt im Arr. Villeneuve-sur- Lot des franz. Dep. Lot u. Garonne; 2023 Ew. Castine, Hauptstadt des County Hancock im Nordamerika:!. Unionsstaate Maine, ain Einfluß des Penobscot River in die Pcnobscot-Bai, Belfast gegenüber, malerisch auf einer Landzunge gelegen; schöner Hafen, für die größten Schiffe zugänglich; verschiedene Eisenbahnverbindungen; Holzhandel, Fischerei; 2000 Ew. C. wurde 1667 von den Franzosen angelegt. Oustüss (lat.), Keuschheit. Castle (engl.), Schloß, Burg. Castlebar, Hauptstadt der irischen Grafschaft Mayo (Prov. Connanght), am See Lanach u. an der von Dublin nach Westport führenden Eisenbahn; Gerberei, Leinenweberei; Leinwandhandel; 2700 Ew. Castle-Comer, Stadt in der irischen Grafschaft Kilkenny (Prov. Leinster); die bedeutendsten Steinkohlengruben in Irland; 1400 Ew. Castle-Doningto», s. Donington. Castleford, Flecken im Westriding der engl. Grafschaft Uorkshire, am Aire u. an der von Leeds nach Sheffield führenden Eisenbahn; Töpfereien, Glashütten; Steinkohlengruben; 6230 Ew. Castlereagh, Henry Robert Stewart, Marquis von Londonderry, Viscount C., britischer Staatsmann, geb. 18. Juni 1769 zu Mount Stewart in Irland; bereiste, nachdem er in Cambridge die Rechte studirt hatte, den Con- tinent, wurde 1793 Mitglied des Irischen Parlaments, wo er, anfangs zur Opposition gehörend, bald zur Regierungspartei übertrat. Von seinem Vetter Lord Camden, dem Vicekönig von Irland, wurde er 1797 zum Staatssecretär von Irland ernannt u. suchte als solcher auf die Vereinigung Irlands mit Großbritannien hinzuwirken. Die blutigen Zwangsmaßregeln, welche er ergriff, uni die nationale Partei zu unterdrücken, zogen ihm den allgemeinen Haß zu, u. wegen der ungesetzlichen Anwendung der Tortur gegen Angeklagte wurde er noch 1817 im Parlament zur Rechenschaft gezogen. Nach erfolgter Bereinigung Irlands mit Großbritannien (1800) in das Britische Parlament getreten, suchte er sich die Gunst Pitts zu erwerben, wurde Geheimrath und Präsident des Voarä ok Ocmtrol u. 1804 Kriegsminister, trat jedoch nach Pitts Tode (1806) von diesem Posten ab u. stand nun zur Opposition gegen das Ministerium Fox. Bei der neuen Parlamentswahl fiel er in seinem Wahlbezirke Down durch, wußte aber in dem verrotteten Flecken Boroughbridge — Onstor. 555 seine Wahl durchzusetzen. Unter Perceval (1807) zum zweiten Mal Kriegsmiuister, gerieth er mit Canning, damals Minister des Auswärtigen, über die gegen Napoleon einzuhalteude Politik in Zwist, da er Cannings Absicht, Österreich im Kampfe gegen Frankreich zu unterstützen, nicht billigte. Infolge der verunglückten Expedition nach Wal- cheren von Canning mit verletzender Bitterkeit angegriffen, duellirte er sich Sept.' 1809 mit Canning, u. darauf kam es zu einer Auflösung des Cabiuets. Als 1812 C. das Amt des Auswärtigen übernahm, fiel ihm die Frucht der Arbeit zu, welche Canning zum Sturze der Napoleouischen Macht unternommen hatte. Er ging 1813 als Bevoll- mächtigter ins Hauptquartier der Alliirten, brachte den Vertrag von Chaumont 1. März 1814 mit zu Stande u. wohnte in dems. Jahre dem Congreß von Chätillon bei. Wegen seiner Hilfe zum Sturze Napoleons sah er sich von Ehrenbezeigungen seitens der Monarchen überhänft. Er nahm dann theil am Wiener Congreß, erfuhr aber wegen seiner Haltung hier im Parlament bittereu Tadel, da sie nicht geeignet war, die Interessen Englands zu fördern, indem C. die Gunst der Monarchen durch Concessionen verschiedener Art erwiderte. Inzwischen kehrte Napoleon von Elba zurück, u. C. ergriff nun die umfassendsten Maßregeln, um den Kampf gegen ihn im Verein mit Europa aufzunehmen. Nach den 100 Tagen nahm ^er an dem zweiten Frieden zu Paris n. 1818 an dem Congreß zu Aachen theil. Hier wie dort verletzte er das englische Nationalgesuhl, indem er, von den liberalen Institutionen des Landes absehend, deni Absolutismus Vorschub zu leisten suchte. Völlig untergraben wurde sein Ansehen, als er des Königs Pläne gegen die Königin Caroline unterstützte u. das Verlangen nach Linderung der Noth der arbeitenden Klassen mit rauhen Drohungen beantwortete. Das Bewußtsein, daß die öffentliche Meinung sich gegen ihn gekehrt habe, u. die Furcht vor einem nahen Sturze versetzte ihn in eine immer düsterere Gemüthsstimmung. Im Begriffe, zum Congreß nach Verona abzureiscn, öffnete er sich 22. August 1822 in einem Aufalle von Wahnsinn mit einem Federmesser die Halsader. Sein Tod wurde vom Volke mit Jubel begrüßt. Seine Briefe u. Reden erschienen gesammelt Lond. 1847 bis 1851. Vgl. A. Alison, lükoa ok l-orci 6. anci Lir tlimrles Ltocvurt, Lond. 1862, 2 Bde. 1--* Castleton, 1) Marktflecken in der engl. Grafschaft Derby, auf einem steilen Berge; Bergbau auf Blei, Flußspathbereitung; 1500 Ew.; in der Nähe die Peakshöhle (s. d.) u. der 400 m hohe Mam-Tor mit Alterthümern. 2 ) Poststation im Richmond-County des Nordamerika!!. Unionsstaates New-Jork; 7683 Ew. 3) Manufacturort im Rutland-County des Nordamerika!!. Unionsstaates Vermont; 3243 Ew. Castletotvn, 1) (sonst Liddletown) Dorf in der schottischen Grafschaft Roxburgh, am Liddle u. an der von Edinburgh nach Carlisle führenden Eisenbahn; besuchte Bäder; Ruinen eines alten Schlosses ; 2000 Ew. 2) Hauptstadt der britischen Insel Man, auf der SKüste derselben; Gouverneur; Gerichtshof; Parlamentsgebäude; 2600 Ew. LZator (lat.), der Biber. 556 Castor — Castor, s. Kastor. Castor, der mit a bezeichnet,: Stern 3. Größe in den Zwillingen; ist ein Besselscher Fundamen- taf- u. zugleich ein Doppelstcrn. Castorin, 1) (Chem.) Bibergeilkampher, Be- standtheil des Castorenms oder Bibergeils (s. d.), der durch Anskochen desselben mit Alkohol ansgc- zogcn wird und nach dem Auskrystallisiren des Cholesterins beim Abdampfens der Lösung sich als gelbliche, krystallinische Masse abscheidct; in Wasserunlöslich, in Alkohol n. Äther erst in der Wärme löslich. Bei 100" schmilzt es u. verbrennt bei höherer Temperatur ohne Rückstand. 2) Baumwollener Plüsch, gleich dem wollenen u. seidenen mit einer Poilkette u. mit Nadeln gewebt. Der Poil ist gezwirntes Baumwollengarn. Er steht hinter wollenem u. seidenem Plüsch sehr zurück, denn er hat geringeren Glanz, plättet sich leichter, u. die Poilfäden ziehen sich leichter heraus. Nicht zu verwechseln mit Manchester. Clören. 2 ) B-yssel. Vsstes (lat.), 1) Kriegslagcr, s. Lager. 2) Tagereise, weil beim Marschiren das Lager täglich einmal abgebrochen u. anfgeschlagen wurde. 3) Kaserne; daher (l. Isotioariornm, 6. üliosnatünm, 0. psrsArina, ) die theologische (christliche) C. nach der Sittenlehre Jesu, als göttlichem Gesetze, mit gleicher Entscheidung; e) die juristische C., welche mit der praktischen Rechtsgelehrtheit zusammenfällt, nach den im Staate gütigen Rechtsgesetzen, indem sie die nach der verschiedenen Beschaffenheit der Umstände modifi- cirte Anwendung derselben ausmittelt. (Ein berühmter Rechtslehrer, v. Holzschuher, hat unter diesem Titel ein sehr einflußreiches Nachschlagebuch in 8 Bdn. für die richterliche Praxis verfaßt. Berühmt durch seine weitgehende C. ist das Preußische Landrecht.) Die C. wurde besonders zur Zeit der Scholastiker gepflegt, wo man die Moral auf scholastische Weise behandelte. Hierbei wurden die sonderbarsten Fragen aufgeworfen, z. B., ob sich ein Geistlicher duelliren dürfe, wenn ihn der Richter dazu verurtheile; ob man eine Ehe durch Briefe schließen könne rc. Die einzelnen Fälle, mit denen sich die C. beschäftigt, wurden entweder sehr scharfsinnig ausgedacht, oder aus dem wirklichen Leben genommen, u. die C. wußte in manchen schwierigen Verwickelungen guten Rath zu ertheilen, obschon sich auch politische Rücksichten u. Bestechungen einmischten u. die Gewissen verwirrten. Im 16. Jahrh. fand die C. bei den Jesuiten zahlreiche Anhänger, u. Männer wie Escobar, Sanchez, Bnsenbaum u. A. stellten eine Menge schwieriger u. verwickelter Fälle auf n. ertheilten Rathschiäge, die oft äußerst seltsam u. in keiner Weise mit dem Sittengesetze zu vereinigen waren; z. B. die casuistische Frage, was mit einer Maus anzufangen, wenn diese die Hostie verschluckt hätte. In neuerer Zeit sieht man unter den Protestanten die C. nicht als eine selbständige Wissenschaft, sondern als einen Theil der philosophischen u. theologischen Moral an, n. damit sind auch die kasuistischen Anweisungen in Wegfall gekommen. Die christliche Moral redet davon bei der Lehre von der Collision der Pflichten u. stellt hierbei die Forderung, bei nur scheinbaren Collisionen der Stimme der Pflicht zu folgen u. bei wirklichen Collisionen an der höheren Verbindlichkeit festzuhalten. Dagegen sind bei den Katholiken casuistische Anweisungen deshalb nothwendig, weil die Bußpraxis im Beichtstuhl einzelne Handlungen u. Gewissensfälle (Oasus vonseisntias) berücksichtigt. B-zold.» llasülg (lat.), das oberste Kleid der katholischen Priester beim Messelesen. Cäsür (v. Lat., Einschnitt), 1) Ruhepunkt innerhalb längerer Verse am Ende einer Reihe, welcher in der Mitte eines Fußes mit dem Ende eines Wortes zusammentrifft. Diese rhythmische C. ist entweder eine männliche, wenn sie nach der Arsis eintritt, oder eine weibliche, wenn sie nach einem Theil der Thesis eintritt. Schließt der Gedanke mit dem Ende eines Versfußes, so heißt dies eine metrische C., z. B. in den Versen: tjniä tibi § pasto § iss lüb^ ^ ns, gniä ! prsona s vsrsn Korsognar; § st rs, s ris babi- s tsta, ms. § pa-lia s tsotis, sind die rhythmischen C-en bei xastores, lüb^ao, raris u. babitata; die metrische C. nach xorsoguar. Cäsurlose Verse, wo jeder Versfuß aus einzelnen Wortfllßen besteht, wie Komas s moonia s torruit s imxiAsr s Kannibal s armis, wird man bei Klassikern schwerlich finden. 2) (Mus.) Abschnitt oder kurzer Ruhepunkt einer musikalischen Periode von «nisten Tacken; sie wird nicht durch ein eigenes Zeichen angedeutet, sondern soll empfunden sein. vssus (lat.), 1) Zufall, jedes unerwartet eingetretene u. nicht vorauszusehen gewesene Ereigniß. Im Rechtsverkehre hat der C. eine nicht geringe Bedeutung, indem er einen Vertrag anf- hebt oder seinen Inhalt verändert. Ersteres ist der Fall, wenn die Erfüllung (Leistung) des Der- 560 Oasus bölli — Catalani. träges durch C. unmöglich wird; letzteres, wenn dies theilweise der Fall ist, oder Lurch C. dem Gläubiger ein besondererVortheil (Oan->a rsi, 6om- rnockum rsi) erwächst. Im Römischen Rechte gel- ten die Grundsätze: Oasns u uullo prasstabnr. u. Oommoänm rsi ejus esss äsbst, eujus psrieulnm sab, L. h. dem Gläubiger fallen alle Vortheile aus dem Vertrage zu, welche er bezogen haben würde, wenn die Leistung sofort beim Abschluß des Vertrages erfolgt wäre, anderseits hat er aber auch nach jenem Grundsätze dem Schuldner das Lommoäum sr ro in jo fern zu belassen, als dieser auch den Nachtheil des Geschäftes zu tragen gehabt haben würde. Das Lommockum ex rs ist aber nur der Bortheil, welcher aus dem Gegenstände der geschuldeten Leistung selbst hervorgeht, nicht derjenige, welchen der Schuldner sich zwar mittels der Sache, aber doch anderswoher verschafft. 2) So v. w. Fall; daher 6. ovusoisntüLs, Gewissens- fall (s. u. Casuistik); 0. ckabilis, ein angegebener, angenommener Rechtsfall; 6. emsr^sns, ein Umstand, durch dessen Eintritt ans einmal ein anhängiger Proceß eine andere Wendung nimmt. 0) (Gramm.) Beugefall oder die Veränderungen, welche durch an Las Ende des Wortstammes an- gesügtc und mit diesem verschmolzene Suffixe herbeigeführt, die Beziehungen, in welche dieses Wort zu dem Satze, in dem es steht, gesetzt Wernen sollte, bezeichnen: eine Fähigkeit, die eigentlich nur den Sprachen indogermanischen Stammes cigenthümlich ist (von diesen find bei den jüngeren romanischen u. dem Englischen schon Präpositionen an die Stelle getreten), bei den semitischen nur kümmerlich vertreten ist, anderen, z. B. den hinterindischen, gänzlich abgeht (Näheres s. Decliuation). Der deutschen und griechischen gehören fünf: Nominativns, gibt das Subject des Satzes an u. dient zur Benennung einer Sache überhaupt, ohne ihre Beziehung; Vocativus, zeigt eine Anrede oder einen Zuruf an (ist eigentlich kein Casus); der Accusativns, zeigt das Object oder das Ziel an, worauf eine Handlung zunächst u. direct gerichtet ist; Dativus, drückt aus, wem, für wen, wozu, wem zum Nutzen oder Schaden etwas ist oder geschieht; Genetivus, gibt ein Len Hauptbegriff beschränkendes Merkmal oder auch die höhere Gattung desselben an; zu ihnen kommt noch im Lateinischen der Ablativus, bezeichnet das Verhältnis; der Trennung u. Absonderung zweier Gegenstände, ferner das Mittel, womit, wodurch, die Zeit, wann, den Ort, wo, den Grund, warum, weshalb, die Art u. Weise, wie, etwas geschieht; im Sanskrit u. Altbaktrischen außerdem noch der Instrumentalis, welcher das Mittel, Locativus, welcher den Ort (wo) anzeigt; ebenso das Altbulgarische mit Ausnahme des Ablativ. Im Armenischen nehmen einige Grammatiker noch einen Narrativ u. Circnmlativ an. Von diesen C. heißen in der klassischen Grammatik der Nominativns u. Vocativus Oasus reoti, unabhängige, weil sie nicht von anderen Satztheilen abhängen, die übrigen 6n8us obligni (Oasus oonvorsi), abhängige, weil sie in untergeordnetem Vcrhältniß zu anderenSatz- theilen stehen. (Näheres s. Declination u. Sprache.) 1) Grolefiud. Lasns belli (lat., Kriegsfall), in der diplomatischen Sprache der Anlaß, aus welchem ein Staat einem anderen den Krieg erklärt, ober die Handlung einer souveränen Macht, welche von einer anderen der Kriegserklärung gleichgeachtet wird. Bei verbündeten Staaten ist der Angriff einer feindlichen Macht auf die eine ein 6. b. auch für die andere, und tritt dann der 6asus koockeris, Bündnißfall, ein, d. h. der Fall, in welchem die verbündete Macht dem Bundesgenossen Hilfe zu leisten verpflichtet ist. Caswell, County im nordamerik. Unionsstaate Nord-Carolina, u. 36" n. B. u. 79" w. L.; 16,081 Ew.; Countysitz: Janceyville. Oatadolum (Oatabulmn, lat.), bei den alten Römern Behältniß für wilde Thiere zu öffentlichen Kämpfen; im Mittelalter Stall für Lastthiere zum öffentlichen Transportdienste. Cata ... . s. Kata.... Lstaosustiea (gr.), s. v. w. Brennlinie. Catahonla, County im nordamerik. Unionsstaate Louisiana, n. 31" n. B. n. 92" w. L.; 8475 Ew.; Conntysitz: Harrisonbury. Catalani, Angelica, die gefeiertste Sängerin ihrer Zeit, geb. 1782 zu Sinigaglia; zeigte schon im Kloster Santa Lucia, wo sie erzogen wurde, ein bedeutendes Gesangstalent, welches durch den berühmten Boselli seine Ausbildung erhielt. Früh schon auf sich selbst angewiesen, betrat sie die Bühne in Venedig u. erzielte einen außerordentlichen Erfolg, so daß die Theater von Mailand, Florenz, Triest, Rom u. Neapel sich ihr öffneten. Aber nicht bloß durch Italien, auch weit über die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus verbreitete sich mit Blitzesschnelle ihr Ruhm. Die Oper zu Lissabon machte ihr günstige Anerbietungen, die sie annahm, u. 5 Jahre lang wirkte sie dort u. ver- heirathete sich mit dem Capitän v. Valabregue, einem Attache der französischen Gesandtschaft, begab sich dann aber 1806 nach London, wo sie großartige Triumphe erlebte. Ihre Einnahmen gaben übrigens ihren Erfolgen nichts nach; so erwarb sie in 4 Monaten 260,000 Fcs., u. der Vortrag von 6ock savs blro XivA wurde ihr mit 200, die Mitwirkung an einem Musikseste mit 2000 Pfd. St. honorirt. England verlassend, übernahm sie unter Ludwig XVIII. die Direction der Jtal. Oper in Paris, welche Stellung sie während der Hundert Tage verließ, um Concerte in Belgien zu geben, nach Napoleons zweiter Abdankung aber wieder einnahm; sie wurde jedoch durch die unkluge Verwaltung ihres habsüchtigen Gatten zur Aufgabe der Direction genölhigt. Von diesem Zeitpunkte an unternahm sie nur noch Kunstreisen, von der die erste, 1816 angetreten, Dänemark, Schweden u. Italien, eine zweite (1818) hauptsächlich Polen u. Rußland umfaßte. 1826 bereiste die T. Europa zum letzten Mal u. schloß im folgenden Jahre ihre künstlerische Laufbahn in Berlin. Seitdem lebte sie, zurückgezogen von der großen Welt, aus ihrem kleinen Gute bei Florenz, wo sie sich damit beschäftigte, talentvolle Mädchen unentgeltlich in der Musik zu unterrichten. Die Unruhen in Toscana trieben sie aus ihrem Asyl nach Paris; ein Opfer der Cholera, st. sie daselbst 13. Juni 1849. Die C. war als Concertsänge- rin größer, wie als Theatcrsängcrin, woran eine I Catalaunum — Catamarca. 56l gewisse Schüchternheit schuld gewesen sein soll. Groß als Künstlerin durch den seltenen Umfang ihrer Stimme, glänzende Technik und tadellose Ausführung, war sie als Frau nicht minder schätzenswerth; denn alle weiblichen Tugenden vereinigten sich in ihr, die ihr Gatte leider nicht zu schätzen verstand, indem er durch Härte u. Geiz ihr Leben verbitterte. Als besonderer Beweis von der nie wieder erreichten Geläufigkeit ihrer Stimme ist anznführen, daß sie es war, die Rodes Violinvaria- tionen zum ersten Mal gesungen hat. Kürschner. Catalaunum (a. Geogr.), Sradt der Römer im Lugdunensischen Gallien, an derMatrona; jetzt Chalvns-sur-Marne; die Umgegend hieß Oampi oatalannivi (Catalaunische Felder), auf denen (westlich von Trohes bei Moiry, in der Nähe von Fontvannes) 451 n. Chr. die Römer unter Mtius, unterstützt von den Westgothen u. Alanen, den Hunnen unter Attila, nebst den Ostgothen, Gesuden, Herulern, Franken, Thüringern rc. eine furchtbare u. blutige Niederlage beibrachten. Nach der Sage bekämpften sich nach der Schlacht noch die Geister der Gefallenen in der Luft, was den Stoff zu Kaulbachs berühmtem Gemälde: Die Hunnenschlacht darbot. Catalonien (Cataluna), ehemaliges Fürstenthum in Spanien; grenzt im N. durch die Pyrenäen an Frankreich, gegen W. an Aragonien, gegen S. an Valencia, gegen O. u. SO. an das Mittelländische Meer; Flächeninhalt: 32,209 H>km (586 IHM); umfaßt den SAbhang der Ost- u. den höchsten Theil der Central-Pyrenäen, die katalanische Bergterrasse u. den östlichen Theil des iberischen Systems (höchste Gipfel: Monseny 1640 m, Montserrat 1193 in); Vorgebirge: Cabo de Creus, de Tortosa; bewässert vom Ebro, welcher den Segre mit Noguera Pallaresa, Noguera Ri- bagorzana n. Cervera aufnimmt; von den in das Mittelländische Meer mündenden Küstenflüssen ist der Llobregat der beträchtlichste. Das Klima ist in den Ebenen gemäßigt, die Pyrenäenthäler sind im Sommer sehr heiß, die Gebirgshöhen rauh. Der Boden ist im Allgemeinen nicht sehr fruchtbar, doch durch unermüdlichen Fleiß und durch Norias (großartige künstliche Bewässerung, Canal de Castanos, de Urgel, de Manresa) in blühendstem Zustande, besonders in den Thälern von Urgel, Cerdagne, Selva, Cervera, Campo-Tarra- gona, Lampurdan, Lerida u. a.: Weizen, Roggen, Öl, Wein, Mais, Flachs, Hanf, Safran, Krapp, Süßholz, Südfrüchte, Nüsse, Kastanien u. Oliven in den heißen Küstenstrichen: auf den Gebirgen wächst viel Holz, die Thäler sind bedeckt mit Rosmarin, Lavendel, Cistus und Maulbeerbäumen. Die Viehzucht bringt Schafe, Rinder, Schweine (Catalonischer Schinken), Ziegen, weniger Pferde; viel Seiden- u. Bienenzucht; eS gibt Wildpret, aber auch Bären u. Wölfe. Der Bergbau liefert Eisen, Kupfer, Zink, Blei, Steinkohlen, Alabaster, Gips, Marmor, Jaspis, Edelsteine n. Steinsalz (Steinsalzfels bei Lardona). In Bezug auf Industrie, Handel u. Verkehr nimmt C. die erste Stelle in Spanien ein. Die Industrie wird meist durch Dampfmaschinen betrieben und schafft Tuch, Wolle, Baumwollen- und Seiden- -euge, Leinwand, besond. viele Leder- u. Schuh- Pierers Universal-ConversationS-Lexikon. 6. Aufl. macherwaaren (Barcelona), Papier, Glas, Seife, Spitzen, viel Branntwein, in vielen Eisenhämmern Eisen, von welchen Artikeln viel ausgeführt wird. Handel u. Verkehr ist begünstigt durch zahlreiche Häfen (zu Barcelona, Tarragona, Al- faques u. a.) u. durch die Eisenbahnen, welche diese Häfen jetzt mit einander u. den wichtigsten spanischen Städten verbinden. Die einzelnen Linien sind folgende: Valencia-Tarragona 241 km, Lerida-Reus 100 km, Tarragona-Barcelona 102 km, Barcelona-Franz. Grenze 174 km, Barcelona- Saragossa 192 km, Zweigbahnen 9 km, zusammen 818 km. Eintheilung in die 4 Provinzen: Lerida, Gerona, Barcelona u. Tarragona. 1,673,842 Einwohner. Diese zeichnen sich durch Muth, Stolz und Rechtlichkeit aus; es finden sich aber auch schlimme Charakterzüge: Rachsucht, Hinterlist und Eigennutz; ihre Sprache ist eine dem Provenyalischen verwandte eigene Mundart. Die Trachten sind verschieden u. haben etwas Eigen- thümliches in den Städten gegenüber denen auf dem Lande: Ein Kamisol ohne Ärmel, eine kurze Weste mit weißen Knöpfen, ein breiter, entweder blauer oder rother Wollgürtel, kurze Beinkleider ohne Bänder u. Knöpfe, oft von Leder, Gamaschen oder wollene Strümpfe. Den Kopf bedeckt die Nedezilla von buntem Garn oder Seide und darüber eine rothe oder blaue Wollmütze. In den Gebirgen sieht man breite kurze Redingos oder Zambetos mit großen Aufschlagärmeln. Die Weiber tragen fast überall Cotillas, d. i. starke Schnürleiber, einen blauen kurzen Unterrock rc. Die Haare sind verschieden geflochten, oder in Zöpfe u. Büschel gesammelt oder befestigt. In Barcelona tragen die Weiber eine fest anschließende Cotilla, eine Basquina, bunte Schürze, blaue Strümpfe von Wolle oder Seide, schwarze Schuhe, auf dem Kopfe eine schwarze oder bunte Redezilla u. eine Mantilla von Musselin. Geschichte vgl. Spanien. Kolpe.' vstslps Aeop-, Pflanzengatt, aus der Fam. der Bignoniaceen; Kelch Äippig; Blumenkrone glockenförmig mit bauchig angeschwollener Röhre u. 5spaltigem, 2lippigem Saume; 5 Staubblätter, von denen aber nur 2 fruchtbar sind; Kapsel schotenförmig, lang cylindrisch, vielsamig mit querliegenden, beiderseits unregelmäßig häufig geflügelten Samen. Art: 6. diAnonio'täea lkÄkt. (6. s^rinAaslolla Lignoma Oatalpa T,.), mittelgroßer Baum, mit großen, einfachen, herz-eiförmigen, spitzen Blättern u. endständigen, reich verzweigten Blumenrispen, mit großen, weißen, gelb u. roth gefleckten Blüthen u. mit 2—3 äm langen Kapseln; heimisch im subtropischen u. tropi- schenAmerika, jetzt in GärtenSEuropas, auch schon in Parkanlagen SDeutschlands cultivirt. Engter. Cataluna, so v. w. Catalonien. Catamarca, 1) der nordwestlichste von den Staaten der Argentinischen Consöderation (Süd- Amerika); Flächeninhalt außerordentlich verschieden angegeben zwischen 109,247 Hskm (1984 HsM); grenzt im N. u. NW. an die Republik Bolivia, im W. an die Republik Chile, im SW. und S. an den argentinischen Staat Rioja, im O. an Santiago und Tucnman, im SO. an Cordova. Gebirge: im W. der Hauptzug der Cordilleras cv. Band. Zg 562 Catana — Catanzaro. de los Andes, von welchem anS sich in der Richtung von NW. nach SO. die Zweiggebirge Serra de Aconquija, Serra de Ambato und Serra de Ancaste erstrecken; höchster Gipfel: Tupungato 6526 m. Zwischen der Serra de Ambato und Serra de Ancaste das Catamarca-Thal, reich an Golderzen. Flüsse: Rio del Valle und del Tala, im N. Rio de Santa Maria. Boden wegen des Wassermangels sehr dürr und sandig, im C.-Thal dagegen, Las von einigen größeren, gut benutzten Bächen bewässert wird, von reicher Vegetation, ebenso auch das Thal von Belen, sich aber mehr zur Obst- und Viehzucht, als zum eigentlichen Ackerbau eignend. Producte: Baumwolle, Gewürze, Feigen, Oliven, Anis, Walnüsse, herrliche Waldbäume (Pino, Cedro, Pacara), Mais, Äpfel- u. Birnensorten, Wein, Tabak; Rindvieh, Schafe, vor Allem Maulthiere; Gold, Silber, Kupfer (berühmt die Kupferminen von Las Ca- pillitas) u. Steinsalz. Eintheilung: Außer der gleichnamigen Hauptstadt u. ihrem Rectoral in 7 Departimientos: Piedra Bianca, Ancaste, del Alto, Fuerle del Andalgala, Santa Maria, Belen, Tinogasta. 80,000 Ew. Religion: die römisch-katholische. Die Volksbildung, bisher vom Staate fast gänzlich vernachlässigt, ruht vorzugsweise in den Händen der Geistlichkeit, u. für den Volksnnterricht ist wenig gesorgt. Um die Rechtspflege war es seither schlecht bestellt, nur erst seit neuester Zeit existirt ein besonderer Richterstand. Die gesammten jährlichen Einkünfte betragen nur 30,000 Pesos nach dem Aufhören der Tranfitozölle. Handel ziemlich bedeutend und muß sich nach Vollendung der Central-Eisenbahn noch weit mehr heben. Ausfuhr: Vieh, Häute, Tabak, Gewürze, Baumwolle, Weinrc.; Einfuhr: Colonial-, Baumwollen- u. dgl. Waaren. 2 ) (San Fernando Le C.) Hauptstadt darin, im gleichnam. Thal; mehrere Kirchen und Klöster; Gelehrte Schule, 1653 von den Franciscanern gegründet u. jetzt noch geleitet, u. Gymnasium; 6000 Ew., mit dem Weichbilde (Rectoral) 12,000 Ew. Kolve." Catana, im Alterthum das heut. Catania (s. d.). Ostansnoko T., Pflanzeugatt. ans der Fam. der Oompositae-Oioboraesae (XIX. 1); Hüllblätter mit breiten, häutigen Anhängseln, die untersten stachelig; Blüthenboden flach und langborstig; Früchtchen länglich, fast 5kantig, 5—lOrippig, borlüg; Haarkelch mit 5—7 begrannten Spreuschuppen. Von den, 5 im Mittelmeergebiele heimischen Arten werden besonders die blau blühende il. ooerulea D. und die gelb blühende 6. Inreu, T. cultivirt. Engler. Catania (Catanea), 1) italien. Provinz auf der OSeite der Insel Sicilien; grenzt nördl. an die Prov. Messina, westl. an Palermo n. Caltanisetta, südlich an Noto, östlich an das Jonische Meer; 5102 Usicm (92, g gebirgig (Mt. Mulera, Samnro), hat aber außer dem Ätna (s. d.) keine Erhebungen über 1000 m; südl. vom Ätna breitet sich die etwa 220 (Mm. große, überaus fruchtbare Ebene von C. aus; durchflossen vom Simeto, welcher Len Salso, Dittoino u. den Gurna-Longa aufnimmt u. unter dem Namen Giavetta in den Golf von Catania mündet; durchschnitten von 140 bin Eisenbahnen (Messina-Siracusa 60, C.-Leon- forte-Catania 80 km); reich an Getreide, Olivenöl, Wein, Hanf, Flachs, Manna, Seide, Marmor, Soda; getheilt in 4 Bez.: C., Caltagirone, Nicosia u. Acireale, mit 64 Gemeinden u. 34 Can- tonen (Llanäumsitti); 495,415 Ew. 2 ) Hauptstadt darin, am Einfluß der Judicelle ins Meer u. am Fuße des Ätna, Station der u. 1) genannten Bahnen; wegen ihrer Schönheit und Pracht Im LsIIu genannt; Schloß, Kathedrale von weißem Marmor, vor dem Dome ein aus Lava gehauener Elefant, der einen ägyptischen Granit-Obelisken trägt, großartiges Benedictinerkloster San Nicolo u. a. Klöster; Erzbischof, dessen Einkünfte früher meist im Verkaufe des Schnees vom Ätna bestanden; Appellations- u. Criminalgericht; Universität mit Bibliothek; Sternwarte, Naturaliensammlung u. Botan. Garten, verschiedene Collegien u. Museen, Theater; Hospitäler, Findelhaus; großes Kornmagazin; Leinen- u. Seidenweberei, Wachsbleichen, Lakritzensiedereien, Ölpressen, Schnitzereien ans Bernstein, Lava, Marmor und Holz; Handel mit Landesprodncten, Hafenverkehr 1873: 16,169 Schiffe (einschließlich Küstenfahrer) mit 912,309 Tonnen, wovon 279,036 auf den auswärtigen Handel kommen; viele Überreste ans der Römerzeit (Amphitheater, Theater, Bäder, Gräber, mehrere Tempel); 84,397Ew. Stadt u. Umgegend (Acireale) werden wegen ihres milden u. gleichmäßigen Klimas neuerdings als klimatische Kurorte besucht; es finden jedoch oft Erdbeben statt. — C., bei Len alten Catana, wurde im 8. Jahrh. v. Chr. durch eine Kolonie Chalkidier od. von Naxos am südöstlichen Fuße des Ätna u. am Amenanusflusse gegründet; ihr Gesetzgeber war Charondas. Sie wurde bald blühend u. mächtig. Hieran versetzte 467 v. CH. die Einwohner nach Leontini, bevölkerte es mit 5080 Syraküfanern u. ebenso vielen Peloponnesiern u. nannte es Ätna. Nach Hieraus Tode kehrten die alten Bewohner zurück, vertrieben die neuen u. gaben der Stadt ihren alten Namen wieder. Die Athener unter Nikias gewannen die Stadt 414 v. Chr. auf kurze Zeit. Im zweiten Panischen Kriege wurde sie von den Römern unter M. Valerius Messala eingenommen. Augnstus sendete eine Veteranencolonie dahin, u. sie wurde wieder so blühend, daß es nächst Mes- sana die volkreichste Stadt Siciliens war. Unter den vielen Prachtgebäuden zeichnete sich ein Tempel der Ceres u. das Gymnasium des Marcellus aus. Von germanischen Eroberern u. dann von den Saracenen besetzt, blieb sie lange im Besitze der Letzteren. 1169 wurde sie von dem Ätna u. 1693 durch ein Erdbeben zerstört u. stets wieder aufgebaut. Hier 12. Jan. 1848 Volksaufstand; bis zum 6. Febr. waren nach blutigen Gefechten mit dem Militär das Collegio Cutelli u. das Fort Sta. Agnata vom Volke errobert worden; am 6. April 1849 Gefecht zwischen den Neapolitanern u. Sicilianern; Erstere vertrieben die Letzteren aus den- Orte u. besetzten diesen Platz; s. u. Neapel (Gesch.). Schroot.' Catanzaro, 1) ital. Prov.in Calabrien (früher Calabria ulteriore II.), zwischen den Provinzen Co« senza u. Reggio; 5975sZ Icm (108,s UM); gebirgig, waldig, mit vielen Weiden, daher starke Viehzucht, weniger Ackerbau, doch werden Südfrüchte u. Cataract — Catcl. 563 Wein in bedeutenden Quantitäten gezogen, außerdem auch Krapp, Baumwolle, Hanf u. Seide; Mineralien: Braunkohlen, Eisen, Marmor, Graphit; unter den unbedeutenden Flüssen ist der Crat der größte; die Prov. ist von 159 km der Eisenbahn Taranto-Reggio durchschnitten; 412,226 Ew. in 152 Gemeinden, 37 Cantonen u. den 4 Bezirken C., Cotrone, Monteleone di Calabria u. Nicastro. 2)Hauptstadt darin, Station der vorgenannten Bahn; Bischofssitz; Appcllations- u. Criminalgericht, Civiltribunal; Techn. Schule (Lyceum), bischöfliches Seminar; Theater; Fabrikation von Seidenzeugen, Wollenteppichen; Handel mit Seide, Getreide, Wein u. Öl; 24,091 Ew. Schwot. Cataract, die aus dem Alterthum stammende Bezeichnung für Grauen Staar, insofern man denselben sür ein ans dem Gehirn od. Magen stammendes Häutchen hielt, welches sich zwischen Regenbogenhaut u. Krystalllinse des Auges herabsenke. Daher Cataract-Operation, so viel wie Staar-Operation; s. Staar. Stammest,aus. Catargin, Laskar, rumänischer Minister; zählte zu den Gegnern des Fürsten Cnsa u. trat, nachdem er bei dessen Sturze thätig gewesen, mit General Golasco und Oberst Haralambi 23. Febr. 1866 in die Provisorische Regierung Rumäniens. Nach dem Einzüge des Fürsten Karl und Übernahme der Regierung durch denselben (24. Mai 1866) bildete C. das neue Ministerium, in welchem er das Präsidium u. das Innere übernahm; 28. Juli jedoch mußte er schon einem Ministerium Ghika-Stirbey weichen. Am 23. März 1871 wurde er, nachdem das Ministerium Ghika infolge des Pöbel-Krawalls wider die das Geburtsfest des Kaisers feiernden Deutschen seine Entlassung nehmen mußte, wieder mit der Bildung eines Ministeriums betraut, das 24. März zu Stande kam und in welchem er wie früher das Präsidium und das Innere übernahm. Seinem gemäßigten u. legalen Auftreten war es zu danken, daß der Conflict mit dem Vertreter des Deutschen Reiches beseitigt wurde, was aber noch wichtiger war, daß der Fürst Karl von seiner Absicht, angesichts der Wirren des Landes die Negierung nicdcrzulegen, Abstand nahm u. die dem neuen Ministerium ein Mißtrauensvotum gebende radicale Kammer aufgelöst wurde. Bei der Neuwahl erhielt das Ministerium C. eine bedeutende Majorität u. infolge Lessen bis in die neueste Zeit mehrfach Vertrauensvota; indeß bei der im März 1875 zur Verhandlung kommenden Frage eines Eisenbahn- tmschlusses von Plojescht nach der siebenbürgischen Grenze mußte C., um einem Mißtrauensvotum auszuweichen, die Vorlage zurückziehen u. kam über eine Auflösung der Kammer nur dadurch weg, daß die vierjährige Legislaturperiode bereits im Ablaufen war und mithin die Kammer ohnedies 28. März 1875 geschlossen werden mußte. Unter seiner Leitung wurden bedeutende Reformen in der Gesetzgebung dnrchgeführt u. besserte sich die innere Lage des Landes erheblich, weshalb wol auch die im Mai 1875 stattgehabten Neuwahlen wieder eine ministerielle Mehrheit brachten. Lagai. Lstsrrbmi (Schmalnasen) sind die Assen der Alten ; Welt, „ist schmaler Nasenscheidewand; s. Affen., llstsrcbus, s. Katarrh; 6. vssieao, s. Harnblasenkatarrh rc.. Catawba, 1) schissbarer Fluß in den Staaten N- u. SCarolina (Vereinigte Staaten von NAme- rila); entspringt ans der Blue-Nidge in der Grafschaft Burke in NCarolina, nimmt bei Rocky- Mount Leu Namen Watcree an und vereinigt sich mit dem Congaree, den Santee bildend. 2) County im westlichen Theil des Staates NCarolina, vom gleichnamigen Flusse durchflossen; Boden fruchtbar, Weideland; Producte: Mais, Weizen, Rindvieh, Eisen; 11,000 Ew.; Hauptstadt: Newton: organisirt 1842. Catawba-Wein, ein ans der Traube einer am Catawba in NCarolina heimischen Rebe im Staate Ohio durch Veredelung des Wcinstockes gewonnener Wein, ähnlich dem aus der Rißling- traube erzeugten Rheinwein; wird namentlich in Cincinnati viel zu Champagner verarbeitet. Catean (Le C., Chatean-Cambresis), Stadt im Arr. Lambrai des franz. Dep. Nord, am Seiles, Station derNBahn; Wollen- u. Baumwollenspinnereien, Seidenfabrikation, Gerberei, Kalköfen, Ziegeleien, Fabriken in Seife, Zucker, Öl, Tabak; 9500 Ew.; Geburtsort des Marschalls Mortier, dessen Bronzestatne sich daselbst befindet. — C. wurde 1001 von dem Bischof Herlnin mit Mauern umgeben u. zur Stadt gemacht. Hier 1559 Friede zwischen Frankreich mit England u. Spanien (2. n. 3. April); s. n. Frankreich. Hier 1642 Sieg der Spanier über die Franzosen u. im Französischen Nevolntionskriege 26. April 1794 Gefecht zwischen den Österreichern u. Franzosen. Catechu, s. Katcchn. Cateja, kurzer, schwerer Wurfspieß bei den Galliern und Germanen. Catcl, 1) Charles Simon, franz. Compo- nist u. Mnsiktheoretiker, gcb. 13. Juni 1773 in LÄigle im Waadtlande; kam früh nach Paris, wurde 1790 Accompagnateur bei der Großen Oper u. 1792 Professor am Conservatorinm der Musik. In der Revolution setzte er für die Nationalgarde Märsche u. a. Militärmusik u. zu den National- festen die meisten Gesänge mit Begleitung von Harmonicmusik, die seitdem durch ihn vorzüglich in Aufnahme kam. Er wurde 1810 zum 4. Jn- spector am Conservatorinm ernannt, zog sich aber 1814 zurück, wurde 1815 Mitglied der Akademie der schönen Künste, 1824 Ritter der Ehrenlegion; st. 29. Nov. 1830. C. schr.: 1'raits ä'üarmonis, Par. 1796, 1802. Seine vielen Opern, z. B. Lsmiramis (1802), I>ss Lajaäsrss (1810), I/sm- bsrxs äs Laxnvrss, I-ss auborAmtsa äs gualits, ausgezeichnet durch schönen Fluß der Melodie u. Reinheit der Harmonie, wurden ihrer Zeit auch in Deutschland (z. B. Die vornehmen Wirthe) häufig gegeben; ferner schrieb er Quintette, Sonaten f. Klavier u. a. 2) Ludw. Friedrich, geistvoller deutscher Architekt franz. Abkunft, geb. 1776 in Berlin; bildete sich in Berlin u. Paris u. 1811 in Italien, kehrte 1812 nach Berlin zurück, unternahm Vieles u. führte Weniges ans. Die Erzeugnisse seiner Stucco-Mosaik-Fabrikfandeu starken Absatz. Er schrieb über Bertheidignugs- > n. Befestigungskunst, über Verbesserung von Theatern, über Wafferheizung rc. Wegen seiner über- 36 * 564 Ostens, — Sta. Catharina. spannten, oft ganz unausführbaren Ideen wurden ihm viele Kränkungen zu Theil. Er lebte einige Jahre in Geisteszcrrüttung und starb 1819. C. schrieb über viele Gegenstände, oft in excentrischer Weise. 3 ) Franz, Bruder des Vor., Zeichner und Maler, der römischen Schule zugehörig, geb. 22. Febr. 1778 in Berlin; beschäftigte sich anfangs mit Jllustriren von Taschenbüchern u. Prachtausgaben, zeichnete u. a. die 10 Illustrationen zu Goeches Hermann u. Dorothea vom Jahre 1799, malte dann in Aquarell u. Ol, n. nachdem er die Schweiz bereist hatte, ging er 1807 mit seinem Bruder nach Paris, von da 1809 nach Italien u. kam 1812 nach Rom. Er versuchte sich sowol im Genre, wie in der Historie, wandte sich aber mit Vorliebe der Landschaftsmalerei zu. Von Rom aus reiste er mit dem Fürsten Galyzin 1818 nach Sicilien, wo er eine Anzahl neuer Motive zu Landschaftsbildern sammelte; 1840 durchreiste er Frankreich, England, die Niederlande u. Deutschland, wurde Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Er st. 19./20. Decbr. 1856 in Nom. C. hinterließ ein bedeutendes Vermögen, welches er großentheils zuv Unterstützung unbemittelter deutscher u. italienischer Künstler bestimmte. Die geschätztesten Bilder von ihm sind: Ermordung des Nikolaus von Bernau (in Wasserfarben); Auferstehung Christi, in der Luisenkirche zu Char- lottenbnrg; ferner an Landschaftsbildern, in denen er der modernen elastischen Richtung folgte: Ansichten von Palermo, Amalfi, von der Grotte Are- thusa, ein Sonnenuntergang bei Neapel, ein Secsturm (sämmtlich in der Neuen Pinakothek zu München), die Colonnaden der St. Peterskirche im Mondschein, ein Sturm am Ätna, Ansicht der Via Appia, der Krater des Vesuv, Ruinen von Pästum, die Villa des Mäcenas. Von seinen zahlreichen Genrebildern, meist mit landschaftlicher Staffage u. das Volks- und Familienleben der Gegenden, denen sie entnommen sind, charakteri- sirend, ist bemerkenswerth: Reichs Abschied von der Heimath (nach Chateaubriands Atala). C. führte auch in geistreicher Weise die Radirnadel. 1) Brambach? 2> 3) Regnet? Ostens, (lat.), Kette, tlstsusris, die Kettenlinie. Catcnacci (Ercole), ital. Landschaftsmaler der Gegenwart, geb. 1816 in Ferrara; bildete sich in Bologna und Rom; mußte infolge der Revolution von 1831 nach Korfu entfliehen, bereiste Griechenland u. den Orient, lehrte einige Zeit in einer der Schulen von Constantinopel Archi- tektur u. Topographie u. lebt jetzt in Paris. Er betheiligte sich an der Illustration des Buches: Die Touraine (1855) u. an den Prachtwerken: Irssors äs 1'srt und I-es gslsriss xubUguss äs 1'Luroxs, von Armengaud (1858—59). Regnet. Ostenss pstrum (Catenen), gesichtete, geordnete u. kettenartig aneinandergereihte Auszüge aus den Commentarcn der Kirchenväter zu den biblischen Büchern, Erklärungen nach Art der Scholiasten. Diese Erklärungen standen entweder am Rande des Textes, od. nach einzelnen Versen od. anderen kleinen Textabschnitten. Von den Kirchenvätern sind bcs. Origenes, Chrysostomus, Theodorus, Cyrillus u. in der Lateinischen Kirihe Augustinus benutzt. Früher Lpitsmai oder äbxexsseis s^Usxeissi (exegetische Anthologien), (Asssss u. ?ostiUss genannt, erhielten sie erst später im Mittelalter den Namen 6. Ihre Zahl ist sehr groß, und sie sind nur zum geringen Theil genannt; wichtig sind die griechischen 0., so zum Oktateuch, Lpz. 1772 f., 2. Th.; zu den Psalmen, herausgeg. von Cor- der, Antw. 1643—46, 3. Th.; zu Hiob, herausgeg. von Junius, Lond. 1637; zum Hohen Lied, herausgeg. von Meursius. Leyd. 1617; zu Jeremias, bei Ghislers Commentar, u. zum Daniel in Mais Lvriptorum vsbsrum novs. eollsotro, 1. Bd.; zu Matthäus, herausgeg. von Possiims, Toni. 1646, u. von Corder, Antw. 1647; zu Marcus, herausgeg. von ^Possinus, Rom 1673, u. von Matthäi, Mosk. 1775; zu Lukas, von Titus Bo- strensis, im 2 Bd. von Ducäus' ^.uetsrium inblio- tärseas pstrum; zu Johannes, herausgeg. von Corder, Antw. 1630; zu den Katholischen Briefen, von Matthäi, Mosk. 1782; über das ganze N. T. gab Cremer, Oxf. 1838—44, 8 Bde. heraus. i-> Oseteris psrlbus (lat., wenn das Übrige gleich ist), unter gleichen Umständen. Ostsrvs (lat.), Schaar, Haufe; daher Ostervsrü, in Gladiatorenspielen, wenn die Parteien nicht aus einzelnen, sondern aus ganzen Haufen bestanden, welche das Schauspiel einer förmlichen Schlacht gaben. Catesby, Marens, englischer Reisender und Botaniker, geb. 1679 (1680) in London; machte 1712—19 u. wieder 1722—26 Reisen in naturhistorischem Interesse in Virginien, Carolina, Florida u. den Bahama-Jnseln; st. 1749 in London. Er sehr.: Mrs natural stistorz- ok Osrolius, klo- riäs snä tsts Lsirsms Islands, Lond. 1730—43, 2 Thle., Anhang 1748,3 A., 1771, deutsch, Nürnb. 1756; Hortus dritsnno-amsriesnus, Lond. 1763, n. A., 1767. Ostks I-drs/c., Pflanzengatt, aus der Fam. der 6eIs8tr1usss-6e1s8trsss(V.3), Strauch mit grauen Zweigen, gegenständigen, lanzettlichen, lederartigen, grob gesägten Blättern u. kurzen, achselständigen, verzweigten Trugdolden mit kleinen fünstheiligen Vlüthen, in deren dreifächerigen Fruchtknoten jedes Fach zwei aufrechte Eichen enthält; Frucht eine lineal-längliche, dreikantige, fachspaltig aufspringende, 1—3samige Kapsel. Die einzige Art dieser Gattung, 6. säulis FdrsL., ist in Afrika von Abessinien bis Port Natal verbreitet, sowol wild wachsend, als auch cultivirt, da die Blätter der Pflanze bei den Arabern als stimulirendes Mittel sehr beliebt sind; auch ist der Glaube verbreitet, daß an den Orten, wo dieser Strauch wachse, die Pest nicht auftrete. Engler. Osttisorstios (gr., Chir.), Ätzmittel; s. Kauterien. Sta. Catharina, 1) eine der zum Stromgebiete des Rio de la Plata gehörigen brasilianischen Provinzen; nach der wol stark übertriebenen officiösen Angabe 112,385, wahrscheinlicher etwa 49,000 Hskm (890 (UM); besteht aus einem schmalen Küstenstriche am Atlantischen Ocean (im N. von der Provinz Parana, im S. u. W. von der Provinz Rio Grande do Sul begrenzt) u. der gegenüber liegenden gleichnamigen Insel; Gebirge: Serra de Santa C. (Zweig der Serra do Mar), die Grenze gegen W. bildend; Flüsse: Rio Jtajahy, Tubaräy, Tejucas, Biguassü; Cu-- > Latlirii-tss — Catilina. 565 batäo; Boden: sehr fruchtbar, im W. ziemlich waldig, unter allen Provinzen Brasiliens am geeignetsten für europäische (namentlich deutsche) Co- lonisation; Klima: sehr gesund, weshalb die Prov. das brasilianische Paradies genannt wird; Products: die gewöhnlichen brasilianischen; officiös 200,000, wahrscheinlicher etwa 160,000 Ew.; Hauptstadt: Nossa Senhora do Desterro (an der schmälsten Stelle des vom Festlande trennenden Kanals). Bon deutschen Colonien bestehen bereits: Donna Francisca, (vom Hamburger Colonisationsverein 1851 gegründet), Blumenau, am Fluß Jtajahy, Colonie Brusque, Colonie Angelina, St. Isabel u. Theresopolis. 2) Die zur gleichnamigen brasilianischen Provinz gehörige Insel, nur durch einen schmalen Kanal vom Festlande getrennt; gebirgig und waldig; ein verhältnißmäßig großer Theil wird von Seen (Lagos) eingenommen; ans ihr die Hauptstadt der Provinz mit Hasen u. Fort (dessen Commandant sonst stets ein Mitglied der FamilieVasco de Gama war); Walfischfang. Koipe.» vstkartos, s. Aasgeier. Catheart, 1) William Shaw Graf, engl. Staatsmann, geb. 17. Sept. 1755 in Schottland; studirte die Rechte, ging mit seinem Vater Charles C. 1768 nach Petersburg, wo derselbe britischer Gesandter wurde, und studirte dann in Glasgow, diente seit 1777 als Soldat in Amerika u. wurde 1786 ins Parlament gewählt; er begleitete als Brigadier 1793 den Lord Moira nach dem Con- tinent u. kam als Generalmajor mit den Resten der Armee zurück; 1801 wurde er Generallieutenant u. 1803 Oberbefehlshaber in Irland; befehligte 1807 die Landarmee beim Bombardement von Kopenhagen und wurde dann zum Peer und Viscount ernannt. 1812 ging er als Gesandter nach Rußland; als solcher machte er im Gefolge des Kaisers Alexander die Kriege 1813—14 mit u. Unterzeichnete alle für England während dieser Zeit geschlossenen Verträge; er wurde 1814 zum Grafen erhoben, privatisirte dann u. st. 17. Juni 1843 auf seinem Gute Cartside bei Glasgow. 2) Charles Murray, Graf C., früher Lord Greenock, Sohn des Vor., geb. 21. Dec. 1783; trat früh in die englische Armee ein u. focht erst in Spanien und 1815 in den Niederlanden unter Wellington gegen die Franzosen; 1830 wurde er Generalmajor n. 1837 Gouverneur von Edinburgh Castle; 1846—51 führte er als Generallieutenant den Oberbefehl in Canada. Nach seiner Rückkehr aus Amerika wurde er General; st. 15. Juli 1859 in St. Leonards bei Hastings. 3) George C., Bruder des Vor., geb. 12. Mai 1794 in London; studirte in Edinburgh, trat 1810 in die Armee ein, wurde 1811 Lieutenant in einem Dragoner-Regiment u. begleitete 1812 seinen Vater nach Petersburg. An den Feldzügen 1813 u. 1814 nahm er im Hauptquartier des Kaisers Alexander theil u. ging nach der Einnahme von Paris mit seinem Vater zum Congreß nach Wien, wurde nach der Rückkehr Napoleons von Elba dem Herzog von Wellington als Adjutant zugetheilt u. nahm als solcher an den Schlachten von Quatrebras und Waterloo theil. Zum Capitän rückte er 1818 auf u. begleitete später den Herzog von Wellington um Congreß nach Aachen u. dann 1826 nach Rußland. 1828 erhielt er als Oberstlieutenant das Commando eines Infanterie-Regiments u. stand mit demselben in Neu-Schottland, dann auf den Bermudas-Inseln u. zuletzt auf Jamaica. Seit 1834 zog er sich aus dem activcn Dienste zurück, bis er 1837 das Commando einer Cavalerie- Brigade in Canada erhielt. Kurz danach zum Oberbefehlshaber über die südlich vom St.-Lorenz- Strome operirenden Regierungstruppen ernannt, warf er den Aufstand nieder. 1844 kehrte er nach England zurück, wurde 1846 Dcputy-Lieutenant des Tower u. übernahm als Generalmajor 1852 am Cap der guten Hoffnung den Oberbefehl im Kriege gegen die Kaffern, wo er in kurzer Zeit den Frieden wiederherstcllte. Im Russisch-Türkischen Kriege erhielt C. das Commando der 4. Division der englischen Truppen n. fiel 5. Nov. 1854 in der Schlacht bei Jnkerman. Er sehr.: Ooirmrsn- tariss on tirs rrar in Lussia nnä Osrmnn)- in 1812 anä 1813, Lond. 1850. 1--* vatbeäratwum, die jährliche Abgabe jeder Kirche (außer den Klosterkirchen) an den Bischof des Sprengels oder an den denselben vertretenden Archidiaconus, die bei den Visitationen erhoben u. daher Llirog-äa, oder bei Abhaltung der Synoden erlegt u. daher 8/noäg.tiouia (8/noäaIia, 8zmoäali8 eonsus) genannt wurde. Cathelineau, Jacques, geb.?S. Jan. 1759 in dem Dorfe Pin-en-Mauge, Leinwandhändler von Profession, das Haupt der royalistischen In« surrection, die 1793 in diesem District entstand; s. Vendeekrieg. Zum Generalisstsmus der Armee wider seinen Willen ernannt, griff er 29. Juni Nantes an, wurde aber zurückgefchlagen u. nach wiederholtem Angriffe gefährlich verwundet; er st. 10. Juli 1793 in St. Florent. Catilina, Luc. Sergius, Persönlichkeit der röm. Geschichte, aus einer verarmten patricischen Familie, geb. 108 v. Chr.; ermordete in seiner Jugend seinen Schwager u. wurde dann Sullas Genosse u. brauchbarstes Werkzeug bei den Proscriptionen n. durch dessen Gunst von einem Ehrenamte zum anderen erhoben, in denen allen er durch Erpressungen sich verhaßt machte. Auch in seinem Privat- und Familienleben gehörte er zu den Verdorbenen seiner Zeit; er hatte eine Vestalin verführt, Gattin u. Sohn ermordet, uni die verrufene Aurelia Orestilla zu heirathen, wurde jedoch, 73 v. Chr. deshalb verklagt, von Lein Gerichte freigefprochen. Im Jahre 77 v. Chr. verwaltete er die Quästur, wurde im Jahre 69 Prätor u. 68 Proprätor in Afrika, wo er sich die schändlichsten Bedrückungen der Provinzialen erlaubte. Nachdem er schon 66 ohne Erfolg eine blutige Umwälzung geplant u. 63 vergebens um das Consulat angehalten hatte, stiftete er in diesem Jahre mit anderen Unzufriedenen die Catilinarische Verschwörung, wodurch er sich des Capitols bemächtigen, Nom in Brand setzen, den Consul Cicero u. den größten Theil der Senatoren ermorden u. sich der Regierung bemächtigen wollte; s. u. Rom, Gesch. Kurz vor dem Ausbruche gab Fulvia, die Geliebte eines Mitverschworenen, Q. Curio, mittelbar dem Consul Cicero Nachricht; dieser trug dem Senat die Sache vor, u. durch seine Catilinarischen Reden (s. u. Cicero) bewirkte er die Entfernung 566 Catinat — Cato. C-s aus Nom, dann die Ächtung desselben, die wachsamste Beobachtung der in Rom zurückgebliebenen Verschwörer u. endlich deren Gefangennahme u. Hinrichtung. C. selbst war inzwischen zu dem in Etrurien versammelten Heere der Verschworenen gegangen; hier wurde er bei Pistoria von Antonius geschlagen u. fand seinen Tod im Kampfe, Ans. 62 o. Ehr. Die Geschichte dieser Verschwörung hat Sallustius in seiner Loujuratio Latiiinas beschrie- den. Kürnberg hat C. zum Gegenstände eines Dramas (1955) u. Liugg eines Trauerspiels (1864) gewählt. Vgl. Hagen, C., Königsberg 1854. i--* Catilnmrische Existenzen, so v. w. Verschwörer, oder die es werden könnten. Catinat, 1) Nicolas de C., sranz. Marschall, geb. 1. Sept. 1637 in Paris; studirte anfangs die Rechte, wurde Soldat n. wohnte den Feldzügen in den Niederlanden von 1667—75 bei, zog, 1681 zum Narsosiaiäs Lamp ernannt, 1686 gegen die Waldenser u. wurde 1687 Gouverneur von Luxemburg. In dem Kriege mit dem Herzog von Savoyen befehligte er als Generallientenant, siegte 1690 bei Stafsarda u. 1693 bei Marseille, bemächtigte sich Savoyens u. eines Theils von Piemont u. wurde deshalb 1692 Marschall. 1697 zog er mit nach Flandern und eroberte Ath; im Spanischen Erbfolgekriege übernahm er wieder den Oberbefehl, wurde aber 9. Juli 1701 vom Prinzen Eugen bei Carpi geschlagen u. zurückge- drängt und verlor deshalb das Obercommando; 1702 befehligte er das französische Heer am Oberrhein, wo er vergebens Landau zu entsetzen suchte. Er erhielt seine Entlassung u. st. 25. Febr. 1712 auf seinem Gute St. Gratien. Vgl. Crequi, Llsm. pour svrvir L 1a vis äs Latinat, Par. 1775. 2) Abdias Maurel, genannt C., weil er unter dem Vor. gedient hatte, geb. in Caylas, Anführer der Camisarden in den «evennen; ließ dort alle katholischen Priester tödten u. die Kirchen nie- derreißeu. Nach mehreren unglücklichen Gefechten mußte er die Amnestie annehmen u. zog sich in die Schweiz zurück, kehrte aber bald aus Anstifter! Englands zurück, stellte sich an die Spitze der Verschworenen, die den Marschall Berwick entführen wollten. Das Complot wurde entdeckt, C. gefangen genommen n. 1705 verbrannt. i--* Catn», George, amerikanischer Maler, Reisender und Ethnograph, geb. 26. Juli 1796 zu Wilkesbarre (Luzerne County) in Peunsylvanien; bildete sich zum Advocaten aus, wandte sich aber nach zweijähriger Praxis der Malerei zu n. begleitete 1830—31 den Gouverneur Clark von St. Louis zu Len Winnebagoes, Menomonies, Shaw- nees, Sacs u. Foxes, unter denen er die Reihe seiner etwa 500 Nummern zählenden Jndiauer- abbildungen eröffnet? u. zu deren Herstellung er ganz Amerika von Alaska bis Patagonien während 25 Jahren durchreiste. Er begab sich darauf nach Europa, wo er bis 1871 weilte, u. veranstaltete, nach NAmerika zurückgekehrt, eine Ausstellung seiner Gemälde im Museum der Smithsonian Institution in Washington, wo dieselben auch nach seinem 23. Dec. 1872 in Jersey City erfolgten Tode verblieben. Der Werth seiner Bilder ist ein mehr ethnologischer, als künstlerischer, in ersterer Hinsicht aber um so bedeutender, als die ganze indianische Race bekanntlich überall dem rasch,,» Berylle entgegcngeht u. viele Stämme, von denen er Copien nahm schon jetzt ausgestorben sind. Kataloge seine, Sammlung gab er 1840 u. 1845 heraus. Außerdem schrieb er die mit 300 Stahlstichen nach seinen Gemälden illustrirten Imbtsrs anä nobss ou tbs marmsrs, cuoboms anä eonäition ok tilg dlortb- A,merisall Inäiaus, New-Dork 1841, 2 Bde., 2. A., 1846, deutsch von Berghaus, Brüss. 1848; ferner Iflortlr-Linsrioan kortkoiis ok buntinA soenss, mit 25 Tafeln, Lond. 1844; I-iks amonx tsis Inäians; Account ok a journo/ to tsis Lotssu äes krairiss; I7otss ok si§bb ^sars' travsis anä resiäsnee io Europa, 1848, 2 Bde.; Last ramblso in ssiortsi- anä Loutsi-Lmsriea, 1867. Schroot, Cato. Unter diesem Namen existirt eine lateinische Spruchsammlung: visbiobs, äs moribus (moralische, zweizeilige Denkverse) in 4 Büchern, von unbekanntem Verfasser, seit dem 4. Jahrh. n. Ehr. durch das ganze Mittelalter in Schulen häufig gelesen, deswegen auch sehr interpolirt; zuerst herausgegebcn Augsb. 1475, dann von Arntzen, Utr. 1735; von Bernhold, Neust. 1784; von Tichucke, ebd. 1790; deutsch von Pistorius, Strals. 1816, u. Fleischner, Nördl. 1832; griechisch von Max. Planudes, herausgegeben von Opitz, 1662; Der deutsche C. von Zarncke, Lpz. 1853; Beiträge zur mittelalterlichen Spruchpoesie, von Dems., in den Berichten der K. Sächs. Gc« feilsch, d. Wissensch., 1863; Fejfalik, Der altböhmische C., im Sitzungs-Berichte der Wiener Akademie, 1861. Cato, ein Zweig des Geschlechtes der Porcir im alten Rom: 1) Marcus Porcius E. Cen- sorius oder C. Major, Superior, Priscus (C. der Ältere), geb. 234 v. Ehr. in Tusculum, aus einer plebejischen Familie; lebte erst auf seinem Gute im Sabiuerlaude, diente dann im zweiten Punischen Kriege gegen Karthago u. machte 211 die Belagerung von Capua n. 209 von Tarent mit. Hierauf lebte er als Sachwalter in Rom u. ging 204 als Quästor mit Scipio nach Sicilien. Nach seiner Rückkehr klagte er den Scipio der Verschwendung an u. stieg dadurch, obgleich dieser freigesprochen wurde, in der Gunst des Volkes. Er wurde 199 Ädil, 198 Prätor u. Proprätor in Sardinien, wo er die Wucherer von der Insel vertrieb u. die Verpflegungskosten der Prä- toren sehr herabsetzte, u. 195 Consul. Als solcher ging er nach Spanien, unterwarf diese aufrührerische Provinz und erhielt dafür einen Triumph. 191 focht er als Legat unter dem Consul Man. Acilius Glabrio in Griechenland, wo er durch den Sieg bei den Thermopylen den König Antiochos zum Rückzüge aus Griechenland nöthigte. MS Censor (184 v. Ehr.) zeigte er sich sehr streng n. eifrig, dem Luxus u. den Ausschweifungen zu steuern u. die alte Einfachheit der Sitten wieder eiuzusllhren. Dies zog ihm viele Feinde, besonders unter der Nobilität, zu, u. sein Leben verging in stetem Wechsel, anzuklagen u. augeklagt zu werden. In hohem Alter wurde er im Jahre 157 noch nach Afrika gesendet, um Streitigkeiten zwischen Masinissa u. Karthago auszugleichen. Dort beleidigt von den Karthagern durch ihre Hartnäckigkeit, rächte er sich nach seiner Rückkehr nach Cato — Cattanco. 567 Nom an ihnen dadnrch, daß er jede seiner Reden mit den berühmten Worten schloß: Oetsrum osn- sso, Oarbl:a§invm ssss äelsnänm (im Übrigen bin ich der Ansicht, daß Karthago zerstört werden muß). Er st. Ende 149 v. Chr.'C. war bei seiner Redlichkeit, Ernsthaftigkeit, Unbestechlichkeit, Liebe zur alten Einfachheit u. Zucht nicht frei von Ruhmredigkeit, Härte u. Rachsucht; er besaß große Rednergabe u. Kenntniß in der Landwirthschaft. Lebensbeschreibung bei Plutarchos n. Cornelius Ne- pvs, unter Neueren von O. Jäger, Halle 1870. Seine Schriften über die Erziehung der Kinder, über die Sitten, ^poxlrttzsAmaba, n. a. m. sind fast säinmtlich verloren; die Fragmente der Ori- ginss (einer Geschichte Roms), herausgeg. Par. 1588, Vened. 1568, Par. 1612, in Krause, Histo- rioormn rom. kraAmeuta, Berl. 1833; von Wage- ner, Bonn 1849; von Bormann, Brandenb. 1859; die Fragmente feiner Reden, deren über 150 bekannt waren, in Meyer, Oraborum rom. kra§- wsnta, Zür. 1842; Sammlung aller Fragmente von Jordan, Lpz. 1860; übrig ist noch: I>s rs rnatioa (in späterer Überarbeitung), gewöhnlich mit dem Lerlxboros rsi rnstioas abgedruckt, erste Ausg., Vened. 1472; beste Ausg. von Schneider, Lpz. 1794—97, 4 Bde. (7Thle.). 2) Marcus Porcius C. Licinia nus, Sohn des Vor.; focht 173 v. Ehr. in Ligurien u. zeichnete sich 168 bei Pydna aus; st. 152. Fragmente seines Commen- tars über das Civilrecht gab Meursius heraus. 3) Marcus Porcius C. Uticensis, Urenkel von C. 1), geb. 95 v. Chr.; wurde nach dem frühzeitigen Tode seines gleichnamigen Vaters von seinem Oheim, Livius Drusus, erzogen. Schon jung an Entbehrungen gewöhnt, hielt er auf einfache Sitten, strenge Gerechtigkeit u. stoische Tugend u. warein eifriger Führer der Senatspartei. Er diente 72 v. Chr. im Sklavenkriege u. 67 in Makedonien als Befehlshaber einer Legion, durchreiste dann die röm. Provinzen in Asien u. brachte den Stoiker Athenodoros mit nach Rom; 65 wurde er Quästor u. 62 Volkstribun; als solcher betrieb er vorzüglich die Hinrichtung der vornehmsten Mitverschworenen Catilinas u. widersetzte sich Cäsars u. Pompejus' Angriffen auf die Staatsverfassung nachdrücklich, wiewol vergeblich. Nach Cypern (s. d., Gejch.) geschickt, setzte er den König Ptolemäos ab und annectirte die Insel. Um dem ersten Triumvirat entgegenzuwirken, bewarb er sich um die Prätur, welche Stelle er erst 54 erhielt, trat aber in dein darauf folgenden Bürgerkriege auf des Pompejus Seite, in dessen Lager er auch, mit den Zeichen der öffentlichen Trauer, 49 flüchtete, da er als Proprätor in Sicilien von hier vor dem von Cäsar dahin geschickten Scribonius Curio gewichen war. Nach der Schlacht bei Phar- salus zog er seine Truppen nach Korkyra, setzte nach Afrika über u. marschirte nach Utica, wo er sich mit Metellus Scipio vereinigte u., obgleich zum Feldherrn erwählt, den Oberbefehl diesen: überlassend, nur den Befehl über die Besatzung der Stadt übernahm. Nach dem Siege Cäsars bei Thapsns (46), da Utica nicht mehr zu halten war, stürzte er sich vor der Übergabe der Stadt in sein Schwert (8. April 46) ,u. erhielt davon feinen Beinamen Uticensis; s. Afrikan. Krieg. Vgl. Wartmann, Leben des C. v. Utica, Zür. 1859; Gerlach, M. Porcius C. der Jüngere, Bas. 1866. Oatookus (Lntootia, Caisni, Norbus nttonitns Oslo:, Oatnis^ms), s. Starrjncht. Catoniamsche Nestel, die nach einem der Catonen (entweder dem Älteren, gest. 148, oder dem Jüngeren, Sohn des Vor., gest. 152 v. Chr.) genannte Regel, ist der Rechtssatz, daß die Giltigkeit eines Vermächtnisses nach dem Zeitpunkte, in welchem die Verfügung geinacht worden ist, zu be- urtyeilen sei, so daß also ein Vermächtniß, welches ungiltig gewesen wäre, wenn der Testator sofort nach der Errichtung des Vermächtnisses gestorben wäre, unter allen, Ümständen ungiltig bleibt. Catonische Ära (C. Zeitrechnung), die Zeitrechnung, nach welcher die Erbauung Noms nach Cato dem Älteren auf das Jahr 752 v. Chr. gesetzt wird; s. u. Jahresrechnung. Catoosa, County im Nordamerika». Unionsstaate Georgia, unter 34° n. Br. u. 85° w. L.; 4400 Ew.; Conntysitz: Ringgold. Catorce (Purissima Concepcion de Alamos de C.), Bergstadt n. Hauptort eines gleichnamigen Districts im mexicanifchen Staate San Luis Po- tosi, 2683 m hoch über dem Meere, in einer traurigen u. öden Gegend; die Bergwerke, welche unterhalb der Stadt in einer Schlucht, aber noch über 2300 m hoch liegen, lieferten früher etwa 10 Milk. Ll. Ausbeute, sind aber jetzt auf ein Viertel davon zurückgegangen. Cats, Jakob, niederländischer Dichter, geb. 10. Nov. 1577 in BroNwershaven auf Zeeland; stndirte Rechtswissenschaften in Leyden, prakticirte im Haag u. lebte dann in seiner Vaterstadt, später war er in Middelburg u. dann in Dordrecht Syndicus, ging 1627 u. 1651 als Gesandter nach England u. wurde 1636 Großpensionär von Holland u. 1648 Großsiegelbewahrer; st. 12. Sept. 1660 auf seinem Landgute Zorgvliet; 1829 wurde ihm zu Gent ein Denkmal gesetzt. Er sehr, die Gedichte Lmblsmnta sn Avnsbsslvsn; LlanAäo- pliosib sn Hsräsosülaobb, 1618; Aslksati/ä, 1620 ff.; Llannslijics llelsbnariioiä, 1622; Lausitz Ic (die Ehe), 1628 (sein Hauptwerk); kiotsns ok 2inns- sn Mnnsbssläsr, 1627; ZpisAsI van cksn oncksn sn nisn^sn lijb, 1635; MornvrinA, 1634 (Erzählungen); Ouäsrckom sn Lsubolsvsn; Ooock- siist van cks I-svsnckiAsn; InobtiNnriA Iwven u. a., Amst. 1656 f. Poetische Selbstbiographie, 1709. Werke 1658 u. ö., n. A. von Feith, 1790 bis 1800, 19 Bde.; von van Vloten, Zwolle 1856 bis 1862, 2 Bde.; n. A., Schiedam 1873; deutsch, als: Sinnreiche Werke u. Gedichte, Hamb. 1710 bis 1717,8Thle. Über ihn schr.Alsche, Lpz. 1828. i--' Catskill, 1) Hanptort des County Greene im Nordamerika:!. Unionsstaate New-Iork, an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Hudson; 6 Kirchen; 2 Banken; 6300 Ew. 2) (C. Mountains) Zweig des Appalachengebirges in der Grafschaft Greene; höchste Spitzen: Round Top 1160 m. High Peak 1133 m. Das C. M. House, ein besuchter Gasthof, liegt auf einer Terrasse 762 m über dem Wasserspiegel des Hudson; prachtvolle Aussicht auf das Hudson-Thal. Cattaneo, 1) Danese, italienischer Bildhauer, Architekt u. Dichter, geb. um 1500 in Carrara, 568 Cattaraugus Schüler Sansovinos, Freund Titians, Bembos u. vieler anderen Künstler und Gelehrten. Werke: Apollon, in der Münze zu Venedig; Denkmal Al. Contarinis in S. Antonio in Padua; des Mausoleums des Giano Fregoso in S. Anastasia in Verona. Er schr.: I/Xmoro äs Ularkisa. 3) G a e- tano, in seiner Jugend Maler, dann Zeichner an der Münze zu Mailand; wurde Gründer u. später Director der k. k. Münzsammlung u. der numismatischen Bibliothek der Brera in Mailand. C. ist auch als Stempelschneider bekannt. Er st. 1841 zu Mailand. Er schr.: Imttsra, sopra äus me- äaxlis Arsotts, äst li. Oablnstto äi Miaus 1811, Mail. 1819, Fol. 3) Carlo, tüchtiger italienischer Schriftsteller u. Pnblicist, geb. 1801 in der Nähe von Mailand; trat nach beendeten umfassenden Studien als Pnblicist auf durch die Begründung der Monatsschrift II kolibsooioo, welche ihm bald die allgemeine Aufmerksamkeit zuwandte; 1850—55 gab er das Nrcluvio trlsunals äsils esse ä'Italia, 3 Bde., heraus. 1846 veranstaltete er eine Ausgabe seiner in den genannten Zeitschriften veröffentlichten u. anderer bei den verschiedensten Gelegenheiten entstandenen Arbeiten unter dem Titel: Loritti ssslti oäibi sä iusäiti äi Oarlo 6., 3 Bde. Von gediegener philosophischer Bildung, verstand er in meisterhafter Darstellung dem Publicum die verschiedensten Fragen der Zeit vorzulegen u. zu beleuchten, was unter der österreichischen Herrschaft in Ober-Italien u. dein österreichischen Einflüsse durch das übrige Italien keine Kleinigkeit war. Als die Ende 1847 ausbrechenden Unruhen 1848 in offene Rebellion gegen die österreichische Herrschaft übergingen, trat C. an die Spitze des Mailänder Kriegsansschusses u. beherrschte durch seine Energie den ganzen Aufstand, trat auch, nach dem endlichen Siege der österreichischen Übermacht, als einer der Letzten vom Schauplatze ab u. flüchtete in die Schweiz. Durch die Erfolge der Cavourschen Politik u. den kühnen Erobernngszug Garibaldis in Neapel u. Sicilien bewogen, folgte er einem Rufe des Letzteren, welcher in C. einen ebenso geistig gewandten, als energischen Mann erkannte. Allein die liberalgemäßigten Ansichten C-s vertrugen sich mit denen des stürmischen Garibaldi nicht, u. C. Wat bald aus der Verbindung mit ihm zurück, um sich hinfort an nichts mehr anzuschließen, was seinen stets sestgehaltenen u. beredt verfochtenen Begriffen vom politischen Wesen Italiens (Staatenbund nach Art der nordamerikanischen Union) widersprach. Er'siarb 2. Febr. 1869 zu Castagnola amLuganer- See. Eine Gesammtansgabe seiner Schriften fehlt bis jetzt. 1) 2) Regnet? 3) Booch-Artossy. Cattaraugus, County im nordamerikanischen Unionsstaate New-Dork, unter 42° n. Br. u. 78° w. L.; verschiedene Mineralien; 43,909 Ew.; Countysitz: Elliotsville. Cattaro (slav. Kotor), Hauptstadt der gleichnamigen Bezirkshauptmannschaft, der südlichsten im österr. Königreich Dalmatien; stark befestigt u. geschützt durch das Fort San Giovanni; Bischofssitz; Realgymnasium; von den Gebäuden beachtenswert!) die Kathedrale; schönster u. größter Hafen von Österreich (Aug. 1854 zum Kriegshafen erklärt); Schifffahrt, Fischerei; lebhafter Handel mit — Catullus. Montenegro; 2017 Ew. (Gemeinde 3554 Ew.); lim Hintergründe die Bocche di C., welche durch 2 vorspringende Halbinseln wieder in 3 Meerbusen zerfällt (t?uuta ä'Ostra, Xombnr u. 1s 6atvus). Die Stadt wurde durch die Erdbeben von 1563 u. u. 1667 fast ganz zerstört. — C. war im Mittel- alter eine blühende Republik, unterwarf sich aber, von den Türken bedroht, 1420 den Venetianern; 1797 kam es an Österreich, wobei die Bewohner, als dem Seedienste ausschließlich obliegend, von der Heerespflicht befreit wurden. 1805 ward es dem Königreich Italien zugefügt, aber 1806, noch bevor es den Franzosen übergeben werden konnte, dem österreichischen General Prady von den Russen durch List abgenommen u. erst 1807 den Franzosen übergeben; 1810 kam es mit Jllyrien an Frankreich u. 1814 wieder an Österreich. Infolge der Ereignisse von 1848 von Venedig aus gereizt, sagte sich C. 1849 von Österreich los und wählte eine selbständige Regierung; aber schon Jan. 1850 brachte sie eine Expedition unter dem Obersten Mamula wieder zum Gehorsam. Bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1868 behielten die Bocchesen Freiheit vom Heeresdienste, sollten aber eine Landmiliz zur Vertheidigung ihres Landes bilden; als jedoch October 1869 die Wehrpflichtigen in die betreffenden Listen eingezeichnet werden sollten, empörte sich das ganze Territorium; s. Dalmatien. Lical-I? Cattermole, George, englischer Maler, geb. 1809 in Dikleworth (Norfolk), gest. 24. Juli 1868 in London; besuchte die Akademie in London, malte anfangs Kriegsscenen in Aquarell, später beschäftigte er sich mit Illustrationen verschiedener Werke; so lieferte er die von.Heath gestochenen Zeichnungen zu W. Scotts Schriften u. zu dem Ristori- eal Xuoual. Für Brittons: Dome in England lieferte er sehr werthvolle Blätter u. malte dann zahlreiche höchst charakteristische Genrebilder. Am berühmtesten ist sein großes Gemälde: Luther auf dem Reichstage zu Worms, in Kupfer gestochen von Walker 1845. In noch weiteren Kreisen ward er durch seine Aquarellbilder bekannt. Regnet.' Catti, s. Kätty. Oaitle^a Lr'mckl., Pflanzengatt, aus der Fam. der Orottläeas-Dpiäsuärsas (XX. 1), auf Bäumen epiphytisch lebende Pflanzen, mit großen, prächtig gefärbten Blüthen. Arten in SAmerika heimisch u. in Gewächshäusern cultivirt, so 6. orisxa Lrucisi., mit großer, zarter Blüthe, deren am Rande wellige Lippe violett gefärbt ist; 6. labiata T-rnckk., mit sehr großen, blaßrothen Blüthen, u. 6. iutsr- msäia Cattolrca, 1) (La C.) Ortschaft im Bezirke Nimmt der italien. Prov. Forli, am Adriatischen Meere, Station der SBahn. Es hat seinen Namen daher, weil 359 die auf dem Concil zu Ri- mini von den Arianern besiegten katholischen Bischöfe hierher gingen u. ihr Concil für sich hier fortsetzten. 2) Stadt in der sicilianischen Provinz Girgenti; 6381 Ew.; dabei ergiebige Schwefel- grnben. Catullus, Cajus Valerius, röm. Dichter, geb. 87 v. Ehr. zu Verona; lebte theils in Nom, wo er sich viele Freunde erwarb, theils in Verona, oder auf seiner Villa auf der Halbinsel Sirmio am 569 Catulus — Canchois Lemaire. Garda-See. Er war ein heftiger Gegner Casars, den er in Spott n. Ernst aufs Schärfste angriff. Ein öffentliches Amt bekleidete er nicht, nur begab er sich einmal im Gefolge des Proprätors Memmius nach Bithynien. C., einer der Triumvirn der Liebe (Tibullus u. Propertius sind die anderen, dichtete die schönsten erotischen Lieder, zum Theil mit innigerem Gefühl, als irgend ein anderer römischer Dichter, als ihn die Liebe zu Lesbia (Pseudonym der Libertina Clodia, schwerlich ist die Schwester des berüchtigten Clodins darunter zu verstehen) begeisterte. Seine Dichtungen sind leidenschaftlich rn Liebe und Haß, hingebend in der Freundschaft, gegen Feinde giftig und über alle Maßen derb, in formellen Dingen mehr natürlich, als kunstvoll, stets aber der Ausdruck einer ausgeprägten Persönlichkeit. Von größeren Gedichten sind zwei schöne Hochzeitslieder und einige allerdings künstlichere Versuche von Nachahmung der Alexandriner (z. B. die Hochzeit des Pcleus und der Thetis) zu nennen. C. st. 54. Seine (116) Gedichte wurden im Anfänge des 14. Jahrh. in Verona entdeckt und (oft mit Tibnllns und Propertius) herausgegeben: zuerst 1472; n. A. von Vulpius, Padua 1737; Lachmann, Berl. 1829, 2. A., 1861; Schwabe, Gießen 1866; Ellis, Lond. 1867; L. Müller, Lpz. 1870; deutsch von Th. Heyse, Berl. 1855; R. Westphal, Bresl. 1867, u. a. Vgl. O. Nibbeck, C., Kiel 1863; Jungclaußen, Zur Chronologie der Gedichte des C., Jtzeh. 1857. Riese. Catulus, Familiennname der plebejischen Csns Imtatia: 1) Cajus Lutatius C.; war 242 v. Chr. „Consnl u. schlug die Pnnier unter Hanno bei den Ägaten (s. u. Panische Kriege), wodurch der erste Panische Krieg geendigt wurde. 8) Qnin- tus Lutatius C.; war 102 v. Chr. Consnl u. zog gegen die Cimbern, um dieselben von einem Einfalle in Italien abzuhalten; 101 schlug er dieselben mit Marius auf den Raudischen Gefilden. > Im ersten Bürgerkriege stand er auf der Partei ^ der Optimatcn, u. da die Marianer die Oberhand behielten, so nahm er sich 87 v. Chr. selbst das ^ Leben, um nicht in die Hände des Marius zu ge- rathen. Er zeichnete sich als Redner aus, schrieb ! die Geschichte seines Consulats u. baute auf dem Platze des Flaccus von der Beute aus dem Cim- bernkriege einenPorticus. 3 ) Quintus Lutat. Cat. Capitolinus, Sohn des Vor.; stand in den bürgerlichen Unruhen auf der Seite des Pom- Pejus, benutzte aber seinen Einfluß auf denselben, daß er ihn vermochte, seine Siege 78 n. 77 v. Chr. nicht zum Umstürze derRepublikzu benutzen. Darauf weihte er den im I. 83 abgebrannten u. wieder ausgebauten Tempel auf dem Capitolium (woher sein Beiname). In der Folge war er ein Gegner aller Derer, welche eine Übermacht im Staate erstrebten; so erklärte er sich gegen die Gesetzvorschläge des Galinius u. Manilius, wonach dem Pompejus der Oberbefehl im Seeräuber- u. Mithridatischen Kriege ertheilt werden sollte, hinderte die Pläne Casars u. stimmte für die Hinrichtung der Theil- nehmer an der Catilinarischen Verschwörung. Erst. 61 v. Chr. Cauca, 1) Fluß in der südamerikanischen Republik Columbia; entspringt aus der Laguna de Santiago auf dem Bergknoten von Las Papas, ist für kleinere Fahrzeuge schiffbar, doch ist der Verkehr zwischen dem unteren u. oberen C. wegen der Stromschnellen unmöglich, und erst unterhalb der San-Antonio-Fälle wird der Fluß wieder für größere Barken schiffbar; er fällt nach einem Laufe von mehreren 100 Meilen in den Magdalenen- strom; an seinen Ufern die Städte S. Fe de Antioquia, Caramanta, Cali, Cartago. 2 ) Staat der südamerikanischen Bundesrepublik Columbia; 135,000 Hskm (2450 HjM); grenzt im N. an das Antillen-Meer, im O. an die Staaten Boli- var, Antioquia u. Cundinamarca, im S. an die Republik Ecuador, im W. an den Stillen Ocean, im NW. an den Staat Jstmo. Gebirge: die WCordilleren n. das Bergland des Knotens von Los Pastös (Hochebenen von Pasto und Popa- yan). Baien: Choco, Cupica (Stiller Ocean), Morrosquillo (Antillen-Meer). Flüsse: Cauca s. oben); Atrato (zum Caraibischen Meere), mit dem San Juan (zum Stillen Ocean), früher durch den 1788 angelegten Kanal Raspadura verbunden; Patia; Rio Vinagre (Essigfluß), Haupt- qnellfluß des C., auf dem Vulcan Purace heiß entspringend. Boden fruchtbar, namentlich an den Ufern des Caucaflusses sehr gutes Weideland. Hauptproducte: Gold u. Platin, ferner Cacao, Chinarinde, Zucker, Bananen, Sarsaparille, Kautschuk; Rindvieh, Schafe. 435,000 Ew. Der Staat wird eingetheilt in 16 Municipien u. 136 Bezirke; Hauptstadt: Popayan, am Fuße zweier Vulcane. Kolpe» Oauoalis L., Pflanzengatt, ans der Farn, der CmbsUikoras-Oampzäospormas - Oauoalinsas (V. 2), init fünfzähnigem Kelchrande, ausgerandeten, verkehrt-eirunden Blumenblättern mit eingeschlagenem Läppchen, die äußeren strahlend, zweispaltig; Früchtchen seitlich zusammengedrückt mit borstigen od. kleiustacheligen Hauptrippen, stacheligen Nebenrippen u. mit istriemigen Thälchen. Von dieser in der nördlichen Hemisphäre der Alten Welt, besonders im Mittelmeergebiete, einheimischen Gattung ist hervorzuheben: 6. äaneo'läss L., zerstreut abstehend behaart, mit ästigem Stengel, doppeltgefiederten Blättern, 2strahliger Dolde ohne Hüllblätter, einreihig gestellten Stacheln der Nebenrippen; auf Acker- u. Gartenland, besonders gern auf Kalkboden. Zwei andere Arten: 6. mnrioaba LrscäoL, bei Wien vorkommend, und 6. Isxto- ybMa L., aus Istrien, sind von voriger nur wenig verschieden. Engler. Cairchemar (fr.), das Alpdrücken. Canchois Lemaire, Louis Angustin Fran- yois, geb. 28.Aug. 1789 in Paris; als Redakteur des Minjanns u. des llournal äos ^.rbs ob äs la Uolitiqus (1815) machte er heftige Opposition gegen Ludwig XVIU. u. mußte wegen eines Preßprocesses nach Brüssel fliehen, wo er I,s Min janns rskugfls u. den Iw vrai lübsral herausgab. Auch von da vertrieben, ging er nach dem Haag u. richtete eine Beschwerde über seine Vertreibung an die Generalstaaten (^.pysl awc Lbabs-Csnsraux, 1817), welche lebhafte Debatten veranlaßte. Unter Decazes nach Paris zurückgekehrt, erlangte er als Journalist einen glänzenden Ruf wegen seiner bissigen u. kühnen Schreibweise, hatte viele Preßprocesse 57U Cauchy - ».wurde u.a. wegenseinerBettreauäueä'Orlsans, den er einlud, Wilhelm von Orcmien nachzuahmen, zu 15 Monaten Gesängniß verurtheilt. Auch nach der Julirevolution machte er Opposition als Rc- vactcur des Oonstitubiouusl u. des Bon Lena. Seit 1840, wo er als Sectionschef im Archiv an- gcstellt wurde, schrieb er nicht mehr gegen die Regierung. C. st. d. Aug. 1861 (n. A. 23. Mai 1857). Er gab seine Journalartikel als Oxus- eulss, Par. 1821, u. I-ettrss xoiit., rsliss. st Iiistor., 1828—32, 2 Bde., I-sttrss sur Iss 6snt äonrs, 1819, heraus. Auch hat man von ihm: Histoirs äs 1a rsvoluliou äs 1830, Par. 1842. Volchert. Cauchy, Augustin Louis, berühmter Mathematiker geb. um 1789 in Paris, Sohn des Dichters Louis Franyois C.; widrycte sich seit 1805 dem Studium der Mathematik in der Polytechnischen Schule u. später in der Levis äss ponbs- sb-elmussess. Hierauf war er als Ingenieur bei den Wasserbauten in Cherbourg thätig, wurde 1816 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und kurz darauf Professor an der Polytechnischen Schule. Nach den Unruhen im Juli 1830 legte er sein Amt nieder u. ging mit König Karl X. in die Verbannung; er lebte bis 1838 in Prag, wo er die Erziehung des Herzogs von Bordeaux mit leitete; hierauf kehrte er wieder nach Frankreich zurück, lehrte mathematische Wissenschaften an der Jesuitcuschule in Paris und wurde 1848 Professor der mathematischen Astronomie an der Universität, mußte aber auch diese Stelle 1852 wieder aufgebeu, da er sich weigerte, Napoleon Hl. den Eid zu leisten; er st. 23. Mai 1857 zu Paris. C. ist einer der bedeutendsten Analytiker der Neuzeit; seine überaus zahlreichen, vielseitigen, elastischen Arbeiten haben die höhere Analysis in allen Theilcn mächtig gefördert, können aber an dieser Stelle im Einzelnen nicht gewürdigt werden. Er schr.: Nsbdoäo pour äötorminsr n priori Is uombrs äss raeinss rssllss positives et äss raeinss rssllss usZativss ä'uns sgnation ä'un äeZrs gnsleongus (1813); lllsm. sur In tbsoris äss onäss (Preisschrift), '1815; 6onrs ä'auLl^ss äs l'Lools poh'tseliu.. Paris 1821, deutsch von Huzler, Köuigsb. 1828; Bssuins äss lsyons sur Is ealsul inknitssiinal, ebd. 1823; eine Neubearbeitung dieses Werkes, deren zweiter Theil von Moiguo besorgt ist, ist von Schnuse übersetzt, Braunschw. 1836 u. 1846; I-syons sur Iss applieations äu saleul inlinitssiiual ü In xsoinstris, Par. 1826—28, 2 Bde., deutsch von Schnuse, Braunschw. 1840; 8ur Iss intsZralss äsüniss prises sntrs äss limitss imnAiunirss, Par. 1825; 8ur I'appUeation äu saloul äss rs- siäus n 1a solution äss problsmss äs xbMgus matlrsmatigus, ebd. 1827; Lxsreioss matk., 51 livr.. ebd. 1827 fs.; 8ur la rösolution ä'öguations uumsriguss et sur la tlisorio ä'sUminatioo, 1829; Bssumss anal^tigues, Turin 1833; Lxsroisss ä'analxss et äs pllz-sigus matbsinatiguo, ebd. 1839, 2 Bde. Außer den genannten find noch mehrere andere Werke selbständig erschienen; andere in den Usmoirss der Akademie, im äournal äs rnatlrsmatigus, u. über 500 Aussätze, Notizen re. in den 6oinpt.-rsnä. äs I'.4caä. Aucb ist C. — Ccnicr. Verfasser mehrere Schriften polit.-religiösen Inhaltes. Buchrucker. Caucig, Franz, österr. Historienmaler, geb. 3. Dec. 1762 in Görz, gest. 18. Nov. 1828 zu Wien; begann seine Kunststudien in Wien u. verband sie mit dem Studium der alten Geschichte, ging 1779 nach Rom, wo er bis 1785 blieb, lebte bis 1791 in Wien, von 1791—97 in V:- nedig, wurde 1799 Professor u. Akademie-Rath in Wien und 1820 Direktor der Maler-, Bildhauer-, Stecher- u. Mosaikschule. Er malte hell. u. profane Geschichte, Mythologie n. Porträts. Hauptwerke: Phokion (Galerie Liechtenstein); Sappho- (ständische Galerie Prag); Vennsfest in Melite (Gras Cobenzl); Altarblatt in Jmola; Flucht nach Ägypten (Graf Cobenzl). Regnet.' Caneus, anglo-amcrikanischer Ausdruck unbekannten Ursprunges, bedeutet eine Zusammenkunft der Leiter einer Partei, in welcher die Pläne über das von der Partei zu befolgende Verfahren berathen u. sestgestellt werden. Bei diesen Zusammenkünften ist die Öffentlichkeit stets ausgeschlossen. Oauäa(lat.), Schwanz. 0.sguiun(Anat.),Pferdeschweif, die letzte Endigung des Rückenmarkes. Caudebec, 1) C. en Caux, Stadt im Arr. Dvetot des franz. Dep. Seine inferieure, an der Mündung des gleichnam. Flusses in die Seine; alte Kirche; Fischerei und Schifffahrt; blühte bis zur Aushebung des Edicts von Nantes (1685> durch die Industrie seiner protestan. Bewohner: 1983 Ew. 2) C.-läs-Elbeuf, Flecken im Arr. Rouen des franz. Dep. Nieder-Seine; Tuchfabriken; 10,715 Ew.; in der Nähe viele Alterthümei aus der römischen n. gallischen Zeit. Clmdex, Familienname der dlauäin xsns: Appius Claudius C., 264 v. Chr. Consnl; rückte mit 100 Schiffen vor Messana und schlug den König Hieran mit den Syrakusanern und die Punier, welche diese Stadt belagerten. Caudttlm (a. Geogr.), Stadt in Samnium. Bei C. lag der Engpaß Lauäinas knroulns (Cau- diuische Pässe), an der Straße von Capua nach Benevent, jetzt Val d'Arpaja, zwischen Arpaja u. Monts Sarchio in der Prov. Avellino. In diesen Pässen 321 v. Chr. Niederlage der Römer unter T. Veturius u. Sp. Postumius durch die Samniter; s. Rom (Gesch.). Daher Caudinische Pässe sprichwörtlich für ein mißlungenes Unternehmen. Vgl. Daniele, Lg korolrs Onuäins, Neap. 1811. Caudry, Ort im Arr. Cambrai des franz. Dep. Nord, Station der NBahn; 4365 Ew. Cauer, 1) Emil, deutscher Bildhauer, geb. 29. Novbr. 1800 in Dresden; erhielt eine vielseitige, auf die Kunst gerichtete Erziehung, entschied sich 1820 für Plastik, ward Schüler Rauchs und besuchte nebenbei die Akademie, ging 1824 nach München zu Halbig u. 1825 nach Bonn, wo er Zeichnungslehrer an der Universität ward u. eine Anzahl Porträtbüsten von berühmten Männern modellirte; siedelte 1829 nach Dresden über, re- stanrirte dort die Antiken des Museums, ging aber schon 1832 nach Kreuznach, wo er als Zeich- uungslehrer am Gymnasium augestellt wurde u. einen der ersten Turnplätze am Rhein gründete. Er starb daselbst 4. Aug. 1867. Schwanthalers Statuetten riesen ihn zur Plastik zurück, u. so ent- Caulaincourt — Caus. standen sein Sickingen, Hnttcn, Götz von Ber- lichingen, Karl V. rc., denen seine Darstellungen aus dem deutschen Märchen u. der Sage: Aschen- brödl, Nothkäppchen, Loreley, Noland rc. folgten. An sie reihten sich reizende Genrefiguren aus dem gewöhnlichen Leben: Die vier Jahreszeiten; Schulkinder; Bettelkind; Betendes Mädchen. Den Eindrücken der Berliner Bühne u. Tiecks Vorlesungen entsprechen seine Statuetten von Shylock, Macbeth, Hamlet, Ophelia, Lear u. Malvoglio u. nach Shakespeare, seinem Concertbesnche in Berlin die Statuetten Haendels, Mozarts, Beethovens und Mendelssohns. Aus dem religiösen Gebiete sind zu verzeichnen: Christus segnet die Kinder; Das Christkind aus der Weltkugel; Christus, die Beladenen und Mühseligen zu sich berufend. 2 ) Karl, deutscher Bildhauer in Rom, Sohn u. Schüler des Vor., geb. 1828 in Bonn; bildete sich bei A. Wolf weiter, stndirte in Rom u. London u. schloß sich der antiken Richtung an, der er fortan treu blieb. Er behandelte vorwiegend ideale Stoffe. Hauptwerke: Thejeus (in Amsterdam); Achilleus (ebenda); Hektor n. Andromache; Achilleus u. Pallas; Christus (diese drei in Mecklenburg-Schwerin) ; Büste Friedrichs iv, y, P^„stx„, 3 ) Robert, deutscher Bildhauer, jüngerer Bruder des Vor., geb. 1831 zu Dresden; stndirte bei seinem Vater, widmete sich in Düsseldorf unter Sohn u. Schadow der Malerei, kehrte 1856 zur Plastik zurück, lebte bis 1857 in Nom u. seitdem in Kreuznach. Hauptwerke: Dornröschen (für den Großherzog von Mecklenburg-Schwerin); Hansl u. Grell; Der gestiefelte Kater; Schneewittchen; Paul u. Virginie. Regnet. Caulaincourt, 1) Armand August Louis de C., Herzog v. Vicenza, franz. General u. Staatsmann, geb. 9. Dec. 1772 in Caulaincourt in der ! Picardie; war beim Ausbruch der Revolution Capitän u. machte den Feldzug in Italien mit, wurde 1793 als Adeliger verdächtig u. verhaftet, Kat aber nach seiner Entlassung aus dem Ge- sängniß als gemeiner Grenadier ein, erhielt bald durch General Hoche seinen Grad wieder, wurde Ches d'Escadron, kam als Adjutant zum General Aubert Dubayet u. begleitete denselben zur Gesandtschaft nach Constantinopel. Bald kehrte er zurück, wurde Oberst und 1801 nach Petersburg geschickt, uni dem Kaiser Alexander zu seiner Thronbesteigung Glück zu wünschen, eigentlich um eine Verbindung zwischen Rußland u. Frankreich einzuleiten, u. wurde dann Brigadegeneral u. Adjutant Bonapartes. Als solcher erhielt er mehrere Aufträge, unter anderen einen am Rhein, welcher später, wiewol mit Unrecht, auf die Gefangenneh- mung des Herzogs von Enghien gedeutet wurde. 1805 Divisionsgeneral, Großstallmeistcr u. Herzog von Vicenza geworden, folgte er dem Kaiser in den Campagnen von 1805 u. 1806, ging 1807 als Großbotschafter nach Rußland n. war durchaus gegen den Krieg mit diesein Reiche, ans welchem Grunde er seine Rückberufung verlangte. Dadurch fiel er bei Napoleon in Ungnade, begleitete ihn aber doch 1812 nach Moskau. Als Napoleon die Armee auf dem Rückzuge verließ, nahm er C. mit nach Paris, wo C. hierauf im Juni 1813 den Waffenstillstand mit Rußland u. Pren- 571 ßen schloß; nachmals führte er die vergeblichen Friedensunterhandlungen in Prag. Im Novbr. 1813 wurde er Minister des Auswärtigen, als welcher er am Congreß zu Chätillon theilnahm. Er war früher u. jetzt für größere Zugeständnisse, um den Frieden zu erkaufen, scheiterte aber au Napoleons Hartnäckigkeit. Später war er einer der Überbringer der Abdankung Napoleons u. schloß in dieser Eigenschaft den Vertrag vom 11. April 1814. Er lebte nun auf dem Lande, wurde nach der Rückkehr Napoleons von Elba wieder Minister des Auswärtigen u. Mitglied der interimistischen Regierung; nach der Restauration trat er vom politischen Schauplatze ab, lebte auf seinen Gütern u. starb 19. Febr. 1827 in Paris. 2 ) Auguste Jean Gabriel, Graf von C., Bruder des Vor., geb. 16. Sept. 1777; war beim Ansbruch der Revolution Sonslieutenant bei den Kürassieren, inachte die Revolntionskriege mit, wurde 1804 Oberst und Adjutant Berthiers, focht 1806 als Brigadegeneral in Spanien gegen die Guerillas, wurde infolge der Überschreitung des Tajo 1809 Divisionsgeneral, führte das 2. Cavaleriecorps 1812 in Rußland und in der Schlächt an der Moskwa gegen die feindlichen Redonten u. fand dort 7. Sept. den Tod. Osulima IprW., s. Istajas. Osulis (lat.), der Stengel (s. d.). Caulom (Bot.), Stengelgebilde, jedes Organ der Pflanze, welches, wie z. B. Dornen, gewisse Ranken, Blüthenstiele, die wesentlichen Eigenschaften des Stengels zeigt (s. Stengel). Im Gegensätze zu dem C. steht das Phyllom (Blattgebilde). Canlonia (früher Castelvetere), Gemeinde im Bezirke Gerace der italien. Pro». Reggio (Calabria); 10,125 Ew. Camnont, Arcisse de, franz. Archäolog, geb. 28. Aug. 1802 in Bayeux (Calvados); stndirte Geologie u. gründete mit Lamouronx die Lovivtö lünnsonns äs Normanäis, ging dann zu den archäologischen Studien über u. gründete die 8oo'-sts äss antignairss äs tpormanäis, sowie die wissenschaftlichen Congresse in Frankreich n. der Asso- eiation normanäs nach deutschem Muster; ferner die Looisbö xour la oonoorvation äss inonnmsntv für ganz Frankreich. Kein Anderer hat sich solche Verdienste um Verbreitung der Liebe für die Alterthumswissenschaft in Frankreich erworben, als C. Werke: Oonrs ä'antnguitss monum., 1830; Listoirs äsä'artäans 1'oussb äs In Francs, 1831 bis 1840; Histoirs sommairs äs 1'aretiitseturs rsliF., mW. sb eiv. au mo^sn-L§s, 1837; ^.bä- oöäairo cm rouälmsnt ä'aroiiöolo§io, 1850; Ltatüstigus monuinsntals äu Galvaäos, 1847 bis 1858. Außerdem Lssais in verschiedenen Fachzeitschriften. Regnet. Oaupo (lat.), Wirth. 6aupona, Wirthshaus. Caus (Caux, Caulx, gen..Mondecans), Salo- mon de, berühmter Baumeister des Heidelberger Schlosses und L-chöpfer seiner prachtvollen Gartenanlagen, geb. 1576 in der Normandie. Als Protestant floh er aus Frankreich u. lebte wahrscheinlich von 1612—20 als Baumeister u. Ingenieur des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz in Heidelberg. Später kehrte er nach Frankreich zurück u. starb 1626 in Bicetre (Paris), (n. A. 572 Ouiiski. 1641). Einige seiner Bücher sind vorwiegend theoretisch-physikalischen, andere mehr praktischen Inhaltes. Arago hat sich, indessen ohne durchschlagenden Grund, bemüht, ihn zum Erfinder der Dampfmaschine zu machen, dem der Marquis von Worcester sein Geheimniß von der Kraft des Dampfes abgclauscht u. geraubt habe. Gewiß ist nur, daß in seinem berühmten Werke: lws rnisorw äs koreos mouvaubos, das in Frankfurt a. M. 1615 in Folio mit vielen Tafeln u. 1624 in einer zweiten Ausgabe zu Paris, sowie in demselben Jahre deutsch in Frankfurt a. M. erschien, in dem ersten Buche unter den bewegenden Kräften die Ausdehnung u. Verdichtung des Dampses erwähnt wird u. daß er einen Apparat construirte, um mit Hilfe dieser Dampskraft Wasser zu heben, was aber niemals ausgeführt wurde. Jedenfalls entbehrt die Sage, daß C. im Bicetre als Wahnsinniger eingesperrt gewesen sei, jedes historischen Beweises. Das Bildniß von C. wird noch im Heidelberger Schloß aufbewahrt. Er schrieb ferner: Im per- npsobivs, Land. 1612; Ilartng palatinno, Franks. 1620; Im xratiguo et 1a äsmonstratiou äss IwrloAes solairos, Par. 1624, u. a. r. vsusa (Oaussa, lat., 6auss srz.), 1) Ursache, Grund; so: 6. proxima, die nächste Ursache; 0. rs- mota, entfernte Ursache; 6. xrimaria, Hauptgrund; 6. seeunäaria, Nebengrund; 6. auküoieus. hinreichender Grund; 6. «ins gua non, Grundursache; (l. nur, wer der Grund von sich selbst ist, bei den Scholastikern so v. w. Unabhängigkeit Gottes. 3) Angelegenheit. 3) In der Rechtswissenschaft ist der Begriff von 0. ein sehr umfassender u. begreift a) jede Rechtssache (Rechtsstreit). Daher: Oausas pu- blieas, Angelegenheiten, welche das öffentl. Recht (Ina pub1ienm)betreffen. Larwasprivatas, Privatrechtssachen, das Mein u. Dein, z. B. Eigenthum, Verträge, Erbschaft u. dgl., betr. Oarwas sools- siastioas, kirchliche Sachen, deren Entscheidung den geistlichen Behörden, in der Evangelischen Kirche Len Consistorien, zusteht, z. B. hier u. da die Ehesachen, entgegen den tlausas sssularss, welche vor die weltlichen Behörden gehören. 0. in der Kanonischen Rechtssaminlung, u. zwar in der Sammlung des Gratianus, II. Theil, heißt je die erste Abtheilung einer Lehre. Es werden hier nämlich 36 Oauons je an die Spitze gestellt u. sodann einzelne Rechtsfälle (Oasrw) angereiht, ans welchen gemeinsame Rechtsfragen (Hnasstiouss) heraus- gehobeu n. einzeln Oasns für Oasus beantwortet werden. Citirt wird 6.1., Hnasstio I., Onsns I. Oarwas eivilos, bürgerliche Rcchtsstreitigkeiten (Cmuaas privatne), im Gegensätze zu den peinlichen Rechtssachen, llarwas orimivalss, bei denen Handlungen, die mit einer öffentlichen Strafe bedroht sind, in Frage kommen; Larwas Isuäalss, Sachen, welche die ans dem Lehn entspringenden Rechtsverhältnisse des Lehnsherrn u. Vasallen betreffen. Einzelne Bezeichnungen: 0. appolladilis, Rechtssache, deren Gegenstand die Werthsumme erreicht, welche die Gesetze zur Statthaftigkeit der Appellation erfordern, tlarwas eognitio, die richterliche Untersuchung einer Sache, welche gewissen, vom Richter zu ertheilendcn Decreten erst voransgehen muß, u. zwar entweder mit allen beiin ordentlichen Proceß verkommenden Förmlichkeiten (6-msas eoAirilno plsua), od. nur kürzlich mit Übergehung sonst nöthiger Förmlichkeiten (üansas oogwiiio snm- maria). 6. oounsxa, s. Conuexität. 6. äsusAatng 8. xrotraetas znstitins, Rechtssache, in der über einen Richter wegen verweigerter od. verzögerter RechtsPflegeBeschwerdegeführt wird; die Beschwerde selbst (tznorsla. äsnsAntas 8. probraobas jnst.j wird in der Regel beim gewöhnlichen Oberrichter, od., wenn solcher nicht da ist, beim Regenten an- gebracht, tlarmas kavoräbilss, Rechtssachen, in welchen im Zweifel zu Gunsten der betreffenden Angelegenheit zu interpretiren ist, wie nach Römischem Rechte die Freiheit eines Menschen, die Dos zu Gunsten der Frau, letztwillige Anordnungen, welche eher zu Gunsten des Honorirten und vor Allem zur Aufrechterhaltung der Verfügungen auszulegen sind. 0. iuanäibn, Rechtssache, die ein Richter, ohne beide Parteien gehört zu haben, entschieden hat. 6. Ilberalin, eine die Freiheit eines Menschen betreffende Rechtssache. 6ansao mag'orss, wichtigere Rechtsstreite, namentlich dem Betrage nach; auch wichtigere Angelegenheiten, ^ welche infolge der sogenannten päpstlichen Reser- ! vatrechte der Entscheidung der Bischöfe, die über ! dergleichen Sachen in der Regel entscheiden, ent- ! zogen u. dem Papste Vorbehalten sind, z. B. die Dispensation von gewissen Ehehindernissen, doch läßt sie der Papst in einzelnen Fällen mittels besonderen Auftrages (Facultät) wieder durch Bischöfe ausüben. Oausas imnnts-s, Bagatellsachen; s. d. 0. oräinnrii u. oxtraorämarli juris, Rechtssachen, von denen die letzteren unmittelbar von den röm. Kaisern selbst (im ^uäiborinm priueipis), die ersteren aber von den gewöhnlichen Richtern entschieden wurden. 6. xupiUarls, der Rechtsstreit eines Unmündigen. 0. simpliois gnsrslas, Rechtssachen in I. Instanz, nach Erklärung der Reichs- ! gesetze. 0. snmmarias, summarische Rechtssachen, b) Allgemeine Rechtsgrundlage eines Rechts- ! geschästes, also z. B. ein Darlehen bei einem ! ^ ZinAvcrtrage. Bislang galt der Satz, daß in einem ^ ' Schuldschein, wenn er giltig od. wenigstens allein ! ^ beweiskräftig sein sollte, die 0. ausgedrückt sein müsse. Durch das Institut des Wechsels wurde jedoch dieser Grundsatz erschüttert, und man neigt sich jetzt dazu, jedes Zahlungsversprechen, münd- - lieh wie schriftlich, auch wenn die 0. nicht angegeben, also die 6aubio iuäiserota, d. h. Schuldschein ohne 0., für giltig und beweiskräftig zu erachten u. überhaupt kein wesentliches Gewicht darauf zu legen, ob eine Schenkung, oder irgend ein bestimmtes Schuldverhältniß zu Grunde liegt, e) Ursache, d.h.Motiv, Beweggrund zu einerNechts- Handlung, worüber indessen der Satz gilt: o. von uoost, d. h. ein Rechtsgeschäft, wenn auch aus falschem Beweggründe vollzogen, bleibt deshalb doch giltig und verbindlich, ausgenommen wenn ein wirklicher Jrrthum über das Wesen des Geschäftes selbst vorliegt, od. die 6. als Bedingung ausgefllhrt ist. ä) Rechtsgrund, z. B. 6. just», ein rechtlicher Grund, giltiger Rechtstitel. 6. er- 1roreäita,tiouis, Enterbungsgrund; s. Enterbung. (1. exvixiouäi, der Rechtsgrund einer processuali- scheu Einrede. 0. litiZauäi, Streitgrund, Veranlassung eines Processes. 6. xobsuL, Klaggrund, 0. sküvieiw, 6. üualis, 6. prasäispousus, 0. tnr- Oausus avocatio — Causalität. 573 xk, s. Oonäietio ob turpem oauaam. e) Gegenstand, Zweck. Daher kia causa, frommer Zweck, fromme Stiftung. 6 . porpotua, bei Servituten ein gewisser dauernder Vortheil, welchen Servituten gewähren müssen, 0. rsi, vortheilhafte Accession (s. Oasus). Oma 13 causa, beiKlagenNebenverbiud- lichkeiten, z. B. Zinsen u. Kosten. Bezold.' Lausao avoostio, s. u. Abberufung. Hausse eognltio, s. u. Oauaa. Causa! (v. Lat.), was sich ans Ursache bezieht; s. Causalität; daher in der Philosophie: C- princip, dasPrincip desWerdens; C-urtheil, Urtheil, welches Etwas als Ursache eines Anderen setzt; C-nexus (C-verbindung, C-verknüpfuug, C-verhältniß), die Wechselbeziehung zweier Objecte, in der Art, daß beide sich gegenseitig bedingen u. eine sowol als Ursache wie als Wirkung des anderen gedachtwerden kann; in der Grammatik: C-satz, Satz, welcher Grund u. Beweis eines anderen Satzes enthält (s. Satz); an seiner Spitze stehen die C-conjunctionen weil, da, denn (s. u. Conjunctiou); in der Medicin: C-kur, Beseitigung der Übelstände, welche eine vorhandene Gewebs- od. Ernährungskrankheit hervorgerufen haben od. fortdauern lassen; sie ist also gegen die erste, entfernte Ursache (Oausa remota) der alten Pathologen gerichtet. CsusZIes (lat.), Rechtfertigungsgründe in pro- ccjsualischen Schriften. Causalis, Casus, welcher (auf die Frage warum? weshalb?) den Grund einer Handlung, eines Zustandes an^eigt. Causalitat (v. lat. oausa, Ursache, hergeleitet) ist sie Verknüpfung od. das Verhältnis die Beziehung von Ursache u. Wirkung. Es entsteht nun die Frage: Ist diese C. od. dieses Verhält- niß von Ursache u. Wirkung etwas in den Dingen Liegendes, eine reale Eigenschaft der Dinge selbst u. somit, etwa wie der Begriff Mensch, Pferd, Haus, Baum, etwas durch Wahrnehmung Empfangenes u. aus ihr Abgeleitetes, Abstrahir- tes, oder ist diese C. etwas dem reinen Denken Angehöriges, eine reine Denkform, die, im Denken entsprungen, von hier aus dem Wahrgenommenen erst angethan wird, unter welcher Form diese gewissermaßen erfaßt wird? Um die Entscheidung dieses Punktes dreht sich der ganze philosophische Streit über die C. Zwischen beiden Auffassungs- Weisen schwanken die einzelnen Systeme selbst in der Neuzeit hin u. her, u. je nach der Erfassung dieses Verhältnisses ändert sich häufig die ganze philosophische Anschauungsweise. Dem Alterthum, dem die erkenntniß-theoretische Frage nach dem Ursprünge, der Entstehung u. Bedeutung unserer Vorstellungen u. Begriffe im Ganzen u. Wesentlichen noch fernlag, galt die C. wesentlich als ein Moment in dem ersten Sinne, u. so verschiedenartig man nun die letzten Endprincipien der Dinge faßte, so verschiedenartig wurde dann auch die C. aufgesaßt. Bei den ältesten ionischen Naturphilosophen bestand alle C. in der Umwandlung des als Grundstoff angenommenen Urelements (Wasser, Lust, Erde, Elemente) zu den einzelnen concreten, sinnlich wahrnehmbaren Dingen; bei Heraklit in dem ewigen Werde- od. Flußproceß oller Dinge (neuerdings ähnlich bei Hegel); bei Demokritos u. Leukippos in der Bewegung der das Weltall bildenden Atome (neuerdings ähnlich der Materialismus). Bei Platon bleibt das Verhältniß zwischen seiner jenseits der sinnlich wahrnehmbaren existirenden transcendenten Idealwelt und der concreten Erscheiuungswelt unentschieden und im Unklaren (die Dinge participiren zwar an den Ideen, aber wie?), u. Aristoteles, der vier letzte immanente Endprincipien annimmt, ein materielles, die Materie, Hzcks, und drei geistige, den formgebenden ülus, die Zweckursache u. die Endursache (die im Wesentlichen zu einem, dem geistigen Princip überhaupt, zusammengefaßt werden können) saßt dann die C. als den Zufluß zwischen Geistigem u. Körperlichem. An diesen Formen der C. hat daun die nachfolgende Zeit wenig geändert. Erst das Juden- u. Christenthum, unter dessen Einfluß dann die ganze ältere u. mittelalterlich-scholastische, sowie auch neuere Philosophie bis auf Kaut hin steht, änderte diese Formen und faßte die C. entweder als Schöpsungs-, Erzeug- ungs-, Hervorbringungs-Act aus Nichts od. als Emanations-Effulgurations-Act aus dem Wesen Gottes (Gnostiker). Den entscheidenden Schritt in dieser Frage that dann Locke u. auf diesem basi- rend Hume u. Kaut. Locke war der Erste, der mit Ernst u. Umfang in seinem lüssa^ oonoermnA bu- man uuäsrstauämA (Versuch über den menschlichen Verstand) die Frage untersuchte: woher entspringen denn eigentlich alle unsere Vorstellungen u. gibt es angeborene Vorstellungen indem Sinne, wie Cartesius u. Andere dies behauptet haben? Die letztere Ansicht negirend, suchte er dann nachzuweiseu, daß alle unsere Vorstellungen aus zwei Quellen stammen, der äußeren, sinnlichen Wahrnehmung (Sensation) u. der inneren Selbstwahrnehmung od. dem inneren Selbstbewußtsein (Reflection). Darin war also auch die C. od. die Vorstellung des Verhältnisses von Ursache u. Wirkung inbegriffen. Hier war der Punkt, wo Hume Locke angriff. Hat Locke Recht, so argumentirte Hume in seinem Luguir^ oou- esrninA immun uuäerstaniIillF, so weise man mir die Wahrnehmung, äußere od. innere, auf, aus der die Vorstellung des Verhältnisses von Ursache u. Wirkung entspringt. Aber sowol äußere, wie innere Wahrnehmung zeigen mir nichts als eine Folge unterschiedener Ereignisse, die regelmäßig u. allgemein aufeinander folgen, aber nichts von einer Ursache u. Wirkung, noch von einem Erfolgen, od. vom Erzeugtwerden der Wirkung aus der Ursache, noch von einer nothwendi- gen Verknüpfung dieser Ereignisse etwa mittels einer Kraft. Die Folgen könnten anch andere sein, darin läge kein Widerspruch (vgl. Hume, üssaxs auä treatisss ou ssveral subjsots, besinn suguir/ eouesrninp: Immun uuäsrstanämA, Lond. 1758, Section VII. S. 317 ff.). Die C. ist somit etwas rein Seelisches, u. sie entspringt reinweg aus der Gewohnheit, von Vorstellungen, die sich oft u. regelmäßig einander gefolgt sind, die eine als Ursache aufzufassen u. nun zu erwarten, daß auch die andere als Wirkung eiutreten werde. Dies war wieder der Punkt, wo Kant Hume erfaßte u. verbesserte (vgl. Kants Prolegomeua, Einleitung und öfter). Kant seinerseits erkannte, daß 571 - Causalm'xus — Caussin de Percevnl. die C. eine reine Dentform sei, die weder ans der Wahrnehmung, noch Jdeenassociation (Einbildungskraft) komme, sondern ans der reinen Vernunft selbst entspringen müsse n. von hier ans erst als constitntivcs Element Bedingung der Möglichkeit der Wahrnehmung und Erfahrung werde. Indern er neben Raum n. Zeit auch die übrigen derartigen apriorischen Denkformcn anf- snchte u. sie in den alten Aristotelischen Urtheils- sormcn fand, entsprang hieraus seine berühmte Kategorientasel, die dann die Grundlage seiner Weltaussassnng als transcendentaler Idealismus wurde. Eine ähnliche Auffassung von C. nebst Raum u. Zeit findet sich auch bei Schopenhauer (vgl. vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde u. sein Hauptwerk: Welt als Wille u. Vorstellung), der ans dieser Basis Kants tran- scendentalen Idealismus zu erweitern n. zu vollenden suchte. Auch die moderne Naturwissenschaft in einer ihrer Hanptkoryphäen, Helmholtz, neigt zu dieser Auffassung der C. (vgl. Z 26 der physiologischen Optik von Helmholtz, sowie mehrere seiner gesammelten populär-wissenschaftlichen Vorträge). Er setzt den Causalschlnß von der Wirkung ans die Ursache als die apriorische Bedingung aller Möglichkeit der Erfahrung voraus. Aber die C. ist von Hause aus kein Schluß. Der Schluß von der Wirkung ans eine Ursache als C-s-Schluß ist nur einer von den vielen Schlüffen, die die Seele fortwährend vollzieht, aber kein besonderes apriorisches, etwa constitutives Element der Erfahrung. In richtiger Erkcnntniß dieser Verhältnisse hat dann I. H. von Kirchmann in näherem Rückgänge ans Huine, Locke, Kant das Wesen der C. aufs Neue untersucht n. dieselbe in mehr Kaniischem Sinne als eine reine Denk- od. Beziehungssorm erkannt, die aus Grundlage n. Veranlassung der Wahrnehmung aus dem reinen beziehenden Denken der Seele entspringt u. in regulativer, ordnender Weise das Gegebene unter dieser Form auffaßt u. sich zu vergeistigen sucht. Die Wahrnehmung bietet nur die regelmäßige, allgemein giltige Folge von Ereignissen, u. die Seele dann ist es erst, die diese Folge unter der Form der C. als die Entstehung der Wirkung aus der Ursache sich verständlicher zu machen sucht u. unter dieser Form das Gegebene anffaßt. Es gibt somit vier Formen oder Arten von C.: zwischen Körperlichem u. Körperlichem (Molecnlärbewegung), zwischen Körperlichem u. Geistigem (Sinneswahrnehmung), zwischen Geistigem ir. Körperlichem (Einfluß des Willens auf die Muskelbewegnng) u. zwischen Geistigem und Geistigem (Einfluß des Willens auf die Vorstellungsbewegung n. umgekehrt), ohne daß uns im Grunde genommen aber eine derselben verständlicher wäre, als die andere (vgl. I. H. v. Kirchmann, Philosophie des Wissens, Berl. 1864, S. 198—261). Diese Unverständlichkeit des Causal- vorgangcs ist es dann gewesen, was die Occasio- nali'sten (Geulinx, Malebranche) zu dem immerwährenden Einflüsse Gottes (Lssiabsntia vsi), Leibniz zu der prästabilirten Harmonie zwischen allen das Weltall bildenden Substanzen oder Monaden, Spinoza zu der parallelen Entwickelung zwischen körperlichem u. geistigem Sein in der einen Substanz trieb. Ist die C. somit nur eine reine Form des Denkens innerhalb der Seele, so folgt, daß es im Sein nur Bewegung, Anziehung, Abstoßung, regelmäßige Folgen von that- sächlichen Ereignissen gibt, u. daß somit auch der Wahrnehmungsact zwar unter dieser Form zu fassen ist, in Wirklichkeit aber als ein uns unbe- grcifbarer Vorgang, etwa als der Übergang eines Inhaltes aus einem Gebiete in das andere vor sich geht, eine Consequenz, die Kant nicht gezogen n. die zn den mannigfaltigsten Angriffen auf sein System Veranlassung gegeben hat. Woiff. Causalnexus, s. u. Cansal. Oausanus lflat.), bei Len Römern so v. w. Invalid; daher Ouusuria. inissio, ehrenvoller Abschied wegen Dienstuntüchtigkeit. Osusrirum pstrünus, Anwalt, Rechtsbeistand. Causation (v. Lat.), 1) Borwand, Entschuldigung. 2) Veranlassung; daher Causator, Veranlasser, Urheber; causativ, ursächlich, veranlassend. Ein Ourwativnm ist ein abgeleitetes Verbum, welches die Veranlassung zu einem Zustande angibt, z. B. fällen von fallen. Oausorls (franz.), Geplauder, Geschwätz; daher Ouussur, Schwätzer, und Ouussuss, Schwätzerin, auch eine Art Lehnstuhl. Darios« cölöbrss, merkwürdige Rechtsfälle. llausks (lat.), 1) Hut mit breiter Krampe, welchen man in den späteren Zeiten in Nom in den Amphitheatern gegen die Sonne trug, wen» des Windes wegen die Decken nicht über dasselbe anSgebrcitet werden konnten. 2) Schutzdach in der Schlacht, s. Vinsu. Laussade, Stadt im Arr. Montauban des franz. Dcp. Tarn-et-Garonne, an der Caude; Fabrikation von Cadis, Etamines u. Leinwand; Handel mit Geflügel u. Trüffeln; 4200 Ew. Cansse, Bezeichnung der kaum- u. wafferlose» Plateaux, welche von den Cevennen nach SO. auslaufend sich zwischen den Quellen des Lot u. Agout erstrecken. Ihrer geologischen Gestaltung nach sind sie aus Jurakalk gebildet. Man unterscheidet im Einzelnen hauptsächlich die C. von Larzac zwischen Garrigues n. Tarn (850 m), die von Severac zwischen Tarn u. Lot (1050 m) n. die von Levezon (1200 in). Caussidiere, Marc, franz. Revolutionär, geb. 18. Mai 1808 in Genf, von niederem Herkommen; nahm seit 1830 an allen Verschwörungen zumSturze der bestehenden Regierung theil, kam deshalb ins Gefängnis) u. wurde erst durch die Amnestie von 1847 frei; er wurde 1848 Mitglied der Nationalversammlung u. Polizeipräsect von Paris, wo er sich aus den Barricadenmännern n. ehemaligen Sträflingen eine eigene 6rrräs än xsupls bildete. Bei dem Mai-Attentat compro- mittirt u. deshalb vcn der Nationalversammlung in Anklagestand versetzt, entging er der Verhaftung durch die Flucht nach London u. begab sich später nach Amerika. Nach Frankreich zurückgekehrt, starb er 27. Jan. 1861 in Paris. Er schr.: Nsmoirss, Par. 1848, 2 Bde. Canssin de Perccval, 1) Jean Jaqnes Antoine, franz. Orientalist, geb. 24. Juni 1759 zn MontLidier, gest. 29. Juli 1835; kam jung nach Paris u. erlernte dort im Lolloxs äo 6uustious — Caution. 575 branos unter Cordonne u. Deshanteraycs das Arabische, wurde 1783 Professor der arabischen Sprache am OoIIs§s äs Drauos u. 1787 Bibliothekar der arabischen Handschriften an der königlichen Bibliothek. Außer verschiedenen 2äemoirss ker ^oaäömis äss insoriptious et dolles Isttres, gab er folgende Schriften heraus: Dxpsäition Üss^rAonautss on In oonguets äs Is-Loisou ä'or, Par. 1796; Histoirs äs In Zivils sons In äomi- intion äss Llusslmaus par Dorvairi, ebd. 1802; Luits äs Llllls st uns units, ebd., 2 Bde.; Anbiss astronomiguas ä'DI-Vounis, aus dem Arab. übersetzt, ebd. 1810. Auch besorgte er einige gute Ausgaben arabischer Texte, wie der ll> ssnnoss äs lllnriri, Par. 1818; Daläss äs Dolrmau, ebd.; llss sspb Llonllnknds; Des trois Premiers ednpi- tres äu Oorau. 2) Armand Pierre, Sohn des Vor., geb. 11. Jan. 1795 zu Paris; widmete sich dem Studium der oriental. Sprachen, ging 1814 als Disvs Intsrprüts nach Constantin- opel, bereiste Syrien u. den Orient, hielt sich ein Jahr bei den Maroniten auf dem Berge Libanon aus u. wurde dann Dragoman in Aleppo u. nach seiner Rückkehr 1822 Professor des Vulgär-Arabischen an der Deols ro/nls äss Ino§n§ss or. viv. und am Oollspss äs Drnnos und Interpret des Kriegsministeriums; er st. 15. Jan. 1871 in Paris. Seine Schriften sind: kröois Illstorlgus äs In Auorrs äss lures eontrs Iss Dussoz psu- äaut Iss auu. 1769—76, tlrs äs l'Illstorlsn turo Vassiv-Dkksuäi, Par. 1822; Orammairs urads- vuIZairs, ebd. 1824 u. 1833; Drssis dlstorigne äs la ässtruotion än oorps äss äauissairss pur Is sult. Llallmouä eu 1826, truänit äu turo, ebd. 1833; Uns rsvisiou uu^msutöo äu äiet. krany.-aradsä'DIliousLootdor, ebd. 1848, 2 Bde; llssais sur I'distoirs äss Grades avant 1'Isla- nüsmepenäant I'spogus äs Nadomst st jusgu'ä la röäuotiou äs toutes Iss tridus sous la loi musulmaus, ebd. 1847, 3 Bde.; ein elastisches Werk über die vorislamitische Geschichte, bei dessen Bearbeitung der gelehrte Verfasser die vielen arabischen Handschriften der kaiserlichen Bibliothek in Paris, namentlich aber das berühmte Werk des Jbn Khaldoun benutzt hat. «- Osustwus (lat., v. Gr., caustisch), 1) ätzend, brennend; 2) spöttisch, mit scharfen Worten. Oaustioa (Caustische Mittel), s. Ätzmittel. Daher Causticität, 1) Eigenschaft zu ätzen, od. auf der Zunge zu brennen; 2) Bitterkeit, Schärfe im Ausdruck. Cantel (v. lat. eautsla), I) Vorsichtsmaßregel, Behutsamkeit. 2) Besonders in Rechtsgeschäften Verwahrung, z. B. gegen Mißdeutungen u. einseitige Auslegungen. 3) Die Worte oder Sätze, worin eine solche Behutsamkeit od. Verwahrung enthalten sind; z. B. Oautsla Looiui, der Vorbehalt im Testament, Laß ein Nothcrbe, dessen Pflichttheil zwar beschwert, aber durcheilten zugedachten Vortheil wieder vermehrt worden ist, dieses Vortheils verlustig sein soll, falls er sich die Beschwerung nicht gefallen lassen will. Daher Cautelar - Inrisprnoenz, der Th eil der Rechtswissenschaft, welcher lehrt, rechtliche Geschäfte in der Weise vorzunehmen u. abzuschließen, Laß sie gegen Anfechtungen möglichst gesichert sind. Canterets (Cauterez), I) Pyrenäen-Thal im Arr. Argelös des franz. Dep. Dantss-llzwsnsss, großartige Gebirgswelt, von der Gave deC. durchflossen; waldig, Weideplätze. 2) Gem. darin, 992 m ü. d. M.; berühmte Schwefelbäder (in 22 Quellen) von 17 bis 44" ll., zum Trinken und Baden, wirksam gegen chronische Brustleiden, Rheumatismen, Hautkrankheiten und Syphilis; jährlich 15,000 Badegäste; 1610 Ew. Oauterillm (v. Gr.), Brenneisen; Oautsria, Ätzmittel (s. d.). 0. autimouials, s. Antimonchloride. Daher cauterisiren u. Cauterisation, die Anwendung von Brenn- u. Ätzmitteln (s. d.). Caution (lat. Oautio), 1) jede Sicherheits- Maßregel wegen eines zu befürchtenden Nachtheils. 2) Sicherstellung wegen künftiger Verwirklichung eines Rechtes oder Erfüllung einer Verpflichtung (namentlich üblich bei Abschließung von Liefernrigs-u. Übernahmeverträgen aller Art). Sie zerfällt ä.) in Verbal-C., welche entweder durch bloßes Versprechen (Oautio promissoria, Dsxromissio uuäa), od. durch eidlich bekräftigtes Versprechen (0. juratoria) geleistet wird; u. II) in Real-C. (0. iäonsa), die durch Bestellung von Bürgen (0. üäszussoria, Zatisäatlo) oder durch Verpfändung von Sachen (0. piAuoratieia) bewirkt wird. Die Verpflichtung, eine C. zu bestellen, kann durch Vertrag od. testamentarische Verfügung, od. auch durch gesetzliche Vorschrift begründet sein, woraus sich die Eintheilnng in Oautionss voluntarias u. 0. nsesssarias bezieht. Die letzteren sind meist Real - C - en und sind namentlich im Proceßrechte häufig. Insbesondere finden a) im Civil- u. Criminalprvceß folgende C-en statt: Oautio pro sxpsnsis, welche der Kläger, wenn er ein Ausländer u. nicht im Jnlande mit Immobilien angesessen ist, wegen der möglicherweise ihm anfznerlegenden Pflicht zur Erstattung der Proceßkosten zu leisten hat; 0. äs prossgusuäalits, Sicherheit, einen wiederholt angefangenen Rechtsstreit fortsetzen zu wollen; 0. äs juäioio sisti, Sicherheit, sich jederzeit vor Gericht auf Erfordern zu stellen; 0. juäioatum rati et solvi, Sicherheit, daß der Beklagte das ihm Anerkannte leiste, resp. bezahle; 0. rati s. äs rato, Sicherstellung, daß die Genehmigung dessen erfolge, was ein nicht genügend Bevollmächtigter für einen Anderen verhandelt hat; 0. äs rsoou- vsutious, Sicherstellung, daß ein Kläger sich vor dem dermaligcn Gerichtsstände des eben Beklagten wieder belangen lasse mit der Widerklage; 0. apxsllationis, die nach einigen Particularge- setzcn vom Appellanten zu leistende Sicherheit hinsichtlich des Schadens u. der Kosten, die durch Verwerfung der Appellation entstehen können; 0. rsvisoria, welche zu gleichem Zwecke nach einigen Proceßordnnngen bei dem Rechtsmittel der Revision von dem Revidenten zu leisten ist; die 0. asiuiua, wenn Jemand den Werth eines streitigen Gegenstandes als bürgschastliche Schadloshaltung im Gerichte niederlegte. I>) Äußerhalb des Processes kommen noch vor: 0. äs äamuo iukseto. Sicherheitsbestellung, welche Jeder fordern kann, der von den schadhaften Gebäuden der Nachbarn od. von Bauten n. Anlagen eines Anderen Schaden für sein Eigenthnm zu befürch- 576 Cauvin — ten hat (A. Hesse, Die 6. äamni inkscti, Lpz. 1838); 0. äs evictlcws, Sicherheit, welche der Verkäufer einer Sache dem Käufer über künftige Gewähr zu leisten hat, falls dem Letzteren die Sache von einem Dritten später abgestritten werden sollte; 0. äs non alrsnaväo, Sicherstellung, daß eine in Anspruch genommene bewegliche Sache nicht veräußert werden soll; 6. äs von amplius tnrbanäo, Sicherheitsleistung, besonders bei der Lctio rwZatoria, vorkommend u. Sicherung gegen künftige Beeinträchtigungen u. Eingriffe in unser Eigenthum bezweckend; 0. äs rsxrasssn- tanäo, die in Psändungssachen von einem Kläger wegen Rückgabe der von ihm gepfändeten Sache vd. Stellung einer Person zu leistende Sicherheit; 0. üäslcommissorin, die von dem Erben oder Legatar, dem ein Fideicommiß mit einer Bedingung od. Zeitbestimmung auferlegt ist, wegen richtiger dereinstiger Ausantwortnng des Fideicom- misses zu leistende Sicherheit; 6. inäemnitatis, Sicherheit wegen künftiger Schadloshaltung; 0. IsZatornm ssrvanäornm causa, so v. w. 6. üäsi- commissoria; 6. Llneiann: der letztwillig Bedachte, welchem die Bedingung gestellt worden, Etwas nicht zu thun, kann das ihm Vermachte vom Erben rc. abfordern, wenn er Sicherheit wegen der Zurückgabe des Vermachten ans den Fall der Zuwiderhandlung leistet; 0. rsm xnpülam salvarn kors, die vom Vormunde wegen treuer Verwaltung und einstiger Ausantwortnng des Mündelvermögens zu bestellende C.; 0. usukruc- tuaria, u. 6. guasi-usuümctuaria, die vom Nutznießer wegen Erfüllung seiner Obliegenheiten u. richtiger einstiger Rückgabe der zu benutzenden Sache zu leistende Sicherheit. 3) Eine gewöhnliche Schuldverschreibung; daher 6. äs ciavibus, Schuldverschreibungen des Mittelalters, wodurch Jemand dem Darleiher sich lebenslänglich dienstbar zu machen versprach, wenn er das ihm anvertraute od. geliehene Gut nicht zurückerstatten würde; 6. Inäiscretm, eine Schuldverschreibung, in welcher der Entstehungsgrund der Schuldverbindlichleit nicht ausgedrückt ist u. welche ebendeshalb zu einem Beweise der Schuld nicht hin- rcicht. 4) Die Sicherheits-Bestellung, welche (Staats-, Gemeinde-, Kirchen- u. Corporations-) Beamten obliegt, wenn sie eine öffentliche oder Corporationskasse, od. ein Magazin od. Waaren- vorräthe zu verwalten haben. Diese in der Regel in Baargeld oder in Cours habenden Staatspapieren zn bestellende C. hastet für die dem Kasseneigenthümer aus der Kassenverwaltung des Beamten entstehenden vermögensrechtlichen Nachtheile. Das im Falle von Kassendefecten einzuleitende Verfahren Pflegt besonders geregelt zu sein. Grotefend. Cauvin, Jean, so v. w. Calvin. Cauwer, Emil de, belg. Architekturmaler, geb. 1828 in Gent, Sohn u. Schüler Josephs de C. Seine Bilder zeichnen sich durch strenge Zeichnung u. gewissenhafte Ausführung aus, wenn sie auch weniger poetisch u. malerisch angelegt sind. C. lebte in Gent, Brüssel, Bremen, Breslau u. Berlin; er st. das. 30. Jan. 1873. Hauptwerke: Martinskirche u. Rathhaus in Oudenaerde, neue Synagoge in Berlin, Kreuzgang bei Sct. Cavaignac. Macarius in Gent, Inneres der Hauptkirche in Delft, St. Armand in Ronen. Regnet. Caux (?nxs äs 6., Lalstsnsis 8Zsr), ehemalige Landschaft in der früheren franz. Prov. Normandie, jetzt zum Dep. Seine inserienre gehörig; grenzt an den Canal la Manche, die Picardie u. die Seine. Das Vorgebirg Chef de C. (das heutige Cap la Heve) an der äußersten Mündung der Seine bildete die WSpitze. Es war eines der vier Gebiete der Diöcese Ronen. Die Bewohner sollen von den Normannen abstammen. Caux, Salomon de, s. Caus. Cava de' Tirreni, Stadt in der ital. Prov. Salerno, in dem fruchtbaren gleichnam. Thal, Station der Ital. Südbahn; Bischofssitz, Kathedrale, 3 Kirchen, adeliges Frauenkloster; geistl. Seminar; Hospital; Seiden-, Baumwollen- und Leinenweberei und Anfertigung von Majolica; ! 3000, als Gern. 20,612 Ew. In der Nähe die l reiche Benedictinerabtei der Heil. Dreieinigkeit, deren Bibliothek u. Archiv, die reichsten im Lande, nach Neapel versetzt worden sind. Das Kloster soll zu Anfang des 11. Jahrh. von Alfieri, einem Verwandten des Grafen Drogo von Salerno, gegründet worden sein; es wurde von dem Grasen Roger durch viele Schenkungen bereichert u. später an einen geeigneteren Platz versetzt u. vom Papst Bonifacius IX. zum Bisthum erhoben. Cavaignac, 1)Jean Baptiste, frz. General, Mitglied desNationalconvents, geb. 1762 inGordon (Dep. Lot); war beim Ausbruche der franz. Revolu- , tion Parlamentsadvocat in Toulouse, schloß sich der § Bewegungspartei an, wurde 1792 in den National« ! convent gewählt, stimmte für den Tod des Königs ohne Appellation u. Aufschub, gehörte nach dem Sturze Robespierres der gemäßigten republikanischen Partei an, ging im Aufträge des Convents in die Provinzen u. zur Armee, wurde für seine Verdienste mit Generalsrang bekleidet, kehrte nach Paris zurück u. leitete die bewaffnete Macht gegen die Aufstände der Bergpartei vom 20. Mai 1795 (1. Prairial des Jahres III.) u. 5. Oct. 1795 (13. Vendemiaire des Jahres IV.), am letzteren Tage im Verein mit Bonaparte. Während des Direktoriums war er Mitglied des Rathes der Fünfhundert, Stadtzolleinnehmer und zuletzt Lotterieverweser; unter dem Consnlat ward er als außerordentlicher Generalcommissär nach dem arabischen Seehafen Maskat gesandt, durch den Einfluß Englands dort jedoch nicht angenommen; er wurde 1806 unter König Joseph Domänenverwalter in Neapel, unter Murat Staatsrath u. Majoratsherr, dann aber von Napoleon nach Frankreich zurückberufen. Vom Amnestiegesetze 12. Jan. 1816 ausgeschlossen u. verbannt, wandte ^ er sich nach Brüssel u. st. daselbst 24. März 1829. 2) Godefroi, franz. Politiker, ältester Sohn des Vor., geb. 1801 in Paris; studirte die Rechte, war 1330 in den Vorderreihen der Julistreiter, erklärte sich als eifriger Republikaner nach der Erhebung des Herzogs von Orleans zum König gegen die neue Ordnung, wurde Capitän der Nationalgarde-Artillerie, nahm großen Antheil all den Ausständen im Oct. u. Dec. 1830, wurde verhaftet und vor die Jury gestellt, aber frcige- sprochen. Als Mitglied des Vereins der Volks« Cavaillon — Cavalcanti. 577 freunde wurde er mit Raspail u. Guinard mehrmals verhaftet, 1832 bei der förmlichen Schließung des Vereins vor die Jury gestellt n. abermals freigesprocheu. An die Stelle des aufgelösten Vereins der Volksfrennde trat nun der Verein für Menschenrechte, dessen Haupt C. wurde. Nach dem Aufstaude in Paris (April 1834) wurde er mit den übrigen Bundeshäuptern verhaftet und trat vor dem Pairshof als Wortführer der Seinen auf, entzog sich aber der ihn erwartenden Verurtheilung 13. Juni 1835 durch die Flucht nach England. Er wurde 1839 amnestirt, kehrte aber erst 1841 nach Paris zurück, ergriff sogleich wieder Opposition gegen die Regierung u. gründete die Rökorms. C. st. in Paris 5. Mai 1845. Er schr.: Oaräina! Dubais, on tont vbsmin möns a Roms, und lins tnsris äs Oosaguss, aosns ä'invasion, Par. 1831. 3) Eleonore Louis Engöne, Bruder des Vor., französischer General, geb. 15. Oct. 1802 in Paris; trat 1820 in die Polytechnische Schule in Paris u. 1822 als Unterlieutenant in die Artillerieschule (Lools ä'ax- xlioation) in Metz, wurde 1824 Lieutenant beim 2. Genieregiment, 1827 Oberlieutenant, 1828 Stabscapitän und machte als solcher die frauz. Expedition nach Griechenland mit. Beim Ausbruche der Julirevolution 1830 befand er sich in Garnison zu Arras, wo ihm von dem Theil der Besatzung, der zu Gunsten des Aufstandes nach Paris marschiren wollte, der Oberbefehl angeboren wurde; er wurde 1831 zur Disposition gestellt, weil er eine Volksadresse gegen die Friedenspolitik der Regierung unterzeichnet hatte, aber 1832 wieder in den acüven Dienst berufen u., als Republikaner beargwöhnt, nach Algerien geschickt. Hier zeichnete er sich bei Oran (4. Juni § 1833) aus, machte die Expedition unter Marschall ! Clauzel nach Maskara mit, nahm an der Ein- ^ nähme von Tlemcen (13. Jan. 1836) theil, hielt ^ an der Spitze von 500 Freiwilligen die dortige Citadelle gegen die fortwährenden Angriffe der Araber und'wurde 1837 Bataillonschef bei den Zuaven; 1839 nahm er einige Zeit Urlaub, wurde dann zweiter Commandeur der Zephiren, nahm ^ an der Einnahme von Scherschell (15. März 1840) theil und vertheidigte diesen Platz 12 Tage lang gegen eine große arabische Übermacht. Oberstlieutenant geworden, machte er den Feldzug gegen Medeah mit, wurde 1842 Oberst des Zuaven- regiments, zeichnete sich bei den Kämpfen in der Metidscha u. bei dem Treffen von ElHarbnrg aus, befehligte von 1843 an die Unterdivision Orleans- ville und erhielt 1844 den Grad eines Brigade- gcnerals u. die Unterdiviston Tlemcen^ wo er bis 1847 unausgesetzt gegen arabische Überfälle zu - kämpfen hatte u. zugleich die Verwaltung streng u. unparteiisch führte. Er wurde 1847 Comman- dant der Provinz Oran u. von der Provisorischen Negierung 24. Febr. 1848 zum Divistonsgeneral u. Generalgouverneur von Algier ernannt. Das ihm 20. März angebotene Kriegsministerinm schlug er aus u. kehrte erst nach Paris zurück, als er, vom Dep. Lot in die Nationalversammlung gewählt, seinen Sitz dort einuahm. Infolge des Aufstandes vom 15. Mai wurde ihm das Kriegs- Ministerium zum zweiten Mal angeboten u. dies- Pierer» Nnwersal-ConversationZ-Lexikon. 8. Aufl. I mal von ihm angenommen; 23. Mai erhielt er den Oberbefehl über die zum Schutze der Nationalversammlung bestimmten Truppen und beim Ausbruche des Arbeiteraufstandes vom 23. Juni die Militärdictatur. Nach 4tägigem hartem Kampfe überwältigte er den Aufstand (s. Frankreich, Gesch.) und legte darauf sein Mandat in die Hände der Nationalversammlung nieder (28. Juni), übernahm jedoch die Stellung als Ches der Executiv- gewalt u. verantwortliches Staatsoberhaupt der Republik bis zur definitiven Einsetzung eines Präsidenten. Er verwaltete diese Stellung mit großer Umsicht, Festigkeit u. Unparteilichkeit u. stellte die äußere Ruhe u. Sicherheit wieder her, unterlag aber bei der Präsidentenwahl (10. Dec. 1848) mit etwas mehr als 1Z Mill. Stimmen der Wahl Louis Napoleon Bonapartes. Das Dep. Lot wählte ihn wieder in die Gesetzgebende Versammlung, deren Mitglied er bis zum Staatsstreiche vom 2. Dec. 1851 war; in der Nacht vom 2. Dec. wurde er verhaftet u. nach der Festung Ham gebracht, bald aber wieder mit der Erlaubniß, in Frankreich bleiben zu dürfen, entlassen. Bald nach dem Staatsstreiche verheirathete er sich mit der Tochter des reichen Baukdirectors James Odier n. lebte dann als Privatmann theils auf seinen Gütern, theils in Paris. 1857 vom 3. Arr. von Paris zum Mitgliede der Gesetzgebenden Versammlung gewählt, st. er plötzlich 28. Oct. dess. Jahres auf seinem Schlosse Ournes bei Flee im Dep. Sarthe. Seine Wittwe st. 24. April 1874. Er schr.: Vs In rögsnes ä^i^sr, Par. 1839. Cavaillon, Stadt im Arr. Avignon des frauz. Dep. Vaucluse, an der Durauce u. an der Paris- Lyon-Mittelmeer-Bahn; Fabrikation von Kerzen, Tuch, Hüten, Seide rc.; baut Krapp, Obst und Südfrüchte (namentlich Melonen); 8034 Ew., wovon jedoch nur 3906 in der eigentl. Stadt. Die Gegend heißt wegen ihrer Fruchtbarkeit llaräin äs In vrovonos. — C. hieß im Alterthum Cabellio u. war eine Stadt der Cavares im Narbonensi- schen Gallien. Sie erhielt eine römische Colonie, u. dem Pompejus wurde hier ein Triumphbogen gebaut, wovon noch Ruinen übrig sind. Hier war eine Schlauchfähre über die Durauce, deren Inhaber u. Führer eine besondere Zunft (OsIIsZium utrieulariorum) bildeten. (Vgl. Calvet, 8ur un mo- nnmsnt sinK. ässHtrieulairss äsO., Avign.1766.) C. stand später unter den Grafen von Veuasque, den Königen von Burgund, den Grafen von Toulouse u. kam dann unter päpstliche Herrschaft, 1793 an Frankreich. Cavalcade (fr.), 1) feierlicher Aufzug zu Pferde; besonders der feierliche Zug, welcher den in der Peterskirche gekrönten Papst nach dem Lateran begleitet. 2) Jede Reiterei, die ein komisches Ende nimmt, oder sonst lächerlich ist. 3) (Oavg.Ies.tus, Oavaloata) Sonst der Reiterdienst der Vasallen im Kriege. Cavalcantk, 1) Guido, italien. Dichter und Philosoph, geb. im ersten Dritttheil des 13. Jahrh. zu Florenz; war Haupt der Ghibellinen; starb 1300 daselbst. Er dichtete unter anderen: Vs natura st motu amoris vsnsrsi, Vened. 1498, italienisch mit Commeutar von Egidio Colonua, Siena 1602; Rlms, in der Sammlung alter v. Band. Z7 573 Cavalcaselle italienischer Dichter, Florenz 1527, n. A., Vened. 1731. Seine gesarnmten Sonette, Balladen und Canzonen sind enthalten in Riino säito oll ins- llito, herausgeg. von Cicciaporci, Florenz 1813. C. überrascht in seinen Sonetten durch die ebenso reine als edle Sprache, welche man erst bei Dante u. Petrarca, deren unmittelbarer Vorgänger er war, zu bewundern gewohnt ist. 2) Giovanni, ital. Geschichtschreiber, ein Florentiner; schrieb: Istariv b'iorsntios (von 1420—52), herausg. von Polidori, Florenz 1838, 2 Bde.; auch eine Abhandlung über Cosimos v. Medici Verbannung u. Rückkehr, herausgeg. von Moreni, ebd. 1821, n. Ausg., 1867. 3) Bartolome», geb. 1503 in Florenz, Gegner der Medici, ausgezeichnet durch Tapferkeit u. Beredtsamkeit; ging nach Cosimos v. Medici Erwählung freiwillig ins Exil, trat in die Dienste des Cardinals Hippolyt von Este, nachmaligen Papstes Paul III., in Rom; st. 1562 in Padua. Er schr.: ll'rattabi ovxra, M otbimi rox- Mmenii llells ropubbliolis, Vened. 1555, 1574; Rottorioa, ebd. 1559 u. ö. Booch-Arlossy. Cavalcaselle, Giov. Batt., berühmter ital. Kunstgelehrter, geb. 22. Jan. 1820 in Legnago; besuchte die Kunstakademie in Venedig u. studirte daneben Kunstgeschichte; dann ward er Ingenieur in Padua, kehrte aber bald wieder zur Kunst zurück, ward in Mailand der Schüler Serris, bereiste hierauf ganz Italien, lebte 1846 in München, ging nach NDeutschland, nahm 1848 theil an der italienischen Revolution, ward in Cremona von den Österreichern gefangen genommen u. znm Tode verurtheilt. Mit genauer Noth entwichen, half er nun Rom gegen die Franzosen vertheidi- gen, ward aus Italien verbannt und ging nach Frankreich u. England. In London lebte er mit H. A. Crowe zusammen, den er 1847 in Deutschland kennen gelernt, schrieb mit ihm gemeinschaftlich die Larl/ ltltzniisli ksänbsrs und begann die Vorstudien zu seiner Ital. Kunstgeschichte, worauf er nach Spanien ging u. 18S6 wieder in London mit Crowe zusammen arbeitete. 1858 kehrte C. wieder nach Italien zurück und kam 1861 nach Leipzig, wo er mit Crowe die berühmte Dsbor^ ok yaintui^ in ItaJ begann. Seitdem lebt C., verschiedene Reisen ausgenommen, als General- director der Kunstangelegenheiten in Rom u. hat als solcher vielfach Gelegenheit, seine eminenten Kenntnisse durch Restaurationen rc. praktisch zu verwerthen. (Vgl. C. u. Crowe, Gesch. der ital. Malerei, deutsch bearbeitet von A. Springer; Leipzig 1875.) N-gn-t. Cavalerie (Cavallerie), die zweite Hauptwaffe der Heere, die zu Pferde kämpfenden Soldaten. Die C. beträgt etwa H der Infanterie; ihr Element ist die Schnelligkeit u. die blanke Waffe; mit der Schußwaffe kann sie nur zu Fuße etwas leisten, zu Pferde dient dieselbe nur zu Signalschüsseu. Man gibt indeß jetzt der C. gute Schußwaffen, weil unter Umständen die Vertheidigung von Örtlichkeiten, Defilten rc. durch abgesessene C. von großer Wichtigkeit werden kann. Im Gefechte ist der geschlossene Angriff, der Choc, die wesentlichste Leistung der C.; wenn derselbe auch in den letzten Kriegen selten zur Geltung kam, so wird ein gewandter Reiterführer doch auch in der Zu- — Cavalerie. knifft die C. ihre Lorbeeren auf dem Gefechtsfelde pflücken lassen. Allerdings wird das der vervoll- kommneten Feuerwaffen wegen seltener möglich sein. Das Auftreten der C. muß noch mehr als früher überraschend geschehen, u. der Choc muß länger werden (bis 1500 Schritt). Die wesentlichsten Dienste leistet die C. bei der Verfolgung und im Sicherheitsdienste, sowie zum Einziehen von Nachrichten. Große C-massen, selbständige C-divisionen mit reitender Artillerie gehen dem Heere voran, verschleiern dessen Bewegungen, ziehen Nachrichten ein, zerstören die Communica- tionen, besonders die Eisenbahnen, die dem Feinde von Nutzen sein können, stören feindliche Organisationen n. tragen den Schrecken in des Feindes Land. Außer solchen selbständigen C.-Divisionen gibt es noch die sogen. Divifions-C., d. h. jeder Infanterie-Division wird in der Regel ein C.-Regi- ment zugetheilt, das vornehmlich zum Sicherheitsdienste bestimmt ist, aber auch oft Gelegenheit finden wird, kleine taktische Erfolge zu erzielen. Man unterscheidet schwere C.: Kürassiere, und leichte: Husaren, Dragoner, Ulanen (leichte Reiter, Okievaux-Isgsrs, Jäger zu Pferde, Otiasseurs L oiisval). Die Kürassiere erhalten die schwersten Pferde u. Leute u. sind besonders zum geschlossenen Angriffe bestimmt, die Husaren die kleinen n. gewandten Pferde, die sie besonders zum Einzelgefechte befähigen. Aber jede C. muß zu allen Diensten fähig und ansgebildet sein. Die Kürassiere führen den Pallasch und eine Pistole, Husaren, Dragoner u. Ulanen den Säbel u. einen Carabiner, oder ein Gewehr, Letztere außerdem die Lanze, wol die wirksamste aller blanken Waffen. Die C. wird in Schwadronen (Escadrons) for- mirt, die 120—180 Pferde stark sind (in Deutschland 150); 4—10 derselben bilden ein Regiment (in Deutschland im Frieden 5, im Kriege 4), 2 bis 4 Regimenter eine Brigade. Die Aufstellung der C. geschieht in 2 Gliedern; die Escadron wird in 4 Züge eingetheilt, von denen die vierten vornehmlich zum Plänkern bestimmt sind und demnach die raschesten u. besten Pferde erhalten. Zur Ausführung der Wendungen dient die Eintheilung in Abmärsche zu 3 od. 4 Rotten, znmManoeuv- riren die Zugcolonne, die Halbcolonne, die Co- lonne nach der Mitte, die Colonne in Escadrons u. die Escadrons-Colonne. Im Gefechte tritt die C. immer in 2 Treffen auf. Hat das 1. Treffen den Gegner zersprengt, so muß das 2. den Sieg ausnutzen, andernfalls das 1. aufnehmen od. die Attake wiederholen. Vorzüglich wird die C. suchen, der feindlichen C. die Flanke abzugewinnen, der eigenen die Flanken zu decken. Die verschiedenen Angriffsarten sind: 1) on muraiUs, d. h. in Linie ohne Intervalle, wird kaum mehr angewandt, da Unordnung nicht zu vermeiden; 2) in Linie mit Intervalle zwischen den Schwadronen; 8) su soiielous, d. h. in mehreren Abtheilungen hinter einander, von denen die Hinteren die vorderen überflügeln, u. 4) in Colonne. Gegen Artillerie wird die Schwärmattake angewandt, doch muß für die Deckung der Flügel durch nachfolgende geschlossene Abtheilungen gesorgt werden. Die Fühmng der C. ist äußerst schwierig u. erfordert den jetzigen Feuerwaffen gegenüber mehr als je das höchste Cavalerie. 579 Geschick, raschen Entschluß, Kaltblütigkeit n. Verwegenheit. Die deutsche C. zählt im Frieden 93 Regimenter k 5 Escadrons, nämlich: 12 Kürassier-, 28 Dragoner-, 25 Ulanen-, 18 Husaren-, 6 Olievanx-IsAsro- (Bayern) u. 4 Reiterregimenter (Sachsen); die französische C. zählt 77 Regimenter ä 5 Escadrons, nämlich: 12 Kürassier-, 26 Dragoner-, 20 6kis.88snr8 -, 12 Husaren-, 4 0dL88eur8 ck'^krlgns- u. 3 Spahi-Regimenter. Der früheste Gebrauch des Pferdes als Reit- thieres zu kriegerischenUnternehmnngen läßt sich mit Wahrscheinlichkeit bei den Bewohnern der weiten Steppen Central-Asiens (Hiongun, Skythen, Mongolen, Hunnen u. A.) vermuthen, welche bei ihren zahlreichen Emfällen nach O. gegen China sowol, als ihren Kämpfen mit dem W. schon in den ersten Zeiten historischer Kunde, wie in den späteren beritten in unermeßlichen Schaaren, aber in einer gewissen Ordnung erscheinen. Bei den westlicheren Völkern (Assyrern) zeigt sich ans den alten Denkmälern der kriegerische Gebrauch der Streitwagen, ebenso bei den Ägyptern, denen vor dem Jahre 1800 auch dieser Gebrauch unbekannt gewesen zu sein scheint. Erst um die Mitte des ersten vor- christl. Jahrtausends entwickelte sich zuerst bei den Medern, dann bei den Pesern eine Art regelmäßiger C. von gleichmäßiger Ausrüstung u. Bewaffnung; später waren bes. die Parther darin ausgezeichnet. Die alten Griechen kannten zu Ho- meros' Zeit nur den Kamps mit dem Streitwagen; in den folgenden Jahrh. bildeten sich die Anfänge einer Reiterei. Als die besten Reiter der Griechen waren die Theffalier, BLoter, Lokrer u. Phokenser berühmt. Es gab verschiedene Arten von Reiterei: solche, die Wurswafsen führten (Lkrobslmbai); mit Lanzen Bewaffnete (Ooratoplroroiu. Lontopliorcü); Bogenschützen zu Pferde (Hixpotoxobaä). Seit Alexander d. Gr. gab es Reiterei, die zu Pferde u. zu Fuß zugleich fechten konnte; die Reiter waren von Knappen begleitet, die im letzteren Falle die Pferde in Empfang nahmen; die LabapiiraLtoi waren ganz gepanzert, auch ihre Pferde. Die Spartaner selbst dienten nicht unter der Reiterei; s. mit. Lakonika (Ant.). In Athen (s. d. S. 273) bekam die Reiterei unter Perikles aus der Staatskasse Geld zur Equipirung u. einen Sold (Lata- otAZio). Dieser Sold war bedeutender, als der der Fußsoldaten (täglich 1 Drachme); er wurde auch in Friedenszeiten bezahlt, weil die Reiterei auch bei festlichen Aufzügen diente. Die Befehlshaber hießen Lipparodoi. Die Stellung in der Schlacht war meist aus den Flügeln. Die Thessa- lier stellten ihre Reiter in sphärischer Form. Bei den Römern hatte sich schon Romulus eine Reiter- fchaar als Garde gebildet (s. (.'slorov); später bestand die Reiterei bis auf Marius ans den Lgnitss (s. Lgrwo), welche von dem Staate ein Pferd erhielten; zuletzt nahmen sie auch von den Bundesge- »ssen Reiterei ins Heer; s. Rom, Ant. Eine überlegene Macht führte gegen sie Hannibal in seinen uumidischen Schaaren. Auch die Gallier u. Germanen hatten leichte, wenn auch weniger zahlreiche Reiterei, Loch war in alter Zeit die C. bei ihnen nur eine untergeordnete Hilsswaffe; s. nnt. Deutschland, Ant. Die Franken u. Gothen bildeten sich erst eine bessere Reiterei, als sie in Gallien, Spanien u. NJtalien festen Fuß faßten. Im 8. bis 10. Jahrh. zwang sie die Eroberung von Spanien durch die Araber, deren Entwickelung zum Reitervolke erst am Ausgange des Alterthums sich vollzog, und das Vordringen derselben bis an die Alpen, gegen dies trefflich berittene Volk auch ihre Reiterei zu vervollkommnen. Als sich das Ritterwe- sen (s. d.) im 10. u. 11. Jahrh. mehr ansbildete, kam eine ganz andere Art der Reiterei auf. Bei ihrer schweren Bewaffnung erfüllte sie aber ihren Hauptzweck, Schnelligkeit im Angriffe n. den Bewegungen, nicht. Schon unter Heinrich dem Vogler trieben die leichtbewaffneten Reiterschaaren der Magyaren die deutschen Schwerbewaffneten in die Enge, ebenso die Saracenen während der Krenz- züge, u. in der Mitte des 13. Jahrh. blieben die leichten Reiterschwärme der Mongolen in Schlesien, Polen u. Ungarn gegen die schwere abendländische Reiterei fast immer Sieger. Die schweren Niederlagen, welche die schweizerischen Bauern in den Schlachten von Morgarten u. Sempach den österreichischen Rittern beibrachten, raubte der Reiterei im 14. Jahrh. einen großen Theil ihres Ansehens, welches die Erfindung des Schießpulvers noch mehr zu Fall brachte. Demnach suchte man ihre Stärke in regulärerer Formation. So wurden zu Anfang des 15. Jahrhunderts in Frankreich die Ordonnanzcompagnien gebildet, die aus 1 Hauptmann, 1 Lieutenant, 1 Führer und 100 Lanzen (Glaivcn) zusammengesetzt waren. Jede Lanze bestand ans einem völlig gepanzerten Mann (Gensdarm), 3 leichtbewaffneten Bogenschützen, die später mit Fcucrgemehren bewaffnet wurden, 1 Knappen u. 1 Pagen. Alle waren beritten. Die Ritter fochten mit den Knappen u. Pagen in einem Gliede, die Schützen, die Pferde gekoppelt, zu Fuße. Sich in Colonnen zu setzen, od. regelmäßig abzubrechen, aufznmarschiren, od. zu schwenken, waren sie nicht im Stande. Fast gleichzeitig entstanden die deutschen Reiter. Sie waren in Compagnien (Cor- netten) forniirt, und der Reiter mußte von Adel, ganz geharnischt sein und sich Pferde, Waffen u. Fonrage selbst schaffen, doch erhielt er Sold und hatte einen etwas leichter gewaffneten Knecht. Nach u. nach hörte aber das Aufgebot der Vasallen und die Forderung, daß die C. von Ade! sein müsse, auf. Im 15. u. 16. Jahrh. nöthigie die Vervollkommnung der Feuerwaffe die Ritter, die schweren ganzen Rüstungen durch leichtere Bewaffnung zu ersetzen; doch bestanden die ganz geharnischten deutschen Reiter und Ordonnanzcompagnien noch bis gegen Ende des 16. Jahrh. fori u. gingen erst hier in den niederländischen Krieger, in etwas leichtere Bewaffnung über, wodurch die Kürassiere entstanden. Schon früher hatte man Compagnien berittener Hakenschützen (bei den Franzosen Carabiniers). Karl V. warb zu seinen Kriegen ans den Völkern an der türkischen Grenze, albanesische Reiter u. Stratioten, n. diese wurden das Vorbild der nachmaligen leichten C. Die Ungarn u. Polen bildeten Lurch ihre Kriege mir den Türken die beste leichte C. aus, jene die Husaren, diese die Ulanen. In den niederländischen Kriegen errichtete Moritz von Oranien zuerst Drm goner, eigentlich Fußsoldaten, denen die Pferde nu ^ zur schnelleren Bewegung dienen sollten, die balv> 37 * 580 Cavalier — Cavaliere. aber als C. verwendet wurden. Derselbe lehrte auch seine C. abbrechen, aufmarschiren und ab- u. einschwenken, während früher die C. nur in einer Linie gesochten hatte. Herzog Alba brauchte seine leichte C. zuerst zum Fechten in geschlossener Ordnung. Gustav Adolf führte Dragoner ein, die ohne Panzer meist zu Pferde in 3 Gliedern fochten, u. schaffte seiner C. ein entschiedenes Übergewicht über die schwere kaiserliche. Um diese Zeit wurde auch Speer u. Lanze fast durchweg durch den Pallasch ersetzt; man ritt im Schritt od. Trab 30 — SO Schritte vor die feindliche Fronte, gab eine Salve mit dem Carabiner oder mit den Pistolen u. suchte hierauf in die Glieder einzubrechen. Später wurden die Türkenkriege und die Kriege mit Ludwig XIV. die Schule der C. Es gab Kürassiere, Carabiniers u. Dragoner; die Franzosen hatten auch Grenadiere zu Pferde; Husaren hatten nur die Kaiserlichen, später auch die Franzosen. Während des Spanischen Erbfolgekrieges u. später wurde die schwere C. immer mehr erleichtert, doch erwarteten sie den Angriff des Gegners eng geschlossen, zogen aber auch so gegen die leichte C. gewöhnlich den Kürzeren. Vortreffliche C. hatten in dieser Zeit die Türken, die, in großen Schwärmen dahersprengend, die schwerfälligen Reiterschaaren der Deutschen fast immer besiegten. Beim Ausbruche des Österreichischen Erbsolgckrie- ges (1740) war die österreichische C. der preußischen überlegen, da der letzteren die leichte C. (Husaren) fehlte. Dies änderte sich aber sofort, als Friedrich II. letztere vermehrte. Seidlitz u. Ziethen stellten die C. in 2 Glieder, führten den Choc ein, lehrten schneller n. leichter schwenken, deployiren u. Colonnc formtreu. Schon nach den ersten Schlesischen Kriegen wurden in der preußischen Armee bei den Regimentern Reitbahnen errichtet; andere Armeen folgten, u. die C. erhielt bald einen bisher noch nicht gekannten Grad der Vollkommenheit. Nur die Franzosen blieben in der Reitkunst zurück n. suchten ihr Heil noch in Len enggeschlosscnen Gliedern, weshalb im Anfänge des Französischen Nevolutionskricges die preußische, sächsische, englische und besonders die österreichische C. große Überlegenheit über die französische bewies. Dennoch erlangte die französische C. mit diesem System in der Zeit von 1805 —12 durch Anführer, wie Murat, oft Vortheile. 1807 wurde durch die Erhebung der Polen die Lanze bei der C. wieder gewöhnlicher. 1807 u. 1800, ferner in Spanien u. 1812 in Rußland erwiesen die polnischen Lanciers sich vortrefflich. Als überdies bei dem Rückzuge der Franzosen aus Rußland sich die Kosaken Ruf erwarben, kam die Lanze als C-waffe vollends wieder zu Ehren; die Russen gaben den ersten Gliedern einiger Kürassier- u. Husaren-Rcgimenter Lanzen, die Preußen bewaffneten ihre Landwehr-C. damit, u. auch die Franzosen errichtetenLanciers-Regimenter. Seitdem ist die Zahl der Ulanenregimenter in der preuß. Armee erheblich vermehrt worden, ebenso die der Dragoner n. Husaren, dagegen die der Kürassiere auf dem Standpunkte von 1815 stehen geblieben. In Österreich sind seit 1866 die Kürassiere gänzlich abgeschafft n. in Dragoner verwandelt worden. Die Thatsache, daß im Kriege Schnelligkeit der Bewegung eines der ersten Erfordernisse für den Erfolg ausmacht, mußte eben der leichten C. die entschiedene Geltung verschaffen, welche man ihr in neuester Zeit beimißt. Cavalier (franz.), 1) Reiter, Ritter. 8) In Deutschland jeder Edelmann. 3 ) Derjenige, wel- chcr bei Festlichkeiten eine Dame zum Tanze od. zu Tische führt. 4 ) Die Springer im Schachspiel. 5 ) Bei Schiefer- und Metalldächern die rund gebogenen Platten von Blech, Kupfer oder Zink, mit welchen die Firste u. Grate bedeckt werden, so daß kein Wasser eindringen kann. 6) Erhöhtes Werk in den Bastionen, od. auch hinter den Courtinen einer Festung; seine Fenerlinie muß mindestens 3 na höher sein, als die des Hauptwalles, n. der Fuß des C-s muß mindestens um die Wallgangsbreite von der inneren Feuerlinie des Walles entfernt liegen. Eine Rampe in der Kehle führt in das Werk, welches voll ist n. an seinen äußeren Böschungen selten mit Mauerwerk bekleidet wird. Die Armirung besteht gewöhnlich in schwerem Geschütz. Hauptzweck des C-s ist: das Vorterrain zu überhöhen und einzusehen; den Feind zur Vertiefung seiner Laufgräben zu zwingen; als Traverse gegen Enfilade zu dienen u. endlich bisweilen auch, um einen Abschnitt herzustellen. Zn letzterem Zwecke verbindet man den C. mit dem Hauptwalle durch eine Brustwehr u. legt vor ihm einen Graben an. Als Nachtheil des C-s kann angesehen werden, daß er den Raum in den Bastionen zu sehr beschränkt u. dem Feinde, wenn derselbe in den Bastion 'eingedrungen ist, das Festsetzen erleichtert. C. de Tranchee, s. Tranchee- cavalier. Cavalier, Jean, Anführer der Camisarden, geb. 1679 in Ribaute bei Anduse, eines Bauers Sohn; lernte das Bäckerhandwerk, kehrte aber ans Genf in die Heimath zurück, als dort der Aufstand der reformirten Bewohner der Cevennen ansbrach, übernahm 21 Jahre alt dessen Führung 1703, trat aber schon 10. Mai 1704 mit Villars in Unterhandlung, da er seiner Sache keinen Erfolg mehr zutraute. S. Cevennenkrieg. Zu Versailles indeß kalt ausgenommen, ging er nach England, wo er Kriegsdienste nahm; er befehligte dann in dem Kriege in Spanien ein in piemontesischen Diensten stehendes, ans Camisarden gebildetes Regiment n. zeichnete sich 1707 in der Schlacht von Almanza ans. Später wurde er englischer Generalmajor und Gouverneur von Jersey. Er st. 1740 in Chelsea. Oavsliere (ital.), so v. w. Cavalier. 0. äi xin- sbiria, im Johanniterorden ein Ritter mit Ahnen. 0. äi Arama, Einer, der keine Ahnen hatte, aber durch das Capitel im Wege der Dispensation ausgenommen worden war (s. n. Johanniterorden). 6. ssrvsnts, so v. w. Cicisbeo. Cavaliere, Emilio del (auch Cavalieri geschrieben), ital. Componist, geb. um 1550 zu Rom; wirkte gegen Ende des 16. Jahrh. in Florenz. Er streitet mit Caccini, Peri, Ninnccini n. A. um die Ehre, Erfinder der Öper zu sein; jedenfalls gehören auch seine Compositionen (Schäferspiele: II satiro, Im äisporavions äs lülsrw, 1590, eine Art Oratorium: Rapxrsosntasions äi anima s äi eorpo) zu denjenigen musikalischen Bestrebungen, 581 Cavalierformat — Cave. welche in Florenz zur Erfindung der Oper u. zur selbständigeren Entwickelung der Melodie geführt haben. Brambach. Cavalierformat, Cavalierpapier, s. u. Papier. Cavalieri, Bonaventura, geb. 1598 in Mailand, Hieronymit, Schüler Galileis; war Professor der Mathematik in Bologna u. st. daselbst 1647. Er ist bekannt geworden durch sein Werk: Osomstris, inäivisibiiinm ccmiünuornm nova. gna- äam rs-tions promota, Bol. 1635, in welchem er den Inhalt von Flächen u. Körpern nach einer neuen, nach ihm benannten Methode berechnet. Diese ist wesentlich zwar keine andere, als die Exhaustionsmethode der Alten, doch steht sie derjenigen geometrischen Auffassung bedeutend näher, welche bald darauf die Erfindung der Infinitesimalrechnung anbahnte. Er denkt sich Flächen aus Linien, Körper aus Flächen zusammengesetzt, denen er aber eine geringe, untheilbar angenommene Dicke beilegt. Ans der Größe der stetigen Ab- u. Zunahme derselben schließt er dann auf die Größe ihrer Summen, d. i. der betr. Flächen oder Körper. Über die von Zeitgenossen ange- fochtene Natur u. Zulässigkeit seiner Inäivisibilia war er selbst nicht vollkommen klar u. suchte seine Methode in den Lxsrcitaticmss Asometricas osx, Bol. 1647, weiter zu erläutern; in diesem Werke sind zuerst die Brennweiten aller Glaslinsen bestimmt. Außer diesen beiden Hauptwerken schrieb er noch astronomische u. trigonometrische Werke. Biographie, Mail. 1843. Buchrucker. Cavaller-Maggiore, Flecken im Distr. Sa- lnzzo der italien. Prov. Cuneo, an der Maira, Station der Ober-Italien. Eisenbahn; 5470 Ew. Cavalli, Francesco, eigentlich Caletto geheißen, Operncomponist, geb. 1610 in Venedig; starb als Kapellmeister der Marcuskirche 1674 in Venedig. C. machte sich um die Ausbildung der Arie verdient; er schrieb die Oper: Lerxes (8srss) u. v. a. Cavallrni, Pietro, Maler u. Bildhauer in Rom, geb. 1259, gest. 1344, Schüler Giottos. Von ihm sind in der Paulskirche zu Rom das Miraculöse Crucifix u. einige Mosaikarbeiten in Sta. Maria in Trastevere in Nom. Er war der Erste, der die römische Schule gegenüber der flo- rentinischen zur Geltung brachte. Regnet.' Cavallo (ital.), 1) Pferd, Roß. 3) In der italienischen Karte der Reiter statt der Dame in der französischen Karte. 3) So v. w. Cavalier. 4) (Cavalluccio) Neapolitanische Kupfermünze — 4 Pfennig, 12 — 1 Grano. Cavan (früher Breane), 1) Grafschaft der irischen Provinz Ulster; 1887 sHIcm (34 f^M); grenzt im N. an die Grafschaft Fermanagh, im NO. u. O. an Monaghan, im SO. u. S. an Meath, WMeath u. Longford (Provinz Leinster), im W. an Leitrim (Provinz Connaught); Gebirge: im NW. die Ballynageeragh-Höhen, bis 664 m hoch; Flüsse: Erne, Croghan, Annalec, Cavan (Nebenfluß des Erne); Seen: Lough-Ough- ter, Ramor, Scheelin u. a.; von der von Dublin nach Belfast führenden Eisenbahn durchschnitten; Klima sehr feucht, aber stricht ungesund; Boden theilweise sumpfig n, steinig, nur theilweise fruchtbar; Produkte: Kupfer, Eisen, Blei, Steinkoh- len, Flachs, Hafer, Kartoffeln; Hauptbeschäftigung: Bergbau, etwas Ackerbau und Viehzucht, Weberei; viele Mineralquellen; 140,555 Ew. (in, I. 1871 gegen 153,906 im I. 1861). Die Grafschaft gehört zu den ärmsten in Irland; von ihr führt eine Familie den Grafentitel (Earl of C.). 3) Hauptstadt darin, am gleichnamigen Flusse, Station der obengenannten Bahn; katholischer u. anglikanischer Bischof; Krankenhaus; Leinenwebereist Flachsbau; Viehzucht; 3100 Ew.; vor der Stadt der Garten des Lord Farnham. C. brannte 1790 theilweise nieder. Cavanilles, Antonio Jose, berühmter spanischer Botaniker, geb. 16. Jan. 1745 in Valencia; war anfangs Geistlicher, lehrte dann Philosophie in Murcia u. lebte 1777—89 als Führer des Sohnes des Herzogs del Jnfantado in Paris, wo er sich der Botanik widmete; 1801 wurde er Oberaufseher des Botanischen Gartens in Madrid und st. 4. Mai 1804. Er schr.: Nonaäslxläas classis äisosrtat., Par. 1785, 2 Bde., Madr. 1790; Llantas, gnas in Hispania, crsscunb, ebd. 1791 bis 1799, 6 Bde.; Obosrv. sobrs 1a biotoria nst., Zso^r., a§ric. äsl rszmo äs Valencia, 1795—97, 2 Bde. Cavanilles y Ccnti, Don Antonio, bedeutender neuerer spanischer Geschichtschreiber, geb. 1805 zu Coruna in Galicien; studirte neben der Rechtswissenschaft auch namentlich noch Geschichte u. Literatur. 1825 Advocat in Madrid, wußte er sich bald bei seinen Mitbürgern solche Achtung u. Einfluß zu schaffen, daß er schon 1831 Syndikus im Stadtrath wurde; 1832 erhielt er die Theater- ceusur übertragen, 1841 seine Berufung als ordentliches Mitglied in die Königliche Akademie der Geschichte n. kurz darauf in die der moralischen u. politischen Wissenschaften. Er st. Anfang 1864, ohne die Vollendung seines Hauptwerkes: liistoria, äs Lspana, 5 Bde., Madr. 1860—64, erlebt zu haben. Außerdem erschien von ihm eine Sammlung wissenschaftlicher Notizen aller Art, Gedächt- nißschriften, akademischen Reden rc. unter dem Titel: LI Übro äs mss irifos, dann eine Schrift über das Lnsro äs Llaäriä u. DialoZos politicos z- litsrarios, Madr. 1858. Lagai. Cavarzere, Gemeinde im Distr. Chioggia der ital. Prov. Venedig; 14,979 Ew. Clkvate, 1) so v. w. Cavatine. 3) Bei hochgelegenen Kirchen der gewölbte vorstehende Unterbau, der oben in einen vor der Kirche stehenden Altan endigt, z. B. im Erfurter Dom. Cavatine (Cavate, ital.), kleine Arie von nur einem, nicht wiederholt werdenden Thcil u. ohne Coloraturen. Ihr geht zuweilen ein Recitativ vorher, dessen Hauptgedanken sie dann concentrirt wiederholt. Sie ist der einfache, kunstlose Ausdruck nur einer Empfindung. Cave, William, englischer Kirchenhistoriker, geb. 30. Sept. 1637 zu Picwel in der Grafschaft (ieicester; studirte in Cambridge, war Prediger an verschiedenen Orten u. st. 1713 als Canonicus in Windsor. Er schr.: kriwitivs Olrristianit^, Lond. 1673 u. ö., franz., Amsterd. 1702, 2 Bde.; Hiob, litsrarla, scripbornm scclssiasticorum, Lond. 1688 bis 1698, 2 Bde. Fol., Genf 1720, fortgesetzt von L82 Cav6 — Wharton, Oxf. 1740 u. 43, Fol.; Lutiguitatos upostolicao, englisch, Lond. 1676, Fol., 5. Ausl., 1684; Xxostolici, or tks Not. ol tbs ^postlss uuä I'atliers, ebd. 1677 und 1682, deutsch, Lpz. 1724; 'ladulas occIssiaotLcas, Lond. 1674, Hamb. 1676 u. als Eartoxbz'IaL occlcsiasticus, ebd. 1686 n. m. Cave, Elis. Marie Blavot, franz. Aquarellmalerin, geb. in Paris um 1810; Schülerin von Camille Roqueplan u. Nein. Boulanger, unter dessen Leitung sie sich dem Genre zuwendete. Werke: Ein Kind beweint seine Ziege; Jean JacqueS n. die kleinen Savoyarden; Die Kindheit des Paul Veronese; Die Genesung Ludwigs XIII.; Die trauernde Jungfrau (Museum in Rouen); Triptychon (Staalseigenthum) rc. Regnet. Osvea (röm. Ant.), 1) Znschauerraum eines Theaters, Amphitheaters u. Circus. 8) Behält- niß für wilde Thiere im Circus. Cavedöne, Giacomo, ital. Maler, geb. 1577 in Sassuolo bei Modena; war Bedienter eines Edelmannes, ward dann Schüler Baldis u. der Earacci u. ging hierauf nach Venedig, um Tizians Colorit zu studiren. Bei seiner Rückkehr nach Bologna erregten seine Schildereien große Bewunderung. Das Unglück verfolgte ihn aber mannigfaltig u. schlug ihn so nieder, daß er nichts Bedeutendes mehr leisten konnte, in größte Armuth versank und 1660 als Bettler in einem Stalle verschied. Er liebte leichte u. natürliche Stellungen u. hielt streng auf Zeichnung. Werke: Die Madonna auf Wolken; Die vier Propheten (beide in Bologna); Christus todt, von einem Engel beweint (Pinakothek in München); Heilige Cacilia an der Orgel (im Louvre). Regnet.» Cavclicr, Pierre Jules, franz. Bildhauer, geb. 30. Aug. 1814 in Paris, Schüler von David d'Angers u. Paul Delaroche; bildete sich fünf Jahre in Rom u. zeichnet sich durch edle Auffassung, reine Formenschönheit u. Sauberkeit der Ausführung aus. Hauptwerke: Diomedes entführt das Palladium (1842); Ein junger Grieche als Sieger im Wettlaufe bei. den Olymp. Spielen (1842); Die schlafende Penelope (1849); Die Wahrheit (1853); Cornelia; Bacchantin (1855); Seine u. Rhein am Uhrthurm des Pariser Stadthauses; Statue des Erzbischofs d'Affre in der Sacristei von Notre-Dame; Poesie u. Geschichte, am neuen Louvre; Statue Abälards in diesem; Cornelia u. ihre Kinder; Napoleon I. als Gesetzgeber (Eigenthum des Prinzen Napoleon), u. zahlreiche Büsten, darunter die von Horace Vernet, Js. Pereire, Ary Schefers rc. Regnet. Cavendish (Candish), die Nachkommen Roger Gernons, die im 14. Jahrh. in den Besitz des gleichn. Gutes in der englischen Grafschaft Sufsolk kamen u. welche den Namen C. davon annah- men. 1) Sir John, Oberrichter der LinZs Lsncsi, der 1381 in dem Ausstande Wat Tylers umkam. 2) Sir William, geb. 1505, Ceremonienmcister des Cardinals Wolsey; st. 1557. Sein Bruder George C. sehr.: Inks auil äeatli ok 6arckma1 IColssx, Lond. 1607, n. A. von Singer, Lond. 1825. Seine Gemahlin Elis ab eth, geb. Hardwick, vorher mit Robert Barley u. nachher mit William St.-LoL verhcirathct, brachte durch ihre dreimalige - Cavery. Verheirathung dem Hause C. große Reichthüme, u. Ehren zu u. vermittelte die Verheirathung zweier ihrer Kinder mit zweien der Kinder George Talbots, Grafen von Shrewsbury, welchen sie selbst dann in 4. Ehe heirathete. Durch ihren 2. Sohn William wurde sie Ahnfrau der Herzöge von Devonshire; sie st. 1607. 3) Thomas, zeichnete sich in mehreren Seeschlachten aus und unternahm 1586 mit 3 Schiffen eine Reise um die Welt. Auf einer 2. Reise 1591 verlor er 4 Schiffe an der Küste von Brasilien u. erreichte mit einem die Bai von St. Vincent. Er st. auf der Rückreise. 4) William, Marquis u. Herzog von Newcastle (s. d.). fk) Henry, geb. 10. Oct. 1731 in Nizza, Sohn des Lord Charles C., berühmter Chemiker; lebtetrotz seines ungeheuren Reichthums, dener177S von seinem Oheim erbte (er hinterließ 1,200,000 Pfd. St.), nur den Wissenschaften. Er untersuchte zuerst die Eigenschaften des kohlensauren u. Wasser- stoffgases, lehrte die Zusammensetzung des Wassers u. der Salpetersäure kennen u. bestimmte die mittlere Dichtheit der Erdkugel. Auch seine mathematischen u. astronomischen Arbeiten waren vortrefflich. C. verwendete sein Vermögen größ- tentheils auf seine Bibliothek u. ein physikalisches Cabinet. Er st. 24. Febr. 1810 in London. Zahlreiche chemische, physikalische u. astronomische Abhandlungen von ihm finden sich in den kblloso- xirical Iransactions von 1766—1809. Vgl. Wilson, I-iko ok H. 6. Lond. 1852. r. Cavoms (lat.), 1) Keller, Höhle. 2) (Med.) Höhlenbildungen, vorzüglich krankhafter Natur, z. B. durch Vereiterung des Lungengewebes bei Tuberculose; daher auch cavernöse Structur von Krankheitsproducten cavernös (cavernosus), voll Höhlen, hohl; cavornosi sinus, schwammige Blutbehälter; cavernosum oorpiis ursUirac, schwammige Körper der (männlichen) Harnröhre. 3) Bei den Alten das Kugelgewölbe. Cavery (Kaveri, altind. auch Ardhaganga, bei den alten Griechen Chaberos), Fluß im südl. Vor- der-Jndien (Dekhan); entspringt in den westl. Ghat an dem 1300 m hohen Berge Siddheswara oder Sahsa des waldigen Hochlandes Curg, u. 12° 31' n. Br. u. 75° 34' ö. L., durchfließt in zahlreichen Windungen nach O. das waldige Plateau Maisur, an Seringapatam vorbei, in dessen Nähe sie die Zuflüße Hemawutti vom N. u. Lakschmani vom S. erhält. Nachdem sie bei Sufilla den Cubany ausgenommen, durchbricht sie in 1000 m Höhe die OGHat in zahlreichen Wasserfällen, darunter die berühmtesten u. von zahlreichen Wallfahrten besuchten bei Simasamudra, erreicht bei Bhawani, wo sie den gleichnam. Nebenfluß aufnimmt, die Ebene, welche sie reichlich bewässernd u. befruchtend durch viele Kanäle durchströmt, um in einem breiten Delta iu vielen Armen in den Indischen Ocean zu stürzen. Der Hauptarm ist der Colerun. Die Ge- sammtlänge des Stromes beträgt 736 km, das Flußgebiet 68,000 Hskm. Im März, April u. einem Theil des Mai ist die C. sehr wasserarm; im Aug. am wasserreichsten u. ihre Überschwemmungen am gefährlichsten. Schiffbar ist die C. unterhalb dieser Fälle während des hohen Wafser- standes. Für Stromcorrectionen hat die englische Regierung viel gethan. Thiel-m-ma. Cavctte — Cavour. 583 Cavette (fr.), kleiner Graben in der Mitte eines Festungsgrabens. tlavia, Meerschweinchen. Caviar, s. Kaviar. »svioornm (Hohlhörner), Säugethierfamilie aus der Ordnung der Paarzeher, Unterordnung der Wiederkäuer; dahin Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder. Thomö. Caviller (Kafiller), s. v. w. Abdecker; daher Cavillereigerechtigkeit, das dem Abdecker zustehende Recht, das gefallene Vieh abzuholen n. nach Belieben zn gebrauchen; s. Abdecker. Cavttli, Giovanni, gen. der Paduaner, ausgezeichneter ital. Stempel- u. Edelsteinschneider, geb. 1499 in Padua; verfertigte, seit 1565 mit Alessandro Bassiano vereinigt, griechische u. römische Minzen, die als echte oft in Cabinete gekommen sind. Man Pflegt seitdem alle unechten Münzen Paduanische Münzen zu nennen. C. st. 1570. Caviren (v. Lat.), 1) Bürge sein. 2) (Fechtkunst) Beim Stoßsechten das Umgehen der Klinge des Gegners (s. u. Fechtkunst.) Cavrta (Cavite), Hauptstadt der gleichnamigen Provinz auf der Philippinen-Jnsel Luzon, südöstlich an der Bai von Manila, auf einer Landzunge, der festeste Punkt der spanischen Besitzungen hier; Gouverneur: 2 Kirchen, 3 Klöster; Arsenal, Schiffswerft, Magazine; große Cigarrensabrik; beträchtlicher Handelsverkehr in dem sicheren Hafen, der die Hälfte des Jahres auch Hasen für Manila ist; 12,000 Ew. Cavitätcn (lat. Gavibates), Höhlungen; pfannenartige Vertiefungen in Knochengelenkhöhlen (6. Alsnoiäalss), welche noch wegen ihrer Gestalt besondere Beinamen erhalten, wie die Oavi- tk8 siAmoiäsa major ob minor u. a. Cavolato, römische Münze — 88V2 Pf. Cavour, Stadt im Bez. Pinerolo der ital. Prov. Turin, am Pellice u. am Fuße der Alpen; Seidenspinnerei, Leinenwebcrei; Marmor-n. Schie- serbruch; 2300, als Gem. 7283 Ew. Auf dem Hügel bei C. war sonst die Stadt Cabnrrum. 1433 schenkte der Herzog von Savoyen, Ama- veus VIII., C. den Herren v. Raconis, die nun auf dein dasigen Schlosse wohnten; 1538 kam es durch Kauf wieder an Savoyen. Cavour, Camillo Benso, Graf v. C., ital. Staatsmann, aus altaristokratischer Familie des westl. Piemont, Sohn des Marchese Michele di C., geb. 1. Aug. 1810 in Turin; war erst für die militärische Laufbahn bestimmt, konnte sich aber bei seinen liberalen Ansichten mit dem damaligen Militärdienste nicht befreunden u. nahm im Sommer 1831 seinen Abschied, um von nun an nationalökonomischen Studien n. der Bewirthschaft- ung seines Gutes Leri zu leben; daneben schenkte er seine Aufmerksamkeit den politischen Vorgängen a. zählte zu den Männern einer friedlichen patriotischen Reform in Staat u. Gesellschaft. Nachdem er wiederholt Reisen nach Frankreich u. England gemacht, von welch letzterem Lande er das constitntionelle System zum Ideal seiner Politik machte, seine Besitzung zn einem Muster rationeller Cnltur erhoben, auch sonst reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der Industrie, Landwirthschaft n. Socialpolitik sich gesammelt, dieselben auch durch Gründung gemeinnütziger Anstalten in der Heimath (Kinderasyle, die Losooiamons SAraria, rc.) verwer- thet, stiftete er, als mit dem Antritte der Regierung des Papstes Pius IX. eine politische Reformbewegung überhaupt fühlbar wurde, im Vorgefühl des Herannahens einer neuen Aera für Italien, mit Cesare, Balbo rc. die Zeitschrift H RisorKimsnbo, in der er für das constitntionelle Regiernngssystem, für freiere Bewegung auf allen Gebieten des materiellen Lebens wirkte u. im nationalen Sinne die auswärtigen politischen Fragen erörterte. Im Anfänge des Jahres 1848 trat er zum ersten Mal als politisch eingreifende Persönlichkeit in den Vordergrund. In einer Notabeln-Versammlnng zu Turin plaidirte er für eine Verfassung, blieb aber mit seinem Vorschläge in der Minderheit. Allein schon in den nächsten Tagen führten die von Neapel her sich fortpflanzenden revolutionären Bewegungen von selbst zu dem nämlichen Ende. Der König Karl Albert sah sich gezwungen, eine Verfassung für Piemont zn verleihen. Neben der Verfassungsbewegung entwickelte sich aber in Piemont eine vorzugsweise hier gehegte Bewegung, nämlich die auf die Verdrängung der Fremdherrschaften ans Italien und auf Gründung eines nationalen einheitlichen Staatsorganismns gerichtete Bewegung. Durch die Antecedentien des Königs Karl Albert u. durch die nur durch Klugheit verdeckte eigene Bestrebung des Königs begünstigt, hatte sich seit Jahren ein Verein von Männern, zumeist Flüchtlingen aus der österreichischen Lombardei u. aus Neapel, in Piemont n. Turin zusammengefnnden, deren ganzes, ursprünglich im Gewände der Ge- schichtforschung anftretendes Streben nach Gründung eines national-italienischen Staatswesens gerichtet war. Dazu wirkte außer Balbo besonders Vincenzo Gioberti mit, welcher als die theoretische Seele jener Bestrebungen erachtet werden kann. Damals suchte man die Idee noch durch eine Conföderation zu verwirklichen, an deren Spitze Papst Pins IX., welchem noch unbedingt vertrant wurde, stehen sollte. Dieser Traum dauerte jedoch nicht lange, da man sich alsbald überzeugte, daß das Papstthnm, selbst wenn ein Pius IX. Papst sei, jeder staatlichen Reform Feind sein müsse. C. vertauschte daher alsbald die Conföderations- Jdee mit der Einheits-Idee, zu deren Durchführung man Anlehnung an England verlangte. Ein großes einheitliches Staatswesen sollte geschaffen n. an seine Spitze der König von Sardinien gestellt werden. Auch C. machte diesen Wechsel in den Anschauungen durch, n. war es seine Person, welche nach u. nach geradezu als die praktisch maßgebendste Trägerin n. Vollstreckerin der Idee an die Spitze trat. Von einem Türmer Bezirke ins Parlament gewählt, sprach er entschieden gegen die demagogischen Ausschreitungen, trat dann als entschiedener Vertheidiger der Siccardischen Gesetze (Aufhebung des geistlichen Forums) zum rechten Centrum u. unterstützte das Ministerium Massimo d'AzeHlio. Freilich hatte er als Redner mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Sprache, welche C. bisher allein beherrschte, war die französische. Italienisch sprach er nur im piemontesischen Dialekt. Allein mit Riesenschritten vervollständigte er alle Mängel. Anfangs ausgezischt, wurde er der 584 Cavour. am liebsten gehörte u. zur Überzeugung Aller- fähigste Redner. Auch sonst wuchs durch seine persönliche Liebenswürdigkeit u. charaktervolle Ver- läßigkeit sein Ansehen in solchem Grade, daß schon nach ein Paar Jahren sein Eintritt in die Staatsregierung als eine ausgemachte Sache galt. So übernahm er nach Santa Rosas Tod 1850 dessen Portefeuille des Handels u. Ackerbaues, dann das der Marine u. April 1850 das der Finanzen. Bald die Seele des Cabinets, ordnete u. refor- mirte er nach allen Seiten hin in liberalem Sinne, brachte, um nach dem Napoleonischen Staatsstreiche dem Andrängen der einheimischen Reaction einen Damm entgegenzusetzen, die Vereinigung des rechten Centrums mit dem linken (Natazzi) zu Stande, wodurch eine ministerielle Majorität gesichert wurde, mußte aber, wegen dieser ohne Befragung seiner Collegen durchgeführtcn Transaction mit mehreren derselben in Zwiespalt, im Mai 1852 mit Fariui u. Galvagno seine Entlassung nehmen. Er ging nun nach Paris, wo er mit Ludwig Napoleon n. den leitenden Kreisen in sehr nahe Beziehungen trat, wurde aber schon 4. Nov. 1852, nachdem über dem Conflict mit dem päpstlichen Stuhl wegen eines Civilehe-Gesetzentwurfes das Ministerium d'Azeglio unmöglich geworden, zurück- berufen u. übernahm im neuen Cabinet das Präsidium und die Portefeuilles für Finanzen, Handel u. Ackerbau, zu denen er bald auch noch die des Innern u. des Äußern gesellte, u. somit war die Staatsleitung in seiner Hand, die nun vor Allem aus dem Ausbau der Verfassung von 1848 u. auf Ordnung der finanziellen Verhältnisse gerichtet war, ungeachtet der Conflicte mit dem Klerus u. dem Papste, nach außen aber vor Allem eine feste, unabhängige Stellung Piemonts u. damit seine Befähigung zur Führung eines einheitlichen Italiens anstrebte. Zu dem Behufe schloß C., wenn auch wegen der schweren Opfer, die es kostete, nicht überall im Lande die Zustimmung findend, den Vertrag vom 26. Jan. 1855 mit den WMächten, durch welchen Piemont am Orientalischen Kriege sich betheiligte, u. bethätigte diese Betheiligung mit einem solchen Eifer, daß Frankreich u. England sich dem kleinen Staate zu Dank verpflichtet fühlten. Bei der Erbitterung Rußlands gegen Österreich wegen seiner Thatlosigkeit wendeten sich selbst russische Sympathien dem kühnen Kleinstaats zu. Den ersten großen und glücklichen Schachzug machte C. als Bevollmächtigter Piemonts bei dem an den Krimkrieg sich schließenden Frie- dens-Congrcß in Paris 1856. Durch eine ganz ausgezeichnete Taktik gelang es ihm, trotz mehrfachen Widerstrebens, die Italienische Frage am Schlüsse des Friedenscongresses znr Besprechung zu bringen n. die Thatsache nachzuweisen u. znr völkerrechtlichen Anerkennung zu bringen, daß die Zustände Italiens reformbedürftig seien. Gestützt ans die erworbene persönliche Sympathie Napoleons, verfolgte er von jetzt an in jeder Weise eine offen Österreich feindselige Politik, mit der ausgesprochenen Tendenz, nicht nur den staatlichen Mißständen in dem österreichischen Lombardo-Ve- netien selbst ein Ende zu machen, sondern auch das österreichische Übergewicht im übrigen Italien zu brechen. Er hatte aus den fehlgeschlagenen Hoffnungen der Nation unter Karl Albert in den Jahren 1848 u. 1849 die Lehre gezogen, daß Italien nicht zum Ziele komme, wenn es dem Satze Karl Alberts: ,,1'Ibaiia karn äa ss", auch fernerhin folge, sondern daß es für Piemont unerläßlich sei, nur mit Bündnissen in einen neuen Krieg zu gehen. Wenn auch Anklang, so fand er doch damals noch keine bestimmten Zusicherungen; die WMächte machten nur Vorstellungen in Rom und Neapel wegen der dort herrschenden Mißstände, aber umsonst, „während C. diplomatisch, wie durch die Presse Österreich als die Grundursache des Unglückes Italiens hinstellte u. durch Annahme der Nationalsnbscription auf 100 Kanonen für die Festung Aleffandria, sowie der Sammlung der Lombarden für ein Denkmal zu Ehren des piemontesischen Heeres den officiellen Bruch mit Österreich herbeiführte, März 1857. Ein weiterer Schritt gegen Österreich war die im Sommer 1858 vollzogene Überlassung des Hafens von Villafranca an Rußland. Im Juli 1858 folgte er der Einladung Napoleons nach Plombiöres, wo wol die Abmachung über die Verdrängung Österreichs aus Lombardo-Benetien, die Abtretung Savoyens, beziehentlich Nizzas abgeschlossen wurde; Kenntniß von dem dort Verabredeten erhielt nur Victor Emanuel. Gleich darauf stattete C., im Gefühl, daß auch die Verbindung mit Preußen für seine Bestrebungen von Werth sein mußte, ungeachtet der Gleichgiltigkeit, die er bis dahin gegenüber Deutschland offen zur Schau getragen hatte, nicht nur dem Prinz-Regenten von Preußen (jetzigem Kaiser) in Baden-Baden einen feierlichen Besuch ab, sondern ordnete auch eine Gesandtschaft in der Person des durch seine Ehe Deutschland genäherten Marchese Pepoli an den Ministerpräsidenten Fürsten von Hohenzollern ab, um neben der franz. Allianz wo möglich sogleich auch eine preußische zu Stande zu bringen. Es mißglückte damals. Gleichwol gab C. seine Hoffnung nicht im Mindesten auf, sondern prophezeite sofort, diese Allianz sei auch für Preußen nur eine Frage der Zeit. Eingeweihte beziehen daher das im I. 1866 wirklich abgeschlossene preußisch-italienische Bündniß auf jene ersten Bemühungen C-s zurück. Inzwischen hatte C. seit Jahren auch im Parlament das Seinige gethan, um die Italiener u. vor Allem die Lombardo-Venetianer für seine Politik der Einheit Italiens zu begeistern, u. entsprechend der Neujahrsansprache Napoleons an den österreichischen Botschafter Baron Hübner, versetzte die Thronrede Victor Emanuels bei Eröffnung des Parlaments 10. Jan. 1859 die Italiener in die höchste Begeisterung. C. trieb nun mit allen Kräften zum Kriege, zu dem Piemont zu seiner Vertheidigung wider Österreich gezwungen werde, wie C. in einem Circularschreiben vom Jan. 1859 erklärte; er schloß mit Napoleon das von diesem eigenhändig Unterzeichnete Defensivbündniß n. reizte nun, um dem von,Rußland vorgeschlagenen Kongreß zu entgehen, Österreich zum Ültimatum vom 23. April, auf dessen Abweisung der Einmarsch der Österreicher erfolgte, 29. April. Nach der Schlacht von Magenta erklärte eine Circulardepesche an die Höfe als Ziel des Krieges die Ausschließung Österreichs aus Italien, sowie daß 585 Cavriana - Napoleon auf jede Entschädigung verzichtet habe, so daß auch durch die Errichtung eines Königreichs Italien das europäische Gleichgewicht eine Störung nicht erfahre, während doch Piemont nur die Annexion NJtaliens zugesichert war gegen die bekannte Abtretung von Nizza u. Savoyen. Diese für Piemont Alles beanspruchende Depesche war wol mit die Haupttriebfeder für Napoleon, nach der Schlacht von Solferino plötzlich Frieden zu schließen, ohne C-s Wissen, u. sich so aus den Schlingen des italienischen Diplomaten zu winden. C. war nicht nur überrascht, sondern geradezu wie ein Verzweifelter. Er nahm nicht nur sofort seine Entlassung, sondern hoffnungslos für alle Zukunft trug er sich sogar mit Selbstmordgedanken. Elastisch wie seine Natur überhaupt war, bedurfte er jedoch nur einiger Wochen Erholung in dem schönen nordital. Gebirge u. an seinen Seen, um wieder neue Hoffnung zu schöpsen. In dem von Napoleon, vielleicht aus Furcht vor eincm'zwei- ten Orsini-Attentat, verkündeten Nicht-Jnterven- tions-Princip erblickte er noch einen Hofsnnngsanker u. benutzte seine Freundschaft mit maßgebenden Persönlichkeiten dazu, in Modena und Parma, in den päpstlichen Provinzen, in Toscana u. Neapel auf dem Wege von Volksabstimmungen die Annexion anzubahnen, um sie sodann wo nöthig mit Waffengewalt Lnrchznsetzen. Diesen Plan verfolgte er mit doppelter Kraft, seit er selbst wieder ins Ministerium getreten war (Jan. 1860); er unterstützte insgeheim Garibaldis Expedition gegen Sicilien, ließ, da seine verlockendsten Anerbietungen zur Herstellung der freien Kirche im freien Staate in Rom zurückgewiesen wurden, die Piemontesen in Umbrien u. den Marken einrücken n. trieb die Dinge in Neapel zur Entscheidung, so daß er 26. Dec. 1860 sein Ziel erreicht sah u. 18. Febr. 1861 in Turin das erste vereinigte Parlament eröffnen konnte, welches Victor Emanuel als König von Italien proclamirte. Das Werk seines Lebens schien der Vollendung nahe. Fehlte doch nur mehr Rom mit seinem Gebiete u. Venetien. C. lebte des unerschütterlichen Glaubens, auch diese Länder müßten demnächst wie eine längst gereifte Frucht dem neuen Königreiche von selbst in den Schooß fallen. Freilich das sollte nicht so bald geschehen, wie C. sich dachte. Harte Vorwürfe erfuhr er wegen Abtretung der Wiege des Hauses Savoyen; zudem machte rhm die Amalgamirung des in buntem Gewirre zusammengebrachten Staa- tenconglomerats, sowie Beschuldigungen, daß noch nicht Alles erreicht sei, schwere Sorge, dazu noch die ungeheure Arbeitslast, so daß es nicht zu wundern, daß die sonst so kräftige Constitution unter den Wirkungen eines hitzigen Fiebers in 6 Tagen znsammenbrach. C. st. 6. Juni 1861 ohne Nachkommen, zum tiefsten Schmerze Piemonts, das ihm seine Größe, n. Italiens, das ihm seine Politische Einheit verdankt. Vgl. De la Rive, Iw 6omts äs 6., rsoits st Souvenirs, Par. 1863; Oonvrs pnilsinsntnirs än oomts äs 6., von I. Artom, Par. 1862; Massari, Biographie C-s, aus dem Jtal. von Rüffer, Jena 1874, u. von E. Bezold, Lpzg. 1874. In Turin ist ihm auf der Piazza Carlo Emanuele ein großartiges Denkmal von Dupre errichtet. Der Letzte des Stammes, — Caxias. der Marchese Ainardo C., Neffe des Staatsmannes, geb. 1833, st. Anfang Sept. 1875. Bezold. Lagai. Cavriäna, Dorf im District Castiglione in der ital. Prov. Mantua, zwischen Castiglione u. Volta, nicht weit von Solferino; 2394 Ew. Hier hatte Wnrmser in der Schlacht bei Castiglione 5. Aug. 1796 sein Hauptquartier, u. hier war in der Schlacht bei Solferino 24. Juni 1859 ein Hauptpunkt des Kampfes. Csvum (lat.), Höhle. Cawdor, Dorf in der schott. Grafsch. Nairn, mit einer wohlerhaltenen Burg (C. Castle); in der Nähe ein See (Iwost ok tlro 6Ians) mit Pfahlbauten. Cawnpore (Kanhapur, Kanhpur, Khanpur), 1) District des Bezirkes Allahabad der NW- Provinzen des britischen Vorder-Jndien, zwischen Ganges u. Dschumna; 6050 Hjüm; Boden äußerst fruchtbar (vorzüglich an Zucker, Indigo, Baumwolle, Tabak, weniger an Reis) u. holzreich; 1,200,000 Ew., größtentheils brahmanischer Religion. 2) Hauptstadt darin, am rechten Ufer des Ganges, mit düsteren Straßen u. schlechten Wohnungen; einst berühmt durch ihre Juwelierarbeiten u. Gerbereien; vor dem Aufstande von 1857 über 100,000 Ew., jetzt um die Hälfte weniger. Längs des Stromes zogen sich 2 km lang die Kasernen der europäischen Truppen, Wohnungen der Beamten, prächtige Bazar, die jedoch bei der Empörung von 1857 fast alle in Trümmer fielen u. an deren Stelle ein öffentlicher Garten getreten ist. Übrigens ist C., im Herzen NJndiens gelegen, der Mittelpunkt einer der straßenreichsten Districte u. Station der großen Eisenbahnlinie Calcutta-Lahore mitAbzweigung nach Lucknow, noch jetzt ein wichtiger strategischer Punkt u. stark besetzt. — Das Land, früher dem Großmogul von Delhi unterthan, kam im 18. Jahrh. an den Nabob von Audh u. 1801 an die Engländer. Die Stadt, seit 1777 britische Militärstation, war vielgenannt in dem großen indischen Aufstande wegen der heldenmüthigen Ver- theidigung der dorthin geflüchteten Europäer unter General Wheeler (Mai 1857) u. der entsetzlichen Grausamkeiten bei der Capitulation 26. Juni, von denen auch Frauen u. Kinder nicht verschont wurden. Am 17. Juli eroberte General Havelock sie zurück. Thicl-m-m». Caxamärca, s. Cajamarca. Caxras, Stadt in der brasilianischen Prov. Maranhao, am Jtapicuru; 10,000 Ew.; bedeutender Reis- u. Baumwollcnhandel. Caxias» Luis Alvez de Lima, Herzog von, brasil. Feldmarschall, geb. 1803 in Rio de Janeiro; zeichnete sich, in der Militärschule gebildet, bald wie als Offizier, so auch als Administrator aus, wurde Präsident verschiedener Verwaltungskreise, 1851 Senator u. im selben Jahre mit dem Oberbefehl über die gegen den argentinischen Dictator Rosas ins Feld rückende brasil. Armee betraut, mit der er die glänzendsten Erfolge vor Montevideo u. bei Monte Castros errang u. Rosas zum vollen Aufgeben seiner Pläne zwang. Znruckge- kehrt, ward er dasür mit dem Marschallsstabe u. dem Marquistitel belohnt. Nachdem er zweimal 586 Caxvcira — Cayennekrmikheit. das Portefeuille des Krieges u. das Präsidium im Miuisterconseil geführt, ward er 1866 Obercom- mandant der brasil. Land- u. Seemacht in dem Kriege Brasiliens, der Argentinischen Republik u. Uruguays gegen den Präsidenten Lopez der Republik Paraguay; 1867 Oberbefehlshaber der fämmtlichen Streitkräste der Verbündeten an Stelle Mitres. Erst nach langer u. durch die Naturverhältnisse, wie durch die Widerstandskraft der Gegner erschwerter Kriegführung gelang es ihm endlich im Jan. 1869, die Hauptstadt von Paraguay zu besetzen u. damit den bis dahin schon über Lopez errungenen Vortheilen die Krone aufzusetzen. Jndeß nun mußte er den Oberbefehl an den Grafen v. En, den Schwiegersohn des Kaisers, abgeben, erhielt aber zur Belohnung für seine Verdienste die Herzogswürde; seit 1873 ist er auch Vicepräsident des höchsten Militärtribunals. Lagm. Caxoeira (Cachoieira), Stadt in der brasilianischen Prov. Bahia, an dem bis hierher schiffbaren Paraguay; bedeutender Kasse- u. Tabakbau auf blühenden Plantagen; starker Handel nach außen u. besonders auch nach dem Innern; 15,000 Ew. Caxton, William, der erste engl. Buchdrucker, geb. um 1412 in Weald, Grafschaft Kent; wurde 1442 Factor des Londoner Handelsstandes in Holland; 1464 war er bei der Gesandtschaft, welche den Handelscontract zwischen Burgund u. Frankreich schloß. Bei dieser Gelegenheit lernte er die Buchdruckerkunst kennen, verpflanzte sie nach England u. druckte hier um 1471 das erste Buch, R. le Fövres, Rsousil äss flisboirss äs Irokos, später eine engl. Übersetzung desselben u. 1474 Cessolis Buch über das Schachspiel, dem bald andere folgten. Mehrere dieser Bücher übersetzte er selbst aus dem Französischen. Er st. 1492. Lebensbeschreibung von Lewis, Lond. 1737, von Knight, Lond. 1844. Vgl. W. Blade, Mrs liks airä tz-poxiaplrz- ok IV. 6., Lond. 1861, 2 Bde. Cayambe (Carjambe, ürcu, Cayambe), eine der höchsten Spitzen der Cordilleren de los Andes, im Departimiento Chimborazo der südamerikanischen RepublikEcuador, norüöstl. vonQuito, 5526 nr hoch; am Fuße Ruinen eines Inka-Tempels. Cayenne, 1) (La Cua/ano kranyains) der östlichste Theil von Gniana, französische Colonie an der NOKüste von SAmerika; nach einer etwas weit gehenden Berechnung (da die Grenzen nicht genau bestimmt sind, gegen 120,000 s^Lin (etwa 2200 Hs M), wovon jedoch nur etwa 7200 dj L wirklich colonisirt sind; besteht aus dem Küstenlands ain Atlantischen Ocean (im SO. u. S. an Brasilien, im W. an Niederländisch-Guiana grenzend), der gegenüberliegenden gleichnamigen Insel u. mehreren kleineren Inseln (L'enfant perdu u. a.); das Innere ist wenig erforscht n. von Urwald erfüllt, die Küste flach u. sumpfig, in etwa 150 Lm Entfernung streicht einHöhenzug von5—600rn; Flüsse: Cayenne, Maroni (westl. die Grenze gegen Niederländisch-Guiana bildend), Oyapok (O- Grenze gegenBrasilieu),Oyac, Sinamari; Klima: sehr heiß (in der Regel 25» R. im Schatten) u. durch die häufigen Überschwemmungen namentlich für Europäer höchst ungesund (Wechselfieber, Faulfieber, Sonnenstich, Ruhr); Boden ist durchaus fruchtbar u. von der üppigsten Vegetation; angebaut (1870) 5309 da, wovon 391 (im Vorjahre 467) mit Zuckerrohr; Producte: alle Tropen erzengnisse: hauptsächlich Zuckerrohr, Kaffe, Cacas, Rocu (Lixa orsliaua), Gewürznelken, Baumwolle, Vanille, Kautschuk u. Landessrüchte, Farbehölzer, Indigo, Arzneipflanzen, Bau- u. Nutzholz; andern Mineralreich Gold (1871 für 1,685,643 Fcs.); der Werth der Ausfuhr erreichte 1872 etwa 10 Mill. Fcs., während die Einfuhr (Wein, Mehlspeisen, Gewebe, Schlachtvieh, Fische, Steinkohlen, Ole, Tabak rc.) 8V4 Mill. Fcs. betrug; Bevölkerung: 1870 24,245 Ew., 1871 24,127, vorwiegend Neger, außerdem (1870) 964 Mili- rtär, 2801 Kuli und 704 Deportirte. Der Mittelpunkt der Deportation liegt im W. der Colonie, am rechten Ufer des Maroni. Für die Verwaltung zerfällt C. in das Stadtgebiet von C. und in 12 Bezirke. An der Spitze der Colonie steht ein Gouverneur, dem ein Militärcommandant, ein Director des Innern, ein Chef der Justiz n. ein Director der Strafanstalten untergeordnet sind. Die Verwaltung der Colonie verursachte 1861 eine Ausgabe von 8V4 Mill. Fcs. 2) Fluß in der gleichnam. franz. Colonie, 17 üm lang, theil- weise schiffbar; mündet in den Atlantischen Ocean. 3) Insel an der NOKüste der gleichnam. franz. Colonie, durch die Mündungen der Flüsse C. 2) u. Oyac gebildet, im S. von dem Kanal Riviste du Tour de l'Jste begrenzt. Die Insel hat einen Umfang von 50 kw. 4) Stadt auf der NWSeite der gleichnamigen Insel, am rechten Ufer des Flusses C., Hauptstadt der gesammten Colonie, 1643 gegründet, in ungesunder Lage, aber von freundlichem Äußern; Gouvernementspalais, Justizpalast, Militär- u. Civilhospital; landwirthschaftliche Lehranstalt; seichter Hafen, durch das Fort Lonis vertheidigt; Handel mit den Landesproducten; 8000 Ew. Die Küste von C. wurde 1500 von Danez Pinzon befahren, nachdem sie 2 Jahre vorher zuerst von Colombo und dann von Amerigo Ves- pucci betreten worden war. Die Sage von dem im Innern liegenden Goldlande (El dorado) bewog während des 16. Jahrh. verschiedene Engländer, in das Innere einzudriugen. 1604 ließ König Heinrich IV. von Frankreich das Land untersuchen, n. 1626 wurde es von franz. Kolonisten besiedelt, die aber von den Eingeborenen u. durch Krankheiten aufgerieben wurden, so daß die Holländer sich der Colonie 1663 ohne Widerstand bemächtigen konnten. 1667 wurde C. von Engländern geplündert; 1677 nahmen es die Franzosen wieder in Besitz; 1809 wurde es von den Briten angegriffen, u. der stanz. General Hugues capitulirte im März, doch wurde C. im Frieden 1814 znrückgegeben. Während der erste» Revolution u. nach dem Staatsstreich 1852 wurde C. als Verbannungsort berüchtigt u. auch 1871 wieder als solcher benützt. Am 10. Aug. 1848 wurde die allgemeine Freiheit der Schwarzen pro- clamirt. Schroot. Cayennekrankheit, bösartiges Malariafieber, welches in der an Sümpfen und Schlammboden reichen französischen, zwischen den Flüssen Maroni und Oyapok gelegenen Colonie Cayenne herrscht und so verderblich wirkt, daß in der Regel schon 587 Cayennepfeffer — Cazalla. nach einjährigem Aufenthalte daselbst die Gesundheit völlig vernichtet ist. Vgl. Bajon, Nachrichten zur Gesch. von Cayenne, a. d. Fr., II. S. 20., Segond im äourn. bsbäoin. äss scieucss wsä., 1335, Nr. 12. Cayennepfeffer, s. Capsicum. Cayes, Les, Stadt ans der SKüste der Republik Hayti auf der gleichnamigen Antillen-Jnsel, gegenüber der Insel La Bache, in sumpfiger und g. ungesunder, aber fruchtbarer Gegend; producirt Zucker, Indigo, Kaffe, NHrmwolle, wovon viel zur Ausfuhr kommt; 8—9000 Ew. Cayes, Pierre Jaques, franz. Maler, geb. 1K76 in Paris, gest. das. 25. Juni 1754; bildete sich in Italien, ward Mitglied der Pariser Akademie u. 1710 Professor, 1744 Director n. 1746 Kanzler > derselben. Seine Zeichnung ist correct u. graziös, l sein Pinsel breit, sein Colorit wahr u. harmonisch, > doch wiederholt er sich öfter. Werke von C. in zahlreichen Kirchen von Paris. Außerdem behandelte er mythologische Stoffe: Entführung der Europa; Toilette der Venus; Bacchus u. Ariadne und Geburt der Venus. Von seinen Zeitgenoffen wurde er als einer der besten Nachahmer j Correggios geehrt. Regnet. Caylus (Caylux), Städtchen im Arr. Montanban des franz. Dep. Tarn u. Garonne; Fertigung von Wollenwaaren; Getreidehandel; in der Gemeinde 4829 Ew. Caylns, Anne Claude Philippe de Tubihres,deGrimoard, de Pestels,de Levis, Graf von, franz. Alterthumsforscher, geb. 31. Oct. 1692 in Paris; diente im Spanischen Erbfolgekriege in ! der französischen Armee, wurde Oberst, bereiste nach dem Frieden 1713—1715 Italien u. 1715—17 den j Orient, überließ sich nach seiner Zurückknnft der Nei- > gung zu den Künsten u. den Alterthümern, wurde in die Akademie der Malerei u. Sculptur 1731, in die Akademie der Inschriften 1742 ausgenommen; st. 5. Sept. 1765 in Paris. Er sehr.: RseusU ^ ä'iwtiguitss SMptüsuuss, ätrusgucs, Arscguss, ro- wainW et Aauloisss, Par. 1752—67, 7 Bde., ! wozu er die Platten selbst ätzte, deutsch von Panzer, Nürnberg 1766 (unvollendet); Archäologische u. historische Abhandlungen in den Memoiren der Akademie der Inschriften, deutsch von Meusel, Altenb. 1768, 2 Bde.; 8ur la peinturs ä 1'sn- caustigns st sur ia psinturo ü la cirs, Par. 1755; Lscueil äss xisrrss Zravsss äu cabiusb äa Roi, 306 Platten; Kumismata auroa Iwps- latorum raman. u. a.; Oontss orisntaux, Haag 1743, 2 Bde., deutsch, Lpz. 1781; diese u. «.Romane in seinen Osuvrss baäinss, herausgeg. von Garnier, Par. 1788, 12 Bde.; Nsmoirss st rs- üexions cku combs äs 6. sind nach dem Autograph des Verfassers zu Paris erschienen 1874. C. war auch ein geschickter Kupferstecher; von ihm sind u. a.: eine Folge von 223 Ätzungen nach Handzeichnuugen Rafaels, Michel Angelas rc. u. 10 Blätter aus der Geschichte Josephs, nach Skizzen von Rembrandt. Brambach.» Cayos (Keys, Klippen-Jnseln), eine Reihe von kleinen Inseln und Klippen, welche die Halbinsel Florida südlich umgeben u. vom Cap Florida durch die Florivastraße bis über das Cap Gable hinaus in Len Meerbusen von Mexico reichen, wo sie in einem Haufen von Klippen und Sandbänken, den sogenannten Tortugas (Dry Tortugas) endigen; dazu gehören: C. Largo, C. Mala- cumbe, die 5 Pine-Inseln, C. Le los Marty- res, Marques u. a. Sie sind im Ganzen unwichtig, nur einige bewohnt, ans einigen sind Lenchtthürme erbaut; wichtig aber ist C. Hueso (Key West, Thompsons-Jnsel) im westlichen Theil der Inselkette. Früher ein Schlupfwinkel für Schmuggler und Piraten, wurde sie 1823 zum Stativnsorte des Golf-Geschwaders der Ver- einigten Staaten, 1832 zu einem Militärposten bestimmt und erhielt deshalb Kasernen u. starke Befestigungen; jetzt enthält sie ein Gerichtshaus, Districtsgericht (für alle Strandungs- n. Havarie- Sachen); 4 Kirchen; Marinehospital; 4 Wart- thürme. In den sicheren und leicht zugänglichen Hafen, der durch das Fort Taylor vertheidigt wird, laufen gewöhnlich die vom N. nach Havanna und dem Isthmus bestimmten Dampfer ein u. bringen viele Besucher zu längerem Aufenthalte hierher, da das milde Klima'für Brustkranke als heilsam gilt. Cayuga, County im Nordamerika». Unionsstaate New-Uork, u. 42° n. Br. u. 76° w. L.; 59,550 Ew.; Countysitz Auburn. Cazales, Jaques Antoine Marie de, franz. Politiker, geb. 1. Febr. 1758 in Grenade an der Garonne; nahm Militärdienste, wurde 1789 Mitglied der Coustituirenden Versammlung, wo er in den Reihen der Royalisten saß; er bat, als der Proceß Ludwigs XVI. 1792 begann, den Convent um die Erlaubnis;, ihn vertheidigen zu dürfen, wurde aber abgewiesen; er trat deshalb aus der Nationalversammlung und verließ Paris; von dem Prinzen von Conde nicht bei dem Emigrantenheere angenommen, begleitete er 1793 die englische Flotte nach Toulon, lebte dann in Italien, Spanien u. England u. kehrte 1801 nach Frankreich zurück, wo er 24. Novbr. 1805 in Eugelin starb. Er sehr.: Dslsnss äs I-ouis XVI., Lond. 1792; viscours sb oxinions äs 6., Par. 1821. 2 ) Edmond de C., Sohn des Vor., geb. 31. Aug. 1804 in Grenade; studirte die Rechte, wurde 1835—87 Professor in Löwen, trat 1843 in den Priesterstand u. wurde 1845 Seminardirector in Nrmes u. 1848 in Moutauban; 1848 in die Constituante gewählt, stimmte er mit der Rechten u. gehörte überhaupt zu der ultramontanen Partei. Von ihm ist Ilistoirs äs UXllsmaAns contsm- porains, Par. 1873, n. die französ. Übersetzung v. A. K. Emmerich, Die Passion unseres Herrn Jesu. Cazalla, Stadt in der spanischen Provinz Sevilla auf der Sierra Morena; römische u. maurische Überreste; viele Ölmühlen; guter Wein, Olivenöl in Ueberfluß; etwa 6000 Ew; in den nahen Bergen Bergbau auf Silber, Kupfer, Eisen u. Schwefel. Cazalla, Augustin, Protest. Märtyrer, geb. 1516 in Valladolid; studirte daselbst u. in Alcala, erhielt dann eine Präbende am Dome zu Sala- manca und wurde, als Prediger berühmt, 1545 Caplan n. Hosalmosenier des Kaisers Karl V. In Deutschland, wohin er den Kaiser begleitete, wurde er für das Evangelium gewonnen n. wirkte nach seiner Rückkehr nach Spanien (1552) in Sala- manca, dann in Valladolid, erst insgeheim, dann Ü88 Cazaubon — offen für die evangelische Lehre. Bis 1558 hatte er noch Zntritt zum Kaiser in S. Duste, aber noch vor dessen Tode wurde er von der Inquisition gefänglich eingezogen und 21. Mai 1559 in Valladolid verbrannt. Cazanbon, Dorf im Arr. Condom des franz. Depart. Gers, an der Douze; große Brennereien, in denen der als Armagnac bekannte Franzbranntwein fabricirt wird; in der Gemeinde 2666 Ew. Cazembe heißt der Herrscher eines mächtigen Negerstaates der Balunda-Völker im südösil. Afrika, südlich vom Tanganjika-See. Die Bevölkerung bilden die eingeborenen Messira und die Campocolo, die von W. her das Land eroberten. Die Sprache der Letzteren, welche von den Nachbarsprachen vielfach abweicht, ist die Hofsprache. Der Fürst, welcher den Titel Mnata führt, ist absoluter Despot. Sein Hof wird aus Kilolo od. Bambires zusammengesetzt; die Glieder der königlichen Familie, sowie der Obergeneral und der Oberintendant (Muaniancita) bilden die erste Klasse derselben; die zweite Klasse, die verschiedenen Hofdienste besorgend, ist zahlreicher und führt den Titel Fumo. Die einzelnen Distrikte dcS Reiches werden durch Fnmo verwaltet; alle übrigen Glieder der Bevölkerung, die Mnzia, sind Sklaven des Mnata. Die Cazember beschäftigen sich mit Ackerbau, bauen Maniocca, Mais, Sorghum, verfertigen alle ihre Gefäße und Cano'e aus Holz, weben aus Bast n. Baumwolle grobe Tücher, kleiden sich znm Theil in Felle n. bereiten aus verschiedenen Pflanzen Salz; auch fertigen sie Thon- u. Eisenwaaren. Der Handel ist ein Monopol des Mnata; Sklaven u. Elfenbein werden besonders durch die Mnzia u. Kaufleute von der Küste Zanzibar ausgeführt. Die Hauptstadt Lnnda, unweit des Sees Moero, dehnt sich eine halbe Meile weit aus u. hat breite, gerade und sehr weite Straßen. Vgl. Monteira n. Gamitto, 0 Lluata Oarsinds s os povos Llaravss, Olievas, Nniras, ülnsinbas, I-unäas o otros cia ^ckriea austrai, Lissab. 1854. Das Land wurde 1867 durch Livingstone erforscht. Cazenovia, Ortschaft im nordam. Unionsstaate New-Dork, am gleichnamigen See, u. 42° 55' n. Br. u. 75° 46' w. L.; Seminar; 4500 Ew. Cazeres, Stadt im Arr. Mnret des franz. Dep. Hante-Garonne, au der Garonne, Station der SBahn; Gerberei, Färberei, Hntfabriken; 2646 Ew. Cazimir, dünner, leichter, schmaler Stoff, aus sebr feiner Streichwolle gewebt; Doppelcazimir stärker. C. wird nur wenig gerauht, aber so oft wie Tuch geschoren, enthält also ein sehr kurzes Haar. Cazorla, 1) Stadt in der spanischen Provinz Jaen, am Rio Vega; 5000 Ew. 2) Sierra de C., Gebirgszug im O. derselben Provinz, in dem der Guadalquivir entspringt. Cazotte, Jaques, franz. Schriftsteller, geb. 1720 in Dijon; war seit 1747 längere Zeit als Beamter auf Martinique; als Gegner der Revolution wurde er 25. Sept. 1792 guillotinirt. Er war ein Anhänger der Geisterbeschwörerin Marquise de la Croix u. blieb stets Mystiker. Die Prophezeiung, welche ihm über die franz. Revolution zugeschrieben wird, wurde erst später er- St. Ccadmon. funden. Er schr.: OUivisi (Ritterroman), I7kr, 2 Bde., n. Aufl., 1798, deutsch, Halle 1769; bg Oiabls.ainouisux, 1772; I-orä Impromptu, 1771; die komische Oper: I-es sabots; Oriental. Märchen; Fabeln ; die 4 letzten Bände des Oabinst äs Vee», Par. 1785—89, sind ebenfalls von C.; Oeuvre, moraiss ob Imäinss, Par. 1776—78, 4 Bde., deutsch, Lpz. 1789, f., 4 Bde.; dieselben, um einige Stücke vermehrt, wurden 1817 in Paris noch einmal herausgegeben als Oeuvres morsies st buäinss, disboriguss st xiulosoplligues; beste Ansg.: Oeuvres eomxlstss, von Fr. Bastien, Par. 1816, 4 Bde. C. schrieb geistreich, an- innthig, mit Originalität u. mit außerordentlicher Leichtigkeit. In einer Nacht schrieb er einen 7. Gesang zu der Ousrrs eivils äs Oeuevs und ahmte Voltaires Stil so glücklich darin nach, daß , Niemand den wahren Sachverhalt ahnte. Bolchert. Caznela (span.), Zuschauerplatz für Frauen M span. Theater. Caztvyny, Zacharias ben Mohammed, arabischer Naturforscher, der Plinius des Orients, ha! den Beinamen C. von der persischen Stadt Cazwyn (Casbin) angenommen, wo sein Urahn Anas ben Malek, ein Gefährte des Mohammed, ! den Wohnsitz genommen hatte. Von seinem Leben wissen wir eigentlich nur, daß er es 7. April 1283 vollendete. Um so mehr erzählt sein berühmtes Werk von ihm: Die Wunder der Natur und die Eigenthümlichkeiten des Erschaffenen. Der erste Theil behandelt die oberen Dinge, die Himmelskörper n. die Zeiteintheilung bei den Griechen, >' Persern u. Arabern; einzelne Abschnitte davon > sind verschieden übersetzt worden, so hat Jdeler i 1809 das Capitel über den Ursprung und die Be- ! > deutung der Namen der Sternbilder Übertrages; der zweite Theil behandelt die unteren Dinge u. gibt eine Compilation alles dessen, was bis dahin über Naturgegenstände geschrieben war, aber in einer so geistvollen, so ganz neuen Weise, daß „die Copie dem Original zum größten Theil vorzuziehen ist", wie Bussen von der Naturgeschichte ; des Plinius urtheilt. Außerdem hält man C. skr ^ den Verfasser einer Geographie: Adjaib el bvldau, von der ein Auszug 1790 in einem Kopenhagen«! Universitätsprogramm erschien. Thamhay». vli, chemisches Zeichen für Cadmium. 6 äur (Mus.), die Durtonart, welche keine Borzeichnung hat. Vs, chemisches Zeichen für Cerium. St. Ccadmon (Caedmon) , angelsächsischer Mönch, nach der Legende anfangs Kuhhirt, dann Priester im Nonnenkloster Streneshale in England; um 680 erhielt er durch eine nächtliche Erscheinung die Gabe des Gesanges, deshalb 6an- tor biisoäiäaotus (gottgelehrter Sänger) genannt; er wurde später kanonisirt; Tag der 11. Februar. Die ihm wegen dieser Legende zugeschriebene angelsächsische Paraphrase des 1. Buch. Moses (Cead- monische Paraphrase) aus dem 8. Jahrh. ist nicht von ihm und ebenso wenig eine jüngere über Christus, welche jener beigefügt ist (das Manuskript befindet sich in Oxford). Diese Dichtungen sind herausgeg. von Junius, Amst. 1655; Thoche, Land. 1832; Bouterwek, Elbs. 1849—54, 2 Bde., Grein, Göttingen 1858, Übersetzung vom letzteren, 589 Cean-Bcrmudez — Osoroxia. Göttingen 1863. Bgl. E. Götzinger, Über die Dichtungen des Angelsachsen C. u. deren Verfasser, Göttingen 1860. Cean Bermüdez, JuanAugustin, spanischer Schriftsteller, geb. 17. Sept. 1749 in Gijon (Asturien); erhielt eine Stelle bei der Karlsbank in Madrid u. 1790 den Auftrag, das Archiv für die indischen Angelegenheiten in Sevilla zu ordnen, wurde Sccretär bei dem Rathe von Indien in Madrid, verlor aber diese Stelle, als sein Freund Jovellanos verbannt wurde, u. lebte von nun an in Sevilla, wo er eine Kunstakademie gründete, sich mit der Kunstgeschichte beschäftigte u. z. Decbr. 1829 starb. Er schr.: vieeicmarlc» Iri- storieo äs los mas illusbrss pralssorss äs las delias artss on HsxaLa, Madr. 1800, 6 Bde.; Uoseripoicm urtistiea äs la satsäral äs Levillu, Sevilla 1804; Garta sodrs el sstilo zs Zusto sn la xintura äs ln ssousla, ssvillaua, Cadiz 1806; Usworias xara la vläa äsl Uslolr. äs äovsUa- nos, Madr. 1814; DlalvAo sodrs el s-rts äs ln xintuia, Sev. 1819; Hotieias äs los srquiteo tos x argmtseiura äs Lspana, Madrid 1829, 4 Bde.; Lumurio äs las g.utiAusäaäss romauas gns da^ sn Lspafia. ebd. 1832. Booch-Artossy? ksanotkus L-, Pflanzengatt, ans der Fam. der LdamvÄesg.s-Rdamusas (V. 1), bisweilen dornige Bäume u. Sträucher mit lederartigen, gesägten od. gezähnten, kahlen od. linkerseits filzigen Blättern, weißen, gelben od. blauen, in endständige Rispen zusanmiengedrängten Blüthen. Von den ungefähr 30, meist dem westlichen tropischen und subtropischen NAmerika ungehörigen Arten wird bei uns im Freien als Zierstrauch angepflanzt: 6. nmsrieanus L., 1 m hoher Strauch, mit schön belaubten Zweigen u. weißen Blüthen; die dicke rothe Wurzel u. die rothcn Stengel (Unälr et Ltixitss 6sauotdi)vonherbcm, scharfem Geschmacke dienen in Amerika als Abführungsmittel, erstere auch znm Färben, die Blätter als Thee (New- Jersey-Thee); 0. ksrrsus L<7., von denCaraibischen Inseln, liefert vortreffliches Nutzholz, das Eisen- Holz von Ste. Croix. Engter? Cearä 1), eine der brasilianischen Provinzen der östlichen Abdachung; nach osficieller, wol bedeut, zu hoher Angabe 157,992, nach Berechnung etwa 130,000 Hstem (beil. 2350 d!M); grenzt rm N. u. NO. an den Atlantischen Ocean, im O. an die Pro». Rio Grande do Norte, im S. an Pernam- buco und an Parahyba, im W. an Pianhy; das Gebiet besteht aus einer niedrigen Küstenebene u. einer höheren Region, wo die Serra de Jbia- Usaba das Grenzgebirg bildet; die Flüsse sind U unbedeutende Küstenflüsse, bis auf den größeren U Jaguaribe; Seen: Velho, Jaguaracu, Camuru- a Küste ^ flach u. ohne sichere Baien u. > Häfen, der beste soll der von Camocim an der Mündung des R. Camocim sein; das Klima ist heiß u. trocken, der Boden an der Küste sandig u. »»fruchtbar, je mehr nach S. um so unsrucht- barer; Producte: Mais, Kaffe, Mandiocca, Baumwolle, Zuckerrohr, Tabak, Ananas, schöne Waldungen (Carnahuba-Palmen); Pferde, Rindvieh; Eisenerze, goldreicher Quarz; Haupthandels- urkkel: Häute, Kaffe u. Baumwolle; 550,000 Ew.; v>e Hauptbeschäftigung ist Ackerbau u- Viehzucht; Eintheilung in 15 Comarcas u. 20 Tcrmvs od. Municipalgerichtsbezirke. — Die Portugiesen gründeten in der ersten Hälfte des 17. Jahrh. an der Küste von C. die ersten Niederlassungen, ebenso einige Jahre nach ihnen die Holländer, von welchen letzteren sie aber bald wieder aufgegeben wurden. 2) Osara, oder Oiäaäs äa iortalssa äa. LraZanya, Hauptstadt darin, nicht weit von der Mündung des gleichnam. Flusses; sandige, dürre Umgegend; (versandeter) Hafen, Fort; Handel unbedeutend; gegen 16,000 Ew. Kolpe. Ceauce, Ort im Arrond. Domfront des sranz. Dep. Orne, Station der WBahn (Flers-Laval); 3165 Ew. Cebus, Affe, s. v. w. Sajou. Ceecano, Fecken im Bez. Frosinone der ital. Prov. Rom, Station der Römischen Eisenbahn; 6999 Ew. Cecchi, Giammaria, italienischer Lustspieldichter; lebte in der Mitte des 16. Jahrh. in Florenz; seine Lustspiele, zum Theil Nachbildungen des Plautus u. Terentius, zeichnen sich durch Wahrheit der Charaktere, Lebendigkeit des Dialogs u. komische Kraft aus; gedruckt sind: La. äots, La iuc>§iio, Gl' Inoautssimi, I äissimill, Veued. 1550; II ssrviAials, Flor. 1561; II sorrsäs, II äou- 2 sIIo, Ls spiribo, L'assiuolo Veued. 1550, Florenz 1585, u. in dem Leatro eomiso üorontino, Florenz 1750. Cecco, Abkürzung von Francesco. 1) C. d'Acoli, eigentlich Francesco degli Stabili, geb. 1257 in Ascoli; war Leibarzt des Papstes Johann XII., lehrte dann 1322—25 Astrologie und Philosophie in Bologna, kam mehrmals in Verdacht als Schwarzkünstler und wurde 1327 durch die Inquisition in Florenz zum Feuertode ver- urtheilt u. verbrannt. Er schr.: Ooiumsutarii in spünsram loba-ums a. Laeroboseö, Basel 1485, Fol., Ven. 1490 u. 1559. Vgl. Fanfeni, C. d'A., Flor. 1870, Lpz. 1871. Ceccopiero, Ferdinand Graf von, österr. General, geb. 1780 zu Massa-Carrara in Italien; trat 1798 in die italienische Armee ein u. rückte in den folgenden Kriegsjahren, in welchen er 1798—1800 u. 1805 gegen Österreich, 1808—11 in Spanien, 1813 in Deutschland u. 1814 in Italien focht, bis zum Obersten aus. Bei Auflösung der ital. Armee wurde er als Oberst in österreichischen Diensten angcstellt, nahm mit seinem Regiment 1821 an dem Zuge gegen die piemon- tesischen Insurgenten theil u. wurde 1828 zum Generalmajor, 1835 zum Feldmarschalllieutcnaut, 1842 zum Capitänlieutenant u. 1846 zum Capi- tän.u. Chef der königlich lombardisch-venetianischen adeligen Leibgarde ernannt. Er starb 4. Juni 1850 in Wien. Cecil, County im nordamerik. Unionsstaate Maryland, u. 39° n. Br. u. 76» w. L.; 25,874 Ew.; Countysitz: Elkton. Ceeil, William und Robert, s. Burleigh. lleovopia L., Pflanzengatt, aus der Fam. der Artocarpeen (XXII. 2), hohe südamcrikanische Bäume mit astlosem, an der Spitze eine Krone von großen, schildförmigen, mehrlappigen Blättern tragendem Stamme u. cylindrischen Blüthen- kätzchen; männliche u. weibliche Blüthen nur mit vierkantigen Deckblättern ohne Müthenhüllc; die Früchte sind einsamige Beeren. 6. xslt-cks, mit kreisförmigen, unterseits granfilzigen, 7—9lap- pigen Blättern mit länglichen, stmnpfen Lappen; in Jamaica n. Snrinam; die hohlen, leichten Stämme dienen als Unterlage von Flößen, die sehr rauhen Blätter zum Poliren, die Rinde zum Gerben, der Bast zu Stricken und der schleimige, herbe, Kautschuk enthaltende Saft als Mittel gegen Durchfall, auch bei Wunden u. Geschwüren. 6. xalmaba, Iki, mit sehr stumpf gelappten, ober- seits kahlen Blättern, in Brasilien; die Blattknospen mit Zucker gegen Schleimflüsse u. das Mark des Stammes als Umschlag bei Geschwüren gebraucht. Engter. Cecrops, s. Kekrops. Ccdar, 1). County int Nordamerika». Unionsstaate Iowa, u. 41° n. Br. u. 91° w. L.; 19,731 Ew. Conntysitz: Tixton. 2) County im nord- amerikanischen Unionsstaate Missouri, u. 37" n. Br. u. 93° nv L.; 9474 Ew.; Countysitz: Stockton. 3) County im nordamerikanischen Unionsstaate Nebraska, n. 42° n. Br. u. 97° w. L.; 1032 Ew.; Conntysitz: St. James. 4) County im nordameritänischen Unionsterritorinm Utah; 1860 741 Ew. Ccdar Creek, ein Goldminen-District im nord- amerik. Unionsterritorium Montana Missoula County; 6000 Ew.; Hanptort Louiseville. Cedar Nastids, Poststation im Linn County des nordamerikanischen tlnionstaates Iowa; lebhafter Fabrikort; 5940 Ew. Cedent (v. Lat.), der Abtrctende, Ablassende; vgl. Cession. Ceder, s. Csärus. Cederkjöld, Pehr Gustaf, geb. 4. Sept. 1782; studirte seit 1798 in Lund, machte 1806 das philosophische Candidatenexamen, diente seit dem 12. Mai 1808 beim Hauptquartier der südlichen Armee als extraordinärer Arzt, wurde im December Lazaretharzt, ging 1810—11 nach Kopenhagen zur weiteren Ausbildung, namentlich in der Geburtshilfe, wurde 1812 Lehrer der Pasto- ralmedicin u. ließ sich nach seiner Abschiednahine 1813 in Stockholm nieder, wo er 1815 u. 1817 Mitglied des Reichstages wurde. 1816 reiste er auf königl. Kosten nach Berlin, um den thieri- schen Magnetismus zu studiren, veranlaßte nach seiner Rückkehr die Niedcrsetzung einer königl. Commission zur Prüfung desselben, wurde 1817 außerordentlicher Professor der Geburtshilfe am Carolinischen Institut, 1822 ordentlicher u. Di- rector des allgemeinen Entbindnngsinstituts, 1833 Revisor am Königshospital. Er schr.: IrmnA. äisssrt. äs sxiialationg psr entoin, Lund 1808; Ds evneuationum in morbis astiisnieis intor- äum ueesssario non, ebd. 1810; InlsäuinA tili sn nürmars icänneäoin oin äs sä llaklaäs urar- taäs vsnsrislca sjuicäomarns sto., Stockholm 1814; Lsrättskss oin äst sä mxoicst omtalta kruntinirsts i Ltoeiciioims kolis^ränä sjuüäom osli icur, ebd. 1821; tlanädolc kor Larninorsiroi, ebd. 1822. In dem von ihm herausgegebenen äonrnak kor animal msAnstism, ebd. 1815—21, finden sich verschiedene Aufsätze von ihm; eine deutsche Bearbeitung hat Bärensprung in Hnfe- lands Journal der Heilkunde, Bd. 41, Septbr. n. Oct. 1815, gegeben: Erfahrungen über den animalischen Magnetismus in Schweden, khamhayn. Cedernöl, wohlriechendes ätherisches Öl, welches aus dem Holze der virginischen Ceder (luni- psrns virAiniana) destillirt wird; es ist weiß,krystal- linisch, von bntterartiger Consistenz n. hat, innerlich genommen, giftige Wirkungen. Es besteht aus Cedernkampher, der durch Auspreffen des Öls u. Unilrystallisiren aus Alkohol in weißen Nadeln erhalten wird, u. Cedren, einem aus der abgepreßten Flüssigkeit zwischen 264 u. 268" Überdestil- lirenden, gewürzhast riechenden Öl von Pfefjer- artigem Geschmack. Clör-n. Cedille, im Französischen und Portugiesischen Häkchen unter o, wenn dasselbe vor a, o, n wie » ausgesprochen werden soll. Cediren (v. Lat.), 1) weichen; 2) abtreten, übereignen, s. Cession; daher cedirter Schuldner, dem die Erfüllung einer in der Cession auferlegten Verbindlichkeit obliegt. liocko null! (lat., ich weiche Keinem), so v, w. Admiral; s. u. Kegelschnecke. Cedrät, candirte Citronenschale. ksckrola, Pflanzengatt, aus der Familie der Usliaoeas-Osärslsas (V. 1), hohe Bäume mit gefärbtem Holze, unpaarig gefiederten Blättern, meist ganzrandigen Blättchen, kleinen, in Rispen stehenden Blttthen, btheiligem Kelche, 5 Blumenblättern, 4—6 an der Spitze eines dicken, säulenförmigen Discns eingefügten Staubblättern, ebenso vielen Staminodien und sitzenden, eiförmigen, 5fächerigen Fruchtknoten mit hängenden, 2reihig gestellten Eichen in jedem der 8—12 Fächer; Frucht eine 5fächerige, fächerspaltig mit Klappen aufspringende Kapsel. Von den 12 Arten kommen die meisten im tropischen Asien u. Amerika, 1 in Australien vor. Art: 6. oäorata kfii, großer westindischer Baum, mit rothem, wohlriechen- ^ dem Holze (Calicedra, Cedarholz, Madeira-Mahagoni, Zuckerkistenholz), woraus in Amerika ^ Hausgeräthe gefertigt wird. Aus der Rinde fließt ein durchsichtiges, aromatisches Harz (Acajou); die Blätter u. das junge Holz riechen u. schmecken , bitter u. widerlich; aus dem Holze bereitet man einen fieberwidrigen Extract, ans den Mühen Mittel gegen Krämpfe. Auch die ostindische 6. Ions Lowb. liefert in ihrer wohlriechenden, adstrinai- rendenRinde ein gebräuchlichesFiebermittel. Engl«. esckrslese, Unterabtheilung der Familie der Llelmssns (s. d.). Cedronrinde u. Ccdronsamen, s. Siwadn. Cedroöl, so v. w. Citronenöl. Oeckrim L., Gattung der tkoniksrae-Xbietmoas (XXI. 6), Nadelhölzer mit perennirenden, sitzenden, linealischen und zu Büscheln vereinigten, Polstern aufsitzenden Blättern; Schuppen der eirunden Zapfen bleibend, an der Spitze mit ' einer breiten Warze versehen; männliche Kätzchen an der Spitze der Zweige. Arten: 1) 6. I-ibmü La-i-sk. (kinus <7. D., Ceder vom Libanon); Baum von 16—25 m Höhe, mit schirmförmiger Krone, mit geraden Zweigen, dicht gestellten, starren Blättern (meist ungefähr 30 in einem Büschel) u. mit genagelten, an der Basis unter einem rechten Winkel nach innen gebogenen Schuppen; 591 Celayci. Ew. — Der Lago C. ist der Fucinus der Men. Um den häufigen Überschwemmungen vorzubeugen u. zugleich Land für die Cultur zu gewinnen, ließ schon Kaiser Claudius 44—54 n. Chr. einen unterirdischen Abzugskanal zwischen dem See u. dem Liris anlegen, woran 30,000 Menschen in den 11 Jahren gearbeitet hatten u. nach dessen Vollendung der Kaiser ein großartiges Fest gab. Als sich der Kanal verstopft hatte, eröffnete den- selben Kaiser Hadrianus wieder. Aber der Kanal versandete nach u. nach u. wurde erst 1852—62 von Seite einer Actiengesellschaft unter dem Fürsten Torlonia durch den schweiz. Ingenieur Mon- trichier wiederhergestellt, wodurch der See 14 m tiefer gelegt u. auf ein Drittel seines Umfanges verkleinert wurde. Der neue Kanal ist 6300 m laug u. hat einen Fall von 1 °/oo. Celano, Thomas v., s. u. Thomas. Lelsstrscoas, Pflanzenfam. aus der Klaffe der b'rsnAniirmg, Bäumchen oderSträncher, zuweilen windend, mit abwechselnden, selten gegenständigen, kurzgestielten, einfachen, ganzrandigen oder gezähn- ten, oft lederartigen, seegrllnen Blättern mit abfallenden Nebenblättern, freiem, 4- oder 5theiligem Kelche, 4 od. 5 einer perigynischer Scheibe einge- fügten Blumenblättern und 4—5 (selten 3) mit diesen abwechselnden Staubblättern, 2—fächerigem Fruchtknoten, dessen Fächer 2 od. wenig mehr auf- steigende od. horizontale Eichen enthalten; Frucht eine Kapsel od. Steinfrucht; die Samen meist mit einem Samenmantel, mit reichlichem, sparsamem od. auch fehlendem Eiweiß, s) Oolsatrsss, mit 4—5 (sehr selten 10) dem Rande od. unterhalb des Randes der Scheibe eingefügten Staubblättern, mit pfriemenförmigen Staubträgern u. eiweißhaltigen Samen; hierher: Lvonzrmua, Doviroxstslum, Oslssbrns, Llazttsrms, 'Mmmsrin,, §rsuuirokora, Llasoäsnäron, Ll/Aiucis u. a. b) Hippoarabsas, mit 3, selten 2—5, der Oberfläche der Scheibe eingefllgten Staubblättern, flachen, an der Spitze zurückgekrümmten Stanbträgern und eiweißlosen Samen; hierher: Hippoeratss. Die ungefähr 400 Arten zählende Familie ist vorzugsweise in den Tropen beider Hemisphären entwickelt. Engter. Lelsrtrus L., Pflanzengatt, aus der Fam. der Oslasbraosss-Oelastrsss (V. 1), häufig kletternde Sträucher mit abwechseuden, gestielten, ungetheil- ten oder gesägten Blättern, kleinen, in achselständige oder endständige Trauben oder Rispen gestellten, bisweilen eingeschlechtlichen Blllthen; Fruchtknoten frei mit je 2 aufrechten Eichen in den Fächern; Frucht eine kugelige, fächerspaltig aufspringende Kapsel; Samen von einem fleischigen, an der Spitze offenenen Mantel bedeckt. Die 18 Arten der Gattung sind meist in den Gebirgen Indiens, Chinas u. Japans heimisch, nur wenige kommen in NAmerika, Australien u. auf Madagascar vor. 0. Zvanäsus Vi, mit windendem Stengel, weiß n. gelb-grünen Blüthentrauben, rothen, zackigen Samenkapseln, Brechen erregender Rinde; heimisch in Canada; geeignet zur Bekleidung von Wänden. Engler. Cefalu — auf dem Taurus und Libanon, wo sich noch jetzt uralte C-n von majestätischem Ansehen finden. Russegger sagt u. a. von ihnen: „Diese C-n stehen am westlichen Gehänge des Libanon, oberhalb Tripolis, in einer Meereshöhe von 6000 Par. Fuß, in einem weiten, kesselförmigen Thal, das außer C-n nicht einen Strauch von Bedeutung hat u. daher sehr öde ist. Das ganze Cedernwäldchen besteht aus 3—400 Stämmen, theils den Resten eines Waldes, der wahrscheinlich einst das ganze Thal erfüllte, theils den jüngeren Nachkommen der greisen Eltern, die in ihrer Mitte stehen. Bon diesen 3—400 Stämmen sind die meisten in einem Alter von einigen hundert Jahren, mehrere mögen 4—800 zählen u. 10 sind ganz alte, unter denen sich wieder 7 durch ihre Größe u. ihr altes Aussehen auszeichnen, u. es ist nicht unglaublich/daß diese Stämme wol ein paar Jahrtausende zählen. Alle alten Stämme theilen sich in mehrere, doch da diese Theilung erst 4—6 Fuß über dem Boden statthat, so sind sie in ihrem Umfange noch ziemlich genau zu messen; der Umfang der größten jener 7 Stämme beträgt 45 Wiener Fuß." Keiner dieser Stämme ist mehr über 24 m hoch; der Boden, auf dem sie stehen, ist weißer Kalkstein. Die C. gedeiht in England vorzüglich; bei Genf ! in der Schweiz findet sich ein Exemplar von 37 m ! Höhe; im südwestlichen Deutschland würde sie sehr - wohl gedeihen. 2) 0. Osoäara, Lomckow (l?irms v. ^ L«rb.), Baum von 50 m Höhe u. 14 m Umfang ^ des Stammes, mit hängenden Zweigen, abstehenden Blättern n. am Grunde nicht nach innen gebogenen Zapfenschuppen; auf dem Himalaja u. in Tibet in einer Höhe von 2800—4000 m. 3) 6. atlanties 2ka>wttr', durch kürzere, dickere, grau-grüne, abstehende Blätter von der libanotischen Ceder verschieden, auf dem AtlaS prächtige Wälder bildend. Die Äste gehen schon 8—10 Fuß über der Erde aus dem Stamme hervor u. biegen sich, bis 14 Fuß laug, wieder bis zur Erde herab. Das Holz dieser Bäume, ausgezeichnet durch festen, braun-rothen Kern und reichen Harzgehalt (ehemals als I-issnum Osäri officinell), wird theils zum Räuchern verwendet, vorzugsweise aber auch als Bauholz, namentlich für Schiffe, geschätzt. Das aus demHolze gewonnene Cedernöl wurde von den Alten zum Einbalsamiren der Leichen benutzt, auch bestrich man Bücher damit (esclratn Udri), um dieselben gegen Motten u. Nässe zu verwahren. Engl-r.» Cefalu (im Alterthum Cephalödium), Hauptort des gleichnamigen Distr. der ital. Prov. Palermo, an einem Vorgebirge des Tyrrhenischen Meeres; kleiner Hafen; Bischof; Kathedrale, ausgezeichnete Baudenkmale aus der Normannenzeit u. Mosaikmalereien; starke Fischerei; 10,194 Ew. Ceglie Mefsapico, Gern, im Bez. Brindisi der ital. Prov. Lecce; 13,096 Ew. Leibs, s. Lombax. Ceintre (fr., Bau!.), so v. w. Lehrbogen. Ceinture (fr.), 1) Gürtel,Leibbinde. 2)fBauk.) Das Blättchen unter- u. oberhalb des L>äulen- schastes. Celano, Stadt mit Grafschaftstitel im Bez. Avezzano der ital. Prov. Aquila (Abruzzen), an dem fischreichen gleichn. See; Papiermühle; 6773 Celäha, Stadt in dem mexicanischen Bundes- - staate Queretaro, am Rio Grande de San Jago, südöstlich von Guanaxuato, 2000 m über dem !Meere liegend; Karmeliter-, Augustiner- u. ein 592 Celebes — Celebrircn. Kranciscanerkloster, dessen Kirche den höchsten Thurm in Mexico hat; Gymnasium; beträchtlicher Handel; 14,000 Ew., worunter in Len Vorstädten viele Otomiten-Jndianer, die auch die Umgegend bewohnen. Celebes (früher Mangkasser, bei den Eingeborenen Menahassa, Tanah-Bugis, Negri-Oran; doch sind dies nur Bezeichnungen einzelner Theile, ein einheimischer Gesammtname existirt nicht), die drittgrößte n. östlichste der 4 große» Sunda- Jnseln im Jnd. Ocean, unter dem Äquator, von 1" 40' n. Br. bis 5° 34' s. Br. und 135» 30' bis 142° ö. L. gelegen, nach W. Von Borneo durch die Straße von Mangkassar, nach N. durch die Sulu-See von Mindanao, nach O. von den Molukken durch die Molukken-See geschieden, im S. von der Sunda-Sce umspült; auf einen Flächeninhalt von 198,000 dfüm geschätzt. Eigenthümlich ist die Gestaltung der Insel, die im Wesentlichen aus 4 großen, nach S., SO., O. u. N. sich erstreckenden, durch 3 tiefe Meeresbuchten gebildeten Landzungen besteht; nur die WKüste bildet einen schmalen, wenig gegliederten u. zugänglichen Rand. Im N. trennt der Golf von Tomini od. Gorontalo die beiden nördl. Landzungen, im S. die Bai von Boni die beiden südl.; in der Mitte schneidet der Golf von Toro in das Land. Die erwähneuswerthesten Vorgebirge sind an der W- Küste Cap Maudar, Temul, Donda, im N. Cap Rivers, an der äußersten NOSpitze Cap Cosfin od. Pobisang, an der OKüste Cap Taljabu und im S. Cap Berak. Zahlreiche Inselgruppen umgeben die Insel: die Sangir- und Talaut- Jnseln im N., die Salajar im S. , die Baugaai im O., Kabeian, Mnna, Buton im SO.; ebenso ist der Golf von Gorontalo von einer Anzahl kleiner Inseln (Togian-Jnseln) erfüllt. C. ist durchweg gebirgig u., gleich vielen Inseln des Sunda-Archipels, größtentheils vulcanisch, wenngleich thätige Vulcane nur im N. sich noch finden; mehrere im Einzelnen noch unerforschte Gebirgszüge mit Erhebungen von 3000 va (Lombu- Batang aus der südwestl. Landzunge) bilden, die Insel durchziehend, einen festen Kern, an den sich, im Gegensätze zu Borneo, verhältnißmäßig wenige Niederungen u. Anschwemmungen sich anschlicßen. An Flüss en, allerdings gemäß der Form der Insel mit nur kurzem Lause, hat C. Überfluß, unter ihnen der bedeutendste der an der SWKüste mündende Sadang; ebensowenig fehlt es an theilweise hochgelegenen Seen, unter ihnen der Labaja auf der südwestl. Landzunge, der durch den Tsiurana-Fluß in die Bai von Boni abfließt. Das Klima ist das tropische, jedoch nicht ungesund, mit regelmäßiger Regenzeit von November bis zum März; die Hitze durch die Nähe des Meeres, die Monsune u. die gebirgigen Erhebungen wesentlich gemildert; Gewitter ».Erdbeben häufig. Products: C. ist nicht in dem Maße, wie die übrigen Sunda- Jnseln, bedeckt mit üppigen Wäldern;, hat dagegen vor ihnen den Vorzug trefflicher Weiden; in den Niederungen liefert der fruchtbare Boden reiche Ernten von Reis, Mais, Sago; auch Kaffe, Zuckerrohr, Cacao n. Tabak werden gewonnen u. die Cultur des Chinabaumes augestrebt. Vom Thierreiche fehlen die größeren Raubthiere, sowie Elefanten und Rhinozerosse, sind dagegen zahlreich vertreten Affen, Hirsche (Babirussa), Büffel, kleine, aber ausgezeichnete Pferde, die von den Eingeborenen gezähmt werden, Papageien, Schildkröten, Krokodile n. Schlangen; das umgebende Meer bietet mit zahlreichen Fischen den Strandbewohnern Beschäftigung u. Nahrung. Von Miueralschätzen kennt man Gold im SW., Kupfer, Zinn, Eisen, Diamanten, Schwefel, auch Steinkohlen ans der südwestl. Landzunge. Eine größere Ausbeutung der Naturschätze u. Ausdehnung des Handels ist erst noch im Entstehen; vorläufig erstreckt sich die jährlich steigende Ausfuhr hauptsächlich auf Reis, Cocusnüsse, Zucker. Die Bevölkerung der Insel, ohne positive Anhaltspunkte auf 2—3 Millionen geschätzt, besteht, mit Äusnahme weniger Europäer u. Chinesen, aus den Alfuren od. Harafora (auch Turadja genannt), Ureinwohnern, einem wilden Volke von hellbrauner Hautfarbe und schwarzen Haaren, nicht ohne Anlagen zur Civilisation, u. aus den Bugi u. Mangkassaren (s. d.), Völkern malaiischer Abstammung. Die Oberherrschaft übei die ganze Insel beanspruchen die Holländer, wenn gleich ihnen nur ein Theil unmittelbar unter worfen ist (Mangkassar auf der südwestl., Menadi auf der nordöstl. Halbinsel; das Übrige bestes aus einer Anzahl kleiner Reiche, deren Fürsten die Souveränetät der niederländischen Krone anerkennen (so die Herrscher von Boni auf der südöstl., von Bulan auf der nördl. Halbinsel, die Sultane der benachbarten Inseln Buton, Ternate u. a. Administrativ zerfällt C. in die Residentschaft Mangkassar mit der Hauptst. Mangkassar od. Vlaardingen mit 355,942 Ew., welche den südlichen Theil u. die im S. gelegenen Inseln bis Sumbawa umfaßt, u. die Residentschaft Menado mit 208,847 Ew., welche den nördl. Theil u. die im N. gelegenen Inseln (Saugier, Talaut u. a.) begreift; der östl. Theil ist der Residentschaft Ternate untergestellt. Die Zahl der Europäer beträgt gegen 2000. Die Geschichte von C. vor der Entdeckung durch die Europäer ist dunkel; eS scheint, daß die von Indien aus kommende Religion und Cultnr hier nicht den schnellen Eingang fand, wie in Java. Legenden nach zu schließen, war die brahmanische Religion auch bis hierher gedrungen u. wurde erst später durch den Islam verdrängt u. ausgerottet. Als die Portugiesen 1512 zum ersten Mal an der SKllste der Insel landeten, bestanden die beide» Reiche der Mangkassaren, Mangkassar, u. der Bugi (Boni), deren Geschichte in den folgenden Jahrhunderten eine fast ununterbrochene Reihe von gegenseitigen Kriegen ist. Die Portugiesen, welche 1525 eine Niederlassung gegründet hatten, wichen in der Mitte des 17. Jahrh. der sich ausbreiteuden Macht der Holländer, welche, nachdem sie 1660 die Mangkassaren nachdrücklich geschlagen hatten, sich dort festsetzten u. ihre Herrschaft mit kurzer Unterbrechung der Jahre 1811 bis 1814, wo die Engländer den Indischen Archipel beherrschten, bis auf den heutigen Tag unter fortwährenden kleine» Kämpfen behauptet u. erweitert haben. Celebrircn (v. Lat.), feiern, festlich begehen; daher Celebration, Feier, u. Celebrant, Priester, welcher dieMesse liest; Celebrität, 1) Festlichkeit, Feier; 2) Berühmtheit, daher berühmtePerson. Leieres — Celle. 593 l Leieres (röm. Ant., d. h. Schnelle, d. i. Reiter), die 300 Reiter in dem Heere der römischen Königs- zeit, von denen jede der 3 patricischen Tribus (Raumes, Mies u. Imesrss) 100 Mann stellte. Sie waren getheilt in 30 Türmen n. wurden von ebenso vielen Decurionen commandirt; das ganze Corps stand unter dem Iridiums eelernm. Celeriren (v. Lat.), eilen, beschleunigen; daher Celeritüt, Schnelligkeit. Ccleus, s. Keleus. Veils, 1) Behältniß, um Etwas aufzubewahren, z. B. 6. xanuaria, Speisekammer, 0. vinaria, Weinkeller; der Aufseher über eine 6. hieß 6s1- iarius; in Klöstern u. Domstiften waren der 6sl- Isrins u. die tlsiiaria der Aufseher u. die Aufseherin über die Ökonomie. 2) Ärmlicher Wohnort, z. B. der Armen, Sklaven. 3) In Tempeln Ort, wo das Götterbild stand (s. Tempel). 4)Zimmer; so 6. kri§iäaria, das kalte Badezimmer, 6. esläsris,, das warme. 5) Zelle, bes. inKlöstern; daher LeRarms, ein in seiner Zelle eremitenartig lebender Mönch; wenn 2 beisammen wohnten, so hießen sie 6elluläni. Ccllamare, Antonio Gindice, Herzog von Giovenazza, Fürst v., spanischer Diplomat u. Generalcapitän; geb. 1657 aus einer altadeligen Familie in Neapel; machte sich besonders bekannt durch seine Verschwörung gegen den Regenten von Frankreich, Herzog von Orleans; wurde am Hofe Karls II. von Spanien erzogen u. trat dann in spanische Kriegsdienste. 1702 kämpfte er mit Philipp V. in Italien 'gegen die Kaiserlichen u. erwarb sich hier nach der Schlacht bei Luzzara den Generalsrang, fiel aber 1707 bei der Belagerung von Gäöla in Gefangenschaft, aus der er erst 1712 befreit wurde. Nun machte ihn Philipp zu seinem Cabinetsminister u. sandte ihn 1715 in außerordentlicher Mission an den französischen Hof, wo C. ans Betreiben des spanischen Ministers Alberoni eine Verschwörung anstiftete, die auf den Sturz des Regenten u. die Erhebung Philipps V. von Spanien zum Regenten während der Minorennität Ludwigs XV. abzielte. Dieselbe wurde indeß durch eine Courtisane dem Cardinal Dubois entdeckt, der den mit Depeschen C-s nach Madrid gesandten Abbe Porto-Carrero auffangen ließ u. damit bis ins Einzelne Kenntniß von dem Complot erhielt. C. wurde infolge dessen Ende 1718 verhaftet und über die Grenze gebracht, in Madrid aber von Philipp V. ehrenvoll empfangen u. zum Generalcapitän von Alt-Castilien ernannt. Er st. 16. Mai 1733 zu Sevilla. Vgl. Lemontey, Ristoire äs is. Rexenos etc., 2 Bde., Par. 1832; Vatout, Im eouspirsticm cks O., spisocko äs 1a Regsuoe, Par. 1833, 2 Bde.; den Roman Marlens: (lsuses oelsbres cku ckroit äes xens, 2. A., 1. Bd., Lpz. 1858. Lagai- kellsrius u. Cellsns, s. u. Lolis. 1). Cellarius, 1) (Keller) Jakob, geb. 1568 zu Gückingen in Schwaben; trat 1588 in den Jesuitenorden u. wurde Professor der Philologie, Philosophie u. Theologie; er vertheidigte auf dem Colloquium in Rcgensburg 1601 u. Neuburg 1615 die Jesuiten gegen die Angriffe der Protestanten, namentlich gegen Hailbrnnncr, wurde darauf in dem Jesuitencollegium in Regensburg f Piercrs Nniversal-ConversationL-Lexiton. 8. Ausl. 1^ angestellt n. dann in München Rector, zugleich auch Beichtvater des Herzogs von Bayern; er st. 23. Febr. 1631. Von seinen Schriften, welche er unter dem Namen Fabius Hercynianus oder 1 acobus Sylvanus u. Jacobus Aurimon- tius schrieb, sind bes. bemerkcnswerth: Die Lehre vom Tyrannenmorde (worin er die Jesuiten von der Veranlassung des Mordes an König Heinrich IV. befreien wollte), Augsb. 1611, u. Nvstsrin xolltios, (welche in Frankreich öffentlich verbrannt wurden). 2 ) Christoph, deutscher Pädagog, geb. 20. Novbr. 1638 in Schmalkalden; wurde 1667 Professor der hebräischen Sprache und der Moral am Gymnasium in Weißenfels, 1676 Rector in Zeitz, 1688 in Merseburg, 1693 Professor der Geschichte n. Beredsamkeit in Halle; st. 4. Juni 1707 daselbst. Er gab heraus: Ciceros Briefe, Corn. Nepos, Plinius' Briefe, Curtius (mit eigenen Supplementen), Eutropius, Sext. Nustis, Vellejns Paterc., Lactantius, Min. Felix, Cypria- nus, Statins, Prudentius, Silins Italiens, Zo- simus, Fabers Mrsssurns u. sehr. u. a.: Rider memoriulls Istinitatis probats-s; Gurus posier, cks dsrdg-rismis etc., Zeitz 1680; ^ntidardsrns lut., 1677; OrtlroArsxdiu lut.. Halle 1700, n. A. von Harleß, Altenb. 1768, 2 Bde.; ilntiguitutes rom., Halle 1710; lstotitis, orbis sntigni, Lpz. 1701, n. A., von Schwarz, ebd. 1731 u. 1773, 2 Bde.; Orutionss, herausgeg. von Walch, ebd. 1714; Disssrtutionss seuck,, ebd. 1712. Er ist auch der Erste, der die alte Geographie in: Rlotitis ordis sntigui 1706 bearbeitete. Dieses s. Z. epochemachende Buch enthält alles, was die Alten von Homeros bis Constantinns d. Gr. in der astronomischen Geographie geleistet haben, u. bietet in übersichtlicher u. lebhafter Darstellung die Geographie der europäischen Staaten im Alterthum. Celle, 1) Kreis in der preußischen Prov. Hannover, Landdrosteibezirk Lüneburg, bestehend aus den selbständigen Städten Celle u. Burgdorf, sowie den Ämtern Burgdorf u. Burgwedel; 1860,5 djlcm (33,g HW); im Ganzen 64,604 Ew.; von 98 Icm der Hannoverischen Staatsbahn u. der Magdeburg - Halberstädter Bahn durchschnitten. 2 ) Stadt im gleichnam. Kreise u. Amte, an der Aller u. Fühle (Tätze), welche hier in die Aller fällt, an einem Kanal (MagnuSgraben), Station der Hannoverischen Staatsbahn, seit dem 1. Juli 1869 mit drei früher selbständige Gemeinden bildenden Vorstädten zu einer Stadtgemcinde vereinigt; königliches Schloß, zum Theil nocki von dem ursprünglichen Bau des Herzogs Heinrich aus dem Jahre 1485 herrllhrend, zum größeren Theil von Herzog Georg Wilhelm, dem letzten Herzog von Celle (st. 1705), umgebaut, mit schönen Anlagen umgeben, 1772 bis 1775 Aufenthaltsort der unglücklichen Königin Caroline Mathilde von Dänemark; unter dem Thor der im Innern schönen Stadtkirche die Gruft der Herzögc von Braunschweig - Lüneburg, Celler Linie; Appellationsgericht für die Provinz Hannover, sowie für das Fürstenlhum Lippe-Detmold, Obergericht, Amtsgericht, Sitz der Communallandschaft für das Fürstenthum Lüneburg; Gymnasium, Realschule 1. Ördnung, höhere Töchterschule; mehrere Bibliotheken; landwirthschaftliche Gesellschaft; v. Band. Zg 594 Celle-Brudre, La — Celliin. ritterschaftliches Creditinstitut, Entbindungslehran- stalt, Armenhaus, Waisenhaus, 2 Hospitäler für- hilfsbedürftige alte Männer u. Frauen, Kranken- Haus; Garnison, Zuchthaus; Landesgestüt; Wachs- bleichen, Wolleugarnspinnereieu ».Färbereien,große Actienschirmfabrik, Papierfabrik; 16,147 Ew.; Geburtsort des Landwirthes Albr. Thaer (geb. 1752, gest. 1828) u. des Dichters Ernst Schulze (geb. 1789, gest. 1817). — Eines Ortes C. geschieht bereits m Urkunden aus dem 11. Jahrh. Erwähnung. Indessen ist damit zweifellos die etwa 2 im von C. belegene, früher mit Mnnicipalrechten versehene, später zu einem Dorfe herabgesunkene Ortschaft Altencelle gemeint. Übersiedelungen aus dieser Ortschaft verdankt die Stadt C. ihre erste Entstehung. Durch eine Urkunde des Herzogs Otto des Strengen von Braunschweig-Lüneburg aus dem Jahre 1292 wurden den von Altencelle nach der neuen Stadt C. übersiedelnden Bürgern gewisse Vortheile zugesichert, auch das Lüneburgi- jche Recht verliehen. Im Gegensätze zu Altencelle hieß die neue Stadt längere Zeit Neueucelle, erst später allein C. C. wurde seit dem 14. Jahrh. Residenz der Herzoge von Braunschweig- Lüneburg-Celler Linie u. bkeb es, bis diese Linie im Jahre 1705 mit dem Herzog Georg Wilhelm ausstarb u. das Fürstenthum (C.-) Lüneburg mit dem Fürstenthum Kalenberg unter Georg Ludwig, dem späteren König Georg I. von Großbritannien rc., vereinigt wurde. Vgl. historisch-topographisch-statistische Beschreibung der Stadt C., von Spangenberg, Celle 1826. X- in Celle. Cclle-Bruere, La, Dorf im Arr. St. Amand des sranz. Dep. Cher, Station der Orleans-Bahn; vorzüglicher Steindrnch; 1322 Ew. Celles, A. C. Fiacre, Graf Bisher de, belg. Staatsmann, geb. 8. Juni 1779 in Brüssel; gewann durch seinen Schwager, den General Gerard, Einfluß in Paris u. trat 1806 in die Dienste des Kaisers Napoleon; er wurde Präfect der Unteren Loire, 1808 in den Grafenstand erhoben u. 1810 Präsect des Dep. Zuydersee, wo er das Volk auf das Heftigste gegen sich erbitterte. Als die Russen 1814 einrllckten, floh er nach Frankreich. Nach der Bildung des Königreiches der Niederlande wurde er Mitglied der Provinzialstaaten von Brabant n. 1821 Abgeordneter in der Zweiten Kammer der Generalstaaten. Vom König nach Rom geschickt, schloß er 1827 ein Concordat ab, welches von der protestantischen Bevölkerung mißfällig ausgenommen wurde. Ob- wol er während der belgischen Unruhen 1830 eine zweideutige Stellung annahm, so daß er in Verdacht gerieth, den Anschluß Belgiens an Frankreich bewirken zu wollen, wurde er doch Mitglied des diplomatischen Comite in Brüssel, trat aber später wieder in französische Staatsdienste. Er st. 2. NoM 1841 in Paris. Cellmi, Benvenuto, ital. Bildhauer, Erzgießer, Gold- u. Silberschmied u. Mllnzgravenr, geb. 1500 in Florenz; lernte die Goldschmiedekunst bei Ant. Sandro, wo sich frühzeitig sein bedeutendes bildnerisches Talent entwickelte. Um sich in der Plastik auszubilden, ging er nach Rom in die Werkstätte des Firenznolo di Lombardia, »w er unter anderem einen silbernen Tafelaufsatz einem antiken Sarkophag nachbildete u. mit die> sem Werke seinen Kllnstlerrnf begründete. Nach Florenz znrückgekehrt, entwickelte er eine große Thätigkeit theils im Nachbilden antiker Muster, theils in freien Schöpfungen u. trat dann in die Dienste des Papstes Clemens VII., bei dem er zugleich als Musiker angestellt war. Im Jahre 1527 nahm C. theil an der Vertheidigung Roms gegen den Cvnnetable Bourbon, den er mit einer Büchsenkngel getödtet haben will; auch der Prinz von Oranien soll im weiteren Verlaufe der Belagerung von C., welcher, auf die Engelsburg retirirend, dort Bombardierdienste leistete, durch einen Schuß getödtet worden sein. Nach der Einnahme der Stadt begab sich C. nach Mantua, wo ihn auf Ginlio Romanos Empfehlung der Herzog beschäftigte, traf nach einigen Monaten wieder in Florenz ein n. wurde wiederum vom Papste nach Rom berufen. Für diesen fertigte er unter anderem den Knopf eines Plnvials von getriebenem Golde, mit einem Relief, Gott Vater darstellend, das Modell eines Kelches mit der Darstellung von Glaube, Liebe u. Hoffnung in ganzer Figur, der Geburt Christi u. der Kreuzigung Petri in Relief. Über den Kelch gerieth er mit dem Papste in Streit, wurde deshalb verhaftet, bald jedoch wieder freigelassen. Clemens VII. ernannte ihn sodann zum Stempelschneider der Münze. In den Verdacht gekommen, einen Goldschmied ermordet zu haben, floh er nach Neapel, kehrte aber nach erwiesener Ünschuld nach Rom zurück, wo er für Clemens VII. u. Paul III. die Stempel zu mehreren Münzen schnitt. Infolge eines Todtschlages, den er an einem Mailänder Goldschmiede,seinempersönlichen Gegner, im Streite verübte, entwich er aus Rom u. nahm als Münzmeister Dienste beim Herzog Alexander von Florenz. Durch Freibrief des Papstes der Gefahr überhoben, kehrte C. zum 3. Rial nach Nom zurück u. arbeitete für Paul III. unter anderen kostbaren Werken den Deckel zu einem Brevier, welches Karl V. bei seinem Einzuge in Rom überreicht werden sollte. Die Jnlrigueii seiner Neider bewogen C., 1537 Rom zu verlassen u. nach Paris zu gehen, wo er der freundlichsten Aufnahme von Seiten Franz' I. gewiß war. In Paris erkrankt, reiste er abermals zuriirk n. legte nun in Rom eine große Werkstatt an, um den Aufträgen, mit denen er überhäuft wurde, genügen zu können. Durch falsche Anklagen de- Diebstahls an den päpstlichen Schätzen verdächtigt, wurde er ins Gefängniß geworfen, aus welchem ihn nach vielen Mißhandlungen die Fürsprache des Cardinals von Ferrara befreite. Nachdem er für diesen einen Becher u. ein Becken mit ganzen u. halberhabenen Figuren gearbeitet, auch dessen Siegel mit einer historischen Scene geschnitten hatte, folgte er dem Rufe Franz' I. nach Paris; dort vollendete er 1543 das berühmte Salzfaß von getriebenem Golde mit einem Ebenholzuntersatze, welches sich jetzt im Wiener Münz- und Antiken-Cabinet befindet. Neben anderen Prachtwerken von Gold u. Silber, darunter 12 lebensgroße Göttcrstatuen, entstanden auch nach seinen Modellen mehrere Bronzebildwerke, so ein Restes für das Hauptportal des Schlosses in Fontaine- 595 C'.'lliotcn - bleau, die Nymphe des Quells darstellend (jetzt im Louvre). Jntriguen u. Kabalen vertrieben C., welchem der König das Schloß Le Petit Nesle geschenkt hatte, auch von Paris. Ohne von Franz I. Lie bedeutende Summe, die dieser ihm schuldete, erhalten zu haben, verließ er Frankreich 1545 u. wurde vom Herzog Cosmo in Florenz freundlich ausgenommen. Für diesen vollendete er unter anderem 1550 eine in Erz gegossene Statue des Perseus, unter fortwährenden Anfeindungen von Seiten Derer, die sich durch seinen Ruf verdunkelt sahen. Die Statue wurde 1554 enthüllt u. brachte die Reden seiner Neider zum Schweigen, welche ihm den Namen eines Bildhauers absprechen wollten. Auch in Marmor begann er zu arbeiten u. vollendete 1565 ein Crucifix in Lebensgröße, welches als eines der besten Sculpturwerke seiner Zeit gerühmt wird (jetzt in der Kirche des Escurial). Im Jahre 1558 trat er in den geistlichen Stand, den er aber schon 1560, um sich zu verheirathen, wieder aufgab. Unter mannigfachen Widerwärtigkeiten, die ihm sein heftiges Temperament, sein ungeregeltes, ausschweifendes Leben, seine losen Reden und sein Eigensinn, sowie der Neid seiner Nebenbuhler zuzog, schuf er noch mehrere prächtige Kunstwerke für Cosmo n. Francesco Medici n. st. am 13. Febr. 1571 in Florenz. Der Umstand, daß sich in feinem Nachlasse eine Menge von Werken u. Modellen verzeichnet fanden, von denen in Florenz nichts zu erfahren war, gab zu der Vermuthung Anlaß, daß von feinen Arbeiten sich noch eine große Anzahl im Privatbesitze befinden müsse. Wirklich wurden auch im Laufe der Zeit u. noch heute eine Menge Goldschmiedearbeiten in den Handel gebracht, die, als Werke C-s geltend, zu ungeheuren Summen Käufer fanden. Der Werth, den man noch jetzt aus die Arbeiten C-s legt, beweist genügend, welch ein hervorragendes Talent er als Bildner in Gold u. Silber besaß. Im Erzguß steht er in einer Reihe mit den Künstlern zweiten Ranges. Von feinen Werken verdienen außer den schon erwähnte», bemerkt zu werden: ein Schild von Franz I., an Heinrich VII. von England geschenkt, in George- Hall zu Windsor, u. die Einfassung eines Breviers mit Miniaturen von Giulio Clovio, in der Bibliothek zu Neapel. Als Schriftsteller ist er durch feine Selbstbiographie: Viva >11 L. 6. scritbs, äa lui msässimo; liieoräi, proso s poeais cki L. 6. von äoonmenbl sto., herauSgeg. von Tassi, Flor. 1829, 3 Bde., beste Ansg., deutsch von Goethe, Tüb. 1803, 3 Bde., für die Sitten- u. Kunstgeschichte seiner Zeit von Bedeutung. Außerdem schrieb er: Irabbabi intorno alls otto prin- «ipali arti stell' orsüasrig,, Flor. 1568. Werke, n. A., ebd. 1843. Vgl. Reumont, Beitrag zur italien. Geschichte, Bd. 4, Berl. 1858; Arneth, Studien über B. C., Wien 1859. R-gn-t.' Celliöten, in den griechischen Klöstern so v. w. Laienbrüder. Cellist, der das Cello (s. Violoncello) spielt. Lolkula (Bot.), die Zelle. Cellularpathologie, ein pathologisches System, welches alle krankhaften Vorgänge n. Erscheinungen auf die kleinsten histologischen Elemente, die Zellen, zurückbezieht u. durch diese zu erklären - Cellulose. sucht. Der Schöpfer und Begründer dieser Lehre ist Virchow; s. dessenCellularpathologie in ihrer Beziehung auf physiologische u. pathologische Gewebelehre, 3. Ausl., Berl. 1862. Der Fehler dieser Lehre liegt darin, daß nicht immer Formver- Lndernngen die anatomische Unterlage der Krankheiten bilden. Die Lehre hat daher jetzt auch die fast allgemeine Anerkennung, die sie noch bis vor Kurzem besaß, verloren. Kunze. Cellulose (Holzfaser, Pflanzenzellstofs; Chem.) GgHioOs- Die C. ist ein Hauptbestandtheil aller Pflanzen. Sie bildet die Wandung der Zellen u. Gefäße derselben n. ist daher der im Pflanzenreiche bis zu den niedersten Gliedern verbreitetste Stoff. Völlig rein kommt sie nirgends vor, sondern ist meist mit Farbstoffen, Fetten, Gummi, Zucker, Eiweißstoffen u. unorganischen Salzen verunreinigt. Da sie in den gewöhnlichen Lösungsmitteln, d. h. in Wasser, Alkohol, Äther, Fetten u. flüchtigen Ölen, verdünnten Säuren u. Alkalien, unlöslich ist, so läßt sie sich leicht rein darstellen, wenn man eine beliebige Pflanze der Einwirkung dieser Neagentien nach einander unterwirft. Die Baumwolle, sowie das ungeleimte Papier, vorzüglich das sogen, schwedische Filtrirpapier stellen fast chemisch reine C. dar, sie enthalten nur noch Spuren von unorganischen Salzen, welche beim Verbrennen als Asche Zurückbleiben. Reine C. bildet eine weiße, geruch- u. geschmacklose Masse, von spec. Gew. 1,^, meist noch die Form des pflanzlichen Gewebes zeigend, von welchem sie abstammt. Die einzige Substanz, welche die C. unverändert aufznlösen vermag, ist eine ammo- niakalische Kupferoxydlösung, dargestellt durch Auflösen von frisch gefälltem Kupseroxydhydrat in möglichst concentrirtem Ammoniak. Trägt man Baumwolle od. Filtrirpapier in diese blaue Flüssigkeit ein, so zerfließt sie zuerst zu einem zähen Schleime, der sich nach u. nach auflöst, wonach die Flüssigkeit mit Wasser stark verdünnt werden kann. Jedoch bewirkt ein Zusatz von zu vielem Wasser Ausscheidung der C. Verdünnte Salzsäure und Schwefelsäure zersetzen die Lösung, u. es bilden sich die betreffenden Kupfer- u. Ammoniaksalze, welche in Lösung bleiben, während die C. als ganz strukturlose, weiße, flockige Masse ausgeschieden wird. Setzt man zu der Lösung der C. in Kupferoxydammoniak metallisches Cadmium, so fällt das Kupfer aus, während sich Cadmiumoxydammoniak bildet, welches die C. ebenfalls gelöst enthält, n. zwar zu einer wafferklaren Flüssigkeit. Dieselbe ist geeignet, zu zeigen, daß die C. auf den polarisirten Lichtstrahl nicht einwirkt. Reine C. bleibt an der Luft unverändert; dagegen erleidet sie in Berührung mit stickstoffhaltigen Körpern, also im Holze, durch Einwirkung der Feuchtigkeit eine langsame Oxydation, infolge deren sie unter Braunfärbung in zu Staub zerreibbare Substanzen (Moder) zerfällt. An der Luft erhitzt, verbrennt sie mit Flamme zu Kohlensäure und Wasser. Bei Luftabschluß erhitzt, liefert sie die gewöhnlichen Producte der trockenen Destillation u. hinterläßt schließlich reine Kohle. Concentrirte Schwefelsäure löst die C. allmählich auf, aber nicht ohne dieselbe zu verändern. Denn verdünnt man die Lösung mit Wasser, so fällt eine gallertartige 38 * 596 Oelosig, Substanz aus, welche nicht mehr die Zusammensetzung der C. besitzt, durch Jod, ähnlich wie Stärke, blau gefärbt und daher Amyloid genannt wird. Dies Verhalten wird benutzt, um C. unter dem Mikroskop zu erkennen. Man betupft die fragliche Substanz (das Gewebe od. andere Stoffe) mit Jodlösung u. Schwefelsäure, wobei, falls C. vorlag, Blaufärbung eintritt. Wird Papier kurze Zeit in eine Mischung von 2 Vol. concentrirter Schwefelsäure u. 1 Vol. Wasser getaucht n. hierauf mit Wasser u. ganz verdünntem Ammoniak sorgfältig ausgewaschen, so erlangt es Eigenschaften, welche denjenigen des Pergaments (thieri- scher Haut) sehr ähnlich find. Es ist fester und durchscheinend geworden und kann die thierische Haut, z. B..Schweinsblase, vielfach ersetzen; es dient zum Überbinden von Gefäßen, zu Diffustonsapparaten rc. Im Großen wird derartiges Papier unter dem Namen Pergamcntpapier (vegetabilisches Pergament, Papyrin) dargestellt. Durch Kochen mit verdünnter Schwefelsäure wird die C. in Traubenzucker verwandelt, durch schmelzendes Kalihydrat und anhaltendes Kochen mit Salpetersäure in Oxalsäure. Ganz concentrirte Salpetersäure od. besser eine Mischung von dieser (od. von Salpeter) mit concentrirter Schwefelsäure verwandelt die C. in eine höchst explosive Nitroverbindung, Nitro-C-, welche unter dem Namen Schießbaumwolle (Pyroxylin) bekannt ist (s. d. A.). Eine Lösung .von dieser in einem Gemenge von Alkohol u. Äther findet vielfache Anwendung unter dem Namen Kollodium (s. d. A.). — Die häufig als eigenthümliche Substanzen von der C. unterschiedenen Körper: Lignin oder die incrnstirende Substanz, das Pollenin im Pollen der Blüthen, das Mcdullin im Marke, das Fnngin in den Schwämmen, das Suberin oder der Korkstoff u. a. sind wahrscheinlich nur unreine C. Fremy unterscheidet von der gewöhnlichen C. diePara«C., das Markstrahlen bildende Utricirlar« gewebe des Holzes, die Vascnlose, die Holzgesäße bildende Substanz, die Fibrose, die Substanz der Holzfasern, das Cutin in der Oberhaut der Blätter. Diese sind sämmtlich in Knpferoxydammoniak unlöslich. Ein, wenn nicht mit der C. identischer, so doch ihr sehr ähnlicher Stoff, das Tuuicin (s. d.), kommt auch im Thierreiche, in den Decken vieler Tnnicaten vor. Die C. dient als Nahrungsmittel, jedoch sind nur die jungen, zarr- wandigcn Zellen zur Verdauung geeignet; ferner bildet sie den wesentlichsten Bestandtheil der Ge- spiuustfasern u. dient als Lein, Hanf, Baumwolle zur Fabrikation von Fäden, Seilen, Geweben, Papier rc. Mit Kali geschmolzen liefert sie in Form von Sägespänen das Material zur Darstellung von Oxalsäure. Ihr Verhalten, mit verdünnter Schwefelsäure erhitzt Traubenzucker zu bilden, wird zur Fabrikation des Alkohols benutzt. Eine der wichtigsten Anwendungen der C. ist die Herstellung von Schießbaumwolle, zur Darstellung des in der Medicin u. namentlich in der Photographie vielfach verwendeten Kollodiums. Clörcn. Colosia L., Pflauzcugatt. aus der Fam. der Lmaiautaesas - Lslosieas (V. 1), krautartige Pflanze mit wechselständigen Blättern, zahlreichen kleinen, vielfach zusammengesetzte Rispen bildenden — Celsius. Blüthen mit 2—3-häutigen Vorblättern, fünsblät- teriger, häutiger Hülle, 5 am Grunde in eine Röhre verbundenen Staubblättern, einfächerigem, viel- eiigem Fruchtknoten; Frucht eine kugelige, quer aufspringende, vielsamige Kapsel. Arten sehr zahlreich, im tropischen u. subtropischen Gebiete beider Hemisphären. geb. 27. Nov. 1701 in Upsala; wurde 1730 Pro- ! fessor der Astronomie das., machte Reisen durch Deutschland, Italien und Frankreich. Er stellte die (irrige) Ansicht auf, daß das Nordlicht vom Z°- ! diakallichie herrühre, zeigte, daß der von Bianchiin n. Maraldi in der Kirche Sta. Maria degli Angelt in Rom gezogene Meridian um 2 Minuten falsch sei, bestimmte das wahre Maß des altrömischeu Fußes, beschäftigte sich viel mit der Intensität des Lichtes und den Saturnusmondcn, maß mit Onthier einen Meridian in Lappland u. gab Veranlassung, Laß die Sternwarte in Upsala errichtet wurde. C. st. 25. April 1744. Er schr.: Ls obser- vationibus pro ki^nia toUnris ästsrininanäs., Ups. 1738. Nach ihm ist dicCelsinssche Thermometers«!» benannt; s. u. Thermometer. 4) Olof v. C., Sohn von C. 2), schweb. Geschichtschreiber n. Dichter, geb. 1716 in Upsala; wurde 1747 Professor der Geschichte das., 1756 geadelt u. 1777 Bischof i» Lund; er st. 1794 in Stockholm. C. schrieb: Lrvsnska Litot (ein satirisch-moralisches, in Versen geschrieben»,; Wochenblatt), Stockh. u. Ups. 1738; InAvborA (Tragödie), Stockh. 1737; Gustav Wasa (Epos), ebd. 1774; LibUotbsoss Lxsui- disboria, Ups. 1745; LonunA Lusdack I.s bistoriu, Stockh. 1746—53, 2 Bde., 3. Ausl., 1792, deutsch, Kopenh. 1753, 2 Bde.; LonnnZ Lrill XiV.o bistoria, ebd. 1774, 2. Ausl., Lund 1795, deutsch 597 Celsus - von Möller, Flensb. 1777; 8vsn rilcss kz-rllo- züstoria, Stockh. 1767, 1 . Th. (unvollendet). In LiänivAar om äs lüräas ardstsu kör 1742 gründete er die erste Literaturzeitung in Schweden. 2 i—3 Specht.» Celsus I) TituS Cornelius; warinAfrika zgz n. Chr. Tribun und wurde von dem Pro- consul derProvinz zum Gegenkaiser des Gallienns ernannt, aber schon nach 7 Tagen erschlagen. 2) Aulus Aurelius Cornelius, der berühmteste römische Arzt, der, ungefähr von 30 v. Chr. bis 33 n. Chr. lebend, zwar nichts Neues, bis dahin Unbekanntes in die Medicin hineingetragen hat, aber ein glänzendes Zeugniß für den encyklopä- Lischen Charakter seines Volkes abgab und mit Recht als ein Mann galt, der in der gesammten Natur wohlbewandert war. Sein Gesammtwissen legte er in einem Werke nieder, ^rbos benannt, in dem außer der Medicin auch die Laudwirth- schaft, Rhetorik, Rechtsknnde, Geschichte, Kriegskunst, Philosophie, u. zwar jede Wissenschaft in gleich eleganter, knapper, klarer Weise behandelt ist, wie sich noch aus einzelnen Bruchstücken Nachweisen läßt, da leider nur die 8 medicinischen Bücher erhalten sind. Aus dem Gesagten möchte auch hervorgehen, daß er die Medicin wol weniger der praktischen Ausführung wegen, sondern nur als einen Zweig der Philosophie eingehend stu- Lirt hat. In diesen 8 Büchern ist nun das medi- cinische Wissen n. Können der Heroen der Wissenschaft bis zur Zeit des C. in einer durchweg geistreichen Manier u. in einer eleganten Schreibweise niedergelegt, so daß man ihn den Cicero der Ärzte genannt hat. Vorzüglich sind die letzten, mehr die Chirurgie abhandelnden Bücher, in denen er ganz besonders, wie auch in der Zeichenlehre (Semiotik), dem Hippokrates folgt, während die allgemeine Therapie einschließlich der Diätetik auf den Anschauungen des Asklepiades ruht. Es findet sich bei ihm eine eingehende Beschreibung des Steinschnittes, dessen Gefahren er kennt u. dessen urtheilslose Anwendung er tadelt, sowie die Nie- derdrückung der vom Grauen Staar befallenen Linse des Auges. Dabei ist das ganze Werk durchsetzt mit einer Fülle der geistvollsten Ansichten n. Regeln, die wohl verdienten, wie die Aphorismen des Hippokrates gesammelt zu werden; einen Auszug hat Friedrich Closins, Tübingen 1785, gegeben. So ist C. ein unerschöpflicher Quell für die Späteren geworden, u. was am meisten für seine Bedeutung spricht: ein Jeder glaubte ihn als den Vertreter seiner Meinung u. Auffassung auführen zu dürfen. Die Anzahl der Ausgaben ist eine bedeutende, wohl die Sechszig erreichend. Die erste erschien in Florenz 1478; ferner von Aldus 1528; Elzevir 1657; Krause, Lpz. 1766; Haller, Lausanne 1772; Milligan, Lond. 1826; Darenberg, Lpz. 1850; deutsche Übersetzungen von I- Khüffner, Mainz 1531; Ritter, Stuttg. 1840; Scheller, Braunschw. 1846; die beste französische Übersetzung hat Ninnin, 1753, geliefert. Vgl. Kessel, C., Gießen 1844. 3) C. Juventius, Vater und Sohn, lebten unter Bespasianus und Hadrianus, u. Letzterer war 129 n. Chr. Consnl; sie fchr.: 38 Bücher Digesten, 20 Bücher Institutionen u. iz Bücher Briefe; Fragmente in den Pandek- - Ccltes. ten. 4) Eklektiker in der Mitte des 2. Jahrh. n. Chr.; suchte den Platonismus u. Epikurersmus mit einander zu vereinigen; er schr., wahrscheinlich .in Rom: ^Istckeo lögos (das wahre Wort), polemische Schrift gegen das Christenthum, welches er wegen seiner Uuwissenschastlichkeit, Credulität, an- thropomorphistischen Sinnlichkeit rc. lächerlich zu machen suchte; dieselbe ist verloren u. jetzt bloß noch aus der Gegenschrift des Origenes (contra. Oslsnw) bekannt; daraus sammelte Mosheim die Angaben u. Behauptungen des C. u. übersetzte sie ins Deutsche, Hamb. 1745; W. Fenger, Vs Volks Oüristianornm närersario, Kopenh. 1828; Philippi, Vs Oslsi püilosoplurnää §snsrs, Berl. 1836; Jachmann, Vs 6slsi plliloosxluL, Königsb. 1836; Keim, Des C. wahres Wort, Zür. 1873. 2) Thamhayn. Celt (v. d. spätlat., nicht klassischen osltss od. ositis, Meißel), Bezeichnung eines Geräthes der vorgeschichtlichen Zeit, welches besonders in den Pfahlbauten (s. d.) aufgesunden wurde. Die ältesten C-e sind einfache Steinbeile, welche zu allen möglichen Verrichtungen dienten. Im Bronze- Zeitaller wurden sie aus Bronze hergestellt und durch Umbiegung der Kanten zu Schaftlappen od. zu einer völligen Tülle so hergerichtet, um Stiele od. Schäfte daran anzubringen u. sie so als Beile od. Äxte zu benutzen. Man unterscheidet daher diese C-e in Hohl- u. Schaft-C-e; letztere nennt man auch Paalstab, Handbeil oder Beilinesser. Ihre Gußformen sind die häufigsten, welche man findet. Der Verbreitungsbezirk der C-e dehnt sich von Ägypten bis nach Skandinavien aus. Henne-Am Nhyn. Celten, s. Kelten. Celtes (eigentlich Pickel, auch Protucius), Konrad, bedeutender Humanist, geb. 1. Febr. 1459 zu Wipfeld in Franken; sollte ein Weinbauer werden, entfloh aber, um diesem Geschicke zu entgehen, nach Köln auf die Schule, studirte dann auf mehreren deutschen Universitäten, hielt in Leipzig stark besuchte Vorrräge über Poetik, veröffentlichte 1486 seine erste Schrift: 4rs vsr- siüoauäi, nebst lateinischen Gedichten, u. begann einen heftigen Kampf gegen die Scholastiker. 1486 begab er sich nach Italien u. lernte die dortigen Humanisten u. die Platonische Philosophie kennen. Zurllckgekehrt, erhielt er 1487 vom Kaiser Friedrich III. zu Nürnberg den poetischen Lorbeer u. die philosophische Doktorwürde, studirte hierauf auch Mathematik, Physik u. Astronomie in Krakau, während er zugleich dis polnischen Klosterdiblio- theken durchforschte, besuchte dann Ungarn, Wien u. Bayern, wo er Gelehrte Gesellschaften nach dem Muster der Römischen Akademie zu stiften versuchte, was ihm aber nicht gelang. Erst 1490 kam er dazu, in Mainz die goäalltao likoraris. Uüönaus. zu gründen, welche die bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit vereinigte u. ihren Hauptsitz in Heidelberg hatte. Darauf bereiste er Nord- deutschland u. Böhmen, wo er in Prag mit Noth Mißhandlungen von Seiten der Czechen entging. Endlich fand er Ruhe u. wurde 1497 Lehrer der Dichtkunst u. Beredtsamkeit in Wien. Der Kaiser Maximilian gab ihm die Mittel, um 1498 (bis 1501) gelehrte Reisen zu machen. Durch ihn 598 Celtiberi — Cenci. wurde in Wien das OofisAinm xosbarnm 1502 gegründet, dessen Vorsteher er wurde. Er st. das. 4. Febr. 1508. C. fand in Tegernsee die nach dem Herausgeber benannte Dadula, keubivAS- riana, u. gab zuerst die Werke der Hroswitha heraus (wozu er ein kaiserliches Privilegium, wol das erste der Art, erhielt), 1501. Seine Gedichte n. kleinen Schriften (darunter die lüdri IV amo- rnw, welche in Distichen seine Abenteuer in den 4 Weltgegenden des Deutschen Reiches, sowie die dortigen Volkssittcn u. landschaftlichen Scenerien lebendig, aber mit dichterischer Freiheit schildern), neu herausgeg., Straßb. 1513. Vgl. Klüpsel, Vs vita st seripbis Oonraäi 0., Freib. 1827, 2 Bde.; Ruith, Leben u. Wirken des Konrad C., Wllrzb. 1852; Aschbach, Die früheren Wanderjahre des K. C. (Sitzungsberichte der Wiener Akademie Igtzg), Henne-Am-Rhyn. Celtlbercr, s. Keltiberer. Celtica, s. Kelten. lleltwum promontorlum (Artabrum), Vorgcbirg der NWSpitze Hispaniens; jetzt Cabo Finisterre. Oeltickeso, Unterfam. der Illmaceas (s. d.). lloltis Iburn.-(Zürgelbaum), Pflanzengatt, aus der Fam. der Ulmaooae-Ovltiäsas, Bäume und Sträucher mit zweizeilig gestellten Blättern, lang- gestielten, einzelnstehenden od. achselständige Trug- dolden zusammensetzenden, viclehigen Blüthen, mit fünf-, seltener sechstheiliger Blüthenhülle, 5 od. 6 vor deren Abschnitten stehenden Staubblättern, welche in der Knospe eingebogen find, und mit einfächerigem, von 2 verlängerten Narben gekröntem, eineiigem Fruchtknoten; Frucht eine einsamige Steinfrucht; Samen mit gekrümmtem Keimling in spärlichem Eiweiß. Arten: 6. austra- lis L., hoher, sehr alt werdender Baum, mit unterseits kurzhaarigen, länglich-eiförmigen Blättern, einzelnen Blüthen u. bei völliger Reife schwarzen, süßen, schmackhaften Früchten, von der Größe kleiner Kirschen; heimisch in SEuropa, aber auch in Deutschland im Freien an geschützten Stellen ausdauernd. DaS zähe, schwärzliche Holz wird zu allerhand Hausgeräthen, Spazier-, Lade- u. Peitschcnstöcken, musikalischen Instrumenten rc., die schwarzen Wurzeln zu Messerheften verarbeitet; aus dem Samen wird Öl gepreßt, welches an Stelle von Mandelöl verwendet wird. 6. oooiäen- ialis L., mit oberscits etwas rauhen, unterseits nur an den Adern kurzhaarigen Blättern und 1-—3blüthigenTrugdöldchen; kommt ausNAmerika u. wird bei uns als Zierstrauch angepflanzt; das Holz ist zu Wagncrarbeiten sehr gesucht; die süßen, adstringircnden Früchte find gegen Ruhr gebräuchlich. Engli'r. keltisch, s. Keltisch. Cembalo (ital.), 1) der generische Name aller Klavierinstrumente; 6. avAslieo, s. Clavicembal. 2) II 6., so v. w. Palast Borghese. Cembra n. Cembra-Thal, s. u. Cimbra. Cemcnt (Oasmentnm), hydraulischer od. Wassermörtel; s. Mörtel. Cementatio», Vorgang, durch welchen zwei feste Substanzen in hoher Temperatur in der Art aus einander wirken, daß ein gasförmiger Bestand- thcil od. ein Product des einen von dem anderen ausgenommen od. partiell zerlegt wird. Meist beziehen sich die Ausdrücke C. u. Cementiren auf die Darstellung des Stahls aus Schmiedeeisen, wobst das letztere, in Stangenform in Kohlenstaub gepach u. in thönernen Kisten gegen jede äußere Einwirkung abgeschlossen, erhitzt wird. Dadurch nimmt das Stabeisen Kohlenstoff auf u. wird zu einem ungleichmäßigen Stahl, der durch Raffination »er- feinert werden muß (s. Stahlfabrikation). Mm. Cementfedern, Erfindung I. Alexandres in Birmingham: nachdem die Stahlfeder gefertigt, empfängt sie noch eine chemische,Zubereitung, Ce>' mentation, bestehend in einer Ätzung, welche die Feder biegsam macht u. sie zugleich gegen das Rosten schützt. Osns (röm. Ant., früher fälschlich oosuz, geschrieben), 1) nachmittägliche Hauptmahlzeit bst den Römern; s. Mahlzeit. 2) Essen, Schmaus; daher 0. aäitialis, Antrittsschmaus der zu einem Amte ernannten römischen Priester, von sprllch- wörtlicher Üppigkeit; die 0. saliaris wurde gehalten an dem Tage, wo die Salier (s. d.) die Lnoilin in der Stadt in ausgelassenem Tanzschritte umhertrugen; 6. trinmpüaliu, Triumphmahl, welches der siegreich einziehende Feldherr nach dargebrachtem Opfer auf dem Capitol veranstaltete; 0. äomini (6. ciomiuioa, Mahl des Herrn), so v. w. Abendmahl; daher der Grüne Donnerstag; 6. xnra, unblutiges Mahl, bei wel- chem nur Gemüse u. Ähnliches genossen wird; daher der Charfreitag. Riste. Oensoülum (röm. Ant.), 1) das im oberen Stocke befindliche Speisezimmer. 2) Der obere Theil des röm. Wohnhauses (s. d.), Dachgeschoß, Dachstübchen, welches einzeln an Ärmere vermiethet wurde; daher Inder Kaiserzeit: Osnaoularii, Leute, welche Häuser pachteten, um sie wieder theilweise in Aftermisthe zu geben. Nero verbot der Feuersgefahr wegen die Erbauung von Häusern mit allzu vielen 6snaoula. 3) (Cönakel) Speisesaal, bes. in Klöstern. Cenci, Beatrice, aus einem edlen Geschlechle in Rom, jüngste Tochter Francesco C-s aus dessen 1. Ehe; erregte durch ihre Schönheit die Begierden ihres durch den Mord zweier Söhne befleckten Vaters u. unterlag denselben. Da sie bei ihren Verwandten u. dem Papste keine Hilse fand, verband sie sich mit ihrer Stiefmutter L»- cretia Petroni und ihren übrigen 2 Brüdern, Giacomo und Bernardo, ließ den Vater durch Banditen 1598 in dem Schlosse Petrella im Schlafe erdolchen, wurde aber durch die Mörder, welche als Banditen eingesangen wurden u. auf der Folter starben, entdeckt u. trotz der Vertheidigung des Prosper Farinaccio 1599 nebst Lucretia u. Gia- como durch das Beil hingerichtet, Bernardo aber wegen großer Jugend begnadigt. Die Güter der C. wurden eingezogen u. kamen um 1605 unter Papst Paul V. an die Familie Borghese, nur einen Theil erhielt Bernardo zurück. Im Palast Barberini zu Rom zeigt man noch ihr Bild, an- geblich von Guido Reni. Nach neueren Untersuchungen waren Beatrice und ihre Verwandten ganz unschuldig am Morde n. fielen als Opfer einer Cabale, ans die Aussage zweier Banditen» Der Bericht eines Zeitgenossen über ihren Proccß und Tod, von de Stendhal französisch, 1819 w 599 Oenürs - Rom herausgegeben, ist im 2. Bd. der Römischen Briefe von einem Florentiner, Lpz. 1840, wiedergegeben, u. außerdem find Geschichte u. Proceß dargestellt von Scolari, Mail. 1856, von Delbono, Neapel 1864, von Torrigiani, Olemsnts VIII. eä il xroossso eriminals cksUa L. 6., Flor. 1872; vgl. auch Neuer Pitaval, Bd. 29., Leipz. 1861. Poetisch wurde die Geschichte behandelt von Shelley in dramatischer Form, deutsch von Strodtmann, Hildburgh. 1866, von Guerrazzi in Romanform, deutsch, Hamburg 1858, 2 Bde. venilrs (fr.), Asche. Oenärss bleues, so v. w. Bemblau. Cendrillon (fr.), so v. w. Aschenbrödel. Ceneda, s. Bittorio. Cenerentüla (ital.), so v. w. Aschenbrödel. Cenere (Monte-C.), Bergzug im schweiz. Kanton Tessin, ein Ausläufer der Rhätischen Alpen, mit Kastanieuwälderu bewachsen und mit schöner Aussicht. Über denselben führt, 553 m hoch, die Poststraße u. die im Bau begriffene Strecke der Gotthaä-Bahn von Bellinzona nach Lugano. Er trennt zwei im Charakter durchaus verschiedene Theile des Kantons Tessin (s. d.). Cenis, so v. w. Mont-Cenis. Cennlni, Bernardo, Goldarbeiter u. Schrift- ! gießer von Florenz; führte daselbst zuerst die ! Buchdruckerkunst ein u. hinterließ 2 Söhne, Do- i menico u. Pietro, welche die Kunst ihres Vaters weiter ausbildeten. Aus ihrer Officin ging 1471 Virailius mit dem Commentar des Servins hervor. Cenomänen (a. Geogr.), keltisches Volk, Zweig der Aulerker (s. d.) u. Kelten. Ceuomanien (frz.), die unterste Schicht der oberen Kreidesormation in Frankreich, benannt nach Cenomanum, dem lat. Namen der Stadt Maus im Sarthe-Dep. Cenotaphmnr (v.Gr., d. i. leerer Grabhügel), ^ bloßes Monument, unter welchem die Asche des ! Verstorbenen nicht aufbewahrt war; besonders bei ^ den Griechen u. Etruskern üblich. I Censiren (v. Lat.), 1) beurtheilen; 2) taxiren, ^ schätzen; 3) tadeln; 4) die Censur ertheilen. > llensitwus, zinspflichtig; daher 6. Innckns (Osn- sitioum bonnm), ein Zinsgut, dessen Besitzer, Censit, voller Eigenthümer desselben ist, nur daß er seinem Erb- und Gerichtshcrrn die festgesetzten Zinsen u. Dienste leisten muß; 0. oovbraetns, Vertrag, durch welchen Jemand das nutzbare Eigeuthum seines Grundstückes auf einen Anderen überträgt, sich jedoch das Obereigenthum (Oomi- mnw äireotnm) u. die Abführung eines Zinses an sich vorbehält. Censor (lat.), 1) eigentlich Beurtheiler, Schätzer, Taxirer. 2 ) (Rom. Ant.) In Rom waren die Tensoren eine der höchsten Staatsbehörden; sie standen in einzelnen Beziehungen noch über den Consuln u. hatten die Staatsfinanzen u. das Sittenrichteramt zu verwalten; sie wurden anfangs nur ansPatriciern gewählt u. hatten alle Auszeichnungen der Consuln, ausgenommen die Fasces. Ihre amtliche Wirksamkeit war: a) Das Halten des Census, d. h. der Zählung u. Vermögensschätzung der Bürger; s. u. Census 1). i>) Das Sittenrichteramt; vor ihr Forum gehörten solche Vergehen gegen die gute altrömische Sitte, welche von Len ordentlichen - Censur. Gerichten nicht geahndet wurden, wie unbegründete Ehelosigkeit, schlechte Kinderzucht, liederlicher oder luxuriöser Haushalt, unordentlicher Lebenswandel, Jmpietät, Meineid, unwürdiges Betragen gegen Magistratspersonen rc. Die Strafen, welche sie verhängten (Osnsoria nota, 6. animaävsrsio), bestanden in öffentlichem Tadel oder sonstigen Ehrenstrafen; Senatoren stießen sie aus dem Senat, mit Angabe der Gründe in der Osnsorio. sndseriMo, Rittern nahmen sie das Pferd, andere Bürger versetzten sie aus den Oribns rnstieas in die minder geachteten Br. nrbanas od. unter die ^orarii, wo sie zu gar keiner Tribus mehr gehörten. Sie hatten auch die Befugniß, zur Erhaltung der altrömischen Sitteneinfachheit Verbote gegen Luxus u. allerhand das Römerthnm gefährdende Neuerungen zu erlassen (Osnsoria säieta), wie sie z. B. einst die Schulen der griechischen Rhetoren schließen ließen, o) Ihre finanzielle Thätigkeit bestand in der Verpachtung der öffentlichen Grundstücke, Nutzungen u. Gefälle (Vsotü- Zulia), z. B. der Zölle, Bergwerke rc. an die Onblisani (s.d.); in der Aufsicht über die Neubauten, welche sie den Mindestfordernden übertrugen, und der Erhaltung öffentlicher Bauten u. Anlagen, wie der Tempel, Landstraßen, Brücken, Wasserleitungen rc.; endlich in der Veraccordirung der Herstellung n. Lieferung von Militärgegenständen u. deren Transport. Die Register ». Rechnungen der C-en hießen Osnsornin basiulas (Osnsorias tabnlas). Ehe sie ihr Amt niederlegten, hielten sie ein feierliches Opfer, das Oustrnm (s. d.). Das Censoramt (Oensnra, Osnsns), früher durch die Consuln mitverwaltet, wurde seit 443 v. Chr. eine besondere, von 2 Patriciern bekleidete Magistratur. Ihr Amt dauerte anfangs 5 Jahre, seit 434 v. Chr. aber durch die Osx L.smiIi-1, nur 18 Monate. Von 350 v. Chr. an konnten auch Plebejer zu diesem Amte gelangen, u. 340 v. Chr. setzte der Dictator Q. Pnblilius Philo das Gesetz durch, daß jedesmal ein Plebejer mit C. sein solle und auch beide Plebejer sein könnten. Niemand konnte, nach der Oex Llaroia, zwei Mal C. werden, u. starb ein C. während seines Amtes, so ward dasselbe bis zur nächsten Wahl nicht wieder besetzt, sondern der andere C. mußte auch abdanken. Berühmt ist die Strenge, mit der Cato, daher Osnsorins genannt, 184 v. Chr. die Censur verwaltete. Julius Cäsar verband die Censur als Oraslsskns mornm mit seiner immerwährenden Dictatur, u. seit Augustns wurde sie mit der Gewalt des Kaisers verschmolzen. Vgl. Rovers, Os ssnsoribns upnck Romanos, Utrecht 1825. 3) Bücher-C., s. u. Censur 5). Riese.» Censorinus, röm. Grammatiker, im 3. Jahrh. n. Chr. Er schr.: Os ckis natali (eine Geburtstagsschrift, astrologischen Inhaltes, die er seinem Gönner Q. Cärellius widmete), 1. Ausg., Bolog. 1497, Fol., Par. 1583, dann von Lmdenbrog, Hamb. 1614, Leyd. 1642; Götze, Ald. 1742; Havercamp, Leyd. 1743; Gruber, Nürnb. 1744 u. 1805; O. Jahn, Berl. 1845; Hultsch, Lpz. 1867. llonsuLles (Osnsnarii), s. u. Osnsns 2). Censur (v. lat. eensnra), 1) Beurtheilung einer Sache. 2) Urtheil des Lehrers über die Schüler, hesonders am Ende eines Viertel- od. 600 Censurabel - Halbjahres, wo es in einem schriftlichen Zeugnisse niedcrgclegt wird. Dann bcs. 3) das Urtheil der Examinatoren über den Examinanden bei einer Prüfung. 4) Sittencensur, eine Einrichtung des römischen Staates; s. Censor 2). 5) In den modernen Staaten eine Anstalt, welche in der Absicht errichtet wurde, daß keine Meinungen und Ansichten mittels der Presse u. des Theaters Ber- Vreitung finden sollten, welche der Autorität des Staates u. Der Kirche zu schaden im Stande wären. Die Einrichtung bestand darin, daß alle Mcmu- scripte, ehe sie zum Drucke, u. alle Theaterstücke, ehe sie zur Aufführung kamen, dem vom Staate angestellten Censor vorgelegt wurden. Dieser strich, was er für staats- u. glaubensgefährlich hielt, weg, erst danach u. so konnte die Druckschrift publicirt u. das Theaterstück auf die Bühne gebracht werden; nicht selten wurden aber Druck u. Aufführung ganz versagt. Mit Ausnahme Rußlands haben alle europäischen Staaten die C. in politischer Hinsicht abgeschafft, u. nur in wenigen Staaten ist derKirchedasRecht, dieselbeansznübcn, Vorbehalten. An ihre Stelle traten die Preßgesetze, welche, statt daß es ehemals dein Gutdünken eines Einzelnen überlassen wurde, über die Zulässigkeit einer Schrift oder einzelner Theile derselben zum Drucke zu entscheiden, dazu dienen, Vergehen u. Verbrechen , welche mittels der Presse gegen das öffentliche Wohl od. gegen Private verübt werden, zu bestrafen n. dadurch die Presse von dem Mißbrauche ihrer Freiheit fernzuhalten; s. Preß- gesetzgebung und Presse. Die C. kam zuerst im Anfang des 16. Jahrh. zur Anwendung n. wurde von Geistlichen zur Verhinderung der Verbreitung ketzerischer Ansichten ansgeübt. Förmlich eingeführt wurde dieselbe durch die Bulle Leos X. vom 12. Mai 1515. Diese legte den Bischöfen und Inquisitoren die Pflicht auf, alle in ihrem Sprengel erscheinenden Schriften vor deni Drucke durchzusehen und ketzerische Meinungen nicht zu dulden, u. das Tridentmische Concil verbot Len Druck u. das Lesen antikatholischer Schriften ausdrücklich. Der Irulox Ildrornin proiübitorum (s. d.) ward begonnen u. seine Fortsetzung 1568 den Päpsten überlassen. Der Päpstliche Stuhl suchte auch die weltliche Macht zu vermögen, sie hierin zu unterstützen, u. in der That enthielten mehrere deutsche Reichsabschiede, so der von 1524, Verbote der gegenseitigen Schmähschriften, und die von 1530, 1541, 1548, 1567, sowie die Polizeiordnung von 1577 verordneten eine schärfere Beaufsichtigung der Druckereien. Noch strengere Maßregeln wurden in Spanien, Italien u. später in Frankreich getroffen. 1522 gab der Legat Chieregati aus dem Reichstage zu Nürnberg die Erklärung, daß man alles ohne Erlaubniß Gedruckte wegnehmen und verbrennen, Drucker aber u. Verkäufer strafen könne. Zur Zeit der Reformation bewegte sich die Presse in Deutschland noch sehr frei, wie Tausende von Flugschriften aus jener Periode beweisen. An den meisten katholischen Orten fand bald eine doppelte C. statt, die C. der Bischöfe u. die C. des Staates. In manchen Staaten bestand auch nur eine von beiden, so in geistlichen Staaten die bischöfliche, in evangelischen Staaten u. auch in Frankreich die Staats-C. Die deutschen Kaiser u. — Censurell. namentlich Leopold II. u. Franz II. beschworen in jeder Wahlcapitulation, die C. zu handhaben, u. ließen bei Censurbeschwerden die Reichsfiscale mit Beschwerden in des Kaisers Namen einschrei- ten. Abgeschafft wurde die C. zuerst in England 1694 durch Parlamentsbeschluß, dann in Dänemark 1770, in Schweden 1809, in Frankreich während der Revolution, dann, nachdem Napoleon I. die C. wiederhergestellt, 1827, in Belgien 1830, in Spanien 1833, in Deutschland u. Österreich 1848. Das Büchercommissariat in Frankfurt a. M. wurde 1529 errichtet; die Ausübung der Bücher-C. aber wurde der Landespolizeigewalt übertragen. In der kaiserl. Wahlcapitulation seit 1790 aber war bestimmt worden, Art. II. Z 6—8: „daß überhaupt aber keine Schrift geduldet werde, die mit den symbolischen Büchern beiderlei Religionen u. mit den guten Sitten nicht vereinbarlich ist, od. wodurch der Umsturz der gegenwärtigen Verfassung od. die Störung der öffentlichen Ruhe befördert wird". In Deutschland erfolgte eine Ausdehnung und Schärfung der C. namentlich 1819 Lurch die'Karls- bader Beschlüsse, welche nicht bloß die Zeitungen, sondern alle Druckschriften unter 20 Bogen der C. unterwarfen und die erst durch die Märzbewegung 1848 beseitigt wurde. Vgl. Schletter, Handbuch der deutschen Preßgesetzgebung, Lpz. 1846; I. A. Collmann, Quellen, Materialien und Commentar des Gemeinen deutschen Preßrechtes, Berl. 1844. Censnrabcl (v. Lat.), zinspflichtig. llonsurn evclesinstsca (lat.), 1) in der Katholischen Kirche die geistliche Gewalt, vermöge der ein Bischof Vergehungen gegen die Kirche untersuchen u. bis zur erfolgten Buße bestrafen kann. Die Censuren waren entweder ?osnas insäiei- nals8 (als angeblich heilende Strafen), welche lediglich Besserungsmittel waren, u. kosnas vinäi- eatuvas, welche als Sühne für die gebrochene Rechtsordnung betrachtet wurden; sie erstreckten sich auf das Jnterdict, die Suspension u. Excom- nmnication. 2) (Censurgebühren) Geldstrafe, welche Derjenige, der eineWeibspersonanßerehelichschwän- gert, an das Pfarramt früher bezahlen mußte. Censuren sind die geistlichen Zuchtmittel (koonas moäioinalss), durch welche die Kirche Las sich versündigende Kirchenglied wieder ans den rechten Weg zurückführen will (s. ob. 6snsur» ooelswastüoa). In der Katholischen, aber auch in einem Theil der Protestantischen Kirche ist das Institut der C. bis heute in Kraft geblieben, jedoch durch neuere Staatsgesetze seiner Einwirkung auf die bürgerlichen Verhältnisse des damit Belegten entkleidet; so in Preußen durch das Gesetz über die Grenzen des Rechtes zum Gebrauche kirchlicher Straf- u. Zuchtmittel vom 13. Mai 1873. Dieses Gesetz läßt die besonderen Disci- plinarbefugnisse der Kirchen od. Religionsgesellschaften über ihre Diener n. Beamten unter Vorbehalt der darauf bezüglichen Rechte des Staates unberührt, verbietet aber bei Geldstrafen bis zu 200 Thlr. od. Hast u. Gefängnißstrafe bis zu 1 Jahre n. in schwereren Fällen bei Geldstrafen bis zu 500 Thlr. od. Gefängnißstrafe bis zu 2 Jahren den Geistlichen, Dienern, Beamten od. Beauftragten einer Kirche od. Religionsgesellschaft, andere Straf- od. Zuchtmittel anzudrohen, za 6snsus Cent. 601 verhängen cd. zu verkünden, als solche, welche dem rem religiösen Gebiete angehörcn, oder die Entziehung eines innerhalb der Kirche od. Religionsgesellschaft wirkenden Rechtes, od. die Ausschließung ans der Kirchen- od. Religionsgesellschaft betreffen. Straf- od. Zuchtmittel gegen Leib, Vermögen, Freiheit od. bürgerliche Ehre sind für unzulässig erklärt. Die hiernach noch zulässigen Straf- od. Zuchtmittel dürfen aber niemals verhängt werden wegen einer Handlung, od. um die Unterlassung einer solchen Handlung herbeiznfüh- ren, zu welcher die Staatsgesetze od. die von der Obrigkeit innerhalb ihrer gesetzlichen Zuständigkeit erlassenen Anordnungen verpflichten; ebenso nicht deshalb, weil der Betreffende öffentliche Wahl- mid Stimmrechte in einer bestimmten Richtung ausgeübt od. nicht ausgeübt hat, od. um dadurch die Ausübung oder Nichtausübnng öffentlicher Wahl- u. Stimmrechte in bestimmter Richtung herbeiznführen. Grotefcnd. Oensus, 1) (röm. Ant.) alle 5 Jahre auf dein Forum, seit 434 v. Ehr. in der Villa, publica auf dem Marsfelde gehaltene Schätzung der römischen Bürger nach ihrem Vermögen; wurde 577 v. Chr. von dem König Servius Tullius eingeführt u. in der Republik beibehalten und hier zuerst von den Consuln u. dann von den Con- sulartribunen, seit 443 aber von den Tensoren (s. d.) gehalten. Jeder römische Bürger mußte sich nach der Tribus, zu welcher er gehörte, in die Bllrgerliste eintragen lassen, u. zwar mit seinem Namen u. dem seines Vaters, seiner Frau u. seiner Kinder, sein Alter, sein Eigenthnm, bes. seinen Grundbesitz (davon war zur Zeit der Republik der Besitz in ^Asr pnblicus u. in Grundstücken in den Provinzen ausgenommen). Diese Angaben wurden eidlich erhärtet. Wer den Eid verweigerte, od. etwas falsch angab (0. crimen), wurde anfangs mit Ruthen gepeitscht, später mit der Confiscativn seines Vermögens u. mit Verlust des Bürgerrechtes bestraft. Nach vollendetem C. wurden die Bürger in 6 Vermögensklassen gelheilt (s. Oenbnria), von welchen jede, abgesehen von ihrer Kopfzahl, gleiches Stimmrecht hatte. Am Schluß des C. wurde ein Sühnopfer (Imstrnm, s. d.) gebracht. Wie in Rom, so wurde der C. auch in den Colonien und Mnnicipalstädten von Tensoren gehalten u. die Listen nach Rom geschickt; in den Provinzen gab es besondere Be- amte dazu. 2) Das Vermögen, welches der römische Bürger in jedem einzelnen Range haben mußte; daher: 6. ssns-torins, wieviel ein Senator haben mußte, zur Zeit der Republik wenigstens 800,000 Sesterzien, seit Augnstus 1,200,000; 0. «guestrls, wieviel ein Ritter haben mußte, gewöhnlich die Hälfte des 6. sonatorins. Uber den C. wurden Bücher geführt, wozu bestimmte Schreiber (Oonsnaiss od. Osnsnarü) da waren. 3) Im Mittelalter Zins, Abgabe, welche Unterworfene ihren Siegern u. Herren abgeben mußten, wie 6. soli, Abgabe von dem Ertrage der Ländereien an den Staatsschatz; 0. capitis, Kopfgeld; 6. ästractns (6. cmi^rationis), so v. w. Abzugsgeld; 0. Iisrsäitarins, Abschoß (s. d.); 0. seeissiastions, ein jährlich von der Kirche oder Geistlichkeit zum Zeichen der Unterwürfigkeit aufgelegter Zins; er konnte entweder auf immer (6. perpstuns), od. auf einige Zeit (6. tsmporaiis) sogleich bei dem Ursprung einer milden Stiftung (0. antignus), oder endlich nach der Gründung derselben auferlegt werden (0. novns); 0. keucka- I!s, die von dem Lehnsmanne dem Lehnsherrn für die eigentlich zu leistenden Dienste zu entrichtende Geldsumme. Vgl. Zins. 4) Jetzt die Gesammt- heit des Vermögens, welches ein Staatsbürger besitzt, od. die Steuersumme, welche er jährlich an den Staat bezahlt, sofern danach seine active u. passive Wahlberechtigung bei politischen u. com- munalen Wahlen bestimmt wird. Vgl. Wahl. Cent (v. Lat.), Hundert, z. B. 5 pro Eent, 5 vom Hundert; vgl. Procente. Cent (Cente, v. lat. contsva; Rechtst».), Unterabtheilung, Bezirk, in welche nach der fränkischen Verfassung jeder Gau — Grafschaft, sofern solche als Amtsbezirk meist mit dem Gau übereinstimmte — eingethcilt war. Da ein solcher Bezirk ursprünglich wol 100 Familien umfaßt haben mag, erhielt er den Namen Oenbona, Lun- äroäa, Hundertschaft, Huntare. Jede Hundertschaft hatte ihren besonderen Vorsteher, C.-Grafen, bisweilen auch ^ävocatns oder Vogt genannt (Osntsnarius, Oenturio, VunAinns), der bei feierlichen Gerichtssitzungen, welche auf dem Malberg gehalten wurden, den Vorsitz führte. Seit dem 6. Jahrh. ging jedoch der Vorsitz in dem Gerichte an den Grafen über, der zu diesein Zwecke in seiner Grafschaft von einem Malberg zum anderen reiste u. alsdann nur den Centenarius zu seiner Seite hatte. Karl der Große machte sodann einen Unterschied zwischen höherer u. niederer Gerichtsbarkeit, indem er bestimmte, daß über Leben u. Freiheit, schwere Vergehen, über Eigenthum an Grundstücken und Knechten nur unter dem Grasen, über niedere Gerichtsfälle dagegen von den Centenarien (llnäi- css), od. den Vicarien, die bald neben den Centenarien Vorkommen, bald mit ihnen identisch zu sein scheinen, gerichtet werden sollte. Vgl. Gemeiner, Verfassung der Centenen, Münch. 1855. Jede C. zerfiel außerdem wieder je nach der Beschaffenheit der Ansiedelungen in Bauernschaften; daß aber dabei die Zehnzahl wieder sestgehalten u. diese als Decanien bezeichnet worden seien, ist unerwiesen. Mit der Auflösung der Gauverfaffung u. der Ausbildung der Landeshoheit im 12. u. 13. Jahrh. verschwand die C.-Vcrfassung immer mehr u. mehr. Die C.-Gerichtsbarkeit, ursprünglich ein freies Volksgericht, dem die freien Mitglieder der C. als Rachinburgen, später unter dem Namen der Schöffen beisaßen, wurde zu einem landesherrlichen Gerichte, das von einem vom Landesherrn bestellten Beamten geleitet wurde, und nur in so fern an die frühere Verfassung erinnerte, als theils in dem Sprengel des Gerichtes, theils in manchen Leistungen u. eigenthümlichen Gewohnheiten bei der Hegung desselben die ursprüngliche Bedeutung u. der Name sich erhielt. Nach Art der alten C.-Stellen verwalteten nur noch die Guts- u. Stadtgerichte die niedere Gerichtsbarkeit, während die Strafrechtspflege in den schwereren Fällen als hohes C., (Oonbsna sndiiwis, Blutbann) dem landesherrlichen Gerichte übertragen wurde. Später verliehen die Landesherren Cent — Öentnursa. 602 die hohe C. auch den gewöhnlichen C.-Gerichten, selbst den Gutsgerichtcn, so daßC.-Gerichtsbarkeit gleichbedeutend mit Criminal-Gerichtsbarkeit wurde u. ein solches Guts- od. auch Vogtei-Gericht dann eine C. od. C.-Gericht hieß. In Bezirken, welche sich einer solchen Verleihung nicht zu erfreuen hatten, erhielt sich das C.-Gericht nur als eine Art Rüge-Gericht. Centbare Leute (C.-Leute, C.-Verwaudte) hießen hiernach die dem C.-Gerichte Untergebenen; ihr Besitz centbarer Grund; einzelne Besitzungen, die innerhalb des Sprengels von der Gerichtsbarkeit doch eximirt waren, cent- freie Güter; die Dienste, welche die Unterthanen mit Beziehung aus das Gericht zu leisten hatten, C.«Dienste; die Verpflichtung, vor einem bestimmten C.-Gerichte sich zu stellen, C.-Folge; die Huldigung, welche der centbare Unterthan dem C.«Herrn zu leisten hatte, C.-Pflicht; der Besitzer des Gutes od. Landesstriches, mit welchem die C.-Gerichtsbarkeit verbunden war, C.-Herr. Der Beamte, der das Gericht leitete, nahm für die Dauer der Hegung desselben gewöhnlich den Namen C.-Graf, C.-Richter, Centner an; die Fälle, welche dem Gerichte unterfielen, wurden C.- Fälle genannt. Am deutlichsten ist der Einfluß der früheren C.-Gerichtsverfassung noch heute in der Gerichtsverfassung Englands zu erkennen, wo Dieselbe noch jetzt als der geschichtliche Anfang des Geschworeneninstituts zu erkennen ist. Auf deutschem Boden haben die neueren Gerichtsverfassungen überall auch die letzten Spuren verdrängt. Lagai.* Cent, kleinste Scheidemünze in vielen Staaten, welche nach dem Decimalsystem rechnen, und der hundertste Thcil der gewöhnlichen Rechnnngs- münze; so in Holland IVO C. — 1 Gulden, 1 C. — l,, Pf.; in den Bereinigten Staaten Nordamerikas 100 C-s — 1 Dollar, 1 C. — 4,^ Pf.; in den ehemals od. noch jetzt zu Spanien gehörigen Ländern Amerikas als bloße Rechnungsmünze 100 C. (Centavo) ^1 Piaster od. Peso; in den Ländern, welche nach französischem Münzfüße rechnen (Frankreich, Belgien, Schweiz, Italien) 100 C-s (Centime, Centesimo, in der Deutschen Schweiz Rappen) — 1 Fr. od. Lira, 1 C. — o,z Pf. Die 1- u. 2-Centstücke sind gewöhnlich von Kupfer, 5, 10 u. 20-Centstücke hat man in den nach französischem Münzfüße rechnenden Staaten in einer Billon (Nickel- u. Kupferlegirung) ausgeprägt. Im neuen Deutschen Reiche tritt an die Stelle des C. der Pfennig als 100. Theil der Mark, in Österreich-Ungarn der Neukreuzer als 100. Theil des Guldens. Centallo, Flecken im Bez. u. der ital. Prov. Cuneo, am Grana, Station der Oberital. Bahn; Schloß; 4662 Ew. Centaur, s. Kentaur. llentaurea L. (Flockenblume), Pflanzengattung aus der Fam. der Ooiuxositas-Lz'uarsas-Ocm- taureas (XIX. 3), meist mehrjährige, sehr selten einjährige Kräuter mit ungetheilten oder häufiger gezähnten oder fiederschnittigen Blättern, meist gestielten, einzeln oder in Rispen stehenden Köpfen, mit dachziegelartig gestellten, an der Spitze mit einem trockeuhäutigen Anhängsel oder einem Stachel versehenen Hüllblättern, großen, meist trich- terigen, geschlechtslosen Randblüthen und krugfist. migen, zwitterigen Scheibenblüthen, mit verkehrt-eiförmigen, zusammengedrückten, ungerippten Früchtchen, welche immer mit einem ungetheilten ! Rande versehen sind, der einen aus gezähnten Haaren gebildeten Haarkelch umgibt, welcher jedoch auch fehlen kann. Die früher vielfach zerspaltene Gattung zählt an 300—400 Arten, welche in Europa, NAfrika u. im westlichen Asien vorzugsweise heimisch sind; nur wenige kommen in N- u. SAme- rika außerhalb der Wendekreise vor u. nur eine in Australien. X) Hüllblätter ohne Dornen, häutig, berandet, oder mit einem häutigen, ungetheilten, zuletzt zerrissenen Anhängsel versehen: a) 6outau- rinm; Hülle oft kugelig, mit breiten, lederartigen, stumpfen, schmal häutig-berandeten Hüllblättern; Pappushaare bald sehr kurz n. spreuschuppenartig, bald ziemlich lang. 1) 6. Ooutaurium L., mit ! fiedertheiligen Blättern, gesägten Abschnitten und i dunkelpurpurrothen Blüthen; in den Pemiinischen Alpen; ehemals war die dicke, lange, außen schwärzliche, innen rothe, etwas wohlriechende Wurzel officinell. b) küalolsxis; Hülle eiförmig oder kugelig mit am Grunde angedrückten Hüllblättern, mit häutigen, ungetheilten, an der Spitze oft kleinstacheligen Anhängseln. 2) 6. amara L., mit > gestielten, ungetheilten oder eingeschnittenen Grundblättern, sitzenden, lanzettlichen oder linealischen Stcngelblättern, eiförmiger Hülle und Früchtchen ohne Haarkelch; auf Wiesen in SEuropa verbreitet, e) Lliaxoutioum (früher eigene Gattung); Hüllblätter mit großen, etwas zerrissenen häutigen Anhängseln u. sehr große Köpfe mit meist gleichartigen Blüthen; Früchtchen kahl, stumpf, mit vielen Rippen u. mit einem aus zahlreichen, ungleich lange» Borsten bestehenden Haarkelche. 3) 0. Rbapoutiea L., großePflanze mit gestielten, länglich-eiförmigen, gezähnten, nnterseits filzigen Blättern u. einköpfigem Stengel; in den südlichen Alpen. 8) Hüllblätter mit einem häutigen, sransig-gewimperten Anhängsel: ä) llaesa; Hülle meist kugelig; Hüllblätter mit braunem Anhängsel; Haarkelch meist kurz oder fehlend. 4) 0. llaosa L., mit län glich-lauzett- lichen oberen Blättern; Hüllblätter ganz von den meist rundlichen, concaven, angedrückten Anhängseln bedeckt; Haarkelch fehlend; auf trockenen Wiesen und in Gebüschen sehr verbreitet. 5) 6. pllrz-Zia , mit länglichen, kurz-ranhhaarigen Blättern; Hüllblätter mit lineal-lanzettlichen, zu- rückgekrümmten, borstig gefransten Anhängseln; Haarkelch H so lang als die Frucht; in schattigen Laubwäldern hügeliger und gebirgiger Gegenden. 6) 0. austriaca, IssMck., von der vorigen durch mehr eiförmige Köpfe u. weniger verlängerte Anhängsel der äußeren Hüllblätter verschieden;^ wie vorige. 7) 0. nervosa mit einköpfigem Stengel und dem Früchtchen gleich langen Haarkelchen; auf Alpenwiesen. 8) 0. nixra 8.; Hüllblätter mit ausrechten, lanzettlichen, fiederig-gefransten Anhängseln, in der Tracht der 0. austriaca ähnlich; längs des Rheins bis nach den Nieder- landen u. Westfalen, e) Oxauus; Anhängsel der Hüllblätter längs des Randes herunterlaufend. 9) 0. Oz-anus L. (Kornblume), spinnwebrg behaart, mit lineal-lanzettlichen Blättern, eiförmigen Hüllblättern, blauen Blüthen n. Haarkelchen von Centenarium — Centner. 603 der Länge der Früchtchen; unter der Saat verbreitet. 1t>) 0. gcabiosa L., mit ästigem Stengel, säst leierförmig-fiedertheiligen oder eingeschnittenen unteren Blättern, kugeligen Hüllen, schwach nervigen Hüllblättern u. Haarkelchen von der Länge der Früchtchen; auf Hügeln, an Wegrändern und in Gebüschen verbreitet. 11) 6. montann L., mit länglich-lanzettlichen, herablaufenden Blättern an dem einköpfigen Stengel, mit schwarz-beran- Leten, gesägt-gewimperten Hüllblättern u. mit großen blauen Blüthen; in den Alpen u. den deutschen Mittelgebirgen verbreitet. Mit ihr nahe verwandt ist die mehr südliche 6. axillaris PPMck. 6) Hüllblätter in einen endständigen Dorn verlängert u. an der Seite gewimpert od. kleindornig: L) Lcroloplms; Köpfchen ziemlich klein; Anhängsel der Hüllblätter in einen kurzen Stachel verlängert u. an der Seite wimperig-gefranst. 12) 0. xani- culata (0. maculosa, Ln»».), grau behaart, mit doppelt-fiedertheiligen Grundblättern, mehr oder weniger rispig-gehäuften Köpfen, mit rundlich-eiförmiger Hülle, hervortretend Snervigm Hüllblättern u. Haarkelchen von der halben Länge der Früchtchen; Blüthen trüb-hellpurpurn; an Wegrändern, dürren Hügeln und Mauern zerstreut, x) Oaicitrapa; Hülle kugelig oder eiförmig; Hüllblätter in einen langen, an der Basis oder bis zur Mitte fiedertheiligen Stachel verlängert. 13) 6. 6a1citraxa L., grün, mit gestielten od. sitzenden, nicht herablaufenden Blättern, kahler, ei-kugelförmiger Hülle, derben, am Grunde gerinnten Stacheln u. Früchtchen ohne Haarkelch; an steinigen Plätzen u. Wegrändern zerstreut. 14) 0. sotstitia- Ls L., graufilzig; Stengel von den herablaufen- den Blättern schmal geflügelt; Hüllblätter locker wollig mit schlankem, nicht gerinntem Endstachel; Blüthen gelb; Früchte mit langem Haarkelche; in SEuropa heimisch, in Deutschland öfter mit Luzerne eingeschleppt, O) Hüllblätter lederartig, an- gedrllckt, mit kurzem, bisweilen sehr kleinem Stachel versehen, seltener mit einem kleinen, abfallenden Anhängsel: kr) Nicroloxkus, große Pflanzen mit herablaufenden Blättern vom Habitus der Abtheilung tleubaurium. 15)6. csrintkaelolia Äbt/r. (6. Lobon La,».), ganz kahl, mit fiederschnittigen Grundblättern, stengelumfassenden Stengelblättern u. gelblichen Blüthen; am Fuße des Libanon und in Kappadokien; die salzig-bittere Wurzel (Itactix Leben albi) war officinell u. gilt im Orient noch als giftwidriges Mittel, i) OrocoäMum, mit kugeliger Hülle u. lederartigen, mit einem starken Dorn versehenen Hüllblättern. 16) 0. Orocoä/Iium /»., mit wenig verzweigtem Stengel, fiedertheiligen Blättern, fast kugeligen, langgestielten Köpfen; in Syrien n. auf Kreta einheimisch. Engter. Centenarium, hundertjährige Feier eines Ereignisses, Jubelfest. Centenins, Marcus (C. Penula), römischer Centurio; verlangte 212 v. Ehr. vom Senat ein Heer gegen Hannibal in Lucauien zu führen, mit dem er einen Hauptschlag aussühren wollte; unvorsichtiger Welse zum Feldherrn befördert, unternahm er den Zug mit einem kleinen Heere u. einigen Freischaareu, wurde aber fast ganz aufgerieben. Centesimalscala, so v. w. Celsiussche Scala, s. u. Thermometer. Centesimalwage, eine Art Brückenwage; s.u. Wage. Centefimo, italienische Scheidemünze, der 100. Theil der Lira (Franc); vgl. Cent. Ccntfall, Centgericht, Centgraf, s. u. Cent. Centi ... (fr.), im neueren französischen Maß- und Gewichtssystem der 100. Theil; so: C-ar, C-gramm, C-liter, C-meter rc.; s. u. Are, Gramm, Liter, Meter rc. Centifolie (Rosa ceutikolia), s. u. Rose. Oontiloquiuin (lat.), Sammlung von 100 Sentenzen. Am bekanntesten find das 6. des Hermes u. das des Ptolemäos, beide astrologischen Inhaltes. Centimanen (v. Lat.; Hekatoncheiren, v. gr. bskätoncbsir), Söhne des Uranos u. der Gäa; hatten 100 Hände und 50 Köpfe; ihre Namen: Aegäon (Briareus), Kottos und Gyes. Kaum geboren, wurden sie vom Vater, der ihre ungeheure Stärke fürchtete, ins Innere der Erde verschlossen, bis sie Zeus gegen die Titanen Hervorruf n. ihnen auch die Bewachung der Letzteren im Tartaros anvertraute. Centime (fr.), französische u. belgische Scheidemünze, der 100. Theil eines Franc — 0„ Pf. Ccntimeter, 1) Gedicht, das aus 100 Versalien besteht, z. B. das Lehrgedicht des Terentia- nus Maurus: Os litoris, siUabis, xsäibus ao motris. 2) S. Meter. Centinajo, Gewicht in Mailand rc., der metrische oder Doppel-Zollcentner (100 k^). Oont laues, die ungefähr hundert Tage vom 20. März bis 22. Juni 1815, welche Napoleon nach seiner Rückkehr von Elba noch einmal regierte; s. u. Frankreich (Gesch.) Ccntlivre, Susanne, englische Dichterin n. Schauspielerin, geb. 1667 in England; früh elternlos u. durch die englischen Unruhen verarmt, entfloh sie ihren Anverwandten wegen harter Behandlung u. begleitete den jungen Hammond in Männerkleidern auf die Universität zu Cambridge. Nach 6 Monaten schickte dieser sie fort, sie begab sich nach London u. heirathete hier einen gewissen Fox u., als dieser starb, einen Offizier, Carrol. Auch dieser blieb in einem Duell, und sie nährte sich nun durch Schriftstellerei und wurde Schauspielerin. Hier sah sie C., Mundkoch der Königin Anna, verliebte sich in sie u. heirathete sie 1707. Sie st. 1. Dec. 1723. C. schr. das Trauerspiel: Mrs psrjursct Ousbaml (1790) u. die Lustspiele: 'lbo Ous^boäz', botet Ltrolls kor a >Vlks und Obs lVomlsr, a lVoman Irssxs a Leerst, gesammelt, Lond. 1761, 3 Bde., n. A., ebd. 1874, 3 Bde., mehrmals deutsch bearbeitet, z. B.: Er mengt sich in Alles, von Jünger. Centner (vom lat. centum, hundert), ein Handelsgewicht von meist 100 Pfd. In Deutschland ist der Centner — 50 tc§; ebenso in der Schweiz u. Dänemark. In Großbritannien u. NAmerika heißt das unserem C. analoge Handelsgewicht Hnndredweight oder Centweight — 112 englische Handelspfd. — 50,gg IcA. Der metrische C. heißt in Frankreich, Spanien u. Portugal Qnintal, in Italien Centinajo. 6onto (ital.), hundert. Osota (lat.), 1) aus verschiedenen Stücken zusammengesetztes Zeug. 2) Grobes Tuch, welches 604 Osnto — Ccirtral-Amerika. unter den Tragsattel der Lastthiere gelegt, oder womit die Belagerungsmaschinen zur Schwächung der Kraft der geworfenen Geschosse überdeckt wurden; auch ließ man dieselben an der Mauer herab, um die Stöße des feindlichen Lrics (s. Sturmbock) zu schwächen. 3) (Poet.) Gedicht ans verschiedenen Stellen eines oder mehrerer Dichter (meist Vir- gilius, daher 6-nss VirAiliani), so compilirt, daß sie in dieser neuen Zusammenstellung anderen Inhalt erhielten. Cento, Stadt u. Bezirkshauptort in der ital. Prov. Ferrara, am gleichn. Kanal u. am Rcno; Bischofssitz; Kathedrale; Technische Schule; in der Gemeinde 19,180 Ew.; Geburtsort des Malers I. F. Barbieri. Centofanti, Silvestro, ital. Gelehrter, geb. 1794 zu Pisa, ans dessen Universität er seine Studien der Rechte, der Philologie n. Literaturgeschichte machte, worauf er 1822 nach Florenz übersicdelte. Hier verbrachte er im Verfolge gelehrter Arbeiten u. zumal der Ordnung der Archive der Medici an 20 Jahre. Die öffentliche Aufmerksamkeit lenkte er jedoch erst 1829 durch das Trauerspiel Däipo Ls auf sich u. trat mit den Ergebnissen seiner tiefgehenden Forschungen im Jahre 1837 vor das Publicum durch seine Vorlesungen über Dantes Divina Oommoäia. 1841 wurde er als Professor ans den Lehrstuhl der Geschichte der Philosophie am Athenäum zu Pisa berufen. Er wirkte unter großer Anerkennung als Lehrer. Die Literatur seines Vaterlandes behandelte er in einer geistreich geschriebenen Abhandlung über Vittoriv ^lüsri (1843), worauf er Del Llatonismo in Italia, Del Llutarco, Del Litauern, Istoria äslla lsttoratnra Arsen u. a. m. veröffentlichte. Durch seine lebhafte Sympathie für die freiheitlichen Bestrebungen seiner Landeslente verlor er 1848 seine Professur an der Universität Pisa; glcichwol glaubte man den hochverdienten Gelehrten wenigstens mit dem ehrenvollen Amte eines Oberanssehers der öffentlichen Bibliotheken in Toscana betrauen zu sollen. 1859 wurde er Mitglied der Oonsnltg, cli 8tatc>; daun wählte man ihn znm Vorsitzenden der philosophischen n. philologischen Abtheilung am Istitnto
  • Gebirge, dem im S. die silbersührenden Kar- karaly-Berge sich anschließen, von wo aus die Oberfläche einen gebirgigen Charakter zeigt und als zerklüftetes, unfruchtbares Hochplateau zu den Ufern des Jrtysch u. den Gestaden des Balchasch- Sees sich erstreckt, hinter denen die großen Ge- birgserhebungen beginnen. Ebener verlaufen nach derselben Richtung die südlichen, sich an die Barzuki - Wüste östlich anschließenden Steppen (Jrgis-Argys-Kum), die mit der Bekpad-Dala- Steppe endigen u. deren furchtbare Naturverhält- nisse sowol Leben, als Verkehr in hohem Grade erschweren. Nicht geringere Schwierigkeiten hat die Natur auf dem südlichen Wege dem Vordringen nach Mittel-Asien in den Weg gelegt. Ist das steile, öde Plateau zwischen dem Kaspischen u. Aral- See überschritten, so folgen im S. des letzteren Meeres die Wüsten von Karakum und der Turkmenen bis zum Strombette des Amu-Darja, nur in einzelnen Oasen wie Khiwa von bewohnbarem Terrain unterbrochen u. am SRande von kleinen Berglandschaften begrenzt, zwischen Amu- u. Sir- Darja die nicht weniger öde Sandwüste von Kysyl-Kum, die bis in den W. von Kokand reicht u. dann von mehreren Gebirgszügen ausgenommen wird; östlich vom Amu-Darja die Lehmsteppe von Batyk-Knm, die aus der Bokhara oasenartig auftaucht u. die längs des Zeraf-Schan einem Ge- birgslande zu weichen beginnt. Überall herrscht in diesen Wüstensteppen die Öde vor; das bittere, salzige Wasser, im S. die heißen Sandstürme, die totale Unfruchtbarkeit (nur Gras und leichte Ge- sträucher bedecken in einzelnen Strichen den Boden, n. allein die Flußthäler gestatten eine höhere Cultnr) haben seit Jahrhunderten den Weg durch sie zu einem mühsamen, gefahrvollen u. selten betretenen gemacht. Wesentlich verschieden liegen die Verhältnisse in dem östlichen Theil der unter C.-A zusammengefaßten Landstriche, der, im Ganzen den Charakter eines vollständigen Berglandes zeigend, eine Reihe von Bergketten trägt, die zu den höchsten Erhebungen der Erde gehören; an sie schließt sich dann OAsien, im S. das Alpenland Tibet, davon nördlich die steilen chinesischen Grenzgebirge, im N. die Fortsetzung des Flachlandes, die große Wüste Gobi oder Schamo, an. Eine genaue Darstellung des Zuges dieser Ketten ist zur Zeit bei der geringen Bekanntschaft mit dieser Strecke noch unmöglich. Im NO. des Balchasch-Sees unterbricht das Altai-Gebirg (s. d.) die öde Niederung, westlich vom Sees schließt der dsungarische Ala-Tau (s. d.) mit seinem fruchtbaren Gebirgsthälern die noch den Unterlauf des Jli begleitende Wll- stenlandschaft; südlich endlich von diesem Flusse beginnt das noch immer wenig aufgehellte Bergsystem, das man jetzt unter dem Gesammtnamen Thian-Schan (Himmelsgebirg) zusammenfaßt. Dasselbe besteht aus einer Reihe im Ganzen von W. nach Ö. parallel streichender Ketten, zwischen denen theils noch die westlichen Ebenen nach O. weiter streifen, theils weite Hochebenen den Raum erfüllen. Die nördlichste bildet, im N. des Sees Jssi-Kul, der Transilische Ala-Tau, zwei parallele Granitketten, durch ein tiefes Thal geschieden, aber in der Mitte durch ein Querjoch verbunden; der nördliche Zweig findet seine Fortsetzung nach O. im Nan-Schan, der südliche biegt südöstlich zum eigentlichen Thian-Schan ab, von ihm durch das Hochplateau von Karakara geschieden; nach W. schließen sich an diese Kette drei verschiedene Gebirgszüge, der Kirgisin-Ala-Tau od. Alexanderkette, im N. der Kara-Tau u. die Kara-Bura-Berge, die mit ihren Ausläufern einerseits sich in die Be- dschak-Dala-Steppe verlaufen, anderseits das nordöstliche Kokand erfüllen. Die weite, bis in die Bokhara sich erstreckende Wüste schließt die zweite Kette, der 2500 km lange, von SW. nach NO. in einzelnen Zügen lausende eigentliche Thian- Schan, der im O. von Samarkand mit dem Suzangiran-Dagh beginnt. Ihm schließt sich an der den S. von Kokand erfüllende Asfera-Dagh, diesem östlich der Mnz-Dagh in seinen verschiedenen Ketten, nördlich von Kaschgar, endlich die mächtigen Erhebungen der Central-Kette, der Te- murghu-Dagh, südlich vom See Jssikul, von dem ans das Thian-Scharr-Gebirg sich nach China verläuft (das Specielle s. Thian-Schan). Der allgemeine Charakter dieser Strecken ist der eines von vielfachen Bergketten mit steilen Abhängen durchzogenen Landes, mit zahlreichen, fruchtbaren Flußthälern und Hochebenen, deren Verbindung 607 Central-Asien. durch schwer zu überwindende, hohe Paßwege vermittelt wird. Die beiden südlichen Parallel- kctten bilden der Kuen-luen und südlich der Karakorum, beide parallel einander und dem Himalaja von O. nach W. streichend u. durch große Hochebenen geschieden, die man jetzt dem Himalajasystem zuzurcchnen geneigt ist; ihnen folgen im W. eine Reihe kleiner, ebendahin zu rechnender Gebirgsketten, welche die kleinen Bergstaaten im N. Indiens bilden, bis die Erhebungen sich wieder in die große Turkmenenwüste verlieren. Endlich eine Art Verbindung zwischen den Karakorum- Gebirgen und den westlichen Ketten des Thian- Schan bildet das Bolur- (Belut, Bolor-)Dagh genannte Gebirg, angeblich der ORand der nur theilweise erforschten Hochebene Pamir, wonach es mit dem Kysyl-Jjart-Gebirge identisch sein würde. Jndeß herrschen über Bezeichnung, Höhe n. Verzweigung dieser Berge die verschiedensten Annahmen, in die erst erneute Reisen Klarheit bringen können. Eine besondere Eigenthümlich- keit dieser Landstrecken bilden die zahlreichen Land- scen, sowol in dem flachen W., als dem erhobenen O., zum Theil wol noch Reste des einst bis hier vorgedrungenen Meeres, jetzt das Reservoir siir die große Anzahl Flüsse, deren Lauf das Meer nicht erreicht. Von ihnen sind als die hauptsächlichsten zu bemerken: im W. das Kaspische Meer n. der Aral-See, der die Gewässer der beiden aus der centralen Erhebung kommenden Ströme Amn- u. Sir-Darja empfängt, im N. der Dsaissan-See, den der Jrtysch durchfließt, u. der Balchasch-See mit dem Wasser des vom Thian-Schan kommenden Jli u. anderer kürzeren Flüsse, der Jssi-Kul, das Sammelbecken für 72 Flüsse, im äußersten O. der Lop-See für den Tarim u. eine Anzahl ostwärts strömender Gewässer; daran reihen sich eine große Zahl Alpenseen, u. a. der Sari-Kul auf der Hochebene von Pamir, der Kara-Kul u. a. An bedeutenden Flüssen, ans denen der natürliche Zugang zu diesen Ländern zu erstreben wäre, obschon im W. der Sand durch fortwährende Veränderungen des Strombettes die Beschiffung erschwert, sind zu nennen im W. der Amu- u. Sir-Darja mit ihren Nebenflüssen, der Tarim mit dem Kaschgar und Jarkand als Zuflüssen, der Tschu oder Kaschgar in der Kirgisen-Steppe, der Jli, dessen Schiffbarmachung die Blllthe des ihn umgebenden Landes zu erhöhen geeignet ist. An Producten ist diese ungeheure Länderfläche verhältnißmäßig sehr arm: ein spärlicher, durch künstliche Bewässerung bedingter Ackerbau mit Ausnahme der fruchtbaren Flußthäler des O.; bedeutender ist die Viehzucht in den Steppen u. die Thierwelt in den Bergen (Las Riesenschaf im Thian-Schan); mächtige Kohlenlager im nördlichen Theil harren noch der Ausbeutung. Die Bevölkerung besteht zum größten Theil aus Angehörigen des Turanischen Stammes; in den nördlichen Steppen die Kara- Kirgisen u. die meist fälschlich Kirgisen genannten Kasaken, die übrigens in Sitten und Gebräuchen sich wenig von einander unterscheiden, die türk. Uzbeken in den Oxusländern u. die räuberischen Turkmenen in der südl. Wüste. Zwischen diesen letzteren wohnen als fleißige Landbauer u. Handelsleute die Tadschik, Abkömmlinge der alten Jranier. Den O. erfüllen fast ausschließlich Mongolen, in den Städten gemischt mit Chinesen. Die Religion ist im W. der sunnitische Islam, im O. der Buddhismus, jedoch streckenweise vom Islam zurückgedrängt. Über die Sprachen und Sitten s. Näheres in den Artikeln über die einzelne Völker. Nur vorübergehend sind die ungeheuren Landstrecken C.-A-s zu einer großen politischen Einheit vereinigt worden. Im Alterthum war der O. u. N. im Besitz kriegerischer mongolischer u. türkischer Stämme, deren Züge oft erobernd sich in die östlichen sowol, als westlichen Ebenen ausdehnten; die westlichen Flächen, ein Sitz uralter iranischer Cultnr, fielen unter die Herrschaft der Perserkönige, u. auch sie wurden von dem Erober- ungszuge Alexanders nicht verschont. Schon in alter vorchristlicher Zeit berichtet die Geschichte von den Kämpfen der Mongolen gegen das schon damals geordnete Reich China, von den alles niederwerfenden Zügen gegen W., die sich bis gegen das Ende des Mittelalters immer von Neuem wiederholten u. zeitweise die Hälfte von Asien u. Europa zur Unterwerfung zwangen. Aber nur die Kraft einzelner hervorragender Herrscher, wie Dschingis-Khan, Tiniur, war vermögend, das durch blutige Kriege geeinte Reich zusammenzuhalten, welches nach ihrem Tode bald sich in kleinere Herrschaften wieder auflöste, ein regelmäßig wiederkehrendes Ereigniß, das durch die Schwierigkeiten der Verbindung in den weit ausgedehnten Flächen u. durch die Verschiedenheit der Religion der einzelnen Völker (im O. war der Buddhismus vorge- drungen, während der W. eine Beute des Islam u. Bokhara u. Samarkand hochangesehene Centralpunkte dieser Religion wurden) verursacht ward. So sind die Geschicke C.-A-s in der Geschichte der einzelnen dort entstandenen Reiche enthalten; es war außerdem bis in die neueste Zeit ein für die Europäer beinahe unbekanntes Land. Die Aufmerksamkeit dieser erregten die ungeheuren Erwerbungen, die das Russische Reich in diesem Jahrhundert in diesen Landstrichen gemacht hat. Schon seit Peter d. Gr. standen dessen Herrscher in Beziehungen mit den dortigen Völkern; indeß erst der neuesten Zeit gehören die Eroberungen an, die bis jetzt in Tnrkestan ungefähr 3,000,000 (über 50,000 HjM), also beinahe ein Drittel Europas umfassen. Seit dem vorigen Jahrh. erkennen die Stammeshäupter der Kirgisen die Souveränetät des Zars an; seit 1848 beherrschen die Russen den unteren Lauf des Sir-Darja; 1865 ist Taschkend, 1868 Samarkand, 1873 Khiwa, 1875 Kokand den russischen Waffen erlegen. Die Herrschaft der einzelnen Khane ist nur noch eine scheinbare Selbständigkeit. Im O. stehen die Mongolenhäuptlinge unter chinesischer Oberhoheit; allem das von Jakub Beg neu gestiftete Reich von Kaschgar behauptet zwischen den beiden mächtigen Staaten seine Selbständigkeit. In der südwestlichen Ebene streifen die Turkmenen vorläufig noch in staat- und gesetzloser Freiheit; in den NAbhängen des Himalaja exi- stiren noch kleine Staaten, in denen Einfluß zu erwerben die Aufgabe der Engländer ist, welche die Annäherung einer europäischen Macht an Indien schon längst mit Besorgniß erfüllt. Verschie- 608 Ccutrcilbau — Ccntralbcwcgung. dene diplomatische Verhandlungen zwischen den' beiden nm den Einfluß in Asien rivalisirenden Mächten, über Feststellung einer Grenze, eines zwischenlicgenden neutralen Gebietes haben stattgefunden, ohne das Gefühl, daß damit ein Abschluß der dortigen politischen Umwälzungen erreicht sei, hervorznrnfen; zu welchen Schritten die englische Regierung sich entschließen wird, um dem noch immer weiter schreitenden Vordringen der Russen in östl. Richtung nach Afghanistan und Kaschgar entgegenzuwirken, ist noch unbestimmt; wohin die Rivalität der beiden Großmächte führen, ob zu einem feindlichem Zusammenstöße, oder ob sie sich auf das friedliche Gebiet des Handelsverkehres beschränken wird, ist eine Frage der Zukunft. Sind auch die Flächen C.-A-s durch ihre Natur nur zum geringsten Theil geeignet, einen werthvollen Besitz der russischen Krone zn bilden, so kann doch, bei geordneten Verhältnissen, ihre alte Aufgabe Wiederaufleben, ein Durchgangspunkt des Verkehres zwischen Europa u. den Ländern des O., China u. Indien, zu werden, den die fanatische Intoleranz der mohammedan. Khanate u. die gesetzlosen Verhälnisse gegen die Concurrenz des Seeweges hatten beinahe versiegen lassen. Schon das strategische Interesse zwingt zn der Anlage u. Be- schütznng von Knnststraßen, die dem Karawanenhandel eine größere Ausdehnung zu geben anfangen; daneben circnlircn Projecte von Eisenbahnen: Orenburg-Peschawar am Indus, ferner nach China durch das Jli-Thal, im Anschluß an die Sibirische Bahn, deren Ausführung, ihre in Betreff der elfteren noch bezweifelte Ausführbarkeit vorausgesetzt, geeignet sein würde, den Handelsverhältnissen eine andere Richtung zu geben. Jedenfalls hat die Entwickelung der dortigen, Jahrhunderte für Europa gleichgiltigcn Verhältnisse ihren Abschluß noch nicht gefunden. (Näheres über die administrativen u. commerciellen Verhältnisse s. u. Rußland und Turkestan, die Literatur unter den einzelnen Staaten). Centralbau, in den ersten Jahrhunderten der christlichen Baukunst die Bauart von kirchlichen Gebäuden, welche neben der Hauptform der Ba- filica vorkommt u. einen quadratischen, regelmäßig achteckigen oder runden Mittelbau bildet, der von einer Kuppel überwölbt und mit einem niedrigen Bogengänge rings umgeben ist. Diese Bauart fand bis ins 10. Jahrh. häufig Anwendung, wurde später aber von der Gothik u. dem byzantinisch-romanischen Stil verdrängt. Im Morgenlande fand sie hingegen eine weitere Ausbildung in den Moscheen u. Gotteshäusern der Mohammedaner. Centralbewegung (v. lat. esntrum, Mittelpunkt), Bewegung eines Körpers, welcher durch eine anziehende Kraft, die Central- oder Cen- tripetalkrast (v. lat. xstsre, nach Etwas hin streben), fortwährend nach einem festen Punkte, dein Ccntr alpunkte, hinzogen n. dadurch fortwährend aus feiner ursprünglichen Richtung — welche er etwa infolge eines zn Anfang seiner Bewegung empfangenen seitlichen Stoßes angenommen hatte — abgelenkt wird, so daß er eine kruminlinige Bahn um den Centralpnnkt herum beschreibt. Um zu erklären, wie eine solche krummlinige Bewegung zu Stande kommt, denke man sich, ein Körper bei s, (s- d. Fig.) habe zu Anfarie seiner Bewegung einen Stoß erhalten, welcher sin sich allein ihn in einem kleinen Zeittheilchen von a nach llz treiben würde, u. zugleich werde er durch eine andauernd wirkende anziehende Kraft, die Centralkraft, fortwährend nach dem festen Punkte 6 (dem Centralpunkte) hingczogen. Ferner denke man sich vorläufig die Wirkung der Centralkraft in einzelne, in gleichen u. sehr kleinen Zeiträumen wirkende Stöße aufgelöst, deren erster also den Körper für sich allein im ersten Zeittheilchen von s, nach « treiben würde. Nach dem Satze vom Parallelogramm der Bewegungen (s. Bewegung) bewegt sich dann der Körper in diesem ersten Zeittheilchen in der Diagonale des von den Sei- lenbewegungen und aa gebildeten Parallelogramms u. gelangt am Ende des ersten Zeittheilchens nach b. Im zweiten Zeittheilchen würde der Körper dem Beharrnngsgesetze (s. d.) zufolge sich in der Verlängerung der Linie ab nm eine derselben gleiche Strecke, bis b, bewegen; da aber die Centralkraft ihm wieder einen kleinen Stoß ertheilt, der ihn in denselben Zeittheilchen um die Strecke bL nach 0 hin treiben würde, so bewegt er sich abermals auf der Diagonale des von bd, u. bL gebildeten Parallelogramms u. gelangt am Ende des zweiten Zeittheilchens nach o. Setz! man dieselbe Betrachtung für das Ende eines dritten, vierten rc. Zeittheilchens fort, so findet man, daß dann der Körper sich in ä, s rc. befinden muß, daß er also die gebrochene Linie ab o cks.... zurücklegt. Da nun aber in Wirklichkeit die Centralkraft stetig wirkt, so hat man sich die Zeit- theilchen, sowie die Linien ab, bo, cä, äs rc. verschwindend klein zu denken; dann wird die Bahn des Körpers eine krumme Linie. — Wenn in einem Augenblicke die Centralkrast aus den Körper zu wirken aufhörte, so würde er sich nach dem Beharrungsgesetze, mit der im letzten Augenblicke erlangten Geschwindigkeit, in derjenigen Richtung, in welcher er sich gerade bewegt, d. h. in der Tangente seiner Bahn, weiterbewegen. Die Ursache dieser Tangentialbewegung, welche nichts anderes ist als die lebendige Kraft, die der Körper in dem letzten Augenblicke besaß, nennt man Tangentialkraft. Unter dem alleinigen Einflüsse der Centripetalkraft hingegen würde der Körper sich in gerader Linie nach dem Centtalpunkte hin bewegen. So lange aber der Körper in der C. begriffen ist, setzt derselbe der Centripetalkraft vermöge seiner lebendigen Kraft einen Widerstand entgegen, welcher wie eine der Centripetalkraft gleiche, der Richtung nach aber entgegengesetzte Kraft wirkt u. deshalb als Centri- fugalkraft (s. d.) bezeichnet wird. Es muß aber nochmals hervorgchoben werden, daß man sich unter Tangentialkraft u. Centrifugalkraft nicht 609 Central-City - zwei besondere Kräfte zu denken hat, daß vielmehr diese Ausdrücke mir die abgekürzten Bezeichnungen für zwei besondere Wirkungsweisen der lebendigen Kraft der in C. begriffenen Masse sind, u. daß diese Bewegung lediglich resultirt a) ans der Richtung u. Geschwindigkeit, welche der Körper in jedem Augenblicke besitzt u. welche derselbe vermöge des Trägheitsgesetzes beizubehalten strebt, n. b) aus der andauernden Wirkung der Centri- petalkraft, die den Körper fortwährend aus seiner jeweiligen Bewegungsrichtung ablenkt. Als Beispiel einer C. nennen wir zunächst die Bewegung der Planeten um die Sonne. Die hierbei wirksame Centripetalkraft ist die Gravitation, die zwischen der Sonne u. den Planeten wirkende Anziehung, deren Stärke dem Quadrat des Abstandes umgekehrt proportional ist (d. h. ein u. derselbe Planet würde im doppelten Abstande von der Sonne mit einer 4mal, im Sfachen Abstande mit einer 9mal geringeren Kraft angezogen werden); bei einer so beschaffenen Centralkraft ist die Bahn ein Kegelschnitt, u. zwar bei den Planeten (wie Kep- ^ ler nachgewiesen hat) eine Ellipse, in deren einem > Brennpunkte die Sonne steht. Ähnliches gilt von i der Bewegung des Mondes um die Erde, überhaupt der Trabanten u. der Planeten (Näheres hierüber s. u. Keplersche Gesetze). Auch die Bewegung eines schweren Körpers, der mittels einer Schnur um einen festen Punkt herumgeschwungen wird, ist eine C., u. zwar eine kreisförmige; die Centralkrast ist die Festigkeit der Schnur, d. h. die Kraft, mit welcher die Theilchen derselben einander anzieh en. Für jede C. gilt das Gesetz, daß der Leitstrahl (Laäins vootor), d. h. die gerade Verbindungslinie des sich bewegenden Körpers mit dem Centtalpunkt, in gleichen Zeiten gleiche Flächenränme durchläuft; die Planeten, welche Ellipsen beschreiben, in deren einem Brennpunkte die Sonne steht, bewegen sich also in ihrer Bahn um so rascher vorwärts, je näher sie der Sonne sind; > dagegen bewegt sich ein Körper, der in kreisförmiger C. begriffen u. vom Centralpunkte überall gleich weit entfernt ist, in jedem Punkte seiner Bahn gleich schnell. Auch die Wnrsbewegung ist streng genommen eine Form der C., da die Ablenkung, welche ein (seitwärts) geworfener Körper erfahrt, durch die Schwere, also durch eine Kraft bewirkt wird, welche denselben stets nach demselben Punkte, dem Mittelpunkte der Erde, hinzieht. Da indessen die Richtungen der Schwerkraft in den verschiedenen Punkten der Wurfbahn ohne merklichen Fehler als unter sich parallel betrachtet werden können, so pflegt man die Wurfbewegung als eine besondere Bewegnngsform zu betrachten U. für sich zu behandeln. Wimm-naucr Ll. Central-City, Hanptsitz des Gilpin Conntv im nordamerikanischen Unionsterritorium Colorado, ^ u. 89° 85' n. B. u. 105" 40' w. L.; Goldreqion; MO Ew. Centraleommisfron, eine Commission, welche zur Leitung einer Angelegenheit für das ganze Land bestellt ist, die Berichte aller Behörden darüber empfängt n. über dieselben entscheidet. ! Ceutralfeuer, die noch feuerflüssige Materie des Erdinnern, auf welche die Thätigkeit der Vul- Pierers Universal-Eonversations-Lexikon. 6. Aust. I - Ccntralisation. cane, das Auftreten heißer Quellen und die steigende Temperatur (daher Centralwärme) in zunehmenden Tiefen hinzuweisen scheinen. Ans der Temperaturzunahme, die man in Schächten beobachtet, läßt sich berechnen, in welchen Tiefen man die Heimath der flüssigen Erdmasse zu suchen hat; man gelangt auf diese Weise zu dem Resultat, daß in wenigstens 9 geogr. M. Entfernung von der Erdoberfläche das C. noch thätig, die Gebirgsmassen also noch im feuerflüssigcn Zustande seien; doch ist diese Ansicht neuerdings von bedeutenden Autoritäten bestritten worden. Lehmann." Centralgewnlt, 1) in föderirten Staaten die oberste, Allen gemeinsame Staatsbehörde, welche im Namen der Consöderation Souveränetätsrechte ausübt. 2 ) Die Deutsche Centralgewalt, eine im I. 1848 von der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt a. M. geschaffene Regierungsgewalt, welche bis zur Vollendung der Reichsverfassung die Executive des in der Bildung begriffenen Deutschen Bundesstaates ansüben sollte; bestand nur bis zum Mai 1849; s. Deutscher Bund. Centralindischer Agcntnrbezirk (Lsntral- Inäis, LAsnozY ist die administrative Zusammenfassung von einer Anzahl im inneren Indien, südl. von Radschpntana, östl. von Bombay liegender indischer Fürstenthümer, deren Fürsten, unter die directe Oberaufsicht des General-Gouverneurs von Calcutta gestellt, durch britische, dort an ihren Höfen stationirte Agenten (meist höhere Offiziere) in ihrer Regierung controlirt u. zur Einhaltung ihrer Pflichten gegen die Briten angehalten werden. Die 9 Agenturbezirke sind Jndore mit dem obersten Agenten, das Gebiet des Mahrattenfürsteu Holkar; Gwalior, das Gebiet des Mahratten Sind- hia; Bhopal, die Herrschaft der Fürstinnen, mit dem Titel Begum; Bundelkund; eine Reihe kleiner Fürstenthümer; Bhagelkand; WMalwa; Bhopawar oder der District der Bhil; Maunpur und Guna. Die bedeutendsten dieser Staaten sind Gwalior, Jndore u. Bhopal, deren Gebiete unter einzelne Agenten vertheilt sind; an sie schließt sich eine große Anzahl kleiner Va;allenstaaten (Dschaghire, Tha- kur), deren Häuptlinge, größtentheils im Laufe der Geschichte in erblichen Besitz ihrer Stellen gekommene Beamte, theils in einem gewissen Abhän- gigkeitsverhältniß zu einheimischen Fürsten stehen, theils direct die Oberherrlichkeit der Engländer anerkennen. Die Bevölkerung des ganzen Gebietes beträgt gegen 6H Millionen. (Näheres s. die einzelnen Staaten u. Indien.) Thieremann. Centralisatiou, die enge Verbindung der äußeren Theile eines Ganzen mit dem ihnen gemeinsamen Mittelpunkte, hauptsächlich im politischen Sinne von dem Bestreben des Staates gebräuchlich, die Regierung in allen ihren Thei- len zu concentrircn. Dem C-ssystem steht das Decentralisations- oder Föderativsystem gegenüber, bei welchem einzelnen Provinzen, Gemeinden, Corporativnen, Uuterbehörden u. Beamten eine größere oder geringere Selbständigkeit u. Unabhängigkeit vom Staatsganzen zuerkannt wird. Im 18. Jahrh., wo der Proceß der Umbildung des mittelalterlichen in den modernen Staat rascher vorwärts ging, zeigt sich im Allgemeinen ein auffallendes Vorwiegen derC. Inder Gesetzgebung schwan- V. Land. Z9 610 Cmtmlkraft — den die einzelnen Particularrechte, u. allgemeine, für das ganze Land gütige Bestimmungen traten an ihre Stelle; der öffentliche Unterricht ging ans den Händen der Kirchen- u. Ortsgemeinden in die des Staates über, ebenso wurde das Verkehrswesen, Posten, Münze, Maß u. Gewicht nach allgemeinen gesammtstaatlichen Normen regulirt. Diese im Ganzen segensreiche Tendenz, dem lockeren Zusammenhalte der einzelnen Glieder des Staates größere Festigkeit zu geben, hatte aber, auf alle Elemente des Staatslebens ausgedehnt, ihre Mängel u. Übelstände im Gefolge. Der Staat faßte seine Aufgabe zu weit u. überhäufte sich mit Sorgen, die er ehedem selbständigen Organen überlassen oder mit ihnen getheilt hatte. Mit der Entwickelung des konstitutionellen Staatswesens ans dem europäischen Continent trat daher dem C-ssyüem die deccntralisirende Tendenz entgegen, ohne daß darum die Fortschritte der C. in gewissen Zweigen des staatlichen Organismus gehemmt wurden. Theilweise ergab sich dies als natürliche Folge der neuzeitlichen Verkehrsverbes- sernngcu, wodurch, was früher ein ansehnliches Reich war, vielfach zur Bedeutung einer bloßen Provinz herabsank. Gleichwol hat das Verlangen nach Decentralisation noch vielfach seine volle Berechtigung. Die Ansicht brach sich Bahn, daß die Concentration der Kräfte des Staates in den Händen der Regierung nur in so fern von Werth sei, als sie auf organischem, nicht auf mechanischem Wege sich bewerkstelligen lasse, und daß es zum Gedeihen des Gemeinwohls darauf ankomme, das richtige Maß für den Spielraum zu treffen, innerhalb dessen der Staat den legislatorischen u. administrativen Organen, sowie der Privatthätig- keit ein selbständiges Leben gestatten müsse. Man unterscheidet zwischen politischer und administrativer oder zwischen legislatorischer u. Ver- waltnngs-C. Bei beiden ist das centralisirende Bestreben gerechtfertigt in allen Punkten, welche rein staatlicher Natur sind u. die- Gesammtheit der Staatsangehörigen betreffen, so bei der Vertretung des Staates anderen Staaten gegenüber, wo das Staatsoberhaupt als Personification des Staates erscheint, bei der Organisation des Militär-, des Zoll- und Steuerwesens und bei der Rechtsgesetzgebung und Rechtspflege; dagegen hat das System des Decentralisirens dort seine Berechtigung, wo das Staatsinteresse nicht unmittelbar betheiligt ist, vielmehr ausschließlich oder doch in erster Linie die Interessen gewisser Kreise der Bevölkerung in Betracht kommen. Hier wirkt die locale Thätigkeit, vom Staate controlirt, oder die Maßregeln desselben unterstützend, mit besserem Erfolge, als die der besoldeten Beamten, welche kein persönliches Interesse an der Wahrnehmung dessen haben, was dem Wohl des engeren Kreises dient. Man hat dem C-ssYstem, dasselbe mit dem Realsystem identificirend, auch das Provinzialsystem gegenübergcstellt; alsdann bedeutet cs die Vertheilung der ministeriellen Thätigkeit nach den einzelnen Ressorts, nicht nach Provinzen. Die Unzweckmäßigkeit der letzteren Einrichtung ist jetzt allgemein anerkannt; dennoch erheischt bei Staaten, die aus ungleichartigen Be- standtheilen zusammengesetzt sind, die Praxis oft Ccntralprolimzeir. eine abgesonderte Verwaltung einzelner Landes- theile, so namentlich Colonien, die, von dem Mut- terlande abgesondert, eine eigenthümliche staatliche Entwickelung genommen haben. In diesem Falle muß der Statthalter ausgedehntere Regierungsbefugnisse erhalten u. darf nur in sehr wesentlichen Fragen von der Autorität der Central- regiernng abhängig sein. S. auch den Art. De- centralisation, Selbstverwaltung u. Föderativsystem. Grotefend.» Centralkraft, s. u. Centralbewcgung. Ccntralorgan, Organ, welches für ander! von gleicher Function der Haupttheil ist, wie das Herz für das Gefäßsystem, Gehirn u. Rückenmark für das Nervensystem. Centralposition, so v. w. Centralstellung. Centralprojektion wird diejenige Projekt!« genannt, bei welcher sämmtliche projicirenden Linien in einem Punkte, z. B. im Auge des Beschauers, znsammenlaufend gedacht werden; wenn die Projectionsfläche eine Ebene ist, so führt die C. den Namen der reinen Perspective, auf Kugeln angewendet heißt sie stereographische Projektion. Centralprovinzen, ostindische (ventral- kroviuoes), einer der großen Verwaltungsbezirke des Anglo-Jndischen Reiches, u. 18—24° n. Br. u. 77—86° ö. L.; begrenzt im W. von den central-indischen Tributarstaaten, im N. von diesen u. der Präsidentschaft Bengalen, im O. von diesen n. Distrikten von Madras, im S. von dem ! Gebiete der Nizam u. Berar; gegen 300,000 sisijkm; > 8,201,519 Ew., zu drei Viertheilen Hindu; der ^ Rest gehört hauptsächlich zu den Gond (s. d.) den ) Ureinwohnern, Mohammedanern (über 200,000), wenigen Christen und A. Die Provinz wurde 1861 aus dem 1854 einverleibten Staate Nagpur, den Narbadda-Ländern u. Sahgur, Sambalpnr u. kleinen Fürstenthümern, welche theils zu den - ; NWProvinzen u. Bengalen gehört hatten, theilS ^ ^ noch nicht organisiert waren, gebildet. Sie zerfällt in die Divisionen Tschattisgurh, Dschabalpm, Nagpur, Narbadda u. Upper-Godavary u. N zum größten Theil direktes englisches Gebiet; 15 kleine indische Fürsten, vornehmlich in der Division Tschattisgurh, sind darin einverleibt mit einer Bevölkerung von über 1 Million. Der Hauptort u. Sitz des obersten Verwaltungsbeam- ten (Chief-Commissioner) ist Nagpur, ein Deputh- Commiffioner ist der Godavary-Division vorgesetzt. Das Land ist zum größten Theil das alte Gondwana (Gondawana, s. d.), mit einer starken Urbevölkerung, die am meisten dem Einflüsse der arischen Hindu widerstand. Nach Wechsel- § vollen Schicksalen (s. u. Indien u. Nagpur) im ^ Laufe dieses Jahrh. ganz in die Hände der Engländer gefallen, zeigt die Centralprovinz mehrere sich wesentlich durch natürliche Beschaffenheit unterscheidende Theile, bewohnt von Völkerschaften ver- f schiedener Abstammung u. Sprache. Sie wird durch s das im S. der Narbadda von O. nach W. streichende s Satpura-Gebirg in zwei Abtheilungen geschieden, S in den von den Ausläufern des Vindhja eingehüllten ß hügeligen NW. (Sahgur), an den sich südl. daS Z reiche Thal der Narbadda u. die theils bergigen l u. rauhen (Mandla), theils fruchtbaren (Baitul) js Distrikte der Satpura-Kette anschließen, u. in den L Ceiitwlschulcn — Centre. 611 SO., da§ eigentliche Land von Nagpnr, dnrch den Fluß Wardah von Berar n. Haidcrabad geschieden, bis Tschanda hin vom fruchtbarsten Boden bedeckt, der schwarzen, für die Banmwollencultur besonders geeigneten Erde. Im NO. schließt sich daran das Plateau von Tschattisgurh, ein schöner n. cultursähiger Landestheil mit fruchtbaren Fluß- thälern, welcher im O. nach Bengalen hin in Berglandschaften verläuft; im SO. durchaus wilder, spärlich bewohnter, ungesunder Landstrich, durch den Jndrawatti getheilt, der, noch wenig cnltivirt, theilweise von einheimischen Fürsten re- girt (Bustar), in den OGHat sein Ende findet. Flüsse der Prov. sind im NW. der nach W. fließende Narbadda, im NO. der Mahanadi mit dem Nebenfl. Hafsa, im S. Wardah u. Jndrawatti, Nebenfl. des Godavari, mit fruchtbaren Flußthälern, jedoch nicht schiffbar. Der Verkehr vermittelt sich durch das in den letzten Jahren bedeutend ausgedehnte Straßennetz u. die Eisenbahnen, von denen die Linie Bombay-Benares den NW. durchschneidet u. eine Zweigbahn davon bis Nagpur geführt ist. Der im größten Maße ertragssähige Boden u. die günstigen klimatischen Verhältnisse lassen für die Cultur der Prov. in der Zukunft große Erwartungen hegen; schon jetzt ist der Anbau u. die Ausfuhr von Reis, Weizen, Mais u. Cerealien bedeutend, lohnt die Culti- virung der Baumwolle (in der Div. Nagpur; die von Wardah ist die beste Indiens), u. findet sich Indigo, Zuckerrohr, Mohn, wenn auch in ! geringerem Maße. Durch das ganze Land erstrecken sich noch große Wälder mit Nutzhölzern, vorzüglich dem Teakbaum; Kohlenlager sind in Tschanda ^ u. Baitul vorhanden; auch Eisen u. Blei wird ! gewonnen. Vom Thierreiche, außer den zahlreich vorhandenen Hausthieren: Büffeln, Kühen, Scha- ! fen, beherbergt der O. noch Elefanten, die Wild- niß im SO. noch zahlreiche Tiger u. Panther. Die Industrie ist noch in den ersten Anfängen; die Handelsthätigkeit der Bewohner eine sehr rege. (Über die Geschichte u. die administrativen Verhältnisse im Einzelnen s. Indien u. Nagpur.) Thiekmann. Centralschulen (Kreisschulen), in Rußland Schulen inmitten eines Bezirkes, wo Handwerker, Kaufleute, Künstler gebildet werden. Centralsonne, ein Fixstern, um welchen nach der Annahme einiger Astronomen sich alle Fixsterne eines n. desselben Fixsternsystems, wie die Planeten um die Sonne, bewegen sollen. Arge- lander glaubte gefunden zu haben, daß unser Sonnensystem einen solchen Lauf habe, dessen Richtung in jetziger Zeit auf einen Stern im Hercules geht. Nun blieb nur noch die Frage, °b für unser Fixsternsystem bloß ein gemeinsamer ! Schwerpunkt als Mittelpunkt existire, oder ob dieser Mittelpunkt eine C. sei. Die Beantwortung dieser Frage ist von Mädler in der Schrift: Die C-, 1848, gegeben worden. Er fand den Cen- tralpunkt in den Ple'iaden, weil die Bewegung derselben durch die unserer Sonne hinreichend erklärt werde, da die Ple'iaden nicht bloß optisch Zusammenhängen, u. kam dnrch Untersuchungen, denen der Satz: die Bewegungen der Sterne sind größerer Entfernung vom Centralkörper schneller, zu Grunde liegt, zu dem Hauptergebnis, daß die Ple'iaden als die Centralgruppe des gesammten Fixsternsystems bis in seine äußersten, durch die Milchstraße bezeichneten Grenzen hin, u. Al- kyone (s. Ple'iaden) als derjenige einzelne Stern dieser Gruppe betrachtet werden könne, der unter allen übrigen Pleiadensternen die meiste Wahrscheinlichkeit für sich habe, die wahre C. zu sein. Aber die Existenz dieser Mädlerschcn C. ist später, besonders von Peters in Zweifel gezogen worden, u. Mädler hat sie dann (in seinem Werke: Über die Fixsterne im Allgemeinen u. die Doppelsterne insbesondere) selbst aufgegeben u. in der Naturforscherversammlung in Bonn 1857 sich dahin ausgesprochen, daß der Zeitraum der Beobachtung für die Auffindung der C. bis jetzt viel zu kurz sei, um mit einiger Sicherheit etwas darüber festzustellen, u. daß das Centrum des Fixsternsystems vielleicht gar nicht mit einem festen Körper Zusammenfalle, was auch die Ansicht der meisten heutigen Astronomen ist. Vgl. den Art. Fixsternsystem. Specht.' Centralstellung (Centralpofltion, Kriegsw.), eine Stellung, welche, annähernd gleich weit von mehreren wichtigen, bedrohten Punkten entfernt, die Möglichkeit bietet, daß das daselbst aufgestellte Corps je nach Umständen auf jeden der gefährdeten Punkte rechtzeitig zu Hilfe zu eilen vermag. Centralverwaltung, 1) Staatsverwaltung, die von einem Mittelpunkte, wie dem Ministerium, in welchem sich alle zu derselben gehörigen Zweige vereinigen, ausgeht u. von da aus ihre wirksamen Kräfte erhält. 8) Die während des Russisch-Deutschen Krieges 26. Oct. 1813 von den Alliirten eingesetzte Behörde, welcher die Verwaltung der von den Verbündeten besetzten, aber nicht zur Allianz gehörigen Staaten oblag. An ihrer Spitze stand der Freiherr v. Stein. Die C. trat einen Theil ihres Wirkungskreises iiach dem ersten Pariser Frieden an Bayern u. Österreich ab u. löste sich nach dem Wiener Congreß auf. Vgl. Eichhorn: Die C. der Verbündeten unter Freiherr v. Stein, 1814. llontrsntlms L<7., Pflanzengatt, aus der Fam. der Valoriansa (I. 1), perennircnde Kräuter mit nngethcilten Blättern, oder einjährige mit fiederschnittigen Stengelblättern, zahlreichen rochen od. weißen, endständige Rispen bildenden Blüthen, mit 5—15borstigem Haarkelche, dünner, an der Basis oder gegen die Mitte hin gespornter Blumenkronenröhre mit fünfspaltigem Saume u. meist nur 1 Staubblatte; Frucht znsammengedrllckt, an der convexen Rückseite einnervig, an der concaven Vorderseite mit leeren Fächern. Von den 8 im Mittelmeergebiete heimischen Arten sind hervorzuheben: 6. rudor mit eiförmigen oder lau- zettlichen Blättern; Sporn kürzer, als die Blumenkronenröhre, aber zweimal so lang als der Fruchtknoten; in den südlichen Alpen, besonders in STirol. 0. anAustikolius DLi, mit lineal-lan» zeitlichen Blättern; Sporn ungefähr so lang wie der Fruchtknoten; in der Schweiz. 0. oaloitraxa D<7., mit fiederspaltigen Blättern; im Orient u. Portugal heimisch. Diese u. andere Arten werden auch als Zierpflanzen cultivirt. Engl-r. Centre (fr., vom lat. vsntrum oder eigentlich 39 * 612 Ccntre — Ccntrifuaalkraft. dem griech. Lonbrou, Stachel, Spitze), 1) Mittelpunkt; 2) Mitte. Ccutre, County im nordamerik. Unionsstaate Pennsylvania, u. 41° n. B. n. 77" w. L.; Eisen-u. Kohlenlager; 34,418 Cw.; Countysitz: Bellsonte. Centrecht, s. u. Cent (Rechtsw.). Centrevikle, Dorf im County Fairfax des nordamerik. Unionsstaates Virginia. Hier Ende Aug. 1862 siegreiche Gefechte der Unionisten gegen die Föderalisten. Centrifugal (v. Lat.), vom Mittelpunkte abstrebend; das Gegentheil: centripetal. Ccntrifugalgebläse, Centrifugalventilä- tor, Maschine, welche dazu dient, mit Hilfe der Centrifugalkraft einen Luftstrom hervorzubringen. Verwendet wird der C. als Gebläse für Ofen u. Schmiedefeuer, zum Abblasen des Staubes bei Reinigungsmaschinen für Getreide, zum Sortiren in leichtere u. schwerere Sorten bei Samen u. Mehl, dann zur Ventilation von Brunnen, Bergwerken, Arbeitssälen rc. Der C. besteht aus einer fest gelagerten Welle, welche durch Riemen oder Zahnräder in sehr schnelle Umdrehung (300 bis 2500 Drehungen in der Minute) versetzt wird. Mit der Welle durch Anne verbunden drehen sich eine Anzahl ebener oder gebogener Flügel aus dünnen Metall- oder Holzplatten. Diese Flügel werden von einem feststehenden Gehäuse umschlossen, das concentrisch mit der Welle bis zum Beginne der Flügel kreisförmige Öffnungen für den Eintritt der Luft enthält. Seitlich schließt sich das Gehäuse möglichst dicht an die Flügel, der Umfang desselben dagegen nähert sich dem Flügelumfange nur an einer Stelle u. entfernt sich von hier aus immer mehr vom äußeren Ende der Flügel, bis es schließlich in die eine Wand des die Luft abführenden Kanals übergeht, dessen andere Wände sich an die Seitenwände des Gehäuses u. die zuerst betrachtete Stelle der Umfassung desselben anschließen. Die Wirkungsweise des Ventilators erklärt sich so: Durch die Drehung der Flügel wird die zwischen denselben befindliche Luft in Drehbewegung versetzt, dadurch streben die Theilchen derselben durch die Centn- fugalkraft nach dem Umfange. Hier wird mithin die Luft verdichtet, strömt vermöge der höheren Pressung in den Abflußkanal, während neue Luft durch die concentrisch zur Welle angebrachten Öffnungen nachströmt. Gewöhnliche Ventilatoren verursachen ein unangenehmes brummendes Geräusch, das sich indessen durch geeignete Construc- tion vermeiden läßt, daher geräuschlose Ventilatoren im Allgemeinen den Vorzug verdienen. Soll der C. nur einen Raum durch Ansaugen von verdorbener Luft befreien, so kann das Gehäuse fortbleiben. Man legt die Flügel dicht an den zu ventilirenden Raum u. verbindet „ihn mit dem C. durch eine der Welle concentrische Öffnung. Näheres s. Nittingers Theorie d. C.-V., Wien 1857, u. Zeitschr. d. Deutschen Jng.-Ver. B. 13, 14, 16 U. a. Gicselcr. Centrifugalkraft (v. l. osntrum, Mittelpunkt, und tnAvro, fliehen), Fliehkraft od. Schwungkraft, die bei jeder Rotation, überhaupt bei jeder Centralbewegung auftretende Kraft, vermöge deren die rotir-mden Theile das Bestreben haben, sich von der Rotationsachse zu entfernen. Sie ist nichts als eine Form, unter welcher die lebendige Kraft eines in Centralbewestung begriffenen Körpers zur Wirkung kommt. C. rst, wie bereits im Art. Centralbewegung erwähnt wurde, der Centripetal« kraft der Größe nach gleich, der Richtung nach aber derselben entgegengesetzt. Wir betrachten hier nur die bei der Rotation um eine feste Achse auf- trctende C. Wenn ein schwerer Gegenstand an einem Ende einer Schnur befestigt und dann um einen festgehaltenen Punkt der Schnur herumge- schwungen wird, äußert sich die C. in der Spannung, welche die Schnur erleidet n. welche, wenn die Schnur zu schwach oder die Rotation zu rasch wird, das Zerreißen der Schnur bewirken kann. Daß der Stein aus einer Schleuder nicht heraus- fliegt, so lange nur beide Schnürenden festgehalten werden, ist lediglich die Wirkung der C. Hängt nian ein Gefäß mit Wasser in geeigneter Weise an einer Schnur auf, so kann man dasselbe rasch Herumschwingen, ohne daß Wasser herausfließt, auch wenn das Gefäß in dem oberen Theil der Bahn die Öffnung unten kehrt; denn durch die C. wird das Wasser mit einer Kraft, die bei hinreichend rascher Rotation größer ist, als die Schwere, > nach dem Boden des Gefäßes Hingetrieben. Die ! an einen Schleifstein adhärirenden Wassertropfen werden durch die C. von demselben weggetrieben, sobald die C. größer ist, als die Adhäsion des Wassers an den Schleifstein; unter denselben Umständen spritzt der Schlamm von einem in rascher Umdrehung begriffenen Wagenrade weg. — Zn Versuchen über die Wirkung der C. dient die Cen- trifngal- od. Schwungmaschine. Eine solche ist auf Tafel II. zur Mechanik, Fig. 1 abgebildet. Das Schwungrad oo läßt sich um eine auf einem horizontalen Brette befestigte verticale Achse drehen; seine Bewegung wird mittels eines Riemens auf eine ebenfalls um eine feste ver- ticale Achse drehbare Spule 8 von viel kleinerem Halbmesser übertragen; während jeder ganzen Umdrehung des Schwungrades muß folglich die Spule und der fest mit ihr verbundene Zapfen a sich so viel Mal umdrehen, als ihr Halbmesser in dem des Rades enthalten ist. Daher läßt sich durch ein mäßig rasches Umdrehen des Schwungrades der Zapfen a in eine rasche Rotation versetzen. Auf diesen Zapfen werden nun die zu den Versuchen über C. dienenden Apparate aufgeschraubt. Einige der bekanntesten und interessantesten dieser Apparate und die mit denselben anzustellenden Versuche mögen hier Erwähnung finden. Fig. 2 stellt ein großes Petroleumlampen- Gefäß dar, welches mittels der unten befindlichen Messinghülse auf den Zapfen der Schwungmaschme geschraubt wird. Gießt man etwas Wasser in daS Gefäß und setzt dasselbe dann in hinreichend rasche Rotation, so erhebt sich das Wasser durch die Wirkung der C. in den Bauch des Gefäßes u. bildet hier einen Ring an derjenigen Stelle, wo es von der Rotationsachse am weitesten entfernt ist. Hatte man außer dem (der Deutlichkeit wegen am besten gefärbten) Wasser in das Gefäß noch Quecksilber gegossen, so bildet das letziere an der weitesten Stelle des Bauches einen glänzenden Ring, der beiderseits von Wassermigen- MN Mechanik II !« Fig> I. Centrifugalmaschiue. K/ - L» Fig- "i- Fig. s—5> Apparate zu Versuchen an der Centrifugal»,aschine. P. U.-C.--. e. Ausl. Zum Artikel: „Centrisugalkrast. ML iiMK «MM: "EN -Md 8 M-Z -LH" MSSSS 613 Centrifugalkraft. eingefaßt erscheint. Eine ähnliche Erscheinung kann man auch ohne schwungmaschine Hervorrufen. Wenn man ein Trinkglas etwa zur Hälfte mit ! Wasser füllt und dieses durch rasches Umrllhren ' nach einer u. derselben Richtung in Rotation versetzt, so drängt sich ein Theil des Wassers nach j der Wand des Glases, so daß die Oberfläche des Wassers kegelförmig vertieft erscheint. Je rascher die Drehung ist, desto größer wird der an der Gefäßwand sich erhebende Antheil des Wassers u. desto mehr wird die Oberfläche desselben vertieft. Hieraus ergibt sich, daß die C. mit der ! Umdrehungsgeschwindigkeit wächst. Genaue Ver- , suche, sowie die Rechnung lehren übereinstimmend, i daß die C. dem Quadrat der Umlaufszeit nmge- ! kehrt proportional ist, d. h. wenn die zu einem ' ganzen Umlaufe nöthige Zeit 2, 3 rc. Mal kleiner wird, so wird die zur Wirkung gelangende C. 4, S rc. Mal größer. Bei gleicher Umdrehungszeit verhalten sich ferner die Schwungkräfte zweier Körper wie die Products ans ihren Massen und den Halbmessern der von ihnen durchlaufenen Kreise; sind also überdies die Massen gleich, so verhalten sich die Schwungkräfte wie die Halbmesser der Bah- ! neu; sind dagegen die letzteren gleich, so verhalten sich die Schwungkräfte wie die Massen. Dies kann durch einen Versuch mit dem in Fig. 3 dargestell- teu Kugelapparat veranschaulicht werden. Derselbe besteht aus einem horizontalen Brettchen, welches unten in der Mitte mit einer Hülse b zum Aussetzen aus den Zapfen a der Schwungmaschine ^ ^ versehen ist; dasselbe trägt an seinen Enden zwei imze verticale Brettchen, zwischen welchen ein l starker Draht horizontal ansgespannt ist. Dieser Draht geht durch zwei Kugeln, welche mit so weiten Löchern durchbohrt sind, daß sie sich leicht auf s demselben verschieben lassen. Die Kugeln sind !, außerdem durch zwei Schnüre verbunden, so daß ' sie, sobald die Schnüre gespannt sind, durch die- , selben in einer unveränderlichen Entfernung von ; einander gehalten werden. Setzt man diesen Appa- i rat mittels der Schwungmaschine in Rotation, wäh- i rend die Kugeln die in der Fig. gezeichnete Stellung einnehmen, so erhalten dieselben vermöge der C. das Bestreben, nach entgegengesetzten Seiten auf dem Drahte Hinzugleiten. Hieran werden sie aber durch die Schnüre verhindert; es wird also entweder diejenige Kugel, welche die größere ! C. besitzt, die andere nach sich ziehen, oder, falls ! die C. beider Kugeln gleich groß ist, so wird Gleichgewicht stattfiuden, d. h. beide werden ihre ! Entfernung von der Umdrehnngsachse beibehalten. ^ Ans dem oben angeführten Gesetze ergibt sich nun, was durch den Versuch bestätigt wird: daß dieses ^ Gleichgewicht eintritt, wenn die Kugeln so gestellt sind, daß ihre Abstände von der Rotationsachse sich umgekehrt verhalten wie ihre Massen. Sind also die Kugeln von gleicher Masse, so müssen ; auch ihre Abstände von der Drehungsachse gleich sein; ist die Masse der einen Kugel 2, 3, 4 rc. i Mal größer, als die der anderen, so muß der Ab- s stand der ersten Kugel von der Umdrehnngsachse i 2, 3, 4 rc. Mal kleiner sein. Dasselbe Gesetz läßt . ! sich auch so aussprechen: Zwei um einander roti- - fände Massen haben gleiche Schwungkräfte, wenn sie w Bezug aus ihren gemeinschaftlichen Drehungsmittelpunkt gleiche statische Momente besitzen, oder wenn sie um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt rotiren. Dieses Gesetz findeteine wichtige Anwendung auf die Bewegung der Trabanten um ihre Hauptplaneten, der Planeten um die Sonne und der Doppelstcrne um einander. Es ergibt sich zunächst aus demselben, daß niemals ein Weltkörper im eigentlichen Sinne des Wortes um den anderen, d. h. um den Schwerpunkt des anderen sich dreht, sondern daß stets beide sich um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt drehen müssen; denn nur dann halten sich die Centrifugalkräfte beider das Gleichgewicht; wie bei falscher Stellung der Kugeln im Kugelapparat die eine derselben vermöge ihrer größeren C. u. der Festigkeit der Schnüre die andere nach sich zieht, so müßte auch von zwei Weltkörpern, welche nicht um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt, sondern um einen anderen Punkt sich drehten, der eine vermöge seiner größeren C. u. der zwischen beiden bestehenden Anziehung den anderen nach sich ziehen. Sind ferner, wie bei manchen Doppelsternen, die Massen beider nicht sehr verschieden, so liegt der gemeinschaftliche Schwerpunkt nahezu in der Mitte zwischen beiden; ist aber die Masse des einen vielmal größer, als die des anderen, so muß der gemeinschaftliche Drehnngsmittelpunkt sehr nahe an den Schwerpunkt des größeren Weltkörpers herantreten. Die Masse des Mondes ist nur von derjenigen der Erde; der gemeinschaftliche Schwerpunkt beider fällt also schon weit ins Innere der Erde; die Masse der Sonne übertrifft die der Erde um das 350,v00fache; der gemeinschaftliche Schwerpunkt beider liegt daher dem Schwerpunkte der Sonne so nahe, Laß man fast ohne Fehler sagen kann, die Erde drehe sich um die Sonne. Übrigens ist die Sache in der That complicirter: Die sämmtlichen zu unserem Sonnensystem gehörigen Körper, also die Sonne, die Planeten mit ihren Trabanten, die Kometen rc., drehen sich um einen ihnen allen gemeinsamen Schwerpunkt, u. dieser fällt je nach der Stellung der größten Planeten, des Jupiter u. des Saturn, bald in das Innere der Sonne, bald außerhalb derselben. — Der Apparat Fig. 4 dient dazu, zu zeigen, wie die Abplattung der Erde eine Folge der bei der Achsendrehung derselben auftretenden C. ist. Am unteren Ende der Stahlstange e ist ein elastischer kreisförmiger Messingreif a befestigt; dieser trägt an der gegenüberliegenden Stelle eine durchbohrte Hülse, durch welche die Stahlstange e leicht verschiebbar hindurchgeht; im Ruhezustände stößt diese Hülse gerade an einen am Ende der Stahlstange befestigten Knopf an. Wird aber der Apparat in der durch die Fig. dargestellten Weise auf die Schwungmaschine aufgesetzt und in rasche Rotation versetzt, so nimmt der Messingreif die (punktirt gezeichnete) elliptisch abgeplattete Gestalt an, weil seine Theilchen bestrebt sind, sich von der Rotationsachse zu entfernen; die Abplattung wird um so bedeutender, je rascher die Umdrehung erfogte. Nach der allgemein angenommenen Ansicht war die Erde in früheren Zeiten flüssig, sie würde also die allen Flüssigkeitstropfen eigenthümliche Kugelgestalt angenommen haben, wenn sie sich nicht nur ihre Achse gedreht hätte; infolge die- 614 Ccntrifugalmaschinc — Oentruiu. ser Drehung aber mußte sie ähnlich wie der elastische Mefsingstreifen unseres Apparats die ellipsor- dische, also' in der Richtung ihrer Umdrehungsachse zusammengedrückte Gestalt annchmen, welche sie in der That besitzt. — Infolge der bei der Achsendrehung auftretenden C. haben alle aus der Erde befindlichen Körper das Bestreben, sich von derselben zu entfernen; die C. wirkt also der Schwere entgegen, u. zwar am Äquator am stärksten, weil die Punkte des Äquators am weitesten von der Erdachse entfernt sind. Dies ist eine der Ursachen, aus welchen die Stärke der Schwerkraft (s. d.) von den Polen nach dem Äquator hin abnimmt. — Der Apparat Fig. 5 dient zu einem Versuche, welcher ebenfalls mittels der Centrifugal- maschine angcstellt wird, obgleich er mit der C. nichts zu thun hat. Es wird von demselben in dem Artikel Foucaultscher Versuch die Rede sein. Eine technische Anwendung findet die C. in den Centrifugen od. Centrifug almaschinen, Apparaten, die im Allgemeinen dazu dienen, Flüssigkeiten, welche festen Körpern beigemengt sind, mit Hilfe der C. von letzteren zu trennen. Sie bestehen aus einer um eine verticale Achse drehbaren Trommel, deren Seitenwände aus Drahtnetz gefertigt sind. Bringt mau die mit Mistigkeiten vermengten festen Körper in die Trommel und versetzt dieselbe in rasche Rotation, so wird durch die C. die Flüssigkeit durch die Maschen des Netzes hinausgeschlcudert, u. die festen Theile bleiben fast trocken in der Trommel zurück. Man verwendet diese Maschinen theils (als Centrisugaltrockenmaschiuen) zum Trocknen feuchter Stoffe (Wolle, Gewebe, Zeuge rc.), theils zur bloßen Gewinnung der Flüssigkeiten (Most aus zermahlenen Trauben, Saft auszerriebcnenRunkelrüben), theils zur gesonderten Gewinnung der festen und der flüssigen Theile (Gewinnung des Honigs U. des Wachses aus den Waben). Wimmenauer Ll. Centrifugalmaschine, s. u. Centrifugalkrast. Ccntrifugalpendel, s. u. Pendel. Ccntrifugalpumpc, eine Maschine zum Heben des Wassers mit Hilfe der Centrifugalkrast. Die Einrichtung u. Wirkungsweise entspricht der des Centrifugalgebläses (s. d>), nur wird Wasser statt Luft in Bewegung gesetzt u. gehoben. Die C«n haben vor gewöhnlichen Pnmpen den großen Vorzug, daß ihre Wirkung nicht vom dichten Schluß von Ventilen abhängt. Sie können deswegen für unreines Wasser verwerthet werden u. finden zum Heben von Cloakenwasser, sandigem Wasser rc. Anwendung. Auch sind sie ver- hältnißmäßig leicht transportabel u. deshalb zum Auspnmpeu großer Wastermaffen bei Wasserbauten sehr beliebt. Die gewöhnlichen C-n mit geraden radialen Schaufeln geben nur geringen Nutzeffect, d. h. sie verwenden nur etwa 20—30 pCt. der verbrauchten Kraft wirklich zum Heben von Wasser. Bei geeigneter Construction kann indessen das Verhältniß 65 pCt. u. mehr betragen. Näheres in den u. Centrifugalgebläse angegebenen Schriften. Gieseler. Centrifugalventilator, so v. w. Centrifu- galqebläse. Zentripetal (v. Lat.), s. u. centrifugal. Centripetalkraft, s. u. Centralbewegung. Centriren (v. Lat.), 1) in einen Mittelpunkt, z, einer Mitte bringen. Ein System optischer Gläser, z. B. eines Mikroskops oder eines Fernrohres, ist vollkommen centrirt, wenn die optischen Achsen der einzelnen Gläser sowol unter sich, als auch mit der Achse des ganzen Instruments eine und dieselbe gerade Linie bilden; unvollkommen centrirt, wenn dies nicht der Fall ist. Eine fehlerhafte Centrirung bewirkt hauptsächlich zwei Fehler: 1 ) erscheinen die Bilder, namentlich an einzelnen Stellen am Rande des Gesichtsfeldes (bei sehr groben Fehlern in der Centrirung auch in dessen Mitte), verwischt, u. 2) erfahren die Bilder eine Ortsveränderung, wenn man das System oder einzelne Linsen um die Achse des Instruments dreht. 2) Einen Winkel, dessen Scheitelpunkt unzugänglich ist, aus Messungen in der Nähe dieses Scheitels durch Rechnung bestimmen. Wimmenauer L Centrisch, so v. w. central; c. nach den Ecken heißt ein Vieleck, um welches sich ein Kreis beschreiben läßt; c. nach den Seiten, > in welchen sich ein solcher beschreiben läßt; c-e. i Linie, bei zwei Nädern, welche ineiuandergreifen, I eine Linie zwischen den Mittelpunkten beider. Centritvinkcl (Mittelpunktswinkcl) heißt im Kreise ein von 2 Radien gebildeter Winkel, dessen Scheitel also im Mittelpunkte liegt; er steht ans dem Bogen, welchen seine Schenkel einschlieste», dem Standbogen, u. ist doppelt so groß, als jeder auf demselben Bogen stehende Peripherie- - Winkel. C. verhalten sich wie ihre Standbogen». ^ umgekehrt. Um Winkel zu messen, .denkt man st: ' sich als C. u. nennt einen solchen, welcher den § 360sten Theil der Peripherie zum Standbogen ! hat, 1 Grad groß, den, der einen 5 Mal so großen ! Standbogen hat, 5 Grad groß u. s. w.; der aus dem Vicrtelkreise stehende C. ist 90" groß oder ! ein rechter Winkel. Im regelmäßigen Vielecke nennt man C. den Winkel, welcher am Mittelpunkte entsteht, wenn man diesen mit 2 benachbarten Ecken durch Gerade verbindet; seine Größe findet sich, wenn 360° durch die Anzahl der Seiten des Vieleckes dividirt wird; so ist z. B. der C. des Zehuecks 36° groß. Buchruck-r. ventrolepiäeae, Pflanzenfam. aus der Klasse der LuLutioblastas, kleine Kräuter, den Binsen (lluueus) iin Äußeren gleichend, mit endständigen oder achselstäudigen Ähren oder Wickelähren, welche aus einem Staubblatts bestehende männliche und aus einem eineiigen Fruchtknoten bestehende weibliche Blüthen enthalten; die Früchte sind einsamige Schläuche mit hängendem Samen; Keimling an der Spitze des Eiweißes, dem Nabel gegenüber. Die Familie zählt nur wenige, in Neuholland heimische Arten, welche zu den Gattungen ^pdslia, Lrinula, HsMrum, Caimarckia, u. Osutrokoxis gehören. Englcr. llontrolepis LadM., s. u. Osntrolsxiäsas. Centrönen (a. Geogr.), Alpenvolk im Nar. bonensischen Gallien, welches Cäsar 58 v. Chr- aufzuhaltcn suchte, aber geschlagen wurde. Centrum (lat.), 1) Mittelpunkt (s. d.); so 6. Aravitabiouis, s. Gravitation; 0. xravitatis, s. Schwerpunkt. 2) Mitte überhaupt. 3) Die Mitte einer Schlachtlinie, aus welcher, nebst den beiden Centrumbohrcr Flügeln, die Schlachtlinie besteht; vgl. Schlachtordnung. 4) Als politische und parlamentarische Partei Diejenigen, welche zwischen den extremen Richtungen des Conservatismus (Rechte) u. der Neuerung (Linken) od. der Regierungspartei und der Opposition die Vermittelung machen. Je nachdem in dieser Partei die Einen mehr zur Rechten, die Anderen mehr zur Linken neigen, unterscheidet man ein rechtes C. und linkes C. Eine neue Erscheinung im parlamentarischen Leben ist C. im Deutschen Reichstage: die nach dem konfessionellen Bekenntniß der Mitglieder von den übrigen sich abscheidende Partei der strenggläubigen Katholiken. 5) (Anat.) 0. semiovals Viouo- senü, der bei einem Horizontalschnitt in der Höhe der oberen Balkenfläche durch das Gehirn zum Vorschein kommende größte Umkreis der Marksubstanz (s. Gehirn); 6.bsnckiusum äiaplrra§- matrs, der mittlere, sehnige Theil des Zwerch- sellmnskels (s. Zwerchfell). Centrumbohrer, s. u. Bohrer. Lsntum (lat.), hundert. evntllmvlri (lat.), eigentlich 100 Männer, in Rom ein vielleicht schon aus den frühesten Zeiten stammendes, vielleicht auch erst später entstandenes Gericht, welches in Civilsachen (betreffend das römische Eigenthum u. bes. in erbrechtlichen Streitigkeiten) Recht sprach. Den Vorsitz in ihrem Collegium (Osutumvirals juäioium) führten gewesene Quästoren, seit der Kaiserzeit die Decemvirn, die Oberaufsicht aber die Prätoren; während ihrer Sessionen war vor ihnen ein Spieß (Oenbumvi- rätis bästa) aufgesteckt. Die Proccßform vor den 0. war die alte IwM avtio saeramsnto, welche diesem Gerichte auch dann noch blieb, als sie für die anderen Gerichte durch die I>sx ^ebubia aufgehoben worden war. Die Zahl der 6. war anfangs 105, weil der Prätor aus jeder der 35 Tribus 3 zu diesem Gerichte wählte; sie vermehrte sich aber nach den Zeiten des Augustus bis auf 180. Dieses Richtercollegium bestand bis 395 n. Ehr. Vgl. Schneider, Vs oriAius vsutumviralis juckioü, Rost. 1835; Zumpt, Über das Centumviralgericht, Berl. 1838; v. Keller, Römischer Civilproceß, 3. A., Lpz. 1863. OentuiwuIuZ L., Pflanzengatt, aus der Fam. der ?rimuIaesas-^.naAMiäoas (IV. 2), kleines Pflänzchen mit abwechselnden, rundlich-eiförmigen, spitzen Blättern, kleinen, kurzgestielten Blüthcn mit Itheiligem Kelche, krugsörmiger, 4spaltiger Bln- menkrone, 4 dem Grunde ihrer Abschnitte einge- fllgten Staubblättern u. quer aufspringender, kugeliger Kapsel. Art: 0. minimus I/., auf feuchten, sandigen u. lehmigen Äckern durch ganz Mittel- Europa zerstreut. Engler. ventuplum (lat.), das Hundertfache; daher cen- tupliren, verhundertfältigen. ventuna, 1) eigentlich jede Anzahl von 100; bes. 8) (röm. Ant.) die Unterabtheilnng der 5 Llasses, in welche die waffenfähigen römischen Bürger nach der Serviauischen Verfassung zerfielen, das sind 193 Abtheilnngen (s. u. Rom, Ant.); daher hießen die Wahlabtyeilungen nach Centu- rien Osuturiats, eoinitia, (s. u. Lomitia), u. eine Oonturiata. lex war ein Gesetzvorschlag, der in den Centuriatcomitien dem Volke vorgelegt wurde, z. B. — Oepüaölis. 615 über die Wahl der Magistratspersonen. 3) Truppenabtheilung von 50—100 Mann, deren 2 einen Manipel, 10 eine Cohorte, 60 eine Legion bildeten. Sie wurde von einem Lsnturio (Hauptmann) befehligt, der 2 Luboonburionss unter sich hatte. Centurien, Magdeburgische, eine protestantische Kirchengeschichte, nach Jahrhunderten (ein Band für jedes) eingetheilt und 1552 in Magdeburg begonnen. M. Flacius unternahm sie mit I. Wigand, M. Judex, B. Faber, A. Corvinus, Th. Holzhuter u. A., welche daher Centuriato- ren hießen; sie sollte die Ansprüche der Katholiken widerlegen u. veraulaßte die Entstehung der Annalen des Baronius (s. d.); die Kosten gaben die evangelischen Fürsten her, und 1559—74 erschien das Werk in lateinischer Sprache, Basel, 13 Bde. Fol. (bis zum Jahr 1300), der 14.—16. Band, von Wigand ausgearbeitet, blieb ungedruckt; neue Ausg. bis zum Jahre 1500 von Semler, Nürnb. 1757—65, 6 Bde.; deutsch die 4 ersten Centurien, Jena 1560—65, Fol.; Hpitoms bis 1600 von Luc. Osiander, Tüb. 1592—1604, 9 Bde. Ventumo (röm. Ant.), 1) Befehlshaber einer Outuria (s. d.). 2) Osuturlo rsrum mtsubium, Anführer der Soldaten im späteren Rom, die bes. bei Nacht Acht hatten, daß die Kunstwerke nicht beschädigt od. gestohlen wurden. 3) Im Mittel- alter der Vorsteher einer Cents (s. d., Rechtsw.). Centuripe (Centorbi), Stadt im Bez. Nicosia der ital. Prov. Catania (Sinken), südwestlich am Ätna; Safranbau; im Gem.-Bez. 7351 Ew. C. ist das Centuripa der Alten; sie war Geburtsstadt des Arztes Celsus; Kaiser Augustus ließ sie erneuern. Vom Kaiser Friedrich II. zerstört, ist sie unbedeutend geblieben. Oentussis (röm. Ant.), s. v. w. 100 As. Centvertvandte, s. u. Cent (Rechtsw.). Centweight (engl.), der Centner; 112 Psü. engl. 50,go ÜA. CeilHontotochtin, bei den Mexikanern Gott des Wemes; hatte in Mexico einen Tempel und 400 Priester; sein Fest wurde im 13. Monat mit Menschenopfern gefeiert. Ceorle, bei den Angelsachsen die freien ansässigen Kriegsleute. Oepu (lat.), Zwiebel. Lsplisölw > ! inWahaai, einem Dorfe mit Fort auf der NKüste. Z) Hauptort der Residenzschaft Bantam der Insel Java, gewöhnlich Sirong (s. d.). Thielemaun. Oersmb>x, so v. w. Bockkäfer. Cerami, Gem. im Bez. Nicosia der italien. Prov. Catania; 5605 Ew. Ccram-Llmf, einige kleine Inseln im O. von Ceram; reich an Cocospalmen, wegen zahlreicher Korallenriffe zum Handelsverkehre noch unbenutzt. Cerano, Gemeinde in der ital. Prov. u. dem Bez. Novara; 4973 Ew. Ceraphanien (Cerophanien, lat.-gr.), durchscheinende Bilder aus Wachs oder Seife zum Aufhängen an Fenstern. Cerasin (Cerasinsäure, Metugnmmisäure), das Kirsch-, Pflaumen-, Pfirsich- u. anderen Obstbaumen ausfließende Gummi, von der Formel ÖisHroOio; besteht aus einer Kalkverbindnng des C-s, gemengt mit Arabin-Kalk. Beim Ausziehen mit Wasser löst sich der Arabin-Kalk, während der unlösliche C.-Kalk nur aufqnillt und, mit salzsäurehaltigem Weingeist behandelt, das reine C. zurückläßt. Künstlich entsteht C. aus Arabin, wenn dieses mit conc. Schwefelsäure in Berührung gebracht, od. auf 150" erhitzt wird. Mit Wasser u. wenig Kalk gekocht, geht C. als Arabin-Kalk in Lösung, weshalb auch natürlicher C.-Kalk sich bei längerem Kochen in Wasser löst. In seinen Eigenschaften gleicht das C., mit Ausnahme der Unlöslichkeit der Kalkverbindung, dem Arabin. Clären. verastlum D. (Hornkraut), Pflanzengatt, aus der Fam. der 0arxopbxUaeeas-L.l8insLo-6örastisas (X. 5), ein- u. mehrjährige Kräuter mit gegenständigen, eiförmigen oder linealischen Blättern, in Trugdolden stehenden weißen Blüthen, mit 5, selten 4 hautrandigenKelchblättern, ebenso vielen 2spaltigen oder spitz ausgerandeten Blumenblättern, 10, selten weniger Staubblättern, einem aus 5 (4) Fruchtblättern gebildeten Fruchtknoten, der sich zu einer cylindrischen, an der Spitze 8—lOklappigen Kapsel entwickelt, in welcher an einem centralen Säulchen zahlreiche nierenförmige Samen ohne Anhängsel stehen. Von den ungefähr 100, über die ganze Erde zerstreuten, jedoch in den Tropen nur auf den Hochgebirgen vorkommenden Arten sind folgende erwähnenswerth: L.. Ortboäon, mit meist 5 Griffeln. 1) 6. Alomsrabuna 7'änrlst, gelb-grün, oberwärts drüsig-behaart, mit rundlich- ovalen Blättern, geknäuelten Blüthenständen u. Blüthenstielen, welche in der Fruchtreife so lang als der Kelch sind; in feuchten Gebüschen, an Wegen u. Ackerrändern. 2) 0. braobz'poba- Ilun Keaxoeckes, mit grau-grünen, abstehenden Haaren besetzt, mit länglich-ovalen Blättern u. Blüthenstielen, welche in der Fruchtreife 2—3 Mal I» lang sind als der Kelch; seltener an sonnigen, grasigen Hügeln u. Dämmen. 3) 6. seiniäs- canärum D., mit mehreren nicht wurzelnden, oberwärts Drüsen tragenden Stengeln, trockenhäu- ligen Deckblättern u. wagerecht abstehenden oder zurückgeschlagenen Fruchtstielen, welche 2—3 Mal langer als der Kelch; sehr gemein auf Sandplätzcn (hierher gehört auch 6. Alubiaosnm Dr.). 4) 0. triviale DL., Rasen bildend, mit theils nicderlie- genden, theils aufsteigenden Stengeln u. länglichen, spitzen, kurzhaarigen Blättern; sehr gemein. - Oorutoäus. 5) 6. latükoiium D., rasig, mit krautigen Deckblättern u. ebenso wie die folgenden mit großen, den Kelch viel überragenden Blumenblättern; durch die ganze Alpenkette verbreitet. 6) 0. aipi- num D., mit kriechenden Stengeln, krautigen, aber an der Spitze häutigen Deckblättern u. etwas kleineren Blüthen; wie vorige. 7) 6. arvonss D., mit niederliegenden Stämmchen, aufrechten Stengeln, lineal-Ianzettlichen Blättern, breit-hautran- digen Deckblättern u. großen weißen Blumenblättern; sehr verbreitet. 8) 0. Liobsrateinii DA, u. 9) 6. tomsntosuin D., dem vorigen ähnlich, aber dicht granfilzig; im Kaukasus heimisch u. in der Teppichgärtnerei vielfach verwendet. L. vi- oboäon, mit meist nur 3 Griffeln. 10) 6. tri§x- nunr IM., grasig, drüsig-behaart oder kahl, mit lineal-lanzettlichen, fleischigen Blättern n. verkehrtherzförmigen, tief eingeschnittenen Blumenblättern; in der ganzen Alpenketie. 11) 0. anomalumk^. L, einjährig, mit einfachen, drüsig-behaarten Stengeln u. lanzettlichen Blättern; im östlichen Deutschland. Engter. Lorasum (lat.), Kirsche; Osraon aoiäa, Sauerkirschen. üorasns, Kirschbaum. Cerat (Osrätum), zum äußeren.Gebrauche bestimmte Mischung von Wachs, Öl, Fett, mit mancherlei Zusätzen, von der Konsistenz eines weichen Pflasters oder einer Salbe. Das gewöhnliche gelbe C. (Osrntum Lesinag k?ini) besteht aus gelbem Wachs, Fichtenharz, Talg und Terpentin; das weiße oder Walrath-C. (6. 6s- taesi) aus weißem Wachs, Walrath u. Mandelöl; die rothe Lippenpomade (6. 6staesi rubrum) enthält außerdem noch Alkannaroth, Bergamott- u. Citronöl; der Mnscatbalsam (6. Lhwisbieas) besteht aus gelbem Wachs, Provenceröl u. Mnscat- nußöl; das Grünspan-C. oder grüne Wachs (0. ^.oruAinis) aus gelbem Wachs, Fichtenharz, Terpentin u. Grünspan. Ceration (v. Lat.), 1) Überzug eines Körpers mit Wachs; 2) Ertheilung von wachsartiger Con- sistenz durch Feuer oder Auflösung. Leratitos (Petref.), Untergatt, der Ammoniten, mit einfach gezähnten Loben u. ungezähntem Sattest Art: 0. nockosus, kommt zuweilen in bedeutender Größe in den oberen Schichten des Muschelkalks vor. lleratockus Gatt, der Lnrchfische (Oi- Mm). Ihr gestreckter, aalförmiger Leib ist bis über den Kvpf mit runden Schuppen bedeckt; er endet mit einem zusammeugedrückteuNuderschwanze. Unmittelbar hinter dem Kopfe finden sich 2 Brustflossen, welche wie die gleichgestaltcten, weit nach hinten liegenden Bauchflossen aus einem centralen, von schuppiger Haut überzogenen Schafte u. einem strahligen Saume bestehen. Sie athinen durch innere Kiemen. Während sie durch diese u. andere Verhältnisse den Fischtypus bekunden, führen andere Einrichtungen zu den nackten Amphibien hin: ihre knorpeligen Nasenkapseln durchbrechen, wie bei allen Lustathmeru, das Gaumcngewölbe, u. zwar hier unmittelbar hinter der Schnauzenspitze; ein einfacher, sich als Lunge verhaltender Sack vertritt die Stelle der Fischschwimmblase; dazu kommt noch die Übereinstimmung ihres Herzens u. Kreislaufes mit dem der Lurche. So bilden sie also ein wahres Übergangsglied von den Fischen 618 OeratoAlossus — Oovois. zu den Lurchen u. spielen daher in der Anthro- pogonie, d. h. der Keims- u. Stammcsentwickel- mig des Menschen, wie sie ans Grund der Dar- winischen Lehre neuerdings namentlich von Hackel uusgcbildet wurde, eine hervorragende Rolle: sie bilden mit einigen anderen die zwölfte Ahnenstufe des Menschen. Sie leben in denFlüssen u. Sumpfen SAustraliens. Während des tropischen Winters, in der Regenzeit, schwimmen sie gleich den Fischen im Wasser n. athmen gleich jenen durch ihre Kiemen. Während der trockenen Jahreszeit graben sie sich in den eintrocknenden Schlamm ein n. überdauern unter eintretender Lungenathmnng; diese Athmungsart tritt auch dann ein, wenn das Wasser infolge Faulens organischer Stoffe mit Zersctzungsgasen erfüllt ist. Sie leben von Blättern , welche sie mit ihren Schneidezähnen abreißen u. mit ihren großen, langen, am Gaumen liegenden Zahnplatten zerkauen. 6. Vorstsri L-M, in Queensland, wird bis 2 m lang u. ist wegen seines lachsähnlichen Fleisches eine geschätzte Speise; wissenschaftlich wurde er erst 1870 entdeckt. Man kennt auch fossile Arten ans dem Jura u. Muschelkalk; das häufig allein erhaltene Gebiß solch fossiler wurde von Agassiz Haifischen zugeschrieben. Thoms. Oerstoglossus, einer der Zungenmuskeln (s. d.). llorstonls T., Pflanzengatt, aus der Fam. der I-LAuminosas - Oassslxinieas - Oaasisas, kleiner Baum mit paarig-gefiederten Blättern, wenigen lederartigcn Blättchen, kleinen oder fehlenden Nebenblättern u. kleinen diöcischen, in kurze Trauben gestellten Blüthen; männliche Blüthen mit kurzer, kreiselförmiger Kelchröhre u. 5 zahnförmigen, abfallenden Kelchabschnitten, fehlenden Blumenblättern, 5 fadenförmigen Staubblättern; weibliche Blüthen mit knrzgestieltem, vieleiigem Ovarium, sehr kurzem Griffel u. schildförmiger Narbe; Frucht eine lange, zusammengedrückte, lederartige, nicht aufspringende, unecht gefächerte Hülse mit verkehrt-eiförmigen, zusammengedrückten, querliegenden Samen. Die einzige Art: 6. Lili- gus T,. (Johannisbrodbaum, Bockshornbaum), ist im ganzen Mittelmeergebiete, besonders im östlichen Theil desselben verbreitet u. wird wegen der unter dem NamenJohannisbrod bekannten eßbaren Hülsen vielfach daselbst angebaut. Engter. Lorstoptt^Iese, Pflanzenfam. aus der Klasse der .4gusbioas, uniergetauchte Kräuter mit sehr verästeltem, starrem, stielruudem, knotig gegliedertem Stengel, quirlig gestellten, sitzenden, 2—3gabelig vielschnittig getheilten Blätter, deren Lappen fadenförmig, spitzig u. fast gesägt sind; die monistischen Blüthen sitzen in den Blattachseln; männliche Blüthen mit 10 —12theiliger Blüthenhülle u. unbestimmt vielen (meist 12—24) fast sitzenden, unregelmäßig nach außen aufspringenden Staubblättern; weibliche Blüthen mit ähnlicher Blüthenhülle u. einem einfächcrigcn, sitzenden Fruchtknoten mit einem von der Spitze der Fruchtknotenhöhle herab- hängenden Eie; die Frucht ist ein lederartiges, einsamiges Nüßchen; der Keimling, umgeben von wenigzclligem Eiweiß, grün, mit 2 Keimblättern u. sehr entwickeltem Knöspchen, dessen erste Blätter sich mit den Kemiblättern kreuzen. Hierher gehört nur die Gattung Osratoxlrxllum L. (H^ärooeratopstMum PÄr'kk. u. DiestotopstMun TMe-r.). Engter. cerstopb^IIum L. (Wafferhorn), Pflanzengatt, aus der Familie der LersboxirMsas (XXI. 6)- s. d. Heimische Arten: 6. snbmsrsnm T,., 3mal gabelspaltigen Blättern, mit ans der Rückseite zerstreut-stachelig-gezähnten Zipfeln, rundlich, eiförmiger, ungcflügelter Frucht ohne grnndstäin dige Stacheln u. mit kürzerem Griffelstachel. 0> äsmsrsum L., dunkler grün, als vorige, mit 1—z> mal gabelspaltigen Blättern u. dicht-stachelig-ge- zähnten Zipfeln, mit länglich-eiförmigen, ungeflügelten Früchtchen mit grundständigen Stacheln u. längerem Griffelstachel. Beide Arten häufig in stehenden Gewässern, Gräben, Teichen u. Seen. 0. xlaixsoanbllum LAam., mit eiförmiger, geflügelter Frucht; seltener, als die beiden anderen s Arten. Engter. ! Ceratypie, s. u. Photographie. Herders L., Pflanzengatt, ans der Fam. der ; ^xooMsosas - OptlioLg'Isss (V. 1), tropische i Bäume mit milchender Rinde, wechselständigen ; Blättern, ziemlich großen, achselständige oder end- ständige Rispen bildenden Blüthen mit Stheiligem Kelche, trichterförmiger Blumenkrone mit 5 Schuppen, 5 kurzen, der Mitte der Blumenkronenröhre eingefügten Staubblättern; Frucht eine 2fächerige, knochenharte Kapsel, mit 1—2 Samen in den Fächern. Arten: 0. laotaris Lamrkt. (6. Lanx- üss t?crent»r., Milchholz), großer Baum mit breit- lanzettlichen, */g m langen Blättern, weißen, nar- cissenähnlichen Blumen, rundlicher, blaßgrüner, innen holzigfaseriger Frucht, von der Größe eines Gänseeies, die 2 große, nicht genießbare, aber Brennöl liefernde Samen enthält; in Ostindien, an Gewässern; das Holz ist weich, voll einer nicht beißenden Milch; der Absud desselben wird als Purgirmittel, die Kohle zu Schießpulver gebraucht. 6. Ociollam LrmrR. (6. Llaugkns ^.rkmr), ostindischer, 6 m hoher Baum, dessen Blätter u. Rinde ganz wie Sennesblätter wirken; die Kerne geben ein„fettes, wohlriechendes, zum Brennen taugliches Öl. 0. INovstis. L., mit sehr langen, linealischen Blättern, achselständigen Blüthenständen, kleinen Blüthen und Früchten; in Westindien u. SAmerika heimisch. Alle Theile des Baumes enthalten einen ätzenden u. sehr giftigen Saft; die Rinde wird in kleinen Gaben gegen Wechselfieber gebraucht, u. die Samen sollen als Mittel gegen Schlangenbiß dienen, während die Früchte von den Eingeborenen zu klappernden Gürteln u. Fußbändern zusammengereiht werden. Engter.' Cerberns, s. Kerberos. Ccrcina, kleine Insel am Eingänge der Kleinen Syrte (nordafrik. Küste, jetzt Kerkena); Aufenthalt des Marius im Winter 88—87 v. Ehr. nach seiner Vertreibung aus Rom durch Sulla. LorciL , Pflanzengatt, aus der Fam. der DsAnmmo8ae-6asss1piniesö-Ls.nIiinioao (X. 1), Bäume oder Sträucher mit breiten, einfachen, ungetheilten oder 2lappigen, 3 —vielnervigen Blättern, rosafarbenen, kurze büschelförmige Trauben bildenden Blüthen mit schiefem, kurzem, breit-5- zähnigem Kelche, 5 Blumenblättern, 10 freien Staubblättern und knrzgestieltem freiem Frucht- Cercle — Cerebral. 619 knoten; Frucht eine längliche od. breit-linealische,; Ccrretanern bewohnt, die starke Schweinezucht trie stach zusämmengedrückte, dünne Hülse mit quer- liegenden, verkehrt-eiförmigen, zusammengedrücklen Samen. Arten: 0. Liliguastrum L. (Judasbaum), in Spanien, Italien n. dem Orient heimisch, mit runden Blättern u. rothen, wohlriechenden Blumen; letztere als Salat benutzt, die Knospen aber wie Kappern in Essig eingemacht; das grün u. schwarz geaderte, schön zu polirende Holz wird zu Schreinerarbeiten u. zum Gelb- u. Braunsärben benutzt. 0. es-nnäensis D., nordamerikanischer Baum, mit großen herzförmigen Blättern, pnrpurrothen Blumen u. sehr festem, grün geadertem, zu Schreinerarbeiten tauglichem Holze (Cercisholz). Beide Arten als Zierpflanzen in Gärten, jedoch blüht der erstere in unserem Klima selten. Engler.' Cercle (fr.), 1) Kreis, Zirkel; 3) im Theater der Platz vor dem Parterre, mit Sitzplätzen, jetzt gewöhnlich Parqnet. lloi-oopitköoi, Meerkatzen (s. d.) Cercottes, Dorf im Arr. Orleans des franz. Dep. Loiret, Station der Orleans-Bahn; 44» Ew. Hier 4. Dec. 187» heftiger Kampf zwischen den ans Orleans im Rückzug begriffenen Franzosen u. der 18. u. 25. deutschen Division. Cercy-la-Tour, Flecken im Arr. Revers des franz. Dep. Niövre, am Nivernais-Kanal, Station der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn; 2201 Ew. Cerda, de la, edles spanisches Geschlecht, dessen Stammvater 1) Fernando de la C.,ältestersSohn des Königs Alfons X. von Castilien' n. Leon, diesen Namen erhielt, weil er auf der Schulter einen Haarbüschel (Osräa, span, so v. w. Pferdehaar, Schweinsborste) hatte; vermählte sich 1269 mit Blanca von Frankreich, Tochter Ludwigs IX., war Statthalter von Castilien; st. 1275, noch vor seinem Vater, zn Villareal. 3) Alsonso de la C., Sohn des Vor.; war beim Tode seines Großvaters, Alfons' X. (1284), rechtmäßiger Erbe von Castilien, auch durch Testament zum Nachfolger eingesetzt; dennoch usurpirte sein Oheim Sancho IV. den Thron, u. die Cortes bestätigten ihn. Nach langem Streite (s. Spanien, Gesch.) entsagte Alsonso, von Aragonien verlassen, gegen Entschädigungen an Ländereien seinen Ansprüchen zu Gunsten von Sanchos Sohn, Ferdinand IV., ging nach Frankreich, erhielt hier von Philipp dem Schönen die Baronie Lnnel u. wurde Statthalter von Languedoc. Er st. 1327 in Gentilly bei Paris. Von ihm u. seiner Gemahlin Mahaut, Gräfin von Clermont, stammt das Haus Medina- Celi ab. 3) Louis de la C., ältester Sohn des Vor., Admiral von Frankreich; lieferte 1343 der Gräfin von Montfort u. Robert v. Artois das Seetreffen bei Guernsey u. schnitt den Engländern, nach Überrumpelung ihrer Flotte bei Morbihan, alle Zufuhr ab. Zum Fürsten der Canarischcn Inseln durch den Papst ernannt', erhielt er dadurch den Vorwand, Truppen zu wer- hen, die er dem König Philipp VI. von Frankreich zuführte. Er st. nach 1351. Cerdagne (span. Cerdana), sonst Grafschaft auf den östl. Pyrenäen, jetzt zwischen Frankreich ben(bedeut.AusfuhrvonSchinken). MitdenRömern bald befreundet, erhielten sie von I. Cäsar das römische Bürgerrecht, u. Augustns erweiterte ihr Gebiet bis zu den Vascouen; diese hießen Au- gustanische Cerretaner, während die in alten Sitzen Julianische C. hießen, von ihrer Hauptstadt Julia Livia. Die Geschichte der Grafschaft C. ist in die Geschichte von Catalonien verflochten (vgl. auch Roussillon); schon von Ludwig XI. genommen, kam sie im Pyrenäischen Frieden 1859 wieder an Frankreich. Cerdena, span. Name für Sardinien. Cerdic, Sachsenfürst, der 495 n. Chr. nach Britannien zog, um die Sachsen gegen die Briten zn unterstützen, nach mehreren Siegen 519 Gründer des Reiches Wessex in England wurde u. bis 534 regierte; s. u. England (Gesch.). Er kommt in den Gedichten des Sagenkreises von Artus oft als dessen Gegner vor. Nach ihm benannt Cer- dicsford (jetzt Cherford, in Hamptonshire), wo er 519 die Briten schlug. Ccre, St., Stadt im Arr. Figeac des franz. Dep. Lot, an der Bave; Wollenkarderei; Märkte; 4161 Ew. Cerea, Gemeinde im Distr. Sangninetto der ital. Provinz Verona; 6640 Ew. (lseeslos üeäilos (röm. Ant.), s. u. Ädilcn 1). vorouliu, im alten Rom festliche Begehungen zn Ehren der Ceres: 1) Luoruiu umnvsrsurinm Gsrsris, seit den Punischen Kriegen von den plebejischen Frauen jährlich im August zur Feier der Auffindung der Proserpina (s. d.) wahrscheinlich 9 Tage lang begangen; es war mit Fasten u. Enthaltung verbunden. Die Feiernden, bekleidet mit weißen Gewändern, brachten die Erstlinge der Früchte dar. Die Priesterinnen wurden vom Staate angestellt und standen unter den Vorstehern der Sibyllinischen Bücher. 3) Imäi Gsroris, seit der Weihung des Cerestempcls in Rom (493 v. Chr.) anfangs besonders angesagt, später jährlich, und zwar vom 12. bis 19. April gefeiert, mit Pro- cessionen n. Circusspielen verbunden. Bei der Pro- cession wurden alle Götter Roms, eine geflügelte Siegesgöttin an der Spitze, vorgetragen; hierauf folgten die zum Wettrennen bestimmten Rosse, von Knaben geleitet; dann der Senat und die Söhne der Ritter, Fechter n. Ringer, Sängern. Musiker; daran schloß sich Volk in allerlei Verkleidungen an; Priester, Opfergeräthe tragende Diener und bekränzte Opferthiere schlossen den Zug; die Spiele waren am letzten Tage, dabei ein Schauspiel von Füchsen, an deren Schwänze Feuerbrände gebunden) waren. Vormals von den Ädilen besorgt, wurden sie 44 v. Chr. von Cäsar den von ihm eingesetzten ^säilos Gorealss übertragen. 1-- Cerealie», 1) (röm. Ant.) so v. w. Ooeaakia. 3) Gewächse, welche mehlige Samen (zum Brod- backen) tragen. Cerealis, Q. Petilius, Anführer der Römer gegen den Bataver Civilis bei dessen Empörung im I. 70 n. Chr.; s. u. Civilis, lleeodöllum (lat.), kleines Gehirn; s. n. Gehirn. Cerebral (v. Lat.), was sich auf das Gehirn u. Spanien (hier Vegeria Li Puigcerda, als das (Gsrobrnm) bezieht; so C-affection, Gehirnleigrößte Stück) getheilt. C. wurde früher von den den od. -Krankheit; C-arterie, Gehirnarterie rc; 620 Cerebrin — Ceremoniell. C-systcm, der Inbegriff der vom Gehirne ansgehenden Nerven (C-nerven); mit den vom Rückenmark ausgehenden Nerven zusammen bilden sie das Cerebrospinalsystem; C-ganglien, Ganglien der C-nerven; Cerebrospinalganglien, Ganglien der Cerebrospinalnerven, wo sich letztere mit Zweigen des sympathischen Systems (dksrvus sz'mpatiiieus) verbinden. Cerebrin (Chem.) ein Bestand- theil des Gehirnes; cs stellt ein leichtes, lockeres, weißes Pulver dar, welches geruch- u. geschmacklos ist, in Wasser nur aufquillt wie Stärke, in kochendem Alkohol löslich ist u. sich bei 80" theil- weise zersetzt. Beim Behandeln mit verdünnten Säuren liefert es unter anderen Spaltungsprodukten Zucker u. gehört daher zu den GlnkosiLen. Clören. Cerebrospinalflüssigkeit, diejenige seröse Flüssigkeit (I-iqnor osrsbrospiiuäis), welche Gehirn u. Rückenmark von allen Seiten umgibt u. sich zwischen Spinnwebehaut u. kia matsr im sogenannten Subarachnoidealraume, befindet. Die C. süllt auch die Ventrikel des Gehirnes; sie ist dem Serum, dem Blutwasser, in seiner Zusammensetzung ähnlich. Die Menge derselben ist sehr veränderlich. Krankhafte Vermehrung der C. führt zur Entstehung einer Art des Wasserkopfes (des Uxäroeexkw ins sxtsrnus). Die C. dient dazu, Stöße u. Erschütterungen gleichmäßig zu vertheilen u. dadurch in ihrer Wirksamkeit bedeutend abzuschwächen u. die durch das Athmen u. den Blutpuls bedingten Bewegungen zu erleichtern. Cercbrospinalmeningitis, epidemische, s. Kopsgenickkrampf. Oerebrum (lat.), Gehirn (s. d.). Oeremonials (lat.), die Vorschrift der Gebräuche, welche beim katholischen Gottesdienste zu beobachten find; s. Ceremonie. Ceremonialgesetz, die Gesetze der Inden über die religiösen Ceremonien, Opfer, Gebete, Fasten n. s. w.; vgl. Mosaisches Gesetz u. Hebräer (Ant.). coremoniarms (lat.), 1) bei einigen Ritterorden Beamter, welcher die Ordnung bei denselben erhält, die Wappen der Ritter aufhängen und im Falle des Todes wieder abnehmen läßt re. 2) In der Katholischen Kirche der Geistliche, welcher bei Pontificalämtern dem Bischof assistirt u. die Liturgie leitet. Ceremonie (v. Lat.), eine durch das Herkommen bei feierlichen Anlässen im öffentlichen und privaten Leben gebotene Handlung od. eine Folge von solchen Handlungen, welche ursprünglich symbolischer Natur sind. Die C. dient dazu, die Vertraulichkeit zwischen den Personen, die an derselben theilnehmen, fernzuhallen u. so der Sache, um welche es sich handelt, eine größere Bedeutung zu geben, indem jede einzelne Person in der Beobachtung vorgeschriebener Formen als nur der Sache selbst dienend erscheint. Besonders haben die Kirche, die Höfe, Ritterorden, Freimaurer u. andere geheime Gesellschaften ihre C-n, sowie bei Hochzeiten, Sterbefällen, Grundsteinlegungen, Begrüßungen gekrönter Häupter, Festen verschiedener Art u. dgl. (s. auch Ceremoniell) C-n stattfinden. Unter den christlichen Religionsparteien haben die Griechen die meisten; die röm. Katholiken unterscheiden zwischen wesentlichen (die nothwendig zu einem Sacrament gehören) u. zufälligen; die Rcformirten haben die wenigsten; in der Ang- lican. Kirche gab die Menge der von der Königin Elisabeth beibehaltenen od. eingeführten C-eu Veranlassung zur Trennung der Puritaner u. neuerdings wieder zu dem Zerwürfniß zwischen den dem Katholicismus sichnäherndenRitualisten (s. d.)u.den an der alten Einfachheit festhaltenden Anglicanern. Das Lsrsmomals spissoxornm, welches eine Beschreibung der römisch-katholischen C-n enthält, ist 1600 von Clemens VIII. und 1680 von Jnno- cenzX. revidirt, n. A., Bened. 1774; Osrsmouies sb esutmmss rsüA. äs tous Iss psuplss äu mouäs, Amst. 1723—43, S Bde. Fol.; dazu: Luxsrstitiom anoisvnss ob inoäkrnos, Amst. 1733—36, 2 Bde. Fol., Paris (ohne die Lupsrsbibions) 1741, 7 Bde. Fol., n. A., Par. 1783, 4 Bde Fol.; dazu Luxsr- stibions orientales, 1785, Fol., u. Par. 181V, 12 Bde. Fol. Ceremoniell, Inbegriff der Gebräuche, welche bei feierlichen Gelegenheiten zu beobachten sind. Man theilt das C. gewöhnlich in Staats- oder völkerrechtliches u. in Hof-C. Zu elfterem gehört der gegenseitige Rang der Fürsten, bei Zusammenkünften, im schriftlichen Verkehre (Kanzlei- C.), das C. der Gesandten und Minister unter einander (diplomatisches C.), das C. sich begegnender Truppen (militärisches C.) und Schiffe (See-C.) rc. Es entstand infolge wiederholter päpstlicher Entscheidungen und des Völkerrechtes, welches sich von dem Anfänge des 16. Jahrh. an immer mehr ausbildete u. seit dem Westfälischen Frieden, u. infolge mehrerer diplomatischen Verhandlungen wurde es immer genauer bestimmt u. an ihm lange fest gehalten. Auf dieses C. legte man früher einen großen Werth, da mit dem C. die Anerkennung des größeren oder geringeren Ranges eines Staates, seiner Unabhängigkeit und Machtstellung verbunden war. Wenn demnach einzelne Staaten durch Umgehung desselben gegen andere diese in den Schein eines Abhängigkeitsverhältnisses zu sich zu setzen suchten, so war es im Interesse aller anderen, dieses nicht zuzngestehen. Am entschiedensten trat das C. bei dem Utrecht» Frieden hervor, wo sich die Gesandten des Kaisers, Frankreichs, der Niederlande, Spaniens u. Englands in einem runden Zelte versammelten, in welches für jeden eine besondere Thür führte und wo sie an einem runden Tische faßen, damit Keiner den Vorrang vor dem Anderen sich anmaßen könne. Durch die französische Revolution hat das Staats- C. an Wichtigkeit verloren, u. es halten sich jetzt wenigstens die Großmächte für gleichen Ranges n. unterzeichnen alphabetisch, od. man bedient sich dabei des Alternats, d. h. in demjenigen Exemplar der Verhandlungen, welches jeder Hof für sich selbst erhält, steht der Name desselben an der Spitze. Zum Hos-C. gehört die Anordnung von Hoffeierlichkeiten an Galatagen, bei Couren, Vermählungen, Taufen, Begräbnissen, Trauern, Huldigungen, Festen aller Art, die Bestimmung des Ranges der Hofleute, Anordnung derHostrachten, derAudienzen, Einsührung der Fremden rc. C. gab es von jeher überall an den Höfen, besonders ausgebildet an den Höfen der byzantinischen Kaiser (über welches 621 Cercopsisgans Kaiser Constantinus Porphyrogennetos ein besonderes Buch, ölctlresis tos basilsion baxsüs, schrieb. Von da kam das Hof-C. auch an die europäischen Höfe schon durch Karl d. Gr. u. wurde durch die Vermählung des Kaisers Otto II. mit der byzantinischen Prinzessin Theophano noch verbreiteter. Karl V. brachte durch Einführung des spanischen C-s eine große Veränderung im C. an den Höfen hervor, zugleich aber eine solche Grandezza in dasselbe, daß alles Leben in der Gesellschaft und den Unterhandlungen gelähmt wurde. Der französische Hof ging nie ganz ans das steife spanische Wesen ein, sondern behauptete stets eine gewisse Leichtigkeit und Lebendigkeit. Man unterschied dort ein strengeres Residenz- und ein weniger strenges Campagne-C., das man bei Reisen und im Felde beobachtete. Dem Beispiel des französischen Hofes folgten die protestantischen, dem des österreichischen die katholischen Fürsten Deutschlands. In neuerer Zeit ist seit der französischen Revolution u. schon seit Friedrich d. Gr. die Strenge des C-s bedeutend gemildert, u. fast existirt dasselbe nur noch bei besonderen Festlichkeiten in seiner alten Strenge. Unter der französischen Kaiserherrschaft wurde das C. bei Hofe wieder strenger beobachtet. Das C., welches die Höfe jetzt unter einander beobachten, die sogenannte Staats- galantcrie, richtet sich zum Theil nach der Rangordnung der Staaten, wobei die großen Republiken, wie die Nordamerikanische Union u. die Schweiz, auch die Großherzöge königliche Ehren genießen, zum Theil nach dem Grade der Verwandtschaft der Souveräne. Vgl. König, Mrsackrum esromonials bisborioo-politieum, Lpz. 1719 f., 2Bde.; Rous- set, Orömouiol ckiplomabigus äes Ours cis I'Ln- rops, Amst. 1739, 3 Bde.; Moser, Deutsches Hofrecht, Frkf. 1754, 2 Bde. Cercopsisgans, s. Gans. Ceres, 1) so v. w. Demeter. 8) Der zuerst entdeckte der Planetoiden, durch Piazzi in Palermo (1. Jan. 1801). Cerestn, ein aus Österreich eingehendes, 1874 erfundenes Beleuchtuugsmaterial, bestehend aus einer Composition von Paraffin u. Wachs. Ccresole, Paul, schweizerischer Staatsmann, geb. 16. Nov. 1832 in Friedrichsdorf bei Frank- stirt a. M., wo sein Vater Prediger bei der Fran- zösisch-Reformirten Gemeinde war; studirte in Lausanne die Rechte n. wurde 1858 Advocat in Vevey. , Er wurde 1861 Mitglied der Commission für Aus- i arbeitung einer neuen Verfassung für den Kanton I Waadt u. 1862 des Staatsrathes, welcher diese s Verfassung einzusühren hatte, sowie 1863 Vice- i Präsident u. 1864 Präsident; 1866 trat er in den Großen Rath des Waadtlandes und erhielt 1867 einen Sitz im schweizerischen Bundesgerichte; 1870 wurde er in den BundeSrath und hier für 1872 zum Vicepräsidenten u. für 1873 zum Präsidenten gewählt. Zudem war C. 1852 als Cadet in die eidgenössische Artillerie getreten u. avancirte hier ! bis 1870 zum Obersten. Ceret, Hauptstadt des gleichnamigen Arr. im sranz. Dep. Pyreuces Orientales, am Tech u. am Fuße des Hochgebirges; eine auf 2 Felsen ruhende Brücke von einem Bogen von 45 m Spannung; Gericht I. Instanz; Gerberei, Webereien,! — Cerignola. Stöpselfabr.; 3708 Ew. — Hier 1660 Zusammenkunft der spanischen u. französischen Bevollmächtigten zur Feststellung der Grenze; im Französischen Revolutionskriege 20. April 1793 Niederlage der Franzosen durch Ricardos und 30. April 1794 Niederlage der Spanier unter dem Grasen de la Union durch die Franzosen unter Dugommier. versus (lat.), Wachslicht, Wachskerze; 0. pa- sobalis, Osterkerze (s. d.). vereus Law. (Fackeldistel), 'Pflanzengatt, aus der Fam. der Ouoteae-b!eirwooaobsas, mit meist verlängertem, aufrechtem od. kletterndem, verzweigtem, geripptem od. kantigem Stengel, keinen oder schuppenförmigen Blättern, freien Staubblättern von der Länge der langen Kelchröhre u. hervortretenden, mit Stacheln oder Schuppen bedeckten Fruchtknoten. Von den ungefähr 200, im tropischen Amerika, Westindien u. auf den Galopagos- Jnseln heimischen Arten sind sehr viele in Cultur; bemerkenswerth sind folgende: Niederliegende, mit spitzwinkeligen Kanten, vielkantigen Zweigen und seitlichen Wurzeln: 0. xrsnäiüorus Law. (Königin der Nacht), stammt aus Jamaica, bringt bei gehöriger Stärke außerordentlich große und schöne, angenehm riechende Blütheu hervor, welche sich Abends zwischen 7 u. 8 Uhr öffnen, um 11 Uhr vollkommen aufgeblüht sind u. des Morgens um 3 oder 4 Uhr schon wieder verwelkt herunterhängen. Der außen dunkelbraune, innen glänzend gelbe Kelch erreicht beinahe H in im Durchmesser. Die Blumenblätter sind rein weiß. 6. ÜLMlIikormi» Law., kriechend, mit lOkantigem Stengel, ausgezeichnet durch die äußerst zahlreichen, Hellrothen Blütheu. Ferner sind noch hervorzuheben: 6. moniliformis, liegend, sehr ästig, mit kugelrunden, zolldicken Gliedern, rothen Blüthen u. Früchten; die gequetschten Stengel werden zu Umschlägen bei Entzündungen, auch der Absud zu Klystieren angewendet; auf den Antillen. 0. pLnieuIabus DO., mit starkem, 4—6 m hohem, sehr ästigem Stamme, abstehenden, viereckigen, mit kurzen Stacheln, büschelförmig besetzen Asten, weiß u. roth gestrichelten Blüthen, großen, gelblich warzigen, säuerlich-süßen, eßbaren, auch als Kühlmittel bei Fiebern angewen- detenFrüchten; aus Westindien. 6. divurioatusDO., mir dickem, sparrig-ästigem, dicht mit Stacheln besetztem Stengel, runden, faustgroßen, außen gelben, innen weißen, wohlschmeckenden, sehr süßen Früchten; in Domingo; der scharfe Saft des Stengels ist Wurmmittel. Engter.- verevism (lat.), Bier; s. d.; daher im Stn- deutenleben der Schwur: Auf Cerevis; Cerevis« Mütze, Mütze, in welcher getrunken wird rc.; Orsvisiaruua jus, Braugerechtigkeit. Verl (fr., vom lat. eervns), Hirsch; 6. volaut, Papierdrache. Cerfontaine, Dorf im Arr. Philippeville der belgischen Prov. Namur, am Heure, Station des Grand Central Belge; Eisenhammer; 1500 Ew. Hier 1793 Sieg der Franzosen über die Österreicher. Cerignola, Stadt im Bez. Foggia der ital. Provinz Foggia (Capitanata), auf einem Berge, Station der SBahu; Bau von Mandeln u. Baumwolle; Leinenweberei; 25,131 Ew. Hier 28. April 1503 Niederlage der Franzosen durch die Svanier «22 Cerigo — unter dem Herzog Gonsalvo von Cordova; s. Frankreich (Gesch.) n. Neapel (Gesch.). Cerrgo (bei den Türken Tschecka), eine der Jonischen Inseln im Ägäischen Meere, an der SSeite des Peloponnes; mit Cerigotto u. Pori jetzt eine Eparchie der griech. Nomarchie Zante; 280 sUsüm (5,g HsM); gebirgig mit weidereichen Thälern, in denen Landbau, Rindvieh-, Ziegen- u. Schafzucht betrieben wird; die Küsten steil u. für Schisse wegen heftiger Strömungen u. Windstöße gefährlich; von dem Fruchtlande ist nicht der 4. Theil angebaut; das Klima ist mild u. gesund; Producte: Getreide, Wein, Rosinen, Südfrüchte; Hasen, Kaninchen u. Seethiere; 14,450 Ew.; von den Bewohnern verschafft sich ein Theil seinen Lebensunterhalt außer Landes n. bringt nur einen Theil des Jahres auf der Insel zu; Hauptstadt: Kapsali. — C. hieß im Alterthum Kythera; weil hier Venns (s. Aphrodite) ans Land gestiegen sein sollte, war die Insel dieser Göttin heilig, u. von hier aus verbreitete sich der Cultus der Aphrodite und des Adonis auf das Festland. Früh hatten Phöniker hier eine Colonie angelegt, welche die Mittelstation ihrer Niederlassungen in den westl. u. östl. Meeren bildete; vor 570 v. Chr. gehörte C. den Argivern, später den Spartanern. Im Peloponnesischen Kriege eroberten sie die Athener; dann wurde sie den Römern unterworfen u. bei der Theilnng des Reiches zu dem Bhzantin. Reiche geschlagen; nach dessen Untergange kam sie an Venedig; 1715 eroberten sie die Türken, mußten sie aber den Veuetianern 1718 im Passarowitzer Frieden zurückgeben. Seit 1797 theilt sie die Schicksale der Ionischen Inseln (s. d.). Cerrn, 1) (Allanit, Min.k, ein ceriumhaltiges Mineral, welches seltener in ausgebildeten Kry- stallen des monoklinen Systems, ähnlich denen des Epidotes u. Orthitcs, häufiger derb u. undeutlich krystallisirt, gewöhnlich in Begleitung des Cerits vorkommt; es ist schwarz, Strich gelblich bis grünlich-grau; Bruch muschelig oder uneben; Härte 5—6; spec. Gew. 8,45—3,7^; besteht aus kieselsaurer Thonerde, in Verbindung mit kieselsaurem Eisenoxydul, Ceroxydul, Lanthanoxyd u. Calciumoxyd; findet sich in Riddarhytta in Schweden, in Norwegen, Grönland, NAmerika u. bei Schmiede- seld im Thüringer-Walde. 2) (Chem.) C. wurde früher der in Alkohol lösliche Theil des Bienenwachses genannt; derselbe ist freie Cerotinsäure Hs. d.). C. wird auch ein durch kochenden Alkohol aus der Korksubstauz ausziehbarer Körper genannt, der sich beim Erkalten weiß krstallinisch abscheidet. Oerintdo L. (Wachsblume), Pflanzengatt, aus der Farn, der ^8psrikoliag-8oria§ineas-0srin- tlroas (V. 1), kahle, blau-grün bereifte Pflanzen mit mittelgroßen, in beblätterten Wickeln stehenden Blüthen, mit walzig-glockiger, bzähniger Blumenkrone ohne Hohlschuppen, mit 5 pfeilförmigen, an der Basis zusammenhängenden Staubbeuteln und mit einer Frucht, bei welcher die 2 Clausen jeves Fruchtblattes zu einer ovalen, Lsächerigen Theil- frucht verwachsen sind, welche mit flachem Grunde der unterweibigen Scheibe aussitzt. Arten: 0. mi- nvi mit länglich-spateligen Blättern u. hellgelber Blumenkroue, deren Zähne linealisch-spitz u. aufrecht zusammenneigend sind, u. mit Staub- Cerographie. beuteln, welche 4mal so lang sind, als der Staubfaden; namentlich in SDeutschland auf Äckern u. an Wegrändern verbreitet. 0. major L., weicht von der vorigen durch die Staubblätter ab, deren Staubfäden und Staubbeutel gleich lang sind; in den Berner-Alpen u. Sibirien heimisch. 6. alpin» Litt, ist durch die kurz-eiförmigen zurückgeschlagenen Zähne der Blumenkrone von 6. minor verschieden; sie findet sich vorzugsweise in STirol, auch in Steiermark u. anderen Theilen der Alpen. Engter.» lloriss (fr.), Kirsche. Cerrt (Cererit, Ccrinstein; Min.), das gewöhnlichste ceriumhaltige Mineral, in welchem Hisinger u. Berzelins 1804 das Cerium entdeckten; kommt selten krystallisirt in hexagonalen Säulen vor, fast immer feinkörnig; hellbraun bis kirschroth und dunkelröthlich-grau, fettglänzend u. besitzt weißen Strich; Härte 5—6; spec. Gew. 4,gg; besteht aus kieselsaurem Ceroxydul, Lanthanoryd u. Didym- oxyd mit Wasser; kommt hauptsächlich in Riddarhytta in Westmanland in Schweden vor. Lehmann.' Cerithien, fossile Schnecken, namentlich in den Grobkalken des unteren Tertiärs. veritkium, s. Schnecken. lleriti (lat.), Wahnsinnige, von der Ceres Be- thörte, denen man Weissagungen zuschrieb. Cerrum (Cer, eigentl.Cererium;Chem.), ein zur Gruppe der Erdmetalle gehörendes chemisches Element (chem. Zeichen 6o, Atomgewicht — 92). Es ist von bläulich-weißer Farbe u. auf frischen Flächen stark metallglänzend, läuft aber an der Lust rasch an. Es ist weich u. geschmeidig; spec. Gew. — 5,g. In der Rothgluth verbrennt es; das Wasser zersetzt es auch in der Siedehitze nur langsam, in verdünnten Säuren löst es sich leicht auf. In der Natur findet es sich (neben Lanthan u. Didym) als wesentlicher Bestandtheil in einigen seltenen skandinavischen u. grönländischen Mineralien, namentlich im Cent, ferner im Cerin, Orthit, Ga- dolinit n. a., aus denen es auf sehr umständlichem Wege dargestellt wird. Es wurde 1803 fast gleichzeitig von Klaproth u. Berzelins entdeckt u. von Letzterem zu Ehren des 1801 anfgefundeiien Planeten Ceres benannt; aber erst 1843 von Mo- sander rein dargestellt. Mit Sauerstoff liefert es , zwei Verbindungen: Ceroxydul OsO und Ceroxydoxydul 602O4; ersteres ist ein weißes Pulver, das an der Luft durch Aufnahme von Sauerstoff sich dunkler färbt, letzteres ist ebenfalls weiß, an der Luft aber unveränderlich u. färbt sich beim Erhitzen vorübergehend orangeroth. Me Existenz anderer Verbindungen (Ceroxyd, Cersuperoxyd) ist fraglich. Mit Chlor verbindet es sich zu Cer- chlorür (OsOIz), einer weißen, zerfließlichen Salzmasse, mit Schwefel zu Cersulfuret, kleinen gelben Krystallblättchen. .Hetzer. Cernagora, s. v. w. Montenegro. Cernay, s. Sennheim. Cerniren (v. Lat.), 1) wahrnehmen, beobachten; 3) einschließen, umringen; vgl. Blokiren. Cerographie (v. Lat. u. Gr.), eine neue Art Stich (LnAravinA), bei dem der Stich vieler Gegenstände mit einer Schnelligkeit ansgeführt werden kann, welcher der des Steindruckes sehr nahe kommt u. die Ausgabe für eine zur Presse vorbereitete Cerolith - Platte geringer ist, als für eine Platte von Kupfer und Holz. Die Platte kann stereotypirt und der Druck auf gewöhnlichen Druckpressen ausgeführt werden. Cerolrth (Wachsstein, Min.), kommt in Begleitung des Serpentins in derben, fettglänzendeu Massen von grünlicher Farbe vor, ist ein wasserhaltiges Doppelfllicat von Thonerde u. Magnesia n. findet sich bei Frankenstein in Schlesien n. an verschiedenen Orten Sachsens. Cerons, Dorf im Arr. Bordeaux des franz. Dep. Gironde, an der Garonne, Station der SBahn; Weinbau; 1223 Ew. eoropogia Pflanzengatt, aus der Fam. der L 8 oIoxiaiiög.e- 8 taxsIioae-OoroxeAisas (V. 2), windende Pflanzen mit krugförmiger, in der Mitte stark u. dann nochmals unterhalb des gefalteten Saumes zusammengezogener Blumenkronenröhre und zusammenneigenden Abschnitten der Blnmen- krone; Frucht 2 aufrechte Balgfrüchte mit laugbehaarten Samen. Arten, in Ostindien und am Vorgebirge der guten Hoffnung: 6 . Ganckslabrnm pps (Leuchterblume), mit Hangenden, Dolden bildenden, aber dabei aufgerichteten, rotheu u. gelben Blumen in Form eines Kronleuchters; auf der Küste von Malabar in Wäldern. Die Blätter werden äußerlich gegen Gliederschmerzen u. Blähungen gebraucht; die jungen Triebe anderer Arten werden als Gemüse genossen. Engter? Cerosrn (Chem.) 624 U^O, ein die Rinde des Zuckerrohres als weißer Staub bedeckendes Wachs, welches mit dem Messer abgeschabt und j durch Auflösen in heißem Alkohol gereinigt wer- ^ den kann; feine perlglänzende Blättchen, in Wasser, kaltem Alkohol u. Äther unlöslich. Clären. Ceroten (Chem.) 627 H 54 , ein dem Paraffin ähnlicher krystallinischer Kohlenwasserstoff, welcher beider trockenen Destillation des chinesischenWach- ses entsteht. Es schmilzt bei 57—58°. Nach neueren Untersuchungen scheint es auch im Wiesenheusette vorznkommen. Clären. Cerotin, so v. w. Cerylalkohol. Cerotinsäure (Chem.) die dem Cerylalkohol entsprechende, zur Fettsäurereihe gehörende Säure; kommt im freien Zustande im Bienenwachse vor, dessen in Alkohol löslichen Be- standtheil sie ausmacht; im chinesischen Wachse findet sie sich als C.-Ceryläther. Man erhält sie aus Cerylalkohol durch Erhitzen mit Natronkalk. ^ Sie bildet eine wachsartige, krystallinische, bei j 78° schmelzende weiße Masse, unlöslich in Wasser, > löslich in kochendem Alkohol u. Äther. Bei Luft- l abschluß vorsichtig erhitzt, läßt sie sich unzersetzt ) deslilliren. Clären. Ceroxylm (Chem.) OioUgzO, krystallisirbares Harz, Bestandtheil des von Iriartsa (Lsroxzckon) anäioola stammenden Palmwachses, durch Alkohol ^ ausziehbar; bildet feine weiße Nadeln, die über ! 100° schmelzen, in Alkohol, Äther, ätherischen u. fetten Ölen löslich. Clären. Lsrox>Ion L >K L, s. Iriariea. Cerquozzi, Michelangelo, gen. Michelangelo delle Battaglie, berühmter ital. Genre- U. Schlachtenmaler, geb. 1602 in Rom, gest.1660; war Schüler Gobbos di Cortona, trat aber dann in die Fußtapfen Bamboccios u. erreichte diesen u - Cerrito. 623 die anderen Niederländer der gleichen Richtung wenigstens in seinen besseren Bildern, wobei er namentlich das Leben der Lazzaroni mit Vorliebe behandelte. Außerdem malte C. Märkte und Schlachten, letztere indeß nicht ohne eine gewisse Flüchtigkeit. An seinen Bildern rühmt man packende Naturwahrheit neben poetischer Auffassung n. ein sehr kräftiges Colorit. Nicht minder geschätzt sind seine Frucht- u. Blumenstücke. Werke im Louvre: Treffen in den Pässen bei Lissa; Jtal. Possenspiel (dort als Werk Alb. Altdorfers bezeichnet); im Berliner Museum: Einzug des Papstes in Rom; in München: ein Schuhflicker u. eine Erholung nach der Jagd; in der Dresdener Galerie: eine Schlachtscene, u. anderwärts. Regnet. Ccrreiche (Hnörons osrris T.), s. Eiche. Cerretaner s. Cerdagne. Cerreto« Neun Gemeinden in Italien führen diesen Namen; darunter: 1) C. Sannita, Hauptort des gleichnam. Bez. der ital. Prov. Benevento, nahe am Flusse Cusano; Bischofssitz; geistliches Seminar; Hospiz; Tuchweberei; vorzüglicher Wein; 6089 Ew. 2) C. Guidi, Gem. im Bez. San Miniato der Provinz Florenz; 6061 Ew. 3) C. di Spoleto, Gem. im Bez. Spoleto der Prov. Perugia; 1918 Ew.; daher sollen alle Marktschreier (Orretoni) in Italien stammen; es ist auch der Geburtsort Giov. Pentanos. Cerretti, Luigi, ital. Dichter, geb. 1 . Nov. 1738 in Modena; wnrde 1765 Professor der Geschichte u. Beredtsamkeit, nach Errichtung der Cisalpinischen Republik Mitglied der Commission für den öffentlichen Unterricht, dann Gesandter beim Herzog von Parma; 1799 Studiendirector in Bologna geworden, mußte er beim Einmarsch der Österreicher u. Russen flüchten u. hielt sich in Frankreich auf; nach seiner Rückkehr trat er wieder in seinen früheren Posten ein, wnrde 1804 Professor der Beredtsamkeit in Pavia; st. das. 5. März 1808. Er schr.: Isbitnxionl cki slogneora, Mail. 1811, 2 Bde.; Gedichte u. prosaische Aufsätze, ebd. 1812, 2 Bde. Cerrito, Fanny, ital. Tänzerin, Tochter eines neapolitanischen Offiziers, geb. im Febr. 1823 zu Neapel; Schülerin der Balletmeister Jtro u.Paradice, trat sic, kaum13J. alt, zuerst auf dem S.-Carlo-Theater ihrer Vaterstadt mit bedeutendem Erfolge, dann in Florenz, Rom, Turin u. Venedig auf. Hierauf 2 Jahre am Wiener Kärntner- Thor-Theater engagirt, ging sie nach Verlauf dieser Frist nach Paris, wo sie in der Großen Oper glänzende Triumphe feierte. Seit 1840 prodncirte sie sich 5 Jahre hinter einander während der Saison in London, m zwar mit u. neben ihren gefeierten Colleginnen Carlotta Grisi, Maria Taglioni u. Fanny Elßler. Unter den ehengenannten Tänzerinnen, den bedeutendsten ihrer Zeit, war C. diejenige, welche das Naive, Liebliche am besten zum Ausdruck brachte, worin sie namentlich die plastische Schönheit ihrer Gliedey die Leichtigkeit des ganzen Auftretens, der Bewegung, wie auch eine nicht zu große Figur unterstützten. Sie war vermählt mit dem Tänzer u. Violinvirtuosen Saint-Leon, ließ sich aber 1850 in Paris von ihm scheiden. Gleichzeitig trat sie von der Bühne zurück, nachdem sie vorher 624 Cerro — Oemira. hauptsächlich noch Deutschland, wie auch England, Italien u. Frankreich bereist hatte. Kürschner. . Cerro (span.), Höhe, Berghöhe, daher in Spanien u. Mittel- u. SAmerika Namen mehrerer Berge u. Pässe u. hochliegender Orle, mit nachfolgender Benennung der Localität. Cerro Colorado, Gebirgszug in der span. Prov. Huelva (Andalusien). In ihm die berühmten Minen von Rio Tinto, die, schon von den Römern stark ausgebeutet, den Spaniern dann zu einer geringen Kupsergewinnung dienten; in neuester Zeit von einer englischen Gesellschaft zur Hebung der reichen Erzlager gepachtet. Cerro de Paseo, Hauptstadt des Dep. Junin in Peru (SAmerika), auf der Hochebene von Bombon, 4352 m ü. d. Meere, in unfruchtbarer u. öder Gegend; Berg- u. Handelsgericht; 14,000 Ew., meist Indianer u. Mestizen. Berühmt durch die reichen Silbergruben, deren Ertrag, mit Inbegriff jener des nahen Lauri cocha, schon früher groß, in neuester Zeit noch zugenommeu hat (1630—1792 jährl. 200,000 Mark, 1833 244,071 Mark, 1859 3,333,333 Pesos. Nach Großbritannien werden jährlich 4—5 Mill. Doll, ansgeführt. Das Silbervorkommen wurde 1630 von einem Indianer entdeckt. Cerro Gordo, 1) Bergpaß in Mexico, zwischen der Hauptstadt u. Veracruz. Hier 18. April 1847 Sieg des nordamerik. Generals Scott über den Präsidenten Santa Anna; danach benannt. 2) Coumy im Nordamerika!!. Unionsstaate Iowa, u. 43° n. Br. u. 93° w. L.; 4722 Ew.; Countysitz: Mason City. Certaldo, Flecken im Bez. San Miniato der ital. Prov. Florenz, an der Elsa, Station der Röm. Eisenbahn; Wein u. ölbau; 7120 Ew. Von hier stammten I. Boccaccios Eltern (daher sein Geburtsort gen.), u. hier starb er. Oertämon (lat.), Wettstreit, Wettkampf. Certificat (v. Lat.), 1) überhaupt ein Be- glaubignngsschein. 2) Beim Creditpapierhandel a) die auf den Inhaber (an portsnr) lautenden Staatsschuldbriefe, Staatsobligationen (Ltooko), zum Unterschiede von den aus Namen lautenden, den sogen. Jnscriptionen, u. b) die für erste Theil- zahlungen auf ausgeschriebene Anleihens- oder Acticnemissionen von den mit der Emission betrauten Geldinstituten ausgesertigten, zum späteren Austausch gegen die Obligationen selbst bestimmten, börsenmäßig verkäuflichen!!, verzinslichen Empfangsbestätigungen. 3) Beim Zollwesen, a) die Ursprungs-C-e (6-s ä'origins), durch welche die Abstaminnng von Maaren od. Producten aus einem Staate, mit welchem ein anderer eine Übereinkunft über Verkehrserleichterungen überhaupt, od. eine Zollbegünstigung für die Einfuhr bestimmter Güter abgeschlossen hat, zur Erlangung der letzteren bestätigt wird; b) die Decla- rarions-C-e, durch welche von auswärtigen Behörden od. Consulateu der Marktpreis solcher Maaren beglaubigt wird, für welche bei der Einfuhr die Abgabe einer Waarenerklärung behufs Berechnung des bestehenden Werthzolles erforderlich ist; o) die Ausgangs-C-e für Gegenstände, die aus einem Theil des Zollgebietes in den anderen über die See, über Las Ausland, oder einen Zollausschluß versendet od. bezogen werden, sowie für Maaren, welche ans bestimmte größere Meßplätze von accreditirten Kaufleuten unter Er- theilung eines offenen Zollcredits (Meß-Conto) - eingeführt u. von dort ins Ausland weiterverkauft werden. 4) Beim englischen Fallitenwesen das von den Curatoren der Concursmasse aus- gestellte Beglaubigungsdocument, kraft dessen die ^ von Seiten des insolventen Schuldners erfolgte g Auslieferung seiner gesammten Activa, sowie dessen ^ unbedingte Unterwerfung unter das Gesetz aus- gesprochen wrcd. Maurus. Certioriren (v. Lat.), gewiß machen, unter- - richten, belehren; daher Certioration, Belehr- ung von einer bisher unbekannten Sache; wird besonders bei des Rechtes Unkundigen, z. B. Frauenzimmern, Unmündigen rc., von Seiten des Gerichtes angeordnet, wenn sie eine Verbindlichkeit eingehen od.' einen Verzicht leisten sollen, damit sie über die Folgen, die sich an einen solchen Act ^ knüpfen, nicht im Zweifel sein können; im Falle j die Certioration unterblieb, ist der Act nngiltig. i Certircn (v. Lat.), 1) streiten, wetteifern; be- s sonders 2) auf Schulen das Wetteifern um die 1'! Plätze durch schriftliche Probearbeiten, od. durch s mündliche Prüfungen. f Certosa (ital.), so v. w. Karthanse, Karthäu- z serkloster). La C. di Pavia, Dorf u. Schloß S ! unweit Pavia, 1396 von Giov.Galeazzo Visconti S gegründetes, von Joseph II. aufgehobenes, später L wieder bevölkertes Karthäuserkloster, mit dem Grabe der Visconti, mit reichem architektonischem x Schmuck, die Faxade in Frührenaissance, das In- A nere romanisch u. gothisch; in der Vorhalle Fres- L ken von Luini, in der Kirche u. ihren Kapellen A Gemälde von Borgognone, Guercino, Perugino, A Sculpturen von Amadeo u. A. In dem Thier- k garten von C. wurde Franz l. von Frankreich »ach L der Schlacht bei Pavia, 24. Febr. 1525, gefangen, k Beschreibung des jetzt verödet stehenden Klosters S von Pirovano, Mail. 1823, u. Durelli, ebd. 18SS. Oorumen (lat.), Ohrenschmalz, der von den x Drüsen des äußeren Gehörganges abgesonderte, ^ gelbliche, an der Lust zu Borken erhärtende, bitter f schmeckende Stoff. ^ Leimes (Harpzcks OsHssnA.), Schmet- ! terliugsgatt. ans der Fam. der Spinner. Dahin ! , der Bandweidenspinner, Gabelschwanz od. Hermelinvogel (6. Vinulg. T,). Die Raupe ohne Z die Hinterleibsgabel 6 ein lang; hellgrün, oben Z grau, beide Farben durch ein weißes Zickzackband getrennt; der kapnzenförmige Halsringel ist gelb- 4 lich u. rosenroth mit 2 schwarzen Tupfen; lebt »I im Sommer namentlich auf Zitier» u. Schwarz- 14 pappel, Weide u. Linde, deren Blätter sie frißt. 1 ^ Die stumpfe, dunkelbraune Puppe findet sich aus f > der Erde zwilchen Holzstücken oder an Stämmen ° und Zäunen. Sie liegt in einem Gespinnste, in welches Erde u. abgenagte Holzsplitter eingesponnen werden. Der Schmetterling fliegt im Mai ^ od. Juni des folgenden Jahres; er ist graulich, ! mit vielen Zickzacklinien u. rothen Adern auf den s Vorderflügeln; der Hinterleib mit schwarzen, in der § Mitte abgebrochenen Ringen. Seine Größe beträgt 50—55 mm. Er ist in Europa bis Lappland hinauf nicht selten. Thom«. Oerussa — Cervantes-Saavedra. 625 Oeeusss (lat.), Bleiweiß. Cerutti, 1) Giuseppe Aut. Gioachimo, geb. 13. Juni 1738 in Turin, Jesuit; wurde Professor am Jesuitencollegium zu Lyon. Als die Existenz des Jesuitenordens in Frage gestellt wurde, schrieb er seine ^xoloZis äs 1'institnt äos ässnites, 1762, welche zwar die Aushebung des Ordens nicht verhinderte, ihm aber die Gunst des Königs Stanislaus verschaffte. Unglückliche Liebe bewog ihn später, sich auf ein Landgut der Herzogin von Biancas znrückzuziehen. Beim Ansbruch der Revolution war er in Paris, wo er sich der Bewegungspartei anschloß, mit Mirabeau in enge Verbindung trat u. die illenills villaxeoiss herausgab. Die Verdienste, die er sich durch dieses Blatt um das Landvolk erwarb, verschafften ihm die Stelle eines Administrators des Seine-Departements u. den Eintritt in die Lsssm- blös legislative. C. st. 3. Fcbr. 1792. Er schr.: llömoirs snr la nseessits äss oontribntäcms pa- tnotignes; die didaktischen Gedichte: lies jarärns äo Letu, Par. 1792, u. Iw sen ä'solwos; mehrere Satiren, Reden u. Preisschriften. Eine (unvollständige) Sammlung seiner Werke: Oeuvres äiverses äs 6., von Desenne, Par. 1793, 3 Bde. 2 ) Johann Peter Ludwig, Mediciner, geb. 24. Aug. 1789 in Zeitz; promovirte 1814, nahm dann eine Stelle als Hilfsarzt u. Unterlehrer am Leipziger klinischen Institut an, gründete 1817 die Kinderpoliklinik u. später mit I. K. W. Walther eine chirurgisch-poliklinische Anstalt, wurde 1827 außerordentlicher Professor für specielle Pathologie u. Therapie, 1839 ordentlicher; st. 28. Juli 1858. Er schr.: Das pathologische Museum, Lpz. 1822—25; Rariorss woustri in mnsso anatomioo Inps. asssrv. äeser. anatom., ebd. 1827; kliarwaeoxosa aä panporss euranäos as- oomoäata, ebd. 1829; gab 1821 die Sammlung sächsischer Medicinalgesetze heraus u. veröffentlichte eine Menge Aufsätze in Meckels Archiv für Anatomie u. Physiologie, Schmidts Jahrbüchern, Erdmanns Journal für Chemie, der Dresdener Zeitschrift für Natur- u. Heilkunde, Pohls Archiv für Landwirthschast rc.; außerdem hat er noch verdienstvolle Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen (Granville, Magendie, Förster, Miguel rc.) u. eine Beschreibung der Präparate des Anatomischen Theaters inLcipzig besorgt, 1819. 1) Dolchert. 2) Thamhayn. Ccrväntes-Saavcdra, Miguel de, berühm- ter spanischer Dichter, geb. 9. Octbr. 1547 in Alcala de Henares; ging nach Madrid, wo er Elegien, Romanzen, Sonette und den Schäfer- roman Msna dichtete. Dürftigkeit nöthigte ihn, sein Vaterland zn verlassen; 1559 trat er in Italien als Kammerdiener bei dem Cardinal Aquaviva in Dienste, nahm 1570 Kriegsdienste als Offizier gegen die Türken, erhielt bei Lepanto eine Kugel in Len Arm, wodurch dieser steif wurde, machte dann die Züge gegen Navarin, Tunis u. in der Lombardei mit. Im Begriffe, 1575 nach Spanien zurückzukehren, ward er von einem algerischen Corsaren gefangen u. nach Algier verkauft; erst 1580, nach manchen mißlungenen Befreiungsversuchen, losgekauft, kehrte er 1581 nach Spanien zurück, trat wieder in sein Regiment Pierers Universal-ConversationL-Lerikon. 6. Ausl. I u. machte mit diesem einen Feldzug nach den Azoren mit. Seit 1583 privatisirte er, mit seinen Dichtungen beschäftigt; 1588—99 lebte er zu Sevilla, ein kleines Amt bekleidend. Nachdem er in seinen letzten Jahren an dem Grasen von Lemos einen Gönner gefunden hatte, st. er 23. April 1616 in Madrid, wo ihm 1835 zu Eingang des Prado ein Denkmal gesetzt wurde. Er schr. außer genannten Werken den Schäferroman Oalatsa, Madr. 1584, n. Ausl., ebd. 1788, 2 Bde., deutsch von Mylins, Berl. 1787; an 20 Dramen, von denen das Trauerspiel Nuinaveia von Fouque 1810 ins Deutsche übersetzt wurde, viele aber verloren waren u. erst in neuester Zeit wieder gefunden sind (z.B. Die Galeere von Algier, Die Seeschlacht, Das Hans der Eifersüchtigen, lüntrstoniäa, Die Verwirrte, Jerusalem, Die einzige u. seltsame Arcinde, Amaranthe, Der Liebeswald, Die große Snltanin), ferner 9 Zwischenspiele. 1615 wurden 8 Schauspiele (Oomsäias) u. 8 Zwischenspiele (Lntrsms- sss) gedruckt. Sein wegen vorzüglicher Hnmoristik und feiner Satire berühmtestes Werk ist der die phantastische Hinneigung zu einem vergangenen u. zugleich falsch vorgestellten Ritterthum geißelnde Meisterroman: Don Quijote de la Mancha(s.d.), Madr. 1605—15, 2Thle., Prachtausgabe, Madr. 1780, 3 Bde., von Pellicer, ebd. 1798, 9 Bde., v. Benecke, Lpz. 1800—7, 6 Bde., Berl. 1805, 6 Bde., Par. 1814, 7 Bde., Madr. 1819, 5Bde., Lpz. 1860, 2 Bde., mit Commentar von Cle- mencin, Madr. 1833—39, 6 Bde., herausgeg. von E. Hartzenbnsch, Argamasilla 1863, 4 Bde., ebd. 1871 ff. (die Lä. xrins. von 1605 in Me- tallophotographie). Das Werk ist in alle lebenden europäischen Sprachen u. selbst in das Lateinische mehrfach übersetzt, deutsch Erf. 1669, Basel 1683, 2 Bde., von Bertuch, Weim. 1775—77 u. 1780, 6 Bde., von Tieck, Berl. 1799—1801, 4 Bde., 3.Aufl., 1831, billigeAusg., Berl. 1852, 2Thle., neueste (Pracht-)Ausg. mil Jllustr. von G. Dorh, Berlin 1875; von Soltau, Königsb. 1801—6, 6 Bde., n. Aust., Lpz. 1837, mit dem Leben des C. nach Viardot u. einer Einleitung von H. Heine, Pforzh. 1837—39, 2 Bde., Zoller, Hildburgs,. 1867. — Da C. den 2. Theil des Don Quijote so lauge verzögerte, so setzte Fr. Luis deMaga, nachmals Beichtvater des Königs, unter dem Pseudonym Alfons Fernandez von Avellaneda diese Geschichte fort als LsAnväo toma äel inAenioso Don (jui- jots äs In Nnnolia, Tarragona 1614, über die C. sich in.seiner eigenen Fortsetzung des Don Quijote (1615) lustig machte. Außerdem schrieb C. 12 sehr geschätzte Hovelas sjemplares, theils ernsten, theils komischen Inhaltes, 1613; Via§e äel karnnso (in Versen, über den Verfall der spanischen Dichtkunst zur Zeit des C.), 1614; dazu ein Anhang: L.äjnntn al knrnsso (zur Empfehlung seiner Schauspiele), n. Aust., 1829; einen Roman Rrabajos äs kersiles v LiAis- munän, 1617, deutsch von Butenschön, Heidelb. 1798, Lpz. 1837, 2 Bde. Werke: Madr. 1782, n. Aust., 1804, 16 Bde., darin Lebensbeschreibung von Don Vicente de los Rios, Par. 1840 f.; Auswahl von A. Garcia de Arrieta, Par. 1826 bis 1832, 2 Bde. Sämmtliche Werke (in 1 Bd.) in einer schönen kritischen Ausgabe von B. C. V. Band. 626 Corvarv — Cesari. Anbau, Madrid 1851 f.; mehrere seiner vorher unveröffentlichten Werke gab Adolso de Castro, Madrid 1874, heraus. Eine Übersetzung seiner säinmtliche Werke lieferte Förster, Qnedlinb. 1825, 12 Bdchn., Keller u. Nottcr, Stuttg. 1840—42, 10 Bde., 1840, 5 Bde., Pforzh. 1839 ff. — C. hat das große Verdienst, durch seinen Don Quijote zuerst die span. Literatur ans dem bombastischen Schwulste der Nitterromane jener Zeit herausgehoben u. sie auf die achtunggebietende Höhe geschmackvollen n. gewandten Ausdruckes hingelenkt zu haben, die das gesammte Schriftenthum der Spanier einnimmt. Sein klarer, anmuthiger Stil zog unwiderstehlich seine Feinde, Neider, Freunde u. Gönner zur Nachahmung heran. S. hierüber Anbau (in seiner Gesammtansgabe der Odras äs 0. Lasveärg., Madr. 1851 fs., u. unter d. Art. Spanische Literatur. Booch-Arkossy? Cervaro, Stadt im Bez. Sora der ital. Prov. Caserta (Terra di Lavoro), am gleichnam. Fluß, Station der SBahn; 4836 Ew. Cervelatwurst (v. ital. oervsttata), ans rohem Schweinefleisch bereitete u. unter Zutritt des Luftzuges über Holzdampsen geräucherte Wurst. Ccrvena, s. Kriwina. Certicra, Stadt in der span. Prov. Lerida, am gleichnam. Flusse (Nebenfluß desSegre); alte Festung; Universität, gestiftet 1717, später nach Barcelona verlegt; 4500 Ew. Cervla, Hafenstadt im Bezirke u. der italien. Prov. Ravenna, am Adriatischen Meere; Bischofssitz; mehrere Kirchen u. Klöster; großes Krankenhaus; 6035 Ew. Westlich von der Stadt ist der große Salzsumpf Balle di C., aus welchem jährlich zwischen 4- u. 500,000 Ctr. Salz gewonnen werden. Im Mitelalter gab es souveräne Herren von C. ltervlns, hirschartige Wiederkäuer. Cerviöne, Flecken im Arr. Bastia des sranz. Dep. Corsica, unweit des Meeres; Hafen; Bischofssitz; guter Wein; Handel mit Landesproduc- ten; 1615 Ew. C. war eine Zeit lang Residenz des Königs Theodor. Cervola, Arnold von, Bandenführer des 14. Jahrh., der Erzpriester genannt, weil er, obwol nicht geistlich, im faktischen Besitze von Pfründen stand; diente erst Frankreich gegen die Engländer, u. zog dann seit 1365 brandschatzend umher, namentlich in das Elsaß, u. bedrohte Basel, als ihn das Erscheinen der Schweizer von da verscheuchte; er st. schon 1366. ltervus (lat.), der Hirsch. Cerylalkohol (Cerotylalkohol, Cerotill, Chem.) 8^0, wird ans verschiedenen Wachsarten, namentlich aus dem chinesischen Wachse, erhalten, in welchem er als Ccrotinsäure-Ceryläther vorkommt. Durch Schmelzen des Wachses mit Kalihydrat bildet sich cerotinsaures Kali und C., welcher durch Behandlung mit Äther u. Verdunsten der ätherischen Lösung erhalten werden kann. Er bildet eine kristallinische, fettig anznfllhlende Masse, die bei,79° schmilzt, in Wasser unlöslich, in Alkohol u. Äther löslich ist. Bei sehr hoher Temperatur destillirt er theilweise unzersetzt, während ein anderer Theil dabei in Wasser und Ceroten zerfällt. Durch Einwirkung von Oxydationsmitteln, namentlich auch durch Schmelzen mit Natronkalk, geht er in Cerotinsäure (s. d.) über. Clönn Version, so v. w. Kielkäfer. Oes, der um eine halbe Swfe erniedrigte Ton s, dem Tone d im Klange gleich. Cesalpini, s. Cäsalpinns. Cesar, Joseph, deutscher Bildhauer u. Me- dailleur, geb. 1814 in Hernals nächst Wien; sollte Geistlicher werden, trat aber 1829 bei dem Graveur u. Kunstschlosser Wielthalm als Lehrling ein und lernte von 1832 an der Akademie bei Schalter n. Kacßmann Plastik, bei Pichler Grcrviren u. Stein- schneiden. Von 1836—42 bildete sich C. in Rom, bereiste 1845 Deutschland, Frankreich u. England, um die Einrichtung der Münzwerkstätten kennen zu lernen, u. ward 1848 Professor an der Wiener Akademie. Bald darauf widmete er sich ganz der Knnstindustrie und arbeitete u. a. den bekannten O'Donnel-Schild in Silber, einen Tafelaufsatz für den Erzherzog Leopold, ein Jagdstück um mehr als 30 Figuren u. das Goldene Buch der Stadt Wien. Seit 1856 ist C. Modellir-Prostssor an zwei Realschulen Wiens. Andere Werke: Die heilige Helena (Bronzegnß), in Jerusalem (1854); Chemie u. Physik, Sandsteinstatueu am Polytech- technicnm in Wien; Statue des Architekten Fischer von Erlach auf der Elisabethbrllcke das.; 15 Por- trätmedaillons in Cement an den Logenbrüstnn- gen des neuen Opernhauses das. rc. Regnet. Cesäre, Giuseppe, Cavaliere di, italienischer Geschichtschreiber, geb. 1783 in Neapel; war Ge- neralzolldirector, wurde wegen Theilnahme an der j politischen Bewegung des I. 1827 seines Amtes entsetzt; nachdem er 1848 vorübergehend den Posten eines Generalintendanten von Bari bekleidet hatte, lebte er seinen Studien u. der Literatur; er st. 15. April 1856 in Neapel. C. schr. u. a.: Ltoris, äi Llankrsäi re äi Limita, Neap. 1837, 2 Bde., u. den historischen Roman Lriigo äi ^dimte. i--' Cesari» 1) Alessandro, eigentlich Cesati, genannt Greco (der Grieche), Steinschneider u. Medailleur; lebte um 1550. Hauptwerke: eine -Cainee mit Phokions Kopfe; die Medaille mit Pauls II. Kopfe; ein Carneol mit Heinrichs HI. Kopfe. 2) Giuseppe, genannt Josepin od. Cavaliere d'Arpino, Maler, Manierist, geb. uni , 1568 zu Arpino; genoß seiner Zeit einen bedeu- ! , tenden Ruf, wurde unter die Maler des Vaticank s ausgenommen, ging 1600 mit dem Cardinal Al- > dobrandini nach Paris, beherrschte, zurückgekehrt, mit seiner Schule den Kunstgeschmack in Rom; ei st. daselbst 1640. Werke im Vatican und dev Kirchen von Rom, Neapel, Monte Cassino. Seim Cabinetstücke sind noch jetzt beliebt. 3) Antonio, geb. 16. Jan. 1760 in Verona; widmet! sich dem geistlichen Stande u. trat in den Orden des St. Philipp von Neri, machte sich als Sprachforscher auch außerhalb seines Vaterlandes einet! Namen u. wurde von fast allen europäischen Ata- ! demien znm Mitglieds erwählt; st. 1. Oct. 1828 i in Ravenna. Er veranstaltete eine neue Ausgabe ; des Voeaboiario ästig, Ornsea, Ver. 1806, 6 Bde, u. schr.: Stenns Novelle, Vened. 1810; I-e statt» presente ästig, lingua, itat., Ver. 1810, Mail. 1829; I-e §ra,me, ebd. 1829; töetlsWS äi Drucks, 627 Cesarotti - Vened. 1824 — 26, 4 Bde., u. ö.; übersetzte des Horatius Oden, Wer. 1817, Ciceros Briefs Mailand 1845, Terentius, Ver. 1806, Neap. 1834, und gab mehrere altere italienische Schriftsteller neu heraus. Cesarotti, Melchiore, italienischer Dichter, Übersetzer und Philolog, geb. 15. Mai 1730 in Padua; war erst Lehrer der Rhetorik daselbst u. 1762 — 68 Hofmeister im Hause Gimani in Venedig, wurde 1768 Professor der hebräischen n. griechischen Sprache in Padua, 1779 Secretär der Akademie der Wissenschaften u. Künste; er st. 3. Nov. 1808 auf seinem Gute Solvaggiano. Er übersetzte metrisch den Ossian, Pad. 1763, 2 Bde., u. ö., u. Homeros' Jliade, Ven. 1795, die Biographien Plutarchos', Pad. 1763, 2 Bde.; erschr.: Langio sulla Äosoüa äslls linZuo, Par. 1785, Pisa 1800; krousa (Gedicht an Napoleon), 1807. Werke (von Barbiere beendigt), Pisa 1805 —13, 42 Bde.; Oxers soslts, Mail. 1820, 4 Bde. Booch-Arwffy." Cesena, Hauptstadt des gleichnam. Bez. der ital. Prov. Forli, Station der SBahn; mehrere schöne Paläste u. Kirchen, kolossale Marmorbildsäule Papst Pins' VI., mittelalterliche Kathedrale; Bis- thmn; theologisches Collegium, Technische Schule; Bibliothek des Malatesta; Gesellschaft für Ackerbau, Künste u. Gewerbe; Hospital, erbaut von Papst PmS VII., der hier geboren ist; Seidenweberei, Schwefelraffinerie; Hanfbau; im Gemeindebezirke 35,870 Ew.; dabei schöne Kirche der Sta. Maria del Monte; in der Umgegend reiche «chwefelgruben. — C. ist das Caesena der Alten; im Mittelalter hatte es eigene Herrscher ans verschiedenen Patri- cierfamilien, namentlich aus dem Hanse Malatesta, welchem Papst Alexander VI. die Herrschaft entriß, um sie seinem Sohne Cesare Borgia zu übergeben; nach dessen Tode fiel C. dem Kirchenstaate anheim, bei dem es verblieb, bis das Königreich Italien auch die Nomagna annectirte. 30. März 1815 hier Sieg Mnrats über die Österreicher; 1832 Heimsuchung der Stadt durch die Gräuel der päpstlichen Truppen unter Barbieri, nachdem derselbe die Insurgenten in der Nähe besiegt hatte. Cesenatico, Hafenstadt im Bez. Cesena der italienischen Prov. Forli, am Adrialischen Meere; 6178 Ew. Cespedes, Pablo, spanischer Maler, Bildhauer u. Schriftsteller, geb. zu Cordova 1538, gest. das. 1608; stndirte Französisch, Griechisch, Lateinisch, Italienisch u. Arabisch, ward Canvnicus am Dom seiner Vaterstadt, bereiste zu seiner Ausbildung Italien u. bildete sich dort namentlich nach Michel Angelo. In Rom malte er Fresken in der Dreieinigkeitskirche und nach seiner Rückkehr viele Kirchen Andalusiens. Er schr.: Abhandlung über die Alterthümer von Cordova, eine andere über alte u. neue Malerei und ein Gedicht über die Kunst. Regnet. Csspes (Oasspss, lat.), 1) Rasen; 2) (mittellat.) Bauerngut; daher (lsspitabtas tsstium, die An- gesessenheit der Zeugen, u. Dsspitikossor, Rasen- graber, Art Ackcrpflug (s. u. Pflug). Cessaats causa eessat etteetus (lat.), Sprüch- wort: Beim Aushören der Ursache hört die Wirkung auf. Ceffart, Louis Alexandre de, ausgezeich- — Cession. neter französischer Ingenieur, geb. 1719 in Paris; diente erst im Heere, wurde 1751 Ingenieur der Generalität von Tours u. 1775 in Rouen; leitete seit 1781 den Hafenbau zu Cherbourg; st. 1806. Seinen literarischen Nachlaß gab Dubais d'Arneu- ville als Dssorlptiou ckos travaux bz'ckra.nligus» cks 0., Par. 1806—9, 2 Bde., heraus. Cessat (lat.), hört auf, fällt weg. Cessation», Aufhören, Unterlassen. Cessibcl (v. Lat.), abtretbar; daher Cessibi- lität, Abtretbarkeit. Cessio bonorum (lat.), die Erklärung des insolventen Schuldners, daß er den Gläubigern seine Güter abtrete, damit die Letzteren aus diesen die Befriedigung ihrer Forderung suchen. Die Gläubiger erhalten dadurch nicht das Eigenthum, sondern nur Detention u. Verkaufsrecht, auch werden die Forderungen nicht ohne Weiteres getilgt, sondern nur ihre Geltendmachung gegen den Schuldner suspendirt. Das Lsnsüoinm essslovis bonorum steht nach Römischem Rechte übrigens nur denjenigen Schuldnern zu, welche unverschuldet in Insolvenz gerathen sind; s. u. Concurs. Cession (v. Lat.), ein Rechtsact, wodurch das einem Gläubiger gegen seinen Schuldner zustehende Forderungsrecht einem Dritten zur Geltendmachung für sein Interesse abgetreten wird. Der Gesichtspunkt, von welchem das Gemeine Recht dabei ausgcht, ist, daß der Dritte von dem ursprünglichen Inhaber des Forderuugsrechtes zwar nicht die Forderung selbst, welche als unübertragbar gilt, wol aber das Klagerecht zu eigenem Gebrauch u. Vorthcil übertragen erhält u. daher als Dro- surator in rom suain zu betrachten ist. Der ursprüngliche Inhaber des Forderungsrechtes heißt dann Cedent, der Schuldner Debitor esssus, der Dritte Ccssionar. Die C. gründet sich entweder auf ein Rechtsgeschäft, welches zwischen dem Ce- denten u. Cessionar abgeschlossen wird, od. auf einen Umstand, welcher den Gläubiger unabhängig von seinem Willen zur Abtretung der Forderung verpflichtet; im ersteren Falle nennt man sie freiwillige (0. volnutaria), im letzteren nothwcndige (0. noeessaria) C. Eine Einwilligung des Debitor esssus ist nie erforderlich. Die Verbindlichkeiten des Cedcuten gegen den Cessionar hängen von der Natur des Rechlsgeschäftes (ob Kauf, Tausch, Schenkung rc.) ab, auf welche sich die C. gründet. Allgemein ist der Cedent nur verpflichtet, daß er der Geltendmachung der Forderung durch den Cessionar kein Hindernis) bereite u. für die Existenz der Forderung überhaupt (Homsu vsrum ssss) haste. Für die Zahlungsfähigkeit des Schuldners (Homsn bonum esse) hat er in der Regel nicht einzustehen, wenn er deshalb nicht besondere Garantie versprochen, oder etwa arglistig gehandelt hat. Der Cedent bleibt auch nach der C. der eigentliche Gläubiger, u. es kann ihm daher fortwährend mit Rechtswirkung Zahlung geleistet werden. Diese Möglichkeit hört jedoch auf, wenn der Cessionar dem Dsbitor esssus von der C. der Forderung Nachricht gegeben hat, indem von da an der Schuldner nur den Cessionar als seinen Gläubiger zu betrachten hat. Da indessen der Cessionar immer nur eine fremde Forderung geltend macht, so kann der Debitor csssus in keine 40 * 628 Cessionar andere, namentlich schlimmere Lage versetzt werden, als er sich dem ursprünglichen Cedenten gegenüber befand. Der Cessionar erlangt zwar alle mit der cedirten Forderung verbundenen Nebenrechte, z. B. Pfandrechte u. Bürgschaften, sowie die der Forderung selbst anklebenden Driviks^ia oausas; eigene Privilegien kann dagegen der Cessionar nicht geltendmachen, insofern sie nicht etwa nur bloße Proceßprivilegien sind. Für den Dedi- bor osssus dagegen haben die Einreden, welche ihm gegen den Cedenten zustanden, auch gegen den Cessionar Giltigkeit, vorausgesetzt, daß üe gegen den Cedenten als Gläubiger gerichtet u. noch vor der Denunciation an den Debitor eossus u. vor der erfolgten C. erhoben waren. Im Übrigen unterlag die C. mehreren positiven Beschränkungen. Verboten waren C-en von Forderungen gegen bevormundete Personen an die Vormünder derselben, von litigiösen Forderungen; C-en an einflußreiche Personen in der Absicht, den Schuldner durch Vorschiebung derselben in eine nachtheiligere Lage zu versetzen, sowie C-n von Forderungen eines Inden gegen einen Christen an einen Christen. Diese letzteren beiden Verbote können heutzutage nicht mehr gelten, sosern eine proceffua- lische Begünstigung des Reicheren nicht mehr stattfinden kann und die Befreiung der bürgerlichen Rechtssphären von den Beinflussungen durch die religiösen Confessionen gesetzlich vollzogen ist. Die praktisch wichtigste Beschränkung führte jedoch Kaiser Anastasios durch die sogenannte Dsx ^.nasta- siana ein, nach welcher ein Cessionar, der eine Forderung durch Kauf an sich gebracht hat, nicht mehr einzuklagen berechtigt ist, als er selbst dafür gezahlt hat. Das Gesetz sollte den nachtheiligen Handel mit Forderungen unmöglich machen, weshalb dasselbe auf Schenkungen von C-en keine Anwendung fand, u. C-en, die bei Auseinandersetzung von Gemeinschaftsverhältnissen, zum Zwecke einer Zahlungsleistung, zur Abfindung eines Psand- gläubigers durch einen dritten Psandbesitzer geschehen, sowie C-en von Staatsobligationen, Wechseln u. anderen Papieren an xorbour, weil diese ihrer Natur nach zum Handel bestimmt sind, davon ausgenommen werden müssen. Die neuere Gesetzgebung hat diese Ausnahmen noch vermehrt n. ist oft bis zur gänzlichen Aufhebung des Ana- stasischen Gesetzes geschritten. So ist dasselbe in Preußen durch das Gesetz vom 1. Febr. 1864 aufgehoben. Die gerichtliche Bestätigung einer C. ist nur da nothwendig, wo das Pfandrecht an Immobilien einer Eintragung in öffentliche Bücher bedarf. Wird hier die eingetragene Forderung cedirt, so ist diese C. dann ebenfalls in dem Hypothekenbuche zu vermerken. Bergwerksantheile (Äixe) können nach Preuß. Bergrecht ohne Einwilligung der Mitgewerken auf andere Personen übertragen werden, aber es ist dazu die schriftliche Form erforderlich, und ist der Übertragende zur Aushändigung des Kuxscheines, und wenn dieser verloren ist, zur Beschaffung der Amortisationserklärung auf seine Kosten verpflichtet (Mg. Berggesetz vom 24. Juni 1865, ZZ 104, 105). Eine eventuelle C. enthält die Verpfändung künftig fälliger Forderungen. Eine Art der C. ist auch der begebene Wechsel; sie wird hier durch das — OesttiZ. Indossament vollzogen. S. Wechselrecht. Vgl. Mühlenbrnch, Die Lehre von der C. der Forderungsrechte, Greifsw. 1817, 3. Ausl., 1836; Schlie- mann, Die Haftung des Cedenten, Rostock (Preisschrift); Kuntze, DieObligation u.Singularsuccession des Rom. ».heutigen Rechtes; Delbrück, Die Übernahme fremder Schulden, Berl. 1853; Karsten, Die finqirte C., Rost. 1874. Grotefend.- Cessronär (v. Lat.), der ein abgetretenes Recht übernimmt; s. u. Cession. Cessiren (v. Lat.), anshören, wegfallen. O'est-ü-äirs (fr.), das ist zu sagen, das heißt, nämlich. CestlUs, Cajus, reicher Römer zu Ciceros Zeit; starb unbeerbt u. ließ sich deshalb ein Grabmal in Rom erbauen, welches als die Pyramide des C. noch erhalten u. beim Honts Nsstaoci» befindlich ist; sie ist ein etwa 36 m hohes Bauwerk aus Ziegeln, dessen Außenflächen mit Marmorplatten belegt sind. Eine kleine Thür führt zu der einzigen Grabkammer dieses Gebäudes, die 5j m lang, 3j m breit u. mit hartem GipS aus- gelegt ist. Decken u. Wände der Kammer waren mit Malereien geschmückt, die jetzt meist verwischt sind. In ihrer Ümgebung ist der protestantische Friedhof. Ewerbeck.' Osstoäos od. Oostol'äoa (v. gr. üosbös, Gürtel, n. oiäos. Gestalt), so v. w. Bandwürmer. Oestrum (lat.), Grabstichel, Meißel, besonders für eukaustische Malerei. Oestrum D. (Hammerstrauch), Pflanzengatt, aus der Fam. der Lolonaosas-Osstrinoas (V. 1), meist westindische u. südamerikan. Sträucher u. Bäume, mit ganzrandigen, beim Reiben unangenehm riechenden Blättern, ziemlich großen, zu achselständigen Bündeln oder Rispen vereinigten Blüthen mit fünfzähnigem, urnenförmigem Kelche, trichterförmiger, 5spaltiger u. gefalteter Blumenkrone, häufig gezähnten Staubblättern, fächerigem Fruchtknoten mit kopfiger, ausgerandeter Narbe u. fächeriger, manchmal fächeriger, viclsamiger Beere. Arten: 0. vsnsnabuin L'firtirb., kleiner Baum, am Cap, mit länglichen, lanzettförmigen, lederartigen Blättern; sehr giftig und deshalb zum Vergiften der Pfeile benutzt. 6. laurikolium Leistt., aus SAmerika, dem vorigen an Gestalt u. Eigenschaften ähnlich; wird in Brasilien äußerlich zu Bädern rc. angewendet. 6. tinoborium °/aez., ungefähr 1j m hohes, um Caracas wachsendes Bäumchen, mit übelriechenden Blättern; der Saft der schwarzblauen Beeren gibt eine blaue, fast unzerstörbare Tinte, die dort bei Ausfertigung osficieller Schreiben benutzt wird. 6. Dargui l'Ler. (Kalbfleischpflanze), kleiner Strauch aus Chile, mit nachtS wohlriechenden Blumen u. gerieben wie Kalbsbraten riechenden Blättern; in Gewächshäusern. 6. Dssuäoguina Zkart. (tzuina cko mato); die sehr bittere Rinde dieses in der brasilianischen Provinz Rio Grande do Sul heimischen Bäumchens wird häufig als Surrogat der Chinarinde gebraucht. Engl».' O'ost taut oomms ober nous (ft.), es ist ganz wie bei uns; statt dessen auch: Dartout comwe ofisx nous (überall wie bei unS). Osstus (Oassbus, röm. Aut.), 1) Band, Stria, Riemen. 8) Riemen, womit sich der Faustkäm-- Ootnosas — Cettina. 62S pfer (Cestuskämpfer) die Hand umwand; s. unt. Faustkampf. 3) Gürtel, womit Frauen ihr Gewand unter der Brust schürzten. 4) Gürtel, welchen am Hochzeitstage die Neuvermählte dem Manne als Symbol geistiger u. körperlicher Vereinigung überreichte; daher Nuptias inoestas, ungesetzmä- ßige, wilde Ehe. 5) Der Gürtel liebreizender Anmuth, weil zuerst Aphrodite mit demselben ge- gürtet dargestellt wurde. Dstaoeae, die Säugethierordnung der Walfische. Oetsooum, s. Walrath. Ceten„(Chem.) 0,^2, Kohlenwasserstoff, welcher aus Äthal oder Cetylalkohol durch Destilliren mit wasserfreier Phosphorsäure als ölige, mit rußender Flamme brennbare Flüssigkeit erhalten wird. Nach neueren Untersuchungen ist dasselbe ein Gemenge von verschiedenen Kohlenwasserstoffen der Khylenreihe. Oetersoli 8Mck., Pflanzengatt, aus der Farn, der?ol^poäiaoöae-^sp1snigas, ausgezeichnet durch nackte, unbedeckte Häufchen von Sporangien und gitterartig durchbrochene Spreuschuppen. 0. okü- omarum Issi (Milzfarn), mit oberseits kahlen, unterseits von Sprenschuppen bedeckten, tief fieder- theiligen Blättern und abgerundeten Abschnitten; im Mittelmeergebiete, im südlichen und mittleren Deutschland zerstreut, an feuchten Felsen u. Mauern; das Kraut von zusammenziehendem Geschmack; sonst als klsrda 6. (8. ^.splsnü, 8. Ooraäüias, kleine Hirschzunge) besonders in Milzkrankheiten gebraucht. Engler. Osteels panbus (lat.), wenn die übrigen Umstande gleich sind. Ooterum censeo (lat.), im Übrigen stimme ich dafür, daß ... (nämlich Oarttiaxinsm esss äo- Isnäam; s. u. Cato 1), Ausdruck, wenn man bezeichnen will, daß mit Etwas ein entscheidender Schritt gethan werden muß. Cetheus (Astron.), so v. w. Hercules. Cetm (Chem.), Palmitinsäure-Cetyläther, s. Cetvlalkohol. Cctinje, s. Cettinje. Cetius, ein Gebirgszug, welcher vom Kahlenberg bis zur Save reichte u. die Grenze zwischen Noricum u. Pannonicum bildete; jetzt noch Ce- tisches Gebirg, Vorberge der Norischen Alpen in Österreich. Ostesels , Strauchflechte aus der Fam. der Ramalineen, mit aufrechtem oder ausgebreitetem, knorpelig-häutigem, geschlitztem od. buschigem Thallus, mit flachen, der Markschicht aufliegenden Fruchtschichtcn und einzelligen Sporen. Arten: 0. isianäisa L. (Isländisches Moos), mit knorpeligem, aufrechtem, dichotomisch zerschlitztem, gefurchtem, olivenfarbenem Thallus u. braunen, glänzenden Fruchtlagern (Apothecien); an sonnigen, mvosreichen Stellen der Hochgebirge, aber auch auf Heideplätzen u. in Nadelholzwaldungen bis in den hohen Norden verbreitet; die Flechte enthält einen Bitterstoff (Cetrarin) u. wird wegen ihrer tonisch-nährenden Wirkung bei Lungenkrankheiten gewöhnlich in Form von Gallerte verordnet; im hohen Norden ist sie allgemein geschätztes Nahrungsmittel, theils frisch als Gemüse, theils getrocknet u. zu Mehl gemahlen. 6. nivalis L., mit blaß-hellgelbem Thallus u. gelblichen Apothecien; in den Hochgebirgen zwischen Knieholz häufig; besitzt dieselben Eigenschaften wie vorige. 0. Aiauoa Ö., mit pergamentartigem, im unfruchtbaren Zustande niederliegendem, grau-grünem Thallus; im Gebirge an Felsen und Baumstämmen, iu der Ebene namentlich an Kiefern verbreitet. Engter. Cetrarsäure (Cetrarin, Chem.) 6l»8,s0g, findet sich im Isländischen Moose (Ootraria, isian- ckioa) u. wird daraus durch Alkohol ausgezogen. Sie bildet ein weißes, trockenes Gewebe von haarfeinen Nadeln, die sehr bitter schmecken, in Wasser fast gar nicht, in heißem Alkohol leicht löslich sind. Ihre Alkalisalze sind in Wasser löslich. Sie ist mit Erfolg gegen Wechselfieber angewandt worden und ist jedenfalls an der tonischen Wirkung des Isländischen Mooses betheiligt. Cwrcn. Cette, Stadt im Arr. Montpellier des franz. Dep. Herault, auf einer Landzunge am Mittelmeere u. dem See Thau, in welchen der Canal des Etangs und der SKanal ausmüuden, Station der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn u. der SBahn; Handelsgericht; Schifffahrtsschule; Börse; Fabrikation von Glas, Seife, Tabak, Stöpseln, Branntwein; Handel mit Tabak, Wein (zum Theil nachgeahmte fremde Weine, sog. Cetter Weine), Zucker, Seesalz; Fischerei; Niederlage aller Erzeugnisse der Umgegend u. Hauptort des Handels auf dem SKaual, nach Marseille der wichtigste französische Handelsplatz am Mittelmeere; Rhede, Vorhafen u. 2 gute Häfen (8orb Iwuis oder 8orb lüoibsrt), Leuchtthurm u. 2 Forts (St. Pierre u. St. Louis); regelmäßige Dampfschifffahrt nach Marseille, Nizza, Genua, Barcelona, Algier rc.; 25,826 Ew. Beim Waarenverkehre zur See waren beim Eingang 1874 folgende Artikel hanptsächl. vertreten: Getreide 43„ Mill. ÜA, Südfrüchte 5,z Will. kc§, Schwefel 28,7 Mill. LZ-, Asphalt 35,5 Mill. Eisenstein 116,g Mill. ÜA, Fischwaare 4,g Mill. icx, Weine 25,2 Mill. I, Faßdauben 21,z Mill. Stück, Holz 1,i Mill. m; beim Ans gang: Südfrüchte 1,2 Mill. kss, Weine 51,gMill. I (fast zur Hälfte nach Algerien), Branntwein u. Spiritus 2,5 Mill. I, Kohlen 66,1 Mill. IcA, Seesalz 32,g Mill. Ic§, gewalztes Zink 1,g Mill. Tafeln. Der Waaren- verkehr der Eisenbahnen betrug: Mittelmcerbahn 1, t Mill., SBahn 1,z Mill. Tonnen. Die Einnahme des SKanals war 2,1 Mill. Fcs. Die Fischerei brachte einen Ertrag von 2H Mill. Fcs. Im 1.1873 repräsentirte die Einfuhr ein Gewicht von 283,943 Tonnen im Wcrthe von 76,z Mill. Fcs., Ausfuhr 181,977 Tonnen für 59,7 Mill. Fcs. Der Hafenverkehr wies für den Eingang 2629 Schiffe mit 472,013 Tonnen, für den Ausgang 2674 Schiffe mit 468,335 Tonnen auf. — Im Alterthum war hier die Landspitze Setium, welche im Mittelalter Sette hieß; die Stadt mit dem Hafen wurde erst 1666 nach Colberts Anleitung mit großen Kosten gebaut. 1710 wurde das Castell am Hafen von einer englisch-niederländischen Flotte überrumpelt u. genommen. Schroot.» Cettüna, Fluß im österreichischen Kronlande Dalmatien; entspringt auf dem Popilach im Kreise Spalatro, stürzt von Felsen zu Felsen, macht bei Vclica Gnbowice einen 48 m hohen Wasserfall und fällt nach 75 kein langem Lause bei Almissa 630 Ccttinje in das Adriatische Meer. Die Umgegend heißt Terra di C. Ccttinje (Cetinje, Zetinje), Hauptstadt des Fürstenthnms Montenegro, auf einer mit Felsblöcken besäeten Hochebene, ostnordöstl. von Cattaro, 1140 m ü. d. Dt.; befestigter Palast des Fürsten, großes Kloster (der Ursprung der Stadt); Bischofssitz; Lehrerakademie, Töchterschule; Spital; Telegraphenamt; nur einige hundert Einwohner. Lotus (v. gr. Kotos), Walfisch; auch das Sternbild des Walfisches. Lxorma Ooti od. Ostnesum, Walrath. Cetylalkohol (Äthol) 6,«8^0, findet sich als Paliuitinsäure-Cetyläther (Cetin) im Walrath (s.d.), aus welchem er durch Verseifen erhalten wird. Man erhitzt den Walrath mit alkoholischer Kalilauge u. fällt mit Chlorbarynm die Palmitinsäure als Barytsalz aus, welches man durch Filtriren trennt. Die Lösung wird eingedampft u. der Rückstand mit Äther ausgezogen, nach dessen Verdunsten der rohe C. znrückbleibt, der dann durch Umkrystallisiren gereinigt wird. Er stellt eine weiße, feste, kristallinische Masse dar, geruch- u. geschmacklos, bei 49" schmelzend u. bei langsamem Erkalten in großen Blättern erstarrend. Er läßt sich unzersetzt destilliren, ist unlöslich in Wasser, löslich in Alkohol u. Äther, brennt mit stark leuchtender Flamme. Beim Erhitzen mit Kalikalk liefert er unter Wasserstoffentwickelung palmitinsaures Kali. Mit Phosphorsäureanhydrid destillirt bildet er Esten (s. d.). Durch Erwärmen von C. mit Schwefelsäure entsteht Cetylschwefelsäure, im freien Zustande nicht bekannt, aber ein krystallisirbares Kalisalz 6158558884 bildend. Durch Destillation von C. mit Phosphorperchlorid erhält man Cetyl- chlorid 6,58556!, eine in Wasser unlösliche, unzersetzt destillirbare Flüssigkeit. Cetylbromid und Cetyljodid, durch Einwirkung von Brom, resp. Jod u. Phosphor ans C. erhalten, bilden feste, weiße Substanzen. Erhitzen von Natrinmcetylat (durch Erwärmen von C. mit Natrium dargestellt) mit Cetyljodid liefert den Cetyläther, der aus Alkohol n. Äther in glänzenden Blättern krystallisirt, bei 54" schmilzt und bei 300" siedet. Cetylsnlfid (6,5855)28, eine bei 57° schmelzende kristallinische Substanz, wird durch Kochen von Cetylchlorid mit alkoholischem Kaliumsulfid erhalten. Cetylsulfhydrat (Cetylmercaptan) 6,585,8, durch Erhitzen von Kaliumsulfhydrat mit Cetyljodid dargestellt, ist krystallisirbar u. schmilzt bei 50,5°. Tricetylamin (615855)58 entsteht durch Einwirkung von Cetyljodid auf Ammoniak und schmilzt bei 39". Die dem C. entsprechende Säure ist die auf oben beschriebene Weise entstehende Palmitinsäure (s. d.). Clören. Cenlcn (Keulen, Cöllen), Lndolph van, geb. 1539 in Hildesheim; lebte in Livland, in Antwerpen u. Delft, war Lehrer der Mathematik in Breda, Amsterdam u. Leyden; hier st. er als Professor der Kriegsbaukunst 1610. Er berechnete nach der Methode des Archimedes das Ver- hältniß des Kreisumfanges zum Durchmesser mittels des Umfanges eingeschriebener und umschriebener Vielecke unter Aufwendung der ungeheuersten Mühe bis auf 32 Decimalstellen, eine Genauigkeit, die für jeden praktischen Gebrauch mehr als überflüssig — Ceva. groß ist. Die so gefundene Zahl 3,1415526... wird nach ihm die Ludolphsche Zahl genannt; sie wurde auf seinen Grabstein gesetzt. Sein ganzes Verfahren findet sich in den Schriften: Van äs Oirokel, Delft 1596, Fol.; 8s aribllinotisslrs on Asowot- risoirs bonäamsnten, Leyd. 1616, Fol., lat. von Snellius. Buchrucker. Ceuta, 1) Vorgebirg der NKüste von Afrika, am OEingange der Straße von Gibraltar. 8) Stadt ebendaselbst auf der gleichnamigen Halbinsel, Gibraltar gegenüber; stark befestigt; gehört den Spaniern und bildet ein eigenes Kriegsgonvernement; kleinern, schlechter Hafen; Bischof; mehrere Klöster; dieser Platz u. die Presidios sind Verbann- ungsorte für Staatsverbrecher; inC.(1866) 10,395, in den eigentlichen Presidios 3119 Seelen. — C. steht nach Einigen an der Stelle des alten Abyla, während Andere es erst in der Zeit entstanden wissen wollen, als die Äraber sich Mauretaniens bemächtigten u. zugleich des südlichen Spanien. Bon den Arabern Zibta genannt, erscheint indeß schon im 6. Jahrh. n. Chr. au Abylas Stelle ein Castell Sepia, das 534 die Byzantiner eroberten u. diesen 618 die Wcstgothen abnahmen. Nachdem der gothische Statthalter Jnlianus mit Musa Abu Nosair ein Bündniß abgeschlossen, drangen von hier ans 711 die ersten arabischen Eroberer nach Spanien. C. selbst aber kam unter arabische Herrschaft n. gewann bald durch seine Lage hohe politische Bedeutung. 1084 wurde es von den Almoraviden den Hamaditen entrissen, 1273 von den Moriniden u. 1415 von den Portugiesen unter Johann I. erobert; 1580 kam es i mit der portugiesischen Krone an Spanien, das C. auch bei der Trennung Portugals von Spanien (1640) behielt u. 1688 von Portugal förmlich abgetreten erhielt. 1694—1720 u. 1732 belagerten u. blokirteu die Marokkaner, erst unter Sultan Mulei Ismail, dann unter dem Renegaten Ripperda, den Platz vergeblich. Im März 1810 erhielten die Engländer auf kurze Zeit C. (Gesch.) Lagai. Lsutorli^nvlius, s. Rüsselkäfer.. Ceva, Stadt im Bezirke Mondovi der italienischen Prov. Cuneo, am Einflüsse der Cevetta in den Tanaro, Station der Oberital. Bahn; Schloß (vom Herzog Emanuel Philibert und später von Karl Emanuel II. befestigt); Dom mit Collegiat- stift; PhilharmonischeAkademie;Waisenhaus; Eisenhammer; Getreide- u. Weinbau, Trüffeln, Vieh« ; zucht; berühmte Würste u. Käse; 4929 Ew. — C. war als Ceba schon im Alterthum bekannt n. durch seine Schafkäse (6obanus vassus) berühmt. Im Mittelalter Hauptstadt des gleichnam. Mar- quisats, wurde es 1543 von den Franzosen vergebens belagert, 1636 vom Prinzen Moritz durch Berrath genommen, 1639 von dem Markgrafen Pianezza wiedererobert u. endlich 1649 von de» Spaniern vergebens belagert. Hierher wurde 1731 die 2. Gemahlin des Königs Victor Amadeus 8. durch seinen Sohn in Gefangenschaft gebracht; s. Depigno. Im Französischen Revolutionskriege erfochten hier die Franzosen 14. April 1794 einen Sieg über die Österreicher; 16. April 1796 wurde C. von den Franzosen unter Angerean eingenommen; nach vergeblicher Belagerung unter GrouchY Ceva — Cevenncn. 631 im Mai 1799 wurde C. 1800 von dm Franzosen eingenommen n. das oft als Staatsgefängniß ver- wendete Schloß geschleift. Ccva, Tommaso, Jesuit, Mathematiker und Dichter, geb. 20. Dec. 1648 in Mailand; lehrte 40 Jahre lang Mathematik; st. 3. Febr. 1736. Er schrieb: Os natura Zraviuin (worin er zuerst der Newtonschen Gravitationstheorie Eingang verschaffte), Mail. 1669; Ousr losus (komisches Epos), zuletzt herausg von Broxner, Dill. 1842, deutsch von Müller, Magdeb. 1822; Oxnsoula, matlrs- maties,, Mail. 1699. Cevallos, Dom Pedro, spanischer Staatsmann, geb. 1761 in Santander aus einer alten castilischen Familie; begann seine politische Laufbahn als Gesandtschastssecretär zu Lissabon, hei- rathete eine Nichte des Friedenssürsten Godoy n. wurde dann Minister des Auswärtigen; bei der Revolution von Aranjuez trat er auf die Seite des Prinzen von Asturien u. begleitete denselben nach Bayonne. Als Joseph Napoleon König von Spanien wurde, nahm C. dessen Aufforderung, in den Staatsrath zu treten, an, forderte aber bei dessen Ankunft in Madrid seinen Abschied u. verband sich mit der Großen Junta, für die er nach England abging. Im Spanischen Befreiungskriege versah er die höchsten Ämter und behauptete auch nach Ferdinands VII. Rückkehr einen großen Einfluß. Weil er aber die Vermählung desselben mit der Prinzessin von Portugal widerrieth, verlor er die Gunst des Königs, wurde jedoch bald wieder ins Ministerium gerufen und als Gesandter nach Neapel u. von da nach Wien geschickt; 1820 zurückgelehrt, führte er zwar kein öffentliches Amt mehr, übte aber gleichwol noch einigen Einfluß in den öffentlichen Angelegenheiten. Seit der Christinischen Revolution lebte er in Sevilla, dann in Bayonne u. st. hier 1838. Er schr. über den Zustand Spaniens im 1.1808 u. über die Verhandlungen in Bayonne. Lagai." Cevant, so v. wie Krappwnrzel. Cetzennen (im Alterthum Osdöllna, 6sbemm, Lsmmsnus Lions), eine Gebirg im südlichen Frankreich; mit dem Gebirge von Auvergne, das auch wol als ein Theil desselben angesehen wird, bildet es eine (u> zwar die centrale), der fünf Haupt- gebirgsgruppen, in die man sämmtliche französische Gebirge einzutheilen Pflegt (nordwestliche, östliche, südöstliche, südliche u. centrale Gruppe). Diese centrale Gebirgsgruppe breitet sich aus zwischen dem Tieflande der Rhone, Loire u. Garonne; getrennt im S. von den nördlichen Vorbergen der Pyrenäen durch eine Einsenknng, in der der Canal du Midi, u. im NO von der östlichen stanz. Gebirgsgruppe durch die Senke, in der der Canal du Centre sich hinzieht. Sie bedeckt ganz oder theil- weise die Departements Saöne-et-Loire, Allier, Rhone, Loire, Puy de Dome, Hbrault, Auds, Gard, Ardeche, Haute-Loire, Lozdre, Aveyron, Correze u. Cantal. Der Hauptcharakter dieser Gebirgsgruppe ist der eines 650 bis 975 m hohen, aus den umgebenden Tiefebenen mehr oder weniger sanft ansteigenden Plateaus, das mit Bergketten, Berggrnppen, sowie mit isolirten, meist kegelförmigen Berggipfeln besetzt ist, von denen sich einzelne noch um mehr als 800 in über dasselbe erheben. Das Gebirg von Auvergne bildet den centralen Kern, der im SO. n. O. von dem 450 lcin langen C.-Zuge umlagert ist. Die Hauptgesteinmassen dieser Gebirgsgruppe sind Gneis, Granit, Porphyr, Serpentin, Grauwacke u. Kalksteine, welche vielfach mit tertiären Gebilden überlagert sind u. von Basalt-, Trachyt- u. Lavamassen durchbrochen werden; groß ist ihr Reichthum an Eisen, Kupfer, Blei u. Steinkohlen. Sie bildet die Wasserscheide zwischen dem Mittelländischen Meere u. dem Atlantischen Ocean oder zwischen den Küstenflüssen des ersteren u. der Rhone einerseits u. der Loire u. Garonne anderseits. In dieser Gebirgsgruppe entspringen zahlreiche Flüsse, die nach allen Richtungen hin sich ergießen. Zur Saone gehen Grosne u. Brevenne, zur Rhone Gier, Doux, Drieux, Ardeche, Ceze u. Gard, zum Mittelländ. Meere Vidourle, Herault u. Orb, zur Garonne Tarn (mit Dourdou, Agout smit Adou^ und Aveyron), Lot (mit Truyere und CM), Dordogne (mit Cöre), Vezere (mit Correze) u. Jsle (mit Dronue); zur Loire, die selbst hier entsteht, Bebre, Allier (mit Dore, Alagnon u. Sioule, Cher (mit Aumance, Auron), Jndre,Vienne (mit Thorion), Creuze u. Claim D'e C., die in nördliche, mittlere und südliche eingetheilt werden, fallen saust zur westlichen inneren Hochfläche, zum Nhönc-Thal u. zur südlichen Tiefebene aber in kurzen n. steilen Absätzen ab. Die nördlichen C. beginnen am Canal du Centre mit dem Gebirge von Lharolais, das sich nach S. bis zu den Quellen des Azergues erstreckt, mit sanst abgerundeten Bergen, deren Abhänge mit Weiden u. Weinpflanzungen bedeckt u. die bis zum Gipfel angebaut sind; bei einer Länge von etwa 85 km erreicht es im Haut Joux 984 m. Nach S. schließen sich die Monts du Beaujolais an (durchschnittlich 660 m hoch), die fast 60 km weit nach S. bis zum 1150 m hohen Mt. Tarare ziehen. Im N. reich an bewaldeten Höhen, im S. steil abfallend, sind sie hier zum Theil von Vegetation ganz entblößt. Weiter nach S. folgen die ebenfalls 60 km langen Mts. du Lyonnais; sie enden mit dem 1072 m hohen Pila, einem prächtigen Basaltfelsengipfel. Südl. u. südwefll. vom Pila, an den Quellen des Lignon, der Loire, des Allier n. der Ardeche liegt die 100 km lange Haupt- u. Ceutralkette der C., die Montagnes du Vivarais, von etwa 1200 m mittlerer Höhe, eine der schönsten, aber auch der rauhesten u. wildesten Gebirgsgegenden, merkwürdig durch viele Zeugen einer früheren vulkanischen Thätigkeit. In Liesen Montagnes du Vivarais erheben sich der 1562 m hohe Gerbier de Joncs und der 1754 m hohe Mt. Mezenc. Nordöstl. vom Mt. Mezenc, an den Quellen des Erienx liegen die Mts. des Boutiöres, die in ihrem östl. Theil Mts. de St. Bonnet heißen. Südl. von diesen Bergen u. östl. vom Gerbier de Joncs breiten sich die Mts. de la Tanargue aus (bis 1526 m hoch), deren südöstliche Fortsetzung bis zur Rhone, südl. von Privas, die Mts. des Coirons bilden. Zn den mittleren C. gehören noch die slldwestl. an die Montagnes du Vivarais sich anschließenden Berge des Gevaudan, die sich 48 km weit nach SW. hin erstrecken, mit den Mts. de la Lozöre, welche sich im Mt. Cru- 632 Cevennen. cinas bis zu 1718 ru erheben, u. weiter nach S. mit dem Mt. Laigouat (1567 m hoch). Ein östl. Ausläufer dieses Abschnittes zieht sich zwischen He- rault u. Vidourle hin u. hat im Sumeue-Berge eine Höhe von 1200 m. Von den Mts. de la Lozere aus erstreckt sich in nordwestl. Rilbtung zwischen Lot u. Truyere die Aubrac-Kette, die eine mittlere Höhe von 857—975 in hat; sie ist größtentheils gra- nitisch, zum Theil ein wildes Basaltgebirg. Ferner geht von den Mts. de la Lozere die Cansse de Severac ans, die sich in wesil. Richtung zwischen Tain u. Lot hinzieht. Südl. vom Mt. Laigonat beginnen die südl. C. u. ziehen unter verschiedenen Einzelnamen nach SW. Vom Mont Laigonat bis zur Quelle der Orb werden sie Mts. Garrignes genannt. Dieser etwa 50 km lange, rauhe, gewundene, im Pie Montant 1040 m Höhe erreichende Gebirgszug sendet nach S. zwischen Orb u. Herault das im Mittel 990 m hohe, schroffe, von tiefen Thälern eingeschnittene Escandorgue-Gebirg ab u. verläuft nach W. in die Plateaux des Causses, von denen die Cansse de Larzac eine der wichtigsten ist. Auf die Monts Garrignes folgt, wie diese südwestl. streichend, das 25 km lange Gebirg der Orb bis zur Quelle des Agont, wo die bis zur Quelle des Jaur in gleicher Richtung weiter sich erstreckende, etwa 40 km lange u. durchschnittlich 600 bis 700 m hohe Kette der Monts Espinous beginnt. Von der Quelle des Jaur endlich streichen fast ganz von O. nach W. die ungefähr 60 km langen Montagnes noires (mittlere Höhe 580 m u. Montalet 1250 m), die als niedrige, unfruchtbare Hüzrl am Canal du Midi enden. Bon der Hauptkette der C., etwas südl. vomGer- bier de Joncs, zweigt sich eine fast 200 km lange Gebirgskette ab, die, in nordnordwestl. Richtung zwischen Loire u. Allier hinziehend, sich bis in die Nähe von la Palisse erstreckt. Der südliche Theil derselben heißt die Mts. Velay, der nördliche die Mts. Forez. Diese haben, wie die Mts. Velay, eine mittlere Höhe von 1000 m und bilden eine steile, bewaldete Kette, mit theils nackten, theils mit Gebüsch bedeckten Gipfeln; höchster Gipfel St. Pierre-sur-Haute 1634 m, der Puy de Monton- celle 1290 m, nördl. vom vorigen. An der Quelle der Dore zweigt sich von dem Forez-Gebirge ein niedriger Hügelzug ab, der unter dem Namen Dore-Gebirge', wesil. von der Hauptkette, zwischen Dore u. Allier nach N. zieht. Die nördl. Fortsetzung der Mts. Forez, vom Puy de Montoncelle an, sind die Mts. de la Madelaine, welche, durchschnittlich 850 m hoch, sich in der Nähe von La Palisse in den Ebenen von Bourbonnais verlieren. Von den westl. Belay-Bergen geht eine stark be waldete Gebirgskette aus, Mts. de la Margeride genannt, die sich ungefähr 100 km weit zwischen der Trnybre u. dem Allier nach NW. hin erstreckt u. die C. mit dem Gebirge von Auvergne verbindet; höchster Gipfel der Mt. Randon 1553 w. Das Gebirg von Auvergne reicht von dem Thal der Truyere im S. bis zu den Quellen der Dordogne und der Sioule im N. u. von dem Thal des Allier im O. bis zu dem der Dordogne im W. Es erhebt sich auf einem 975 m hohen Plateau u. ist durchaus vulcanischen Ursprunges. Überall sieht man Schlackenlager, Lavamassen, verschiedenartig gestaltete Basalte u. kleine ringförmige Kraterseen. Die kegel- u. kuppenförmigen Gipfel sind entweder in dichten Haufen gruppenweise zusammengestellt, oder stehen isolirt, mit Hochflächen wechselnd, die theils nackt u. öde, theils mit Heidekraut, theils mit Weiden bedeckt sind. Reich an wilden und malerischen Gegenden, an engen, schauerlichen Felsenthälern, die von wild lobenden, oft schöne Wasserfälle bildenden Bergströmen durch, braust werden, reich ferner an Heilquellen, ist es zugleich die kälteste u. unfruchtbarste Landschaft des inneren Frankreich, den heftigsten Stürmen ausgesetzt u. mehr als die Hälfte des Jahres mir Schnee bedeckt; im Dep. Cantal (s. d.) jedoch mit starker Viehzucht. Das Gebirg zerfällt in drei Gruppen; im S. die Gruppe des Cantal, in der Mitte die des Mont Dore u. im N. die des Puy de Dome. Erstere erstreckt sich von der Truydre 60 km weit nach N. bis zur Stadt Condat u. ebenso weit von O. nach W. von St. Flour bis Anrillac. Der Cantal bildet eine Felseu- masse, von der zahlreiche Verzweigungen sternförmig nach allen Richtungen hin ausgehen. Der Plomb du Cantal, 1858 w hoch, kann bequem erstiegen werden. Den Cantal in einem Halbkreise von O. nach W. umgebend, liegen nördl. von demselben der Puy de Grwu 1735 m, Col de Cabres 1670 m n. Puy Mary 1786 (n. A. 1660) m. Nördl. vom Cantal liegt die Gruppe des Mont Dore. Der Gipsel des Mt. Dore, der kegelförmige Puy de Sancy oder Pic de la Croix, ist 1886 m hoch (relative Höhe 837 m), der höchste Gipfel im Innern Frankreichs. Ihn umgeben außer vielen anderen folgende Gipfel: der Cezallier 1452 w, der Puy Ferrand 1864 m n. der Puy de l'Aignillier 1848 m. Die dritte Gruppe, die des Puy de Dome, erstreckt sich etwa 30 km weit von SW. nach NO. u. besteht aus 64 erloschenen Vnlcanen, deren Krater fast alle noch erhalten sind; in der Mitte derselben der Puy de Dome mit seinen beiden Gipfeln (dem großen u. dem kleinen Puy), von denen der große 1465 m hoch ist; südöstlich davon der Puy de Nadailhat, im NW. desselben derPuy de Lome; nördlicher noch liegen der Puy de Pariou, der Grand Sarcouy u. der Puy de la Nngdre. j Nach N., W. u. S. geht das Gebirg von Auvergne mit den 450 bis 580 m hohen Vorterrassen vonBourbonnais, Limousin n. Rouergue zu den dasselbe umgebenden Tiefebenen über. Nach N. senkt sich allmählich, ein 390 bis 490 w hohes Hügelland bildend, die Vorterrasse von Bourbonnais zwischen dem unteren Allier u. dem oberen Cher zur Tiefebene der Loire. Nach W. breitet sich die Vorterrasse von Limousin aus; sie ist die bedeutendste, hat einen wirklichen Gebirgs- g charakter u. sendet mehrere Bergzllge zwischen die ,! Flüsse Cher, Crense, Vienne n. Dordogne. An der Quelle der Vienne u. Crense liegt der Knotenpunkt derselben, der 1364 m hohe Odouze, von dem die langgestreckten, meist bewaldeten Bergzüge mit 975 m hohen Gipfeln ausgehen. Zwi- l schen diesen Bergzügen liegen 250 bis 400 m hohe, wohlangebaute Hochflächen u. liebliche Thä- ler, aus denen sich einzelne Berge erheben, u. a. ^ Ccvenncnkrieg. 633 der 942 i» hohe Puy Vieux u. der 950 m hohe Mt. Jargean, dieser südöstlich u. jener nordöstlich von Limoges. Nach S. fällt die Borterrasse von Rouergue zum Tarn u. Lot ab. Im O. besteht sie ans bis 450 in hohen Flächen, bis 650 in hohen Bcrgzllgen voll schroffer Kall- u. Schieser- felsen u. einigen vnlcanischen Berggrnppen, nach W. dehnen sich fruchtbare Flächen mit einzelnen Berggipfeln aus, bis bei Lahors am Lot u. bei Albi am Tarn die Tiefebene mit niedrigem Ge- hiigel beginnt. Zwischen Aveyron u. Tarn liegt die öde und unfruchtbare Bergkette Levczon, die durch die schon oben angeführte Causse de Severac mit den Mts. de la Lozere znsammenhängt. Von den vielen Straßen, die über diese Gebirge führen, seien hier nur folgende genannt: 1) der Paß von S. Pons verbindet das Thal der Orb m t dem des Agout; 2) der Paß von Lodeve das des Hkrault mit dem des Tarn, über ihn führt die Straße von Montpellier nach Milhau; 3) der Paß von Barre, zwischen dem Thal des Gard u. dem des Tarn; 4) der Paß von Villesort mit der Straße von Allais nach Mende verbindet das Thal des Gard mit dem des Lot; 5) der Paß von S. Agreve das Thal der Rhone mit dem der Loire u. des Allier, u. 6) der Paß von Ta- rare mit der Hauptstraße von Lyon nach Orleans u. Paris. Über das Gebirg von Auvergne führt außer einigen anderen die Straße, die von Au- rillac aus durch das Thal der Cere aufwärts über den Col de Cabres nach Murat u. St. Fonr n. so zum Allier geht. Außerdem werden die Gebirge durchschnitten von 2 Linien der Orleans-Bahn, der ivestl. Linie der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn, an welche die vorgenannten Anschluß haben, sowie mehreren anderen Linien der 2. Bahn. H- Berns. Cevennenkrieg. In dem Cevennengebirge hatten sich schon im 12. Jahrh. unter dem Namen der Armen von Lyon, der Albigenser (s. d.), Waldenser (s. d.) religiöse Seelen niedergelassen, die wegen ihrer Abneigung gegen die Römisch- Katholische Kirche vielfach von Len Päpsten versalzt wurden, aber trotz der gegen sie gesandten Kreuzzüge u. der Gottesgerichte nicht hatten ausgerottet werden können. Als die Reformation sich über diese Gegenden Frankreichs verbreitete, schlossen sich die noch immer zahlreichen Überreste dieser Secte den Reformirten an u. fanden mit diesen im Edict von Nantes Schutz gegen Verfolgungen. Als aber Ludwig XIV. dieses Edict widerrief u. alle Unterthanen zur Römisch-Katholischen Kirche zurückgeführt wissen wollte, wurden auch diese Gemeinden heimgesucht, ihre Kirchen zerstört, ihre Prediger vertrieben und durch den Intendanten Baville jedes Mittel zu ihrer Bekehrung aufgeboten; auf die grausamste Weise wurde gegen die Armen verfahren, Nichts gescheut, der alte Glaube ihnen mit Waffengewalt aufgedrängt, so daß sich einerseits Verzweiflung der Bewohner bemächtigte, u. wer nicht auswan-^ dern konnte, in die Bergschluchten flüchtete, anderseits in den Unterdrückten neuer Fanatismus erweckt wurde, Propheten u. Prophetinnen das Volk für das Märtyrerthnm begeisterten; ja, der Fanatismus stieg mannigfach bis zur Verzückung. Endlich erhoben sich die Verfolgten u. begannen den Kampf mit Ermordung der Stenerbeamten unter dem Rufe: Gewissensfreiheit u. keine Steuern! Allgemein aber wurde der Kampf, als der an der Spitze der Dragonnaden stehende Abbe du Chaila zwei Töchter eines neu bekehrten Edclmannes, statt sie dem gegebenen Befehl gemäß in ein Kloster zir bringen, auf sein Schloß führte. An der Spitze der Bauern, die von der Blouse, welche sie über die Kleider trugen, Camisarden genannt wurden, stürmte der Bräutigam des einen Mädchens das Schloß, wobei Chaila erschlagen u. ein furchtbares Blutbad unter den Katholiken angerichtet wurde. Dieser Tag, der 24. Juli 1702, war der Beginn des allgemeinen Kampfes: die Zahl der Aufständischen wuchs von Tag zu Tag, zumal ihnen durch Vermittelung eines Verbannten von England, Holland n. Spanien Unterstützung an Waffen, Munition u. Geld wurde. Marschall Montrevel wurde mit 20,000 Mann gegen sie geschickt, u. Papst Clemens XI. brachte einen Kreuzzug gegen sie zu Stande; allein die nun unter umsichtigen, geschickten Parteiführern, unter denen Jean Ca- valier, ein 21jähriger Bäckergeselle, n. Roland die vorzüglichsten waren, gut organisirten Cami- sarden-Banden schlugen den Feind überall, so daß dieser hinter Mauern und Wällen Schutz suchen mußte, ließen sich aber zu argen Gräueln Hinreißen, so daß kein katholischer Sandmann von der Küste des Mittelmeeres bis in die Cevennen sein Feld zu bestellen wagte, das Land ganz verödete u. selbst die Einwohner der Städte vor den Aufständischen zitterten, nachdem Cavalier 1703 seine Gegner bis in die Vorstädte von Mais verfolgt. Ende des Sommers 1703 konnte er bis an das Meer ungehindert seine Streiszüge ausdehnen, bei denen an 200 Kirchen verbrannt wurden u. die königl. Truppen schwere Niederlagen erlitten. Erst gegen den Winter zog er sich in die Berge zurück, um im Frühjahre 1704 den Kampf mit erneuter Kraft aufznnehmen u. sich wo möglich in der Dauphine mit dein Herzog von Savoyen zu vereinigen. Montrevel ließ dagegen durch Planque alle Backöfen u. Mühlen in den Ober-Cevennen zerstören, die Landlcute zum Auswandern in die Städte oder befestigten größeren Dörfer zwingen, die Widerstrebenden aber kurzweg niederschießen, büßte jedoch 5—600 Mann unter Oberst Jonquiöre im Walde von Vesenobrc in der Nähe von Alais ein, worauf Cavalier bis Nrmes streifte u. Roland alle Verbindungen zwischen Alais und den umliegenden Dörfern unterbrach, bis es endlich Montrevel nach Zusammenziehung aller seiner Truppen gelang, vom 14. bis 18. April die Streifcorps der Camisarden in ihre Berge znrückzudrängen. Wenige Tage danach trat Marschall Villars mit ausgedehnter Vollmacht an Montrevels Stelle (21. April 1704). Dieser suchte anstatt der Strenge Güte anzuwenden, erließ für Alle, welche die Waffen niederlegten, eine Amnestie und gab Denen, welche dem König Gehorsam schworen, die Freiheit, während gegen die Widerspenstigen bewegliche Colonnen ausgeschickt wurden, Lenen es bald gelang, die Camisarden auf das Gebirg zu beschränken; die diesen Colonnen bewaffnet in die Hände Fallenden wurden entweder auf der Stelle getödtet, od. 634 Ccvcnnische Propheten — Ceylon. in Mais, Nrmes und St. Hippolyte hingerichtct. Viele benutzten die Amnestie u. kehrten nach Hause zurück, u. selbst Cavalier, der kein großes Vertrauen mehr zu feiner Sache hatte, begann 10. Mai 1704 Unterhandlungen mit Villars, die er persönlich in Nismes sortsetzte. Er erlangte dadurch wirklich Gewissensfreiheit für die Bewohner der Cevennen u. die Erlaubniß, außerhalb der Städte religiöse Versammlungen zu halten; ferner Freilassung aller der Religion wegen Eingekerkerten, Rückkehr der Verbannten u. Ausgewanderten, Rückerstattung der Besitzungen u. Steuerfreiheit auf 7 Jahre für alle Häuser, die durch den Krieg zerstört wurden; die Haltung von Kirchen aber blieb ihnen verboten. Cavalier wurde zugleich königl. Oberst, mit einer Pension, mußte aber versprechen, aus den Camisarden 4 Regimenter zn bilden, denen freie Religionsübung gesichert wurde und zu denen er die Offiziere selbst ernannte. Am 22. Mai 1704 traf die kgl. Ratification dieses Vergleiches in Nrmes ein. Jndeß fand dieses Abkommen bei den besonders durch holländische Emissäre zum Widerstande aufgereiz- teu Camisarden keinen Beifall, dir Propheten sprachen dagegen, u. als Cavalier zufällig abwesend war, berief ein Offizier, Ravanel, eine Versammlung der Camisarden nach Calvisson, in der er diesen Frieden als Verrath bezeichnete u. aus- cinandersetzte, daß die Negimenter-Errichtung nur auf Vernichtung der Camisarden berechnet sei, die Regierung keinen der Friedenspnukte halten werde. Infolge dessen beschloß die Versammlung, in die Berge znrückzukehren und nicht eher die Waffen niederzulegen, als bis das Edict von Nantes wiederhergestellt sei. Cavaliers Bemühungen zur Beschwichtigung wurden mit Todesdrohungen erwidert, u. schließlich mußte er fliehen. Villars aber griff rasch ein, nöthigte Viele zur Unterwerfung u. sandte sie nach Valabregues an der Rhone, in das Depot der Cavalierschen Regimenter; Andere flüchteten u. traten mit Cavalier in piemon- tcsische Dienste, wo sie den Stamm zu einem Regiment bildeten, das unter Cavalier in der Schlacht bei Almanza in Catalonien 25. April 1707 völlig aufgerieben wurde. Cavaliers Stelle hatte inzwischen Roland zu Hause eingenommen, u. nach dessen Tode (14. Aug. 1704) Ravanel, von dem indeß infolge einer neuen Amnestie vom 5. Sept. 1704 viele Führer abfielen u. mit Pässen nach Genf geschickt wurden, während die Leute nach Hause gingen. Nachdem sich im Dec. auch Ravanel noch unterworfen, irrten nur noch auf den höchsten Gebirgen einige Haufen umher; andere Camisarden hatten sich nach England gezüchtet u. agitirtcn dort unter dem Namen Französische Propheten. Im Jan. 1705 trat an Villars' Stelle der Marschall von Berwick, welcher 25. März 1705 in Montpellier eiutraf. Inzwischen hatte sich Ravanel mit anderen Camisarden- führcrn wieder in den Gebirgen eingefunden u., da neue Hilfe von Holland u. England, ja selbst die Landung einer alliirten Armee an den Küsten des Mittelmeercs versprochen war, einen neuen Aufstandsplan entworfen, der in der Nacht vom 25. bis 26. April zur Ausführung gelangen sollte. Jndeß wurde das Vorhaben 19. April verratheu, Ravanel, Catinat u. andere Führer,. die sich bereits in Nrmes versteckt hielten, verhaftet u. mit ! über 200 Verschworenen lebendig verbrannt, ge. rädert oder gehängt. Aufs Äußerste erbittert, erhoben sich,.die Camisarden nochmals, unterlagen aber der Übermacht: die meisten fielen mit den Waffen in der Hand, andere wurden gefangen u. grausam hingerichtet, wenige nur konnten sich s durch die Flucht retten, u. die zurückblieben, sahen > das ganze Land verwüstet. Im Sommer 170» ! ' war der ganze Aufstand niedergeschlagen, äußer- - lieh wenigstens; im Innern glimmte es noch ! fort, u. gab der religiöse Meinungskrieg noch nach der zweiten Restauration zu großen Unordnungen ! u. schrecklichen Scenen gegen die Protestanten An- ! laß. (S. Nrmes.) Vgl. Hrstoirs äos Oawi- saräs, 2 Bde., Lond. 1744; Court de Gebelin, Hiob, äss troublss äss Csvennss ob«., Ville- franche 1760 u. 1820, 3 Bde.; Schulz, Gesch. der Camisarden, Weim. 1790. Lagai. Cevennische Propheten, so v. w. Franzos. Propheten; s. Cevennenkrieg. Ceylon (Ceylon, Zeilan, entstanden aus dem arab. Selan-fSeren-jdib, dieses verderbt aus dem sanskritisch. Sinhala-Dvipa, d. h. Löweninsel; ein anderer uralter, aber früh untergegangener Name war Lanks, bei den alten Griechen u. Römern ! Taprobane (entstanden aus dem sanskrit. Tam- raparnij, Sialä und Paläfimundu), Insel im Indischen Ocean, im W. durch den Golf von Manaar, im NW. durch die bis zu 100 üm breite Palks-Straße von der SSpitze Hiudostans getrennt, welche Meeresarme, durch eine während der Ebbe bloßliegende Reihe von Sandbänken u. Felsenriffen, die sog. Adams-Bridge, von einander geschieden, nur au einzelnen Stellen kleineren Schiffen die Durchfahrt zwischen der Insel u. dem Festlande gestatten, von 5" 55' bis 9° 49' n. 97° 40' bis 99° 35' östl. L. sich erstreckend, mit einer Längenausdehnuug von N. nach S. von 460 Irin, größter Breite von 225 üw, u. einem Flächeninhalte von ungef. 63,300 fHüm (1150 (UM), auslan- fend im St. im Cap Palmyra,imS.im Cap Dondrah. Die Insel, im Ganzen betrachtet, von Herz- oder birnenförmiger Gestalt, ist in der Mitte u. einem Theil des Südens ein Bergland, an welches sich ein Hügelland anschließt; gegen N. geht dieses in eine vollständige Niederung über, während im > S. die Hügel oft das Meer erreichen. Das Berg- ! i laud, dessen zusammengedrängte Massen, Neur» Ellya (Nurellia), südwestl. von Candy eine durch- schmttliche Höhe von 1600 m erreichen (einzelne Gipfel darin, der Namana Kulikandi, PeLuru Tallagalle, Samanella oder mit dem gebräuchlicheren Namen Adams-Pik, erheben sich bis über 2000 m), ist reich an malerischen u. pittoresken Landschaften, in seinen Thälern höchst fruchtbar u. waldreich, reich bewässert u. von kühlem Klima, das Hügelland ebenso fruchtbar u. meist cultivirt, während nie verbleichende, üppige grüne Flächen u. Massen von Cocospalmen den NSaum der Insel bedecken. Zahlreiche, infolge der häufigen Regen stets ihren Lauf bewahrende Flüsse und Bäche, wenn auch der Natur nach nur von kurzem Laufe, befördern die nie versiegende Üppigkeit der Vegetation u. Productionsfähigkeit des Bo- 635 tenL; aus dem Hochgebirge der Mitte hervorflie- ßend, endigen sie meist an der WKiiste in dem Meere, so die Kalani-Ganga bei Colombo, die Kalagangabei Kaltura, die Walawa-Ganga, während der größte, die Mahäwali-Ganga, in nordöstl. Laufe bei Trinkomale sein,reißendes Wasser dem Ocean zuführt. Die dem Äquator nahe Lage der Insel bedingt ein heißes, gleichförmiges Klima, nur mit der Abwechselung der Regenzeit u. trockenen Monate, einen fortwährenden Sommer ohne unseren Wechsel der Jahreszeiten, dessen Hitze durch die insulare Lage gemildert wird u. der für europäische Constitutionen vorzüglich in den bebauten Landstrichen nicht ungesund ist; die Temperatur der WKüste schwankt zwischen IO'// u. 24°, die der OKüste zwischen 19° u. 26°; im inneren Hochlande sinkt die Temperatur auf 12° u. noch tiefer. Von Mai bis November wehen die SWMousnne, von November bis März treten die SOMonsune dafür ein; damit in Verbindung steht der Eintritt der Regenzeit; eine lang andauernde Trockenheit kennt man nicht. Ist Ceylon schon durch seine geographische Lage u. sein günstiges Klima in hervorragender Weise zu einemSitze des menschlichen Verkehres bestimmt, so erhöht diese Vorzüge noch der unerschöpfliche Reichthum der Products, womit die Natur es bedacht hat. Sind auch Gold und Silber der Insel versagt, so ist sie anderseits der Fundort der kostbarsten Edelsteine, Diamanten, Rubine u. a. (vorzüglich beiAnnradhapura), birgt in ihren Bergen Massen von Eisen, Mangan u. Salpeter, an ihren Ufern Salz und hat m den sie umgebenden Meeresrissen die Fülle der geschätzten Perlenausteru, deren schon in alter Zeit lohnenden Ertrag erst die in neuerer Zeit planlos gesteigerte Ausbeutung verringert hat. Weit bedeutender iudeß sind die Schätze des Pflanzenreiches, die von keinem anderen Punkte der Erde übertrofsen werden. Während Klima u. Tragfähigkeit des Bodens die lohnendste Cultivirung (wie im Dekhan kennt man jährlich 3 Aussaaten u. 3 Ernten) von allen nährenden Gewächsen ermöglichen, vor allen des indischen Hauptnahrungsmittels, des Reis, dessen Ertrag erst in neuerer Zeit durch den Verfall der künstlichen Bewässerungen gesunken ist, bietet auf der anderen Seite die Insel das Bild der dichtesten Wälder aller Arten von Palmen, der reichsten Fülle der Gewürzpflanzen. Beinahe das ganze Innere ist ein großer Wald voll der verschiedenartigsten Nutzhölzer, Ebenholz-, Farbholz-, Teakbäume u. a.; im S. reihen sich die Cocos-Palmen an Brodfrucht- u. Dschackbäume; daneben finden sich Tamarinden, Bananen, Feigen- u. alle Arten europäischer u. tropischer Obstbäume. Den Hauptreichthum endlich Hilden die edleren Culturgewächse, das Zuckerrohr, die Pfesserrebe, die Baumwolleustaude, neben der der Baumwollenbaum sich zu mächtiger Höhe erhebt, der Kaffebaum, wild wachsend u. cultivirt, u. der Zimmtbaum, dessen Heimath die OKüste Afrikas ist, dessen Verpflanzung nach CH. aber schon vor langer Zeit geschah. Die Cultivirung dieser Pflanzen in großen Plantagen, durchzogen von hohen Palmen u. Tamarinden, gibt der Landschaft das Bild eines meilenlangen üppigen Ceylon. Gartens. An den gewöhnlichen Thieren: Affen, Schweinen, Fasanen, Truthähnen ist die Insel nicht weniger reich, als das sie umspüleude Meer an Fischen; es fehlen die in Indien einheimischen Tiger u. Leoparden, ebenso ursprünglich die Pferde; dagegen bietet der S. gelehrige n. kräftige Elefanten, deren Zähmung schon im Alterthum mit Erfolg betrieben ward, deren Zahl durch die vielen Nachstellungen in letzter Zeit sich sehr verringert hat. Zahlreich sind die Schlangen, obschon wenig giftige; eine Plage in den sumpfigen Niederungen sind die Unmassen von Blutegeln u. über die ganze Insel hin die Schaaren der rothen Ameisen. Die Einwohner, deren Zahl bei der Aufnahme von 1871 2,405,287 betrug, bestehen aus den Vedda, den ursprünglichen Urbewohnern, einem vollständig rohen u. uucultivirt gebliebenen Volksstamme in den Wäldern des Innern, der bis auf ungefähr 10,000 ausgestorben ist, den ebenfalls seit alter Zeit die Insel bewohnenden Siughalesen, einem der Dravida-Race angehörenden, jedoch mit arischen Hindu vermischten Stamme mit eigener Sprache (s. d.), welche die Hauptmasse bilden, aus vom Festlands eingewandertenMalabaren mit tamilischer Sprache im N., aus Mohren oder Mauren arabischer Herkunft, Mischlingen von Portugiesen n. anderen Europäern mit eingeborenen Frauen, einigen Malaien; die herrschende Klasse bilden die Engländer. Nach einer offic. Berechnung von 1867 befanden sich damals unter den Ew. 18,483 Weiße (worunter 1084Militärpcrsoueu), 2,035,373 Farbige (dav. 1326 Milit.) u. 38,916 Fremde. Zahl der Schulen 874, der Schulkinder (nur) 30,417, worunter 6527 Mädchen. Die herrschende Religion ist der Buddhismus; im N. findet sich Cultns des Siwa. Politisch sicht C. unter britischer Herrschaft; die Verwaltung leitet ein direct unter dem Ministerium stehender Gouverneur. Administrativ wird es in 6 Provinzen eingetheilt: NProvinz, NWProvinz, WProvinz, OProvinz, SProvinz und Ceutral-Provinz, welche wieder in Districte zerfallen. Hauptstadt ist Colombo; sonstige erwähnenswerthe Städte: Candy im Innern, Trinkomale an der OKüste, Point de Galle u.Mathura imS.; historisch berühmt Annradhapura im Innern, jetzt in Trümmern. Die Verwaltungsbeamten der einzelnen Districte sind Siughalesen und werden Mndelliers genannt, ebenso sind die Gerichte theilweise aus Siughalesen zusammengesetzt; die Gesetze sind noch größteutheils singhalestsch; die Mudellicrs treiben die Steuern ein (Zehnten, Fischfang-, Salz- u. Perlenfischereipacht); Einnahmen 1871 1,089,522, Ausgabe 1,064,184, Schuld 700,000 Pf. Sterl.; bewaffnete Macht 16,000 Mann, größteutheils Einheimische. Die Auglicanische Kirche hat seit 1846 einen Bischof in Colombo, außerdem gibt es noch Wesleyaner n. amerikanische Baptisten, welche sich sämmtlich die Verbreitung des Christeuthums angelegen sein lassen n. ebenfalls die Schulbildung leiten, auf welche die englische Regierung viele Sorgfalt verwendet; zu Colombo besteht eine Akademie u. ein Zweig der Loeistzi. An Häfen ist die Insel nicht reich; der sicherste ist der von Trinkomale, der wichtigste der von Point de Galle. Eine Landstraße führt um die ganze Insel, eine vorzllg- 636 Ceylon. liche Straße verbindet Colombo mit Tandy, an die sich weitere im Innern anschließen; die beiden genannten Orte verbindet auch eine Eisenbahn. Die Hauptbeschäftigung ist der Landbau, dem zu vollständiger Cultivirung der Insel nur die Arbeitskräfte fehlen; die Viehzucht tritt sehr zurück; die gewerbliche Thätigkeit (Weberei, Metallarbeiten) ist sehr zurückgegangen. Im I. 1867 ergab die Aufnahme, daß 565,829 Individuen vom Ackerbau, 62,275 vom Manufacturwesen u. 113,228 vom Handel lebten. Der Handel ist sehr bedeutend: 1871 betrug derWerth der Einfuhr 4,797,952, derjenige der Äussuhr 3,634,854 Psd. St. Die Ausfuhr besteht hauptsächlich aus Kaffe, 1871 775,454 Ctr., im Geldwerthe von 2,093,667 Pfd. Sterl. (cs waren im genannten Jahre 1968,^ im Land mit Kaffestaudcn bepflanzt), dann Zimmt, Cocosnußöl, in zweiter Linie Baumwolle, deren Cnltur sich jährlich mehr entwickelt, Cardamomen und werthvollcn Nutzhölzern, Diamanten, Perlen; die Einfuhr aus Baumwollenzeugen und anderen Producten europäischer Industrie. Viehstand im Dec. 1872 6873 Pferde, 899,727 St. Hornvieh, 62,962 Schafe. Der Hafen Point de Galle ist der Landnngspunkt der den Verkehr von Europa über Ägypten nach Calcutta, Hinter-Jndien, China und Japan und Australien vermittelnden Dampfer u. dadurch der Mittelpunkt eines regen Verkehres. Zu C. gehören noch mehrere Inseln, von denen die bedeutendsten Dschafnapatam (im N.), Namiseram u. Manaar (im NW.). Münzen, Maße und Gewichte: C. hat die engl. Währung n. den spanischen Silberdollar zu 4^/g Shilling, die Company Rnpee zu IV/is Shilling, die Sicca Rnpee zu 2Vis Shilling gerechnet; im Verkehre sind englische, holländische, spanische u. ostindische Gold- und Silbermünzen, in Kupfer indische Stüber, englische Coloniemünzen. Längen- u. Feldmaße wie in England; Getreidemaß: das Amomani(— 203,ggj1) zu 8 Parah; das Gewicht des Parrah ist für Kaffe 34, für Pfeffer 30, für Salz 54, für Reis 44 englische Pfund ^.voir än pois; das Feld wird nach der Quantität der Aussaat, resp. dem Eruteertrage den Amomam zu 4 Peyla ä 10 Cornie ä 8 Laha gerechnet u. hält 1,iosba; Flüssigkeitsmaß: das alte englische Gallon oder (jetzt gebräuchlicher) der Legger ä 2 alte Gallons. Gewichte sind die englischen oder der einheimische Bahar (Tandy), je nach dem spec. Gewichte der Waare zu 500—550 Pfd. L.voir äu xois berechnet. Wechselcourse werden auf folgende Orte notirt: Madras, Bombay, Calcutta, Cantvn u. London. Geschichtliches. Daß ein in dem Maße durch geograph.Lage u. natürlichen Reichthumbegünstigtes Land, wie C., schon frühzeitig die Blicke erobernder Einwanderer auf sich ziehen würde, ist den Verhältnissen entsprechend, wie anderseits eine gerade bei dieser Insel bis in frühe Zeiten hinaufführende Ge- schichterzählung das Bestehen geordneter Staatsverhältnisse und einer gewissen Cnltur bezeugt. Abgesehen von der im Heldenepos Ramajana enthaltenen aus ungewisser Zeit stammenden Tradition einer Einnahme der Insel durch Rama, welche ans die Unterwerfung der südindischen Völker durch die Arier bezogen wird, bezeugen die ersten, noch mythisch gefärbten Nachrichten die Eroberung C-s Lurch brahmanische Ansiedler unter König Vidschaja, in ungewisser Zeit (angeblich 340 vor Chr.). Ein sicheres Datum gewährt die Einführung des Buddhismus unter König Devanamprija- Tischja 245 v. Chr. Ihm folgte eine lange Reihe von Königen, deren Geschichte nichts besonders Erwähnenswerthes enthält, als Kämpfe mit de» noch nicht vollständig unterworfenen Ureinwohnern, den Vedda, sowie Anlage religiöser Bauten und künstlicher Wasserleitungen. Den Griechen und Römern war C. bekannt als Taprobane oder Sialai, wo viel Gold, Edelsteine u. Spezereien waren. Unter Kaiser Claudius wurde ein Pachter der Meerzölle des Rothen Meeres nach C. verschlagen; er blieb 6 Monate dort und bewog den König, eine Gesandtschaft an den römischen Kaiser zu schicken. Kosmas Jndoplenstes besuchte die Insel im 6. Jahrh., und sie war schon damals der Vereinigungspunkt zwischen den occidentalischen n. arabischen und den chinesischen n. indischen Kaufleuten u. Sitz des Buddhismus, bedeckt mit buddhistischen Heiligthümern, in deren einem die heilige Reliquie, der Augenzahn Buddhas, 316 v. Chr. niedergelegt war; von hier aus drang im 4. Jahrh. die buddhistische Religion nach Hinter- Jndien. Die blühenden Verhältnisse der Insel, auf der eine geordnete Staatsverwaltung sowol das Gedeihen des Volkes, als die Blllthe der Literatur beförderte, wurden seit dem 9. Jahrh. durch inneren Aufruhr u. Einfälle der südindischen Herrscher,von Tschola und Tschera (Malabar) gestört, welche zeitweise allerdings durch König Pro- kramabahu (1153—86), der auch zur Verschönerung der Hauptstadt Anuradhapura viel beitrug, zurückgeschlagen wurden, aber endlich zum Untergange der alten Dynastie im 14. Jahrh. u. zur Zersplitterung der Insel unter eine Anzahl Häuptlinge führten, aus deren Wahl der in Candy resi- dirende Herrscher hervorging. — In der neueren Zeit kam zuerst von den Europäern, nach Entdeckung des Seeweges um das Cap der guten Hoffnung, der Portugiese Lorenzo Almeida nach C.; seit 1505 besetzten die Portugiesen das Küstenland. Sie machten sich die Streitigkeiten zu Nutze, in denen die Häuptlinge mit dem König lebten, der das Königthum erblich gemacht hatte, u. indem sie als Bundesgenossen u. Freunde bald dieser, bald jener Partei auftraten, wußten sie sich allmählich in Besitz eines großen Theils deS Küstenlandes zu setzen, während der König aus das Innere beschränkt wurde. Die ihrer Herrschaft unterworfenen Singhalesen, welche die portugiesische Sprache annahmen, suchten indeß wiederholt das fremde Joch abzuwerfen, was ihnen unter Dherma Suri Ada, der portugiesisch erzogen n. bekehrt in der Taufe den Namen Don Juan d'Austria erhalten hatte u. sich in der Folge zum König von Candy erhob, auch gelang. 1602 riefen die Singhalesen die Niederländer zu Hilfe. Die Portugiesen wurden 1632—56 verdrängt, und an ihrer Stelle nahmen die Niederländer die Küstengegenden ein. Diese schlossen mit den Königen von C. Handelsverträge u. suchten mehr im Handel als in Eroberungen von der Insel Vvrtheil zu ziehen. Unter Ludwig XIV. versuchten die Fran- 637 Ceylonmovs — zosen auch die holländischen Besitzungen in C. an sich zu bringen, was ihnen jedoch nicht gelang. Als es zum Kriege zwischen England und den Niederlanden kam, wurde der Krieg auch in Asien gesührt, u. vom 26. Aug. 1795 bis 15. Febr. 1796 vertrieb der englische Admiral Blankert die Holländer von C., u. nun besetzten es die Engländer, denen es 1802 im Frieden von Amiens förmlich ^abgetreten worden war. Die Holländer hatten ihrer Colonialpolitik gemäß die Herrschaft der Könige von Candy ungestört unter ihrer Oberherrlichkeit gelassen, die englische Politik in dem Sweben nach unumschränkten Besitz der Insel, die der Krone unmittelbar unterstellt war, beseitigte unter blutigen Kämpfen die Dynastie; der letzte König, Sri Vikrama, wurde 2. März 1815 in die Gefangenschaft nach Vellore (Madras) ab- gesührt, wo er 1832 starb. Die in ihren Privilegien verkürzte buddhistische Geistlichkeit erregte wiederholte Empörungen (1817, 1823, 1834, 1843 gegen die Engländer, die, au u. für sich gefahrlos, blutige Gegenmaßregeln hervorriefen. Zweckmäßige Einrichtungen, Abschaffung der Frohndienste und gezwungene Arbeiten, Anlage von Straßen erhoben bald die Insel zur Blüthe; die drückenden j Steuern indeß, die zur Deckung der unverhältniß- mäßig hohen Verwaltungskosten (allein für die englische Geistlichkeit 10,000 Pfd. St.) Lord Torrington auflegte, riefen 1848 einen neuen Aufstand hervor, der den Ruin vieler Plantagen mit sich führte u. durch barbarische Grausamkeit unterdrückt werden mußte. Die Folge war Abberufung des Gouverneurs u. Zurücknahme der Steuern, worauf die Ruhe der Insel nicht mehr gestört wurde u. ihre materielle Blüthe von Jahr zu Jahr gestiegen ist. Vgl. Lassen, Indische Alterthumsknnde, 4 Bde., Leyd. 1866 ff., wo sich reichhaltige Literaturnachweise finden; Forbes, Nsvsn zwar» in 6., Land. 1840; Turnour, üpitoms oktiia bist, ok 6., 1836; W. Knighton, Mrs bisior^ ok 0., ebd. 1845; Narrow, C., Lond. 1857; Sirr, 6. anä tks LinAÜa.- lsrs, Lond. 1850; Tennent, C., ebd. 1860; Schlag- ! intweit, Reisen in Indien, Bd. 1, Jena 1869; v. ! Ransonnet, C., Braunschw. 1868. Thielemann. § Ceylonmoos, so v. w. Agar-Agar, s. Lxiias- l ivsooeus. Cezimbra, Stadt im Bezirke Setubal der por- tngies. Provinz Estremadura, am Cabo Espichel; kleiner Hafen; starke Fischerei; 4310 Ew.; auf dem genannten Cap eine berühmte Wallfahrtskirche, Nossa do Senhora Cabo. Lk., Abkürzung für Ooukor, vergleiche, od. 6on- ksratur, man vergleiche. CH, 1) die Aspirata der Gutturalreihe, im Griechischen Chi (-t), der 22. Buchstabe des Alphabets. 2) Unter Len neueren Sprachen entspricht oh im Englischen und Spanischen ungefähr dem Laute des deutschen Tsch, im Französischen u. Portugiesischen dem des deutschen Sch, im Italienischen H dem des deutschen K. h CH, die mit CH ... . beginnenden indischen l Benennungen, wie Chandernagor, Chota Nagpur u. s. w., suche man unter Tsch .... Chabal-Dussurgey, Pierre Adrien, franz. ! Blumenmaler, geb. um 1815 zu Charlieu (Loire); ^ studirte an der Kunstschule zu Lyon, kam 1840 Chabaud-Latour. nach Paris u. ist seit 1850 an der Gobelinsfabrik des Staates angestellt. Er malt meist in Guachc u. thut sich durch glückliche Composition u. feinen Farbensinn unter den Meistern seines Faches rühmlichst hervor. CH. erhielt das Kreuz der Ehrenlegion. Regnet. Chaüas, Frang. Joseph, franz. Ägyptolog, geb. 1817 in Briangon; widmete sich dem Handel, studirte aber daneben die alten u. neuen Sprachen u. machte sich ohne fremde Anleitung die ägyptischen Hieroglyphen zu eigen, in deren Entzifferung er einen neuen kritischen Weg einschlug. Er ist Mitglied mehrerer Gelehrten Gesellschaften, vor Allem des Institut s^xtisn, zugleich auch Präsident deS Departementalrathes von Saöne-et-Loire u. gibt seit 1874 die Zeitschrift I>'LMpt„Io§io in Chalons heraus. Von ihm erschien: Uns insoription historigus äu rLZno äs 8sti I., Paris 1856; I-ss papzwns hlsrutignes äs Lsriin, 1864; übersetzte I-s papvrns magigus Harris, 1861, und VozmAs ä'un lÜA^ptisn sn 8zrio, en klrsniois, sn kalsstins au 14. siscls avant notrs srs (aus einem Papyrus im Britischen Museum), 1866, u. schr.: Uslanges sAz-ptolo^rguss, 1862 f., 2 Thle.; Rsohsrohss snr Is noin s^zptisn äs Lhebss, 1863; Dsvus rötrospsetlvs ä propos äs la puhlieation äs ka üsts ro^als ählbz'äos, 1865; I/inssription hisroAl^pülgus äs Losstts, anal^sss st eomparss a la vsrsion Arsegus, 1867; liraäuotion äss insoriptions äs I'obslisqus äs la I?Iaos,äe la Consoräs ä karis, 1868; Css pastsurs sn §Mpts, 1868; lAuäes sur l'antiguits historigus ä'aprss los souroes sA^ptiennss oto., 1872; lioohershss xonr servil ä l'histoirs äs la 19. äz'nastio sto., 1873, u. m. a. Henne-Am Rhqn.» Chabasrt (Kalkchabasit, Min.), krystallifirt in RhomboLdern, die häufig zu Drusen vereinigt sind; ist gewöhnlich farblos, seltener weiß, röthlich und gelblich; sein spec. Gew. ist 2,„—2,„ seine Härte 4—5; ist ein wasserhaltiges Doppelsilicat von Thonerde und Kalk, dem etwas Kali und Natron beigemengt ist; es bildet ein häufiges Ausfüllungsmittel der Blasenräume von Basalt, Klingstein u. Mandelstein, einzeln ausgewachsen oder zu Drusen gruppirt; findet sich in Tirol, im Westcrwalde, in Böhmen, Skandinavien u. Len Faröer-Jnseln. Chabaud, Louis Felix, franz. Medailleur u. Bildhauer, geb. 14. März 1824 zu Venelles (Bouches du Rhone); ward von Pradier unterwiesen, besuchte die Pariser Akademie, bildete sich von 1848 bis 1851 in Rom u. zählt zu den besten Künstlern seines Faches in Frankreich. Medaillen von ihm: Ceres umarmt den jugendlichen TriptolemoS, um ihn gesund zn machen (1853); die Agricultur (1853); Napoleon III. Statuen: die Jagd (StaatSeigenthum, 1861); der Landbau. Relief: die Aufhebung der Sklaverei. Regnet. Chab aud-Latour, Francois Erne st Henri, Baron von, franz. General u. Staatsmann, geb. 25. Jan. 1804 zu Nrmes; studirte auf der Polytechnischen Schule, wurde 1827 Hauptmann, machte den Feldzug nach Algier mit, war bei der Befestigung von Paris thätig und Ordonnanzoffizier des Herzogs von Orleans; unterstützte in der De- putirtenkammer die Regierung, wurde 1853 Bri- gadegencral und Geuiecommandant in Algerien, 633 Chabcr — 1857 DivisionSgenecal, war auch Mitglied des Erziehnugsrathes u. des Centralrathes der Refor- mirten Kirche, wurde 1871 in die Nationalversammlung gewählt zvarMitglied des Kriegsgerichtes über Bazaine n. wurde 20. Juli 1874 Minister des Innern, von welcher Stellung er indeß Anfang 1875 wieder znrücktrat. Henue-AmRlM. Chabcr (hebr.),„ so v. w. Chabher. Chabertsches Öl (Oleum oinpz'reuilmbienill Olradsrbi), aus Hirschhornöl u. Terpentinöl durch Destillation erhalten; wurde früher nur in der Thierarzneiknnde gegen Würmer benutzt. Chabher (Chaber, hebr.), 1) Collegium. 2) Bei den Talmudisten auch ein Unterrichteter. 3) Titel, Lessen InhabermitdemEhrennamen ha CH. Rabbi zur Tora gerufen wird, den nur der Rabbiner an Unverheirathete, wenn sie wirklich gelehrt sind, sonst aber meist zur Hochzeit crtheilt. Ein höherer Grad als CH. ist Morenu. Chabir, Karawauenführer in NAfrika. Chablais (ital. Chiablese), der nördlichste Theil des sranz. Depart. Hoch-Savohen, an den Geufer- See n. den schweiz. Kanton Wallis anstoßend; zum Theil sehr ergiebig an Getreide, Hülseufrüchtcn, Wein, Nüssen, Kastanien; künstliche Wiesen verbreiten sich wegen ihres Nutzens für die beträchtliche Viehzucht immer weiter; von wilden Thieren gibt cs Wölfe, Füchse, Dachse, Hasen und wildes Geflügel; die Berge geben Marmor, Schiefer, Steinkohlen, Eisenerz und Kalkstein; auch viele Mineral» u. Gasquellen; die Thäler der Drauce und ihrer Nebenflüsse bieten prachtvolle Hochge- birgs-Scenerien dar. — Der Name entstand aus krovinoia caballioa (krov. egnsobrlo), weil die Römer mehrere Stutereien hier hatten. Sie ward von Nantuatern bewohnt. Kaiser Konrad der Salier schenkte CH. dem Grafen Humbert von Savoyen, wovon die Grafen im 14. Jahrh. den Namen Hcrzöge von CH. annahmen, bis durch sie Savoyen selbst znm Herzogthum erhoben wurde. Im Jahre 1536 eroberten die Berner mit dem Waadtlaude auch CH. u. führten die Reformation ein, gaben es aber 1564 wieder an Savoyen zurück. Eine zweite Eroberung 1591 ging noch schneller vorüber, u. Franz von Sales bekehrte C. wieder zum katholischen Glauben. Seit 1815 bildete C. mit Faucigny (s. d.) die neutrale Zone Savoyens, welche von der Schweiz besetzt werden konnte, was aber seit der sranz. Annexion in Frage gestellt ist (s. Savoyen). Jetzt entspricht es dem Arrondissement Thonon. Penne-Am Rhyn.» Chablis, Flecken im Arr. Anxerre des sranz. Dcp. Donne am Serain; Bau von ausgezeichnetem weißem Burgunder; 2300 Ew. Chabons, Ort im Arr. La Tour du Pin im sranz. Dep. Jsäre, Station der Paris-Lyon-Mittel- mcer-Bahn; Stahlwerk; 1800 Ew. Chaboras (bei Tenophon Araxes, bei den Hebräern Khebar), Nebenfluß des Euphrat, der mit seinen Nebenflüssen aus dem Masiusgebirge in Armenien kam und bei Circesium (jetzt Kerkesieh) mündete; jetzt Chabur. Chabot, 1) Philipp, Graf von Charna und BuzanxoiS, Herr v. Brion, erzogen mit Franz I.; erhielt von diesem viele Würden, ver- »k"-digte 1523 Marseille gegen Karl V., wurde Chabrillcin. bei Pavia gefangen, dann von Franz I. zu verschiedenen Sendungen gebraucht, 1526 Admiral u. 1532 Gesandter in England; er befehligte daraus in Piemont, fiel in Ungnade, wurde jedoch vom Kriegsgerichte frcigesprochen u. starb bald daraus 1543. 2 ) Franyois, sranz. Revolutionär, geb. 1759 zu St. Geniez-Dol in Rovergue; war Ka- puziner und wurde nach Aufhebung der Klöster Vicar des Bischofs von Blois. In die Nationalversammlung gewählt, trat er als müthender Revolutionär auf (er hieß der wülhende Mönch) u. predigte 9. Ang. 1792; er wurde dann Mitgliedes Convents, wo er für die Gütervcrtheilung unter ! die Proletarier sprach. Er gab der Kirche Noke- ^ j Dame den Namen Tempel der Vernunft. Der ^ Unterschlagung u. Fälschung angeklagt, wurde er gefangen gesetzt n. nach einem vergeblichen Versuch, sich zu vergiften, 5. April 1794 guillotinirt; mit ihm seine beiden Schwäger, Barone Frey ans Österreich, die ihm ans Gewinnsucht ihre Schwester geopfert hatten. i->" Chabotte, Untersatz für den Amboß beim Dampfhammer. Chabrras, einer der berühmtesten athenischen Feldherrn im 4. Jahrh. v. Chr., Zeitgenosse des Jphikrates; begründete seinen Ruf zuerst durch einen Sieg, den er im Jahre 388 v. Chr. in dem Korinthischen Kriege über die Spartaner bei Ägina erfocht. Nachher unterstützte er 387 den Euagoras von Cypern n. 385 den ägypt. König Nektanebis, welche sich beide gegen die persische Oberherrschaft aufgelehut hatten. Der Zug nach Cypern war im athenischen Staatsdienste unternommen; der ägyp- ! , tische war nur Privatsache des CH. Als nachher ^ f die Spartaner bei einem Kriege gegen Theben auch in Attika eingefallen u. die Athener nun auf die Seite der Thebaner getreten waren, zog CH. mit den Athenern nach Böotien u. schreckte hier 37l die weit überlegene Macht des Königs AgesilaoS dadurch von einem Angriffe ab, daß er den Feind ans einer steilen Anhöhe mit vorgestrecktem Speer n. gegen das Knie gestemmtem Schild erwarten ließ. Er schlug 376 die spartanische Flotte unter Pollis bei Naxos: seine größte Kriegsthat, die ihm auch als Secheld neben dem F-lotteubefehlshaber Timotheos einen ruhmvollen Platz bewahrt; befreite dann Abdera von den Angriffen der Thraker n. vertheidigte (bei neuerdings veränderter Politik der Athener) 368 in dem Spartanisch-Böotischen Kriege Korinth, aber weniger glücklich den Jsthmui gegen Epaminondas. Da er Oropos gegen die Thebaner nicht hatte behaupten können, wurde er 366 öffentlich angeklagt, aber freigesprochen. Er führte 362 als Söldneranführer die ägyptische Flotte in dem Ausstande des Tachos gegen die Perser an. Als athenischer Schiffsführer fiel er k endlich 357 im Bundesgenvssenkriege in einem ! Seegefechte bei Chios. Biographie von Corn. Nepos (v. Rehdantz), Vitas Iplriorabis, Olladriae, Pimotdoi, Idtdonisnsinm, Berl. 1845. Heryberg. Chabrillan, Celeste, geb. Venard, französische Schriftstellerin; heirathete 1853 den Grafen Lionel von CH., welcher 1858 als französischer Consul zu Melbourne in Australien starb; 1862 betrat sie das Sommertheater in den Elyseischen Feldern, dessen Direction sie im folgenden Jahre übernahm. 630 Chabris-GiLvres — Chagrin. Sie gab 1854 unter dem Namen Celeste Mogador ihre Memoiren als ^äisux an monäs, 5 Bde., heraus, welche alsbald unterdrückt wurden und dasselbe Schicksal bei einer neuen Herausgabe (1858) hatten. Nachher schrieb sie die Novellen: Los volsurs ä'or, 1857; La Lappsio, 1858, deutsch in der Berliner Novellcnsammlung, 1865, LIiss ksvoll, 1859; Lst-il kau, 1860; Lu wiraols ä Violl)', 1861; Mmoirss ä'uns konnsts Ms, 1865; auch schrieb sie seit 1862 Vaudevilles u. a. Kleinigkeiten siir das Theater. Chabris-Gievres, Flecken im Arr. Jssoudun des franz. Dep. Jndre, am Cher, Station der Orleans-Bahn; Weinbau; 8116 Ew. Chabrns (hebr.), 1) der Gewinnantheil einer finanziellen Vereinigung aus einem gemeinschaftlich unternommenen Geschäfte. 2) In den böhmischen Wahlkämpfen die Manipulationen, welche sowol Czechen, als Deutsche Vornahmen, indem sie durch Ankauf großer Güter (bes. seit 1870) sich Wahlsiege zu verschaffen suchten. Chacabnco, Stadt in der slldamerikan. Repu- blick Chile. Hier 12. Febr. 1817 Sieg des Generals San Martin über die Spanier, welcher die Befreiung der Republik herbeiführte. Chacaton, Jean Nicolas Henri de, franz. Historien- und Landschaftsmaler der Gegenwart, ! geb. 30. Juli 1813 in Chezy (Allier), Schüler , von Hersent und Ingres, in der Landschaft von Manihot; bildete sich in Italien und im Orient. Werke: Ansichten aus Sicilieu; Der Gefangene i von Chillon „(1835); Die 3 Lebensalter (1838); Christus am Ölberge (in Chartres, 1844); Araber an der Cistcrne; Erinnerungen an Smyrna; Erinnerungen an die Tiberufer rc. Regnet. Chacham (hebr.) der Weise; Titel der Rabiner. Chaco, gewöhnlich LI Crau Oftaoo (das große Jagdrevier) genannt, Land in SAmerika. Auf dieses Gebiet machen sowol Bolivia, als Paraguay u. die Argentinische Republik Ansprüche, denn es grenzt im"N. an Bolivia, im W. an Tucnman und Salta, im S. an Santjago; die OGrenze gegen Paraguay bildet der Fluß gleichen Namens, dem aus CH. der Vermejo u. Pilcomayo zufließen; diese Flüsse überschwemmen u. versumpfen in der Regenzeit das Land, da es nur im westlichen Theil durch die Cordilleren gebirgig u. kalt, sonst aber niedrig u. eben u. sehr heiß ist. Unter den Bäumen findet man hohe Palmen; von Thiercn Pferde, Rindvieh, Schafe, meist in wilden Heerden, Lama, Vicuna, Hirsche, Bären, Tiger, wilde Katzen, große Hasen, viele Arten Vögel, Schlangen, Jnsecten, viele Bienen. Das Land, im N. mit ungeheuren Urwäldern u. üppiger Vegetation, im S. mit Einöden u. Prärien, hat wenige Ansiedelungen und diese nur an den Strömen angelegt u. wird von nomadisirenden, unabhängigen, wilden, der spanischen Race feindlichen Jndianerstämmen durchzogen. Ein Theil der westlichen, von den Chiriguanas- u. Tobas-Jndiauern bewohnten Gegenden wurde 1845 und 1846 aus der großen Castelnauschen Expedition besucht. Kolpe. Chaconne, s. Ciacone. Chacornac, Jean, franz. Astronom, geb. 21. Juni 1823 zu Lyon; war erst Gehilfe an der Sternwarte zu Marseille und kam dann als Ad- junct des kaiserlichen Observatoriums nach Paris. CH. entdeckte mehrere Asteroiden (s. d.), beschäftigte sich mit der Anfertigung sehr genauer Sternkarten, machte noch eine Reihe anderer astronomischen Beobachtungen u. astronomisch-photographischer Darstellungen; starb im Scpt. 1873 bei Lyon. Er gab heraus: ^.tlas sdipvigus, Paris 1856 f.; Ltlas äss auualss cks l'Obssrvatoirs imperial äs Laris, Par. 1860—63. Specht. lllinoun ä son goüt (fr.), Jeder nach seinem Geschmack. Chadidscha, s. Mohammed. Chagny, Stadt im Arr. Chalon des franz. Deport. Saöne-et-Loire, Station der Paris-Lyon- Mittelmeer-Bahn; vorzüglicherWeinbau; 4059 Ew. Chagos-Archipel(Tschagos-A., Diego Garcia), unter 5—8" südl. Br. u. 90" ö. L., südlich von den Malediven, Gruppe von vielen kleinen Inseln u. Ksrallenbänken, die sich größtentheils über der großen, fischreichen Chagos-Bank erheben; fruchtbar an Cocosnußpalmen, Rindvieh, Schafen, Geflügel, Schildkröten (darunter eine giftige Art). Der Gouverneur von Jsle de France belehnte 1784 einige Franzosen damit, u. dies Verhältnis) dauerte fort, als Jsle de France unter dem Namen Mauritius an die Engländer kam; daher sind die Inseln meist Privateigenthum. Chagres (Chagre), Stadt mit Seehafen im Depart. Colon des columbischen Staates Panama oder Jsthmo, auf der ^NKüste der Landenge von Panama (Central-Amerika), an der Mündung des gleichnam. Flusses ins Caraibische Meer, von Aspinwall südwestl., in höchst ungesunder Lage. Der Hafen, einst von Bedeutung, ist seit Eröffnung der Panama-Bahn vom Verkehre fast ganz verlassen. Chagrin (fr.), Verdruß, Gram; daher cha- griuiren, kränken, ärgern, betrüben. Chagrin (Chagrain), starkes u. hartes Leder, aus den Häuten der Esel, Kamele u. den Rücken- u. Lendentheilen der Pferdehäute in Bulgarien, Persien u. Astrachan bereitet; es kommt in allen Farben, vorzüglich aber meergrün, in bester Qualität von Constantinopel, in geringerer von der berberischen Küste; auf der Narbenseite hat es kleine Erhöhungen, die durch die Körner von Lüeuopoäium album erzeugt werden. Nachdem nämlich die Lederstücke in Wasser erweicht, aus ein Brett gespannt, enthaart u. von Fleisch, Fasern rc. befreit sind, werden sie in einem aus 4 Leisten bestehenden Rahmen mittels an den Rändern durchgezogener Schnüre vollkommen gleichförmig ausgespannt u. die genannten Körner (Allabnta) entweder mit einer Presse, oder bloß mit den Füßen hineingedrückt; dann werden die Häute getrocknet, durch Schlagen und Schütteln von den Körnern befreit, schräg ausgespannt u. mit einem scharfen Instrument nicht zu tief beschabt u. später mit einer gesättigten Kochsalzauflösung gereinigt. Dieser ursprüngliche CH. kommt jetzt nicht mehr im europäischen Handel vor. Seit 1834 fertigt man in England, Frankreich u. Deutschland Ch- leder auf andere Weise. Das dazu bestimmte Leder wird vorher geglänzt, wie es bei farbigem Leder geschieht, dann feuchtet man es auf der Fleischseite u. reckt es dabei nach allen Seiten hin 640 Chahut — Chalcedon. u. her, damit sich der noch auf der Narbenseite haftende Glanz verliere und dieselbe wieder matt wird; darauf schlägt man das Leder die Kreuz u. Quer mit der Narbenseite zusammen u. wolgert cs nnt Hilfe eines Stückes Kork oder Fischhaut hin u. her; die Narben treten dadurch hervor u. bilden den CH. Er dient zu Überzügen von Bll- chern, Kästen, Bestecken, Uhrgehäusen rc. Chahut, ncufranzösischer Tanz, so v. >v. Cancan 2). Cham, s. Tschaja. Chaibar, Festung der Juden in Hedschas, nordöstlich von Medina; wurde von Mohammed in einem seiner ersten Feldzüge belagert u. ergab sich erst nach hartnäckiger Vertheidigung. Chaiber, Paß, s. Khaiber. Chailln, P. B. du, s. Du Chaillu. Limine (fr.), 1) Kette. 2) (Kriegsw.) Vorpo- steenkette, (s. d.). 3) (Tanzkunst) Bei Quadrillen, Contretänzen rc. die Tour, wo die Tänzer den Tänzerinnen und umgekehrt im Fortschreiten sich wechselseitig die Hand geben; so 6d. en guairs, wenn dies unter 4 Paaren ausgeführt wird; 6d. eu slx, bei 6 Paaren rc.; Crauäs 6d. (große CH.) bei noch mehr Paaren. Liialre (gr.), Sei gegrüßt; Lebe wohl! s. u. Begrüßungen. Chairpur, s, Khairpur. Chaise (fr.), 1) Stuhl. 2) Jede Art leichter Kutschen; die ganze CH. hat Rück- u. Vordersitze, die Halb-Ch. nur einen Sitz zu 2 Personen. 3) CH. longue, eine Art Canape, oben erhöht u. ausgeschweift, den Kopf darauf zu legen, unten geradeaus gehend, um die Füße strecken zu könne»; ähnlich dem Lotterbett im Mittelalter und der Borgers. Chaise (La Ch.-Dieu), Gem. im Arr. Brioude des franz. Deport. Haute-Loire; Spitzenklöppelei; 1736 Ew.; Begräbnis) des Papstes Clemens VI. in der dasigen Benedictinerabtei. Nach dieser ist be- uannt die Congregation der Benedictiner von La Ch.-Dieu, gestiftet 1036 von dem Chorherrn Robert von St. Julien, bereits 1052 mit 50 Prio- reien versehen, über Spanien verbreitet, 1640 durch den Cardinal Richelieu, der damals hier Abt war, der Congregation von St. Maur einverleibt. Chaix d'Est-Ange, Victor Charles, stanz. Rechtsgelehrter, geb. 11. April 1800 in Reims; prakticrrte nach vollendetem Studium seit 1820 in Paris. Er ist besonders bekannt durch seine gerichtliche Beredtsamkeit; führte viele bedeutende Crimiualprscesse, darunter den Proceß über die Juniereignisse 1830, den Proceß La Rouciere, den Proceß des Vatermörders Benoit, die Processe Donon-Cadot, Pescatore u. a. Im Jahre 1857 wurde er General-Procurator beim Gerichtshöfe zu Paris, bald darauf Staatsrath u. 1862 Senator, erhielt 1864 den Vorsitz der Section für öffentliche Arbeiten und schöne Künste im Staats- rathe; als Politiker errang er jedoch nicht so große Erfolge, wie als Anwalt. Seit 1831 wiederholt in die Kammer gewählt, hielt er sich auf der Seite der Conservativen. H-nne-ilmRhyn.» Chakan, so v. w. Khakan. Chaizc-lc-Biromte (La), Stadt im Arr. La- Roche-sur-Don des Dep. Vendee, Station der Vendeer-Bahn; 8445 Ew. Chaki, einer von den russischen Salzseen, welche in den Steppen, die das Kaspische Meer im N. u. O. umgeben, so zahlreich sind. Derselbe liegt in der Kalmückensteppe u. gehört zum Kreise Je- notajewsk des Gouv. Astrachan; im Sommer trocknet er aus und bildet daun ein mächtiges Salzlager. s Chaland (fr.), Kunde, Käufer, Abnehmer; daher Chalandise, Kundschaft, u. chalandiren, in Kundschaft kommen. Chalasis, Abspannung, Erschlaffung, Erweichung; Olmlastiea, erweichende Mittel. s Lbalsrs (gr.), Hagel (Bot. Nabelfleck, Keim- s oder Hagelfleck, Hagel); s. Blüthe u. Eichen. s Lkslarion (Med.), Hagelkorn (s. d.) > Chalcedon, Mineral, Las im Mittelalter von ! Chalcedon in Kleinasien in den Handel kam, jedoch schon den ältesten Völkern unter verschiedenenNamen bekannt war. Nach Fuchs ein inniges Gemenge von amorpher u. krystallinischer Kieselsäure, aus wel- ! chem sich der amorphe, opalartige Bestandtheil durch Kalilauge ausziehen läßt. Doch haben H. Rose u. Rammelsberg dargethan, daß sehr dichte kryptokrystallinische Varietäten der Kieselsäure sich leicht durch Kalilauge ausziehen lassen u. die Hauptmasse der Ch-e kryptokrystallinisch sei. Auch durch verdünnte Flußsäure läßt sich die Zusammensetzung aus schwerer und aus leichter auflöslicher Kieselsäure erkennen. Sehr wichtig ist die Eigenschaft der Ch-e, daß sie aus verschiedenartigen Lagen bestehen, für die Steinschleifer, ^ da sie schichtenweise mit färbenden Mitteln getränkt > u. aus das Schönste gefärbt werden können. Ungestreifter CH. bildet nierensörmige, traubige und zapfenförmige Gestalten, wobei sich oft undeutliche Faserstructur erkennen läßt, während die con- centtische Schichtung zurücktritt. Gestreifter CH. oder Achat bildet aus concentrischen Schichten zusammengesetzt oft mehrere Centner schwere Kugeln u. Mandeln. Auf Durchschnitten derselben sieht man oft eine sehr zarte Schichtung, welche durch , Infiltration kieselsäurehaltiger Gewässer in die Blasenränme von Eruptivgesteinen entstand; diese Blasenräume zeigen sich daher von welligen oder sanft gebogenen, zum Thcil sogar von völlig ebenen, gegen die elftere scharf abgeschnittenen, oft tausend- fachen Lagen ausgekleidet; der innerste Raum ist meist von Amethyst erfüllt, auch wol hohl und läßt nach außen führende Kanäle erkennen, durch welche die Infiltration erfolgte. Achate vom Weisselberge bei Oberkirchen in der Nähe von St. Wendel zeigen in dünnen Platten gegen das Licht gesehen die schönsten Regenbogenfarben (Regenbogenachate), indem jede Lage andere Farben durchläßt. Schichtenweise schwimmen in diesen ^ rothe Punkte von Eisenkiese!. Da die Lagen der ! Achate im Durchschnitt oft von der Kreissorm abweichen, Ausbauchungen zeigen und dadurch wie der Grundriß eines Bastions erscheinen, so nannte sie Werner Festungsachate. Ein ausgezeichneter Bandachat, bei welchem die grellfarbigen weihen u. rothen Streifen in kleinen Stücken kaum eine Krümmung zeigen, findet sich auf einem mächtigen Achatgange bei Schlottwitz in Sachsen. Wo der- 641 ^ Chalcedon - selbe zertrümmert u. durch Amethyst wieder verkittet ist, hat sich ein Trümmerachat gebildet. Nach de» verschiedenen Farben der Ch-e, welche weiß, lichtgran, bläulich-grau bis smalteblau, gelb, braun, roth, grün sein können, unterscheidet inan noch als Varietäten: Onyx, Carneol, Sar- ! donyx, Heliotrop, Plasma, Chrysopras u. Mokkastein oder Moosachat. Der Chalcedon hat eine entschieden wässerige Entstehung, was auch sein Vorkommen in Psendomorphosen nach Flnßspath s. u. Kalkspath, sowie als Versteinernngsmaterial von - Schnecken u. Muscheln beweist. Sein Vorkommen - ist ein sehr verbreitetes, namentlich in den Drusen- - räumen vulcanischer Gesteine: Island, Färöer, Oberstem und Idar an der Nahe, wo sich die Hauptschleifereien befinden. Als Geschiebe u. Gerolle kommen die Achatkugeln vorzugsweise von Brasilien in den Handel, um in Oberstein verschlissen zu werden. Lehmann. l Chalcedon, Stadt, so v. Chalkedon. ^ Lbsloopbors, Prachtkäfer. Chaldiia (a. Geogr.s, 1) so v. w. Babylonien. 2) (Hebr. Chasdim) Prov. von Babylonien, am westl. Ufer des Euphrat bis zum Arabischen Meerbusen, also der SWTHeil der heutigen Paschalik > Bagdad u. Basra; Klima heiß; Boden fett u. leicht u. noch mehr fruchtbar gemacht durch die Kanäle des Euphrat u. Tigris. Die Chaldäer, aus den Monumenten Kaldi, gehörten wie die Assyrer zu dem semitischen Völkerzweige und wanderten wahrscheinlich wie diese ans Arabien in die mesopotamische Tiefebene ein. Mit den von -kenophon als in Armenien wohnend aufgesllhr- ten Chaldäern, die vielmehr ursprünglich Chaly- ber hießen, haben diese Chaldäer nichts zu thun. Dieselben nahmen bei ihrer Einwanderung die Tultur der vor ihnen in Babylonien ansäßig gewesenen Bevölkerung anderer (vielleicht tura- nischer?) Abkunft, der sogen. Akkadier, an; insbesondere entlehnten sie von diesen die astrono- ! mischen Kenntnisse, mit welchen der Name Chal- > daer historisch verbunden erscheint. Diese astro- l nomischen Beobachtungen steigen in die ältesten Zeiten hinauf. Bon den Chaldäern erhielten die Griechen die Sonnenuhren und die Eintheilung ! des Tages in 12 Doppelstunden, u. selbst unsere Eintheilung der Stunde in 60 Minuten, der Minute I in 60 Secnnden rc. geht aus die Babylonier I! zurück, bei denen das Sexagesimalsystem im Ge- .!> brauche war. Ihr Jahr bestand aus 365 Tagen. Bon den Planeten glaubten sie, daß sie künftige Begebenheiten, Sturmwinde, Erdbeben u. alle übrigen Luftveränderungen, die Erscheinung der Kometen, Sonnen- u. Mondsfinstcrnisse u. der sst! Menschen Glück u. Unglück andenteten. Zu ihren ftp! astronomischen Beobachtungen sollen sie nach Einist gm den Thurm im Beltempel als Sternwarte st gebraucht haben (s. Babylonischer Thurm). Re- > >igion nach griechischer Darstellung: Vom Anfang war das Chaos, darin lebten Ungeheuer und Menschen von allerlei Unformen und Ungestalten. Uber dieses herrschte das Weib Homoroka (llr- wasser, überhaupt das weibliche, gebärende Prin- eip), welches Bel in 2 Theile theilte, aus deren einem er den Himmel, aus deren anderem er die Erde bildete. Nach dieser Scheidung starben die i Pierers Urnversal-Coliversatioiis-Lexikon. 6. Aufl. ^ — Chaldäa. Ungeheuer des Chaos, dasür aber entstanden Menschen und Thiere dadurch, daß Bel sich das Haupt abschlagen ließ u. das Blut mit Erde vermischte; auch schuf er Sonne, Mond, Sterne u. 5 Planeten. Die anfangs wild lebenden Menschen unterrichtete und cultivirte Oannes, der Fischincnsch und einer der Annedoti, der 7 oder 4 heiligen Thiere, die zu verschiedenen Zeiten aus dem Nöthen Meere stiegen. Er kam jeden Morgen ans Land, brachte den Menschen Gesetze, lehrte sie nützliche Gewerbe n. alle Wissenschaften, bessere Sitten, bürgerliche Ordnung u. Religion; jeden Abend kehrte er ins Meer zurück. Der letzte der Annedoti, welcher den Menschen erschien, war Odakon. Auch auf den Keilschriftmonumenten findet sich eine ähnliche Geschichte der Entstehung der Welt u. des Sündenfalles. Von den Gottheiten der Chaldäer, von denen uns früher außer Bel nur die Schicksalsgöttin Mein, die Venns — Mylitta, Nebo -- Mercur u. Merodach — Jupiter bekannt waren, kennen wir jetzt auch die Jstar --- Astarte als eine chaldäische Gottheit; ebenso den El^- Jl, den Ann —Oannes, den Mondgott Sin, den Sonnengott Samas, den Saturn — Adrammelech, den Mars—Nergal rc. (s. Babylon 1, S.487). Von ihren großartigen Tempeln sind durch die Ausgrabungen an Ort u. Stelle mehrere bloßgelegt, unter ihnen der Birs-Nimrud, das Heiligthuin des Bel- Nebo. Auf die Art, wie sie Opfer darbrachten n. Feste feierten, können wir jetzt durch die Abbildungen der Assyrer rückschließen; in C. selber, wo man überwiegend sich der Thonplatten u. Thonziegel znm Bauen rc. bediente, sind uns derartige Abbildungen nicht erhalten. Über die Sprache der Chaldäer s. Chaldäische Sprache. —Das Land C. tritt in das Licht der Geschichte erst seit Einwanderung der semitischen Bewohner desselben; von der Geschichte der ursprünglichen, nicht-semitischen Bewohner des Landes, der sog. Akkadier, wissen wir sehr wenig. Lediglich aus den aus der Zeit der semitischen Einwanderung stammenden Monumenten ersehen wir, daß dieselben, ein sehr hochgebildetes Volk, auch politisch fest organisirt waren. Hauptsitze der Herrschaft der Akkadier waren Warka, das alte Erech; Mugheir, das alte Ur; Senkereh, das alte Larsam, n. das seiner Läge nach nicht näher zu bestimmende Äkkad. Doch wechselten auch hier schon sehr früh mit nicht-semitischen (turanischen?) Dynastien solche der späteren semitischen Einwanderer ab. In das hellere Licht der Geschichte tritt das Land erst, seit der Semit Sargon I., König von Agani, sich Babylonien unterthänig machte und (etwa im 17. Jahrh. v. Chr.) mit der Semitisirung des Landes entschieden vorging. In seine Fußstapfen trat sein Sohn und Nachfolger Naram-Sin, der sich selber als Eroberer von Apirak u. Magan bezeichnete. Auch Riaku, vielleicht der bibli'schc Arioch, mit seinem semitischen Namen Rimsin, entfaltete eine bedeutende Macht; doch sind wir näher wieder lediglich über Hammurabi von Babylon unterrichtet, der uns mehrere, namentlich über seine Bauten erzählende Inschriften erhalten hat. Wird seine Regierung etwa um rund 1500 v.Chr. anzusetzen sein, so hören wir zwar für die folgende Zeit wiederholt von babylonischen Herr- V. Band. 642 Chaldäer — Chaldäische Sprache. scher», die namentlich mit den auftrctenden Assyrern in Berührung kamen, ohne daß wir doch näher über diese Vorkommnisse unterrichtet wären. Um 1130 besiegte ein babylonischer König, Merodach- nadin-achi den mächtigen assyrischen König Tig- lath-Pilesar I. In der Folgezeit scheint das Kriegsglück herüber- u. hinübergeschwankt, häufig auch ein Freundschaftsverhältniß zwischen Assyrien n. CH. bestanden zu haben, bis um 747 mit Na- bonassar (Nabu-nassir) eine neue Dynastie aufkam. Gegen diese wandte sich zunächst Tiglalh- Pilesar II. von Assyrien (745—727), der sich Babylon unterwarf. Auch Sargon (722—705) kämpste mit Glück gegen Babylonien, eroberte Babylon u. entthronte den König der Chaldäer, Merodach-Baladan (709). Gegen dessen Sohn, Merodach-Baladan II., stritt, aber mit weniger Glück, Saigons Nachfolger Sanherib; doch machte sich dessen Nachfolger Asarhaddon u. weiter des Letzteren Sohn, Asurbanipal — Sardanapal (667 bis 626), CH. wieder völlig von sich abhängig, u. auch ein Versuch, die Selbständigkeit Babyloniens wiederzuerlangen, welchen dessen Bruder Sammnghes, den Sardanapal zum Vicekönig eingesetzt hatte, machte, mißlang. Erst Nabopolassar, in Verbindung mit dem Meder Kyaxares, befreite Babylonien von dem Joche der Assyrer, indem er Ninive selber zerstörte, n. sein Sohn Nebnkad- nezar (604—561) errichtete das chaldäische Weltreich. Als seine Nachfolger werden Evil-Merodach, Neriglissar, Nabunita n. Belsazar genannt, deren Namen sämmtlich auch monumental nachgewicscn sind. Das Reich erlag dem Perser Kyros, der 538 Babylon eroberte. Näheres s. Babylon (Gesch., S. 490). Chaldäer 1) die Bewohner von Chaldäa (s. d.) oder Babylonien. 2) Volk in NWAsien, welches sich vom Schwarzen Meere über die Karduchischen Gebirge herab erstreckte u. mit dem Volke der Chalyber (s. L.) identisch war. Später 3 ) die Priester der Babylonier (s. u. Chaldäa), besonders als Astrologen u. Traumdenter bekannt. Endlich hießen so 4 ) Alle, welche sich mit Wahrsagen u. Nativi- rätsstellerei, besonders in Griechenland u. Rom, beschäftigten u. sich durch ihre Gewinnsucht u. ihren ungünstigen Einfluß aus ihre Gläubigen so unbequem machten, daß 13S v. Chr. ein Gesetz erschien, welches den Chaldäern befahl, innerhalb zehn Tagen Rom und Italien zu verlassen. Ungeachtet dieses und mehrerer nachher gegebenen scharfen Gesetze fanden sie sich doch in Rom immer wieder ein u. wurden von den Kaisern selbst benutzt. Chaldäische Christen, so v. w. Syrische Christen. Chaldäischcr Flnthbericht iü uns in doppelter Gestalt, theils bei dem chaldäische» Schriftsteller Berosus, theils auf neuerdings gefundenen, ini Britischen Museum in London aufbewahrten Thontäfelchen mit Keilschrift erhalten. Nach dem crsteren Berichte offenbarte Kronos dem zehnten babylonischen König Lisuthros die bevorstehende Finch u. Vertilgung des Menschengeschlechtes ü. gebot ihm, ein Schiff zu bauen, in das er mit den Seinigen u. mit geflügelten u. vierfüßigen Thieren emtreten sollte. Nachdem L. das Schiff gebaut, trat die Fluth ein, u. T. bestieg das Schiss. Beim Abnehmen der Fluth entsandte L. wiederholt Vögel, um das Abnehmer: der Fluth zu erkunden. Hierüber vergewissert, stieg er, nachdem das Schiff aus einem Berge gestrandet war, mit den Seinigen ans, baute einen Altar, opferte den Göttern u. verschwand mit den Seinigen. Das Schiff ward noch später in den gorduäischen Bergen Armeniens vorhanden gedacht. In ganz ähnlicher Weise erzählt den Hergang der durch G. Smith entdeckte Keilschriftbericht, der die 11. Tafel der Jztubarlcgenden ausmacht. Der Held der Erzählung heißt hier Chasisatra, beziehungsweise Adrachasis; als die Vögel, die er aus- sandte, werden die Schwalbe u. der Rabe namhaft gemacht, u. die Dauer der Fluth wird aus ein siebentägiges Steigen u. siebentägiges Fallen der Wasser angegeben; auch werden Opfer nach Aufhören der FlMh dargebracht. Die Berührung dieser chaldäische» Sage mit dem biblischen Fluth- berichte springt in die Angen. Chaldäische Sprache, 1) die Sprache der eigentlichen Chaldäer, zu den semitischen Sprachen gehörend, in welcher die Keilschriften in Babylon geschrieben sind u. welche mit der assyrischen Sprache identisch war, jetzt aber verschwunden ist (s. Assyrien). 2) Die Sprache der aramäischen Abschnitte der Bibel (s. d.), sowie der sog. Targnm. Da dieses biblische u. targuniische Chaldäisch mit der syrischen Sprache einen eigene» Zweig des semitischen Sprachstammes, den aramäischen, bildet, so bezeichnet- man sie, zum Unterschiede von der letzteren, auch als ostaramäische Sprache. Nachdem sich nun aber Herausgestell! hat, daß dieses sogenannte Chaldäisch ursprünglich gar nicht im O., in Chaldäa, sondern vielmehr im W., in Palästina u. Umgegend, gesprochen ward; auch der ganze Name Chaldäisch lediglich auf eine mißverständliche Angabe des BucheS Daniel zurückgeht (in Chaldäa sprach man iin Gegentheil assyrisch, s. o.), so ist vielmehr dieses biblische u. targumische Chaldäisch als das Süd- u. dasSyrische als dasOst-Aramäischezubezeichne». Nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil, aber bereits auch schon früher, wurde das sog. Chaldäisch allmählich in Palästina Landes- u. selbst Schriftsprache. Das Alphabet iß das hebräische. In der Lautconstruction charak- terisirt sich das sog. Chaldäische als eine platte Sprache. An Vocalen ist es ärmer, als das Hebräische; wie dieses liebt es, im Gegensätze zu dem Syrischen, die Hellen u. vermeidet Diphthongen; betont regelmäßig die letzte Silbe. Der Artikel wird, wie iin Syrischen, dem Nomen hinten an- gefügt. An Formenreichthum steht es dem Syrischen n. Hebräischen nach. Von einer Nationalliteratur k ist nicht die Rede; die chaldäisch abgefaßten, noch s vorhandenen Schriften rühren von Inden her u. ; sind theils in dem A. T. selbst enthalten (z. B. einige Capitel in Esra 4, 8—9, 18; 7, 12 —lS; u. Daniel 2, 4—7, 28); theils beziehen sie sich auf dasselbe als Übersetzungen u. Paraphrasen ^ (Targumim), unter welchen sich hauptsächlich das ! Targnm des Onkelos zum Pentateuch aus dem , 1. Jahrh. durch Reinheit der Sprache auszeichnet u. vielleicht in Babylonien selbst verfaßt ist t 643 Chaldroir — Wiener, Os 0nstslo80 sznvgns parapdraoi cstalä., Lpz. 1820); Targum des Jonathan Ben Usiel über die historischen u. prophetischen Bücher, aus dem 1. oder 2. Jahrh., mehr Paraphrase, als Übersetzung; Targum des Pseudo-Jonathan über den Pentateuch, von einem späteren Juden, vielleicht aus dem 8. oder 9. Jahrh. (vgl. Wincr, Os stonntlmnis in xsntat. pnrapdrasi vlnrlst., Erl. 1823); Targum von Jerusalem über den Pentateuch, aus später Zeit u. unvollständig. Die! anderen Targumim sind aus späterer Zeit. Doch miß bemerkt werden, daß neuerdings (durch A. Geiger) auch gerade die entgegengesetzte Ansicht aufgestellt ist, nach welcher vielmehr gerade die bis jetzt sllr die älteren gehaltenen Targumim die jüngeren u. umgekehrt seien. Die Targumim finden sich meist in den Polyglottenbibeln, am vollständigsten in der Basler u. der Englischen. Die apokryphischen Bücher Tobias, Judith n. Makkabäer sind wahrscheinlich ursprünglich chaldäisch geschrieben. Derselben Sprache bediente sich Jo- sephus bei der Abfassung der Schrift über den Jüdischen Krieg. Im Thalmud ist das Chaldäische nur in der Gemara herrschend, u. zwar als ein sehr verderbtes. Seit der Eroberung des Landes durch die Araber (640 n. Ehr.) ist das Chaldäische gänzlich verschwunden; nach Niebuhr soll dasselbe jedoch noch in einigen Dörfern um Mosul gesprochen werden. Wörterbücher von Buxtorf, Bas. 1640, Fol.; Landau, Prag 1819 f., 5 Bde.; I. Levy, Lpz. 1865—68, 2 Bde.; Grammatiken von Buxtorf; Winer, Lpz. 1824, 2. Ausl. 1842; Fürst, Leipz. 1835; Petermann, Berl. 1841; Luzzatto, Pad. 1865. Chaldron, engl. Hohlmaß überhaupt u. für trockene Gegenstände — 32 Bushels — 128 Pecks — 256 Gallons — 1163,i2g I. Chaled, arab. Heerführer, anfangs ein Gegner Mohammeds, den er 625 schlagen half, nachher aber sein Anhänger. Nach Mohammeds Tode schlug er 634 die Byzantiner, eroberte Syrien, Palästina u. a.; st. 642 zu Emesa. Chaleur-Bai, Bucht des Golfes von St. Lorenz, in Nen-Braunschweig einschneidend, u. 48° n. B. n. 65° w. L.; Schifffahrt sicher, guter Ankergrnnd. Chalgrin, I ean Frang. Theröse, sranz. Architekt, geb. 1739 in Paris, st. das. 20. Jan. 1811; Schüler Servandonis und dann Boullees, schloß sich deren antikisirender Richtung an, wozu sein Aufenthalt in Italien nach 1753 noch beitrug, ward 1777 Mitglied der Akademie der Baukunst u. Hofbaumeister des Dauphin. Einseitig wie er war, schädigte er den Luxembourg durch dessen Restauration schwer. Werke: Kirche von St. Philippe du Roule; der Triumphbogen de l'Etoile, den er gemeinschaftlich mit Raymond ausführen sollte, nach dessen Rücktritt aber nach seinen eigenen Plänen aussührte. CH. war auch Mitglied der Akademie der schönen Künste. Regnet. Chalifen, s. Khalifen. Cljalil, bei den alten Juden Pfeife aus Rohr, Holz oder Knochen, mit 4 u. mehr Tonlöchern. Chalil, das alte Hebron (s. d.). Chalka (Khalcha), mongolischer Stamm im N. der Wüste Gobi; s. Mongolen. Chalkedon (a. Geogr.), Stadt in Bithynien - Chalkidike. am Einflüsse des gleichnam. Flüßchens in den Thrakischen Bosporus, Byzantinm gegenüber, mit dein Hasen Chrysopolis. Sie war eine Cvlonie der Megarer oder Chalkidenser von Euböa aus dem 7. Jahrh., hatte hohe Mauern, viele Tempel, best des Apollon, dessen Bild auf den schönen Münzen von CH. geprägt war; sie wurde bald blühend durch Handel u. herrschte liber ein großes Gebiet. CH. ist Geburtsort des Philosophen Tenokrates u. Sophisten Thrasymachos. Die Perser machten es in den Perserkriegen zum Stationsorte für ihre Flotte; 74 war die römische Armee von Mithri- Lates hier umzingelt. Hier 18. Sept. 323 Sieg des Kaisers Constantinus über seinen Nebenkaiser Liciilins (s. Rom, Gesch.). Mehrmals, besonders im 3. Jahrh. von den Skythen u. Gothen, zerstört u. von Kaiser Valens ihrer Mauern beraubt, wurde die Stadt von Jnstiuianus als Justinianea wieder aufgebaut; dieser ließ auch zum Schutze gegen Las Meer hohe Molen anffllhren (Ruinen übrig). Sie wurde nun Hauptstadt der Provinz Oontion prima; später wurde sie von den Osmanen gänzlich zerstört u. die Steine zu der Erbauung von Moscheen in Constantinopel verwendet; auf ihrer Stelle steht das Dorf Kadikjöi. Hier 451 das vom Kaiser Marcianus berufene 4. Ökumenische Concil, wo die Glaubensformeln der Concilien zu Nicäa u. Constantinopel wiederholt, der Nestoria- nismus verdammt und in den monophysitischen Streitigkeiten der Glaube an zwei in der Person Christi ohne Vermischung und Verwandlung vereinigte Naturen (göttliche u. menschliche) festgestellt wurden (s. u. Monophysiten). Außerdem wurden Kirchengesetze gegen die Macht des Klerus aufgesetzt; da in einem derselben der Patriarch dem Bischof in Rom an Rechten und Vorzügen qleichqesctzt wurde, so protestirte Rom gegen die Beschlüsse des Concils. I)bs»iels (gr. Ant.), Volksfest zu Ehren des Hcphästos in Athen, am 30. Pyanepsion, zum Andenken an die Erfindung der Kunst, in Erz zu arbeiten, gefeiert; die VoioannUa der Römer. Chalkembölos (gr.), ein Kriegsschiff mit eisenbeschlagenem Schiffsschnabel. Chalkens (gr.), 1) Metallarbeiter; bes. 2) Eisenschmied; s. Schmiedekunst. Chalkidtke, Landschaft Makedoniens, die südöstliche, in 3 Landspitzen (Akte, Sithonia u. Pal- leue) anslaufende Chaldikische Halbinsel, nach der Stadt Chalkis genannt. Die wichtigste der 3 Landspitzen war Akte mit dem Berge Athos u. dem Vorgebirge Nymphäon, 480 n. Chr. an ihrer Wurzel theilweise von Xerxes durchstochen (s.Athos). Sie lag zwischen dem östl. Strymonischen (j. Busen von Rendina oder Orfani) u. westl. Thermaischen Busen (j. Golf von Salonichi) des Agäischen Meeres und schloß mit den. Landspitzen Akte u. Sithonia den Siugitischen (j. Busen von Hagion Oros) u. mit den Spitzen Sithonia u. Pallene Len Toronäischen Busen (j. Busen von Kassandra) ein. Sie warvonmehrerenionischenu. cinerdorischeu Kolonie (Potidäa) besiedelt. Sie heißt noch jetzt Chalkis oder Chaldikische Halbinsel, im türkischen Sandschak Salonichi; gebirgig, mit fruchtbaren Thälern; die 3 Landzungen heißen die wesL Kassandra, mit dem Vorgebirge Pallinuri, die 41 * 644 Chalkis — ClMcmel-Lacour. mittlere Longos, mit dem Vorgebirge Drepano/ die östl. Hagion Oros, Monte Santo oder Athos (s. d.) mit Vorgebirg gl. Nam. oder Hagio Gi- orgi. Im Innern die Berge Kortatsch u. Kolo- monda (etwa 1040 m hoch). Chalkis (a. Geogr.), 1) Hauptstadt der Insel Euböa; hing durch eine Brücke über die schmälste Stelle des Meeresarmes Euripos mit dem Festlande von Hellas zusammen. Die Einwohner waren knnstliebend, handeltreibend u. tapfer im Seegefechte. Verehrt wurde in CH. bes. Apollon, dessen Haupt auch die Münzen von CH. auf dem Avers (aus dem Revers eine Lyra) zeigen. In CH. starb Aristoteles. CH. war angeblich eine Kolonie ber Athener in mythischer Zeit. Die Verfassung war aristokratisch, u. hießen die Aristokraten hier Hip- pnbotai (Roßnährer). Die Chalkidäer hatten sich Theben tributpflichtig gemacht; doch erschlug Am- phitryon den chalkidischen König Chalkodon am Teumessos u. befreite Theben von dem chalkidischen Joche. Früh schon schickten Chalkidäer Colonien nach Unter-Italien u. Sicilien, wie denn Rhegium zum Theil, Cumä, Leontini n. Catana chalkidische Gründungen waren. Gegen das Ende des 6. Jahrh. v. Chr. verband sich CH. mit Sparta, um den vertriebenen Jsagoras nach Athen zurückzufllhren. Im Perserkriege mit Athen verbündet, fiel es nach dem unglücklichen Kriege gegen Böotien von Athen ab, wurde aber 446 v. Chr. von Perikles wieder unterworfen, die Aristokraten vertrieben u. eine demokratische Verfassung eingeführt. Im Peloponnefischen Kriege machte sich CH. wieder frei von Athen. CH. erhielt sich noch lange; später wurde es von Justi- nianns noch mehr befestigt. Im Mittelalter hieß CH. Euripus; jetzt Cgripo (s. 2 ). 2 ) (N. Geogr.) Neugriech. früher Cgripo, ital. Negroponte, jetzige Hauptstadt der griech. Nomarchie u. Insel Euböa, am Euripos, in welchem ein aus der venetian. Zeit stammender Thnrm mit beiden Ufern durch Brücken verbunden ist; eng, unregelmäßig und schmutzig; etwa 5000 Ew. Chalkogrnpy (v. Gr.), Kupferstecher; daher Chalkographie, Kupserstecherkunst. Chalkölith (Min.), uranhaltiges Kupfererz, so v. w. Knpferuranit (s. d.) Chalkondylas (Chalkokondylasi, 1) Laonikos, byzantinischer Geschichtschreiber, aus Athen; lebte um 1470 in Constantinopel, flüchtete später nach Italien u. schr. griechisch eine byzantinische Geschichte von 1298—1462, herausgcg. Genf 1615, Fol., von Fabrot, Par. 1650, Fol., von Bekker, Bonn 1843. 2 ) Dimitrios, Bruder des Vor., griech. Grammatiker, geb. 1428 in Athen; ging nach dem Falle Constantinopels 1453 mit anderen seiner gelehrten Landsleute nach Italien, wo er anfänglich in Perugia, dann in Florenz u. .'letzt in Mailand die griechische Sprache lehrte n. vielfach mit Ausgaben der griechischen Classiker uch beschäftigte; hier st. er 1511. Von CH. erschienen unter anderen Ausgaben griechischer Classiker: der erste Druck der Ilias u. Odyssee, Mail. 1488, in Verbindung mit Dimitrios aus Kreta, die Reden des Jsokrates, 1494, und das Lexikon von Suidas, 1409, beide in Mailand gedruckt; er schrieb unter dem Titel Frotomata eine griechische Grammatik, Mail. 1493, Par. 1523, Bai. 1546. Chalkos (gr.), Erz, Kupfer, Kupfergeld; daher attische Münze H Obolos, etwa 1H Pfennig. Chalkotypie (gr.), Knpferhochdruckmanier, eine der Arten künstlerischer Vervielfältigung, welche darauf gerichtet ist, mittels der Buchdruckerpresse Bilder zu liefern, welche bisher nur im Wege der Chalkographie, d. h. Kupferstecherkunst, hergestellt werden konnten. Sie ward 1851 von G. Heims in Berlin erfunden, hat indeß wenig Verbreitung gefunden, da es bei geeigneter Behandlung recht wohl möglich ist, mittels des Holzschnittes u. der von den Stöcken genommenen Cliches vollkommen entsprechende Bilder zwischen dein Text von Büchern zu bringen. Der C. verwandt ist das von Zach in München erfundene u. von ihm Metallographie genannte Verfahren. Keines von beiden hat bis jetzt den Holzschnitt zu verdrängen vermocht. Regnet. Chalkoxhlographie (gr.), mechanisches Druckverfahren, erfunden von Siegländer in Wien 1837. Dasselbe verbindet die Technik des Kupferstiches n. des Holzschnittes, um mittels dieser Verbindung ! von Stahlplatten Abzüge von Blättern in Aqua- ! tinta-Manier auf gewöhnlichen Druckerpressen zu gewinnen. Obwohl besondere Vorrichtungen beim Drucke nicht nothwendig, hat die C. doch eine uennenswerthe Verbreitung nicht gefunden. Regnet. Challamel,JeanBaptisteMarie Augustin, frauz. Schriftsteller, geb. 18. März 1818 zu Paris; studirte die Rechte, wurde 1838Advocat u. 1844 Unterbibliothekar an der Bibl. der Laints-Osnsviövo. Er schrieb viele Artikel theils kunstgeschichtlichen, theils nur historischen Inhaltes für die Fraoos littsrairs n. Novellen für Zeitschriften, sowie: 6ss plus zolis tablsaux äs Fönisrs, Oärsiä Dow, sie.; Histoirs, Llusss äs 1a Rspubl. kräng., 2 Bde., 1841, 3. Ausl., 1857; 8aint Vincent äs Faul, 1841, 3. Ausl., 1856; 6ss Frany. sous In Devolution, 1843; Isabslls Farnsss, 1851, 2 Bde.; Lims, äu Nains, 1851, 53; List, xopulairs äs ia Francs, äs la Revolution, äs Plapolson, äs Raris, 1851, 4 Thle.; Hist, anscäotigus äs I» bVonäo, 1860; Hiob, äu Rismont, 1860; Hist, pop. äss papss, 1861; RaRö^sncsAalants, 186l; 6s roman äs 1a plaZs, 1863; Llsmoirss äu psuxle krany., begonnen 1865—73, 8 Bde.; Histoirs äs 1a moäs sn Francs, Par. 1875. Bolchert. Challans, Gem. im Arr. Sables d'Olonne des franz. Dep. Vendee, in sumpfiger Gegend; Kalköfen, Töpferei, Gipserei; Fischerei; 4631 Ew.; dabei ein Menhir von über 4 m Höhe. Hier 12. April 1793 Niederlage der Vendeer unter Charette gegen die republikan. Truppen. Challemel-Lacour, Paul Armand, franz. Schriftsteller, geb. 19. Mai 1827 zu Avranches; wurde 1849 Professor der Philosophie am Gym- > nasium zu Pan, 1851 am Lyceum zu Limoges; 1852 wegen seiner rcpubl. Ideen verhaftet u. des Landes verwiesen, ging er nach Belgien, machte Reisen in Deutschland n. Italien, wurde 1856 Professor der frauz. Literatur am Polytechnikum zu Zürich, kehrte aber 1859 amnestirt nach Frank- ^ reich zurück. Hier schr. er für den Ismps (liier. Kritik) und mehrere Zeitschriften, war mehrere Jahre Hauptredacteur der Rsvus moäsruo und 645 Challenger Expedition einige Monate Herausgeber der lisvns äss Osnx Llonäss u. 1868 als Director der ksvne xolitigrrs wegen der Subscription Baudin verfolgt. Im Sept. 1870 zum Rhönepräfecten u. außerordentl. CommiMr der Republik ernannt, widerstand er mit wenig Erfolg den Übergriffen der Commune von Lyon, unterdrückte aber endlich die demagog. Exccsse nach der Ermordung des Cvmmandanten Arnand. Am 5. Febr. 1871 nahm er feine Entlassung, wurde im Jan. 1872 in die Xsssmblss nationale gewühlt u. war hier einer der Redac- tenre der Gambettistischen Zeitung lla Rsxnbligns kranyaiss. Er schr,: Im pliilosopliis inäivääua- lisks, 1864; eine Übersetzung der Geschichte der Philos. von Ritter mit Einleitung, 1861, u. gab heraus die Oeuvres äs Nms. ä'üpinazr, 1869, 2 Bde., u. viele Artikel über deutsche Literatur, Politik U. s. W. Volchert. Challenger-Expedition, eine auf Kosten der englischen Regierung, unter Leitung des Professors W. Thomson unternommene Expedition zur Bewerkstelligung von Tiefseemessungen u. Ermittelung von Tiefseetemperaturen, sowie zur Erforschung des organischen Lebens in großen Meerestiefen. Die Expedition verließ England 21. Dec. 1872 an Bord der Schraubencorvette Challenger, bestehend außer dem Director ans einem Zoologen, einem Botaniker, einem Chemiker, einem Zeichner u. einem Photographen. Während des Jah'.es 1874 kreuzte die Expedition im Atlantischen Ocean. Sie fand als größte Tiefe 3875Faden nördl. von derJnsel St. Thomas, sonst überstieg im nördlichen Theil des Atlant. Oceans die ermittelte größte Tiefe nicht 3150 Faden, während im südlichen Theil als größte Tiefe 2650 Faden gefunden wurden. Als Temperatur des Wassers am Meeresgründe fand man im östlichen Theil des Meeres 1,/0, in der Bai von Biscaya 2,/, im westlichen Theil 0,g". Bei, 110 m Tiefe betrug die Temperatur unter dem Äquator 16,^°. Für die Flora war 200 Faden die größte Tiefe ihres Vorkommens, wogegen Crustaceen selbst noch in Tiefen von 1500 Faden angetroffen wurden. Vom Cap der guten Hoffnung begab sich die Expedition nach Australien u. vermaß den Seegrnnd behufs Legung eines Kabels nach Neu- Seeland und setzte dann ihre Reise über Neuguinea fort. Auf der ganzen Strecke vom Cap bis hierher wurden nirgends solche Tiefen ermittelt, wie im Atlantischen Ocean. Dagegen fand man in der Nähe der Admiralitäts-Inseln, nordöstl. von Neuguinea, 4575 Faden u. auf der Fahrt von Japan nach den Sandwich-Inseln 3900 F. Am 8. Ang. verließ der Challenger Honolulu, um nach Valparaiso zu segeln; seine Rückkehr nach England soll voraussichtlich im April 1876 erfolgen. Eine Menge neuer u. wichtiger Ergebnisse hat diese in der physischen Geographie des Meeres epochemachende Expedition zu Tage gefördert, deren Veröffentlichung man mit Spannung entgegensetzen darf. Schroot. Chalmers, 1) Georg, engl. Historiker, geb. 1742 zn Fochabers in Schottland; studirte in Edinburgh die Rechte, lebte einige Jahre in Amerika, dann iti London, wo er beim Loarä ok kraäs an- gestellt wurde; st. 1825 ; er schr. u. a.: kolikical — Chcllon-silr-Saone. annals ok klis nnitsä coloniss, Lond. 1780 ; On klis comparakivs skrsn§ili ok Orsak-Lritain än- rinA kbs prsssnk anä ibs prscesäivA rsixms, ebd. 1782 u. 86, deutsch von Heinze, Bcrl. 1786; Oollsckion ok krsakiss bskvesn Orcak-lZrikaiu anä otlrsr poivsrs, 1790, 2 Bde.; Oaleäonia, ebd. 1807 f., 4 Bde.; Inks ok Llar/, gnesn ok Looks, ebd. 1818, 2 Bde., deutsch, Halberst. 1824; Inks ok Vsiiivl äs Ikos, 1790, ok Dlioinas l?ains, 1796 rc. 2) Alexander, Bruder des Vor., geb. um 1759 zu Aberdeen; machte sich während des Nordamerikanischen Befreiungskrieges durch seine Parteinahme für England bekannt; st. 18. Dec. 1834. Er schr.: Hist, ok klis nnivsrsikx ok Oxkorä, Lond. 1810, u. gab heraus: Osnsral bioArapüical äic- kionarz-, ebd. 1812—17, 32 Bde.; Sritisli posks krom Obancsr ko Oowpsr, ebd. 1810, 21 Bde.; Shakespeare, ebd. 1803—1805, 9 Bde., u. a. m. 3) Thomas, berühmter engl. Theolog u. Kanzelredner, Stifter der Freien Presbyterianischen Kirche Schottlands, geb. 17. März 1780 in Anstrnther; studirte 1705—98 in St. Andrews, war erst Prediger der presbyterianischen Gemeinde in Wilton u. wurde, nachdem er seit 1802 einige Jahre Lehrer der Mathematik in St. Andrews gewesen war, Pfarrer in Kilmany u. 1814 in Glasgow; 1824 folgte er einem Rufe als Professor der Moraltheologie an der Universität zu St. Andrews u. 1828 als Professor der Theologie nach Edinburgh. 1843 legte er sein Amt nieder n. gründete die Freie Schottische Nationalkirche (s. unter Schottische Kirche), deren Hanptpastor er wurde. Er st. 31. Mai 1847 in Morningside bei Edinburgh. CH. schr.: Dviäsncss ok klis obrisk. rsvs- lakion, Edinb. 1817 u. ö., deutsch von Oster, Erl. 1834, u. von Reinecke, Rinteln 1841; vis- eonrsss on askronomx, ebd. 1817; Oommsrcial äisc., ebd. 1818; Occasional äiso., ebd. 1818; Nbs civil anä ckrrisk. cconoinx ok lavM korvns, ebd. 1821, 3 Bde., deutsch von O. von Gerlach, Berl. 1847; Nrsakiss on polikical sconomz- in connsxion rvitlr klis normal prospscks ok socistz-, ebd. 1832; Rbs aäaptakion ok sxksrnal nakurs ko ilrs moral anä inkellscknal conäikion ok man, ebd. 1839, 2 Bde.; kostiminous vvorlcs, ebd. 1847, 9 Bde. Lebensbeschreibung von Davis,Lond. 1847, u. vonW.Hanna,Edinb. 1849 f., 2Bde. Barllmg.' Chalon, Alfr. Edward, engl. Genremaler, geb. 15. Febr. 1781 in Genf, gest. 3. Oct. 1860 in London; machte seine Studien in London n. behandelte vorwiegend Stoffe aus der Zeit Ludwigs XIV., malte auch treffliche Aquarellporträts, wie die der Ladies Georgina u. Louisa Ruffel, illn- strirte ferner die Romane Walter Scotts und Mindens Frauentypen (1833), sowie dessen Galerie der Grazien (1832—34). Seine Arbeiten zeigen ein großes Verstäudniß für den gegebenen Stoff, sind aber nicht ganz frei von der süßlichen Manier seiner Landsleute. Regnet. Chalonnes (CH.-sur-Loire), Städtchen im Arr. Angers des franz. Dep. Maine-et-Loire, an der Mündung des Layon in die Loire, Station der Orleans-Bahn; Leinwand- u. Taschentllcher-Fabr., Seilereien, Färbereien, Brennerei, Kalköfen; Steinkohlen^ 5836 Ew. Chalon-sur-Saöne, Hauptstadt des gleich«. -616 Cholons-sur-Marnc — Chalyber. Arr. u. des sranz. Dep. Saone-et-Loire, an der Saone u. dem hier einmmidcndeii Canal d» Centre, Stat. der Paris-Lyon-Mittclmeer-Bahn; Hauptkirche, schöne Brücke, Dorstadt (St. Laurents ans einer SavncJnsel, noch viele römische Alterthümcr, z. B. Ruinen eines Amphitheaters; Gericht I. Instanz; Bibliothek; Histor., Archäolog., Künstler-n. Gartenbaugesellschaft; Hospital, Waisenhaus, Rathhaus, Zellengefängniß; Verfertigung von Perlenglanz (Lssonos ci'Orisnt) zu Glasperlen auS den Schuppen des Weißfisches, auch Hüte u. Strümpfe, Zucker, Leder- u. Thonwaaren, Glashütten und Gießereien; starker Handel mit Wein, Spirituosen, Essig, Getreide, Eisen, Kupfer, Öl, Seife rc.; 20,427 Ew.; Geburtsort des Mathematikers Jean Pusset; — CH. ist „das Cabillonum der Alten; es war Stadt der Äduer im Lugdnnensi- schen Gallien, Sitz eines römischen Marinepräfectcn, da die Kaiser ans der Saone eine Flotille unterhielten, hatte Kornmagaziue für die Armee u. ausgebreitcten Handel. Im 5. Jahrh. wurde das Bisthnm hier gegründet. Die Burgunder rissen CH. an sich, u. König Gnntram residirte hier; im 6. Jahrh. kam cs an die Franken, in der Theil- nng unter die Söhne Ludwigs des Frommen an Karl den Kahlen; im 10. Jahrh. machte sich Graf Lambert von CH. unabhängig. 1097 kam die Grafschaft Chalonnais durch Kauf halb an die Bischöfe von CH., halb hatten sie die Herren von Donzy geerbt: diese Halste kam 1237 durch Kauf an Burgund. 1562wurde dieStadt von denHugenotten genommen. 1563 wurde die Citadelle mit 5 Bastionen erbaut, wozu 1671 noch Außcnwerke errichtet wurden; später verfiel die Festung wieder. Chalons-snr-Marne, Hauptstadt des gleich». Arr. u. des sranz. Dep. Marne, an der Marne n. am Marne-Rhcin-Kanal, Station der OBahn; enge, aber regelmäßige Straßen,Präfectnrgebände, große Kathedrale mit schönen Thürmen n. prachtvollen Glasmalereien; Bisthnm; Departemental- behördcn, Gericht I. Instanz, Handelsgericht; Gesellschaft der Wissenschaften, Handels- u. Acker- baugescllschaft; Handwerksschule sllrSoldatenknaben, Frauenklöster mit Erzichungsinstituten; Bibliothek, Museum, Natnralicncabinet, Theater; Nachhalls, 2 Hospitäler, Irrenanstalt, Asyle, Zellengejäng- niß; Fabriken in Leder, Baumwollenwaaren, Pique, Strümpfen, mechanische Werkstätten für Mühlen; Spargel-, Melonen- und Hanfbau; Wein- (Champagner), Öl- n. Wollenhandel; 16,453 Ew.; Geburtsort des Astronomen La Caille und des Historikers David Blondel — CH. ist das Catalauni oder Dnrocatalanni der Römer und gehörte zum Belgischen Gallien. Hier 271 n. Chr. Sieg des Kaisers Aurelianus über Tetricns; s. Rom (Gesch.). 366 Sieg des Jovinns über die Alemannen; 451 auf den 6amp1 oatalanniei (Catalaunischen Feldern) Völkerschlacht, in welcher die Hunnen von den Römern besiegt wurden (s. u. Catalannnm). Im Jahre 643 wurde sie vom Grasen Herbert von Vermandois, 931 durch Rudolf von Burgund, 947 durch Robert von Vermandois erobert. 1589 verlegte Heinrich IV. das Parlament von Paris nach CH. Die Stadt stand nie unter den Grasen von Champagne, sondern unter dem Bischof von CH. Am 5. Febr. 1814 wurde CH. von den Preußen unter Aork erobert, am 3. Juli 1815 von den Russen unter Tschernitschew eingenommen. Bei CH., ans einem von dem Bache Chenau durchflossenen Plateau, am linken Ufer der Vesle, in der Nähe eines alten römischen Lagers (wovon noch Überreste vorhanden), wurde 1857 das befestigte Lager von CH. angelegt und dort jährlich in 3 Sommermonaten 60—70,000 Mann zu Manövern znsammengezogcn. Daneben entstanden infolge dessen die Dörfer Groß- u. Klein-Mourmelon. Hier reorganisirte im Ang. 1870 Mac Mahon die geschlagene sranz. Armee, che er zum Entsätze von Metz nach Norden zog. Am 24. Ang. wurde CH. von deutscher Cavalcrie besetzt, doch fand sie die Gebäulichkeiten des Lagers eingcäschert. Das Lager wurde Februar 1871 aufgehoben. Chalosse, ehemalige Landschaft (theilwcise sandig) in der Gascogne; gehört jetzt zu den Dep. des Landes u. Basses -Pyrenees; hier der Chalosse, ein guter Wein. Chalötais, Louis Rene de Carad euc dela, sranz. Jurist, geb. 6. März 1701 in Rennes; wurde Generalprocnrator beimParlamcnt der Bretagneu. machte hier den Anfang zu den Maßregeln gegen die Jesuiten zunächst durch die 1761 u. 1762 dem Parlament vorgelegten Oomxles-ronckns ässeonati- twtioiw ckss lösuites. Aus Rache verwickelten ihn die Jesuiten in einen Proceß (er sollte 1765 eine Schmähschrift gegen einen Minister geschrieben haben), infolge dessen er das Land verlassen mußte; er ging nach Samtes u. kehrte erst unter Ludwig XVI. zurück. Die Acten dieses Processes sind gedruckt 1767, 3 Bde. CH. wurde 1775 in seine Stelle als Parlamentsrath wieder eingesetzt u. st. 12. Juli 1785 in Rennes. Er schr.: ilssai ä'öclncabion nationale, 1763 deutsch, Gött. 1771. Chalotten, so v. w. Schalotten. Chälus, Flecken im Arr. St. Drieix des sranz. Dep. Hante-Vienne, an der Tardoire; Pferdehandel; 2181 Ew. Bei der Belagerung von CH. (1199) wurde Richard Löwenherz verwundet n. starb an der Wunde. Chalwar, Gewicht bei den kaukas. Tataren — 50 Batman ä 127,^ lcx. ChaltMus, Heinrich Moritz, deutscher Philosoph, geb. 3. Juli 1796 zu Pfaffroda im Sächsischen Erzgebirge; stndirte seit 1816 in Leipzig Theologie u. Philosophie, war zuerst Hauslehrer in Wien, seit 1822 Lehrer an der Kreuzschule in Dresden, seit 1825 Professor in Meißen, seit 1820 an der Militärakademie in Dresden, wurde 1839 als Professor der Philosophie nach Kiel berusen, 1852 wegen seiner deutsch-nationalen Gesinnung mit 9 College» von der dänischen Negierung abgesetzt; st. 22. Sept. 1862 in Dresden. Schriften: Historische Entwickelung der spekulativen Philosophie von Kant bis Hegel, Dresden n. Leipzig 1889, 5. Ausl., 1860; Phänomenologische Blätter, Kiel 1841; Die moderne Sophistik, ebd. 1843; Entwurf eines Systems der Wisscnschaftslehre, ebd. 1846; System der spekulativen Ethik, Leipzig, 1850, 2 Bde.; Philosophie u. Christenthum, Kiel 1853; Fundamentalphilosophie, ebd. 1861. Chalyber (a. Geogr.), Volksstamm in Vorder- Asien, auf der OKüste von Pontos bis in ine Gebirge Armeniens, angeblich nach Chalyps, 647 — l einem Sohne des Ares, genannt; betrieben Fischfang u. Bergbau u. fertigten Eisenarbeiten. Nach Strabon hießen sie später Chaldäer. LlialM (lat., aus d. Gr.), Stahl; Chalybo- graphie, Stahlstechkunst. Cham, 1) Stadt im gleichn. Bezirksamte u. Landcsgerichte des bayerischen Regbez. Oberpsalz, am gleichnani. Fluß; Rentamt, Forstamt; Bierbrauerei; sehr bedeut. Holzhandel, auch Flachs- u. Mehhandel; 2920 Ew. Die Markgrafen von CH., auch Grafen von Vohburg u. Markgrafen zu Neumark u. Eger, stammten aus dem Geschlechts der Herzoge von Bayern. Der erste (um 1000) war Berthold, der letzte, Theobald IV., st. 1204; darauf fiel CH. an Bayern zurück. Bei der Theilung Bayerns erhielt diepfälzer Linie CH.,dochnahm es die bayerische im Dreißigjährigen Kriege in Besitz u. behielt es im Westfälischen Frieden. Vgl. I. Lucas, Geschichte der Stadt u. Pfarrei CH. Landsh. 1862. 2) Pfarrdorf im schweizer. Kanton Zug, am Ausfluß der Lorze aus dem Zuger-See u. an der Eisenbahn Zug-Luzern; neue große Pfarrkirche; Papiermühlen, Kupferhammer, Fabrik condensir- ter Milch seit 1867; Viehzucht, Obst- u. Land- bau; 2133 Ew. Cham (Ham), 2. Sohn Noahs, Vater des Chus, Mizraim, Put u. Kanaan. Gemäß der biblischen Sage, die ihn durchaus als Person behandelt, sah er einst Noah trunken und entblößt daliegen; statt aber ihn znzndecken, erzählte er es seinen Brüdern, die nun das von Cham Unterlassene ihrerseits thaten. Für das Benehmen des Cham traf der Fluch des Patriarchen dessen Sohn Kanaan. Daß CH. ursprünglich ein Landes- oder Völkername war, ist zuversichtlich anzunehmen; vielleicht war es ursprünglich ein Name für Ägypten. Cham, AmadLe, eigentlich Amedee de Noe, franz. Caricaturenzeichner, geb. 26. Januar 1819 zu Paris, Sohn eines Pairs von Frankreich; wendete sich von der Polytechnischen Schule weg der Kunst zu, arbeitete im Atelier von Paul De- laroche, dann in dem von Charlet, unter dessen Einfluß er sich zum Caricaturenzeichner ausbildete; trat 1842 als solcher auf u. lieferte dann eine Menge der trefflichsten Arbeiten dieser Art, namentlich im Llmanaob proxbstügns, im NnsssDbilipon u. ganz besonders im Obarivari (1843 bis 1857). Dahin gehören: Dos sonvsnirs äs Mrnison, Im- xrsssious äo vo^a-As äs U. Lcmikbos, LIsIanAss vo- wignes, Honvsbss obargss, Im Arammaiis illn- strSs, Oroguis sn noir, Oroguis äs prinbsmps, Oroguis äo 1'uutomus, sn oarusvai, D'sxpositiou äo Donärss, ?unob s, kuris, Ksvus eomigus äs llsxpositiou äs I'inäustris, Rsvus eomigus äu salon (1851—53), 8ouiougus ob sa Oour, i?. ä. krouäbou sn vozmAs, Dos reprsssnbanbs sn vaeaness, Histoirs eomigus äo 1'L.sssmbiso nabio- nals, Des eosaguss rc. CH. geht weniger ties als Gavarni, übertrifft ihn aber an echt französischem Humor, während er ihm an Kenntniß der Verhältnisse gleich steht. Regnet. lüiamssoypsris Spcrek, Pflanzengatt, der Ooui- keras - Lranoarisas - Ouxrsssiusae, Bäume des nördlichen Amerika u. Japans, mit weißem Holze, immergrünen, gegenständigen, paarweise abwcch- dnrnnsiloi'ea. seluden, schuppenförmigen, seltener nadclförmigen Blättern u. monöcischen Blütheu; inännliche Blü- then mit vierreihig gestellten, nuterseits 2—4 Fächer tragenden Staubblättern; weibliche Blüthen zu 2—4 in einer mit der Deckschnppe vollständig ver- schmolzcnen Fruchtschuppen, Zapfen aus den verholzten, schildförmigen, anfangs dicht zusammeu- schließenden Deckschnppen gebildet. X. Duebomae- o^paris; Samenschale ohne deutliche Harzgänge. Arten nordamerikauisch: Ob. spbasroiäoa, Lhic-a/i. (Oupriuu» blmsoiäss D., weiße Ceder, weiße Ey- presse), Baum von 18—25 in Höhe, mit vierkantigen, abstehenden Zweigen und zugespitzten, Drüsen tragenden Blättern; wächst in Sümpfen des östl. NAmerika, von SCanada bis 35° n. Br.; eignet sich vortrefflich für Parkanlagen; in NAmerika dient das Holz als Bauholz. Ob. tburiisra, Äuäk., hoher Baum mit runden, abstehenden Zweigen u. stechenden, drüsenlosen Blättern; in den Wäldern Mexicos. 8. Lst-mosporu; Samenschale mit deutlichen Harzgängen; Arten in Japan heimisch. 6b. obtusa A. cö I,., mit schuppen- förmigen, eiförmig-rhombischen Blättern u. schmal- geflügelten Samen; auf der Insel Nipon. Ob. pisikora, S. F L., mit schnppenförmigeu, ei-lanzett- lichen Blättern u. breit geflügelten Samen; stammt auch von Nipon, bei uns häufig cultivirt. 6b. sguarrosa §. L., mit sparrig abstehenden, linealischen Blättern und breitgeflügelten Samen; ist ebenfalls eine schöne Zierpflanze. Engter. Chamade (fr.), vom ital. obiamata, eigentlich Ruf, Beruf), das Appellschlagen in belagerten Festungen zum Zeichen, daß man zur Kapitulation bereit sei; daher CH. schlagen, wenn eine irgend einer Sache widerstrebende Person Zeichen der Nachgiebigkeit gibt. Lbamaoäorea sPMÄ. (Bergpalme), Pflanzengattung aus der Familie der Palmen (i?aimas- Xrseiuao, XXII. 6), kleine Palmen mit schilfartigem, geringelten: Stamme, eudständigen oder seitlichen, fiedertheiligen Blättern, häutigen Blüthen- standscheiden, gelblichen oder grünlichen, verzweigte Blüthenstände bildenden, zweihänsigeu Blüthen; männliche Blüthen mit Nappiger äußerer und 3blätteriger innerer Blüthenhülle und 6 Staubblättern; weibliche Blüthen mit 3fächerigem Fruchtknoten; Frucht eine einsamige Beere; Samen mit hornigem Eiweiß. Von den in S- u. Central- Amerika heimischen Arten werden mehrere bei uns in Gewächshäusern cultivirt u. sind auch als Zimmerpflanzen beliebt. Ob. siatior mit Sto- louen; Stamm von cylindrischen Blattscheiden bedeckt u. bis 4 m hoch. Ob. Lobisäoarm illa-'L. u. Ob. Slogans Lkark., ebenfalls aus Mexico, sind kleiner; letztere besitzt kräftigere u. weniger herabhängende Blattfiedern, als Ob. 8ebiscisana. Ob. ^raeiiis IV., mit nur 1—2 in hohem Stämmchen, aus Brasilien; trägt röthliche Beeren, während die anderen schwärzliche Beeren tragen. Ob. kraZians Mrrk., aus Peru; zeichnet sich durch gegabelte Blätter, schwertförmige, gesägte Abschnitte und elliptische Beeren aus. Die Blütheu der mexica- nischen Arten werden, so lange sie noch in den Scheiden eingeschlossen sind, als Gemüse (Tepili- jote) geschätzt; die Stämme der größeren Arten dienen zum Brückenbau. Engler. 648 Chaimilari - Chamalari, s. Tschumalari. Chamäleon (6kamae1soniäas), Familie der Eidechsen aus der Unterordnung der Wurmzüngler. Körper eidechscnartig; Kopf pyramidal infolge der helmförmig erhobenen Überbrückung der Schiäfen- grube. Die Füße sind Greifsüße u. enden mit 5 Zehen, von denen je 2 u. 3 Zehen, bis auf die Krallen mit einander verbunden, wie die Arme einer Zange wirken. Der lange dünne Schwanz dient. als Rollschwanz zum Festhalten des Körpers an Ästen und Zweigen. Es sind Gipfelzähner (^.oroäontss), d. h. ihre Zähne sind auf dem oberen Kiefernrande festgewachsen, gleichsam an- gelöthet. Das Paukenfell liegt verborgen, von der Körperhaut überzogen. Das Auge wird bedeckt von einem großen und„dehnbaren Lide, in dessen Mitte eine nur kleine Öffnung für die einfallenden Lichtstrahlen der Pupille gegenüber frei bleibt. Die wnrmsörmige, sehr lange Zunge dient als Fangapparat; dazu ist sie an ihrer Spitze knopfartig verdickt n. becherförmig ansgehöhlt, in der Ruhe liegt sie eingezogen am Boden der Mundhöhle, von dem riunenförmigen Gaumen bedeckt; hervorgestreckt erreicht oder übertrifft sie die Länge des Thieres. Die Haut entbehrt der Beschnppnng n. besitzt eine mehr chagrinartige Beschaffenheit. Höchst merkwürdig und sowol von dem Lichtreize der Umgebung abhängig, als der Willkür des Thieres unterworfen ist der Farbenwechsel der Haut. Dabei kommen alle Übergänge vom Orange durch Gelb, Grün bis Blau-grün vor; dazu die Übergänge dieser Farben durch Braun oder Grau-braun in Schwarz, Weiß, blaß Fleischfarben, Lila- und Blau-grau, neutrales Gran, endlich im Sonnenlichte noch mehrere Schillersarbcn zwischen Stahlblau und Purpur. Ein Farbenwechsel geht stets allmählich vor sich; dabei bleibt die Zeichnung des Körpers mit ihren Linien und Flecken dieselbe, während die Farbe sich ändert. Der Wechsel wird hervorgebracht durch oberflächliche hellgelbliche u. tiefer gelegene dunkelbraune bis schwarze Farbstoffpartikelchen der Haut, deren verschiedene Ausbreitung u. flachere oder tiefere Lage die Farben- ändernng bewirkt. Es sind träge, langsam bewegliche, vortrefflich kletternde Thiere, welche auf Bäumen leben, an deren Zweigen sie mit dem Wickelschwanze befestigt stundenlang unbeweglich aus Beute lauern. Diese besteht vorzugsweise aus Jnsecten, auf welche sie die Zunge pfeilschnell hervorschlendern. Sie bewohnen wärmere Gegenden der Alten Welt. Das gemeine CH. (6ks.mg.s- Ison vulgaris L.), 30 sw lang, im „nördlichen Afrika u. südlichen Spanien, wird in Ägypten u. Spanien häufig im Zimmer gehalten, um die Fliegen wegzufangen. Es überwintert in Erdlöchern. Es soll das Tinschemeth der Bibel sein (3. Mos. 11, 30). Thoms. Olmmaeloon minerale, s. Mangansänresalze. Chamalieres, Marktflecken im Arr. Clermont des franz. Dep. Puy de Dome; Papierfabriken; Steinkohlenminen; 1300 Ew.; dabei die Heilquelle Los sanx äs 8t. Llaro, sowie der Park von Montjoly mit Höhlen. cksmserops L., Pflanzengatt, aus der Fam. der Palmen (kalmas - 6orz-pkivas - 8ai>a1inas), Palmen mit sehr verkürztem od. kleinem, von Blatt- - Chambers. resten bedecktem Stamme, mit fächerförmigen, viel» spaltigen Blättern, mit znsammengefalteten Abschnitten, mit stacheligen Blattstielen, gelblichen, dichtgedrängten Blllthen in einer lederartigen Scheide; männliche Blllthen mit 3theiligem äußerem u. 3blätterigem innerein Perigon u. 6—9 am Grunde verwachsenen Staubblättern; weibliche Blllthen mit 3, selten mehr getrennten Fruchtknoten; Frucht 3, seltener mehr einsamige Beeren; Samen niit hornigem, zerklüftetem Eiweiß. Die meisten Arten sind subtropisch, eine Art, 6K. Kn- milis L., ist im Mittelmeergebiete heimisch u. zugleich der einzige Vertreter der Palmen in Europa; in größerer Häufigkeit tritt sie ini südlichen Spanien auf. Ans den Blättern fertigt man Besen, Hüte, Körbe, ans den roßhaarähnlichen Fasern (vegetabilisches Pferdehaar) Teppiche, Segeltuch u. Papier. Die Wurzeln u. die jungen Triebe, ebenso die unreifen Blüthen dienen als Speise. ^ 6K. Hxstrix üstVassr von Florida, ausgezeichnet ! durch die mit starken Dornen versehenen, faserigen Blattscheiden, wird in Gewächshäusern viel cultivirt. 6K. sxeslsa ilVrby., auch NCHina n. Japan, mit . 3—4 in hohem Stamme und handförmig getheil- ten Blattspreiten, liefert in seinen faserigen Blattscheiden vorzügliches Material zu Stricken, Hüten, Tauwerk u. der Bekleidung der Kuli. Engter. St.-Chamas, Flecken im Arr. Aix des franz. Dep. Bouches du Rhone, am Etang de Berre, Station der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn; bedeutender Oliven- u. Ölbau; 2660 Ew.; dabei die altrömische (Flavische) Brücke über die Tonloubre. Chamäver (a. Geogr.), germanisches Volk, erst am rechten Rheinufer in SHolland, später (na» Tacitus) zwischen der Weser u. den SWTHeileu ! des Harzes u. nach Besiegung der Bructerer (St> n. Chr.) in SHannover. Sie verschwinden um 400 unter den Franken; im Mittelalter hieß ihr Gebiet Hamaland. Chambellan (fr.) od. Chamberlain(engl.), Kammerherr; der Lord CH., Oberkammerherr, die oberste Hofcharge in England. Chamberlayne, Hugh, englischer Chirurg, ! der namentlich durch seine Geschicklichkeit als Ge- ! burtshelfer sich berühmt gemacht hat, ganz bes. aber durch die von ihm angegebene erste Geburtszange, die er an einzelne Ärzte gegen hohe Preise verkaufte u. die später von Smellie verbessert wurde. Er stammt aus einer Familie, die sich vielfach mit Geburtshilfe beschäftigt u. darin besonderen Ruf erworben hatte, so daß wol anznnehmen ist, daß jene Erfindung nicht sein alleiniges Werk war, daß Vater u. Brüder nicht unbetheiligt gewesen sind. 1665 gab er seine Lrasties ot' imärvrkorf London, heraus u. übersetzte Mauriceaus Lraite snr Iss malaäiss äss ksmmos xrossss et äs ! osllss, gni sont asoonoksös, London 1683. Die j Angabe, er sei 17. Juni 1728 gestorben, ist jedenfalls ungenau. Thamhayn. Chambers, 1) County im nordamerikan. Unionsstaate Alabama, unter 32" n. Br. u. 85° w. L.; 17,562 Ew.; Countysitz: Chambers Court House. 2) County im nordamerikan. Unionsstaate Texas, unter 29° n. Br. u. 94° w. L.; 1503 Ew. Countysitz: Chambarsia. Chambers, 1) Ephraim, war der Erste, der 649 Chambersburg die Idee, ein encyklopädisches Lexikon in alphabetischer Form zusammenzustellen, ausführte und so durch seine Encyklopädie der Vater der neueren Conversations-Lexika ist. Sie erschien zuerst 1728 in zwei Foliobanden. Ums Jahr 1680 zu Milton in England geboren, bildete sich CH. in den verschiedensten Zweigen des technischen Wissens theoretisch, theilweise auch praktisch aus, so daß er die erste Auflage selbst schreiben konnte. Dieser folgten dann mehrere nach, die sich stets erweiterten und verbesserten. C. st. 15. Mai 1740. Auch nach seinem Tode wurde sein Werk in erweiterter Form noch mehrfach aufgelegt. 2) William, englischer Architekt, geb. um 1726 in Schweden, aus altem schottischem Geschlechts; kam 2 Jahre alt nach Nipon in England, ging 1742 als Bediensteter der Schwedisch-Ostindischen Compagnie nach China u. studirte dort die einheimische Bau- n. Gartenkunst. Zurückgekehrt ward er Zcichnenlehrer des Kronprinzen Georg (als König Georg III.) u. führte in England den chinesischen Gartenstil ein, obwol er ans heftige Opposition stieß. Seine Erfolge waren durchschlagende. Erstarb 8. März 1796 als Mitglied fast aller europäischen Akademien und Ge- neralcontrolenr der öffentlichen Bauten. Sein Grab ist in der Westminsterabtei. C. schr.: Ds- signos kor eliiusss bniläinAs, Lond. 1757; Irva- tiss on oivil areliitseknis, Lond. 1759; Dlans, olovakions, ssotion null psrspoekivss ok klrs xaräsn avä builäinA ok Lsrv in Lnrrsx, Lond. 1763; Dissertation on orisntal Anräsnin^, Lond. > 1772; Montiss on tiis äooorntivs xnrt ok nrobi- teoturs, Lond. 1791. Sein Hauptwerk ist das schöne Somerset House in London. 3) George, engl. Marine- u. Architekturmaler, geb. um 1800 in Whitby (Aorkshire); war lange Jahre Schiffs- , junge und Matrose, ward jedoch im Hinblick ans' ^ seine trefflichen Skizzen nach der Natur seiner ! Verpflichtung entbunden, ward in England Gehilfe einer Farbenhändlerin, um sich über die Farben zu unterrichten, nahm dann Zeichnenunterricht u. begann kleine Marinestncke zu nialen. Um nach London zu gelangen, ward C. wieder Matrose n. arbeitete 7 Jahre lang bei dem Panoramanialer Hornor in London für das Panorama im Colosseum, wurde hierauf Decorationsmaler am Pavillontheater und erwarb sich als solcher großen Beifall und die Gunst des Admirals Lord Kerr. Hauptwerke: Beschießung von Algier; Einnahme von Portobello (in Greenwichs; das Greenwich- Hospital (Eigenthum der Königin). 4) Die Brüder William, geb. 16. April 1800, und Robert, geb. io. Juli 1802 , beide zu Peebles in Schottland, verdienstvolle Schriftsteller u. Verlagsbuchhändler; lernten die Buchhandlung in Edinburgh; ' kaum 20 Jahre alt, hatte Jeder, auf eigene Rechnung u. ans eigene Kraft angewiesen, eine Buchhandlung daselbst gegründet; 1832 vereinigten Beide ihre Kräfte, um mit dem bereits Erworbenen gute u. wohlfeile Bolksschriften, Wochenblätter u. Journale populären u. wissenschaftlichen Inhaltes zu liefern. Robert veröffentlichte: Lraäikicms ok klämbniAti, 1824; Diskurs ok Lootlancl, 1827; Uistvr) ok tlrs rsbsUioiis krom 1638 ko 1715, 1828, 3 Bde.; Lslsok vrikinAs on klis lanv rsla- kiog ko inkane;', 1841; Dssa)'s kamilmr anck — Chambertin. immorous, moral anck ooonomio; Distor/ ok klrs rsbstliou ok 1745, 1830, 5. A., 1840; Do- pular rlr/mes ok Looklaml, 1826; 6so§raplriesl anä dioZraplrioal eompsnäium, 1848; On an- oionk sss, marAins, msmorials ok oliaiiAss, 1848; Diskorzc ok Looklanä, neue Ausgabe, 1849; Ma- oinAS ok Islanä anä klrs Daros Islancks, 1855; Domsskio Lmnals okLeoklanä, 1859—61, 3 Bde.; Journale: OMoxssclia ok Dnxlisla liksraknrs, 1842 f., 2 Bde., n. A., 1858 f.; Chambers Läin- bur§lr ckonrnal, seit 1832 eine der weitverbreitetsten Wochenschriften Englands; Domsskio seonomzc anck eoolcsrzc; Däuoakioval oourss, 80 Bde.; Ir>- kormakion kor klrs xsoxls, 1842, 2 Bde., n. A, 1857 f.; Inskruokivs anä onkortaininA librar^; Didiar/ kor ^ounz psopls, 20 Bde.; NisosIIanx ok nsokui anck onkorkaininA kraoks, 20 Bände. William schr.: Doolc ok Lcoklanck, 1827; Dom in Dlollanck in 1838, 1839; Dom in Lveitrsrlanä in 1841, 1842. 1849 kaufte er die große Besitzung Glenormiston in Peeblesshire, u. wenige Jahre später gründete u. dotirte er eine Institution zur Förderung gesellschaftlichen Fortschrittes in seinerVarer- stadt. Seine Schriften aus den letzten Jahren sind: Dlrin^s ns klrs/ ars in ^insrios,, 1853; 4.msrioan slavsrz-anck oolonr, 1857; DIis Douklr's Oompanion anä Oonnssllor; Disior^ okDsoblss- slrlrs, 1864; Pamphlete über: Improveä Drrsl- Iiu§8 nnä Ooopsraiion ninoo§ klrs ivorlcinA olassss; Dranos, iis iriskorzr anck rsvolnkions, 1871; lilsmoir ok Lodert Olramdsrs. rvitd anto- dioArapdio rsminisosnoss; ^ilis Oilor/, eine schottische Erzählung, 1872. Zweimal zum Lord Provost von Edinburgh erwählt, bekleidete er dieses Amt in den Jahren 1865 u. 1869 und that sich hervor durch verschiedene wichtige öffentliche Acte. Roberts letzte Schriften sind: Inks anä Worlcs ok Lodsrt Lnrns, in 4 Bänden; ferner eine Biographie von Smollet (1867) und von W. Scott (1871); das Doolc ok Daz-s (1863), ein gelehrtes n. umfassendes Werk in 2 Bden., bei dessen Abfassung er seine Gesundheit so untergrub, daß er zeitweise alles literarische Schaffen einstellen mußte. Eine Sammlung seiner historischen und verschiedenen Schriften erschien 1863 unter dem Titel: Lslsok VritinZs ok Lodert Od., 7 Bde. 1863 ernannte ihn die Universität St. Andrews zum Ehrendoctor. Er starb 17. März 1871 zu St. Andrews. William erhielt 1872 von der Universität Edinburgh das Diplom eines Ehrendoktors der Rechte. Emsig mit verschiedenen literar. Arbeiten beschäftigt, verbleibt er das Haupt der großen Firma, die auch in London ein bedeutendes Zweiggeschäft hat. Sämmtliche von William n. Robert herausgegebenen und verlegten Werke bezwecken volksthümliche Belehrung, und ihre beste Leistung in dieser Hinsicht ist wahrscheinlich die: Odarndsrs DnoMopssäig,, revid. Ausg., 1874. 1) r. 2) S) Regnet. 4) Bartling. Chambersburst, Hauptsitz des Franklin County im nordamerik. Unionsstaate Pennsylvania, unter 39° 58' II. Br. u. 77° 45' w. L.; 6500 Ew.; Manufactur. Chambertin, Weinberg in der Gemeinde Vosne, im Arr. Dijon des franz. Dep. Cöte d'Or; liefert den CH., einen der feinsten Burgunderweine. 6s0 Chambery - Chambcrl), frühere Hauptstadt von ganz Savoyen, jetzt des gleichnam. Arr. u. des franz. Dep. Savoie, Station der Lyoner u. der Mont-Cenis- Bahn, am Einflüsse der Laisse in die Albane (mit 71 m hohem Wasserfall), in einem schönen Thal- grnnde, an der Ansmündung von 4 Alpenthälern, daher strategisch wichtig; Kathedrale, Schloß, alte Festungswerke: Sitz eines Erzbischofs, der Landesbehörden, Gericht 1. u. 2. Instanz, Handelsgericht; Theologisches Seminar, Medicinische und Rechts- secundärschul?, 2 Mädchenerziehungsanstalten; Akademie, Gelehrte Gesellschaften; öffentliche Bibliothek, Kunst- >n naturhist. Museum, Botanischer Garten, Theater; Fabriken in Uhren, Quincaillerie, Hüten, Gaze; Ausbeute von Steinkohlen u. Mineralquelle in Challes; 19,144 Ew. Die Hügel um CH. sind meist mit Landhäusern besetzt; in einem davon, Charmettcs, lebte Rousseau. — CH. kommt 1029 als Camberiäcum in Urkunden vor und wurde 1232 vom Grafen Thomas nach der Erbauung des Schlosses zur Hauptstadt von Savoyen n. vom Grasen Amadeus V. zur Residenz gemacht. 1525 nahmen die Franzosen CH-, und nachdem sie es mit viel Unterbrechung bis 1713 besessen hatten, kam es im Utrechter Frieden wieder an Savoyen zurück. Nach der Revolution wurde es französisch, kam 1815 wieder an Savoyen u. 1860 nochmals an Frankreich. Chambon-Fengerollcs, Le, Stadt im Arr. St. Etienne des franz. Dep. Loire, Station der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn; zahlreiche Fabriken von Eisen-, Stahl- u. Posamentierwaaren; Handel damit; 6752 Ew.; in der Nähe Kohlenminen. Chambord, Dorf im Arr. Blois des franz. Dep. Loir-et-Cher, auf einer Insel des Cosson (Causson); 450 Ew.; dabei großer königl. Park (umgeben von einer Mauer von 8 Stunden), mit merkwürdigem, fantastisch gebautem, 156 in langem n. 107 m breitem Schloß (worin 440 Zimmer u. eine prachtvolle doppelte Spiraltreppe), erbaut von Franz I., unter Leitung von Prima- ticcio (1523—33); gewöhnlicher Wohnsitz Franz' I. in seinen letzten Jahren; unter Ludwig XV. wohnte Stanislaus Leszczinski 8 Jahre lang hier; 1745 schenkte es der König dem Marschall von Sachsen, welcher große Kasernen für sein Ulanenregiment hier errichtete und 1750 daselbst starb; unter Ludwig XVI. besaß es die Familie Po- lignac (1771 damit belehnt); in der Revolution (1790) wurde es als Staatsgut eingezogen und zum Remontedepot eingerichtet, 1809 von Napoleon dem Marschall Berthier geschenkt; seit 1821 ist es im Besitze des Herzogs von Bordeaux, für den es die Nation um 1,749,677 Fcs. von der Wittwe Berthiers kaufte; 1830 zog es die neue Dynastie ein, mußte es aber infolge eines Pro- cesses 1841 wieder herausgeben. Am 9. Dec. 1870 wurde das Schloß von einem hessischen Ba- raillon erstürmt. Chambord, Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonne von Artois, Herzog von Bordeaux, Grasv.C., letzter männlicher Sprosse des Hauses Bourbon und Erbe der Ansprüche desselben ans den Thron von Frankreich, geb. 20. Sept. 1820 zu Paris, der Enkel Karls X. und nachgeborener Sohn des am 13. Februar durch - Chambord. Louvel ermordeten Herzogs von Berry (s. d.) u. der Prinzessin Carotine Ferdinandine Louise von Neapel. Da aus ihm allein der Fortbestand des Hauses Bourbon beruhte, den Louvel mit seiner Mordthat ohne Zweifel hatte unmöglich machen wollen, gaben ihm die exaltirten Royalisten den Beinamen: Das Wunderkind; während aus der anderen Seite der Haß aller Feinde der Dynastie sich gegen ihn erhob u. man sogar behauptete, CH. sei ein uneheliches od. untergeschobenes Kind. Auch erklärte sich die öffentliche Meinung dagegen, daß das Kind von Frankreich auf Kosten der Nation mit dem Schloß n. den Domänen von Chambord dotirt werde, woraus die Legitimisten ans - eigenen Mitteln dasselbe erwarben u. dem Prin- ; zen am Tanftage, 1. Mai 1821, schenkten. Am ^ 2. Aug. 1830 legte Karl X. infolge der Juli- '' revolntion zu Gunsten des Herzogs die Krone von ^ Frankreich nieder, und zugleich leistete auch der Oheim, der Herzog von Angouldme, Verzicht ans dieselbe, infolge dessen der Herzog von Bordeaux i i für die Legitimisten als Heinrich V. der gesetzliche ^! Souverän, der wahre König von Frankreich blieb, s; Noch nicht 10 Jahre alt, folgte der Prinz seiner i ! Familie in die Verbannung u. wurde am Hofe i ( seines Großvaters von Gouverneuren erzogen — ! Machten de Montmorency, de Riviere und de Lamas — die denselben Grundsätzen ergebe» waren, welche eben den Sturz der älteren Bonr- ( bonen herbeigeführt; als Untererzieher waren den ! Gouverneuren zwei Jesuiten beigegeben. Später traten Militärs an deren Stelle, erst General 8 d'Hautpoul, daun Latour-Manbourg. Nachdem CH. E 1834 vom Herzog von Blacas ein Vermögen von I 4 Million Thlr. geerbt, was ihm ein fürstliches § Auftreten ermöglichte, weckte dies den Ehrgeiz des Großvaters aus Neue, so daß derselbe seine Thron- ^'' cntsagnng znrücknahm u. damit den Familienzwist KLf auch in die Partei selbst brachte, die sich nun in Carlisten, Anhänger Karls X., in Anhänger des Al Herzogs von Angouldme, Ludwig XIX. und in I Henriqninquisten spalteten, ein Zwiespalt, der 18N durch den Fürsten Metternich beseitigt wurde, in- --l dem er eine Versöhnung unter den Bourbonen selbst ^ zu Stande brachte. Die Jahre 1840—43 brachte ^ der Prinz in Neapel, Florenz, München, Görzu. dann wieder in Venedig zu, bis ihn die Einigung i st der Häupter der verschiedenen Legitimistenfractio- neu nach London rief, wo er in einem für ihn ^ im Belgrave Square gemictheten kleinen Palais t! von mehr als 300 Legitimisten, an deren Spitze ^ sich Chateaubriand befand, eine Art Huldigungs- eid empfing und bei dieser Gelegenheit sein Pro- ) gramm dahin präcisirte, daß er, fern davon, eine j gewaltsame Bewegung in Frankreich hervorzu- ^ rufen, persönlich erst dann hcrvortreten werde, s wenn sein Erscheinen dort nothwendig. Im Jan. f' 1844 nach Görz znrückgekehrt, legte er nach dem ! Tode des Herzog von Angouldme ( 3 . Juni 1841) - , gegen die Dynastie Ludwig Philipps, als die in ^ Frankreich herrschende, Verwahrung ein u. ver- ^ , kündigte zugleich, daß er fortan den Titel eines 1 Grafen von CH., anstatt den eines Herzogs von j ^ Bordeaux, führen werde, eine Modification, deren . ^ Annahme England und Schweden verweigerten. ; . Am 16. Nov. 1846 vermählte er sich mit der , , Oiiamlirs - Prinzessin Therese von Modena n. nahm seinen Aufenthalt in Frohsdorf bei Wien, wo er seitdem mit kurzen Unterbrechungen lebt. Nach dem Sturze der Julimonarchie entwickelten die Legitimsten die größte Rührigkeit, u. viele von ihnen wurden in die französische Nationalversammlung gewählt, wo sie es aber für angemessen fanden, vor der Hand die Regierung des Präsidenten Ludwig Bonaparte zu unterstützen. 185V erschien CH. auf einem Kongreß seiner Anhänger in Wiesbaden, von wo aus in seinem Namen ein vonBarthelemy gezeichnetes Manifest erlassen wurde, in welchem das System des Appels au die Zustimmung der Nation absolut verworfen wurde, als eine Verneinung des Princips der erblichen Monarchie. Als Ludwig Napoleon sich durch den Staatsstreich vom 2. Dec. zum Kaiser von Frankreich gemacht hatte, ^ protestirte CH. gegen diesen ihm unliebsamen Act, der Concurrenz, nicht minder gegen den Krimkrieg, gegen den schändlichen Sieg der Italiener > über die päpstlichen Truppen unter Lamoriciöre u. ließ sich „1866 nach dem Kriege zwischen Preußen und Österreich in einem an Saint-Priest gerichteten Briefe über die unthätige Politik des Kaiserreiches dem Protestant. Preußen gegenüber j tadelnd vernehmen. Nach Beendigung des Deutsch- Franz. Krieges kehrte CH., der kinderlos ist, nach ! seiner Domäne Chambord in Frankreich zurück n. erließ von dort aus unter dein Namen Heinrich V. L. Juli 1871 eine Proclamation, in welcher er, die Tricolore Frankreichs zurückweisend, erklärte, daß Frankreich nur unter dein alten, dem weißen Banner seine ehcmal. Größe wiedererlangen könne. Dieses Wiederentfalten des weißen Banners, diese feierliche Verkündigung des monarchischen Dogmas gaben der besonders vom Bischof von Orleans, Dupanloup (s. d.), betriebenen Verschmelzung (Fusion) der Bourbonen u. Orlcanisten den Todesstoß. Noch verschiedene andere Manifeste erließ CH., doch alle seine u. seiner Freunde Anstrengungen, die legitimistische Monarchie wieder aufzurichten schlugen fehl. Wohl erkannten ihn, nach dem Sturze des Präsidenten Thiers (s. d.) am 24. Mai 1873, die orleanistischen Prinzen dadurch als ihr Familienoberhaupt an, daß ihm (4. Aug. 1873) zuerst der Graf von Paris u. darauf die meisten anderen Glieder der Familie Orleans eine Art Huldigungs- u. Versöhnungsbesnch ab- statteteu, wol wurden mit Hilfe der Geistlichkeit in Frankreich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dem Volke eine Thronbesteigung Ch-s annehmbar zu machen; doch Alles vergebens. Sowie er durch seinen Brief vom 27. Oct. 1873, worin er jede Bedingung n. Bürgschaft bei einer eventuellen ! Thronbesteigung zurückwies, sich auf immer den größten Thcil der orleanistischen Partei in Frankreich entfremdete, so machten auch die Umtriebe seiner Anhänger u. ihre offen ausgesprochenen I Absichten, die weltliche Macht des Papstes wiederherstellen zu wollen, einer Monarchie Heinrichs V. sür immer ein Ende. Vergl. Nettement, Henri äs Kranes, neue, vermehrte Aust., Paris 1872, 2 Bde. Eine eingehende Charakteristik Ch-s gab H. Bartling in seiner Geschichte der Dritten Republik in Frankreich, in Unsere Zeit (diene Folge, 11. Jahrg., S. 194), 1875. Bartling. - Chamier. 651 lllisindro (fr.), 1) Kammer, Zimmer; so Ob. Aarnio, möblirtes u. zum Bewohnen überhaupt eingerichtetes Zimmer, welches vermicthet werden soll. 2) (Engl. Oiiambor) Haus, als Abthcilnng von Volksrepräsentanten; namentlich war das französische Parlament vor der ersten Revolution in 5 Ob-s eingetheilt: 1a Aranäs Ob., 3 Ob-s des ongnstos u. 6U. äss regneten. Obambrs sräents (fr., d. i. heiße Kammer), unter Franz I. u. Heinrich II., seit 1535, ein in Paris gegen die Protestanten niedcrgesetzter Gerichtshof, dessen Mitglieder von dem Papste ernannt wurden u. welcher meist zum Feuertode verdammte. Unter Ludwig XIV. wurde eine neue Oll. a. 1679 als außerordentliche Untersuchungscommission in Paris gegen die damals in Frankreich gewöhnlich gewordenen Vergiftungen erneut, aber hörte schon 1680 wieder auf. lRambrs äss comptos, Oberrechnungskammer. Lksmbro gsrnio (fr.), ein möblirtes Zimmer; daher: Chambregarnisten, Bewohner einzelner vermietheter Zimmer. lüiambes introuvadls (fr., d. i. die nirgends findbare Kammer), Spottname der im Oct. 1815 zusammenberufenen, aber 6. Sept. 1816 , als die constitntionelle Partei siegte, durch königliche Ordonnanz entlassenen ultraroyalistischen Depntirten» kammer in Frankreich. lüiambros mipsrtios, nach dem Vertrage König Heinrichs III. von Frankreich mit den Reformir- ten (1576) die Kammern der Parlamente in Paris, Nonen, Toulouse, Bordeaux, Grenoble, welche zur Hälfte mit Rcformirten besetzt waren, um bei Criminalklagen gegen Reformirte u. in Civilsachen von Katholiken gegen Reformirte in höherer Instanz zu entscheiden; sie wurden 1669 u. 1679 aufgehoben. Chamfort, Sebastien Noch Nicolas, franz. Theaterdichter, geb. 1741 bei Clermont in der Auvergne; war Secretär beim Prinzen Conde, Vorleser der Mad. Elisabeth u. Custos der Nationalbibliothek; von letzterer Stelle wurde er in der Revolution vertrieben u. verfolgt; starb, um dem Kerker u. Fallbeil zu entgehen, an den Folgen eines versuchten Selbstmordes 13. April 1794. Er sehr, die Lustspiele: Oa zonns Inäisrme, 1764, Iw marebanä äs Lmz-rns, 1770 (sein bestes Stück), u. a.; das Trauerspiel: Knsbapbg, ob MrwAir; Diobionnairs ä'ansoäotes äramabignos, Paris 1776, 3 Bde.; ?snssss maxiinss et anso- äotes, Dresden 1803 (eine Sammlung tiefer, geistreicher, aber überaus pessimistischer n. misan- thropischer Anssprüche, von denen viele sehr populär in Frankreich geworden sind). Seine Werke sind gesammelt von seinem Freunde Ginguene, Par. 1795, 4 Bde.; von Anguis, Paris 1824/25 (die beste Ansg.); Delahays 1857, alle mit Notizen u. Studien überCH. u. seine Werke. Volchcrt. » Chamier, 1) Daniel, franz. protestantischer Theolog, geb. 1565 in der Dauphine; studirte seit 1583 Theologie in Genf u. wurde Prediger in Montelimar. Bei den Verhandlungen zu Cha- tellerault hatte er wesentlichen Antheil an der Abfassung des Edicts von Nantes (s. u. Hugenotten) u. wurde zu allen Nationalsynoden delegirt, in der zu Gay (1603) u. zu Privas (1612) führte er S52 Chamisso. das Präsidium; er wurde 1612 Professor der Theologie in Montauban u. fiel 17. Oct. 1621 bei der Belagerung dieser Stadt. Er schr. u. a.: Lpistolas ssLuitieue, Genf 1599—1601, 2 Bde.; eonkoonion äss ciiopukos papistso, ebd. 1600; kanstratia oatlroliea, ebd. 1626, Frkf. 1627—29, S Bde., herausgcgebeu von seinem Sohne Adrian; Auszug als (ltmmlerrw eontraebns von Sponheim, Genf 1643; 6orpns tlrsoloAionm 8. tori oommnnss, ebd. 1653; vgl. Lkemair ok v. 6b., Lond. 1852. 2) Frederick, engl. Romanschriftsteller, geb. 1796 in London; trat 1809 als Cadet in die Marine u. zeichnete sich während des Amerikanischen Krieges aus. 1833 trat er außer Dienst u. wurde zu Waltham Hill in Essex Friedensrichter dieser Grafschaft. Er ist mit Cooper und Marryat Einer von Denen, die das Genre der Seeromane in Ruf brachten. Er schr.: 6iks ok a sailor, 2. A., Lond. 1834, 2 Bde., deutsch von Jürgens, 1835; Leu Lraeo, 1835, 3 Bde., deutsch von Bärmann, 1836; 'Ilrs ^rstirnoa, 1836, 3 Bde., deutsch von Bärmann, 1837; staok L.äams, 1838, 3 Bde., deutsch von Bärmann, 1839; '1'om LorvlinA, 1839, 3 Bde.; IrovorHastings, 1841, 3 Böe.; kassiun anä krinoipls, 1842, 3 Bde., deutsch von Bärmann, 1842, und von Schulze, 1843; Ikovlonr ok ilrs §ronob Lovolnkion ok 1848, Lond. 1849. Sämmtl. Werke, übersetzt von Bärmann, Braunschw. 1839 ff., 15 Bde. i-- Chamiffo, Adalbert von (eigentlich Louis Charles Adelaide, Graf von), deutscher Dich- ter und Naturforscher, geb. 27. Jan. 1781 ans dem Schlosse Boncourt in der Champagne, Spröß- ling eines uralten, hochangesehenen lothringischen Grafengeschlechtcs. Nachdem zu Anfang der franz. Revolution Boncourt ausgeplündert u. geschleift worden war, zog die Familie brodlos 1790 in die Niederlande, später nach Würzburg, Bayreuth, Berlin, wo Adalbert 1796 Page bei der Königin Luise, der zweiten Gemahlin des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen, wurde u. diese dafür sorgte, daß er Privatunterricht erhielt und das franz. Gymnasium besuchen durfte. 1798 trat er als Fähnrich in das zu Berlin stationirte Infanterie-Regiment von Götze ein u. stieg 1801 zum Lieutenant auf, während die Eltern unter Bonapartes Consnlat bereits nach Frankreich zurllckgekehrt waren. Adalbert gab sich mit rühmlichem Fleißc dem Studium des Griechischen und der Naturwissenschaften hin; vor Allem aber strebte er, die deutsche Sprache u. Bildung, die er mit einer tiefen Zuneigung und Verehrung ergriff, sich anzn- eignen. Die Poesie führte ihn mit Wilhelm Reumann, Varnhagen, Hitzig, Ludwig Robert, Franz Thcremin, Bernhardt, Fouqne u. A. zusammen. Dieses romantische Bündniß wurde zwar durch die örtliche Verpflanzung der Meisten bald äußerlich getrennt, aber in geistiger Wirksamkeit, namentlich durch Herausgabe des Berliner Musenalmanachs (1804—6), sorterhalten. Ende 1805 verließ CH. mit seinem Regiment Berlin, u. im April 7806 zog er mit demselben in Hameln ein. Die schmachvolle Übergabe dieser Festung 22. November (vgl. Ch-s Werke, 2. Ausg. V. 185 ff.) bewog ihn, seine Entlassung zu nehmen. Er ging nach Paris, kehrte im Herbste 1807 nach Berlin zurück, folgte im Januar 1810 einem Rufe alz Professor an dem neu zu errichtenden Lyceum in Na- poleonville (Bretagne), fand sich aber in dieser Aussicht enttäuscht; reiste im Frühling 1811 nach Coppet, wo er in den Kreis der Frau von StaA gelangte u. seine Neigung für das Studium der Naturwissenschaften, insbesondere der Botanik, sich entschied. Er widmete sich demselben in Berlin, wohin er im Spätjahre 1812 zurückkehrte. Das große Jahr 1813 fand seine Gedanken u. Gefühle zwiespältig: bei warmer Thcilnahme an der deutschen Sache ging ihm doch jede Schmach, die den unglücklichen aus Rußland heimkehrenden Franzosen widerfuhr, jede Verhöhnung Napoleons lies zu Herzen; die Frage, welcher Partei er sich anzuschließen habe, kostete ihm den schmerzlichsten Seelenkampf, der nicht zur Entscheidung kam. CH. hatte kein Vaterland mehr oder noch kein Vaterland! Im Jtzenplitzischen Kunersdorf schrieb er seinen Peter Schlemihl: es ist ein poetischer Spiegel der Lebenswidcrsprüche, die dem edlen Manne keine Ruhe gönnen wollten. Unt er solchen Umständen war die Ernennung zum Naturforscher ans der Entdeck - 'unqsreise des russ. Capitäns O. von Kotzebue in die Südsee u. um die Welt für Eh. ein Glück; ei wurde aber durch das Verhalle n oes Caprtans n. der Reüeaetavrten nicht lvenia qetruvt. Die Neye hielt unseren Dichter vom 15. Juli 1815 InT'Gii!? 18 Ü> wurbe^^lHä.ustoÄ M Bötanischen Gartens angestellt. Am 25. Sept. führte er, 38jährig, ein 18jähriges Mädchen, Antonia Piaste, heim. Erst mit dieser Ehe ging ihm die Sonne des Lebens auf. Im Herbste 1825 sah er, durch eine Vermögensangelegenheit dahin gerufen, Paris wieder. Die Julirevolntion 1830 ergriff er mit Begeisterung, fühlte sich aber bald schmerzlich ent- täuscht. Einige 'Jahre, nachdem er auf sein Nach- suchen wegen heftigen Brustlcidens ehrenvollst Pen- sionirt worden war, 21. Aug. 1838, versank er in den Todesschlaf. CH. gehört zu den reinste», edelsten u. liebenswürdigsten Männern, die un< sere Literatur aufzuweisen hat; er ist in seinem innersten Wesen deutsch; als Deutscher zugleich Kosniopolit. Er ist ein Tribun der Menschlichkeit; ein Feind aller Selbstsucht, Härte, Knechtung, Heuchelei. Viele von seinen Gedichten sind Bausteine zu einem Epos, einem Weltbilde des Men- schengeistes u. Menschengeschickes; sie enthalten bedeutsame Bruchstücke aus den verschiedenartigsten Lebensgebieten und Nationen. Ch-s Darstellung zeichnet Kraft u. individuelle Schärfe ans; daß er die Schranken des Verses u. Reimes nicht immer überwindet, ist bei dem Gebrauche einer erst später von ihm gelernten Sprache erklärlich; doch an- derntheils bewahrte ihn dieses eigenthümliche Ver> hältniß vor der Phrasenmacherei. Mit Recht betont er in Lied und Erzählung den Realismus, aber forcirt ihn auch; er meidet die falsche Idealität, aber nicht selten auf Kosten der echten. Er liebt schroffe, düstere Bilder u. Worte, theils um sein Dar- stcllungstalent an solchen zu erproben, theils um die eigene Melancholie hineinzulegen. Auch die ehrliche Wahrheitsliebe, die sich scheut, das Bild der wirklichen Menschenlebens zu verschleiern, dictirt ihm grelle, mit dem Wesen der Kunst nicht ver> Chamisso Island — Champagne. 653 einbare Mißmute; aber seine Harfe ließ auch die reinsten Vollklänge ertönen, z. B.: Frauenliebe u. Leben, Thränen, Die Blinde. Unter seinen poetischen Erzählungen ragen großartig monumentale Lebens- u. Charakterbilder, meist in Terzinen, hervor. Schriften u. Gedichte in dem von CH. u. Varnhagen begründeten Musenalmanach, Berlin 1804—6; Peter Schlemihl, herausg. von Fouquö, Nürnberg 1814, 10. Aust., 1873, in fast alle europäischen Sprachen übersetzt; Vs aninaall- bns gnldnsäam s olasss verminm Vinnaei, Berlin 1819, Heft 1: Vs oslpn; Bemerkungen u. Ansichten aus einer Entdeckungsreise unter Kotzebue, Weimar 1821; Übersicht der in NDeutschland vorkommenden nützlichen und schädlichen Gewächse, nebst Ansichten über das Pflanzenreich u.. Pflanzenkunde, das. 1827; Gedichte, im Musenalmanach von CH. und Gustav Schwab, Lpz. 1832—37; mit Gaudy: Übersetzung einer Auswahl von BLran- gers Liedern, Lpz. 1838, n. A., 1873; Über die " wa iisprache, ebd. 1837 . Werke, ebd. 1836—38. ö We7 lI7u. 2. Bd.'flie Resckireibuna keiner Necke um die Welt: 3. u. 4. Gedichte nebst dem Peter Schlemiht; 5. n. 6. Biographie n. Briefwechsel, herausg. von I. Hitzig), 5.A., ebd. 1864; Auswahl von H. Kurz, Hildburgh. 1869, 2 Bde. /X Chamisso Island, Insel im Kotzebue-Sund, an der NWKüste von Alaska in NAmerika. Chamoisit (Min.), dichtes n. feinkörniges, grünlich-schwarzes Eisenerz, welches mit Kalkstein gemengt im Chamoison-Thal bei Ardon im Kanton Wallis vorkommt. Obamomüla (lat.), so v. w. Kamille. St. Chamond, Stadt im Arr. St. Etienne des stanz. Dep. Loire, am Chier, Station der Paris- Lyon-Mittelmeer-Bahn; großer Eisenhammer, Seidenbänder-, Litzen-, Kautschuk-, Kessel-, chemische Fabriken, Fertigung von Sammet, Eisenwaaren, Nägeln, Seiden- und Baumwollenspinnerei, Färbereien und Gerbereien; öffentliche Bäder rc.; 12,585 Ew.; in der Nähe Kohlengruben. Chamonix, so v. w. Chamouny. Chamos, Nationalgottheit der Ammoniter u. Moabiter, über deren nähere Natur jedoch nichts Sicheres bekannt ist. Ans dem neu entdeckten Mesa- steiue erscheint CH. mit der Astor-Astarte zusammen als eine androgyne Gottheit: Astor-Ch. Chamotte, Masse, aus den Kapseln, in denen bes. Porzellan rc. gebrannt worden ist, gewonnen, pulverisirt u. dann zu Ch-steinen geformt u. gebrannt. Mit Thon vermauert, hält der CH. den stärksten Hitzegrad ans, ohne zu schmelzen od. zusammenzusintern, und ist daher zu Mauern, die fortwährend dem Feuer ausgesetzt sind, das beste Material. Man gebraucht die Masse auch zur Herstellung von Schmelztiegeln. Chamouny (richtiger Chamonix oder Le Prieure), 1) Gem. in der Landschaft Faucigny (Arrond. Bonneville) des franz. Dep. Haute-Sa- voie, im gleichnam. Thal an der Arve, am Fuße des Mont-Blanc, 1050 m über dem Meere; aus einem 1099 gegründeten Benedictinerkloster entstanden; Mineraliencabinet; lebhafte Industrie, bes. Wollenweberei; 2455 Ew. (im Orte selbst nur 532). 2) Das Ch-Thal, ein durch seine Naturschönheiten berühmtes Alpenthal, das sich zwischen der Montblanc-Gruppe, den nördl. Savoyer- und westl. Walliser-Alpen, von der Arve durchströmt, an 19 bm weit hinzieht und 2 stm breit ist. — Bis 1740 auswärts unbekannt, wurde es von den Engländern Wyndham u. Pococke zuerst näher untersucht; dann 1760 durch Saussure in weiteren Kreisen bekannt ge- worden, ist es jetzt wegen seiner wildromantischen Lage, seiner Gletscher, Eisfelder, riesigen Felsblöcke u. Felswände das Ziel vieler Reisenden (jährl. 15—17,000); außer dem Mont-Blanc, dessen Anblick bes. vom Mont-Brevent aus staunenerregend ist, sind die bedeutendsten Höhen und Gletscher ans der linken Seite der Arve: die Tour- Gletscher Aiguille du Midi 3916 rn, Aiguille du Chardonnet 3823 m, Aiguille verte 4127 in, der Moine, Taläfre-Gletscher; auf der rechten Seite Aiguilles rouges 3265 m, Dard-Gletscher, Brövent 2525 m.; der größte Gletscher, der östlich vom Mont-Blanc die Thäler einnimmt, ist das sogenannte Eismeer (Ner äs Zkass, Vkaoior äss bais), dessen Thauwasser die Quellen der Arve sind. Es gedeihen in diesem Thal noch Getreide, Hanf, Gemüse n. noch manche eigenthüm- liche Pflanzen, aber kein Obst; berühmt ist der aromatische, ganz weiße Honig dieses Thals. Die 4—5000 Ew. leben meist in zerstreut liegenden Häusern, theils als Hirten u. Jäger, theils als Bergführer für die Reisenden. Von dem Flecken Chamouny aus wird gewöhnlich der Mont-Blanc bestiegen. Obamp (fr.), Feld; 6b. äs batsillo, Schlachtfeld. Chmnpada, s. Brodbanm. Champagne, ehemalige Provinz in Frankreich, an Burgund, Lothringen, Flandern, Jsle de France und die Picardie grenzend, bestehend 1) aus der eigentl. CH., 26,269 f^jlcm, dermalen die Haupt- bestandtheile bildend der Dep. Ardennen, Aube, Marne, Haute-Marne, dann Theile von Seine-et- Marne, Ionne und Mense; 2) dem Fllrsten- thum Sedan, 246 ÜZicm, nun den Ardennen zu- getheilt; 3) der Landschaft Chälonnais, 1304 Uslcm, nun bei Marne; 4) der Landschaft Rämois, 1420 Usirm, ebenfalls bei Marne, u. 5) der Landschaft Senonois, 1427 jXjbm, nun dem Depart. Uonne zugetheilt, zusammen also 30,667 (Xsicm. Über die Gebirge, Flüsse Products rc. s. die einzelnen Departements. Der östliche Theil, CH. pouil- leuse, ist unfruchtbar, heidig u. morastig. Der westliche Theil bringt den berühmten Champagner, Getreide, Flintensteine (die besten in Europa) u. hat gute Schafwciden. In der Mitte der CH. liegen weite Ebenen, an der Grenze hingegen ist sie gebirgig. Als Generalität Chalons zerfiel die CH.: a) in die eigentliche CH. (Hauptstadt Troyes); diese wieder in Ober- und Nieder-CH.; b) Chalonnais (Hauptst. Chalons); o) Remois (Hauptst. Reims); ä) Retelois (Hauptst. Rethel); o)Argonne (Hauptst. St. Menehould); k) Per- tois (Hauptst. Vitry-le-Franxais); §) Vallage (Hauptst. Vassy); b) Bassigny (Hauptst. Lan- gres); i) Senonois (Hauptst. Sens); b) Brie Champenoise (Hauptst. Meaux). — Die CH. war ein Theil von Gallien und bes. von den Remern und Tricassern bewohnt. Cäsar unterwarf sie, wie ganz Gallien, der Gewalt der «54 Champagne — Champagner. Römer. Später kam sie an das Fränkische Reich; als Chlodwigs Söhne dies theilten, wurde sie zu Austrasien geschlagen u. von königlichen Statthaltern verwaltet. Im 10. Jahrhundert finden sich Grafen von CH., welche damals oft Grafen von Trotzes hießen, weil sie in Trotzes residirten. Mit ihrer Würde war wiederholt die Grafschaft Blois verbunden. Graf Thibant IV. erbte 1234 von mütterlicher Seite das Königreich Navarra; aber sein zweiter Sohn, Heinrich III., hinterließ nur eine Tochter, Johanna, deren Stiefvater, Prinz Edmund von England, Sohn König Heinrichs III., 1275 den Titel Graf von CH. und Brie annahm u. bis zur Volljährigkeit Johannas die Regentschaft führte. Johanna vermählte sich 1284 mit Philipp dem Schönen, welcher 1285 König von Frankreich wurde, doch blieben ihr das Königreich Navarra, die CH. u. Brie als freies Eigcnthum. Johanna I. st. 1305, u. ihr ältester Sohn, nachmals Ludwig X., König von Frankreich, folgte ihr als Graf von CH. u. Brie, u. als auch dieser 1313 st., dessen 5jährige Tochter Johanna II. unter der Vormundschaft ihres Oheims als Gräfin von CH. Diese vermählte sich später mit dem Grafen Philipp von Evrenx, trat 1339 ihre Rechte auf die CH. an den König von Frankreich ab u. begnügte sich mit Navarra. 1361 wurde wurde hierauf die CH. für immer mit Frankreich vereinigt. Champagne, Philipp de CH., Maler, s. Champaigne. Champagner, nicht-moussirende u. moufsircnde Weine aus der Champagne u. angrenzeudcn Gegenden. Die nicht-moussirenden sind Weißweine u. zählen unter ihren Gewächsen die ausgezeichnetsten Sorten, vor allen die Sillerys von Ludes, Mailly, Verzenay u. Verzy: trocken und geistig sein; ferner die von Atz, Marenil, Dizy, Hantvillers, Epernay, Pierry: markig und mild; in zweiter Reihe folgen die Gewächse von Cra- maut, le Menil, Avize u. St.-Martin d'Ablois; selbstverständlich wachsen an den meisten der genannten Orte auch Weine dritter Klasse. Von allen diesen Gewächsen kommt aber nur sehr wenig in den Handel, weshalb man auch unter CH. im Allgemeinen und im eigentlichen Sinne die moussirenden Weine versteht, die in den sranz. Dep. Marne, Haute-Marne, Äube und Ardennes bereitet werden; weiterhin ist CH. aber auch die willkürliche Benennung für einen großen Theil der Schaumweine, die mau in anderen Ländern fabri- cirt. Letztere nehmen den bei Weitem größeren Theil des unter der Etiquette CH. verkauften WeineS ein, da das Verhältniß sich schätzungsweise etwa wie 3 : 1 stellt. Im Nachstehenden ist nur die Rede von der erstgenannten Kategorie, über Schaumweine wird besond. abgehandelt werde». Die Champagnerweine nehmen unter allen Weinen eine ganz besondere Stelle ein u. zählen durch ihre feinen geistigen Eigenschaften, verbunden mit dem ersrischenden u. animirenden Moussenx, zu den beliebtesten geistigen Getränken. Dieses Moussenx ist ihnen von Statur nur im geringen Maße eigen (sie verdanken es dem kreide- (kalk-) haltigen Boden ihres Heimathlandes), es wird ihnen vielmehr auf dem künstlichen Wege der Fabrikation (s. u.) beigebracht. Sie repräsentiren von der Production der vorgenannten Dep. nur etwa den vierten Theil u. wachsen bes. im Dep. Marne (Arrondissements Chalons-sur-Marne, Epernay, Reims, St. Menehould u. Vitry-sur-Marne) aus annähernd 20,000 Im Weinbergen, die 187S 27,018 Eigenthümern gehörten. Den größten Flächenraum besitzen die Arr. Reims (7624) und Epernay (5587 Im): diejenigen, welche auch die besten Sorten erzeugen. Die jährliche Production beläuft sich jetzt auf 20—22 Will. Flaschen, wo- von 17—18 Will, exportirt werden; 3H Will, werden in Frankreich consumirt. Im I. 1861 betrug die Production 13,786,134, im I. 1850 erst 6,706,776 Flaschen, 1872 wurden 20,368,IM und 1873 22,381,838 Flaschen prodncirt. Der Werth der Ausfuhr beläuft sich auf etwa 60 ML Fcs. Die Ch-weine sind znm größten Theil weiß; unter ihnen nimmt der Sillery den ersten Rang ein. Er hat Körper, Geist und eine vortreffliche Blume, auch hält er sich länger, als die übrigen Sorten. Es schließen sich ihm an: Verzenay, Verzy, Ludes, Mailly, Atz, Crayons, Epernay u. a. Die vorzüglichsten rothen Sorten sind: Verzy, Verze- nay, Marenil u. Bonzy (Creme de B.). Die meisten Fabrikanten versehen ihre Weine mit ihre» Marken, die ans der inneren Seite des Stöpsels eingebrannt, auch wol als Plombe angehängt wird; die berühmtesten sind u. a.: Veuve Cliquot, Louis Rüderer, H. G. Mumm u. C., Heidsiek u. C., CH. Heidsiek, N. H. Schreider u. a. in Reims: Moel n. Chandon in Epernay; Duc de Montebello in Marenil; Jacquesson und Fils in Chalons-sur- Marne; Lambry, Gelderman u. Deutz, Ayala n. C., Dresel u. Ändert rc. in Ay. JnteressantistdieBereitung des Ch-s, da ans keinen anderen Wein eine solche Sorgfalt verwendet wird. Dieselbe geht in folgender Weise vor sich. Nachdem die Trauben von allen nnreise» und faulen Beeren gesäubert sind, kommen si: unter die Presse; da es meist blaue Trauben sind, so werden, uni den Farbstoff rc. auszuschließen, mir; die ersten Abläufe genommen u. die ferneren an- j derweitig verwendet. Der Most bleibt 15—M ) Stunden stehen u. wird dann auf Fässer gefüllt, deren Spunde so aufgesetzt werden, daß sie die Kohlensäure der ersten Gährung entweichen lasse». - Nach einiger Zeit wird er klar, worauf das Ver- i stechen, d. h. das Vermischen verschiedener Sorte» unter einander, vorgenommen wird; hierdurch erzielt man erfahrungsgemäß bessere u. haltbarere Qualitäten. Ist darauf der Wein geschönt u. wieder klar geworden, so wird er vorsichtig auf frische Fässer abgefüllt, aus denen er bis zum Frühjahre lagert. Nunmehr erfolgt das Abziehen ans Flaschen (1ira§e). Es geschieht dies in der Regel durch 5 Arbeiter, von denen der erste ununterbrochen füllt, der zweite den Kork eintreibt, der dritte den Bindfaden, der vierte den Draht ui»-! legt n. der fünfte die Flaschen aufschichtet. Diese Arbeit wird so betrieben, daß sie innerhalb eines Monats- beendigt ist. Der Wein muß jetzt schon einen bestimmten Zuckergehalt, u. zw. 13—14 Grad nach dem Weinzuckermesser haben; weist er diese" nicht ans, so setzt man feinen Candiszucker in Lös'! ung zu; hierdurch wird zunächst die Flaschengährmig, Champagner. 65o die jetzt bevorsteht, gefördert. Diese muß mit der größten Vorsicht geleitet werden. Die Temperatur des Kellers, der mit Eishänsern in Verbindung steht, darf einen gewissen Wärmegrad nicht übersteigen, da sonst zu viele Flaschen zerspringen; 8—lOpCt. beträgt der Verlust unter allen Umstanden (in früheren Zeiten oft über 60 pCt.). Mit Ende Oktober ist die Flaschengährnng beendet, u. es beginnt die weitere Behandlung der jetzt trübe gewordenen Flüssigkeit. Zur Klärung derselben werden die Flaschen auf Holzstellagen in geneigter Stellung (den Kork nach unten) untergebracht. Diese Stellung wird nach u. nach so verändert, daß die Flasche gerade auf dem Kopfe steht u. schließlich alle Hefe sich auf dem Kork ansammelt. Hierauf erfolgt die Schlußoperation, die durch 7 Arbeiter vorgenommen wird. Der erste (Degorgeur) entkorkt die Flasche kunstgerecht u. läßt mit dem austretenden Mousseux die Hefe wegspülen; er reicht dann die Flasche dem neben ihm sitzenden sogen. Opereur, der dem Weine ein gewisses Quantum Liqueur (Auflösung von feinem Zucker in edlem Weine oder auch Spiritus) zur Verbesserung der Qualität zugießt. Der dritte, der Recouleur, besorgt die regelrechte Nachfülluug des beim Öffnen der Flasche verloren gegangenen Theils durch klaren moussirenden Wein. Sinn wird die Flasche durch den Boucheur mit einem neuen, mit der eingebrannten Marke des betr. Hauses versehenen Korke verschlossen, der durch den Ficeleur mit Bindfaden u. durch den Ficeleur-au-Fil-de-fer mit Eisendraht befestigt wird. Ein siebenter besorgt das Bekleben mit Staniol und Etiguette, worauf der Wein zum Verpacken geht, wenn der Fabrikant es nicht vorzieht, die Flaschen zur nochmaligen Controlirung noch einige Wochen lagern zu lassen. Die Verpackung wird in verschiedener Weise, je nach dem Orte der Bestimmung, vorgenommen: Körbe von 25 Stück , für Frankreich, von 25—50 für Deutschland u. Österreich, für Amerika von 75—100, für China n. Japan von 12, für England Kisten von 3—6 Dutzend, für Paris Kistchen von 6 Stück für Familienkreise. Je nach Bestellung oder im Allgemeinen nach dem Geschmacke der verschiedenen Länder wird auch der Liqueurznsatz bemessen. Auf dem enrop. Continent, wie auch im Orient liebt man ihn süß. Frankreich ist mit einem minder süßen Wein zufrieden. England verlangt den geringsten Liqueurznsatz. An Alkoholgehalt verlangt OLsien den geringsten Satz, u. zwar etwa 9 Grad; cs folgen England mit 12, Frankreich mit 14, Österreich n. Deutschland mit 15, Rußland mit 20 u. Skandinavien mit 25 Grad. In Bezug ans das Mousseux unterscheidet man drei Stufen: den Crb- maut, den Mousseux u. den Grand-Monsseux. Der erstere hält unter 4 Atmosphären Druck, während der zweite 4—44 u. der dritte bis 5 Atm. entwickelt. Der Druck darf nur bis 6 gehen, da bei 7 und 8 Atm. die Flaschen springen. Der CH. ist von ver- hältnißmäßig geringer Haltbarkeit. Dem starken Drucke ist auf die Dauer auch der dichteste Kork nicht gewachsen und es entweichen fortwährend kleine Quantitäten von Kohlensäure. Deshalb ist der CH. im ersten Jahre auch immer besser, als in den späteren; natürlich hängt dies wieder vom individuellen Geschmacke ab, u. wer den Crbmant liebt, wird auch älteren Champagner dem frischen vorziehen. Die Champagnersabrikation ist eine sehr kostspielige. Die Gebäulichkeiten sowol, wie die Keller, verlangen eine gewisse luxuriöse Ausstattung. Die Fußböden müssen tadellos sein; die Rinnen für den durch Bruch vergossenen Wein sind meist von Marmor. Gegen die Reinlichkeit darf durchaus nicht verstoßen werden. Eine Menge von Apparaten sind dazu erforderlich. Flaschen und Korke müssen von untadelhafter Qualität sein, u. man kann nur mit geschickten und intelligenten Leuten arbeiten. Dennoch ist die Fabrikation lohnend, da die französischen Fabrikanten entsprechend hohe Preise behaupten. Der CH. ist entschieden das gesundeste alkoholhaltige Getränk, eine Eigenschaft, die er in erster Linie seinem Kohlensäuregehalte verdankt. Besonders in den heißen Himmelsstrichen hat er sich Europäern fast unentbehrlich gemacht. Auch bei verschiedenen Krankheiten, Brechdurchfällen u. Cholera, wird er hin u. wieder als Medicamcnt mit gutem Erfolge verordnet. Man kann ihn in ziemlich großen Quantitäten trinken, ohne daß er nachtheilig wirkt. Schädlich ist er nur dann, wenn ein reichlicher Genuß anderer geistigen Getränke vorhergegangen ist. Dann ist seine Wirkung nach Umständen geradezu verderblich. Man trank den CH. früher aus sogen. Spitzgläsern. In neuerer Zeit sind gewöhnliche (aber weniger praktische) Weingläser, deren Höhlung bis ans den Fuß hinabrcicht, gebräuchlich geworden. Da die Wärme den Geschmack des Ch-s beeinträchtigt, so thut man beim Genuß wohl, für erforderliche Kühlung zu sorgen. Diese erreicht man am besten durch Eis. Es ist aber nicht rathsam, die Flasche länger als 10 Minuten in dem Kühler zu lassen, da zu niedrige Temperatur dem Geschmacke des Weines ebenfalls schadet. Um die Kohlensäure im Weine festzuhalten, hat man neuerdings besondere Apparate erfunden, welche es ermöglichen, eine angebrochene Flasche mit dem Kohlensänregehalte, den sie in dem Augenblicke besaß, beliebig lange aufzubewahren. Obwol die Geschichte des Ch-s nicht weit zurückreicht, so hat er doch auch seine Sage. Daß ihn die alten Römer gekannt hätten, wie man aus einem Vers des Virgilins hat schließen wollen, ist ebenso unwahrscheinlich, als daß ihn die Franzosen schon im frühen Mittelalter getrunken hätten, u. jene lustige Anekdote, wonach bei einem offi- ciellen Besuche, den der Kaiser Wenzeslaus dem König Karl VI. von Frankreich in Reims im Mai 1397 abgestattet, der CH. die beiden Höfe einen ganzen Monat lang an einander gefesselt u. täglich an den Herschern, wie an dem Gefolge seine Wunder geofsenbart habe, ist zweifellos in das Bereich der Erfindung zu versetzen, oder aber es war der nicht moussirende CH., der diese Wirkung hervorbrachte. Weder im elastischen Alterthum, noch im Mittelalter kannte man unsere heutigen Glasflaschen u. Kvrkstöpsel, u. ohne diese gibt es eben keinen CH. Die erste geschichtliche Nachricht von der Existenz des Ch-s rührt aus dem Anfänge des 18. Jahrh. her. Damals bemächtigte sich seiner der Aberglaube, u. es wurde ihm nach seinen ex- 656 Champagncrbier plostven Eigenschaften u. a. der Beiname Tenfels- wein beigelegt. Keinesfalls hat aber der Spuk des Aberglaubens lange auf diesem sprudelnden Element heiterer Lebenslust gelastet. Mit seinem Genuß kehrte die Poesie auch in die bedenklicheren Köpfe ein, und er wurde der Lieblingstrank der Dichter, aller Genies u. Lebenslustigen, überhaupt der eleganten Welt. Nächst dem Rheinwein ist er denn auch der dichterisch am meisten gefeierte Wein. Schroot. Champagncrbier, ein angenehmes, besonders für den Sommer geeignetes, mehr wein- als bierartiges Getränk. In 20 Quart kochenden Wassers löst man 1H Psund braunen Candis- oder Meliszucker auf, setzt nach dem Erkalten 1 Obertasse guter Bierhefe zu, rührt um u. läßt gähren; die einen Überzug bildende Hefe wird abgeuommen u. die Masse an einen kühlen Ort gesetzt; hat sich die Hefe gesetzt, so gießt man die Flüssigkeit in ein anderes Gefäß, fügt 2 Loth mit Citrouenöl befeuchteten Melis hinzu, rührt um u. zieht auf Flaschen. Champagney, Ort im Arr. Lure des franz. Dep. Haute-Saone, am Rohain, Station der Ostbahn; Baumwollenweberei, Gerberei; Obstplantagen; Steinkohlenwerk; 4620 Ew. Champagnole, Flecken im Arr. Poligny des franz. Dep. Jura, am Ain, Station der Paris- Lyon-Mittelmeer-Bahn; Käsebereitung; Eisenwerke; 3366 Einw. Champagny, 1) Jean Baptiste Nompere de CH., Herzog von Cadore, franz. Staatsmann, geb. 4. Aug. 1756 inRoanne; nahm Seedienste und wurde Schiffscapitän; 1789 von dem Adel von Forez zum Deputirten der Nationalversammlung gewählt, schloß er sich an den 3. Stand an; trat 1791 aus der Nationalversammlung n. lebte als Privatmann; wurde 1793 eingekerkert, aber am 9. Thermidor befreit. Nach dem 18. Brumaire wurde er Staatsrath im Marinedepartement, 1801 Gesandter in Wien, 1804 Minister des Innern, 1807 des Auswärtigen, wo die Unterhandlung mit dem spanischen Hofe, welche die Abdankung Karls IV. u. Ferdinands VII. zur Folge hatte, u. die Feststellung der Heirath Napoleons mit Maria Luise seine wichtigsten Geschäfte waren. 1808 zum Herzog von Cadore ernannt, erhielt er 1811, indem er das Ministerium des Auswärtigen abgab, die Intendantur der Domänen der Krone u. wurde 1813 Senator. Während des Krieges 1812 war er bei der Kaiserin Maria Luise Staatssekretär, folgte derselben 1814 nach Blois u. wurde nach der Rückkehr der Bourbonen oienstlos. Während der 100 Tage wurde er Pair, u. obgleich er diese Würde nach der 2. Restauration wieder verlor, berief ihn doch der König 1819 in die Pairskammer. Er starb 3. Juli 1834. 2 ) Louis Alix Nompöre de CH.. Herzog von Cadore, ältester Sohn des Vor., geb. 12. Jan. 1796; erbte 1834 den herzoglichen Titel und trat 1835 in die Pairskammer; nach der Februarrevolution 1848 blieb er dem öffentlichen Leben fern u. betheiligte sich bloß am Generalrathe der Loire; 1861 ersetzte er zeitweilig den Herzog von Gramont als Botschafter in Nom und zeigte sich dort der Sache des neuen Italien günstiger, als — Champfü'liry. die anderen französischen Gesandten. Er st. W Jan. 1870 in Boulogne u. hatte zum Nachfolger im herzoglichen Titel seinen Sohn Camille, geb. 1825, der in der Marine diente. 3) Franyoiz Joseph Marie Therdse de Nompöre, Gras von CH., franz. Publicist, Bruder des Vor., geb. 10. Sept. 1804 in Wien, wo sein Vater damals Gesandter war. Als Anhänger Beugnots n. Montalemberts schrieb er für den ^wi äs la koliAion und den Oorresponäanb bemerkenswerthe Artikel, von denen mehrere besonders gedruckt wurden. 1869 wurde er Mitglied der Franz. Akademie. Er schr.: Hiob, äss Lssars, 1841—43, 4 Bde., 2. Aufl., 1853 (sein bedeutendstes Werk), nebst Fortsetzung: I-ss Lntonins, 1863, 3 Bde., 2. Aufl., 1866; I/Iaowvas ä. 1'seols äs Lossust; eine Übersetzung der I-sttrss st äissours von Donoso Cortös, 1850. 3) Volch-rt? Champaig», 1) County im nordamerikanischea llnionsstaate Illinois, u. 40" n. Br. u. 88" w. L.; 32,737 Einw.; Countysitz: Urbana. 2 ) County im ! nordamerikanischen llnionsstaate Ohio, u. 40" n. Br. u. 83" w. L.; 24,188 Einw.; Countysitz: Urbana. , Champaign City, Poststation im Champaigu County von Illinois; 4625 Einw. Champaigne (Champagne), Philippe de, > i niederländ. Historienmaler, geb. 26. Mai 1602 in Brüssel, Schüler Michels de Bourdeaux u. JacqueS : Fouquieres; kam 1621 nach Paris, schloß sich au > ! j Ponssin an, hals den Louvre mit Wandbildern ! schmücken, ward 1630 mitgleicherAufgabcimkalais " RoM betraut u. führte noch zahlreiche andere Werke , ans, kehrte jedoch 1654 nach Brüssel zurück, von , wo es ihn aber bald wieder nach Paris zog u. wo- ^ selbst er seine Thätigkeit fortsetzte. 1655 ward CH. § Professor, später Director der Akademie; st. in , Paris 12. Aug. 1674. Er arbeitete mit unge- > ; heurer Leichtigkeit, ohne sie zu mißbrauchen. Seine , Zeichnung ist streng, zum Idealen erhebt er sich § nie, ist mehr Denker als Dichter. Im Louvre, i kalais Rozmk, in Versailles u. Fontainebleau findet ! ^ man zahlreiche Kunstwerke von ihm, ebenso in - , englischen und deutschen Galerien. Hauptwerke: ^ Crucifix an der Decke der Karmeliterkirche in der ^ ^ Rue S. Jacques in Paris; die Genesung der ^ Tochter des Künstlers durch das Gebet der Mutter; der todte Christus auf dem Leichentuche; das Por- ^ trät Richelieus (die letzte Arbeit des Künstlers), alle im Louvre; Porträt des Marschalls de la Tour ^ ;> d'Auvergne (Münchener Pinakothek); Adani u. Eva ! ^ (Belvedere in Wien); Darstellung im Tempel! g (Museum in Brüssel) rc. rc. Regnet. g Champeaubert, Dorf im Arr. Epernay des h franz. Dep. Marne. Hier 10. u. 14. Febr. 1811 g Sieg der Franzosen unter Napoleon über die y Preußen u. Russen unter Blücher (s. Deutscher > ^ Befreiungskrieg. ^ ^ Champcriüs, siehe Champier. ! si Champflcnry, eigentlich Jules Fleury, ge> > d nannt CH., franz. Schriftsteller, geb. 10. Sept. 1821 ! l z zu Laon; wurde Buchhändler in Paris u. schloß ^ z sich einer Gesellschaft junger Leute an, die sich i» ; der Journalistik u. als Künstler einen Weg bahnen h wollten (Pierre Dupont, Murger u. s. w.). Die >, Freuden u. Leiden dieser Prüfungszeit schildert er i in den OowkssoionL äs Lxivius u. den Lvontures Champier — ! cls Llarletts, 1853. Er schr.: Skizzen, Novellen, s pavtsisiss (gesammelt in den Oautss, 1854), Pantomimen für das Theater der Ruusiubuios, von f dem er 1863 Director wurde: Lisrrot vslet äs ^ lamort, 1846; Os ksius äss Oarottes, 1848; Oss 1 trois Wss ä Osssanärs, 1849; Mois Lisrrots, ! 1851. Von min an nahm er einen höheren Rang ! in der französischen Literatur ein als Haupt der > realistischen Schule. Diesem schon im 60isu-0aiI1ou 1847 stark markirten Realismus huldigte er in einigen 20 Bdn. Romanen (gesammelt in den Oeuvres ssmplstes, 1857, u. Oeuvres illusirsss): > Los excsutrigues, 1852; Oss LourMois äo Noiin- etmrt, 1854 (sein Hauptwerk). Außerdem hat man von ihm: Oss soutkraucss äu prokssssur LeitOeil (in der Rsvus äskaris); Lsnsatious äs äosguiu (kevus äss Leux-Llouäes); Oes amis äs 1a uaturs j (realist., Rom), 1859s 8ouveuirs äss Luuaiubulss, 1859; Oa snoosssion Os Oamus, 1860; Vs 1a ! litternt. popul. sn Orancs; LssOereOss sur Is. logonäs än bonbamme Nissre, 1861; Orauäss ügarss ä'iiior st ä'ausourä'Iiui, 1861; Oes xsintrss I äe la realits sons Oouis XIII, 1862; Oss äsmoi- eslles OouranAean, 1864; Oistoirs äs 1a eari- oatnrs autigus et äo In oarioaturo moäorno, 1865, 2 Bde.; lila tanto Osronns, 1866; Lis- toiro äss kaieuoes patrlotignss, 1866; Oa so- iiiöäis Leaäemigus, 1867; Listoirs äs 1'ima§eris poxuiairs, 1869; Oss odats, Oistoirs, inoours, odservations, ansoäotos, 2. A., 1869, u. m. a. Volchert. Champier (lat. Campegius u. Champerius) Symphorien, namhafter Mediciner, geb. 1472 znSt. Symphorien-le-Chateau (Lyonnais); stndirte erst in Paris, ging dann nach Montpellier, um sich der Medicin zu widmen, ließ sich in Lyon nieder, wo er bald einen bedeutenden Ruf bekam, so daß ihn der durchreisende Herzog v. Lothringen, Anton, znm Chevalier ernannte u. mit nach Italien nahm. Später erhielt er auch die Leibarztstellen bei Karl VIII und Ludwig XII. In Pavia wurde er in das Doctorcollegmm ausgenommen. Nach Lyon znriickgekehrt, wurde er zum Schöffen ernannt, gründete auch das noch heute bestehende Medi- ! cinische Collegium, hatte aber doch über den Undank seiner Mitbürger zu klagen, als er bei einem Aufstande 1529 flüchten mußte. Er ging eine Zeit lang ^ »ach Nancy und wurde vom Herzog zu seinem ersten Arzte ernannt. Er starb 1539 zu Lyon und ist ! in der Kirche des Cordeliers begraben. Niceron führt 54 Werke an, die er verfaßte. Als Historiker ist er nicht zu gebrauchen, da ihm Kritik und Ver- ständniß für Chronologie fehlt. Als Arzt dagegen hat er sich bedeutende Verdienste erworben, namentlich durch sein energisches Auftreten gegen die zu unsinnigen Preisen bezogenen fremdländischen Heilmittel, da jedes Land das erzeuge, was seine Bewohner an Medicamenten nothwendig brauchten, sowie durch sein unerschrockenes Vorgehen gegen die unwissenden, die Heilkunde damals ausübenden Apotheker. Er war übrigens der zweite französische Autor, der über Syphilis schrieb, und der erste, der Biographien berühmter Aerzte herausgab. Die hierher gehörigen Werke sind: Rosa Aaiiiea, onuri- ous sauitatem aäksebantiidus uooessaria, Paris ! 1514; Rortus Aallicus, in guo Oallos in Oallia Pierers Universal-Conversations-Lexilon. 6. Aufl. I - Champlain. 657 oinninm asgritnälnuin romsäia rspsrirs äsest etc. Lyon 1533; Oainpus Llz'sius Oalllas amosuitats rvlsctus stc., ebd. 1533; Oalliauin psntspOar- inaonrn, ebend. 1534; Ls insäieinas Claris scriptoribus, 1506 u. 1531. Jrrthümlicher Weise hat man aus Champier und Symphoriauo zwei verschiedene Personen gemacht. Thamdayn. Champignon, s. Blätterschwamm. Champigny, Flecken im Arr. Sceaux des sranz. Dep. Seine, an der Marne, Station der OBahn; Schweinemärkte; Steinbrüche; 2190 Einw. Hier während der Belagerung von Paris blutige Gefechte 30. Nov. u. 2. Dec. 1870. Champin, Jeau Jaques, sranz. Landschaftsmaler und Lithograph, geb. 9. Sept. 1796 zu Sceaux (Seine-Depart.), gest. 10. März 1860 in Paris, war ein Schüler von Storelli u. A. Negnier n. entnahm seine Stoffe vorwiegend den nördlichen Küsten des Mittelmeeres, staffirte manche Bilder mit biblischen Scenen und gab Ansichten von Antibcs u. Avignon, von Paris im 15. Jahrhundert rc. heraus. Auch illustrirte er: Charles Nodiers Raris Oistorigus; Castelnaus Vozm§s eu Xinsrigus u. gemeinsam mit Regnier Os Orauäs Obartrsuss u. Labitatious äss psrsounsAss los plus celöbros äsRranesäsxuis 1790zusgu's uosjours. Regnet. Champion (fr., Kämpe, lat. Osmpio), 1) im Mittelalter ein Kämpfer, der um Lohn die Stelle eines Anderen bei gerichtlichen Zweikämpfen vertrat. Die Ch-s galten als unehrenhaft und mußten zu Fuß und mit verschnittenen Haaren anstreten. 2) Später ein Ritter, der für eine beleidigte Dame in die Schranken trat; auch bei der englischen Krönung der Ritter, welcher für den zu krönenden Souverän gegen Die in die Schranken ritt, welche denselben nicht anerkennen wollten; s. u. Krönung. Championnct, Jean Etienne, sranz. General, geb. 1762 in Balence; trat in das französische Heer, wohnte 1782 der Belagerung von Gibraltar bei u. zeichnete sich 1792—94 bei der Rhein- u. Moselarme, sowie als Divisionsgeneral 1795—96 bei der Sambre- u. Maasarmee aus. Er erhielt 1798 den Oberbefehl über die französische Armee in Italien n. vertrieb im Jahre 1799 den König von Neapel u. proclamirte hier die Republik (s. Französischer Revolutiouskrieg). Im Verdachte, als wolle er sich vom Direktorium unabhängig machen, wurde er nach Paris gerufen u. vor ein Kriegsgericht gestellt, Juni 1799 aber sreigesprochen. Er focht nun wieder in Italien gegen die Österreicher u. Russen, aber von diesen im Nov. bei Fossano u. Sevigliano geschlagen, zog er sich in die Provence zurück u. st. 9. Jan. 1800 in Antikes. Champlain, 1) CH. Lake, großer Binnensee in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, westlich von den Green-Mountains, zwischen den Staaten New-Iork u. Vermont, 177 lcm lang u. 1—24 lcm breit, 1982 sHüm Flächenraum; wele Inseln, davon die größten: Nord- u. Süd-Hero u. La Motte; fischreich, sehr belebt durch Dampf- u. Segelschifffahrt (Schiffe bis zu 100 Tonnen); friert im Winter so fest zu, daß er Wagen u. Schlitten trägt u. die Schifffahrt gewöhnlich erst Ende April beginnt; sein Abfluß, der Richelieu, mündet in den Lorenz-Strom; durch einen Zufluß steht er mit dem St.-George-See, durch den WKanal mit dem V. Band. 42 653 Chmnplmn — Champscix. Ontario« und Erie-See und durch den NKanal mit dem Hudson in Verbindung. Mehrere Seegefechte auf demselben zwischen den Nordamerikanern u. Engländern: 12. Octob. 1776 Sieg der Letzteren, II. Sept. 1814 Sieg der Ersteren. Name vom französischen Marineoffizier Samuel Cbamplain, welcher den See 1608 entdeckte; 2 ) Stadl im County Clinton im nordamerikanischen Unionsstaate New-Iork, am nördlichen Ende des gleichnamigen Sees (Mündung des Chazy Niver); Eisenbahn nach Rouse's Point u. Ogdens- burg; 5500 Eiuw. Champlain, Samuel, Reisender u. Entdecker, geb. zu Brouage in Saintonge; wurde Geograph des Königs u. machte 1600 einige Reisen nach Westindien, verfolgte seit 1603 die von Cartier in Canada gemachten Entdeckungen weiter, fand 1608 den nach ihm benannten Champlain-See auf n. gründete Quebec; 1633 wurde er Statthalter von Canada u. st. 1634. Er sehr. u. a.: Vsz-axss äans la NouvsIIe-Oranos, äits Is Oanaäs., kaits äexuis 1603 jusgu'eu 1629, Par. 1632. 1-* Champlitte, Flecken im Arr. Gray des franz. Dep. Haute-Saone, am Salon: Station der Ost- bahn; besteht aus CH.-le-Chateau u. Ch.-la- Dille; Schneidemühlen; Wein- u. Getreidchandel; 2740 Einw. Chnmpmesle, Marie de, geborene Des- mares, franz. Schauspielerin, Geliebte Racines; geb. 1644 zu Nonen; trat zuerst in ihrer Vaterstadt ziemlich erfolglos auf, debütirte sodann zu Paris am Marais-Theater, um auch dieses nach kurzer Zeit mit dem Hotel de Bvnrgogne zu vertauschen. Racine, angezvgen von ihrer Schönheit, wie geistreichen Konversation knüpfte ein intimes Verhältnis; mit ihr an n. unterichtete sie auf erfolgreiche Weise in ihrer Kunst, bei deren Ausübung ihr neben anderen Anlagen namentlich eine volle schöne Stimme sehr zu Statten kam. Trotz Racines Verdiensten um ihre künstlerischen Leistungen räumte sie später dem Grafen von Clermout- Tonnerre seinen Platz in ihrem Herzen ein. In Auteuil, zurückgezogen von der Bühne, st. sie 15. März 1698. Seit 1667 war sie mit Charles Chcvillet de CH. verhcirathet gewesen, einem tüchtigen komischen Schauspieler, der auch mehrere seiner Zeit mit Beifall aufgenommene Theaterstücke schrieb. Illsätrs äs Oll-, Par. 1742, 2 Bde. Er st. 22. April 1701. Kürschner. Champollion-Mfleac, 1) I acques Joseph, berühmter franz. Älterthumsforscher, geb. 5. Oct. 1778 zu Figeac im franz. Dep. Lot; war Bibliothekar n. dann Professor der griechischen Sprache in Grenoble n. wurde 1828 Conservator der Handschriften an der Königlichen Bibliothek in Paris; 1848 verlor er seine Stelle und erhielt die eines Bibliothekars des Palastes von Fontainebleau, wo er 9. Mai 1867 starb. Er schr.: 8ur 1'insoription xrsogus äu tsmple äs Osnäörali, Gren. 1806; Xntiguites äs 6rsnobls, ebd. 1807; Xnnulss äss Osßiäss, Par. 1819, 2 Bde.; Rsollsrolis sur Is, ville äs Orelloäunum, Gren. 1820; Oliurtss la- tinos sur Oap)-rus äu 6. siselo, Par. 1837; ÜÜMpts uueieuns et inoäsrns, 1840; Malis älemeutairs ä'arelieolo^is, 1843, 2 Bde.; O'seri- turo äsiuotigus ez-z-ptiouns, 1843; Nono--raplus äu pulais äs §ontamshlsau, beendet 1864; I,g palais äs Oontainsblsun, sss oriMues sie., 1867; gab mit Motte heraus: Oos touruois äu roi Lene, 1827; I-sttros äss rois sie. äss 6ours äs Kranes et ä'iinAlstsrrs. 1839—46,2 Bde.; Locn- meuts inöäits (aus der Königlichen Bibliothek), 1841—50, 4 Bde.; sehr, auch den Text zu Sil- vestres ?a,1ec>Arapiüs uuivsrsslls, 1839—41, 4 Bde., engl, von Madden, Lond. 1840; Ooeuiusnts pakso^raxlliguss rolutiks ä 1'bistoirs äss beani- arts st äss bolles-Isttrss psuäant Is woz-su-äge, 1868; 2 ) Arme, Sohn des Vor., geb. 1806 in Grenoble; war seines Vaters Gehilfe bei der Bibliothek u. wurde nachher Chef des Secretariats der Departementalarchive im Ministerium der Innern; er schr.: kalsoArapiiis äss elassiguss lat., Par. 1837—39; Oe earä. äs Lots aprös Is Oronäs, 1843; Oouis st Olrarlos, Ouos ä'Orloans, 1846, 6 Bde.; Laptivits äu roi Oranyois I., 1847, u. gab seit 1837 eine Reihe Nömoires berühmter Franzosen heraus. 3) Jean Francois, CH. der Jüngere, Bruder von CH. 1), der Entdecker der ägyptischen Hieroglyphen, geb. 23. Dec. 1791 in Figeac; studirte feit 1807 orientalische Sprachen, wurde 1816 Professor der Geschichte in Grenoble, aber, da er sich 1815 an Napoleon angeschlossen hatte, nach der Restauration verbannt, durfte jedoch später mit seinem Bruder nach Paris kommen. Hier das früher begonnene Studium der Hieroglyphen fortsetzend, wurde er dem Grasen von Blacas bekannt, durch dessen Vermittelung ihn Ludwig XVIII. „1824—26 nach Italien u. KarlX. 1828—30 nach Ägypten reisen ließ u. Letzterer ihn zum Conservator des Ägyptischen Museums ernannte. Er wurde 1830 Mitglied der Akademie n. 1831 Professor der Ägyptologie am Oollsxö äo Uranos, st. aber schon 4. März 1832. Seine Verdienste nm die Entzifferung der Hieroglyphen u. die Äufstellung des phonetischen Systems derselben s. u. Hieroglyphen. CH. schr.: O'O§xp-b sous Iss Otraraons, Par. 1814, 2 Bde.; 8ur Is oubalobus äss muuusorits ooptes äu muses LorAliiu s, Vellstri, Par. 1811; 8ur Iss oäes Anostiguss uttrtduess ü Lulomon, ebd. 1814; Ornaments soptss pudliss ü OsxsuIiaAuo x:n Nr. LnFlrsIbrst, ebd. 1814; Os I'seritms Irtöratigus äss uneisns ÜAzptieus, Gren. 1821; Osttrs ü N. Oaoisr (Ch-s erste Schrift über die Hieroglyphen), Paris 1822; Oauttison sA^ptisn, 1823—31, 15 Hefte; dollestion äss personuag« mz-tliol. äs l'unoisuns O§ppto, 1823; Orsois än s/stsms kisroAJpIiigus, ebd. 1824, 2 Bde., 2. Ausg., 1828; Osttres rslutivss au Nüsse SA^ptien äs Purln, ebd. 1824—26, 2 Bde.; Oettrss SNI Io sz-stöms IiisroxJpIiigus äs NN. Lpodn st LsMurtlr, ebd. 1826; Osttres sortis ä'Lgz'xte st äs Xubio, 1835; üramiuuirs eMptionno, 1836—41, n. Oictinuuairs sKz-ptisn, 1842; Nomi- msnts äs lO^z-pts et äs 1a Xubio, 1835-45, 4 Bde; dazu Xotioos ässeriptives, 1844, von CH. 1) hcrausgcgeben. He,me-Am AM', Champscix, Madame, Pseudonym Andre Leo, französische Schriftstellerin, geb. nm 1833s heirathete den Journalisten CH., welcher 1848 Oben redacteur des Osuxls in Limoges wurde u. nach dem Staatsstreiche wegen seiner feindlichen Sprache 659 (Maraxs L1^s6ss — Chan Han. gegen die neue Regierung flüchtig werden mußte. Später »ach Frankreich zurückgekehrt, st. er 1861, u. die CH. nährte sich n. ihre zwei Kinder, von deren Vornamen sic ihren Pseudonym hernahm, von der Feder. In weiteren Kreisen machte sie sich bekannt auf der sogenannten Friedens-u. Freiheitsliga der Internationalen zu Lausanne, im September 1871, als Nednerin durch ihre Verherrlichung der Pariser Commune u. deren Thaten in der Märzrevolution. Sie schrieb die Romane u. Sittenschilderungen: IIn marinA« soanäalsnx, 1862, 2. Ausg., 1865; Iws äsnx Mos äs Ll. kliodon, 1864; äavguss Osäsron, 1865; I-stäsal an villspfö, 1867; Dsnbls bisboirs, 1868, rc. Uber die Erziehung u. den Unterricht der Kinder in den Staatsanstalten schr. sie: I-sttrs ä uns mors äs kamills an Ninisbrs äs 1'instrustion publigns, 1865. Obanips Ulysses, s. u. Paris. Chamsin (arab., d. i. fünfzig) .„heißer, aus SO. kommender Wüstenwind in Ägypten, der gewöhnlich während der 50 Tage von Ende April bis zu Anfang der Nilanschwellung im Juni weht u. wegen seiner sengenden Hitze n. Trockenheit, sowie seines Staubgehaltes sehr gefürchtet ist. Specht.» Chamti, s. Khamti. Chamula, jetzige Hanptst. des mexican. Staates Las Chiapas; unbedeutend; 4000 Einw. Chance (fr.), Würfelspiel, Angenanzahl dabei; Gllicksfall. Chancellier (fr.), Chancellor (engl.) so v. w. Kanzler. Chancellorsville, Gehöft in Virginicn (Nordamerika), südwestlich von Fredericksburg. Hier 2. bis 4. Mai 1863 blutige Schlacht zwischen den Südstaatlern unter Lee n. den Bundestruppen unter Hooker; die Letzteren wurden besiegt, die Elfteren verloren aber hier ihren berühmten General Jackson, genannt Stonewall. Chancre (fr.), venerisches Geschwür; s. u. Syphilis; daher chancrös, mit dem Chancre behaftet. Chandales (ind.), unreine Kaste; s. Tschandala. Chandelle, Matthäus »., geb. 1745; war erzbischöflicher geistlicher Rath n. Synodalexaminator in Mainz, wo er an den Emser Punctationen be- theiligl war, dann wurde er vom Fürst-Primas Dalberg znin Staatsrath u. nach Auflösung des Gwßherzvgthums Frankfurt zum Director des Äeneralvicariats zu Aschaffenburg ernannt, 1821 aber als Bischof »ach Speyer berufen; st. 30. Juni 1826. Er verwaltete sein Amt im Sinne des Febronanismus, weshalb er mit Rom nicht auf dem besten Fuße stand, u. war eifrig auf Erhaltung des confessionelle» Friedens bedacht. i-> Chandcrnagor, s. Tschandernagnr. Chandler, Richard, bedeutender engl. Gelehrter n. Alterthumssorscher, geb. 1738 zu Elson in Hampshire; stndirte in Oxford, gab die von Arundell aufgefnndenen Inschriften als Llarmora. oxoinsnsia, Lond. 1763, heraus; erhielt von der Gesellschaft der Oilsbtaubi die Leitung der im Orient anznstellenden Sammlungen u. Nachforschungen, bereiste 1764—66 den Peloponnes, Jonien u. Afrika u. kehrte mit vieler Ausbeute nach England zurück; st. im Febr. 1810 als Rector der Parochie Tilchnrst in Berkshire. Er gab heraus: Pravels in ^.sia kilinor, Oxf. 1775, deutsch von I. H. Voßu. Boie, Lpz. 1776; Mavsls in 6rseoo, ebd. 1776, deutsch von Dens., Lpz. 1777; Antiguitatss ionioas, 1769 n. 1802, 2 Bde.; Inseriptionss anbignas, Oxf. 1774—76, 2 Bde., deutsch von Boie, 1776 f.; Ristor/ c>l liinm, Lond. 1802. Bartling.* Changarnier, Nic. Anne Theodnle, französischer General, geb. 26. April 1793 in Autun; besuchte die Militärschnlc in St. Cyr und wnrde 1815 Lieutenant bei der Garde; in die Linie versetzt, diente er seit 1830 in Algier, wo er bis zum Divisionschef anfstieg; wurde März 1848 an Cavaignacs Stelle Generalgonverneur von Algier, ging aber erst im Mai dahin (s. Algerien). In die Nationalversammlung berufen u.zumObcrcomman- danten der Nationalgarde des Seine-Departements ernannt, kehrte er Juli nach Frankreich zurück u. erhielt Decbr. 1848 zugleich das Conimaudo der Truppen der 1. Militär-Division, wodurch er eine hohe militärische u. politische Wichtigkeit erlangte. Im Jan. n. Juni 1849 unterdrückte er mit Umsicht u. Energie die Ementen; im Mai 1849 wählte ihn das Departement der Somme zum Deputirten in die Legislative, wo er zur Rechten gehörte. Ein Gegner Louis Napoleons, wurde er nach Erhebung desselben zum Präsidenten der Republik durch Liesen im Jan. 1851 seines Postens entsetzt. Nach dem Staatsstreiche (Dec. dess. Js.) gefangen gesetzt u. durch Decrct vom 9. Jan. 1852 verbannt, lebte er in Belgien bis zur allgemeinen Amnestie. Währenddes Deutsch-Französischen Krieges von 1870 bot er der Negierung seinen Degen an, wurde aber von Napoleon lll. bloß als Rath- geber berufen; war während der Belagerung von Metz Adlatus Bazaines; leitete 25. Oclober die Capitulation beim Prinzen Friedrich Karl ein u. ging nach Abschluß derselben als Kriegsgefangener nach Kassel. Nach dem Präliminarfrieden kehrte er nach Frankreich zurück, wurde in die Generalversammlung gewählt, wo er in entschiedener Weise als Orleanist für die royalistische Partei auftrat. Change (fr.), Lausch, Wechsel; Iwttrs äs olian^s, Wechselbrief; daher Chang cur, Geldwechsler; im Buchhandel so v. w. Tausch; daher Ch.-Jnserate, Inserate, welche zwei Verleger gegenseitig in die in ihrem Berlage erscheinenden Zeitschriften ohne Berechnung aufnehmen. Changeant (fr.), 1) wechselnd, veränderlich. 3) Die Farbe aller Zeuge, deren Kette von einer anderen Farbe ist, als der Einschlag, die daher sich nach dem Verbältniß des Lichtes u. Schattens verändern (schillern). 3) Ein Colorit, bei welchem Mitteltöne u. Schatten keine naturgemäße, sonders eine willkürliche u. zwar buntfarbige Abänderung der Grundfarbe sind, z. B. grüner Schatten zu rothem, blauer zu gelbem Lichte rc. Changement (fr.), Veränderung, Umänderung. Changiren (v. Fr.), 1) ändern, wechseln, rauschen; 3) (Reitk.) die Zügel und Schenkel von einer Hand auf die andere wechseln; anS dem Galopp rechts in den Galopp links übergehen und umgekehrt; s. u. Reitkunst. Chan (Han), 1) in der Türkei an großen Handelsplätzen errichtete Gebäude, welche als Bazar 42 * 660 Chania — u. Gasthaus dienen. Sie sind meist im Dreieck, massiv erbaut, mit eisernen Thüren u. Fensterläden versehen u. umschließen einen geräumigen Hof, an Lessen Seiten Bogengänge hinlaufen. Die berühmtesten CH. H. Constantinopels sind der Valide, der Jen, und der Eltschi, in welchem letzteren ehedem die fremden Gesandten wohnten u. deren Gefangene bewacht wurden. 2) So v. w. Khan. Chania (ital. Canea), Hauptstadt des gleichnamigen Sandschak auf der türkischen Insel Kreta (Candia); Sitz eines Pascha u. eines griechischen Bischofs; Citadelle, Arsenal, Docks, kleiner, aber stark besuchter Hafen , Lcnchtthurm; Fertigung von Seife; Handel mit Öl, Wachs, Seife rc.; 10- bis 12,000 Ew.; in der Nähe viele Ruinen. — C. ist das Khdonia der Alten; wurde 1645 von den Türken erobert; s. Türken (Gesch.) u. Venedig (Gcsch.). 1692 belagerten es die Venetianer vergebens; 1866 schlugen sich hier die Türken mit den aufständischen Landnöten. Chaniers, Dorf im Arr. Samtes des franz. Dep. Charente inserienre, Station der Charente- Bahn; Weinbau; 2309 Ew. Chankcndi, Ort im Kreise Schnscha des russ. Gouv. Jelisabethpol (Kaukasien); in der Nähe bedeutende Seidenzucht. Channing, William Ellery, berühmter unitarischer Prediger u. Schriftsteller, gcb. 7. April 1780 in Newport im Staate Rhode Island; studirte seit 1796 im Harward College zu Cambridge Theologie, wandte sich dem Unitarismus zu und wurde 1803 Prediger einer nnitarisch gesinnten Gemeinde in Boston. Als Hauptverfechter feiner Glaubensansicht erhielt er den Beinamen: Apostel der Unitarier. Zugleich war er schriftstellerisch thätig, sowol auf religiösem, wie auf socialem u. politischem Gebiete, u. vertheidigte die Freiheit des Denkens in Fragen der Religion. Unter seinen Schriften verdienen besondere Erwähnung: tln sonn;- on national litsratnro, 1823; Rsmarlm on tbs elmraetsr ok llolin LIA- ton, 1826; Mrs olmraetsr snä tviltlnZs ob Pension, 1829; Ln sssa^ on sslk-enltnro, 1838. Er unterstützte die Bestrebungen zur Abschaffung der Sklaverei, denen er namentlich durch seine 1835 in Boston erschienene Schrift On slavsr^ förderlich wurde, und erwarb durch seine viel gelesenen Werke der humanistischen Lebensanschauung sowol in Amerika, wie in Europa eine große Zahl von Anhängern. 1822 — 23 unternahm er eine Reise nach Europa; 1840 legte er seine Pfarrstelle in Boston nieder. Auf einer Reise im Staate Vermont erkrankt, starb er 2. Oct. 1842 in Ben- nington. Seine Predigten u. Abhandlungen kamen gesammelt, Glasgow 1840, 6 Bde., Boston 1848, 6 Bde., Auswahl, deutsch von Schulze u. Sydow, Berl. 1850, 15 Bdch., heraus. Vgl. Remusat, Ob., 8a vis et eso csnvrsn, Par. 1857. Ein interessantes Memoire über CH. veröffentlichte sein Neffe W. H. CH., Lond. 1848, 3 Bde. Bartling.- Chanson (fr.), sangbares Lied; in der französischen Literatur früher die historischen Lieder, welche sangmäßig vorgetragen wurden, später u. jetzt das leichte lyrische Gedicht, welches zugleich Las Volkslied vertritt. Dichter solcher Lieder heißen Chantrey. Chansonniers (Chansonisten, ursprünglich Chanteurs); s. u. Französiche Literatur. Chant (fr.), Gesang; Obantsur, -snos, Sän- ger, -in. Chantage (fr.), Gelderpreffnng durch Bedroh, ung mit wahren oder erdichteten Schandbarkeiten. Chantal, Jeanne Frangaise, s. Fremiot. Chantelanze, Jean Claude Balthazar Victor de CH., franz. Staatsmann, geb. in Montbriffon; wurde 1814 Procurator des Königs, 1815 Generaladvocat in Lyon, 1826 Generalpro- curator in Donay und dann in Riom und 1829 erster Präsident des königlichen Gerichtshofes in Grenoble. Als Deputirter früher sehr freisinnig, ging er 1830 zu der antiliberalen Partei über, wurde Großsiegelbewahrer u. Justizminister u. gab Veranlassung zu den Ordonnanzen, welche die Revolution von 1830 Hervorriesen; an den Vorgängen vom 25.-28. Juli hatte er keinen Theil, wurde aber auf seiner Flucht über die Loire ergriffen u. erlitt gleiches Schicksal wie die übrigen Minister. Er st. 10. Aug. 1859. i->* Chantelle, Stadt im Arr. Gannat des franz. Dep. Allier; altes Kloster, Trümmer des Schlosses des Connetable v. Bourbon; Wollenkarderei; Viehhandel; 2044 Ew. Chnntenay, Stadt im Arr. Nantes des franz. Dep. Loire inserienre, nahe der Loire, Station der Orleans-Bahn; Schiffswerft; Eisenhämmern. Eisengießereien, Gipssabrik; Steinbrüche; Märkte; 9860 Ew. Chantilly, Stadt im Arr. Senlis des franz. Dep. Oise, an der Nonette, Station der NBahn; Kirche mit Begräbniß Colignys, prächtiger Palast (in der Revolution theilweise zerstört), prachtvolle Marställe rc., schöner Park mit daranstoßendem Walde von 2249 ba, große Wiese, wo im Mai stark besuchte Wettrennen gehalten werden; Fertigung von Porzellan, Fayence, Baumwollenwaa- ren, Spitzen, Batist rc.; 3478 Ew. — CH. gehörte seit der Mitte des 18. Jahrh. den Prinzen Conde u. war deren Landsitz; 1790 wurde es als Staatsgut eingezogen und blieb Krongut bis zur Restauration, wo es die Conde wieder erhielten; nach dem Aussterbcn des Hauses Conde (1830) erbte es der Herzog von Anmale; als 1852 die Orleansschen Güter confiscirt u. versteigert wurden, ließ es der Herzog von Anmale unter fremdem Namen für sich erstehen. i-- Chantonnay, Stadt im Arr. La Roche-snr- Don des franz. Dep. Vendec; 3382 Ew.; in der Nähe kleine Steinkohlenlager. Hier Juli 1793 Sieg der Republikaner über die Vendeer; dagegen schlugen hier 5. Sept. die Vendber den General Le Comte. Chantrenne, Gehöft in der Nähe von Bernt- ville, wo 18. Aug. 1870 heftige Kämpfe stattfanden; s. Gravelotte. Chantrey, Sir Francis, berühmter engl. Bildhauer u. Kupferstecher, geb. in Jordanthorpe (Derby); bildete sich unter Nollekens in London, ward 1818 Mtglied der dortigen Akademie und war bis zu seinem Tode (25. Nov. 1842 in London) in seinem Vaterlande der erste Meister in der monumentalen Plastik. Sein Leben war reich an Triumphen; so erhielt er 1837 die höchste Ans- 661 Chanuka - Zeichnung, die in England ein Künstler erhalten kann, den Baronetstitel. Hauptwerke: die Statue William Pitts (Hannover-Square, London); zahlreiche Statuen berühmter Männer: Francis Hoor- ners, F. Rafsles, Luttons, John Malcolms und namentlich Cannings, dann Washingtons im Staatsgebäude in Boston, Spencer Percivals in der Allerheiligen-Kirche zu Northampton, James Watts in der Kirche zu Aston bei Birmingham, Edm. Hydes u. des Bischofs Heber in Calcutta, Mountstuart Elphinstones und CH. Forbes in Bombay rc.; auch viele Büsten existiren von ihm. Regnet. Chanuka, s. v. w. Tempelweihe. Chanzy, Antoine Eugene Alfred, franz. General, geb. 18. März 1823 zu Nouart im Dep. der Ardennen; trat frühzeitig in die Armee ein n. diente, nachdem er die unteren Grade durchlaufen hatte, seit 1851 als Capitän in Algier. 1856 zum Major befördert, nahm er theil an dem Feldzuge in Italien ju. der Occupatio» von Syrien, stand hierauf als Regiments-Commandeur in Rom, von wo er 1864 nach Algier zurückkehrte, n. führte seit 1868 als Brigadegeneral das Com- mando in Tlemcen. In der ersten Periode des Krieges von 1870 bei Seite geschoben u. inactiv, erhielt er von Gambetta 22. October das Com- rnando einer Division u. 2. November das des 16. Corps, mit welchem er S. Nov. bei Coulmiers, 1. Dec. bei Patay kämpfte. Noch im Laufe dieses Monats wurde er an Stelle von Aurelles de Paladine Obercommandeur der Loire-Armee, in welcher Stellung er, in Anbetracht der übereilten Organisation, mit Energie u. Geschicklichkeit den Krieg bis zu den für das Heer verderblichen Schlachten um Le Mans (10.—15. Jan. 1871) fortführte. Mitglied der Nationalversammlung für das Arden- nen-Departement, sprach er sich entschieden für Fortsetzung des Krieges aus. Er schloß sich dem rechten Centrum an, dessen Präsident er wurde, n. erklärte sich offen für die Constituirnng der Republik; außerdem betheiligte er sich eifrig an allen Arbeiten für die Reorganisation der Armee. Am 1. Sept. 1872 erhielt er das Obercommando des 7. Armeecorps in Tours, welchen Posten er im folgenden Jahre mit dem eines Obercommandeurs der Armee u. Civilgouvernenrs von Algerien vertauschte. Er schr. die Geschichte der Kämpfe der Loire-Armee, Par. 1871. Chaomantie (v. Gr.), Vorhersagung aus meteorischen Vorgängen. Chaonra (a. Geogr.), Land in Epiros, zwischen dem Akrokeraunischen Gebirge u. dem Flusse Thya- mis; bewohnt von den Chaonern, einem der vier Hauptvölker von Epiros. Chaos (gr.), 1) in der griechischen Philosophie der unermeßliche leere Raum, in welchem Alles ist. Bes. 2) in den Kosmogenien der Alten eine der Grundursachen, durch welche, oder die ungeordnete Masse, aus welcher, oder der leere Raum, in welchem durch den Schöpfungsact die sichtbare Welt hervorging; s. die Kosmogenien der verschiedenen alten Philosophen u. Griechische Mythologie. 3) Ordnungslose, verwirrte Masse; daher chaotisch, verworren, durcheinander. Chapala, See in der Republik Mexico, zwischen - Chapclle. den Staaten Michoacan und Guadalajara, unter 20° 20' II. Br. u. 102° bis 103° 25' w. L.,- sehr fischreich; im N. vom Santjago durchströmt, im SO. nimmt er den Lerma auf. Obspeau (fr.), Hut. Chapelain, Jean, franz. Dichter, geb. 4. Dec. 1595 in Paris; studirte Medicin, widmete sich aber nachher der Literatur und kam zu Richelieu, für welchen er arbeitete. In dessen Auftrag organisirte er die Französische Akademie u. wußte seinen Einfluß auf die poetische Literatur in hohem Grade zur Geltung zu bringen. Er st. 22. Febr. 1674. CH. schrieb mehrere Gedichte, besonders das Epos knasUs (1656), das er aber nicht ganz herans- gab (erst Genf 1762 kam es vollständig heraus), weil es bald ein Gegenstand der schärfsten Kritik wurde. Voltaires kuosUs ist eine Parodie auf dasselbe u. diente dazu, die Lächerlichkeit, welcher CH. infolge seines poetischen Dünkels durch die Herausgabe seines hinter allen Anforderungen an Geschmack u. Bildung zurllckbleibenden Products anheimgefallen war, noch zu erhöhen. Camisat gab eine Auswahlseiner Briefe, Par. 1726, heraus. Lkspelet (fr.), der Rosenkranz. Chapelgorris, Rothmützen, die auf Seite der Christinos in Spanien gegen die Carlisten kämpfenden leichten Truppen. Chapel Hill, Postort im County Orange des Nordamerika!!. Unionsstaates NCarolina, am New- Hope-River, in sehr gesunder Lage; Universität deS Staates NCarolina, 1779 gegründet, mit Bibliothek, chemischem Laboratorium u. mineralogischem Cabinet. Chapelier, Isaak Renö Gui le, Advo» cat, geb. 1754 in Rennes; wurde 1789 Mitglied der Nationalversammlung, wo er als Redner glänzte, bewirkte die Bildung der Nationalgarde, brachte zuerst die Errichtung des Goinibs äes rs- oflsraflso in Anregung, verschaffte den Protestanten freie Religionsübung u. war bei der Organisation des Nationalgerichtshofes n. Cassationstribunals thätig; er ging nach Aufhebung der Nationalversammlung nach England, kehrte nach Paris zur Sicherung seines Eigenthums zurück u. wurde hier, da er für die Schließung der Clubs auftrat, wegen angeblicher royalistischer Umtriebe 1794 guillotinirt. Chapel-in-le Frkth, Stadt in der englischen Grafschaft Derbyshire, an der Eisenbahn zwischen Derby ».Manchester; Papierfabriken, Baumwollen- spinnereien, Kalkbrennereien; 3000 Ew. Chapelle, 1) La CH. St. Laurent, Marktflecken im Arr. Partheuay des franz. Dep. Deux- Sevres; Fabriken von Tuch, Taflet, seidenen Hüten, Chemikalien, Parfümerien, Liqueuren; Niederlage von Käse, große Schwcinemärkte; 1300 Ew.; Geburtsort des Dichters Chapelle. 8) La CH.-aux-Bois, DorfimArr.Epinaldesfrz.Dep. Vosges, Station der L>Bahn; 2494 Ew. 3) Ch.- aux-Pots, Dorf im Arr. Beauvais des franz. Dep. Oise, Station der NBahu; bedeutende Töpfereien; 751 Ew. 4) Ch.-St.-Denis, Ort im Arr. St.-Denis des franz. Dep. Seine, an der Pariser Gürtelbahn; 31,993 Ew. 5) Ch.- St.-Mesmin, Dorf im Arr. Orleans des franz. Dep. Loiret, an der Loire, Station der Orleans- 662 Chopelle - Bah»; Weinbau; etwa 1800 Ew. 6) Ch.-sur- Loire, Flecken im Arr.Chinon des srz. Dep. Jndre- et-Loire, Station der Orleans-Bahn; 2583 Ew. Chnpelle, cigentl. Claude Emannel Lhnil- lier, genannt CH., franz. Dichter, geb. 1626 in La-Chapelle-St.-Denis bei Paris, Sohn des reichen Llnitrs ckss rsgnstos u. Parlamentsrathes Francois Lhuillier; lebte von seinen Renten u. st. im Sept. 1686. Er hatte Umgang mit Racine, Molidre, Boileau, Lafontaine u. a. Schriftstellern seiner Zeit, denen seine Rathschläge und witzigen Einfälle oft gut zu Statten kamen, u. seine munteren Lieder fanden großen Anklang. Er schrieb gemeinschaftlich mit Bachaumonl u. a.: VozmAo «n krovoneo, 1662; Osnvros u. kossiss äivor- sss von Lefebvre de St.-Marc, de Chapelle u. de Bachaumont, 1755, 2 Bde.; die beste Ausg. mit Abhandlung: Osnv. äs 6K. et äs Laokanmonb, vvn Tenant de Latour, Par. 1854. Bolchert.» klisporon (fr.), 1) Kappe, Kapuze. 2) (Bank.) Die schräge Bedeckung einer Bewährungsmauer. Chaperons, 1) Partei unter König Johann von Frankreich, deren Mitglieder sich durch rothe n. blaue Mlitzen anszeichneten. 2) Um 1413 unter Karl VI. Aufrührer, welche weiße Mützen trugen. Chapetönes, im nördlichen SAmerika die geboren Spanier. Llinpitrs (fr.), 1) Capitel, Abtheilung. 2) Gegenstand des Gespräches. 3) Stift,,Capitel. Chapman, 1) Georg, engl. Übersetzer und dramatischer Dichter, geb. 1557, gest. 12. Mai 1634; übersetzte u. a. den Homeros (neu herausgegeben von Shepherd, 1874) ins Englische und schrieb 17 Stücke fürs Theater (Ausg., Lond. 1874, 3 Bde.). 2)James, bekannter Afrika-Reisender, gest. 6. Febr. 1872 zu Du Toits Pan in Nen- Griqua-Land; unternahm seit 1845 Reisen in SAfrika, besuchte seit 1852 wiederholt den Ngami- See, entdeckte östlich von diesem die Tschuantha- Salzlache, in welcher sich der Suga verliert, und ging im I. 1855 vom Ngami-See ans nach der Walfisch-Bai an der WKiiste, dann 1860 von hier aus wieder nach dem Ngami-See u. weiter nach den Mosiwatnnja-Fällen des Zambesi, in der Absicht, von hier zu Wasser den Indischen Ocean zu erreichen, kehrte jedoch, da ihm das zu diesem Zweck gebaute Fahrzeug verunglückte, 1863 nach der Walfisch-Bai zurück. Er schrieb: Mavols in tks Intsrior ok Lonbk-^krion eomprivinA stltoon zwars knrckinF anä trastinF, Lond. 1868, 2 Bde. Er galt als der beste Kenner von SAfrika nächst Livingstone. 3)John Gadsby, amerikan. Maler der Gegenwart, geb. zu Alexandria in Virginien; erhielt von einem reichen Gönner dis Mittel, nach Rom zu reisen und dort einige Jahre dem Studium seiner Kunst zu widmen. Nach seiner Rückkehr ließ die Bundesregierung ihn nach Washington kommen, um für die Rotunde im Capitol Ilaptism ok koeakontas zu malen. Er illustrirte Harpers Ikotorial Dikls, Schmidts sstaiva u. das Xiuo-ioan Urarviinx Look; 1848 ging er nach Italien u. lebt gegenwärtig in Rom. Unter seinen Gemälden verdienen Erwähnung: Etruskisches Mädchen; Esclskops; Der leiste Pscil; Erster italienischer Meilenstein. Er veröffentlichte noch: '1'kv ^matvnrs DrasvinA Ll anual, New-Jork - Eyoptal. 1858; ülementar^ OraavinA Look lor solvwlg, das. 1872. 1) D Bartling» 2> Schrool. Chappe, 1) Jean CH. d'Auteroche, s.Aute. röche. 2) Claude, Neffe des Vor., geb. 1763 in Brnlon im franz. Dep. Sarthe; war anfangs Geistlicher, widmete sich aber später der Experimentalphysik. Er stellte zuerst die elektrisirten u. mit brennbarem Gase angefüllten Seifenblasen her u. erfand den optischen Telegraphen. Er machte 1791 im Sarthe-Departement den ersten Versuch mit demselben u. theilte 1792 die Entdeckung dem Conventmit; I793wnrdedererste ernstliche glückende Versuch damit geinacht (s. u. Telegraph), u. CH. wurde nun erster Direktor der Telegraphen. DieBe- hauptung, daß der Telegraph keine neue, sondern eine längst bekannte Erfindung sei, namentlich daß Robert Hook das Princip des optischen Telegraphen schon viel früher entwickelt habe, betrübte ihn so sehr, daß er 23. Jan. 1805 in einem Anfalle von Melancholie sich in einen Brunnen stürzte n. ertrank. 3) Jgnace Urbain Jean, Bruder des Vor., geb. 1760; war bei der Erfindung der Telegraphen thätig, wurde nebst seinem Bruder Pierre nach ihm LLminisbrntonr äsa liZnsa tölö- Araxkignss; st. 26. Januar 1829 in Paris. Er schr.: Hist, äs In bölö^raxkis, Par. 1824, 2 Bde., n. A., 1840. Seine Brüder Rene u. Abraham haben sich in der Telegraphenverwaltung ebenfalls einen ehrenvollen Namen erworben. 3) Zetzsche. Chaptal, Jean Antoine, geb. 4. Juni 1758 in Nogaret (Dep. de la Lozdre); entschied sich früh für Medicin u. Naturwissenschaft, studirte in Montpellier, promovirte 1777, ging nach Paris, um sich besonders in der Chemie ansznbilden, erhielt 1781 die neu geschaffene Lehrstelle für Chemie in Montpellier, legte hier eine der ersten chemischen Fabriken an, welche von jetzt ab die Einfuhr der Schwefelsäure, des künstlichen Alauns, der Soda nach Frankreich größtentheils unnöthig machte, erhielt 1787 den Cordon des heil. Michael u. dev Adel u. bekam Anerbietungen von der spanischen Regierung u. den nordamerikanischen Freistaaten, gleiche Fabriken dort einzurichten. 1793 eilige- zogen, wurde er vom Wohlfahrtsausschuß freige- gcben u. an die Spitze der Salpeterfabrikation in Grenelle gesetzt, wo er durch die Vereinfachung der Salpetergewinnnng der Pnlverbereitung einen mächtigen Aufschwung gab, erhielt dann eine Professur für Chemie an der Polytechnischen Schule, dann den Auftrag, in Montpellier die Medicinische Schule zu reorganisiren, bekam auch hier den Lehrstuhl für Chemie, wurde gleichzeitig einer der Administratoren des Departements Herault und - 1798 Mitglied des Instituts für die chemische Section. Nach dem 18. Brumaire zum Staatsrath ernannt, wurde er mit der Ausarbeitung eines Stndienplans beauftragt, legte bei Paris Fabriken an, wurde Minister des Innern, brachte den Handel n. die Industrie Frankreichs zur glänzenden Entwickelung, gründete Handelskammern, Kunst- n. Gewerbeschulen, führte die neuen Maße n. Gewichte ein, hob den Ackerbau, ließ die 3 großen Alpenstraßen über den Simplem, den Mont- Cenis n. Mont-Geneve Herstellen n. sorgte überhaupt für treffliche Straßen. 1804 trat er von dem Ministerposten zurück, wurde 1805 Großoffizicr 663 Choptalisircii der Ehrenlegion u. Mitglied des Senats, 1815 nach Napoleons Rückkehr noch einmal General- director des Handels u. der Gewerbe, auch Pair, eine Stellung, die er indeß nach der zweiten Restauration verlor. Später trat er wieder verschieden- fach in den Staatsdienst ein u. erwarb sich weitere Verdienste um Handel u. Wandel. Er st. 30. Juli 1832. Seine Werke u. Schöpfungen sind seine beste Grabschrift. Bon ihm rührt auch das Chaptali- siren des Weines her. Von seinen zahlreichen hinterlassenen Schriften seien nur erwähnt: Dissertation: Oonspeotus pstMolo^ioas äs kontidns äitkorsnbiarum sto., 1777, 3 Auflagen; Rabloun analxtigns ckn eonrs äs vbimis ks.it s. Uonipsl- lior, 1783; Dlsmenks äs otiimis, Montpellier 1790, 1796, 1809 (das erste Werk, in dem uns die Grundsätze der modernen Chemie im Zusammenhänge entgegentreten); 1'raitä äss salpsbrss et Acmärons, ebd. 1796; Rraitö tböoriqno st pratiqne äs In onltnrs äs In viKns avee 1'art äs kairs Iss vivs, Iss sanr äs vis, ssprits-äe- viv et vinaixwes, Par. 1802; I,a oliimis appliquse anx arts, ebd. 1806, u. ^ 1's.KriouItnrs, 1823. Lhamhay». Chaptalisiren, das von Chaptal (s. d.) erfundene Verfahren, den Alkoholgehalt des Weines zu erhöhen. Es besteht darin, daß man dem Moste Trauben(Stärke-)zncker zusetzt, der bei der Währung sich in Alkohol u. Kohlensäure zersetzt. Da geringe Weine durch dieses unschädliche Verfahren wesentlich verbessert werden, ist das CH. nicht unter die Weinversälschungen zu rechnen. Vgl. Gallisiren. Chapu, Henri, franz. Bildhauer der Gegenwart, ans Lemee; lernte bei Pradier, Duret und L. Coignet n. bildete sich von 1855—60 in Rom. Hauptwerke: der Saemann (1865); die sterbende Nymphe Clytia (1866); die Elegie an der neuen Großen Oper in Paris; allegorische Gruppe: die mechanischen Künste am Palaste des Handelsgerichtshofes in Paris. Auch im Porträt ist C. stark. Regnet. Chapuy, Nicol. Marie Jos., französischer Architekt u. Lithograph, geb. 1790 in Paris; widmete sich seit 1822 fast ausschließlich der Lithographie, die er meisterhaft cultivirte. Am bekanntesten sind von seinen zahlreichen Blättern jene in seinem Werke: Die Kathedralen Frankreichs in seinem malerischen Mittelalter, Par. 1823—33, 36 Lief., das übrigens auch noch in die Periode oes Barockstils hineinreicht, in seinen Erinnerungen an eine Reise ins südliche Frankreich, in De Prangys Erinnerungen an Granada, in Labordes Reise in Arabien und Puttrichs Denkmalen von Sachsen. Außerdem gab er die Werke Palladios, die Alterthllmer Athens u. die Denkmale PeraS heraus, worin er sich als gründlichen Kenner der Baukunst u., wie in allen seinen Arbeiten, als gewissenhaften u. eleganten Zeichner erwies. Regnet. Obar (fr.), Wagen; Ob. s. bans, leichter Wagen mit Seitensitzen; auf französischen und belgischen Eisenbahnen Waggon 2. Klasse. Llisrs L. (Armleuchter), Pflanzcngaitnng aus der Farn, der Obaruesus, ausgezeichnet dadurch, daß bei den monöcischen Arten dicht neben dem Antherioirmr die Eiknospen entspringen, sowie da- — Olini-neens. durch, daß jedes Glied der Sprosse aus einer Ccntralzelle besteht, welche von spiraligen Ninden- zellcn umgeben ist (s. a. Okarnosas). Zahlreiche Arten finden sich meist gesellig in stehenden, süßen u. salzigen Gewässern, besonders häufig in Ausstichen in Lehmgruben, in Torfstichen rc. 6tr. traZilis Desv. lebhaft grün, äußerst zerbrechlich, mit entfernten, meist geschlossenen Quirlen, 6—lOglied- rigen Strahlen, monöcisch; überall verbreitet. Ob. kootiäs. A. Hr. (Ob. vulgaris L. z Th.), meist grau-grün bis weißlich, mit mehr od. minder entfernten 8strahligen Quirlen u. monöcischen Bllithen; sehr verbreitet. Ob. bispiäs, D., kräftige Pflanzen, von buschigen Stacheln dicht besetzt, mit offenen, lOstrahligen Quirlen und monöcischen Bllithen, meist mit einer Kalkrinde überzogen u. wie Schwefelleber riechend. Früchte von Ob., und zwar größere, als die der jetzt lebenden Arten, hat man im Süßwasserkalk von Paris fossil gefunden. Engl-r. Oksraosse (Armlenchtergewächse), kryptogamische, in der Tracht an die Algen erinnernde, ihrer systematischen Stellung nach jedoch noch zweifelhafte, chlorophyllreiche Wasserpflanzen, welche im Boden wurzeln u. eine Höhe von 0,,—1 m erreichen. Aus ihren Sporen entwickelt sich anfangs ein aus einer einfachen Zellreihe bestehender sogen. Vorkeim, welchem die Blätter u. die Geschlechtsorgane tragende Generation entsproßt; dieselbe besteht aus langen, cylindrischen, 5—6 ein erreichenden Zellen, welche bei der Gattung Obara noch von spiralig gewundenen Rindenzcllen bekleidet sind u. ans kurzen, mit den langen Gliederzellen abwechselnden, mehrzölligen Knoten, ans welchen echte Quirle von ebenfalls quirlig verzweigten Blättern u. die Geschlechtsorgane hervorsprossen. Letztere, die Anthe- ridien und Archegonien, sind entweder monöcisch, od. diöcisch. Die Antheridien, die männlichen Organe, sind kugelig, von 0,A—1 mm Durchmesser, anfangs grün, dann roth und bestehen ans einer Wandung von 8 flachen, schildförmigen, dreieckigen Zellen, ans deren Mitte ein cylindrischer Träger beinahe bis zur Mitte reicht; dieser trägt an einem Köpfchen 6 kleinere Zellen, von denen jede 4 lange, peitschenförmige, dünne, vielzellige Fäden entwickelt, in deren Zellen sich das Protoplasma zn einem Spermatozo'td, den, befruchtenden Organ, umwandest. Ans diese Weise werden in jedem Antheridinm an 20—40,000 Spermatozorden gebildet, welche ähnlich denen der Moose einen dünnen, hinten verdickten, schraubenförmig gewundenen Faden darstellen, der an seinem Ende zwei lange, feine Wimpern trägt; die Eiknospe od. das Archegonium besteht im Wesentlichen aus einer kurzen Snelzelle, einer Knotenzelle und der großen, öl- und stärkereichen Eizelle, um welche sich 5 der Knotenzelle entsprossende Zellen spiralig herumlegen; diese bilden bei der Gattung Obara mit ihren einzelligen, bei blitslla mit ihren zweizeiligen Enden über dem Scheitel der großen Eizelle das Krönchen; unterhalb desselben befinden sich zwischen den Hüllzellen kleine Spalten, Lurch welche die Spermatozo'kden eindringen. Nach erfolgter Befruchtung werden die Hüllen röthlich- gelb, und ihre der Eizelle angrenzenden Wandungen bilden eine harte, schwarze Schale um die 664 OIiarLcter inclelsbilis — Charakter. im nächsten Herbst oder Frühjahr keimende Eizelle. Bon großem Interesse ist es, daß bei einzelnen monöcischen Charen, so bei (L. orinits. auch Par- thenogenefis nachgewiesen ist, indem nämlich die Eizellen ohne vorangegangene Befruchtung fortpflanzungsfähig sind. Die Characeen, aus den Gattungen 6dara, Mslla u. Voh-xolla bestehend, sind über die ganze Erde verbreitet. Engter. Clinrsotor mäoleblüs, s. u. Charakter 2). Charade (franz.), Wort- und Silbenräthsel. Zuerst werden die 2 od. mehreren Worte, aus denen das Räthselhauptwort zusammengesetzt ist, hierauf dieses Ganze selbst durch Umschreibungen angedeutet, die den Leser ebenso wohl zum Verständnisse hinleiten, als irreführen sollen. Ein kleines Kunstwerk ist die CH., wenn die von ihr angedeuteten Objecte in einer gegenseitigen Beziehung stehen. Die griechische, französische u. deutsche Sprache sind an dergleichen Spielereien besonders reich. Eine Charadensammlung gab Th. Hell unter dem Titel: Agrionium, Lpz. 1811—12, heraus. L e- bende Charaden werden in Gesellschaften pantomimisch, auch wol dramatisch aufgeführt, indem einzelne Mitglieder als Personificationen der Theile u. des Ganzen auftreten n. ihre Bedeutung von den Übrigen errathen werden soll. Vgl. den Art.: Räthsel. lüinrnärms, der Regenpfeifer. Charadsch (arab., Staatseinnahme), in der Türkei 1) der Tribut, welchen die Moldau und Walachei bezahlt. 3) Charadschi Rais, früher Kopfgeld,, welches alle nicht mohammedanische Unterthanen des Sultans (Radscha), mit Ausnahme der Bedienten fremder Gesandten, entrichteten. Fremde Unterthanen in islamitischen Ländern waren vavon nur kraft besonderer Übereinkünfte befreit. Der CH. ist durch den Haiti scherif vom 18. Febr. 1856 abgeschafst. Charakter, 1) (Philos.) ein von dem griech. Zeitwort oimräsasin, einschneiden, eingraben, einprägen, hergeleitetes Wort, was demgemäß ursprünglich das Eingegrabene, Eingeschnittene, das Gepräge bedeutet, z. B. das Gepräge ans Münzen, die auf Holz, Stein, Metall eingegrabenen Schriftzeichen u. Figuren. Diese ursprüngliche Bedeutung muß man jederzeit gegenwärtig haben, um den in Sprache u. Schrift vielverzweigten u. mannigfaltigen Gebrauch des Wortes CH. zu verstehen. Seiner Ableitung gemäß bedeutet es dann im weiteren, übertragenen Sinne die einem Einzelgegenständlichen oder einer Gesammtgattung hervorragend zukommenden Ergenthümlichkeiten, Merkmale, Kennzeichen, woran man sie erkennen u. von ähnlichen unterscheiden kann. In solch weiterem Sinne spricht man dann von dem CH. einer Pflanzenspecies, Thiergattung, Menschenrace, von dem CH. eines Volkes, einer Nation, so von dem leichtbeweglichen CH. der Franzosen im Gegensätze zu dem grübelnden, ernsten CH. der Deutschen; von dem vorwiegend künstlerischen CH. der Griechen im Verhältniß zu dem politischen CH. der Römer, dann auch von dem gemüth- vollen CH. des Weibes im Gegensätze zu dem aufs Denken u. Handeln gerichteten des Mannes. In ähnlichem Sinne handelt man von einem CH. in der Kunst u. deren Arten, der Poesie (Tragödie, Drama, Epos, Lyrik), der Plastik, der Malerei, der Baukunst (CH. der drei alten griechischen Sau- len), je nachdem das Gepräge ein mehr ernstes oder heiteres, einfaches oder erhabenes ist. In engerem Sinne spricht man dann von dem CH. eines Schriftstellers (eigenthümliche Schreibweise u. Stil), eines Künstlers (eigenthümliche Aufsass- ungs- u. Darstellungsweise), endlich von dem Jndividualcharakter eines einzelnen Menschen alz dem Hintergründe seines sittlichen Handelns. AuS dem andauernden, trotz aller gegenübertretenden Hindernisse ausharrenden Wollen eines als recht erkannten Princips gehen die großen Ch-e in der Geschichte hervor. Charakterisirung ist daun die Darstellung der einem Einzelindividuum oder einer Gesammtgattung zukommenden u. sie von anderen unterscheidenden Merkmale. In letzterem Sinne schlägt, wie gesagt, die Bedeutung völlig ins Moralische um, u. man versteht dann unter CH. eines Einzelmenschen gewöhnlich die Summe der seine Willensrichtung u. das daraus hervor- gehende Verhalten u. Handeln anderen Menschen gegenüber leitenden sittlichen Grundsätze u. Maximen. Die Frage, ob der CH. dem Menschen etwas von Hause aus Angeborenes, Fertiges n. darum Unverbesserliches, oder ob er etwas der Ausbildung Fähiges sei, ist ein Gegenstand der tiefsten philosophischen Untersuchungen geworden. Im Alterthnm herrschte im Allgemeinen die zweite Anschauungsweise. Sokrates, der erste Be- gründer einer wissenschaftlichen Ethik, ging wesentlich von dem Grundgesetze der Dieselbigkeit oder Identität der wissenschaftlichen Einsicht u. der praktischen Tüchtigkeit aus. Die Tugend besteht also in einem richtigen Wissen um das Guthandeln; sie ist lehrbar u. in Wahrheit nur eine; Niemand ist freiwillig, sondern nur aus Unwissenheit böse. Ist dies der Fall, so ist auch der Mensch einer Unterweisung u. Erziehung im sittlichen Handeln, der CH., als die Summe der sittlichen Grundsätze für das Handeln, einer Entwickelung u. Ausbildung fähig. Diese Grundsätze erhalten sich im Wesentlichen gleich in den ans Sokrates entsprungenen ethischen Richtungen der Cyniker, die in die Selbstbeherrschung das wahre Wesen der Tugend u. des charaktervollen Handelns setzen, u. der Cyrenaiker, die in der Lust den Zweck des Lebens erblicken. Allein die Lust zu genießen, ohne von ihr beherrscht zu werden, ist Sache des Weisen, u. dies wiederum wird allein erreicht durch Einsicht u. wahre Bildung. Auch Platon, obwol er sich von Ansichten seiner Vorgänger entfernt, bleibt in diesen Punkten doch echter Sokratiker. Gemäß seiner psychologischen Anschauungsweise gibt er drei Haupttugenden an: Einsicht oder Weisheit, Tapferkeit und Mäßigkeit, alle umfaßt von der Gerechtigkeit; zu ihnen heranzubilden u. zu erziehen, ist wesentlich Sache einer guten Staatsverfassung, die auf dieser Basis wieder ihre naturgemäße Eintheilnng erhält. Das Ziel aller menschlichen Thätigkeit oder das höchste Gut endlich bei Aristoteles ist die Glückseligkeit. Zu ihr gelangen wir nur durch ein vernunftgemäßes, tugendhaftes Handeln, u. dieses beruht auf Anlage, Übung u. Einsicht. Unterwerfung der Begierde unter die Vernunft ist das Ziel Charakter. 665 eine! sittlichen Ch-s; hierdurch allein wird die Tugend oder dauernde Willensrichtung erzeugt, welche die uns gemäße Mitte zwischen allen Extremen bildet; so z. B. die Mäßigkeit als die Mitte zwischen Genußsucht u. Stumpfsinn. Die Stoiker endlich gehen auf die Cyniker, die Epikureer auf die Cyrenaiker zurück. Anders dagegen in der neueren Philosophie. Hier tritt die Frage nach der Grundlage u. Entwickelung des Ch-s in wesentlichen Zusammenhang mit der Frage nach der Freiheit des Willens n. wird im Zusammenhänge mit dieser gelöst. Des Descartes starke Seite war die Ethik nicht. Nur gelegentlich äußert er sich über sie; er erkennt eine gewisse Wahlfreiheit an u. setzt das charaktervolle Handeln in die Beherrschung der Leidenschaften durch die Vernunft oder Weisheit. Anders sein großer Nachfolger Spinoza. Bei ihm herrscht absolute, blinde Nothwendigkeit. Aus der einen Substanz, gleich Welt, gleich Gott, erfolgt Alles mit derselben unabweisbaren Nothwendigkeit, wie aus einem Kreise die einzelnen Lehrsätze. Eine kleine Welle in dem großen Ocean der Natur, erfolgt das Denken, Wollen u. Handeln des Menschen in derselben nothwendigen Weise, wie sein physisches Dasein. Der Mensch muß handeln, wie er handelt, u. es kann höchstens von einer zeitlichen Entfaltung, aber nicht mehr von Entwickelung des Ch-s die Rede sein. Als ein unabweisbarer Modus geltend, entwickelt er sich, wie er sich entwickeln muß. Der Begriff der Freiheit entsteht aus der Unwissenheit der Menschen über die jedesmalige Ursache, den Beweggrund ihres Handelns. Auch der Stein im Fliegen würde sich für frei halten, falls er Bewußtsein bekäme. Daß, die Richtigkeit des Princips vorausgesetzt, mit Durchbruch dieser Ansicht das ganze moderne Gesellschafts- u. Staatsleben ein anderes werden müßte, versteht sich von selbst. Denn ist der Mensch in jeder seiner Handlungsweise der absoluten Nothwendigkeit unterworfen, ist seine Entwickelung eine in sich voraus fest bestimmte, so ist er auch jeder Strafbarkeit enthoben. Ähnlich in der Entwickelung der Idee hei Hegel. Anklänge hieran finden sich auch in der absolut spontanen Selbstentwickelung der einzelnen Monaden bei Leibniz. Als einen ferneren bedeutenden Vertreter dieser Ansicht finden wir in der Neuzeit neben Anderen auch Arthur Schopenhauer. Seinem metaphysischen Princip zu Liebe faßt er jeden Menschen als einen zeitlichen, intelligiblen Willensact, dessen nothwendige zeitliche Entfaltung dann der im Leben zur Erscheinung kommende empirische CH. ist. Das empirische Handeln folgt dem zeitlichen Sein (opsrari soguitur osse), u. wie ich erscheine, so bin ich, nämlich die absolut nothwendige Erscheinungsform des zeitlosen Willens. Selbst Kant, auf dessen Schultern ja Schopenhauer steht, kommt in gewissem Sinne zu verwandten Resultaten. Auch bei ihin herrscht in der Erscheinungswelt absolute Nothwendigkeit. Allein er rettet die Freiheit u. somit das sittliche charaktervolle Handeln in das intelligible Sein, das Ding an sich. Als praktische Vernunft gibt es den kategorischen Imperativ, dessen Entfaltung das Sittengesetz ist u. unter dessen Unterwerfung ein absolut guter Wille entsteht. Die Summe der hieraus erfolgenden sittlichen Grundsätze od. Maximen bedingt die Ch-entwickelung des Menschen; ein absolut guter Wille oder CH. ist ein dem Sittengesctze vollkommen homogen gewordener. Zu entgegengesetzten Ansichten kommt neuerdings I. H. v. Kirchmann. Nach ihm ist die Nothwendigkeit eine reine Wissensform, d. h. die Art u. Weise, wie ein gewisser Inhalt gewußt wird, also gar keine Bestimmung des real Seienden oder Wirklichen. Gibt es aber im Sein keine Nothwendigkeit, so kann auch im eigentlichen Sinne von einer Freiheit nicht mehr die Rede fein, u. was hier vor sich geht, ist nichts anderes, als die regelmäßige, aber durchaus nicht nothwendige Folge der Handlungen auf das Motiv oder den Beweggrund. Die Ch-entwickelung beruht somit zum Theil auf physischen u. geistigen Anlagen, zum Theil auf Erziehung u. Bildung. Der Materialismus erkennt ein eigenes geistiges Sein nicht an, als dessen Entfaltung oder Entwickelung der CH. des Einzelnen etwa sich ergäbe. Wie das Denken eine Function des materiellen Gehirnes ist, in seinem Hervortretcn auf Vererbung und seiner Entwickelung auf körperlicher Disposition beruht, so auch das moralische Handeln. Entstanden aus dem ganz natürlichen, instinctartigen Bewußtsein: was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thue einem Anderen auch nicht, haben sich im Laufe der Zeit nach Ort u. Umständen wechselnde sittliche Regeln gebildet, deren Befolgung den sittlichen CH. bedingt. So wie es aber durch materielle Vererbung geistig hervorragende u. intelligente Menschen gibt, so auch durch materielle Vererbung moralisch großartige Ch-e. Von Hause aus findet somit keine oder nur eine materielle Ch-anlage statt, die in ihrer Entwickelung aber allein durch den Einfluß von außen hervorgerufen wird. Alles in Allem ist der CH. der zu Fleisch u. Blut gewordene Wille, u. je nachdem dieser schwach oder stark, schwankend oder fest, versteckt oder offen, tückisch oder gerade, so wird sich auch, dieser Grundlage entsprechend, ein gerader oder tückischer, offener oder versteckter, fester oder schwankender, starker oder schwacher Ch. zeigen. Vgl. d. Art, Wille. Zu den oben entwickelten Ansichten endlich neigen auch die streng orthodoxen Kirchenlehrer Augustin, Calvin mit seiner Prädestiuationslehre, selbst Luther, gemäß dem Princip von der Erbsünde, lassen jedoch eine Umwandlung des Ch-s durch göttliche Erleuchtung (Bekehrung) zu. 2) (Tcheol.) In der Katholischen Kirche bezeichnet der Ob. in- äelsbilis ein durch Empfang gewisser Sacramente (Taufe, Firmelung, Priesterweihe) unvertilgbar empfangenes Merkmal, so daß jene Sacramente nicht wiederholt werden. 3) Buchstaben u. a. Zeichen werden Ch-e genannt; so hieß Okmraator rsAlus das den römische Soldaten in die Hand gebrannte Zeichen, gewöhnlich der kaiserliche Namenszug, woran sie bei Desertionen erkannt werden sollten; Ch-e sind Apotheker-, astronomische, chemische, geometrische, Kalender-, mathematische, Planeten- n. Thierkreis-, astrologische u. magische Zeichen; in der Mathematik versteht man unter dem CH. eines Logarithmen die ganze Zahl dessel- 666 Charakterfarben — Charas. ben, gegensätzlich zn dem dabeistehcnden Decimal- bruche (Mansiffe); im Handel sind Ch-e Ziffern, Buchstaben oder sonstige Merkmale, deren man sich auf Preiszetteln bedient, um den genauesten Preis vertraulich anzngeben: meist bildet man ans Wörtern, die 10 von einander verschiedene Buchstaben enthalten, z. B. Misanthrop Waldenburg, die Zahlen von 1 bis 10. 4) Merkmal od. Inbegriff der Merkmale, wodurch ein Gegenstand, z. B. eine Pflanze, od. eine Person von anderen unterschieden ist, sowie Ehrentitel (charakterisirte Geheimräthe, Hofräthe rc.) 5) In der elastischen Grammatik heißt Ch-buchstabe der die Flexions- form eines Wortes andentende, gewöhnlich unmittelbar vor der Endung stehende Buchstabe. 1-2 H. Wolff. Charaktcrfarbcn, in der Mineralogie die nicht metallischen Farben in ihrer höchsten Reinheit, die als Normen bei der Bestimmung derFarben anderer Mineralien angenommen werden; sie sind: schneeweiß (Carrarischer Marmor, Alabaster), aschgrau (Schieferthon), sammetschwarz (Obsidian), berlinerblau (Saphir, Cyanit), smaragdgrün (Malachit, Smaragd), citrongelb (Auripigment), karminroth (Rubin), kastanienbraun (ägyptischer Jaspis). Charaktcrisircn, die Charaktere (Merkmale) eines Gegenstandes andenten, od. den allgemeinen Charakter eines Menschen schildern. Charakteristik, 1) Ausprägung der Eigen- thümlichkeit eines Gegenstandes in Bild n. Wort. Sic besteht entweder in bloßer Nachgestaltung des Gegenstandes (soweit eine solche überhaupt möglich ist), oder in lebendig-geistvoller, nur das Wesentliche festhaltender NeproLnction, oder verschmilzt durch freischaffende Kunst mit dem Ideal (s. d.). 2) CH. der Logarithmen oder Kennziffer, die positive oder negative ganze Zahl, welche (nebst einem positiven echten Decimalbrnche) in jedem gemeinen Logarithmus enthalten ist. Vgl. Logarithmen. 3) CH. eines Kegelschnittes, die positive Zahl, welche den für jeden Cnrvenpunkt gleichwerthigen Quotienten aus seinen Abständen von Brennpunkt u. Directrix des Kegelschnittes angibt. Der KeIelschnitt ist eine Ellipse, Parabel oder Hyperbel, ie nachdem dis CH. <1,-1, er > 1 ist. Vgl. Kegelschnitt. 2 ; 3, BuchruS-r. Charakteristisch, das Hervortreten der im Charakter (s. d) begründeten Bestimmtheit, was wegen seiner eigenthllmlichen Beschaffenheit nicht verkannt u. mit etwas Anderem verwechselt werden kann. Charakterlosigkeit, die gewohnheitsmäßige mechanische Schwankung des Willens, der Mangel an Charakter im Sinne consequenter Verfolgung bestimmter Grundsätze. Charaktermasken, Vermummungen, welche einen bestimmten Stand, eine Persönlichkeit u. dgl. durch das Costüm darstellen, im Gegensätze zu den Phantasiemasken. Charakterrollen, Rollen in einem Theaterstücke, welche das innere Sein der zu schildernden Persönlichkeit zur vollständigen Entwickelung bringen sollen n. die namentlich im Charakterstücke (s. d.) einen starken Einfluß auf die Handlung ansllben. Sollen sie bei der theatralischen Aufführung zur rechten Geltung kommen, so ist es Aufgabe des Darstellers, durch geschickte Zusammenstellung charakteristischer Details der Wirklich, keit möglichst nahe zu kommen; eine Aufgabe, die um so leichter ausznführen ist, als sich schon der Dramatiker bei derartigen Charakcrzcichnungen zu größerer Breite u. Ausführlichkeit veranlaßt fühlt. Kürschner. ' Charakterstücke sind im Allgemeinen solche dramatische Werke, die ihre Hauptaufgabe nicht in die äußerliche Darstellung von Begebenheiten, Handlungen n. Situationen, auch nicht in die Herleuung des Schicksals aus der Natur u. dem Willen der handelnden Personen u. s. f., sondern in die Entwickelung eines oder mehrerer Charaktere, u. zwar mit stetiger Beobachtung einer dieselben beherrschenden Neigung, Leidenschaft, Ge- wohnhcit, setzen. Die CH. entfernen sich also einerseits von den Unterhaltungsstücken ernster u. heiterer Art, anderseits von den dramatische» Dichtungen in strengerem Sinne, die uns bald im komischen, bald im tragischen Gebiete, bald im Gebiete des heiteren Ernstes die gegenseitige Beziehung zwischen menschlichem Handeln und menschlichem Loose darstellen. Das Charakterstück schließt die Elemente der erstcren Klaffe nicht von sich aus u. steht unter demselben sittlich-ästhetische» Gesetze, wie die zweite; aber sein eigentlichstes Ziel - ist die Auseinandersetzung der Charaktere, insofern ! dieselben irgend eine typische Grundrichtung des i menschliches Gemüthes verfolgen. In dem mo> ! dernen, vor Allem in dem englischen u. deutschen - Drama tritt überhaupt die Charakterzeichnung ! mehr in den Vordergrund, als im antiken. Shakespeare ist unter allen dramatischen Charaktei- zeichnern der größte; aber keine von seinen Dichtungen ist ein Charakterstück. Er schildert seine Persönlichkeiten im Hervorgange aus den geheim- nißvollen Tiefen der Natur, der geschichtlichen Vergangenheit, der nicht bloß ans ihre Rechnung, sondern auch ans die'der Familie, des Staates, ' des menschlichen Geschlechtes zn setzenden Eigen- schäften u. Schicksale, im fortwährenden Zusammenhänge mit der Außenwelt, im Strome der Begebenheiten n. Handlungen, in dem Eutwmse u. der Ausführung einer That, in deren Folgen sie das Ergebniß, die Frucht ihres eigenen Lebens u. Wollens, die Kehrseite ihres mehr oder weniger selbstgeschaffenen Charakters empfangen. Ein so reiches Geflechte von inneren u. äußeren Lebens- i bezichnngen geht über den Umfang einer Dicht- gattnng weit hinaus, deren Zweck die Charakter- zeichnüng ist u. die ihm alle übrigen Momente unterwirft. Der Meister in der Charakterkomödie ist Moliöre (s. d.). Charas, Moses, geb. 1608 in Uzös; lehrte als Demonstrator am Botanischen Garten in Parts neun Jahre lang Chemie mit großem Beisalle, gab als Frucht seiner dortigen Studien die in alle europäischen Sprachen, das Lateinische, ja selbst für den Gebrauch des Kaisers in das Chinesische übersetzte kkrarmaoopss roz-als AiUörngns ot drimigns, Par. 1676, heraus, wurde durch Aushebung des Edicts von Nantes 1680, 72 Jahre alt, gezwungen, sein Vaterland zu verlassen, gmg nach England, wo man ihn zum Königl. Chen»- ms ernannte, dann nach Holland u. mit dem M Chavcas — „Ischen Gesandten nach Madrid zur Consnltation bei dem schwer erkrankten Karl II. Seine Er- solge zogen ihm Neid n. Mißgunst der Ärzte zu; sie benutzten zur Aufwiegelung des Volkes seine Untersuchungen über die Giftigkeit der Schlangen „m Toledo herum, denen nach einer alten kirchlichen Tradition ein Bischof das Gift ausgetrie- ! ben habe, u. veranlaßten so seine Gefangennahme durch die Inquisition, die ihn erst nach Abschwör- „,lg seines calvinistischen Glaubens entließ. Er kehrte nach Paris zurück, wurde 1692 Mitglied der Akademie der Wissenschaften u. st. 17. Jan. I 1698. Außer der kkarmaeopss hat er noch eine ° treffliche Abhandlung: sl'raito äs 1a Mrsriaquo, i Par. 1668, geschrieben, sowie die klonvsklss ! sxxörisnoes sur Iss vipsrss, Par. 1669, mit > einem lateinischen Gedichte: kstekiosopkiam. Ein ! Bericht über eine Reise nach Spanien findet sich i im äonrnal äs Vsrärm, März u. ff. 1776, u. i verschiedene Aufsätze über Opium, chinesische Tusche, ^ über Schlangen sind in den Sammlungen der s Akademie niedergelegt. Seine Gesammtwerke er- ^ schienen 1684 lateinisch in Genf. Thamhayn. Chartas, s. Chuquisaca. ^ Lbaroutsris (fr.), ein Geschäft, worin bes. ge- , kochte od. überhaupt zerhackte Fleisch-, bes. Wurst- j waaren, verkauft werden. ! Chard, Marktflecken in der englischen Grafsch. ! Somerset; altgothisches Rathhaus; Spitzensabri- ^ lation; große Kartosfelmärktc; 2400 Ew. z Chardin, Jean, verdienstvoller franz. Rei- s sender, geb. 26. Nov. 1643 in Paris; wurde von ! seinem Vater, einem Jnwelenhändler, 1664 nach s Ostindien geschickt, um Diamanten einzukaufen. ^ Bon da ging er nach Persien, wo er sich 6 Jahre in Jspahan mit geschichtlichen u. geographischen ! ,Forschungen beschäftigte. 1670 kehrte er mit rci i men Sammlungen in seine Hcimath zurück, begab s sich aber, da er sich als Protestant Verfolgungen ' ansgesetzt sah, wieder nach Persien, wo er sich wei- ! tere 10 Jahre lang aufhielt. Bei seiner Rückkehr I wandte er sich nach London u. wurde bevollmäch- ! tigter Minister des Königs von England bei den Generalstaaten u. Agent der Englisch-Ostindischen ^ Compagnie. CH. st. 26. Jan. 1713 in England. Er s ichr.: VozmAss än eksvalisr (!. en 1?erss ob autrss ! lisux äs I'Orisnb eto., Lond. 1686—1715, 2 Bde., i ». A., von Langles, Par. 1806—11, 8 Bde. Schroot.* s Chardons (fr., d. i. Disteln), pfeilförmige t eiserne Spitzen aus Geländern u. Mauern, um - das Übersteigen derselben zu verhüten, ss Charedsch, Insel, s. Kerak. ss Chäremon, tragischer Dichter aus Athen, um 379 v. Chr., der bedeutendste der anagnostischen Achter, d. h. solcher, deren Dramen nicht für theatralische Aufführung, sondern für Recitatio» ». Deklamation in gebildeten Kreisen bestimmt waren. Die Überreste, welche feine, leichte u. edle Sprache zeigen, in Nauks kkaAmsuta, braZIeo- r>:m graevornm. Niese. Charente, 1) (im Alterthum Oaranbonus) Fluß in Frankreich; entspringt im Dep. Hante- Biemie an den Limousin-Bergen bei Cheronnac, stießt nordwestlich ins Dep. Vienne, dann siidwestl. ms Dep. CH., nimmt da die Tardoire mit Ban-^ s - Charente. 667 diat, Argent, Anteine u. Ne auf u. wird bei Mon- tignac schiffbar, fließt darauf wieder nordwestlich ins Dep. CH. inferieure, nimmt da die Bontonne n. Sengne auf u. fällt unterhalb Rochefort u. d. Örtchen Sonbise zwischen Forts, der Insel Oleron gegenüber, in den Atlantischen Ocean; ist 345 km lang, wovon 180 km schiffbar, sehr fischreich n. führt Perlen. 2) Das Depart. der CH. besteht aus dem ehemaligen Angonmois u. ans Theilen von Saintvnge, Poitou u. Marche; grenzt an die Dep. Deux-Sevres, Vienne, Haute-Viennc, Dordogne u. CH. infßrienre; hügeliges (Ausläufer der Berge von Limousin), zum Theil heidiges Land mii Kalkboden, durchflossen von der CH., Tardoire, Bandiat, Vienne; viele Teiche, Weiher, Sümpfe, Grotten und Höhlen (bemerkenswerth namentlich die von Nancogne u. La Rochefoucauld); wird von 222 km Eisenbahnen (Paris - Tours - Bordeaux 102, Angoulbme-Limoges 75 und Saintes-Angoulbme 45 km) durchschnitten; Klima mild, nur an den Sümpfen ungesund, häufige Stürme, reine klare Luft; bringt Blei, Eisen, Spießglanz, Kalk, schöne Waldungen, sehr viele eßbare Kastanien (theilweise das Brod ersetzend, auch als Biehfutter benutzt), weniger Obst, Trüffeln, allerhand vierfüßiges Wild n. wildes Geflügel; Beschäftigung: etwas Getreide-, Hanf-, bes. Leinban, Viehzucht, viel Weinbau (4*/, Mill. KI im Jahre 1874), Cognacbereitung (der Hanptort für diese Fabrikation ist Cognac an der Charente), Fabrik, von Papier, groben Tüchern, Fayence, Leder, Leinwand rc.; Gesammtwerth der Product, der Gewerbeindnstrie etwa 43 Mill. Fcs. jährlich; mit dem Volksnnterrichte ist es schlecht bestellt: 1872 gab es von 100 Personen über 6Jahren 48,4 pCt. Ilnnnterrichtete (in ganz Frankreich 33 , 27 ). 5 Arr.: Angonleme, Ruffec, Cognac, Confolens u. Barbezienx, mit 29 Cantonen u. 426 Gemeinden; 5942,i (Dkm (107,g2 HjM); 1872: 367,520 Ew.; Hauptstadt: Angonlbme. 3) Das Dep. Nieder- Ch. (Eh. inferieure), ans Theilen von Sain- tonge, Aunis und Poitou gebildet; grenzt an die Dep. Vendee, Denx-Sevres, Charente, Dordogne, Gironde u. den Atlantischen Ocean; schwach hügeliges, an den Küsten sandiges n. felsiges, selbst morastiges, aber im Allgemeinen sehr fruchtbares Land; Flüsse: Charente (mit der Sengne u. Bontonne), Gironde, Scvre-Niortaise, Sendre n. v. a. (größtentheils schiffbar); 3 Kanäle; mildes, gesundes, nur an den Morästen ungesundes Klima; wird von 291 km Eisenbahnen (Poitiers-La-Rochelle 45, Aigrefcnilles-Rochefort 15, Charente-Bahn 206 n. Saintes-Angonlbme 25 km) durchschnitten; bringt Getreide (wegen vernachlässigten Ackerbaues nicht hinreichend), viel Wein (bes. rothen, meist zu Branntwein verwendet; Production im Jahre 1874: 7V< Mfll. KI, 11,7°>o von derjenigen ganz Frankreichs u. nächst dem Dep. Heranlt die stärkste aller franz. Dep.), Obst (gute Kastanien, Nüsse, Pflaumen), Safran; Rindvieh-, Pferde- n. Schafzucht, Wild, Fische, Austern (von Marennes); wenig Mineralien, Seesalz (jährl. etwa für 1^ Milk Fcs.), Mineralwasser; Industrie: Fabriken in Papier, Eisen, Webereien rc. (Gssammtiverlh der Prod. der Gewerbeindnstrie etwa 36 Mill. Fcs. jährlich); ansgcbreiteter Handel, namentlich in Wein (jährlich über 20 Mill. Fcs.); 1872 gab 668 Charentes-Bahn — Charge. es von 100 Personen über 6 Jahren 32,2 pCt. Ununterrichtete; es gibt 38 Häfen u. Rheden; zu dem Dep. gehören die Inseln Oleron, Re u. Mx, es zerfällt in die 6 Arrondissements: La Nochelle, Marennes, St. Jean d'Angely, Jonsac, Nochefort u. Samtes mit 40 Cantonen u. 479 Gemeinden; 6825,7 (123,2g sisifM); 1872: 465,653 Ew.; Hauptstadt: La Rochelle. Vgl. Coqnard, vosorip- tücm pll^sigus, AsoloZigus, palsonboloMgue, mi- iwraloAigue du Dop. äs 1a Oll., Bas. u. Mars. 1858—62, 2 Bde. Schroot. Charentes-Bahn (1874) 506 llm lange Eisenbahn in den sranz. Depart. Vendee, Haute- Vienne u. den beiden Charentes; besteht aus den Linien Noche-sur-Don-Rochefort (288 llm), St.- Mariens-Blaye (23 lciu), Saintes-Angonleme (77 llm) u. Angoulbme-Limoges (118 Icm); hatte in den ersten 9 Monaten der Jahre 1873 u. 74 eine Einnahme von 9420, bezw. 8692 Fcs.; in ganz Frankreich dagegen 32,823, bezw. 31,371 Fcs.; Directionssitz: Paris. Schroot. Charenton (CH. - le - Pont), Marktflecken im Arr. Sceanx des sranz. Dep. Seine, an der Mündung der Marne in die Seine, Etat, der Paris- Lyon-Mittelmeer-Bahn, 7 Icm südöstlich von Paris, durch eine Brücke über die Marne mit Alfort verbunden; 7141 Ew.; macht mit' den Dörfern Conflans u. Carricres fast nur einen Ort aus; dabei, im Orte St. Maurice, weitläufiges, 1830 neu gebautes Irren- u. Krankenhaus (Liaison natücmalo pour Io traitoinont des alisnsa) mit großen Kellern. Zu CH. war die Hauptkirche der Reformirten, welche hier auch 1631 eine Synode hielten, wo sie erklärten, daß die Augsburgischen Confessionsverwandten in allen Hauptlehren irrthumsfrei seien, am Abendmahl der Reformirten theilnehmen, reformirte Personen heirathen dürften rc. Die Kirche wurde 1685 zerstört. Wegen seiner Brücke über die Marne ist CH. strategisch wichtig, es wurde daher 1649 vom Prinzen Conde, als er Paris blokirte, erobert u. auch 1814 von den Schülern der Veterinärschule vonAlfort gegen die Österreicher u. Württemberger vertheidigt. Chares, I) athenischer Feldherr, Theochares' Sohn, Zeitgenosse ».Nebenbuhler der berühmten Feldherren Jphikrates, Chabrias u. Timotheos. Obwol er diese Männer als Heerführer an Bedeutung nicht erreichte, war er doch durchaus nicht ohne militärische Fähigkeit u. Tapferkeit, dabei vom Glücke nicht selten begünstigt. Demagog zu Hanse, ehr- u. geldgeizig, prachtliebend, schwelgerisch, herrschsüchtig, hatte er als Feldherr, namentlich als Führer von Söldnern u. besonders im kleinen Kriege, wiederholt Thätigkeit u. Energie entfaltet. Er unterstützte 367 v. Chr. die Phlia- sier gegen die Argiver u. Sikyoner mit großem Geschicke, Raschheit u. gutem Erfolge. Im Jahre 358 nöthigte er den Kersobleptes, den thrakischen Chersonnes wieder an Athen abzutreten. Wie weit in dem sog. Bundesgenossenkriege die oben genannten athenischen Feldherren mit ihren Klagen über ihn iin Rechte waren, ist nicht sicher zu entscheiden. Die politisch unverantwortliche Art, mit der er im Jahre 355 plötzlich aus diesem Kriege heraus in die Dienste des gegen Artaxer- xes III. empörten Satrapen Artabazos trat u. demselben siegen half, erklärt sich aus der leidige Nothwendigkeit, bei der schlimmen athenisch«, Finanzwirthschaft (die auch die Beraubung u. Brandschatzung neutraler u. befreundeterStadtenur zu oft nach sich zog) Geldmittel herbeizuschaffen; doch riefen ihn die Athener im Jahre 354 zurück. Was CH., bei der planlosen Art der athenische« Kriegs- und Wirtschaftspolitik vor der Staats, leitung durch Demosthenes, trotz seiner Schwel- ^ gerei u. Großsprecherei wirklich zu leisten verstand zeigte er namentlich in den thrakisch-hellespontische« Kämpfen 353/52 mit Philipp u. den Makedouern, während in den folgenden Feldzügen ihin keine nennenswerthcn Erfolge blühten. Zuletzt (zzz> befehligte er noch bei Chärouea u. fand hin wahrscheinlich seinen Tod. Vgl. namentlich A> Schäfer, Demosthenes, 2. Bd., S. 49 ff. 2 ) Griech. , Bildhauer, aus Lindos; blühte zu Anfang des z, Jahrh. v. Chr. u. stand an der Spitze der Schale von Rhodos, die ihrerseits als eine Fortbildung der peloponnesischen zu betrachten ist. Er war ei« Schüler des Lysippos u. fertigte für Rhodos ei» ehernes Kolossalbild des Sonnengottes, 70 Elle» oder 105 röm. Fuß hoch, innerhalb 12 Jahren u.mit einem Aufwande von 300 Talenten. Dasselbe galt als eines der Weltwunder, ward aber 5S (oder 66) Jahre nach seiner Vollendung durch ei« ^ Erdbeben umgestürzt. Seinem Lehrer folgend, i setzte CH. den Werth eines Kunstwerkes in dessen Dimensionen, eine Richtung, welche seine ganze Zeit charakterisiert. D H-rtzb-rg. 2> Regnet. Charette,!) Frany.AthanaseCH.de laCon-I trie, Anführer im Bendeekriege, geb. 21. April 1763 zu Couffe in der Bretagne; diente 1?lS bis 1790 bei der Marine u. ging dann zu de« Emigranten nach Koblenz; von da nach Frankreich zurückgekehrt, wurde er Chef der Nationalgarbe u. betheiligte sich dann als einer der Hauptführei am Bendeekriege, erst unter Cathelineau, dam unter d'Elbee. Nach Bonchamps Siege über Kleber trennte er sich aber von der Armee u. führte den Krieg in der unteren Vendee meist auf eigene > Faust, aber ohne Glück. Er wollte sich deshalb mit dem Führer Stafflet verbinden, fand aber die Begeisterung für die Fortführung des Kampfes erloschen u. schloß, als nach dem 9. Thermidor den Vendeern eine Amnestie angeboten wurde, 1795 einen Frieden, der aber von beiden Seite« j nicht gehalten wurde. Bon Hoche völlig eilige-! schlossen u. von seinen Anhängern verlassen, wurde I er im Walde von Chabotiere gefangen u. Ä. März 1796 in Nantes erschossen; s. Vendeekrieg. ' 2 ) Baron de, sranz. Legitimist, geb. 1823; diente in der päpstlichen Armee, focht in der Schlacht bei Castelfidardo, kehrte 1870 nach der Einnahme Noms nach Frankreich zurück, bildete im Deutsch- Franz. Kriege eine freiwillige Legion, mußte sich aber 2. Dec. schwer verwundet über die Loire zurückziehen u. trat seitdem, eine Wahl in die Nationalversammlung ablehnend, nur bei Wallfahrten und bei legitimistischen Kundgebungen hervor. Charfreitag, s. u. Charwoche. , Charge (fr.), Last, Bürde; Amt, Stelle, bei. höhere beim Militär; Angriff, bes. der Reiterei m Carriöre, und Zeichen dazu mit der Trompetet 66S 6Iia.i-A6 äLÜaii-es — Charisius. Ladung bei Feuerwaffen u. beim Hohofenbetriebe; Ausdruck für dreiste Lüge. lüisrgö lt'akfairos, 1) so v.' w. Geschäftsträger; s. u. Gesandter. 2) So v. w. Agent. Charffiren (v. Fr.), beschweren, belasten; Einem etwas anftragen, bes. ein Amt; daher Chargirte, Beamtete oder Mitvorsteher geschlossener Gesellschaften oder Verbindungen, bes. von Studentenverbindungen; angreifen, bes. von der Cavalerie; laden u. feuern; daher die zu denselben gehörigen Griffe: Chargirgriffe, u. Char- girtl Commando, sich zum Feuern in Bereitschaft zu setzen; in der Ästhetik: überladen, übertreiben; daher chargirte Statuetten (Chargen), s. u. Danton; chargirte Rollen, Rollen, die durch Dichtung u. Spiel etwas Überladenes oder Übertriebenes haben, wie gewöhnlich bei niedrig komischen Rollen der Fall ist. Chargirung (v. Fr.), 1) das Beladen-, Belastetsein. 2) (Kriegsw.) Die Ladung und das Feuern. 3) Die Gesammtmasse von Patronen, welche für einen Truppentheil präsumtiv nöthig sind; für Infanterie früher ziemlich allgemein 60 Patronen in der Tasche, 60 im Wagen, welche Zahl jetzt aber beträchtlich erhöht ist; so führt z. B. der deutsche Infanterist SO Patronen, theil- weise im Tornister, bei sich. Charibert, fränkischer König (Merovinger), Sohn Chlotars I., geb. 521; erhielt bei der Theilung Frankens mit seinen Brüdern 561 Neustrien (s. Franken (Gesch.). Nach der Verstoßung seiner Gemahlin Jngoberga heirathete er 2 Schwestern, Mägde der Ersteren, nach einander, Marco- vesa n. Merofleda u. nach deren baldigem Tode zuletzt Theodegild, die Tochter eines Hirten, welche Ch-s Nachfolger in ein Kloster nach Arles schickte. Er starb 567. Charidemos, ans Oreos auf Euböa, ein Mann dunkler Herkunft, der als Abenteurer, berüchtigter Söldnerhauptmann, als sehr geschickter Feldherr zur Zeit der makedonischen Könige Philipp n. Alexander sich einen Namen gemacht hat. Zuerst Pirat u. Glückssoldat, diente er als athenischer Söldner 3 Jahre (368—365) unter Jphikrates im Kriege gegen Amphipolis. Als dann die Athener den Jphikrates abdankten, löste dieser unwillig sein Heer auf; auch CH. nahm eine feindselige Haltung gegen die athenische Regierung an, ließ sich aber schon im Jahre 364 wieder von Tiinothevs für Athen anwerben u. leistete gegen Olynthos n. die Chalkidier so bedeutende Dienste, daß ihn die Athener mit ihrem Bürgerrechte beschenkten. Seitdem operirte er bald als athenischer Feldherr, bald ans eigene Faust, in die Wirren Border-Asiens verwickelt, namentlich in Äolis, zog sich dann im Jahre 359 vor den Persern zu König Kotys von Thrakien zurück, hals auch nach dessen Tode seinem Sohne Kersobleptes, heirathete im Jahre 358 dessen Schwester u. vermittelte für seinen Schwager mit Chares einen Vertrag, durch welchen der thrakische Chersonnes (358/7) als athen. Besitzchum anerkannt wurde. Nachher war CH. seit 351 wieder mehrfach als athenischer Heerführer thatig: theils im Hellespont, theils bei dem vergeblichen Versuche, Olynth vor König Philipp zu retten. Heftiger Gegner der Makedoner, half er noch nach der Schlacht bei Chäronea (338) Athens Vertheidigung unterstützen; 335 nach Thebens Zerstörung forderte Alexander d. Gr. in Athen seine Auslieferung. CH. mußte Athen damals verlassen u. zu Darms III. nach Persien flüchten; hier gab er dem Perserkönig ausgezeichnet kluge Rathschläge zur Abwehr der makedonischen Invasion. Da er jedoch bei einem Kriegsrathe (zu Susa oder zn Babylon) die Qualität der persischen Armee zu freimüthiz angriff (im Jahre 333), so ließ ihn Darms III. in zorniger Übereilung sofort hinrichten. Hertzberg. Charikles, 1) Apollodoros' Sohn, namhaftes Mitglied der oligarchischen Partei in Athen; bereits zur Zeit des Hermokopiden-Proceffcs agitirend, erscheint er im I. 413 als Befehlshaber einer athenischen Flotte u. nach der Eroberung Athens durch Lysander (404) als einer der einflußreichsten unter den 30 Tyrannen in Athen. 2 ) Schwiegersohn des Phokion, nachher Agent für Alexanders Großschatzmeister Harpalos u. schließlich auch in die schmutzigeBestechungsgeschichtedieses makedonischen, flüchtigen Finanzministers (324 v. Chr.) verwickelt. Er wurde bei den späteren athenischen inneren Unruhen im I. 318 sammt Phokion zum Tode vernrtheilt, hatte sich aber bereits durch die Flucht retten können. Hertzberg. Vksrils, eines von den Festen, die zu Delphi alle neun Jahre gefeiert wurden. Die angebliche vorhistorische Veranlassung u. die Ritualien dieses zum Gedächtniß einer Hnngersnoth eingesetzten Festes erzählt Plntarchos (Huaest. xr. 12). Hcrtzberg. Chariläos, Sohn des Königs Polydektes von Sparta aus der Dynastie der Proklidcn. Da CH. bei dem Tode seines Vaters noch ungeboren war, so wurde dessen Bruder Lykurgos zum Nachfolger ernannt. Als aber dieser die Schwangerschaft seiner Schwägerin erfuhr, so nahm er, obgleich ihm diese die Ermordung des Kindes u. ihre Hand anbot, nur die Vormundschaft des CH. an. CH. selbst regierte nachher 60 Jahre (883—823 v. Chr.). Er eroberte das arkadische Ägys u. führte mit Glück gegen Argos, mit schlechtem Erfolge dagegen mit den Tegeaten Krieg. Unter seiner Negierung führte Lykurgos die nach ihm benannte Staatsverfassung in Sparta ein. Charis (gr.), 1) Anmuth. 2) Gemahlin des Hephästos u. als solche mit Aphrodite identisch; vgl. Chariten. Charist, Jehuda Ben Salomon, hebräischer Dichter des 13. Jahrh., geb. zu Teres in Spanien; st. vor 1235; er schr.: 'staeirksmoni. (hebräische Makamen), Constant. 1578, Amst. 172S, von Kämpf, mit deutscher Übersetzung, Berl. 1845, von Stern, Berl. 1854, französisch zum Theil von Silvestre de Sacy; deutsch von Dukes und Krafft, und übersetzte Hariris Makamen. Charisius, Flavins Sosipater, Grammatiker aus Campanien, Christ; er schr. wahrscheinlich im 4. Jahrh. eine Lrs Arammatios. in fünf Büchern, eine ungeschickte Zusammenstellung von Excerpten aus älteren Grammatikern; herausgegeben: Neapel 1532, Fol.; von G. Fabricins, Basel 1551; auch in den Sammlungen der alten 670 Clinristsrion — Charkow-Nikvlajcw. lateinischen Grammatiker, von Putsche, Lindemaim u. Keil (letztere in Bd. 1, Lpz. 1857). cksristsnoa lgr.), Geschenk an Götter oder Opfer für Heilung von Krankheiten oder Rettung aus Gefahren; daher in der Mehrzahl (Rnristvria, Danksest in Athen zum Andenken an die Befreiung von den 30 Tyrannen durch Thrasybnlos, am 12. Tage des Boedromion gefeiert. llbsritas (Oaritas, lat.), Mitleid, Mildthätig- keit, des. Krankenpflege. Charite (fr.), 1) Mitleid. 2) Früher milde Stiftungen. Jetzt 3) eine Krankenheilanstalt für Unbemittelte, deren Stiftung auf christlicher Liebe beruht, z. B. in Berlin. 4) Krankenanstalten überhaupt. Charite (La CH.), Stadt im Arr. Cosne des franz. Dep. Niövre, an der Loire, Station der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn; Irrenanstalt; zwei Brücken, schöne Spaziergänge; Hohöfen, Feilenfabrikation; Holz- n. Eisenhandel, Märkte; 4891 Ew.; in der Umgegend Weinbau. Charite, 1) Oräro äs In Ob. skrsbisuns, gestiftet 1689 vom König Heinrich IV. von Frankreich, zum Besten für invalide Offiziere, mit einein Ordenshause zu deren Wohnung. Ordenszeichen: ein weißes, gesticktes Ankerkreuz mit einem blauen, verschobenen Biereck in der Mitte, worauf die Worte: ponr avoir bien sorvi in Gold standen: zwischen den Kreuzarmcn 4 goldene Lilien. 2) §rvrv8 äs In 6ti. äs kkotrs Dame äs Lonebsran- inonb, Hospitalitermönche, gestiftet 1289 vom Grafen Guido von Joinville nach der 3. Regel des St. Franciscus, I300eximirt, 1346 der Regel St. Augustins unterworfen; über mehrere Städte verbreitet, 1631 wegen Unordnungen aufgehoben. Chariten (Charitinnen, gr. OiiarrbssJ. Oratias, Grazien), GötünnenderAnmnth (Charis), ursprünglich 2, später 3, u. hauptsächlich für die Anmnth in der Natur, Frühling, Sommer u. Herbst. Ihr ältester Dienst war bei den Minyern in Orcho- uicnos, von da kamen sie an den Helikon u. dann nach Lakonika u. Athen. Dort hießen sie früher Klcta (die Klingende) u. Pha'önna (Glänzende), hier Anxo (Mehrerin) u. Hegemone (Führerin). Homeros nennt außer der allgemeinen Charis, der Gemahlin des Hephästos, unter vielen besonderen nur eine, Pasitheia; HcsiodoS nennt zuerst drei: Euphrosyne (Frohsinn), Aglaia (Glanz), Thalia (Grünende), als Töchter des Zeus u. der Enry- nomc, welche noch jetzt als die Namen der CH. gelten. Hermesianax fügt noch eine 4., Peitho (Suada), hinzu. Ihre ersten Bilder waren Steine, die man vom Himmel gefallen glaubte. Auf sie wurde später auch die Anmnth der Liebe übertragen, daher sie Dienerinnen der Hera (als Ehegöttin) n. Begleiterinnen der Aphrodite wurden, welche Letztere durch sie erst wahren Liebreiz empfängt. Mit Überhanduehmen dieser Auffassung verschwand in ihrer Darstellung auch nach u. nach alle Bekleidung. Ihnen wurde das Fest Olmrisin (6kmri- issia) mit musischen Wettspielen gefeiert. Chariton, 1) County im nordamerik. Unions- staatc Missouri, am glcichnam. Flusse, u. 39° n. B. u. 93° w. L.; 19,136 Ew.; Conntysitz: Key- tesville. 2) Nebenfluß des Missouri; entspringt im Staate Iowa n. mündet bei Glasgow nach k einem Laufe von 370 km, wovon 82 schiffbar. ^ « Chartton, 1) CH. u. Menalippos, Akra- H gantiner. Als CH. dem Tyrannen Phalaris nach t dem Leben strebte u. dies entdeckt wurde, zeigte i- sich Menalippos selbst als dessen Verführer an; - der Tyrann, durch diesen Wettstreit der Groß. ( mnth bewegt, begnügte sich, Beide zu verbannen. ) 2) CH. aus Aphrodisias, bczeichnete sich als Schreiber des syraknsanischen Redners Athenago- ! ! ras, lebte aber im 5. Jahrh. n. Chr. u. schr. ) den ziemlich einfach gehaltenen erotischen Roman: i)! Chäreas u. Kallirrho'ö, herausgegeben zuerst von ! d'Orville, Amsterd. 1750, u. zuletzt in Herchers ! Leriptorss erabioi Arasei, Bd. 2, Lpz. 1859. Charivari (im Mittelalter Charivarit, latinism Gtz-rlvarioum), 1) Serenade, ausgefllhrt mit ! kupfernem n. eisernem Hausgeräthe u. anderen stark klingenden Körpern, von Hörnern, unter Geschrei u. Gebrüll; s. Katzenmusik. 2) Titel von > Zeitschriften, in welchen öffentliche Personen mit ! Satire verfolgt werden, bes. der franz. CH. seit 1832. 3) Musikstück von ungeregeltem, jverwirr- tem, tobendem Charakter. Charizim, so v. w. Khiwa. Charkow, 1) russisches Gonv. (zu Klein-Rnß- s land gehörend) im N. an das Gouvern. Kursk, ) im NO. an das Gonv. Woronesch, im O. an das ! ( Land der donischen Kosaken, im W. an das Gonv. Poltawa u. im S. an das Gonv. Jekaterinoslaw ^ grenzend; 54,493,, H) km (989,, ssUM); 1870 1,698,015 Ew.; das Land bildet eine Hochebene von 100—150 m Seehöhe, wird von dem Done> bewässert, welcher den Mosch, Scherebez, Aidar, Oskol u. den Lopan aufnimmt; die Flüsse haben tief eingeschnittene Thäler, deren rechtzeitiger Rand überall steiler ist, als der linke; 414 Werst Eisenbahnlinien: Kursk-CH.-Taganrog 309 W. und Elisabethgrad-Charkow 65 W.; Klima mild n. gesund, doch strenge Winter; Boden sehr fruchtbar; Ackerbau, Garten- n. Weinbau; Vieh-, bei. Pferde-, Rindvieh- u. Bienenzucht; die Industrie umfaßt bes. Rübenzucker-, Wollen-, Baumwollen- u. Lederfabrikation, Branntweinbrennerei rc. Der Handel ist nicht unbedeutend u. erstreckt sich bes. ans Schafwolle, Vieh, landwirthschaftliche u. industrielle . Producte; das Gouvernement enthält 11 Kreise. 8) > Gouvernementssitz, ander Charkow!» u. dem Lopan, l Knotenpunkt der oben genannten Eisenbahne:!; Sitz eines Civilgonverneurs u. des Erzbischofs von !» Charkow u. Achtyrka; 18 Kirchen, worunter eine lutherische; Domäneuhof, Medicinalverwaltung; Universität mit 4 Fakultäten, von etwa Süü Stndirenden besucht; Klinik, anatom. Museum,^ Sternwarte, Naturaliencabinet, Botan. Garten, s theol. Seminar; Theater; 1 Wollenhandclcom-) pagnie; Rübenzucker-, Eisen-, Seifen-rc.-Fabriken, s Webereien u. Branntweinbrennereien; 4 bedeutende ; Messen; 1867: 59,968 Ew. Schroot." s s Charkow-Nikolajcw, (1874) 642 km lange ! Eisenbahn in den rnss. Gonv. Charkow, Poltawa n. Cherson; besteht ans den Linien Elisabethgrad- ^ Charkow (408 km) und Snamenka-Nikolajew - (234 km); hatte 1873 ein Betriebsmaterial von i s 58 Locomotiven, 120 Personen- u. 1142 Güter- s ! wagen u. 1874 eine Einnahme von 428 Rubel s Charlatan — aus 1 Werst; in ganz Rußland 655 auf 1 Werst; Directionssitz: St. Petersburg. Schroot. Charlatan (fr., vom ital. clarlars, schwatzen), eme Person, die es versteht, sich den Schein von Gelehrsamkeit u. Weisheit zu geben, n. durch niedere Mittel die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht; bes. wird darunter ein Quacksalber verstanden, welcher sich durch Marktschreierci ankiindigt. Ein literarischer CH. ist ein Schriftsteller, der ohne gründliche Studien die Arbeiten Anderer zu Plagiaten benutzt n. die Meinung des Publicums über seine Fähigkeiten u. Leistungen zu täuschen weiß. Daher Charlatanerie, Char- latanismus, das Benehmen, der Charakter eines Ch-s. Vgl. Menckens Satire: Vs cftarla- t-msris, srnällarum, Lpz. 1715; Büschel, Die Charlatanerie seit Mencken, Lpz. 1750; Fröreisen, Der gelehrte CH. in Wundern u. Weissagungen, Franks. 1746, 2 Bde. Charlcmagne (fr.), Karl der Große. Charlemont, Fort der Festung Givet (s. d.), im franz. Dep. der Ardennen, 215 in hoch über der Maas, durch Kaiser Karl V. aus einem spitzen Felsen erbaut, später durch Vauban befestigt; enthält nur wenige Häuser; 50 Ew.; bietet eine schöne Aussicht auf Las Maasthal; am Fuße Kasernen für 5—6000 Mann. Charleroi, Hauptstadt des gleichnam. Arr. in der belgischen Prov. Hennegau, an der Sambre, Eisenbahnknotenpunkt des Grand-Central; Festung, in Form eines regelmäßigen Sechseckes, Brückenkopf auf dem rechten Sambre-Ufer; College, Gewerbeschule; Ackerbangesellschaft; Eisenwaaren-,Nägel-, Gewehr- und Wollenzeugfabriken, Seifensiedereien; lebhafter Producten- u. Viehhandel; im Bezirke der Handelskammer von CH. waren 1873 56 Kohlengruben im Betriebe, welche mit 43,409 Arbeitern 6,614,500 Tonnen Kohlen förderten (29 pCt. der Gesammtanzahl in Belgien); an metallurgischen Werken 14 Hochöfen, 2815 Arbeiter; 40 Gießereien, 1075 Arbeiter, u. 22 Walzwerke, 8005 Arbeiter; Gesammtwerth der Fabrikate 68,808,015 Fcs.; außerdem Nagelfabriken, Glashütten, 17 Rübenzuckerfabriken (9,710,740kx; Production) rc.; 1866 12,150 Ew. — CH. wurde 1666 aus der Stelle des Dorfes Le Charnoy von den Spaniern angelegt n. nach König Karl II. genannt; aber 1667 verließen n. zerstörten die Spanier vor dem Anrückcn der Franzosen die Werke, welche dieselben durch Vauban vollenden ließen u. den Platz im Aachener Frieden abgetreten erhielten, aber 1678 an Spanien Zurückgaben; 1693 wieder von den Franzosen, 1697 von den Spaniern znrückerobcrt, nahm es 1746 der Prinz von Conti durch Capitulation; 1748 wurde es an Österreich gegeben. 1794 war CH. bei Behauptung der Sambre-Linie gegen die Franzosen den Österreichern von hoher Wichtigkeit, es capi- tulirte erst nach dreimaliger Belagerung am 25. Juni. Die Werke wurden demolirt, nach 1816 aber von den Niederländer» wiederhergestellt. 1830 ward CH belgisch. Hier am 15. Juni 1815 Gefechte zwischen Len Franzosen u. den Preußischen Vorposten, die znrückgedrängt wurden; s. Russisch-Deutscher Krieg. Schroot." Charles, County im nordamcrik. Unionsstaate Charlestvwn. 671 Maryland, u. 38° n. B. n. 76" w. L.; 15,738 Ew.; Countysitz: Port Tabacco. Charles (ft.), 1) so v. w. Karl. 2) Jacq. Alex. Cesar, Physiker, geb. 12. Nov. 1746 in Beaugency, gest. 7. April 1823 zu Paris; machte sich um die Luftschifffahrt verdient, indem er Len Ballon vervollkommnete n. mit Wasserstoffgas anfüllte; daher ein so gefüllter Luftballon eine Charliere heißt, im Gegensätze zu Mont- golfiere (s. d.). Mit Robert machte er 1. Dec. 1783 zu Paris die erste Luftreise. Auch erfand er ein ü^äromötrs tftsrinomstrlqns u. verbesserte den Gravesandschen Heliostatcn. Zahlreiche physikalische u. mathematische Abhandlungen von CH. stehen in denLlem. äs Varls 1783—88 u. anderen Zeitschriften. r. Charlesd'or (Num.), so v. w. Karlin. Charleston, 1) größte Stadtu. wichtigster Hafenplatz im gleichnam. County des nordamerik. Staates SCarolina, am Atlantischen Ocean, auf einer von den Flüssen Ashley u. Cooper gebildeten Landzunge; Hafen von 5 m Tiefe, gesichert durch eine Barre u. vertheidigt durch die Forts Pinck- ney, Johnson, Moultric, Sumter u. m. a. CH. ist höchst elegant u. regelmäßig gebaut, schöne mit Alleen bepflanzte, bis zu 22 m breite Straßen, viele große öffentliche Plätze, großartige Zollhäuser, Markthallen, Zeughaus, Seearsenal; kath. Erzbischof; 50 Kirchen; Medicinisches College; vi- torarp anä vstilosopftieal Loeistz- mit Naturaliencabinet, .4pprsntlcss' Association mit Bibliothek, Stadtbibliothek, vi§ft 8cftool, zahlreiche andere Schulen; großes Kranken- u. Waisenhaus; Banken; Zeitungen u. Journale; zahlreiche Fabriken; sehr bedeutender Handel, namentlich in Reis, Baumwolle u. Tabak; regelmäßige Dampfschiffverbindung mit New-Dork, Philadelphia u. Baltimore; Eisenbahnverbindung mit fast allen größeren Städten der Staaten S- und NCarolina, Georgia, bis zu den Stromgebieten des Mississippi u. Ohio; 1870: 48,956 Ew. — CH. wurde 1672 angelegt u. bald darauf namentlich von franz. Hugenotten bevölkert; 28. Juni 1776 hier Seeschlacht gegen eine englische Escadre von neun Kriegsschiffen, die zurückgeschlagen wurde; später vom engl. General Clinton eingenommen u. bis zum Mai 1782 besetzt. Große Feuersbrünste in den Jahren 1778, 1796 (fast der dritte Theil der Stadt niedergebrannt) u. 1838 (über 5 Mill. Dollars Schaden). Mit der Beschießung u. Besetzung des Forts Sumter durch die Conföderirten 12.—14. April 1861 begann der Amerikan. Bürgerkrieg. Am 7. April 1863 wurde Fort Sumter von den NStaaten mit großem Aufwande an Mitteln (Monitors rc.) vergeblich angegriffen. Vom 6. Juli 1863 an wurde CH. — anfangs bis zum Sept. mit großer Energie — regelmäßig belagert, erst 18. Febr. 1865 besetzten die Unionisten die von den conföderirten Truppen, welche eine andere Bestimmung erhalten hatten, verlassene Stadt. 2) Hauptstadt des nordamerikan. Unionsstaates WVirginia, u. 38° 21' n. B. n. 81° w. L., im Canawha-County; in der Nähe bedeutende Salzquellen; 3162 Ew. Charlestown, Stadt in der Grafschaft Middlcsex des Staates Massachusetts (Vereinigte 672 Charlet — Staaten von Nordamerika), auf einer Halbinsel unmittelbar nördl. von Boston gelegen u. mit diesem durch Brücken verbunden, von einer malerischen Hügelkette umgeben; schöne, elegante Häuser, breite Straßen; Staatsgefängniß; mehrere Banken; große Docks, Marinebauhof; Kanonen- u. andere Gießereien, Möbel-, Eisen- u. Stahlfabriken; 26,400 Ew.; hierher gehört auch das benachbarte Marinehospital von Chelsea u. der Bunkershill mit Denkmal znm Andenken an die Schlacht vom 17. Juni 1775, bestehend in einem 70 m hohen Obelisk, zu dessen Spitze im Innern eine Treppe führt, wozu General Lafayette 17. Juni 1825 (50. Jahrestag) den Grundstein legte. In der Schlacht von Bnnkershill wurde CH. von den Engländern in Brand geschossen u. brannte fast gänzlich nieder. Charlet, Nicolas Toussaint, franz.Maler, Zeichner u. Lithograph, geb. 20. Oct. 1792 zu Paris, gest. das. 29. Dec. 1845; war anfangs Schreiber auf einer Mairie, verlor diesen Posten als Bonapartist, bildete sich unter Gros als Maler aus u. wurde bald durch seine ebenso zahlreichen als vortrefflichen Zeichnungen u. Lithographien im Genre des gemeinen Lebens u. der Caricatur bekannt, doch ist seine Komik mehr naiv als scharf; auch seine Gemälde: Scenen aus dem Russischen F-eldznge, Moreaus Übergang über den Rhein, u. ein Zug Verwundeter, haben allgemeine Anerkennung gefunden. Mit Gericault bereiste CH. England u. verwerthete seine dortigen Studien in beliebten Blättern. Regnet.» Charleval, Flecken im Arr. Les-Andelys des franz. Dep. Eure, Station der Eisenbahn Or- leans-Rouen; Baumwollenspinnerei u. Weberei, Glas- u. Papierfabrikation; etwa 1400 Ew. Charlcville, Stadt im Arr. Mezieres des franz. Dep. Ardennen, am linken Ufer der Maas, Mezieres gegenüber, Station der OBahn; schön u. regelmäßig gebaut; Gericht 1. Instanz, Handelsgericht; College, Normalschule; Bibliothek; Gewehrfabrik u. Fabriken von Wollen-, Leinen-, Leder- und Hornwaaren, Hüten, Nägeln rc., Kupfer- u. Eisengießerei; Ausbeute von hydraul. Kalk; Handel mit Wein u. den oben genannten Fabrikwaaren; 12,676 Ew. — CH. wurde 1606 von Karl von Gonzaga, Herzog von Mantua u. Revers, an der Stelle des alten Karolingischen Königshofes Arches als befestigte Stadt gegründet u. nach ihm genannt. Nach dem Tode des letzten Gonzaga von Mailand (1708) kam CH. an das Haus Coude, welches es bis zur ersten Revolution behielt. Charlevoix, County im nordamerik. Unionsstaate Michigan, u. 45" n. B. u. 85° w. L.; 1724 Ew.; Countyfitz: Charlevoix. Charlie», Stadt im Arr. Noanne des franz. Dep. Loire, am Sornin; Banmwollenweberei u. Spinnerei, Stickereien, Leder-, Seiden-, Leinzeug- u. Schmelztiegelbereitung; Weinbau; Viehhandel; 3879 Ew. Charlotte, Stadt im County Mecklenburg des nordamerik. Unionsstaates NCarolina, am Sugar Creek, Eisenbahnknotenpunkt; Bergbau auf Gold; 4472 Ew. Charlotte, weiblicher Vorname, von dem franz. - Charlotte. Namen Charles gebildet. 1) CH. Joachime Therbse von Bourbon, Tochter Karls IV. von Spanien u. der Maria Luise, eine würdige Schwester Ferdinands VII. von Spanien, geh. 25. April 1775; heirathete 1790 den Jnsanten Johann von Portugal, der schon 1792, bei der Geisteskrankheitseiner Mutter, Prinz-Regent wurde. Sie lebte bis 1805 anscheinend in gutem Ver- hältniß mit ihrem Gemahl, aber dann trennte sich der Prinz von ihr, welcher sie schon seit der Geburt des ersten Prinzen beargwöhnt hatte. An derVerschwörung, die ihren Gemahl als regierungz- nnfähig absctzen u. sie an dessen Stelle bringen sollte, hatte sie wol indirect Antheil, doch wurde dar Complot rechtzeitig entdeckt u. vereitelt. 1807 folgte sie dem Hose nach Brasilien. Hier lebte sie zurückgezogen in Rio Janeiro, legte aber, als Ferdinand VII. dem Throne entsagt hatte, eine Protestation deshalb u. eine Verwahrung ihrer Anrechte auf den spanischen Thron bei den Cortes in Cadix ein; 1816 wurde sie nach dem Tode ihrer Schwiegermutter Königin. Als 1820 in Portugal die Revolution gegen die unter englischem Einflüsse stehende Regentschaft ausbrach, die den König Johann VI. zur Rückkehr nach Lissabon veranlaßte, begleitete sie diesen u. war Anfangs Anhängerin der Constitution, in der Hoffnung, sich so der höchsten Gewalt zu bemächtigen; als sie aber sah, daß die Cortes u. das Volk ihrem Gemahl anhingen, änderte sie plötzlich ihren Sinn, weigerte sich, den Eid zu leisten, u. stellte sich mit ihrem zweiten Sohne, Dom Miguel, an die Spitze der Absolntisten. Der daraus entstehende Bürgerkrieg endete mit dem Siege ihres Gemahls (s. Portugal, Gesch.), u. CH. ging in das Kloster; aber auch vom Kloster ans blieb sie den politischen Umtrieben nicht fremd. Ihr Gemahl st. 1826, sie selbst 6. Jan. 1830. 2) CH. von Hessen, Gemahlin Karl Ludwigs von der Pfalz, der sich jedoch, durch ihr liebloses Wesen abgestoßen, dem Fräulein Luise v. Degenseld zn- wandte. Nach sehr heftigen Streitigkeiten, bei denen beide Theile sich nicht sehr würdig benahmen, zog sie sich 1662 mit einem Jahresgehalte nach Kassel zurück. Näheres über sie im 3. Bde. von Freytags Bildern aus der deutschen Vergangenheit. 3) Elisabeth CH., Tochter des Pfalzgrafen Karl Ludwig u. der Vorigen, geb. 27. Mai 1652 in Heidelberg; trat 1671 zur Katholische» Kirche über u. heirathete Philipp I. von Orleans, Bruder Ludwigs XIV.; ihr Sohn ist der spätere Regent, Philipp II. von Orleans, der sie zärtlich liebte. Sie liebte die Jagd, war geistreich u»d, eine Seltenheit am Hofe Ludwigs XIV., treu u. sorgsam als Frau u. Mutter, aber eben deswegen bei Hose nicht sehr beliebt, doch stand sie in freundschaftlichem Verhältnisse zu Ludwig XIV. CH. st. 8. Dec. 1722 zu St. Clond n. hinterlieb: I'rLAmsnts on Isttrss oriZinaiss äs Uaäaws, auch unter dem Titel: MlavAss tzistorignss, anoo- äotignss ob oritügnss, Par. 1788 u. 1807, ausgezeichnet durch ihre naive Originalität u. ihre fest u. treu bewahrte deutsche Gesinnung u. religiöse Aufklärung. Ihre I-sttroa inöäitos gab Brnnet, Par. 1853, heraus. Auszüge aus ihren Briefen an die Kurfürstin Sophie von Hannover, Charlottenbrunn — Charinadas. 67l hcrausgegeb. von L. Ranke, 1861, n. A., 1870; Briese an die Naugräfin Luise, herausgeg. von E. Holland, Tüb. 1867; Briefe aus den Jahren 1707—15, herauSgeg. von Dens., ebd. 1871. Vgl. Schütz, Leben u. Charakter der Herzogin E. CH., Lpz. 1820. Auch ist sie Gegenstand des gleichnam. historischen Romans von A. v. Sternberg, Lpz. 1860 , 3 Bde., u. des Schauspiels E. CH. von P. Heyse, 1860. Ans sie waren, wider ihren Willen, die Ansprüche begründet, welche das Ham Orleans oder vielmehr Ludwig XIV. später aus das Mod des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz machte u. die den sogenannten Orleansschcn Krieg u. die Verheerung der Pfalz 1689 ver- anlaßten (s. Pfalz, Gesch.). 4) CH. Christine, Tochter des Herzogs Ludwig Rudolf von Brann- schweig-Wolfenbüttel, geb. 1684; wurde 1711 an Alexis Petrowitsch, Sohn Peters des Großen, verheirathet n. daher Großfürstin von Rußland. CH. grämte sich über die Ausschweifungen und Mißhandlungen ihres Gatten zu Tode n. st. 1715, nachdem sie ihm einen Sohn geboren hatte, der als Peter II. den Thron bestieg. Ganz erdichtet ist die Sage, daß ihr Tod nur scheinbar gewesen, sie aber sich geflüchtet u. im Anslande verheirathet habe, was Zschokke in einer Novelle bearbeitete. 5) CH. Auguste, Prinzessin von Wales, Tochter Georgs IV. von England u. Carolinens von Braunschweig, geb. 7. Jan. 1796; wurde von ihrem Vater u. dem englischen Volke geliebt u. stand auch in kindlichem Verhältnisse zu ihrer unglücklichen Mutter; sie vermählte sich 2. Mai 1816 an den Prinzen Leopold von Koburg, späteren König der Belgier, mit dem sie in glücklichster Ehe lebte, st. aber schon 6. Nov. 1817. 6) CH., Tochter des Königs Leopold I. von Belgien, aus 2. Ehe, geb. 7. Juni 1840 zu Lacken, vermählt 27. Juli 1857 mit Erzherzog Maximilian, Bruder des Kaisers Franz Joseph von Österreich. Die Ehe blieb kinderlos. Feingebildet, aber ehrgeizig, wirkte sie wesentlich dazu mit, daß ihr Gemahl 10. April 1864 die ihm angebotene Kaiserkrone von Mexico annahm, u. betrat mit ihm Lg. Mai dess. I. den Boden dieses Landes. Als aber Napoleon III. auf das Drängen der nord- amerik. Freistaaten seine Truppen aus Mexico , zurückziehen wollte, reiste sie selbst nach Europa (Aug. 1866), um den Kaiser zur Änderung seines j Einschlusses zu bewegen. Nachdem dies mißlun- s gm, wandte sie sich nach Rom, doch konnte auch der Papst ihr wohl seine besten Segenswünsche, ! aber keine Hilfe gewähren. Die Erkenntniß, daß '! Alles verloren sei, machte sie wahnsinnig. Sie lebt seitdem (seit IS. Juni 1867 Wittwe, ohne sich dieses Zustandes bisher bewußt worden zu sein) unter dem Schutze ihres Bruders Leopold II. von Belgien auf dessen Schlosse Tervueren, nahe bei Brüssel, körperlich zwar vom besten Wohlbefinden, aber ohne irgend welche Besserung in ihrem lraurigen geistigen Zustande. 1 )-6)» K)Treutler. Charlottenbrunn, Marktflecken und Badest im Kreise Waldenburg des preuß. Regbcz Breslau, in anniuthiger Lage; Kattun- u. Leinen- keberei; Garn- u. Leinwandhandel; Steinkohlen- Niben; die Mineralquelle, seit 1724 benutzt, enthalt sreie Kohlensäure, kohlen- u. salzsanres Na- Pierers Univirial-CenversationL-LexLoii. k. Allst. IV. Band. trum, schwefel- u. kohlensaurcn Kalk, auch etwas Eisen u. wird mit Bortheil innerlich gebraucht; Molkenkuranstalt; 1500 Ew. Charlottenburg (früher Lützow oder Lützenburg), L>tadt im Kreise Teltow des preuß. Reg.- Bez. Potsdam, an der Spree, eigentlich eine Vorstadt Berlins, womit es durch die Thiergarten- Promenaden, durch Moabit u. die nach der Potsdamer Vorstadt führenden Straßen, durch die Verbindungs-, demnächst auch Stadtbahn u. die 2 Pferdebahnen verbunden ist. Entstanden ist die in letzter Zeit sich schnell erweiternde Stadt aus dem Dorfe Lützow, woselbst sich die Gemahlin des späteren Königs Friedrich I., Sophie Charlotte, gegen Ende des 17. Jahrh. einen Landsitz gründete. Das stattliche Schloß mit schöner Kuppel ist von Schlüter 1699 aufgeführt. Daran schließt sich ein großer Schloßgarten mit dem nach Schin- kelschen Plänen im dorischen Stil erbauten Mausoleum an, der Grabstätte Friedrich Wilhelins III. n. seiner Gemahlin, der Königin Luise. CH. macht durch seine geraden Straßen, schönen Baumalleen, großen Plätze u. hübschen, meist in Gärten gelegenen Häuser einen freundlichen Eindruck. 2 Kirchen n. viele schöne Privatgebäude; Gymnasium; Thonwaarensabrik, Leinwandbleiche und Kattundruckereien, Maschinengarnspinnerei, Kunstgärtnereien. Unter den zahlreichen Bergnügnngs- orten ist als eines der großartigsten Etablissements dieser Art die Flora, mit großem Palmenhause, Wintergarten und Concertsälen beachtenswert,'. 1871 hatte CH. 19,513 Ew. In der Nähe der Stadt, auf einer Höhe, liegt die Villen-Colonie Westend u. etwas weiter eine der größten Berliner Brauereien, der Spandaner Bock. Charlottenhof, Schloß, s. u. Potsdam. Charlottenlund, königlich dänisches Lustschloß, s. Kopenhagen. Charlottenstraße, 1) Meerenge des Austral- Oceans, zwischen den Salomons-Jnseln und dem Santa - Cruz - Archipel (Polynesien). 2) Breiter Sund des Stillen Oceans zwischen der Insel Qnadra oder Vancouver und der WKüste von Britisch-NAmerikä. Charlotte Town, Hauptstadt auf Prince Edwards Island in Britisch-NAmerikä, u. 46° i:,' n. Br. u. 63° 7' w. L.; sicherer Hafen; Schiffbau, etwas Manufactur; Handel; 8800 Ew. Charlotteville, Sitz des Albemarle County im nordamerik. Unionsstaate Virginia, u. 38" Ick n. Br. u. 78° 26' w. L.; Staatsuniversität mit Sternwarte; 2838 Ew. Charlton, County im nordamerik. Unionsstaate Georgia, n. 30° n. Br. u. 82" w. L.; 1897 Ew.; Conntysitz: Traders Hill. Charinadas (Charmides), ein Schüler des berühmten athenischen Philosophen Karneades, des Gründers der sogen, dritten oder neuen Akademie. Als nach des CH. Tode (129 v. Chr.) Klitomachos das Haupt dieser Schule wurde, ordnete sich ihm und seiner Führung CH. sammt anderen Schülern des Karneades unter. Unter den athenischen Docenten war CH. seiner Zeit wegen seines Gedächtnisses u. seiner Beredtsamkeit berühmt. Als der berühmte römische Redner L. Crafsus um das Jahr 110 v. Chr. als römischer Quästor in Matc- 43 674 Charmant - donien Athen besuchte, studirte CH. mit ihm Platon und Gorgias. H-rtzb-rg. Charmant (fr.), reizend, einnehmend, bezaubernd; daher Charmante, Liebste, Geliebte; Charmanter, Geliebter. Charmes, Marktflecken im Arr. Mirecourt des franz. Dep. Vogesen, an der Mosel u. einem südlichen Zweige der Paris-Straßburger Eisenbahn; Kirche mit Kuppelfresken, an denen Claude Lorrain gearbeitet hat; Spitzenfabrikation, Stickereien, Fabrik landwirthsch. Instrumente, Brauerei; Weinbau; Holzhandel, 6 Jahrmärkte; 3026 Ew. Charmey (Galmers), Pfarrdorf im Bezirke Greyerz des schweizerischen Kantons Freiburg, Hauptort des reizenden Ch.-Thals, bekannt durch den hier sabricirten vorzüglichen Greyerzer Käse; 850 Ew. Charmides, Athener, Sohn des Glaukon u. Bruder von Platons Mutter Periktione. Sein Vetter war der verrufene Kritias, dessen Vater Kallüschros und Bruder des Glaukon war. Mündel des Kritias, Abkömmling eines der ältesten und angesehensten attischen Geschlechter, erscheint CH. unter den Schülern u. Freunden des Sokrates. Ein talentvoller, liebenswürdiger, schöner junger Mann, folgte CH. bei der Wendung der athenischen inneren Verhältnisse mit Eifer den schlimmen Wegen der schroffen oligarchischen Partei. Zur Zeit des furchtbaren Regiments der Dreißig stand er an der Seite seines grimmigen Vetters Kritias n. erscheint damals als ein Mitglied der von den Dreißig zur Verwaltung der polizeilichen Angelegenheiten im Piräeus eingesetzten sogen. Zehnmänner. CH. ist nachher im Jahre 403 in der Schlacht im Demos Munychia, resp. am Kephissos, in welcher der Demokratenführer Thrasybulos nach Wegnahme des Piräeus die Armee der Oligarchen schlug, zugleich mit Kritias gefallen. Hertzberg. Charmoy, Frantzvis, Bernard, franz. Orientalist, geb. 14. Mai 1793 in Sulz (Oberrhein); studirte in Paris Jurisprudenz u. orient. Sprachen, wurde 1817 auf Vorschlag seines Lehrers, Silv. de Sacy, als Professor der per!, u. türk. Sprache am Institut psäLAOZigns central nach Petersburg berufen, das später zur Kaiser!. Universität erhoben wurde. Er war so einer der ersten Franzosen, die sich um die Verbreitung des oriental. Sprachstudiums in Rußland verdient gemacht haben. Allein im I. 1835 mußte er infolge einer schmerzlichen u. langwierigen Krankheit seine Stelle in Petersburg niederlegen und nach Frankreich zurückkehren, wo er Aonste (Droine) zu seinem beständigen Wohnorte wählte. Erst nach 15 Jahren war er so weit wiederhergestellt, daß er seine so lange unterbrochenen oriental. Studien wieder fortsctzen konnte. Durch seine verschiedenen Werke über die Geschichte der Mongolen u. Kurden hat er sich einen bedeutenden Ruf erworben. Im I. 1829 veröffentlichte er in Petersburg den 1. Band einer Episode des Jskender-Nameh, worin er über die sog. Expedition Alexanders d. Gr. gegen die Russen handelt. Im I. 1833 u. 1834 erschienen von ihm in den Memoiren der Kaiser!. Akademie in Petersburg die 3 großen Abhandlungen: Relation äs Llagouck)' st ä'autres auteurs mnsulmans sur - ClM'vlais. los ancisns Liavss; 8nr l'utilits äss langnos orient. ponr 1'stuäs äs l'iristoiro äs ia Russe u.I/sxpöäitionäs lamsrian oontro log' Larniede Liran en 792 äs I'irsAirs. Gegenwärtig läßt dieselbe Akademie seine Rastss äs Ia oation üouräo in 2 Bdn. drücken, u. ein ähnliches Werl über die Mongolen: Rastss äs Ia Nation Mongole, hat CH. druckfertig hinterlassen. Er st. Anfang 1869. -> Charner, Leonard Victor Joseph, franz. Admiral, geb. 13. Febr. 1797 in St. Brienc; studirte seit 1812 in der Marineschule zu Toulon, trat 1815 in die Marine u. wurde 1828 Lieute- nant, als welcher er 1830 die Expedition gegen Algier mitmachte u. 1832 an der Einnahme Anconas betheiligt war; 1837 wurde er Corvetten- u. 1841 Schiffscapitän, nachdem er die Leiche Napoleons I. von St. Helena geholt hatte. Er wurde 1849 vom Dep. der NKüste znm Volksvertreter u. dann zum Mitglicde des GeneralratheS erwählt, nach dem Staatsstreiche 1851 aber zum Chef des Generalstabes des Marineministers und 1852 zum Contreadmiral ernannt. 1853 erhielt er das Commando der Flotte im Atlantischen Meere u. bestand 17. Oct. 1854 ein bedeutendes Gefecht gegen die Küstenbatterien von Sewastapol. 1855 zum Viceadmiral befördert, trat er in den Rath für die Marinearbeiten, worin er zwei Jahre den Vorsitz führte, u. im Nov. 1864 wurde er zum Admiral erhoben. CH. st. 8. Febr. 1869 in Paris. Er hat sich große Verdienste um die Vervollkommnung der französischen Marine erworben. Charnier (eigentlich Charniere), um einen Verbindungsstift drehbare Theile zur Befestigung der Deckel an Dosen, Uhren, Kästen rc., zum Anschlägen von Thüren u. dgl. Charniergelenk (Ginglymus, Winkel-, Gewindegelenk; Anat.), diejenige Gelenkverbindung zweier Knochen, die nur Bewegung in einer bestimmten Ebene (z. B. Strecken und Beugen dei Armes, Beines gestattet, z. B. Ellenbogengelenl, Kniegelenk. Charölais, 1) sonst Castellauei in Frankreich, zwischen Loire, Guise, Arroux und MaconnaiS; ivar früher ein Theil von Briennois u. kam mit der Zeit an die Grasen von Chalons-sur-Saöne und Lurch Tausch an den Herzog Hugo IV. von Burgund. Dieser vermachte sie seiner Enkelin Beatrix, der Gemahlin Roberts, Sohnes von König Ludwig dem Heiligen. Unter Roberts Enkelin Beatrix wurde CH. zur Grafschaft erhoben, u. sie kam durch Heirath an die Grafen von Armagnac, die sie 1390 an Burgund verkauften, daher Karl der Kühne als Erbprinz Graf von CH. hieß. Ludwig XI. zog CH. 1477 zur Krone Frankreichs, aber Karl VIII. trat sie 1493 an das ErzhauS Österreich ab. Nachher wurde zwischen Spanien u. Frankreich über CH. gestritten; in mehreren Friedensschlüssen wurde CH. den Spaniern gesichert, aber unter Philipp IV. besetzte es Ludwig von Conde für Frankreich; vgl. Charolles. 3 Kanal von CH. (Canal du Centre), zwischen 1783 und 1792 erbauter Kanal in Frankreich. 110 Lin lang, mit 81 Schleußen; verbindet, bei Digoin an der Loire beginnend, bei Chalons-sun Saöne endend, die Loire mit der Saöne, wodurch Charollcs - bie Wafferverbindung zwischen dem Mittelmeerc u. dem Atlantischen Ocean bewirkt wird. Charollcs, Hauptstadt der ehem. Grafschaft Charolais u. des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Saöne-et-Loire, ani Zusammenfluß der Reconce u. Semence, Station der SWBahn; Gericht 1. Instanz, Handelsgericht; Ackerbaugesellschaft; Fabrikation von Fayence, Töpferwaaren u. Drainirröhren, Kalk- n. Gipsöfen, Öl-, Sägemühle; Handel mit Getreide, Vieh u. Holz; 3361 Ew. Charon, 1) in der griechischen Mythologie Sohn des Erebos und der Nyx; war der Fährmann der Unterwelt, ein finsterer, grämlicher, schmutziger Greis, wi/cher die von Hermes ihm Angeführten Seelen der bestatteten Gestorbenen über die Flüsse der Unterwelt, Styx, Kokytos u. Acheron mit seinem Kahne in das vom Höllen- Imnde Kerberos bewachte Todtenreich übersetzte, wofür er den den Todten in den Mund gelegten Obolos als Lohn erhielt. Auf Bildwerken erscheint CH. immer in seinem Kahne; anders war die Vorstellung von CH. bei den Etruskern, die ihn nicht nur als Geleiter der Todten in die Unterwelt, sondern auch als Wache an der Todespforte u. thätig in den Schlachten sich vorstellten, eine abschreckende Henkersgestalt von halbthierischem Äußern, mit einem Hammer bewaffnet. Vgl. I. A. Ambrosch, Os Ostaronbs lütrnaoo, Bresl. 1837. 2) CH. ans Lampsakos; lebte vor dem Pelopon- nesischen Kriege, schrieb eine Geschichte Persiens, der Gründung der griechisckien Städte, über die Alterthllmcr von Lariipsakos, über Äthiopien, Libyen, eine Umschisfnng der Gegenden außerhalb der Säulen des Hercules u. a. Fragmente in Kreuzers stlistorieorum --rase, antigniss. krax- menta, Heidelb. 1806, u. Müllers OraZm. stistori- «orum Araeo., Bd. l. S. 35 ff. Charondas, einer der ältesten griech. Gesetzgeber, um 650 v. Chr. in Catana. Seine Gesetze für mehrere Staaten in Italien u. Sici- lien waren in Versen abgefaßt u. zielten wie die des Lykurgos u. A. zunächst auf streng sittliche Bildung als die Grundlage des Staatswohls. Nachfolgende Änderungen der Gesetze erschwerte er durch die Bestimmung, daß Jeder, der einen Änderungsvorschlag einbrächte, mit einem Stricke um den Hals erschiene, damit er, wenn der Vorschlag abgewiesen würde, sogleich gehängt werden könne. Als er einst in der Eile,' gegen das von ihm gegebene Gesetz, bewaffnet in die Volksversammlung gekommen war, soll er sich selbst ans Reue u. Beschämung getödtet haben. Niese.' Chäronea (a. Geogr.), feste, auf einem steilen Berge liegende Stadt in Böotien, am Kephissos, an der Hauptstraße vom nördl. nach dem südl. Griechenland; Plutarchos' Geburtsort; jetzt Dorf Kaprena oder Kapurna mit Ruinen eines Amphitheaters. Früher hieß es Arne. Vor dem Pelo- Ponnesischen Kriege hatten die Athener CH. eingenommen u. später mit Phokenscrn besetzt. Hier 338 v. Chr. die berühmte Schlacht, in welcher Philippos von Makedonien die Griechen, bes. die Athener, Thebaner u. Korinther, besiegte (s. u. Griechenland, Gesch.). 86 v. Chr. hier Sieg des Sulla über Mithridates' Feldherrn Archelaos; s. Rom (Gesch.). - Charost. 675 Charonisch, nnterweltlich, unterirdisch (vergl. Charon); daher Ch-e Höhle (Ostarcmsicm), unterirdische, mit erstickenden Dämpfen angefüllte Höhle, s. Thymbria; Ch-e Stufen, auf dem griechischen Theater (s. d.) Treppe, auf welcher die aus der Unterwelt Erscheinenden austraten; Ch-e Thür, auf dem Richtplatzc in Sparta die Thür, durch welche die Missethäter zur Hinrichtung abgeführt wurden. llbasroplixllum L., Pflanzengatt, ans der Fam. der IImsts1Iitdrao-Orbstospsrmas-8eaiiäiosg.L (V. 2), mit undeutlichem Kelchrande, verkehrt-eiförmigen Blumenblättern mit eingebogenem Läppchen, kurzem Frnchtschnabel, deutlichen, sehr stumpfen Rippen an der Frucht, einstriemigen Thälchen; Samen auf der Fngenseite mit tief gefurchtem Eiweiß. Ungefähr 30, meist der Alten Welt u. der gemäßigten Zone ungehörige Arten. Einheimisch sind folgende in ganz Deutschland sehr verbreitete Arten: s.) Nach der Fruchtreife absterbend; Griffel so lang als das Srempelpolster: 1) Ost. Ismnlnin L. (betäubender Kerbel), zerstreut-rauhhaarig, mit ästigem, kantigem, roth geflecktem Stengel, doppeltgefiederten Blättern mit fiederspaltigen Blättchen n. stumpfen Zipfeln und mit gewimpertcn Hüllblättern; an Zäunen u. in Gebüschen. 2) Ost. stulbosum L. (Kälberkropf), mit unterwärts steifhaarigem, an den Gliedern knotig angeschwollenem, roth geflecktem, oben kahlem u. stielrundem Stengel, 3—4fach gefiederten Blättern u. kahlen Hüllblättern; in Gebüschen u. an Waldrändern, st) Ausdauernd; Griffel länger, als das Stempelpolster; wird bisweilen mit Ooninm verwechselt; in der Moldau u. Walachei, sowie in Asien werden die Wurzelkuollcn theils als Salat, theils gekocht u. gebraten wie Kartoffeln gegessen: 3) Ost. anronm O., mit unterwärts kurzhaarigem, gefurchtem, ober- wärts kahlem und gestreiftem, ästigem Stengel, 3fach-gefiederten Blättern, lang zugespitzten Blättchen, zurückgeschlageuen Hüllblättern u. nicht ge- wimperten Blumenblättern; in feuchten Gebüschen SDeutschlands. 4) Ost. stirautum L., mit gestreiftem Stengel, doppelt-3zähligen Blättern mit fiederspaltigen Blättchen, znrückgeschlagenen Hüllblättern u. gewimperten Blumenblättern; in feuchten Laubwäldern, bes. der Gebirge. 5) Ob. aromntieum L.. mit zerstreut - ranhhaarigem Stengel, 3fach-3zähligen Blättern, länglichen, scharf- gesägten Blättchen, zurückzeschlagenen Hüllblättern u. ungewimperten Blumenblättern; in schattigen, feuchten Laubwäldern. Engl-r. Charost, Armand Joseph de Bethune, Herzog v., verdienter Menschenfreund, geb. 1. Juli 1728 in Versailles; wurde früh Soldat, machte den Siebenjährigen Krieg mit u. wirkte dann zur Verbesserung des Ackerbaues und des öfsentlichen Unterrichtes, schaffte schon 20 Jahre vor der Revolution die Frohndienste auf seinen Gütern ab n. traf viele sonstige Einrichtungen in humanistischem und wohlthätigem Sinne. Dennoch wurde er während der Schreckenszeit verhaftet, aber nach dem 9. Thermidor wieder in Freiheit gesetzt, wobei ihm der Revolntionsausschuß den Ehrennamen: Vater der leidenden Menschheit ertheilie. Er lebie nachher ans seinem Gute Meillanl, wo er eine Ackerbaugcsellschaft stiftete. Nach dem ix. Brnmane 43 * 676 Charpcntier. wurde er Maire von Paris u. st. 27. Oct. 1800. Seine Denkschriften gesammelt in Vuss Asm sur b'or-mnisabiou äs 1'Instruction ruruls, Paris 1795. Charpcntier, 1) (Carpentarius) Jacques, Leibarzt Karls IX., aber mehr Philosoph als Arzt, geboren 1524 zu Clermont (Beauvoisis); studirte in Paris Philosophie, lehrte sie am Ooi- IvAS äs LourAvAne, wurde Procureur der Station der Picardie, erlangte die Grade eines Bac- calanreus u. Liceuiiateu der Medicin, wurde Rsc- teur ponr In plrilosopkis, eine Würde, die er 16 Jahre bekleidete, erhielt 1568 durch Vermittelung des Staalsrathes gegen die Opposition des berühmten Ramus den Lehrstuhl sür Mathematik am Köuigl. College, sowie das Decanat der medi- ciuischcu Facultät u. die Stelle eines Leibarztes bei Karl IX.; erstarb an der Schwindsucht 1. Febr. 1574. CH. war ein entschiedener Vertheidiger des Aristoteles, aber höchst intolerant in religiöser u. wissenschaftlicher Beziehung u. vertrieb durch seinen Einfluß alle Andersdenkenden von der Universität. Er schrieb: Dsscriptio uuivsrsus ua- buras sx i^risb., Paris 1562; ^ä sxpositionsm äisputabiouis äs msbiroäo etc., ebend. 1564; Orationss contra Rainum, ebend. 1566; Lpistola. in tLlcinouw, 1569; Commentar der Philosophie desselben, ebend. 1573; Inbri XIV gui ^ristotsiis ssss äicuntur äs sscrstioro parto äivinao sa- piontias sscunäum XsA^ptios ex aradico ssr- mone, ebd. 1571, worin er unter des Aristoteles Namen eine sogen, mystische ägyptische Theologie entwickelt, angeblich eine Übersetzung aus dem Arabischen, von dem er kaum etwas verstand, in Wahrheit eine Aufbesserung einer älteren schlechten lateinischen Übersetzung. 2) Marc Antoine, sranz. Componist, geb. 1634 in Paris, Schüler von Carissimi in Rom; wurde in Paris Kapellmeister des Dauphin, nachher Intendant der Musik bei dem Herzog von Orleans; der Jutriguen Lnllis müde, wandte er sich vom Theater ab, wurde Kapellmeister am Jesuitencollegium, dann an der Heiligen Kapelle das.; starb 1702. Er wird von den Franzosen als der gelehrteste Musiker seiner Zeit geschätzt u. compouirte Motetten, Ballets u. 17 Opern, darunter: I-cs amours ä'^cis ei Oa- latss, Im ssrsuuäs, lw malade imuZinuirs, irr- thümlich Lnlli zugeschrieben, u. bes. berühmt Llsäss. 3) Jean Jacques Beauvarlet, franz. Orgel- virtuose, geb. 1730 in Abbeville; hielt sich einige Zeit in Lyon auf u. folgte dann einem Rufe als Organist an der Kirche zu St. Victor u. später an St. Paul in Paris, wo er im Mai 1794 starb. Er himcrließ eine Sammlung werthvollcr Arbeiten u. Compositionen. Sein Sohn Jaques Marie Beauvarlet CH., geb. 3. Juli 1766 zu Lyon, war sein Nachfolger als Organist an St. Paul; später bekleidete er dasselbe Amt an St. Germain des Pres; st. 1833 ; sehr.: Kirchencompositioneu, Klavierstücke und die einactige Oper Csrvuis, ou Is jeuns avsuAis. 4) Frangois Philippe, namhaster franz. Kupferätzer u. Mechaniker, geb. 3. Oct. 1734 zu Blois, gest. 22. Juli 1817 zu Paris. Er gab sich sür den Erfinder der getuschten Manier aus u. kam darüber mit dem Schweden Floding in Streit, den er jedoch durch Len Ausspruch der Akademie besiegte. CH. war ein geschickter Praktiker und verdient wenigstens den Ruhm, ein geschwinderes Verfahren, als das erste war, in seiner Manier erreicht zu haben. Zu seinen besten Stücken gehören: Erziehung der Maria, nach Boucher; Tod des Archimedes, nach Ciro Ferri; Kreuzabnahme, nach Vauloo; Spiel der Grazien, nach Boucher. Doch nicht bloß alz Ätzer, sondern auch als Mechaniker that er sich > hervor, u. seine Erfindungen in der Gcwchrfabri- kation brachten ihm mehrere sehr vorthcilhafte Anerbietungen von Seiten der franz. und anderer europäischen Regierungen ein, die er jedoch mit seltener Uneigennlltzigkeit ausschlng. Infolge der Erfindung einer vortheilhaften Bohrmaschine für Gewehrläufe übertrug ihm die Regierung die ^ - Direktion des ^.tslisr äs psrksctioimcmont. ! 5) Johann Friedrich Wilhelm v. CH., geb. 24. Juni 1738 in Dresden; wurde 1766 Pros, der Mathematik u. Physik an der Bergakademie in Freiberg, 1773 Bergcommissionsrath u. Oberbergamtsassessor, 1784 Bergrath u. Direktor des Alaunwerkes in Schwemsal, 1791 in den Adelstand erhoben, 1800 Vice- u. 1801 wirklicher Berghauptmann; starb 27. Juli 1805 zu Freiberg. Er sehr. u. a.: Mineralogische Geographie der chursächsischen Laude, Lpz. 1778; Beobachtungen über die Lagerstätte der Erze, ebd. 1799; Beitrag zur geognostischen Keuntniß des Nicsengebirges, ebd. 1804, u. verschiedene mineralogische, Hütten- mäunische u. geologische Abhandlungen. Infolge der auf einer Reise nach Ungarn 1785 gemachten Erfahrungen wurde nach seinem Plan das große Amalgamirwerk in Freiberg angelegt. 6) Toussaint de CH., Sohn des Vor., geb. 22. Nov. 1780 in Freiberg; studirte in Freiberg die Berg- wisscnschaften und in Leipzig die Rechte, wurde 1801 Auditor beim Oberhofgerichtc, trat 1802 in preußische Dienste, wurde Bergsecretär, Bergassessor in Schlesien, Bergamtsdirector u. Oberamtsassessor in Waldenburg, 1806 Bergrath, 1810 Oberbergrath in Breslan, 1828 Vicebcrghauptmann von Schlesien, ging 1830 als Berghauptmann und Director des westfälischen Oberbergamtes nach Dortmund, kehrte aber 1835 als Berghauptmann nach Schlesien zurück. Er starb 4. März 1847 in Brieg. CH. schr.: Beschreibung sämmtlicher beim Amalgamirwerke auf der Halsbrücke bei Freiberg vorkommendenArbeiten, Halle 1802; Übersctzungvon Riumans Allgem. Bergwerkslexikon, Lpz. 1898; Darstellung der Höhen verschiedener Berge, Flüsse u. Orte Schlesiens, Bresl. 1812; Bemerkungen ans einer Reise von Breslau über Salzburg durch , Tirol, die südliche Schweiz, nach Rom und Pä- stum, Lpz. 1820, 2 Thle.; 8orus sntomoiogicas, Bresl. 1825; lübsliulluas suropsuc, Lpz. 1849; Ortiioxtsra, ebd. 1841—43, 10 Hefte; mit Sommer: Die Zünsler, Wickler und Schaben, 1829. 7) Johannes von CH., Bruder des Vorigen, geb. 7. Dec. 1786 zu Freiberg; studirte in Schul- pforta u. in Freiberg, arbeitete in den schlesischen Bergwerken unter der Leitung seines Bruders u. ging 1806 nach SFraukreich, wo er Eisenwerke anzulegen beauftragt war. Er hielt sich seit 1811 in Paris auf u. übernahm 1813 die Leitung der Salzwerke in Bex im Kanton Waadt und war Charpic - Honorarprofessor der Geologie an der Akademie zu Lausanne. Erstarb zuBexam 12. Sept. 1855. LH. schrieb über die geologische Bildung der Pyrenäen, über die Natur und Bildung der Gletscher, sowie über die erratischen Blöcke und seine geologischen Forschungen in der Schweiz; auch ist er der Gründer des warmen Bades von Lavey au der Rhone. 8) Henri Francois Marie, srauz. General, geb. 1769 zu Soissons; widmete sich erst den Rechtswissenschaften, trat aber schon 1791 in das Freiwilligen-Bataillon des Depari. Aisne, führte 14. Juni 1800 bei Marengo bereits eine Brigade n. diente dann, zum Divisionsgeneral u. Generalstabschef ernannt, unter Mou- eey, Jourdan u. Prinz Eugen. Der Armee von j Neapel zugetheilt, zwang er 1805 bei Verona ein österreich. Corps, die Waffen zu strecken, wurde daun der Großen Armee zugetheilt und nach der Schlacht von Wagram 1809 in den Grafenstand erhoben. Nachdem er als Generalstabschef unter Prinz Eugen den russ. Feldzug niitgemacht, wurde er nach der Schlacht von Smolensk Gouverneur der eroberten russ. Provinzen, stand beim Rückzuge an der Spitze des Generalstabes der Armee Da- vousts, kämpfte 1813 mit Auszeichnung bei Lützen u. Bautzen u. führte 1814 eine Garde-Division egen die in Frankreich eingerückten Alliirten. Stach em Sturze Napoleons stellte er sich auf die Seite der Bourbonen, wurde Ritter vom Orden des hl. Ludwig, Großoffizier der Ehrenlegion und endlich Generalinspector. Infolge der Julirevolution gab er seine Stellung auf u. starb 1831. I) Thamhayn. 2 —z> Brambach. 4) Bartling, bj—7) r. 8) Lagai. Charpie (fr., lat. läntsum), zur Bedeckung Von Wunden u. Geschwüren benutzte, weder neue, noch ganz abgenutzte, weder zu feine, noch zu grobe, auch nicht gestärkre oder gefärbte, reine Leinwand, die entweder mit einem Messer zu einem seinen Pflaum abgeschabt, oder durch Ausziehen der einzelnen Fäden behandelt wird; erstere gebraucht man zur Bedeckung sehr empfindlicher Theile u. zur Blutstillung kleinerer Gefäße; letztere wird zur Bereitung der zum Verbände nöthi- gen Ch-bausche (Ch-bäuschchen, klumasssanx), i» größerer Form auch zu Ch-ballen, Ch- knchen, Ch-kngeln, zu Ch-meisseln, Ch- plättchen (klnmasssMx), CH-polstern oder Ch-welgeru, Ch-wieken (öoräonnsts), zu Ch-pinseln (Wundpinseln), zu Ch-stöpseln (lampons) rc. verwendet. In England bereitet man die CH. in großen Stücken fabrikmäßig aus Baumwolle als CH-watte; sie hat eine glatte u. eine rauhe Fläche und besteht aus nebeneinander- laufenden Fäden. Charput, Hauptstadt des gleichnam. Lima im türkisch -asiat. Vilajet Diarbetr (Kurdistan), nahe de:» linken Ufer des Murad (östl. Euphrat), auf einer Hochebene; Bergschloß, Jakobitenkloster mit merkwürdigen Bibel-Handschriften; Bazar, großer Handel; nach Missionärangaben etwa 25,000 Ew. Charras, Jean Adolphe Baptiste, franz. Kriegshistoriker, geb. 7. Jan. 1810 zn Pfalzburg, Zohn des 1839 gest. Generals CH.; besuchte fest 1828 d:e Polytechnische Schule in Paris, trat während des Stmßeukampfes 1830 in Paris auf die Seite des Lölkes u. wurde dann Schüler der Artillerieschule - Charroii. 677 in Metz. Wegen politischer Verbindung l ier entlassen, erhielt er erst 1833 das Lieutenantspatent bei der Artillerie. Durch kritische Artikel über das Militärwesen, die er in den National schrieb, zog er sich die Ungunst seiner Vorgesetzten zu u. wurde zur afrikanischen Armee versetzt; dort avancirte er zum Bataillonschef u. verstand es, seine meist aus Militärsträflingen bestehende Truppe so zn disci- pliniren, daß sie sich zur Colonisatiou tauglich erwies, was ihm die Empfehlung Lamoriciöres beim Herzog von Anmale einbrachte. 1848 auf Urlaub in Paris anwesend, bctheiligte er sich an der Februarrevolution, wurde im März Secretär in der Commission der Natioualvertheidigung und Oberstlieutenant, im April Unterstaatssecretär im Kriegsministerium, verwaltete bis zum Antritte Cavaignacs (28. Juni) provisorisch das Kriegs- departement, erhielt unter Cavaignac dies Portefeuille definitiv u. gehörte in der Nationalversammlung zur Bergpartei (nach ihm wurde die Bestimmung, daß die Regierung bei jeder Ordensverleihung die Beweggründe dazu im Moniteur veröffentlichen möge, CH.-Gesetz genannt, weil der Vorschlag dazu von ihm ansging). Er be- kämpfte den Prinz-Präsidenten, als Gegner der Republik, stets u. wurde 2. Dec. 1851 verhaftet, von Polizeibeamten nach Löwen gebracht, auf die Liste der Verbannten gesetzt u. von der Armeeliste gestrichen. Ihm wurde 1853 die in Brüssel erschienene Broschüre: I-ss trois marsslmux äs Brunos (Magnan, St. Armand u. de Castelane) zngeschrieben, in welcher ziemlich ärgerliche Anekdoten über die Vorgänge des Staatsstreiches erzählt wurden. 1854 wurde CH. auf den Wunsch der französischen Regierung aus Belgien gewiesen u. lebte seitdem in der Schweiz. 1. Dec. 1857 wurde ihm der Aufenthalt in Brüssel wieder gestattet; seit 1858 lebte er in Basel u. st. das. 23. Jan. 1865. Er schr. auch: Histoiio äs la oam- pLAvs äs 1815, 6. Ausl., Par. 1869, deutsch, Dresden 1858. Nach seinem Tode erschien (unvollendet): Historie äs la Ansrrs äs 1813 sn LIIems-Alls, Lpz. 1866, deutsch 1867, 2. Aust., Par. 1870. i--' Charrieres, Madame de St. Hyacinthe de, geb. Tuyll, französische Romanschriftstellerin, aus einer angesehenen holländischen Familie, geb. um 1740; wurde im Haag erzogen, lebte dann mit ihrem Gatten, einem armen Edelmanne, auf ihrem Landgute bei Neufchatel der Musik n. den Wissenschaften; st. 27. Decbr. 1805. Sie schrieb als Albe de la Tour n. a.: I-ss trois kommss; Llonorins ä'llssrolro; 8t. ^.nns st Iss mrnss ä'Isädonrg; 8rr Walter Isinoir, zusammen Lpz. 1798; Oastrlls, oul-sttrss seritss äs Imnsanns, 1786; Nistross llonls^; auch einige Dramen, z. B.: I-s loi st ls Vous. I/sirnArs. 1--* Charron, Pierre, franz. Kanzelredner und theologischer Gelehrter, geb. 1541 in Paris; war Parlamentsadvocat, studirte später Theologie u. zeichnete sich als Prediger ans, bekleidete mehrere Prcüigerstellen in SFrankreich u. wurde zuletzt zum Prediger der Königin Margarethe ernannt; er st. als Großvicar des Bischofs von Cahors 16. Nov. 1603 in Paris. 1589 mit Michel Montaigne bekannt geworden, theilte er dessen Itev- 078 Charte — ticismus; er schr.: Truibs äss troiv verlies (es gibt eine Religion, die christliche ist die wahre, die katholische die seligmachende), Bord. 1594; Disvours ostrstisns, ebd. 1600, Par. 1604; Oe la SLAesss (worin als die wahre Weisheit die Erkenntniß seiner selbst, der Natur u. der Grenzen seiner Kräfte u. die danach bewirkte Ordnung seines Lebens dargestellt wird), Bord. 1601 u. ö., n. Ausl., von Duval, Par. 1821, 4 Bde., deutsch von Hufnagel, Erl. 1800: ein Werk, das ihm zwar viele Anfechtungen, besonders der Jesuiten, aber später auch den Namen des Französischen Sokrates erwarb; ein Auszug daraus erschien Par. 1606. I--* Charte (Lirarba, Qbartula), ursprünglich beiden Römern ein Blatt der ägypt. Papyruspflanze, auf welches geschrieben wurde, u. danach dann jedes Material, auf das geschrieben od. gezeichnet werden konnte; daher auch im Deutschen Karte. Im Mittelalter wurde mit CH. eine Urkunde (viploma) bezeichnet, im engeren Sinne dann eine solche, durch welche politische Freiheiten u. Rechte verbrieft waren, wie die Lianna ebarta (s. d.) Englands, dann die von Ludwig X. 1315 der Normandre verliehene Verfassung, u. ging nachmals die Bezeichnung CH. auf die Verfassungsgesetze überhaupt über. Da in Portugal Dom Pedro die 1826 von ihm verliehene Verfassung CH. nannte, die Cortesverfassung von 1821 aber unter dem Titel Constitution eingesührt worden war, so nannten sich danach die Vertheidigcr der elfteren u. damit des gemäßigten Constitntionalismus Chartisten; in England bezeichnen sich die Radikalen als solche. S. Chartismus. Lagm. Obaetaiffum (mittellat.), so v. w. Archiv. 6imr- tarius, so v. w. Archivar. lüiarto-psrtis (engl. Oimrtsr pari)'), der in Form einer schriftlichen Urkunde mit einem Schisser geschlossene Befrachtungsvertrag überhaupt, welcher dem für die Verfrachtung zu Lande, zur Sicherstellung sowol des Frachtführers, wie des Frachtgebers, ausgestellten Frachtbriefe entspricht. Demzufolge enthält die 61r.-p. außer der Bezeichnung des Frachtgutes nach Beschaffenheit, Menge u. Merkzeichen n. außer den Namen des Absenders n. Schiffers u. der Adresse Desjenigen, an welchen die Fracht abzuliefern ist, auch die besonderen Verabredungen, welche über die Lieferzeit, unter Feststellung der Lade- u. Liegetage, rücksichtlich der Assecuranz- u. Haftpflicht für all- fällige Verluste n. Beschädigungen, sowie über die Höhe u. Gattungen der zu zahlenden Frachtge- bührcn getroffen sind. Durch letzteren Inhalt insbesondere unterscheidet sich die OIn-p. von dem beim Transport zu Wasser gebräuchlichen Conosse- inent oder Ladeschein, welcher die Eigenthums- Ubcrtragbarkcit der noch auf dem Transport begriffenen Güter zu ermöglichen bestimmt ist. MauruZ. Charter (engl.), 1) der Aufriß eines neu zu erbauenden Seeschiffes. 2) Rang der Schiffe nach ihrer Größe; s. u. Kriegsschiffe. 3) Gnadenbrief, Sckuitzbricf. Chartern (v. Engl.), in den Nordseehäfen so v. w. befrachten. clmrkistwum (lat.), 1) (röm. Ant.) Abgabe, Chartismus. von den Papierhändlern entrichtet. 2) Papiergeld. 3) Stempelpapier. Chartier, 1) Aulain, franz. Dichter, geh. 1386 in Bayeux; war Archidiaconus von Paris u. Gesandter unter Karl VI. u. Karl VII.; schr, Novellen, in Prosa u. Versen gemischt; er st. ixxg in Avignon. Duchesne sammelte seine Schriften 1617. 2) Jean, Benediktiner u. Cantor der Kirche in St. Denis, Historiograph des Königs Karl VII. ; lebte um 1430. Ihm wird zngeschrie. ben: Lbrouigus äs Graues, Par. 1493, 3 Bde. Fol. (von Pharamuud bis Karl VII.). 3) Rene geb. 1572 in Venedig; war erst Professor der Schönen Künste in Angers und studirte später Rechtswissenschaft, Mathematik n. Medicin; „ach einigen öffentlichen Anstellungen widmete er sein späteres Leben ganz der Praxis; st. 1654. Er gab heraus: Hippokrates u. Galeuos(griech.u. lat.), 1639—79, 13 Bde. Fol., die 3 letzten Bde. von Blondel u. Lemoine. Chartismus, eine Arbeiterbewegung in Eng. land, welche ihren Namen erhielt von den Bestrebungen eines Thcils des Volkes zur Erlangung einer neuen Charte, gegenüber der vom König Johann dem Adel verliehenen Lingvo eiiarta. Die wesentlichen Punkte dieser Charte, die nian im Laufe der Bewegung Volkscharte (birg 'Csopls's tllmibsr) nannte, waren: Ausdehnung des Stimmrechtes auf jeden (männlichen) Eingeborenen des Vereinigten Königreiches u. ans jeden naturalisirten, 2 Jahre im Lande wohnenden Fremden, mit vollendetem 21. Jahre; Ein- theilung des Landes in gleiche Wahlbezirke nach Kopfzahl; Abstimmung mittels Ballots (s. d.); jährliche Parlamente; Aufhebung der Eigenthums- qualification für Abgeordnete u. Besoldung der Abgeordneten. Zu diesen Hauptpunkten kamen noch 30 od. mehr, welche den ganzen politischen Plan des CH. bildeten. Derselbe ist offenbar hervorgegangen aus der Großindustrie des Landes u. den Phasen, welche diese während etwa 30 Jahren zu durchlaufen hatte. Während früher die Industrie mit dem Ackerbau sich verbunden und dank der Handweberei die Arbeiterklasse überall im Laude Arbeit fand, ein vollständiges Gleichgewicht zwischen Feld- u. Fabrikarbeiter bestand, verursachte die Verbreitung neuer industrieller Triebkräfte vor etwa 90 Jahren eine vollständige Umwälzung. Die Collectivindnstrie erdrückte die Einzelindustrie, die Maschinenarbeit die Handarbeit. Wenn auch die Besiegten, die sich wenig um die Elemente zukünftigen Rcichthums kümmerten, welche die neuen Erfindungen in sich bargen, sich in ihrer Existenz bedroht fühlten, vollzog sich diese Umwälzung in ihrer ersten Periode ohne schwerere Folgen, da bei der progressiven Vermehrung des Verbrauches die verbesserten Produktionsmittel mehr Arme erforderten, als die Handarbeit u. die Massenarbeit die Arbeit des Einzelnen ersetzte. Wes ging in der Ordnung, bis zu dem Tage, wo Europa daran dachte, den industriellen Übergriffen Englands Schranken entgegenzusetzen. Dazu trat noch ein anderer, bis jetzt vielfach übersehener Umstand. Bei Beendigung der Kriege im I. 1815 waren die jährlichen Ausgaben Englands auf 90 Mill. Pfd. St. gestiegen, während 679 Chartismus. sich die Staatsschuld unter Georg IN. um ISO Mill. Pfd- St. für den Amerikanischen Krieg und um 761,250,000 Pfd. St. für die Französischen Kriege zwischen 1793 u. 1815 vermehrt hatte. Die Capitalsanhänfuugen, welche diese Schuld der Nation an Individuen repräsentirt, waren nur durch die Operationen der neu erfundenen Maschinen u. der soeben gedachten verbesserten Pro- i ductionsmittel zu Wege gebracht. So lange der ! Krieg dauerte u. das übrige Europa wenig oder ! gar nicht arbeiten konnte, hielten die gewaltigen erborgten Summen durch die Anforderungen des I Krieges u. des festländischen Handels die Hände ? in Bewegung u. erzeugten einen Zustand fictiven ! Gedeihens. Mit dem Frieden aber trat eineschreck- i liche Reaction ein: Europa fing jetzt an zu ar- j beiten u. England Concurrenz zu machen. Tan- : sende von geschickten Fabrikarbeitern wurden infolge dessen arbeitslos u. dem Hnngertode oder der Armenunterstützung durch die Gemeinden entgegengeführt. Die während der franz. Revolution ausgestellten, aber später wegen der Ausschreitungen der franz. Patrioten unbeachtet gelassenen Theorien politischer Gleichheit lebten wieder auf. Die Lasten sowol der Staatsstenern, wie der localen Auflagen (besonders der Armenstenern, welche durch die allgemeine Noth außerordentlich ver- > mehrt wurden) verursachten eine zeitweilige Vereinigung der Mittel- n. der Arbeiterklassen zu einem gleichen Zwecke. Forderungen aus Ausdehnung der politischen Rechte u. Parlamentsreform wurden ausgestellt u. Vereine zur Förderung dieser Gegenstände gebildet. Unter den reichen u. aristokratischen Klassen fehlte es nicht an Individuen zur Befürwortung dieser populären Forderungen; doch das allgemeine Gefühl der oberen Klaffen war dagegen. 1815 wurde zum Schutze der Interessen des Ackerbaues ein schutzzöllueri- sches Korngesetz erlassen; während das Interesse > der Großindustrie, die sich erst kürzlich ihrer Macht bewußt geworden war, einen directcn Gegensatz zu dem der Arbeiterklassen bildete. Das Capital trat der Arbeit feindlich gegenüber, u. die Capitalisten, die Repressionsmaßregeln zu ihrem Schutze noth- wendig hatten, vereinigten sich eine Zeit lang mit Jenen, deren einzige Theorie innerer Verwaltung in der Sicherstellung des Eigenthums n. der Niederhaltung der Massen bestand. Im Frühjahre 1816 brach die Währung im Volke in offene Unordnung aus, u. überall im Lande fanden Aufläufe statt. Die Politik der Parteien war eine überaus gespannte u. die allgemeine Unzufriedenheit so groß, daß die am Staatsruder stehende Toryregierung nichts anderes zu thun wußte, als die Uakoas-eorpns-Acte (s. d.) anfznhcben und verschiedene Personen wegen Hochverraths verhaften u. hinrichten zn lassen. 1817 kam unter Leitung des Majors Cartwright, des Gründers der Gesellschaft für Verbreitung von Verfassung?- künde u. des Freundes von Horne, Tooke, Thcl- wall u. anderen thätigen Geistern der Periode, , eine Nationalpetition zu Stande, die allgemeines ^ Stimmrecht verlangte u. dem Unterhause mit 1,708,000 Unterschriften meist ans den arbeitenden Klassen übergeben wurde. Die Petition blieb unbeachtet, u. als 10. Aug. 1819 auf dem Petcr- loofelde, nahe bei Birmingham, eine große Versammlung der industriellen Bevölkerung stattfand, in der über Abschaffung der Korngesetze n. über die Lage des Landes heralhen werden sollte, wurde dieselbe noch vor der Eröffnung der Verhandlungen durch die bewaffnete Macht zerstreut, u. die sog. 6 Acts, die damals der Minister Castle- reagh durchsetzte, unterdrückten für längere Zeit jede politische Demonstration. Das Proletariat erhielt hierbei seine Märtyrer, deren gewaltsamer Tod feierlich begangen wurde. Längere Zeit zogen verschiedene Umstände die allgemeine Aufmerksamkeit von politischen Fragen ab. Das Feuer glimmte indessen fort. 1827 wurde ein Nationalverein der arbeitenden Klassen zn Birmingham von Lovett u. Collins gegründet, dessen Mitglieder fast zu gleichen Theilen aus den Mittel« u. den Ar- beiterklassen bestanden. Die Macht, welche dieser über das ganze Land sich verzweigende Verein repräsentirte, erregte endlich die Aufmerksamkeit des Parlaments, u. nachdem eine Parlaments- resormacte bereits 1830 u. 31 im Unterhause durchgegangen, aber von den Lords verworfen worden war, wurde jetzt endlich infolge der entschlossenen Haltung des Volkes die Reformacte, die doch einen Theil der Forderungen im Princip bewilligte, angenommen, 1832. Von dieser Periode an datirt der CH. als eine besondere Entwickelung in der Geschichte der engl. Nation. Was immer durch die Reformacte gewonnen ward, fiel den Mittelklassen zu, die arbeitenden Klassen gin- en leer ans. Das Stimmrecht war auf steuer- ares Eigenthnm basirt, u. das Ballot war gänzlich außer Acht gelaffen worden. George Grote, der berühmte Historiker, brachte zu verschiedenen Malen seinen Antrag auf Einführung der Ballo- tage ein, aber er wurde verlacht u. zog sich vom öffentlichen Leben zurück. Das harte, ungerechte, 1835 erlassene Armengesetz, das den Interessen der arbeitenden Klassen entschieden feindlich war, regte die Gemüther noch mehr auf. Nun wurden Arbeitervereine ini ganzen Lande errichtet zudem Zwecke, die Arbeitslöhne über den Minimalpunkt, der an den Hungertod grenzte, zn erhöhen; und mit dieser rein socialen Frage ward die politische Frage des CH. verschmolzen. Ein von Delegirtcn aller Vereine auf dem Lande u. in den Fabrik- districten besuchter Convent chartistischer Führer tagte in London. Als eine politische Organisation fand der CH. nur wenig Sympathie u. Aufmunterung in den Agriculturdistricten; aber die Noth, welche die Landarbeiter drückte, rief Unzufriedenheit hervor, welche ihren Ausdruck in Brandstiftungen fand, u. LrvinA (d. h. baumle sam Galgens) wurde zum Feldgeschrei der Arbeiter u. zum Schrecken der Pächter u. Gutsbesitzer. Das Pfropfen socialer Reformen auf die rein politischen Objecte der erstcren Vereine war voreilig u. das offene Bekenntniß eines TheilS der Chartisten, die sich?dxsioa,I-b'oros Lien nannten, zu den extremsten Ansichten entfremdeten die Mittelklassen ihrer Sache u. verursachte selbst in ihren eigenen Reihen Uneinigkeit u. Spaltungen: so zweigte sich z. B. ein Theil als Lloral-I^ores Lion ab. Die radicalen Mitglieder des Unterhauses, die gewillt waren, die Sache der Chartisten zufördern, fanden 680 Chartvmeter — Chartres. sich durch die Einschüchterungsdoctrinen der mvai-Mres Neu iu Verlegenheit gesetzt u. nicht minder durch das directe Eingreifen in den Handel n. in die Gesetze der Nachfrage u. des Angebotes, welches von den Arbeitervereinenbeabsichtigt wurde. Alles dies waren Elemente der Zwietracht, welche die Fabrikanten u. Capitalisten gegen die Chartisten-Sache ausbrachten; u. die Liberalen, die in der Sache der Reform politische Vereine begünstigt hatten, traten ihnen jetzt hindernd ent gegen. Nichtsdestoweniger wurden bei der Prä' sentation einer Petition an das Unterhaus die Bitten derselben von 46 Abgeordneten unterstützt, unter denen sich einige der hervorragendsten Führer der neuen radicalen Partei befanden. Die „Männer der physischen Kraft" suchten den Gang der Ereignisse zu überstürzen. Da die Petition verworfen wurde n. die Arbeiter der Metropole gleichgiltig gegen die Sache sich verhielten, ver legten sie den Convent nach den nördlichen Distric- ten u. versuchten eine combinirte revolutionäre Bewegung zu organisiren. Einige unbedeutende Demonstrationen im N. wurden durch die locale Polizei sofort gedämpft, u. ein Aufruhr unter den Bergleuten in Newport in SWales endete mit Verhaftung n. Deportation der Führer. 1840 wurde zu Manchester eine neue Association gegründet, deren officielles Haupt das Parlamentsmitglied Feargus O'Connor war; doch die eigentlichen Gründer waren Lovett und Collins, die Führer der alten Vereine, denen es gelungen war, dem Arme des Gesetzes zu entrinnen. Die Chartisten unterstützten die Anti-Korngesetz-Ligne, doch das Band zwischen ihnen u. den Mittelklassen war zerrissen. Im Juni 1841 wurde durch O'Connor dem Unterhause eine mit 1,800,000 Unterschriften der Arbeiter bedeckte Petition für die Einführung der von Lovett schon seil 1838 ausgestellten Volkscharte u. die Amnestie der ver- urtheilten Chartisten überreicht, die aber ohne Erfolg blieb. O'Connor entwarf hierauf einen Plan, um die Chartisten zu kleinen Grundbesitzern (k'rsolloläsrs) zu machen n. dadurch ihre Stimmen zu vermehren, doch das ganze Unternehmen brach infolge schlechter Verwaltung schmählich zusammen u. verursachte den Theilnehmern großen Verlust u. bittere Enttäuschung. Der CH. fiel nun auf einige Zeit in Vergessenheit, u. erst die Rückwirkung der französischen Februarrevolution auf England versetzte die Chartisten in neue Auf- regung. Zahlreiche Versammlungen wurden veranstaltet, die sich zunächst ans Glückwunschadressen an die franz. Nation beschränkten. Daran knüpften sich im März 1848 Unruhen in London, Manchester, Edinburgh u. Glasgow, die aber ohne große Mühe u. Blutvergießen gedämpft wurden. Der Hauptplan der Chartisten war, in London eine große Demonstration zu organisiren. Aus den Fabrikdistricten n. allen Theilen Londons sollten sich Züge von Chartisten nach dem Hyde- Park begeben, um dort eine große Versammlung zu halten. O'Connor u. andere hervorragende Mitglieder der Partei sollten Reden halten und darauf Alle vor dem Parlamentsgebäude vorüberziehen, um ihre numerische Stärke zu entfalten. Die Absicht war friedlich, doch die Doctrinen der Ultrasocialisten Frankreichs, mit deren Namen der CH. verbunden wurde, versetzten die Mittelklassen Londons in große Aufregung u. Furcht, u. diese Gemüthsbewegung neutralisirte das chartistische Programm. Die Demonstration fand 10. April statt; die Regierung entfaltete keine militärischen Streitkräfte, obgleich sie jede Vorkehrung gegen einen etwaigen Ansstand getroffen hatte; nicht weniger als 150,000 Ew. der Metropole stellten sich freiwillig, um als Specialconstabler einge. schworen zu werden. Eine große Menge Londoner Chartisten kamen auf dem Versammlnngsplahe zusammen, doch die Zuzüge von auswärts trafen nicht ein, u. O'Connor der den Geist fürchtete, den er entfesselt hatte, zog sich von der Versammlung zurück. Diese bebann mit Stillschweigen u. endete mit einem friedlichen Marsch durch die Straßen. Seitdem ist die öffentliche Ruhe durch den CH. nicht wieder gestört worden. Zwar hielt man 1857 noch ein großes Meeting in Roche- dale, in welchem die leitenden Punkte des CH. nochmals discutirt u. bestätigt wurden, aber der Gedanke, sie anders als auf friedlichem Wege durchzusetzen, scheint allgemein aufgegeben. 1858 ward die früher geforderte Abschaffung der Eigen- thumsqualificatiou der Wähler vom Parlament genehmigt, u. die Einführung der geheimen Abstimmung (Ballot) fand Juli 1872 statt. Vgl. Gammage: lks Istsborz- osi tirs Ollartist Lo- vsmsni krom its oommsuosmoubs äorvn to tiis prsssnt bims, Land. 1854; Venedey, England, Lpz. 1845, 3 Thle.; L. Brentano, Der CH., in den Preußischen Jahrbüchern, 1874. Bartling. Chartometer (v. Gr.), Instrument, mittels dessen die Distanzen auf Landkarten schnell ermittelt werden können, z. B. die znrückgelegte Bahn im Fluß, eine Küstenlinie u. eine Straße. Chartres, Hauptstadt des gleichnam. Arr. u. franz. Dep. Eure-et-Loire, an der Eure, Station der WBahn u. der Bahn von Orleans-Rouen; alt u. winkelig gebaut; berühmte gothische Kathedrale (1020 begonnen, 1195 abgebrannt u. bis 1260 neu gebaut, 1836 durch den Blitz beschädigt), Präsccturpalast; Departementalbehörden, Gericht t. Instanz, Handelsgericht; Bischofssitz; College, Seminar; natnrhistorisches und physikalisches Cabinet, Bibliothek (52,000 Bde.), Münzsammlung (8500 Stück), schönes Theater; großes Departements!- u. anderes Hospital; Eisen- und Kupfergießerei, Maschinenfabrik, Gerberei, Mlltzenfabrik, Kalkbrennerei; Handel mit Getreide und Wolle; Mineralquelle (Quelle von Petits-Prös); 19,58» Ew.; Geburtsort von Desportes, Brisfot de Va» ville und Register. — CH. hieß im Alterlhum Autricum u. war die Hauptstadt der Carnuter im Lugdunensischen Gallien, weshalb sie auch 6ar- nubnm eivitg.8 und im Mittelalter Larnotnm hieß; der Name CH. kommt feit dem 12. Jahrh. vor. CH. wurde bald nach Einführung des Christenthums Sitz eines Bisthums; 911 wurde es von den Normannen belagert u. 1019 fast gam verbrannt. Im Mittelalter war es die Hauptstadt der Landschaft Beauce n. wurde 1591 von Heinrich IV. erobert, der sich hier krönen ließ. 21. Oct. 187» wurde CH. durch die von Orleans anrllckenden deutschen Truppen besetzt. Die Grafschaft CH., 681 Chartres - anfangs zu Neustrien gehörend, kam später mit ! Blois wieder an die Champagne; nachher von der Champagne getrennt, erhielt sie 1218 Graf Walther von Avesncs durch Heirath, u. von diesem Hugo von Chatillon, dessen Nachkommen sie 1286 au den König Philipp den Schönen verkauften; 1528 erhob sie Franz I. zu einem Hcrzogthum, welches von der Krone als Apanage königlichen Prinzen oder Prinzessinnen, besonders aus dem Hause Orleans, gegeben wurde. Chartres, Herzog v., s. Orleans, Hcrzöge v. Okartreuse, La 6rauäs, berühmtes Karthäuserkloster im franz. Dep. Jsöre, bei dem Dorfe St. Pierre de CH., in der Schlucht des Cosson, von Wäldern ».Felsen umgeben, mit zahlreichen Gebäuden u. 10 Thürmen; Bibliothek; Fabrikation des nach dem Kloster benannten Liquenrs (1864 vom Papste verboten) u. verschiedener Arzneimittel. Chartrouse, Emile, franz. Bildhauer, geb I8Z0 in Paris; widmete sich erst 1851 unter der Leitung Nudes der Plastik, nachdem er sich vorher in verschiedenen Kunstzweigen versucht. Von seinen .zahlreichen Arbeiten mögen erwähnt sein: Königin Hortense unterrichtet ihren Sohn Louis Napoleon (1853, im Versailler Museum), Der Herbst (im neuen Louvre), Resignation, Glücklich die Wei- , nenden (St. Eustache in Paris), Heloise u. Abälard, i Die christl. Kunst (Louvre), General Beuret (Ver- l sailler Museum), Die Komödie (im Chatelet), Die ^ Renaissance lehrt das Alterthnm kennen (Louvre). CH. schrieb auch über Kunst in: La Lakrls, Ls ! u. L'^rkisto. Regnet, i Liiarltüu (lat.), so v. w. Oüarka. Daher: 6ar- ^ kiüaria, 1) Kirchen- u. Klosterarchive; 2) Schränke l zur Aufbewahrung von Briefen u. Urkunden; 3) die Protokollbücher, worin alle Urkunden rc. ver- . zeichnet standen; 4) Copialbücher, d. h. Abschristen- I jamuilnngen aller Urkunden. Larknlarirw, ein ; Freigelassener, mit Freibrief unter bischöflichem ! Siegel. Chartum (Khartum), Sitzdestürk.u.ägypt.Pa- ! schalik Nubien-Sudan, am Zusammenfluß des Bahr el Abiard (Weißer Nil) u. Bahr el Azrek (Blauer ' Nil), in einer höchst ungesunden Ebene angelegt; war nahe vor 40 Jahren ein elendes Dorf, ist jetzt ein Platz von 50,000 Ew. der verschiedensten > Nationen; Ausgangspunkt aller Handels-, Er- ! oberungs-, wissenschaftlichen u. Missionsexpeditio- s »en in das Nilquellland; Sitz von europäischen ! Consuln; reich durch Elfenbein- u. Sklavenhandel, obgleich letzterer gesetzlich verboten ist. Kolpe. Charlvoche (vom althochdeutschen (Lara, Leiden, Klage) od. Heilige Woche, die .Woche vor Ostern, s dem Andenken an Jesu Leiden u. Tod gewidmet. In der Katholischen Kirche kündigt schon während der ganzen Fastenzeit die Kirche Stille u. feierlichen Ernst an; am Palmsonntag, Chardienstag, Charmittwoch und Charfreitag wird die Leidens- u. Todesgeschichte Jesu ans den 4 Evangelisten vorgelesen. Seit Constantinus d. Gr. wird des. der Charfreitag gefeiert; er heißt Stiller Freitag, von der Ruhe u. Stille, die an ihm herrschen soll; der Gute Freitag od. Dies ab- oointiomz, wegen der feierlichen Ankündigung der Sündenvergebung u. Lossprechung der Büßenden,! die an diesem Tage in der alten Kirche gewöhn-s — Chasan. lieh war, auch Bluttag, Martertag, weilJesus an diesem Tage gekreuzigt wurde. Er wurde mit des. strengem Fasten, feierlicher Sündenvergebung, Verlesung der Leidensgeschichte nach Johannes, Weglassung des Introitus, der Acclamatioucn, Intonation, Doxologien rc. aus der Liturgie, Schweigen der Glocken u. Orgel, Unterlassung des sonst gewöhnlichen Kniebengens beim Gebete, Abendmahl (mit etwas abweichender Administration, indem die Elemente nicht erst consecrirt, sondern von der letzten Consecration dazu aufbewahrt wurden), Entfernung der Altarbekleidung u. Zierrathen, Verhüllung u. späterer Enthüllung des Kreuzes kirchlich gefeiert, wozu auch noch später Aufzüge, Processioncn mit dem Kreuze, dramatische Darstellungen der Leidensgeschichte u. des Leichenbegängnisses Jesu (vgl. Passionsspiele) tarnen. Das Meiste von diesen Gebräuchen ist noch jetzt in der Griechischen u. Römisch-Katholischen Kirche vorhanden. In letzterer sind Priester, Altar rc. schwarz bekleidet, das Hochwürdigste auf einem Lreitenaltar zur Anbetung ausgestellt, wozu an vielen Orten ein das heilige Grab vorstellendes Gerüst anfgerichtet wird, unterbleibt das Glockenläuten. Doch gilt der Charfreitag in der Katholischen Kirche nicht für einen hohen Feiertag, wie in der Protestantischen, wo er, mit Ausnahme der Schottischen Nationalkirche und von Amerika, als ganzer Feiertag sehr ernst begangen wird. Anch ist in manchen Landeskirchen der Bußtag ans den Charfreitag verlegt. In den reformirten Kantonen der Schweiz wird er nur als halber Feiertag begangen. Der Charsamstag (Heiliger Sabbath), der Tag der stillen Ruhe Jesu im Grabe, wird in der Katholischen Kirche durch Lesungen ans dem Alten Testament, Gebete, durch Weihung des Feuers, der Osterkerze, des Tanswassers rc. begangen. An den Charsreitag knüpfen sich stets eine Menge abergläubischer Vorstellungen n. Gebräuche, die heute zum Theil noch existiren (vgl. Wnttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. Bearb., Berl. 1869). Charybdis (a. Geogr.), Meeresstrudel in der sicilischen Meerenge von Messina, erzeugt durch die abwechselnde Strömung des Meeres in der Enge von N. nach S. u. umgekehrt. Nach der späteren Mythe war CH. ein weibliches Ungeheuer, Poseidons Tochter von Gäa (Erde); sie entführte dem Herakles einige von Geryons Rindern u. verzehrte sie, wofür sie durch Zeus Blitze getödtet u. ins Meer geschleudert wurde. Sie wohnte später an einem Felsen im Sicilischen Meere unter einem Baume, nicht weit von der Skylla (s. d.) u. suchte die Schiffe durch Einschlürfen des Meeres heran- znziehen, um dann die Schiffer zu verschlingen. Man wendet deshalb auf Den, welcher, um einer Gefahr zu entgehen, sich einer anderen anssetzt, den lateinischen Vers an: Inoiäit in LozUam gni vnlt vikars 61iarz-bäin (in die Skylla gerärh, wer meiden will die Charybdis). Jetzt Calofaro, für Schiffende weniger gefährlich, als sonst. Chasan (Chassan, hebr.), 1) im Tempel zu Jerusalem Derjenige, welcher den Priestern die Amtskleidung anzog n. dieselben nach dem Gottes- Idienste wieder aufhob. 2) (Schammes) Der Bor- sbetcr in der Synagoge. 682 Chnsaren Chasaren, so v. w. Chazaren. Chasdim, bei den Hebräern so v. w. Chaldäa. Chase, Salmon Portland, einer der bedeutendsten Staatsmänner der Nordanierik. Union, geb. 13. Jan. 1808 zu Cornish im Staate New- Hampshire. Sein Vater war Farmer u. ließ bei seinen: Tode seine Familie in sehr dürftigen Verhältnissen zurück. So kam CH. in seinem 12. Lebensjahre zu seinem Oheim Philander CH., der als Bischof der Protestantischen Episkopalkirche zu Worthington (im Staate Ohio) lebte. Der junge CH. widmete sich, nachdem er das Collegium absolvirt hatte, dem Lchrerstandc, war Lehrer an einem Institut zu Washington City n. ward in dieser Stellung von Henry Clay u. Daniel Webster begünstigt. Später studirte er die Rechte u. kehrte nach Ohio zurück. In Cincinnati ließ er sich Anfang der dreißiger Jahre nieder. 18-18 ward er als Freesoil-Demokrat zum Bundessenator gewählt. 1860 waren er, das Haupt der Frcesoil- Demokraten, n. Seward (s. d.), das Haupt der Freesoil-Whigs, die hervorragendsten Bewerber um die Präsidententschafts-Nomination in der Chicagoer Convention. Diese Rivalität zweier ganz ebenbürtigen Führer trug mehr als alles Andere dazu bei, Abraham Lincoln (s. d.) als den Candidaten hervorgehen zu lassen. Als Lincoln den Präsi- Lentenstuhl bestieg, ward CH. von diesem als Finanzsecretär ins Cabinet berufen u. verblieb bis 30. Juni 1864 in dieser Stellung, in welcher er, der ehemalige feurige Freihändler, zu einem entschiedenen Schutzzöllner umgeschlagen war. Nach Lincolns Wiederwahl 6. Dec. 1864 ward CH. zun: Vorsitzenden des Bundes-Obergerichtcs ernannt. Nicht zufrieden mit dieser höchsten Richterstclle im Lande, strebte er nach Lincolns Tode abermals, jedoch vergebens, nach der Präsidentenwürde. Er st. 7. Mai 1873 zu New-Ssork. Bartling. Chasidiier (Chasim, d.i. Fromme; hebr.),1)nach der Rückkehr der Juden aus dem Exil Diejenigen, welche mehrere neuere, über das Mosaische Gesetz hinansgehendc, von der Großen Synagoge aus- estellte Verordnungen im bürgerlichen n. religiösen eben annahmen. Gegensatz: Zadikim (d. i. Gerechte), welche bei den Anordnungen des Gesetzes blieben; zu den Letzteren gehörten die Sad- dncäer u. Essäer, zu den CH. die Pharisäer. 2) (Beschtianer) Erst seit dem 18. Jahrh. in Polen unter Einfluß der Kabbala u. des SabbathaiSmns entstandene jüdische Secte. Ihr Stifter ist Israel aus Podolicn, genannt Baal Schein oder Bescht, welcher 1740 von Tlusti nach Medrzybocz in Galizien übcrsiedelte, 1760 starb n. seine Lehren in den beiden Schriften: Sepher Camidot n. Sebaot Ribsch niederlegte. An ihrer Spitze stehen Zadik als Statthalter Gottes, welche sie wie Heilige verehren u. durch welche sie Vergebung von jeder Sünde erlangen. Sie haben sich in den letzten Jahren sehr vermehrt und sind in Russisch- Polen, Rumänien, Ungarn, Galizien fast stärker, als die anderen Secten; da aber jeder Zadik in seinem Sprengel unabhängig ist u. die Ansichten der einzelnen von der Heiligung ziemlich differiren, so findet keine Geschlossenheit der Secte statt. Bon der Synagoge, ans der sie sich zurückzogen, wurden sie in den Bann gethan. Den Talmud be- — Chasot. folgen sie bloß nach dem Gutdünken der Zadik; von den Gebetbüchern geben sie den spanischen u.' orientalischen, als den mehr kabbalistischen, der Vorzug vor den deutschen u. polnischen; an jede« Orte, wo wenigstens 10 CH. wohnen, haben sst eigene Betstuben (Klossel). Wler Chasko't, Flecken im türk. Vilajet Adrianoprl; großer Jahrmarkt; etwa 6000 Ew. Chaslcs, 1)Michael, namhafter sranz. Mathe, matiker, geb. 15 Nov. 1793 zu Epcrnon im Tep. Enre-et-Loire; war 1841 Professor der Geodäsie u. Maschinenkunde an der Polytechnischen Schule zu Paris, 1851 ordentliches Mitglied der Akademie. CH. machte sich durch eine große Reihe scharfsinniger Untersuchungen verdient u. ist Begründer der sog. neueren Geometrie; auch der Astronomie leistete er wesentliche Dienste, indem er die alten Nachrichten über Sternschnuppen und Feuerkugeln einer kritischen Prüfung unterwarf. Großes Aufsehen u. heftigen Widerspruch erregten die von ihm in der jüngsten Zeit publicirten angeblichen Autographen Paskals, welche diesem die Entdeckung der Gravitationsgesetze vindicirten. Schließlich mußte sich jedoch CH. als von einem Schwindler düpirt erklären. Er schr.: L,psryu IiistorMs sur I'oriAins ob Is äövsloppsmsnt äss lustiwüoz sn Zsomstris, Paris 1837, deutsch von Sohncke, Halle 1839; Marts äs Asomstrls supsriouro, Paris 1852, deutsch von Schnuse,Bra::nschw. 185b; Marts äss ssotions soniguss, Paris 1865; Rapport sur Iss propres äs la Aoometris, ebd. 1871. 2) Vict. Euphemion Philarete, sranz. Schriftsteller, geb. 8. Oct. 1798 zu Main- villiers bei Chartres; war in seiner Jugend Buchdrucker, wurde mit seinem Lehrmeister als anaebl. Revolutionär verhaftet, ging nach seiner Freilassung nach England, wo er die englische Literatur studirte; wurde 1837 Conservator an der Liblio- tirsgns Llararins u. 1841 Professor der fremden Sprachen u. Literaturen am OollöAS äs Manes; er st. 20. Juli 1873 zu Venedig. CH. schr.: Iliseonrs sur la vis et Iss vuvraxos äs äaegnes tLux-. äs M:on, 1824; lablsaux äss xroZrös ck» la litt, krany. äoxuis Is oommensemsut än 1b. siselo, 1828 (Preisschrift); Rtuäss sur la roro- lutioa ä'^nZIstorrs, Paris 1844—47, 2 Thle.; bituäss sur I'antiguits, 1847; lütuäes sur I» mo)'sn-ä§s; Ltuäss sur 1'^.IIsiuaLne aneisnne et moä.; Ltuäss äs littsraturs eomparss, 1847—S-t, 11 Bde.; Rtuäss sur Iss Ironunos st Iss mwnrs au 19. sissls, 1850; Dtuäss sur V. Liraicesxearo, Rtuäss oontsmporainss u. v. a.; außerdem Novellen, Romane, Reisebilder rc., gesammelt zum Theil in Laraeterss, 1827, und Raz-saZss, 1333. Er übersetzte auch Jean Pauls Titan (1834 f.). Aus seinem Nachlasse erschien eine Socialpsychologie der neuen Völker, Paris 1875, ein Buch, das seinem anspruchsvollen Titel allerdings wenig entspricht, aber wie seine übrigen Schriften eine anregende Lectüre bietet. t> Specht. 2> Henne-Am Rh?"- Chasmodie (v. Gr.), Gähnen, bes. immerwährendes Gähnen. Chasot (Chazot), 1) Jsaac Frany. Egmont von, tapferer Offizier, geb. 18. Febr. 1716 »l Caen; trat in die französische Armee u. machte 1734 den Feldzug am Rhein gegen die Reichs- 683 OIiLsse — Chasscpot-Gcwchr. truppen u. Preußen mit; er trat nach dem Falle Philippsburgs in preußische Dienste u. wurde zu Friedrichs II. näherem Kreise gezogen; er wurde 1741 Hauptmann u. Escadronschef im Dragoner- Regiment Brandenburg-Bayreuth u. 1743 Major u. zeichnete sich bes. 1745 bei Hohenfriedberg aus. Nachdem er 1750 zumOberstlieutenant avancirtwar, erhielt er wegen eines Duells 1752 den Abschied. CH. wendete sich nach Lübeck, wo er bald zum Com- mandanten u. vom König von Dänemark zum Generallientenant ernannt wurde. Auch von Friedrich II. erhielt er wieder Verzeihung, denn er war wiederholt 1770 — 85 in Sanssouci. Er st. 24. Aua. 1797 zu Marly bei Lübeck, über ihn schrieb K. von Schlözer, Berl. 1856. 2) Ludwig, Graf von, zweiter Sohn des Vor., geb. 10. Oct. 1763 zu Lübeck; trat als Fähnrich in die preußische Cavalerie, kam 1780 in die Suite Friedrichs II-, nahm aber 1790 den Abschied u. wurde Landwirth; 1798 in den Grafenstand erhoben, trat er 1804 als Major u. Flügeladjutant des Königs wieder in Dienste, rettete sich 1806 mit Micher, an den er Aufträge hatte, nach Lübeck u. von da nach Danzig. 1807 wurde er Blücher bei der Expedition nach Rügen beigegeben u. nach dem Tilsiter Frieden Commandant von Berlin u. einer der Lenker des Tugendbundes. Als Schill 1809 mit seinem Regiment aus Berlin entwich, wurde CH. verabschiedet; er lebte nun meist in Berlin u. bereiste Deutschland in Zwecken des Tugendbnudes. 1810 trat er als Oberst in russische Dienste, befand sich anfangs als Adjutant des Prinzen von Oldenburg bei der Hanptarmee u. wurde dann mit der Organisation der Russischdeutschen Legion beauftragt. Er starb 31. Dec. 1812 in Pleskow am Peipus-See. i-* Oimsss (fr.), Jagd. Chasse, Tanzpas, wobei der eine Fuß seitwärts hingleitet n. der andere nachgezogen wird. Sehr viele Pas in dem Contretanze sind Ch-s. Chasse, David Henri, Baron von, niederländischer General, geb. 18. März 1765 zu Thiel in Geldern, wohin seine Vorfahren nach Aufhebung des Edicts von Nantes gezogen waren; trat 1775 als Cadet in holländische Dienste, wurde 1781 Lieutenant u. 1787 Hauptmanu. Er schloß sich beim Ausbruch der holländischen Revolution den Patrioten an, verließ nach Niederwerfung derselben Holland, trat in französische Dienste u. wurde 1793 Oberstlientenant. 1795 kehrte er mit Pichegru nach Holland zurück u. nahm wieder holländische Dienste, focht 1796 in Deutschland, wurde 1803 Oberst, 1806 Generalmajor u. focht meist in Holland u. Deutschland. 1808 Brigadegeneral, ging er nach Spanien u. focht in mehreren Schlachten so tapfer, daß er in einigen den Sieg entschied, von seinen Soldaten General Bayonnet genannt u. nach der Schlacht bei Ocana 1809 vom König Ludwig Napoleon zum Baron erannt wurde. 1813 war er Divisionsgcneral u. wurde bei Bar-sur- Aube verwundet. 1814 wurde CH. Generallieutenant u. focht bei Waterloo; 1816 erhielt er den Befehl über das vierte Militärcommando in Antwerpen; dort wurde er 1830 von den belgischen Insurgenten aus der Stadt vertrieben, zog sich in die Citadelle zurück, schoß die Entrepots u. das Arsenal in Brand u. vertheidigte die Citadelle bis 23. Dec. 1832 gegen das franz. Corps de? Generals Gcrard. CH. wurde nach der Capitulation mit der Garnison als Geißel nach St. Omer in franz. Gefangenschaft geführt, aus welcher er erst im Mai 1833 nach Holland zurückkehrte. Der König ernannte ihn zum General der Infanterie u. Gouverneur von Breda; seit 1840 in Ruhestand versetzt, lebte erinBreda, wo er 2.Mai 1849 starb, i--* lümsoslao (Gutedel), verschiedene Traubensorten; s. u. Weintraube. Chasscloup-Laubat, 1) Francois, Marquis von, geb. 18. August 1754 m St. Sor- nin; diente erst in der Artillerie u. seit 1774 im Geniecorps; zu Anfang der Revolution trat er als Freiwilliger in die republikanische Armee, zeichnete sich in den ersten Feldzügen am Rhein aus n. wurde 1796 Chef des Genies bei der Armee in Italien, leitete die Belagerung von Mantua u. wurde Brigade- u. 1799 Divisionsgeneral; er belagerte Peschiera, schleifte die piemontesischen Festungen u. befestigte 1801 Aleffandria; er leitete 1806 die Belagerungen von Kolberg, Danzig u. Stralsund und war 1812 wieder Geniechef bei dem Zuge nach Rußland. CH. ward 1813 zum Senator ernannt, schloß sich 1814 den Bourbonen an, ging 1815 mit dem König nach Gent u. wurde dann zum Marquis erhoben. Er st. 10. Oct. 1833. 2) Justin Nap. Sam. Prosper Gras von, Sohn des Vor., geb. 29. März 1805 in Alessandria; war unter der Restauration Re- quötenmeister u. unter Ludwig Philipp Staatsrath; nach der Februarrevolution Napoleonist geworden, trat er 1849 für die Nieder-Charente in die Legislative u. war 1851 Marineminister; nach dem Staatsstreiche wurde er wieder in die Legislative gewählt, trat 1858 unter dein Prinzen Napoleon in den Colonialrath und war 1859 — 60 Minister für Algerien und die Colonien; 1860—67 wurde er Ministerstaatssecrctär der Marine und der Colonien u. Juli 1869 Ministerpräsident des Staatsrathes, von welcher Stelle er Ende best. Jahres zurücktrat, n. wurde 1871 in die Nationalversammlung gewählt; er st. 30. März 1873. r--* CH affen (v. Fr.), 1) fortjagen, fortschickcn; 2) über die Mensur Hinaustreiben. Chasseneuil, Flecken im Arr. St.-Claude des franz. Depart. Charente, Station der Charentes- Bahn; 2162 Ew. Oiasso-partis (fr.), Theilungsvertrag. Chaffepot, Antoine Alphonse, französischer Fabrikant, geb. 4. Marz 1833, Sohn eines Waffenschmiedes; erlernte das Gewerbe seines Vaters u. kam in die Staatswaffenwerkstätten; 1866 Waffen- controleur im Centraldepot der Artillerie, erfand er das nach ihm genannte Gewehr; s. Chasscpot- gewehr. Chassepot-Gewchr, französisches Jufauterie- Gewebr, nach seinem Erfinder benannt, mit welchem die französische Armee in großer Eile in den Jahren 1867—69 ausgerüstet wurde, als der Feldzug des Jahres 1866 die Überlegenheit der Hinterlader-Gewehre bewiesen hatte. Das Ch.-G. hat 11 mm Kaliber, 4 Züge, einen Kolbenverschluß u. Centralzünduug, erfordert 3 Ladegriffe n. gestattet 7—8 Schüsse in der Minute. Es bewährte ,>,-1 Chassoral — sich allerdings im Kriege 1870/71 vortrefflich u. war besonders durch seine rasante Flugbahn dem preußischen Zündnadel-Gewehr bei Weitem überlegen, hatte jedoch noch mehrere Übelstände, die man nach dem Kriege nach dem System Gras zu beseitigen suchte (Metallpatrone, veränderter Verschluß, selbstthätiger Ejector). Ende 1875 wird Frankreich besitzen: 1,800,000 nach dem System Gras aptirte CH.-G-e u. 200,000 neu fabricirte Gras-Gewehre. Mit einem Bayonnet-Epce, welches das Sabre-Bayonnet ersetzen soll u. vermuth- lich zur Einführung gelangen wird, werden Versuche geinacht. S. auch Gewehr. mb. Chasseral (deutsch Gestler), Spitze des Jura im schweizer. Kanton Bern, zwischen dem Bieler-See ü. dem St.-Jmier-Thal, 1610 m hoch, mit prachtvoller Aussicht auf die WSchweiz, Schwarzwald ü. Vogesen; auch bekannt wegen des hier sabri- cirten sogenannten Frauenkäses. Chasscriau, Theodore, franz. Historienmaler, gcb.1819 iuPanama, gest. in Paris 13. Sept. 1856; war zuerst Schüler von Ingres, bildete sich aber daun nach Delacroix u. bestärkte sich in der romantischen Richtung noch durch eine Reise in den Orient. Er bekam zahlreiche Regierungsaufträge u. 1849 das Kreuz der Ehrenlegion. Von lebhafter Phantasie, nobler Auffassung u. pikanter u. harmonischer Darstellung, dabei glücklich in der Wahl seiner Stoffe, gewann er rasch die Gunst deS Publicums und ward namentlich durch seine Badenden Frauen in Pompeji bekannt. Werke: Venus Anadyomene; Die gefangenen Trojanerinnen; Andromeda; Susanns; Sappho; Desde- mona; Christus auf dem Ölberge; Der Sabbath i» Constantine; Arabische Scheikh, sich zum Kampfe rüstend; Fresken im Palais du Quai d'Orsay in Paris; Kreuzabnahme, in St. Philippe du Roulc ü. S. Mery daselbst. Regnet. Chasseron, Berggipfel des Jura, nicht weit von dem Punkte, wo die Grenzen von Waadt, Ncnenburg u. Frankreich Zusammentreffen, 1587 m hoch; wegen der schönen Aussicht häufig besucht. Okassour (fr.), 1) Jäger. 2) Bei den Franzosen leichter Infanterist; (Masseurs L ekrsvak, die Reiterregimenter, welche neben den Husaren die leichte Reiterei ausmachcn. Sie kommen zuerst 1741 als Carabiniers zu Pferde vor; später erhielt jedes der 24 Dragoner-Regimenter eine Es- cadron Ch-s, welche besonders zum Vorpostendienste verwendet wurde. Schon nach einigen Jahren bildete man jedoch aus diesen Schwadronen 6 Ch.- Regimenter, die 1788 auf 12 u. unter Napoleon noch mehr vermehrt wurden, so daß ihre Zahl 1814 34 Regimenter betrug. Nach vielfachen Veränderungen in der Folgezeit bestanden 1870 13 Regimenter in der französischen Armee (die Garde eingerechnet); bei der Örganisirung nach den: Frieden hat mau 20 Linien-Regimenter errichtet. Uniform: rothe Reithosen, grüne, mit «schnüren besetzte Spencer, die verschiedenfarbige Kragen haben, und kleine niedrige Pelzmützen mit Kalpak mit Fangschnürcn; Waffen: Säbel u. Carabiner. 6Ir-z ä'LU'rigug, leichte Reiter-Regimenter, welche kurz nach der Eroberung Algeriens durch Freiwillige aus allen französischen Cavaleric- Ncgimentern gebildet wurden, um ausschließlich - dhastclaiii. in Afrika verwendet zn werden. Sie bilden 4 Regimenter zn 4 activen u. 3 Depot-Schwadrc- nen u. haben eine Stärke von etwa 4100 Man»; die Ergänzung erfolgt aus schon länger gediente» Soldaten anderer Regimenter; beritten sind sie mit Berbcrpferdcn. Uniform: hellblaue Lilewke mil gelbem Kragen, rothe Mütze u. Pantalons, weißer Mantel; Waffen: Säbel und Carabiner. 6Ir-s st xieä, die durch den Herzog von Orleans (daher sonst auch 6tr-s ä'Orksans) und General d'Ho». dctot ins Leben gerufenen Jäger. Als der Herzog von Orleans von seiner Reise nach Wie» n. Berlin znrückgekehrt war, wurden zuerst nach dem Muster der Tiroler Schützen u. preußischen Jäger in Vincennes (daher auch 6Ir-s äs Vin- osnnss) einige Corps dieser Ch-s errichtet u. bei den Kämpfen in Algerien verwendet, nach u. nach auf 10 Bataillone vermehrt u. zu einer Elite der Armee gemacht. Jedes Bataillon hatte Ursprung- lich 8 Compagnien L 100 Mann, von denen eine die Carabinier-Compagnie hieß, weil sie mit einer Gattung schwerer Büchsen bewaffnet war. Später wurde jedem Bataillon noch eine 9. Compagnie hinzugesügt und jede Compagnie auf die Stärke von 3 Offizieren u. 119 Mann gebracht. 1853 wurden 10 neue Bataillone hinzugesügt u. jedes Bataillon um eine 10. Compagnie verstärkt, so daß das ganze Corps nun aus 25,000 Mann bestand u. in 20 Bataillonen zu 1260 Mann so formirt war, daß 8 Compagnien jedes Bataillons in das Feld rücken, 2 im Depot bleiben sollten. Jetzt hat die französische Armee 30 Jägerbataillone zn 6 activen u. 2 Depot-Compagnien. Rekrutirt wird diese Truppe besonders ans den Gebirgsbewohnern der Auvergne, der Vogesen, Ardennen, Alpen u. Pyrenäen, sowie aus Corsica. Uniform: wie die der übrigen Infanterie, nur stahlgraue statt der rothen Pantalons mit gelben Passepoils; auf dem Czako ein kleiner Busch von Hahnfedern. Neben der Sicherheit u. Schnelligkeit im Schießen, sowie Gewandtheit im Tirailliren wird an ihnen noch besonders der kas Mwnastigus gerühmt, ein Laufschritt, mittels dessen sie zu großer Beweglichkeit und der verhältnißmäßig schnellen Zurücklegung großer Strecken Weges.befähigt sind. ">b- Chasstrcn (v. Fr.), eine Colonne hinab- u. hinauftanzen. Chastelain, George, französischer Chronist, geb. 1405 in der Grafschaft Alost; studirte in Löwen, wandte sich aber dann der Dichtung zu u. führte ein wanderndes Leben an den Höfen mächtiger Herren; 1433 focht er unter Herzog Philipp von Burgund u. schloß sich dann dem Seneschall von Poirou an, für den er Missionen an den bur- gnudijchen Hof übernahm und sich 10 Jahre iu Frankreich am Hofe Karls VII. aufhielt; 1445 ging er an den Hof Philipps des Guten, welcher ihn 1456 zu seinem Rath ernannte. CH. beschäftigte sich darauf mit historischen Studien u. st. 1475. Er schr. Chroniken über die burgun- dische (von Johann ohne Furcht bis Karl den Kühnen) u. französische Geschichte (von Karl VI. bis Ludwig XI.), zuerst herausg. von Buchon iu der 6o11setion äss clwoniguss nationales irany., 1825 ff., n. A., 1837, u. von Kerayn Le Lettenhove, Bruss. 1863 f. ^ 685 Chostcler — Chllteaiibriaiit. Chasteler, Johann Gabriel, Marquis von CH. de Courcelles, österreichischer General, verdient um das Gcuiewesen, geb. 1763 ans dem Schlosse Mulbais im Hennegau; trat 1778 in österreichische Dienste, wohnte dem Bayerischen Erbfolgekriege n. dem Türkenkriege bei u. wurde Major im Ingenieur-Corps. 1792 vertheidigte er das Schloß von Namur 14 Tage lang gegen die Franzosen u. zeichnete sich in mehreren Schlachten aus. 1795 war er als Generalmajor bei der dritten Theilnng Polens thätig u. wurde nach dem Frieden von Campo Formio Gouverneur der Ve- netiamschen Provinzen, 1799 Generalquartiermei- ster der russisch-österreichischen Armee in Italien u. vor Tortona gefährlich verwundet. 1800 erhielt er eine Brigade in Tirol u. entwarf hier Pläne zur Landwehr u. znm Landsturm; 1805 comman- dirte er wieder in Tirol, leitete 1808 die Befestigung von Komorn, erhielt 1809 als Feldmarschalllieutenant das Commando des 8. Corps u. wurde mit einem Theil desselben vom Erzherzog Johann nach Tirol geschickt, um das Land zu insnrgiren und zu vertheidigen. Napoleon befahl, ihn, wo man ihn sände, vor ein Kriegsgericht zu stellen n. binnen 24 Stunden zu erschießen. CH. schlug sich nach der unglücklichen Schlacht bei Wörgl ans Tirol nach Ungarn durch, wurde hierauf Militär- commaudant in Troppan, 1813 Feldzeugmeister u. Gouverneur von Theresienstadt, nach dem Frieden Militärgonverneur von Venedig u. st. dort 10. März 1825. Chataigne, Landschaft Frankreichs, im alten Bourbonnais; durch romantische Bilder bekannt; schwach bevölkert. Chatanga, Fluß im Gouvernement Jenisseis! in Sibirien; mündet nach einem 750 km augen- Lause durch fast ganz menschenleere Gegenden in den CH.-Golf im Eismeere. OliLtssu (fr.), Schloß. Chatcaubonrg, Gemeinde im Arr. Vitre des sranz. Dep. Jlle-et-Villaine, Station der WBahn; vorzügliche Schieferbrüche; 1247 Ew. Chateaubriand, Francois Auguste Vicomte de, berühmter französischer Dichter, geb. 14. Sept. 1768 zu Saint-Malo; wurde 1786 Unterlien- tenant n. 1787 Hanptmann. Als die Revolution begann, war er in Paris u. wurde durch die Gräuel, die er dort mit ansah, derselben bald abgeneigt. Er bereiste 1791 NAmerika u. drang bis zum Stillen Meere vor, kehrte 1792 nach Europa zurück, focht in Condes Heere, wurde bei Thionville verwundet u. flüchtete nach England, wo er von Übersetzen u. Unterrichtgebeu dürftig lebte u. seine schriftstellerische Laufbahn mit einein Vssai snr Iss rövolu- Lons anoivnngs ob mocksrnss begann, welcher in- deß unbeachtet blieb. Nach dem 18. Brumaire kehrte er nach Frankreich zurück. Infolge der Ermahnungen seiner Mutter hatte er sich um 1798 religiösen Ideen zugewendet u. veröffentlichte 1801 ^tala, eine Episode seines Llönis äu Olwistia- visms und eine Frucht seiner veränderten Denkweise. Dieses Buch hatte einen ungeheuren Erfolg u. wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt, deutsch von Kramer. 1802 erschien: Ko Ovolo än Ollristianisms, das die damals wie- dererwachende Religiosität zum Ausdrucke brachte, deutsch von Schneller u. von Ventnrini. Es ist werthlos vom theologischen u. historischen Standpunkte aus betrachtet, aber anziehend durch liebevolle Schilderung der Natur, glänzende, schwärmerische Phantasie. Napoleon, dessen Politik durch ein solches Buch sehr gefördert wurde, ernannte CH. 1803 zum Legatioussecretär in Rom, dann zum Minister bei der damaligen Republik Wallis. Nach der Hinrichtung des Herzogs von Eughien konnte CH. sich nicht dazu verstehen, Napoleon länger zu dienen, n. nahm seine Entlassung (1804). Jetzt faßte er den Plan, ein Werk zu „schreiben, in dem er die poetische u. moralische Überlegenheit des Christenthums über das Alterthum zeigen wollte. Um den Schauplatz der Scenen dieser Epopöe zu sehen n. sich dort zu begeistern, bereiste er 1806—7 Griechenland, Kleinasien, Palästina, NAfrika n. Spanien. 1809 erschien die Frucht dieser Reise: Vos Llartzws, deutsch von Haupt u. Häßler, u. das Itlnsrniro äs varis ä llörusalsm. Der heranuaheude Sturz Napoleons veranlaßte ihn, die Broschüre: Vs vcmapnrto ob clos vonrboas (1814) zu schreiben, mit der er die politische Laufbahn betrat, indem er sich für die Zurückberufung der Bourbonen erklärte. Ludwig XVIII. ernannte ihn znm Minister und im August 1815 zum Pair. Als Staatsmann zeigte CH. ein sonderbares Gemisch liberaler Anschaltungen (er war für den Parlamentarismus n. die Freiheit der Presse) und reaktionärer Grundsätze (Ausschließung der Republikaner u. Bonapartisteu von den Staatsämtern rc.), auch machte er sich großer Jnconsegnenzen schuldig. Er entzweite sich als Anhänger der constitutionellen Monarchie mit Decazes wegen Auflösung der Otmmbrs Introu- vadls u. erhielt 1816 infolge seiner Schrift: Vs In rnonarsbie solon la. ellsrts, Par. 1816, seine Entlassung. Als Decazes fiel, wurde CH. 1820 Gesandter in Berlin, im April 1821 wieder Minister, nahm jedoch im August seine Entlassung. 1822 kurze Zeit Gesandter in London, begab er sich in gleicher Eigenschaft zum Congreß von Verona, wurde 1823 Minister des Auswärtigen u. wirkte als solcher für die energische Führung des spanischen Restaurationskrieges. Mit ViMe entzweit, wurde er im Juni 1824 entlassen. Dinch seine Reden in der Pairskammer u. durch seine Artikel im llonrual äos vödats trug er wesentlich zum Sturze Villbles bei u. gab dem parlamentarischen Leben Frankreichs als Führer der Chartisten einen großartigen Aufschwung. Vornehmlich ging er darauf ans, die Abschaffung der Censur und die Befreiung Griechenlands herbeiznführen. Obwohl er Karl X. bei dessen Regierungsantritte durch seine Schrift: Vo roi sst inort, vivo Is rat, einen nicht geringen Dienst leistete, so war er dem König als Minister wegen einiger liberalen Grundsätze nicht genehm, erhielt aber den wichtigen Gesandtschaftsposten in Rom, welchen er 1829 unter Poliguacs Ministerium, als dieses die Charte bedrohte, anfgab. Nach der Julirevolution 1830 nahm er sich der gefallenen Königsfamilie lebhaft an; deshalb vor Gericht gezogen, wurde er von den Geschworenen 1832 freigesprochen u. wanderte nach der Schweiz aus. Hier lebte er den Studien, als ihn die Gefangennahme der Herzogin 686 CHLteaubriant — von Berry abermals nach Paris zurückrief, wo er seinen ganzen Einfluß zu Gunsten der Gefangenen aufbot. Im I. 1833 u. 1834 begab er sich zu Karl X. nach Prag. Unerschütterlich in seinen politischen Überzeugungen, denen er bereitwillig jede Aussicht auf eine glänzende Stellung im Leben opferte, von der strengsten Loyalität beseelt, hielt er treu zur legitimistischen Partei, trotzdem er eine große Vorliebe für die Republik hatte. Mit literarischen Arbeiten beschäftigt, lebte er zurückgezogen größtenthcils in der Schweiz und st. 4. Juli 1848 zu Paris. In seiner Vaterstadt wurde ihm ein (5. Sept. 1875 enthülltes) Denkmal errichtet. Ch-s Einfluß war in religiöser, literarischer n. politischer Hinsicht von nicht hoch genug anzuschlagender Bedeutung. Zur Wiederherstellung des Katholicismus in Frankreich, zur Erhebung der Bourbonen ans den französischen Thron, auch zu ihrem Sturze hat Niemand mehr beigetragen, als er, und in der Literatur ist er einer der Ersten, die den Schild gegen die Poesie u. Philosophie des 18. Jahrh. erhoben und den Nomanticismns ungebahnt haben. An seinen dichterischen Werken lobt man die Schönheit der Sprache und der Beschreibungen, den Reichthum an phantasievollen Bildern, die Harmonie seiner Perioden u. Verse u. eine große Anzahl schöner Einzelheiten. Aber seine Werke sind ost als Ganzes schlecht angelegt u. voll widersprechender, unverdauter u. abgeschmackter Gedanken n. sonderbarer Ungeschicklichkeiten (z. B. ist die Maschinerie des antiken Epos auf die christliche Mythologie in den Llartz-rs angewendet, u. das Zeitalter Ludwigs XIV. von einem Indianer geschildert). Er schr. außer den oben erwähnten Schriften: Ls- tisxions snr gnslgnss broolnirss ckn sonr, Par. 1814; Osinnrgnss snr Iss affaires än Moment, ebd. 1818; Nsm. toneliant 1a vis st 1a mort än Duo äs Herr/, ebd. 1820; Os roi est mort, vivs 1s roi, ebd. 1824; Os I'abolition äs 1a vsn- «nre, ebd. 1824; Os la rsstanration st äs 1a monarelüs elsetivs, 1831; OonArss äs Vsrone, 1838, 2 Bde., u. viele andere politische Schriften, Reden rc.; LIs1an§ss littsrairss (enthalten: Os 1'^nZIeterrs et äss Xn§1. u. Ossai snr 1a litt. anj-I.); Oa vis äs Hanes, 1844, rc.; Lonvenlrs ü'Italis, ä'XnAlstsrrs et ä'Xmsrlgns. Lond. 1815, 2 Bde., deutsch, n. Ausg. von Lindau, Dresd. 1816; Oss Xatebsr, 1825; Oes avsnturss äu äsrnisr äss XbsnosrraZss; er übersetzte auch Milton (1837). Für seine sämmtlichen Werke (1826) erhielt er von Ladvocat 550,000 Fcs. Die beste Ausgabe seiner sämmtlichen Werke ist die von Krabbe, Par. 1851, 16 Bde.; übersetzt sind sie von Kronfels, Schnetzlcr u. A., Freib. 1827 — 32, 53 Bde. Nömoirss ä'outrs-tombs, Par. 1849—50, 12 Bde., deutsch von L. Meyer, Lpz. 1852, 4 Bde. Geschrieben haben über CH.: Scip. Marin, Ölst, äs la vis st äss onvraxss äs Ll. äs Olr., 1833, 2 Bde.; Lomenie, Oaleris äss eontsmporains illnstres, Bd. 1, u. in der Osvus äss Oenr Nonäss, 15. Juli, 1. Sept. 1848, Sainte-Beuve; Vinet, Otnäes snr la litt, kr. au, 19. sisels, Bd. 1; Villemain in der Rs- vns äss Osnx Llonäes, 1. Mai 1854, u. U. äs Oll., sa vis, sss eerits ete., Par. 1858; Mayer, CHLtcau-la-Tour. Geschichte der französischen Nationalliteratnr von 1789—1837. VMM.« Chateaubriant, Hauptort des gleichnamigen Arr. iin franz. Dep. Unter-Loire, ain Cher u. dem See von Grande-Lien; altes Schloß; Gericht 1 . In, stanz; Serge- u. Lederfabriken, Pastetenbäckerei, Eisengießereien; große Viehmärkte, Handel mit Eisen, Steinkohlen und Holz; 5111 Ew.; dabei Eisensteingruben. Chäteaubrun, JeanBaptisteVivien deC,, franz. Dramatiker, geb. 1686 zu Angouldme; war Naltrs ä'lmtsl des Herzogs von Orleans u. Mitglied der Akademie. Er st. 16. Fcbr. 1775. C. schr. Tragödien, in denen er Racine nach, ahmte, an einigen Stellen mit Glück: Xlalmmet II., Par. 1715; Oss Orog-snnss, ebd. 1756; Oiulo- stets, ebd. 1756; Xst^anax, 1755. Oeuvres oiioisiss äs Oli. et äs Onimcmä äs la Oouede, ebd. 1814. Volchert. Chäteau-Cambresis, so v. w. Cateau Cam- bresis. Chäteau-Chinon, Hauptort des gleichnam. Arr. im franz. Depart. Nievre, an der Nonne (unfern deren Quellen), Station der Lyoner Bah»; Gericht I. Instanz; Quincaillerie, Gerbereien; Wein-, Vieh- u. Getreidehandel; 2623 Ew. Ch.- Ch. soll das Alosincum der Alten sein, u. der Name Ch.-Ch. soll von Oastrnm oaninnm (Hundestall) Herkommen, weil man die Ruinen eines alten Schlosses zu einem Stall gebraucht hätte. Chateau d'Jf, Schloß u. sonst Staatsgefäng- niß ans der Insel Jf in der Bai von Marseille, Depart. Bauches du Rhone. Mirabcan saß hier gefangen. Chateau d'Oleron (Le Chateau, CH. dn Bonrg), Stadt im Arr. Marennes des franz. Dep. Charente infcrieure, auf der Insel Oleron; Hafen; Salzhandcl; Schiffbau; 3328 Ew. Chateau d'Ocx (deutsch: Ösch), Flecken und Hauptort des Bezirkes Pays d'en haut im schweiz. Kanton Waadt, an der Saane, 994 m ü. Meer; hübsch gebaut; klimat. Kurort; 2520 Ew. Chäteau-du-Loir, Stadt im Arr. St. Calais des franz. Dep. Sarthe, am Loir, Station der Orleans-Bahn; guter Weißwein; Fabrikation von Hansleinwand, Gerberei; Handel mit Nüssen, Maronen, Eicheln; 2877 Ew. Chäteaudnn, Hauptort des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Eurc-et-Loir, am Loir, Station der Orleans-Bahn; Gericht I. Instanz; Bibliothek; Schloß; Fabrikation von Serges u. Etami- nes, Wolldecken und Hüten; 6552 Ew. Am IS. Octbr. 1870 wurde der verbarricadirte Ort von der 22. deutschen Division erstürmt, wobei derselbe sehr litt. Chätean-Gontier, Hanptort des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Mayenne, an der schiffbaren Mayenne; Gericht I. Instanz; gothische Kirche; Fabrikation von Serge, Leinwand u. Hüten, Wachs- n. Leinwandbleiche; Handel mit Eisen, Holz und Wein; Mineralquelle; 7048 Ew. Hier 27. Ott. 1793 Schlacht zwischen den Vendeern n. Republikanern, wo Letztere unter L'Echelle geschlagen wurden. Chätcau-Lafitte, so v. w. Lafitte. Chatcau-la-Tour, so v. w. Latour. Chntcauün Chateaulin, Hauptvrt des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Finisterre, an der Aulne, von hier an CH. genannt, Station der Orleans-Bahn; Gericht I. Instanz; kleiner Hafen; Mineralquelle; Handel mit Vieh n. Schiefer; Sardellenfischerei; 3339 Ew. Chäteau-Margaux, Domäne mit Schloß bei Norbcaux im franz. Dep. Gironde; ausgezeichnet durch ihre Weine; wurde 1874 vom Herzog von Aumale fllr S'/s Mill. Fcs. gekauft. Chateauneuf, 1) CH.-en-Bretagne, Gem. im Arr. St. Malo des franz. Dep. Jlle-et-Vilaine, in Slimpscn; 699 Ew.; das Fort dabei hat bombenfestes Pulvermagazin u. Kasematten. 2) Ch.- sur-Loire, Stadt im Arr. Orleans des Depart. Loiret, Station der Orleans-Bahn und Orleans- Chälons; Tuch-, Zucker- und Essigfabrikation; wichtige Märkte; 3308 Ew. 3) Dorf im Arr. Riom des Dep. Pup de Dome; mehrere Sauerbrunnen von 24 bis 31° k., auch kältere; 96V Ew. 4) Gem. im Arr. Chäteanlin des Dep. Finisterre, an der Aulne; Schieserbruch, Eiseugrube; Bienenzucht; Honighandel. Märkte; 2998 Ew. 5) Ch.- sur-Charente, Stadt im Arr. Cognac des Dep. Charente; Wollenspinnerei; Steinbrüche; 3750 Ew. Über die Schlacht bei CH. 1569 s. unt. Jarnac. 6) CH.-snr-Cher, Städtchen im Arr. St.-Amand des Depart. Cher, Station der Orleans-Bahn; Vieh- u. Wcinhandel; 2683 Ew.; in der Nähe Eisenwerke. 7) CH.-en-Thymerais, Gem. im Arr. Drenx des franz. Dep. Eure-et-Loir; Leinwandspinnerei; 1423 Ew. Hier 18. Nov. 1870 siegreiches Gefecht der Deutschen unter dem Großherzog von Mecklenburg gegen die Franzosen. Chöteauponsac, Gem. im Arr. Bellac des franz. Depart. Haute-Bienne, an der Gartempe, Station der Orleans-Bahn; 3751 Ew. Chätcaurenard, 1) Gem. im Arr. Montargis des franz. Dep. Loiret; Tuchfabrik; Wollen- u. Safranhandel: hydraulische Kardenfabrikation; 2542 Ew. 2) Gem. im Arr. Arles des franz. Dep. Bouches du Rhone; Maulbeerpflanzung, Weinbau; 5708 Ew. Chatcaurenault, Stadt km Arr. Tours des stanz. Dep. Jndre-et-Lvire, an der Bronne, Station der Orleans-Bahn; wichtige Gerbereien, Leimfabrikation, Drainröhren; bedeutender Handel mit Korn u. Leder, Märkte; 3870 Ew. Chnteanronx, Hanptort des gleichnam. Arr. u. des franz. Dep. Jndre, an der Jndre, Station der Orleans-Bahn; altes Schloß; Departementsbehörden, Gericht I. Instanz, Handelsgericht; Lpceum, Lehrerseminar; Ackerbaugesellschaft; Bibliothek von 10,000 Bbn., Botanischer Garten; Fabriken in Tuch, Drognen, landwirthschaftlichen Instrumenten, Tabak und Eiscnwaaren; Korn- u. Viehhandel; lithogr. Steine; 18,670 Ew. Gebaut im 10. Jahrh. von Raoul v. Deols. Chateau-Satins (deutsch: bisweilen Salzburg), Hauptstadt des gleichnam. Kreises im Bezirke Lothringen des Reichslandes Elsaß-Lothringen, au der kleinen Scille; Eisenbahn von hier nach Nancy; Glassabrikation, Gipsmühle; das ehem. große Salzwerk ist nach Dieuze verlegt; Wein-, Obst-, Hopfen- u. Tabakbau; 2149 Ew. Chatean-Thierrh, Hauptort des gleichnam. — CHLtelet. 687 Arr. im franz. Depart. Aisne, an der Marne, Station der OBahu; alterthümliche Kathedrale; Gericht I. Instanz; Historische u. Gartenbaugesell- schaft; Zellengefängniß; Fabrikation mathcmat. u. mnsik. Instrumente, Haararbeiten, Färberei; Schaf-, Wein-, Korn- u. Holzhandel; 6623 Ew.; dabei 2 eisenhaltige Mineralquellen; Geburtsort Lafontaines. Das Schloß gehörte einst den Grasen von Vermandois, u. Graf Heribert hielt hier 923 König Karl den Kahlen gefangen. König Karl VI. erhob CH.-Th. zur Pairie u. Karl IX. 1566 zu einem Herzogthum. Hier den 12. Febr. 1814 Nachtrabgefecht zwischen dem 1. preuß. Armeecorps u. Napoleon, für die Preußen ungünstig. Chatel, 1) Jean, geb. 1575 in Paris; stn- dirte in dem Jesuitencollegium zu Clermont und machte 1594 einen Versuch, den König Heinrich IV. zu ermorden, während derselbe bei Gabrielle d'Estrees war, verwundete ihn jedoch nur an der Oberlippe. Er wurde geviertheilt, seine Familie auf mehrere Jahre verbannt u. ihr Wohnhaus niedergerissen; die Jesuiten, denen man Schuld gab, ihn zu dieser That verleitet zu haben, wurden ans dem Lande verwiesen. 2) Ferdinand Toussaint Franxois, franz. Kirchenreformator, geb. 9. Jan. 1795 in Gannat; wurde 1818 Vi- car der Kathedrale von Moulins, dann Pfarrer in Manetay, Almosenier des 20. Infanterieregiments u. 1823 der königl. Garde. Er gab kurz vor der Jnlirevolntion die religiöse Oppositionsschrift: Im rökormatsnr, heraus u. vorlor infolge der Aufhebung der königlichen Garde seine Stelle; 1830 eröffnete er einen Betsaal in seiner Wohnung u. später in geräumigen Localen, wo die von ihm gebildete LZIIss oatiioligns kranyams (Neu- französische Kirche) schnell Eingang fand,,obwol der Papst eine Art Bann gegen sie erließ. Über die naturalistischen Grundsätze u. die Schicksale dieser religiösen Gemeinschaft s. n. Gallicanische Kirche. Nach der Aushebung seiner Kirche 1842 ging er nach Brüssel, wo er 1843 den Rökormabsur rsll- Kisnic herausgab, der aber unterdrückt wurde, u. nun begann er einen Specereihandel. 1848 nach Paris zurückgekehrt, machteer einen Versuch, seine Freie Kirche ins Leben zurückznrufen, dieselbe wurde aber 1850 wieder polizeilich verboten. Er wendete sich dann wieder seinem Handelsgeschäfte zu u. ertheilte danach Unterricht. Er st. 18. Febr. 1857. CH. schr.: kroksvsion äs koi äs I's§Iiss oscklwli- gns kranyL.ss, Par. 1831; LuooloAns (Agende fllr seine Kirche); Onbsoknsms s, I'nsaAs äs l's- Mss oakd. krau?., 1835; Iw äsisino; Im vooabion äs In kemms; I/sänoakion antioovmls äss ss- mirmirss, äss kierss iAnoranbrns eb äss oonvonts; 6oäs äs lünmanibs, Par. 1838. i--* Chäteldon, Gem. im Arr. Thiers des franz. Depart. Puy de Dome, unweit der Vereinigung des Dore u. des Allier; Weinbau; 2 kalte Eisenquellen, nur zum Trinken benutzt; 1900 Ew. Chatelct (eigentlich kleines Schloß), ein ehedem zur Befestigung von Paris dienender Thurm, in welchem ein Gerichtshof, welcher unter den Untergerichten die erste Stelle einnahm u. in Civil- u. Criminalsachen Recht sprach u. die Polizei verwaltete, seinen Sitz hatte. Das CH. lag in dem altrömischen Theil von Paris (Im vills). Es hieß Ü83 CHLtelct — 6ranä 61,., zum Unterschiede von Dstit 6K., einem anderen Gerichtshöfe bei der Universität, der 1684 mit ersterem vereinigt wurde. Die berüchtigten Gefängnisse des letzteren wurden in der Revolution zerstört. Chatelet, Stadt im Arr. Charleroi der belg. Provinz Hennegau, an der Sambre; Tuch, Woll- zeuge, gute Messer, Nägel und Töpferwaaren; 7150 Ew. Chätclet, Gabrie Emilie, Marquise du CH. Lomont, geb. le Tonnelier de Breteuil, sranz. Schriftstellerin, geb. 17. Dec. 1706 in Paris; lernte schon als Kind lateinisch, englisch und italienisch, wurde frühzeitig an den Generallieutenant CH. ver- heirathet u. war Freundin Voltaires, welcher auf ihrem Gute Cirey längere Zeit lebte, aber später von St. Lambert verdrängt wurde; sie st. 10. Aug. 1749 zu Luneville. Sie trieb besonders Mathematik n. Astronomie u. schr.: lostütntions äs pkMqns, Par. 1740; Dissertation srrr ia naturs än ksa, 1744; übersetzte Newtons Drinoipia, Par. 1756, 2 Bde. rc.; Dsttrss, 1806. Wichtiges über sie findet man in Voltaires Oorrssxouäurws, in den von Frau Louise Colet in der Rsvns äos Dsnx Nonäss 1845 herausgegeb. Briefen, in Frau Dudeffands Dorrssponännes, Sainte-Beuve, Oan- soriss än Imnäi sto. Bolchert? Chätelguyou, Dorf im Arr. Riom des sranz. Dep. Puy de Dome; Weinbau; Mineralquellen von 24" U., Badeanstalt; 1660 Ew. Chatelincäu, Ort im Arr. Charleroi der belg. Prov. Hennegan, Station des Grand Central u. der belg. Staatsbahn; Eisenfabriken; Steinkohlengruben; 5193 Ew. Chateklcrault, Hanptort des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Vienne, an der Vienne, Station der Orleans-Bahn; Gericht I. Instanz, Handelsgericht; Börse; Fabriken inMessern,Scheeren,Waffen (1800 Arbeiter) und Uhren, Serge, Etamin, Spitzen, Leder, Leinwand, Wachsbleichen; Tuffbrüche; Wein-, Mehl- u. Eisenhandel; 15,606 Ew. — CH. war die Stadt des Vicomte Chätellerodois. Als die Vicomtes im 14. Jahrh. ausstarben, kam es an das Haus Harconrt u. Normandie, dann an Anjou u. durch König Ludwig XI. an die Krone; 1491 gehörte es wieder verschiedenen Häusern, wie den Grafen von der Marck u. dem Hause Bourbon. König Franz I. erhob es für den Connetable Franz von Bourbon zu einem Herzogthnm. 1538 wurde es mit der Krone ver- einigt, aber Heinrich III. versetzte es an den Herzog von Montpensier, u. es war lange Privatbesitzthum, seit 1552 der Herren von Hamilton, beim Ausbruche der ersten Revolution des Herzogs von La Trcmouille. Chätcl St. Denis (deutsch Castels), Markt- flecken im schweiz. Kanton Freiburg u. Hauptort des Bezirkes Veveyse, an der Veveyse, mit Wald- reicher Umgebung; im Pfarrbezirke 2330 Ew., welche Alpeuwirthschaft, Holz- und Käsehandel treiben. Auf einer Anhöhe liegt eine Burg, im 12. Jahrh. burgund. Lehen der Familie Frnance. Chatenay, Flecken südlich unweit Paris, am OAbhange des Bois deVerrieres; 800 Ew.; Geburtsort Voltaires. Er ist eine Ansiedelung des Lemplerordens. - CHLtllloil. Chathnm, 1) Stadt (Marktflecken) in de, engl. Grafschaft Kent, am Medway, eigentlich Vorstadt von Rochester, durch uneinnehmbare Festungswerke geschützt, Hauptstation der Flotte; Ingenieurschule; größtes Seearsenal in Eng. land, Schiffswerft, Docks, Kasernen, Magazine; 44,135 Ew. Vgl. Shepey. 2) County im nordamerikanischen Unionsstaate Georgia, unt. 32° n. Br. u. 81" w. L.; 11,279 Ew.; Countysitz: Savannah. 3) County im nordamcrik. Unionsstaate NCarolina, u. 35° n. Br. u. 79° w. L; 19,723 Ew.; Countysitz: Pittsborough. 4) Sitz des Kent County von WCanada; 4466 Ew. 5) C.-Jnseln, eine kleine, u. 43" 38'bis 44° 46' südl. Br., im Stillen Ocean liegende u. sich von 177"—179° w. L. erstreckende Inselgruppe. Sie wurden 29. Nov. 1791 vom Lieutenant Broughton entdeckt. Die Hauptinsel CH. soll 240,000 ka Land enthalten, indessen liegt ein etwa 50 üm langer Salzsee im Innern. Boden u. Klima find im Allgemeinen gut; Weizen gibt reiche Ernten, und Pferde, Rinder n. Schweine gedeihen vorzüglich; Bauholz jedoch fehlt gänzlich. Unter den Eingeborenen befindet sich eine deutsche Mission und eine von Nen-Seeland. Chatham, William Pitt, Graf von CH., s. Pitt. . > ' Chatib (türk.), Geistliche in der Türkei. Chätillorr, 1) CH.-les-Bagneux, Dorf im Arr. Sceaux des franz. Dep. Seine, südwestl. von Paris; 1800 Ew. 13.Oct. 1870 wurde hier ein Ausfall der Pariser Besatzung von den Bayern zu« rllckgeschlagen. Der Ort wird mit in dis neuen Befestigungen von Paris hineingezogen. 2) Ch.-sur Jndre, Stadtim Arr. Chateauroux des franz. Dep. Jndre, an dem Jndre; 4 Messen; 3643 Ew.; die Umgegend heißt Brenne. 3) CH.-sur-Loire, Städtchen im Arr. Gien des Dep. Loiret, Station ver Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn; Gerbereien, Böttcherei; Marmor, Kalk; Markte; 3041 Ew. 4) Ch.- sur-Seine, Hauptort des gleich,,. Arr. im Dep. Tote d'Or, Station der OBahn u. der PariS- Lyon-Mittelmeer-Bahn; Gerichtl. Instanz,Handelsgericht; Bibliothek, gallo - römisches Museum; Hochöfen, Eisenhämmer, Papierfabrikation, Gerberei, Wachsbleicher«, Mühlen; lithogr. Steine; 4797 Ew.; ehemals Residenz der Herzöge von Burgund. Hier Unterhandlungen zwischen Napoleon n. den alliirten Monarchen, vom 3. Febr. bis IS. März 1814 (der sog. Congreß von CH.), ohne den Krieg zu unterbrechen; s. Russisch-Deutscher Krieg gegen Frankreich. Am 19. Nov. 1870 überfiel hier Ricciotti Garibaldi mit etwa 10,000 Manu Frei- schaaren das Landwehr-Bataillon Unna u. eine Es- cadron des 5. Reserve-Husaren-Regiments. Der Stadt wurde dafür eine Kriegs-Contribntion voul Will. Fcs. auferlegt. 5) CH.-snr-Sdvre, Gem. im Arr. Bressuire, Dep. Deux-Sevres, am Quin, unweit der Sevre; Fabriken in Leinwand, Flanell, Taschentüchern, Gerbereien; Viehhandel; 1356 Ew. Hier 5. Juli 1793 Sieg der Vendeer über die Republikaner; s. Vendeekrieg; 9. u. 10. Oct. 1793 Sieg der Republikaner über die Vendeer (s. ebd.). Chätillon, altes franz. Geschlecht, nach dem Dorfe CH atillon-snr-Marne benannt. Renaud v. CH. zog 1147 mit Ludwig VII. nach Palästina, ChLtillon - vermählte sich 1152 mit Constanze, Vohemunds ll. Tochter, u. wurde deshalb Fürst von Antiochien; er machte Raubzüge nach Cypern und Ägypten, ward aber von Saladin gefangen u. 1187 eigenhändig getödtet. Gancher von CH., Graf von Porcean, geb. 1250; wurde 1286 Connetable von Champagne u. 1302 Connetable von Frankreich; er erfocht 1304 den Sieg über die Flandrer bei Mons, begleitete 1307 Ludwig X. nach Navarra u. bewirkte dessen Krönung zu Pampluna; ward 1316 Executor des Testaments Ludwigs X., schloß 1324 u. 1329 Frieden mit den Engländern u. siegte 1328 bei Mont-Cassel; er st. 1329. Chatillon, 1) Henri Guillaume, ausgezeichneter franz. Kupferstecher und Maler, geb. 1780 zu Paris, Schüler von Girodet und Gi- rardet; sungirte längere Zeit als Professor an der Militarschule zu St. Cyr u. stach den heil. Michael und die Madonna mit dem Fisch, nach Rafael, den Endymion, die Sappho, Bion und Moschus, Anakreon, fämmtlich nach Girodet; Das dem Äskulap gebrachte Opfer; Medon u. Angelica, nach Guerin rc. 2) Auguste de, franz. Dichter u. Maler, geb. 15. Mai 1810 in Paris; entzog sich den Folgen der Februarrevolution durch längeren Aufenthalt in Mexico, schrieb 1855: Hin §rauä' xinto, eine Reihe von lyrischen Gedichten im Volkstone, wobei ihm seine Bildung als Maler zn Statten kam, welche es ihm möglich machte, feine Gedanken plastisch zu gestalten. Regnet. Chatou, Ort im Arr. Versailles des franz. Dep. Seine-et-Oise, an der Seine, Station der WBahn; 2662 Ew. Chatouilleur, in franz. Theatern angestellte Personen, welche in Lustspielen das Publicum bei gewissen Stellen zum Lachen anreizen müssen, gewissermaßen Vorlacher, eine Art Claqueurs. lümtouilleux (fr.), kitzlich, reizbar, empfindlich. Chatoulle rc. (v. Jtal.), s. Schatulle rc. Chatre, La, Hauptort des gleichn. Arr. im sranz. Dep. Jndre, am Jndre; Gericht I. Instanz; Hospital; Wollenmanufacturen, Bleicherei, Gerberei; Kastanien- u. Viehhandel; 4928 Ew. Chatria», s. Erckmann-Ch. Chatsworth, Dorf in der engl. Grafschaft Derby, am Derwent; prachtvolles Schloß des Herzogs von Devonshire mit Gemäldesammlung u. Park (einer der schönsten in England, 15 Lw im Umfange) mit 80 m hoch springenden Wasserkünsten u. Gewächshaus von Paxton (90 m lang i>. 20 m hoch). Das Schloß war 13 Jahre lang Gesängniß der Maria Stuart. Chattahoochee, 1) Fluß in den nordamerik. Unionsstaaten; entspringt auf dem Blne-Ridge (Blaues Gebirg) im County Habersham (Georgia), durchströmt die Goldregion von Upper-Georgia, bildet dann die Grenze zwischen Georgia u. Alabama und vereinigt sich nach einem Laufe von lvv Lm in Florida mit dem Flint-River, den Apprlachicola-River bildend; er ist 8 Monate des Jahres für Dampsboote schiffbar. 2) County im nordamerik. Unionsstaate Georgia, u. 32" n. Br. n. 84° w. L.; 6059 Ew.; Countysitz: Cusseta. Chattak (Chittak), britisch-ostindisches Handels- grwicht ^ 58,g A od. 900 engl. Troy-Grän. Chattanooga, Poststation im Hamilton County Pierers Umvsrsal-Conversatioiis-Lexikon. k. Ausl. I' - Chauccr. 689 des nordamerik. Unionsstaates Tennessee; mehrere Eisenbahnverbindungen; Manufactur; 6100 Ew. Am 23.-25. Nov. 1863 schlug hier der nordamerikanische General Grant in blutiger Schlacht die Conföderirten unter Bragg. Auch die 19. u. 20. Sept. 1863 geschlagene Schlacht von Chica- mauga wird Schlacht bei CH. genannt. Chatten ((Latüi, a. Geogr.), so v. w. Katten. Chatterton, Thomas, engl. Dichter und Schriftsteller, dessen frühreifer Genius n. trauriges Ende ihm einen bedeutenden Namen erworben haben, geb. 20. Novbr. 1752 in Bristol; war Schreiber daselbst. Er verfaßte früh Satiren, gab 1768 eine alte Beschreibung der Brücke von Bristol heraus, dann Dichtungen in alter Sprache, die er Rowley u. anderen älteren Dichtern unterschob, vorgebend, er habe sie in alten Einbänden, die ihm zufällig in die Hände gekommen wären, ans Pergament geschrieben gesunden, und so getreu waren seine Nachahmungen, daß man sie selbst heute nur annimmt, aber nicht Nachweisen kann. Trat doch sogar James Bryant für die Echtheit der Gedichte Rowlcys ans in seinem Werke: Obsorvations npon tüs pooins ok blls Uov. Rorrls/, Lond. 1781, 2 Bde. Da CH. damit bei Walpole keine Aufnahme fand, ging er nach London; 1770 vergiftete er sich in Redcliff aus Mangel. Werke, neueste Ausg., Lond. 1803, 3 Bde., französisch von I. Pagnon, Par. 1840, neuere n. vollständige Ausgabe, ebd. 1871, 2 Bde. Vgl. Wilson: 6ü., a i>io§ra,pinoal sbaäv, London 1869, u. (Lüs pootneal rvorics cck P. 6ü. lvitü an ossa^ on büs Rorvls^ Loews "VV. V. 8ksat, anä a Nswoir L. Bell, ebd., neueste Ausg. 1875, 2 Bde. Das Leben Ch-s ist von Vielen geschrieben worden; doch die beste u. sympathetischste Skizze ist die von Professor Masson (s. d.) in seinen Gesammelten Lssa^s; Lebensbeschreibung von Püttmann, Barm. 1840, 2 Thle. Bartling ' Chattooga, County im nordamerik. Unionsstaate Georgia, unter 34° n. Br. u 85° w. L.; Mineralquellen; 6902 Ew.; Hanptst.: Summerville. Lkaeturus IL., Pflanzengatt, der Imbiabas- Ltaoü^äoas (XIV. 1), mit dichten Halbquirlen von Blüthen in den Achseln der Lanbblätter, gestielten, grob gesägten, am Grunde ganzrandigen, unterseits graufilzigen Blättern; Blüthen mit lOnervigem Kelche, kahler Blumenkronenröhre, vertiefter Oberlippe, fast gleich langen Staubblättern n. scharf-3kantigen Clausen. Oll. Narrnbiasbrnm Lo-ib., mit aufrechtem, ästigem Stengel, länglichen Blättern u. außen weißhaarigen, von den Kelchzähnen überragten Blumenkronen; an Zäunen u. in Gebüschen, vorzugsweise in Dörfern. Engler. Chauccr, Geofsroy, Vater der engl. Dichtkunst, geb. vermnthlich um 1340 zn London. Aus seinen Werken ergibt sich, daß er eine gediegene Bildung erhielt, wenn auch ein Studium in Oxford nicht erwiesen ist. 1359 trat er in die Armee ein u. wurde im folgenden Jahre durch ein Lösegeld aus franz. Gefangenschaft befreit. 1367 ernannte ihn der König zum Vnlst, später zum Fqnisrs (Junker) u. schickte ihn als Gesandten nach Genua. Zwei Jahre danach erhielt er die einträgliche Stelle als Zollamtscontroleur. Seine Gattin war Ehrendame der Königin u. er selbst Band. 44 690 Chaudesaigues bei Hofe sowol unter Eduard III., als unter Richard II. sehr beliebt. Als Letzterer infolge eines polit. Umschwunges in seiner Gewalt beschränkt wurde, verlor CH. die Stelle beim Zollamte und war von da an in beständiger Geldverlegenheit. Er st. 25. Oct. 1400, nachdem kurz zuvor sein geringes Gehalt erhöht worden war, u. wurde in der Westminsterabtei beigesetzt, woselbst ihm später auch ein Denkmal errichtet wurde. CH. gab der engl. Literatur eine ganz neue Richtung. Er war, wie erwähnt, ihr Vater in doppelter Beziehung, indem er erstens der eigentliche Schöpfer der engl. Sprache ward, dadurch, daß er die beginnende Verschmelzung des Angelsächsischen mit dem Französischen in ein System brachte n. indem er außerdem die Dichtkunst von krankhafter Romantik zum gefunden Realismus führte. Sein Hanptvorbild war ohne Zweifel Boccaccio, doch llbertraf er ihn in vieler Beziehung. Sein letztes, ausgezeichnetstes Werk schrieb er unter dem Titel: vantsrdnr/ lalss (Cantcrbnry - Erzählungen). Nächstdem sein bestes ist: Iroilns anä vrsssiäa, welcher Gegenstand später auch von Shakespeare, der überhaupt CH. Vieles dankt, bearbeitet worden. Von den übrigen Dichtungen Ch-s sind noch zu nennen: lals ol 8ir Ikopas, eine Parodie; lüo VsAonäs ok xooä Women; Urs Oonrt ok Vove; Ido vonss ok Haine rc. Nachdem CH. so ziemlich vergessen worden war, lenkte Tyrrwith durch seine Herausgabe der lalos ok Oantordnrx (London 1775), zuerst wieder die Aufmerksamkeit auf ihn. In neuerer Zeit hat sich ein CH.-Verein in London gebildet mit der Aufgabe, seine Werke zu sichten u. Klarheit über diese n. ihren Schöpfer zu verbreiten n. hat zu dem Zwecke eine Reihe von Schriften herausgegeben. Eine gute Übersetzung der Can- terbury - Erzählungen ist von Hertzberg erschienen, Hildburgh. 1866. Sein Leben beschrieb Godwin, Lond. 1803; Nicolas 1844; Gomont, Par. 1847. Vgl. Pauli, Bilder aus Alt-England, Gotha 1860; Kissner, CH. in seinen Beziehungen zur italienischen Literatur, Bonn 1867; B. ten Brink, CH., Studien zur Geschichte seiner Entwickelung und zur Chronologie seiner Schriften, Münster 1870; Mamroth, G. CH. u. seine Zeit u. seine Abhängigkeit von Boccaccio, Bresl. 1872; Carpenter, VnAÜsIi ok 14. osntnrz-, illnstrs-tsä dz- nobos on 6d-s vroloAus anci Lol^dts lals, Lond. 1873. Chaudesaigues, Gemeinde im Arrondissement St. Flonr des französischen Departements Cantal; Fabriken von Wollen- n. Strnmpfwaaren, Leder u. Leim; 5 schon den Römern als Lgnao valentes bekannte Warmquellcn von 57—81,s° 0., wenige Salz- und Eisentheile enthaltend, zum Trinken n. Baden, sowie zu Wollwäscherei benutzt; 3 primitiv eingerichtete u. schwach besuchte Badehäuser; 1721 Ew. Chaudet, Antoine Denis, sranz. Bildhauer u. Maler, gcb. 31. März 1763 in Paris; bildete sich in Italien nach antiken Vorbildern (Rafael u. Michel Angclo), wurde nach seiner Rückkehr Professor der Sculptnr an der Pariser Akademie n. war namentlich für Napoleon beschäftigt; er starb 19. Apr. 1810 in Paris. CH. ist mehr geistreich als tief, mehr zart u. graziös als streng u. correct u. war seit 1806 Mitglied der Akademie. Werke: — Chmidordy. Der sterbende Soldat, Relief am Pantheon m Paris; Der öffentliche Unterricht, kolossale Gruppe, 1796; Errettung des Ödipus; Cincinnatus; Paul u. Virginie; Belisar; Der Friede; Sensibilität; Die Überraschung; Statue Napoleons, bis 1815 ans der Bendomesänle in Paris, später zu einer Statue Heinrichs IV. eingeschmolzen; Statue Napoleons im Berliner Museum; die Büsten von Leroi und Sabathier rc. Von seinen Gemälden wären zu nennen: Äneas u. Anchises; Esther; Britanniens; Athalie. Regnet.' Chaudey, AngeGnstave, sranz.Journalistn. Advocat, geb.5.Oct.1817zuBesoul (Haute-Saone); studirte in Paris die Rechte u. wurde 1840 Licen- tiat. 1845 wurde er Nedactenr dcrvrosso u. gab nun verschiedene von großem Scharfsinn zeugende Broschüren heraus: Hn eonsorvatonr, 1846; Va 6riss politigns, 1847; Vs 1a Isrination cl'uns vöritabls Opposition oonstitntiovslls, 1848; Vs I'stadlissomsnt äs la Rspndliqns, 1848 rc. An der Revolution von 1848 nahm er Äntheil als eifriger Anhänger Lamartines u. des Generals Cavaignac. Nach der Wahl L. Napoleons zum Präsidenten ließ er sich in die Advocatnr von Vesoul anfnehmen, und nach dem Staatsstreiche ging er in die Verbannung. In der Schweiz wurde er Hauptredacteur des Rspndlieain Üonk- olrätslois. 1853 durfte er nach Frankreich zu- rückkehren, seit 1856 ging er in Paris seinem Berufe als Advocat nach, wurde 1860 Mitredac- tenr des vonrrisr än vimanolts, verweigerte aber standhaft jede Candidatur zum Gesetzgebende» Körper, um nicht den Eid ans die kaiserl. Verfassung leisten zu müssen. Er war wegen seiner Ruhe u. Anspruchslosigkeit allgemein in Paris beliebt u. arbeitete die Statuten der Arbeitergenossenschaften aus. Vor dem letzten Plebiscit, 8. Mai 1870, veröffentlichte er eine Broschüre, worin er die Ünmöglichkeit des parlamentarischen Kaiser- thums nachwies. Nach der Revolution vom 4. Sept. 1870 wurde er Maire eines Arrondissements u. widersetzte sich dem Attentat der Communarde» ans das Stadthaus 31. Oct.; darauf wurde er Adjunct des Maire von Paris, reichte aber nach dem Abschluß des Präliminarfriedens in Bordeaux seine Entlassung ein und redigirte mit Cernuschi den Lisols, welcher der Republik u. der Ordnung das Wort redete. Unter dem Vorwände, daß er 23. Jan. 1871 Befehl gegeben habe, ans das Volk zu schießen, wurde er im April von den Gewalthabern in Paris verhaftet u. ans Befehl Raoul Riganlts, des Procnrators der Commune, 23. Mai erschossen. Volchert.' Chandieres, Nebenfluß des Lorenzo-StromeS in der canadischen Prov. Quebec, 145 Icm lang; bildet nahe der Mündung prachtvolle, über 30 m hohe Wasserfälle. Chandordy, Emile, Graf v., franz. Diplomat und Publicist.j war seit 1850 Attache der franz. Gesandtschaft rn Rom, dann bei anderen Höfen, 1866 Beamter im franz. Ministerium des Auswärtigen; trat nach dem Sturze des Kaiserthums in den Dienst der repnblican. Regierung, vertrat das Ministerium des Auswärtigen in den Delegationen von Tours n. Bordeaux n. that sich während des Krieges mit Deutschland durch seine Po- Chauffeurs - ftmik gegen Bismarck hervor, indem er ans die Deutschen falsche Beschuldigungen häufte. Ohne Erfolg suchte er eine Vermittelung Englands zwischen Deutschland und Frankreich herbeizuführen; 1871 wurde er in die Nationalversammlung gewählt, 1873 aber zum Gesandten in der Schweiz, wo er sich durch seine Agitation zu Gunsten des päpstlichen Stuhls unmöglich machte, u. 1874 zum Gesandten in Spanien. Henne-Am Rhyn. Chauffeurs (fr.), räuberische Banden in Frankreich, des. im Revolutionskriege, die plündernd umherzogcn und die Überfallenen durch Knebeln u. Brennen an der Fußsohle zur Nennung des Ortes zu vermögen suchten, wo sie ihr Geld versteckt hatten. Chanken (a. Geogr.), großes, dem Sachsen- stamme angehöriges Volk an der Küste der Nordsee von der Ems bis zur Elbe, durch die Weser in die Großen (wahrscheinlich an dem westlichen Ufer) u. Kleinen CH. getheilt; als Stammfeinde der Cherusker waren sie den Römern Freund, als diese aber in ihrem Gebiete Festungen an- legen wollten, verjagten sie dieselben. 71 leisteten sie dem Civilis gegen die Römer Hilfe, u. eine Schaar derselben wurde bei Zülpich vernichtet. Noch bis zur Völkerwanderung werden sie öfter bei Einfällen in das römische Gebiet genannt, so 858 n. Chr. Chauliae, s. Gny de Chauliac. Chaulieu, Guillaume Amfrye de CH., französischer Dichter, geb. 1639 auf dem Schlosse Fontenay; trat in den geistlichen Stand und erhielt als Abt reiche Pfründen. Er kam früh nach Paris, wo sein im Bezirke des Vempls gelegenes Haus das Stelldichein vieler geistreichen Epikureer wurde (La Fare, Voltaire). Mit seinem Epikureismus u. seinen oft incorrecten, aber anmnthigen u. lebhaften Gedichten, die ihm den Beinamen des Lnaoreon äu Psmxls einbrachten, steht CH. in scharfem Gegensätze zu der Frömmelei und der majestätisch steifen und correcten Poesie seiner Zeit. Er st. 27. Juni 1720. Seine Werke (nebst denen von La Fare) sind oft heransg. worden: vonFouquet, Par. 1774, 2 Bde.; Fauriel, 1813 rc.; Lemontey, 1824; Hourdon, 1825 rc. Volchert. Chaulnes, Gem. im Arr. Peronne des franz. Dep. Somme, Kreuzungspunkt der Linien Ter- gnier-Amiens u. Picardie-Flandern; Baumwollen- manusactnren, Bleichen; 1165 Ew. Chaumette, Pierre Gaspard, genannt Auaxagoras, franz. Revolutionär, geb. 24. Mai 1763 in Revers, wurde 1789 Schreiber bei einem Procnrator in Paris, erhielt Zutritt in der Gesellschaft der Cvrdeliers, wurde Mitherausgeber des Journals: Vss Rsvolutions äs Varls; er zeichnete sich als wllthender Redner bes. in den August- n. Septemberereignissen 1792 aus u. wurde darauf Procnrator der Pariser Gemeinde. Er interessirte sich bes. für den Cultus der Vernunft, bewirkte die Einsetzung des Revolutions- tribunals und die Errichtung der Revolutions- armee. Als zur Partei der Hebertisten gehörend, ward er auf Befehl Robespierres eingekerkert u. 18. Apr. 1794 hingerichtct. Chaumiere (fr.), 1) Strohhütte; 2) ländliche Hütte in Parks u. dgl. — Chaussard. 69 l Chaumont, 1) CH.-en-Bassigny, Haupt- ort des gleich«. Arr. und des franz. Dep. Haute- Marne, Station der OBahn, auf einem Hügel in der Gabel zwischen der Suize u. Marne; Departementsbehörden, Gericht 1 . Instanz, Handelsgericht; Lyceum, Lehrerseminar; Bibliothek (40,000 Bände), Botanischer Garten; Jndnstrie- u. Ackerbaugesellschaft; Fabriken in Handschuhen u. Messern, Wachsbleichen, Gerbereien; Korn- u. Holzhandel; 8600 Ew. — Hier Vertrag (Quadrupel Allianz) auf 10 Jahre, worin Rußland Österreich, Großbritannien u. Preußen am 1 . März 1814 ihre Verträge erneuerten u. einander beizustehen u. den Weltfrieden herzustellcn versprachen; s. Russisch-Deutscher Krieg gegen Frankreich. 2) CH.-en-V exin, Gemeinde im Arr. Beauvais des Dep. Oise, an der Tro'ösne, Station der WBahn; Torfproduction; 1269 Ew. 3) Schloß in der Dauphine, in dessen Nähe man 1613 ein kolossales Grab entdeckte mit der Inschrift: Vouto- boobus Vsx; über das darin gefundene Skelett schrieb Habicot seine 61§antostsolo§is, Par. 1613, die viele Streitschriften zwischen ihm u. Niolau hervorrief. 4) Berg des Jura im schweiz. Kanton Neuenbnrg, westl. bei Neuenburg, 1172 m hoch, von Neuenburg in 1^ Stunde bequem zu besteigen, mit prachtvoller Aussicht auf die ganze schweiz. Alpenkette und die davorliegende Ebene u. Seen; großer Gasthof nahe der Spitze; Luftkurort. Channy, Stadt int Arr. Laon des franz. Dep. Aisne, an der Mündung des Kanals von St. Quentin in die hier schiffbare Oise, diese mit der Somme verbindend, Stat. der NBahn; Fabrikation von Spiegeln, Leinwand, Seife, Zucker, land- wirthschaftl. Instrumenten, Eisen- u. Kupferschmelzen, Gerberei; 8800 Ew. Chaus, so v. w. Snmpflnchs. Cljausay, Inseln in der Bai von Cancale, zum Arr. Avranches des franz. Dep. La Manche gehörig; Befestigungen, Leuchtfeuer; Granitbrüche; viele Kaninchen. Chaussard, Pierre Jean Baptiste, franz. Schriftsteller, ged. 8. Oct. 1766 in Paris, Ad- vocat; nahm. als eifriger Revolutionär der damaligen Sitte gemäß einen lat. Namen, Publi- cola, an, ging 1792 als Commissär des Boll- ziehnngrathes nach Belgien, betrieb Belgiens Vereinigung mit Frankreich, wurde aber von dem General Marasse 1793 wegen Willkürlichkeiten nach Frankreich zurückgeschickt; hier wurde er Se- cretär bei der Mairie m Paris, dann beim Wohlfahrtsausschüsse, Generalsecretär des öffentlichen Unterrichtes, 1803 Professor der Schönen Wissenschaften in Rouen, in Örleans, in Nrmes und endlich an der Universität in Paris. Durch die Restauration verlor CH. seinen Posten; er st. 9. Jan. 1823 in Paris. CH. schr.: Vlisorio äss Isis oriminsllss, Par. 1789; Vs l'^IIomLAns st äs la inaison ä'L.utrisks, Brüss. 1792, 3. A., 1800; Usiuoirss sur 1a rsvol. äs la Lolxlqus, 1793; Vs 1'eäuoation ävs pouples, 1793; V'osprit äs lllirabsau, Par. 1797 u. 1804, 2 Bde.; Vs nouveau Viabls boitsux, 1799, 2. Bde.; Vssai pbilos. sur 1a äi^nits äss arts, 1798, 4 Bde.; Hist, äss sxpsäitions ä'^Ioxanärs (eine gute 44 * 692 Chaussee Übersetzung des Arrianos), ebd. 1802, 3 Bde.; 81- bUotksgus pasiorals, ebd. 1803, 4 Bde.; äsanne ä'7l.rs, ebd. 1806, 2. Bde.; I-ss L-ntsnors mo- äsrnss, ebd. 1807, 3 Bde.; 8s kansamLs krany., 1807; sein bestes Werk ist: 8oötigus sseonäuirs, «u sssai äräastigus sur Iss ^snrss äoni II lässt pas kg.1t msntion äans lg, postigus äs 8o1Isgu; 1817. Außerdem hat mau von CH. viele geschätzte patriotische Gedichte, in denen er Lebruu nachahmte, aber dessen Feuer u. Kraft nicht erreichte, (I/inänstris st Iss arts das beste). Seine Übersetz. der Oäss ä'llorges u. s. Otwix äs xoösiss l^r. äs solällsr sind unvollendetgeblieben. Volchert? Chauffce (fr.), Damm, Dammweg, Kunststraße, Hauptstraße; s. Straßenbau. Chausseegelder (Weggelder, Straßenman- then), sind die von den Fuhrwerken aller Art für die Benutzung der öffentlichen Kunststraßen eingehobenen Gebühren. Die CH. werden gewöhnlich pro Stück des die Manthschranken passi- renden Zugviehes, od. auch nach dem Gewichte der Wagen von den eigens dazu bestellten Chansseegeldeinnehmern, welche öfter das Geschäft von den Mauthberechtigten gepachtet haben, erhoben. Es gibt staatliche, Privat- u. Geincinde- Straßenmauthen, letztere besonders in England, wo aber auch die Herstellung und Erhaltung des Straßenwesens ausschließlich Gemeindeangelegenheit ist. Privatmauthberechtigungen bestehen noch in den östlichen Staaten Europas u. werden von den Negierungen insbesondere an größere Gutsbesitzer vergeben, welche aus ihren Territorien aus eigenen Mitteln Straßen für den öffentlichen Verkehr bauen u. die Verpflichtung ihrer Erhaltung tragen. Dagegen sind in den westeuropäischen Staaten die Straßenmauthen immer mehr im Verschwinden begriffen. In Frankreich, in der Schweiz, in S- u. WDeutschland sind dieselben aufgegeben. Es hat zur Aufhebung dieser den Güterverkehr ungerecht drückenden u. vielfach belästigenden Besteuerung einerseits die Erkenntniß geführt, daß ein gutes Straßenwesen eine allen Staatsangehörigen zu Gute kommende öffentliche Angelegenheit, daher auch aus den allgemeinen Staatseinkünften zu bestreiten sei, u. anderseits der durch die Fortschritte des Eisenbahnwesens hervorgernfene Umstand, daß die Chausseegeldeinnahmen meist nicht einmal mehr die Erhebungskosten, viel weniger aber die Straßenerhaltungskosten zu decken vermögen. In Preußen ist vom 1. Januar 1875 an die Erhebung von Chansseegeld auf den Staatsstraßen eingestellt, u. zeigen sich auch Gemeinde-Wegeverbände bereit, darauf zu verzichten. Namentlich ist dies in der Provinz Hannover der Fall. Im Königreich Sachsen wird dessen Aufhebung angestrebt. Maurus. Chauffier, Franxois, geb. ,1746 in Dijon, einer der vorzüglichsten sranz. Ärzte seiner Zeit, nicht zu verwechseln mit zwei gleichnamigen Ärzten derselben Familie u. fast derselben Zeit, Denis u. Bernard; studirte in Besanyon, promovirte 1780, hielt in seiner Vaterstadt Vorlesungen über Anatomie n. Physiologie, die bald seine Ernennung zum Professor veranlaßten und ihm 1794 einen Ruf nach Paris verschafften, um dort mit^ Fourcroy die Reorganisation der medicinischen ^ - Chaiwcau. Lehranstalten in die Hand zu nehmen, welche bis dahin zusammenhangslos neben einander gestanden hatten. Die Frucht dieser Verhandlungen war der Entwurf zur Gründung der Keolss äs sants u. der neuen medicinischen Facultät, die besonders dem Mangel an guten Feldärzten abhelfen sollte». Achtundzwanzig Jahre lang wirkte er hier in der segensreichsten Weise im Lehrfache der Anatomie u.' Physiologie. 1804 wurde er Ärzt an der LI», ternitö u. Professor der Chemie an der Polytech- irischen Schule, zu deren raschem Ansblühen er nicht wenig beitrug, verlor aber 1822 zugleich mit Pinel, Dubois und Dergenettes bei der Reorganisation der Medicinischen Schule u. Facultät seiire Professuren, bekam infolge der Aufregung über diese Zurücksetzung einen Schlaganfall, kränkelte seit der Zeit u. st. 9. (19.?) Juni 1828. CH. ist Begründer des organischen Vitalismns. Seine Schriften, namentlich die über Physiologie und gerichtliche Medicin, stellen ihn in die vorderste Reihe; zu erwähnen sind: Nstbaäs Ls trsätsr Iss morsnrss äss Luimaux snragss et äs 1a vipsrs, suivis ä'nn prseis sur In xnstuls waliAnv, Dijon 1785; Lxpositiorr sommairo äss mnsolss snivant 1a dasslüeation et In uomon- olaturs msttroäigns aäoptses rc., Dijon 178g; lablss sgmoptiguss, Par. 1799—1826, das trefflichste und nützlichste seiner Werke, das auf 25 Blättern die allgemeine Zoonomie behandelt; Ro- snsll äss proArammss äss opsrations ebimi- gnss st plrarmLssntiguss, grri ont vts sxsentöös anx gurgis msäleaux äs 1809—10; Lssnsil nnn- tomigus L 1'USLAS äss gsnnes ASN8 sto., Par. 1820; Rseneils, msmoirss, sonsnltations et rax- ports sur äss objsts snr msäsoins legale, Par. 1824. TbamhM. Chautauqua, 1) CH. Lake, See im nordamerikanischen Unionsstaate New-Dork, 26 lim lang, 2—6 km breit, 394 m über dem Spiegel des Atlantischen Oceans (der höchst gelegene schiffbare See auf dem amerikanischen Continent); lebhafte Dampfschifffahrt. 2 ) County im nordame« rikan. Unionsstaate New-Dork; durchzogen vom Ch.-Gebirge; Mineralquellen;59,327Ew.; County- sitz: Magsville. Chauvean, 1) Adolphe, franz. Rechtsgelehrter, geb. 20. Mai 1802; studirte die Rechte in Poitiers, wurde 1823 Advocat in Paris, 1830 Advocat beim Staatsrath u. Cassationshofe und 1838 Professor des administrativen Rechtes in Toulouse, wo er im Mai 1869 starb. Er veröffentlichte zahlreiche Schriften, darunter: Mworis äu 6oäo pönal, 1834—43, 8 Bde., 5. A., 1873, 6 Bde.; die Fortsetzung von Carrbs 8ois äs I» proesänrs eivils, 7 Bde.; auch gründete er mehrere Journale. 2 ) (Ch.-Lagardc) Claude Franx. d e,berühmterfranz. Advocat, geb. I767zu Chartres; vertheidigte die von dem Revolutionstribunal zum Tode bestimmten Opfer, soLudwigXVI., dieKönigin Marie Antoinette, Charlotte Corday, Miranda u. Brissot,». wurde deshalb unter der Schreckensherrschaft ins Gefängniß gesetzt, bis ihn der 9. Thermidor befreite. Nach der Rückkehr der Bourbonen urdwe er geadelt, 1828 Rath am Cassationshofe, von welcher Stelle er später zu Gunsten seines Sohnes, Pierre Aimb Urbain de CH., zurücktrat; Chauvelin - «r st. 1841 in Paris; CH. schrieb u. a.: Hotios llistoriguo, snr Is proess äs Llaris ^ntoinstts, 1816 ; silxposs äs In oonäults än Asnsral Lon- usirs, 1816 (dessen Sache er während der Hundert Tage geführt hatte). Chauvelin, Francois, Marquis de, franz. Staatsmann, geb. 29. Nov. 1766; diente beim Ausbruch der Revolution im Heere, wurde 1791 erster Adjutant Rochambeaus, 1792 Gesandter in London, kam zur Zeit des Terrorismus ins Ge- sänguiß, wurde nach dem 18. Brumaire Mitglied des Tribunals, später Präsect des Dep. der Lys, 1811 Staatsrath und als Generalintendant nach Catalonien gesandt, nach der Restauration Repräsentant in der Deputirtenkammer. Nach seinem Austritt aus der Kammer 1829 lebte er zu Ci- teaux bei Nuits, wo er mehrere Fabriken gründete, die jedoch nicht recht gedeihen wollten. Durch seine Opposition gegen die Bourbonen trug er zum Ausbruch der Revolution 1830 bei. Er st. an der Cholera 9. April 1832. Oliauvs-souris (fr.), 1) Fledermaus. 3) Mas- kenanzug. Chauvinismus, in Frankreich bes. der zur Schau getragene politische Enthusiasmus für die Institutionen des ersten u. für die Ziele des zweiten Kaiserreiches, namentlich für die Gewinnung der Rheingreuze mit Kampf gegen Deutschland aus Leben und Tod bis zur Erreichung dieses Ziels. Der Name soll Herkommen entweder von Charles le Chauve (Karl d. Kahle), weil die die Wegnahme von Metz, Toul u. Verdun vertheidi- gende Staatsschrist Ludwigs XIV. sich auf die Ansprüche jenes Karl berief; oder von einem franz. Oberstlienteuant Chauvin, welcher 1814 bei der Loirearmee stand u. gegen jeden Frieden in Zeitungsartikeln protestirte, welcher nicht die Rheingrenze bei Frankreich lasse; oder von einer Anzahl alter Soldaten des Namens Chauvin, welche, nachdem sie nach der Auflösung der Loirearmee (1815), ins bürgerliche Leben getreten waren, sich durch ihre Vergötterung Napoleons u. blinde Verehrung des Kaiserreiches bemerkbar machten. Bes. volksthümlich wurde der Name durch Scri- bes lls solänt lallonrsnx, dessen komischer Held Chauvin für Napoleon I. kindisch schwärmte, i-- Chaux de fonds, La, stadtähnlicher Marktflecken u. Hauptort des gleichn. Bezirkes im schweizer. Kanton Neuenburg, in rauher, öder, unfruchtbarer Gegend, 998 ra über d. Meere, nahe der franz. Grenze, Station u. Verwaltungssitz der Jura-Bahn; das größte Dorf der Schweiz, regelmäßig gebaut, mit palastähnlichen Häusern, schöner Hauptkirche, geschmackvoller neuer deutscher Kirche, Casino, Theater, Stadthaus, Amthaus, großem Schulgebäude; Institut für arme Mädchen; Freimaurerloge: I/'amitis; 19,930 Ew. (1834 zahlte der Ort nur 6560 Seelen). CH. ist weltberühmt wegen seiner Uhren u. mechanischen Instrumente. Den Grund zur Uhrenfabrikation, welche den bei weitem größten Theil der Einw. beschäftigt, legte der Schmied u. autodidaktische Mechaniker Jean Richard gegen Ende des 17. Jahrh. Größere Bedeutung gewann dieselbe um die Mitte des 18. Jahrh. Die jährliche Ausfuhr an goldenen u. silbernen Taschenuhren aus CH. u. - Chayavar. 693 der Nachbarstadt Locke beträgt jetzt durchschnittlich 300,000 Stück. Außerdem befassen sich viele Ew. mit den Kunsthandwerken, als Bildschnitzerei, Goldschmied- und Emaillirkunst, Petschierstecherei, Verarbeitung von Krystall, Achat rc., mit der Fabrikation von chemischen, mathematischen u. chirurgischen Instrumenten, Galanterie- und Bi- jouteriewaaren. Die bekannten Automatenfabri- kanteu Droz, Vater u. Sohn, u. der Maler Leopold Robert sind in CH. geboren. Chaves, Stadt im Distr. Villareal der ehem. portugiesischen Provinz Tras-os-Montes, am Ta- mega, nahe der span. Grenze (Galicien); über den Fluß führt eine alte römische Brücke von 18 Bogen; salzige heiße Quellen u. stark besuchte Bäder, schon von den Römern gebraucht (Xgu»s siäavias); Getreide-, Flachs-, Seidenbau; 3300 Ew. Hier 18. Sept. 1837 Niederlage der Chartisten durch General Des Antas. Chaves, Emanuel de Silveira Pinto de Fonseca, Graf v. Amarante, Marquis v., portugies. Staatsmann, geb. in Villafranca; focht 1809—14 gegen die Franzosen, wurde 1823 Haupt der Jnsurrection für Dom Miguel, für den er in Chaves eine prov. Regierung und ein kleines Heer bildete, zog siegreich an dessen Spitze in Lissabon ein u. wurde dafür vom absoluten König Dom Miguel zum Marquis von CH. ernannt. Nach dem Siege der Sache Dom PedroS betheiligte er sich 1826 wieder bei der Gegenrevolution, proclamirte Dom Miguel I. als König in Villareal, die Königin-Mutter als Negen- tin u. errichtete in Tavira eine Regieruugsjuuta; indeß konnte er sich bei seinen eigenen Leuten nicht halten u. mußte fliehen. Nach der Ernennung Dom Miguels zum Regenten 3. Juli 1827 wirkte er wieder für dessen Erhebung zum König u. kehrte 1828 nach Portugal zurück; von Dom Miguel jedoch mit schwarzem Undanke behandelt, verfiel er in Melancholie u. st. 7. März 1830 in Lissabon. Oiisvica Mch. (Name aus den Sanskrit), Pflanzengatt. aus der Fam. der kipsraesas (LLII. 2), mehrjährige Pflanzen mit kletterndem Stengel, länglichen od. herzförmigen Blättern u. denselben gegenüberstehenden, eingeschlechtlichen Blüthenkol- ben mit schildförmigen Deckblättern; männliche Blüthen aus 2 Staubblättern bestehend; weibliche Blütheu mit 3—6lappiger Narbe; die sitzenden Beerenfrüchte sind mir der Blüthenstandachse u. den Deckblättern zu einem fleischigen, cylindri- schen Kegel verwachsen. Diese kommen als langer Pfeffer (Lixsr 1on§um) in den Handel u. dienen als scharfes Gewürz. Arten: Oll. oD- narum mit kurz gestielten, länglichen, fieder- nervigen Blättern; auf den Molukken. Oll. Rox- bm-Allii mit herzförmigen, 5—7nervigen Blättern; in Bengalen. Engter. Chavill e, Flecken im Arr. Versailles des franz. Dep. Seiue-et-Oise, Station der WBahn; Stahlwerk; 2310 Ew. Chawas (Kavas, türk.), eine irreguläre Truppe des türkischen Heeres, welche, durch freiwillige Werbung gebildet, als Geusdarmerie zu Fuß dient. Chayavar, Wurzel von Oläsnlanäia umllsl- leta Lowb., (s. d.). 694 Chayote - Chäyote, Frucht von Lsollium oänis, (s. d.). Chazal, Pierre Emauuel Felix, Baron, belg. General n. Kriegsminister, geb. 1808 in Tarbes, franz. Dep. Hautes-Pyrenbes, kam nach dem Sturze des Kaiserreiches 1815 mit nach Belgien n. wurde zum Kausmannsstande bestimmt. 1830 leitete er in Brüssel ein Tuchgeschäst, das er jedoch, von der Revolution mit fortgerissen, anfgab, um eine Stellung bei der Verwaltung der belgischen Armee anznnehmen. Kurz danach wurde er Generalintendant der Armee, erhielt nach der definitiven Organisation des Heeres das Commando eines Infanterieregiments, rückte bald darauf zum Generallieutenant auf u. wurde 1846 Adjutant des Königs. Nach dem Sturze des katholischen Ministeriums, Aug. 1847, wurde er Kriegsminister. Als 1850 eine von der Kammer erwählte Commission eine Volksbewaffnung an Stelle der stehenden Armee zu setzen Vorschlag, widersetzte er sich dieser Absicht, zog sich die Mißgunst des liberalen Ministeriums zu und mußte sein Portefeuille niederlegen. Doch übernahm er dasselbe im April 1859 wieder u. erwarb sich dadurch, daß er die Neubefestigung von Antwerpen durchsetzte, ein wesentliches Verdienst um Belgien. Infolge der Herausforderung eines Deputaten u. darauf folgenden Zweikampfes 1866 sah er sich genöthigt, seine Entlassung zu nehmen. Während des Deutsch-Franz. Krieges 1870 hatte er das Commando des mobilen Corps, welches die belgische Neutralität zu sichern hatte, u. erhielt darauf das Commando der 2. Division in Brüssel. Schroot.* Chckzaren(Chasaren, beiden OrientalenChosar), nach ihren eigenen Erzählungen Abkömmlinge des Chosar, des 7. Sohnes von Japhet, der eine Stadt, Atel, an der Mündung der Wolga gebaut habe; sind wahrscheinlich türkischen Stammes u. werden bei Jornandes Agazzir (Akatziri, Akatiri), Kaziri genannt. Als tapferes, mächtiges Volk von griech. u. lateinischen Schriftstellern geschildert, das von Viehzucht, Jagd und Raubzügen lebte, ursprünglich auf der kaukasischen Landenge zwischen dem Kaspischen Meere (von den Arabern u. Persern das Meer von Chosar genannt) u. dem Mäoti- schen See wohnte, südwärts aber bis an die kaspi- schen Thore sich ausdehnte, getheilt in Stämme mit eigenen Fürsten, die aber wieder unter einem allgemeinen König, Chakan, standen, kommen sie unter dem Namen Akatziri zum ersten Mal 212 nach Chr. vor, bei einem Einfälle in Armenien. Beim Übergange der Hunnen über die Wolga wurden sie deren Bundesgenossen, von Attila aber unterworfen u. nach dessen Tode von den ugrischen Völkern. Zu Anfang des 6. Jahrh. müssen sie wieder ein freies Volk gewesen sein, da sie als Freunde des byzantinischen Kaisers Anastasios I. (491—518) genannt werden und der Perserkönig Kosru Annschirwan gegen sie die kaukasische Mauer aufführen ließ, welche sie aber gleichwol mehrmals überstiegen; 625 schloß der CH.-Chakan mit dem Kaiser Heraklios ein Bündniß gegen den Perserkönig, ehelichte auch des Kaisers Tochter Eudoxia. Die CH. drangen damals bis Medien vor. Gegen Ende des 7. Jahrh. erstreckte sich ihr Gebiet von der Wolga bis zum Bug, nachdem sie die ugrischen — Chrcks. Völker unterworfen hatten, denen nachher noch Slaven am Dnjepr u. an der Oka, die Poljänen Sjewerier, Wjatitschen rc. folgten, während nach Asien hin ihre Herrschaft bis über die kaukasische» Pässe reichte, von denen aus sie häufige Einfälle in Armenien, Medien rc. machten. Mit den Byzantinern aber standen sie auf bestem Fuße, ja CH. wurden als Leibwache nach Constantinope! gezogen, u. der Kaiser trug bei großen Feste» chazarische Kleidung, wogegen die CH. von dort her den Baumeister zur Stadt Sarkel (jetzt Bje- lajaweza) u. den Constantinus von Theffalonich (nachher Cyrillus genannt) als Lehrer im Christenthum erhielten. Die Ch.-Chakane, wie die Großen des Volkes, waren vom Islam zum Ju- denthnm übergetreten, ließen aber jeder Religion im Staate Gerechtigkeit widerfahren. Gegen Ende des 8. Jahrh. unterwarfen sie sich noch die slld- u. südwestliche Gegend der Halbinsel Krim, so daß sie, ein paar den ORömern gehörende Küstenstädte ausgenommen, die ganze Krim besaßen ». zu Anfang des 9. Jahrh. ihr Reich in seiner höchsten Macht von der Wolga u. dem Kaspische» Meere an über die kaukasische Landenge, die Krim, SRnßland bis in die Moldau und Walachei erstreckte; außerdem waren ihnen noch im NW. ihrer Grenzen eine Reihe von slavischen Völkerschaften tributpflichtig. Jndeß schon gegen Ende des 9. Jahrh. begannen die Russen, Petschenegen u. Uzen ihre Angriffe auf das Reich der CH., das von da an auch mehr u. mehr abnahm u. im 10. Jahrh. sich schon auf ein bedeutend kleineres Gebiet nach N. u. W. hin beschränkt sah. 964 erkämpfte Swajatoslaw einen gewaltigen Sieg über die Wjatitschen (in den heutigen Kreisen Kaluga, Tula u. Orel) u. darauf 965 bei Bjeloweza über die CH. selbst, nahm ihnen die Festung Sarkel ». die sog. chazarischen Landschaften auf der kaukasischen Landenge, u. endlich 1016 verloren sie alles übrige Land an die Russen u. Byzantiner, welche sie gemeinsam unter Mstislaw von Tmntarakan bekämpften. Seitdem sind die CH. bis auf einen kleinen, zum Jndenthum sich bekennenden Theil (was übrigens auch noch nicht festgestellt ist) aus der Geschichte verschwunden, nur in einzelnen russischen Ortsnamen noch Spuren ihrer Herrschaft zurücklaffend. Vgl. Frähn, llixosipba äs Olmsaris, Petersb. 1821, u. Desselben lim Ms^ian, Petersb. 1823; Cassel, Magyar. Alterthümer, Berl. 1848. Lagai. Chazor (a. Geogr.), Grenzfesie des Königs Salomon im N. von Palästina; war bis auf De- borah kanaanitische Königsstadt n. wurde vom assyr. König Tiglath-Pilesar erobert; jetzt Tell- Hazur. Cheatham, County im nordamerikanischen Unionsstaate Tennessee, u. 36° n. Br. u. 87" w. L.; 6678 Ew.; Countysitz: Kingston. Cheüoygnn, County im nordamerikanischen > Unionsstaate Michigan, u. 45" n. Br. u. 84° w. ! L.; 2196 Ew.; Countysitz: Duncan. - Checiny, Stadt im russisch - polnischen Gouv. f Kielce; Bergschloß; Correctionshaus; Silber- und Bleibergwerke u. Marmorbrüche; 5230 Ew., meist Juden. ChoSs (engl.), 1) in England Anweisungen Cheer — i von Kaufleuten u. Privaten an die Banken oder Bankiers, mit denen sie in Rechnung stehen, zahlbar bei Sicht. Die Formulare werden von den Bankhäusern selbst geliefert. 2) Leinwandartige, blau- u. weißgewürfelte Gewebe, die in England, Sachsen, Schlesien u. Böhmen verfertigt werden u. vorzüglich nach Westindien u. Amerika gehen. Es gibt baumwollene, leinene u. von beiden gemischte. Cheer (engl.), Freuden- oder Hochruf. Obel (fr.), 1) Haupt, sowol von Personen, als von Sachen, z. B. Oll. ä'osuvrs, Meisterwerk, Hauptwerk. 2) Erster iu der Ordnung, bes. auch einer Familie. 3) Der Befehlshaber eines Heeres oder einer einzelnen Truppenabtheilung; so: OK. äs llri^uäs, Brigadechef; Oll. äs llataillon, äs oomxassnis, Bataillons-, Compagniechef rc.; Oll. ä'osoaäron, Escadronschef, in der französ. Armee Befehlshaber einer ans 2 Compagnien, welche Capitäne befehligen, bestehenden Escadron; gehört schon zu den Stabsoffizieren. 4) Oberster Beamter eines Verwaltungszweiges oder eines Bureau, so v. w. Minister oder Director. 5) Inhaber oder Vorsteher eines größeren kaufmännischen Geschäftes, einer Fabrik oder dgl. Chrhalis, County im nordamerikan. Unionsterritorium Washington, unter 46" n. Br. u. 124" w. L.; 401 Ew.; Countysitz: Montesano. vboilantkes Am., Pflanzengattnng aus der Fam. der Lol/poämosa.s - Lok^poäisas, ausgezeichnet dadurch, daß die nackten Häufchen von Sporangien den verdickten Nervenenden aufsitzen u. von dem zuriickgeschlagenen Rande des Blattes bedeckt sind. Arten im Mittelmeergebiete u. Asien: Oll. kruZrano ÄooL. fOll. oäora Krv.), mit grau-grünen, starren, Allerseits von Spreuschuppen bedeckten, eiförmigen oder länglichen, 2—3sach fiederschnittigen Blättern; auf trockenen Felsen u. Mauern des Mittelmeergebietes. Engler. Cheilitis (gr.), Lippenentzündung. Cheiloplastik (v. Gr., Chir.), Lippenbildung, die Bildung einer neuen Lippe, Ober- od. Unterlippe, durch Verschiebungen der Haut ans der nächsten Umgebung mit oder ohne Lappenbildung, wenn die betreffende Lippe durch Verschwärung, bösartige Neubildung (z. B. Krebs, besonders an der Unterlippe), oder Verletzungen (Schnitt-, Hieb-, Schußwunden, Verbrennungen rc.) zerstört wurde. E. Berns. lüieirsntims L., Pflanzengatt, aus der Fam. der Orusiksras - Xralliäsas (XV. 2), Kräuter > oder Halbsträucher, von zweitheiligen, seltener von sternförmigen Haaren bekleidet, mit länglichen oder linealischen Blättern, ziemlich großen, gelben, in Trauben stehenden Blütchen mit aufrechten Kelchblättern, lauggenagelten Blumenblättern, langer Mutiger oder zusammengedrückter Schote mit einnervigen Klappen; Samen einreihig mit dem Würzelchen anliegenden Keimblättern. Von den 12 im mittleren u. südlichen Europa, in NAfrika, WAsien, Himalaja n. NAinerika heimischen Arten ist der in SDeutschland wild wachsende Oll. ellsiri L. (Goldlack, Gclbvcigelein) eine allbekannte u. beliebte Culturpflanze. Oll. anunus u. inoanus s. u. Nattlllola. Engler. Cheiridöta (gr.), mit Ärmeln versehenes Untergewand, später Chorrock der Geistlichen. Chclidonin. 695 Chcirobalistra (gr.), Handballiste, Armbrust oder Handschlender. Cheiron, s. Chiron. llbeiroptsra (Olliropbera), Handflügler. tllioirotonoiu (gr. Ant.), in Athen die Abstimmung iu Volksversammlungen mit ausgestreckter Hand; s. u. Athen (Ant., S. 272). Chcky, türkisches Gold- u. Silbergewicht, — 321,29 §» Obsiss (v.Gr.),1) Scheeren; bes. 2) die Scheeren der Krebse u. Skorpione. Oll. 8. OnAukas Oan- ororum waren früher officinell; sie bestehen ans kohlensaurem u. phosphorsaurem Kalk u. etwas organischer Materie, sind also wahrscheinlich meist wirkungslos gewesen. Chelard, Andre Hippolyte, franz. Com- ponist, geb. 1. Febr. 1789 in Paris; wurde am Pariser Conservatorium gebildet und ging 1811 nach Italien, kehrte aber 1816 nach Paris zurück u. erhielt eine Stelle als Violinist bei der Großen Oper; 1827 wendete er sich nach Deutschland u. brachte 1828 in München seine Oper Macbeth zur Aufführung, wofür er den Titel eines Hofkapellmeisters erhielt; 1832 u. 1833 war er Kapellmeister der Deutschen Oper in London unb wurde 1840 Kapellmeister in Weimar. 1852 pensionirt, lebte er eine Zeit lang in Paris, kehrte dann nach Weimar zurück u. st. hier 12. Febr. 1861. Er componirte die komischen Opern: Ls. sasa äa vsn- äsrs (1815); La. tallls sb Is loAsmenb (1829, später umgearbeitet als: Der Student); Mault: (1830, 1839 nmgearbeitet als: Mitternacht); die heroischen Opern: Macbeth (1827); Hermannsschlacht (1834); ferner: Scheibentoni (1841); Die Seecadetten (1842); Messen u. a. Brambach.' Chelerythrin (Sanguinarin, Chelin; Chem.) Oig L^IstOz, ein in den Wurzeln der LanKnllraria eanaäsnsia und des Schöllkrautes (Ollslläonium masus) vorkommendes Alkolo'td. Es krystallisirt in farblosen, aus feinen Nadeln zusammengesetzten Warzen, die beim Trocknen undurchsichtig werden, in Wasser nicht, dagegen in Alkohol, Äther, flüchtigen u. fetten Ölen leicht löslich sind. In alkoholischer Lösung schmeckt das CH. brennend scharf; sein Staub reizt heftig zum Niesen. Clären. ebsliäonis (gr. Ant.), Fest aus Rhodos, im Boedromion gefeiert, an welchem Knaben, von Haus zu Haus gehend, um eine Gabe baten, indem sie ein Lied (Ollslläonisma) absangen, welches auf die Ankunst der Schwalben Bezug hatte. Chelidonrä (a. Geogr.), 5 kleine felsige Eilande im Mittelmeere, zwischen Rhodos u. Kypros, dem Chelidonischen Vorgebirge (Ollslläonium Lromon- torium) in Lykien gegenüber; sie theilten das Lykische Meer von dem Pamphylischen; jetzt Sche- lidan Adasst (türk. Vilajet Koma). Chelidomn (Chem.) OlgH„lllgOg, Alkaloid, welches neben Chelerythrin (s. d.) in der Wurzel und dem Kraute des Schöllkrautes (Ollsll- äoillum mazus) vorkommt. Es bildet farblose, glasglänzende Tafeln, die bei 100" zwei Molecüle Krystallwasser verlieren, geruchlos sind, bitterund nachher kratzend schmecken. Schmelzpunkt: 130". Es ist in Wasser unlöslich, iu Alkohol u. Äther nur schwierig, leichter löslich in fetten u. flüchtigen Ölen. In kleinen Tosen wirkt es nicht giftig. Clären. 696 OüoIiüoniuTii — Chelvck. Okelläonium D., Pflanzsngatt. zur Fam. der Pa- paveraceen (XIII. 1), Kräuter mit gelbem Milchsäfte, mit zweiblätterigem, abfallendem Kelche, 4 gelben Blumenblättern, zahlreichenStaubblättern,einer schotenförmigen, zweiklappigen Kapsel, deren Klappen von der Basis gegen die Spitze aufspringen; die Samen an zwei, zwischen den Klappen eine durchbrochene Scheidewand darstellenden Samenträgern. Art: Oll. inasns (Schöllkraut, Augenkraut), zerstreut behaart, mit ästigem Stengel, zarten, unterseitZ blau-grünen, unten gefiederten Blättern mit kurz gestielten, oben fiederspaltigen Blättchen n. eiförmigen, eingeschnitten gekerbten Abschnitten; sehr gemeines Unkraut an Mauern, Zäunen und Schutthaufen; das darüber destillirte Wasser, Schöllkrautwasser, sonst als Augenwasser; der ausgepreßte scharfe Saft sonst gegen Gelbsucht, in hartnäckigen chronischen Übeln noch jetzt gebraucht, auch äußerlich gegen Warzen u. allerhand Hautkrankheiten, auch Hornhautflecken angewendet; Viehärzte brauchen Kraut u. Wurzel; mit gefüllter Blume Zierpflanze. Engler.» Chelidönsiinre (Chem.) O^Og, eine in allen Theilen des Schöllkrautes, am reichlichsten zur Blüthezeit, neben Äpfel- u. Bernsteinsäure, an Kalk gebunden vorkommende organische Säure. Sie krystallisirt aus Wasser beim langsamen Verdunsten desselben in langen, seidenglänzenden, beim raschen Abkühlen einer gesättigten Lösung in verfilzten Nadeln, die an der Luft verwittern u. stark sauer schmecken. Über 220° erhitzt, zersetzt sie sich unter Schwärzung n. lebhafter Kohlensäureentwickelung. Als starke Säure löst sie Zink und Eisen unter Wasserstoffentwickelung u. bildet als dreibasische Säure drei Reihen von Salzen. Clören. Chelidoxanthm (Chem.), gelber Farbstoff des Schöllkrautes (Ollsliüonium majus); in kochendem Wasser mit sattgelber Farbe löslich. Chelidromia, Insel, so v. w. Chilidromi. Obelllsr, so v. w. Krebsspinne. Cholin (Chem.), so v. w. Chelerythrin. Cholins, Maximilian Joseph, mit Richter und Rust das Triumvirat bildend, welches der neueren Chirurgie ihren Entwickelungsgang in Deutschland vorzeichnete, geb. 16. August 1794 zu Mannheim; studirte hier seit 1808 unter ärmlichen Verhältnissen, promovirte 1812, nachdem er 1811 für eine Abhandlung: Über die kalten und warmen Umschläge bei Kopfverletzungen, den Preis bekommen hatte, besuchte dann München u. Landshut, ging 1813 wieder nach München zurück u. übernahm dann eine Stelle als Hospitalarzt in Ingolstadt. Hier erkrankte er am Typhus, nahm nach seiner Wiederherstellung eine badische Regimentsarztstelle an, machte den Feldzug mit, ging nach dessen Beendigung nach Wien, schloß sich den badischen Truppen auch 1815 wieder an u. besuchte dann Güttingen, Berlin u. Paris. Er wurde 1817 außerordentlicher Professor in Heidelberg, 1819 ordentlicher, 1821 Hofrath, errichtete eine chirurgisch-ophthalmiatrische Klinik in Heidelberg (Über die Errichtung der chirurg.-ophthalm. Klinik in Heidelberg u. Uebersicht der Ereignisse vom 1. Mai 1818—19, Heidelb. 1819 ff.) und schwang sich zum ersten deutschen Lehrer der Chirurgie seiner Zeit auf, der eine Menge der tüchtigsten Männer bildete u. durch sein in mehrere Sprachen übersetztes, über ganz Europa verbreitetes Lehrbuch der Chirurgie, Heidelb. 1822, 8. Ausl., 1858, sich einen dauernden Namen geschaffen hat. 1841 wurde er zum Geheimrath ernannt, empfing verschiedene Auszeichnungen u. legte 1884 sein Amt nieder. Andere Schriften: Über die durchsichtige Hornhaut des Auges, Karlsruhe 1818; Über den schwammigen Auswuchs der harten Hirnhaut, Heidelb. 1828; Handbuch der Augenheilkunde, 2 Bde., 1837; Über die Heilung der Blasenscheidenststeln durch Kauterisation, Heidelb. 1845; Zur Lehre von den Staphylomeu des Auges, ebd. 1858. Außerdem schrieb er verschiedene kleinere Aufsätze für medicinische Zeitungen, war auch Mitherausgeber der Medicinischen Annalen seit 1835. Thamhay». Chelm, Stadt im Kreise Krasnystaw desruss.- polnischen Gouv. Lublin; Schloß; unirter u. katholischer Bischof; Piaristencollegium, Gymnasium; 4500 Ew. Hier 6. Juni 1794 Sieg der Russen über die Polen. Chelmsford, Hauptstadt der englischen Grafschaft Essex, am Eyeliner, der hier schiffbar; Assi- sen, Ökonomische Gesellschaft, Theater, Militärbaracken; Gefängniß; Fabrikation v. Wagen, land- wirthschaftlichen und musikalischen Instrumenten; 'Korn- u. Viehhandel; 9318 Ew.; dabei jährliche Wettrennen (auf dem Halley-Common). Chelmsford, Lord, s. Thesiger. Chclöne (gr.), 1) Schildkröte. 2) (Kriegsw.) So v. w. Nestuäo. 3) Alte griechische Silbermllnze, mit einer Schildkröte im Gepräge. Lbelons L., Pflanzengattuug aus der Familie der goroxbuIarinsas-viAitalsas (XIV. 2), mehrjährige Pflanzen mit gegenständigen Blättern, mit bauchig aufgetriebener Blumenkronenröhre, zwei langen u. zwei kurzen Staubblättern und einem Staminodium. Von den sämmtlich in Amerika heimischen Arten werden folgende als Zierpflanzen cultivirt: 61a. Alabra L., mit gestielten, lauzett- lichen, gesägten Blättern u. weißen Blüthen; enthält ein schwarzes Harz, das Urin schwarz farlt u. als Abführmittel benutzt wird. 6ll. bardata k7av., mit linealischen, am Grunde verwachsenen Blättern u. bärtig behaarter Blumenkrone. Engl». vbolonm, so v. w. Seeschildkröte. Chelsea, 1) ehemals Dorf in der englischen Grafschaft Middlesex, jetzt Vorstadt von London u. seit 1867 ein eigener Parlamentsfleckeu; großes Jnvalidenhospital (CH.-Hospital), 1682 von Karl II. gegründet; Erziehungsanstalt für Soldatenkinder; Botanischer Garten; der berühmte Vergnügungsort Orsmorns 6aräsus; 258,011 Ew. (1871). 3) Stadt im Suffolk-Couuty des nord- amerikan. Unionsstaates Massachusetts; Manufac- tur; 14,403 Ew. Cheltenham, Stadt in der englischen Grafschaft Gloucester, am Chelt u. der Eisenbahn von Bristol nach Birmingham; schöne Kirche; Theater; Spaziergänge; Bad mit sehr besuchten Mineralquellen von 9—10° R.; Kurgebäude mit schönen Anlagen; 44,519 Ew. Die Quellen wurden 1716 entdeckt n. bes. seit 1738 gebraucht. Chelva, Stadt in der span. Prov. Valencia, am gleichnamigen Flusse (der in den Guadalaviar 697 6!is1^ära — Chemie (Begriff u. Aufgabe). ^ mündet); Überreste einer römischen Wasserleitung; ! Seide, Olivenöl, Weinbau; Weinhandel; 4400 Ew. ! LIieI>iirg, s. Schildkröten. ! Chelys (gr.), 1) Schildkröte. 2) Lyra, s. u. f Hermes. Chemiatrie (Chemiatrik, gr.), 1) jenes ebenso lang andauernde, wie unheilvolle medicinische System, das, besonders von Franz de le Bo'e Sylvins gegründet, in starrer Einseitigkeit die Chemie als Fundament der Medicin hinstellte, den todten Chemismus in den lebendigen Organismus hineintrug und mehr Opfer gefordert hat, als mancher Krieg. Anderseits war es aber auch ein Beweis für die einstige, resp. zukünftige Macht, welche die Chemie bei richtiger Entwickelung ansznüben im Stande sein wird. Van Helmonis Gährungs- stofse oder Fermente waren die vorzüglichsten Stützen dieses Systems. Ohne Gährung gibt es nach dieser Lehre keine veränderte Säftemischung, die Verdauung ist Gährung und wird durch ein Ferment bewirkt. Der Speisesaft enthält die flüchtigen Geister der Nahrungsmittel mit einem feinen Öl u. einem durch schwache Säure neutralistrten Laugensalze verbunden. Blut wird bereitet u. bewegt durch Anfbrausen des flüchtigen öligen Salzes der Galle u. der versüßten Säure in der Lymphe. Daraus entwickelt sich das Lebensfeuer und die Verdünnung des Blutes, das so zum Kreisläufe fähig wird. Im Gehirne entwickeln sich die Lebensgeister durch Destillation. Gelangen sie von selbst oder durch die Nerven zu den Drüsen, so wird durch Zusatz von Säuren aus dem Blute ein naphthaartiger Saft gebildet, der die Lymphe darstellt. Die Milch wird in den Brüsten durch Zutritt einer sehr milden Säure hergestellt, welche dem rothen Safte des Blutes die weiße Farbe mittheilt. So werden alle natürlichen Vorgänge n. Verrichtungen des Körpers durchaus chemisch erklärt; seine Flüssigkeiten sind Säuren od. Laugen- salze, seine festen Bestandtheile Destillirapparate. Dem entsprechend ist denn auch die Lehre der Krankheiten, die der Schärfe entspringen; da letztere durch Säuren u. Laugensalze gebildet wird, so sind also die Krankheiten auf das Vorherrschen des einen oder des anderen zurückzufllhren — doch sind die Säuren die häufigere Ursache — u. die Behandlung muß dann in der Anwendung des chemisch entgegengesetzt wirkenden Mittels bestehen. Die Folgen kann man sich leicht denken, wenn man noch dazu nimmt, daß die damals herrschenden Krankheiten: das Friesel, die Kriebelkrankheit, das Fleckfieber ein reiches Versuchsfeld boten. Weiter ansgebildet wurde dieses System durch Guy Patin, Le Vassenr, Joh. Pascal, R. Lieussens in Frankreich, W. Charleton, Th.Willis, Joh. Floyer in England, Corn. von Bontekoe in Holland, Ol. Borrich, Th. Bartholin in Dänemark, Otto Tachenins, Wedel, Ettmüller, Doläns m Deutschland, L. Tozzi, P. Sacchi in Italien, die überall Anhänger fanden, bis die CH. endlich durch die von H. Boerhave in Holland, Fr. Hofsmann in Deutschland, Th. Sydenham in England u. A. aufgestellten reineren u. bes. auf dem Wege der Erfahrung gewonnenen Grundsätze der rationellen Medicin verdrängt wurde; wogegen aber unter den Umformungen der Chemie der neueren Zeit vielfach auch, u. zum Thcil nicht ohne Glück, Versuche gemacht wurden, ein chemiatrisches System auf sichere Grundlagen aufzustellen, bes. in der Periode der antiphlogistischen Chemie, wo die Unterscheidung der Grundstoffe in der Natur, als Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff n. Kohlenstoff, ebenso in den ätiologischen Theil der Pathologie, als in die Arzneimittellehre, in Aufstellung von sanerstofs-, stickstoff-, Wasserstoff- n. kohlenstoffhaltigen Mitteln Eingang gewann. Fonrcroy, Crnikshank, I. Blair, Beddoes, Baumes u. in Deutschland Brandts, Reil, Ackermann, Reich u. A. haben zur Verbreitung dieser neuen Lehre vorzugsweise gewirkt. 2) Auch übermäßiger Gebrauch der Arzneimittel (Polypharmacie). Tbamhayn. Chemie. I. Begriff u. Aufgabe. CH. im weitesten Sinne ist derjenige Zweig der Naturwissenschaft, welcher sich mit den die Körperwelt bildenden Stoffen beschäftigt. Ihre Aufgabe beschränkt sich aber nicht darauf, die vorhandenen Stoffe, sofern sie wirklich materiell verschieden sind, aufzusuchen u. nach ihrem Vorkommen u. ihren Eigenschaften zu schildern; denn, da zahlreiche Erfahrungen zeigen, daß diese Stoffe nicht unveränderlich sind, vielmehr unter gewissen Umständen ihre innerste Natur ändern u. in ganz andere Stoffe (Stoffe mit anderen Eigenschaften) übergehen (Eisen verwandelt sich in Rost, Gesteine verwittern, Holz verwest rc.), so hat die CH. auch alle materiellen Veränderungen der bekannten Stoffe, die Umstände, unter welchen jene Veränderungen vor sich gehen, sowie die Gesetze, welchen dieselben unterworfen sind, zu ermitteln. Man hat daher die CH. auch als die Lehre von den stofflichen Veränderungen der Körper definirt. Aus dem Gesagten ergibt sich der außerordentliche Umfang unserer Wissenschaft; denn wohin wir unser Auge richten mögen, überall begegnen wir chemischen Processen (s. d.), d. i. Vorgängen, bei denen vorhandene Stoffe in neue, mit ganz anderen Eigenschaften begabte übergesllhrt werden. Die Verwitterung, die Fäulniß, die Gährung, die Verbrennung in ihren verschiedenen Formen, die Verdauung, das Wachsen, das Athmen rc. — alles sind Processe, deren Erklärung in den Bereich der CH. gehört, u. geradezu zahllos sind die Processe gleicher Art, die wir in Laboratorien n. industriellen Anlagen behufs Herstellung wissenschaftlich oder technisch wichtiger Producte einleiten. Die systematische, übersichtliche Anordnung, welche man diesem ungeheuren Material gegenwärtig gibt, gründet sich auf die Unterscheidung von einfachen u. zusammengesetzten Körpern. Ein genaueres Studium der chemischen Processe — d. h. der Vorgänge, bei welchem Stoffe eine ihr innerstes Wesen ergreifende Umänderung erleiden, so daß sie in andere mit ganz anderen Eigenschaften übergehen — hat gelehrt, daß viele Stoffe durch das Zusammentreten (die chemische Vereinigung) anderer entstehen u. sich durch geeignete Mittel (z. B. den elektrischen Strom, die Wärme) wieder in ihre Bestandtheile zerlegen lassen, während bei anderen jeder Versuch einer Zerlegung in einfachereStoffe bis jetzt fehlgeschlagen ist. Man unterscheidet demnach zwei Arten von Stoffen: solche, die sich in Bestandtheile zerlegen lassen — 698 Chemie zusammengesetzte Stoffe oder chemische Verbindungen — u. solche, bei denen dies bis jetzt nicht möglich geworden ist — einfache Stoffe oder chemische Elemente. Jeder Na- tnrkörper u. jedes Kunstproduct ist nun entweder ein Element (Schwefel, Eisen, Blei re.), oder er ist eine chemische Verbindung (Bleiglanz, Zucker, Holz rc.), oder endlich er ist ein Gemisch (die atmosphärische Lust). Die CH. läßt sich also auch bezeichnen als die Wissenschaft von den chemischen Elementen u. ihren Verbindungen oder als die Lehre von der Zusammensetzung der Körper; ihre Aufgabe ist es, die Zusammensetzung der Körper durch Zerlegen in ihre Bestandtheile, sowie durch Zusammensetzen aus denselben kennen zu lernen u. die stoffliche Verschiedenheit der Körper aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung zu erklären. Die Experimental- oder Elementar-Ch. lehrt die chemischen Elemente kennen nach ihren Eigenschaften, ihrer Darstellung, Verbreitung rc., sowie die Erscheinungen, die bei ihrer gegenseitigen Einwirkung eintrcten, u. die Producte, die sich dabei bilden, während die Gesetze, denen die chemischen Processe unterworfen sind, u. deren Erklärung den Inhalt der allgemeinen od. theoretischen CH. bilden. Infolge des immer massenhafter sich anhäufenden Materials hat man die Experimental-Ch. auch in die unorganische n. organische CH. getrennt u. der elfteren die in der unbelebten Natur, dem Mineralreiche im weitesten Sinne des Wortes, vorkommenden Stoffe, der letzteren die durch den besonderen Lebenspro- ceß im Thier- u. Pflanzenkörper gebildeten oder ans solchen sich ableitenden Stoffe überwiesen, von denen man glaubte, daß sie künstlich nicht darstellbar seien. Jetzt ist diese Trennung nur noch aus Zweckmäßigkeitsrücksichten aufrecht zu erhalten, denn, abgesehen davon, daß unorganische wie organische Stoffe ans denselben Elementen bestehen, sind wir jetzt im Stande, eine große Zahl von organischen Stoffen direct aus ihren unorganischen Elementen ohne Zuhilfenahme des Lebensprocesses künstlich darzustellen. — So jung auch die CH. als besondere Wissenschaft ist, so hat sie sich doch schon in eine Menge einzelner Zweige gespalten. So beschäftigt sich die Agricnltur- Ch. mit den besonderen Bedürfnissen der Cnltnr- pflanzen u. ihren daraus entspringenden innigen Beziehungen zu dem Boden, auf welchem sie wachsen; die physiologische CH. untersucht die chemischen Processe im Thier- u. Pflanzenkörper u. ihre Producte; die pharmaceutische CH. unterrichtet über Eigenschaften, Darstellung, Prüfung u. s. w. der Arzneimittel; die gerichtliche CH. lehrt hauptsächlich die Gifte, ihre Wirkung n. Ermittelung kennen; die technische CH. behandelt diejenigen Körper, welche in den verschiedenen Gewerben Verwendung finden; in der analytischen CH., deren neueste Methode, die Analyse durch Spcctralbeobachtnngen (s. Spectralanalyse) mehr der Physik als der CH. angehört, werden die Methoden gelehrt, nach denen die Bestandtheile der zusammengesetzten Körper ermittelt werden. Hetzer. II. Geschichte der Chemie. In der ge- 7 (Gcsch.). ' schichtlichen Entwickelung der CH. tritt vielleich, mehr als in derjenigen anderer Wissenschaften die Erscheinung hervor, daß die Aufgabe derselben zu verschiedenen Zeiten als eine ganz verschiedene gefaßt wurde u. daß man verhältnißmäßig sehr spät erst zu der richtigen Erkenntniß derselben ge- langt ist. Sehen wir von der Zeit ab, in welcher nur vereinzelte chemische Kenntnisse existirten u. eine Zusammenfassung zu einem einheitlichen Zwecke überhaupt noch fehlte, so waren noch volle 13 Jahrhunderte dazu nöthig, bis die CH. um die Mitte des 17. Jahrh. sich ihrer wahren Auf. gäbe bewußt u. dadurch einer ebenbürtigen Stellung unter den Naturwissenschaften theilhaft wurde; u. selbst dann mußte noch mehr als ein Jahrhundert hingehen, bis diejenigen fundamentalen Anschauungen zur allgemeineren Geltung durch- drangen, auf deren Grund das Gebäude unserer Wissenschaft in ziemlich stetiger Fortentwickelung errichtet werden konnte, ein Gebäude, zu dessen Vollendung einer vielleicht nahen, vielleicht auch noch ferneren Zukunft manchen Baustein herbei- zntragen beschieden sein wird. Die CH. in ihrer jetzigen Gestalt ist demnach eine noch junge Wissenschaft. Unter den Völkern des Alterthums finden wir bei den Griechen u. Römern nur Kenntniß einzelner chemischer Operationen, welche zu pharma- ceutischen oder technischen Zwecken ausgeführt wurden, ohne daß dabei ein Zusammenfassen unter gemeinsame Gesichtspunkte, ein Arbeiten nach einem bestimmten Ziel hin stattgefunden hätte. Die Frage nach der Zusammensetzung der Körper wurde in dem Sinne, in welchem dieselbe später gefaßt wurde, überhaupt gar nicht aufgeworfen; an ein Anstellen von Experimenten zu dem Zwecke, die chemische Natur der Körper zu ergründen, scheint im Alterthum Niemand gedacht zu haben. An Stelle solcher Untersuchungen finden wir die Aristotelische Speculation von den 4 Elementen: Erde, Wasser, Luft u. Feuer. Diese sind nicht als chemische Bestandtheile der Körper, sondern als Repräsentanten gewisser Zustände einer n. derselben Grundmaterie aufzufassen: des Trockenen u. Feuchten, des Kalten u. Warmen; die Erde ist trocken u. kalt, das Wasser feucht u. kalt, die Lust (Dampf) feucht u. warm, das Feuer trocken u. warm. Wenn Aristoteles lehrt, alle Körper entständen aus diesen 4 Elementen, so ist dies so anfznfas- sen, daß die Verschiedenheit der Körper auf der Verschiedenheit in dem Verhältniß jener Grnnd- eigenschaften beruhe. Es leuchtet von selbst ein, wie diese Auffassung leicht in die der Alchemie zu Grunde liegende Vorstellung ausarten kann, daß ein Körper durch eine Änderung einiger seiner Eigenschaften substantiell umgewandelt werden, in einen ganz anderen übergehen,, daß namentlich unedle Metalle durch eine bloße Änderung gewisser Eigenschaften in edle verwandelt werden können; es liegt nahe, wie die Alchemie sich dieser Aristotelischen Anschauungen bemächtigen u. das Problem der Metallveredelung durch eine Weiterbildung dieser Anschauungen theoretisch zu stütze» versuchen konnte, in einer Zeit, in welcher die Autorität des Aristoteles in allen Wissensgebieten 699 Chemie < fast blindlings anerkannt wurde. In diesem Problem der CH., edle Metalle durch Veredelung der unedlen darzustellen, haben wir den ersten Versuch, der Beschäftigung mit chemischen Operationen eine fest bestimmte Richtung zu geben. Wann u. wo diese Richtung unserer A)is- seujchaft ihren Ursprung genommen, läßt sich nicht mit genügender Sicherheit feststellen; doch ist es in hohem Grade wahrscheinlich, daß wir diesen Ursprung in Ägypten zu suchen haben; die Ägypter scheinen die Ersten gewesen zu sein, welche chemische Operationen nach gewissen Regeln u. Mit bestimmten Zwecken ausführteu u. chemische Thatsachcn sammelten. Schon mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung verstanden die Ägypter die wol ausschließlich von den Priestern in ihren Mysterien gelehrte u. geübte Kunst, Zeuge zu färben (Purpur), Edelsteine ans gefärbtem Glase nachznahmen; sie bereiteten Glas, lange bevor die Phöniker ihre Fabriken zu Sidon an- lezten; sie brannten Ziegel, fabricirten Soda, Alaun, Kochsalz, Salmiak, Bleiweiß u. Grünspan, verstanden Leichname durch Einbalsamiren vor Fäulniß zu schützen, Essig u. Seife zu „bereiten rc. Namentlich waren aber auch die Ägypter die Ersten, welche sich mit der Erzeugung von edlen Metallen beschäftigten. Das Abscheiden der letzteren aus Substanzen, in welchen der Gehalt an denselben nicht ohne Weiteres erkennbar war, sowie anderseits die Kunst, dem Kupfer durch gewisse Zusätze die Farbe des Silbers oder Goldes zu ertheilen, scheint bald mit einer wirklichen Erzeugung der letztgenannten Metalle oder Umwandlung anderer Metalle in dieselben verwechselt worden zu sein. In enger Beziehung zu dieser Richtung unserer Wissenschaft auf Metallveredelung steht auch der Name derselben. Das Wort CH. (welches später wahrscheinlich durch Vorsetzung des arab. Artikels al in Alchemie überging) findet sich zuerst in einem im 4. Jahrh. geschriebenen Werke des Si- cilianers Julius Maternus Firmicus, ohne Zweifel in dem Sinne, in welchem es von einem ägyptischen Schriftsteller desselben Jahrhunderts, Zosimos, gebraucht wird: als die Kunst der Metallveredelung. Auch andere Schriften über dasselbe Problem besitzen wir ans jener Zeit: so von einem Demokritos (nicht dem Abderiten), von einem Synesios; alle weisen mehr oder weniger deutlich auf Ägypten als die Heimath des chemischen Geheimwissens hin; Äneas Gazäos spricht im 5. Jahrh. von der Metallveredelung als einer bekannten Sache. Die Herkunft des Wortes CH., welches ursprünglich wol die Bezeichnung der in Ägypten geübten chemischen Kunst überhaupt war, ist dunkel; mancherlei Äbleitungen find schon in früher Zeit versucht, ohne daß entscheidende Gründe für die eine oder die andere sprechen: so von Cham, Cheun, schwarzes Land, dem Namen Ägyptens; von dem Namen eines Mannes, Chi- mes oder Cheines, der die Kunst in früherer Zeit geübt haben soll; vom Griech. olisü oder oirzM, ich mache flüssig, schmelze; vom gr. ekiz-mös, Saft, wegen der Anwendung von Pflanzeusäften zu alchimistischen Zwecken rc. rc. Mit der Völkerwanderung wurden in Europa lange Zeit hindurch alle naturwissenschaftlichen Bestrebungen unter- (Gcsch.). drückt; nur in Ägypten, wo die Wiege der CH. stand, fand sie auch jetzt wieder Schutz u. Pflege. Die Schule der Alexandriner wendete zur Unterstützung der Künste u. Gewerbe chemische Kenntnisse an, ergriff zuerlt die Idee der Metallver- edelnng mit allem Eifer u. legte die Resultate ihrer Beobachtungen u. Untersuchungen in besonderen Schriften nieder, die aber durch ihre ge- hciinnißvolle, bilderreiche Darstellung u. wunderbare Nomenclatur zum größten Theil unverständlich geblieben sind. Diese Wissenschaft, die Alchemie, über welche Näheres in einem besonderen Artikel berichtet ist, fand an den Arabern, die nach dem Verfall des Römischen Reiches auf den Trümmern ägyptischer u. griechischer Bildung die Wissenschaften neu anfrichteten, wieder Anhänger u. Verehrer. Als sie in Spanien sich festgesetzt hatten, theilten sie ihre Kenntnisse den Völkern des Abendlandes mit. Der bedeutendste der arabischen Alchemisten ist ein im Abendlande als Geber bezeichnter Schriftsteller, der im 8. Jahrh. gelebt haben soll. Er kannte u. beschrieb die Salpetersäure u. das Königswasser, die Pottasche u. die Soda, den Alaun, Salpeter, Salmiak, Vi- triol rc., Substanzen, durch welche mittels der ebenfalls von ihm gekannten Operationen des Destillirens, Sublimirens, Auflösens, Filtrirens rc. neue Stoffe dargestcllt, namentlich aber unedle Metalle in edle verwandelt werden sollten. An Aristoteles' Lehre anknüpfend, hält er die Metalle für aus zwei Grundbestandtheilen, Quecksilber u. Schwefel (welchen BasiliuS Balentinus noch einen dritten, das Salz, znfügte), zusammengesetzt; er hegt schon, wie die späteren Alchemisten, die Ansicht, daß es eine geheimnißvolle Substanz gebe, die ein jedes Metall in Gold verwandeln könne, wenn sie, selbst in verschwindend kleiner Menge, demselben zngesetzt werde. Diese Substanz war der Jahrhunderte lang gesuchte Stein der Weisen (Hpi8 plii1o30plrorum) od. das große Elixir, das große Magisterium (Meisterstück), die rothe Tinctur (weil die Metalle durch sie roth, d. i. goldgelb gefärbt wurden). Der erste alchemisti- sche Schriftsteller deutscher Nation war Albertus Magnus (1193—1280). Gleichzeitig mitAlbert wirkte Roger Bacon (1214—1294). Außer diesen Arnold von Villanova (von der Mitte des 13. bis zum Anfänge des 14. Jahrh.), Ray- mund Lullus (1235—1315). Basilius Va- lentinus ist der Verfasser von Schriften, die der ersten Hälfte des 15. Jahrh. angehören. Im 15. Jahrh. nahm mit der Erfindung der Buchdruckerkunst u. der Entdeckung von Amerika, wie alle Naturwissenschaften, so auch die CH. einen neuen Aufschwung. Dieselbe wurde von nun an, außer daß sie noch immer zur Metallveredelung dienen sollte, aufs Innigste mit der Heilkunde verbunden, u. man bezeichnet) daher die nun beginnende Richtung der CH. als die medicinische CH. oder Jatrochemie (s. d.). Derjenige, welcher zuerst unsere Wissenschaft der Medicin unter- thänig machte, war Paracelsus (1493—1541). Der Stein der Weisen schien ihm nur suchens- werth, weil er in ihm ein Mittel sah, Lurch welches der Körper gesund erhalten u. das Leben verlängert werde. Indem er die frühere Lehre der 700 Chemie Alchemisten, daß jeder Körper aus Schwefel, Quecksilber u. Salz bestehe, auf den menschlichen Körper anwandte, schloß er, daß Gesundheit u. Krankheit desselben auf dem richtigen oder unrichtigen Verhältnisse dieser Bestandtheile beruhe u. daß die Bereitung chemischer Heilmittel die Hauptaufgabe der CH. sei. Ein Zeitgenosse des Paracelsus, aber nicht Anhänger seiner Richtung, sondern der Metallurgie u. Probirkunst zugethan, war Agricola (1490—1555). Unter den hervorragendsten Chemikern dieser Periode nennen wir noch Andreas Libavins (gest. 1616), Verfasser des ersten chemischen Lehrbuches: ^lolrsmia (1595),u. vor AllenI. B. van Helmont (1577 bis 1644), welcher weit mehr als seine Vorgänger für die Fortentwickelung der eigentlich chemischen Erkenntniß geleistet hat. Er hat zuerst die Existenz eigenartiger, von der Luft verschiedener Gase nachgewiesen; gezeigt, daß die Metalle u. andere Substanzen in ihren chemischen Umwandlungs- producten noch enthalten seien u. daß das Gewicht der aus ihren chemischen Verbindungen abgeschiedenen Stoffe nngeändert bleibe. Mit diesem Anfänge einer richtigen Erkenntniß des Begriffes einer chemischen Verbindung geht sein Widerspruch gegen die Ansicht Hand in Hand, nach welcher alle Körper aus Schwefel, Quecksilber u. Salz oder aus den Aristotelischen Elementen zusammengesetzt sein sollten. Von weniger hervorragender Bedeutung ist Rudolph Glau- Her (1603 oder 1604—1668), der vorzugsweise technische CH. trieb. Vgl. auch Chemiatrie. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, eine Aufzählung der zahlreichen minder namhaften Vertreter der iatrochemischen Richtung zu geben, u. wir verweisen in dieser Hinsicht auf den Art. Jatro- chemie. Obgleich die Alchemisten sowol, als auch die Jatrochemiker die Grundaufgabe der CH. verkannten, trugen die zahlreichen zum Zwecke der Goldmacherei u. zu arzneilichen Zwecken angestellten Versuche u. die dabei gemachten Erfahrungen nicht wenig bei zur Vermehrung u. Klärung chemischer Einzelkenntniß; dies führte schon bei van Helmont, mehr noch von der Zeit nach seinem Tode, von der Mitte des 17. Jahrh. an, zu dem Bedürfniß einer theoretischen Zusammenfassung u. Erklärung der chemischen Erscheinungen, zu einer rein chemischen Betrachtung der Erscheinungen, zu einer Befreiung der CH. aus dem Dienste der Alchemie u. Medicin. Das Verdienst, sich zuerst von dem eitlen Streben, den Stein der Weisen aufznfinden, gänzlich losgemacht n. die CH. ihrem wahren Zwecke, der Erforschung der inneren Natur der Stoffe, zngewendet zu haben, gehört Robert Bohle (1627—1691); s. d. Er bestritt mit mehr Erfolg als van Helmont die Aristotelische Lehre von den Elementen, sowie die alchemistische von der Zusammensetzung der Körper aus Quecksilber, Schwefel n. Salz; wollte vielmehr als Elemente alle durch Wärme u. andere Einwirkungen nicht in Bestandtheile zerlegbaren Stoffe angesehen wissen u. begründete richtigere Vorstellungen von dem Wesen der chemischen Zusammensetzung. Er untersuchte die Luft in physikalischer u. chemischer Beziehung, fand das in der Physik unter dem Namen des (Gesch.). Mariotteschen Gesetzes bekannte Naturgesetz u. vermuthete, daß die Luft einen Bestandtheil enthalten müsse, welcher die Verbrennung u. das Athmen unterhalte; er studirte die Nachweisbarkeit gewisser Stoffe durch bestimmte Reagentien u. wurde dadurch der Begründer der analytischen CH. Mehr als Boyle durch ältere Anschauungen beünflnßt waren namentlich zwei seiner Zeitgenossen: I. Knnckel (1630—1703), der Entdecker des Phosphors, der sich von der alchemistische,, Lehre von der Zusammensetzung der Körper „ich, loszumachen wußte, und Joh. Joach. Becher (1635— 1682 ), ein sehr thätiger Chemiker, Mechaniker u. Technolog, welcher jene Lehre dahin mo- dificirte, daß er an Stelle des Salzes, Schwefels u. Quecksilbers eine steinige, eine fettige n. eine flüssige Erde setzte, welche alle wieder ans den Grundbestandtheilen Wasser u. Erde zusammengesetzt seien. Und auch Georg Ernst Stahl (1660—1734), der Schöpfer einer chemischen Theorie, welche bis zum letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die herrschende war u. in ihrer Weise Vieles zur Erweiterung u. Vertiefung des chemischen Wissens beigetragen hat, vermochte sich nicht zu der Höhe der Boyleschen Forderung zu erheben, daß nur wirklich darstellbare u. als chemisch unzerlegbar sich erweisende Substanzen als Elemente anzusehen seien. Von dem seit Aristoteles herrschenden Glauben geleitet, daß eine hervorragende Eigenschaft eines Körpers von einer in ihm enthaltenen, die Eigenschaft bedingenden Substanz herrühren müsse, nahm er an, daß alle brennbaren Körper die Eigenschaft der Brennbarkeit einem in ihnen allen gemeinsam enthaltenen Stoffe, dem Phlogiston (d. i. dem Brennbaren), verdanken. Einen experimentellen Beweis von der Existenz eines solchen Stoffes zu geben, schien ihm nicht erforderlich; wol aber führte er mit großer Schärfe durch eine so geistvolle Verknüpfung chemischer Thatsachen, wie sie niemals vor ihm versucht worden war, den Beweis, daß dieses Brennbare in allen brennbaren Substanzen Gnes u. Dasselbe sein müsse. Und gerade darin, daß Stahl hier zum ersten Mal zahlreiche mannigfaltige Thatsachen durch eine einfache Annahme zu einer geistvollen Theorie zu vereinigen gewußt hat, haben wir den relativ großen Werth seiner Theorie zu erkennen. Das Phlogiston entweicht nach ihm bei der Verbrennung, veranlaßt durch rasches Austreten die Erscheinung der Flamme u. hinterläßt einen Kalh eine Erde oder eine Säure. Die Metalle bestehen demnach aus Metallkalk u. Phlogiston, der Schwefel aus Vitriolsäure u. Phlogiston rc. Bei de, Verbrennung, der Fäulniß rc. vertheilt sich das Phlogiston in die Luft, um aus dieser in die Pflanzen einzutreten u. von diesen aus mittelbar oder unmittelbar in die Körper der Thiere u. des Menschen überzugehen. Die ihm wohl bekannte Thatsache, daß die Metalle bei der Verkalkung (also nach ihm beim Entweichen von Phlogiston) schwerer werden, erschien ihm wenig erheblich: er suchte dieselbe — wie vorher schon Knnckel — aus einer Bolumverminderung zu erklären, verwechselte also absolutes u. specifisches Gewicht. Spatere Anhänger der phlogistischen Theorie, wie 761 Chemie namentlich Guyton de Morveau, legten sogar dem Phlogiston negative Schwere bei. Gleichzeitig mit Stahl wirkten Fr. Hoffmann (1660—1742) u. Herm. Boerhave (1668—1738), welche Beide, vbwol selbst berühmte Ärzte, sich doch von einer Verschmelzung der CH. mit der Medicin fernhiel- icn u. theils durch chemische Untersuchungen, theils durch Lehre die Wissenschaft mächtig förderten. Beide, namentlich der Letztere, waren nicht unbedingte Anhänger der phlogistischen Theorie. Zu diesen gehörten namentlich in Deutschland Neumann, Eller, Pott u. Markgraf, u. von den französischen Chemikern Geofsroy, Hellot, Duhamel du Moncean u. Macqner. Werthvolle Bereicherungen erhielt die CH. in dieser Periode durch die den Sturz der Stahlschen Theorie vorbereitenden Untersuchungen des Engländers Black (1728 bis I7S9) über die Beziehungen der milden n. der ätzenden Alkalien, Untersuchungen, welche sich wesentlich auf die von Stahl vernachlässigte Berücksichtigung der Gewichtsverhältuisse gründeten. Durch diese Untersuchungen wurde Black zu weiteren über die in den milden Alkalien enthaltene fixe Lust, d. h. Kohlensäure, veranlaßt, welche auch andere Chemiker zur Entdeckung neuer Gasarten anregten. Dieser vorzugsweise der Untersuchung der Gase sich widmenden Richtung in der CH. hat man den Namen der pneumatischen CH. gegeben. Durch Arbeiten in dieser Richtung zeichneten sich besonders die letzten Anhänger der phlogistischen Theorie aus: I. Priesteley (1733 bis 1804), der Entdecker der Salpeterluft (Stickoxyd) u. der dephlogistisirten Luft (Sauerstoff) u. mehrerer anderen Gase; H. Cavendish (1731 bis 1810), der den früher schon bekannten Wasserstoff genauer untersuchte, C. W. Scheele (1742 bis 1786), der fast gleichzeitig mit Priesteley u. unabhängig von diesem den Sauerstoff, ferner das Chlor u. viele organische Säuren entdeckte, u. endlich T. Berginan (1735—1784), der außerdem durch seine Verwandtschaftslehre auch für die folgende Zeit von hervorragender Bedeutung ist. Die Bedeutung der mit Boyle beginnenden Periode in dem Entwickelungsgange der CH. war die, daß hier zum ersten Mal die CH. als Wissenschaft, um ihrer selbst willen, selbständig betrieben u. daß (durch Stahl) zum ersten Mal eine Reihe verwandter Thatsachen zu einer umfassenden Theorie verknüpft wurde. War die Phlogistontheorie in der Erklärung des causalen Zusammenhanges dieser Thatsachen, in der Aufstellung der dieser Erklärung zu Grunde gelegten Hypothese nicht glücklich, so haben wir den Grund wesentlich zu suchen in dem Fehlen derjenigen Erkenntnis), welche der nun folgenden letzten großen Periode in der Geschichte unserer Wissenschaft zu Grunde liegt. La- voisier (1743—1794) ist es, der diese Erkenntniß zuerst in ihrer vollen Bedeutung u. in ihrer Allgemeinheit erfaßte und der, indem er die phlogi- stische Hypothese durch das Geltendmachen dieser Erkenntniß beseitigte, diejenigen Grundanschauungen in die CH. Angeführt hat, auf welchen dieselbe heute noch ruht. Diese fundamentale Erkenntniß, daß die Materie unzerstörbar ist, daß auch bei der durchgreifendsten chemischen Veränderung die Gesammtmasse, das Gesammtgewicht (Gesch.). der dieser Veränderung unterworfenen Substanzen erhalten bleibt, lag schon, ich möchte sagen unbewußt, den Einwänden zu Grunde, welche der Phlogistontheorie kurz nach ihrem Entstehen ent» gegengehalten wurden; daß man über jene Ein- wände lange Zeit hindurch ohne Weiteres hinwegzusehen Pflegte, daß selbst zu der Zeit, wo Lavoisier schon die Phlogistontheorie zu bekämpfen begann, ein Macqner sagen konnte, da er sehe, daß cs sich bei den Einwürfen Lavoisiers nur um Gewichtsverhältnisse handle, sei er wieder ganz ruhig — das beweist eben gerade, wie wenig das Gesetz von der Erhaltung der Materie damals noch in das wissenschaftliche Bewußtsein übergegangen war. Lavoisier zeigte durch zahlreiche, mit Hilfe der feinsten Wägungen ausgefllhrte Versuche, daß immer und überall das Gewicht eines zusammengesetzten Körpers gleich der Summe der Gewichte seiner Bestandtheile ist, und daß überall, wo ein Stoff durch die chemische Einwirkung eines anderen an Gewicht verliert, diese Abnahme nur eine scheinbare ist, indem der andere genau ebenso viel an Gewicht zunimmt und umgekehrt. Insbesondere stellte er — auf Grund seiner mit der Wage aus» geführten Untersuchungen — seine Theorie der Verbrennung (zuerst 1777) auf, welche lehrt, daß die Körper nur in sauerstoffhaltiger („reiner") Luft verbrennen, daß bei der Verbrennung Wärme n. Licht (die man damals für unwägbare Substanzen hielt) frei werden, daß dabei der vorher mit dem „Wärmestoffe" verbundene Sauerstoff (die „reine Luft") verbraucht werde u. daß die Luft ebenso viel an Gewicht verliere, als der brennende Körper an Gewicht zugenommen hat, sowie daß der letztere dabei durch die Vereinigung mit dem Sauerstoffe gewöhnlich in eine Säure, Metalle in Metallkalke verwandelt werden. Er erkannte auch die Eigenschaft des Sauerstoffes, das.Athmen zu unterhalten, u. wußte, daß durch den vom Blute aufgenommenen Sauerstoff Theile des Körpers verbrannt werden, welche dann durch die Nahrung wieder ersetzt werden müssen. In Betreff der chemischen Elemente war er derselben Ansicht wie Boyle, daß nur darstellbare und nicht weiter in Bestandtheile zerlegbare Substanzen als Elemente angesehen werden dürfen. Nur mit Hilfe genauer Wägungen war es also von nun an festznstellen, ob eine Substanz ein Element sei, oder nicht; u. so ist denn auch die nächste Zeit reich an Entdeckungen neuer Elemente. Mit seiner Theorie der Verbrennung war Lavoisier in bewußten Gegensatz zu Stahls Phlogistontheorie getreten, die er, namentlich nachdem er die (zuerst von Watt festgestellte) Zusammensetzung des Wassers erkannt hatte, als eine verderbliche bezeichnete, weil die 'Annahme des Phlogiston nicht zu erweisen u. zur Erklärung der Thatsachen ungenügend sei. Im Sinne Lavoisiers arbeiteten Laplace, Meusnier, Monge; bald traten auch Berthollet, Fourcroy u. Guyton de Morveau zu der antiphlogistischen Theorie über. Der Letztgenannte arbeitete mit Lavoisier gemeinschaftlich eine chemische Nomen- clatur aus, welche sich auf die später auch von Berzelins angenommene dualistische Ansicht (s. n.) gründete und mit dieser Ansicht lange Zeit in Geltung geblieben ist. Das Streben, die bei 702 Chemie (Gesch.). chemischen Processen stattfindenden Gewichtsverhältnisse zu erforschen, beherrschte von nun an vorwiegend die Arbeit der Chemiker. Lavoisier hatte bereits erkannt, was durch Cavendish, ferner durch Wenzel (1740—1793), Richter (1762 bis 1804), den Vater der Stöchiometrie, besonders aber durch Proust (1755—1826) bestimmter ausgesprochen wurde, daß das Gewichtsverhältniß der zu einer Verbindung zusammentretenden Bcstand- theile ein für jede einzelne Verbindung unveränderliches ist, auch dann, wenn dieselben Stoffe sich in mehreren Verhältnissen verbinden. Allgemeinere Anerkennung fand diese für die wissenschaftliche CH. grundlegende Erkenntniß der Regelmäßigkeit in den chemischen Proportionen und namentlich das Gesetz der multiplen Proportionen— welches besagt, daß, wenn mit derselben Gewichtsmenge eines Stoffes verschiedene Gewichtsmengen eines anderen sich zu verschiedenen Verbindungen vereinigen, diese letzteren Mengen in einem durch kleine ganze Zahlen ausdrückbaren Verhältnis) stehen — erst durch die atomistische Theorie. Diese war von früheren Chemikern bereits angenommen und in die Betrachtung der chemischen Processe eingeführt, in ihrer richtigen Bedeutung u. Form wurde sie aber zuerst (1803) von dem in hohem Grade selbständigen Forscher und Denker Dalton (1766—1844) erfaßt. Sic lehrt, daß die eigentlichen chemischen Verbindungen aus der Vereinigung der Atome nach einfachen Zahlenverhältnissen hervorgehcn und daß die relativen Gewichte dieser Atome sich ans der Untersuchung der Zusammensetzung der Verbindungen ergeben, wie Lies im ersten Abschnitte des Art. Atome (Bd. II. S. 302 u. zu Anfang von S. 303) näher ausgesührt ist. Berzelius' (1779 bis 1848) großes Verdienst ist es, durch seine epochemachenden Arbeiten (von 1807 an) das Gesetz der multiplen Proportionen fester begründet n. dasselbe zu allgemeiner Anerkennung gebracht zu haben. Etwa gleichzeitig entdeckte Gay- Lussac (1778—1850) das für die neuere Entwickelung der CH. Äußerst wichtige Gesetz der konstanten einfachen Volnmverhältnisse, nach welchem die chemische Vereinigung von Gasen stattfiudet. Zwei Gase verbinden sich nämlich stets entweder zu gleichen Volumen, oder die Volumina der sich verbindenden Gase stehen in einem durch kleine ganze Zahlen ausdrückbaren Verhältnisse (z. B. 1:2, 1:3, 2:3 rc.); häufig ist der Proceß der Vereinigung mit einer Volumverminderung verbunden; aber auch dann steht das Volum der Verbindung in einem ebenso einfachen Verhältnisse zu den Volumen der Bestandtheile. Mit diesem Gesetze im engsten Zusammenhänge steht die von Avogadro (1811) u. in ähnlicher Weise von Ampere (1814) aufgestellte, freilich erst in neuester Zeit in ihrer großen Bedeutung für die theoretische CH. erkannte und jetzt fast allgemein angenommene Hypothese, daß gleiche Volumina aller Gase (bei gleicher Temperatur und gleichem Druck) gleich viele Molecüle enthalten (vgl. den Art. Atome, Bd. II. S. 303), u. die hieran sich an- schließende Unterscheidung von physikalisch kleinsten Theilchen oder Molecülen (im jetzigen Sinne) u. chemisch kleinsten Theilchen oder Elernentarmole- cülen (jetzt Atome genannt). Damals fanden diese Ansichten wenig Anklang bei den Chemikern. Das Bestreben derselben ging vorzugsweise darauf hin, die Gewichtsverhältnisse, nach welchen sich die Elemente mit einander verbinden, also die relativen Gewichte der Atome derselben, möglichst genau zu bestimmen. Namentlich Berzelius hat sich durch sorgfältige Atomgewichtsbestimmungen große Verdienste erworben. Er führte auch die noch jetzt gebräuchliche chemische Zeichensprache ein- welche darin besteht, daß ein Atom eines Elements durch ein Symbol, d. h. den Anfangsbuchstaben seines lateinischen (resp. grirchischcn- Namens, oder, wo mehrere Namen denselben An) fangsbuchstaben haben, durch diesen und einen zweiten charakteristischen Buchstaben bezeichnet wird, u. daß jede Verbindung durch eine Formel dargestellt wird, welche man erhält, indem man die Symbole der darin enthaltenen Elemente nebeneinander stellt u. die Anzahl der in der Verbind ung enthaltenen Atome jedes Elements dein Symbol desselben rechts (oben oder unten) anhängig) Nene Anhaltspunkte für die Feststellung der Atomgewichte ergaben sich namentlich durch Dulongs u. Petits Entdeckung der Beziehungen zwischen Atomgewichten u. specifischen Wärmen (1819), durch Mitscherlichs Entdeckung des Isomorphismus (1819) u. des Dimorphismus (1821), sowie durch Dumas' Dampfdichte- bestimmnngen (seit 1827). Doch erfreute sich die atomistische Theorie, obwol sie die Erkenntniß von der Wichtigkeit der Gcwichtsbcstimmnngen wesentlich gefördert hatte, in der nächsten Zeit nicht der nngetheilten Anerkennung von Seiten der Chemiker; es wurde die Ansicht ausgesprochen, daß man bei Feststellung der Gewichtsverhältnisse die Bezugnahme ans die immerhin bloß hypothetischen Atome entbehren könne, n. daß es gerathen sei, die Verbindnngsgewichte als chemische Äquivalente, unter dem rein empirischen Gesichtspunkte der chemischen Gleichwerthigkeit oder Äquivalenz zu betrachten: zuerst von Wollaston, dann von Dumas n. namentlich von Gmelin^), der in seinem großen Handbuch der CH. die Bezeichnung Atom- tz So bezeichnet Berzelius 1 Atom Wasserstoff, L^ckrogoninna, mit 8, 1 Atom Kohlenstoff, Oaidonsniia, mit c>, , „ Sauerstoff, Ox^goniuin, „ o, „ „ Phosphor, rirooxlaorus, „ I>, „ „ Stickstoff, Mtrogsninni, „ dl, „ „ Natrium „ Ha, » „ Schwefel, Snllur, „8, „ „ Silber, Lrgentnin, „ äg, und stellte z. B. das Natron, das nach ihm aus 1 Atom Natrium und 1 Atom Sauerstoff besteht, durch die Formel die Schwefelsäure, aus 1 Atom Schwefel und 3 Atomen Sauerstoff, durch die Formel 30- dar u. s. w. tz Seine „Äquivalente" sind dieselben, welche von den Anhängern der älteren Ansichten noch bis in die neueste Zeit gebraucht wurden und von welchen nur hier einige Beispiele in Curiivschrift stimmendem Einflüsse geblieben ist. Die Entdeck' ung, daß der elektrische Strom zahlreiche Verbind' »»gen in ihre Bestandtheile zu zerlegen vermag (Zerlegung des Wassers durch Carlisle und Nicholson, 1800; der Alkalien u. Erden, 1807 n. 1808, durch Davy in besondere Metalle und Sauerstoff, wobei der letztere stets am positiven der andere Bestandtheil am negativen Pol sich abschied); das Freiwerden von Elektricität bei chemischen Processen u. das Auftreten einer elektrischen Spannung bei Berührung ungleichartiger Stoffe gaben Anlaß zur Aufstellung der namentlich durch Berzelins (seit 1818) ansgebildeten elektrochemischen Theorie, welche bald u. auf längere Zeit hinaus allgemeine Anerkennung fand; diese Theorie lehrt, daß das Zustandekommen einer jeden chemischen Verbindung wesentlich bedingt sei durch eine Ausgleichung der entgegengesetzten Elektricitäten, welche auch die bei chemischen Erscheinungen auftretende Wärme erzeuge. Jedes Atom sei an den entgegengesetzten Enden (Polen) mit den entgegengesetzten Elektricitäten behaftet; doch überwiege bei den Atomen der einzelnen Elemente die eine oder die andere Elektricität, u. zwar bei dem einen in höherem, bei anderen in geringerem Grade, so daß sich die sämmt- lichen Elemente je nach dem Grade des Vorwaltens der positiven oder negativen Elektricität in eine von dem elektronegativsten Element (Sauerstoff) bis zu dem elektropositivsten (Kalium) stufenweise fortschreitende Reihe bringen lassen, derart, daß jedes derselben sich gegen alle vorhergehenden elektropositiv, gegen alle nachfolgenden elektro- negativ verhalte; und zwar sei die elektrische Differenz zweier Elemente um so größer, je weiter sie in jener Reihe (der elektrochemischen Spann- nngsreihe) von einander entfernt stehen. Ebenso sollen in den Verbindnnben bestimmte Elektrici- tätcn vorwiegen; so seien dre Säuren elektronegativ, die Basen elektropositiv. Die elektrochemische Theorie war eine wesentliche Stütze für die von Lav visier begründete n. von Berzelins adoptirte und strenger durchgeführte dualistische Anschauung, welche annimmt, daß jede Verbindung ans zwei näheren Bestandtheilen, einem elektropositiven und einem elektronegativen, bestehe, u. daß diese Bestandtheilen zusammengesetzt sein können, kurz, daß sämmtliche chemischen Verbindungen binär gegliedert seien. Ihren schärfsten Ausdruck findet die dualistische Anschauung in der Lavoisterschen Lehre von der Constitution der Säuren, Basen u. Salze. Säuren und Basen sind »ach dieser Anschauung Sauerstoffverbindungen; die Säuren, so definirte Berzelins nun, bestehen aus einem elektronegativen, die Basen aus einem elektropositiven Element und Sauerstoff; beide haben vermöge ihres elektrischen Gegensatzes das Bestreben, sich mit einander zu verbinden u. dadurch ihre elektrische Differenz auszugleichen; die Säure und die Basis neutralisiren, sättigen einander; die so entstehenden Verbindungen, die Salze, enthalten die Säure als negativen, die Basis als positiven näheren Bestandtheil; aber diese Bestandtheile haben im neutralen Salze ihre sauren u. basischen Eigenschaften verloren. Dazu ist auf jedes Atom Sauerstoff der Base ein Atom Säure erforderlich. Die heute als die wahren Basen u. Säuren erkannten Verbindungen betrachtete man als Hydrate, d. h. als Verbindungen der Basen und Säuren (der jetzigen Anhydride, s. d.) mit Wasser, und man nahm an, daß dieses Wasser in den Basenhydraten (jetzigen Basen), die Rolle einer schwachen Säure, in den Säurehydraten (jetzigen Säuren) die einer schwachen Base (als basisches Wasser) spiele. Dieser dualistischen Anschauung entspricht auch die von Berzelins begründete Schreibweise der Formeln"), die sich bekanntlich bis in die neueste Zeit erhalten hat. Die dualistische Anschauung wurde auch ans die organischen Verbindungen übertragen, u. zwar mittels der Radical- theorie. Als Begründer derselben sind Liebig n. Wöhler anznsehen, obwol bereits vorher Ber- zelins die Annahme zusammengesetzter Radicale, d. i. zusammengesetzter Körper, welche sich chemisch wie Elemente verhalten, versucht hatte. Der erste derartige Körper war das von Gay-Lussac entdeckte, aus Kohlenstoff u. Stickstoff bestehende Cyan, welches dieser Chemiker ein zusammengesetztes Radikal nannte. Während aber Berzelins anfangs nur binäre, aus Kohlenstoff n. Wasserstoff zusammengesetzte Radicale angenommen hatte, wurden Liebig und Wöhler durch ihre Untersuchungen über das Radical des Bittermandelöls u. der Benzoll- säure (1832) auf die auch von Berzelins acccp- tirte Annahme geführt, daß in diesen Verbindungen ein und dasselbe, ternäre, aus Kohlenstoff, Wasserstoff n. Sauerstoff zusammengesetzte Radical enthalten sei. Bald nachher kam man auch zur Annahme anderer Radicale, so des im Alkohol n. y Zur Verdeutlichung möge sin Beispiel dienen, dem ich indessen sine Bemerkung vorausschicken mnss. Berzelins legte einzelnen Elementen (z. B. Wasserstoff, Chlor u. a.) Atomgewichte bei, welche nur die Hälfte der später von den Anhängern »er dualistischen Ansicht allgemein gebrauchten waren. Während man später, bis in die letzten Jahre, die Formel des Wassers M schrieb, wobei — 1 , 0 — 8 angenommen wurden, legte Berzelins dem Wasserstoffe das Atomgewicht 0,5 für 0-^8 ("der 6,» für 0 — 100) bei; was also später als 1 Atom oder 1 Äquivalent galt, das betrachtete Berzelins «IS 2 Atome; er schrieb daher die Formel des Wassers (wie es heute wieder von den Anhängern der neueren Theorien Mieht) SrO. Dasselbe gilt für Chlor u. a. Elemente. Ich schreibe aber hier, um Verwechslungen und Verwirrungen M dermeiden, die älteren Formeln ln der Weise, wie es in der letzteren Zeit allgemein bei den Duälisten gebräuchlich war i>. Anm. L), und zwar in Kursivschrift, um sie von den jetzt gebräuchlichen Molecnlarformcln zu unterscheiden. Demnach sind, der dualistischen Ansicht gemäss, die folgenden Verbindungen durch die beigesetzten Formeln dargestellt: Natron ^VaO. Schwefclsaures Natron McO,§Oz. Natriumoxydhydrat MrO.Lt). Schwefelsäure AOg. Wasser F/0. Schwefelsäurehydrat 2^0.§0z. 704 Chemie (Gesch.). Äther enthaltenen, aus Kohlenstoff u. Wasserstoff bestehenden Äthyls. Die Annahme von der Existenz solcher Radicale erlaubte es, die organischen Verbindungen als den unorganischen ähnlich zusammengesetzt zu betrachten, indem die Radicale in jenen die Rolle gewisser Elemente spielten. Liebig u. Berzelius definirten demgemäß die organische CH. als die CH. der zusammengesetzten Radicale. Namentlich betrachteten sie die Äther u. Alkohole als den Metalloxyden u. deren Hydraten , die organischen Säuren als den Hydraten der anorganischen Säuren, die zusammengesetzten Ätherarten als den anorganischen Salzen entsprechend constituirt, u. sie führten die dieser Theorie entsprechende dualistische Benennung n. Schreibweise der Formeln^) an einer großen Anzahl von organischen Verbindungen durch. So hatte denn die Berzeliussche Richtung ihre Herrschaft über das ganze Gebiet der CH. ausgedehnt u. bewahrte diese Herrschaft etwa bis zum Jahre 1840. Freilich nicht unbestritten. Schon als die Zusammensetzung der Salzsäure aus Chlor und Wasserstoff erkannt war, als auch andere sauerstofffreie Säuren, wie Cyanwasserstoff, Jodwasserstoff rc., bekannt wurden, sah sich Berzelius (1815) gezwungen, die Ansicht, daß alle Säuren Sauerstoffverbindungen seien, aufzngeben und die Existenz von sogen. Wasserstosfsäuren anzunehmen; während aber andere Chemiker, namentlich Du- long, es versuchten, auf Grund dieser Thatsachen eine neue Theorie der Säuren, die Wasserstoffsäurentheorie, aufzustellen, konnten sich Berzelius u. die große Mehrzahl der damaligen Chemiker von der Lavoisierschen Ansicht nicht ' losmachen; man betrachtete das Chlor als den saucrmachen- den Bestandtheil der Salzsäure und war freilich dadurch genöthigt, von einer so gleichartig charak- terisirten Gruppe von Verbindungen, wie die Salze, anzunehmen, daß einige, die Sauerstoffsalze, aus zwei zusammengesetzten näheren Bestandtheilen, der Basis u. der Säure, die anderen dagegen, die Haloidsalze, aus zwei einsachen näheren Bestandtheilen, dem Metall und dem in der Säure mit den Wasserstoffe verbunden gewesenen Reste, dem Chlor, Jod rc., bestehen; daß ferner die einen durch einfache Vereinigung von Base und Säure die anderen — unter Bildung von Wasser aus dem Sauerstoff der Base u. dem Wasserstoff der Säure u. unter Austritt dieses Wassers — durch Vereinigung des aus der Base übrig gebliebenen Metalls mit dem von der Säure hiuterlassenen Reste, dem Chlor, Jod rc., entstehen. °) Vermieden wurde diese Ungleichheit in der Constitution der verschiedenen Salze durch die von Dulong freilich nur versuchte, aber nicht durchgesührte Wafferstoffsäuren- theorie, wonach die sogen. Säurehydrate als die eigentlichen Säuren, und zwar als Wasserstoffverbindungen zu betrachten wären, welche kein fertig ebildetes Wasser enthalten ") und wonach ferner ei Vereinigung der Säure mit (wasserfreien) Basen durch das Zusammentreteu des Wasserstoffes der Säure u. des Sauerstoffes der Base Wasser entsteht, so daß also die Salzbildung in einer Vertretung des Wasserstoffes der Säure durch Metall beruht.') Einen neuen Stoß erhielt nun die dualistische Ansicht von der Constitution der Salze durch Grahams Untersuchungen über die z Modificationen der Phosphorsäure (1833). Wäh. rend es bis dahin als Regel galt, daß der Sauerstoffgehalt einer Base zu dem Sauerstoffgehalte der sie neutralisirenden Säure in einem bestimmten Verhältnisse stehen müsse, lernte man hier dreierlei Salze einer u. derselben Säure keimen, welche alle neutral waren, obgleich die Sauerstoffgehalte von Base u. Säure sich in dem einen wie 3:5, im zweiten wie 2:5, im dritten wie 1:S verhielten.") Liebig erkannte bald, daß hier die dualistische Ansicht keine genügende Erklärung geben konnte, u. er spricht sich in einer Abhandlung über mehrbasische (organische) Säuren dahin aus, daß die Wasserstofssäurentheorie, namentlich siir organische Säuren, viele chemische Thatsachen befriedigender erkläre, als die dualistische Theorie. Der Hauptangriff auf diese letztere Theorie, der mit derselben auch ihr von Berzelius gelegtes Fundament, die elektrochemische Theorie, wankend machte, ging von Dumas aus, der, veranlaßt durch das Studium der Einwirkung von Chlor auf Alkohol und Aldehyd im Jahre 1834, mit seiner Substitutionstheorie anftrat, deren Der sogenannte Schwefcläther galt z. B. als das Oxyd und der Alkohol als das Oxydhydrat des Radicals Äthyl — O 485 ) in der Essigsäure nahm Berzelius ein Radical Acetyl — 648 g an; er schrieb demnach folge« Formeln: Äther (Äthyloxyd) analog dem Natron (Natriumoxyds MrO. Alkohol (Äthyloxydhydratj ^4sO,88, analog dem Natronhydrat 8 « 0,80. Essigsäure 80,^4c0g, analog dem Schwefelsäurehydrat 80,S0g. Essigäther (esflgsanres Aethyloxyd) ^4eO,^4eOg, analog dem schwefels. Natron 8«0,§0g. y Z. B.: Natron und Schwefelsäure geben schweselsaures Natron: 8aO -s- SOz — 8aO,SOg; dagegen Natron und Salzlänre geben Chlornatrium und Wasser: 8 -rO -ft 80k — MrOk -s- 80. °> Z. B.: Schwefelsäure (-Hydrat) nicht als 80,00Z sondern als 8<80ft, entsprechend der Salzsäure 80k, so dag in jener die Gruppe (§0Z dieselbe Rolle spielte, wie in der Salzsäure das Chlor. ') Z. B.: Natron und Schwefelsäures-Hhdray geben schweselsaures Natron und Wasser: 8 aO 8 (,h' 0 ft ^ MftSO,) -s- 80 analog der Bildung des Chlornatriums (vgl. Anm. b>. Sieht man nämlich 80g (mit Berzelius) als die eigentliche Phosphorsänre an, so ist das Bestehen von drei Klassen phosphorsaurer Salze von verschiedenen Eigenschaften, nämlich: der gewöhnlichen phosphorsaurcn Salze 38 O. 8 O 5 , der pyrophosphorsauren Salze 2ü/0,80z und der metaphosphorsauren Salze L/0,80g 705 Chemie Hauptsatz der war, daß Wasserstoff in organischen Verbindungen ohne Änderung der wesentlichen Eigenschaften durch äquivalente Mengen anderer Elemente, namentlich durch Chlor, Jod, Brom u. Sauerstoff ersetzt (vertreten, substitnirt) werden könne.°) Laurent gestaltete diese Theorie zu seiner — namentlich von Gmelin adoptirten, aber nie zu allgemeiner Geltung gelangten — Kerntheorie'") um; andere Chemiker, wie Regnault, Malagutti, schlossen sich der Substitntionstheorie an. Dumas selbst wurde (1839) durch die Entdeckung der Chloressigsänre (jetzt Trichloressigsäure), eine der Essigsäure ganz analoge Verbindung, welche an Stelle von 3 Wasserstoffatomen 3 Chloratome enthielt, ") zn der Ansicht gesuhrt, daß es in der organischen CH. gewisse Typen gebe, welche auch nach Substitution des Wasserstoffes durch Chlor, Jod rc. Fortbestehen. Unter Typen versteht diese sogen, ältere Typentheorie gewisse Arten des Ausbaues der kleinsten Theilchen der Verbindungen (Molecitle) aus Atomen; die Art dieses Aufbaues ändert sich nicht, wenn ein oder mehrere Bausteine (Atome) durch andere, gleich große ersetzt werden. Der chemische Charakter einer Verbindung, so argumentirte diese Theorie, ist also abhängig von der Art des Aufbaues ihrer Moleküle aus Atomen, u. nicht von der elektrischen Natur dieser Atome. Die neue Lehre von der Substitution war von Berzelius vom Standpunkte der elektrochemischen Theorie aus, die ja nach seiner Meinung die Grundlage der ganzen wissenschaftlichen CH. bildete, aufs Heftigste bekämpft worden; er führte aus, es sei geradezu unmöglich, daß zwei so von Grund aus verschiedene Elemente, wie der eminent elektropositive Wasserstoff u. das eminent elektronegative Chlor, einander vertreten u. dadurch analoge Verbindungen bilden könnten. Aber seit in der Chloressigsäure ein so schlagendes Beispiel von Analogie zwischen einer ursprünglichen u. der durch Eintreten von Chlor an Stelle von Wasserstoff neu entstandenen Verbindung aufgewiesen worden war, verlor Berzelius' Einspruch immer mehr an Gewicht. Umsonst stellte er zur Erklärung der von den Gegnern herangezogenen Thatsachen seine Theorie der gepaarten Verbindungen ^) auf — um konsequent zn bleiben, sah er sich zu einer Reihe Mch.). complicirter u. gewaltsamer Deutungen der Constitution mancher organischen Verbindungen gezwungen; ja, er verwickelte sich sogar schließlich in Widersprüche mit seinen eigenen Ansichten, zu deren Vertheidigung er die Theorie der Paarlinge gerade aufgestellt hatte; alles dies konnte nur dazu beitragen, der neuen Auffassung immer mehr Anhänger znzuführen, ja, ihr schließlich den vollständigen Sieg zu sichern. Kolbes späterer Ver- such, die Paarlingstheorie durch seine Theorie der gepaarten Radikale — unter Anerkennung der Substituirbarkeit des Wasserstoffes — zu erneuter Geltung zu bringen (1850) hatte nicht die gehoffte Wirkung, wenn auch Kolbes spätere Leistungen für die neueste theoretische Gestaltung der CH. von großer Bedeutung sind. So war denn das Berzeliussche System, das erste, welches das gesammte Gebiet der CH. unter einheitlichen Prin- cipien zusammenfassend beherrscht hatte, gestürzt. Die Periode seiner Herrschaft war reich an den wichtigsten Entdeckungen und Untersuchungen, von welchen auch nur die wichtigsten im Einzelnen hier aufzuzählen, nicht meine Aufgabe sein kann; die meisten der uns bekannten chemischen Elemente wurden theils als solche erkannt, theils neu entdeckt; zahlreiche Verbindungen derselben, anor- ganische wie organische, aufgefunden und näher untersucht; Beziehungen wurden sestgestellt zwischen chemischer Zusammensetzung und physikalischen Eigenschaften (Krystallform, specifische Wärme, Dampfdichte); Gesetze endlich wurden aufgefundeu, welche, damals zum Theil unbeachtet, den Keim neuer Entwickelnngsphasen unserer Wissenschaft in sich bargen. Zunächst verursachte der Sturz einer so geistvollen und dabei so einfachen Theorie, wie die elektrochemisch-dualistische war, bei vielen Chemikern eine gewisse Abneigung gegen alle Theorien über die Anordnung der Bestandtheile in den Verbindungen; die Ansicht machte sich geltend, daß in einer Verbindung überhaupt nicht nähere Bestandtheile anzunehmen seien; der dualistischen stellte sich die unitarische Betrachtungsweise, d. h. die Auffassung einer jeden Verbindung als eines nicht weiter in besondere Gruppen zu zerlegenden einheitlichen Ganzen, entgegen. Der Spekulation gegenüber wurde, namentlich von Gme- lvobei 2t ein beliebiges Metall bedeutet) nicht erklärlich; wol aber dann, wenn man die entsprechenden Säurehydrate atz die eigentlichen Säuren, und zwar als Wasserstoffsäuren, betrachtet (deren Bestehen und verschiedene Eigenschaften Graham »echgewieseu hatte), nämlich: die gewöhnliche Phosphorsäure als L,(^>L>s), die Pyrophosphorsäure als L/(i?0/) und die M-taphosphorsäur- als (^Og), I» daß dieselben als Verbindungen von Wasserstoff mit S ganz verschieden zusammengesetzten Resten austreteu, deren Salze mtstehe», indem der Wasserstoff durch entsprechende Mengen von Metallen ersetzt wird; die Formeln dieser Salze find dann: R,(BOz) - Lk^o,) - M^Oe). d) Aus Aldehyd entsteht z. B., indem 3 Wasserstoffatome durch ebenso viele Chloratome substitnirt werden, das Chloral uns Alkohol unter Ersatz zweier Wasserstosfatome durch Sauerstoff die Essigsäure Nach derselben sind die organischen Verbindungen aus gewissen Kohlenwasserstoffen als Stamm, Radicalen oder Stamm-Lernen abzuleiten, und zwar a) durch Substitution des Wasserstoffes durch andere Elemente (Chlor, Brom, Jod, Sauerstoff), wodurch die iu ihren Eigenschaften den Stamm-Kernen ähnlichen abgeleiteten oder Neoen-Kerne entstehen, und d) durch Anlagerung von Atomen und Atomgruppen an diese Kerne. ") Essigsäure (7^ O4/ Lhloresfigsäure Nach dieser Theorie kann eine Verbindung sich mit einer zweiten (dem Paarling) vereinigen lpaaren), ohne dast dadurch der chemische Charakter der ersteren verloren gebt; so betrachtete Berzelius die Chloressigsänre aÜ mit Chlorkohlen- »°!s g-paarte Oxalsäure: -s- 0^. Pierers Universal-Conversations-Lexilon. 6. Aust. IV. Band. 706 Chemie (Gesch.). lin u. seiner Schule, die nüchterne Beobachtung betont. Doch die Anfänge neuer theoretischer Aufsassungen ließen nicht lange aus sich warten. Den Anstoß zu einer weiteren Resorm der CH., deren Abschluß heule noch nicht erreicht ist, gab die von Gerhardt u. Laurent begonnene Berichtigung der Atomgewichte. Diese waren bis dahin von verschiedenen Chemikern verschieden groß angenommen worden.^) Gerhardtsorderte nun, vom Jahre 1842 an, gestützt aus die Bildungs- u. Zersetzungsweise organischer Verbindungen, die Verdoppelung der Atomgewichte gewisser Elemente, so des Sauerstofses, Schwefels, Kohlenstoffes u. a.") Er und Laurent, der mit Gerhardt gemeinsam arbeitete u. dessen Leistungen von denen Gerhardts kaum zu trennen sind, hoben hervor, daß die Formeln gewisser organischer und auch unorganischer Verbindungen bei Annahme der von ihnen vorgeschlagenen Atomgewichte oder, wie Graham sie zuerst nannte, Äquivalente ebenfalls verändert werden müßten, und daß die so umgeäuderten Formeln dann bei flüchtigen Verbindungen stets Gewichtsmengen darstellcn, welche in Gas- oder Dampfform gleiche Räume, u. zwar das Doppelte des von einem Äquivalent Wasserstoff eingenommenen Raumes erfüllen, entsprechend dem von Avogadro (s. o.) ausgestellten Gesetze. Was Gerhardt zuerst als Äquivalent der Elemente be- zeichnete, nannte, Laurent (1845) Atomgewicht, die berichtigten Äquivalente der Verbindungen Molekulargewichte; indem er das Gesetz, daß die durch die berichtigten Formeln repräsentirten Gewichtsmengen gleiche Volumina repräsentiren müssen, auch auf die Elemente ausdehnte, kam er zu der Annahme, daß die Molecüle der meisten Elemente ans zwei Atomen bestehen, und dadurch zu der richtigen Unterscheidung zwischen Molecular- u. Atomgewicht — ungefähr in demselben Sinne, wie Beides heute noch anfgefaßt wird und in dem Artikel Atome näher entwickelt ist. Diese Ergebnisse, welche sich ausdrücklich an das 1811 von Avogadro ausgestellte Gesetz anschließen, daß (aus physikalischen Gründen) gleiche Volumina all» Gase gleich viele Molecüle enthalten müssen kamen, obwol sehr langsam, zu allgemeiner Anerkennung; u. daß sie allmählich sich Geltung ver. schafften, hat seinen Grund u. a. namentlich darin, daß sich auch von rein chemischen Gesichtspunkten aus die Nothwendigkeit heransstellte, manche Formeln im Sinne der neueren Anschauung zn verdoppeln. Anderseits wurde die Annahme, daß die Molecüle der ineisten Elemente aus 2 Atomen bestehen, gestützt durch die Entdeckung des Ozons durch Schönbein *°) u. Lurch die mechanische Wärmetheorie. Aber auch die Untersuchungen über die rationelle Constitution der Molecüle, die Art des Aufbaues derselben aus Atomen, wurde wieder ausgenommen. Bei seiner Untersuchung über Bildung von Äther aus Alkohol^) war Williamson (18Sü> auf die schon 1846 von Laureut ausgesprochene Idee gekommen, die Constitution mehrerer Verbindungen mit derjenigen des Wassers zu vergleichen; Alkohol u. Äther ließen sich aus Wasser ableiten, indem eines der Wasserstoffatome oder beide durch eine Aromgruppe (ein Radikal) erseht wurden; ^) dieselbe Betrachtung dehnte Williamson 1837 auf die Säuren u. deren Anhydride, Basen u. Salze aus.^) Schon 1849 war Wurtz die Darstellung von organischen Basen gelungen, die mit dem Ammoniak eine große Analogie zeigten und von ihm mit Ammoniak verglichen wurden, das au Stelle eines Wasserstoffatoms eine ani Kohlenstoff u. Wasserstoff bestehende Atomgrupp! enthielt, eine Ansicht, die in der von Hoffman» angewandten Darstellungsmethode derselben Basen (Amide, s. d. Art.) eine wesentliche Stütze fand.") In weiterer Ausdehnung dieser Ideen führte Gerhardt die verschiedenen Verbindungen (1853) ans 4 unorganische Wasserstoffverbindungeu, den Wasserstoff (als Molecül), die Salzsäure, Las Wasser u. das Ämmoniak, zurück, die er Typen nannten aus welchen alle Verbindungen dadurch abgeleitet wurden, daß man an Stelle von Wasserstoffatomen andere Atome oder Atomgruppen (die nicht >-) Val. Amn. S>. »i Diese von Laurent u. Gerhardt u. spater von Anderen verbesserten Atomgewichte: o — 16, 8 —32, 0—12u. s.a> sind die in: Art. Atome (s. d., Band II. S. MS) tabellarisch zusammengestellten. Es wird also durch einige Atomgewicht; wie O, 8, 0, :c., dieselbe Eewichtsmenge bezeichnet, wie friiber durch die doppelten: Oz, ,§ 2 , lF. Dahin gehört namentlich der von Laurent u. Gerbardt geführte Nachweis, daß die S^wefelsäure u. die Oxalsäm zweibasisch find, d. b. zwei durch Metalle vertretbare Wasserstoffatome enthalten, weshalb die Formel der Schwefels»»« in gzSOz sd.i.^^Ogj- die der Oxalsäure m umzumchcru waren, S-r- meln, welche auch von der Laurent-Gerhardtschen Theorie gefordert wurden; ferner daß, wie Williamson zeigte, zur Bild mg 1 Mol. Äther 2 Mol. Alkohol erfordert werden, wonach die Formel des Äthers — ((tyIIssyOsl-gÄiolh, anstatt wie früher geschrieben werden mußte, wenn als die des Alkohols s^RgO — (s^HsMOsALeöjj angenommen wurde, eine Annahme, welche durch die Existenz der gemischten Äther fast unbestreitbar geworden war. Di! Eewichtsmenge::, welche durch diese Formeln dargcstellt werden, find (für sch— x 0 — 16, 6—12) für AlkolM 6,8oO — 2.12-i-6.1-s-16—46 und für Äther 4.1210.116^74; und diese G-wM mengen erfüllen dann in Dampfform gleiche Räume, und zwar dieselben, wie 2 Atome, d. b. —2 GewichMHÄi Wasserstoff, wie dies dem Avogadroschen Gesetze entspricht. >°> Ozon ist eine Modisication des Sauerstoffes von der 1-/»fachen Dichte des gewöhnlichen Sauerstoffes, was daran hinwcist, daß dieser in: Molecül 2, das Ozon drei noch kleinere Theilchen, Atome, enthält. n) Schreibt man die Formel des Alkohols u. die des Äthers so lassen sich dieselben aus der Fomü des Wassers ableiten, indem 1, resp. 2 At. Wasserstoff durch die Atomgruppe cWs (Äthhl> ersetzt werden. ») Salpetersäure Kalis-Hydrat) ^o. — Beide vereinigen sich zu Salpeter unter Bildung « Wasser (Ac>). — Salpetersäureanhydrid >») Ammoniak L ; Äthhlamin W ,dl; Äthylmethylamin re. S) L) II/ Chemie (Ge>ch.). 7"7 in dem strengen Sinne der Berzelmsschen Radicale gefaßt wurden) treten ließ. Später fügte Kekule (1857) noch einen weiteren Typus, Sumpfgas, hinzu. 2 °) Dies ist die Grundlage der neueren Typentheorie. Im engsten Zusammenhänge mit dieser Theorie steht die Lehre von der Wer- thigkeit oder Valenz der Atome u. Atomgruppen (Radikale), welche eine nothwendige Conseqnenz der schon von Dumas, Liebig u. Laurent erkannten Verschiedenheit von Atom u. Äquivalent ist. Schon Williamson hatte 1851 von „mehrbasischen Radikalen" gesprochen; Odling war der Erste, der die Idee der Polybasicität (Mehrwer- thigkeit) auch auf Atome anwandte. Mehrwerthig ist nach dieser Lehre ein Atom oder ein Radikal dann, wenn mehr als ein Wasserstoffatom durch dasselbe ersetzt wird, oder wenn es mehreren Wasserstofsatomen gleichwerthig, äquivalent ist; oder, wie es später ausgedrückt wurde, wenn es mehrere Berwandschaftseiuheiten od. Valenzen besitzt. Diese — außer von Williamson und Odling auch von Frankland, Gerhardt, Chiozza, Wurtz, H. L. Buss, Kekule, Hoffmann, Berthelot ausgebildete Lehre wurde von Williamson u. besonders (1857) von Kekule zur Erklärung Vereinfachen u. mehrfachen u. zur Aufstellung der gemischten Typen angewandt. Danach sind manche Verbindungen, z. B. die mchrbasischen Säuren, aus einem verdoppelten oder verdreifachten Typus, oder auch aus einer Cvmbination von zwei oder mehr verschiedenen Typen abznleiten, u. zwar so, daß die einzelnen Typen durch ein mehrbasisches Radikal zusammengehalten werden, welches je ein Wasserstoffatom derselben gleichzeitig ersetzt.-') Ebenso lassen sich, wie Wurtz gezeigt hat, die übrigen Typen aus dem vervielfachten Wasser- stofstypus ableiten; werden im doppelten Waffer- stofftypus zwei Wasserstoffatome durch ein zwei- werthiges Sauerstoffatom; im dreifachen drei Wasserstoffatome durch ein dreiwerthiges Stickstoffatomrc. ersetzt, so erhält man die Typen Wasser, Ammoniak rc. Kekule war es auch, der die Werthig- keit der Radicale aus derjenigen der Elemente abgeleitet 22 ) u. dadurch den Grund zu der modernen Theorie der chemischen Struktur (Constitution) zerlegt hat, welche die Aufgabe zu lösen sucht, den inneren Zusammenhang der Moleküle aus Len Beziehungen der sich gegenseitig bindenden Atome zu erklären. 2») Diese Theorie umfaßt wieder das Gesammtgebiet der CH., die unorganische wie die organische. Sie hat ihre Lebensfähigkeit nament- lich dadurch bewiesen, daß sie eine vollkommene Erklärung zahlreicher Isomersten und Polymerien ermöglicht u. selbst zur Auffindung neuer geführt ») Diese Typen find: Wasserstoff A ; Salzsäure sspäter als mit dem vorigen identisch betrachtet),- , M Wasser n ^o; Ammoniak 8^8; Sumpfgas 0. »> So leitete Williamson die zweibasische Schwefelsäure 2-80« aus dem doppelten l.condensirten") Waffertypus Li >0 ab, indem er annahm, daß je ein Wafferstoffatom der beiden Wassermoleciile durch das zweiwerthige Radical 80- gemeinschaftlich ersetzt und dadurch die zwei ursprünglichen Molecüle zu einem einzigen vereinigt werden: 80-l.. Die 2 sO Sulsobenzolsäure leitete Kekuls aus einer Combination des Wasserstoff- und des Waffertypus ab, indem er das ^,'0 «me Atom des WasserstosstypuI durch das einwerthige Radical 0-8- und das andere gleichzeitig mit dem einen Wasserstoff- 0 - 8 -> «iom des Wassertyvus durch das zweiwerthige Radical 80- ersetzt dachte: 80- o- Bon den Elementen find u. a. «inwerthig: Wasserstoff, Chlor, Brom, Jod, Fluor, die Alkalimetalle und das Silber; zweiwerthig: Sauerstoff, Schwefel, die Metalle der alkalischen Erden, viele schwere Metalle, wie Zink, Quecksilber, Kupfer rc.; dreiwerthigx Stickstoff, Phosphor, Arsen, Antimon, Wismuth, Gold; vierwerthig: Kohlenstoff, Silicium, Zinn. «y Danach ist z. B. das Radical 80- zweiwerthig, weil durch die 2 Berwandschaftseiuheiten des Schwefelatoms nur 2 von den 4 Berwandschaftseiuheiten der beiden Sauerstoffatome gebunden, die beiden anderen dagegen frei find; schematisch kann man dies durch die Formel — O — 8-0 — ausdrücken, wobei dis Striche zwischen zwei Symbolen die sich gegen- Nftig bindenden, die Striche außerhalb die freien Verwandlschaftseinheiten bezeichnen. Daß das Methyl L8r einwerthig ist. »klärt die Formel 8 — 0 — 8, welche besagt, daß 3 von den 4 Valenzen des Kohlenstoffatoms durch Wasserstoffatom« gebunden find, die 4te frei ist. Enthält ein Radical mehrere Atome Kohlenstoff, so wird angenommen, daß diese sich mit einem Theil ihrer Valenzen gegenseitig bn den. So erklärt sich dis Einwerthigkeit des Äthyls 0-8- durch die Formel: 8 8 ll-o— .. 8 — 0 — > ; die Zweiwerthigkeit des Äthylens 0-8, durch die Formel s n. s, w. S—0—8 8 — 0 — ! l 8 8 "1 Sie bedient sich dazu ähnlicher Formeln, wie die soeben zur Erklärmig der Werthigkeit von Radikalen gebrauchten, toelche Strukturformeln oder Constitutionsformeln genannt werden; diejenigen Verbindungen, in welchen alle Valenzen der m einem Molecül enthaltenen Atome sich gegenseitig binden, heißen gesättigt, im Gegensätze zu dm ungesättigten, den Radikalen, in welchen dies nicht der Fall ist. So wird die Structur des Methylalkohols 08-08 durch die Strukturformel 8 ! / 08-v a — 0 — 8 I oder kürzer > l ausgedrückt, welche besagt, daß von den 4 Valenzen des Kohlenstoffatoms 3 durch I 08 7 0 — 8 708 Chemie (Literatur). hat;") daß sie es also ermöglicht, die Verschiedenheit von Verbindungen, u. zwar an der Hand des Experiments, aus der Verschiedenheit der Zusammensetzung zu erklären, auch dann, wenn diese letztere Verschiedenheit nur auf einer verschieden- I artigen Lagerung der nämlichen Atome beruht. Für ' Las Fortbestehen dieser Theorie ist von entscheidender Bedeutung namentlich die Flage, ob die Valenz der Atome eine Konstante ist, oder nicht. Repräsentanten der heutigen, noch keineswegs abgeschlossenen Anschauungen sind außer den bisher Angesührtcn: Cannizaro, Kopp, Wurtz, Berthelot, Butlcrow u. A. Hiermit sind wir aus dein Gebiete der Geschichte in das der Gegenwart getreten. III.Literatur: 1 )Zeitschriften: Liebigs An nalen der CH. n. Pharmacie, herausgeg. v. Wühler, Kopp u. A., Lpz. seit 1840, hervorgcgangen aus den Ann. der Pharmacie, Lpz. u. Heidelb. 1832 fs.; Annalen der Physik u. Chemie, herausg. von Poggendorff, Lpz. seit 1824, hervorgcgangen aus Grens Journal d. Phys., Lpz. 1790 ss., später Gilberts Annalen, Lpz. 1799 ff.; Journal für prakt. Chemie, herausg. von O. L. Erdmann, Lpz. seit 1834, seit 1870 redig. v. Kolbe; Jahresbericht über die Fortschritte d. reinen, pharm. u. techn. CH., herausg. v. Liebig u. Kopp, Gießen 1847 fs., seit 1872 herausg. von A. Naumann; Zeitschrift für CH., herausg. v. Beilstein, Fittig u. Hübner, Gött. seit 1858; Chemisches Ceutralblatt, herausg. von Knop, Lpz. 1856 ff., v. Arendt seit 1863; Berichte der Deutschen Chem. Gesellschaft, Berl. 1868 ss.; Jahresbericht über die Fortschr. d. reinen CH., v. L-tädel, Tübing. 1874; Klein, Fortschr. ans d. Gebiete der theoret. CH., aus dessen Vierteljahresrevue, Lpz. 1874; Lnnales säs cbiirüs sb äs xbz-signs, Par. seil 1841; äonriuä äs pbarmneis sb olrimis, Par. seit 1842; II nuovo simonbo, Pisa seit 1855; Lbs äonrnal ok tbo Cbsmieal Loeiet^, London seit 1849; Lüwuüeal Uslvs, das.; Elsner, Chemischtechnische Mittheilungen, Berl. seit 1846; Wagner, Jahresbericht über d. Leistungen der chem. Technologie, Lpz. seit 1856; Jacobson, Chem.- techn. Repertorium, Berl. seit 1862; Maly, Jahresbericht über d. Fortschr. der Thicr-Ch., Wiesb. seit 1874; Fresenius, Zeitschr. sür analyt. CH., Wiesb. seit 1862; Dietrich, Jahresbericht über die Fortschr. d. Agricultur-Ch., Berl. 2) Handwörterbücher: Fehling,Neues Handwörterbuch der CH., Brschw. 1871 ff.; Dämmer, Kurzes chem. Handwörterb., Berl. 1872 ff.; Böttcher u. Gräger, Handw. sür techn. CH., 2. Ausl., Weimar 1871; Selini, Lnoielop. äi obim. ste., Turin 1869 fs.; Wurtz, Lieiüonnalrs äs obimis xnrs et axpl., Par. 1867 ff.; Karmarsch n. Heeren, Techn. Wörterbuch, 3. A., bearb. v. Kick u. Gintl, Prag 1874 ff. 3) Lehr- u. Handbücher der reinen CH.: a) Gesammte Ch.: Berzelius, I-ürbolc i Lswisii, Stockh. 1826—28, deutsche Ausg., 5. A., Lpz. 1857; Gmelin-Kraut, Handb. d. CH., 6. Ausl., Heidelb. 1873; Graham-Otto, Ausfuhr!. Lehrb. der CH., 1. Band: Physikal. u. theoret. CH. von Buss, Kopp u. Zamminer, 4. A., Brschw. 1863; 2. Band: Anorgan. CH. v. Otto, 4. Ausl., das. 1863; 3., 4. u. 5. Band: Organ. CH. v. Kolbe, 3. A., das. 1854—68; Mnspratt, Theoret., prall, u. analyt. CH., 3. A., bearb. v. Kerl u. Stohmami, Brschw. 1872 ff.; Cooke, Die CH. der Gegenwart, Lpz. 1876; Feser, Lehrbuch d. theoret. u. prall. CH., Berl. 1873; Frankland, I-sotnrs Hotss kor Cbomioal Ltnävnts, 2 Bde., 2. A., Lond. 187i> n. 1872; Genther, Lehrb. d. CH., Jena 1870; Gorup-Besanez, Lehrb. d. CH.; 1. Bd.: Anorg. CH., 5. A., Brschw. 1873; 2. Bd.: Organ. CH., 4. Ausl., das. 1873; Gottlieb, Lehrb. der reinen u. techn. CH., 3. A., Brschw. 1868; Hiller, Lehrb. d. CH., Lpz. 1861—63; Hofmann, Einleitung in die moderne CH., 5. A., Brschw. 1871; Krönig, Die CH. als Bildungsmittel f. d. Verstand, Berl. 1864; Liebig, Chem. Briefe, 5. A., Lpz. 1865; OLling, Beschreibendes n. theoret. Handb. d. CH., deutsch v. Oppenheim, Erlangen 1865; Pelouze u. Fremy, Vraiis äs oft. Zensr., Par. 1860—66; Rammclsberg, Grundriß d. CH., 4. A., Berl. 1874; Negnault, Lours slvm. äs obimis, 6. A., Par. 1869—70; Regnanlt-Strecker, Kurzes Lehrb. der CH., Brschw., 1. Bd.: Anorg. CH., 8. A., von A. Strecker, 1869; 2. Bd.: Organ. CH., 6. Auch, v. Wislicenus, 1874; Roscoe, (Lemming, Lond. 1872; Roscoe, Kurzes Lehrb. d. CH., deutsch von Schorlemmer, 5. A., Brschw. 1875; Rüdorss, Grundr. d. CH., 3. A., Berl. 1874; Schreiber, Grundriß d. CH., Berl. 1868; Schödler, Die CH. der Gegenwart, 3. A., Lpz. 1859; Sell, Grundr. d. mod. CH., Berl. 1868—70; Stammer, Lehrb. d. CH. n. chem. Technol., Essen 1869; Stöckhardt, Schule d. CH., 17. A., Brschw. 1873; Wagner, I. R., Die CH., saßl. bärgest., 6. A., Lpz. 187S; Würtz, I-sei. slöm. äs obiinis inoä., 3. A., Par. 1875; Zängerle, Lehrb. d. CH., 2. A., München 1875. b) Anorganische CH.: Arendt, Lehrb. d. anorg. CH., 3. A., Lpz. 1875; Büchner, Lehrb. d. a. CH., Brschw. 1872; Buff, Lehrb. d. a. CH., Erlang. 1868; Fittig, Grundr. d. a. CH., 2. A., Lpz. 1875; Lorscheidt, Lehrb. d. a. CH., 3. Ausl., Freiburg 1874; Otto, s. Graham-Otto mit. och Pinncr, Repetitorium d. a. CH., 2. Ausl., Berl. 1875; Rammelsberg, Handb. der Mineral-Ch., Lpz. 1875; Richter, Kurzes Lehrb. d. a. CH., Bonn Wasserstoffatome (Methyl), die 4 te durch eine der beiden Valenzen eines Sauerstoffatoms gebunden ist, welch letzteres mit seiner zweiten Valenz ein ferneres Wasserstoffatom bindet. Dieses letzte Wasserstoffatom allein ist durch Sänreradicale ven tretbar (wodurch zusammengesetzte Ätherarten entstehen); diese besondere Stellung desselben findet ihren Ausdruck eben in der Structurformel. 2 ') So existircn zwei Körper von der Zusammensetzung 6284612, die aber in ihren Eigenschaften nicht übereinstimmeni ihr chemisches Verhalten hat zu der Annahme verschiedener Anordnung der Atome geführt, welche durch Strukturformeln ^ 6826I .. , folgendermaßen veranschaulicht werden. Man bezeichnet den einen, das Äthylenchlorid, durch > , den anderen, Athyliden-> 682 61 683 chlorid, durch > ; der Unterschied beruht also darauf, daß im ersten Falle jedes der 2 Chloratorne an ein anderes 686I2 ! Kohlenstoffatom, im zweiten beide Chloratome an dasselbe Kohlenstoffcuom gebunden sind. 709 Chemill6 — Chemischer Proccß. 1875; Wähler, Grundr. d. a. CH., 15. A., von H. Kopp, Lpz. 1873. s) Organische CH.: Berthelot, Irsätö slöm. äs ekiinis or§., Par. 1872; Butlerow, Lehrb. d. o. CH., deutscheAusg., Lpz. 1887; Kekulö, Lehrb. d. CH. der Kohlenstoffverbindungen, Erlangen 1861 ff.; Kolbe, s. Graham-Otto. unt. a); Lorscheidt, Lehrb. d. o. CH., Freib. 1874; Löwig, CH. d. org. Verbindungen, 2. A., Brschw. 1847; Pinner, Repetitorium der org. CH-, 2. A.,Berl. 1874; Schloßberger, Lehrb. d. org. CH., 5. A., Lpz. 1860; Schorlemmer, Lehrb. der Kohlenstoffverbindungen, 2. A., Brschw. 1874. ä) Theoretische CH.: Buff, Gruudleh- ren der theoret. CH., Erlang. 1866; Buff, Kopp, Zainminer, s. Graham-Otto unt. a); Claus, Grnnd- züge d. mod. Theorie in der org. CH., Freiburg 1871; Gerding, Die allg. Grundlehren des wissen- schaftlich-chem. Lehrgebäudes, 2. A., 1874; Meyer, Lothar, Die modernen Theorien in der CH., Brest. 1872; Naquet, krinoipss äs okimis. Par. 1867; Aeihrich, Ansichten d. neueren CH., Mainz 1872; Wurtz, Oonrs äs xkilosopkis ekinügus, Par. 1866. s) Stöchiometrie: Fischer, Stöchiom., Hannover 1875; Stas, Unters, über die Gesetze der chemischen Proportionen, übers, v. Aronstein, Leipzig 1867. 4) Werke über angewandte CH.: Volley, Handb. d. chem. Technologie, 1863—74; Ders., Handb. d. techn.-chem. Untersuchungen, 4. A., v. E. Kopp, Lpz. 1874; Hosmann, Chem. Industrie (Bericht üb. d. Wiener Weltausstellung, III.), Brschw. 1875; Knapp, Lehrb. d. chem. Technologie, 3. A., Brschw. 1865—75; Payen, Handb. d. techn. CH., nach der 5. A. frei bearb. v. Stoh- mann u. Engler, Stuttg. 1874; Wagner, Handb. d. chem. Technologie, d. A., Lpz. 1873; Ders., Grundriß der chem. Technologie, 2. A., Lpz. 1874; Liebig, Die CH. in ihrer Anwendung auf Agricul- tnr u. Physiologie, 9. Ausl., v. Zöllner, Brschw. 1874; Gorup-Besanez, Lehrb. d. physiolog. CH., 3. A.. Brschw. 1874—75; Lehmann, Handb. d. physiolog. CH., 2. A., Lpz. 1859. 5) Geschichte der CH.: Gmeling, Gesch. der CH., Gött. 1797—99; Thomson, llkekistor^ ol edsmistrzs, Lond. 1830—31; Schmieden, Gesch. d. Alchemie, Halle 1832; Dumas, I-syons snr In Mos. ekim., Par. 1837, übers, v. Rammels- derg, Berl. 1839; Kopp, Gesch. d. CH., Brschw. 1843—47; Wagner, Gesch. d. CH., 2. A., Lpz. 1855; Buff, Ein Blick auf die Gesch. d. CH., Erlang. 1866; Höfer, Histoirs äs Okimis, 2. A.,Par. 1866; Kekule, Gesch. d. org. CH., Erlang. 1887; Chevreul, Histsirs äs «Minis, Par. 1869; Kopp, Beiträge zur Gesch. d. CH., Brschw. 1869 bis 1875; Ladenburg, Vortr. über d. Entwickel- ungsgesch. d. CH. in den letzten 100 Jahren, Brschw. 1869; Wurtz, Histoirs äss äootrinss okimignss Ispuis Lavoisisr, Par. 1869, deutsch v. Oppenheim, Berl. 1870; Volhard, Die Begründung d. CH. durch Lavoisier, Lpz. 1870; Lewinstein, Die Achemie, Berl. 1870; Kopp, Entwickelung d. CH. m der neueren Zeit, München 1871—74; Lor- scheid, Aristoteles' Einfluß auf die Entwickelung CH., Münster 1873; Erlenmeyer, über den Ein- W Liebigs auf die Entwickelung der reinen CH., München 1875. 6) Literatur: Zuchold, Likliotksea. oksmioa für 1840—58, Gött. 1859, u. Ruprecht, Libliotk. eksm. für 1858—70, Gött. 1872. Wimmenauer Ll. Chemille, Flecken im Arr. Beanpreau des frauz. Dep. Maine-et-Loire, Station der Orleans- Bahn; Papiersabrikation, Baumwollen- n. Sam- metmanufactnr; Mehhandel; 4414 Ew. Obemm (fr.), Weg; 6K. äs Isr, Eisenbahn; OK. oonvsrt, bedeckter Weg (s. d.); OK. ronä, Rondensteg (s. d.). Obeminsment (fr.), das Vorrücken u. der Gang der sich einer belagerten Festung nähernden Laufgräben; daher cheminiren, s. u. Fcstungskrieg. Chemische Elemente, s. u. Elemente. Chemisches Feuerzeug, eine vor Erfindung der Reibzündhölzchen allgemein angewandte Vorrichtung zur Erzeugung einer Flamme; besteht aus einem Glase, in welchem sich mit Schwefelsäure getränkter Asbest befindet, u. einem Kästchen, worin die Zündhölzchen aufbewahrt werden. Diese sind dünne Stäbchen von trockenem, leicht brennendem Holze, welche an einem Ende mit Schwefel überzogen u. mit einem Kopfe versehen sind, der aus einer Mischung von Zucker u. chlorsaurem Kali besteht n. mit gefärbtem Gnmmischleim überzogen ist. Beim Eintauchen dieses Kopfes in das Glas wird das chlorsanre Kali unter Entwickelung von Wärme zerlegt, durch diese zunächst der Schwefel u. endlich das Holz entzündet. Da die Schwefelsäure rasch Wasser aus der Luft auzieht, so war die Wirkung des chem. Feuerzeuges eine sehr unsichere; durch die.Phosphorzündhölzer ist es bald verdrängt worden. Hetzer.» Chemische Metamorphose, so v. w. chem. Proceß. Chemischer Proceß (chemische Metamorphose) heißt jeder Vorgang, bei welchem Körper eine bleibende Veränderung ihrer Eigenschaften erleiden, also in andere, stofflich verschiedene übergehen. Solche Vorgänge treten ein, sowol wenn man einen einzelnen Körper dem Einflüsse der Wärme, des elektrischen Stromes, des Lichtes rc. aussetzt, als auch wenn mehrere Körper entweder bei gewöhnlicher, oder erhöhter Temperatur in innige Berührung kommen. Zu ihrer Erklärung muß man annehmen, daß die gegenseitige Anziehungskraft der Atome (die Verwandtschaft, Affinität, dasVereinigungsbestreben) bei den verschiedenen Elementen je nach der besonderen Natur derselben eine verschiedene Stärke hat u. daß dieselbe durch verschiedene Einflüsse (Wärme, Elektricität) geändert wird. Die am häufigsten verkommenden Proteste sind: a) Die einfache Zersetzung, bei welcher ein zusammengesetzter Körper ohne Zuhilfenahme eines anderen bloß durch den Einfluß der Warme, der Elektricität rc. in seine Bestand- theile zerfällt; so zerfällt Quecksilberoxyd, aus Quecksilber u. Sauerstoff bestehend, beim Erhitzen in die genannten Elemente; Wasser wird durch den elektrischen Strom in seine Bestandtheile, Wasserstoff u. Sauerstoff, zerlegt, rc. k) Die di- recte Bereinigung, wobei aus zwei verschiedenen Körpern ein neuer entsteht; beispielsweise verbinden sich Schwefel u. Eisen beim Erhitzen zu Schwefeleisen, s) Die Zersetzung durch Substitution tritt dann ein, wenn man zu einem 710 Chemischer Proceß. zusammengesetzten Körper -I- 8) einen anderen ( 0 ) bringt, der zu einem Bestandtheil des ersteren, etwa zu eine stärkere Verwandtschaft hat, als ^ zu 8. Es vereinigt sich dann ^ mit 0 , u. 8 wird abgeschieden oder frei. Da ^ hier zwischen 8 u. 6 gleichsam wählt, so nannte man früher eine solche Zersetzung eine Zersetzung durch einfache Wahlverwandtschaft. Als Beispiel einer sol- chen Zersetzung durch einfache Substitution nennen wir die Zersetzung der Salzsäure oder Chlorwasserstoffsäure durch Zink. Die Salzsäure besteht aus Chlor ».Wasserstoff; das Zink hat zum Chlor eine stärkere Verwandtschaft, als dieses zum Wasserstoffe ; es verbinden sich daher Zink u. Chlor zu Zinkchlorid, u. der Wasserstoff wird abgeschieden: Salzsäure, d. i. Chlor -f- Wasserstoff u._ Zink geben: Ziukchlorid u. Wasserstoff, ä) Die Zersetzung durch wechselseitige Substitution, kürzer Wcchselzersetzung (früher Zersetzung durch doppelte Wahlverwandtschaft genannt), erfolgt, wenn zu einer Verbindung (L. -f- 8) eine andere (6 -I- O) Hinzuwitt u. das Vereinig- ungsbestrebeu zwischen ^ u. 0 größer ist, als das zwischen L. u. 8; es entstehen dann zwei neue Verbindungen, indem sich u. 6, aber auch gleichzeitig die hierdurch frei gewordenen Körper 8 u. 8 mit einander vereinigen. Dahin gehört z. B. die wechselseitige Zersetzung von Salzsäure u. Silbernitrat (salpeters. Silberoxyd), welche erfolgt, sobald (wässerige) Salzsäure u. eine Lösung des Silbernitrats in Wasser vermischt werden. Das Silberuitrat ist eine Verbindung von Silber mit dem aus Stickstoff u. Sauerstoff bestehenden Salpetersäurereste (d. i. dem, was in der Salpetersäure mit Wasserstoff verbunden ist); beim Zusammentreten dieser Verbindung mit Salzsäure vereinigt sich das Chlor derselben mit dem Silber des Silbernitrats zu Silberchlorid (Chlorsilber), gleichzeitig vereinigt sich aber auch der von der Salzsäure übriggebliebene Wasserstoff mit dem vom Silbernitrat übriggebliebenen Sal- pclersäurereste zu Salpetersäure: Salzsäure, d. i. Chlor -i- Wasserstoff u. Silbernitrat, d. i. Silber -s- Salpetersäurerest geben: Silberchlorid u. Salpetersäure. Es scheint übrigens, als ob der Eintritt chemischer Processe, namentlich der unter o u. ä genannten Zersetzungen, nicht allein durch die Verwandtschafts- Verhältnisse, sondern auch durch die verschiedene Löslichkeit oder Flüchtigkeit der Körper bedingt wurde; dieselben finden nur dann vollständig statt, wenn dabei eine solche räumliche Trennung der in den Proceß eingehenden Substanzen u. der Producte desselben stattfindet, daß die ersteren fortwährend auf einander einwirken können. So ist eine wesentliche Bedingung dafür, daß Chlorwas- serstoffsäure von Zink vollständig zersetzt wird, die, daß die Chlorwasserstoffsäure in wässeriger Form angewandt wird, so daß das entstehende Zinkchlo» rid in dem Wasser sich löst; denn sonst würde letzteres sofort einen Überzug über das Zink bilden u. dadurch dieses der Einwirkung der Salzsäure entziehen. So ist ferner die Wechselzersetzung der wässerigen Lösungen von Salzsäure u. Silbernitrat bedingt durch die Unlöslichkeit des entstehenden Silberchlorids, welches in dem Maße, als es sich bildet, als fester Mederschlag aus der Lösung entfernt wird. Die neuere Chemie, welche die Körper als aus Molecüleu u. diese wieder als aus Atomen, selbst die Molecüle der meisten Elemente aus Ms gleichartigen Atomen bestehend annimmt (s. Atome), erklärt dem entsprechend die chem. Processe aus Bewegungen, Umlagerungen der Atome. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, erscheinen nur sehr wenige chem. Processe als directe Vereinigung oder Addition der Molecüle, d. h. als unmittelbare Aneiuanderlagerung zweier chemischen Molecüle zu einem neuen chemischen Molecül. Dahin gehört z. B. die Vereinigung eines Mol. Salzsäure u. eines Mol. Amwoni«! zu einem Mol. Salmiak: 861 -i- 8,8 — 8 ^ 801 . Bei den meisten sog. directen Vereinigungspro- ceffeu findet dann aber eine Umlagerung der Atome der zusammentretenden Molecüle statt; so bei der Vereinigung von 1 Mol. Wasser u. 1 Mol. Schwefelsäureanhydrid zu Schwefelsäure, was sehr gut durch die typische Schreibweise veranschaulicht wird: Schweselsäureanhydrid 8O2 .0 u. Wasser ^0 8 V 0 geben Schwefelsäure: (8O2), 8 / 0 Eine ähnliche Umlagerung findet auch bei dm meisten einfachen Zersetzungen statt. Dahin gehört z. B. die Zersetzung des gelöschten Kalles beim Erhitzen: Calciumhydroxyd (gelöschter Kalk) 810 Oas 8/0 oibt- Calciumoxyd 9 " (gebrannten Kalk) 6a.0 u. Wasser ^ 0 Weit häufiger sind Wechselzersetzungen, welche darin bestehen, daß ein Molecül einen Theil der in ihm enthaltenen Atome gegen einen gleichwer- thigen (äquivalenten) Theil der Atome eines anderen Molecüls austauscht. Dahin gehört z. B. > die oben erwähnte Wechselzersetzung von Salzsäure , u. Silbernitrat (die Symbole der gegen einander > ausgetauschten Atome oder Atomgruppen sind fett gedruckt): 018 -i- ^0-^0- 0I4x 4- 0 Salzsäure u. Silbernitrat geben Silberchlorid u. Salpetersäure. Viele Processe, die einfache Vereinigungen oder Zersetzungen zu sein scheinen, find ebenfalls nichts Anderes, als solche Wechselzersetzungen; so die Bereinigung von Chlor u. Wasserstoff im Sonnenlichte zu Chlorwasserstofffäure: 0161 -i- 88 — 018 -i- 018 ein Mol. ein Mol. zwei Mol. Chlor u. Wasserstoff Chlorwasserstoffs oder die Zersetzung der Salzsäure durch den galvanischen Strom: 711 Chemisches Vereinigungsstreben — Chemmis. 6L ff- 618 — cici ff- IM zwei Mol. ein Mol. „ ein Mol. Chlorwasserstoffsäure Chlor Wasserstoff. Einfache Substitntionsprocesse sind die seltensten; sie kommen nur vor, wo ein Mol. eines Körpers, welches nur aus einem Atom besteht, auf ein aus mehreren Atomen bestehendes Mol. zersetzend wirkt; so bei der Zersetzung der Schwefelsäure durch Zink unter Freiwerden von Wasserstoff, weil das Mol. des Zinkes nur aus einem Atom besteht: 2n -st 828O4 — 82 ff- LnSOt l Mol. „ 1 Mol. 1 Mol. „ 1 Mol. Zinl Schwefelsäure ^oen Wasserstoff Zinlsulfat. Man kann sich alle als Wechselzersetzung aufzu- sassenden Processe durch die Annahme erklären, daß ihr Verlauf folgendermaßen von Statten gehe: 1) die beiden Molecüle ziehen einander an, 2) die in denselben enthaltenen Atome gruppi- rcn sich gemäß ihres größeren oder geringeren Vereinigungsstrebens, u. 3 ) die so entstandenen neuen Molecüle treten dann aus einander; ein Beispiel genügt, um dies anschaulich zu machen: vor: während: nach der Zersetzung: 61 § 8 6M ^18 n cm cm 61 Chemisches Bcreinigungsstreben, so v. w. Chemische Verwandtschaft; s. u. Chemischer Proceß. Chemische Verwandtschaft (chemisches Vcr- rinigungsstreben, Affinität), die Ursache der chemischen Vereinigung; s. u. Chem. Proceß. Chemische Zeichen. Der Kürze wegen wurden schon früher für die in der Chemie u. Alchemie vorkommenden Stoffe (Gold O, Silber D, Quecksilber §, Eisens, Meist,, Wasser V), sowie für einige chemische Operationen (H Destillation, ^ Sublimation) Zeichen eingeführt, welche auch von Ärzten auf Recepten gebraucht wurden. Jetzt haben chem. Z. eine wesentlich andere Bedeutung: man bedient sich derselben, um damit je 1 Atom eines Elements zu bezeichnen, u. hat dazu nicht beliebige Figuren, sondern viel zweckmäßiger die Anfangsbuchstaben der lateinischen Namen der einzelnen Elemente gewählt. So bezeichnet 8 ein Atom Schwefel (Lulximi), 0 ein Atom Sauerstoff (Or^Aemum), 8 ein Atom Wasserstoff (UxäroAsmum) rc. Bei Elementen, die mit demselben Buchstaben anfangen, fügt man zu den An- sangsbuchstaben noch einen zweiten, charakteristischen Buchstaben; so bezeichnet 61 ein Atom Chlor, 6a ein Atom Calcium, 6ä ein Atom Cadmium rc. Die Tabelle Bd. 8. S. 305 enthält neben den Namen der Elemente auch die chem. Z. derselben. Bei Verbindungen drückt man die Zusammensetzung eines Molecüls durch Nebeneinandersetzen der Zeichen der bctr. Elementaratome ans n. fügt, wenn mehrere Atome desselben Elements in ein Molecül der Verbindung eintreten, dem Zeichen dieses Elements noch eine Zahl bei; so ergibt sich z. B. für I Mol. Wasser, welches aus 2 Atomen Wasserstoff u. 1 Atom Sauerstoff besteht, das Zeichen 180 od. 8zO. Sauerstoffatome bezeichnte man früher auch wol durch übergesetzte Punkte u. Schweselatome durch Striche, 18 i Mol. Wasser, 18 I Mol. Schwefelwasserstoff. Für die Molecüle einiger Verbindungen hat man lediglich der Kürze halber auch noch besondere Zeichen eingesührt, so für 1 Mol. Ammonium ( 188 ) das Zeichen für 1 Mol. Cyan s( 08 ) das Zeichen 6)'. Bei Pflanzenalkalorden setzte man früher über die Anfangsbuchstaben ein Kreuz, bei organischen Säuren ff- einen Strich, z. B. Ost — 1 Mol. Chinin (620824826)2), IMol. Essigsäure (^oiäum aestioum (628462) rc.: jetzt ist die Bezeichnung der organ. Säuren u. Basen durch einfache Symbole nicht mehr im Gebrauch. Mit Hilfe der chem. Z. lassen sich nun auch alle chemischen Processe auf eine sehr einfache Weise in Form von Gleichungen darstellen, indem man links vom Gleichheitszeichen die Formeln der aus einander wirkenden Körper durch -i- verbunden, rechts davon die Zeichen der entstehenden Producte setzt. So entstehen, wenn inan Schwefelquecksilber u. Eisen erhitzt, aus je 2 Mol. des ersteren u. 1 Mol. des letzteren Körpers 2 Mol. Schwefeleisen u. 2 Mol. Quecksilber (1 Mol. Quecksilber besteht nicht wie bei den meisten Elementen aus 2, sondern nur ans 1 Atom). Dieser Vorgang wird kurz durch nachstehende Gleichung dargestellt: 28§8 ff- — 2 8e8 ff- 2 8ß. Hetzer. lllwmiss (fr., vom mittellat. oamioia; der Ursprung des Wortes ist dunkel, wahrsch. arabisch), 1 ) Hemd. 2 ) Form eines modischen Damenkleides, 3 ) Die äußere Seite der Futtermauern bei Festungswällen, die gewöhnlich 3 Fuß dick u. mit mehr Sorgfalt aufgeführt ist. 4 ) Revbtement, Be- od. Verkleidung zum Schutze des Gemäuers. Chemisette (fr.), über- oder Vorhemdchen; daher Chemisettennadel, so v. w.Busennadel. Chemismus, 1) chemisches Verhältnis!, Inbegriff alles dessen, was in Naturerscheinungen durch chemische Processe bedingt ist. 2 )Naturphilosophischc Theorie, welche die Bildung od. Forterhaltung der Natur durch einen chemischen Proceß erklären will. Chemithpie, eine von C. Piil aus Kopenhagen gemachte Erfindung, welche die in Holz geschnittenen Bilderstöcke für die Buchdruckerpresse ersetzen u. bes. das Nachahmen der Werthpapiere gänzlich beseitigen sollte. Das Bild wird zunächst auf eine mit Atzgrund überzogene Zinkplatte mittels der Radirnadel einradirt u. in die Tiefe geätzt. Nach Abwaschung des Ntzgruudcs bedeckt man die Platte mit einer ziemlich dicken Schicht von Pulver oder Feilspänen einer leichtflüssigen Legirung (angeblich von Zinn u. Wismuth) und erhitzt über der Lampe zum Schmelzen, so daß das leichtflüssige Metall die Form vollständig ausfüllt. Nach dem Erkalten wird das Zink abgehobelt u. zuletzt vorsichtig abgeschliffen, bis das Bild ans der Platte wie eine fein eingelegte Arbeit erscheint. Der Rest des Zinks wird dann mittels verdünnter Schwefelsäure entfernt, und nun tritt die Zeichnung erhaben hervor u. kann abgedruckt werden. Hetzer. Chemmis (a. Geogr.), 1) (Chemmo, Pauo- polis) Hauptstadt des Panopolites Nomos in Thebais (Ägypten), auf der OSeite des Nils; hier waren Leinwandmanufacturen und Steinmetzen. CH. ist Geburtsort des Dichters Nonnos; Trüm« 712 Chemnitz. mer bei dem jetzigen Akhmyn. In CH., Mendes n. Koptos wurde der Gott Chemmis (Khem) verehrt, er wurde als zeugender Naturgott von den Griechen mit Pan identtficirt n. mit Kopf u. Beinen des Bockes dargestellt. 2) Schwimmende Insel des Sees Buto im Delta; hier Tempel des Horos. Nach ihr hieß der Phthenotes Nomos auch Chemmrtcs. Chemnitz, Hauptort des gleichnam. Gerichtsamtes im Regbez. Zwickau des Äönigr. Sachsen, drittgrößte Stadt des letzteren, am gleichnamigen Flusse ('Nebenfluß der Mulde), Knotenpunkt der Sachs. Staatsbahnen, die nach 5 Richtungen aus- lanfen; Sitz einer Amtshanptmannschaft, zu der die Stadt jedoch nicht gehört, des Gerichtsamtes n. Bezirksgerichtes, einer Snperintendcutnr, einer Handels- n. Gewerbekammer-, Gymnasium, Handelsschule, Realschule, eine höhere Bürgerschule, 3 Be- zirksschulcn, Baugewerk- u. höhere Gewerbeschule, Werkmeistcrschule, höhere Webschiüe, Fachschulen für Weber n. Schneider, Sonntagsschule n. Fabrik- zcichnenschulen; Natnrwisscnlchastliche Gesellschaft!; 5 Kirchen, mehrere Hospitäler, Waisenhaus, Schauspielhaus, Casinogebände, Freimaurerloge: Harmonie; alterthümliches Rathhaus, schöner neuer Bahnhof; eine Unsallversicherungsgesellschast (1874 906 versicherte Anstalten mit 41,000 Arbeitern), eine Reichsbauksiliale n. m. a. Banken^n. Filialen solcher, Leihhaus, Vorschußvercin, L-parkasse; Gasanstalt. CH. zählt mit seinen Vorstädten nach neuester Nachricht 79,200 Ew. (1801 nur 10,835, noch 1858 erst 40,571 Ew.); es dankt diese Volks- Vermehrung u. seinen Aufschwung überhaupt dem Fabrikfleiße. CH. ist die erste Fabrikstadt u. (nach Leipzig) die zweite Handelsstadt Sachsens u. eine der ersten Deutschlands. Hauptbetriebe sind die Maschinenbanerei, Baumwollenspinnerci, Strumpfwirkerei, Buntweberei (nach Elberfeld die bedeut, in Deutschland). CH. hat 68 Maschinenfabriken (darunter die Sächsische, ehemal. Harnnannsche, mir gegen 3000 Arbeitern, u. die Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik; sie liefern Locomotiven, Flachsspinn-, 'Näh- u. Stickmaschinen, mechanische Webestühle u. a.; dabei auch bedeut. Kesselschmiedereien), 20 Eisengießereien, 17 Metallwaarenfabriken, 67 Strumpfmanufacturen, 85Manusactnrwaarenfabr., 30 Färbereien, 8 Zeugdruckereicn, 7 chem. Bleichereien, 6 chem. Fabriken, 3 Kammgarnspinnereien u. große Baumwollcnspinnereicn (in Stadt n. Umgegend 78, mit 456,000 Spindeln, darunter die Actienspinnerei mit 65,000 Spindeln) n. viele andere Fabriken. In der Umgebung von CH. das gleich». Schloß (ehem. Benedictinerkloster), mit dem Dorfe Schloß-Ch., besuchter Park u. Vergnügnngsort mit zahlreichen Fabriken, 8000 Ew., u. das bed. Fa- brikdorf Alt-Ch., 1953 Ew. — CH. (ursprünglich Kaminizi, dann Kameniz, Kemnizi) ist eine auf der Flur des slavischeu Dorfes CH. (jetzt Alt-Ch.) von dem i. I. 1127 von Kaiser Lothar u. seiner Gemahlin Richenza gestifteten Benedictinerkloster angelegte deutsche'Colonie, die 1143 von Kon- rad III. das Marktrecht erhielt. CH. ward 1264 zum ersten Mal Stadt (Civitas) genannt; 1290 schließt es als Reichsdomänenstadt mit Zwickau n. Altenburg ein Schutz- u. Trutzbündniß. Später wurde CH. vom Kaiser bald an Böhmen, bald Wiederau Meißen verpfändet, bis es 1311 in den dan ernden Pfandbesitz der Meißenschcn Markgrafen überging. Die Luxemburger bis ans Siegmuno betrachteten es als Reichsdomänenstadt. Seine Blüthe im Mittelalter dankt CH. dem Bleichpn- vilcgium vom I. 1357, welches bestimmte, daß Garne u. Leinwand 10 Meilen im Umkreise mir in CH. gebleicht werden dürften. Der Verfall der Stadt ist, nachdem sie schon früher von mehreren großen Bränden betroffen worden, durch den 36- jährigen Krieg herbeigeführt worden. Im 1.1686 lagen von 937 Häusern der Stadt noch 339 in Schutt u. Asche. Seitdem war CH. eine unbedeutende Stadt. Die Kattundruckerei (1770 von dem Hamburger W. G. Schlüssel eingcführt) und die Garnspinnerei (1799—1800 wurde von dem Eng. länder W. Whilcfield eine englische Spinnmühle für Joh. Wähler erbaut) bezeichnen den Anfang der zweiten Blüthcperiode der Stadt, wennschon diese Industriezweige durch die Weberei, Strmnpf- wirkerei u. Maschinensabrikation verdrängt worden sind. CH. ist der Geburtsort des Geschichtschreibers Fabricins u. des Philologen Heyne. Der Mineralog Agricola war Bürgermeister in CH. Chemnitz, 1) (eigentlich Kemnitz, lat. Ollvw- nitius) Martin, bedeutender prot. Theolog, ged. 9. Nov. 1522 in Trencnbrietzen; erlernte erst das Tuchmacherhandwerk, besuchte seit 1539 die Schule in Magdeburg, wurde 1542 Schullehrer in Kalbe, 1543 stndirte er in Frankfurt a. d. Oder, 1511 wurde er Rector in Brietzen bei Frankfurt, stndirte 1545—47 in Wittenberg Mathematik n. Astrologie u. dann in Königsberg i. Pr., wurde 1548 hier Reclor n. 1550 Bibliothekar des Herzogs Albrecht. Hier befaßte er sich bes. mit der Theologie. Im Streite über die Rechtfertignngslehre Gegner Osianders, mußte er diesem 1553 weichen, lehrte nun in Wittenberg Dogmatik und wurde 1554 Prediger in Brannschwcig. Seine Schrift; ll'Irsolo^ias llvsuibarumpraoeipuLoapibasGreifsw. 1562, deutsch von Zanger, Lpz. 1563) verwickelte ihn in einen Streit mit den Katholiken, indem er sein Nxamou vousilii ll'ricksubiui (Greissw. 1565 bis 1573, 4 Bde., Franks. 1707, Fol., Berlin 1861, deutsch von G. Nigrinus, Franks. 1576) schrieb. Nach Melanchthons Tode bewies er sich streng lutherisch, da er 1567 mit Mörlin das Corpus ckootrinas krublasuioum als symbolisches Buch für Preußen n., nachdem er 1567 Superintendent in Brannschweig geworden war, die 1571 zu Wolfenbüttel angenommene Confessio» der Niedersächsischen Kirchen abfaßte, bes. aber in der 1579 von ihm entworfenen Concordienformel. Er legte 1585 sein Amt nieder n. st. 8. April 1586 in Brannschwcig. CH. schr. noch: l-oei tlreo- loxioi, herausgcg. von Leyser, Franks. 159l, 6 Bde., Wittcnb. 1615, 1623, 1690 n. ö. (daraus kspstibiv Ollomuitiaua, ein Lehrbuch von B. Menzer ausgezogcn, Gießen 1608 u. ö.); äna- toms proposibiouum L.. HarckeudsrZi äs eens ckomirri, Eisleben 1561, deutsch von Zanger, ebd. 1561; Vera, sb saun, äootriua cks prassontia eorporis sb sauAuluis Doiuiui iu esua. saera, 1560; Rspstibio sauas sb vsras ckoetriuae sie., 1561, deutsch von Zanger, 1561, auch ins Franz, und Holländ. übers.; Die fürnehnisten Hauptstücke 713 Chemnitz-Aue-Adorfer Eisenbahn — CHSnedollv. der christl. Lehre, Wolfenb. 1569 u. ö., lat. von Zanger, 1571; l>s Luabns in Sdristo uaturis, Jena 1570, 1578, 1580, Lpz. 1581, Frkf. 1590; Harmonia svanAsliorum, von Leyser u. Gerhard vollendet, Frkf. 1593, n. A., 1704, 3Bde. Fol., deutsch von Nicolai, 1764, 2 Bde.; Vs insarna- tioni ülü vsi, herausgeg. von Hochfeld, Berlin 1865; Postille (Predigten), Magdeb. 1594. Vgl. Lentz, Martin CH., Gotha 1866; H. Hachfeld, M. Eh., Lpz. 1867. 2) Martin, Sohn des Vor., geb. 15. Oct. 1561; war erst Rath des Herzogs Bogislaw XIII. von Pommern u. seit 1618 Ge- heimrath u. Kanzler des Herzogs Friedrich von Holstein-Gottorp; st. 26. Aug. 1627. 3) Bogis- lav Philipp von, Geschichtschreiber ».Politiker, Sohn des Vor., geb. 9. Mai 1605 in Stettin; trat in holländische u. später in schwedische Kriegsdienste, wurde von der Königin Christine zum Rath n. Reichshistoriographen ernannt u. geadelt; st. 1678 auf seinem Gute Hallstad in Schweden. Er schr.: Vs labions sbatus in impsrio nosbro Romano-Vermainoo, Freist. (Amst.) 1640, 2.A., Freist. (Amst.) 1647. Unter dem Namen Hippo- lytus a Lapide: Der schwedische in Deutschland geführte Krieg, 1. Bd., Stettin 1648, 2. Bd., Stockholm 1653, Fol., n. A., Stockholm 1855 bis 1859, 6 Bde. 4) Matth. Friedrich, Dichter des Liedes Schleswig-Holstein meerumschlungen, geb. 10. Juni 1815 in Darmstadt; stndirte 1835 bis 1840 in Kiel Jura, wurde dann Advocat in Schleswig; er veröffentlichte 1844 in den Jtze- hoer Nachrichten das vorgenannte Lied; mußte nach der dänischen Restauration in Holstein 1849 seine Heimath verlassen u. wurde 1851 als Sekretär bei der Maindampfschifffahrt in Würzbnrg angestellt. 1864 kehrte er nach Holstein zurück, um dort wieder in eine Beamtenstelle zu treten; er st. 15. März 1870 in Altona. V" 2>' 4) r,. 3> ^ Chemnitz-Aue-Adorfer Eisenbahn (1874): Länge 120,7 km. Anzahl der Locomotiven 24; der Personenwagen 61; der Güterwagen 411. Benennung der Linien: Hauptbahn (112,5 km), Zwota-Klingenthal (8,2 km). Zeit der Gründung 7. Der. 1872; der Inbetriebsetzung: Ane-Schöueck 3V. Aug. 1875, ganze Linie 27. Sept. 1875. Anlagekapital bei der Gründung 38,255,000 LI, heutiges Anlagekapital 24,000,000 II. Privatverwaltung; Directionssitz: Dresden. Schroot. Chemnitz-Komotauer-Eisenbahn (1874): 08,5 km Länge. Anzahl der Locomotiven 14; der Personenwagen 24; der Güterwagen 296. Benenn- ungderLinien:Flöha-Reitzenhain(57„Ikm);Pockau- Olbernhau (10,5 icm). Zeit der Gründung 1871 August; der Inbetriebsetzung 1875 Febr.-Augnst. Anlagecap. bei der Gründung 6,700,000 Thlr. Privatverwaltung; Directionssitz: Dresden. Schroot. Chemnitzer, Iwan Jwanowitsch, russ. Schriststeller, geb. 1744 in Petersburg von deutschen, wahrscheinlich aus Chemnitz stammenden Eltern; nahm 1757 Militärdienste, machte die Feldzüge gegen Preußen u. die Türkei mit, wurde Lieutenant, verließ aber 1769 den Militärdienst n. widmete sich darauf der Bergwerkskunde, bereiste 1776 Deutschland, Frankreich ».Holland u. wurde dann Hüttenverwalter bei dem Bergcadettencorps; 1781 nahm er seinen Abschied u. ging 1784 als Generalconsul nach Smyrna, wo er noch in diesem Jahre starb. Er zeichnete sich, obschon er sein ganzes Leben in ziemlich dürftigen Verhältnissen zubrachte, durch Biederkeit des Charakters aus. Bon ihm die ersten russisch geschriebenen n. heute noch lesbaren Fabeln, 89 an der Zahl, einer Schwägerin Derschabins gewidmet, erschienen 1778 in 2 Büchern, 1799 vermehrt u. mit kurzer Biographie versehen in 3. A., seitdem oft wiederholt. Die beliebteste ist: Der Metaphysiker, gegen übertriebenes Philosophiren gerichtet. In den früher geschriebenen ahmte CH. Lafontaine, nach seiner Reise Geliert nach. Was er sonst verfaßt, wie Oden u. eine Tragödie Bianca, ist nicht ins Publicum gedrungen. W. Körner.' Chemosis, entzündliche od. mehr ödematose Schwellung der Bindehaut des Augapfels, Begleiterin mancher Entzündungen des Auges u. der Bindehaut. Chemsin (arab., d. i. die 5 Finger), die 5 Gebete, die dem Mohamedancr täglich zu beten obliegen. Chcmung, County im nordamerikanischen llnionsstaateNew-Dork, u. 42°n. Br. u. 76" w. L.; 31,923 Ew.; Countysitz: Elmira. Chenango, County im nordamerikanischen Uniousstaate New-Dork, u. 42" n. Br. u. 73" w. L.; 40,564 Ew.; Conntysitz: Norwich. Chenavard, Paul, franz.Historienmaler, geb. 9. Dec. 1808 in Lyon; war Schüler von Hersent u. Ingres , erhielt seine weitere Ausbildung in Italien u. malte die Hinrichtung Ludwigs XVI. Nach der Februarrevolution erhielt CH. den Auftrag, für das Pantheon 50 große Compositionen sammt einem Fries und 4 kreisrunde Mosaiken zu compo- niren, in denen er die wichtigsten Momente der Culturgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zur französischen Revolution darstellen wollte. Zwanzig Cartons waren fertig, als das Gebäude wieder zur Kirche St. Gcnevieve gemacht wurde. Diese Cartons: DieSindfluth; Der Tod des Zo- roaster; Der Trojanische Krieg; Der Übergang über den Rnbicon; Das Zeitalter Ludwigs XIV. rc., zeugen von großartigster Auffassung u. ungewöhnlicher Klarheit der Darstellung, sowie von tiefem Eingeben in den Geist der Geschichte. Regnet. Chenedolle, Charles Julien, Pionlt de, französischer Dichter, geb. 4. Nov. 1769 zu Vire; emigrirte 1791 und nahm theil an zwei Feldzügen in dem Heere der bourbonischen Prinzen, lebte 1793 u. 94 in Holland, von wo er vor dem franz. republ. Heere nach Hamburg flüchten mußte (1795). Später ging er nach der Schweiz (1797) u. erhielt 1799 durch Frau von StaLl die Erlaubnis;, nach Frankreich zurückznkehren. 1810 wurde er zum Professor in Rouen, 1812 zum Inspektor der Akademie zu Caen u. 1830 zum General-Jnspector ernannt. 1832 entsagte er seinem Amte, um ganz der Poesie u. den Wissenschaften zu leben, u. st. 2. Dec. 1833. Er schr.: Vs gsuis Ls 1'komms, 1807, 4. Aufl., 1825; vsxrib LsRivarol, 1808, u. mit Fayolle eine Ausgabe der Osnvrss somplstss äs L; vtuäss postiguss, 1820; eine Sammlung Oden, z. B. v'iuvsnbion an Klopstock, den er 1785 kennen gelernt hatte, u. guter bukolischer Gedichte,, Außerdem hat er eine Revision derShakespeare-Übersetzung von BrugMre 714 Chen6e — Chönier. Le Sorsum veranstaltet. Über CH. haben geschrieben: Sainte-Beuve in der Rsvns äss Oenx Nonäss, 1. u. 15. Juni 1849; Desplaces, Revue äs Rnris, Mai 1840, U. s. w. Bolchert. Ehenee, Ort in der bclg. Prov. Lüttich, Arr. Lüttich, Station der Belg. Staatsbahn; große Eisenwerke; 3300 Einw. Chene-Thoner, Pfarrdorf im schweizer. Kanton , Genf, an der savoy. Grenze; durch den Seimebach ti getrennt von Chbne-les-Bougeries; durch Pferdebahn mit Genf verbunden; Postburean; schöne Landhäuser; Weinbau; 1400 Einw. Es war unter französischer Herrschaft Hauptort eines Kantons. Chcnier, 1) Louis de CH., franz.Gelehrter, geb. 1723 in Montfort bei Toulouse; ging als Kaufmann nach Constantinopel, trat dann in die Dienste des. Grafen Desallenrs, französischen Gesandten bei der Pforte, u. ward nach dessen Tode 1753 Generalconsul u. Resident daselbst; 1764 nach Frankreich znrückgekehrt, begleitete er 1767 den Grafen Brngnon nach Marokko, wo er zum Generalconsul u. zum Geschäftsträger ernannt wurde. Nach seiner Rückkehr 1784 mußte er seinen Abschied nehmen, verwaltete aber während der Revolution einige Ämter u. pflegte in seinen Salons die Notabilitälen der gelehrten Welt zu versammeln. Er st. 25. Mai 1796. CH. schr.: Rsobsrobss bist, snr Iss Nanrss st bist, äs 1'smpirs äs Naros, Par. 1787, 3 Bde., deutsch, Lpz. 1788; Rsvol. äs 1'srnpirs ottoman. ebd. 1789. 2 ) Marie Andre de CH., vorzüglicher franz. Dichter, Sohn des Vorigen, geb. 29. Oct. 1762 in Constantinopel; wurde schon als Kind von seiner Mutter, einer Griechin, in die Kenntniß der griech. Dichter eingeweiht, wurde 1782 Unterlieutenant, nahm aber, da ihm das Garnisonsleben in Straßburg unerträglich war, nach 6 Monaten seinen Abschied, um in Paris seine griech. Studien fortzusetzen. Um sich von einer schweren Krankheit zu erholen, reiste er 1784—86 in der Schweiz, in Italien u. Griechenland und nach Constantinopel. Von seiner Familie genöthigt, entsagte er endlich mit schwerem Herzen seiner Unabhängkcit (s. Idylle Ra laberte, 1787) u. ging als Gesandtschaftssecretär nach England (Dec. 1787); 1790 kehrte er nach Frankreich zurück; hier stellte er sich (als begeisterter Freund der Freiheit u. heftiger Feind der Anarchie) den extremen Royalisten ebenso entgegen, wie den GironLins u. Jaco- binern, ohne sich jedoch dauernd u. conseqnent mit Politik zu beschäftigen. Mit seinem Bruder Marie Joseph gerieth er wegen abweichender politischer Ansichten 1792 in Widerspruch, doch söhnten sich Beide bald wieder aus, u. M. Jos.s Einfluß schützte noch lange Andre vor Verfolgungen. Nach dem 10. August zog sich CH. von der Politik zurück, doch schrieb er noch für Ludwigs XVI. Berufung an das Volk einen Entwurf, der aber nicht angenommenwurde. Infolge des Widerstandes, den er der Verhaftung einer befreundeten Dame entgegengesetzt, wurde erim Jan. 1794 verhaftet. Im Gefängnisse schrieb er mehrere seiner schönsten lyrischen Gedichte, z. B. Ra jenns eaptive. Er wurde 25. Juli 1794 guillotinirt. 1819 wurde eine größere Anzahl seiner Gedichte von de Latouche herausgegeben u. erregten allgemeineBewunderung. Die einzige vollständige Sammlung seiner Gedichte ist die bei Charpentier in Paris 1840—44 erschienene (mit Notizen von de Latouche), seine prosaischen Werke heransgegeben von dem Bibliophilen Jacob, mit einer Abhandl. von E. Hugo, 1840. 3) Marie Joseph de CH., des Bor. Bruder, geb. 28. Aug. 1764 in Constantinopel; wurde Dragonerlieutenant, verließ jedoch den Dienst schon nach zwei Jahren, um sich ganz der Litera- ur u. Dichtkunst zu widmen. Seine Idyllen (des. Rs msväiant, R'avsnxls), Oden (an Charlotte Corday u. s. w.), Episteln und Elegien zeichnen sich aus durch die Reinheit u. Schönheit der Form, durch ihren heidnisch antiken Charakter u. ein Verständniß für das Alterthum, wie es kein Franzose vor ihm gehabt. Bemerkenswerth ist noch, daß CH. zuerst von den Vorschriften Boileaus u. Malherbes über die franz. Prosodie, über die Cäsur, das jLnjambement, die Gleichheit der Halbverse u. s. w. abgewichen ist. Sein erstes Drama: LäZur on Is pnAs snpposs, 1783, machte Fiasco, ebenso das folgende 4.xsiräre1786. DieAus- fnhrung seiner neuen Dramen: Heinrich VIII. n. Karl IX. (1783 gedichtet), wurde von der Censnr aus politischen Gründen untersagt. 'Auf geschickte Weise das Interesse des revolutionär gesinnten Publicums für das verbotene Stück anregend, errang er endlich die Zurücknahme des Verbotes, i>. am 4. Nov. 1789 ging sein Karl IX. über die Bühne, in welchem Talma zum ersten Mal in einer Hauptrolle auftrat. Diese Tragödie lieh dem allgemeinen Hasse gegen die Monarchie Ausdruck. Mirabeau, Danton u. A. interessirten sich lebhaft für dieselbe, u. sie hatte in literarisch-politischer Hinsicht eine ähnliche Bedeutung wie Beaumarchais' Figaro. Von nun an schloß sich CH. der extremen Revolutionspartei an u. brachte noch mehrere Stücke auf die Bühne, deren Erfolg weniger dem poetischen Werthe, als der politischen Tendenz beizumessen ist, z. B. Henri VIII., mit dem das RbeLtrs äs In blation 27. April 1791 cinge- weiht wurde, Oazus jkrasokns 1792, Rsnslon u. Rimcäson 1794, die den jakobinischen Machthabern mißfielen. Sein berühmt gewordenes Volkslied: Rs «baut än äspnrt, Musik von Mehul, verschaffte ihm sein früheres Ansehen nicht wieder. Seinen Bruder Andre konnte er nicht retten; er schwebte selbst in Gefahr. Die Energie, mit der er in seinen Schriften auflrat, zeigte er nicht immer als Politiker. Er stimmte für den Tod des Königs n. wagte im Convent nicht Robespierre, Marat u. s. w. zu bekämpfen. Später betheiligte er sich an der Constitution des Jahres 3, am Staatsstreiche des 18. Fructidor, bekämpfte den Aufruhr am lS. Vendemiaire u. unterstützte Bonaparte am IS. Brumaire. Er war Mitglied des Comiles für den öffentlichen Unterricht, des Wohlfahrtsausschusses, des Raths der Fünfhundert, des Tribunals und von 1803—1806 Insxeetsur Asnsrnl des öffentlichen Unterrichtes. Von 1794—1804 schrieb er nur einige vortreffliche Satiren gegen seine Gegner, die ihn Brudermörder nannten (Rpltrs ä ia vslomnie. Rs äoetsur Rnneraes) u. gegen die wiedererwachende Hinneigung zur Religion (ba Lonksrenes äs Ris VI. et äs Ronis XVIlR, Roo nouveanx Lrunts); 1804 schrieb er Oxrus. eine Tragödie, in der er auf Wunsch Napoleons eine 715 Chenille — Ollenoxolllurll. Krönung auf die Bühne bringen sollte. Sie gefiel weder Napoleon wegen vieler liberal gehaltenen Stellen, noch dem Publicum wegen der Krönung. Voll Scham hierüber zog er sich von der Politik zurück. Um sich in der öffentlichen Meinung zu rehabilitiren, schrieb er Mbvrs, sein bestes Trauerspiel, u. die Dpitrs a Voltairs, die seine Absetzung u. großes Elend für ihn zur Folge hatte. Doch erhielt er später eine Pension n. wurde von der Akademie beauftragt, ein Dablsan äs ia litts- ratnrs krsuy. ckspuis 1789 zu schreiben. Erst. 10. Jan. 1811. CH. ist derjenige Dichter, in dem die Ideen der Revolution am vollständigsten verkörpert find. Er ist daher übertrieben gelobt u. anderseits ungerecht getadelt worden. Man hat von ihm außer den oben erwähnten Schriften viele patriotische, zum Theil sehr gute Hymnen (z. B. L 1'Ltrs snprsms); Oden sur Ia mort äs Nira- dean; Übersetzungen: Osäips roi, Osäips s, 6o- ! lovns, der Llsotrs des Sophokles; Elegien; Sa- § tuen, die seine besten Werke sind, n. s. w. kossiss, , Par. 1818—22; ffPsatrs äs Ob., 1818: Osnvrss snoisnnos st postbnmss von Arnault u. Robert, ^ 1824—26 (nicht vollständig). Ausführlich handelt über CH.: Labitte, kostss moäeruss äs 1a I'ianos > in der Rsvus äos Osnx Uonäss, 15. Jan. 1844. Volchert. Chenille (fr., d.i. Raupe), eine einer haarigen Raupe ähnliche Schnur. Die Kette besteht ans 3 bis 7 mit leinenen Fäden abwechselnden Seiden- s säden, der Einschlag aus farbiger Seide. Das § 6—8 Zoll breite gewebte Band wird in Längen- s streifen zerschnitten, die leinenen Fäden heraus- ! gezogen u. nun die Kettenfäden, mit denen auch s wol noch ein Messingdraht eingewirkt ist, mit dem ! ansgefranzten Schüsse zu einer Schnur zusammengedreht. Man verwendet die CH. zu Stickereien, Verzierung des weiblichen Putzes; man klöppelt davon Figuren in Blonden (Ch-blonden, CH- spitzen) und broschirt davon Blumen in seidenes Zeug (Ch-atlas od. brochirter Sammet); auch hat man ganze Tücher (Ch-tücher) davon. Die Verfertigung der CH. geschieht entweder in großer Menge in Chenillemanufacturen, od. von gewöhnlichen Seidenwirkern oder Posamentirern (CH- machern). ! Chenireu (v. Fr.), einen Stoff cheniren, die ! Kettenfäden so ordnen, daß in dem fertigen Stoffe ! ein gleichmäßiges feingeflammtes Ansehen entsteht. Jeder Kettfaden wird aus 2 verschiedenfarbigen Fäden mit schwacher Drehung gezwirnt, als Einschuß aber ein einfacher Faden von einer dritten Farbe angewendct. lllienopoäisosae, Pflanzensamilie aus der Klaffe der Oar/opkMinas (bei Endlicher zu den Olera- esas gerechnet), jährige oder perennirende Kräuter, me Sträucher, mit faseriger oder rettigförmiger Wurzel, beblättertem, zuweilen aber auch gegliedertem u. blattlosem Stengel, meist abwechselnden, einsachen, öfter gelappten oder unregelmäßig einge- Ichnittenen Blättern, zwitterigen oder durch Fehl- Ichlagen eingeschlechtlichen Blüthen mit 2 kelchartigen Vorblättern, 3—öthciliger, nach dem Verblühen oft sich vergrößernder Blüthenhülle, vor den Abschnitten derselben stehenden Staubblättern u. einem Fruchtknoten mit 1 grundständigen, sitzenden oder hängenden Eichen, 1 —4 Narben u. meist häutiger, nicht aufspringender Frucht. Lpirolobas, mit spiralig gewundenem Keimling und fehlendem oder sehr kleinem Eiweiß: a) Lnlsoisao, mit Zwitterblüthen u. zuletzt quer geflügelten Blättern der Blüthenhülle u. ungefiedcrtem Stengel: Lalsola, Halims- onsmis, ^.nabaris; d) Znasäiuao, mitZwitterblüthen u. zuletzt fleischiger Blüthenhülle: Vuasäa, Soiro- bsria; v) Lnsslleas, mit Zwitterblüthen u. zuletzt fleischiger Blüthenhülle n. länglichen, ans derJnnen- seite der Griffel befindlichen Narben: IZg-ssIIa. 8. Oz-vlolobas, mit meist ringförmigem, das Eiweiß umgebendem, seltener zusammengebogenem, neben dem Eiweiß liegendem Keimling: a) Salissrnieas. mit gegliedertem Stengel, Zwitterblüthen u. aufrechten Samen: Lalioornia; b) Ottsnopoäsas. mit ungegliedertem Stengel, flachen Blättern, zwitterigen, selten vielehigen Blüthen: Olisuopoäinm, 8sta, Loeiria, Oampttorosma; o) gpinaoisas, mit meist eingeschlechtlichen, verschieden gestalteten Blüthen, sonst wie vorige: Lpluasia, Obione, ^triplsx. Die zahlreichen Arten der Familie bewohnen theils den salzigen Boden an den Küsten der Meere und den Ufern von Binnenseen, so besonders in Rußland u. im Mittelmeergebiete, theils wachsen sie in der Nähe menschlicher Wohnungen auf ammoniakhaltigem Boden. Letztere wandern auch mit dein Menschen selbst in die tropischen Gebiete, wo die Familie weniger vertreten ist und ihre Stelle vorzugsweise von den Amarantaceen eingenommen wird. Engter. Obsnopoäium L. (Gänsefuß, Schmerbel), Pflan- zengattnng aus der Fam. der Lsisnopoäiaoeas- 6z-o1olobae-6onopoäisao (V. 2), Kräuter mit abwechselnden Blättern und kleinen, in gabelig beginnenden Wickeln stehenden, zwitterigen, selten durch Fehlschlagen weiblichen Blüthen, meist 5thei« liger Blüthenhülle, 5, selten weniger, der Basis der Blüthenhülle eingefügten, freien Staubblättern, 2, selten 3—5 Narben und einer in die Blüthenhülle eingcschloffenen, einsäuligen Frucht. Die ineisten Arten wachsen auf Acker- n. Gartenland, auf Schutthaufen, an Dorfstraßen, auf mehr oder weniger salzigem Boden. 8uoliollopo- äinm, mit nicht fleischiger, die Frucht einschließender Blüthenhülle u. wagerechten Samen, a) 8c>- trz'oiäs8, mit drüsigen Blättern, mäßig langen Narben, stumpfrandigen, glatten, glänzenden Samen und einem das Eiweiß nicht ganz umgebenden Keimling: 1) (R. ambrovisiclss L. (mexicanisches Theekraut), hellgrün, zerstreut-kurzhaarig, mit länglichen, beiderseits verschmälerten, entfernt gezähnelten, nnterseits drüsig-punktirten Blättern, knäuelsörmigen, von den viel längeren Tragblättern überragten Blüthenständen; im tropischen Amerika einheimisch, bei uns wegen des angenehm, fast citronenartig riechenden, als Thee benutzbaren Krautes (llsrba 8vtr/os msii- oauas) angebaut. 2) 6si. 8otr/8 71., kurzhaarig, mit länglichen, stumpfen, buchtig-fiderspaltigen Blättern, mit drüsig-stumpflichen Abschnitten, lockeren, die Tragblätter fast überragenden Blüthenständen; in SDeiitschland heimisch, in NDeutschlaud wegen des angenehmen Geruches gebaut und häufig verwildernd. b) (ibsnopockiastrnm AkpA. Tlrnck., mit drüsenlosen, oft mehlig bestäubten Blättern, kurzen Narben u. einem das Eiweiß als vollständiger Ring 716 Chcuotcmrocholsäure — Cher. umgebenden Keimling. 3) Ob. polxspormum D., mit ganzrandigen, eiförmigen, langestieltcn Blättern, lockeren Blüthenständen, ungestielten Abschnitten der in der Frucht offenen Blüthenhülle und glänzenden, fein pnnktirten Samen; stellenweise sehr häufig. 4) Oll. vnlvaria T,. (Bockskraut, Bocksmelde), grau-grün, mehlig bestäubt, mit rhombisch- eiförmigen Blättern, geknänelteu Blüthenständen u. geschlossenen Fruchtblättern, sehr unangenehm nach Trimethylamin wie Häringslake riechend. 5) Oll. ll^briäum T,., mit großen, eiförmig-dreieckigen, grob bnchiig-gczähnten, langgestielten n. am GrundeherzfürmigenBlättern, geknänelteu, eine endständige unbeblätterte Rispe znsammensetzenden Blüthenständen. 6) Oll. murals L., dunkelgrün, mit eiförmig-rhombischen, am Grunde gestutzten oder verschmälerten, spitzen, glänzenden Blättern und ziemlich lockeren, abstehenden Scheinrispen in den Achseln von Laubblättern. 7) Oll. nillienm L., mit dreieckigen, spitzen Blättern, geknäuelten, steif aufrechte Scheinähren bildenden Blüthenständen und sehr fei» pnnktirten, glänzenden Samen. 8) Oll. alllnm ck-., mit eiförmig-rhombischen, glanzlosen, am Grunde keilförmigen Blättern, gekielten, die Frucht ganz bedeckenden Abschnitten der Blüthenhülle und sehr fein pnnktirten, scharfrandigen Samen, d) Oll. opräikolinmi8dAi'ack., mit rundlich-eiförmigen oder eiförmig-rhombischen, seicht Äappigcn Blättern u. sein pnnktirten, stnmpf- randigen Samen. 10) Oll. (jninoa PPMck., mit dreieckig-eiförmigen, an der Basis mit einem großen Zahn versehenen, in der Jugend mehlig bestäubten Blättern u. geknäuelten Blüthenständen in den Achseln der viel längeren Laubblätter; einheimisch in Chile n. Peru, daselbst bis zu einer Höhe von 4000 m vorkommend und auf den Anden zum Ersätze des Getreides wegen seiner mehlreichen Samen, auch wegen der als Gemüse dienenden Blätter im Großen angebaut. L. Llibnm, mit aufrechten, glatten Samen, kahlen Blättern, geknäuel- ten Blüthenständen und die Frucht nicht ganz bedeckenden Abschnitten der Blüthenhülle. 11) Oll. xlanoum L., mit länglichen, meist stumpfen, entfernt bnchtig-gezähnten, unterseits blau-grünen oder weißlichen Blättern und scharfrandigen, glänzenden Samen. 12) Oll. rnllrnm T,., mit fast spießförmig Zlappigcn, glänzenden, unbestäubten Blättern und stumpfrandigen Samen. 13) Oll. folio- «nm ^kse/rv. (Llitnm viiAatum L., Erdbeerspinat), mit aufrechtem, bis zur Spitze beblättertem Stengel, länglich-rhombischen, am Grunde keilförmigen, ein- geschnitten-gezähnten Blättern, in den Achseln der Laubblätter stehenden Blüthenständen, fleischigen, scharlachrothen, die Frucht bedeckenden, meist ^heiligen Blüthcnhüllen u. stumpfrandigen, rinnen- förmiq vertieften Samen; in SDentschland einheimisch, in NDeutschland bisweilen als Gemüse gebaut n. verwildernd. 14) Oll. eapibabum (Llitmm e. T,.), niit oberwärts unbeblättertem Stengel, dreieckigen, schwach gezähnten Blättern n. scharfrandigen Samen; sonst wie vorige. 15) Oll. llonus Hsvriens L., mit langgestielten, ganz- randigcn, dreieckigen, mehlig bestäubten, etwas klebrigen Blättern, geknäuelten, zu einer dichten, oberwärts ährenförmigen Rispe vereinigten Blüthenständen, langen Narben, nicht-fleischigen Vlllthenhüllen und stumpfrandigen, glänzenden Samen. Engter. Chenotanrocholsiiure (Chem.), eine in der Gänsegalle enthaltene, der Tanrocholsäure ähnliche Säure, die beim Kochen mit Barytwasser Cheno- cholsäure u. Taurin liefert. Chenu, J ean, geb. 30. Aug. 1808 zu Metz; studirte Medicin in Paris, wurde Militärarzt, trat als Aide-Major in das 12. Chasseur-Regiment ein, ging mit nach der Krim, erhielt dann nach seiner Rückkehr die Stelle eines Bibliothekars an der medicinischen Schule u. hat sich namentlich durch seine Arbeiten über Konchylien hervorge- than. Er schr.: üsgai nur l'aetion bllörapsntigus äo8 sanx minsralss, Par. 1841; sbatistigns msäioo-ollirur§. äs 1a Campagne ä^Italis on 1859, ebd. 1869; ferner: Illnsbrations eonell^- lioloAlgnos, ebd. 1842—44; Nllrmsl oonollMo- 1o^. et palsontolo^igns, ebd. 1862; I-eyoos öls- msnt. 8nr l'llintoirs natwrslls äos oineanx, ebd. 1862—63; 1,8, kanocmnsris anoisnns st moäsrne, ebd. 1862; gab heraus: lllnczmlopsäis ä'llintoire Naturells, ebd. 1850—61. Thamhayn. Cheops (auch Snphis,„der griechische Name für Chufu), König von Ägypten, ans der 4. Dynastie in Memphis; s.Ägypten(Gesch.,S. 285 u. 293). Er ist der Erbauer der größten der drei Pyramiden (s. d.) von Giseh n. wird als Verfasser des Heiligen Buches genannt. Chephren (Sephres, der griechische Name für den einheimischen Chafra), König von Ägypten, gehörte zur 4. Dynastie der Könige von Memphis (s. Ägypten, S. 285 u. 293) n. ist Erbauer der zweitgrößten Pyramide von Giseh. Chepstow, Marktflecken in der englischen Grafschaft Monmonth, am Wye (worüber Eisenbahn- brücke von 182 m Länge und solcher Höhe, daß Schiffe mir 40 in hohen: Maste darunter wegfahren können), unweit der Mündung des Bristol- Kanals; Hafen; Handel mit Eisen u. Bauholz; 3347 Ew. vkor (fr.), theuer, lieb. Cher, I) (im Alterthum Oarrm) Fluß in Frankreich; entspringt im Dep. Crense u. durchströmt die Dep. Mier, Cher u. Loir-et-Cher, nimmt in Crense die Tardes, in Allier die Aumance (mit Oeil u. Morgon), im Dep. Cher die Marmande u. Chignon, Evre (mit Lorette u. Auron), Arnon, im Dep. Loir-et-Cher die Sauldre auf; ist sehr fischreich u. fällt bei Tours in die Loire. Sein Lauf beträgt 352 km, wovon 120 1cm schiffbar sind, doch steht er außerdem durch 2 schiffbare Kanäle (den von Montluyon, 67,g llm lang, u. den Berry-Kanal, 157,5 1cm lang) mit der Loire in Verbindung. 2 ) Departement in Frankreich, zwischen Loiret, Loir-et-Cher, Jndre, Allier u. Nievre, nach dem Fluß CH. benannt; gebildet aus dem ehemaligen Ober-Berry u. einem Theil von Bourbonnais; Boden wellig, zum größten Theil fruchtbar, mit schönen Waldungen; Flüsse: Loire, Allier, Saubre, Cher, Evre, Arnon u. a.; das Dep. wird von 188 1cm der Orleans-Bahn (Bour- ges-Montluyon 70, Vierzon Saincaize 91, Paris- Orleans-Agen 16, Vierzon-Tours 11 Icm) durchschnitten; Producte: Porzellanerde, vortreffliche Flintensteine u. bes. Eisen (für jährl. 3*/- Mill. 717 Cherasco — Fcs.) u. Holz (für 9 Mill. Fcs. jährlich); Salpetersiedereien, Pottaschefabriken, Glashütten, Porzellanfabriken, Gerbereien (der Gesammtwerth der gewerblichen Jndnstrieprodncte beträgt etwa 40 Mill. Fcs. jährlich); bedeutende Viehzucht (vorhanden 120,000 Stück Rindvieh u. 660,000 Schafe), Federvieh- u. Bienenzucht (28,000 Körbe), anAckerbauprodncten bes.Hanf, Flachs, Obst u.Wcin; Fischfang; lebhafter Handel, des. in Wein, Holz, Wolle, Getreide u. Eisen; zerfällt in die 3 Arrondissements Bourges, Sancerre, St. Amand, mit 29 Cantonen u. 291 Gemeinden; 7199,g sijlcm (130„ UM); 1872: 335,392 Ew.; Hauptort: Bourges. Die Volksbildung ist noch auf niederer Stufe: von den mehr als 6jährigcn Einwohnern waren 1872 57,g pCt. nnunterrichtet; nur in 3 anderen Departements stand es noch übler. 3) De - partement Loir-et-CH er, s. u. Loir. Schroot.» Cherasco, Stadt u. ehemalige Festung im Bez. Mondovi der ital. Prov. Cuneo (Piemont), am Zusammenflüsse der Stnra u. des Tanaro; Schloß, 4 Kirchen mit Kunstschätzen; Gymnasium, Techn. Schule; Hospital; Lombard; Seidenfabriken; Seidenhandel; 8866 Ew.; in der Gegend findet man ausgezeichnete weiße Trüffeln. CH. soll um 1220 auf den Trümmern eines alten Schlosses gebaut sein; 1277 wurde es eine Freie Stadt. Lnchin Visconti, Herzog von Mailand, baute die Citadelle; die anderen Festungswerke errichtete die Herzogin Christians Francesca von Savoyen. An Savoyen kam die Stadt im 16. Jahrh. Die Festungswerke wurde 1801 von den Franzosen geschleift. Cheraskow, Michael Matwejewitsch, russ. Dichter, geb. 25. Oct. 1733; trat in die Armee, ing aber bald in den Staatsdienst über, wurde ei Eröffnung der Universität Moskau Collegien- assessvr, 1761 Hofrath, 1763 Director der Universität, 1770 Vicepräsideut des Bergcvllegiums n. 1778 Curator der Universität Moskau, aus welchem Amte er 1802 schied. Er st. 9. Oct. 1806 in Moskau. Obschon jetzt fast vergessen, nimmt er in der Geschichte der russischen Literatur eine wichtige Stelle ein. Er ist der Epiker unter den Schriftstellern aus der Regierungszeit Katharinas II. Seine beiden Hauptwerke sind die in Alexandrinern geschriebenen, langathmigen Epen: Die Rossiade, Moskau 1779, in 12, u. Wladimir, Moskau 1786, in 18 Gesängen; später schrieb er Kadmus u. Harmonia, 1789, mit der Fortsetzung Polydorus, Sohn des K. u. der H., worin er die französische Revolution verurtheilte; ferner ein geistlich-moralisches Gedicht, Das Weltall, Die Pilgrime oder die Sucher nach dem Glück rc. Überhaupt hat er sich fast in jeder Gattung literarischer Thätigkeit versucht, aber keine seiner Schöpfungen hat sich bei dem Publicum erhalten.. W. Körner. Cheratte, Ort in der bclg. Prov. Lüttich, Arr. Lüttich, Station der Lüttich-Maastrichter Bahn; Steinkohlenbergbau; 2550 Ew. Cherbourg, Hauptort des gleichsam. Arr. im franz. Dep. La Manche, am äußersten Ende der Halbinsel Contentin u. der Mündung des Küsten- slüßchens Divette in den Canal (La Manche), der erste KriegHhafen Frankreichs. Der in den Felsen gesprengte Kriegshafen theilt sich in drei durch Cherbuliez. Schleusen mit einander verbundene Abtheilungen (veu Vorhafen, den Flnthhafen und das Bassin Napoleons III., mit 12 Docks u. Schiffswerften); er kann 50 Linienschiffe fassen u. hat eine bastionirte Umfassung mit Graben; davon getrennt ist der übrigens unbedeutende Handelshafen. Die Rhede ist durch einen 3780 m langen, unten 195 m, oben 49 m breiten, im Halbkreise in das Meer gebauten Damm, der eine 9 m dicke, mit 4 Forts besetzte Mauer trägt, geschlossen; 500,000 Kubikfuß Steine u. Felsblöcke sind dazu in das Meer versenkt. Zum Schutze des Hafens dient ein großartiges System von Befestigungen, die Umwallung der Stadt ist jedoch jetzt zum Eingehen bestimmt. Die Stadt zerfällt in die alte u. in die neue Stadt; letztere hauptsächlich von Militärs rc. bewohnt. Elftere ist unregelmäßig gebaut, hat aber schöne Promenaden; Tribunal erster Instanz, Handelskammer; College, Schifffahrtsschule, Freischule; Stadthaus mit Gemäldegalerie, Münz- u. Naturaliencabinet, nebst Bibliothek von 13,000 Bdn. (davor die Reiterstatne Napoleons I.); Schauspielhaus; Seehospital; Börse; großartiges, einen Flächenraum von 133 Im bedeckendes Kriegsarsenal; Fabriken in Chemikalien, Soda (aus Tang), Salzschlämmereien; CH. ist auch Seebad; Schifffahrt; Eisenbahnverbindung über Caen nach Paris u. Dampferverbindungen mit Havre n. England, sowie über Lissabon mir Rio de Janeiro, Montevideo und Buenos-Ayres. 1872 35,580 Ew.— CH. wurde nach der merovingischen Zeit angelegt u. hieß anfangs Carusburg u. mar ein festes Schloß. 1066 kommt ein Graf Gerbert von CH. vor. 1298 wurde das zur Stadt gewordene CH. von den Franzosen eingenommen, 1346 von den Engländern geplündert, 1378 vom König Karl V. au die Engländer u. von diesen 1397 an Karl VI. abgetreten; 1418 nahmen es die Engländer, mußten es aber 1450 an die Franzosen übergeben. Im August 1758 eroberten es die Engländer durch General Bligh u. zerstörten die Hafenbauten Beli- dors. 1787 begann Ludwig XVI. nach Cessarts Plan die Schutzarbeiten am Hafen u. der Rhede herzustellen. Dies sollte durch die Cherbourger Kegel, rixsige, kegelförmige, mit Steinen gefüllte Kästen vosi Holz, geschehen, doch erwies sich diese Bauart den Wellen nicht gewachsen; der Bau des Schutzdammes wurde erst unter Ludwig Philipp wieder ausgenommen u. kam 1853 endlich zu «Stande. Napoleon I. ließ 1808—12 das Bassin des Kriegshafens in den Felsen sprengen. 1813 ließ er den Bau ebenso großer Docks beginnen. Seit 1823 wurde an Vergrößerung des Haseir- dammes von der anderen Seite, um auch einen Handelshafen zu gewinnen, gearbeitet. 1829 wurde das zweite Bassin (Karls X.) fertig, das dritte Bassin (Napoleons III.) wurde 1836—53 gebaut, u. 7. Aug. 1858 weihte Napoleon III. in Gegenwart der Königin Victoria von England den fertigen Hafen ein. Die Kosten aller dieser Häfen u. Wasserbauten werden aus die Summe von 467 Mill. Fcs. berechnet. Schroot.' Cherbuliez, eine Genfer Familie, von der mehrere Glieder sich in wissenschaftlicher Beziehung einen Namen erworben haben: 1) Andre CH., Sohn von Abraham CH., dem bedeutend- 718 Cherem — sten Verlagsbnchhändler der französischen Schweiz, geb. 1795 in Genf; studirle Theologie, war Hauslehrer beim Fürsten Dolgoruki in Paris, wurde nach seiner Rückkehr Pfarrer, 1832 Director der vlasss äs8 vollsALs u. 1840 Professor der röm. Literatur an der Genfer Akademie; st. im Juni 1874; er schr. außer zerstreuten Aufsätzen: Vs listro stob, Genf 1829. 2) Ant. Elisöe, Bruder des Bor., geb. 1797; studirte Rechtswissenschaft, wurde 1826 Professor der Rechte u. politischen Ökonomie in Genf. In den politischen Bewegungen des Kantons hielt er zur confervativen Partei u. mußte deshalb infolge der Umwälzung 1846 seine Stelle aufgeben. Er ließ sich darauf in Paris nieder, wo er sich mit schriftstellerischen Arbeiten auf nationalökonomischem Gebiete befaßte n. in einigen socialen Schriften gegen Proudhon auftrat. Er kehrte 1853 aus Paris nach der Schweiz zurück, wo er erst an der Akademie zu Lausanne lehrte, dann aber Professor der Nationalökonomie am Polytechnicnm zu Zürich wurde; hier st. er 14. März 1869. Er schr.: V'nbiUtairo, Genf 1828—30, 3 Bde.; liiostssss et panvrsts, Par. 1841; vstsoris äse Aarantiss oonstitutionnsllss, Par. 1838, 2 Bde.; Vs 1a äsmoeratis su Luises Par. 1843, 2 Bde.; Liinplss uotions äs I'orärs soolal, Par. 1848; Vntrstisus popnlairss snr Iss gusstions sooialss, ebd. 1849; Vtuckss sur Iss eausss äs la missrs ets., ebd. 1853; vrseis äs 1a serielles seonomigus, ebd. 1862, 2 Bde. 3) Jo'öl, Bruder des Vor., geb. 1806; trat in das väterliche Geschäft, welches er sortführte, gründete 1833 die Rsvns oritigus äss livrss nou- vsaux n. redigirte 2 conscrvative Journale: Vs 1?säsra1 u. Vs äouimal äsLonsvo; st. imNov. 1870 zu Genf. CH. schrieb einen gegen die Abschaffung der Todesstrafe polemisirenden Roman: Vs Isnäe- niain äu äsrnler sour ä'nu volläninnö, Par. 1829; vsllsv«, sss illstitutions, sss niosurs sto., 1867; übersetzte Zschokkes Erzählungen u. Fr. v. Schlegels Neuere Geschichte. Von den 3 Schwestern der Vorigen ist die älteste, Madame Tourte- Ch., geb. 1793, gest. 1863, als Schriftstellerin bekannt durch einige Erzählungen u. Romane. Bon ihren Erzählungen wurde ^.unstts 6srvais ins Holländische u. Deutsche, 1843, übersetzt; von ihren Romanen ist Vs s animal ä'^mölls der bekannteste, während Caroline, geb. 1800, und Adrienne, geb. 1804, mehrere Übersetzungen auS dem Deutschen (Zschokkes Erzählungen u. Einiges von Kleist) u. Englischen geliefert haben. >4) Victor, Neffe der Vor. u. Sohn von Andre CH., geb. 1829 in Genf; studirte in seiner Vaterstadt, in Bonn u. Berlin u. lebte nachher in Gens; erst Romandichter, warf er sich später, nachdem er Deutschland u. Spanien bereist, auf das politische Gebiet. Er schr.: propos ä'un ostsval (Lühenische Plaudereien), 1860, 2. A. als Vst clrsval äs vstiäias, 1861, u. die Romane Vs Sambo vststia, Par. 1862, deutsch von Wellaner, Jena 1864; Vs priuos Vitale, ebd. 1863; vanle Avis, edd. 1864; Isadslla, 1866, deutsch von Marie Bock, Berl. 1867, 2 Bde.; Va xranäs wuvrs, 1867; vrospor Ranäoos, 1868; V'aveu- turs äs Vaäislas Lolslci, 1869; Va isvaustio äs stosspst fairst, 1372; illsta voläsuis, 1873. Cherokcsen. Neuere politische Schriften von ihm sind: v'XIIs. ma^lls xolitigus, 1870, deutsch, Bern 1871- V'vspaAns pollbigns, 1874. Über die Familie CH. s. Rambert, Vorivains nabiollaux Luissss Bd. 1, Genf 1874. Henne-Am Rhyn.' ^ Cherein, bei den Juden der große Bann (s. d.). Cheribon, s. Tscheribon. ! vberleria V., Pflanzengatt., benannt nach Je,« Henri Cherler (Botaniker des 16. Jahrh. aus Basel; er schr. mit seinem Lehrer u. Schwiegervater, Joh. Bauhin: visborias plallbarum xovs- ! ralls uovas xroäromus, Uverdun 1619; viot. - plantarum nllivsisalis, ebd. 1650 f., Fol.), aus ! der Fam. der Oarz-opstMaesas-stlsillsas (X. z), , dicht rasig, mächtige, sehr feste Polster bildend, ! mit schmalen lanzettlichen Laubblättern, 5blätteri> ! gem Kelche, keinen oder 5 Blumenblättern, U> ! Staubblättern, von denen die 5 vor den Kelch- blättern stehenden, mit 2 lineal-länglichen Drüsen - versehen sind, mit vieleiigem Ovarium u. 3 Gris- feln; Frucht eine 3klappige Kapsel. Die Gattung ist sehr nahe verwandt mit stäsills, vst/rkenbA. u. vielleicht mit derselben zu vereinigen. Einzige Art: Vst. ssäo'läss L., in den Alpen verbreitet von 2000—3500 m. Engler. Ltisrmss Lartzr., Gattung der Blattläuse. Vtior- mos astistis v. erzeugt die ananasähnlichcn Gallen der Fichte u. wird dadurch schädlich. Cherokee, Counties in den nordamerik. Unions- staaten: 1) in Alabama, u. 34" n. Br. u. 85° w. L.; 11,132 Ew; Countysitz: Canton; 2) in Georgia, u. 34" n. Br. u. 84° w. L.; 10,3SS Ew.; Countysitz: Canton; 3) in Iowa, u. 42' n. Br. u. 95" w. L.; 19,731 Ew.; Countysih: ! CH.; 4) in Kansas, u. 37° n. Br. u. 95° w. ! s L.; Steinkohlen; 11,033 Ew.; Countysitz: Colum- bus; 5) in NCarolina, u. 35° u. Br. u. 83° w. L.; 8080 Ew.; Countysitz: Murphy. 6) in Texas, u. 31° n. Br. u. 95° w. L.; 11,079 Ew.; Conntysitz: Rnsk. Cherokcsen (Tschirokesen), Jndianerstamm in NAinerita, der ursprünglich im S. der Union, in den Staaten Georgia, Alabama u. Tennessee wohnte, jetzt aber gleich den anderen Stämmen in das Jndianerterritoriuin zwischen den Rocky-Mountains u. dem Mississippi versetzt ist, während nur ein kleiner Theil im Ö. zurückgeblieben ist. Dort im W. wohnen sie nördlich u. östlich von den Creeks in einem durch den Arkansas u. seine Nebenflüsse bewässerten Gebiete, auf dem sieAcker- ^ bau fleißig betreiben. Sie haben große Dörfer, ^ ^ gut eingerichtete Häuser, zahlreiche Rindvieh- n. Schafheerden, gute Pferde; sind geschickte Handwerker, betreiben Sägemühlen u. fertigen ihre Kleider, Ackergeräthschaften rc. selbst an u. produ- ciren ans den Salzquellen ihres Gebietes viel Salz, womit sie nebst ihren landwirthschaftlichen Erzeugnissen nach New-Örleans Handel treiben. Sie haben eine geschriebene republikanische Verfassung; die executive Gewalt hat ein Häuptling oder Gouverneur, die legislative Gewalt der Große Rath, der jährlich neu gewählt wird n. aus einem Senat n. dem Hanse der Repräsentanten besteht, so daß ihre Rechtspflege n. Verwaltung derjenigen der Vereinigten Staaten nachgebildet ist; theil- weise haben sie auch die englische Sprache u.. zum 719 Cheron — Theil die Kleidung der Weißen angenommen. Bon den Vereinigte» Staaten erhalten sie für die im O- abgetretenen Gebiete Jahrgelder u. Handwerksmeister u. Werksührer zu gewerblichen Betrieben. Missionäre haben unter ihnen mit dem besten Erfolge gearbeitet, so daß sie Kirchen, Schulen, auch eine periodische Presse besitzen. Ihr jetziges Gebiet beträgt 41,300 ffUkin ("50 UM); an Volkszahl nehmen sie jedoch rasch ab: man zählt ihrer nur noch etwa 14,000 Köpfe. Cheron, 1) Charles Jean Frany., geb. 1643 in Nancy; war erster Medailleur des Papstes in Rom, später Ludwigs LIV. in Paris u. Mitglied der Akademie; st. 18. März 1698 in Paris; von ihm die Siegesmedaillen auf Ludwig XIV. 2 ) Sophie Elisabeth, Tochter des Vor., Geschichtsmalerin und Kupserstecherin, Mitglied der Akademie, geb. 3. October 1648 in Paris, gest. 3. September 1711 daselbst; sie schrieb: Lsssä äs psanmss sb äs eantignss, Paris 1694; Iws osrisss rsnvsrssss, 1717. Regnet.' Cherrier, Claude Joseph de, franz. Historiker, geb. 6. März 1785 zu Nenfchatean in den Vogesen; befliß sich zuerst derNaturwissenschafteu, u. zwar mit solchem Erfolge, daß er Cuviers Aufmerksamkeit auf sich zog. Dann trat er als Offizier 1805 in die Armee, wurde später Rittmeister u. machte die Feldzüge in Italien, Deutschland u. die Schlacht bei Waterloo mit. Unter der Restauration war er Verwaltungsbeamter, blieb aber zugleich Militär. Nach der Julirevolutiou verlor er, da er den Eid aus die neue Verfassung nicht leisten wollte, seinen militärischen Rang u. sein Amt u. beschäftigte sich mit geschichtlichen Arbeiten. 1854 wurde er Mitglied der Akademie. Im Aug. 1872 st. er auf seinem Schlosse bei Neufschäteau. CH. schr.: Lasboirs äs Irr Irrbts äss papss st äss «mpersnrs äs 1u ruaison äs Lonabs, 1841—45, SBde., neue A., 1858; Ristoirs äs Obariss VIII.. roiäs i'ranvs, Par. 1868,2 BLe., 2. A., ebd. 1870. Volchert. Cherry (engl.), so v. w. Xereswein. Cherso, 1) langgestreckte Insel im Quarnero- Busen des Adriatischen Meeres, zur österreichischen Markgrasschaft Istrien gehörig, vom Festlande durch den Kanal Farissina getrennt; mit der Insel Lussm durch eine Brücke verbunden; ist felsig (Kalksteingebirg), zum Theil nackt, zum Theil auch bewaldet mit Schiffbauholz; der öfter unter- brochene Kamm erreicht im Monte Shhs 638 m; iu einer steilrandigen Mulde in der Mitte der Insel der Vrang-(Krähen-)See; etwas Oliven« Orangen-, Getreide- u. Weinbau; bedeutende Schaf- und Rindviehzucht; außerdem viel wildes Geflügel und Fische; 324 Hskm (5^4 UM); 14,000 Ew., Italiener und Kroaten. 2 ) Stadt aus der WKüste dieser Insel, an einer tiefen Bucht, welche einen sicheren Hafen bildet; Sitz eines Bezirksgerichtes; Collegiatcapitel, Mino- nten- u. Benedictinerkloster; 3 Schiffswerften; Fischerei; 4673 Ew. (iu der Gemeinde 7590 Ew.) Cicälek.* Cherson, 1) Gouvernement im Europäischen Rußland; 71,173 ,7 iHüiu (1292,zg HüM); begreift die 6 Kreise Aleksandrija, Ananjew, Cherson, Elisa- Chersonesos. bethgrad, Odessa u. Tiraspol; grenzt nördlich an das Gouv. Kiew, Poltawa u. Podolieu, westlich an die Prov. Bessarabien, östlich an das Gouv. Jekaterinoslaw u. südl. an das Schwarze Meer; ist säst durchgängig eben, nur am Dnjepr hügelig; nächst dem Meere hin Steppe, im Innern jedoch vorzüglicher Ackerboden; Flüsse: der Dnjepr, Bug u. Dnjestr; 866 Werst Eisenbahnen: Odessa- Wolotschisk 176, Odessa-Hafen 17, Birsnla-Elisa- bethgrad 269, Charkow-Elisabethgrad 138, Sna- menka-Nikolajew 222, Rasdelnaja-Pruth 44 Werst; starker Getreidebau, Gartenfrüchte, Wein (etwa 150,000 Bedro ä 12 , 2 , 1 ); Viehzucht (über 2V-» Mill. Schafe, davon 1,900,000 Merinos), Bienen- u. Seidenzucht; Jagd- u. Fischfang; Industrie seit dem Bau der Eisenbahnen in kräftigem Aufblühen begriffen; Hauptzweige: Wollenmanufactnr und Mehlfabrikation; lebhafter Handel mit Landespro- ducten, sowol im Innern, als nach außen seewärts durch 4 bedeutende Häfen u. durch die vielen Bahnverbindungen; 1,497,995 Ew. (1871), darunter angeblich 60,000 deutsche Colouisten. 2) Gou- vernementSstadt, am Dnjepr; noch ohne Eisenbahnverbindung; Civilgouverneur, Criminalgericht; 14 Kirchen, 2 Synagogen; Seminar, 2 Gymnasien rc.; wohlthälige Anstalten; Fabriken in Talg, Seife, Mehl; der Hafen der Stadt befindet sich 40 km flußabwärts; Holz- u. Getreidehandel; Denkmal des Fürsten Potemkin, von welchem CH. im I. 1778 gegründet wurde; 1871: 45,926 Ew. Hier 1787 Conferenz Katharinas II. u. des Kaisers Joseph II., wobei ein Bündniß gegen die Türkei geschlossen wurde. Schroot. Chersonesos (gr.), Halbinsel, so 1) 6b. anrsa, alter Name der Halbinsel Malacca. 2 ) 6b. oim- brisa (Cimbrijche Halbinsel) das jetzige Holstein, Schleswig u. Jütland. 3) Ob. tanrioa (Ob. svxbbioa, Ob. oimmsria), der südlichste Ausläufer des europäischen Sarmatien in den konbns Onxi- nus, im O. von der kalus Nasotis bespült, mit dem Festlande nur durch einen 40 Stadien breiten Jsihmos (jetzt Landenge von Perekop) zusammenhängend, von den Tanriern bewohnt; jetzt Krim. Berüchtigt ist das Vorgebirg Parthenion mit dem Tempel der Artemis, zu welchem Iphigenie entrückt wurde. Auf der WKüste der Krim lag Ob. bsraclsotioa. 4) Ob. tbraoiea (Thrakischer CH.), der langgedehnte südwestliche Ausläufer von Thrakien zwischen dem Ägäischen Meere u. der Propontis, durch einen 37 Stadien breiten Jsthmos mit dem übrigen Festlande zusammenhängend. Diesen Jsthmos verschloß eine lange hohe Mauer, die im Cap Mastnsia endigte. Mil- tiades eroberte den Thrakischen CH. für die Athener u. führte hellenische Colouisten dahin; im Pelo- ponnesischen Kriege nahmen ihn die Spartaner, von welchen er an die Makedonier u. zuletzt an die Römer kam; jetzt die Halbinsel der Dardanellen oder von Gallipoli. Ans der südwestlichen Küste lag die Stadt CH. mit Hafen u. Castell. Sie war von den Herakleoten aus Pontos bevölkert u. eine Freie Stadt, bis sie unter die Botmäßigkeit des Königs Mithridates d. Gr. von Pontos kam, dem sie die Römer entrisse. Nachdem sie von den Skythen zerstört worden, wurde eine gleichnamige Stadt in der römischen Kaiserzeit weiter nördlich 720 Cherub - erbaut, und dieselbe galt für den letzten Ort des Reiches auf dieser Seite; jetzt in Trümmern bei Gurtschi. Vgl. Polsberw, Os rsdns Olrersonssi- tnrnm, Berl. 1838. Brambach? Cherub (in der Mehrzahl Cherubim), in der Bibel wunderbare Thiergestaltcn; kommen zuerst 1. Mos. 3, 24 vor, wo einer als Wächter des Weges zum Baume des Lebens mit flammendem Schwerte das ans dem Paradies vertriebene erste Menschenpaar von der Rückkehr dahin abhalt; Ezechiel aber beschreibt sie (Cap. 1 n. 10) als Gestalten mit 4 Gesichtern an einem Kopfe, nämlich mit Menschen-, Adler-, Löwen- u. Stiergesicht, mit 4 Flügeln n. Armen, mit Füßen eines Rindes, ani ganzen Körper mit Augen bedeckt; sie sind Träger des Wagenthrones Jehovahs. Auf dem Deckel der Bundeslade waren 2 Cherubim angebracht, zwischen deren ausgebreiteten Flügeln Jehovah als thronend gedacht wurde; auch waren sie nebst anderen Thierbildern in die Teppiche eingewirkt u. in Schnitzwerken gearbeitet an den Wänden des Tempels. Im Allerheiligsten waren noch 2 große Cherubim angebracht u. die ehernen Becken des Vorhofes mit solchen verziert. In der Offenbarung Johannis stehen 4 Cherubim um den Thron Jehovahs, jeder mit einem der obengenannten Gesichter u. 6 Flügeln. Die ganze Vorstellung weist auf oberasiatischen Ursprung; wahrscheinlich sind die Cherubim ursprünglich einerlei mit den geflügelten Stierkolossen, welche die Ein- änge zu den Palästen der Ninivitischen Herrscher ewachten, den Namen Kirub führten und Repräsentanten des Adar-Saturn waren. Cherubini, Maria Luigi Carlo Zenobio Salvatore, berühmter ital. Componist, geb. 8. Sept. 1760 in Florenz, Sohn eines dortigen Musiklehrers; unterstützt von Leopold H., Großherzog von Toscana, studirte er die Musik in Bologna unter Sarti, ging 1784 nach London u. 1786 nach Paris, wo er für verschiedene Theater Opern schrieb; er fand 1795 eine Stelle am Con- servatorium für Musik, hatte aber mit Sorgen um seine Existenz zu kämpfen, sah sich von Napoleon zurückgesetzt u. folgte 1805 einer Einladung nach Wien. Hier dirigirte er während Napoleons Anwesenheit die Concerte u. in Schönbrunn die Kammermusik, kehrte aber 1806 nach Paris zurück. In Folge nervöser Verstimmung wollte er nach Aufführung des Rimmalions (1809) der Mnsik ganz entsagen; er widmete sich auf dem Schlosse des Prinzen v. Chimay botanischen Studien, ließ sich aber hier zur Composition der dreistimmigen Messe bewegen, die großen Beifall fand. Seine äußeren Verhältnisse wendeten sich auch zum Bessern. Napoleon ernannte ihn nach der Rückkehr von der Insel Elba zum Ritter der Ehrenlegion, er wurdeMitglied der Akademie der Schönen Künste, einer der 5 Inspektoren des Conservatoriums für Musik u. 1822 Direktor desselben. Er st. 15./16. März 1842 in Paris. CH. war der bedeutendste Componist unter den Italienern seiner Zeit, namentlich im Gebiete der kirchlichen Musik; von seinen Opern kamen nur wenige auf die deutsche Bühne, u. nur der Wasserträger hat sich ständig auf dem Repertoire erhalten. Unter seinen zahlreichen Compositionen ragen hervor: die Opern - Chvruel. tzninto Radio (1780 zu Alessandrien gegeben), ^rmiän (1782 zu Florenz), äckriano in Fsiiz (1782 zu Livorno), Oo sposo cki trs Ismins (I7zz zu Rom), O'Iäaliäs (1784 zu Florenz), Ljgg. sanckro nells Inäis (1784 zu Mantua), On üuta prinsipsssn (1785), II Oinlio Ladino (1786, beide zu London), lÜMina ln Xnliäs (1788 zu Turin), Oomopdoon (1788 zu Paris), mehrere Stücke zn fremden Opern, wie zu der Itaiiana io Oonära u. a. (1789—90); die bedeutende Oper Oockoiskz (1791), Rlisn (1795), die großartige Schöpfung Necken (1797), Oa mort cku Asnsrnl Looks (1797), O'dötslloris portnMiss (1798), Onpnvi- tion (1799), Oa prisonnisrs, in Gemeinschaft mil Boieldieu (1799), Rpienrs, mit Mehnl (1800), Oss cksnr jonrnsss (Der Wasserträger, 1866), Xnaerson (1803), ikodills n Lepros, Ballet (1894) sämmtlich zu Paris, Ranislcn (1806) zu Wien, Rimmalions (1809), Os erssooncko (1810), des L.dsnesrraxrss (1813), Lazarck n Nsnisros, in Gemeinschaft mit Boieldieu, Catel, Nicolo (1814), Llanods cks Rrovsnss, ebenfalls mit Boieldieu, Verton, Kreutzer, Paer (1821), ^li Lada (1833), sämmtlich zn Paris; Kirchenmusik: Motetten, eine Messe für 3 u. drei Messen für 4 Stimmen ml Chor u. Orchester, eine Reihe von nnedirten Messen für die k. Kapelle, ein Requiem, eine Reihe kirchlicher Gesänge; Cantaten: Oa Rriwa- vsra, Gesang ans den Tod Haydns; Kanon u. a.; Instrumentalmusik: eine Symphonie, Ouvertüre, 3 Quartette n. a. Ferner schrieb er Solfcggien fiil das Conservatorium n. das Werk: Nstdoäs äs «ontrs-poiut et cks InZns, Par. 1835. Vgl. M. Miel im Nonitenr, 24., 25., 29. Aug. 1843. Lebensbeschreibung von Picchianti, Mail. 1843, Od., Nomorials illnstrativs ol dis lils von Edward Bellasis, London 1874. Brambach. Chcruel, Pierre Adolphe, franz. Historiker, geb. 17. Jan. 1809 zn Ronen; wurde 1830 Hilfslehrer für obere Klassen, später Geschicht- lehrer am Gymnasium zu Rouen, Mitglied der Akademien von Nonen u. Caen u. der Gesellschaft der Alterthumsforscher der Normandie, 1849 Repetent an der Normalschule, Inspsotsnr Asuoral des öffentlichen Unterrichtes u. 1866 Rector der Straßburger Akademie u. später derjenigen zu Poitiers. Er schr.: Listoirs äs Ronen sons I» ckomination nnglniss, Rouen 1840; Listoirs äs 1a oommuns cks Ronen, ebd. 1844, 2 Bde; Do I'ackministration cke Oonis XIV (1661 — 72) ck'aprss Iss msmoirss inöckits ck'Olivisr ck'Ormssson, Rouen 1849; List, cks I'ackministration monar- odigns en Rrnnes äoxnis I'nvensmsnt cks RdiliW stnA. jnsgn'n In mort cks Oonis XIV, 18öS, 2 Bde.; Oiet. distorigns ckss institntions, moouii st oontumss cks In Rrnnes, 1855, 2 Bde.; Klans 8tnsrt et Ontdsrins cks Nsckioi, 1856; Llewoiiss snr In vis pndl. et prives cks Rongnet; lonrual ck'Olivisr Osksvrs ck'Ormssson, 1860—62, in der Oollsotion ckss ckoonments inöäits; auch verdankt man ihm die beste Ausgabe der Mmoiros äu ckno äs 8nint-8iinon, 1856—58; eine Abhandlung 8nint-8imon oonsicksrö vomms distorion äs Oonis XIV u. die Nsmoirss äs kllig. cks klout- psnsisr. CH. hat sich einen bedeutenden Ruf erworben durch seine vielseitige Gelehrsamkeit, seine Chorusker - gründliche Qnellenkenntniß und seinen leichten, klaren Stil. Bolchert. Cherusker (a. Geogr.), germanischer Volks- stamm, ans der NWSeite des Hercynischen Waldes über den größeren Theil des heutigen Herzogth. Brannschweig u. der Landdrostei Hannover verbreitet. Nach Cäsar schied der Wald Bacenis die CH. von den Sueven. Anfangs waren die CH. Freunde der Römer, von denen Drnsus zuerst 9 v. Chr. in ihr Land kam, wurden aber später ihre heftigsten Feinde, n. ihr Heerführer Armin (s. d.) vernichtete im Bunde mit Katten, Marsen u. Bructerern im I. 9 n. Chr. die Legionen des Varns im Teutoburger-Walde. Von da an traten die CH. an die Spitze der germanischen Völker u. stifteten den Cheruskerbund. Germanicus, obschon im 1.15 u. 16 n. Chr. glücklich gegen sie, vermochte nicht, sie zu unterjochen. Innere Unruhen a. Spaltungen untergruben ihre Macht; zwar blieben sie Sieger gegen Marbod u. die Markomannen, aber nach dem Tode ihrers Führers Armin fielen die Longobarden und Katten über die CH. her, u. sie traten seitdem in den Hintergrund; seit dem 4. Jahrh. verschwinden sie spurlos in der Geschichte, indem sie sich unter den Sachsen verlieren. Chery, Philippe, franz. Historienmaler, geb. 15. Febr. 1759 zu Paris; Schüler Viens, bildete er sich dann in Rom, ward 1791 erster Maler des Königs u. Mitglied der Akademie. Er half die Bastille erstürmen, ward dabei verwundet, mußte sich trepaniren lassen, erkämpfte sich aber, kaum hergestellt, auf dem Schlachtfelde die Haupt- maunsepauletten n. ward nach seiner Rückkehr verhaftet, weil er sich in der Affaire des Herzogs von Orleans compromittirt hatte. Nachdem er sein politisches Gemälde: Charondas stirbt, um dem Gesetze Achtung zu verschaffen, vor demJustiz- miiiisterial-Palais ausgestellt, ward er zum Maire von Charonne u. Belleville, dann zum Chef der Civil- u. Militärgewalt im Seine-Departement eruaimt, nach dem 18. Brumaire aber verbannt u. sein Charondas in Stücke gerissen. 1802 kehrte CH. zurück u. stellte zwei Gemälde aus: Mercur verliebt sich in Herse, u. David, vor Saul die Harfe spielend; malte 1804 mehrere religiöse Bilder, ^ 1806 viele Porträts berühmter Männer u. 1812 die Geburt u. die Toilette der Venns, sowie die Verthcilung der Ehrenlegion auf dem Schlachtfelde ; von Jena. Nach Napoleons Sturze ward er wieder verhaftet u. malle 1830: Thrasybulos gibt dem athen. Volke seine demokratischen Gesetze. Seitdem lebte CH. vom Unterrichtgeben u. st. in tiefer Armuth 28. Febr. 1838. Regnet. Chcsapcakc-Bai, die größte Bai in den j Vereinigten Staaten von NAmerika; schneide! vom Atlantischen Occan her zwischen Cape Charles u. Cape Henry nach Virginia ein u. erstreckt sich bis nach Maryland, 320 bin lang u. 10—60 icm breit, bildet die Mündung des Susquchanna, außer welchen: noch mehrere andere Flüsse in die- ^ selbe münden, darunter die bedeutendsten Potomac, Patuxent u. Patapsco; fahrbar sür die größten Schiffe, nur in der Nähe von Cape Henry etwas seicht; durch den Chesapeake-Delaware-Kanal mit der Delaware-Bai, durch den Ch.-Albemarle- I Piercrs Unircrsal-Conversakions-L>.''i?on. 0. Aufl. I' - Chosncy. 721 Kanal (welcher durch den Dismal-Swamp führt) mit dem Albemarlc-Sund verbunden. Chesapeake City, Poststation im Cecil County des nordamerik. Unionsst. Maryland; 3691 Ew. Chcsclden, William, ausgezeichneter engl. Chirurg, geb. 1688 in Burrow on the Hill (Grafschaft Leicester); studirte Anatomie, Physiologie u. Chirurgie unter Cowper u. Ferne, las als 22jährigcr junger Mann über Anatomie, wurde 1711 Mitglied der Königl. Gesellschaft, gab in dieseni Jahre den S/Uabna heraus, dem 1713 die Lnabow^ ok büs sinman doclx folgte, die 11 Auflagen erlebte. 1722 machte er sich namentlich bekannt durch die Abhandlung über den hohen Beinschnitt, 1728 durch die erste künstliche Pupillenbildung von einem blind geborenen 14jährigen Menschen, wurde 1729 Mitglied der Königl. Akademie der Wissenschaften in Paris u. 1732 das erste auswärtige Mitglied der eben gegründeten König!. Akademie der Chirurgie, gab 1733 Ostoo- Araxüx, der Königin Caroline gewidmet, heraus, was Ursache einer böswilligen Kritik, von Haller u. Hister aber trotz mancher Fehler gebührend anerkannt wurde; er erhielt die Stelle eines ersten Chirurgen am St.-Thomas-Hospital, eines Con- sultirenden am St.-Georgs- u. am Westniinster- Krankenhanse, auch die eines Leibarztes der Königin Caroline und übernahm von 1737 bis zu seinem Tode, 10. April 1752, die ruhigere Stellung am Chelsea - Hospital. CH. war vielleicht der erste Operateur seiner Zeit, bemüht, die Instrumente u. Handgriffe zu Vereinsachen. Seine Hauptverdienste gelten den Verbesserungen des Steinschnittes n. der Abnahme der Brustdrüse, sowie der Erfindung der künstlichen Pupillenbildung. Mit Pope war er innig befreundet. Thamhayn. Cheshire, 1) so v. w. Chester. 2) County im nordamerik. Unionsst. New-Hampshire, u. 43° n. B. u. 72° w. L.; viel Manufactur; 27,332 Ew.; Conntysitz: Keene. Cheshnnt, Geni. in der engl. Grafsch. Hertford; Seminar der Huntingdonianer; 7518 Ew. Chesney, Francis Rawdon, engl. General n. Reisender, geb. 1789 zu Ballyrea in Irland; trat in die Militärakademie zu Woolwich ein, wurde 1805 Artillerielientcnant n. 1815 Capitän n. ging 1829 nach der Türkei, fand jedoch Len Russisch- Türk. Krieg beendet u. sammelte die Materialien zu seinem Werke: Rnsso-ll'nrlcisii Oompai^ns uk 1828 anU 1829, Lond. 1854. Im I. 1830 unternahm er von Constantinopel aus eine Reise durch den Orient zum Zwecke der Einrichtung einer directen Verbindung zwischen England und Ostindien, entweder auf dem Euphrat, oder durch das Rothe Meer. Er wies zuerst nach, daß die Ansicht eines Niveauunterschiedes zwischen dem Mittelländischen u. Rothen Meere irrig sei, u. stellte fest, daß von Suez aus in 21 Tagen Bombay mit Dampfkraft erreicht werden könne. Dann begab er sich, nach einer Reise durch Arabien u. Palästina, an den Enphrat, fuhr von Ana im Januar 1831 stromabwärts bis znm Persischen Golfe. Nachdem er 1834 zum Oberstlicmenant gestiegen war, unternahm er int Aufträge der englischen Regierung 1835 eine neue Expedition, welche die beiden Routen nach Indien, über den Euphrat und das Rothe Land. 40 722 Chcssy — Meer von Neuem erforschen sollte. Durch das Übelwollen Ibrahim Paschas aufgchalten, gelangte er zwar erst im März 1836 den Euphrat hinab, war aber dann der Erste, welcher im nächsten Jahre die indische Post auf diesem neuen Wege nach England führte. 1851 wurde er zum Artillerieobersten u. 1855 zum Generalmajor ernannt. 1856 beauftragte ihn die englische Regierung, das Terrain zur Anlegung einer Eisenbahn von dem alten Se- leucia an der syrischen Küste zum Euphrat zu untersuchen. Er st. 1872 zu Pucholet(Grasschast Down in Irland). CH. schr. noch: Mrs srxsäition kor tbs snrvo^ ok tbs rivers blnxbratss anä liZris, oarrisä cm, b^ oräsr ok tbs Lritisb Oovsrnmsnt in tbs ^sars 1835, 1836 anä 1837; Lond. 1850, 2 Bde.; Ilarrativs ok tbs Lnxbratss blxpsckition 1835—1837, Lond. 1868; Observations on tbs past anä prsssnt stats ok tbs ürs arms, ebd. 1852. Schroot. Chessy (Ch.-les-mines), Flecken im Arrond. Villefranche des französischen Dep. Rhone, am Arbesle; ergiebiges Kupferbergwerk, Kupferhütten; 1200 Ew. Eheste, Graf v., spanischer General, gcb. 1814; ein eifriger Anhänger der Regierung Jsabellas, überhaupt mehr Politiker, als Militär, was er besonders bei seiner Amtsführung als General- Capitän in Neucastilien bewies, indem er die Reaktion bis aufs Äußerste trieb, um jede mißliebige Äußerung wider die Königin, die Kirche u. die Armee zu unterdrücken. Als Gonzales Bravo Murillo 1868 das Cabinet übernahm, fand er in CH. seine Hauptstütze. Nach Ausbruch der Sep- temberrevolution wurde dem General das Oberkommando in Catalonien übertragen; indeß richtete er hier so wenig ans, daß er schon 30. September, nachdem Barcelona sich für das Pronunciamento entschieden, Stadt u. Provinz verlassen mußte. Rasch entschlossen erkannte er nun auch die neue provisorische Regierung an, fand aber bei ihr kein Vertrauen: sie verwies ihm den Aufenthalt in Spanien u. ließ ihn, da er sich trotzdem nach Madrid begeben, verhaften u. über die Grenze nach Frankreich bringen. Lag«. Chester, I) (Cheshire) englische Grafschaft; grenzt im N. an Lancaster, im O. an Derby, im SO. an Stafford, im S. an Shropshire, im W. an Denbigh u. Flint (Wales), im NW. ans Irische Meer; 2861 Hskm (52 >HM); meist eben, Heiden u. Moräste, auch etwas Waldung; Flüsse: Mersey, Dee, Weaver u. Dane; Kanäle: Grand -Trnnck- Ellesmere-Bridgewater-Kanal u. m. a.; von einer Menge von Eisenbahnlinien durchschnitten, welche sie in direkte Verbindung mit den industriell wichtigsten Centren (Manchester, Sheffield, Birmingham) setzen; Klima: nebelig n. feucht, aber nicht ungesund; Boden für Getreidebau nicht besonders geeignet, aber sehr schöne Wiesen, deshalb wenig Ackerbau, aber um so mehr Viehzucht und Käse- production (CH.-Käse, jährlich zwischen 2 - u. 300,000 Ctr.); an Mineralien besonders Steinsalz in unerschöpflichen Lagern, mit einer jährlichen Production von 1 Million Tonnen, u. Steinkohlen (1 Mill. T. jährlich); die Industrie bedeutend u. begreift hauptsächlich Baumwolle, Seide u. Eisen- fadrikate; Handel besonders mit Käse u. Salz; Chesterfield. 561,201 Ew.; Hauptstadt Chester. 2) Hauptstadt hier, am Ausfluß des Dee; Knotenpunkt von 5 Eisenbahnlinien; alterthümlich gebaut und von einer dicken, aus der Römerzeit stammenden Saud- steinmauer umgeben; die Straßen haben zum Theil überdeckte Gänge zu beiden Seiten; uralte Brücke von 7 Bogen u. eine neue von 60 m Spannung in einem Bogen; Bischof; große gothische Käthe- drale ans dem 13. Jahrh. u. 11 andere Kirchen, Hospitäler, Armen- u. Waisenhäuser; gut eingerichtetes Gesäugniß, Stadthaus, Handels- und Heinwandhalle, altes Castell; Fabriken von Tabak, Patentschuhen, Leinwand, Bleiweiß, Pfeifen und Leder; der Hafen ist versandet n. für größere Schiffe nicht zugänglich, der Handel daher nicht mehr so bedeutend wie ehedem; er begreift hauptsächlich Käse (8 Märkte), Salz, Leinwand, Steinkohlen u. Eisen; berühmte Wettrennen hier; Überfahrt nach Irland; 35,257 Ew. In der Nähe Eaton-Hall, der prächtige Landsitz der Marquis von Westminster-Ch., das Cestriä der Römer, war schon diesen ein Hauptpunkt u. Hauptquartier des Kaisers Antoninns Pius in seinen Kämpfen gegen die Eingeborenen. Später wurde es ein oft belagerter Ort in den Kämpfen der Angelsachsen u. Briten. 3) County im nordamerik. Unionsst. Pennsylvania, u. 40°n. B. u. 750 w. L.; viel Manufaktur; 77,805 Ew.; Conntysitz: West-Chester. 4) County im nordam. Unionsst. Süd-Carolina, u. 34" n. B. u. 81° w. L.; 18,805 E.; Countysitz: Chesterville. 1)2) Schroot. Chesterfield, 1) Stadt der engl. Grafschaft Derby, am Rother- u. dem Chesterfield-Kanal, welcher zu dem Trent geht, u. an der Eisenbahn von London nach Nord-England; Kirche mit schönem Thurme, Stadthaus; Gymnasium; Fabrikation von Strümpfen, Schuhen, Töpfen, Teppichen, Seidenwaaren; 11,427 Ew.; in der Nähe große Eisenwerke und Steinkohlenminen. 2) County im Nordamerika!!. Unionsstaate SCarolina, u. 34" n. B. u. 80° w. L.; 10,584 Ew.; Conntysitz: Chesterville. 3) County iin nordamerik. Unionsst. Virginia, n. 37° n. B. n. 77° w. L.; 18,470 Ew.; Conntysitz: Chesterfield Court Honse. Chesterfield, Philipp Dormer Stanhope, Graf v., engl. Staatsmann n. geistreicher Schriftsteller, geb. 22. Sept. 1694 in London; war Kammeriunker des Prinzen von Wales u. Mitglied des Unterhauses u. nach dem Tode seines Vaters 1726 des Oberhauses; wurde 1728 Gesandter bei den Generalstaaten, bald darauf Vice- könig in Irland u. 1747 Staatssekretär; er zog sich aber bald von den öffentlichen Geschäften zurück; st. 24. März 1773. CH. schr. u. a.: bot- tsrs 1« bis son (an seinen unehelichen, aber adoptirten Sohn Phil. Stanhope, in denen er statt der reinen christlichen Moral eine höfische Weltklugheit empfiehlt), Lond. 1774, 4 Bde., nebst 1 Suppl.-Bd., ebd. 1787, n. Ausl., 3 Bde., ebd. 1810, deutsch, Lpz. 1774—77, 6 Bde.; Nisesl- lansons rvorlcs, Lond. 1777, 2 Bde., u. 1779, 4 Bde., deutsch, Lpz. 1778 — 80, 3 Bde.. Aus seinem Nachlaß erschienen: kostbnmous pieoes, Lond. 1778. Werke ebd. 1845—53, 5 Bde.; eine Ausgabe von I-ottsrs, Lsotsnoss null blarnnss, von Carey, Lond. 1871, 2 Bde. Vgl. ä.usoäotos respsobinA birg Ints l-orä 6b. anä Oavick Ümne, 723 Chesterkäse - London 1788; Browning, Bfts rvib anä rrisäam okOorä Ob., ebd. 1874. Bartling.« Chesterkäse, berühmter engl. Labkäse, in der Grafschaft Cheshire bereitet. Verwendet wird zur Fabrikation der Rahm der Abcndinilch n. die frische Morgenmilch von Kühen. Das Durchschnittsgewicht der Käse ist 25 bis 50 kA. Die aus Schaf- und Ziegenmilch bereitete Sorte ist weiter nichts, als verdickter, von Milch befreiter Rahm. Rhode. Chetib (hebr.), bei den Masoreten die falsche Lesart des Textes in der hebr. Bibel, im Gegensätze zu der richtigen, am Rande bemerkten (Keri). Chetuba, Insel Hinter-Jndiens, s. Tschetubah. cdeval (fr.), 1) Pferd; 2) s. u. ^ ettsval. Chevaleresque (fr.), 1) ritterlich; 2) aben- teuerlich. Chevalerie, Ritterthum. Chevalier (fr.), 1) Ritter, auch Ordensritter. 2) Auf dem Theater: Rolle von eleganten, gefälligen, lebenslustigen u. leichtsinnigen Charakteren; ein solcher CH. ist immer Mann von Stande, oder gibt doch vor, es zu sein, hat gesellschaftliche Formen, ungezwungenen Humor u. spricht viel. 3) 6b. ä'In- (Iiistrie, Glücksritter, feiner Betrüger. 4) CH. od. Cavalier (fr.), im Schachspiel der Springer. Chevalier, 1) Jean Baptiste le CH., franz. Reisender u. Gelehrter, geb. 1. Juli 1752 zu Trelly im La-Manche-Dep.; studirte in Paris u. war Lehrer an mehrerer CollögeS daselbst u. seit 1734 Secretär des Grafen Choiseul-Gouffier; er unternahm 1786 u. f. in wissenschaftlicher Hinsicht mehrere große Reisen, unter anderen nach der Levante, vorzüglich nach Troas u. wurde 1806 erster Conservateur der Bibliothek zu St. Genevidve in Paris; starb hier 2. Juli 1836. Er schr.: Voxags äs la Broaäs, zuerst englisch von Dalpal, Lond. 1794, Par. 1803, 3 Bde., deutsch von Lenz, Altenb. 1800; Vozm§s äs la Oroxontiäs et äu kouk-Lurin, deutsch, Liegnitz 1801; unter dem Pseudonym Const. KoliadeS: Du vsriiabls autsur äe Iftliaäs st äs I'Oäz'sseo, Par. 1829. Vgl. NoA, tstoties sur la vis st Iss ouvraZss äs 6., Par. 1840. 2) Paul, genannt Gavarni (einem Pyrenäendorfe, von dem aus er seine ersten Zeichnungen datirte), einer der ersten Illustratoren u. Lithographen, geb. 1801 in Paris, Kind armer Eltern; war erst Mechaniker, zeichnete nebenher fleißig, von 1835 an Modeblätter u. Costüme, was ihm ermöglichte, sein Handwerk aufzugeben. Als Leiter der Modezeitschrift I-ss sssus äu mouäo eröffnete er eine Reihe von Lithographien, die das leichtfertige, tolle Leben der Pariser Jugend behandeln: bes torsttes; Oos aotrioes; Oss kasbionables; I-ss artistss; Oss stuäiauts äs karis; Oss öädaräeurs; Oes bals masguss; Oss souvsnirs seine große Bedeutung für die moderne Cultur geschichte, namentlich in der zweiten Periode seines Lebens-, wo er düstere Züge, Katastrophen, fast tragische Conflicte darstellt; so namentlich in Oss invaliäss äu soutimoub u. den Oorstbss vioiiles mit ihren meisterhaften Schilderungen der Verkommenheit, des Elendes u. armseligen Endes jener leichtfüßigen Wesen. Wie früher den Anblick der Lust, so sparte er nun auch das Furchtbare ».Widerwärtige nicht. In der dritten Periode endlich zeichnete CH. die Schwächen u. Thorheiten, Lügen u. Gebrechen der gesitteten Welt; so in Oss masguss sb visa- §ss u. Oss kourboriss äss kommss. Bei einem Besuche in London 1849 verlor CH. seine gute Laune über dem Elende der unteren Schichten der Bevölkerung. Das Ergebniß seiner Reise ist: Was man in London ganz umsonst sieht, eine grauenvolle Schilderung all des materiellen und sittlichen Elendes der Weltstadt. CH. st. 23. Nov. 1866 auf seinem Landgute in Auteuil. Eine gute Auswahl seiner Arbeiten erschien 1845 unter dem Titel: Osuvrss cbsisiss äs 6uvarui, Paris, mit Text von I. Jauin, Th. Gautier u. Balzac. 3) Michel, sranz. Nationalökonom, geb. 13. Jan. 1806 in Limoges; trat 1824 in die Polytechnische Schule zu Paris, 1825 in eine bergmännische Bildungsanstalt u. wurde dann als Ingenieur im Dep. du Nord angestellt. Nachdem er sich dem St.-Simonismus zugewendet u. Aufsehen erregende Artikel im Organisateur (bes. Oa Llarssiiiuiss äs la Oaix, 11. Sept. 1830) veröffentlicht hatte, übernahm er 1832 die Redaction des Olobo, der Hauptzeitung der St. Simonisten, u. folgte bei dem Schisma dieser Secte Enfantin nach MLnil- montant, wo er sich au der Abfassung des Oivrs kflouvsau, des Evangeliums der neuen Lehre, betheiligte. Als die Regierung den Exceffen derselben ein Ende machen mußte, wurde er zu einem Jahre Gefängnis) verurtheilt (Juli 1832). Jetzt änderte er seine Ansichten, erhielt von Thiers die Mission, die Wege, Eisenbahnen rc. in NAme- rika zu studiren, u. veröffentlichte im äouruai äss Debüts Aufsehen erregende Artikel, in denen er geschickt die damaligen Borurtheile in Sachen der Industrie bekämpfte (gesammelt: Osttrss sur I'^mörigus äu üorä, 1836, 2 Bde.) u. die sogar Humboldts Anerkennung fanden. 1837 wurde er daher mit einer neuen Mission nach England betraut u. gab heraus: Oos iutsröts matsriels su Drauos, ein Programm der mannigfaltigsten Verbesserungen in Industrie u. Handel. Er wurde nun nach einander Llaitrs äss rsgustes, Staatsrath 1838, Mitglied des Oousoil suxörisur des Handels, Professor der Nationalökonomie am GoUezs äs Drauos 1840, Oberingenieur der Bergwerke u. wurde 1845 als Conservativer in die Kammer gewählt. 1848 bekämpfte er Louis Blanc und die Socialisten u. verlor auf einige Zeit seine Professorstelle. Nach dem Staatsstreiche vom 2. Dec. wurde er von Napoleon zum Staatsrathe gewählt u. 1855 zum Mitgliede der mit der Organisation der großen Ausstellung beauftragten Commission; 1860 betheiligte er sich an dem Handelsverträge mit England, der den von ihm so lange vertheidig- ten Ideen über Freihandel den Sieg verschaffte, u. wurde in den Senat gewählt. Bei der Lon- 46 * 72 i O^svalisr ä'iiiäustris — Chcvrcau. doner Ausstellung 1862 war er Mitglied der Jn- tcruatioualcu Jury für die Prcisverthcilnng, und bei der zweiten Pariser Ausstellung 1867 wurde er beauftragt mit der Berichterstattung über die ausgestellten Gegenstände n. schrieb eme Inbro- äuotion aux raxports äu jur^ jntsrnabional, 1868, die als eine Philosoph. Synthesis der ganzen modernen Industrie betrachtet wurde. 1869 präsidirte er der internationalen Friedensliga. Man hat noch von ihm: Mstoirs st ässoriptiov äss voios cis oommunioabion aux Obats-Oois, 2 Bde., mit Atlas, 1840; 6ours ä'ssouovais poll- tigus, 1842—50, 3 Bde.; Ossais äs polibigus inäustrisllo 1843; I-'Isblrms äs Oanama, 1844; 1, a Oiborts aux Obabs-Onis, 1849; Oxamsn äu Systems pratootsur 1851: Im guosbion äs I'or, 1853, u. viele ausführliche Abhandlungen in d. Rsvus äss Osux Llonäss, im Isurnal äss Oä- babs, im Dietionn. ä'soonsmio polibigus re., die zum Theil besonders abgedruckt sind, z. B. Os 1a baisss probabls äs I'or, 1859; I/Iiixpsäitioii äu bloxigus 1862; Os Llsxigus aneisn ob moäsrno, 1863 2. Aust. 11 Schroot. 2) Regnet. 3) Bolchert. Lkevalisr ä'inäustris (fr.), Glücksritter, seiner Betrüger; 6b. ä'bonnsur, Hoscavalier, Ehrenbegleiter eines Fürsten od. einer Fürstin; auch überhaupt Begleiter einer Dame. Obevalier sans peiir et sans rsproobs (fr.), Ritter ohne Furcht u. Tadel; Ehrentittel mehrerer Ritter des Mittelalters, z. B. Bertrands du Guesclin, Louis' de Tremouille, Bayards u. A.; dann auch Latour d'Auvergues. Chcvallicr, Jean Baptiste Alphons,franz. Chemiker, geb. 19. Juli 1793 in Langres, Professor an der Pharmaceutischen Schule u. Mitglied der Königlichen Akademie der Medicin in Paris, Pharmaceut u. Chemiker; er schr. mit Richard: Dieb, äss äro§uss siinplss ob eomxossss, Paris 1827, 5 Bde.; mit Payen: Dos rsaetiks, Paris 1829, 2 Bde.; allein: Supplement dazu, 1841; Uanuel äs pbarmaeis, Par. 1824 f., 2 Thle., 2. Ausg., 1831; mit Bricheteau u. Coktereau: O'art äs äossr los möäicamsnbs, Par. 1829; O'art äs preparor Iss ebloruios ässinlsetallts äs obaux äs souäs ob äs pobasse, Par. 1829, 2. Ausg., 1832; 8ur 1'smploi äss oklorurss st äu cbioro äaus l'assainisssmont, Par. 1830; mit Cottereau u. Trewet: Oss oaux minsralss, Par. 1835; 8nr la äissolubion äs 1a g;ravs11s ob äss salsuls äs 1a vossis, ebd. 1837. Von besonderer Wichtigkeit ist sein Oiotionnairs äss al- bsrabions st lalsiLeations äss sudsbanoos ali- msnbairss, wöäieamkntvusss st oommsroialos ebd. 1850—52, 2 Bde. 3. Ausl., 1858, deutsch von Westrumb, Gött. 1856—57, 2 Bde. Praktisch u. für die Wissenschaft ebenso wichtig sind die Lsotisrolivs sur Iss inozwvs appliguss st 1a oonssrvation äss sudsbanoos alimsntairss. ebd. 1858; Du oaks, son distoirs, sou usaAs ste., ebd. 1862, u. sein Trakts äss ässinlsotants saus Io rapport äs 1'llz-xisno pudliguo, ebd. 1862. Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Abhandlungen, in den banales äs odim. u. den 6oinptos- isnälls, sowie im lournsl äs odim. möäieale, daS er seit 1825 redigirte. r. Chevandier de Äaldröme, Jean Pierre Napol. Engbne, sranz. Politiker, geb. 17. Aug. s 1810; widmete sich der Industrie n. wurde Direc- tor der Spiegelfabrik von Cirey u. Mitglied des Gencralrathes für den Kanton Lorquin im Des. Meurthe. Seit 1859 wiederholt in diesem Dip. in den Gesetzgebenden Körper gewählt, war ei Mitte Juli 1869 einer der 116 Unterzeichner dir Manifests, welches eine wirksamere Betheiligung bei der Leitung der öffentlichen Angelegenheit», vom Kaiser forderte, u. im Dec. Vicepräsident der Gesetzgebenden Körpers. Im Ministerium Ollivier, Anfang 1870, erhielt er das Portefeuille des In- nern u. verlor dasselbe im August d. I. mit dem Sturze des Cabinets wieder, ohne überhaupt je eine hervorragende politische Rolle gespielt zu haben. Um so wirksamer war seine Thätigkeit für Förderung der Waldcultur, zu welchem Zwecke er auch mehrere Memoiren und Untersuchungen erscheinen ließ; außerdem gab er auch mehrere Schriften über Chemie, Natnrhistorie rc. heraus. Lagai.' Chevauxlegcrs, in Bayern die mit Säbel u. Carabiner bewaffneten leichten Reiterregimenter, welche etwa den Dragonern anderer Armee» od. auch den Odrsssurs st odoval der Franzose» entsprechen. Bis zum Jahre 1852 gab es CH, auch in Österreich, bis 1866 auch im Großherzogthum Hessen. Bayern hat jetzt 6 CH.-Regimenter, Chevclure (fr.), 1) Haupthaar; 2) Haarwuchs, Chevillc (hebr.), so v. w. Kabbala. Cheville, Col de, Bergpaß der Berner-Alpen in der Schweiz, von Bex im Kanton Waadt nach Sitten (Wallis), in wildromantischer Gegend; die Paßhöhe 2036 m ü. d. Meere. Cheviot (CH. Hills), Bergzug in England, aus der nordwestlichen Grenze der Grafschaft Noi- thnmberland gegen Roxburghshire, vom Gleunstuß! bis zum Liddel; bildet zum größten Theil die! Grenze zwischen England u. Schottland u. Hots seine größte Höhe im CH.-Berge, der 813 m hoch! ist; reich an Waldung, Steinkohlen nnd Wcidr-> Plätzen, daher ans den Abhängen des Gebirge), bes. Schaf- u. Rindviehzucht blüht. Cheviot-Schaf(6Irsv1otI!rssä),engl.Schafrait etwas größer, als das Southdown-Schas, benannt j nach seinem Borkommen auf den ergiebigen Weide- > Plätzen des Cheviot-Gebirges; Wolle von der Feinheit der Leicesterwolle; Schurgewicht mittelmäßig,. Neben kräftiger Constitution zeigt es eine große Fruchtbarkeit und ist ein vortreffliches Weideschas Die Milch wird bisweilen zur Käsefabrikation ver-l wendet. Rhode. Chevrrau, Henri, sranz. Politiker, geb. Sb, Oct. 1823 in Belleville; wurde in St. Manie" erzogen u. trieb literarische Studien. Er zeigte 1848 eine große Begeisterung für Louis Napoleon u. agitirte im Süden für dessen Candidatm zur Präsidentschaft, weshalb er dann Präsect de) Dep. Ardbche u., da er auch den Staatsstreich vom 2. Der. 1851 eisrigst unterstützt hatte, m nächsten Jahre Gcneralsecretär im Ministerin» des Innern wurde; er mußte aber bereits 1 SSS, da er sich ungeschickt in der Vertheidigung de) Budgets vor der Kammer erwiesen hatte, diese Stelle niederlegen u. erhielt die PräfecMr in Nantes u. 1864 die des Rhone-Departements. Jni Jan. 1870 folgte er Haußmann als Seinepräsel>> ! 725 Chevron! wurde 10. Aug. dess. I., nachdem der Krieg gegen Deutschland eine schlimme Wendung für Frankreich genommen hatte, Minister des Innern, worauf er die Organisirung der Mobilgarde und die Ausweisung der Deutschen auS Frankreich eifrig betrieb. Nach dem Sturze des Kaiserreiches am 4. Septr. verließ er Paris u. ging nach ! Belgien. Später lebte er wieder in Paris. ! Chcvreul, Michel Eugäne, ausgezeichneter frauz. Chemiker, geb. 21. Aug. 1786 in Angers; wurde 1813 Professor der Physik am Oxoäs 6star- Iswsgus, 1820 Examinator an der Polytechnischen Schule, 1824 Direktor der Färbereien u. Pro- sessor der ans Färberei angewandten Chemie bei der Gobelins - Mannfactnr, seit 1826 Mitglied ! der Akademie der Wissenschaften zu Paris und ! 1836 Professor der Chemie am natnrhistorischen ! Museum. Er stellte mehrere neue Fettkörper ans ! thierischen Stoffen dar u. hat um die Analyse der Pflanzen n. thierischen Stoffe das größte Verdienst. CH. schrieb u. a.: Rsostsrostss sur Iso sorxs gras ä'origins animale, Par. 1823; Oou- siäöratious gs'ieralss sur I'anal^ss orgauigus «t sur sss applieations, ebd. 1824, deutsch von Trommsdorff, Gotha 1826; Osyous äsla clrimis apxliguss a 1a bsinturs, 1831, 2 Bde.; Os la lü äu ooutrasts simultane äss ooulsurs st äs lassortimsnt äss ostssts ooloriss, 1839; Ostsa- ris äss olksts oyt. guo prsssntsnt Iss ötollss äs soie, Lyon 1846; Os 1a stagustts äivinatoirs, äu psnäuls sxploratsur et äss tadles tournan- tos, Par. 1854; Lsostsrostss ostimiguss sur 1a ^ teiuturs, Par. 1862 ff.; Oss vouisurs et äs lsurs ! explioations aux arts inäustrisls a I'aiäs äss i esroles cstromutiguss, ebd. 1864; Oistoirs äss eolluaissanees estimiguss, ebd. 1866; Oistoirs äss xrinoipalss opinions äs la naturs vstimigus äss eorps, ebd. 1869. Außerdem zahlreiche Abhandlungen, namentlich über die Farben-Chemie in den banales äsllstim., u. den Oomxtss-rsnäus !>. im äouroal äss Lavants. r. Chevreuse, Flecken im Arr. Rambouillet des stanz. Dep. Seine-et-Oise, an der Ivette; altes Schloß; Gerberei, Porzellanfabrik u. Glashütte; Getreide- u. Wollenhandel; 1892 Ew. Die Baronie CH. wurde 1545 vom König Franz k. zu einem Herzogthum erhoben, 1612 von Ludwig XIII. zu/einer Pairie; 1692 tauschte es Ludwib XIV. gegen die Grafschaft Montfort l'Amaury ein. , Lbsvron (fr.), 1) eigentlich Dachsparren. 2) ^ Aenstauszeichnnng im französischen Heere, sowol fiir Rang als Dienstalter bei Unteroffizieren und Soldaten, mittels eines od. mehrerer in der Mitte gebrochenen Qnerstreifen von Tresse auf dm Ärmeln der Montirung; daher Ch-nö, 1) ein zum Unteroffizier Befördeter; 2) ein Veteran. Chexbres, Dorf im Bez. La Vanx des schweizerischen Kantons Waadt, Station der Schweizer WBahn; prachtvolle Fernsichten; 800 Ew. Cheyenne, 1) County im nordamerikanischen Unionsstaate Nebraska, n. 41° n. Br. u. 102 n. 103° w. L. 190 Ew. 2) Poststation im nordamerikanischen Unionsstaate Wyoming, an der Union- Pacific-Eisenbahn, u. 41° 7' n. Br. n. 104° 52' w. L., 2950 m ü. d. Meere; 3000 Ew; seit 1867 entstanden. — Chczy. Cheyne, 1) Georg, ein s. Zt. sehr geschätzter schottischer Arzt, geb. 1671 in Kinroß-Shire; studirte in Edinburgh unter Pitcairn, ließ sich, 30 Jahre alt, in London nieder, gab anonym das mehrere Auflagen erlebende Werk: Osteor^, or Xsequut ok aouts uuä slow keavsrs, London 1702, heraus u. ließ diesem 1704: Oluxionum mststoäus iuvsrsa folgen, das ihm, obwol stark angefochten, die Mitgliedschaft der Königl. Gesellschaft in London einbrachte; 1705 erschien der erste Theil seiner Ostilosopstioal priusiplss ok rsligiou, der zweite 1715, beide in das Dänische n. Italienische übersetzt, nur entsprach sein wüstes Leben leider den darin niedergelegten Anschauungen nicht. Er ließ folgen: Ossax ou tsts gout, Lond. 1822, u. Ossa^ ou stoaltst unä lang liko, ebd. 1724, letzteres nach Haller das beste Buch über Diätetik ins Französische, Deutsche u. Lateinische übertragen; den meisten Ruf brachte ihm ein: Osts Onglisost inalaä^, or u treutiss ok all Iciuäs, ok splssu sto., Lond. 1733, u. 1740 die: Natural mststoä ok ouring tsts äissasvs ok tsts boä^. Seine Stellung als Arzt (er gehörte der sogen, mechanischen Richtung an) kennzeichnete er durch die Schrift: Os übras natura osusgus laxas morbis, Lond. 1725. Er starb 1743 in Bath. Thamhayit. Chezy, 1) Antoine Leonard de, berühmter Orientalist, geb. 15. Jan. 1773 zu Nenilly, gest. 31. Aug. 1832 zu Paris; sollte Ingenieur werden, hatte aber zu große Vorliebe für die schönen Wissenschaften u. speciell für die orientalischen Sprachen, weshalb er sich auch unter de Sacy n. Langles dem Studium des Arabischen und Persischen widmete. Als erwähltes Mitglied der Franz. Gelehrten Gesellschaft, sollte erl 798 Napoleon nach Ägypten begleiten, mußte aber wegen eines bösartigen Fiebers, das ihn in Toulon überfiel, nach Paris zurückkehren, wurde dann 1799 Xttaosts au oa- stiust äss mauuserits orisutaux äs la Oibliotsts- gus nationale u. erwarb sich als solcher ein großes Verdienst um die Classificirung der vielen arab. u. pers. Handschriften, womit Frankreich infolge seiner Siege im Orient bereichert worden war. Die Pariser Bibliothek war auch reich an indischen Handschriften, worüber aber kein franz. Orientalist Auskunft geben konnte, weil das Studium des Sanskrit damals noch nicht in Frankreich Angeführt worden war. Als nun 1803 der berühmte engl. Orientalist A. Hamilton, ein gründlicher Kenner des Sanskrit u. der Sauskru-Lite» ratur, nach Paris gekommen war und die Erlaub- niß erhalten hatte, diese Handschriften zu durchforschen, da faßte CH. infolge seiner Bekanntschaft mit diesem Gelehrten den Plan, sich auch dem Studium des Sanskrit zu widmen, u. obgleich er wegen der damaligen großen Beschränktheit der Hilfsinittel zur Erlernung dieser Sprache außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden hatte, so gelang es ihm doch, durch unermüdlichen Fleiß u. regen Eifer nach einigen Jahren sich auch auf diesem Gebiete gündliche Kenntnisse zn erwerben u. die Regierung 1815 zu veranlassen, einen neuen Lehrstuhl für Sanskrit im Oollsgs äs Oranos zu errichten u. denselben ihm zn übertragen. Mit dieser neuen Stellung wurde 726 Chi — er auch zugleich zum Mitglieds des Instituts ernannt. Schriften: Lxbr-rit äu II vre äss msrvsiUss äs In nsburs pur iilodammsä, Par. 1805; ülrräj- nouu sl I-aila, traäult äu psroan äs vjami, ebd. 1807, 2 Bde.; ^Läjnaäatba Laäüa, ou In Mort äs laäjnaäatta, spisoäs, traäuit än La- maz-anu, ebd. 1814, neue Ausg. mit Text, Noten u. einer wörtl. lat. Übersetzung von Burnouf, 1827; Dissours prononcs au Lolisgs äs Graues L I'onvertnrs äu oours äs Is. lauAus st äs iitts- raturs srrnssrites, ebd. 1815; ^vaiz-ss äödlsAÜa- äoutab, posms sanscrib äs Lslläasa, ebd. 1817; Ls combat äs Imbsbmauas avec lö Aeaut ^.ti- Laz-as, traäult äu sauscrit, ebd. 1818; Mrsoris äu sloka su mstrs Irsroicqns sauscrit, ebd. 1827; Im rsconnaissauss äs Lacouutala, ärams sanscrit et prrrcrit, avsc uns traäuctiou Irantzaias, äss notss et uu appsväico, ebd. 1830 (sein Hauptwerk), u. unter dem Pseudonym A. L. Apudy: L,u- tboloAis örotigus ä'^marou tsxt sauscrit, tra- äuction, notos et Zlosses, ebd. 1831. 8) Wilhelmine (Helmine) Christiane v., geb. v. Kleuke, Enkelin der Karsch, deutsche Schriftstellerin, geb. 26. Jan. 1783 in Berlin. Ihre Mutter, Caroline Luise Karsch, geb. 21. Juni 1754 zu Fraustadt, zuerst verehelichte Hempel, dann geschieden, vermählte sich 1782 in zweiter Ehe mit Friedrich v. Kleuke; auch sie war literarisch thä- üg, schrieb einige Schauspiele (Der ehrliche Schweizer, Berlin 1776; die Grazien, ein Vorspiel, ebd. 1777), sowie einen Band Gedichte, ebd. 1788); starb 1802 zu Berlin. Ihre Tochter Wilhelmine heirathete im 16. Jahre einen Herrn v. Hastfer, wurde jedoch schon im nächsten Jahre geschieden. Dann mit Frau von Genlis 1803 in Paris lebend, heirathete sie 1805 den Vor.; 1810 trennte sie sich freiwillig von ihm u. kehrte nach Deutschland zurück, wo sie sich literarisch beschäftigte. 1813 wurde sie durch ihren Eifer für die Verwundeten zu Köln in einen Rechtshandel verwickelt, der indessen ehrenvoll für sic endete. Später lebte sie abwechselnd in Heidelberg, Berlin, Dresden, Wien, Paris, München, seit 1850 in Bern u. Vevey u. seit 1853 in Genf, wo sie 30. Jan. 1856 starb. Sie schr.: Leben u. Kunst in Paris, Weim. 1805—7, 2 Bde.; Gedichte, Aschas- fenburg 1812, 2 Thle.; Gemälde von Heidelberg, Heidelb. 1821; Neue auserlesene Schriften, 2 Thle., Heidelb. 1817; Emmas Prüfungen, ebd. 1827; Aurikeln, Berl. 1818; Iduna, Chemnitz 1820; Erzählungen u. Novellen, Lpz. 1822, 2 Bde.; Stundenblumen, Wien 1821—27, 4 Bde.; Der Wunderquell, dramatische Kleinigkeit, Wien 1824; Jugend, Leben u. Ansichten eines papierenen Kragens, Wien 1830; Herzenstöne auf Pilgcr- wegen, Sulzbach 1833; Norika, München 1833; Rnndgcmälde von Baden-Baden, Karlsr. n. Baden 1835, 2. Aust., 1839, u. a. m. Für K. M. v. Weber dichtete sie den Text zur Oper: Euryanthe von Savoyen, Wien 1824. Ferner gab sie heraus: Leben n. romantische Dichtungen der Tochter der Karschin (ihrer Mutter Caroline Luise), ein Denkmal kindlicher Liebe von Helmine, Frankfurt 1805. Ihre eigenen Denkwürdigkeiten, herausgeg. von Bertha Boruträger, erschienen 1858 zu Leipzig unter dem Titel: Unvergessenes. Sie besaß - Chiallr. eine leichte Erfindungsgabe, dazu Wärme u. Ge- wandtheit im Ausdruck, sowie lyrischen Wohllaut' doch sind nur wenige ihrer Arbeiten sorgfältig durchdacht und ausgeführt, am meisten wol die Novelle: Haugwitz u. Coetarini in den Stunden- blumen. 3) Wilhelm v., Sohn der Vorigen geb. 21. März 1806 in Paris; bezog 1829 die Universität München, wo er sich dem Studium der Rechte widmete, hielt sich dann in Baden- Baden auf, später in Freiburg u. 1848 in Köln; 1850 ging er nach Wien, wo er seine literarische Thätigkeit fortsetzte, zugleich auch an den Arbeiten der Österreichischen Reichszeitung theilnahm; er st. daselbst 13. März 1865. CH. sehr, außer mehreren in vielen Zeitschriften zerstreuten Erzäh- lungen noch: Wanda Wiepolska, Stuttg. 1831; Camodns, Trauerspiel, Bayr. 1832; Petrarca, Künstlerdrama in 5 Acten, ebd. 1832; Der fahrende Schüler, Zür. 1835, 3 Bde.; Die Martinsvögel, Karlsr. 1837; Der fromme Jude, eine Familiengeschichte unserer Tage, Stuttg. 1811, 4 Bde.; Das große Malefizbuch, Landsh. 1817, 3 Bde.; Ehrenherold, Stuttg. 1848; Das Ritterthum in Bild u. Wort, ebd. 1848; Der letzte Janitschar, 1853; ferner Erinnerungen aus seinem Leben, Schaffhausen 1863—64, 2 Bde.; Cancan eines deutschen Edelmannes, Leipzig 1842—45, 3 Bde. CH. zeigt sich als geistreicher Beobachter u. sehr begabter Erzähler, jedoch mitunter pikant bis zur Rücksichtslosigkeit, wie besonders im Cancan; Der fromme Jude ist im feindseligsten Sinne gegen die darin geschilderte Religionsgemeinde gehalten. Auszeichnung verdient die Geschichte des Scharfrichtersohnes Hämmerling im Malefizbuch; dagegen sind die Erinnerungen durch die Unzartheit, womit er seine Mutter bespricht, anstößig, 1) V u. 3) Creizcn-ch.' Chi (üh Lolis. 6di I-.), Schmetterling, zu der Fam. der Eulen (s. d.) gehörig. > Chia, wahrscheinlich Name der auf Chios geprägten Münzen; es sind deren in Kupfer u. Silber übrig, mit einer Sphinx u. einem Weinkruge. Chiaürera, Gabriello, ital. Dichter, geb. 8. Juni 1552 zu Savona im Genuesischen; stand einige Jahre in Diensten des Cardinals Cornaro in Rom u. kehrte dann in sein Vaterland zurück; st. daselbst 14. Oct. 1637. Er schr., Pindar und Anakreon nachahmend, außer lyrischen Gedichten auch die Heldengedichte: I/Ituliu lidsrata, 1/ü.wa- äsiäa., 1620,1654,OsIls Auerrs äsdotü 1582u.a.; das Trauerspiel Lrminirr; die Opern: ^.moro sbanälio, II bsllo äsllo 6lrams, II vapimeuto äi (lsl-rlo, u. a. m.; Lims, Gen. 1605 s., Flor. 1627, 4 Bde., Rom 1723, Ven. 1731; Loesis iiriclas, Livorno 1783, 3 Bde., Mail. 1807, neue Ausg., Turin 1872. Werke, Ven. 1768, 6 Bde., 1782, 5 Bde. Booch-Arloss».' Chialli, Vincenzo, ital. Historienmaler, geb. 27. Juli 1787 in Cittä di Castello; war Schüler s Camuccinis in Rom, wo er mit kurzer Uuterbrech- - ung bis 1822 lebte; ließ sich nach öfterem t Domicilswechsel 1825 in St. Sepolcro nieder u. - ward 1835 Director der Malerschule in Cortona; - st. 4 Sept. 1840 in Cortona. CH. malte außer - zahlreichen Bildern kirchlichen Inhaltes genrehast oder historisch staffirte Interieurs. Werke: Friedhos 727 Chiamata - ,1. Messe, im Palazzo Pitti; Dante, in der Abtei Fonte Avellana; Rafael u. Fra Bartolomeo, im Kloster I. Marco; Der junge Rafael im Hause seiner Eltern (Carton). Regnet. Chiamata (v. Jtal.), in der Fechtkunst eine verstellte Blöße, uni den Gegner zu täuschen. Chiana (d. h. Sumpf, im Alterthum Clanis), Fluß in Italien (Toscana u. Umbrien); entstand ehemals aus einer großen sumpfigen Niederung, deren Ausdünstung die Luft verpestete, richtete durch Überschwemmung Schaden an u. fiel trägen Laufes in den Arno bei Arezzo, bis die 15S1 begonnenen großen Abdämmnngsarbeiten 1823 vollendet waren, wodurch das Thal (Chiana-Thal) entsumpft, über 12,000 da Land gewonnen u. der Fluß in 2 Arme getrennt wurde; der eine fällt in den Paglia u. mit diesem in den Tiber; der andere mündet als Kanal Ma'östro della Chiana in den Arno. Chianeiano, Flecken im Bez. Montepulciano der italienischen Prov. Siena, im Thal des Flusses Chiana, Station der Römischen Eisenbahn; Gipsbrüche u. in der Nähe vorzügliche Sauerquellen von 24—31" R., dann eine unbenutzte Eisenquelle von 12" R.; zwei Badanstalten; 2469 Ew. Chiapas, Las, 1) mexikanischer Bundesstaat; grenzt im O. an den Staat Campeche, im N. an Tabasco, im W. an Oaxaca, im S. an Guatemala und die Südsee; gebirgig durch die Cor- dilleren, deren höchste Spitzen meist ausgebrannte Vulcane sind, als: der Soconusco, die 2 Volcanes de Amilpas, der Sapotitlau; unter den vielen Flüssen sind die bedeutendsten der Usumasinta, der aus Guatemala kommende Grijalva oder Tabasco mit seinen Nebenflüssen: Tulija, Blanquillo, Teapa, Magdalena. Die Küstenstriche ausgenommen, ist das ganze Land eine Gebirgshochebeue von 785 bis 1099 m Höhe, angenehmem Klima, reicher Vegetation u. vortrefflichem Waldwnchs; es ge- ^ f deihen aber nur in geringer Fülle Mais, Weizen, Cacao, Tabak, Indigo, Zucker, Anauas, Piment- psefser; Cedern, Tannen, Mahagoni, Guayac-, ! i Nsen- n. andere Bäume bilden die Wälder. Areal ! - 41,550 Hflrili (754,s UM); 193,987 Ew., zum I ^ großen Theil indianischer Abkunft, die zum Theil ; angesiedelt (^.vsciuckaäos) sind, zum Theil frei ! leben (Lacanckoncs) n. zu den Maya oder dem aztekischen Stamme der Zoqnes gehören, die übrigen sind spanischer Abkunft u. Mischlinge; der Haupterwerb Viehzucht; Landban u. Handel gering. ^ In diesem Staate liegen die berühmten Ruinen ^ von Palenque. Hauptstadt ist San Christobal od, Ciudad de las Casas. CH. war zur Zeit der Er- ! oberung Mexicos eine Art Republik, doch mit ^ mexicrn. Cultur, wurde dann erst dem spanischen f s Mcekönigreich Mexico, später aber dem General- . ) capitanat Guatemala einverleibt, trat bei der Los- ! ^ reißung von Spanien zu Mexico über u. wurde g 1854 diesem förmlich von Guatemala abgetreten. ? 2) Chiapa de los Indios, früh. Hauptstadt ebd., ) im Innern des Staates, rechts am Tabasco; jetzt - unbedeutend n. nur von Indianern bewohnt. Kolps.» > ; Chiaramoute, Stadt im Bez. Modica der ital. ^ Prov. Noto (Sicilieu); schön gebaut; Weinbau; f H m der Gemeinde 9293 Ew. - Chiasso. Chiaramonti, Gregor Barnabas, früherer Name des Papstes Pius VH.; daher sind mehrere Sammlungen in Rom, die unter seiner Negierung entstanden, CH. genannt; so Llusoo 6ü. (s. u. Rom, n. Geogr.). Chiaravalle, Name von 3 Gem. in Italien; am bedeutendsten: Flecken im Bezirke Ancona der Prov. Ancona, Station der Römischen Bahn; 4398 Ew. Chiari, Hauptort des gleichnam. Bezirkes der ital. Prov. Brescia (Lombardei); Gymnasuun, Techn. Schule; Seidenzucht; Seidenweberei, Gerberei; 9479 Ew. Sonst befestigt mit Citadelle (Rocca) von 4 Bastionen. Hier 1. Sept. 1701 Sieg der Österreicher unter Prinz Eugen über die Franzosen u. Spanier unter Villeroi. Chiari, Pietro, ital. Dichter, geb. um 1700 in Brescia; lebte als Hofpoet des Herzogs von Modena in Venedig; st. 1788 in Brescia. Er sehr, über 60 Lustspiele, Venedig 1759, Bologna 1762, 4 Bde.; 4 Trauerspiele u. einige philosophische Schriften. Chiaromonte, Geronimo, ital. Arzt, geb. auf Sicilieu in der Nähe Palermos; verschaffte sich im 17. Jahrhundert dadurch einen bedeutenden Namen, daß er behauptete, im Baidapulver ein Mittel gegen alle Krankheiten zu haben. Er prakticirte in Neapel, als er die Entdeckung dieses Pulvers zuerst veröffentlichte. Der Vice- könig, Herzog von Osuna, gab Befehl, dies Mittel an fünfzehn beliebig im Hospital äs 1'^n- nunmato ausgewählten Kranken zu versuchen, die alle genasen. Gestützt auf diese Erfolge u. versehen mit den besten Empfehlungen, vertrieb er nun sein Mittel in Florenz unter dem pomphaften Namen: kulvis muAistralls, Lebenselixir u. Phönix der Medicin. So durchzog er ganz Italien, verdiente enormes Geld, kehrte aber kluger Weise nach Neapel zurück, als 1627 in Genua sich hef- tige Opposition gegen ihn erhob u. zwei Ärzte ihm nachwieseu, daß die Wirkungen von anderen Ursachen abhängig wären, als den von ihm angegebenen. Er st. 1640. 1735 versuchte man von Ancona aus dies Pulver wieder aufleben zu lassen, aber mit wenig Erfolg. CH. hat einige Schriften über dies Mittel herausgegeben: Ua wovics äolis. moclicma, Florenz 1620; vlckiaramoni contra II sommario mstoüo cii biiov.-Vntanio Liancsii s contra II ckiscorso cki I'ist.-If'rancosco Ciralckini sopra. 1a sna. ritrovata. polvsrs, cüs kn stimata Lclönar Minerals, Genua 1627, u. s. f. Thamhayn. Chiaroscuro (ital.), so v. w. Clair-obscur. llliiasma norvorum opticorum, Sehnervenkreuzung; s. Auge, S. 348 ff. Chiasmos (gr.), 1) Bezeichnung mit einem 2 oder auch einem Kreuze, an Stellen, welche für unecht gehalten wurden^(vgl. Obelos); mit Punkten zu beiden Seiten (.^l.) od. (d. i. ctzrssimon, nützlich, od. cln'vstän, gut), bezeichnet man die schönsten Stellen. 3) (Grammat.) Die veränderte Stellung des Subjekts u. Prädicats, od. des Ge- netivs u. seines regierenden Casus, daß im ersten Satze jenes, im anderen letzteres zuerst steht, z. B.: ihm muß das Gold der Ähren u. der Trauben Purpur glänzen. Ehraffo, Dorf im Bez. Mendrisio des schweizer. 728 Chiastolith Kantons Tessin, an der Faloppia, Station der Gotthard-Bahn; südl. Ort der Schweiz; 1383 Ew. Chiastolith (Hohlspath, Min.), häufiger Gemengtheil des Chiastolithschiefers; bildet rhombische Sänlen von graulich-weißer bis gelblich-grauer Farbe, welche in schwarzen Thonschiefer einge- wach'en sind; Härte 5—6; spec. Gew. 2^—3,ij; besteht ans kieselsaurer Thonerde; häufig im Fichtelgebirges in den Pyrenäen, der Bretagne u. s. w. Die kohlige Substanz des Schiefers bildet eine centrale Ausfüllung der länglichen Säulen, oft auch die Kanten des Krystalls ersetzend, so daß im Onerbruch die Form des griechischen Buchstabens / (Chi) erscheint, was den Namen veranlaßt hat. Meist ist die centrale Ausfüllung des Krystalls an einem Ende dicker, als an dem anderen, oder verjüngt sich von beiden Enden nach der Mitte zn. In den Pyrenäen erreichen sie fast 30 cm Länge u. 5 om Dicke; sie werden dort verschlissen n. ihrer Kreuzfignr wegen als Amn- lete getragen. Lehmann.' Chiastolithschicser, ein dunkelfarbiger, meist sehr homogen erscheinender Schiefer, in welchem viele Chiastolithkrystalle eingebettet liegen. Dieser Schiefer bildet Zonen um Granitablagerungen und wird gewöhnlich für einen durch Granit meta- morphosirten Thonschiefer angesehen. Bei Les Salles de Rohan bei Pontivy fanden sich viele Petresacten darin. Lehmann. Chiavari, Hanptort des gleichnam. Bez. der ital. Prov. Genna, am Meerbusen Rapallo u. an der Mündung der Sturia, in reizender Lage, Station der oberital. Bahn; kleiner Hafen; Handelsgericht; Gymnasium, Naut. Schule; Kathedrale; Ökonom. Gesellschaft; Spitzen- u. Seidefabr.,Kunsttischlern; Handel; Sardellenfischerei; Weinbau; 11,521 Ew. Geburtsort des Papstes Jnnocenz IV. CH. soll 1167 von den Genuesen erbaut worden sein. Chiavenna (Kläven, lat. Olavenna), 1) Landschaft in einem weiten Alpenthal der ital. Prov. Sondrio (Lombardei): 660 ssZIcm; 18,000 Ew. — CH. hatte vormals eigene, vom Kaiser eingesetzte Grafen u. kam 1200 n. 1338 an die Herzoge von Mailand, welche es der Familie Balbioni in Lehn gaben. Immer machten jedoch die Bischöfe v. Chur u. der Kanton Graubünden auf CH., Bormio u. das Veltlin Anspruch u. führten deshalb mehrere Kriege. Seitdem theilte CH. die Schicksale des Veltlin (s. d.), kam mit diesem 1512 an Graubllnden, 1797 an die cisalpin. Republik, 1805 an Napoleons Königreich Italien, 1814 an Österreich u. 1859 an das neue Königreich Italien. 3) Stadt u. Hauptort darin, in romantischer Umgebung, an der schäumenden Maira, am Ansgange des Bergest-Thals u. am Bereinigungspnnkte der Straßen vom Splügen u. Maloja nach dem Comer-See; 6 Kirchen, in der San-Lorenzo-Kirche sehr alte Reliefs; Hospital; Ruine eines unvollendeten Palastes der Salis; bedeutender Handel, Baumwollen- n. Seidenweberei, Papierfabrikation; treffliche Bierbrauereien; Schloßberg mit herrlicher Aussicht; Windlöcher (SorelU) an den Bergabhängen, zu Wein- u. Bierkellern benutzt; 3930 Ew. Henne Am-Rhyn.* Chic (fr.), Feinheit u. Eleganz in der äußeren Evcheinnna bei Personen n. Dingen. — Chicago. Chica, ein von den Eingeborenen Guianas n. Brasiliens durch Gährenlassen der Blätter voo LiAiwnia Linon Lnmb. (s. d.) gewonnenes Farb- material, welches in blntrothen Kuchen als Linea, Lnrajurn oder Vsrinsilion amsrieanum in den Handel kommt u. ans welchem durch Anskochen mit Alkohol ein rotherFarbstoff, das Chica-Roth, bereitet wird. Dasselbe löst sich mit rubinrother Farbe in Alkohol. Chicago, Hauptstadt der Grafschaft Cook u. größte Stadt, wie auch bedeutendster Handelsplatz im Staate Illinois (Vereinigte Staaten von Nord- Amerika), an der SWKllste des Michigan - Sees u. an beiden Ufern des gleichnam. Flusses, in ursprünglich sumpfiger Gegend, aber durch Kunst in neuester Zeit um 3—4^ m über die Fläche der Prärie emporgehoben; schöne, sich rechtwinkelig durschneidende Straßen, nieist mit Alleen bepflanzt u. mit Gas beleuchtet; zahlreiche Kirchen, darunter Lseoncl Lroobz-tsrinn Limrolr (prachtvolles Gebäude im gothischen Stil), Gerichlshans (mit großem Gefängnis)), 4 große Park in der Stadt; Universität, mcdicinisches College; mehrere Freimaurerlogen, Sternwarte, großartiges Opernhaus u. viele kleinere Theater; Hospitäler, Marine- Hospital; zahlreiche Börsen, Banken; große Ge- werbthätigkeit, namentlich Maschinenfabriken, Eisenbahnwagen u. Utensilien, Ackerbau-Geräthschaften, Gerbereien, Fabriken von Leder-, Holz- u. Eisen- waaren, viele Mühlen; der Gesammtwerth der industriellen Fabrikate wurde 1870 zn 128 Will. Doll, angegeben; ungeheurer Viehmarkt; großartiger Handel, namentlich in Getreide, Mehl, Bauholz, Rindvieh n. den oben genannten Fabrikartikeln (im I. 1872 wurden z. B. versandt: 3,583,451 Bnshel Mais, 3,517,981 Bushel Weizen, 2,267,400 Pfd. Schweinefleisch); der Holzhandel umfaßte 1600 Mill. Kubikfuß, n. der Gesammtwerth der Handelsprodncte wurde auf 450 Millionen Dollars geschätzt; Hafen mit Leuchtthurm; lebhafte Dampf- u. Segelschifffahrt auf dem gleichnamigen Flusse und dem Michigan-See (die Rhederei ist im Besitze von 600 Schiffen); durch den Jllinois-Michigan-Kanal u. dessen Verbindungen mit dem Mississippi, durch die Canadischen Seen u. deren Kanalsystem mit dem Atlantischen Ocean, durch zahlreiche, sich nach allen Seiten hin verzweigende Eisenbahnen (14 Hanptlinien) mit allen größeren Städten der nördl. u. östl. Staaten, dem Mississippi-Thal rc. verbunden. Die Lage von CH. ist eine sehr gesunde; fruchtbare u. wohl angebaute Umgegend; eine mit Dampfkraft getriebene Wasserkunst (mit 400,000 Dollars Kosten erbaut u. 1867 vollendet) versorgt die Stadt mit reinem Wasser durch einen 2 Meilen langen Tunnel aus dem See, ebenso ein artesischer Brunnen. Unter dem Chicago-Flusse ist ein 333 in langer Straßentnnnel erbaut worden. Die Einwohnerzahl betrug 1870 schon 298,977, gegen 29,963 im I. 1850, u. wurde 1873 auf 367,400 LN- gegeben. Die Vereinigten Staaten errichteten hier 1795 ein Fort; 1830 standen erst 12 Hütten; aber es begann von da an die Erbauung der Stadt. Dieselbe wurde im Oct. 1871 von einem furchtbaren Brande heimgesucht, wobei 17,450 Gebäude zerstört wurden, was einen Schaden von 729 Chicanc - 290 , 000,000 Doll, verursachte. Aber wie durch Zauber erhob sich Chicago aus den Trümmern, so daß es zwei Jahre darauf wieder seine frühere Stellung eiunahm. 1874 brach abermals ein großes Feuer aus, wodurch 5,000,ONO Doll. Schaden entstand, u. örtliche Verhältnisse lassen fernere Wiederholungen großer Fenersbrünste befürchten. Was aber CH. am meisten bedroht, sind die Fort, schritte des Weizenbaues im NW, demzufolge namentlich zwei Rivalen schon jetzt aufzutreten beginnen: St. Paul, die Hauptstadt des nord- amerik. Unionsstaatcs Minnesota, am Kopfe der Dampfschifffahrt auf dem Mississippi, u. Dulnth, Hafenplatz am WEnde des Lake Superior, auch in Minnesota gelegen. Vgl. Seeger u. Schläger, Entwickelung rc. von CH., Chicago 1872. Chicane, 1) eine Art Ballspiel zu Pferde. 3) Eine in böser Absicht erregte Schwierigkeit gegen die von einem Anderen bezweckte Ausführung einer Sache (Lalnmnia). Zur Sicherung dagegen kann man dem Gegner od. dessen Sachwalter den Gefährdeeid (stnsznrarulnm ealnmniag spooials) zuschieben, wenn nicht von Amts wegen schon darauf erkannt wird. Daher Chicaneur, Einer, der daraus ansgeht, die rechtmäßigen Ansprüche eines Anderen nicht zur Geltung kommen zu lassen, Ränkemacher; Chicanerie, chicanircn. Chica-Roth, s. Chica. Chicha, in Chile weinartiges Getränk ans dem Samen von Onvang, äeponciono. Chichen, Stadt im mexikanischen Staate Dn- catan, mit zum Theil gut erhaltenen und kunstreichen Überresten einen alten indianischen Stadt. Chichester, Hauptstadt der engl. Grafsch. Snssex, unweit einer Bucht des Canals la Manche, an dem Lavantfluß u. den Eisenbahnen nach Brighton, ^ 1 Southampton u. London; seit 1073 Sitz eines i Bischofs; schöne Kathedrale mit 91 in hohem Ls Thurme u. 6 andere Kirchen; Theater; Hospital; k Gesängniß; Märkte, Korn- u. Salzhandel; Fischerei; kleiner Hafen; 7825 Ew.; in der Umgegend viele römische Alterthllmer (einstige römische Station Regnum). CH. war im 5. Jahrh. Residenz der sächsischen Könige. Im I. 1044 ernannte Karl I. den Lord Dnnsmore u. 1675 Karl II. den Lord Limmerick zum Grafen von CH. Chickahomini,Fluß im Unionsstaate Virginia. Daran 31. Mai n. 1. Juni 1862 Gefecht im Nord- amerik. Bürgerkriege, worin die Unionstrnppen s unter Mac Clellan den Kürzeren zogen. I Chickomauga, linker kleiner Nebenfluß des r Tennessee im nordwestlichen Winkel des Staates ? Georgia (Vereinigte Staaten von NAmerika). s ^ An ihm 19. u. 20. Sept. 1863 Schlacht zwischen s > den Südstaatlichen unter Bragg n. den UnionS- ^ > truppen unter Rosencrans, welche mit der Niederlage der Letzteren endete. Diese Schlacht wird auch , Schlacht bei Chattanooga genannt. 1 , Chickasaw, 2 Counties in den nordamerikan. i ^ Unionsstaaten: II in Iowa, n. 43" n. B. n. 92° ! L.; 10,180 Ew.; Countysitz: New-Hampton ; 2) in Mississippi, u. 33" n. B. u. 88° w. L.; lg,899 Ew.; Countysitz: Houston. Chiclana, Stadt in der span. Prov. Cadix, am Kanal S.Pedro; Schwefelquelle mit Badanstalt; i Ichöne Landhäuser, die den reichen Cadixern zum - Chicse. Sommeranfenthalte dienen; Oliven- u. Gartenfrüchtebau; 8400 Ew.; in der Umgegend Salinen. Hier im Spanisch-Portugiesischen Befreiungskriege 5. März 1811 Sieg der Spanier u. Engländer über die Franzosen. Chicopee (früher Cabotville), ansehnlicher Fabrikplatz nn Hampton County des nordamerikan. Unionsst. Massachusetts; 7577 Ew. Chicot, County im nordamerikan. Unionsstaate Arkansas, u. 33" n. B. u. 91° w. L.; 7214 Ew. Countysitz: Columbia. Chiddekel, nach der Bibel einer der Haupt- ströme des Paradieses. Chidr (arab.) bedeutet grün u. ist ursprllng- ein Titel u. nicht ein Name. Bei den Orientalen ist CH. eine fabelhafte Persönlichkeit, deren Genealogie man sogar bis auf Noah zurückgeführt hat. Die Legende macht ihn zum Erfinder der Lebensquelle u. ihren Hüter u. stellt ihn bald als Propheten, bald als Heiligen, bald als Weisen dar; auch soll er Moses' Begleiter u. der Vezier des gehörnten Alexander gewesen sein; darin stimmen aber alle Traditionen überein, daß er unsichtbar sei u. erst am Ende der Zeiten sterben werde. Chicm-See, See in Ober-Bayern, 18,5 kmlang, 11 icm breit, 156 m tief; von der Prien, Roth, Achen n. a. Flüßchen genährt, fließt er durch die Alz wieder ab; darin die Inseln Herren- und Franenwörth (auch Herren- u. Frauen-Ch.), erstcre mit ansgehobenem, letztere mit wiedsrhergcstelltem Kloster und Gasthaus, u. Krautinsel; von allen bayerischen Seen der größte, aber auch der flachste; Dampfschifffahrt; großer Fischreichthum. Seine Ufer sind im Ganzen einförmig, zum Theil mit kleineren Seen, die ans eine frühere größere Ausdehnung schließen lassen; die Eilande des Sees aber sind sehr schön; im S. ein schöner Gebirgs- hintergrund. Auf Herrenwörth läßt König Ludwig II. ein Schloß bauen. Chicnti , Küstenfluß des Adriat. Meeres; entspringt auf den römischen Apenninen n. mündet nach 74 icm langem Laufe bei Civita-Nnova. Chicri (Chiers), Stadt in der ital. Prov. u. dem Bez. Turin (Piemont), Station der Oberital. Bahn; Lyceum, Technische Schule; Waisenhaus, Versorgungshaus; Kirche über einem alten Minerva- Tempel; Theater; Baumwollen- n. Seidenfabrik; im Gem.-Bez. 15,033 Ew. CH., im Alterthum Carea, stand seit dem 9. Jahrh. unter bischöflicher Herrschaft, machte sich im 11. Jahrh. frei u. gab sich eine republikanische Verfassung; von Friedrich I. in der Mitte des 12. Jahrh. wieder der bischöfl. Herrschaft unterworfen, änderte es seine Herren oft, bis es im 16. Jahrh. an Savoyen kam. Chiers, lio icm langer Nebenfluß der Maas; kommt aus dem Luxemburgischen, fließt unweit Longwy u. bei Montmcdy vorbei u. mündet oberhalb Sedan; ist eine Strecke von 10 icm schiffbar. Chiesch, Herrschaft u. Stadt in der Bezirkshauptmannschaft Ludic, an der Strzela, östlich von Eger in Böhmen; Schloß; 1525 Ew. Chicse, 148 Lm langer Fluß in der Lombardei; entspringt in Tirol am Laresgletscher in den Ortler- Alpen, geht in die Provinz Brescia, bildet hier den Lago d'Jdro n. mündet bei Canneto in der Provinz Mantua in den Oglio. 730 Chieti - Chieti, 1) Provinz in Unter-Jtalicn (früher Abruzzo citeriore), zwischen den Provinzen Te- ramo, Aquila, Campo Lasso u. dem Adriatischen Meere; 2861 (62 ssssM); im W. gebirgig (Majella-Geb. mit dem Mi. Amara 2923 m), im O. flach, hier sehr fruchtbar; bewässert von zahlreichen Küstenflüssen, darunter Pescara, Sangro u. Trigno die bedeutendsten; von 77 icm der Eisenbahn Bologna-Otranto (SBahn) durchschnitten; Producte: Roggen, Reis, Wein; Maul- beer- u. Seidenzucht; an Vieh werden besonders Schweine gezogen; 339,986 Ew. in 26 Kantonen u. 121 Gemeinden. 2 ) Hauptstadt hier, an der Pescara, Station der vorgenannten Bahn; befestigt; Kathedrale ans dem 11. Jahrh. mit merkwürdigen Krypten, römische u. normannische Alter- thümer; Erzbischof, Provinzialbehörden; Lyceuin, Technische Schule, Geistliches Seminar; Hospital; Handelskammer, Bank, Sparkasse; Wollen- und Seidenspinnerei; Handel mit .Wein, Getreide n. E>l; im Gemeinde-Bezirke 23,602 Ew. Von ihr haben die Theatiner (auch Chietiner) ihren Namen. — CH. ist das alte Teate im Lande der Marruciuer; kam, mit den Samnitern gegen die Römer verbunden, 305 v. Ehr. unter römische, später unter gothische u. lougobardische Herrschaft. Pipin der Kurze zerstörte sie; von den Normannen im 11. Jahrh. wieder anfgebaut u. zur Hauptstadt erhoben, kam sie später an Neapel. Vgl. Nicolini, Ltorla äi 6b., Neapel 1657. Schroot." Chictincr, so v. w. Theatiner. Chievres, Stadt im Arr. Mons der belgischen Prov. Hennegau, am Einfluß des Hunel m die Dender, Station der Belgischen Staatsbahn; Salz- rasfinerie, Fabrikation von Töpferwaaren, Baumwollenspinnerei; Pferdemärkte, Handel mit Getreide und Öl; 3300 Ew. Chiffon (fr.), Lumpen; daher Chiffonnier Lumpensammler; Chisfonniöre, Lumpensamm- lerin, dann Arbeitskästchen, Putzschrank; chiffon- niren, zerknittern. Chiffre (ft., Chifser), eigentlich Zahlzeichen, Ziffer; dann eine durch geheime verabredete Zeichen ansgedrückte Schrift (Lorlxtio xor notas). Meist wählt man dazu Ziffern, u. diese drücken Buchstaben, oft aber ganze Wörter, selbst ganze Phrasen ans. Man chiffrirt auch nach beliebigen (z. B. mathematischen) Zeichen, Punkten, Linien n. anderen Zeichen, od. legt ein Buch mit einem guten Wortregister (so einen klassischen Autor oder ein Wörterbuch) zu Grunde und bezeichnet dann Seite, Zeile u. Wort, wo das Wort, das man gerade braucht, zu finden ist, mit Zahlen; kann mau nuu ein Wort nicht finden, so wird mit gewöhnlicher CH. nachgeholfen. Die Chiffer- schrist wird in diplomatischen Angelegenheiten, wenn man Auffangen der Depeschen fürchtet, od. auch bei wichtigen Verhandlungen gebraucht, n. die Chiffrirkunst bildet eine Hilfswissenschaft der Diplomatie und besteht in der Anweisung, solche Geheimschriften zu gebrauchen. Auch Kaufleute benutzen die CH. in neuerer Zeit, wenn sie sich wichtige u. geheime Nachrichten, besonders über Staatspapiere, crtheilen wollen. Mit der Auflösung der CH., selbst wenn man den Schlüssel (die Chiffrir- n. Dcchiffrirtabellen) nicht hat, beschäf- - Chiffre. tigt sich die De chiffrirkunst (^rs notas invostl- Mnäi). Man sucht zuerst die Vocale auf, indem man die Zeichen anssucht, die in jedem Worte Vorkommen, sucht dann dieselben durch das Ver- hältniß ihres Gebrauches u. die Consouanten durch ihre Stellung am Anfang oder Ende der Wörter durch Doppelbuchstaben rc. zu errathen. Freilich ist dies Verhältnis in jeder Sprache ein anderes, u. die erste Aufgabe ist, zu ermitteln, in welcher Sprache die Chifferschrift geschrieben ist. Indessen wird doch jede CH. von einem geschickten Dechifs- reur enträthselt, wenn sie bloße Buchstaben durch Zeichen ausdrückt; alle Kunst scheitert aber, wenn man nach einem Wortregister chiffrirt u. es nicht gelingt, das betr. Lexikon aufzufinden. Mittel, den Dechiffreur auch bei der anderen Art zu der- wirren, sind, wenn man die alphabetisch gesetzten Wörter möglichst unregelmäßig, also nicht nach der Reihe, mit 1,2,3 beziffert, sondern z. B. a-n5, b —10 rc. bedeuten läßt, sog. non-valeurs, d. h. ungiltige Zeichen, den gütigen beimischt, für häufig vorkommende Buchstaben 2 verschiedene Zeichen wählt, eine Zeile von rechts nach links, die folgende von links nach rechts rc. schreibt; ferner bei Chifsriren mit Zahlen stets eine Zahl, z. B. 4, wählt, mit der inan die eigentliche Bedeutung habende CH. addirt-rc. Am häufigsten wird zur Geheimschrift die sogenannte Mabls earrös, ein Quadrat mit 26x26 Feldern, angewandt. Die erste horizontale Reihe beginnt mit einem -i-, dann folgt L, 8 rc.; die zweite Reihe beginnt mit 8 rc. u. endigt mit die dritte beginnt mit 8 u. endigt mit -s-, L rc. Die erste Horizontalreihe heißt die Sprachlinie, die erste Verti- calreihe links die Wahllinie. Zum Schlüssel dient ein beliebiges Wort, welches Buchstab für Buch- stab unter die Buchstaben der chiffrirten Depesche gesetzt wird, u. zwar, wenn es zu Ende ist, wieder von Neuem anfangend. Dieser Schlüssel heißt das Wahlwort. Die wahre Bedeutung des Chifser- buchstabens findet man nun, indem man den dar- nnterstehenden Buchstaben des Wahlwortes in der Wahlliuie und den Chifferbuchstaben in derselben Horizontallinie, welcher jener angehört, aufsucht. Dann verfolgt man die Verticallinie des gefundenen Chifferbuchstabens bis zur Sprachlinie und findet in dem Quadrat derselben den Buchstaben der Klarschrift. Diese bewährte u. praktische Methode kann man auch noch vereinfachen, wenn man nur so viele Horizontalreihen anwendet, als das Wahlwort Buchstaben enthält, z. B. hieße eS Bodelschwing, nur 12 Reihen. In den Ministerien des Auswärtigen bestehen eigene Bureanx für die Chiffrir- u. Dechiffrirkunst, während bei den Gesandtschaften rc. die betreffende Thätigkeit dem Kanzleichef zugewieseu ist. Im Privatverkehre ist behufs Währung des Geheimnisses bei der Correspoudenz durch den Telegraphen und durch Postkarten in neuerer Zeit das Chifsriren in hohem Grade in Gebrauch gekommen u. nach Vorgang eines betreffenden Beschlusses der internationalen Telegraphenconferenz in Rom 1872 die telegraphische Correspoudenz in Chifferu n. Geheimwor- teu durch die deutsche Telegraphenordnung vom 21. Juni 1872, Z 9, durch ganz Deutschland u. mit dem Auslande, mit Ausnahme von Frankreich, 731 Chiffriren — Österreich-Ungarn, Persien, Rumänien, Serbien u. Spanien, gestattet worden. Als eine gute Anleitung für Chiffriren gilt das Werk von Krohn, Buchstaben- u. Zahlensysteme für die Chifsrirung von Telegrammen, Briefen u. Postkarten, Berl. 1873, in welchem 6400 Systeme zur Wahl stehen. Schon Cäsar kannte eine Art Chifferschrift, indem er an seine Freunde durch Versetzen der Buchstaben schrieb. Im 16. und 17. Jahrh. befaßten sich mit der Chiffrirkunst eingehender Tritheim, Athanasius Kircher u. Bacon. Bgl. Kortum, Ansangsgründe der Entziffcrnngskunst von deutschen Zifferschriften, Hann. 1782; Vergenne, Polizeischrift, Eisenach 1793; Klüber, Kryptographik, Tüb. 1809; Martens, drücke ckiplomatigao, 4. Ausl., Lpz. 1851. CH. bezeichnet endlich auch «och das Handzeichen oder den Namenszug einer Person (s. Monogramm). iagai.» Chiffriren (v. Fr.), 1) ein Buch, die Blattseiten desselben mit Ziffern versehen. 2) Noten, die zu einem Baßtone gehörigen Accordintervalle durch Zahlen andeuten. 3) S. u. Chiffre. Chigi-Albani, alte, von den Herren vonMa- ciareto abstammende Familie, welche in der Republik Siena bereits im 13 Jahrh. bedeutende Ämter bekleidete und 1659 die römische Fürsten- wiirde erhielt. 1) Cristoforo u. 2) Mariano waren um 1400 im Besitze der Grasschaft Suera, die nachmals an den Papst Julius II. kam. 3) Agostino lebte unter den Päpsten Julius II. u. Leo X. bis Clemens VII. in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrh. in Rom n. erwies sich hier als eifriger Förderer der Künste u. Wissenschaften, stand in den freundlichsten Beziehungen zu Rafael, zu seinen Landsleuten Baldassare Pe- ruzzi u. Soddoma u. ließ, im Besitze großer Reich- thümer, mehrere bedeutende Gebäude in Rom, sowie den Palazzo della Farnesina in Trastevere erbauen; er st., nachdem er infolge der Plünderung Roms durch den Connetable von Bourbon Mai 1527 Rom verlassen, in seiner Heimath. 4) Fabio wurde als Alexander VII. Papst (1655—67) u. berief seine Familie nach Nom, wo sie rasch znm höchsten Glanze stieg. 5) Mario, Bruder des Vor., war 1662 Commandaut der corsischen Garde, als dieselbe mit der Dienerschaft des französischen Gesandten in Rom in blutige Händel gerieth, welche einen Bruch mit Frankreich u. den nachmaligen so erniedrigenden Vergleich zur Folge hatten; s. Rom (Gesch.). 6) Flavia, Sohn des Vor., wurde 1657 Cardinal; er hatte 1664 als päpstlicher Legat die Aufgabe, den König von Frankreich wegen der Beleidigung des französischen Gesandten zu besänftigen; st. 1693. 7) Agostino erhielt von seinem Oheim, Papst Alexander VII., mehrere von der Familie Orsini n. Savelli erworbene Güter u. Lehen, 1659 auch das Fürstenthum Campagnano in der römischen Campagna mit den dazu gehörigen Privilegien n. Rechten eines kaiserlichen Lehns und für sich u. seine Nachkommen die römische Fürstenwürde, wozu ihm Papst Clemens XI. noch das Mar- schallat der Heiligen Kirche u. das Hüteramt des Conclave für sich u. seine erstgeborenen Nachkommen verlieh. Später kam außer ansehnlichem Besitze in Nom selbst noch das Hcrzogthum Aric- - Chihuahua. cia in die Hände der CH. 8) Fürst Agostino, erhielt beim Aussterben des Hauses Albani, aus dem seine Mutter stammte, die Majoratsgütcr der Albani u. fügte deren Namen u. Wappen zu dem der CH.; er st. 10. Nov. 1855. 9) Fürst Don Sigismunds, geb. 24. Aug. 1798; war Ge- neralcontroleur der päpstlichen Posten u. bekleidet das Oberst-Erbamt eines Marschalls der Heiligen Römischen Kirche u. Hüters des Conclave. Sein ältester Sohn, Don Mario, Fürst von Campagnano, ist geb. 1. Nov. 1831 u. vermählt mit der Prinzessin Antoinette von Sayn-Wittgenstein- Ludwigsburg. 10) Don Flavio, Bruder des Vor., geb. zu Nom 31. Mai 1818; diente bis 1848 als Offizier in der päpstlichen Nobelgarde, trat dann in den geistlichen Stand über, wurde als Erzbischof von Mira in xartibrw Nuntius in München, dann in Paris, wo er sich als Diplomat ganz besonders bewährte; am 22. Dec. 1873 zum Cardinal-Priester ernannt, lebt er seit 1874, der Nuntiatur in Paris enthoben, als Hausprälat des Papstes in Rom. Lag". Chignolo, Name von 3 Gem. in Italien; am bedeutendsten: C. Po, Flecken im Bez. Pavia der gleichnamigen ital. Provinz, Station der Oberital. Bahn; 4858 Ew. Chignon (fr.), 1) Genick. 2) Langes Haar, nicht in einen Zopf geflochten, sondern in eine Wulst hinaufgeschlagen u. im Nacken mit einem Kamme festgesteckt; oft von falschen Haaren. Diese Haartracht war schon ebenso wie die falsche wiederholt Modesache. Vgl. Haar n. Haartracht. Chihuahua, 1) mexikanischer Bundesstaat; 216,865 Hssicm (3938 HsM) groß; grenzt nördl. mit dem Rio Grande an die Vereinigten Staaten (Neu-Mexico u. Texas), östl. an Cohahuila, südl. an Durango, westl. an Cinaloa u. Sonora und liegt größtentheils auf einer 1600 m hohen, wüsten n. vegetationslosen Hochebene, nur zum kleineren Theil am OAbhange der Sierra Madre; dieses Gebirg bildet einen großen Wall, welcher das Land von dem niedrigen Sonora trennt; die Bol- sons de Mapimi, bergige, zum größten Theil wüste u. nur von Indianern durchstreifte Striche von ungeheurer Ausdehnung, reichen von der süd- östlichen Spitze des Staates bis hinauf zur Stadt CH.; Flüsse zahlreich, die bedeutendsten: Rio Fuerte, Rio Mayo, Rio Jaqui, Rio de Conchos. der dem Rio Grande zuströmt; unter den großen Seen sind zu nennen: der Tlahualila od. Cayman im S., Patos, Candelaria, Guzman im N., sämmtlich ohne Abfluß; das Klima ist im Allgemeinen mild und gesund, doch eignet sich der Staat mehr zur Viehzucht, als zum Ackerbau. Die Erzeugnisse des Landbaues sind Mais, Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte u. alle Garten- u. Baumfrüchte der gemäßigten Zone, auch wird jetzt im S. Wein u. Baumwolle mit Erfolg angebaut; die Viehzucht bringt Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine, Ziegen, jedoch ohne große Nutzung, da der Verkehr äußerst schwierig u. Lurch die Coman- ches oft völlig verhindert wird. Die Indianer leben noch in alter Weise von der Jagd, lassen dje Frauen den Ackerbau betreiben und fertigen ans Len Fasern einer Art Alo's (Lachugnilla) Seiler- waaren; einige nur sind ansässig. Der Bergbau 732 Chilot — Chile. auf Gold, goldhaltiges Silber und Kupfer war früher berühmter, liefert aber immer noch 1H Pe- fos Ertrag, obwol viele Bergwerke eiugegaiigeu sind; Bergwerksdistricte sind: Jesus Maria, Santa Eulalia, Botapilas, Morelos u. El Parral; auch bituminöse Steinkohlen werde» gewonnen. Die 179,217 Ew. sind seßhafte Indianer, Tarahuma- res genannt, znm Theil nncivilisirte, wie die Co- mauches «.Apachen; der kleinere Theil sind Weiße. — Das Land CH., welchem bereits Francisco de Jbarra 1564 die ersten Europäer zuführte, bildete unter span. Herrschaft das Königreich Neu-Biscaya u. später die Audienz Durango. Die Hauptstadt war Durango. 2) Hauptstadt darin am gleichnamigen, zum Stromsystem des Rio Grande del Norte gehörenden Flusse; Stapelplatz für das Gold u. Silber der umliegenden Minen; Regierungsgebäude, Hanptkirche, mehrere Klöster u. Kirchen; eine Wasserleitung führt der Stadt Trinkwasser zu; 14,000 Ew. (früher angeblich 76,000); gegründet 1691; vor der Revolution Sitz des General- commandanten der inneren Provinzen. Kolpe.» Chilat (arab.), Kaftan, vom Sultan hohen Beamten bei guten Nachrichten verliehen. Chilchas, so v. w. Mniskas. Child, Lydia Maria, geb. Francis, amerikanische Philanthropin n. Schriftstellerin, geb. 11. Febr. 1802 in Medford im Staate Massachusetts. Ihre Ausbildung empfing sie unter Leitung ihres Bruders, eines hervorragenden unitarischen Geistlichen, theils in den öffentlichen Schulen, theils im Seminar ihrer Vaterstadt. Von 1825 — 28 hielt sie eine Schule in Watertown, n. im letzt- genannten Jahre heirathete sie den Advocaten David Lee Child zu Boston. Von 1841—49 gab sie niit ihrem Gatten in New-Iork, wo sie ein Mitglied der Familie des Quäker-Philanthropen Hooper war, den Hmiislaver/ Ltandard heraus. Während ihres Aufenthaltes hier schrieb sie für den Loston Lonrisr ihre zwei Serien von: Lotters krom Uorv-Hk, die später (1843 u. 1845) in 2 Bänden gesammelt veröffentlicht wurden. Seitdem ließ sie sich in Wayland in Massachusetts nieder. Ihre literarische Thätigkeit bewegt sich vorzugsweise auf pädagogischem Felde. Nachdem ihre Erstlingswerke: Ilodomok, a storz' ob tirs pil^rims (1824), u. Mrs Lobeis, or Loston bs- bors tds rsvolntion (1825), mit Beifall ausgenommen waren, schrieb sie von 1827 — 35 fast ganz allein die 8 Bde. der Jugendzeitschrift: du- venils Lliseoilanz-. Hieran schlossen sich zunächst zahlreiche Schriften zur Erziehung, Veredlung n. Ausbildung des weiblichen Geschlechtes; darunter zuerst das Kochbuch: I'bs brutal Lonssrvibs, 1829 u. ö.; Mio Lawll/iflurss, or Oomxanivn ob tirs bruj-al Iloussrvibs 1830; Mrs Llotlierz Look, 22. Ausl., 1854; ssibs 6irls ovn Look 16. Anfl., 1853; in neuerer Bearbeitung von Frau Valentine; Mrs Loronal (Sammlung verschiedener kleiner Arbeiten in Vers u. Prosa); LivAra- xbios ob Zood IVivss; Nbs distor/ ob tds condition ob rvomsir in varions a§ss and nations, 1835, 2 Bde.; Ltoriss bor HuiidsF LvoninAs, 1836 u. a. Nicht minder schrieb CH. um diese Zeit einen größeren Roman aus der Zeit des Perikles n. der Aspasia: Liuiolbea 1836. Angeregt durch den menschenfreundlichen u. frommen Quäker Hooper, fuhr sie in ihrem in New-Jork begonnenen Kampfe gegen die Sklaverei muthig fort, obgleich ihre Volksthümlichkeit dadurch sehr litt. Als der Abolitionist John Brown (s. d.) gefangen genommen wurde, bot sie sich an, ihn im Gefängnis) pflegen zu wollen, was ihr aber abgeschlagen wurde, u. als er von den Sklavenhaltern hingerichtet wurde, da nahm sich CH. mit Aufopferung dessen nachgelassener Familie an. Unter den in den letzten Jahren veröffentlichten Schriften verdienen noch Erwähnung: Isaac I. Loopsr, a, trug liks, 1853; der Roman Rosa and Llora, 1867, 2 Bde., neue Ausg., 1888; Lainborvs kor odildron, 1867, und Lonrancs ob tds Lopndiio. Ch-s bedeutendstes Werk aber ist: Mrs Lroxrsss ob roliZIons Idoas tdronZd sno- cossivs a§os, Iiew-Aork 1855, 3 Bde., neue Ansg., 1870. Bartling. Childebert, fränkische Könige (Merovinger): 1) Ch. I., 3. Sohn Chlodwigs d. Gr. u. der Chlo- tilde; erhielt 511 in der Theilung mit seinen Brüdern Neustrien u. wählte Paris zu seiner Residenz; er st. 558; s. u. Franken. 2) CH. II., ein Sohn Sigeberts u. Brunhildens, geb. 570; wurde 575 nebst seiner Mutter von Chilperich I. gefangen, aber vom Herzog Guiidobald befreit u. zum König von Australien ausgerufen; folgte auch 593 nach Guntrams Tode als König von Burgund; er st. 596. Von seinen Söhnen folgte ihm Theudebert in Australien u. Theoderich in Burgund. 3 CH. III., Sohn Theoderichs III., geb.'683; folgte 695 seinem Bruder Chlodwig III. als König von Neustrien u. Burgund; er st. 711; s. Franken. 4) CH., Sohn des Hausmaiers Gri- moald; war 656 nach Sigeberts Tode 7 Monate Usurpator des Thrones von Australien; s. Franken. Childebraitd, Pipins von Heristall Sohn u. Bruder Karl Martells; angeblich Stammvater des Capetingischen Hauses. Childerich, fränkische Könige (Mecgvinger): 1) CH. I., angeblich Sohn Merowigs, seit 458 König der Franken; ging, 459 vertrieben, nach Thüringen zu Herzog Basinus, verführte besten Gemahlin Basina u. brachte sie, 466 (463) nach Franken zurückgerusen, mit dahin, wo sie ihm den Chlodwig gebar; er regierte bis 481; s. Franken (Gesch.). Er soll die Kathedrale von Touruay gebaut haben, wo man auch 1635 sein Grab aus- gesunden haben wollte. 2) CH. II., Sohn Chlodwigs II.; wurde 660 König von Australien und 669 von ganz Franken; er wurde 673 mit seiner Gemahlin Bilihild von Badillo auf der Jagd ermordet; s. Franken (Gesch.). 3) CH. III., Sohn Chilpcrichs II.; wurde 742 König von Neustrien, Burgund u. Australien u. 752 von Pipin dem Kurzen vertrieben; s. Franken. Er ging in ein Kloster u. st. daselbst 755; er war der Letzte der Merovinger. Chile (Geogr.), Republik in SAmerika aus dessen Westküste.; grenzt imW. an den Stillen Ocean, im N. an Bvlivia, im O. mit den Cordilleren an die Argentinische Conföderation n. an Patagonien, im S. an letzteres u. den Golf von Chiloe. Größe und Bevölkerung verhallen sich nach Behm und Wagner folgendermaßen: 73o Provinzen: Atacama Coquimbo Aconcagua Valparaiso Santiago Colchagua Curico Talca Maule *) Nuble Concepcion Arauco Baldivia Llanqnihne Thilos Colonie Magel- lanes Jnan-Fernandez- Jnseln 99 2 15 326,433 5,929 1,972,453 ö" Dazu noch 70,382 unabhängige Araucaner. (Nach der offic. Berechnung von 1865 6237,§ UM u. nach officiöser Berechnung 1872 2,003,346 Ew.) CH. erstreckt sich als ein schmaler Küstenstrich von 24° 15' bis 43° 30' s. Br.; nach Art. 1 der Verfassung jedoch reicht das Gebiet der Republik von der Wüste Atacama bis zum Cap Hoorn (55° 58' s. Br.) n. von den Cordilleras de los Andes bis zum Stillen Ocean, mit Einschluß des Archipels von Thilos, aller benachbarten Inseln und der von Juan Fernande;. Die Gebirge von CH. sind: die hohe Kette der Andes im O. u. die niedrige Küstenkette (Cordillera de la Costa) im W.; das dazwischen liegende Land erscheint als ein großes Longitndinal-Thal, in dessen Mitte sichdie Cordillera del Medio hindnrchzieht. Höchste Spitzen: Tnpun- gato 6527 na, Aconcagua 6590 nr, Cerro del Mer- cedario 6798 m, Maypu 5384 in. Unter ihnen sind der Tnpungato und Maypn erloschene Vulkane, wie denn überhaupt CH. nächst Mittel-Amerika die größte Zahl von Vulcanen zeigt: 17 theils thätige, theils erloschene werden ansgezählt, und unter Len ersteren der von Antnco, Villarica, Cor- vocado n. Chillan; vgl. Cordilleren. Bis in die letzte Zeit blieb das Land von vulkanischen Erscheinungen und immer sich wiederholenden Erdbeben, theilweise von furchtbarer Wirkung, nicht verschont. Damit in Zusammenhang steht die Erhebung der ganzen Küstenstrecke Ch-s, zuerst 1822 bei Valparaiso um beinahe 2 m, der aber, nach den Mnschellagcrn zu schließen, schon bedeutende Erhebungen vorhergegangen sind. Von den 15 Paffen der chilenischen Anden ist keiner niedriger als2200 in. Die Flüsse des Landes fließen alle der Slidsee zu, doch ist der Norden fast ganz ohne Düsse, während der Süden reich bewässert ist; die größten sind: Biobio (der bedeutendste von allen, auch für große Schiffe fahrbar, aber mit seichter Mündung), Maule, Valdivia, Copiapo, Aconcagua, Maypu, Coquimbo, Hnasco; Seen gibt es nicht sehr große u. nur wenige: Villarica, '> Bon der Provinz Maule ist durch Gesetz vom t t. Der. I87Z die Provinz Lmares abgezweigt worden; ihre Größe u. Bevöllernng find jedoch noch nicht dekannl. Llanguihns, Ranco u. m. a.; Baien n. Häfen: Valparaiso, Talcahnano, Coquimbo, Hnasco, Caldera, Constitncion, Valdivia, Ancud; Mineral quellen sind sehr zahlreich: die bedeutendsten zu Coliina, Chillan, Dona Ana, Soco. Inseln zu CH. gehörig: Chilos mit dem Chonos» n. derInan- Fernandez-Archipel. Das Klima ist bei der großen Ausdehnung u. der ungleichen Beschaffenheit des Landes sehr verschieden; die Küste ist heiß, Schnee fällt niemals; die westliche Abdachung der Cordilleren ist gemäßigt, auch dort Schnee n. Eis nur selten; die Cordilleren n. Anden haben ewigen Schnee u. Eis; zwischen N. n. S. bildet der Mauleflnß die klimat. Scheide; der Winter (Regen zeit) dauert vom Mai bis November, im S. des Maule sind die Regen häufiger, als im N. (die stärksten Regen von Mitte Juni bis August); Gewitter n. Stürme selten; Sommer (November bis Mai) trocken, die Hitze durch die See- n. Ge- birgswinde gemildert, Himmel wolkenlos; im Alle gemeinen ist das Klima gesund (das gesnndcst- in ganz SAmerika). Der Boden ist verschieden: im N. die große Sandwüste von Atacama, die Abdachung des Gebirges felsig und fast ohne alles Pflanzenleben; fruchtbarer dann von 27" s. Br. an, entfaltet er jenseits des 32° die üppigste Vegetation, namentlich an den Ufern der Flüsse. Producte: Gold (vorzugsweise in den Provinzen Atacama u. Coquimbo, 1871 4^Mill. Doll.), Silber (1871 fast ll Mill. Doll.), Kupfer,. Quecksilber, Zinn, Blei, Zink, Antimon, Schwefel, Steinkohlen, Porzellanerde, Salz, Salpeter, viele Edelsteine, Kohlen (monatl. ^ Mill. Centn.); Getreide- n. Obstarten (CH. ist das reichste .Kornland Südamerikas), Baumwolle, Kaffe, Kartoffeln, Manioc, Tabak, Indigo, Chinarinde, Sarsaparille, Jalappe u. a. Arzneivflanzen, Datteln, Kastanien, Lorbeeren, Wein, große Waldungen, Gemüse; Schafe (Vicnna, mit sehr guter Wolle), Rindvieh, Pferde, Lama, Gnanaco, Esel, Ziegen, Schweine u. a. Hausthiere (namentlich von der europäischen Bevölkerung mit hierher gebracht u. gepflegt); viersilbige Raubthiere sind selten, der Puma (chilenischer Löwe) ist ziemlich furchtsam und fällt höchstens Schafheerden an; Adler, Condor, Flamingo, Reiher, Falken, Eulen, Enten u. Tauben; giftige Amphibien u. Jnsectcn sehr selten; Fische n. Fischottern zahlreich. Die Ureinwohner gehören zu deni Stamme der Nraucanos (s. d.), welche wieder in zahlreiche Unterstämme zerfallen, von denen die BoroanoS, Huilli-chc, Pehuen-che die bedeutendsten find. Sie sind größtentheils noch unabhängig n. nncivilisirt; ihre Anzahl beträgt 70,382. Der größte Theil der Bevölkerung besteht jedoch ans Creolen span. Abstammung u. Mischlingen. Bei der Zählung von 1865 betrug die Zahl der eingewanderten Europäer 23,220, worunter 3876 Deutsche (besond. in der Gegend von Valdivia), 3092 Engländer, 2483 Franzosen rc. (Nordamerikaner nur 831.) Eingetheilt ist CH. in 16 Provinzen, welche sich in der Eingangs aufgeführten Ordnung von N. nach S. folgen, u. wozu noch die Colonie Magellanes an der Magel- Haens-Straße, sowie die Jnan-Fernandez- u. die unbewohnten St.-Ambrose- u. St.-Felix-Jnseln kommen. Die Provinzen sind in Departements Chile (Gcogr. u. Statist.). auf ! ikm UM Emwobiier. is stliill 98,244 1,784 83,343 1 34,523 627 159,698 5 15,379 279 134,178 9 4,321 78 144,954 34 20,124 365 374,078 19 9,989 181 153,096 15 : 7,631 139 100,200 13 9,311 169 107,412 12 16,539 300 211,567 13 9,495 172 125,819 13 9,295 169 155,382 17 35,930 653 87,677 2 27,752 504 27,980 1 21,585 392 43,342 2 6,216 113 62,983 10 ? ? 729 734 Chile (Gevgr. u. Statist.). abgetheilt. Hauptstadt des Landes, Sitz der Regierung u. des Congresses rc. ist Santiago de Chile. Verfassung u. Verwaltung: CH. ist nach der am 25. u. 27. Mai 1833 beschworenen Constitution eine unabhängige Republik; alle Souveränen ruht im Volke; die Verfassung ist repräsentativ. Die Presse ist frei; persönliche Freiheit u. Eigenthum gewährleistet; Briefgeheimniß unverletzlich ; polizeiliche Ueberwachung findet nicht statt. An der Spitze der vollziehenden Gewalt steht ein Präsident, vom Volke auf 5 Jahre gewählt, zum zweiten Mal auf fernere 5 Jahre wieder wählbar; ihm zur Seite steht das von ihm ernannte Staats- ministerinm: Inneres u. Äußeres (Staatssekretär, zugleich Vice-Präsident), Justiz, Cultus u. öffentlicher Unterricht, Finanzen, Krieg u. Marine; sowie ein Staatsrath, bestehend aus den Ministern, zwei höheren Gerichtsbeamten, einem Bischof, einem General oder Admiral, einem Steuer-Chef, zwei Ex-Ministern u. zwei Ex-Jntendanten; an der Spitze der Verwaltung jeder einzelnen Provinz steht ein vom Präsidenten ernannter Intendant, ein Oberbefehlshabern. Steuerchef. Die gesetzgebende Gewalt übt ein Congreß (OonArsso naoionai) aus, bestehend ans dem Senat von 20 aus 9 Jahre gewählten Mitgliedern u. der Deputirten- kammer (1 auf je 20,000 Ew. mit 3jähriger Amts- Lauer). Zur Wählbarkeit für den Senat sind 36 Jahre u. 2000 Pesos jährliche Einkünfte, für die Deputirtenkammer 21 Jahre (wenn verheirathet), oder 25 Jahre (wenn unverheirathet) u. 500 Pesos jährliche Einkünfte erforderlich; die Wahl zum Senat ist indirect, zur Deputirtenkammer direct. Diäten erhalten nur die nicht in Santiago wohnhaften Congreßmitglieder (kaum die Hälfte); Budget n. das Recht, Krieg u. Frieden, sowie Staats- u. Handelsverträge zu schließen, gehört zur Compe- tenz des Congresses. Die Sitzungen währenjedes Jahr vom 1. Juni bis 31. August; die übrigen 9 Monate überwacht ein Ausschuß von 7 Senatoren (Lommisoion eonssrvackors.) die Verfassung. Die richterliche Gewalt wird durch 22 Magi- straturas geübt; sie sind verantwortlich und nur kraft richterlichen Erkenntnisses absetzbar. Oberappellationsgericht zu Santiago; Appellaiionsgerichte zu Serena u. Concepcion; unterste Instanz in Städten die Cabildos, in Dörfern die Alcalden; bei Preßvergehen werden Geschworene zugezogen. Finanzen: nach dem Budget für 1874: Einnahme: 14,260,310 Pesos (ä 5 Fcs. — 4 Ll), zur Hülste von den Zöllen; Ausgaben 16,009,183 Pesos. Die Staatsschuld belief sich Ende 1872 auf 53,897,022 Pesos. Bewaffnete Macht: a) Linientruppen: etwa 3216 Mann, mit 9 Generalen u. 10 Obersten, b) Nationalgarde (Infanterie, Cavalerie u. Artillerie) 35,092 M.; außerdem ist beim Ausbruch der Feindseligkeiten gegen auswärtige Mächte jeder Chilene zum Kriegsdienste verpflichtet, ausgenommen Geistliche n. Richter. Die Seemacht zählte 1874 14 Schiffe mit 120 Geschützen. Nationalflagge: zwei gleich große horizontale Streifen, der obere halb getheilt, an der Seite des Flaggenstockes blau mit weißem Stern, außen weiß, der untere roth. Wappen: «in quergetheilter Schild, oben blau, unten roth, mit einem fünfeckigen silbernen Stern in der Mitte, gehalten von einem gekrönten Condoru. einem gekrön- tenHuamn(6srvrisebiisllsis). Religion: Staatsreligion ist die römisch-katholische unter einem Erzbi- schofzuSantiago u.Bischöfenzu Serena, Concepcion u. Ancud (San Carlos); die niedere Geistlichkeit ist wenigzahlreich; von geistlichen Orden finden sich na- mentlich Augustiner, Franciscaner u. Dominicanern, deren Klöster. Alle anderen Culte haben seitdem am 27. Juni 1865 angenommenen Toleranzge- setze frei Religionsausübung, und die Errichtung von Schulen ist auch den Nicht-Katholiken gestattet. Für Schul- u. höheren wissenschaftlichen Unterricht bestehen zu Santiago eine Universität (die alte Universität San Felipe, 1842 reorgani- sirt, zugleich oberste Aufsichtsbehörde des gesamm- ten Unterrichtswesen der Republik; an derselben lehrten 1857 allein 5 deutsche Professoren, wie überhaupt das deutsche wissenschaftliche Element in CH. von großem Einfluß ist), ein Nationalinstitut (Lyceum), zwei Kollegien oder Seminarien, Militärakademie, Bergbauakademie, Handelsakademie, Zeichnen- und Malerakademie, Ackerbauschule, ferner Normalschulen und Kollegien in allen Provinzialhauptstädten, sowie zahlreiche Elementarschulen im ganzen Staate; Sternwarte (1849 gegründet), öffentliche Bibliothek, naturhistorische Sammlungen rc.; die herrschende Spracht ist die spanische. Sociale Zustände: die gesummte weiße Bevölkerung zerfällt fast nur in i Stände: Reiche (namentlich große Grundeigen- thümer) n. Arme; eine wohlhabende eigentliche Mittelklaffe fehlt fast gänzlich. Die Chilenen sind kräftig u. gut gebaut, von mittlerer Größe u. ziemlich gebräunt, die Frauen schlank und leidenschaftlich; die Kleidung größtentheils europäisch, doch fehlt der indianische Mantel (Poncho) selten. Die Frauen verstehen es, mit vielem Geschmack indianische n. europäische Moden zu verschmelzen. Die Sicken sind einfach; Gastfreundschaft u. Zuvorkommenheit sind Hauptcharakterzüge; Musik n. Poesie sind geliebt; Rohheiten, Schlägereien, Trunksucht, Diebstahl, Mord u. Brandstiftungen sind höchst seltene Ausnahmen; Thüren und Fenster werden selten verschlossen. Den Kindern wird von frühester Jugend an viel freier Wille gelaffen; ebenso einfach wie die Sitten ist die Kost, doch liebt man starke Gewürze, namentlich den spanischen Pfeffer. Ackerbau wird bei der üppigen Bodenbeschaffenheit u. wegen des reichen Ernteertrages seit den letzten Jahren immer stärker betrieben, so daß die Ausfuhr der landwirthschaftlichen Produkte die des Bergbaues schon übertrifft. Am meisten wird gebaut Weizen, dann Mais u. Gerste, Kartoffeln, Bohnen (ein Hanptnahrnngsmittel) u. Kohl; der Weinbau steht verhältnißmäßig noch auf niederer Stufe, obwol die Trauben aufs Üppigste gedeihen; ein bedeutender Fortschritt macht sich in neuester Zeit aber auch hier bemerklich. Vieh- (sowol Rindvieh- u. Schaf-, als Pferde-) Zucht großartig; einzelne große Grnndeigenthümer besitzen bis zu 12.000 Stück: im Ganzen sind über H Mill. Stiick ^ Rindvieh, über 1 Mill. Schafe und Ziegen, fast i 200.000 Pferde gezählt. Die Industrie ist kaum vertreten, selbst an den nothwendigsten Handwerkern ist großer Mangel; fast alle Bedürfnisse werden aus den Bereinigten Staaten u. Europa bezogen. 735 Chile (Geogr, Der Handel ist von großer Bedeutung und in mächtigem Aufschwünge begriffen; er hat sich in den letzten IS Jahren verdoppelt. Während im Jahre 1862 die Einfuhr 17,227,000 u. die Ausfuhr 21,994,000 Dollars betrug, waren diese Ziffern im Jahre 1873 auf 37,928,427, bezw. 38,810,271 Doll, gestiegen, abgesehen von einer Durchfuhr von 4,590,886 Doll. Bon den einzelnen Landern waren hauptsächlich betheiligt: Einfuhr Ausfuhr in MM. Doll. England 18 ,. IS,4 Peru 2,2 7 .» Frankreich 6,7 1,2 Bolivia 0,2 5 ,g Deutschland 4,2 0.5 Ver. Staaten 2,1 1,9 Argentina 1,1 0,1 Brasilien 0,8 0,2 Belgien 0,8 0,1 Rancho 0,0 1,5 Die Durchfuhr vertheilte sich hauptsächlich auf Peru u. Bolivia. Der Küstenhandel stellte einen Werth von 41,688,955 Doll. dar. Unter den einge- flihrten Maaren zum Consum figuriren Banm- wollenwaaren mit 4,, raff. Zucker mit 2,«, Wollen- maaren mit 2,„, gemahlener Zucker mit l,i, Steinkohlen mit 1, Maschinen mit 1, Rindvieh mit 0,. Will. Doll. n. s. w. Bei der Ausfuhr sind her- ! vorzuheben: Kupfer für 11,., Weizen für 5,., ! Silber für 3,., Mehl für 2,», Gerste für 1,.Mill. l Doll. u. s. w. Die Zölle betrugen 8,145,353 Doll, f Für den Einfnhrhandel bestehen 13 Häfen, von f denen Valparaiso, Constitucion, Coqnimbo, Talca- s ! huano, Caldera, Tome, Coronel u. Chanaral die i wichtigsten. Valparaiso behauptet davon entschieden das Übergewicht. Es liefen im Ganzen 11,797 Schiffe mit 8,078,915 Tonnen Gehalt ein u. aus, ! davon 5224 von englischer, 2573 von chilenischer , Flagge und 4000 verschiedener Länder. In der f Rhederei ist seit 10 Jahren eine bedeutende Min- i derung eingetreten (von 259 auf 78 Schiffe), j hauptsächlich wegen der Dampfschifffahrtsgesellschaf- j! ten, deren 6 mit 83 Dampfern bestehen, darunter > i die ?LeiLo-8tsLm-blariAab1on-6ompan^ allein - mit 56. Diese Gesellschaften machten 648 Reisen, t davon 124 nach Europa. Eisenbahnen waren in i Betrieb 991 km, davon 628 km Staats- u. 363 km Privatbahnen, außerdem im Ban 308 km. Die verschiedenen Linien sind: Santiago-Valparaiso 184 km, nebst einer 44 km langen Zweigbahn, Santiago-Enrico 185 km, Caldera-San- Antonio 150 km, Ovalle-Tongoi 68 km, Talca- hnano-Chillan 185 km, Coquimbo-Las-Cardas 62 ^ km, Carrizal-Alto-Carrizal 40 km u. San-Fer- nando-La-Palmilla 30 km. Zahlreiche Saumpfade, ? i- Th. mit Schutzhäusern versehen, führen über die « Anden; schiffbare Flnßstrecken 1536 km. Telegra- ; Phenlinien 4784km; eine submarine Kabel-Verbind- ^ ung mit Peru wurde im Sept. 1875 sertiggestellt; dieselbe endet bei La Caldera, von wo eine Uber- landsverbindung mit Buenos-Ayres und Rio de ! Janeiro besteht. Postverkehr (1872): 4,807,889 Briefe und 5,614,858 Zeitungen rc. Die Ein- ! Wanderung wird von Seiten der Regierung i fkhr begünstigt, u. das Einwandernngsgesetz vom 7 u. Statist.). 18. November 1845 bietet den Einwanderern nach den südlichen Provinzen wesentliche Bonheile, doch verlangt dieselbe Aneignung der spanischen Sprache. Deutsche finden sich namentlich in Valparaiso, Santiago u. Valdivia n. sind sehr beliebt. Sie haben, wie dies meist in den durch romanische Volksstämme colonisirten u. bevölkerten Ländern der Fall ist, Sprache u. Nationalität treuer bewahrt, als in den von England aus angelegten Colonien oder den Staaten, die vorwiegend mit Abkömmlingen der Engländer bevölkert sind. Unter allen südamerikanischen Staaten erfreut sich CH. des besten Gedeihens, des blühendsten Wohlstandes. Münzen, Maße n. Gewichte: Man rechnet nach Pesos, 1 Peso ä 100 Centavos — 4 Mark, geprägt werden auch Stücke von 50, 20, 10 u. 5 Centavos. In Gold prägt man Condores (37 Mark 80 Pfg.), Sobtones oder halbe Condores, Escudos oder Viertel-Condores u. Pesos. Maße u. Gewichte sind gesetzlich die französischen Decimalen, doch wird häufig noch nach den spanisch-castilischen gerechnet. Die Fanega nahe 97 1, eine Gallone 4H I. Eine Fanega Weizen wiegt 155 Pfd. Ein Qnintal zu 100 Pfd. 46 kA, eine Arroba — H Qnintal, die chilenische Vara — 3 chilenische Fuß, u. der Fuß — 279 mm. l50Varas bilden eine Cuadra — 125,4 m; 36 Cuadras sind eine Legua zu 4513 m. Vgl. Gay, Historia tisioa )' poll- tioa äs 6b., Par. 1844—49, Perez-Rosales: Lssal snr 1s 6b11s, Hamb. 1857; Menendez : Llannal äs dsvAraüg, z- sstaäistisa, äs 6bi1«, Par. 1869; Philippi, Nachrichten über Valdivia, Kassel 1851; Mackenna: Iw 6b111 oonsiäsrs sons 1s rapporb äs son sArlsnIturs et äs 1'sml- g;rat1on sniopssnns, Par. 1855; Anales äs la nmvsrsläaä äs 6b., Santiago 1843 f.; Tnnarlo sstaälstieo äs In Rspnblisa äs 6bi1s, Santiago u. Chile, 1860—63. Geschichte. In den ältesten Zeiten wurde CH. von einem Volke bewohnt, welches ans mehreren Stämmen bestand, die eine gemeinsame Sprache redeten, Ackerbau trieben u. Metallarbeiten fertigten. Der nördliche Theil jener Stämme wurde schon vor dem 16. Jahrh. von den Peruanern unterjocht. 1535 machten die Spanier unter Diego Almagro den Versuch, sich des goldreichen Landes zu bemächtigen, sie wurden aber zurückgeschlagen, u. erst 1540 gelang es Pedro de Valdivia, festen Fuß zu fassen u. 1541 die Stadt Santiago zu gründen. Nach u. nach wurden die Völkerstämme in Nord-Ch. bezwungen, od. wandelten aus, wogegen sich im 16. Jahrh. besonders Galicier u. mit ihnen Jesuiten in CH. niederließen. Nie gelang es indeß, die Araucos, welche Slld-Ch. besitzen, zu unterwerfen, und im letzten Frieden von 1775 mußten die Spanier die Selbständigkeit dieses Volkes anerkennen. Auch Nord- Ch. genoß seit der spanischen Besitznahme wenig Ruhe; seine Küsten wurden, besonders im 16. u. 17. Jahrh., häufig von englischen u. holländischen ^ Freibeutern (s. Flibustier) beunruhigt, u. innere Unfälle vermsachten, daß die Colonie in der Entwickelung der materiellen Hilfsquellen des Landes 1 zurückblieb; erst 1742 konnte man das Land in ä Provinzen, die Colonisten in Ortschaften Verthei- 736 Chile (Gesch.). len u. so eine gedeihliche Organisation herbeifüh- ren. Das Land war eine Gcneralcapitanie. Als die Franzosen sich Spaniens bemächtigten, entstanden auch in CH. Unruhen; am 18. Juli 1810 wurde der Generalcapitän Carrasco in Santiago ab- u. an seine Stelle der Marquis de la Plata als Präsident einer Rcgiernngsjnnta eingesetzt, welche Oberst Figueras Anfang April 1811 vergebens zu stürzen suchte; de Rosas, der Führer der Patrioten, scheiterte bei seinem Unternehmen, sich die Dictatnr zu verschaffen. Im Sept. 1811 trat der erste Congreß zusammen. Der Ehrgeiz der Brüder Carrera (s. d.) veranlaßte bald darauf einen Bürgerkrieg, infolge dessen die Spanier wieder die Oberhand bekamen. Erst durch General S. Martin, der von Buenos-Ayres 1814 einrückte, gelang es den Chilenen, 1820 das Land bis ans Chilod der spanischen Gewalt zu entreißen, nachdem schon 12. Jan. 1818 die Unabhängigkeits- erklärnng erfolgt war. Die Insel ChiloL wurde erst 1825 durch General Freyre den Spaniern entrissen. In den nächsten Jahren bekämpften sich die beiden Parteien der Unitarier, welche einen einheitlichen Staat, n. der Föderalisten, welche eine Bundesrepublik wollten, n. gelangten abwechselnd zum Siege. Der erste Oberdirector von CH., der Irländer O'Higgins, wurde wegen willkürlicher Regierung 1823 abgesetzt u. an seine Stelle General Freyre gesetzt. Diesem folgte 1825 als Präsident der Admiral Blanco u. diesem 1827 General Prieto. Nachdem Freyre noch einmal der Gewalt sich zu bemächtigen gesucht, wurde er 17. April 1830 auf der Ebene von Lircay durch General Prieto geschlagen u. dieser 5. April 1831 als Präsident eingesetzt. Er eröffnete 1. Juni 1831 einen neuen Congreß, stellte die Ordnung her, setzte sich mit Frankreich in Verbindung, ließ seit 1833 auch spanische Schiffe in den chilenischen Häfen zu, hob mit Hilfe des Ministers u. Vice» Präsidenten Partales Len Handel, verringerte die Staatsschuld u. errichtete eine Miliz, mit welcher er wiederholte Militäraufstände unterdrückte. Der Geistlichkeit gewährte er großen Einfluß. Sein geschlagener Gegner General Freyre reizte indessen in Peru den Protector dieses Staates, Santa Cruz, gegen CH. auf. Um ihn versam, melten sich Unzufriedene von der in CH. unterdrückten Militärpartei, u. im Juni 1836 segelte Freyre mit 2 peruanischen Schiffen zu einer Expedition gegen CH. ab. Es entspann sich ein Krieg zwischen Peru u. CH., in welchem die Chilenen siegten u. die Küste von Peru besetzt hielten, bis 1839 Santa Cruz aus Peru vertrieben ward. Seit der Beendigung des Krieges mit Peru (1839) suchte der Präsident Prieto den Wohlstand des Landes durch einen geordneten Staatshaushalt zu heben. Auf diesem Wege folgte ihm auch der 1841 erwählte Präsident, General Manuel Bulnes, indem er mit Mäßigung den Weg der Reform einschlug. 25. April 1844 wurde ein Vertrag zwischen CH. u. Spanien geschlossen, welchem Spanien CH. als unabhängig anerkannte. Während der innere u. äußere Friede den nationalen Wohlstand hob, wurde die Stellung der beiden Hanptparteien des Landes eine immer schroffere, u. die Radikalen traten der herrschenden conservativ-demokratischen (zwischen beiden stände» die sogen. Progressisten) Partei in drohender Weist gegenüber. Im März 1846 brachen Aufstände der Radicalen in Santiago aus, die aber erfolglos blieben, und Bnlnes wurde in seinem Amte für eine zweite Periode bestätigt. Bei der 25. Just 1851 erfolgten Neuwahl des Präsidenten der Re- publik wurde der bisher einflußreichste Minister Manuel Montt gewählt. Er behielt die Minister seines Vorgängers bei, welchem selbst er den Ober- befehl über die bewaffnete Macht der Republik übergab. Eine Empörung der Radicalen, die unter Leitung des Generals de la Cruz 7. Sept. ausbrach u. ein Vierteljahr lang Widerstand leistete, wurde von Bulnes besiegt, so daß zu Anfang des Jahres 1852 in CH. vollkommene Ruhe herrschte. Die 10jährige Verwaltung des Präsidenten Bulnes hatte gute Früchte getragen. Der dem Congreß vorgelegte Verwaltnngsbericht wies einen Einnahmeüberschuß nach. Die Tilgung u. Verzinsung der Staatsschulden hatten ihren regelmäßigen Verlauf. Der Handel war in fortwährendem Steigen begriffen. Durch Übereinkunft mit mehreren europäischen Staaten, der NAme- rikanischen Union u. Brasilien wurden gegenseitig die Differentialzölle aufgehoben und durch Gesetz vom 8. Mai 1851 ein neuer Zolltarif und neue Zollgesetze eingeführt, welche der Handelsfreiheit große Zugeständnisse machten, ohne die Staatseinnahmen zu verringern. Wie alle südammka- nischen Regierungen, strebte auch CH., Einwanderer ins Land zu ziehen, besonders in die Provinzen Valdivia u. Chilo'e, u. Private u. Auswan- derungsvereine in Deutschland erwarben zu diesem Zwecke dort Ländereien. I.Jan. 1852 wurde die erste chilenische Eisenbahn zwischen dem Hafen Caldera u. Copiapo dem Betriebe übergeben, u. bald folgten weitere Strecken. Eine Gesellschaft errichtete einen elektrischen Telegraphen zwischen Valparaiso u. Santiago. Auch Montt wurde infolge des in CH. zur Geltung gekommenen con- servativen Systems 30. Aug. 1856 zum zweiten Mal zum Präsidenten der Republik gewählt; er änderte bei dieser Gelegenheit das Ministerium. Unter seiner Verwaltung erhielt CH. ein Civil- gesetzbnch, Handelsgerichte, eine Disconto- u. Depositenbank in Valparaiso, eine Hypothekenvorschußkasse, die mit dem Neujahr 1856 ins Leben trat, ein Gesetz über Umwandelung des Zehnten in eine Grundrente für Kirche u. Schule, ein Ge- meindeverwaltungsgesetz. Ein vom Senat aus- gegangener Gesetzentwurf, wonach die früher verwiesenen Jesuiten in CH. wieder zugelassen wer- den sollten, wurde von der Zweiten Kammer (18S1j abgelehnt. Während der Besitzergreifung Nicaraguas durch Walker ergriff Montt mit Eifer den Gedanken eines völkerrechtlichen Bundes der slid« u. centralamerikanischen Staaten zum Schutz n. Trutz bei Angriffen auf ihre Selbständigkeit nach Art des Deutschen Bundes. Im Sept. 1856 kamen Bevollmächtigte Ch-s, Ecuadors u. Perus in Sam tiago zusammen u. Unterzeichneten einen Völker rechtlichen Bundesvertrag, wonach ein Bundestag, aus Gesandten der einzelnen Staaten bestehend, znsammentreten sollte, um den Zweck des Vertrage: zu erfüllen; Costa-Rica trat sofort bei. Im Äa: r 737 Chiler Baschi 1859 brach ein Aufstand unter Gallo aus, doch unterdrückten denselben d.e Regierungstruppen unter General Vidanrri Leal durch den Sieg bei Serena (29. April). 1861 folgte aus Montt als Präsident Jos. Joaq. Perez, unter welchem wieder Grenzstreitigkeiten mit Bolivia ausbrachen. 1866 wurde Perez wieder zum Präsidenten gewählt. Als jedoch im I. 1864 infolge der Besitzergreifung der Chinchas-Jnseln durch eine spanische Flotte in CH. lebhaftes Interesse für Bildung einer Union ^msrionnn, sich regte, gerieth CH. mit Spanien in Mißhelligkeiten, u. der spanische Admiral Pareja forderte durch eine Note vom 17. Sept. 1865 befriedigende Erklärungen und überdies eine Ehrensalve von 21 Kanonenschüssen für die spanische Flagge von Seiten der chilenischen Marine. Zrwückgewiesen, blMrie Pareja die chilenischen Häsen. Aber im Jan. 1365 schloß CH. mit Peru, Ecuador u. Bolivia einen Allianzvertrag, das peruanische Geschwader ver- einigte sich mit dem chilenischen, u. beide hatten das Glück, 7. Febr. 1866 2 große spanische Fregatten zurückzujagen. Vergeblich suchte Kil- patnck, der nordamerikanische Geschäftsträger, zu vermitteln. Da jedoch die chilenisch-peruanische Flotte sich unerreichbar vor der spanischen zurückzog, ließ der spanische Admiral Nunez trotz der Protestation der fremden Consuln die offene Handelsstadt Valparaiso 31. März 1366 bombardiren. 14. April hoben jedoch die Spanier die Blokade aus u. verließen bald darauf die WKüste, u. seitdem ist der Krieg zwischen Spanien u. Chile mit seinen Verbündeten faclisch, wenn auch ohne Frie- densschluß, beendigt. Nach dem Abzüge der spanischen Flotte haben Handel u. Finanzen des Landes sich rasch wieder zu erholen angefangen, und insbesondere hat Valparaiso sich seitdem gehoben. Ein unbedeutenderer Krieg als der mit Spanien entbrannte 1868 mit den wilden Araucancrn, welche einen französischen Abenteurer, de Tonnens, als König Aurelius Anton I. an ihre Spitze gestellt hatten u. unter ihrem Häuptling Quilapan das chilenische Gebiet verwüsteten. Einen Frieden vereitelte der angebliche König im Febr. 1870; doch hatte er weiter keine Erfolge. Vgl. Araucanos, Dem 1866 bestätigten Präsidenten. Perez folgte 15. Sept. 1871 Feüerigo Errazuriz. Mit Argentinien hat CH. sert lauge Grenzstreitigkeitcn wegen Patagonien, die im Herbste 1875 noch fortdauerten. Bgl. Moliua, Geschichte der Eroberung von CH., deutsch, Lpz. 1786; Gay, Historia cks 6b., 1844 dis 61, 18Bde.; Eyzaquirre, Listoirs soolssiasti- gns, polib. st litbor. än 6bill, übers, von L. Poillon, Lille 1855; Ooftsooion äs lristoriaäorev ös Ob. äosnmsntos ralativos n 1a bistvria naoional, Santiago 1861—65, 6 Bde. Kolpe." Handel u. Berlehr: Schroot. Chiler Baschi, Oberschenk am Hofe des ^ Sultans. Chiliade (v. gr. eil Hills), die Zahl 1000, Ab- ! lheilnng von tausend. ! Chiliarchos (gr.), 1) Anführer einer Chiliar- chie, welche aus 1024 Mann bestand. 2) Bei den Makedoniern, nach persischem Muster, der Erste nach dem König, welcher demselben Alles dortrug, eine Art Staatskanzler. PiererS Universal-Tonversations-Lexikon. 6. Aufl. Chiliasmus (v. Gr.), die Erwartung eines 1000jährigen Reiches ungestörter Wonne u. Herrlichkeil auf Erden, unter der Negierung des Messias, an welchem die vom Tode auferweckten Frommen theilhaben würden. Diejenigen, welche solchen Glauben hegen, heißen Chiliasten od. auch Apokalyptiker, da sie besonders prophetische Enthüllungen darüber in der Offenbarung Johannis (Apokalypse) zu finden glauben. Der jüdische, ans Weissagungen des A. T., Apokryphen u. rab- binische Sagen gestützte, in seiner Ausmalung dieser Herrlichkeit grobsinnliche CH. erwartete dieses Reich nach der Ankunft des Messias (s. d.), der christliche CH. bei der Wiederkunft Christi nach der Auferstehung der Todten. Daß dieses Reich 1000 Jahre dauern sollte, behaupteten christliche Lehrer, weil, wenn nach Psalm 90, 4, ein Tag Gottes 1000 Jahre ausmache u. daher in den 6 Schöpfungstagen 6 Jahrtausende irdischer Mühseligkeit vorbedeutet wären, der 7. Ruhetag das Vorbild eines Jahrtausends vollkommener Freiheit von allen Übeln sein müsse. Der CH., verwandt den Dichtungen der Heiden von einer goldenen Zeit, die er aus der Vergangenheit in die Zukunft übertrug, u. mit den messiauischcn Hoffnungen aus dem Judenthnm in das Christenthnm übergegangen, konnte als Frucht des Glaubens an den Sieg des Guten über das Böse wol unter den Christen beliebt werden, Schriften, wie die Apokalypse u. mehrere Apokryphen des N. T., erzeugen u. auch in manchen Verheißungen Jesu Nahrung finden, aber wegen seiner Befangenheit im Äußeren u. Sinnlichen weder durch den Geist der Lehre Jesu, noch durch die alte Kirchenlehre Bestätigung erhalten. Er war daher zwar wegen der Drangsale in den ersten 3 Jahrhunderten, wo nur Gnostiker n. Alexandrinische Lehrer, z. B. Origenes, ihm widersprachen, gemeiner Glaube der Kirchenlehrer, wie des Papias, Justinus Mar- tyr, Jrenäns, Tertullianns, u. der ganzen Christenheit, aber nach ihrem Triumph über griechisches u. römisches Heidenthum, eine den Fanatikern u. Juden überlaffene, ja von den größten Kirchenlehrern, z. B. Augustinus u. Hieronymus, verworfene Privatmeinnng. Der letzte bedeutende Chiliast war Lactantius. Desto fester hielten die Juden an diesen Hoffnungen, die von deren Rabbinern bis ins 11. Jahrh. mit abenteuerlichen Einfällen bereichert u. sortgebildet wurden. Der CH. wurde im I. 1000, wegen Erwartung des Jüngsten Tages, und während der Kreuzzllge auf kurze Zeit auch in der Christenheit wieder angeregt; er erfüllte namentlich beim Herannahen des Jahres 1000 die ganze Christenheit mit Furcht wegen des Weltunterganges und rief insbesondere tolle Umherzüge der Flagellanten hervor; gewann dann aber erst im Jahrhundert der Reformation, beson ders durch die Wiedertäufer, wieder stärkeren Einfluß, indem diese die Herrlichkeit des 1000jährigen Reiches durch den Umsturz aller bestehenden Ordnung gleich selbst zu verwirklichen meinten; außerdem durch die Theosophen aus der Schule des Theophrastus Paracelsus, durch phantastische Exe- geten, wie Cvl. Curio, Johann Erasmo u. Martu Borrhäus, und durch Schwärmer, wie Valentin Weigel. Im 17. Jahrhundert war der CH. unter IV. Band. 47 738 Chilidromi - den vom Papstthum getrennten kleineren Serien herrschend und selbst vielen Protestanten während der Religionsbedruckungen des 16. u. 17. Jahrhundert tröstlich, übrigens nur von einzelnen protestantischen Theosophen und Schwärmern, befangenen Schriftanslegern u. katholischen Quietisten u. Mystikern ernstlich vertheidigt. Als Chiliasten sind besonders zu nennen: P. Felgenhauer, I. Böhme, A. Comenius, R. Maton, Pordage, Antoinette Bourignon, Pet. Poiret, Pet. Serra- rius, Gichtel u. A.; im 18. Jahrh.: Petersen, Joachim Lange, Chimonius u. besonders Bengel, Burnet u. Whiston, die Swedenborgianer, Lava- ter, Jung Stilling mit ihren Anhängern; im 19. Jahrh. Frau v. Krüdener u. einige kleine süddeutsche u. amerikanische Serien, besonders Irving n. seine Anhänger; in neuester Zeit die Gesellschaft für Sammlung des Volkes Gottes in Schwaben, welche aus den Sturz der türkischen Herrschaft in dem Heiligen Lande im I. 1853 gerechnet n. Jerusalem als den Punkt der Gründung einer Gemeinschaft ausersehen hatte, in welcher die Idee des Sieges des Christenthums u. des goldenen Zeitalters realisirt werden sollte. Vgl. Sechs Perioden der christlichen Kirche, Heilbr. 1851. Sie alle haben theils gröbere, theils feinere Ansichten über das 1000jährige Reich, und theils mit sinnreichen Deutungen prophetischer Stellen der Bibel, Daniel u. der Offenbarung Johannis u. mühsamen Berechnungen den Zeitpunkt des Jüngsten Tages zu bestimmen u. Gründe aller Art für ihre Meinung zu häufen gesucht, theils sich einer besonderen göttlichen Inspiration dabei gerühmt. Der CH. ist in keiner Form in den Lehrbegriff einer christlichen Kirche ausgenommen worden. Vgl. Corrodi, Kritische Geschichte des CH., Lpz. 1781—83, 3 Bde., 2. Ausl., Zür. 1794, 4 Bde. Chilidromi (auch Chiliodromia und Cheli- dromia), eine der nördl. Sporaden in der Epar- chie Skopelos der griech. Nomarchie Euböa, östl. von der Insel Skopelos, etwa 18 km lang, 5 km breit; besteht aus einem von SW. nach NO. streichenden, theilweise mit Fichten bewaldeten Gebirgsrücken, der Thonschiefer u. Kalkstein enthält. Im Alterthum hieß die Insel Jkos u. besaß 2 Städte, deren eine den Namen der Insel, Jkos, trug. Jetzt enthält sie ein oberhalb einer Bucht der SKllste gelegenes, von etwa 50 Familien bewohntes Dorf. Auf dem südlichen Theil der OKüste bezeichnen noch Manerreste und zahlreiche Gräber die Stelle der einen alten Stadt; von der anderen ist keine Spur mehr vorhanden, ebenso von dem Grabe des Peleus, welches man dort zeigte. Kolpe. Chilisalpeter (Natron-, Würfel- od. Kubischer Salpeter, Salpetersaures Natron), sarblose oder licht gefärbte krystallinische Masse von salzig kühlendem Geschmack u. starker doppelter Brechung; er krystallisirt in stumpfen Rhomboddern, die man früher für Würfel hielt (daher kubischer Salpeter), mit einem Endkantenwinkel von 106" 30', also isomorph mit Dolomit; Härte 1—2; spec. Gew. 2,i—2,,. In den Thoulagern der Ebene von Tamarugal in der Landschaft Tarapaca im südwestlichen Theil von Bolivia finden sich bedeu- — Chillicothe. tende Lager dieses Salzes von durchschnittlich 400 m Breite und zuweilen von 2—2,^ m Mächtigkeit. Der Gehalt an reinem salpetersaurem Natron beträgt 20 — 85 pCt., doch ist er hier und da völlig rein; verunreinigt ist er gewöhnlich mit Glaubersalz, kohlensanrem Natron, Chlor- calcium, Eisen und geringen Mengen von bor- saurem Kalk; die Reinigung des rohen Ch-s erfolgt in etwa 100 Werkstätten, welche in Alt- u. Neu-La-Noria zerstreut liegen. Diese mächtigen Lager von Salpeter waren schon seit 100 Jahren bekannt, jedoch erst 1820 wurde der erste CH. nach England gebracht; seitdem hat die Ausfuhr bedeutend zugenommen. Auch findet sich der Mir felsalpeter in der Wüste von Atacama u. in den Anden, jedoch in weit geringerer Menge. Fast überall hat der CH. wegen seiner Wohlfeilheit den Kalisalpeter verdrängt, nur zur Herstellung des Schießpulvers kann er nicht angewendet werden, weil er an der Luft Wasser anzieht; auch in der Salpetersäurefabrikation ist man wieder von der Verarbeitung des Ch-s abgekommen, weil nicht nur der Kalisalpeter reiner, sondern das schwefel- saure Kali auch weit besser zu verwerthen ist, als das schwefelsaure Natron. Dagegen findet er in der Glasfabrikation, zur Herstellung von Kalisalpeter, sowie als Zusatz beim Einpökeln des Fleisches u. namentlich als kräftiges Düngemittel in der Landwirthschaft Anwendung. In letzter Beziehung wirkt er auf alle Getreidearten, Hülsenfrüchte, Wurzelgewächse u. Futterpflanzen gleich gut, hat vor dem Guano voraus, daß seine düng- kräftigen Bestaudtheile weit weniger flüchtig sind (weshalb er sich auch bei trockener Witterung wirksam erweist), daß er weit wohlfeiler u. keiner Verfälschung unterworfen ist u. bequem u. ohne Nachtheil für die Gesundheit ausgestreut werden kann. Der CH. eignet sich am besten für leichte Bodenarten und wirkt am meisten bei trockener Witterung auf nicht zu magerem Boden. Er wird gepulvert nicht zu reichlich ausgestreut, weil er sehr schnell treibt u. leicht Lagerfrucht bildet. Über die Art u. Weise der Entstehung des Ch-s in der Natur bestehen verschiedene Ansichten: nach Einigen bildet sich die Salpetersäure aus dem verwesenden Guano, nach Anderen bedingt die ammoniakhaltige atmosphärische Lust dieser tropischen Gegenden unter gleichzeitiger Anwesenheit von mineralischen Substanzen allein die Salpetersäure- bildung, wofür allerdings auch die Beobachtungen Collards de Martigny sprechen, welche beweisen, daß Ammoniak in Berührung mit atmosphärische! Luft u. Kalk direct in Salpetersäure übergeht. Lehmann.' Chilka, s. Tschilka. Chillan, 1) Hauptstadt der Provinz Nuble in der südamerikanischen Republik Chile; 2 Schulen; Eisenbahnverbindungen mit Talcahuano n. Curico; 12,655 Ew.; sehr fruchtbare Umgegend. CH. wurde 1751 durch ein Erdbeben zerstört u. 8 km weiter südlich wieder aufgebaut; 1850 durch Überschwemmung sehr beschädigt. 2 ) Vulcan in der Nähe der vor., in den Cordilleren, etwa 4000 m hoch; an seinem Fuße (2207 m Meereshöhe) Schwefelquelle mit besuchter Badeanstalt. Chillicothe, 1) hübsch gelegener Hauptsitz des 739 Chillon - Roß County im nordamerik. Unionsstaate Ohio, am rechten Ufer des SciotoflusseS; lebhafter Handel; 8920 Ew.; in der Umgebung Eisen- u. Stcin- kohlengrnben. 2 ) Stadt im Livingstone County des nordamerik. Uuionsstaates Missouri, Eisenbahnknotenpunkt; 3978 Ew. Chillon, Schloß im schweizer. Kanton Waadt, 2 Stunden von Vevey auf einer Felseninsel, am äußersten östl. Ende des Genfer-Sees, mit dem Ufer durch eine Brücke verbunden. Das Schloß kommt seit dem 13. Jahrh. vor und wurde 1248 von Amadeus III. von Savoyen zur Feste nmgewan- delt. Am 29. März 1536 eroberten es die Berner, die hier den seit 1530 auf Philipps von Savoyen Befehl in unterirdischen Kerkern gefangen gehaltenen Franz Bonivard (s. d.) fanden n. es zum Sitze der Landvögte machten. 1733—90 war es Staatsge- sangniß, dann Arsenal des Waadtlandes. Bei CH. 1268 Schlacht zwischen Peter v. Savoyen n. den Waadtländern, wodurch Ersterer als Sieger Herr des Waadtlandes wurde. Über CH. schr. Vullie- umi, Laus. 1851. Byron verewigte das Schloß in seinem k?risonsr ol Ost. Chiloe, südlichste Provinz der südamerikan. Republik Chile; umfaßt gegenwärtig, nachdem seit der Errichtung der Provinz Llanquihue das festländische Depart. Carelmapu davon abgetrennt worden, nur noch die große Insel Chilo'e mit den umliegenden kleineren Inseln, den Archipel der Chonos-Inseln und den der Guaytecas. Officiell geht die OGrenze bis zum Kamme der patagoni- schen Andes u. die SGrenze bis zur Colonie Magellanes. Die Provinz enthält tatsächlich ! (von der officiellen Annahme abgesehen) 6216 UM (113 f^M); 62,983 Ew., worunter viele deutsche Colonisten. Die Insel CH., auch Isla Grande, welche den größten Theil der Provinz ausmacht, ist durch die Maullin-Einfahrt in: N. u. den Golf von Ancud im O. vom Festlande (Provinz Llanquihue und Patagonien) getrennt. Sie ist sehr gebirgig, u. die Spitzen ihres meist ^ aus Glimmerschiefer gebildeten Bodens erreichen 628 m. Die Höhen sind mit dichten, fast undringlichen Waldungen bedeckt. Das Klima ist sehr gleichmäßig n. verhältnißmäßig mild, aber außerordentlich feucht. Die Vegetation ist weniger ergiebig, als auf dem chilenischen Festlande; an- ! gebaut werden Bohnen, Lein, Kohl, etwas Ge- mibe u. Obst, besonders Kartoffeln; dagegen sind die Wälder außerordentlich reich an gutem Bau- u. Nutzholz (Hanptansfuhrartikel); Pferde-, Rindvieh-, Schaf- und Schweinezucht; Strandvögel, Fische, Austern u. a. Muscheln; angebant sind »ur die Küsten, namentlich die O- und NKüste. das Innere fast gänzlich unbekannt. Außer Holz kommen noch geräuchertes Fleisch (namentlich ausgezeichneter Schinken) n. eingesalzene Fische zur Ausfuhr, Colonial-, Manufacturwaaren u. dgl. ^zur Einfuhr. Ureinwohner sind die Huilli-che, i M Auracanostamme gehörig; sic haben einen genügen Grad von Bildung angenommen, ihre Zahl wird auf 20—30,000 geschätzt; sie bilden noch jetzt die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung; im Allgemeinen herrscht große Armuth; ! Hauptbeschäftigungen bilden Ackerbau, Viehzucht, !8ngd, Holzschlag, Holzhandel, Fischerei u. etwas - Chimära. Bauinwollenweberei. — CH. wurde 1658 von dem Spanier Don G. H. de Mendvza entdeckt; die Ureinwohner nahmen die bald nachfolgenden Spanier anfangs freundlich auf; spätere Widersetzlichkeiten wurden durch Waffengewalt gedämpft, u. von 1565 an gehörte CH. mit den umliegenden Inseln der Krone Spanien. Aufstände zu Anfang des 17. und 18. Jahrh. wurden ebenfalls bald unterdrückt. Ms die Spanier 1818 aus Chile vertrieben wurden, hielten sie sich hier noch einige Zeit, mußten aber 1825 auch den Besitz dieser Insel aufgeben, worauf dieselbe der Republik Chile einverleibt wurde. Kolpe.» Chiton, im 6. Jahrh. v. Chr., einer von den 7 Weisen Griechenlands (s. Griechische Philosophie), Ephoros in Sparta; soll im Greisenalter in den Armen seines als Sieger von den Olympischen Spielen znrückgekehrten Sohnes vor Freude gestorben sein. 3 Aufgaben, heißt es, erklärte CH. für die schwierigsten: ein Geheimniß zu verschweigen, die Zeit wohl anzuwenden u. eine Beleidigung zu ertragen. Auch legte man ihm 3 Sprüche bei: Lerne dich selbst kennen! Nichts zu viel! Bürgschaft bringt Leid! Die ihm zugeschriebenen Sprüche aus Stobäos u. A. findet man in Orellis Oprwonla Oraseornm sontsnbiosa und Mullachs kbilosopiwrum §rasoornm IraAmonba, 1. Band, Paris 1857. Chilongo (Cilongo, Kilongo), 1) Reich in der Landschaft Loango in SNigritien (WAfrika), dem Reiche Loango unterworfen. 2) Hauptstadt des vor., an der Mündung des gleichnam. Flusses in das Atlantische Meer; ausgedehnter Handel, bes. mit Elfenbein. Chilperich, 1) König von Burgund, Sohn Gunderichs; erhielt nach seines Vaters Tode einen Theil von Burgund mit der Residenz in Genf, wurde von seinem Bruder Gundobald ermordet. Seine Tochter Chlotilde heirathete den Frankenkünig Chlodewig. 2) CH. I., Sohn Chlo- thars I.; wurde 561 König eines Theils von Neustrien, dessen Residenz Soissons war; 567 König von ganz Neustrien bis 584, wo er bei Chelles ermordet wurde; s. Franken. Aus Liebe zu Fredegunde verstieß er seine 1. Gemahlin An- dovera u. ließ seine 2. Gemahlin Galasuinda, Athanagundes Tochter, ermorden, worauf er Fredegunde heirathete. Er bereicherte das althochdeutsche Alphabet mit dem Buchstaben R (d. i. ae), u. rr (Chilperichs Buchstaben). 3 CH. II., eigentlich Daniel, jüngster Sohn Chil- derichs II.; war anfangs Mönch und 716—72» während beständiger Kämpfe mit Karl Martell, dem Hausmeier von Anstrasien, König von Nen- strien (s. Franken). Chiltern Hills, Gebirgszug in der englischen Grafschaft Buckingham, am linken Ufer der Themse, gegen 280 m hoch. Chimära, 1) (gr. Myth.) nach Homeros ein gräßliches feuerspeiendes Ungeheuer in Lykien, vorn Löwe, hinten Drache, in der Mitte Bergziege; nach Hesiodos Tochter des Tyvhaon uno der Echidna, 3köpfiges, flammenspeiendes Ungeheuer. Bellerophon (s. d.) erlegte sie. 2) Überhaupt phantastische Geschöpfe mit Widder-, Pferde- oder Menschenkopf, Pferdeleib, Vogelfüßen, od. sonstige 47 * 740 Chimay Zusammensetzungen aus anderen Thieren; daher Chimäre, Spiel der Einbildungskraft, nichtiger Wahn (z. B. in Meyerbeers Oper, Robert der Teufel: Ja, das Gold ist nur CH.); chimärisch, abenteuerlich, unmöglich auszuführen. Riese." Chimay, Stadt im Arr. Charleroi der belg. Provinz Hennegau, am Blanche, Station der Ch.- Bahn; Schloß mit Park; Spitzenklöppelei, Eisenwerke, Hohöfen; sehr schöner, weiß, schwarz, roth und gelb geaderter Marmor; 3100 Ew. — CH. war früher eine Herrschaft u. gehörte den Herren von Cray, wurde aber 1470 vom Herzog Karl dem Kühnen von Burgund zur Grafschaft und 1486 vom Kaiser Maximilian für Karl von Croy znin Fürstenthum erhoben. Nach Karls Tode 1527 erhielt CH. seine Tochter Anna u. vererbte es auf ihren Sohn, Philipp III., Herzog von Aerschot; nach Philipps Tode 1612 erhielt es dessen Schwester Anna, durch welche es an das Haus Arenberg u. endlich durch Erbschaft 1804 an die Grafen von Caraman kam. Chimay, 1) Joseph Philipp de Riqnet, Graf v. Caraman, Fürst von CH., geb. 21. Sept. 1771, Sohn des 1807 verstorbenen Victor Maurice de Riqnet, Grafen von Caraman, u. der Maria Anna Gabriele von CH/; war bei Beginn der Revolution als Graf Caraman Dragonerosfizier, erbte 1804nach dem Tode seines Oheims, Phil. Gabr. Moritz Joseph, das Fllrstenthum CH., vermählte sich 1805 mit Therese, Gräfin v. Cabarrus (s. 2), wurde 1815 Deputirter des Departements der Ardennen, 1820 Mitglied der niederländischen Ersten Kammer; er st. 2. März 1843. Der Fürstentitel wurde 1824 vom König der Niederlande bestätigt. 8) Therese, Prinzessin von CH., geb. 31. Juli 1775 in Saragossa, Tochter des Grafen Frantz. v. Cabarrus; vermählte sich mit dem Parlamentsrath deFontenay, den sie von Madrid nach Paris begleitete, wo sie die Grundsätze der Revolution mit Wärme aufnahm. 1793 ließ sie sich von ihrem emigrirten Gemahl scheiden u. wurde Beschützerin vieler literarischen u. künstlerischen Vereine. Vor der Schreckensregierung floh sie nach Bordeaux, wo sie zwar auf Talliens Befehl verhaftet wurde, aber, vor diesen gebracht, einen solchen Eindruck auf ihn machte, daß sich ein zärtliches Verhältniß zwischen ihnen entspann u. Tallien von seinen extremen Ansichten znrückkam. Das mildere Benehmen Talliens fiel auf; Therese wurde nach Paris geladen, dort verhaftet u. ihre u. Talliens Hinrichtung von Robespierre beschlossen. Dieser Umstand trug auf Talliens Betrieb wesentlich zur Herbeiführung der Ereignisse des 9. Thermidor bei. Frau von Fontcnay, die sich darauf mit Tallien vermählte, theilte, indem sie unermüdlich darauf bedacht war, Unglücklichen u. Verfolgten beiznstehen, mit Josephine Beauharnais, später Napoleons Gemahlin, die allgemeinen Huldigungen. Während Tallien 'Napoleon aus seinen italienischen Feldzügen und nach Ägypten begleitete, vergaß ihn seine Gemahlin n. ließ sich von ihm scheiden. Napoleon, der ihr vor seiner Verbindung mit Josephine leidenschaftlich ergeben war, gestattete ihr keinen Zutritt an seinem Hofe. Sie trat darauf in freundschaftliche Beziehung zu Frau v. Stadl n. heirathete 3. Äug. 1805 den Vorigen als ihren 3. Gemahl. Sie lebte — China. nun abwechselnd in Savoyen auf den Gütern ihres Gemahls u. zu Paris u. st. 15. Jan. 1835 auf ibrem Schlosse Chimay. 3 ) Joseph, der ältere Sohn der Vor., geb. 20. Aug. 1808; war 1839 bis 1841 belgischer Gesandter in den Niederlanden u. 1842 beim Deutschen Bundestage und folgte 1843 seinem Vater als Fürst von Chimay. Er war 1846—47 Gesandter an den italien. Höfen n. von da ab, da er keinen Gesandtschaftsposten mehr annehmen wollte, noch mehrfach von König Leopold I. zu besonderen Missionen gebraucht; 1843 bis 1856 saß er in der belgischen Kammer und wurde darauf Bürgermeister von Chimay. Er ist seit 1870 Wittwer von Emilie von Pelagrat (geb. 1808). Sein älterer Sohn Marie Joseph ist geb. 1836. Chimborazo (Chimborafso), 4) Pik der Cordilleras in der südamerikan. Republik Ecuador, erloschener Vulcan; nach Humboldt 6528 m üb. d. M., nach Anderen 6041 in, die Schneegrenze beginnt erst bei 4940 m. Bis 1817 hielt man ihn für den höchsten Berg der Erde, jetzt kennt man in Amerika 5 höhere Spitzen u. noch höhere in Asien; s. u. Berg. Er ist 1745 von Condamine bis auf 4624 m, 1802 von Humboldt und Bonpland auf 5761 m, von Bonssingault ans 5854 w erstiegen worden. Der Franzose Rhuiy u. der Engländer Brenchley gelangten 3. Novbr. 1856 sogar bis in die Nähe des Gipfels. Man sieht ihn 290 irm weit. 2) Provinz der Republik Ecuador; 14,366 Hjstm (261 ^M); 197,105 Ew. (760 auf 1 ÜHIcrn); reich an Alaun, Schwefel u. Chinarinde; Hauptstadt: Riobamba (Bolivar). Kolpe." Oliimopbila Pflanzengatt, aus der Fam. der lLrlonosns-Hz-poxibz'allsno, mit tief 5theiligem Kelche, 5 Blumenblättern, 10 Staubblättern mit getrennten Staubbeutelhälften, unterweibiger, den Grund des Fruchtknotens umgebender Scheibe, 5fächeriger, 5klappiger Kapsel, bei welcher die Klappen oben n. unten verbunden bleiben u. in der Mitte die Scheidewände tragen; die Blätter stehen in mehreren Scheinquirlen über einander, da die Stengelglieder zwischen den in verschiedenen Jahrgängen gebildeten Laubblätteru mehr gestreckt sind; die mittelgroßen Blüthen stehen in Dolden oder Doldentrauben. Arten: 6. nmbsUata Mett, (kxroln nmb. 4).), mit ^ länglich-lanzett- lichen, scharf gesägten, in den kurzen Blattstiel keilförmig verschmälerten, oberseits vertieft netz- aderigen Blättern; in schattigen, trockenen Kiefer- Wäldern Deutschlands zerstreut. 6. maonlat» der vorigen ähnlich, mit weiß gefleckten Blättern; in NAmerika. Die Blätter beider Arten dienen als harntreibende Mittel. Engter. Chimpanse, Affe, so v. w. Schimpanse. China ist die europäische Bezeichnung des ungeheuren Ländercomplexes im östl, Asien (s. d. Karte von CH-), den von den ältesten Zeiten historischer Kunde bis auf den heutigen Tag dasselbe Volk in eigenartiger, von Fremden abgeschlossener Cultur u. Verfassung besessen hat. Der Name, seil Len Entdeckungen der Portugiesen im Abendlanüe üblich, ist entstanden ans dem des alten Fendalstaates Tsin, der dem ganzen Lande 255 v. Chr. die Dynastie gab, daher die in England u. Frankreich übliche Aus- P-M-WH «VMM» ch..' > ^'<^>-»" ,. -? r Md' 1 ' ß- »Mir^ 7tz (" ' ' „ / > > ,. X. ./"'^ i. X. f / >'- _a/s'- r >^. -t xxv.u. W K-- L§ 5 ^ >X> ^e. 7 ' s> ' ^//».^>.' ^iL:- L^äL-Hsp/'^ ^ffX-4 ^ g».. XXd-^LM-.W ^-,-.^TX.z^ttü'NÄ^ «Alxst^Kr 5 0 N » ' ^u.n.n,rij Svviri'L^r« 4 avvm. 0 , Ä<-i«y. , - j, L^-.. . 7 ^«»- ^.° 7 -x-: ^ _ ' >' K«!,''^ .X ^ - tz x. s' ?». d - s«°^ /X" I .V 7 an^a"^- / k c»« 7 - EMKM? «L^- >.F.»c)i § jM ^7 x .--Mt^L Z^rrx'M 4 «'- XZ^^Si^vÄ- ÄWLWrW^ ^ ^ A!sM^ 6 V^> 7 L^-'^/' L 7 ÄÄt/ -^' 7 Sanbo^/ iLÄ. ^ MMWck^.:!W MÄ? i »«iL VNLSK LOLL^ nisD >s8LS88t«d iu 1:19.000 000. A'-Mz rL?^ /^^L° ^HOV1>'2 OÜUL. ls-lsclieu M nruirs.A 5M« l^ilersrikciles lWÜtuI m öerlin.. China (Gcogr.). 741 spräche sich mehr der Richtigkeit nähert; er lautet beiden Malaien Tschina, bei denAnnamesen Tsina, bei arab. Schriftstellern Dschin; die alten Griechen kannten im fernsten O. Land und Volk Sinai, die Mittelgriechen nannten das elftere Tsinitsa. Einen durchgehenden einheimischen Namen hat die Größe u. öftere Spaltung des Landes nicht auskommcn lassen. Tschung-kne (Reich der Mitte) heißt es ,eit dem 12. Jahrh. durch einen Kaiser der Tschen- Dynastie, Tai-tsing-kue nach der regierenden Dynastie; ferner Tschung-Hoa (Blume der Mitte), Thian-hia, Tschn-ku, Tschin-ton bei den Buddhisten, Katay oder Ketai (Catay) bei den Slaven, Anlbn bei den Tibetern, Abkai-Fejergi bei den Mandschu, Tcgri-nn-Dorin bei den Mongolen. Das Reich, das an Ausdehnung nur durch das Russische übertroffen wird, dessen Volkszahl aber, auch nach den ungefähren Schätzungen, die größte aller Länder der Erde ist, neben der nur noch die (übrigens nur halb so große) Bevölkerung von Britisch- Ostindien in Frage kommen könnte, erstreckt sich von 18" bis 52" n. Br. u. von 80° bis 134° ö. L. (von Grcenw.) u. umfaßt, die tributären n. abhängigen Staaten hinzngerechnet, ein ungefähres Terrain von 9,800,000 dsicm (180,000 s^W); Las eigentliche China von 4,024,690 f^Icm <73,092,xg HW); die Länge der Grenze wird auf 22,000 Lin, die der Küstenlinie auf 5000 iem angegeben. Die Grenzen bilden: im O. der Große Ocean mit seinen speciellen Abthcilungen, dem Chinesischen SMeer, dem Chin. OMeer, dem Gelben u. dein Japanischen Meer; im S. der Himalaja gegen Indien u. die daran sich schließenden Ketten im O. gegen Hinter-Jndien, ohne genaue Feststellung; im NO. der Usnr u. Amur, davon westl. der Onon u. das Sajanische Gebirg gegen Sibirien; endlich im NW. der Thian-Schan; eine feste Grenzlinie gegen W. ist bei den fortwährenden Politischen Veränderungen nicht zu bestimmen. An Nebenländern, politisch der Oberhoheit Ch-s untergeben, sind innerhalb dieser den Verhältnissen gemäß allgemeinen u. unbestimmten Grenzlinien «inbegriffen die Mandschurei (bis ans den von den Muffen occupirten Theil), die Mongolei, Tibet, Jli, früher eingetheilt in das WLand, Thian- Schan-Pelu (Dsungarei), dessen größerer Theil den Muffen zugefallen, u. das OLand, Thian-Schan- Nanlu, das der Herrscher von Kaschgar jetzt fast gänzlich der chines. Souveränität entzogen hat, Korea (jetzt nur noch nominell tributär), deren geographische u. politische Beziehungen hier nicht weiter in Betracht gezogen werden. Die vorliegende Darstellung beschränkt sich aus das eigentliche sogen. CH. mit dem oben angegebenen Flächeninhalte, zu dem, als unmittelbarer Besitz von der chines. Krone beansprucht, die Inseln Hainan u. Formosa u. einige Landstriche im S. der Mandschurei u. Mongolei noch zu rechnen sind u. den Flächeninhalt noch um ungefähr 1,700,000 Hjicm erhöhen (die Lieu-Kien-Inseln sind in neuerer Zeit an Japan, der Antheil von Tarakai (Sachalin) an Rußland verloren worden). Genaueres ergibt die nachstehende Tabelle, welche die Größen und Einwohnerzahl der 18 Provinzen, in welche CH. zerfällt, nach ungefähren Annahmen übersichtlich darstellt. Provinzen: Areal Bevölkerung im Ganzen auf 1 in I !krn in m>M P-Ischili 148,357 2894,-- 38,879,838 249 Schantunq 139,282 2529,50 29,529,377 212 Schaust 170,853 3102,« 17,058,925 100 Honan 173,350 5148,22 29,089,771 168 Kianqsu 103,959 1388.° 39,648,924 381 Rqanhoei 139,875 2540,2s 36,596.988 262 Ki angst 177,85k 3228,« 28,513,889 149 Fnkian 157,320 2357,ro 25,801.556 164 Tschekianq 92,383 1677,7V 8,100.000 88 Hupe 179,946 3288,° 28,534.564 159 Hunan 215,555 3914,7 20.048,969 93 Scheust 210,340 3820,o 10,309,769 49 Kansu 674,923 12,257,z 19,512,718 29 Setschuan 479,263 8704 35,000,000 73 Kuangtunq 289,923 4902,os 22,652,803 84 Kuaüqsi 201,640 3882 8,121,327 40 Jüunan 317,182 6760 5,823.670 13 Kueitscheu 172,898 3140 5,879,123 33 4,024,690 73 092, 404,946.514 j 100 Näheres über die Provinzen unter den betreffenden Artikeln. Bei der noch immer herrschenden Unbekanntschaft mit den physischen Verhältnissen des Landes, namentlich im Innern, ist es unmöglich, ein anderes als ein allgemeines Bild der Oberfläche Ch-s zu geben. Im Großen betrachtet, erscheint dieses Reich als ein zum großen Theil durch An- schwemmungen gebildetes Becken, von 3 mächtigen Strömen mit ihren Nebenflüssen durchzogen, un- gefähr >/g des gesammten Flächeninhaltes umfassend, während die beiden anderen Dritttheile von Gebirgen durchzogen sind, welche nach dem Innern und W. zu immer größerer Höhe sich erheben. Trug ans diese Weise die Natur dazu bei, den Verkehr nach W. zu erschweren u. die Abgeschlossenheit des Reiches zu befördern, so wies eine langgestreckte u. reichgegliederte Meeresküste im O. auf die See znm Verkehre des Volkes unter einander und Ausbreitung nach dieser Richtung. In den vielfachen, noch fast ganz unerforschten Gebirgsketten werden, als östliche Fortsetzung deS Himalaja u. Kuen-luen, 2 sternförmig ausstrahlcnde Gebi rgssysteme unterschieden: das slldchincs., beginnend mit dem bis 4000 in hohen Lang-tang- Gebirge, an welches sich dann in einer Länge von 1150 km das die südl. Provinzen Ch-s erfüllende, noch bis zur Gletscherhöhe sich erhebende Nan- ling-Gebirg anschließt. Niedrigere Züge streichen im SO. parallel der Küste in nordöstlicher Richtung von Kanton, so der Tajüling u. Meiling. Das nordchinesische System, die Grenze Ch-s im N. von Tibet bildend, eine Reihe von Gebirgsverzweigungen, die mit Thisi-Schan oder mit Funiu-Schan od. nach seinem nördl. Ausläufer Peling bezeichnet wird, die östliche, wie es scheint, Fortsetzung des Kuen-luen, scheidet die beiden Stromsysteme des Hoangho u. Jantsekiaug und erhebt sich bis zu 2000 in Höhe. Als eine Verbindungskette beider wird der mit mächtigen Gletschern u. ewigem Schnee bedeckte Jüuliug anzunehmen sein. Doch bedürfen diese Annahmen noch bedeutend näherer Feststellung; als allgemeines Resultat ist zu entnehmen, daß die inneren u. westlichen Provinzen Ch-s theils hochgelegene Gebirgsländer (z. B. Setschuan, Kansu, Jüunan), theils terrassensörmig zur Ebene abfallendes Hügel- 742 China (Geogr.). la»d sind, mit zum Theil noch großen Wäldern, von geringer Fruchtbarkeit u. Production (z. B. im N. Schansi u. theilweise Honan, im S. Fukian, Kuangtung, Kiangsi, Tschekiang und theilweise Nganghoei). Die eigentliche Bedeutung Ch-s ruht in den Niederungen der großen Ströme, vor Allem in der fruchtbaren, bis auf das kleinste Stück bebauten, von allen wild wachsenden Pflanzen u. Thiercn freien Alluvialebene zwischen Hoangho u. Jantsekiang u. jenseits dieser bis zum Peiho, also den Provinzen Kiangsu, Schangtung, Petschili und Thcilen von Hnpeh, Honan u. Ngang- hoei, in denen die Dichtigkeit der Bevölkerung ver- hältnißmäßig die größte im Reiche und von keinem Theil der Welt übertroffen wird. Die 3 großen Stromsysteme bilden: Im N. der Hoangho oder Gelbe Fluß, der mit reißender Strömung die Provinzen Schansi n. Scheust durchfließt u. jetzt in Schangtung in den Golf von Petschili sich ergießt, in seiner Länge auf 40001cm, seinem Stromgebiete auf 2 , 000,000 Hstcm geschätzt, wegenderungeheuren Erbmassen, die er ablagert, nur für kleine chines. Dschonken schiffbar, mehr der Bewässerung des Bodens dienend u. von riesigen Dämmen zur Abwehr seiner Überschwemmungen umgeben. Der Träger des mittleren ist der an Länge u. Waffer- maffe ihn übertreffende Jantsekiang (der Blaue oder auch der Große Fluß), aus 2 tibetischen Strömen znsammenfließend, dessen Fluthen die Provinzen Jünnan, Setschuan, Hnpeh, Nganghoei bespülen und in Kiangsu in einem mcilenbreiten Aestuar dem Meere zneilcn, von außerordentlich reißender Strömung, für Dampfer in seinem unteren Laufe bis Hnpeh, für Dschonken auch im oberen schiffbar, die Hauptverkehrsader des Landes, für dessen viele Millionen von Anwohnern er von einer Nutzbarkeit ist, wie kein anderer Strom der Erde sie bietet. Auch bei ihm bedingt ein außergewöhnlich großer Wechsel des Waffer- standes jährliche, zugleich befruchtende und zerstörende Überschwemmungen, ebenso wie Veränderungen des Bettes im unteren Laufe. Als das dritte endlich, viel kleinere System im S. kann man den südl. von Kanton dein Meere zuströ- menden Tschukiang (Tigerflnß) bezeichnen, dessen beide Arme Pekiang u. Sikiang den Weg in die südl. Provinzen eröffnen, und der, für Dampfer schiffbar, weniger der Befruchtung des Landes, als der Vermittelung des Verkehres dient. Im N. ist noch der Peiho, der Fluß Pekings, zu erwähnen, von der Mündung im Golfe von Petschili bis Tientsin schiffbar; jedoch machen die an der Mündung sich anhäufenden Atlnvialmassen größeren Schiffen den Zugang sehr schwierig, bezw. unmöglich. Ein reiches, consequent durchgeführtes Kanalsystem ergänzt die Vortheile dieser Stromsysteme u. ersetzt den diesem Lande eigenthllmlichen Diangel guter Landstraßen; unter ihnen ist der bedeutendste der altberühmte Kaiserkanal ans dem 14. Jahrh. (Jün-Ho, Tscha-Ho), mit Verzweigungen von unzähligen Seitenkanälen, die Verbindung der »Lrdl. u. südl. Provinzen, welcher vom Jantsekiang. den Hoangho durchschneidend, bis zum Peiho führt, für die Bewässerung u. den Verkehr des Landes von größter Wichtigkeit, in letzter Zeit jedoch durch mangelnde Aufsicht iheilweise ver- fallen. An Seen u. Sümpfen ist in den angeschwemmten Niederungen zwischen den beiden Strömen kein Mangel; zu den bedeutendsten unter ihnen werden der Hungtsesu in Kiangsu, der Pojangsu in Nganghoei, der Thuntschingsu in Hunan gerechnet. Das Klima ist bei der großen Ausdehnung und der ungleichen Beschaffenheit des Landes sehr verschieden. Im Allgemeinen ist die Temperatur eine niederere, als in WEuropa unter den gleichen Breitcgraden, der Wechsel ein häufigerer, der Übergang selbst ein rascherer, u. die Extreme bei Weitem mehr anseinanderliegeud. Den 35. u. 25. Grad n. Br. kann man als Klimascheiden betrachten; nördlich von 35" findet sich Eis u. Schnee vom Nov. bis März, Nebel und Nordlichter; mittlere Wintertemperatnr—3° 8., bisweilen bis auf—16° fallend, kurzes Frühjahr, heißer Sommer (bis auf -l-23° steigend) mit reichlichem Regen, angenehmer, aber kurzer Herbst. Zwischen 35° u. 25° n. Br. ist das mildeste und gleichmäßigste Klima (subtropisch), regelmäßige Folge von 2 trockenen u. 2 nassen Jahreszeiten, mittlere Jahrestemperatur -i-13° (im August bisweilen bis 34° steigend). Südlich von 25° n. Br. ein tropisches Klima mit 2 von den Monsunen abhängigen Jahreszeiten: eine nasse, vom April bis Octöber bei SWMonsun, eine trockene, vom Oct. bis April bei NOMonsun. In Kanton ist die mittlere Jahrestemperatur 15", im Sommer bis -s- 28° steigend, im Winter bis auf 1° L. fallend. Im Juni u. Juli wüthen häufig furchtbare Stürme (Teifun, Typhonen, Kyclonen), deren unglaubliche Heftigkeit ungemeine Verheerungen anrichtet, aber nur auf dem Meere u. an der Küste in voller Stärke erscheint, nach dem Innern zu abnimmt. Auch Erdbeben kommen vor, namentlich mehr nach N. zu (so 1830 in Petschili, 1835 in Honan). Im Allgemeinen kann das Klima als gesund gelten, ausgenommen in den an stagnirendem Wasser reichen Niederungen, wo namentl. Fremde häufig vonFiebernbefallen werden. In nicht geringerein Grade als durch Boden- gestaltnng u. Klima wurde die Ansiedelung eines abgeschlossenen Volkes durch die Producte des Pflanzen- u. Thierreiches u. durch die Erzeugnisse des Bergbaues unterstützt. Wol sind von den letzteren die edleren Metalle, Gold und Silber, nicht in ausreichendem Maße vertreten u. ausgebeutet in Jünnan, Kueitschen u. Hunan (beide werden, vorzüglich das letztere, in großen Massen importirt), dafür aber bieten die Gebirge der Bevölkerung mächtige, seit Jahrtausenden benutzte Lager von Eisen und Kupfer, den unentbehrlichen Vorbedingungen der Cultur; in der Provinz Schansi wird Quecksilber, Schwefel, Graphit, Meerschaum, in Tschekiang Granit u. Porphyr in großen Massen gewonnen. Einen uralten Fabrikationszweig beförderten die zahlreichen Ablagerungen an Porzellanerde; mächtige Kohlenlager, schon seitdem 13. Jahrh., allerdings in sehr roher Weise ausgenutzt, zeigt der N., vorzüglich die Provinz Schansi; im Allgemeinen scheinen jedoch die Nachrichten über den großen Reichthum Ch-s an Kohlen sehr übertrieben, u. ist die Meinung, daß CH. das reichste Kohlenland der Welt sei, einstweilen noch nicht begründet; Salz wird aus dem Meerwasser in 743 China (Products, Bevölkerung). großer Menge gewonnen, im W., Provinz Se- tschuan u. Jünnan, auch Steinsalz gesunden. Heiße Quellen, auch sogen. Feuerbrunnen (Gasquellen) zeigen sich in Scheust u. Setschnan. In der Pflanzenwelt bedingt die ungeheure Ausdehnung des Landes ein wechselndes Bild nach der Zone. In den südlichen Provinzen erlaubt das Klima noch den Anbau tropischer Producte: Zuckerrohr in Formosa (dessen Erzeugniß für das beste Asiens gehalten wird), Indigo in Jünnan, u. gedeihen Bananen, Palmen, Bataten u. a. der Wärme bedürfende Bäume. Die NProvinzen liefern in Fülle Weizen, Gerste, Hirse, Tabak, verschiedene Erbsenarten (weniger Roggen), Kartoffeln; in den mittleren wird Baumwolle mit gutem Erfolge angebaut; die beiden Hauptprodncte aber sind das unentbehrliche Nahrungsmittel des Volkes, der Reis in verschiedenen Sorten und der Thee, in ungeheurer Menge im Lande consumirt und exportirt, dessen Anbau und Gewinnung, beinahe über die ganze Ebene verbreitet, mit ganz besonderer Sorgfalt betrieben wird n. ihn zum ersten Handelsartikel Ch-s gemacht hat (s. u.). Nicht unwichtige Artikel des Exports liefern noch: der Talgbanm, der Zimmtbaum, namentlich inKuangsi, derKampherbaum, in ganzenWäldern auf Formosa, der Maulbeerbaum, durch das ganze Land zur Seidengewinnung angepflanzt. Von Früchten findensich: Pflaumen, Weintrauben, Pomeranzen, Mango, Ananas, Bohnen; von Gemüsen:. Wassermelonen, Gurken, Kürbisse u. a. in Überfluß; von Arzneipflanzen in reichen Massen der Rhabarber u. auch Mohn, dessen Cultur bei der Volks- leideuschaft für das Opium mit gutem Absätze jetzt begonnen hat. Wälder dagegen von Bau- und Nutzhölzern sind selten u. nur noch in gebirgigen Strichen zu finden; Wiesencultnr ist unbekannt. Vor der Dichtigkeit des Volkes in den Niederungen hat das Wild sich längst in die Gebirge zurückgezogen. Von wilden Thieren Hausen noch: im S. Elefanten, Nashörner, Bären, Tiger, Leoparden, Panther, im SW. in Honan viele Affen (darunter der Gibbon), im W. viele Moschusthiere, auf den höchsten Klippen wohnend, in verschiedenen Theilen Kamele, Wölfe, Luchse, wilde Hunde, Hirsche, wilde Schweine, Gazellen, Gemsen, Antilopen, Murmelthiere, Eichhörnchen (darunter auch fliegende), Zobel, Marder, Dachse, Zibethkatzen, Igel, deren Jagd im Winter betrieben wird, da alle nur erdenklichen Arten von Wild zur Speise dienen. Die Hausthiere sind von weit geringerer Zahl, als m Europa. Die gewöhnlichsten sind noch: Katze, Hund und das überall verbreitete Schwein, die beliebteste Nahrung des Landes; Ochsen, durchschnittlich sehr klein, werden nur als Zugthiere, zum Pflügen u. zum Treten oder Treiben in den Mühlen gebraucht; auffallender Weise ist die Milchwirthschast in CH. gänzlich unbekannt; Schafe werden aus der Mongolei eingeführt; denPferden, die mager u. klein sind, Maulthiere vorgezogen; Ziegen fehlen gänzlich. Von Vögeln sind Gold- u. Silberfasane CH. eigenthüm- lich; ferner finden sich Flamingo, Pelikane,Albatrosse, verschiedene Papageien, Paradiesvögel (namentlich aus der JnselFormosa), Kasuare, Kraniche, Störche, Reiher, Pfauen, Wasservögel, namentlich Gänse u. Enten in unzählbarer Menge, Schnepfen, Tauben, zahlreiche Arten von Singvögeln, Eulen, Meerschwalben. Von Amphibien: viele kleine Eidechsen, Schlangen (bis zu 24 Fuß lang), Frösche u. Schildkröten, zur Nahrung verwandt. Fische sind in den Gewässern n. dem umspülcnden Meere in unermeßlichen Mengen, wie auch die künstliche Fischzucht schon seit lange bekannt ist. Von den Jnsecten ist das wichtigste die Seidenraupe, am verderblichsten sind die Massen der Heuschrecken u. weißen Ameisen, eine allgemeine Landplage der Tausendfuß. Wenig noch bekannt ist die Menge der prachtvollen Schmetterlings- und Kaferarte'n. Vgl. Asien, S. 208. Die gegenwärtige Bevölkerung, ein Gemisch von eigentlichen Chinesen, Mandschu, Mongolen u. Tibetanern, stammt nicht von den Ureinwohnern von CH. ab, wovon nur noch Reste als Miao-tse, Si-fan u. Lo-lo in den südlichen Gebirgen u. der Provinz Fukian existiren. Die jetzigen Einwohner drangen ungefähr 3000 Jahre v. Ehr. von NW. her in CH. ein. Sie sind ein von der kaukasischen Race durchaus verschiedener u. mit den Mongolen stammverwandter Menschenschlag, die Mitte haltend zwischen dem leichtbeweglichen Hindu und dem musculösen, fleischigen Europäer, gewöhnlich etwa 1 , 5 a ur (5 Fuß) hoch und untersetzt, mit einer Neigung zum Fettwerden; rundes Gesicht, niedrige zusammengedrückte Stirn, kleine, tiefliegende, weit auseinanderstehende, fast schielende Augen, unbehaarte Augenlider, aber dichte Brauen, vorstehende Backenknochen, kleine Nase, fleischige Lippe», schwacher Bartwuchs, das Gesicht im Ganzen höchst ausdruckslos, gelblicher oder krankhaft weißlicher Teint (bes. die Frauen), grobes, schlichtes, fast durchaus schwarzes Haar. Schwer ist es, bei ihrer Abgeschlossenheit allgemeine Charakterzüge aufzustellen; Fleiß, Arbeitsamkeit u. eine gewisse Geschicklichkeit zeigen sie daheim, wie in der Fremde; im Handel ist Betrügerei bei ihnen etwas Gewöhnliches; traditioneller Gehorsam u. Höflichkeit gegen die Oberen, vereinigt mit Zügen wilder Rachsucht u. Reizbarkeit, Genügsamkeit in den Ansprüchen an das Leben u. Unmäßigkeit im Genuß (z. B. des Opiums); durchgängig gute Familienoberhäupter, zeigen sie einzelne barbarische Sitten, die sich nur aus der durch die Übervölkerung bedingten Gleichgiltigkeit gegen das Leben erklären lassen; ihr Nationalstolz gegenüber dem Fremden findet in der tausendjährigen Cultnrentwickelung, ihr geringer Fortschritt in der traditionellen..Verehrung des Hergebrachten seinen Grund. Übrigens ist dabei im Auge zu behalten, daß die Bekanntschaft der Europäer mit CH. immer noch sehr gering ist. Das Volk ist getheilt in Mandarinen (die höheren Beamten u. Gelehrten), Kaufleute, Handwerker, Bauern; als unehrlich gelten Schauspieler, Kerkermeister u. A. Kasten u. Privilegien gibt es nicht, nur das Verdienst u. die Gelehrsamkeit entscheiden die hervorragende Stellung; dagegen seit dem 12. Jahrh. Sklaven, u. zwar ebenfalls nur Staatssklaven (Verbrecher u. Kriegsgefangene), jetzt auch Privatsklaven, d. h. solche, die sich selbst verkauft haben, oder Kinder von Sklaven. Freilassungen finden nicht selten statt; die Freigelassenen treten sofort in die Rechte eine- 744 China (Staatsvcrfassung, Behörden). Bürgers ein. Die Gesammtzahl der Bevölkerung (1749 geschätzt auf 177,495,000, 1776 auf 268,238,000, 1812 auf 361,693,000, 1842 auf 414,368,000 Ew.) wird dermalen zu 400—420 Mill. anzunehrnen sein, eine Dichtheit der Bevölkerung, wie sie sich in Europa nirgends findet. (Siehe die Tabelle.) Das Reich ist administrativ in die oben genannten zg Provinzen eingetheilt, welche wieder in Bezirke u. Distrikte zerfallen. Die Hauptstadt des Reiches, Residenz des Kaisers und Sitz der höchsten Behörden ist Schünthianfu oder Peking. Symbol der kaiserlichen Familie u. zugleich Staatswappen ist ein Drache mit 5 Klauen (die kaiserlichen Prinzen dürfen nur 4 Klauen im Wappen führen). Die Staatsversassung Ch-s ist eine unumschränkte, auf patriarchalischer Grundlage beruhende Monarchie, in der jedoch einerseits der absolute Wille des Regenten durch die unverletzliche Heiligkeit alter Sitten n. Traditionen beschränkt ist, anderseits die räumliche Ausgedehntheit desReiches die eigentliche Verwaltung in die Hände der Provin- zial-Statthalter gegeben hat. DemPrincip nach ist die Gewalt des Kaisers über alle Unterthanen unumschränkt; er ist zugleich geistliches Oberhaupt aller seiner untergebenen Völker, oberster Anführer im Kriege u. erster Richter des Landes. Er genießt sklavische, fast göttliche Verehrung; das Gesetz verlangt sogar bei Todesstrafe vor seinen Briefen niederzuknieen u. die Erde neun Mal mit der Stirn zu berühren; seinem Bilde werden Opfer gebracht; er selbst zeigt sich dem Volke nur selten u. ist dann sehr einfach in Gelb gekleidet; auf seinem Gewände trägt er an Brust, Schultern u. Rücken den fünfklauigen Drachen gestickt, auf der Mütze drei goldene, mit Perlen besetzte u. mit Perlen gekrönte Drachen, auf der Sommermütze ein goldgesticktes, perlenbesetztes Bild des Fo. lim so prachtvoller ist bei seinem öffentlichen Erscheinen das aus einer ungeheuren Leibgarde bestehende Gefolge. Der Kaiser hat nur eine rechtmäßige Gemahlin, die den Titel Ho-ang-hen (Kaiserin) führt, außerdem noch zwei Nebengemahlinnen (Fu-schin, Königinnen), jede mit einem eigenen Hofstaate, mehrere Frauen mittleren Ranges (Pi- neu) n. eine große Anzahl Favoritinnen, die aus den Töchtern der höheren Staatsbeamten gewählt werden. Nach dem Tode des Kaisers wohnen sie gemeinschaftlich abbesondert im Palaste der Keuschheit, n. nur der Kaiserin-Wittwe verbleibt noch eine politische Rolle. Die gegenwärtige Dynastie heißt Tai-tsing, d. i. die sehr reine; sie stammt aus der Mandschurei u. wurde durch Schun-tschi 1645 gegründet; die vielen Revolten der letzten Jahre haben indeß gezeigt, daß sie entkräftet ist, u. lassen ahnen, daß CH., wie schon häufig, einem Dynasticwechsel entgegengehen wird. Die kaiserliche Würde ist in der männlichen Linie der Familie erblich, doch nicht nach dem Rechte der Erstgeburt; der Kaiser wählt seinen Nachfolger aus den Söhnen seiner drei Gemahlinnen; es bleibt aber diese Wahl bis zu seinem Tode aus Staatsklugheit ein Geheimniß, um den künftigen Herrscher nicht durch Schmeicheleien verblenden zu lassen. Die Töchter werden an Mongolen- oder Mandschufürsten ver- heiralhet. Nach seinem Tode werden seine sämmt- lichen Kinder in das Gelbe Buch eingetragen u. erhalten das Recht, orangefarbene Kleider zu wagen; deren Kinder kommen in das Rothe Buch u. so fort bis zur 7. Generation, wo sie dann ins Volk übergehen. Die sämmtlichcn Glieder der kaiserlichen Familie haben das Recht, den vier- klauigeu Drachen zu führen, werden in 12 Klassen eingetheilt u. stehen unter einem eigenen Prinzen-Tribunal (Tiing-jin-su). Die höheren Klaffen wohnen bei Hofe, die niederen dürfen auch außerhalb CH. leben; zu ihnen gehören auch die Abkömmlinge des Kong-fu-tse. Hat sich demnach ein erblicher Adelsstand mit Sonderrechten nicht bilden können, so wird die Scheidung des Volkes in Klassen durch den persönlichen Rang, den zu erreichen Jedem gestattet ist, bewirkt. CH. ist dis entwickelteste Bureaukratie der Erde. Das Beamtenwesen zerfällt in 9 Ordnungen, von denen jede 2 Rangstufen bildet, im Ganzen 18 Klassen. Alle Civil- u. Militärbeamten, in CH. Kuan, in Europa nach dem portugiesischen, aus dem indischen Mantri, Rathsherr, entstandenen Worte Mandarinen genannt, gehören einer dieser Klassen an. Man kann unter ihnen unterscheiden Civilmanda- rinen, aus denen die Minister, Präsidenten, Vice- könige hervorgehen; sie unterscheiden sich durch die Anzahl Pfauenfedern (3, bez. 1), die sie auf ihrer Mütze in ein achatenes Röhrchen gesteckt, nach abwärts hängend, tragen, u. Kriegsmandarinen, von gleichem Range, aber minder angesehen, welche unter dem Ping-pu (Kriegstribnnal) stehen; sie unterscheiden sich durch Stoff u. Farbe der Knöpfe an ihrer Mütze. Die Ceremonienkleidnng besteht in einem Gewände aus geblümtem Atlas, vorn u. hinten das jede einzelne Klasse bezeichnende Ehrenzeichen gestickt, darüber ein Überwurf von blauem Krepp. Unbedingter Gehorsam gegen Alles, was ein Mandarin befiehlt, ist eine, aber nicht immer befolgte Pflicht des Volkes. Endlich kennt man noch Titular-Mandarinen, mit erkauftem Range, deren Vorrecht nur in dem äußeren Range u. der Kleidung zu bestehen scheint. Oberste Behörden'sind: das Fürstengericht (Tung-jin-fu), aus den Prinzen der höheren Klassen bestehend u. Gerichtsstand für die Glieder der kaiserlichen Familie; diesem folgt das innere Collegium oder Cabinet (Nei-ko), die Spitze der eigentlichen Centralregierung, von welcher jedoch die zahlreichen Hvsbeamten unabhängig sind; eS besteht aus 4 Cabinetsmistern (2 Chinesen u. 2 Mandschu), den vornehmsten Gelehrten u. hat im Ganzen 500 Beamte. Es ist in drei Commissionen getheilt, welche die Befehle des Kaisers entgegennehmen, die Decrete ausfertigen, die Gesetze revi- diren, neue abfassen u. mit dem Staatssiegel bezeichnen, mit den fremden Höfen verhandeln, Staatsverträge entwerfen u. die Reichsannalen (s. Chinesische Literatur) schreiben. Ein großer Theil dieser Geschäfte ist jedoch in neuester Zeit an einen Geheimen Cabinetsrath (Kinn-ki-tschu) übergegangen, welchen der Kaiser ans einzelnen Mitgliedern seiner Familie, des Nei-ko u. den höheren Beamten der 6 Tribunale in beliebiger Anzahl einberuft. Das Ministerium, das seinen Sitz in Peking hat, besteht aus 6 Tribunalen oder Col« legien (Pu): u) Reichskanzlei, Tribunal für die 745 China (Behörden, Jnstiz). Civilbeamten, deren Ernennung, Beförderung, Bestrafung, Entsetzung rc.; d) Finanztribnnal für die Verwaltung der Staatseinkünfte; o) Cultnr- tribunal für Gebräuche u. Ccremonien; ä) Kriegstribunal für die Leitung des Heerwesens n. der Flotte, einschließlich der unterworfenen u. Schutze staaten; s) Jnstiztribunal, hauptsächl. für Strafsachen ; k) Tribunal der öffentlichen Arbeiten, bes. für Straßen, Kanäle, Brücken n. a. Staatsbauten, zugleich Behörde für die Münze, die kaiserlichen Manufacturen, Pulverfabrikation rc. u. Polizei. Jedes Tribunal hat 2 Präsidenten u. 4 Niceprä- sidenten (zur Hälfte Chinesen, zur Hälfte Mandschu), eine große Anzahl Unterbeamten n. zerfallt in verschiedene Departements für die einzelnen Dicnstzweige. Außerdem gibt es eine den Chinesen ganz eigenthümliche Institution, das Cen- sorat (Tu-tsche-juen), dessen Mitglieder, ungefähr 40—50, den höchsten Rangklassen entnommen, daS Recht haben, gegen jede Negierungsmaßregel zu protestircn, die Handlungen aller Behörden, selbst des Kaisers, zu controliren, u. verpflichtet sind, jedes Chinesen Beschwerde zu hören u. zu untersuchen. Daneben gibt es noch in Peking ein ausschließlich aus Mandschu u. Mongolen gebildetes Tribunal für die unterworfenen u. Schutzstaaten, welchen CH. ihre eigene Verwaltung, Gesetze u. Sprache gelassen hat, Fremdenamt (Li- sang-juan) genannt. Für den Verkehr nnt den Europäern u. Entscheidung der mit diesen vor- iommenden Verhältnisse ist seit 1860 eine besondere Behörde errichtet. Bei der Abgeschlossenheit des Volkes u. den vielen absichtlichen Täuschungen den Fremden gegenüber ist es nicht möglich, ein vollkommen klares Bild von der Competenz dieser Behörden, wie von der der Institutionen, durch welche die Provinzen verwaltet werden, zu bekommen. Die oberste Verwaltung leiten 6 Vice- könige oder Generalgonvernenre (Tsung-tu), denen 2, bez. 3 Provinzen unterstellt sind. Sie stehen an der Spitze der Civil- u. Militärverwaltung, sind je nach Verhältnissen Mandschu oder Chinesen, werden gewöhnlich auf 3 Jahre ernannt u. sind in Civilangelegenheiten durch den Gouverneur, in Militärangclegenheiten durch den Obergeneral, gewöhnlich einen Mandschu, beschränkt, welcher im Vereine mit dem Provinzialschatzmeister (Pu-tsching- su) u. Provinzialrichter (Ngan-tscha-juan) den Rath des Vicekönigs bildet. Außerdem gibt es noch Jnspectoren für Ackerbau, Kanal- n. Postwesen, kaiserliche Manufacturen und Steuern, sowie eine s eigene Literaten-Provinzialbehörde für Staatsprüf- I ungen. Die Provinzen zerfallen wieder in Bezirke (Fu), diese in Districte (Tscheu), diese in Kreise (Hien). An der Spitze der Districte steht ein Tschi-tscheu, an der der Kreise ein Tschi-Hien. 1 Kleinere Städre u. Dörfer sind je nach 10 bis 100 Familien abgetheilt, welche ihre Vorsteher selbst erwählen; einzelne Orte haben erbliche Vorsteher, größere Städte nur kaiserliche Beamte. Außer diesen Staatsbehörden existirt noch eine Municipalverwaltnng: Familienhäupter (Kia- tschang) u. Gemeindebcamten (Pao-tsching u. Li- tschang), hervorragende Familienhäupter, theils gewählt, theils durch das Loos bestimmt, deren Wahl durch den Tschi-Hien bestätigt wird. Diese versammeln sich in den Tempeln, führen die Civil- u. Familienregister, Geburts- n. Bevölkernngs- listen, erheben die Abgaben, leiten die Käufe n. haben die Aufsicht über Localbauten u. Zunftwesen; Verlobungen u. Sterbefällc müssen bei ihnen angczeigt werden. Die Hauptstadt Peking besitzt keine Mnnicipalverfassung, sondern steht unter einer auf Staatskosten erhaltenen Militärpolizei. Im Grunde genommen, beruht die Macht u. das Ansehen der chines. Beamten auf moralischem Grunde, auf der uralten Tradition, daß ihnen, wie dem Familienhaupte, unbedingter Gehorsam gebühre; die physischen Zwangsmittel sind, bei der Geringfügigkeit der Militärmacht, sehr gering. Es ist der Bewunderung Werth, daß unter solchen Volksmassen durch geringen Aufwand seit Jahrhunderten Ruhe u. Ordnung gehalten werden konnte, anderseits die Consequenz auch nicht zu verkennen, daß in aufgeregten Zeiten dem Beamten gewöhnlich alle Macht entschwindet, daß Leben n. Eigenthum in CH. nicht in höchster Sicherheit stehen, daß ansrührerische Bewegungen in den einzelnen Theilen fast nie erlöschen. Zu der Verminderung der Autorität tragen vor Allem bei der beständige Wechsel der Beamten, die spärliche Besoldung, die sie zu willkürlichen Bestechungen n. Bedrückungen zwingt, ihre rechtlose Stellung gegenüber der Oberbehörde u. ihre Verantwortlichkeit für alle, auch von ihnen nicht gebilligten Maßregeln der Negierung u. unverschuldete Un- glllcksfälle: alles Verhältnisse, die den tausendjährigen Gehorsam gegen die als Familienhänpter angesehenen u. geehrten Oberen in den Gemächern des Volkes zu ersticken drohen. Die Anstcllnngs- fähigkeit zu Staatsdiensten beruht auf Staatsprüfungen; die Beamten gehen aus den drei gelehrten Graden hervor: Sien-tsai (blühendes Talent, etwa Baccalaurcus), Tschiu-jin (beförderter Mann, Licentiat), Tsin-se (verrückender Mann, Doctor); zu den höchsten Ehrenstetten berechtigt nur der Tsin-se-Grad; zu den Prüfungen werden alle Landeskinder ohne Rücksicht auf ihre Nationalität, Religion oder dergl. zngelassen. Den Prüfungen zum Sicu-tsai-Grade werden die vier Bücher (Sse-schn) u. der King (s. über beides Chinesische Literatur) zu Grunde gelegt; die für die höheren Grade umfassen auch Gesetzgebung, Geschichte, Geographie, Wasserbaukunde rc.; wer das Examen bestanden hat, erhält eine ausgezeichnete Tracht u. besonderen Gerichtsstand. Justiz. Die chines. Strafgesetzgebung ist sehr complicirt in Unterscheidung der einzelnen Fälle u. in vielen Bestimmungen, gemäß der eigenthüm- lichen Entwickelung des Volkes, von europäischen Anschauungen grundverschieden. Ob die That mit oder ohne Absicht geschehen, bildet ein Moment in der Beurtheilung des Falles; die Verbrechen gegen die Autorität der Familie gelten als die schwersten; Mord u. Todtschlag werden, bei der Gleichgiltigkeit gegen das einzelne Leben, für geringer angesehen, Aussetzung u. Tödtung schwächlicher Kinder ist vollkommen straflos; auch die Verbrechen gegen das Eigenthum unterliegen milderer Beurtheilung. Das Criminalverfahrcn ist öffentlich u. kurz, der Angeklagte ohne Vertheidiger, der Richter mir Einzelrichter; um Geständnisse zu 746 China (Finanzen, Miirtärwesen, geist. Entwickelung). erzwingen, werden die grausamsten Torturen angewandt, wie auch die Behandlung der Gefangenen von Unmenschlichkeiten strotzt. Die Strafen bestehen bei Beamten in Degradation, bei den übrigen in 10—100 Hieben mit einem Bambusstock (von gesetzlich bestimmter Dicke), außerdem Verbannung (dauernd u. zeitweilig) in eine entlegene Provinz, mit u. ohne Zwangsarbeit (die Familie des Verurtheilten darf ihn begleiten), Todesstrafe durch Enthauptung od. Erdrosselung od. die barbarische Art der Pfählung; Gefängniß- strafe gibt es nicht. Die Todesstrafe ist sehr häufig; die Köpfe der Euthaupteten werden zur Warnung häufig auf den Mauern der Städte aufgestellt. Die Europäer werden von ihren Con- snln abgeurtheilt. Das Civilverfahren ist kurz; die Streitigkeiten werden meist von den Familienhäuptern (Kia-tschang) geschlichtet. Eine Sammlung im Civilrechte geltender Vorschriften gibt cs noch nicht; das Strafgesetzbuch ist sehr alt u. wird häufigen Nachrevisionen unterworfen. Die Polizei zur Überwachung der öffentlichen Sicherheit, Bettelei, Feuersbrünste, öffentlichen Bauten rc. steht unter dem Tribunal der öffentlichen Arbeiten. Finanzen. Die Einnahmen des chines. Staates bestehen aus einer directen Grundsteuer, die theils in Geld, theils in Naturalien (hauptsächlich Reis) gezahlt wird, dem Salzmonopol, der Perleu- fischerei u. anderen fiscalischen Anstalten, einer Art Stcmpeltaxe bei Verträgen u. Verkaufen u. den Zöllen u. werden verschieden zu 360—1200 Will. Ll angegeben, ohne daß diese Zahlen irgend eine Gewähr bieten. Ebenso wenig ist über das Ertragnis) dieser Steuern im Einzelnen, wie über die Ausgaben etwas Genaues festzustelleu. Nur die Einnahmen der Zollbehörden in den für Fremde geöffneten Häfen werden seit 1861 regelmäßig veröffentlicht. Sie betrugen 1866—70 durchschnittlich 61,^ Mill. N, 1871 68,i, 1872 77,, u. 1873 72 Mill. Ll. Eine Staatsschuld existirt nicht; wie weit Einnahmen und Ausgaben balanciren, ob eine Ordnung der Finanzverwaltnng besteht, ist sehr zweifelhaft; die einzige geordnete Behörde ist das mit Europäern besetzte Jnspectorat der Seezölle, dessen Einnahmen sich in fortwährendem Steigen erhalten haben. Das Militärwesen ist ziemlich schlecht bestellt, seine innere Organisation wie das Exercitium trotz aller Neuerungen seit 1854 noch sehr mangelhaft; kriegerische Beschäftigung hat nie zu den Neigun- gen der Chinesen gehört, wenngleich es ihnen im gegebenen Falle an Mnth u. Todesverachtung nicht gebricht. Ein stehendes Heer hat CH. erst seit dem 7. Jahrh., früher wurden die Truppen nur für einen Feldzug ansgehoben u. nach dem Frieden wieder zu ihren Beschäftigungen entlassen; die Übungen beschränkten sich ans die Jagd. Die Truppen in den inneren Provinzen sind auch jetzt noch in einer traurigen Verfassung, schlecht besoldet u. schlecht uniformirt, die Infanterie mit Luntenflinten oder Lanzen, Bogen, Säbeln, Schilden, die Cavalerie mit Helmen, Panzern, Bogen und Pfeilen, Schilden (aus Flechtwerk, mit Figuren bemalt), Säbeln bewaffnet. Auch gibt es Artillerie, deren Kanonen jedoch durchschnittlich in keinem besseren,Zustande sind, als die Waffen der übrigen Truppengattungen. Wieweit die alte Heeres-, eintheilung noch in Wirklichkeit besteht, ist zweifelhaft; danach bestand das chines. Heer aus Mann 1. 24 Garde-Regimentern oder Bannern . 4 S chinesische Banner n 30 Comp. - - 9300 S. Linien-Trnppen (Truppen der grünen Fahne oder Ln-una>, deren jede der 18 Provinzen durchschaut!. 3S0ÜV Mann stellt 839M з. mongolischer Cavalerie (Freiwillige), welche nur im Kriegsfälle ausgchoben wird, angeblich. 30m Total. . . 700M außerdem die irreguläre Municipalgarde, auf mehr als 1 Mill. geschätzt. Die vielen Festungen, aus Angriffe mit Bogen u. Pfeil berechnet, meist ohne Geschütze, nur mit schwachen Mauern, Erdwällen и. Gräben umgeben, sind fast alle bedeutungslos. Die große Chinesische Mauer (s. d.), eine eigen- thümliche Vertheidigungsmaßregel an der NW- Grenze, ist seit der Vereinigung der Tatarei mit CH. ziemlich verfallen. Die Offiziere, in mehrere Grade eingethcilt, avanciren, wie beim Civil, nach Examina. Einzig einem etwaigen Angriffe von Europäern widerstandsfähig sind die von europäischen Lehrmeistern eingeübten Regimenter in der Nähe der großen Städte der östl. Küstenprovinzen, mit Remingtou-Gewehren ausgerüstet u. mit gezogenen Kanonen versehen, deren Zahl Geheimniß ist; ebenso sind die Küstenforts am Peiho, am Pekiang nach europäischer Manier angelegt u, mit schwerem Geschütze armirt. Für Hebung der früher ganz bedeutungslosen Marine werden bedeutende Anstrengungen gemacht; Arsenale in Tientsin, Schanghai u. Futschen sind angelegt, aus denen schon mehrere Kriegsdampser hervorgegangen sind. - Die geistige Entwickelung des chinesischen - Volkes zu begreifen, ist für den Standpunkt der abendländischen Nationen schwierig, insofern eines- ) theils ihre Abgeschlossenheit von der Berührung M u. der Beeinflussung durch fremde Völker und die iA Abwesenheit aller Katastrophen in der Geschichte ^ ihr den Anschein einer stets gleich bleibenden Ruhe gibt, anderseits die Eigenartigkeit der An- A schanungen u. Sitten, die Selbständigkeit der Ge- - Z' danken und Einrichtungen, verbunden mit den Schwierigkeiten der Beobachtung, den europäischen k.Z Beurtheiler oft zu vorgefaßten Meinungen und l z falschen Schlüffen geführt haben. Nicht vollständig ?! zutreffend ist die früher allgemein verbreitete An- sicht von der uralten, ohne jeden Fortschritt oder t; Wechsel sich gleich bleibenden Cultur dieses Volkes, ^ von der Erstarrung od. Versteinerung des Lebens ! ! überhaupt, wogegen die Verbreitung von drei Religionssvstemen, die Einführung neuer Cultur- gewächse (z. B. des Weinstockes, des Thees) u. Cul- l > turmethoden des Bodens, die Entstehung technischer S Fertigkeiten (z. B. Papierbereitung) in historischer l Zeit als Einwendungen sich erheben lassen. Gleich- wol gibt die Betrachtung der dortigen Verhältnisse ) einen von den europäischen vollständig verschie- denen Eindruck. CH. ist das Land, das schon i» ; .! uralter Zeit geordnete politische Einrichtungen, feststehende moralische Anschauungen u. sociale Gebräuche zeigt; so viele Umwälzungen die Staatslenkung erfahren hat, die Fundamente u. Stütz- 747 China (Geist. punkte aller politischen Einrichtungen und Ideen sind, ebenso wie sie von sremden Eroberern und Einflüssen nncrschüttert blieben, ganz abweichend von der Geschichte der europäischen Nationen, in den Tausenden von Jahren des Bestandes des Chinesischen Reiches auch im Inneren nie durchgreifend geändert worden und dieselben geblieben. Noch jetzt zeigen Sprache und Schrift denselben unveränderlichen Charakter, noch jetzt ruht die Staatsforin auf dem Fundament des patriachalischen Gehorsams gegen die Vorgesetzten als die oberen Häupter der Familie, zeigt die Religion denselben materialistischen Zug, wie dor 2600 Jahren. Aus diesem auch in dem Alter n. der Heiligkeit der Familieutradition sich zeigenden zähen Festhalten am Alten u. Ehrwürdigen läßt sich die Erscheinung erklären, daß die Chinesen, in technischen Künsten noch vor 1006 Jahren dem Abendlande weit überlegen, jetzt vou diesem jedoch darin weit überflügelt sind. Betrachtet man den durchschnittlichen Staudpunktdes Unterrichtswesens und der Bildung, so ist er, mit Rücksicht auf die ungeheure Bevölkerungsinasse, ein sehr hoher. Allgemein ist die Achtung vor Kenntnissen n. die Lernbegierde. Die Kenntniß des Lesens, Schreibens u. vorzüglich des Rechnens ist in CH. so allgemein, wie in den gebildetsten Ländern von Deutschland; Bücher sind in großer Menge und Auswahl über alle Theile des Landes verbreitet, n. selbst der niedrigste Handwerker, der einfachste Bauer ist im Stande, seine Rechnung selbst zu führen. Man rechnet an 2 Mill. Literaten, von denen der kleinste Theil in Staatsdienst steht und der größere als Hauslehrer lebt. Staatsschulen gibt es im Ganzen wenig, in Peking eine höhere Anstalt für Söhne verdienter Offiziere und vornehmer Mandschn und eine in neuerer Zeit gegründete Schule für fremde Wissenschaften (Tnng- weu-kuang), außerdem noch Collegien in verschiedenen größeren Städten u. Provinzial-Schulen (Hio-knng); der höhere Unterricht geschieht meist durch Privatschnlen u. Hauslehrer; der Unterricht in den Elementarschulen (Hio-kuan) dauert je nach den Mitteln der Eltern 1—4 Jahre; Armenschulen (I-Hio) existiren in großer Menge. Augenscheinlich geschieht in CH. auch viel für höhere Bildung; im I. 1874 studirten 160 chinesische junge Männer auf amerikanischen Instituten, u. es erhielt Jeder von ihnen jährl. 700 Doll, aus der kaiserlichen Kasse. Die Disciplin in den Schulen ist genau geregelt n. wird durch Belohnungen u. Strafen ausrechterhalten. Die Wissenschaften werden, wie erwähnt, durchgängig sehr hochgeschätzt; nur wer wirklich wissenschaftlich gebildet ist, hat Anspruch aus höhere Ämter u. das damit verbundene Ansehen; Beförderung durch Familientradition od. Protection kommt selten vor. Die Akademie (Han- b») zu Peking ist ein gelehrtes Coucil von mehr als 2gg Mitgliedern;'es hat die Encyklopädien (s. Chinesische Literatur) zu schreiben; die Vornehmsten davon sind Vorleser des Kaisers u. Erzieher der Prinzen. Für den weiblichen Unterricht geschieht dagegen sehr wenig; von 10,000 Frauen kann kaum eine lesen, noch schreiben. Ganz eigenartig ist die chinesische Schrift, die sich nicht bis Mm Bnchstabiren ausgebildet hat. Die chinesische Entwickelung). Literatur (s. d.) ist eine der reichsten der Welt. Die chinesische Sprache (s. d.) hat eine Anzahl verschiedener Dialekte; die öffentlichen Verhandlungen finden in der gebildeten Umgangssprache (Knan-Hoa) statt. Wol ist bei allgemeiner Betrachtung der Leistungen der chmcsischen Wissenschaft ins Auge zu fassen, daß sie ganz auf eigenen Füßen steht, was keine der abendländischen Nationen von sich rühmen kann; dagegen aber nicht zu vergessen, daß sie sich über eine gewisse Stufe nicht erhöhen hat. Abgesehen von den Resultaten im Einzelnen, ist der vollständige Mangel eines Eingehens in die Ursachen der Dinge, in den Zusammenhang der Erscheinungen, eines speculativen Forschens über die den Sinnen sich darbietende Welt die durchgreifende Differenz u. Inferiorität der chinesischen Geistesrichtung gegen die abendländische u. eine Hauptursache der langsamen Fortentwickelung der Nation, wenngleich sie die Nüchternheit befördert, den chinesischen Charakter vor jenen Ungeheuerlichkeiten phantastischer Ideen u. Bestrebungen in Literatur und Gesellschaft bewahrt hat, deren die Geschichte der anderen orientalischen n. nicht minder der occidentalischen Völker Beispiele genug bietet. Auch in den Künsten haben die Chinesen es nur bis zu einem gewissen Grade des Kunsthand- Werkes gebracht. Die Bildhauerkunst ist kleinlich u. bizarr; ihre Götzenbilder und Zierrathen an Tempeln, Brücken, Thürmen rc. sind geschmacklos; die Malerei kennt keine Perspective u. richtige Schattirung und verbindet mit Anwendung lebhafter brennender Farben eine ängstliche Sorge für das Detail. Hauptsächlich beliebt sind Bilder mit Wasserfarbe oder Tusche auf Seidenpapier. Die Baukunst arbeitet in Holz (Bambus) auf steinernen Unterlagen. Die Säulen sind rund oder eckig, nach oben zu verjüngt, 2H—m hoch. Statt des Capitäls gehen die Balken oben durch den Schaft und ruhen auf kleinen, oft mit Metall ». Elfenbein verzierten Kragsteinen. Man kennt in geringem Grade Bauten, die nicht praktischen Zwecken dienen; Tempel und Wohnhäuser (über ihre Bauart s. unten) sind die hervorragenden Typen chinesischer Städte. Mehrere Bauwerke, bes. älterer Zeit, sind bewunderungswürdig, so verschiedene Brücken (Lojang), Thürme (namentlich der jetzt eingestllrzte Porzellanthurm), die große Chinesische Mauer, der Kaiser-Kanal. Einfach u. natürlich ist die Gartenkunst. Musik u. Gesang sind lärmend u. unharmonisch; man hat viele Instrumente, bes. mehrere Arten von Trommeln, Glocken, Saiten- u. Blasinstrumente von Stein, Metall, Thon, Holz u. Bambus; der Gesang wird von Instrumenten begleitet, doch nicht im Accord, sondern ein Instrument folgt dem anderen in demselben Tone nach, zuweilen jedoch in der Octave. Sociale Zustände. Als ein Grundzng dnrch- drin^t das öffentliche sowol, als das private Leben der Chinesen die Achtung vor der Heiligkeit der Familie u. vor der Würde des Familienhauptes und der unbedingte Gehorsam gegen denselben. Diese Anschauung, wie sie sich einerseits in dem Werthe ausprägt, eine uralte Familientradition zu besitzen (u. es gibt in CH. Familien, die sich eines Stammbaumes vou 2000 Jahren rühmen), so anderseits in dem Wunsche der Aufrechterhaltung 748 China (sociale Zustände). und Vermehrung der Familie, woraus sich das durchschnittlich gute eheliche Leben, der reiche Kindersegen u. die dadurch bedingte Vermehrung des Volkes n. die geringere Werthachtnng der weiblichen Nachkommen erklären, obschon die Sitte der Aussetzung neugeborner Mädchen nicht so verbreitet ist, als gewöhnlich angenommen wird. Die Verlobung, die meist zwischen den Eltern abgeschlossen wird, findet oft im frühesten Kindesalter statt; die Verheirathnng bei den Männern mit 16—20 Jahren, den Mädchen vom 14. Jahre an. Polygamie ist nicht allgemein gebräuchlich; nur der Kaiser darf gesetzlich neben einer rechtmäßigen Gemahlin noch mehrere Frauen u. Favoritinnen halten (s. o.); auch die reicheren und vornehmeren Klaffen leben oft in Vielweiberei, wo indeß die Nebenfrauen eine gesetzliche Stellung nicht genießen. Leute gleichen Namens dürfen sich nicht heirathcn. Die Scheidung ist mit gegenseitiger Einwilligung gestattet. Die Frauen der Reichen wohnen in einem besonderen Theil des Hauses, wo sie sich mit Handarbeiten u. der Erziehung der Töchter beschäftigen. Sie essen nicht mit den Männern und treten nie in die Gesellschaft; je vornehmer dieselbe, desto weniger wird ihrer Erwähnung gcthan. Die Weiber der Armen gehen frei umher u. arbeiten. Die Erziehung beginnt frühzeitig; unbegrenzte Ehrfurcht gegen Eltern und Lehrer ist deren Grundprincip. Vom 10. Jahre an werden die Knaben von den Mädchen getrennt, jedes F-amilienglied lebt in steifem Ceremoniell abgeschlossen von den anderen. Der Namen haben die Chinesen mehrere: außer dem Familiennamen noch einen Beinamen, ferner einen für die Schulzeit, einen anderen bei der Hochzeit und bei jeder Veränderung im Staatsleben. Die Todtenbestattung geschieht in Gräbern, denen der Volksglaube unverletzliche Heiligkeit zu- theilt; bei Wohlhabenden mit vielen Ceremonien, z. B. zur Vertreibung der bösen Geister, in einem feierlichem Zuge. Die Kleidung der Leichen ist kostbar; Verzierung der Gräber ist durch die Familie geboten und geübt. Getrauert wird der Sitte nach 3 Jahre in weißer oder tiefblauer Farbe; doch kann diese Zeit abgekürzt werden. Im Ganzen dnrchdringt das ganze sociale Leben der Chinesen ein steifes Ceremoniell, das sich bei allen wichtigen Ereignissen des Lebens so- wol, wie im privaten Leben, bei Begrüßungen, Gastmälern rc. in einer Reihe genau vorgeschrie- bcner, den Europäer oft seltsam blinkender Gebräuche kundgibt, die kein Rang u. kein Reichthum anfheben können. Die Wohnungen sind sehr verschiedener Art. In den dicht bevölkerten Flußthä- lern, wo der Boden die Menschenmengen nicht mehr fassen zu können scheint, leben Tausende in kleinen Schiffen auf den Flüssen u. in den Häfen, od. aus Flößen, zugleich diese zur Stätte ihrer Beschäftigung machend, so daß z. B. in Kanton ein stark bevölkertes, aber sehr veränderliches u. nur mit Nachen zu besuchendes Flußqnarticr existirt. Sonst bewohnen die Einwohner der Dörfer (THUn, Tsching) schlechte, einstöckige, kümmerlich gedeckte u. geschlossene Hütlen; in Len Städten, welche Mauern, Thürme, Thore u. Gräben, meist breite Hauptstraßen mit Berkaufsloca- len u. Buden, regelmäßige, aber enge Nebengassen haben, bestehen die Wohnungen aus großen, weit, läufigen Gehöften mit mehreren aufeinanderfolgenden Häusern, welche aus Backsteinen n. Lehm gebaut vielfach bemalt, an Dachsäulen u. Hausthllren mit architektonischen Zierrathen geschmückt sind. In dem vordersten wohnt die Dienerschaft, im 2. der Hausherr, im 3. die Frauen; das Ganze ist von hohen Mauern eingeschloffen, an denen Buschwerk angepflanzt ist, bei Vornehmen u. Reichen daran noch meist sehr geschmackvolle Gärten. Die Wohn- Häuser selbst sind größtentheils ein- und nur bei Kaufleuten mehrstöckig; das vorlaufende, am Rande aufwärts gebogene Dach ist gewöhnlich mit grauen in vornehmen Häusern mit grünen, in den kaiserb Palästen mit gelben Ziegeln gedeckt; nach der Straße zu sind die Häuser mit Galerien umgeben, ohne Fenster, durch mehrere Thiiren verschlossen, mit einem Speisesaal u. vielen kleinen Zimmern, die alle in die Galerien ausgchen u. mit Tapeten n. seidenen Streifen ansgeklebt sind, aus welch letzteren Sinnsprüche geschrieben stehen; die Fen> sterschciben sind von Papier, Marienglas od. durchscheinenden Muscheln, davor Jalousien; Thiiren von wohlriechendem Holz, Fußböden von verschie- denfarbigem Marmor; geheizt werden sie durch s Gluthbecken. Das Mobiliar besteht aus sein lackirten Tischen, Bambusrohrstühlcn, prächtigen ' Porzellangefäßen, steinernen Divanen mit Polstern, ^ die, mit Pfannen geheizt u. mit Vorhängen umgeben, nachts als Schlasstätten dienen. Die Wohn- ringen der mittleren Stände sind ähnlich, aber nA mit weniger Aufwand eingerichtet, die der niederen Klassen sind armselige, aus Lehm gebaute, mit Stroh bedeckte u. mit Matten behangene Hütte». Kleidung und Moden. Die Chinesen trugen sonst lange Talare mit Ärmeln, welche fast den Boden berührten; seit der Herrschaft der Man- dschn ist jedoch deren Kleidung eingeführt worden; das Hemd von Baumwolle oder Seide (das nie gewaschen und nicht eher gewechselt wird, bis cs zerreißt), ärmellose Unterweste, enger, langer, an der rechten Seite offener Rock, weites, etwas kürzeres Oberkleid, dessen Ärmel nach den Fingern zu enger werden, je nach Vermögen oder Stand aus Seiden-, Wollen-, od. Banmwollenzeugen gefertigt, darüber ein Gürtel, woran ein Säbel od. langes Messer, 2 Elfenbeinstäbchen (die Stelle von Messer u. Gabel vertretend) und der Fächer getragen werden; seidene oder baumwollene Beinkleider u. Strümpfe, leinene, seidene od. lederne Stiefeln mit dicken Pappsohlen. Das Haar ist geschoren bis auf einen in einen Zopf geflochtenen Büschel (Pen-tse), dessen Länge und Dicke für eine besondere Zierde gilt u. dessen Verstümmelung aE j der größte Schimpf betrachtet wird. Bartlosigkeitj vor hohem Alter verlangt die allgemeine Sitte, daher das Rastren durchgängig üblich ist. Ans- j dem Kopfe wird ein kegelförmiger Hut von Bambus od. Stroh getragen, an welchem je nach dem> Range metallene Kügelchen hängen. Strümpfe! von Seide od. Baumwolle sind als Fußbekleidung! ganz allgemein verbreitet; Schuhe von seidenem! od. tuchenem Oberzeng u. lederner Sohle nur bei! den Reichen gebräuchlich; das gewöhnliche Volk entbehrt ihrer. Die Bekleidung durch weiße Wäsche ist durchgehend unbekannt. Die reicheren Chinesen! 749 China (Sociale Zustände). wechseln ihre Kleidung nach den 4 Jahreszeiten; im Winter tragen sie Pelzwerk. Die Kleidung der Frauen ist in der Form nur wenig von der der Männer verschieden, der Rock etwas kurzer, die Beinkleider über den Knöcheln zusammen- gebnnden; der Hanptunterschied besteht in der Farbe: grün, roth u. rosa die der Frauen; blau, violett u. schwarz die der Männer; gelb ist ausschließlich die Farbe des Kaisers u. der Prinzen. Die Haare werden von den Frauen unbedeckt getragen, n. zwar von den verheiratheten glatt gekämmt, mit Blumen u. Nadeln geschmückt, von den Jungfrauen geflochten, von Len jüngeren Mädchen fliegend; das Gesicht schminken sie weiß, Kinn u. Lippen roth, Augenbrauen schwarz. Eine seltsame Hauptzierde der Frauen bilden die kleinen Füße, die sie durch Verstümmelung von früher Jugend auf u. Einzwängen in hufartiges Schuhwerk zurechtstutzen. Als besonderes Zeichen von hohem Rang u. Reichthum gelten auch noch lange Nägel. Im Ganzen verräth das äußere Leben der Chinesen, selbst der wohlhabenderen, einen auffallenden Mangel an Comfort und vor Allem an Reinlichkeit. Die enorme Bevölkernngsziffer des nur zum dritten Theil fruchtbaren Landes hat als natürliche Folge gehabt, daß in Auswahl der Nahrung das chinesische Volk nichts weniger als wählerisch ist. Für die große Masse ist Alles, was nur genießbar ist, selbsthalbverfaulte Abfälle, Nahrungsmittel. Die relativ geringe Viehzucht macht einige Fleischarten kostspielig u. nur dem Vornehmen zugänglich, die Abwesenheit der Milchwirthschaft läßt dieseProducte des Landlebens ganzfehlen; überhaupt ist der Genuß des Rindfleisches, sei es wegen der werthvolleren Dienste dieser Thiere als Zugthiere, sei es durch den Einfluß der die Fleischnahrung verbietenden buddhistischen Religion, verhältniß- mäßig sparsam verbreitet; mehr gebräuchlich die Nahrung von Hämmeln u. Wild und besonders beliebt die von Schweinen, Enten u. Hühnern u. endlich Fischen, die das Meer und die Flüsse den daran wohnenden Menschen in reichlichstem Maße bieten. Die ärmere Bevölkerung zwingt der Mangel, auch solche Thiere nicht zu verschmähen, die nach europäischen Begriffen ekelhaft sind, wie: Hunde, Katzen, Natten, Schlangen, Würmer, ein Umstand, aus dem man das häufige Vorkommen des Bandwurmes u. ähnlicher Parasiten bei den Chinesin erklären will. Die ganz allgemeine Nahrung ist dir Reis, dessen Mißernte daher regelmäßig Hnn- gersnoth hervorruft; daneben Gemüse, Hülsen- snichte; ferner kennt man Nudeln aus Weizenmehl u. eigenthümliche Compositionen der Erbsen. Selbstverständlich richtet sich das größere oder geringere Vorwiegcn der einzelnen Nahrungsmittel »ach den localen Verhältnissen der einzelnen Provinzen. Von Getränken ist das gewöhnlichste der Thee, doch ist dieser bei ärmeren Leuten nicht viel Mhr als heißes Wasser, ferner Reisbranntwein, bissen Genuß in allen Bevölkerungsklaffen die Stelle des meist ungenießbaren Wassers vertritt; Wein wird von Vornehmen warm u. aus Tassen Ptrunkeiv Die Trunksucht ist ein diesem Volke "»bekanntes Laster; dagegen aber hat, trotz aller Mgenmaßregeln der Regierung, das verderbliche »> ruinirende Opinmrauchen in hohem Maße zugenommen (s. Einfuhr). Tabak wird seit d. 18. Jahrh. sowol zum Rauchen, als Kauen verwandt. Die Mahlzeit nimmt die chines. Familie auf Schemeln sitzend ein, statt Messer und Gabel sich elfenbeinerner Stäbchen bedienend. Bei den öffentlichen Gast- mälern, bei denen steife n. umständliche Ceremo- nien herrschen, ist die Zubereitung von Saucen u. Confitüren das Hervorragende der chines. Kochkunst, bei den Vornehmen werden oft eine Unzahl verschiedener Gerichte anfgetragen, deren Genuß der europ. Gaumen aber lieber entbehrt. Ein eigentlich gesellschaftliches Leben nach europ. Art kennen die Chinesen nicht, dagegen ist Liebe zu öffentlichen Festen einer ihrer Charakterzüge. Derartige sind das (durch den Buddhismus eingeführte) Laternenfest vom 15. bis 17. Tage des ersten Monats (also in unserem April), wo bunte Laternen von verschiedener Größe, Farbe u. Zeug vor den Häusern und in den Zimmern angezündet werden und die kostbar ausgeschlagenen und reich erleuchteten Gerichtslocale zum Eintritt offen stehen; das Mondfest am Vollmond des 8. Monats (also in unserem November), wo man Abends bei Mondschein kleine Kuchen, die man sich einige Tage zuvor zugeschickt hat, beim Klange musikalischer Instrumente im Freien verzehrt; ferner im Frühjahre das Ausführen einer irdenen Kuh in Procession, im Herbste das Umhertragen eines Mädchens auf einer mit Früchten belasteten Tafel; das Fischerfest, ein Wettkampf auf dem Wasser mit Musik; das Neujahrsfest u. a. Die Schauspiele sind theils Mummereien, wo z. B. das ganze Personal als Thiere verkleidet auftritt n. durch Geberden u. Töne die bezüglichen Thiere nachahmt; theils Marionettentheater, welche Märchen in der Weise des europäischen Mittelalters ausführen; theils wirkliche Theater, auf welchen Personen agiren. Diese letzteren treten meist nur in den Häusern Vornehmer auf. Die Schauspieler gelten für ehrlos; Frauen dürfen, seitdem der Kaiser Kien-lung eine Schauspielerin zur Gemahlin nahm, nicht mehr auf dem Theater auftreten-; gespielt wird während der Mahlzeit, wobei das Repertoire den Zuschauern zur Auswahl vorgc- legt wird. Die Vorstellungen währen halbe Tage lang, ein Schauspiel folgt ohne Unterbrechung auf das andere. Man hält auf glänzende Garderobe; der Vortrag, mit Tänzen untermischt, ist fast gesangartig; Decorationen n. Scenerie gibt es nicht. Öffentliche Häuser für Schauspiele u. musikalische Darstellungen, in sehr leichtem u. einfachem Stil gebaut, hat man in den nördlicheren u. östlicheren Provinzen des Reiches; in Peking sind zahlreiche Truppen von 10—12 Personen, die auch auf Privatbühnen der Vornehmen spielen. Da in den Schauspielen sehr häufig die obscönsten Zweideutigkeiten u. in der Action selbst die unzüchtigsten Handlungen u. Haltungen Vorkommen, so Pflegen Vornehme öffentlichen Aufführungen von Schauspielen nicht beizuwohnen. Vergnügungen der Volksmassen bietet das Zuschauen von Gaukler- kunststücken, Theilnahme an Hahnenkämpfen. Zu den Volksbelustigungen gehört das Steigenlassen von Papierdrachen (seit uralter Zeit allgemein verbreitet), Feuerwerke, in denen große Kunstfertigkeit entwickelt wird; groß ist die Freude au 750 China (Ackerbau mechanischen Spielereien, vorherrschend die Neigung zum Hazardspiel, mit Würfeln u. auf andere Arten. Auch das Schachspiel, wenngleich in von der indisch-europäischen sehr abweichender Form, wird seit alten Zeiten eifrig geübt. Die hervorragendste u. angesehenste Beschäftigung des chines. Volkes ist der Ackerbau, ebenso sehr geheiligt durch uralte Tradition u. religiöse Sitte, als unerläßlich zur Ernährung der Massen des Volkes. Nach altem Rechte gehört alles Land dem Kaiser, dem dafür eine bestimmte Abgabe entrichtet wird. Mit Ausnahme dieser u. der Strafbestimmung, daß der Nicht-Anban des Landes Entziehung des Besitzes nach sich führt, ist der Besitz des Einzelnen nicht beschränkt. Ein wesentliches Hinderniß für eine erhöhte Cultur ist die übertriebene Parcellirung des Landes, ebenso für die Entwickelung der Viehzucht. Hauptsächlich werden gebaut Reis, Roggen, Gerste, Buchweizen, Hafer, Hirse, Bataten, Kartoffeln, Hlllsenfrüchte, Rüben rc. Der Ertrag des Bodens ist ein verschiedener: durchschnittlich rechnet man die Reis- ernte auf 8 bis 10 pCt. vom Werthe des Grundstückes. Der Boden wird vorzugsweise mit Hacke u. Spaten, nur ausnahmsweise mit dem Pfluge bearbeitet; die Ackergeräthschaften sind roh u. unvollkommen; wo der Pflug angewandt wird, ist er sehr einfach, mit einer hölzernen od. eisernen Schar, n. wird von Ochsen oder Eseln gezogen; auch kennt u. benutzt man die Egge. Die Bewässerung geschieht durch eine große Anzahl überall hingeleiteter kleiner Kanäle, durch hydraulische Wasserpumpen u. Schöpfräder. Gedüngt wird, da bei der geringen Viehzucht der Stalldünger selten ist, mit allem möglichen Unrath u. Schlamm, mit menschlichen u. thierischen Excrementen, mit Wasserpflanzen u. faulenden Fischen; in der Anwendung u. Composition dieser Arten zeigen die Chinesen eine große Erfahrung n. Sorgfalt, bei der nichts unbenutzt bleibt oder verloren geht. Das Feld hat keine Furchen, die Saat wird in Reihen gesteckt. Die Wechselwirthschast ist nicht unbekannt, wenigstens baut man Korn u. Hülsen- frllchte in wechselnder Reihe. In den mittleren Provinzen (namentlich zwischen Jangtsekiaug und Hoangho) und im S. erntet man zweimal, im April u. September (Aussaat Anfang März u. Ende Juli); doch schlagen bei Überschwemmungen ob. Dürre bisweilen beide Ernten in einem Jahre fehl. Das Geerntete wird theils durch Thiere ausgetreten, theils mit Walzen oder Schlägeln ausgedroschen. Wiesencullur, ebenso wie Forst- wirthschaft sind den Chinesen unbekannt; unbedeutend der Obst- u. Weinbau. Große Sorgfalt wird auf dieCultivirung derTheepflanze verwandt; im S. baut man noch Zucker, Indigo, Baumwolle, Maulbeerbäume u. Kampher. Die Viehzucht steht, wie angedeutet, hinter dem Ackerbau bedeutend zurück; Äeiden sind selten, als Futter dient das Stroh der Korn- n. Hülsenfrüchte. Pferde sind klein u. mager, werden nie zum Ackerbau benutzt, sondern nur zum Staatsdienste oder Luxus gehalten u. auch da wegen des allgemein verbreiteten Gebrauches der Sänften höchst selten. Rindvieh (sehr kleine Race) n. Esel werden zum Pflügen, nicht zur Fleischgewinnnng, gebrauche , Industrie rc.). Schafe werden nur eingeführt (namentlich aus der Mongolei). Das Haupthausthier in CH. ist das kurzfüßige, hängebäuchige (vorzugsweise sogen, chinesische) Schwein, dessen man sich zur Fleisch. Nahrung bedient; außerdem hält man viel Geflügel, besonders Enten, u. brütet die Eier in Ösen aus. Bienenzucht war früher stärker; Jagd nur an u. in den Gebirgen des SW., W. u. NW.' an den Küsten, in Flüssen u. Seen ist reich; Fischerei, Krebs- u. Austernfang; künstliche Fischzucht wird in CH. stark betrieben; Perlenfischerei, namentlich im Meerbusen von Tonkin, in der Nähe der Insel Hainau. Die Seidenzucht ist in CH. einheimisch u. wird stark betrieben. Berg, bau auf edle Metalle wird bei dem scheinbar geringen Vorkommen wenig betrieben, mehr gräbt man nach dem weit verbreiteten Kupfer, Eisen, Zinn, Quecksilber, Blei, Arsenik n. Steinkohlen; auch bereitet nian Salz (anfänglich aus dem Seewasser, seit 620 n. Chr. durch, Austrocknen der Landseen) in großer Menge. Über das Hüttenwesen der Chinesen gibt es keine sicheren Nachrichten; die Amalgamirkunst kennen sie höchst wahrscheinlich nicht; doch müssen sie im Legiren sehr geschickt sein, da mehrere Metallmischungen das Silber in Klang u. Farbe ziemlich täuschend nachahmen. Es sind dies Mischungen theils aus Kupfer u. Arsenik, theils aus Kupfer, Zinn u. Stickel, aus denen die Chinesen ihre Gefäße bereiten u. die auch in Europa unter den genannten Namen od. als Weißkupfer (Ar§snb llaobs) häufig Vorkommen n. ursprünglich aus CH. bei uns eingeführt wurden. Gewerbethätigkeit, Kunst- jleiß u. Erfindungen. Die Seiden- u. Baumwollenweberei (Nanking) der Chinesen, ihre bis jetzt noch in Geheimniß gehüllte Lackbereitung, ihre Holz-, Elfenbein-, Stroh- u. durchsichtigen Horn-Arbeiten, seinen, weißen, bunten, vergoldeten u. versilberten Papierarten aus Bambus, der inneren Rinde des Papier-Maulbeerbaumes u. Baumwolle, ferner Glas, künstlichen Blumen, Porzellan, Feuerwerk, ihre Kunst zu färben, zu legiren rc. sind wahrhaft bewundernswerth. In der Seidenproduction übertrifft CH. alle Länder der Erde; ihre seidenen Gewebe sind vorzüglich, die Anwendung u. Ver- ! breitung derselben höchst mannigfach (Gewänder, Hemde, Strümpfe, Schuhe, Stiefeln, Mützen rc.); weniger geschickt sind sie im Bedrucken derselben. Die europäischen Wollenzeuge werden dagegen von den chinesischen nicht erreicht; die Tuchfabrikation > steht auf sehr niederer Stufe. Die chinesischen ^ Handwerker bilden besondere Vereine mit bestimm- ; ten Satzungen, Festlichkeiten u. dgl.; doch herrscht ^ vollständige Gewerbefreiheit, Recht der freien ^ Association u. freien Niederlassung; sie arbeiten i meist auf offener Straße, oder ziehen umher. Viele , Erfindungen waren den Chinesen früher bekannt, als den Europäern: Papier, Magnetnadel n. - Compaß bald n. Chr. Geb., ebenso das Schieß- ^ Pulver, das sie jedoch nur zu Feuerwerken be- l nutzen (ihre Schießwaffeu sind immer noch vor- ^ zugsweise Bogen), Bücherdruck (mit geschnittenen ; Holztafeln) Ende des 6. Jahrh. n. Chr., Druck ' mit beweglichen Typen Mitte des 11. Jahrh. n. Chr., ferner Glocken (wahrscheinlich durch den Buddhismus eingeführt), Schnellwage, Decimal- 751 China (Handel n. Verkehr). Mein, eine Rechnenmaschine, Kettenbrücken, Feuerspritzen, Artesische Brunnen, die Heizung n. Beleuchtung mit Gas. Doch bei allen diesen Erfindungen gelang es ihnen nicht, über eine gewisse Stufe geistiger Entwickelung hinauszukommen, auf der sie stehen geblieben sind. Angenommen haben sie von europäischen Erfindungen Teleskope, Mikroskope, Barometer, Uhren, Spieldosen u. a., ferner suchen sie neuerdings den Europäern in der Baukunst uachzuahmen; überhaupt sind sie im Nachahmen geschickt, weniger da, wo es ans eigenes tieferes Nachdenken u. mathematische Genauigkeit ankommt. Handel u. Verkehr. Bei der ungemeinen Borliebe der Chinesen für den Handel, verbunden mit ihrem unübertroffenen Geschick, läßt sich annehmen, daß CH. das erste Handelsland der Erde sein würde, wenn nicht einerseits seine politische Abgesperrtheit bestände, anderseits das Lrnd-Ver- Ichrswesen in einem Zustande der größten Verwahrlosung wäre u. drittens dort der Schiffbau aus einem äußerst niederen Standpunkt stände. Die unbehilflichen, unpraktischen Dschonken eignen sich nur für die Fluß-, bezw. Kanalschifffahrt u. den Kllstenverkehr. Letzterer ist dazu nicht sehr erheblich, von großer Bedeutung dagegen die erstgenannte, wie denn überhaupt der Binnenhandel äußerst lebhaft ist n. keine Stadt besteht, in der nicht regelmäßige Märkte stattfänden. Haupthandelsstraße ist der Jantsekiang mit dem nach N. abzweigenden (aber in Verfall begriffenen) Kaiser-Kanal, doch sind auch der Sikiang u. neuerdings der in Annam mündende Songka von Bedeutung. Nähere Nachrichten über den Umfang und die Hauptrichtungen des Landhandels fehlen jedoch bislang gänzlich. Anders verhält es sich mit dem auswärtigenSeehandel, von demnachfolgende Aufstellung ein ziemlich genaues Bild geben wird. Der Werth der Ein- u. Ausfuhr des auswärtigen Seehandels bezifferte sich während der Periode 1864—73, wie folgt: Einfuhr. Thlr. Ausfuhr. 1864 120,296,500 115,214,900 1866 160,786,100 119,812,200 1868 156,413,800 144,112,000 1870 156,064,000 132,245,300 1872 166,540,800 178,936,000 1873 163,842,100 165,420,800 Es liegt also die Erscheinung vor, daß die Ausfuhr einen nm 4 pCt. stärkeren Aufschwung genommen, als die Einfuhr. Die Ausfuhr ist aber bei dem ungeheuren Prodnctenreichthum des Landes gering zu nennen; sie wird, wenn erst alle Schranken gegen das Ausland gefallen sind, voraussichtlich einen ungeheuren Aufschwung nehmen u. die Einfuhr weit hinter sich lassen, besonders da dann auch die Prodnctionsfähigkeit des Landes mächtig angespornt wird u. eine große Anzahl von Einfuhrartikeln ganz oder theilweise wegfallen, wenn nicht geradezu sich in Ausfuhrartikel verwandeln werden. Die Haupteinfnhrartikel waren; 1872. Thlr. 1873. 58,667,000 61,924,200 Opium. Baumwollengespinnste u. Gewebe . . . Wollengewebe . . . Metalle. 54,201,600 45,610,100 9,562,600 12,684,800 7,703,500 6,621,800 Rohe Baumwolle Holz .... Kohlen . . . Reis .... Der Rest bestand 1872. Thlr. 1873. 4,635,200 4,580,000 2,914,100 2,826,700 2,621,800 1,931,000 2,331,700 3,072,000 größtentheils ans Zucker u. Glas. Die Ausfuhrwcrthe vertheilten sich, wie folgt: 1S72. Thlr. 1S73. Rohseide .... 60,697,600 61,867,000 Verarbeitete Seide . 5,898,700 5,192,500 Thee. Porzellan- n. Thon- 95,562,700 83,837,500 waaren .... 787,200 748,800 Zucker. 3,210,700 3,880,500 Cassia. 1,917,900 1,324,800 Verschiedenes . . . 10,861,200 8,569,700 Was die Länder betrifft, so behauptet Großbritannien sowol bei der Einfuhr, wie der Ausfuhr das entschiedenste Übergewicht, dergestalt zwar, daß es von jener 93"/o, von dieser 73"/„ einnimmt. Bei der Ausfuhr sind nächstdem am stärksten betheiligt die Vereinigten Staaten von NAmerika mit 10°/„, der europäische Continent mit Ausnahme von Rußland mit 5°/h>, Rußland u. Sibirien mit 3'///°, Australien mit 3°/„, Japan mit 2°/o rc. Der Schiffsverkehr wies 1873 auf: 15,381 Schisse mit 8,227,754 Tonnen; von letzteren entfielen auf die Dampfer 77°/g, auf die Segelschiffe 23°/o. Nach den einzelnen Flaggen waren die Schiffe: Britische Amerikanische Deutsche Chinesische Französische Siamesische Dänische Russische Schwedisch-Norw. Spanische Niederländische Verschiedene 6955 5001 1702 865 189 147 195 62 131 48 55 31 mit 3,645,557 T. „ 3,483,203 T. „ 492,033 T. „ 207,118 T. „ 151,233 T. „ 60,980 T. „ 51,448 T. „ 49,893 T. „ 29,368 T. „ 16,727 T. „ 12,368 T. 27,826 T. Der auswärtige Seehandel hat sich erst seit dem Vertrage von Nanking vom 26. Äug. 1842 entwickelt, in welchem den Engländern die Häfen Futschen, Ningpo, Shanghai, Tschekiang u. Amoy geöffnet wurden, nachdem vorher Kanton der einzige offene Hafen gewesen war. Außerdem erfuhren die Einfuhrzölle eine Normirung auf durchschnittlich 5"/o. Nach den Engländern schloffen die NAmerikaner einen Handelsvertrag, woraus der Reihe nach die handeltreibenden Nationen Europas nachfolgten, so daß jetzt 21 Häfen dem Verkehre ofienstchen. Regelmäßige Dampferverbindungen mit Europa werden nach Shanghai n. Hongkong durch die englische konmsulsr anck Orisnbal Oompan^ und die französischen AwssaAsriss maritimes über Alexandria (Suez-Kanal) unterhalten; außerdem reist man aber auch über New-Dork — Pacific- Bahn — San Francisco. Obwol der chinesische Ausfuhrhandel zum weit überwiegenden Theil auf den Seeweg angewiesen ist, so ist der Landweg keinesfalls ohne Bedeutung. Allerdings sind die Karawanenwege, die vor Entdeckung des Seeweges den Verkehr Ch-s nüt dem Abendlande vermittelten, durch die Ungunst der politischen Verhältnisse verödet; eine Straße 752 China (Handel u. Verkehr). führt von Baktrien über Kaschgar schon seit dem 8. Jahrh., ein Weg von Samarkand über Knldscha u. die Pässe des Thian-Schan durch die Wüste Gobi nach Peking, eine viel betretene Straße durch die Steppen am Ballhasch-See, aber in nördlicher Richtung ist die Handelsstraße über Maimatschin- Kiachta immer von Wichtigkeit gewesen u. hat in neuerer Zeit merklich an Bedeutung gewonnen, wie die Zahlenansweise darthun. Daß die Thee- ausfuhr zur See vom Jahre 1873 gegen 1872 von 1,774,663 ans 1,617,763 Pikul znrückgegangen, anstatt, wie bisher, zuzunchmen, ist vorerwähntem Umstande zuzuschreiben. Nach S. hin besteht ein Weg über Bhamo zum Jrawaddi, der durch die im Bau begriffene Jrawaddi-Bahn ohne Zweifel enorm gewinnen wird. Eine ehedem stark betretene Handelsstraße aus Tibet nach Indien hat der polit. Fanatismus der Chinesen seit lange gesperrt. Eisenbahnen bestehen z. Z. noch nicht in CH., doch werden Anstalten dazu getroffen, da Anfang Nov. 1875 ein Schiff voll Eisenbahn-Material u. Eisenbahnbau-Arbeitern von Manchester nach CH. abging, um dort die erste, circa 16 engl. Meilen (16 km) lange Eisenbahn zu bauen. Dieselbe wird die Stadt Shanghai mit dem Hafen-Vororte Woosung verbinden. Die enorme Bedeutung des Chines. Reiches für den Welthandel hat außerdem mehrere Projekte einer Schieneuverbindung mit Europa wachgerufen: eine russisch-deutsche Linie, die mit dem Ausgangspunkte, Nishnei-Nowgorod, die Verbindung mit Peking über Kiachta gewinnen soll; dann das englisch-indische Project, dessen Linie über Kleinasien u. Persien nach Indien zum Anschluß an die Jrawaddi-Bahn laufen würde. Beide Linien erklärt jedoch v. Richthofen für unausführbar u. bezeichnet eine vom Hoangho bei Singan über Barkul nach Kuldscha am Jli laufende Linie als diejenige, welche die alleinige Möglichkeit der Ausführbarkeit biete. Von dort aus würde sich diese Linie mit einer russischen Linie zu verbinden haben. Mit Japan steht CH. durch ein unterseeisches Kabel in Verbindung; ein zweites nach Californien steht im Project. Was die chinesische Post betrifft, so besteht sie fast ausschließlich für die Regierung, die officielle Corre- spondenz und der Privatbriefwechsel wird durch Commissionäre erhalten u. ist sehr unsicher. Die Verkehrsmittel zu Lande sind, wie erwähnt, in traurigem Zustande. Um den Chauffeebau kümmert sich der Staat nicht; die Landstraßen werden von freiwilligen Stiftungen u. Beiträgen erhalten. Weg- u. Kanalabgaben gibt es nicht; ebenso ist die Benutzung der Fähren unentgeltlich, zu letzteren gewährt die Regierung eine Beisteuer. Münzen, Maße u. Gewichte. Man rechnet nach Tael (Liang) zu 10 Mäß (Tsian, Tschun) ü 10 Landarm (Fen, Fun) ä 10 Kash (Li). Diese Eintheilung flilt zugleich als Grundlage für die Gewichtseintherlung. Geprägte Münzen in Gold oder Silber gibt es nicht. Große Zahlungen werden in Gold- u. Silberbarren geleistet. Zur Basis dient der Tael in Silber — 6 Ll 2V-> Pfg- oder 1 Gewichts-Tael reines Silber gegen 1 Rechnungs-Tael mit Agio. Der Feingehalt der Silberbarren wird nach Procenten (Toques) bestimmt: die gewöhnliche Feinheit ist 0,gi u. wird durch aufgedrückte Stempel bezeichnet; es gibt Barren von ^ bis 100 Tael ä 37,„ ? 16 Tael bilden 1 Katti. Gold ist nur Waare sein Preis ist durchschnittlich 22 Doll, für 1 Gewichts-Tael fein Gold. Bon wirklich geprägten Münzen existiren nur die Kash; sie sind ge- gossen, entweder aus reinem Kupfer, oder aus Kupfermischungen (namentlich mit Blei, Zink oi>. Arsenik), rund, in der Mitte mit einem 4eckigen Loch zum Anreihen u. mit erhabenem Rande; auf dem Avers 4 Schristzeichen, wovon 2 den Werth der Münze, die 2 anderen den Ehrennamen der Regierungsepoche, welcher sie angehören, bezeich. neu; der Revers ist auf den älteren Münzen meist leer, auf den neueren in Mandschuschrift der Werth ».Münzhof darauf. Beim Gebrauche werden sie gewöhnlich ans Draht oder Schnüren gereiht; ihr Cours schwankt von 800 bis 1800 aus den Tael. Das früher ausgegebene Regierungs- Papiergeld ist jetzt aufgehoben; für den Verkehr circuliren dagegen eine Menge den europäischen ähnlicher Noten der concessionirten Privatbanken. Buch u. Rechnung der in den 6 Häfen ansässigen Europäer wird gewöhnlich in spanischen Dollars gestellt, u. dann 72 Doll. — 100 Tael gerechnet. Maße: Längenmaße gibt es sehr verschiedene: a) das der Kaufleute: Tschih (Fuß) — 0,^ m zu lO Tsun ä 10 Fan; d) des Zollamtes der Tschih (mit der nämlichen Eintheilung) — 0,ggg m; v) der Feldmesser --- 0,g„ m; dann noch der Ban-, Schneider- rc. Fuß mit geringen Abweichungen; der Pu (Doppelschritt) ist — 1,-°^m; Tschang (Ruthe) — 3„«g m; Li (Meile) 0,^^ Icm; im Großhandel wird meist nach englischem Dard gerechnet. Feldmaß: King (Fn, Acker) zu 100 Muh ä b Tschi u. — 6,gi Ar. Getreidemaß: Sei (Scheffel — 122,„ I) zu 2 Hwo ä 10 Schiu (— 10,^ I). Flüssigkeiten werden im Innern gewogen, in de» Hafenstädten nach dem englischen Gallon vermessen. Gewichte: Handelsgewicht: der Pikul (Ctr.), zu 100 Katties (1 Katty — 604, 7 sg 8 ä 10 Tael). Gold- u. Silbergewicht 1 Tael (37, 2 ) zu 10 Tschih (Maß) ä 10 Fen (Landarm) ä 10 Li (Kash) ä 10 Si ä 10 Hoot, der Feingehalt nach Hunderttheilcn. Geschichte. I. Mythische Zeit. Das schon in früher Zeit hervortretendeBestreben einzelner chines. Herrscher, alle Thatsachen der Geschichte ihres Reiches in annalistischer Form aufzeichnen zu lassen, hat zur Folge gehabt, daß in einer fortlaufenden, bis in die älteste Zeit hinaufführenden Geschichtschreibung das chinesische von keinem anderen Volke der Welt erreicht wird; vgl. chinesische Literatur. Wie bei allen Völkern ist auch bei den Chinesen die älteste Geschichte in Dunkel gehüllt, dessen Aufhellung durch in mythischem Gewände erscheinende Personen und Ereignisse auch ihre Darsteller versucht haben; den sicheren Boden der thatsächlichen Geschichte betreten wir erst, als die staatliche Verfassung, die socialen Sitten u. Gebräuche, die Beschäftigung im Ganzen schon die Gestaltung angenommen hatten, die sie noch heute uns zeigen. Zur Erklärung der vorherliegenden Zeiträume bleibt uns nur die Vermuthuug übrig, daß in grauer Vorzeit ein Volk ungewisser Abstammung aus NW. in die Ebenen des jetzigen CH. eindran«. 753 China die Ureinwohner vernichtend od. in die Berge zurückdrängend, welches, schon früh unermüdlicher Thätigkett hingegcben u. durch strenge Gesetze zur Ordnung gezwungen, die Cultivirung der Ebenen mit dem günstigsten Erfolge betrieb u. in einer Zeit zu geregelten Verhältnissen gelangte, als die anderen historischen Völker meist noch nicht über die ersten Stufen menschlicher Cultur hinansgekom- men waren. Die chines. Geschichte theilt diese Errungenschaften mythischen Personen zu. Um von den drei himmlischen Herrschern hier abzusehen, macht sie zum eigentlichen Gründer des Reiches den Fo-Hi, den Sohn des Regenbogens, welcher die Viehzucht eingefllhrt, die Grundelemente der Astronomie gelehrt, die Ehe zur stehenden Institution erhoben u. die Bilderschrift erfunden haben, kurz, die ersten festen Formen des Reiches geschaffen haben soll. Von seinen Nachfolgern verdankt man Schnl-nung angeblich die Einführung des Ackerbaues., sowie die ersten Anfänge der Medicin, Hoang-ti die Erfindung der Waffen, Uhren, musikalischen u. nautischen Instrumente, von Münzen u. Gewichten, Ti-ku die Begründung der Schulen. Den Schluß dieser Regentenreihe, denen die Cultivirung des Landes u. Ordnung des Reiches zu verdanken sein sollen, bilden Jao (2357 v. Ehr.), ein Muster aller Tugenden, welcher.den Kalender verbessern, die Wälder lichten, die Überschwemmungen der Ströme durch Kanäle regeln, das Gesetzbuch reformiren ließ u. andere der Wohlfahrt des Reiches nützliche Maßregeln einführte, u. Schun (2255), ein ursprünglich armer Manu, den Jao schon 28 Jahre vorher zu seinem Mitregenten ernannt hatte. Auch er ließ sich bis zu seinem Tode (22t>8) Ernennung tüchtiger Beamten u. Ausführung der Gesetze angelegen sein. Die kaiserliche Residenz war damals in Kitschu. Bis in diese Zeit hinauf reichte die zusammenhängende Darstellung der chines. Geschichtschreiber; doch sind bei diesen sowol, als auch bei den beiden folgenden Dynastien die Thatsachen noch zu unzuverlässig, die Persönlichkeiten zu unbestimmt, als daß sie für historische betrachtet werden könnten. Sie dienen lediglich der Erklärung dafür, daß zu Anfang der Geschichte das chines. Volk schon in festgewurzelten Gebräuchen u. Institutionen lebte. Bemerkenswerth ist das Fehlen einer abgeschlossenen Priesterkaste bei dieser Entwickelung, was zugleich den Grund gibt, warum Religionskriege den Chinesen erspart geblieben sind. II. Alte Geschichte, 2207 v. Ehr. bis 263 n. Chr. L,) Die Dynastie Hia(2207—1765 v. Chr.). Der Güster dieser Dynastie, In, der schon 83 Jahre alt den Thron bestieg, regierte im Geiste seiner Borfahren fort u. erhielt den Beinamen Ta (der Große). Er ließ das Reich in 8 Theile theilen u. eine eherne Landkarte darüber anfertigen u. verband zuerst das Amt eines Hohenpriesters mit der kaiserlichen Würde. Ihm folgte 2197 sein Sohn Ti-ki, vom Volke u. den Mandarinen wegen seiner Weisheit einstimmig gewählt. Diesem folgte eine Reihe von Fürsten, welche die Typen des Lasters u. der zerrütteten Staatsverhältnisse darzustellen scheinen, bis auf Li-kue, den 1765 ein Ausstand, seiner Schandthaten halber, entthronte. Es folgte nun B) die Dynastie Schang (1766 Pierers Univcrsal-Conversations-Lexikcn. 6. Aull. I (Gesch.). bis 1122 v. Chr.). Tsching-tang, ihr Stifter, ein Muster von Frömmigkeit, hatte eine 7jährige Mißernte zu überstehen, die er erfolgreich bekämpfte. Nichts Bemerkenswerthes bietet die Geschichte seiner Nachfolger, deren Gewalt durch die sich steigernde Macht der Lehnsfürsten bis zum Schatten herab- gedrückt wurde u. deren Reich von Einfällen der südlichen Barbaren heimgesucht war. Puan-keng (1401-1373) verlegte die Residenz nach dem District Jin, woher die Dynastie diesen Namen erhielt; Wu-ting (1324—1265) erhob die Macht der Dynastie wieder in Etwas; endlich der Letzte, Tscheu-siu (1154—1123), geschildert als der Ausbund von Lasterhaftigkeit u. Bosbeit, wurde von einem tributären Fürsten, Wen-wang, entthront, mit dessen Sohne Wu-wang die folgende Dynastie, deren Kaiser alle den Titel Waug (Könige) führen u. mit der die eigentliche Geschichte Ch-s anhebt, den Thron bestieg. 0) Die Dynastie Tscheu (1122—249 v. Chr.). Wu-wang ist als der eigentliche Gesetzgeber Ch-s u. als der Wiederhersteller u. Begründer einer festen staatlichen Ordnung anzusehen. Er vertheilte die in Tscheu-sins Palaste gefundenen Schätze unter die Soldaten, schickte die unzähligen Weiber zu ihren Familien zurück, verlegte die Residenz nach Hao in Schen-si, brachte den Rang des Adels in Ordnung, dessen Gliedern er große Länderstrecken gab, u. machte seine u. seines Vorfahren Verwandte zu Statthaltern in den Pro- vinzen des Reiches. Dadurch aber rief er Unzufriedenheit bei den Beeinträchtigten hervor, u. diese erregten Empörungen, unter denen das Land viel zu leiden hatte. Sein Sohn Tsching-wang folgte ihm 1115 sehr jung, unter der Leitung seines Oheims Tscheu-kung; er war glücklich gegen die oft rebellirenden Anhänger der Schang-Dynastie u. führte das Metallgeld ein. Auch die Geschichte dieser Dynastie ist fast lediglich erfüllt von Kämpfen der Kaiser gegen die noch immer mächtigen Lehnsfürsten u. vergeblichen Versuchen, die Einheit des Reiches durchzuführcn. Sonst sind an historischen Ereignissen bemerkenswerth die Regierung von Mu-wang (1001—946) durch die zum ersten Mal auftreteudeu Einfälle der Tataren in die Kleine Bucharei (967), von Suen-wang (827—781) n. Jeu-wang (bis 770) durch immer erneute Raubzüge dieses Volkes, von Ling-wang (571—544) durch die unter ihr stattfindende Geburt des Kong-fu-tse (s. d.), von Hien-wang (368—320) durch den gleichzeitigen Philosophen Meng-tse (s. d.). Der letzte Kaiser war der unbedeutende Nan-wang (314—256), der von Tschao-siang, einem Fürsten der Tsin, entthront wurde. Dieser, ehe er noch seine Macht hinlänglich gegen die widerstrebenden Einzelsürsten befestigt hatte, starb schon 249 v. Chr. Es ist nicht möglich, ein anderes als allgemeines Bild der damaligen Verhältnisse Ch-s zu entwerfen; der Ackerbau war die Hauptbeschäftigung des Volkes, kriegerische Industrie u. Eigenschaften aber scheinen verbreiteter u. hervorragender gewesen zu sein, als jetzt; südlich vom Jantsekiang war die Macht der Herrscher, die im Gegentheil von den dort woh nenden Barbaren oft bedrängt wurden, noch nicht gedrungen, auch diesseits dieses Flusses durch die Bedeutung der tributpflichtigen Staaten sehr beschränkt. Von diesen sind als die bedeutendsten zu v. Band. 4 g 754 China (Gesch.). erwähnen: Lu, welches 250 v. Chr. von denen zu Tsu unterworfen ward; Tse bis 379, worauf es die Familie Ten-tse bis 221 v. Chr. beherrschte; Tsai, fiel 447 unter den von Tsu; Tfchin bis 478; Pen, lange mächtig, dauerte bis 222 v. Chr.; Tsin in Schanfi, welches A des ganzen Reiches ansmachte, dessen Fürst 255 die neue Kaiserdynastie Tsin gründete (s. unten); Tsu bis 223; Ke bis 445; Tsao bis 487; Wei dauerte am längsten unter allen, bis 209 v. Chr.; Sung dauerte bis 236 v. Chr. In späterer Zeit als die ebengenannten entstanden: 806—375 Tsching; 424—230 Han, kam später aus den Thron (s. unten); 408 bis 222 v. Chr. Tschao, von Tsin gestürzt. O) Die Dynastie Tsin (255—206 v. Chr.), deren erste Regenten die Befestigung des Thrones gegen die Macht der Vasallen durchzuführen sich bestrebten. In vollem Maße gelang dies Tsching-wang, von unechter Geburt (246—210 v. Chr.), einem Au- trokraten, gleich groß in guten u. bösen Eigenschaften, voll durchgreifender Energie in der Ausführung seiner Gedanken zur Ordnung des Landes, wie Grausamkeit gegen die Widerstrebenden. Sein erstes Werk war, sein Reich im Norden gegen die räuberischen Einfälle der Nachbarvölker zu schützen, indem er die große chinesische Mauer an der Grenze erbauen ließ. Die sonst im Norden noth- wendigm Streitkräfte zog er nun zusammen, um sich zum Herrn des ganzen Landes zu machen. Er unterwarf damit der Reihe nach die übrigen Fürsten, deren Familien er unter unerhörten Grausamkeiten meist ausrotten ließ, u. nahm nun den Titel Hoang (d. i. Kaiser) an u. nannte sich Schi (der Anfangende), so daß er nun den Namen Tsin- Schi-Hoang-ti führte. Er änderte die kaiserliche Farbe in Schwarz u. führte durch sein despotisches Regiment u. durch Eintheilung des Reiches in Provinzen die Möglichkeir einer festen Central- regiernng durch. Auf den Rath seines Ministers Li-sse 215 ließ er viele Bücher verbrennen, weil aus ihnen der alte, von Vielen zurückgewünschte Zustand des Reiches erkannt wurde. Auch soll er viele Gelehrte, weil sie an der Staatsordnung sest- hielten, zum Tode verdammt haben. Er st. 210, u. sein machtloser Sohn Ul-schi wurde schon nach wenigen Jahren von einem Feldherrn, Lieu-pang, entthront, mit dem D) die Dynastie Han auf den Thron kam (206 v. Chr.—220 od. 263 n. Chr.), u. zwar a) die Si-Han (d. i. westl. Han) bis 25 n. Chr. Nach einem Interregnum von 5 Jahren, welches die Kämpfe Lieu-pangs mit Hiang-ju, dem Feldherrn des Schattenkaisers Jti, ausfiillten, wurde der Erstere, gepriesen wegen seines ehrlichen und thatkrästigen Charakters, unter dem Namen Kao-tsu als Kaiser anerkannt. Er ordnete die Verwaltung des Reiches u. begünstigte die Lehre Kong-fu-tses, welche sich unter ihm u. seinen Nachfolgern über alle Theile des Reiches verbreitete. Unglückliche Kriege gegen die sein Reich plündernden Hinng-nu begleiteten seine Regierung, die von Zügen grausamer Undankbarkeit gegen seine Feldherren und Minister befleckt ist. Er starb 195 v. Chr. Ihm folgte sein ältester Sohn Hiao-hoei-ti (bis 188), für den, als zu jung, die Regierung von seiner Mutter Liu-Hei u. den Ministern geführt wurde; auch nach seinem Tode regierte sie für einen angeblichen Enkel (bis 180) weiter, die erste Frau, welche in CH. die Regierung führte. Wen«ti, ein unechter Sohn Kao-tsus, wurde ihr Nachfolger; er beförderte den Ackerbau u. stellte die alte Literatur wieder her; um die Einfälle der Hiung-nu zu hindern, versetzte er viele Chinesen an die Grenzen des Reiches. Außerdem ist seine Regierung durch die Einverleibung eines großen Landstriches südlich vom Jantsekiang bemerkenswerth. Seit seiner Zeit erhielt die Regierung jedes Kaisers einen besonderen Namen (Nien-Hao), welcher anfangs öfter, später selten geändert wurde u. welcher auch des Kaisers Regierungsname war, aber erst nach seinem Tode in die Reichsannalen kam. Einer der bedeutendsten Monarchen dieser Dynastie war seit 141 Wu-ti, ein Freund der Gelehrten (unter ihm lebte der große Historiker Ssema- tsian), mit einem glänzenden und prachtvollen Hoflager u. sehr verdient um die Beförderung der Wissenschaften. Nicht weniger groß steht er als Eroberer da. Die räuberischen Hiung-nu entfernte er durch geschickte Politik von den Grenzen seines Reiches, das er südlich vom Jantsekiang nach Jünnan, Kneitscheu, Tschekian, Fu- kian hin ausdehnte, zugleich seine Waffen nach dem fernen Korea im N. tragend u. im W. zuerst von den Schätzen Hindostans durch seinen Feldherrn Tschang-kian unterrichtet. Dagegen drohte die sich immer mehr vergrößernde Tao-Secte Mißstimmung gegen den Kaiser zu erregen, welcher die Anhänger derselben deshalb streng verfolgen ließ. Sein Lwhn u. Nachfolger (86—74 v. Chr.) Tschao-ti war einSchwächling; nach dessen Tode regierte sein Oheim bis 73, wo der jugendliche Suen-ti Kaiser wurde. Unter ihm wurden die Tataren, die unter seinen Vorfahren ungestraft das Land beunruhigt hatten, bis an die Wüste Gobi unterworfen. Er beförderte das Studium der klassischen Bücher u. ließ Com- mentare über dieselben schreiben, auch das Gesetzbuch abkürzen u. erläutern. In der Liebe zur Literatur war ihm sein Nachfolger Juen-ti (48 bis 32 v. Chr.) ähnlich, weniger erfolgreich aber im Kampfe gegen die, Landesfeinde. Kämpfe mit den Tataren, Hofcabalen und Palaststreitigkeiten (in der Zeit um Chr. Geburt regierte der ehrgeizige u. tüchtige Minister Wang-wang, der den Kaiser Jing-ti entthront hatte, aber 23 v. Chr. ermordet wurde) füllen die Regierung der nächsten Herrscher aus, unter denen allgemeine Anarchie das Reich zu ergreifen drohte, bis die Seitenlinie der b) Tay-Han (östliche Han, 25—220 n. Chr.) mit Kuang-wu-ti (25—58 n. Ehr.) zur Regierung kam. Schwere Kämpfe mit den Rebellen, mit den Tataren, deren Macht er durch Anstiftung innerer Fehden schwächte, u. mit Cochinchiua, dessen Abhängigkeit nur scheinbar blieb, füllen die Regierung dieses gebildeten u. tüchtigen Herrschers aus. Unter seinein Sohne Ming-ti (58—76) ging eine Deputation Mandarinen nach Hindostan, mit denen 65 der Buddhapriester Hoschang nach CH. kam. Der Kaiser ließ die mitgebrachten buddhistischen Schriften ins Chinesische übersetzen u. gestattete den Buddhisten freie Religionsllbung. Uebrigens beförderte Mmg-ri, ein großer Verehrer der Gelehrsamkeit, das Erziehungswesen u. errichtete viele Schulen, mußte aber das Reich oft 755 China ( von den Tataren verwüstet sehen. Ihm folgten Tschang-ti (76—89) u. Ho-ti (89—106), unter welchen durch den General Pan-tschao die Tataren vollständig geschlagen u. die chinesischen Waffen bis an das Kaspische Meer getragen wurden. Diese Eroberungen hatten daneben eine Bereicherung Eh-s mit fremden Culturgewächsen, namentlich mit dem Weinstock, zur Folge u. führten zu Verbesserungen des landwirthschaftlichen Betriebes. Wenig Erwähnenswerthes als innere Unruhen, Thronstreitigleiten, Hungersnoth bezeichnen die Regierung der folgenden Regenten, unter denen die Macht der Dynastie mehr und mehr verfiel. Unter Huan-ti (147—168 n. Chr.) sollen die ersten Fremden zur See nach CH. des Handels halber gedrungen, unter Ling-ti (168—189) eine wm. Gesandtschaftnach CH. (Serica) gekommen sein. Von 223 n. Chr. an fiel das Reich nach wiederholten inneren Zwisten vollständig ans einander; es regierten zu gleicher Zeit drei Dynastien: n)die Heu-Han- od. Schu-Han-Dynastie, die echten Nachfolger der Han (mit Tschao-lin u. Heu-ti bis 260); die chinesischen Historiker erkennen diese als die legitimen Kaiser an. Neben den Schu-Han behauptete sich noch b) die Wei - Dynastie (bis 264) in dem größten Theil des nördlichen CH., die in Lojang residirte u. von dem aufrührerischen Feldherrn Tschao-Pi (st. 226) gestiftet war; o) die Wn-Dynastie (bis 277), auch im nördlichen CH., gestiftet von Sun-kiuen, welche zu Nanking residirte. Diese Periode heißt in der chinesischen Geschichte: Die drei Staaten San-kuo. Die Geschichte in dieser Zeit ist berühmt n. vielfach romanhaft ausgeschmllckt durch die aufopferungsvollen Heldenthaten, welche von den Heerführern in den fortwährenden Kämpfen unter einander verrichtet wurden. III. Mittlere Geschichte, 260—1279 n. Chr. L) Die Dynastie Tzin (260—420). Sse-ma- jen, aus der kriegerischen Familie des Sse-ma-tschao, zum Fürsten von Tzin erhoben, riß zuerst die Macht der Han an sich, zerstörte 265 auch das Reich der Wei u. 277 das der Wu, wobei der Jantsekiang der Schauplatz großartiger See- od. Flußkämpfe wurde. Hieraus verfiel er, als Kaiser Wuti genannt, der Schwelgerei bis zu seinem Tode (290). Unter seinen Nachfolgern wiederholte sich das frühere Bildder chin. Geschichte: innere Unruhen, Einfälle der Hunnen, Thronstreitigkeiten; kraftlose Regenten, wie Juen-ti (318—322), die zur Bewältigung der Schwierigkeiten nicht die nöthige Energie besaßen, machten die Macht des Reiches sichtlich schwinden. Doch scheint die innere Wohlfahrt nicht in dem Maße, als anzunehmen wäre, gestört worden zu sein. Die in offene Kämpfe ausartende Rivalität der Kronfeldherren führte endlich zu offenem Ausruhr gegen die Dynastie, deren letzter Kaiser Ngan«ti 419 von dem Feldherr» Lin-ju, einem aus der untersten Volksklasse emporgekommeuen Manne, erwürgt n. dessen energischerer Bruder Koug-ti von demselben zur Abdankung gezwungen wurde. Von nun an beginnt die Zersplitterung des alten Reiches, da im N. eine Anzahl unabhängiger Fürstenrhümer (Wei, Tzin in Scheust, Jen bei dem jetzigen Peking, Liang in Kanin u. a.) sich gebildet hatten; nur (Gosch.). den südl. Theil konnte die neue Dynastie sich unterwerfen. 8. Die Zerspaltung des Reiches (ca. 420—590) a) Die Dynastie Song (420 bis 479), gestiftet von dem einsichtigen und that- kräftigen Lin-ju (als Kaiser Kao-tsu), der aber schon 422 starb. Sein zweiter Nachfolger, Wen-ti, erwehrte sich erfolgreich der Einfälle der nördlichen Fürsten u. zeigte sich als einen eifrigen Anhängers des Kong-su-tse, wogegen er die buddhistische Religion verfolgte. Blutige Grausamkeiten bezeichnen die Regierung der folgenden Kaiser dieser Dynastie, welche 479 der b) Dynastie Tsi (480 bis 502) Platz machten. Deren Regenten, an der Spitze Kao-ti, bieten nichts anderes Erwähnens- werthes, ebenso wenig die der o) Dynastie Liang (502—557) u. ä) der Dynastie Tschin (557 bis 589), als Kriege mit dem N., Palaststreitigkeiten, Empörungen. Bemerkenswerth ist der Stifter der dritten, Liang-wu-ti, der aus Überdruß sich in ein buddhistisches Kloster zurückzog, aus dem er nur mit Mühe auf den Thron zurückgeführt wurde. Soweit es sich beurtheilen läßt, war der Wohlstand des Volkes, die Blüthe des Ackerbaues in dieser Periode, bei aller Machtlosigkeit nach außen, in steigendem Zunehmen, vorzüglich nach S. hin, wie überhaupt die Verwaltung schon zu fest stand, um von den unaufhörlichen Thronstreitigkeiten berührt zu werden. Ein ferneres bedeutendes Er- eigniß ist die durch das ganze Land fortschreitende Verbreitung des Buddhismus, vorzüglich unter Len ihm wohlgesinnten Fürsten der Liang-Dynastie. Auch Nestorianische Christengemeinden finden in dieser Zeit zu entstehen an. 6)Nach der Wieder- ereinigung des Reiches. Die Dynastie Sui (ca. 590—618). Jang-kian, seit 581 Fürst von Sui, hatte sich nach n. nach die einzelnen Reiche des Nordens unterworfen u. vereinigte, indem er 589 den letzten Kaiser Hien»tschu in Nan-king entthronte, wieder das gesammte Reich unter seinem Scepter. Ebenso thatkrästig, wir er, war sein Sohn u. Nachfolger Jang-ti, ausgezeichnet durch noch jetzt bestehende Kanatbautcu u. Prachtgebäude in der Hauptstadt Lo-jang, sieg- reich in erobernden Kriegen gegen Birma und Korea, aber am Ende seines Lebens durch Ein- pörungen, vorzügl. des Generals Li-jnen, gestört, der ihn 617 ermordete, mit seinem Sohne Kong-ti 619 die Dynastie stürzte u. als Kaiser Kao-tsu v) die Dynastie Tang, (Thang 619 bis 907) gründete; er legte 626 zu Gunsten seines Sohnes Li-schi-min die Herrschaft nieder. Dieser, als Kaiser Tai-tsong, beschützte Künste u. Wissenschaften, gründete viele Schulen, ließ die Gesetzbücher revidiren, theilte das Reich in 10 Provinzen mit natürlichen Grenzen u. bekämpfte mit Glück die alten Landesfeinde, sowie die nen sich erhebende Macht der Türken; er st. 648 Unter ihm soll 636 der Nestorianer Olopwen nach CH. gekommen sein n. die Erlaubniß zur Gründung einer Kirche erhalten haben. Sein Sohn Kao-tsung lag in fortwährenden Kämpfen mit den Grenznachbarn u. dehnte den chinesischen Einfluß bis über Persien aus; er st. 684. Unter der Reihe von Nachfolgern finden sich, neben wenigen kräftigen Regenten, meist schwächliche Personen, deren Regierung nichts Erwähnenswerthes bietet; 48 * 756 China das Reich war in blühendem Zustande, allerseits wurde die Literatur gepflegt, reger Handel erzeugte reichlichen Wohlstand, und die 714 zuerst hierher dringenden arab. Seefahrer fanden dieselben Verhältnisse ungefähr wie 1000 Jahre später die Europäer. Zwei Kaiser dieser Dynastie (Hiuan-tsong (713—755) u. Wu-tsong s840—847s) sahen sich zu Gebenmaßregeln gegen das überwuchernde buddhistische Mönchswescu gezwungen. Im I. 905 endigte die Dynastie Tang mit der Ermordung Tschao-tsuugs durch den Fürsten Tschu-wan von Liaug, ».nachdem dessen von Tschu-wan auf den Thron gesetzter Sohn Tschao-si-nan-ti 907 zn Gunsten Tschu-wans restgnirt hatte. Er erhielt ein kleines Fürstenthum. L) Die fünf folgenden Dynastien heißen in der chinesischen Geschichte zusammen Heu-wu-tei, d. i. die fünf späteren Dynastien, weil sie mit früheren gleiche Namen haben: a) die Dynastie Heu-liang (907—923), gestiftet von Tschu-wan, dem eine vollständige Herrschaft zu gewinnen nicht gelang. Der Fürst von Tsin stiftete b) die Dynastie Heu-tang (923—936); er hieß als Kaiser Tschu-ang-tsnng. Ihm folgten Lurch seinen Adoptivsohn Ming-tsung, einem Tataren von Geburt, unter dessen weiser Negierung das Land wieder zu blühen anfing, mehrere Herrscher tatarischer Abkunft, deren Regierung nichts als Kampf gegen innere u. äußere Feinde ausweist. Schi-ki-tang, ein Mann von niederer Herkunft, wurde als Kao-tsu Kaiser und Stifter o) der Dynastie Heu-tzin (936—947), welche bald durch Kao-tsu gestürzt, den tatarischen Stifter der ä) Dynastie Heu-Han (947—950), welcher s) die Dynastie Heu-tscheu (950—960) folgte. Die fortwährenden Thronwechsel hatten die Herrschaft der Dynastie auf einen kleinen Bereich beschränkt. Die meisten Theile des Reiches standen unter einzelnen Fürsten, die ihre Unabhängigkeit gegen den Kaiser vertheidigten. Tschao-kuang-jin wurde als Tai-tsu Kaiser n. Stifter §) der Dynastie S ung (960—1279). Sein hauptsächliches Augenmerk war daraus gerichtet, die alten Grenzen des Reiches wiederherzustellen, die abgefallenen Fürsten zur Anerkennung der kaiserlichen Oberhoheit zu zwingen u. das Ansehen der kaiserlichen Macht wieder zu kräftigen. Es gelang ihm dies vollkommen, indem er nach einander die Districte Tschu, Han, Hiaugnan u. mehrere andere Provinzen dem Reiche unterwarf. Sein Bruder Tai- tsnng(977—997) versuchte vergebens, die Khitan- (Liao-)Tataren ans den Grenzen Ch-s zu vertreiben, u. sein Sohn Tsching-tsung (998—1022), ein durch Frömmigkeit ausgezeichneter Regent, mußte sogar den Tataren einen jährlichen Tribut zahlen, damit sie ihre Einfälle unterließen. Eine unter seiner Regierung vorgenommene Volkszählung ergab an 10 Mill. Familien im Reiche. Kämpfe mit den Tataren sind das Bemerkenswertheste der Regierung seiner Nachfolger; daneben bildete sich im NW. des Chines. Reiches eine neue Dynastie: Hia, die abwechselnd mit dem Kaiserhanse u. mit den Tataren gemeinschaftliche Sache machte u. erst von Dschingis-Kchan vernichtet wurde. Um den immer kühner werdenden Angriffen der Khi-tan ernstlich zu begegnen, verband sich Hoei-tsung (1100 —1125) mit den (Gesch.). Niütschi-Tataren (od. Kin), mit deren Hilfe auch die Khi-tan aufgerieben wurden; der Rest zog in die westliche Tatarei. Jndeß säumten die neuer Verbündeten nicht, die Rolle der Untergegangeneu zu übernehmen; sie nahmen nicht nur das Land der Khi-tan für sich, sondern überschwemmten auch die Provinzen Petschili und Scheust und drängten die chines. Kaiser mehr u. mehr nach S.; alles Land nördlich vom Jantsekiang wurde verloren. Friedlich u. segensreich war die Regierung vor Hiao-tsung (1162—1190), unter welchem der be< rühmte Commentator Tschu-Hi lebte. Niug-tsnng (1195 —1225) rief 1208 die Mongolen zu Hilse gegen die Kin; wol wurde die Vernichtung dieser erreicht, aber dem kriegerischen Anprall der Mongolenfürsten Dschingis - Khan, Oktai u. Knblai konnte das Chines. Reich nicht widerstehen: unter verhältnißmäßig geringem Widerstande sank die chines. Macht vor den fremden Eroberern zusammen; der Letzte der nur die Cultur nicht unverdienten Dynastie der Sung, Ti-ping, stürzte sich 1278 mit der kaiserlichen Familie ins Wasser; die Dynastie Juan, die erste fremde länger dauernde bestieg den chinesischen Thron. IV. China unter den Mongolen. Dynastie der Juan (1279—1368). Die Verfassung u. der innere Ausbau des Chinesischen Reiches, die Entwickelung des chinesischen Volkes zu einem einheitlichen Ganzen waren, trotz aller Kämpfe und trotz der Ohnmacht nach außen, in den verflossenen Perioden ihrer Geschichte schon zu einer solchen Höhe gelangt, daß der Mongolen-Herrscher Knblai- oder Chupilah-Khan, chinesisch Schi-tsu, an den Einrichtungen seiner neuen Unterthanen nichts zu ändern für gut fand. Er bewahrte daher und erneuerte das alte Verwalrungssystem des Reiches u. machte sich angelegentlich mit allen Zweigen desselben bekannt; eine von ihm ersonnene Neuerung, die Emission von Papiergeld in.l Zwaugscours, welche dem Lande starken Schaden verursachte, erklärt sich aus dem fortwährenden Geldmangel, den seine fortwährenden kriegerischen Unternehmungen und seine in den Bauten der neuen Hauptstadt Peking sich zeigende Prachtliebe herbeigeführt hatten. Daneben war er für innere Verbesserungen nicht unempfänglich; kostspielige Bauten regulirten die Überschwemmungen des Hoangho; seine Revision des Gesetzbuches übertraf bei Weitem die früheren, arabische Astronomen verbesserten den Kalender und erweiterten die Kunde des Himmels; in religiöser Beziehung g.'- nossen die Buddhisten besonderen Schutzes, Christen u. Mohammedaner wenigstens der Duldung; nur die rationalistischen Anhänger des Tao-Glanbeus wurden unterdrückt. Dennoch war die Regierung von fortwährenden Empörungen gestört. Erfolglos waren Kublais Eroberungszüge gegen Japan, wobei das stürmische Meer einer der größten Flotten, die je die Welt gesehen, und beinahe 100,000 ihrer Bemannung den Untergang brachte, ebenso gegen Java, wo die mongolische Armee vollständig vernichtet wurde; dagegen erkannte» Birma, Siam, Kambodscha damals die chinesische Oberhoheit an. Anschauliche Schilderungen deS Lebens in Peking gibt Marco Polo, der damals zu Lande nach LH. gekommen war. Dem ersten 757 China Mongolenfürsten folgte 1294 sein Enlel Timur (chinesisch Tsching-thung), weicher den Empörungen der Tataren- u. Mongolenfnrsten mit kräftiger Hand ein Ziel setzte; wohlwollenden Sinnes steuerte er mit allen Mitteln der Noth des Volkes; die ungeheure Anzahl der buddhistischen Bettelmönche beschränkte er durch Gewaltmaßrogeln und durch Besteuerung. Unter ihm kamen 1294, vom Papste Nikolaus IV. gesendet, die ersten katholischen Christen mit dem Minoriten Montecorvino nach Peking, welche jedoch, von den Nestorianischen Christen dem Kaiser verdächtigt, große Hindernisse fanden. Die Regierungen der folgenden Herrscher währten sämmtlich zu kurze Zeit, als daß sie Erfolgreiches für das Reich hätten unternehmen können; wie bei allen asiatischen Staaten, fing die Macht der Günstlinge an, die der Kaiser zu iiberwiegcn, ihre gegenseitigen Jntriguen und große Unglitckssälle, wie eine Hungersnoth 1342, versetzten das Land in Aufruhr. Der Chinese Tschn-juan-tschang, ein buddhistischer Mönch, stellte sich 1355 an die Spitze der Empörer in Kiangnan, vereinigte die unter sich uneinigen chinesischen Rebellenführer u. nahm Peking ein; er gewann die Zuneigung vieler Großen durch Klugheit unv Mäßigung, u. nachdem 1368 die Mongolen wieder nach der Tatarei gezogen waren, setzte er sich selbst auf den Thron u. wurde Stifter der Dynastie Ming. V. CH. unter der Dynastie Ming (1386 bis 1644). Tschu, als Kaiser Tai-tsong oder Hong-wn, mit der Residenz in Nanking, ordnete mit kräftiger Hand die ganz zerrütteten inneren Verhältnisse des Landes, unterwarf sich nach und nach die übrigen chinesischen Fürsten u. die mongolischen Häuptlinge u. stellte die alten Grenzen des Reiches wieder her. Ihm folgte 1398 sein Enkel Kien-wen-ti. Bald nach seiner Thronbesteigung erneuerten sich die Thronstreitigkeiten mit ^ seinen Oheimen, den Fürsten der einzelnen Pro- > vinzen; der Kaiser, von dem Fürsten von Jen, ^ Tschutai, 1403 entscheidend geschlagen, wurde gezwungen, in ein Kloster zu gehen; der Sieger bemächtigte sich des Thrones unter dem Namen Jong-lo (in der Ahnentafel heißt er Tai-tsong) u. verlegte die Residenz nach Peking. Der neue Herrscher, grausam aber thatkrästig, erwehrte sich mit Erfolg der Tataren, befestigte von Neuem die chinesische Herrschaft über Tonkin u. Cochinchina; >m Innern steuerte er vielen Mißbräuchen, namentlich dem Unwesen der buddhistischen Bettel- mönche. Unter seinen Nachfolgern berichtet die Geschichte wieder von Aufständen der Cochinchinesen, erfolgreichen Einfällen der Tataren, die 1450 den Kaiser Jing-tsung gefangen nahmen u. ein Jn- i terregnum von 7 Jahren herbeiführten, u. daraus entspringenden Verwirrungen im Lande; die Verwaltung des Reiches u. das Leben des Volkes, das unter Hiao-tsang (1487—1503) 53 Millionen Mlt, gingen ihren regelmäßigen Gang. Die mast der Dynastie fing an zu schwinden, Eunu- chenwirthschaft sich zu verbreiten; Empörungen der rchnsfürsien waren die natürliche Folge. Unter Schi-tsung (1522—1567), einem Dichterfreunde, machten die Mandschn ihre ersten Angriffe auf die chinesischen NProviuzen, wurden die Seedistricte (Gesch.). von den Japanesen geplündert u. machten sich unabhängig. Auch den folgenden Herrschern, Mu- tsnng (— 1572), Schin-tsung (— 1620) blieben schwere Kämpfe mit den Mandschn, die immer mehr in den NProvinzen (mit der Residenz in Schinjang, 1616) sich festsetzten, u. den Japanesen um Korea, 1592, aus dessen Besitz dieselben nur nach langen, wechselvollen Kämpfen vertrieben wurden, nicht erspart. In dieser Zeit fällt das erste Eindringen der Europäer zur See in die bis dahin ihnen so gut wie unbekannten Landstriche. 1516 segelte der Portugiese Peres d' Andrada von Malakka ab und erreichte 15. Aug. 1517 die Insel Tamao im Perlenflnsse unterhalb Kanton; 1520 wurde ihnen »erstattet, Handel zu treiben, 1553 gründeten sie Macao; mit ihnen zugleich kamen Missionäre, vor allen der Jesuit Matteo Ricci, der durch geschicktes Anpassen des christlichen Systems an chinesische Anschauungen sich viele Anhänger erwarb u. zuerst das Innere des Landes und 1600 Peking betreten durfte. Im Jahre 1604 kamen die Holländer mit 3 Schiffen nach CH., wurden aber mit ihren Handelswünschen ab- gewicsen. Unter Hi-tsung (1620—1627) erlitten 1622 dieselben unter Kaiserszoon, welcher den Handel mit CH. gewaltsam erzwingen sollte, durch die eifersüchtigen Portugiesen in Macao eine Niederlage, ließen sich aber, obgleich anfangs von den Chinesen sehr beunruhigt, auf einer der Ponga-Jnseln nieder, wofür sie später Formosa erhielten. Unter Hoai-tsuug (1627—1644) machten die Mandschu unter ihrem Khan Tai-tsung 1635 einen neuen Zug gegen CH.; zum Unglück waren im Lande selbst Empörungen ausgebrochen, welche eine kräftige Zurückweisung des Angriffes verhinderten. Räuber plünderten das Land, sammelten Armeen, boten dem Kaiser Trotz u. theil- ten das Reich unter sich. Der berühmteste jener Bandenführer Le-tse-tsching bemächtigte sich nach blutigen Kämpfen der Provinzen Honan und Scheust, tödtete alle Mandarinen u. erwarb sich dadurch, daß er dem Volke die Steuern erließ, die Zuneigung desselben; er wurde zum Kaiser ausgerufen, nahm alle Festungen bis Peking und eroberte 1644 diese Hauptstadt selbst durch Ver- rath eines Eunuchen. Der Kaiser Hoai-tsuug, von Allen verlassen, erdrosselte sich selbst; init ihm endigte die Dynastie Ming. Ein letzter Sprosse in Nanking konnte sich nur kurze Zeit halten. Während Le-tse-tsching Peking nahm u. den Kaiser stürzte, hatten die Mandschu ihre Macht immer weiter ausgedehnt, mehrere mongolische Stämme u. Korea unterworfen u. standen drohend an Ch-s NGrenze. Mit ihnen verband sich der chinesische Feldherr Wn-san-knei gegen Le-tse-tsching u. stürzte denselben; aber unvermögend, die Eindringlinge wieder zu entfernen, mußte er zulassen, daß sie sich in Peking festsetzten u. ihres Fürsten Sohn Schuu-tchi als Kaiser ausriefen, womit die Herrschaft der Fremden über CH. bestätigt war. Das schon bedeutend ausgebreitete Christenthum litt unter diesen Kämpfen sehr und wurde aus den NProvinzen wieder ganz verdrängt nach dem S., in welchem es dann in der folgenden Zeit immer mehr abnahm. VI. China unter der Mandschu-Dyna- 758 Cuiiia stie oder der Dynastie Tai-tsing, 1645 bis jetzt. ^.) Bis zu den Händeln mit England, 1645—1828. Schun-tschi war zu Antritt seiner Regierung erst 7 Jahre alt; sein Oheim n. Vormund Ama-wang suchte ihm die Chinesen zu gewinnen, indem er mild regierte, sich meist nach chinesischen Gebräuchen richtete und die einheimischen Mandarinen in ihren Ämtern ließ. Zahllos waren die Schaaren der nach CH. strömenden Mandschu, und trotz verzweifelten Widerstandes der Bevölkerung machten sie sich allmählich bis 1651 zu Herren des ganzen Landes. Am meisten erbitterte die Chinesen der Befehl, daß sie auf tatarische Weise das Haar scheeren u. sich kleiden sollten. 1651 übernahm Schun- tschi nach dem Tode Ama-wangs die Regierung selbst; gutmüthigen Charakters, Freund der Wissenschaften, Schüler des einflußreichen, zu den höchsten Ehrenstellen beförderten Jesuiten Adam Schall, war der Kaiser den Fremden nicht abgeneigt; den Portugiesen wurde der Handel unter der Bedingung, die Oberherrschaft des Kaisers anzuerkennen, gewährleistet, den Russen 1655 gestattet, eine Karawane jährlich nach Peking zu senden; allein die holländische Gesandtschaft 1654 blieb resnltatlos. Schun-tschi starb 1661; ihm folgte sein Sohn Kang-Hi (eigentlich Schin-tsn). Die Mandarinen setzten eine' aus 4 Mitgliedern aus ihrer Mitte bestehende Regentschaft ein, deren erstes Werk war, die Verschnittenen sogleich vom Hose zu vertreiben u. ein Gesetz zu erlassen, daß Verschnittene nie mehr zu Staatsdiensten zugelassen würden. Im Lande herrschte jetzt Friede; nur die Küstenstaaten wurden immer von Seeräubern beunruhigt und ausgeplündert. Um dem zu begegnen, gab die Regentschaft den unsinnigen Befehl, daß sich alle Küstenbewohner nach Verwüstung ihres Landes ins Innere des Landes zurückziehen sollten. Nebenbei wurden die Europäer, besonders die Missionäre, hart bedrückt. Noch im jugendlichen Alter übernahm der Kaiser selbst die Regierung; durch schnelle Unterdrückung der Empörungen befestigte er in kurzer Zeit den wankeuden Thron der Mandschu, bändigte die feindlichen Mongolen, eroberte 1683 Formosa, von wo die Holländer verdrängt wurden. 1688 wurde Friede mit den Russen geschloffen, mit denen die Chinesen seit 1684 wegen Grenzstreitigkeiten Krieg geführt hatten; 1721 wurden die Kalmücken u. Kalka dauernd der chinesischen Oberhoheit unterthänig und Tibet mit seinem ungeheuren geistlichen Einflüsse zur Anerkennung der Herrschaft von CH. gezwungen. Ein geborener Heerführer, war Kang-Hi nicht weniger durch friedliche Eigenschaften hervorragend ; er bereiste oft seine Provinzen u. ließ diesellicn von Europäern aufnehmen und Karten entwerfen; er verringerte die Abgaben u. verbesserte die Finanzen; er liebte die Wissenschaften u. schrieb selbst eine Abhandlung in der Mandschu- sprache in der Geometrie; er gründete Collegien u. Schulen, beförderte die Sprachstudien, ließ ein chinesisches und ein Mandschu-Wörterbuch, unter Beihilfe der Jesuiten Werke über Anatomie, Me- dicin, Physik, Philosophie re. herausgeben, in Peking ein Laboratorium anlegen u. das Observatorium besser einrichten; am meisten Vergnügen (Gesch.). ssand er in dem Umgänge mit dem Jesuiten Per- biest u. den französischen Missionären Gcrbillo» u. Bouret. Bereits 1671 gab er den Christen, welche die Regentschaft grausam verfolgt hatte, ihre Kirchen zurück, gegen Ende seiner Regierung zählte man schon 70 Jesuiten in seinem Reiche und die Anhänger des Christenthums nach Mil- lionen, aller Orten, selbst in Peking, prachtvolle Kirchen. 1720 kam ein Handelsvertrag mit Frankreich zu Stande. Auch die Engländer setzten sich zu dieser Zeit an der Küste bei Amoy fest. Furcht- bare Naturereignisse, Erdbeben in Peking 1674, erfüllten seine Regierung. Kang-Hi starb 1722. Die erste Regierungshandlung seines Sohnes u. Nachfolgers Jung-lsching (Schi-tsung) war die Vertreibung der christlichen Missionäre, wegen der unter ihnen ausgebrochenen Streitigkeiten, aus allen Schulen des Reiches, nur einige behielt er am Hofe. Jung-tsching war ein guter Fürst, er unterstützte die von Mißwachs heimgesuchten südlichen Provinzen u. die durch ein Erdbeben be< schädigten Einwohner von Petschili, beförderte den Ackerbau und begünstigte gelehrte Mandarinen. Seinen Ruhm befleckte er jedoch durch grausame Verfolgung eines Zweiges seiner Familie; er st. schon 1735; kein Krieg u. keine Rebellion hatte» seine Regierung beunruhigt. Eifriger Anhänger des alten Chinesenthums, stellte er die alte Cere- monie des Pflugführens durch den Kaiser wieder her u. beschränkte den Verkehr mit den Fremden sowol, als die Thätigkeit der Missionare trotz aller Gesandtschaften. Unter ihm fingen der Genuß des Tabaks reißend schnell u. langsamer das Laster der Opiumrauchens sich zu verbreiten an. Ihm folgte 1736 der älteste seiner illegitimen Söhne, Kien-lung (Kao-tsung). Siegreich im S. gegen die aufrührerischen Mongolen, so daß die chinesische Herrschaft bis zur Kirgisen«Steppe u. in die Kleine Bucharei über die Mohammedaner in Kaschgar sich ausdehnte, verlor er 1767 durch einen unglücklichen Feldzug die Herrschaft über Birma u. behauptete nur mit großen Anstrengungen die über Tibet. Die Christen wurden hart verfolgt, weil sie im Verdachte standen, an einer großen Verschwörung theilgenommen zu haben. Überhaupt ergingen 1746—1773 schwere Christenver- solgnngen, hauptsächlich durch die Mandarinen der einzelnen Provinzen, durch die Streitigkeiten der Missionäre unter einander befördert, so daß die Zahl der eingeborenen Christen sich merklich verminderte. Auch die Verschwörung der Pi-lien-kiao (Secte der Wasserlilie) wurde entdeckt. Nach Co- chinchina schickte Kien-lung 1789 eine Armee gegen den Usurpator Longn-Hung, die aber von demselben vernichtet wurde (s. Annam, Gesch.). 17SS empörte sich Formosa, wo jedoch die Ruhe wiederhergestellt wurde. 1797 unterwarfen sich auch die in die westlichen Gebirge zurückgedrängten, bis jetzt unbesiegten Urbewohner, die Miao-tse, dem Throne des Kaisers; nachdem 1792 Nepal sich zur Tributzahlnng verstanden hatte. 1793 kamen Engländer (Lord Macartney) u. Holländer (van Braan) nach Peking, um den Kaiser wegen seiner langen Negierung zu beglückwünschen, ohne jedoch die gewünschten Handelsprivilegien zu erhalte». 1798wurdeein Vertragmitden Russen abgeschlossen, 759 China (Gcsch.). wodurch diesen, die aus Peking u. 1764 auch aus Kiachta entfernt worden waren, der Handelsverkehr an dem letzteren Orte wieder erlaubt wurde. Doch hörten die Streitigkeiten u. Störungen desselben nicht auf. Kien-lnng besuchte nur selten die Provinzen u. verließ Peking nur, um zu jagen; auch am Kriege nahm er nie persönlich An- theil; er war gerecht, aber auch grausam; schrieb in Versen u. in Prosa, beförderte die Literatur u. legte 4 schätzbare Bibliotheken an; auch gab er mehrere ältere Bücher von Neuem heraus. Nachdem er 60 Jahre regiert hatte, legte er 1796 zu Gunsten seines 5. Sohnes Kia-king die Regierung nieder u. starb 1799 im 88. Lebensjahre. Kia-king besaß alle Fehler, aber keine einzige Tugend seines Vaters; um das Reich u. die Regierung kümmerte er sich gar nicht, sondern führte ein ausschweifendes Leben u. ein grausames, despotisches Regiment. Eine lange verbreitete Verschwörung wurde 1803 grausam unterdrückt. Gegen die allen Verkehr störende Piraterie vermochte die kaiserliche Flotte, selbst mit Hilfe der Europäer, nichts auszurichtcn; erst die Uneinigkeit der Führer Tsching-ji und Pao stellte in Etwas die Ordnung her. Sämmtliche Kllstenstädte wurden geplündert, sogar Peking u. der Palast des Kaisers waren bedroht. 1815 erfolgte die gänzliche Verbannung der Katholiken, deren Verfolgung u. Ausrottung 1811 begonnen hatte, u. Schließung ihrer Kirchen. Unter Kia-king kam 1807 Morrison, der erste protestantische Missionär, nach Kanton, der auch zuerst die Bibel ins Chinesische übersetzte u. welchem 1817 Milne nach CH. folgte, der mit Morrison das Anglo-Chinesische Collegium in Malakka gründete, worin junge Chinesen und Engländer in den gegenseitigen Sprachen unterrichtet wurden. Der Handel mit den Ausländern, namentlich den Russen, u. Amerikanern nahm, aller Störungen ungeachtet, in dieser Zeit einen nicht unbeträchtlichen Aufschwung. Kia-king starb nach einer unruhigen Regierung 1820, u. ihm folgte 1821 sein 2. Sohn Tao-kuang, ein friedliebender Mann, unter dem die Autorität des Kaisers mehr u. mehr zu einer ideellen sank, die reelle Leitung der Staatsangelegenheiten den Händen der Mandarinen anheimfiel. Der Aufruhr im Innern wüthete lange fort: Empörungen der Mohammedaner, der Miao-tse, der Formosauer mußten bekämpft werden, auch wurde das Reich unter ihm durch Überschwemmungen, Erdbeben u. Mißwachs heimgesucht. Das Christenthum machte nach wie vor wenig Fortschritte in CH.; denn die Schüler der Missionäre setzten sich harten Verfolgungen aus. Bemerkenswerth vor Allem ist aber die Regierung dieses Kaisers durch die ersten ernstlichen Verwickelungen mit Europa. L. Die Händel mit England. Die Engländer, die schon 1596 eine indeß verunglückte Expedition nach CH. sendeten, konnten erst gegen Ende des 17. Jahrh. festen Fuß mit ihrem Handel lassen. Die Gesandtschaft 1793 (s. oben) stimmte den Hof zu Peking wenigstens freundlicher gegen sid. Da aber die Opiumeinfnhr aus Ostindien aus eine bedenkliche Weise znuahm, so erließ der Kaiser strenge Verbote dagegen. 1808 besetzten die Briten Macao, mußten aber die Stadt bald wieder räumen. Der Handel wurde seitdem mehr u. mehr beschränkt, und eine Gesandtschaft unter Lord Amherst, 1816 nach Peking geschickt, blieb resultatlos. Seit 1823 wurde zwar der Opiumhandel erneuert, doch erließ der Vicekönig von Kanton 1828 ein strenges Verbot gegen den ge- sundheirs- u. sittengefährlichen Genuß dieses Giftes, u. der Handel wurde von den Engländern aus Mangel an Absatz eine Zeit lang eingestellt. Ge- waltthätigkeiten gegen die englische Factorei in Kanton u. gegen solche Chinesen, die mit den Engländern in Verbindung standen, veranlaßen die Engländer, 1831 mehrere Kriegsschiffe dorthin zu schicken, ohne daß es jedoch zu Feindseligkeiten kam. Ein neuer Streit entstand 1834, wo Lord Napier als erster Bevollmächtigter Englands nach Kanton ging und sich daselbst niederlassen wollte, ohne dazu vom Kaiser oder vom Vicekönig die Erlaubniß zu haben. Alle Chinesen mußten ihre englischen Herren verlassen, der Handel wurde gesperrt, und Lord Napier mußte die Stadt verlassen. Unterdeß wurde Opium in immer steigender Menge durch Schmuggler zur See eingeführt, die bewaffnet die chinesischen Regierungsschiffe bekämpften; trotz aller Edicte, welche auf das Opiumrauchen barbarische Strafen setzten, wurde der Genuß immer allgemeiner u. die Ausfuhr der Gelder, die hauptsächlichste Besorgniß der chinesischen Behörden, naturgemäß immer größer. Anfangs 1839 wurde Linse-tsieu, Gouverneur von Hu°kuang, mit außerordentlicher Vollmacht nach Kanton geschickt und erließ daselbst 13. März 1839 ein Edict, daß alle Opinmkisten ohne Weiteres ausgeliefert werden sollten. Zugleich wurden Truppen in Kanton zusammengezogen und zahlreiche Boote im Tigerfluß stationirt, so daß die Fremden in der Factorei eingeschlossen waren. Der englische Bevollmächtigte Elliot protestirte vergeblich gegen das Edict; die Maßregeln der Chinesen wurden verschärft, und er sah sich in die mißliche Lage versetzt, 27. März die englischen Kaufleute aufzuforderu, ihr sämmtliches Opium an die chinesischen Behörden auszuliesern. Außerdem wurde aller Handelverkehr bis zum Austrag der Sache sistirt. 20,283 Kisten Opium wurden ausgeliefert, und das ganze Quantum (gegen 4 Mill. Psd. St. Werth) in einen Wasserbehälter geschüttet u., um den Genuß ganz unmöglich zu machen, mit Salz u. Kalk vermengt. Einen zweiten Streitpunkt führte die Tödtung eines Chinesen durch englische Matrosen herbei, worauf die Chinesen mit Repressalien drohten u. die Engländer zur Flucht von Macao auf die Schiffe zwangen. Am 4. Sept. kam es schon in der Bai von Haoling, wo der englische Admiral Elliot Lebensmittel einnehmen wollte, zu Feindseligkeiten, ani 7. September wurde ein Angriff der chinesischen Kricgsdschonken bei Tschuenpi mit Verlust zurückgeschlagen; weitere Verhandlungen zur Wiederherstellung des Verkehres blieben ohne Erfolg, derselbe wurde sogar den Neutralen gesperrt. Anfang 1840 wurden sämnnliche Europäer aus dem Lande gewiesen; die Ausrüstung einer Flotte und der Marsch eines chinesischen Heeres nach Macao unter Jih chczeugten, daß ein ernstlicher Krieg gegen die Europäer in der Absicht 760 China (Gcsch.). lag. Inzwischen hatte England an CH. den Krieg erklärt, u. 28. Juni langte eine englische Flotte vor Kanton an und begann sofort mit 3 Schiffen die Blokade des Flusses. Macao wurde für neutral erklärt. Am 5. Juli wurde die Insel Tschn-san von Capitän Bremer genommen u. am 6. Juli die Hauptstadt derselben, Tinghi, besetzt; Elliot beschoß Amoy u. vernichtete die Festungs werke des Hauptortes der Insel, segelte dann nach dem Golfe von Petschili und fuhr 11. Aug. in den Peiho ein, um in die Nähe der Hauptstadt zu kommen u. die Übergabe seiner Depeschen an den Kaiser zu erzwingen. Es gelang, u. der Kaiser beorderte 3 Mandarinen, um mit den Engländern Unterhandlungen zu eröffnen (welche auch vom 27. Aug. bis 15. September gepflogen wurden), versprach auch einen Abgeordneten nach Kanton zu senden, welcher dort mit Elliot verhandeln sollte. Den 29. Nov. kam der Ober- commissär Kischan nach Kanton. Da die Chinesen die Unterhandlungen in die Länge zogen, so wurden 9. Januar 1811 die Forts an der Bocca Tigris beschossen u. genommen u. der chinesischen Flotte großer Schaden zugesügt. Am 10. Jan. wurden von chinesischer Seite die Feindseligkeiten eingestellt und 20. Januar ein Präliminarfriede abgeschlossen, wonach die Handelsbe Ziehungen wiederhergestellt und der Hafen von Kanton 10 Tage nach dem chinesischen neuen Jahre wieder eröffnet werden sollte; den Engländern sollte ferner gegen Räumung von Tschn-san u. des Forts Tschuen«pi die Insel Hong-kong ab getreten werden, aber die Erhebung der Zölle u. Abgaben daselbst für die chinesische Staatskasse sortdauern; der Kaiser versprach 6 Mill. Dollars Entschädigung, u. zwar 1 Mill. sogleich und die 5 anderen in gleichen Raten bis Ende 1816; die officiellen Beziehungen zwischen der chinesischen u. englischen Staatsregierung sollten auf den Fuß gänzlicher Gleichheit gestellt, werden. Danach verließ die Flotte die Bocca, und ein Theil derselben nahm von Hongkong Besitz. Aber weder entsprach jener Vertrag den Erwartungen der britischen Handelswelt, besonders der Ostindischen Compagnie (welcher für ihren Opiumhandel keine Sicherheit u. keine Erleichterung bedungen war), noch war es den Chinesen Ernst, ihn zu halten, und da die Ratification desselben bis zum 24. Februar nicht erfolgt war, so begannen am 25. Februar die Feindseligkeiten wieder. Die Engländer nahmen die Forts der Bocca Tigris, zerstörten die chinesische Flottille und eroberten 18. März die Factoreien und die Vorstadt von Kanton. Am 20. März wurde ein Waffenstillstand abgeschloffen, wonach der Handel offen und den Briten und anderen Kaufleuten Schutz zugesichert sein sollte. Da dieser den Beifall des Kaisers nicht fand, im Gegentheil der Gouverneur Kischan zum Tode verurtheilt, das chinesische Heer, unter dem kaiserlichen Neffen Jn-schan, bedeutend verstärkt u. ein Angriff auf die englischen Schiffe durch Brander versucht wurde, ließ Elliot 25—26. Mai Kanton beschießen und trat vom Sturme nur durch das Capitulationsanerbieten zurück. Am 27. Mai wurde den chinesischen Truppen außerhalb des Bezirkes von Kanton freier Abzug gestattet, während unterdessen unterhalb der Stadt die englischen Schiffe die größle Verwüstung angerichtet, 2 Forts vernichtet nad über 100 chinesische Kriegsschiffe verbrannt hatten. Nach der durch den chinesischen Minister Hu abgeschlossenen Convention versprachen die Chinesen, 5 Mill. Dollars, die sich im Nichtzahlungsfalle Tag für Tag steigern sollten, zu zahlen und die tatarischen Truppen 90 Icm von Kanton zurückzuziehen; die Engländer dagegen, die genommenen Forts zu räumen, während der Ha- sen von Hongkong ihrem Handel offen bleiben sollte. Die Zahlung der ersten 5 Mill. Dollars war bis Anfang Juni erfolgt, von da an begannen aber die Chinesen Schwierigkeiten zu machen u. wieder zu rüsten. Die Convention fand aber die Zustimmung der englichen Regierung nicht, sondern die Fortsetzung des Krieges wurde beschlossen, u. um den Krieg energischer zu führen, kamen 10. August 1811 William Parker als Commandant der Flotte u. Henry Pöttinger als Agent in Macao an und begannen alsbald die Operationen gegen die OKüste des Landes, um sich Peking zu nähern n. dort einen vortheilhaften Frieden zu erzwingen. Am 26. August wurde Amoy genommen, u. nachdem in Kulangsu, welches den Hafen von Amoy beherrscht, eine Besatzung zurückgelaffen worden war, ging es weiter nördlich, zunächst gegen Tschusan, welche Insel nach der Einnahme der Hauptstadt Tschinghai, 16. August, zum zweiten Mal von den Engländern besetzt wurde; darauf wurde 9. October Ningpo zu Lande von Sir Hngh Gough und zu Wasser angegriffen u. genommen, bei welcher Gelegenheit die Mehrzahl der chinesischen Besatzung, um nicht in die Gefangenschaft der Engländer zu gerathen, sich in den Fluß stürzte und umkam. Die Schwäche ihrer Truppenzahl und das Ausbleiben von Verstärkungen nöthigte die Engländer, mit weiteren Operationen einzuhalten, was den hochmüthigen Starrsinn des chinesischen Hofes wieder steigerte; mehrere Angriffe der Chinesen wurden abgeschlagen. Die chinesischen Provinzen, in welchen bisher der Krieg geführt worden war, befanden sich in einer trostlosen Lage: nicht allein, daß die Sperrung der Flüsse durch die Engländer allen Handel lähmte u. daß die Aufbringung der Contributionen auf ihnen lastete, auch alle Kriegskosten fielen auf sie. Als mit dem Frühjahre 1812 das englische Heer auf 7000 Mann verstärkt war, wurden die Operationen in die reichen Centrumprovinzen zwischen Hoangho und Jantsckiang verlegt, 17. Mai Tschapu, ein Haupthafen jenes Küstenstriches, ebenso nach hartnäckigem Kampfe, welcher auch den Engländern viele Leute kostete, 16. Juni die Fortificationen am Wusongkiang, u. 19. Juni Schanghai, einer der Hanpthandels- plätze von Kiangnan, genommen. Die raschen Fortschritte der Engländer u. die Noth, in welche das Land durch die Occupatio» und die fast gänzliche Vernichtung des Handels gerieth, machte endlich auf den Kaiser Eindruck; schon nach dem Falle Tschapns hatte er 2 Unterhändler, die Mandarinen Jli-pu u. Ke-jing, abgeschickt, aber Pöttinger hatte sie abgewiesen, namentlich da sie ohne kaiserliche Vollmacht gekommen waren. Am 6. i 761 China Juli segelte die Flotte, 70 Fahrzeuge stark, von Schanghai nach dem Jantsekiang und erschien 16. Juli bei der Festung Tschin-kiang, die 21. von Gough angegriffen, nach heftiger Gegenwehr genommen, aber wegen der durch das Fieber u. die Cholera vergrößerten Gefahr für die Gesundheit der Truppen wieder aufgegeben wurde. Am g. Aug. erschien die englische Flotte vor Nanking; schon Tags darauf sollte die Stadt gestürmt werden; da erschienen Jli-pu u. Ke-jing, nun auch mit kaiserlichen Vollmachten versehen, um die Friedensunterhandlungen wieder anzuknüpfen. Pöttinger nahm das Anerbieten an, und 29. August wurde der Friedensvertrag auf dem englischen Schiffe Cornwallis im Hafen von Nanking unterzeichnet; die Bedingungen des Friedens von Nanking vom 29. Ang. 1842 waren: Briten u. Chinesen verhandeln künftig auf dem Fuße völliger Gleichheit; außer Kanton werden noch die Häsen von Amoy (Emuy), Futschen, Ningpo und Schanghai geöffnet; der Handel daselbst ist für alle Nationen frei, u. ebenso werden dort fremde Consuln zugelassen; der Tarif für Ein- u. Ausfuhr, sowie für die Binnenzölle wird noch festgesetzt; außerdem zahlt CH. 21 Mill. Dollars, theils als Kriegskosten, theils als Entschädigung für die früheren Verluste der englischen Kaufleute, alle gefangenen Briten werden freigegcben u. die Insel Hongkong auf ewige Zeiten an Großbritannien abgetreten, dagegen Tschusan zurückgegebeu. Am 7. Dec. 1843 brach zu Kanton ein schnell gedämpfter Volksaufstand aus, in welckem die englische Factorei zerstört wurde; 25, Januar 1843 publicirte Jli-pu den 1. September vom Kaiser genehmigten Friedensvertrag. Ein am 9. Oct. 1843 Unterzeichneter Ergänzungsvertrag mit Großbritannien gewährte den Kaufleuten Erlanbniß, in den 5 Hafenstädten Grundstücke zu pachten, um Häuser darauf zu bauen, setzte fest, daß kein Fremder über eine gewisse Grenze landeinwärts gehen dürfe rc. 0) Vom Frieden zu Nanking bis zum Ausbruch der inneren Unruhen, 1843 bis 1848. Nachdem infolge des Friedens von Nanking im Juli 1843 das neue Handelssystem in Kraft getreten war, wonach der Handel allen Nationen in den 5 genannten Häfen freigcgeben wurde, schlossen zuerst 3. Juli 1844 die Ver. Staaten von NAmerika zu Wanghia einen Handelsvertrag mit CH., welcher den Amerikanern noch mehr Bortheile gewährte, als den Engländern, namentlich rucksichtlich der Einfuhr von Blei; einen gleichen auch Frankreich 24. October 1844, welches, »>s Schutzmacht der Christen in CH. auftretend, sowol Straflosigkeit der zum Christenthum übergetretenen Chinesen, als auch überhaupt Duldung des Christenthnms n. Gestattung der Erbauung von Kirchen sich ausmachte. Jndeß entsprach das Toleranzedict den mündlichen Zusagen nicht, und erst bei einer neuen Zusammenkunft des französischen u. chinesischen Bevollmächtigten wurde fest- i gesetzt, daß die Kreuz- u. Bilderverehrung der ! Christen, die öffentliche Predigt der christlichen ' üehre, die Erbauung von Anbetungsorten (der Name Kirche konnte nicht erlangt werden) gestattet die inzwischen verhafteten Christen freigegeben (Gesch.). werden sollten. Übrigens beschränkte sich diese Duldung bloß auf die 5 Hafenstädte. Jndeß machte sich der Haß der Chinesen gegen die Fremden in vielen Anlässen Luft, im Januar, Juni u. Juli 1846 in Kanton, durch Bedrohung der fremden Factoreien mit Feuer, in demselben Jahre durch einen Angriff auf Macao, infolge einer durch die Portugiesen ungerecht auferlegten Steuer auf die chinesischen Handelsschiffe. Daß außerdem selbst die Regierung in Peking nicht ernstlich die den Fremden zugestandenen Rechte schützen wollte, bewiesen die Abherufnng des den Europäern freund- lichenGouverneurs vonKanton u. die Weiterungen in Ausführung der Verträge. Eine erneute Drohung mit dem Bombardement Kantons, im April 1847, schreckte wohl die chinesischen Behörden, konnte aber die erbitterte Stimmung des chinesischen Volkes nicht mildern, die sich in zahlreichen Gewaltthätig- keiten gegen die Engländer Luft machte. Es darf übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß auch diese es nicht daran fehlen ließen. 1848 wurden der chinesische Gouverneur Ke-jing durch Sen, der englische Davis durch Bonham ersetzt; des Letzteren energisches Auftreten machte die Chinesen vorsichtiger u. die Behörden strenger; zugleich wurde in jedem der 5 Häfen, zum Schutze der Engländer, ein Kriegsschiff stationirt. Im Oct. 1848 schloß auch der Papst, durch einen Gesandten unter Vermittelung des französischen Geschäftsträgers, einen Vertrag mit CH. Um die schon seit längerer Zeit die Ostküste beunruhigenden u. selbst Kanton bedrohenden chinesischen Seeräuber zu vernichten, machten die englischen Schiffe oft Jagd auf dieselben u. brachten ihnen namentlich im September 1849 in der Nähe von Kanton eine große Niederlage bei, auch die 40 Schiffe starke Flotte des be- rüchtigten Shap'ng-tsei wurde 21. u. 22. October bei Hainan vernichtet. Als 1849 von den Engländern die Öffnung der Thore Kantons gefordert wurde, erfolgte von Peking eine abschlägige Antwort, weil die Behörden in Kanton Beleidigungen gegen die Fremden nicht verhindern könnten. Auch mit den Portugiesen kamen die Chinesen in Con- flict, indem einige Chinesen den portugiesischen Gouverneur von Macao, Amaral, ermordeten, ohne daß von dem Commissär Sen eine Genugthnung Lasür gegeben wurde. Am 24. Febr. 1850 starb der Kaiser Tao-kuang im 69. Lebens- n. 30. Regierungsjahre an den Folgen eines Schreckens über eine Feuersbrunst in Peking, u. ihm folgte sein 19jähriger Sohn Jn-schn, unter dem Namen Hien- fong; sein Vormund wurde der vormalige Gouverneur von Kanton, Ke-jing, auf den die Engländer viel Hoffnung setzten. Jndeß berechtigte der erste Regierungsact des Herrschers keineswegs zu solchen Hoffnungen, denn er hielt es für nöthig, zu erklären, daß er den Himmel u. die Nation um Vergebung bitte wegen der Schande, die unter der Regierung seines Vaters durch die den Fremden eingeränmten Vortheile dem Reiche zugefügt worden sei, u. bereitete Maßregeln zur Absperrung vor, die nur durch den großen innere« Aufstand nicht zur Ausführung kamen. v) Die Unruhen im Innern des Reiches. Inzwischen waren im Innern des Landes theils durch Hnngersnoth, theils durch den Haß eilige- 762 China sleischler Chinesen gegen die herrschende Mandschu- Dynastie eine Gährung ausgebrochen, welche mehr u. mehr den Charakter einer politischen Revolution annahm. Zahlreiche u. kecke Räuberbanden durchzogen seit 1848 die Provinzen Kuangsi und Kuangtong, u. Seeräuberflottcn beunruhigten das Reich im S. u. SO. Anfangs war die Plünderung ihr einziger Zweck, staatsgesährlich wurde das Unwesen erst, als im Äug. 1850 der Geheimbund der Dreifaltigkeitsmänner den Augenblick benutzte und einen Aufstand zum Ausbruch brachte, dessen erklärter Zweck war, die mandschurische Dynastie Tai-tsing zu stürzen und das Haupt des Bundes, einen Mann, der sich für den Abkömmling der letzten echt-chinesischen Fürsten der Ming-Dynastie ansgab, unter dem Herrschernamen Tien-teh zum Kaiser von CH. zu machen. Die Aufständischen kündigten sich überall als Befreier des Vaterlandes vom Joche der Mandschu (Tataren) an, ans deren Lasten u. Tyrannei sie in ihren Proklamationen besonderen Nachdruck legten, u. da der Wunsch, eine chinesische Dynastie zu haben, von Vielen ge- theilt wurde, so fanden sie öffentlich u. geheim großen Anhang u. bekamen eine Masse freiwilliger u. erzwungener Kriegsgelder, welche sie in den Stand setzten, ihr Heer täglich zu vergrößern. Den alten Glanz des Chinesischen Reiches wiederherzustellen, war ihr Zweck; die Schriftzeichen Tai-ping, L. h. allgemeiner Friede, standen ans ihren Fahnen, die Häuptlinge gaben sich selbst diese Namen. Außerdem wollten sie die Verhältnisse der Gesellschaft nach den Ideen der Communisten n. Socia- listen vollständig umgestalten. Damit Hand in Hand ging eine beabsichtigte Umwälzung der reli- giösen Verhältnisse, was sich zunächst darin zeigte, daß sic überall die Tempel zerstörten, die vom Volke verehrten Götterbilder vernichteten u. auch die Klöster der chinesischen Mönche u. Nonnen (Bonzen) verwüsteten. Sie traten selbst als Begründer einer neuen Religion auf, die sie Schang-ti-huoi (die Schang-ti-Religion) nannten. Mit Schang- ti benannten vor alter Zeit die Chinesen das höchste Wesen; nachdem aber die in CH. jetzt herrschenden Religionen eingeführt worden waren, bediente sich desselben ausschließlich als eines technischen Ausdruckes die Secte der göttlichen Vernunft, d. h. die chinesischen reinen Deisten. Als nun später die Jesuiten in CH. der römisch-katholischen Confessio» Eingang zu verschaffen suchten, bedienten sie sich, nin sich von den Deisten zu unterscheiden, des Wortes Tien-tschu, d. h. Herr des Himmels (welches auch die Bezeichnung der katholischen Missionen geblieben ist), wogegen die protestantischen Missionen das Wort Gott entweder mit Schen-ti od. Schang-ti übersetzen. Indem also die Aufständischen den letzteren Ausdruck wählten, erwarben sie nicht nur den Beifall ihrer einhei- mischen philosophischen Religionsparteien, sondern schieden sich auch von den wenig zahlreichen und verfolgten Anhängern des Tien-tschu, wie sie auf der anderen Seite sich den mächtigen Engländern dadurch näherten. In der That wurde dies der Punkt, woran die englischen Missionäre die Hoffnung knüpften, daß die Aufständischen der Annahme der protestantischen Religion willig sein würden; ihre Staatsmänner die Muthmaßung, daß sie in (Gcsch.). ihnen eine chinesische Reformpartei vor sich hätte,, deren Lehren auch einem christlichen Moralist^ zur Ehre gereichten und mittels deren man dir chinesische Binnenland eröffnen könnte; ihre Aden,! teurer den Glauben, daß die Anhänger des Tie», teh ein Junges CH. seien, welche die Revolution durch ihre Reise, um die Welt in CH. durchsühren würden. Im Äußern unterstützten die Ausrühm durch ihre Neuerungen diese Ansicht; neben ande- ren Annäherungen an die alt-chinesische Tracht verbannten sie den von den Mandschu eingesührteo Zopf. So erweckten sie das Interesse derMissio- näre, sogar des englischen Gesandten; viele Enro- päer traten in ihre Dienste. Die europäischen Kars- leute ließen sich die Sache um so mehr gefallen, als in der allgemeinen Verwirrung die verhaßten kaiserlichen Zollstätten fielen u. ein schwunghafter u. gewinnreichsr Schmuggelhandel ins Innere dabei in Aussicht stand. Unter solchen Umständen, n. , da das Kriegswesen der Regierung durch die Kriege! s t mit den Engländern in seiner Schwäche bloßgestellt ^ s. - war, mußte der Fanatismus bald weitere Kreisens ergreifen. Während die Regierung in Peking iu> > ß s Anfang die Bekämpfung des Aufstandes, als etwa! ^ (! oft Wiederkehrendes, den Provinzialregierungen!« überließ, ergriff sie, als sie die Nachricht erhielt, 8 daß sich unter dem Namen der Gesellschaft der I Gottesverehrer in Kuangsi eine neue, zahlreiche ^ politisch-religiöse Secte gebildet habe, welche dem I Aufstande gutgeschulteHeerschaarenzusührte, ernster!, I Maßregeln, und den Anstrengungen der Mandschu- H Generale Lin-tsi-sin u. Wu-lan-tai gelang es auch " 1852, den größten Theil der Aufrührer bei Jnng- nan in Kaust aufzureiben und Tien-teh zu fangen und zur Hinrichtung nach Peking zu senden; einen Rest aber ließ der Zwiespalt der kaiserlichen Führer entkommen, der bald wieder zu gefährlicher Größe anschwoll. Der Führer der Aufrührer wurde nun der Stifter der Secte der Gottesverehrer Hong-siu-tsiuen. Er war 1813 in einem kleinen Dorfe des Districts Hua, nicht weit nordöstlich von der Stadt Kanton, geboren, in seiner Jugend zum Schullehrer gebildet u. 1833 in Kanton durch Bekanntschaft u. Lectüre der Bibel mit dem Ehri- stenthnm bekannt geworden. Diese Lectüre u. Nervenkrankheiten vermehrten seine Abneigung gegen die chinesische Religion u. seinen Hang zum Mh< sticismus; er glaubte in dem Gott der Bibel den Gott der alt-chinesischen Zeit wiederzufinden, welchen der erste Monarch der Tschan-Dynastie bei seiner Thronbesteigung feierlich angerufen hatte, n. bildete sich ein, von Gott ausersehen zu sein, di^ Welt, d. h. nach seinen Begriffen CH., zur Belehrung des wahren Gottes zurückzuführen. Es gelang ihm, Anhänger seiner Lehre zu finden; einer seiner eifrigsten Jünger, Fnn-jun-san, gründete in Kuangsi unter dem Namen der Gottesverehrer die neue Secte, welche sich zu seiner Lehre bekannte.; , Hong-siu trat 1847 an die Spitze derselben, n.> nach dem Tode von Tien-teh an die Spitze desj Aufstandes, als dessen Zweck er nicht die Wieder-! ^ einführung der Ming-Dynastie, sondern die Errichl-I ; ung einer neuen, an Stelle der Mandschu, be-I zeichnete. Er eroberte zuerst Hanjang u. Hanken^ wichtige Städte am Jantsekiang, bemächtigte! sich der dort liegenden Tausende von Dschonken, , i ! China um Nanking zu Wasser zu erobern. An allen Orten, die er berührte, ließ er, indem er sich, ohne selbst getauft zu sein, als jüngeren Bruder Christi bezeichnete, verkünden: Gott, dessen Allmacht Himmel u. Erde in sechs Tagen erschaffen, der der Sündfluth seine Rache an den Menschen anvcr- traut, ist Lerselbige Gott, der uns den Auftrag gegeben hat, die Sünden der Chinesen zu strafen u. seinen Gottesdienst unter ihnen wiedcrherzustellen. Dieser Gottesdienst ist derjenige, den unsere alt- chinesischen Alt-Vorderen kannten u. welchen die folgenden Dynastien durch Vielgötterei verdrängten. Darum gestatten wir nur die Verehrung des Einen wahren Gottes u. befehlen, daß überall die Götzenbilder zerstört, die Tempel umgestürzt u. die ihrem Dienste geweihten Bonzen umgebracht werden. Trotz hartnäckigen Widerstandes der von Peking gesandten Maudschu-Truppen eroberte er 12. Januar 1853 Utschang, 20. März Nanking, das er unter dem Namen Tienking zum Mittelpunkte seiner Herrschaft erklärte, dann Tschinkiang, den Hafen von Nanking, Kuatschan u. Jantschan und machte sich zum beinahe unumschränkten Herrn der ganzen Ebene südl. vom Jantsekiang. Eine Aufforderung des chinesischen Unterstatthalters von Kiangsu an die Europäer, mit Kriegsschiffen und Truppen gegen die Aufständischen beizustehen, wurde von dem englischen Gouverneur kurz abgeschlagen. Infolge dessen wurde von anderen Abenteurern die Eroberung von Amoy unternommen, hauptsächlich von der Gesellschaft zum kurzen Messer, deren Vorsteher früher Dolmetscher bei dem engl. Consul in Anioy gewesen war. Hong-siu errichtete in Nanking eine vollständige Regierung mit 4 Unterkönigen u. begünstigte, neben vielen mystischen Formen, eine Art protestantischen Christenthums, was ihm eine Zeit lang die Sympathie der engl. u. nordamerik. Missionen erwarb, deren Bibelverbreitung er duldete u. beförderte. Dagegen wurden katholische Chinesen von den Aufständischen nicht selten mißhandelt und die katholischen Kapellen u. Heilt- genbilder ebenso wie die chinesischen Tempel und Götzenbilder zertrümmert. Überhaupt war dieses Christenthum nur Schein, u. das eigentliche Wesen der neuen Lehre ein phantastisches Prophetenthum u. Vielweiberei (Hong-siu selbst führte 30 Weiber mit sich), eine Mischung von buddhistischen, con- sucischen u. christlichen Elementen. Eine bloß politische Partei waren die Nien-sei (d. i. nördl. Banditen), die, ins NCH. sich umhertreibend, ebenfalls den Sturz der herrschenden Dynastie zum Zwecke halten. Unter ihnen befanden sich Buddhisten u. Mohammedaner. Infolge dieser Verhältnisse zeichnete sich die Politik der verschiedenen auswärtigen Mächte, deren Interessen mehr oder weniger in CH. Zusammentreffen, immer schärfer ab. England und Nordamerika erkannten anfänglich unter der Maske der Neutralität die verschiedenen Gestaltungen des Aufstandes, die zum Theil gar nicht unter einander in Verbindung standen, als eine Macht an, von der sie hofften, daß sie dem ausländischen Handel günstiger sein würde, bis allmählich die Erwägung die Oberhand erhielt, daß die innere Zerrüttung des Chinesischen Reiches in erster Linie der vor- dringcnden Macht Rußlands dienen würde. Frank- sGrsch.). 7 68 reich erklärte sich bald offen gegen die Aufständischen; die russische Regierung hatte aber bereits im Oct. 1852 eine Gesandtschaft nach Peking abgehen lassen, um dem Kaiser von CH. ihre Hilft gegen gewisse Zugeständnisse in Mittel-Asien anzubieten. Unterließ ging der Aufstand weiter: 7. Septbr. 1853 fiel Schanghai in die Gewalt einer Aufrührerbande, die übrigens mit Nanking nicht in Verbindung stand. Hong-siu bestrebte von Nanking aus seine Herrschaft nach N. zu tragen und Peking zu erobern; indeß sowol das Unternehmen auf Kaifong, die Hauptstadt von Honan, mißlang, als auch die gegen Tientsin gesandten Truppen wurden von dev Kaiserlichen wiederholt geschlagen u. größtentheils aufgerieben, so daß 1855 das Land am Hvanghe ganz von dem Aufstande befreit war. Die Revolution, geschwächt durch innere Streitigkeiten, war an einem Wendepunkte angekommen. Auch Schanghai wäre wieder in die Hände der Kaiserlichen gekommen, wenn nicht die dortigen Engländer und Nordainerikaner 4. April 1854 im Vereine mit den Aufrührern das Lager der Kaiserlichen von Schanghai anseinandergesprengt und geplünder.- hätten. Im Juli brachen in der unmittelbarer- Nähe Kantons Unruhen aus, die auch von der Seeseite aus durch Seeräuber Unterstützung erhielten, doch fanden sie bei den kaiserl. Behörden kräftigen Widerstand. Die Einmischung des engl Gesandten wurde energisch verbeten. Am 17. Febr, 1855 fiel, nach zwei vergeblichen Angriffen, unter Unterstützung der Franzosen, Schanghai in die kaiserliche Gewalt zurück, bald darauf Amoy; 14. März 1855 war Kanton und Umgegend von den Aufrührern befreit, u. zugleich wurde von da zu dieser Zeit gemeldet, daß die Aufstände in N- u. SCH. als vollständig beseitigt u. bewältigt anzusehen wären. Allein die Aufständischen unter Hong-siu hatten immer noch Nanking und waren Herren des Jantsekiang von Tschinkiang im O. bis Jotscheu im W., sowie eines auf beide» Seiten des Flusses 75 bis 80 kein weit sich erstreckenden Gebietes u. endlich der beiden große» Seen Tungting und Pojang mit ihren Ufern und schiffbaren Nebenflüssen. Nur die wichtigen Städte Nantschang, Tschangscha n. Kingtscheu waren noch in den Händen der Kaiserlichen. In den Jahren 1854 u. 1855 hatten die kaiserlichen Heere einen vollkommenen Ring um die Ausständischen geschlossen u. verhinderten auf alle Weise, daß den Europäern Nachrichten darüber zukämen. Im Sommer 1856 hatten aber die Insurgenten wieder den Kreis in der Richtung nach Schanghai durchbrochen, so daß sich die Kaiserlichen bis in die Nähe der Stadt Sutscheu, eines der wichtigsten Handelsplätze des ganzen Reiches, zwischen Nanking und Schanghai, zurückziehen mußten. Um den Eifer der so zahlreichen Feinde der regierenden Dynastie anzuspornen, hielt es Hong-siu für gerathen, sich wieder den Geheimbünden zu nähern und zu erklären, daß an der Spitze des Aufstandes der letzte unmittelbare Sprößling der Ming-Dynastie stehe. Im Winter 1856/57 brachen Zwistigkeiten inmitten der Ausrührer aus, die mit Ermordung einer ganzen Partei endigten; Hong-siu behielt aber in Nanking die Oberhand, wenn auch seine Stellung immer schwieriger wurde. 764 China L) Die neuesten Ereignisse seit 1856. Es zeigte sich immer mehr, daß die chinesische Regierung weder die Kraft, noch den Willen besaß, den Beschwerden der Europäer gerecht zu werden, so daß nach Abschluß des Pariser Friedens vom März 1856 der Gedanke einer gemeinschaftlichen Intervention durch England und Frankreich anf- tanchte. Indessen zog es England, welches in den chinesischen Gewässern eine bedeutende Kriegsmacht hielt, vor, auf eigene Hand vorzugehen, hauptsächlich aus handelspolitischen Interessen, um die Einfuhr englischer Maaren in CH. zu erzwingen. Die Nicht-Zulassung in Kanton, entgegen dem Frieden von Nanking, und die Festnahme eines britischen Schiffes 8. Oct. 1856 durch chines. Behörden in Kanton gaben die Veranlassung zum Ausbruch des Streites. Der chines. Generalgouverneur Jeh hatte das Verlangen nach Genngthuung zurückgewiesen, worauf der englische Admiral Seymour durch ein dreimaliges Bombardement, 24., 27. und 29. Oct. 1856, die Negierungsgebäude Kantons zerstörte und entsetzliche Verwüstungen anrichtete. Als Repressalie ließ der Hof von Peking allen Handel mit den Engländern bei Todesstrafe verbieten n. sie selbst für Landesfeinde u. vogelfrei erklären. Unterdessen hatten die Feindseligkeiten bei Kanton fortgedauert, wobei die Chinesen mehrmals einen unerwarteten Mnth u. große Erbitterung zeigten. Aml4.Dec.l856branntensämmt- liche europäische Gebäude in Kanton nieder, so daß die Europäer sich zu Schiff nach Macao und Hongkong zurückziehen mußten, wohin auch die engl. Kriegsmacht, zu schwach, um etwas Entscheidendes vor Kanton auszurichten, sich begab. Die Regierung der Nordamerikanischen Union hatte anfänglich gegen die von England begonnenen Feindseligkeiten zum Schutze des amerikanischen Handels mit CH. Verwahrung eingelegt; da die Chinesen aber auch die Nordamerikaner angriffen, so beschoß eine amerikanische Corvette vom 20.—22. Nov. einige chinesische Festungswerke u. zerstörte sie. Die englische Regierung beschloß, vom Kaiser von CH. die Mißbilligung des von Jeh gegen die Europäer beobachteten Verfahrens, die Erneuerung der Verträge u. eine befriedigende Regelung des völkerrechtlichen Verkehres zu verlangen. Lord Elgin wurde als außerordentlicher Commissär hingesandt, und eine ausreichende Truppenmacht sollte ihn begleiten, die jedoch, ehe sie den Ort ihrer Bestimmung erreichte, gegen den Aufstand in Ostindien verwendet werden mußte. Im Sommer 1857 indeß erneuerten die Engländer, von der franz. Regierung unterstützt, ihre Vorstellungen, aber ohne alle» Erfolg, so daß der Krieg unvermeidlich wurde. Die englische Flotte unter Seymour und die französische unter Mgauld de Genouilly bom- bardirten 24. Dec. Kanton, welches sich, stark mitgenommen, 5. Januar ergab. Der chines. Gouverneur, Jeh, wurde gefangen. Die beiden Vertreter der WMächte, Lord Elgin und Baron Gros, unterstützt von den russischen und amerikan. Bevollmächtigten, Pntiatine u. Reed, hatten dem chines. Hofe Schanghai als Ort der Friedensnnter- handlungcn vorgeschlagen, segelten dann, als sie keine chines. Commissarien dort fanden, in den Golf von Pctschili u. drangen mit der Seemacht (Gcsch.). den Peiho hinauf, nach Einnahme des Forts von Taku, 22. Mai bis Tien-tsin vor. Die Nähe feindlicher Truppen an der Hauptstadt bewirkte, endlich die Hartnäckigkeit des Hofes von Peking zu brechen, u. ließ ihn sich zu den geforderten Beding, ungen: Duldung der Christen im ganzen Reiche, Zulassung von Gesandten in Peking, Ungestörtheit des Handels in den festgesetzten Häfen, Kriegsent- schädigungrc., in 4 Separatverträgen imJuni 1858 mit den 4 einzelnen Mächten, bequemen. Separatverhandlungen über Handelsverhältnisse waren Vorbehalten. Die Truppen der WMächte verließe» nach der Bestätigung durch den Kaiser, 3. Juli, Tientsin wieder. Indeß sowol die durchaus feindselige Haltung der Behörden u. Bevölkerung des besetzt gebliebenen Kanton, als auch die Verschleppung der definitiven Ratification ließen Zweifel über die Aufrichtigkeit des chines. Hofes entstehen, was die Nachfolger der westmächtlichen Commissäre, Frederik Bruce und Graf Bourbonlon, die zudem von der vertragswidrigen Restauration der Forts am Peiho unterrichtet waren, bewog, die Flotte dorthin zn dirigiren, und als die Mündung des Flusses verrammelt gefunden wurde, den Eingang zu sor- ciren. Der Angriff des engl. Admirals Hope, 25. Juni 1859, scheiterte an den Schwierigkeiten des Terrains u. endigte mit dem empfindlichen Verluste von 464 Mann und mehreren Schiffen, eine Niederlage, die, schon um den moralischen Eindruck abzuschwächen, eine erneute, mit verstärkten Kräften unternommene Expedition der beiden WMächte zur Folge hatte. Im April 1866 waren 13,000 Engländer unter General Grant, 8000 Franzosen unter General Cousin de Mon- tauban, unterstützt von beträchtlichen maritimen Kräften unter den Admiralen Charner und Hope, in Schanghai versammelt; am 21. April wurde, nachdem ein Ultimatum des englischen Vertreters, Bruce, abgelehnt war, die Insel Tschusan besetzt. Unter Billigung der beiden inzwischen angekom- menen früheren Commissäre, Elgin nnd Gros, wurden im Laufe des August die an der Mündung des Peiho liegenden Forts von Taku genommen, wobei die Chinesen 518 Kanonen verloren, Tientsin besetzt) und der Marsch gegen Peking angetreten. Wiederholte Gesandtschaften aus Peking mit Vergleichsvorschlägen suchten das Heer aufzn- halten; schon war ein vorläufiger Vertrag zn Stande gekommen, daß die Verhandlungen in Tungtschao eröffnet werden sollten, wogegen die Hauptmasse des verbündeten Heeres, mit Ausnahme eines für die beiden Gesandten zur Ehrenbegleitung nach Peking bestimmten Thcils, Halt machen sollte, als am 18. Sept. das Haupt der chines. Kriegspartei, Sankaolin, mit 20,000 Tataren die Europäer in Tungtschao überfiel, nnd, obwol zurückgeschlagen, 35 Offiziere und Beamte als Gefangene mit sich führte, die fgrausam getödtet, oder qualvoll zn Tode mißhandelt wurden. Diese Verrätherei verursachte Abbruch aller Verhandlungen; 21. Sept. wurde das chinesische Heer bei Palitschnau (Palikao) entscheidend geschlagen, 7. Oct. Jun-ming-jnn, der Sommerpalast des Kaisers, von den Franzosen eingenommen und die unermeßlichen Schätze rücksichtslos geplündert; am 13. standen die Truppen vor den Thoren von Peking; 76L China am 18. wurde der Sommerpalast total nieder- gebrannt. Die drohende Gefahr bewog endlich die chinesische Regierung, die in den Händen des Prinzen Kong ruhte, zur Nachgiebigkeit. Am 24. Oct. kam der Friede zu Stande, wodurch sie sich zu einer doppelten Kriegsentschädigung, Eröffnung Tientsins für den europäischen Handel, neben den schon im Vertrage von Tientsin, 28. Juni 1858, zngestandenen Bedingungen verstand; die Bevollmächtigten hielten einen feierlichen Einzug in Peking. Der Vertrag wurde 2. Nov. von dem Kaiser in Jeho in der Mandschurei, wohin er geflüchtet war, bestätigt, 8. Nov. in der Reichszeitung publicirt, 10. Nov. verließ das westmächt- liche Heer seine Stellungen, nur eine Besatzung in Tientsin zurücklassend. Die Lage der chinesischen Regierung war eine schwierige. Der Kaiser blieb entfernt; der eigentliche Regent, Prinz Kong, einem friedlichen Ein- verständniß mit den Europäern wohl geneigt, hatte mit der Erbitterung des Volkes und mit der inneren Zerrüttung des Reiches zu kämpfen. Vor Allem juchte er Verbesserungen in der Verwaltung durchzuführen; nicht ohne Erfolg blieben seine Bestrebungen für das gute Einvernehmen mit den sremden Mächten. Mit dem russischen Gesandten, General Jgnatiew, wurde Nov. 1860 zu Peking ein für Rußland sehr vortheilhafter Vertrag abgeschlossen, wonach Rußland nicht allein eine Länderabtretnng don gegen 550,700 HjLin, dabei eine Klisten- strecke von 1200 Lin, erhielt u. damit Herr von ganz NAsien geworden ist, sondern auch weitere Handelsbegllnstigungen erlangte, u. a. daß Russen in nicht zu großen Karawanen durch ganz China reisen u. handeln u. an bestimmten Plätzen zwischen Kiachta und Peking Factoreien, Magazine, Depots, Kirchen, Kirchhöfe anlegen und Grundbesitz erwerben können. Im März 1861 langten die Gesandten Frankreichs u. Englands, Bonrboulvn u. Bruce, in der Hauptstadt an, von einer Abtheilung der Besatzung von Tientsin begleitet, ohne daß dies beim Volke Mißfallen erregt hätte. Am 22. Aug. 1861 starb der Kaiser Hien-song zu Jeho, nach einer zehnjährigen Negierung, während welcher das Reich durch unglückliche äußere Kriege u. innere Unruhen sehr gesunken war. Er hatte in seinem Testament seinen noch minderjährigen Sohn Tsai-sun (geb. 5. April 1855) zu seinem Nachfolger ernannt, die Regierung aber bis zu dessen Volljährigkeit einem aus acht Mitgliedern bestehenden Regentschaftsrath übergeben, von welchem der Prinz Kong ausgeschlossen worden war. Kaum war der neue Kaiser, der bei seiner Thronbesteigung den Namen Ki-tsiang angenommen hatte, 2. Nov. in der Hauptstadt angekommen, als sich in seiner Nähe eine revolutionäre Bewegung zur Wiederherstellung der alten Verhältnisse geltend zu machen anfing. Prinz Kong, der die Lage des Reiches gefährdet sah, griff rasch zu einem äußersten Mittel: mit Hilfe der Mutter des jungen Kaisers stürzte er den bisherigen Regentschaftsrath, setzte einen neuen, ihm durchaus ergebenen zusammen u. ließ drei ihm feindliche Mitglieder des kaiserl. Hauses zum Tode vernrtheilen. Die Fortsetzung friedlicher Beziehungen mit den europäischen Mächten u. Veränderung der alt-chinesischen (Gesch.). Abschließungspolitik ließ er sich auch fernerhin angelegen sein. Mit Preußen (2. Sept. 1861), Belgien u. Spanien (8. Aug.), Portugal (13. Aug.) u. Dänemark (10. Juli 1863) wurden Handelsverträge abgeschlossen n. ein ständiger preußischer Gesandter 2. Juli 1861 zngelassen. Mehr Schwierigkeiten machte der immer noch wüthende Ausstand der Tai-ping, der während der äußeren Verwickelungen neue Ausdehnung erhalten hatte; ganze Provinzen waren von ihnen occupirt, die Autorität der Regierungsbehörden vernichtet, der Handel gestört. Es wurde dem Prinzen Kong nicht schwer, die Engländer von ihrer Illusion, in diesen ein das chinesische Wesen verjüngendes Element zu erblicken, zu heilen u. ihren, wie auch der Franzosen Beistand zur Unterdrückung der raub- u. zerstörnngslustigen Barbaren zu erhalten. Europäische Offiziere u. Soldaten traten in die chines. Armee; Capitän Osborne re- organisirte die chines. Flotte. Im April 1862 wurden die Aufständischen von Schanghai zurückgetrieben, bald darauf ihnen die Stadt Ningpo abgenommen; im Febr. 1863 fiel Schaohing, im März Hantscheu in die Hände des französisch- chines. Heeres nnterd'Aigucbelle, im Mai 1863 Tai- tsang, im Dec. Sutscheu, im Mai 1864 Tschangtscheu in die des englisch-chines. unter Gordon; endlich 19. Juli 1864 wurde Nanking von den Kaiserlichen gestürmt; der Häuptling der Rebellen verbrannte sich freiwillig mit seinen Schätzen u. Weibern. Am 28. Aug. fiel auch Hutscheu, das letzte Bollwerk der Aufständischen. Die fremden Truppen, die ohnehin das Mißtrauen der Mandarinen erregt und manche Verwickelungen hervorgernfen hatten, wurden im Oct. entlassen. Noch Jahre lang dauerte die Bekämpfung der versprengten Räuberbanden, u. erst zu Ende des sechsten Jahrzehntes war die Niederwerfung der Nien-fei in Honan u. Schantung vollendet u. die Ruhe einigermaßen wiederhergcstcllt. Wesentliche Verluste an den Grenzen konnte dagegen die geschwächte Macht des Reiches nicht mehr aufhalten. Wol gelang es, die aufständischen Mohammedaner in Kansu 1871 noch zu bezwingen; dagegen scheinen die Besitzungen in Tnrkcstan, Kaschgar (s. d.), wo der unternehmende Attaligh Ghazi (Jakub Beg) eine Concentrirnng des mosleminischen Elements Central-Asiens beabsichtigt, für CH. definitiv verloren. Zweifelhaft ist noch der Kampf mit dem mohammedanischen Panthai (s. d.) in Jünnan, wenngleich in letzter Zeit die chines. Macht sich als die stärkere gezeigt hat. Unwiederbringlich ist der Verlust der ungeheuren Strecken im N. an Rußland, dessen strategische Stellung zu CH. eine immer drohendere Gestaltung annimmt. In der neuesten Zeit waren die Verhältnisse Ch-s mit dem Auslande im Ganzen ruhiger Natur, obschon der Einfluß, den man von dem erweiterten Verkehre mit Europa in Beziehung auf die inneren Einrichtungen von vielen Seiten erweckt hatte, bei Weitem die Erwartungen getäuscht hat. Vorzüglich große Hoffnungen wurden von dem bald verstorbenen Amerikaner Burlingame erweckt, der, in chinesische Dienste getreten, 1868 als Gesandter in Paris und Petersburg die Absichten der Regierung und die Eigenschaften des 766 China Volkes mit etwas zu günstigen Farben geschildert hatte. Erst nach langwierigen Verhandlungen um unbedeutende Etiquettefragen gelang es den Vertretern der europäischen Großmächte, eine förmliche Audienz bei dem 1873 für mündig erklärten Kaiser zu erlangen, die sich für Entwickelung näherer Beziehungen vollständig resultatlos erwies. Daß der Haß der Bevölkerung gegen die Fremden noch nicht nachgelassen hat, beweisen die zahlreichen Mordanfälle gegen Europäer in den Hafenstädten, vor Allein die Ermordung des französischen Con- fuls nebst mehreren Missionären u. Barmherzigen Schwestern in Tientsin im Juni 1870: es bedurfte der ganzen Besonnenheit des Prinzen Kong, den Ausbruch weiterer feindlicher Vorkommnisse zu verhindern. Wie die bedeutenden kriegerischen Nüstungen der Regierung die Probe bestehen werden, muß die Zukunft lehren; ein nur iin letzten Moment beigelegter kriegerischer Zwist (1874) über die Besetzung von Formosa (s. Japan u. Formosa) ließ sie nicht in allzu glänzendem Lichte erscheinen. Ende 1874 starb der junge Kaiser, nachdem er eben unter großen Feierlichkeiten vermählt war, ohne in die Geschicke des Landes irgendwie eingegriffen zu haben. Da sein Nachfolger Kuang-su noch nicht das Kindesalter überschritten hat, so haben die Regentschaft u. die mit ihr verbundenen Jntrignen der vornehmsten Würdenträger ihren Abschluß noch nicht gefunden. Die Ermordung des engl. Gesandtschaftssccretars Margary(Febr. 1875), der die Binnenronte von Indien nach CH. über Birma erforschte, beim Eintritt in die Prov.Jünnan, schien, da die chines. Behörden zögerten, mit Untersuchung des Falles u. Bestrafung der Thäter Vorgehen zu wollen, einen Conflict mit England heraufzubeschwören, nach vielen Verhandlungen wurden indeß die Forderungen des engl. Gesandten sowol in Betreff der ihm gebührenden Ehrenbezeugungen, als hinsichtlich Zulassung eines Engländers zur Controls des Gerichtsverfahrens bewilligt. Eine nicht zu unterschätzende Erscheinung ist die infolge der Uebervölkerung mehr u. mehr sich steigernde massenhafte Auswanderung der Chinesen nach Australien, Kalifornien, SAmerika und Westindieu, wohin sie theils als Kaufleute, theils als Handwerker und Tagearbeiter, theils als Colonisteu gehen. Engländer u. Nordamerikaner haben sich hauptsächlich des Geschäftes bemächtigt, diese Leute, wenn es Arbeiter sind, unter dem Namen chinesische Kuli über die See zu führen, besonders an Orte, wo sonst Negersklaven gearbeitet haben. Diese Wanderungen der Chinesen sind nicht neu; sie haben sich schon seit Jahrhunderten theils über die benachbarten asiatischen Länder, theils über die Inselwelt ergossen, die von Sumatra bis nach Australien und zu den Philippinen reicht, in größeren Massen aber erst seit dem Erscheinen der europäischen Seemächte in ihren Gewässern. Wo chinesische Einwanderer einmal Fuß gefaßt haben, vermehren sie sich in starker Progression und sind geneigt, nach u. nach die einheimischen Völker zu unterjochen. In der Mongolei sind sie die Herren des fruchtbaren Landes und eines großen Theils der zahlreichen Heerden der Nomaden; in Siam waren sie vor nicht langer Zeit vorherrschend; man rechnete ihre Anzahl auf dem asiati- (Gesch.). scheu Festlande und im Archipel schon 1830 auf wenigstens 3 Millionen Seelen. In den Jahren 1820 u. den folgenden begann die Auswanderung nach Brasilien; seit 1848 ziehen die Bewohner der südöstlichen Provinzen in großen Schaaren nach Californien u. Oregon, um sich durch Ackerbau u. Krämerei Vermögen zu erwerben; ihre Mäßigkeit u. Betriebsamkeit machen sie überall zu gesuchte» Arbeitern; ihre Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit verleiht ihnen aber eine Macht, deren Zunahme in Californien schon mehrfach Besorgnisse hervorgerufen hat. Die Urtheile über die Zukunft des Chinesischen Reiches sind sehr getheilt. Angesichts der noch immer traurigen inneren Verhältnisse, der ungenügenden äußeren Macht, sind viele Kenner der dortigen Verhältnisse geneigt, an einen baldigen Zerfall des alten Reiches zu glauben. Anderseits ist wohl zu beachten, daß die Macht der Regierenden über die ungeheuren Volksmassen und die Staatsverwaltung mit verhältnißmäßig sehr unbedeutenden Executivkräften allein möglich ist durch die seit 3000 Jahren eingewurzelte u. fest in den Gemüthern eingeprägte Achtung vor der Obrigkeit u. Autorität, die in wenigen Jahren kaum wird erschüttert werden können. Scheinen ans diese Weise die inneren Umwälzungen im eigentlichen CH. mehr gegen die Dynastie gerichtet zu sein, als gegen den Bestand des Reiches, so läßt sich der Zustand des Landes eher als der Untergang von der offenbar entarteten Mandschu-Dynastie zu einer neuen bezeichnen, ein Schicksal, das CH. schon mehrmals ohne Gefahr für seinen Bestand durchgemacht hat. Wol sind in den letzten Jahrzehnten ungeheure Länderstrecken des Reiches verloren gegangen, und, wie es scheint, definitiv, aber durchschnittlich mit Unterthanen von nicht alt-chinesischer Cnltur; ob unter diesen eine fremde Regierung, die sich nicht den Eigenthüm- lichkeiten der unterworfenen Bevölkerung würde anschließen wollen, lange Dauer haben würde, läßt die Betrachtung der Geschichte des chinesischen Volkes sehr zweifelhaft erscheinen. Literatur. Morrisson, Viov ok 6K., Macao 1817; Clarke Abel, lünrrntivs ok n gournszc in tks intsrior ok 6K., London 1818, deutsch von Schmidt, Lpz. 1825f., 3 Bde.; Alexander, 6ostn- mos ok 6K., London 1805; I. F. Davis, Os- sorlption ok 6K., Lond. 1836, 2 Bde., deutsch, Stuttg. 1853, 4 Bde.; C. Glltzlaff, 6K. opsnsci, Lond. 1838, 2 Bde.; Pauthier, in dem Omvsrs: Histoiro öd äeseripticm äs Ions Iss psnxlss, Par. 1835, 2 Bde.; I. F. Davis, 6K.: n Asnorai ässeription ok tknt smpirs nnä its inknbitnnts, Lond. 1857, 2 Bde.; R. Fortune, ^ rssiäonos nmon§ tks 6kinsss inlnuä, cm tks sonst anä nt ssn, Lond. 1857; Huc, 6kristinnitx in OK., Lond. 1857, 2 Bde.; W. C. Milne, lüks in OK.. London 1857; O. Oliphant, CH., Lond. 1857; Williams, Mrs Wääls LinAäom, New-Dork 1848, 2 Bde.; Die Berichte über die Preußische Expedition nach OAsien, Bd. 3, Berl. 1873, n. über die Reise der österr. Fregatte Novara, 3 Bde., Wien 1861 f. Zur Geschichte: die einheimischen Quellen s- u. Chinesische Literatur; außerdem: Mailla, Uist. 767 China — Chinasäure. gensrais äs Is, Obins, Par. 1777—83, 12 Bde.; Gützlaff, Geschichte von CH., engl., Canton 1833, deutsch von Neumann, Stuttg. 1817; Plath, Die Böller der Mandschurei, Gott. 1830; Thornton, ^ bistor^ cck Oii., Lond. 1841 ff.; Plaths u. Pfiz- mairs Abhandlungen in den Abhandl. der Akademien der Wissenschaften von München n. Wien; C. Richard, lieber den Englisch-Chinesischen Krieg, Aachen 1843; Thomas Taylor Meadows Mas (sinnsss anck tboir rsbsilions, Lond. 1846, deutsch, Perl. 1857; über die letzten Kriege gegen England und Frankreich schrieben Bazancourt, Paris 1861 f., 2 Bde.; de Montrecy, ebd. 1861, 2 Bde.; Wolseley, Lond. 1862; Pallu, Par. 1863. Eine Übersicht der ungemein reichhaltigen Literatur gibt Aosche, Wissenschaftlicher Jahresbericht über die Norgenländischen Studien in den Supplementen zu Bd. 20 u. 24 der deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Tbielemann. tHandel u. Verkehr) Schroot. China, 1) so v. w. Chinarinde (s. Oinobona). 8) China Clay, eine Art Thon in England, dort zur Fabrikation gewöhnlichen Porzellans, in Deutschland bei der Zeugdruckerei, Ultramarin- u. Papier- sabrikation benutzt. Chiuabnum, so v. w. Oinebona. s Chinagerbsäure, in den Chinarinden mit ' organischen Basen verbunden vorkommende Gerbsäure; wird aus dem wässerigen Auszuge der Chinarinde als hellgelbe, gnmmiartige Masse erhalten; in Wasser, Weingeist u. Äther löslich. Sie > Z! M Leim- u. Eiweißlösungen, wie die Galläpfel- >?! säure, Eisenoxydsalze, aber grün. Beim Kochen - mit verdünnter Schwefelsäure zerfällt sie in Zucker und Chinaroth (s. d.). Clörm. Chinagras (chinesischer Hanf) ist der Bast, metcher von der in China und Japan cultivirten M Locbwsi'ls. nivsu. LooL F gewonnen wird. Die Faser ist sehr lang (bis 22 om), starrer und viel breiter als die Leinfaser, u. hat einen breiteren Längskanal, ist aber im Übrigen derselben ähnlich. Das CH. wird zu batistähnlichen, sei- denglänzenden Zeugen (chines. Leinwand, Orass- ls! elotb) verarbeitet, u. zwar zum Theil in China i (Taschentücher rc.), zum Theil in Europa, wo sie durch die erste Pariser Weltausstellung 1855 zuerst bekannt wurden; zur Verarbeitung in Europa ! ,!s werden die rohen Stengel eingeführt n. erst hier s si! die Fasern aus denselben gewonnen. Auch hat man die Pflanze in SFrankreich zu cultiviren begonnen. Vgl. Rambehanf. Engter. Chinapräparate, aus der Chinarinde bereitete Heilmittel. Das einfachste ist Chinapnlver (kulvis vbivas), von den besseren Chinarinden- sorten lichtzimmtfarbenes, von den geringeren dunkleres Pulver. Dose: im Maximum (gegen Wechselfieber) 7,z §. Sonst standen eine Menge zu- j saminengesetzte Pulver, unter mancherlei Namen, -s in Ansehen, worin CH. ein Hauptbestandtheil war. i Bereitungen mit Flüssigkeiten sind: L.) Chinaabsud (Üsvovbrrm Oortisis psinviani), zu dessen Darstellung Chinarinde mit Wasser eingekocht u. heiß colirt wird; ist in der Siedhitze klar, trübt sich beim Erkalten wegen Abscheidung eines aus Gerbsäure, Chinaroth u. Chinabasen bestehenden l Niederschlages. L) Chinaaufguß (Inknsnm^ oor- ! beiz ysrnvianl): a) Kalter Aufguß, durch Übergießen von Chinapnlver mit kaltem Wasser zu bereiten; enthält die wesentlichen Bestandtheile der Rinde, auch mehr vom Aroma, aber weniger Chinaalkalorde. > b) Warmer Aufguß, durch Übergießcn von China mit heißem Wasser bereitet. v) Weiniger Aufguß (Chinawein), ans Chinapulver, mit gutem weißem Wein dargestellt; ein vorzügliches Präparat bei schwacher Verdauung, für Reconvalescenten u. überhaupt bei chronischen Scbwächezuständen. ä) Geistiger Aufguß (Chinatinctur, spinotnraObinas): an) Einfache Chinatinctur (liuotura Ob.simpl.), durch Digestion von Chinapnlver mit Weingeist dargesteltt; enthält die bes. wirksamen Theile der Chinarinde, außer chinasaurem Kalk, Gummi u. Amylon. bb) Zusammengesetzte Chinatinctur (Vinvtura Ob. oomposita, sonst lülixir roborans IVbvttii), ans brauner Chinarinde, Pomeranzenschalen, Enzian, Zimmt u. verdünntem Weingeist durch Digestion bereitet. 0) Chinaextract (Lxirasbum Obinas s. Oort. psrnviani), wässeriges,(Lxtr. Obin. agnosnm) und geistiges (Lxbr. «bin. splribnosnm), mit Wasser u. Weingeist. Es enthält jenes die meisten wirksamen Stoffe der Chinarinde, daher auch Geruch u. Geschmack. Man schätzt die Wirkung gleich derjenigen der 8fachen Menge Pulver. Die wichtigsten aller CH. sind die Chinaalkaloide: Chinin, Cinchonin, Chino'kdin; siehe darüber die besonderen Artikel. Chinard, Joseph, franz. Bildhauer, geb. 1756 in Lyon, gest. 1813 in Paris; ein Schüler von Blaise, bildete er sich dann in Rom, kehrte 1789 zurück u. modellirte für das Föderationsfest eine Kolossalstatue der Freiheit. Ein eifriger Anhänger der Revolution, gab er seinen Ideen auch künstlerischen Ausdruck, ward deshalb von der päpstlichen Polizei verhaftet u. saß über zwei Monate in der Engelsburg gefangen. Nach Frankreich zurückgekehrt, ward er dort als Contrerevolutionär eingesteckt, später aber Mitglied der Lyoner und Pariser Akademie. Hauptwerke: Perseus u. Andromeda; Justitia; Hebe credenzt den Nektar; Der Friede; zahlreiche Büsten. Regnet. Chinarinde, s. u. Oinebona. Chinaroth, ein in allen Chinarinden, am reichlichsten in der rothen vorkommender Farbstoff, der auch aus der Chinagerbsänre (s. d.) dargestellt werden kann. Es bildet eine amorphe, hell- od. dunkelrothbraune Substanz, ohne Geruch n. Geschmack, sehr wenig in kochendem Wasser, leicht in Alkohol, wässerigen Alkalien u. in conc. Essigsäure löslich. Die ammoniakalische Lösung fällt Chlorcalcium-, Magnesia-, Thonerdesalze u. auch Brechweinstein roth, sowie auf Zusatz von Weingeist. Mit Atzkali geschmolzen liefert es Protokatechusäure u. Essigsäure. Clören. Chinasäure (Chem.) O^kl^Og. Diese Säure findet sich in allen echten Chinarinden, von den unechten in der Obioa novn surlnamsn- 8is, ferner in den Kaffebohnen, im Heidelbeerkraut, im Labkraut (Oallinm mollnA» L.) u. wahrscheinlich in noch vielen anderen Pflanzen. Man gewinnt sie bei der Darstellung des Chinins aus der Chinarinde als Nebenproduct. Si: krystallisirt in großen, farblosen, schiefen, rhombischen Prismen, welche luftbeständig sind u. sich in Wasser, 768 Chinasilber — Chinesisches Rechncnbrctt. leichter in kochendem, sowie im wässerigen Alkohol lösen. Die wässerige Lösung dreht die Polarisationsebene nach links. Die CH. schmilzt bei 162° u. erstarrt beim Erkalten amorph. Beim raschen Erhitzen an der Luft verbrennt sie mit Flamme u. Geruch nach verbrennender Weinsäure. Vorsichtig erhitzt, verwandelt sie sich gegen 220° unter Wasseraustritt u. Bräunung in Chinid 67810O5, eine zähe, glasartige, in Wasser lösliche, ans Weingeist krystallisirende Masse. Bei der Destillation liefert die CH. Phenol, Benzo'e- säure, Benzol, Hydrochinon u. a. Products. Mit Schwefelsäure u. Braunstein behandelt, liefert sie Chinon (s. d.), mit Ätzkali geschmolzen Protokatechusäure. Die Salze der CH. sind meist krystalli- sirbar u. mit Ausnahme des basischen Bleisalzes in Wasser löslich,, in Alkohol aber unlöslich. Interessant ist der Übergang der CH. in Hippursäure beim Einnehmen, als welche sie sich im Harne wiederfindet. Clären. Chinasilver (Alfenid, Alpacca, Christofle) nennt man ein Material, ans welchem seit einiger Zeit Geräthschaften der verschiedensten Art (Löffel, Messer, Gabeln, Salzfässer, Thee-, Milch- und Kaffekannen, Platten, Tafelaufsätze, Lampenftiße, Leuchter, Eiskühler re. rc.) hergestellt werden. Es besteht aus Neusilber, welches ans galvanischem Wege mit einer dickeren oder dünneren Schicht von Silber überzogen wird. Der Silberüberzug beträgt durchschnittlich 2°/» des Gesammtgewichtes. Die bedeutendste Fabrik ist die von Christofle u. Comp, in Paris u. Karlsruhe, aber auch in Berlin, Leipzig n. Wien hat sich dieser Industriezweig bereits eingebürgert. 'Hetzer. Chinawurzel, Wurzel von Lmilsx Odins, L.; s. Lmilsx. Chiucha-Jnseln, Inselgruppe in der Pisco- Bucht an der Küste des südamerikanischen Freistaates Peru; die 3 Hauptinseln, nach ihrer Lage Isis äsl Horts, Isis äol LIsäio u. Isis äsi Lust geheißen, enthalten etwa 55 festem u. steigen als nackte, zerrissene u. zerklüftete Felsen von 65 m Höhe empor. Sie waren früher wichtig durch ihre mächtigen Schichten von Guano, die aber jetzt erschöpft sind. Kolpe.» Chinchilla (span.), schönes Pelzwerk, silbergrau, schwärzlich angehaucht, mit 3—3,5 om langen, seidenweichen Haaren. Es kommt von der Chinchilla (Lriomz-s) in NCHile. Der Preis variirt nach der Mode. Chinchilla, Stadt in der spanischen Provinz Albacete, an der Eisenbahn von Madrid nach Alicante; Castell, mehrere Klöster; Marmor- und Gipsbrüche; Getreide, Safran, Wein; 3500 Ew. Chinchillon, größere, gelblichen. Bastardchinchillas, kleine, kurzhaarige Felle, welche mit den Chinchillas zusammen in den Handel gebracht werden. Manche seine und langhaarige, silber- graue Wollstoffe heißen ihrer Ähnlichkeit mit dem Chinchilla ebenso. Ltnncbina (lat.), Chinarinde; s. Oinostous. Chinchon, Stadt in der spanischen Provinz Madrid, zwischen dem Tajo u. Tajuna; Schloß; Ökonomische Gesellschaft; Mineralquelle; 2500 Ew. Chine (fr.), jedes auf geflammte Art od. mit flammigen Mustern gewebte Zeug. Diese Flammen sind längliche Flecken mit gleichsam verwaschenen Enden. Die Kette solcher Zeuge wird zwischen dem Scheeren und Bäumen stellenweise gefärbt indem man die nicht zu färbenden Theile mit Pa! Pier und darauf fest und dicht mit Bindfaden umwindet, bevor die Kette in den Farbkessel gebracht wird. Chinesen, s. u. China. Chinesisch Grün (Lokao), grüner Farbstoff, der ans dem Safte von Wrsmnus ostloropborm und Wismuus rrtriis gewonnen wird und in der Zengdruckerei Anwendung findet. Chinesische Literatur, s. u. CH. Sprache und Literatur. Chinesische Mauer, eine bei Sutscheu in der Prov. Kauft an der NWGrenze von China begin- uende, 2—3000 irm lange, 7 m dicke, in der Mitte mit Erde und Schutt ausgesüllte, mit Fließen ge- pflasterte, 8—10 w hohe Mauer zwischen dem eigeutl. China u. der Mongolei, zum Schutze gegen feindliche Einfälle. Sie ist über Flüsse u. Gebirge (bis zu 1600 m Höhe), durch Schluchten u. über Abgründe geführt, alle 200 Schritte ist ein Thurm (sonst mit Wache) u. hier u. da Thore. An manchen Orten ist sie doppelt u. auch dreifach (z. B. bei Peking); hinter ihr liegen zu ihrem Schutze noch einzelne Forts und Citadellen. Angefangen wurde sie vom Kaiser Tsin-schi-hoang-ti (24k bis 210 v. Chr.), vollendet unter den Nachfolgern. Nach And. wurde sie von den kleineren Staaten, in welche damals China getheilt war, theilweife angelegt u. später erst von Thsin-schi-hoang-ti zu einem Ganzen verbunden. Sie umschließt also nur NCHina; auch ist sie jetzt in Verfall. Chinesisches Meer, 1) Theil des großen Oceans im SO. von Asien; umschließt das eigentliche China im O. u. S.; nordöstlich heißt es Hoanghai (Gelbes Meer) zwischen China, der Mandschurei u. Korea, mit den kleineren Busen von Petschili (Pohai) und Liatong und vielen Inseln; östlich Tonghai (Östliches Meer) ist sehr stürmisch u. ist südlich durch die Formosa-Straße mit dem Nanhai (Südliches Meer), auch Chinesischer Meerbusen genannt, verbunden; in ihm liegt die Insel Hainan; der westliche Theil desselben heißt der Busen von Tonkin od. Annani. Die furchtbaren Wirbelwinde (Teifune) machen dis Schifffahrt darin sehr gefährlich. 2) Bcsond. der Theil, welcher im N. von China, im W. von Annam, im SW. von der Halbinsel Malakka (mit dem Busen von Siam), im S. von den Snln- Jnseln, im O. von den Philippinen-Inseln umschlossen wird. Chinesisches Nechnenbrett, mechanische Vorkehrung, um ohne Ziffern leicht u. sicher zu rechnen. Eine kleine Tafel hat von oben bis unten 10—12 parallele Drähte oder Schnüre und einen i leeren Raum in der Mitte. Auf diesen Drähten - befinden sich oben 2 bewegliche Kugeln, und eine jede derselben wird für 5 gerechnet, unten aber 5 gleiche Kugeln, deren jede nur 1 gilt. Indem nun diese Kugeln seitwärts geschoben u. die Kugeln u. Kugelreihen unter sich verglichen werden, addiren, subtrahiren, multipliciren u. dividiren die ^ Chinesen auch in größeren Zahlenreihen, ebenso wie wir bei der Zifferrechnung. s WIWWW Chinesischer Speckstein — Chinesische Sprache, Schrift u. Literatur. 769 Z Chinesischer Speckstein, so v. w. Agal- ^ matholith. Chinesische Sprache, Schrift u. Literatur. L.. Die ch. Spr. bildet im Vereine mit den anna- mischen, flämischen u. wenigen anderen Idiomen der transgangetischen Halbinsel das sog. einsilbige od. flexionslose Sprachengebiet, welches weit mehr Begriffe als Grundwörter zählt u. die Begriffe theils durch verschiedenartige Betonung eines u. desselben Grundwortes, therls durch bloßes engeres Aneinandersprechen zweier dergleichen vermehrt oder verdeutlicht. Es gibt der Grundwörter nur etwa 500, der eigenthümlichen Betonungen oder Stimmbiegungen (auch Accente genannt) in den Dialekten SCHinas 8, im N. nur 5. Die gebildete Umgangssprache (Kuan-Hoa), im N. des großen Kjang-Stromes zugleich Volkssprache, enthält mit Hilfe der Unterscheidung durch die sog. Accente nach Prcmare überhaupt 1445 Wörter. Diese ist weit abgeschliffener, als die Dialekte des S., indem sie von konsonantischen Auslauten nur n u. n§ besitzt, während das SCHinesische noch L, in, p, k u. t als Auslaute aufzuweisen hat, jedoch meist hinter kurz gesprochenen Selbstlautern. Ein Grundwort des NCHinesischen lautet ungefähr wie dnm- pses or, ol od. orl (wofür im S. immer ni, ,si) n. wird daher sehr verschieden umgeschrieben. Die vocalischen Endungen sind entweder einfach, oder Diphthongen; das die sogen. Triphthongen des Kuan-Hua eröffnende i ist wahres j, man schreibt demnach z. B. besser xjao, sjuan, als piao, siuan. Die Mehrung u. Verdeutlichung der Begriffe durch sog. Zusammensetzung geschieht nach verschiedenen Principien: man rückt zwei Wörter an einander, die in einer ihrer verschiedenen Bedeutungen zusammenfallen; man legt eine Art von Definition in die Paarung n. s. w. Weitaus die meisten dieser Composita werden in unseren chinesisch-europäischen Wörterbüchern noch vermißt. Die Nedetheile ergeben sich im Chinesischen regelmäßig aus der Ordnung der Wörter im Satze; je nach dieser Ordnung kann ein und dasselbe Wort Nomen, Verbum n. oft auch Partikel sein. Jeder Satz beginnt mit dem Subject, es folgt das Verbum u. dann das Object. Jeder beschränkende od. näher bestimmende Ausdruck steht vor dem Worte, auf welches er sich bezieht, also das Adjectiv vor seinem Substantiv, der Genitiv vor dem Nominativ, das Adverb vor dem Verbum, der Nebensatz vor dem Hauptsätze, die dem ganzen Satze angehörende Partikel ganz zu Anfang; doch erleiden mehrere dieser Regeln schon in ungebundener Rede oft Ausnahmen (so kann dasFrage- siirwort als Subject ans Ende gesetzt werden, n. gewisse Bindepartikeln folgen regelmäßig hinter dem Subject); viel weiter noch geht die Willkür bei Dichtern. Wo man Zweideutigkeit vermeiden will, da müssen Wörter aushelfen, die in gewissen Verbindungen Mehrzahl oder Verhältnisse der Nomina zu einander oder zu Verben bezeichnen, u. an Verben andere, die auf Vollendung, Bevorliehen, Leiden Hinweisen. Die Schrist der Chinesen ist ideologisch, aus einfachen oder zusammengesetzten Bildern der Begriffe, die sie erwecken soll, entstanden. Der Vorrath an Schriftzeichen über, bietet Len Sprachschatz in ungeheurem Grade, da. Vierers Universal-Conversations-Lextton. 6. Aufl. IV. Daud. her viele auf ganz gleiche Weile ausgesprochen werden. Man darf aber darum nicht denken, jeder dieser Charaktere stelle einen eigenen Begriff dar; denn vieler unnöthiger Synonyma zu geschweige!:, gibt es von jedem Schristzeichen eine gute Anzahl bloßer graphischer, zum Theil veralteter Varianten. Die Composita der mündlichen Sprache bleiben in der Schrift immer getrennt n. sind oft schwer zu erkennen; übrigens macht der gedrungene alte Stil von denselben sparsamer Gebrauch, als die in Romanen und Dramen uns vorliegende Sprache des täglichen Lebens. In den meisten Wörterbüchern hat man die Schriftzeichen gewisser in der Zusammensetzung besonders hervorspringender Theile nach der Zahl ihrer Striche untergeordnet. Diese Theile (für sich schon meist von selbständiger Bedeutung) heißen Klassenhäupter (nicht Schlüssel), u. ihre Zahl ist seit unserem 17. Jahrh. auf 214 beschränkt. Die Zeichen selbst haben im Verlaufe der Zeit manche Änderung erfahren; aus den ersten Bildern entwickelte sich die aus steifen n. eckigen Zeichen bestehende Tschnan-Schrift; da diese aber zu schwierig zu zeichnen war, erfand man unter der Dynastie Han die Li- od. Kanzleischrift, deren schwerfälliger Charakter in der heutzutage ge- »ähnlichen Schrift etwas gemildert worden ist. Die davon abgeleitete Kursivschrift, Tsao (d. h. Gras), wird nur zuweilen bei Vorreden oder bei Werken leichterer Gattung angewendet; we- gen der darin leicht möglichen Zweideutigkeiten u. Jrrthümer ist ihr Gebrauch in öffentlichen Acten verboten. Die Chinesen schreiben mit deni Pinsel, die Zeichen von oben nach unten, die Zeilen von der Rechten zur Linken aneinandergereiht. Grammatiken der ch-n S. von Fonrmont, Par. 1742; Morrison, Serampore 1815;, Remnsat, Par. 1822; Premare, Malakka 1831; Endlicher, Wien 1845; W. Schott (nach einem neuen Plan), Berlin 1857; dazu Nachträge u. Verbesserungen unter dem Titel: Zur chinesischen Sprachlehre, Berlin 1868; St. Julien. Par. 1870; Wörterbücher von Glemona, Par. 1813, Fol.; Morrison, Macao 1815—22, 6 Bde.; Gonyalves, Macao 1833; Medhurst, Batav. 1842, 2 Bde.; Wells- Williams, Kanton 1856; Lobscheid, Hongkong 1871. Von den Volksdialekten ist der von Tschintschen in Bayers Lluasnin sinienm, Petcrsb. 1730, u. der von Fukian in Medhnrsts klolclcösn vietio- narx, Macao 1832, bearbeitet. Der Anfang de," Vater unser lautet: bsai tbian nxo-bsn^ tu tsebe nxo-ben§ xuan or ininZ iejan-sobinb, d. h.: bist-im Himmel unser Vater welcher, wir wünschen deinen Namen heilig-sein. L. Literatur. Die erste Stelle unter den dazu gehörenden ungemein zahlreichen Werken nehmen nach landesthümlicher Ansicht die klassischen (kanonischen, heiligen) Bücher ein, u. unter Liesen wieder haben den ersten Rang die 5 uralten King, welche Kong-fu-tse selber ihre heutige Gestalt verdanken. Diese King sind: a) D-kin g (Buch der Verwandel- ungen), wahrscheinlich das älteste, enthält die 8 Kua mit ihren Erweiterungen u. soll von dem mythischen Kaiser Fo-Hi, (s. China Gesch.) herrühren; an sie schließen sich die Erklärungen des Wen-wang, des Tscheu-kung u. des Kong-sn-tse, die jedoch ebenso 49 W«« 770 Chinesische Sprache, dunkel sind, alsderText, u. zu vielfachen späteren Erklärungen Anlaß gegeben haben (übersetzt von Re- gis u. herausgeg. von Mohl, Stuttg. 1834, 2 Bde.). b) Schu-king (Geschichtskanon), enthält Urkunden zur Geschichte der Kaiser Dao u. Schün u. der Dynastien Hia, Schang und Tschcu, französisch von Gaubil, Paris 1770, chinesisch u. englisch von Med- hurst, 1846. o) Schi-king (Liederkanon), enthält Lieder zum Lobe edler u. Tadel böser Menschen, besonders fürstlicher Personen od. ihrer Beamten u. Schergen, jedoch auch von Politik freie lyrische Ergüsse; von Kong-fu-tse aus einer Menge alter Lieder ausgewählt, nach der lateinischen Übersetzung De la Charmes herausgeg. von Mohl, Stuttg. 1830, in Auswahl verdeutscht von Rückert, Alt. 1833, u. B. v. Strauß, ebd. 1875. ä) Tschün-tsiu (Frühling u. Herbst, d. h. Blüthe u. Verfall), Chronik der Vasallenreiche, in welche China unter den Tscheu zerstückelt war, dem Kong-fn-tse ganz zugeschrieben; Ergänzungen u. Erklärungen dazu: Las Nei-uai-tschuen (die Überlieferung von innen u. außen) von Tso-kiu-ming, einem Zeitgenossen Kong-fu-tses. s) Li-ki, d. i. Ritual-Denkschrift (so Mufiger als Li-king, Ritual-Kanon, genannt), eine Compilation aus viel späterer Zeit, enthaltend Regeln der Etikette u. Höflichkeit für alle Stände, Altersstufen und Verhältnisse des Lebens, häufig in die Moral hinübergreifend. Zu den klassischen Büchern zweiten Ranges gehören: a) Die vier Bücher (Sse-schu), von unmittelbaren und mit- telbaren Schülern Kong-fu-tses theils zusammengetragen, theils selbständig verfaßt, nämlich: an) Der Ta-Hjo oder Tai-Hjo (große Lehre), ein Merkchen, worin Tseng-tse, des mehr erwähnten Weisen ausgezeichnetster Schüler, die wichtigsten Lehren der politischen Moral, wie er sie aus des Lehrers Munde empfangen, zusammenfaßt und seine Erläuterungen daran knüpft, bb) Tschuug- yung (vom Beharren in der rechten Mitte), philosophische Abhandlung von Tse-se, einem Enkel deS Kong-fu-tse. so) Lun-yu (Gespräche), meist Sprüche des Kong-fu-tse u. seiner unmittelbaren Anhänger, zum Theil in Reden u. Antworten, Alles von epigrammatischer Kürze, ckä) Meng- tse, Name des Verfassers u. seines Buches, welches, von stärkerem Umfang und viel rednerischer geschrieben, als die übrigen, Unterredungen über die beste Art zu regieren enthält. Sein Verfasser, obgleich nur Schüler des Tse-se (s. vorher), wird dem Kong-fu-tse fast gleich geachtet, u. die Nachkommen Beider sind der alleinige Erbadel Chinas. Die Sze-schu sind zusammen übersetzt in Couplets Oonkuoius Linarnm pttiloLoxillls, Paris 1687, Fol., von Pater Nodl, Prag 1711, und englisch von Collie, Malakka 1828, dann von Legge, der überhaupt alle kanonischen Bücher neu überträgt u. mit Einleitungen, kritischen u. erklärenden Noten versieht, 1868 ff. Unter den europäischen Übersetzungen einzelner der Vier Bücher verdienen Abel Rbmusats Tschung-yung, Juliens Meng-tse, Par. 1824—29, 3 Bde., und I. I. Hofmanns Tai-hjo^Leyd. 1861, besondere Erwähnung. Die nächste Stelle nach den Sse-schu nimmt das Hjao- king (Buch vom kindlichen Gehorsam) ein, welches erst im 8. Jahrh. unserer Zeitrechnung aufgefunden wurde. Es enthält ein Gespräch des Kong- Schrift u. Literatur. - fu-tse mit Tseng-tse (s. o.), der cs aufgezeichnel haben soll. Der in China geschätzteste Ausle- ger aller kanonischen Bücher der sogen. Religion des Gelehrtenstandes ist Tschu-Hi, ein großer Polyhistor des 12 . Jahrh. unserer Zeitrechnung, von dessen Zeit man die Erstarrung des alten Chinesenthums datiren kann. Dieser den Weisen des Alterthums beinahe nebengeordnete Mann w,r zugleich ein fruchtbarer selbständiger Autor: sein Sjao-Hio (kleine Lehre), volksthümlich geschrieben, wurde unumgängliche Vorbereitung zum Studium der King ersten wie zweiten Ranges, u. in seinem Werke Sing-li (Naturgesetze) philosophirt er über die Räthsel des Daseins. Schon lange vor Tschu-Hi gab es übrigens auch einigermaßen selbständige Confncianer, darunter der im 3. Jahrh. unserer Zeitrechnung verstorbene Sun-king, angeblicher Paradoxeuhascher, welcher nahe daran war, eine Erbsünde zu statuiren. Sein Werk u. die Schriften ähnlicher verschieden beurtheilter Denker ans Kong-fu-tses Schule sind leider noch fast unbekannt. Sehr zahlreiche Werke haben die Lehren der Tao-ße, der Buddha-Gläubigen u. der eine Vereinigung aller Glaubensmeinungen anstrebenden Synkretisten zu Tage gefördert. Die erstgenannte Secte hat den von ihr mißverstandenen wahrhaft großen Denker Lao-tße (sein Tao-te-king, in! Französische übersetzt von Julien, Par. 1842, ins Deutsche von Plänkner, Leipz. 1870, u. V. von Strauß, Leipz. im gleichen Jahre) an die Spitze ihres Pantheons gestellt. Eine große Sammlung ihrer esoterischen u. exoterischen Werke (bis jetzt kaum berührt) erschien im 16. u. 17. Jahrh. unserer Zeitrechnung unter dem Titel Tao-jin nui wai, d. i. lkao dominum interna (st) srtorna. Die buddhistischen Bücher zerfallen in King (welches Wort hier für das sanskritische Sutra steht), geistliche Liedersammlungen u. populäre Empfehlungen der Heilslehre oder Erläuterungen ihrer Dogmen; nur die King sind aus dein Sanskrit übertragen, z. B. das Kin-knang-king (Snwarna- Prabhäsa), d. i.. Sutra Goldschein, u. viele andere. Zu den belangreichsten Schriften chinesischer Buddhisten gehört das Tsing-tu-wen (Belehrung über die verklärte, Welt) welches Schott in seiner Abhandlung: Über den Buddhismus in Hoch-Asien u. in China, Berl. 1845, auszugsweise übersetzt ^ hat. Der Verfasser ist Apologet und gewiffer- maßen Synkretist. Bekanntschaft mit dem Chri- stenthum hat theils Einfluß auf neuere Metaphh- siker gehabt, z. B. in dem Sing-li-tschin-tjuan, d. i. wahre Erklärung der Naturgesetze, welches 1753 erschien, theils auch Gegenbestrebungen hervorgerufen, z. B. in dem Sching-yu-knang- hjun, d. i. umfassende heilige (kaiserl.) Belehrung, einer volksthümlichen Pflichtenlehre, englisch von s Milne, London 1817, welche beiläufig vor der ' christlichen Lehre warnt. Anderer moralischen l Volksbücher gibt es eine große Zahl unter verschiedenen Titeln, z. B. Lampe des finsteren Hauses (Ngan-schi-teng), Herzerhellender kostbarer Spiegel (Ming-sin-pao-kjan) rc. Sprachkunde. Die Chinesen haben ihren Sprachschatz bei Zeiten in Wörterbüchern untergebracht, die meist entweder nach Endlauten der den Schriftzeichen entsprechenden Grundwörter, oder nach mehr oder minder 771 Chinesische Sprache, willkürlich angenommenen Wurzelzeichen (Klassenhäuptern) geordnet sind. Das vollständigste der letzteren hat die Akademie Han-lin-juan (nicht Hanli) im Aufträge des Kaisers 1710-16 abge- saßt; die Artikel sind aber infolge der Vielköpfig- keit dieser Körperschaft von sehr ungleichem Werthe. Das Werk hat den Titel Kang-hi-tse-tjan, d. i. Schriftzeichensammlung aus der Negierung Kang- his. Leider sind bei weitem die meisten Bedeutungen der überaus zahlreichen, durch Zusammensprechung zweier Grundwörter gebildeten Ausdrücke selbst hier übergangen; in dieser Hinsicht hält das weit größere, aber schwer zu erlangende Jun-fn, d. i. Magazin der Reimlaute (denn es waltet hier das lautliche Princip) oft schadlos. Auch gibt es nach Materien (encyklopädisch) eingerichtete Wörterbücher, solche zur Kenntniß alter u. ungewöhnlicher Schriftarten u. endlich solche, die den Sprachschatz des Mongolischen, Mandschurischen, Tibetischen die Chinesen kennen lehren. Lyrische Poesie. Bei Betrachtung dieser muß man von den Oden des Schi (vgl. oben) mit schroffem Übergange denjenigen Schöpfungen sich znwenden, die das Zeitalter des Kaiserhauses Tang (618 bis Sl>6) in Verbindung mit einem künstlicheren Versbau entstehen sah. Vgl. Davis: Lsis l?oetr/ ob tsio 6simoss, Lond. 1870, u. Schott, Über chines. Berskunst, Berl. 1857. Nach vielhundertjährigein I Brachliegen oder doch sehr dürftigem Anbau des * Dichterfeldes begann mit einem Mal eine Periode eifrigen Strebens u. üppiger Fruchtbarkeit. Das große Sammelwerk: Tsjuan-Tang-schi, d. i. sämmt- liche Tang-Dichtungen (1707 gedruckt), begreift :> weit über tausend besondere Sammlungen von 1 Erzengnissen ebenso vieler Dichter u. Dichterlinge V mit vorangehender Biographie u. Beurtheilung 1 eines Jeden. Den verhältnißmäßig größten Raum 2 umfassen die Schöpfungen der beiden Dichterfür- I sten Tu-fu u. Li-tai-pe. Außerdem nennen wir I eine gleichzeitig erschienene reichhaltige Blumenlele 8 unter dem Titel: Besungene Dinge (Jung-we), « in welcher die poetisch verherrlichten Gegenstände k encyklopädisch geordnet sind, und das Schi-Hjo (Poetik), eine Zusammenstellung dichterischer Phrasen, auch encyklopädisch. Das in zwei Sprachen H (mandschurisch u. chinesisch) u. 32 Schriftarten ge- ! druckte Lobgedicht Kaiser Kjan-lungs auf die Stadt ! Mukden od. Sching-king verkündet weit eher Geis! lehrsamkeit als Dichtergabe; es ist Sching-king-fu (Panegyrikus von Sching-king) überschrieben; Isi Pater Amiot hat es, Par. 1770, nicht sowol über- ' ! setzt, als gewaltig paraphrasirt. Romane und i Dramen. Die Romane der Chinesen zerfallen /! in historische, bürgerliche und phantastische. Die s erste, wahrscheinlich älteste Gattung erzählt merk- s. würdige Perioden der vaterländischen Geschichte in Poetisch-gefärbter Prosa u. mit Einflechtung erdichteter Episoden. Mehrere Titel solcher Werke findet man in den Verzeichnissen chines. Bücher von Klaproth u. Scholl. Der Phantast. Roman zeigt eine Geisterwelt in ihrer Einwirkung auf i menschliche Schicksale. Dahin gehören: Der Fuchs- Else u. Der gespenstige Sohn (beide englisch im Islatio flournai von 1833 — 39), ferner das Pe- Iche-tsing-ki, von Julien unter dem Titel Liavvsis ( «t Lions, on kos cism eonlsnvros-ksos (1831) Schrift ii. Literatur. französisch herausgeg. Die bürgerlichen Romane, treue Gemälde des öffentlichen u. Häusl. Lebens der Chinesen, haben für uns das meiste Interesse; schätzbare Repräsentanten dieser Gattung sind besonders: Ju-kjao-li (die schönen In u. Li), zu- erst von Abel Remusat (1826), dann von Julien (1864) in Paris französisch heransgcgeben unter dem Titel: Los äonx oonsines, schon im Jahre 1827 aus dem Französischen verdeutscht (Stutig., ohne Namen des Verdeutschers); ferner Hao-kin- tschuan, d. i. Geschichte eines vollkommenen Weibes (englisch von Davis, unter dem Titel Lsis kor- tunabs Union, Lond. 1829); Hung-leu-mung, d. i Träume auf dem rothen Söller (sehr gerühmt, aber noch nicht übersetzt) rc. Das Drama der Chinesen ist mit Gesangstücken untermischt, sonst eigentlich nur dialogisirter Roman; seine Anfänge verlieren sich im Dunkeln, aber die meisten und zugleich vorzüglichsten Bühnendichter hat das Zeitalter der Juan, d. h. des mongolischen Regentenhauses (1260—1368) hervorgebracht. Schöne Proben der tragischen u. komischen Gattung haben besonders Davis, Julien u. Bazin auf curop. Boden verpflanzt, namentlich: Lao-seng-or, der einem Greise geborene Sohn, englisch von Davis, Lond- 1817, französisch in Begleitung des San- yu-leu oder der drei geweihten Stockwerke, Par. 1819; Han--knng - tsiu, Trauer im Palaste der Han, englisch von Demselben, Lond. 1829; Hoei- lan-ki, der Kreidezirkel, französisch von Julien, ebd. 1832; Tschao-schi-ku-or, ein Verwaister vom Geschlechte Tschao, franz. unter dem Titel L'or- psioiin äo la 6sii.no von Julien, Paris 1834; Tschao-mei-hjang, franz. von Bazin unter dem Titel Los intriAues ä'nno sonbretto,ebd. 1834; Pi-pa-ki, Geschichte einer Laute, franz. von Bazin, ebd. 1841. Vgl. desselben Bazin IsisLtrs osiinois, ebd. 1838, u. Lisels äes louan, ebd. 1852, worin der Vers, sämmtliche 100 Bühnenstücke der Sammlung Juan- jin-pe-tschung analysirt u. von Seiten ihres ästhetischen od. sonstigenWerthes beurtheilt. Länder- u. Völkerkunde. Das angeblich uralte Schan- hai-king, d. i. Kanon der Berge u. Meere, ist eine Art mythischer Erdbeschreibung, die einzelne Wahrheiten unter einem Wüste illustrirter Ungereimtheiten enthält. Die ersten des Namens würdigen geographischen Werke sind nach Ma-tnan- lins Zeugniß unter den Tang erschienen. Vor allen! rühmt er das gegen Ende des 10. Jahrh. von einem Vereine Gelehrter, an deren Spitze Lose stand, nicht ohne Kriük zusammengetragene Hoan-yu-ki, d. i. Beschreibung der ganzen Erde, das aber nicht über China, andere Theile des asiatischen Festlandes u. gewisse Inseln in S. u. O. hinausreicht. Die oft sehr schätzenswerthen Nachrichten von Sitten und Schicksalen anderer Völker OAsiens sind aus amtlichen Geschichtswerken gezogen. Die ausführlichste neuere Geographie Chinas u. der Nachbarländer ist amtlich u. trat 1744 in 16 Heften mit 496 Specialkarten zuerst ans Licht, betitelt Tai-Tsing-yi-tung-tschi, d. h. umfassende Kunde (vom Reiche) der Großen Tsing (welches der chinesische Name, den das heutige mandschurische Kaiserhaus sich gegeben). Ein geographisches Compendium, Kuang-yu-tn-ki (Beschreibung der ganzen Erde mit Karten), stammt 772 Chinesische Sprache, aus dem 17. Jahrh. u. wurde im 18. neu aufgelegt. Außerdem gibt es umfassende Werke über einzelne Provinzen des Kaiserreiches u. von amtlichen Quellen unabhängige Beschreibungen angrenzender Länder, zum Theil in Form von Reiseberichten. Dahin gehören das Si-ju-wen-kjan-lu (Aufzeichnung des in den westlichen Ländern Gehörten n. Gesehenen), hauptsächlich das östliche Turkestan beschreibend u. 1778 mit sehr primitiven Karten gedruckt; Bitschurius russische Übersetzung, 1829; zwei Beschreibungen Tibets; das durch Remusats frauz. Version (1833) bekannt gewordene, sehr merkwürdige Fu-kue-ki, d. i. Bericht über buddhistische Länder, von einem chinesischen Pilger, der 399—412 unserer Zeitrechnung Ostindien besuchte, u. das noch wichtigere, ebenfalls von einem geistlichen Pilger verfaßte Si-yu-ki (Kunde von westlichen Ländern), im Jahre 648 zuerst veröffentlicht. Den Bericht einer Gesandtschaft an den Khan der Turgut - Mongolen hat Staunten (1821) englisch herausgeg. Geschichte. Schon die ältesten chinesischen Kaiser und Lehnsfürsten hatten angeblich je zwei Annalisten, von denen der eine nur Reden, der andere nur Thaten verzeichnete. Dann erhielten vier Würdenträger dieses Amt. Endlich entstand (unter den Tang) ein noch jetzt bestehendes Collegium Han-lin (d. i. Pinselwald) dessen Mitglieder, die gelehrtesten Männer des Staates, Alles, was Erhebliches geschieht, ox xro- kssso verzeichnen. So entsteht im Laufe jeder Dynastie eine officielle vaterländische Historie, die aber zu Wahrung der Unparteilichkeit erst nach dem Erlöschen oder der Vertreibung der betreffenden Dynastie das Licht erblicken darf. Dagegen steht es Jedem frei, aus eigener Kenntniß n. aus eigene Verantwortung selbst das zeitgenössische Kaiserhaus historisch zu behandeln. Daß von den kanonisch geachteten Werken einige in das Fach der Geschichte gehören, haben wir oben gesehen. In dem von Kaiser Schi-huang-ti (s. China, Gesch. S. 754) veranstalteten Bücherbrande mag wol manche alte Urkunde ganz untergegangen sein. Was noch irgend zugänglich war, das ließ (140—87 vor unserer Zeitrechnung) ein Kaiser des Hauses Han durch Sse-ma-tan zusammensuchen u. so ein kritisches Werk vorbereiten, das dessen Sohn Sse-ma- tsjan unter dem Titel Sse-ki (historische Denkwürdigkeiten) herausgab. Mit den Fabelzeiten beginnend, kommen die Ssc-ki erst spät aus einigermaßen sicheren Boden u. schließen 122 v. Chr. ab. Der von Sse-ma-tsjan befolgte Plan hat allen seinen Nachfolgern auf diesem besonderen Gebiete als Muster vorgescbwebt; die amtlichen Historien sind eine Art Eucyklopädien des Wissenswürdigen mit Beschränkung auf einen bestimmten Zeitraum; was aber die Übersicht äußerst erschwert, ist die Zerstückelung aller Begebenheiten, so zwar, daß man nur aus dem biographischen Theile umständliche Belehrung schöpfen kann. Die ganze Sammlung (bis 1644 unserer Zeitrechnung reichend) besteht jetzt gewöhnlich aus 416 Heften in 61 pappenen Umschlägen. Die Unbequemlichkeit ihrer Benutzung hat schon früh zu streng chronologischen Auszügen aufgefordert; den geschätztesten derselben begann Sse-ma-kuang unter den Tang, er erschien aber erst 1084 unter dem Titel Tung-kjan, d. i. Schrift u. Literatur. allgemeiner Spiegel (Spiegel aller Begebenheiten;, u. wurde später bis 1566 fortgesetzt, auch „ni Commentaren versehen. Um die Mitte des 12 . Jahrh. unternahm es der berühmte Tschn-hi (f. o.), den wesentlichen,Inhalt des Tung-kja» in Form summarischer Übersichten auszuziehe,,' die Übersichten ließ er der umständlichen Erzählung in größerer Schrift vortreten u. fügte demzufolge dem alten Titel noch Kang-mu, d. i. Auszug (des Gewebes) und Augen (Maschen), bei. Auch dieses Werk wurde fortgesetzt u. selbständig commentirt; endlich erschienen Abkürzungen desselben, z. B. das Kang-kjan-yi-tschi, d. h. Spiegel des Aufzuges, zu bequemer Kenntnißnahme. Daneben entstand das Tung-kjan-ki-se eines gewissen Jnan-ki-tschung, welcher gleich Tschu-Hi unter den Sung II. lebte. Die neueste Ausgabe ist von 1642. Der Verfasser vermeidet die Anordnung nach Materien u. die streng chronologische dazu und folgt der Ordnung der Begebenheiten. Jede Katastrophe wird demgemäß ohne Unterbrechung im Zusammenhangs erzählt, mit Überschriften, die ans den Hauptinhalt verweisen, eine Methode, die mit der unserer europ. Historiker am nächsten verwandtist. Eine Ergänzung, die Gesch. der Ming umfassend, erschien 1658. Der selbständigen biograph. Werke u. Berichte über einzelne histor. Episoden ist eine große Zahl. Die Numismatik ist seit unserem 6. Jahrh. Gegenstand verschiedener von Ma-tuan-lin citirter Werke gewesen, und im Jahre 1826 erschien ein Tsjan-tschi-sin-pjan (neues Werk zur Münzenkunde). Alte Jnschristen auf Stein u. Metall copirt u. erklärt das Kin- schi-tni-pjan (1805) in 160 Büchern. Statistik u. Gesetzgebung. Von statist. Werken ist besonders das große, auch für die Topographie des Reiches sehr wichtige Tai-Tsing-hoei-tjan, d. i. gesammelte Satzungen der großen Tsiug (s. o.) zn erwähnen, welches in 100 Büchern alle Hos- u. Staatsbehörden mit ihren Amtsverrichtungen kennen lehrt, neueste Ausg. 1818; ein Auszug aus demselben schon 1774 veranstaltet. Zur Gesetzgebung gehört der Criminalcoder Tai-Tsing-lju-li, von 1646—1815, verschiedene Male durchgesehen u. erweitert, englisch von Staunton, Lond. 1818. Ferner gibt es eine riesige Sammlung Ki-tjao-li, d. i. Jahreszeiten-Gesctze, von welcher jedes Hest sämmtliche im Verlauf einer u. derselben Jahreszeit erlassenen Gesetze enthält; ein Ko-tschang-tjao-li, d. i. Verordnungen, die Staatsprüfungen betreffend (1825), von welchen Morrison in seinem chines.- engl. Wörterbuchs eine fruchtbare Übersicht gibt tt. Natur- u. Heilkunde. Die erstere ist eigentlich bloße Beschreibung, d. h. Zusammenstellung von Merkmalen der beseelten u. unbeseelten Naturdinge, dann u. wann mit Zurückführung gewisser Eigenschaften derselben auf dieses oder jenes Element u. ohne Ausnahme mit Hervorhebung ihres Gebrauches in der Heilkunde. Die meisten Werke dieser Art sind Pen-tsao betitelt, d. h. Kräuter- buch, weil das Reich der Gewächse in denselben ursprünglich allein vertreten war u. jetzt noch den weitaus größten Raum einnimmt. Das berühmteste Pen-tsao mit dem Zusatze Kang-mu, d. i. Netz u. Maschen (vgl. o.), erschien 1596 u. hat einen gewissen Li-schi-tschin zum Verfasser. Es beginn'- 773 Chinesische Sprache, Mt dem Gebrauche der angenommenen 4 Elemente n. endet mit dem Menschen. Die Eigenschaften vieler Thiere sind gut beobachtet, u. überhaupt herrscht in dem ihnen gewidmeten Abschnitte nicht so häufig Verwirrung, wie auf dem botanischen Gebiete. Überall gibt sich aber dann und wann lächerlicher Aberglaube knnd. Was die Heilkunde betrifft, so ist diese eine freie Kunst, die Jeder ohne vorgängige Prüfung ansüben darf. Fast alle Diagnose dreht sich um eine sehr verwickelte Theorie des Pulsschlages, die in ansehnlichen Werken dargelegt ist. Ein russ. Arzt, vr. Tatarin, sagt im zweiten Bande der Arbeiten der russischen Mission zu Peking: „Alle medicinischen Bücher der Chinesen, deren Lesung mir vergönnt war, bestehen aus Artikeln, die verschiedenen Autoren entnommen und ohne jeden Zusammenhang aneinandergereiht sind. Jeder Verfasser schreibt seine Vorgänger ans u. bekennt sich mit ihren Ansichten einverstanden, od. äußert in unwesentlichen Dingen eine abweichende Meinung." Die Titel medicinischer Werke sind bisweilen recht sonderbar: so pnblicirte Fung-tsu-schan im Jahre 1694 ein Kin-nang-pi- lo-tsa-tschmg, d. h. in buntseidencm Sacke verwahrte Übersicht der verschiedensten Übel, der Tao-ße Snn-tung-su (1596), ein Tschi-schui-hjuan tschu, d. h. blaue Perlen in rothem Wasser. Sogar eine Art Lehrgedicht heilkundigen Inhaltes ließ der ehrwürdige Greis Wan-ngan (1694) drucken. Reine u. angewandte Mathematik. Von dieser kannten die Chinesen vor ihrer Bekanntschaft mit den Jesuiten nur die gemeine Arithmetik; sie rechneten nach dem Decimalsystem und bedienen sich noch jetzt zn Erleichterung des Rechnens einer Maschine (s. Chines. Rechnenbrett). Die Null ist durch ihre europ. Lehrer erst eingeführt, u. von diesen rührt auch eine Sammlung Logarithmen (Sn-pjao) in der chines. Literatur her. Was die Astronomie betrifft, so bemüht sich Ä. Schlegel in seinem 1875 erschienenen großen Werke üranoArapIris oiünoiso zu beweisen, daß sie sogar ursprünglich aus China stamme n. durch die alten Völker des Abendlandes der chinesischen Himmelskugel abgeborgt sei, was jedoch nicht so zu verstehen ist, als hätten die Chinesen wirkliche oder scheinbare Bewegungen der Himmelskörper zuerst berechnet. Kalender wurden sonst von den Mohammedanern, später von den Jesuiten, jetzt werden sie von dem Collegium der Sternwarte in Peking gefertigt. Über die Jahresrcchnung s. u. Jahr. Überhaupt zweckt alle Beobachtung des Himmels nur auf astrologische Deutung ab, worüber es auch mehrere Bücher gibt, z. B. Peo-king-thn (kostbarer Spiegel mit Bildern); Schan-pu (Anweisung znm Loosen), Tschang-schu (Buch von geheimnißvollen Dingen), von Tsching- jing 1684 herausgeg., u. v. a. Dazu wird auch Alchemie fleißig in China getrieben, sowie Chemie zu diesem, weniger zu medicinischem Zwecke. Auch über Künste, Gewerbe u. Lgl. haben die Chinesen Schriften; so über die Malerei, z. B. Hoa-tlchuan (Malerschule), Pi-tschin-tn (bildliche Anweisung, den Pinsel zu führen); über Ökonomie, z. B. Keng-tschi-tu (bildliche Darstellung des Acker- u. Seidenbaues), über das Hauswesen, z. B. Kia-pao- tsjuen- tfi (Hausschatz), über die Kriegskunst, z. B. Schrift u. Literatur. Hukian-king (Kanon der Kriegskunst), Wu king (Buch des Krieges). Ganz besonders reich ist die chinesische Literatur an Werken encyklopädischer Art, die freilich von sehr ungleichem Werthe sind. Gewissermassen gehören schon die amtlichen Geschichtswerke (die 24 Sze) in diese Kategorie. Zunächst daran reiht sich das in mehrerer Beziehung vortreffliche Wen-hjan-tung-kao (durchgreifende Prüfung der Literatur) des berühmten Ma-tuan-lin (1245—1322), 348 Bücher in 24 Abteilungen, die ebenso viele fruchtbare Auszüge aus den verschiedenen Fachwerken der ganzen amtlichen Geschichte enthalten. Es ist gleich anderen großen Werken in der Folgezeit fortgesetzt worden, auch besitzt man eine 1764 gedruckte Abkürzung desselben, die in einem starken europ. Bande Platz fand. Die eine Abtheilung beider Werke ist literarhistorisch, mit kritischer Beurtheilung der Schriftsteller. Ganz aus die amtliche Geschichte gründet sich auch das riesige Tse-fu-yuan-kuei (Edelstes ans den Archiven), dessen zwei Verfasser auf kaiserl. Befehl (1013) alles Biographische in eine Menge Rubriken zerstückelten, damit die verschiedenen Thaten u. Tugenden der großen Männer u. Weiber jedes Standes besser übersehen werden könnten. Eine der geschätztesten Encyklopädien ist das San-tsai-tu-hoei, welche drei Potenzen (Himmel, Erde, Mensch) beschreibt und illnstrirt (60 starke Hefte). Sehr untergeordnet erscheinen die vielen unkritischen Sammelwerke, z. B. das Kn-kin-ße wen-lui-tsjn, d. h. ordnungsmäßig Gesammeltes aus alter u. neuer Zeit. Die Einrichtung desselben ist im Allgemeinen folgende: 1. Definition deS Gegenstandes u. verschiedene Namen, auch wol kurze Beschreibungen desselben. 2. Alte u. neue Begebenheiten, bei denen Individuen od. Exemplare desselben eine Rolle spielen, oder die ihn irgendwie betreffen. 3) Längere Ausarbeitungen oder auch Verse, welche eine Schilderung des Gegenstandes od. Gedanken über denselben enthalten. In dieses Fachwerk müssen die verschiedenartigsten Dinge, Begriffe, Personen, Sachen, Handlungen passen!! Die excerpirten Werke sind überall gewissenhaft aufgeführt. Eine Encyklopädie für die Jugend ist Jeu-hjo-ku-ße-kjung-lin, d. h. Rubi- nenhain der das Alterthum studirenden Jugend, llberschrieben. Jngendschriften sind meist rhythmisch abgefaßt: so das San-tse-king (Dreiwörter- Kanon), in vierzeiligen Versen von je drei Zeilen; gute russische Übersetzung von H. Bitschurin, 1829, schlechte deutsche von Nenmann, 1836, u. das Tsjan-tse-king (Kanon der 1000 Schriftzeichen), wo 1000 Wörter, von denen keines sich wiederholt, zu rhythm. Sätzen von je 4 Wörtern znsammengekllnstelt sind. Man vergleiche zu diesem ganzen Abschnitte das Verzeichniß chinesischer Bücher auf der königl. Bibliothek in Berlin von I. Klaproth, Par. 1822, fortgesetzt von W. Schott, Berl. 1840; ferner Schotts akademische Abhandlung: Entwurf einer Beschreibung der chinesischen Literatur, ebd. 1854 (S. 293 ff. des Bandes philol.-histor. Abhandlungen vom gleichen Jahre). Gelehrsamkeit und Schriftstellerei sind in China immer hochgeachtet u. von den meisten Kaisern theils begünstigt, theils wenigstens geduldet worden. Nur einen Sohn des Himmels bezeichnet 774 Chinesische Tusche — Chimn. die Geschichte als Feind der Literatur, wenigstens der alten, u. Verfolger ihrer Pfleger. Es war dies der kraftvolle Stammherr des ephemeren Kaiserhauses Tsin (246—208 vor unserer Zeitrechnung) welcher, um lästige Berufung auf große Vorbilder des Allerthums künftig unmöglich zu machen, alle damals vorhandenen historischen u. politisch-moralischen Werke, insonderheit die King, verbrennen ließ. Die meisten Herrscher der Folgezeit setzten eine Ehre darin, Handschriften zu sammeln. Nach Ma-tuan-lin gab es in den Jahren Kai-juan des Hauses Tang (713—741) bereits so viele Werke aus früherer Zeit, daß sie 53,918 Bücher ausmachten. Dazu kamen noch 28,496 Bücher, die allein unter den Tang abgefaßt wurden. Seit Erfindung des (stereotypen) Bücherdruckes im 10. Jahrh. unserer Zeitrechnung wurde man mit Sammlung von Handschriften immer lässiger, was Ma-tuan-lin wegen der unzähligen Schnitzfehler unwissender Holzschneider lebhaft beklagt. Das Material der Bücher ist dünnes und meist gelbliches Papier, gewöhnlich aus Baum wolle. Die Blätter werden, da sie wegen ihrer Dünnheit nur auf einer Seite bedruckt werden können, gefaltet und an den offenen Seiten mit Seidenfäden zusammengeheftet. Die höchstens aus einigen hundert Blättern bestehenden Hefte (Bücher) haben an der Bruchstelle die Wiederholung des Titels nebst Angabe der Zahl des Blattes. Mehrere Hefte kommen in einen mit Hefteln versehenen pappenen Umschlag. Man stellt die Bücher u. Umschläge nicht auf, sondern legt sie übereinander mit dem Schnitt nach vorn. Bibliotheken haben alle vornehmen und gebildeten Chinese»; größere gibt es in buddhistischen Klöstern, die größste, angeblich 400,000 Bde., ist die kaiserliche in Peking. Der vornehmste Büchermarkt soll in Sutscheufu sein. Es gibt in China auch Bücher- Kataloge mit beigcsetzten Preisen. Schott. Chinesische Tusche (Chinesische Tinte) wird aus dem Ruße von mehreren Pflanzen u. Ölen, bes. des Sesamöls u. des Öls des Ölrettigs, bereitet. Die Ingredienzien werden gemengt, der Saft eines Baumes u. thierischer Leim zur Verbindung, sowie zuweilen Kampher u. Moschus u. der Saft von Osrümmus tinotoris, zugesetzt u. der Teig in hölzerne Formen gedrückt. Die CH. T. ist gewöhnlich in 2 Zoll lange, 1 Zoll breite u. 2—4 Linien dicke Stücken geformt. Sie ist völlig schwarz, brüchig, aus dem Bruche glasartig, läßt sich in Wasser leicht zerreiben, sinkt in demselben langsam unter u. springt, auf die Haut gestrichen, nicht ab, wenn man diese runzelt. Auf den Stücken (Riegeln) sind chinesische Buchstaben angebracht, welche auch wohl vergoldet od. blau gefärbt u. das Fabrikzeichen sind. Eine geringere Sorte wird in China aus Fichtenkohle gefertigt, welcher vorher das Harz entzogen ist. Man macht die CH. T. in Europa ziemlich gut nach. Man nimmt dazu Schalen von Aprikosenkernen, die in einem verschlossenen Tiegel verkohlt u. dann sein gepulvert u. mit Gummiwasser abgerieben werden, auch feinen Öl- od. Kienruß, der in einem verschlossenen Tiegel geglüht u. dann mit Gummiwasser, etwas Berliner Blau u. Ambra abgerieben wird. Auch gut geschlämmter Eiseumohr gibt eine schöne schwarze Tusche. Um den angenehmen Geruch der Ch-n T. nachzuahmen, mischtman etwas Moschus zu. Chinesisches Wollhuhn (Seidenhuhn), s. u. Cochinchinahuhn. St.-Chinian, Stadt im Arr. St.-Pons des franz. Dep. Herault, an der Bernasobre; Tuch. Fabrikation, Spinnerei, Weißgerberei rc., Verfertigung von Wollkratzen; 3772 Ew. Chinidin (Conchinin, Chem.) 62082^0,, eine dem Chinin isomere Base; findet sich in allen echten Chinarinden, besonders reichlich in den Pitayorinden, welche zwischen 1 u. 2 "/„ davon enthalten. Die bequemste Darstellung geschieht aus dem Chino'tdin (s. d.), aus welchem es mit Äther ausgezogen wird. Der Verdunstungsrückstand wird in Schwefelsäure gelöst, mit Ammoniak neutrali- sirt, darauf durch Seignettesalz Chinin und Ein« chonidin als weinsaure Salze niedergeschlagen u. das Filtrat mit Jodkalium versetzt. Das beim Stehen sich abscheidende jodwafferstoffsaure CH. wird durch Ammoniak sreigemacht u. nach mehrfachem Reinigen aus Alkohol umkrystallisirt. ES krystallisirt hieraus in großen, glasglänzendcu Prismen mit Krystallwasser, welche an der Lust unter Wasserverlust rasch verwittern, in Wasser, selbst in kochendem sehr schwer, leichter in Äther, am reichlichsten in Alkohol löslich sind. Die Lösungen drehen die Polarisationsebene des Lichtes nach rechts, schmecken sehr bitter, reagircn schwach alkalisch u. fluoresciren nach dem Ansäuern blau wie die des Chinins. Die Krystalle werden bei 126" wasserfrei, schmelzen bei 168" u. zersetzen sich bei höherer Temperatur. Mit Säuren bildet es meist gut krystallisirende, neutrale u. saure Salze, sowie auch mit vielen Metalloryden (Antimonoxyd, Silberoxyd rc.) Doppelsalze. Über seine arzneiliche Wirkung sind keine genauen Versuche angestellt. Clären. Chinin (Chem.) O20821A2O2, organische Base; kommt in den Chinarinden, den Rinden verschiedener Cinchonaarten zusammen mit dem Cinchonin, an Chinasäure (s. d.) gebunden vor. Am reichsten ist das Alkaloid in der Königschinarinde (6dim lepsin, Odins, Oslisszm) enthalten (2—3°/o), aus welcher es auch meist dargestellt wird. Die gepulverte Rinde wird mehrfach mit salzsäurehalti- gem Wasser ausgezogen, die Lösung mit Natrium- carbonat versetzt, wodurch die Basen CH. n. Cinchonin in Freiheit gesetzt u. gefällt werden. Der durch Leinwand abgepreßte Niederschlag wird mit kochendem Alkohol ausgezogen, die Lösung mit verdünnter Schwefelsäure neutralisirt u. der Alkohol abdestillirt. Beim Erkalten krystallisirt daS schwefelsaure CH. aus (während das schweselsaure Cinchonin in der Mutterlauge bleibt) u. kann durch Thierkohle u. mehrfaches Umkrystallisiren gereinigt werden. Aus der Lösung des schwefelst Ch-s fällt Ammoniak die reine Base aus, welche aus ätherischer Lösung in seidenglänzenden, 3 Mol. Krystallwasser enthaltenden Nadeln auskrystallisirt. Das durch Ammoniak gefällte CH. trocknet zu einer amorphen weißen Masse, welche geruchlos ist n. sehr bitter schmeckt. In kaltem u. kochendem Wasser ist es sehr schwer löslich (1 Th. CH. M 900 Thln. kochenden W.). Alkohol u. Äther lost» es leicht, ebenso Chloroform, flüchtige u. fette Ole. 1 ' !! Chinoidm — Beim Erwärmen schmilzt es unter Wasserverlust zu einer harzartigen Masse u. zersetzt sich bei höherer Temperatur. Das CH. ist eine tzgrke Base, die sich mit Säuren zu neutralen u. sauüd'n Salzen vereinigt, von denen die meisten Irystallisirbar sind. Dieselben schmecken intensiv bitter u. werden durch Alkalien, Platinchlorid, Oxalsäure u. Gerbsäure gefällt. Die Lösung eines Ch-salzes mit Chlorwasser u. hierauf mit Ammoniak versetzt, färbt sich grün, eine zur Erkennung des Ch-s dienende Reaktion. Das wichtigste Salz ist das neutrale schweselsaure CH. es krystallisirt in langen, glänzenden Nadeln, welche an der Luft verwittern u. zu weißem Pulver zerfallen. Es ist in kaltem Wasser schwierig (in 780 Thln.) löslich, leichter in schweselsäurehaltigem, sowie in Alkohol. Die Lösungen zeigen prachtvoll blaue Fluorescenz. Erhitzt schmilzt es, färbt sich roth u. verkohlt zuletzt. Versetzt man eine Lösung des Salzes in Essigsäure mit einer alkoholischen Jodlösung, so scheiden sich große dünne Tafeln ab, eine Verbindung von schwefelst CH. mit Jod, welche im durchfallenden Lichte fast farblos, im auffallenden schön grün metallglänzend erscheinen u. das Licht wie Turmalinplatten polarisiren. Letztere Eigenschaft macht sie unter dem Namen Horapa- thit zu optischen Versuchen geeignet. Das saure schwefelst CH. O^^N-O^II^Oi-I-782O kry- siallisirt in durchsichtigen, vierseitigen Prismen, ist leichter löslich u. reagirt sauer. Salz saures Th. (einfach saures) -p- krystallisirt in langen, seidenglänzenden Prismen, in Master ziemlich leicht löslich. Mit Salzsäure vereinigt es sich zu dem schwierig krystallifirenden zweifach-sauren Salz, welches durch Wasser in das einfach-saure Salze u. in Salzsäure zerlegt wird. Das CH., sowie namentlich seine Salze gehören zu den wichtigsten Arzneimitteln u. lassen sich als fiebervertreibende Mittel durch keine anderen ersetzen. Während früher die Chinarinde selbst als Medicament angewandt wurde, werden jetzt ausschließlich nur reine Präparate, u. namentlich das schweselsaure CH. in der Medicin benutzt, weil auf diese Weise der Arzt die Größe der Dosis genauer bestimmen kann, was bei dem ungleichen Gehalte der Rinde an Alkolo'id nicht möglich war. Clären. Chinoidin, eine imHandel vorkommende braune, harzartige Masse, ein Nebenprodukt der Chinin- sabrikation, welches durch Fällen der letzten Mutterlauge (s. Chinin) mit Alkalien erhalten wird, als billigeres Fiebermittel Anwendung findet u. hauptsächlich zwei dem Chinin und Cinchonin isomere Basen, das Chinidin u. Cinchonidin, enthält, zu deren Darstellung es auch benutzt wird. Clären. Chinolin (Leucolin, Chem.) OgH^dl, eine zu den Chinolinbasen (s. d.) gehörende, nicht natürlich vorkommende organische Base; bildet eine farblose, bei 238" siedende, durchdringend aromatisch riechende Flüssigkeit von 1,o„5 sp- Gew., in Wasser unlöslich, in Alkohol u. Äther löslich, welche mit Säuren krystallisirbare Salze bildet. Clären. Chinolinbasen, eine Anzahl von Basen, welche sich bei der Destillation von Chinin, Cinchonin, Strychnin u. anderen nicht - flüchtigen Basen mit Kali als eine ölige Flüssigkeit bilden. Dieses Destillat, welches basische Eigenschaften besitzt, wurde - Oiüoooecn. 775 früher für eine einzige, Chinolin genannte Base gehalten, während es jetzt als ein Gemenge von mehreren, einander ähnlichen, unzersetzt destillir- baren Basen erkannt ist, welche unter sich eine homologe Reihe bilden. Unter den zuerst über- destillirenüen Antheilen befinden sich die Basen Pieolin, Lutidin, Collidin; über 200° gehen Chinolin, Lepidin, Cryptidin über. Clären. Chinon (Benzochinon, Chem.) entsteht bei der Behandlung von Chinasäure (s. d.) mit Braunstein u. Schwefelsäure; ferner bei der Oxydation aromatischer Verbindungen, z. B. des Phenols. ES bildet goldgelbe, bei 118° schmelzende Prismen, die schon bei gewöhnlicher Temperatur sich verflüchtigen, durchdringend riechen u. zu Thränen reizen. In kaltem Wasser ist es wenig, in heißem, sowie in Alkohol u. Äther leicht löslich. Durch Reduktionsmittel geht es in Hydrochinon über, aus dem es umgekehrt durch Oxydation erhalten werden kann. Clären. Chiuon, Hauptort des gleichnam. Arr. im franz. Dep. Jndre-et-Loire, an der Vienne; Gericht erster Instanz; Hospital; Gefängniß; Handel mit Getreide, Wein, Branntwein, Pflaumen, Honig u. Wachs; 6553 Ew.; Geburtsort von Franz Rabelais. In CH., welches im Mittelalter Oaotrum Ogino hieß, st. 1189 König Heinrich II. von England; hier hielt sich Karl VII. von Frankreich auf, u. hier suchte ihn Jeanne d'Arc auf. Von dem Schlosse, welches beide Könige bewohnten, stehen noch imposante Ruinen. Chinovagerbsäure kommt vor in der Odins, novg u. der Tormentillwurzel. Mit verdünnten Säuren behandelt, zerfällt sie in Zucker u. Chinovaroth, welch letzteres mit Kali zusammengeschmolzen Protokatechusäure u. Essigsäure liefert. Clären. Chinovasäure, s. Chinovin. Chinovin (Chem.) O-goll^Og, Glukosid, in der Chinarinde, besonders in der unechten Art (Odins, novs.), enthalten, weiße, amorphe, in Master unlösliche Substanz. Beim Einleiten von Salzsäuregas in seine alkoholische Lösung wird es in Mannitan, eine Zuckcrart, u. Chinovasäure O^IIzgOz gespalten, welche sich als weißes, in Wasser unlösliches, in kochendem Weingeist schwer lösliches Pulver abscheidet. Clären. Chintz, Städtchen im Arr. Arlon der belq. Pro». Luxemburg, am Semoy; 1500 Ew. — Ch. war früher Hauptstadt einer Grafschaft gleichen Namens, zwischen Champagne, Lothringen u. Lüttich; vorher gehörte sie zur Grafschaft Ardenne. Die Grasen von Chiny starben 1227 aus, und Chiny kam durch Heirath an die Grasen von Loß; 1336 durch Erbschaft an die Herren von Heinsberg; 1370 durch Kauf an den Herzog von Luxemburg. Okiocoeos 7ö., Pflanzeugattung aus der Familie der Ludigooss - Odioooeeogs (V. 1), kletternde oder aufrechte Sträucher mit runden Zweigen, gegenständigen, eiförmigen oder lanzettlichen, lederartigen Blattern mit großen, spitzen u. bleibenden Nebenblättern; Blüthen in einfachen od. zusammengesetzten, achselständigen Trauben mit klappigen Abschnitten der Blumenkrone u. fächerigem Fruchtknoten; Frucht eine kleine, zusammen- 776 Chioggia — Chios. gedrückte, 2kernige Steinfrucht. 6—8 Arten, im tropischen Amerika; wichtig Oll. auAuikuAa Fckart. (Oll. raoomoos. H. cö L.), mit lanzettförmigen Blättern, blaßgelben Blüthen und weißen Steinfrüchten; liefert die Ca'incawurzel (Uaäix Oainoas s. Lorxsntaiias drasilisnsis), welche frisch nach Kaffe, darauf ekelhaft schmeckt u. kräftig purgirend wirkt; in Europa hat man sie gegen Wassersucht angewendet, während sie in Amerika eine viel ausgedehntere Anwendung findet. Oll. raoomoss. ckaeg. (Oll. soaucksns ckirecksk), kletternd, in Brasilien heimisch, wird von Anderen als die Stammpflanze der wahren Ccnncawurzel angesehen. Engler. Chioggia (Chiozza), Districts-Hauptort der ital. Prov. Venedig, auf der gleichnam. Insel, am SEnde der Lagunen, nahe der Mündung der Etsch u. Brenta; Bischofssitz; Gymnasium, Seminar, Erziehungsanstalt für Mädchen; Waisenhaus; Kathedrale, Ursnlinerinnenkloster, Castell; der Hafen liegt nördlich davon, ist der tiefste in den Lagunen u. außer den beiden Forts Caroman u. San Felice noch durch Batterien geschützt; CH. ist auf Pfähle gebaut, wird durch einen Kanal mit der Etsch u. durch eine 235 rn lange Brücke mit der Insel Brondolo verbunden; Seesalzwerke; Schiffbau u. Schifffahrt; Fischerei; 26,336 Ew. — CH., ursprünglich §0883. Olauäis., seit dem 4. Jahrh. OIuAia genannt, wurde bes. seit den Einfällen der Germanen in Italien bevölkert, indem Viele hier- hier flohen; dann bemächtigten sich die Venetianer der Stadt und ließen sie durch einen Tribun verwalten; 672 wurde das Tribunal in ein Gua- staldat verwandelt u. 706 sogar ein Podesta eingesetzt. 809 wurde CH. vom König Pipin niedergebrannt, aber 811 wieder anfgebaut; 1100 nahm der Bischof von Malamocco seinen Sitz hier. 16. Aug. 1379 wurde CH. von den Genuesen erobert, aber 24. Juni 1380 von Venedig wiedergenommen (Krieg von CH., Lellnm Oloäianum); s. u. Venedig. Chiolith (Min., vom gr. elliön, Schnee), kry- stallisirt in tetragonalen Pyramiden, gewöhnlich in dichten weißen Massen; spec. Gew. 2,z—2,^; enthält Fluornatrium u. Fluoraluminium; findet sich in Sibirien. Chion, aus Herakleia am Pontos, Schüler des Platon; erschlug 353 v. Chr. den Tyrann seiner Vaterstadt u. wurde von dessen Leibwache ge- tödtet. Die ihm zugeschriebenen 17 Briefe gehören einer späteren Zeit an; Ausgaben in der Sammlung griechischer Briefe von Aldus, Venedig 1499, 1606; Orelli, Leipzig 1816. ctnonantbus ck-. (Schneeblume), Pflanzengatt, aus der Fam. der Olsaosas-Olsiuss.« (II. 1), Bäume oder niedrige Sträucher mit einfachen, gegenständigen Blättern u. einfachen oder zusammengesetzten, end- u. achselständigen Blüthenstän- den; Kelch klein, sowie die Blumeukrone 4theilig; 2 festsitzende Staubblätter; Fruchtknoten mit zweilappiger Narbe; Frucht eine Steinfrucht; aus N- Amerika. In Deutschland kommt als Zierstrauch im Freien leicht fort: Oll. virKursea ck)., mit lan- zettlicheu Blättern, endständigen weißen Blüthen- rispeu u. röthlichen Steinfrüchten. Engter. Chionides, Komödiendichter der alten attischen Komödie, Vorgänger des Aristophanes, der Annahme nach um 455 v. Chr. Die wenigen Fragmente seiner Komödien: Die Bettler, Die Helde», finden sich in Meinekcs Fragmentensammlnng, Bd.2. Chios, 1) Insel des Ägäischen Meeres, 60 Stadien von der asiatischen Küste (Lydien), zwi- scheu Samos u. Lesbos, mit dem Hafen PhanL; steinig, aber gut bewässert; schönes Klima; berühmt durch seine Producte (s. u.). Die ursprünglichen Einwohner waren Leleger, später vorzüglich Ionier; die Frauen waren wegen ihrer Schönheit bekannt; in der Mitte der Insel der hohe Pelinnäos (j. Eliasberg) mit Tempel des Zeus; CH. hatte auch bacchischen u. Apollondienst. CH. heißt jetzt bei den Osmanen Saki Adassi (d. h. Mastix-Insel), bei den Hellenen Skio, jetzt ein Lima (Salys) des türk-asiat. Vilajets der Inseln des Weißen Meeres; 950 Hjlcm (19 s^W); ungef. 40.000 Ew., theils Griechen, theils Türken. Die Insel ist gebirgig n. von den früher fast allein hier lebenden Griechen auf das Schönste angebaut, mit einer Stadt, 68 Dörfern, vielen Kirchen; Producte: viel Wein (Chiischer Wein) von treffl. Qualität, ^ Mastix (Gummiharz, welches von den türk. Frauen - gekaut wird u. zum Räuchern u. Firnissen dient, auch zu Branntwein verarbeitet wird), in einem besonderen, aus 24 steuerfreien Dörfern bestehenden Mastixdistrict gewonnen, Südfrüchte, Seide, Marmor (meist schwarzer); Verfertigung von Seiden- u. Baumwollenwaaren; Handel damit u. mit eingemachten Früchten, Wein, Getreide, Vieh u. Salz. Die Insel hatte vor der großen Verwüstung durch die Türken im Jahre 1822 130,000 meist griechische Ew., welche unter einem vom Kapndan Pascha eingesetzten türkischen Aga standen, aber außerdem manche Vorrechte hatten, ihre Behörden selbst wählen u. Glocken auf den Kirchen führen durften. 2) Einzige Stadt auf CH., auf der OSeite; bei den Alten zur Zeit des Jonischen Bundes sehr wichtig; Vaterstadt des Theopompos, Jon u. Theo- kritos; stritt mit um die Ehre, Homeros' Geburtsort zu sein; auf ihren zierlichen Münzen eine geflügelte Sphinx; heißt jetzt Kastro; Sitz des Aga und griechischen Erzbischofs; Castell, Hafen mit 2 Leuchtthürmen, gute Rhede; dorfähnlich, doch mit einzelnen schönen Straßen, Landhäusern, Kirchen und Kapellen, Moscheen, Bädern, Hospitälern; Fabriken in Baumwolle und Seide; Han- - del; unterseeische Telegraphen verbinden CH. mit ! Smyrna, Kreta u. den Dardanellen; vor 1822: 30.000 Ew., jetzt: 15,000 Ew. 15 Lm nördlich von da die sogen. Homerosschule, eine in Felsen gehauene runde Bank, in der Mitte ein viereckiger L>itz; war wahrscheinlich einst ein Altar der Kybele. Geschichtliches. Ursprünglich von Lelegern bewohnt, zu denen auch kretische und karische Elemente kamen, gewann Chios seine Blüthe u. historische Bedeutung in der Alten Welt erst durch die ionische Colonisation im 11. Jahrhundert vor CH. Reich und üppig, wie die ionischen Chier schließlich geworden waren, kamen auch sie endlich ohne Kampf gegen d. I. 540 v. Chr. unter die Hoheit der Perser, als die Heere des Großkönigs Kyros Kleinasien unterwarfen. Als nachher im I. 500 Aristagvras die Ionier zum Aufstande gegen Persien fortriß, folgten ihm auch die Chier, deren Kriegsschiffe in der Schlacht bei Lade 497 mit be- (Lhipicam — Clnppuia Norton. 777 sonderer Auszeichnung kämpften; wie die übrigen Ionier, wurden aber auch die Chier bis zum I. 494 den Persern wieder unterworfen. Als nachmals die Niederlage der Perser unter Terxes deren Macht inJonien für mehrereJahrzehnte erschütterte, trat Chios seit dem I. 476 in den neuen maritimen Bund der Athener, in welcher Symmachie die see- mächtige Insel eine sehr bedeutsame Stellung cin- nahm. Der erfolgreiche Versuch, sich der allmählich zu einer drückenden Herrschaft gewordenen Hegemonie der Athener im I. 412 (während des Peloponnesischen Krieges) wieder zu entziehen, entfremdete die Insel für lange Zeit der letzteren, mst seit der Gründung des mit dem I. 378 sich bildenden zweiten Athenischen Bundes tritt CH. mit Athen wieder in Symmachie, um sich nachher in oem 357 entbrennenden Bnndesgenossenkriege für immer von Athen zu trennen. Seitdem theilte §h. in der makedonischen, hellenistischen u. perga- menischen Zeit die Schicksale der Inselwelt an Kleinasiens WKüste. Die Unabhängigkeit der ' Insel wurde 189 v. Chr. durch die Römer aner- j sannt; CH. behielt die Freiheit im römischen Sinne auch bei Errichtung der Provinz (129); dieselbe wurde im I. 80 v. Chr. (nach Ablauf des großen Krieges gegen Mithridates d. Gr.) wieder bestätigt. Auch während der Kaiserzeit blieb CH. als Theil der Provinz ^sia dem Namen nach freie Stadt, bis diese Stellung überhaupt die alte Bedeutung verlor. Als bei Äusgang des dritten Jahrhunderts n. Chr. Kaiser Diocletianns das Römische Reich neu organisirte, fiel die Insel CH. zu der neuen Provinz der Insel, die zu der Diö- cese Lnlana der Präfectur des Orients gehörte; seitHeraklios u. Leo III. kam CH. zu dem Thema des Agäischen Meeres. Bereits im 5. Jahrhundert ^ erscheint CH. als ein Bisthum der Anatolischcn ; Kirche. Lange im Besitze der Byzantiner, er- ' scheint CH. seit dem Vordringen der Osmanen i bis zum Agäischen Meere zu Anfang des 14. Jahr- s Hunderts als ein Sitz türkischer Piraten. Im i Einverständniß mit den Byzantinern occupirte nun ! im I. 1304 der genuesische Fürst von Thasos, > Benedetto I. Zaccarin, die Insel, die in dem Besitze seines Hauses bis 1329 blieb. Zunächst wieder byzantinisch, wurde CH. dann im 1.1346 bleibend j durch genuesische Abenteurer, die Giustinini, er- > obert. Dieselben behaupteten, obwol die Insel schon 1390 einmal durch die Türken unter Bajesid verheert u. seit der Mitte des 15. Jahrhunderts denselben tributär wurde, CH. bis 1566. Damals wurde CH. von den Türken erobert n. ein Aga dort eingesetzt. Am 12 . August 1613 schlug ein sici- lianisches Geschwader bei CH. ein türkisches. Im l 17. Jahrhundert waren hier Streitigkeiten zwischen den griechischen und römischen Katholiken; durch ; Bestechung des Kaimakam, Kara Mustapha, er- ! hielten die Griechischen 1685 mehr als 60 Kirchen ' der Römischen zugesprochen. 1681 verfolgten die Franzosen tripolitanische Raubschiffe nach CH. u. beschossen sie in der Stadt; der französische Gesandte Guilleragues glich durch ein Geschenk von 69,000 Piaster die Sache aus. 1694 landeten die Venetianer hier und nahmen 21. Sept. die Stadt, doch wurde die Insel im Febr. 1695 von den Türken wiedererobert. Am 5. Juli 1770 bei CH. Sieg der russischen Flotte über die türkische; 1822 empörte sich auch CH. gegen die Pforte, wurde aber von den Türken wieder genommen n. fast alle Einwohner erschlagen; s. Griechischer Freiheitskampf. 1827 versuchte der Oberst Fabvier mit einem Corps Griechen die Insel den Türken wieder zu nehmen, wurde aber bei der Belagerung des Schlosses von den Türken Vertrieben. lGeogr.) He»„e-Am Rhyn. (Gisch.) Hertzbcrg. Chipicani, Vulcan in den Cordilleren Bolivias in SAmcrita, der nach Pcntlands Messungen 5790 m hoch ist. Chippenham, Stadt u. Parlamentsflecken in der englischen Grafschaft Wiltshire, am Avon, über welchen hier eine schöne Brücke von 22 Bogen führt, Station der von London nach Bristol führenden Eisenbahn mit Abzweigung nach Devizes; schöne alte gothische Kirche mit hohem Thnrme, Kapellen für Baptisten, Wesleyaner, Independenten u. Primitiven, Methodisten; herrlich angelegter Gottesacker; verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten; zahlreiche Tuchfabriken, die aber jetzt bis auf eine zusammengeschmolzen sind; nur der Kleinhandel ist blühend; im Ortsbez. 3936 Ew. (1871); in der Nähe die bekannten Stcinbrüche von Box, aus denen der Bath-Stein kommt. CH. sendet einen Abgeordneten ins Unterhaus; Chippewa , Connties in den nordamcrik. Unionsstaaten: 1) in Michigan, u. 46° n. Br. n. 85° w. L.; 1689 Ew.; Conntysitz: Sault St. Mary; 2) in Minnesota, u. 45° n. Br. n. 95° w. L.; von der Sl.-Paul- u. Pacific-Eisenb. durchzogen; höchst fruchtbar; 1873 noch erst 1740 Ew., seitdem bedeutend vermehrt; 3) in Wisconsin, u. 45° n. Br. u. 91° w. L.; 8211 Ew.; Conntysitz: Chippewa City. 4) Fluß im nordamerik. Unions- staate Wisconsin; entspringt in der Nähe des südl. Ufers des Oberen Sees und mündet nach etwa 406 icm langem Laufe in den Mississippi. Chippewa Falls, Stadt im County Brown des nordamerikanischen Unionsstaates Wisconsin, am Chippewa, der in der Nähe bedeutende Fälle bildet; 2507 Ew. Chippcways (Ojibways), verschieden von den Chippewyans, Jndianervolk in NAmerika, zu der Nation der Algonkin gehörig; wohnte einst um den Oberen, Huron- und Michigan-See herum. Zu ihnen gehörten die Pottowatomics südlich vom Michigan-See in der Gegend des heutigen Chicago; die Ottawas zwischen Michigan- u. Huron-See; die Saulteux am NOUfer des Oberen Sees, u. die Missinsig am NOEnde des Ontario-Sees' jetzt sind sie sehr znsammengeschmolzen. Chippewyans (Cheppeyans), Jndianervolk im britischen NAmerika; gehören zu deni Volks stamme der Athabasken u. wohnen im äußersten O. des Verbreitungsbezirkes derselben, indem sie südl. bis an den Churchill- u. westl. bis an den Athapaska-Fluß reichen; ihr Land ist reich an Renthieren, die ihnen Kleider n. Nahrung gewähren; sie haben ihre eigene Sprache u. berechnen das Jahr nach dem Laufe des Mondes. Chipping Barnet, s. Barnet. Chipping Norton, Stadt in der engl. Graf- schaft Oxford, Station der NWBahn; Teppich- u. Shawlfabrikation; 3641 Ew. 773 Chiquimula - Chiquimüla, Hauptstadt des gleichnam. Dep. der central-amerik. Republik Guatemala, nordöstl. vonNeu-Guatemala, iu schöner Umgebung; große Kirche: Mais- u. Banauenbau, Cochenillezucht; 3000 E>m Chiquitos, Volk der amerikan. Race in der gleichnam. Provinz des Dep. Sauta-Cruz der süd- amerik. Republik Bolivia, au der Grenze gegen Brasilien; ihr Land bringt Bananen, welche das Hauptnahrungsmittel liefern, Baumwolle, Kaffe, Cacao, Zuckerrohr, Honig, Wachs, Gummi, Balsam, Häute, mit welchen Erzeugnissen von Europäern Handel getrieben wird. Die CH. sind wild u. kriegerisch u. behaupteten ihre Freiheit gegen die Spanier, bis Missionäre sie im 17. Jahrhundert zum Christenthum bekehrten u. zugleich zur Unterwerfung brachten; sie sind groß u. stark, wohnen in backofensörmigen Hütten, gehen fast nackt, sammeln Honig u. Wachs der Waldbienen u. verstehen auch Baumwolle zu weben. Sie werden geleitet von ihren Geistlichen, den einzigen Europäern der Provinz, doch werden deren Missionen voni Staate wie eine Art von Staatsdomänen verwaltet. Die Zahl der CH. soll nach d'Orbigny gegen 15,000 betragen. Kolpe.» Chiragon (v. gr. olreir, Hand, n. a^orn, führen), Hilfsvorrichtnng zu Schreiben für Blinde. Chiriigra (gr.), Gicht in den Händen. Chiriqui, 1) Fluß iin gleichnam. Dep. des Staates Panama der südamerikanischen Republik Columbia; mündet in den gleichnam. Golf des Stillen Oceans. 2) Vulcan ebd., in den Cor- dilleren, 3441 rn hoch. 3) Das westliche Departement des Staates Panama, bis 1856 zu Costa Rica gehörend; 17,070 (340 sDM); 17,280 Ew; Hauptbeschäftigung der Einw. ist Ackerbau u. Viehzucht, doch auch Handel mit Landesprodncten; Klima gesund. Hanptst. David. Im nördlichen Theil des Dep. sind neuerdings reiche Steinkohlenlager entdeckt worden. Die NKüste wurde 1502 von Columbus entdeckt. Chirisinus (Chirisis, Chirisma, gr.), Behandeln mit der Hand, Magnetisiren. Chirk, Dorf in der engl. Grafschaft Denbigh (Wales), an der Eisenbahn von Chester nach Birmingham u. am Ellesmere-Kanal, der hier 16 m hoch über das Thal des Leiriog führt; 1630 Ew.; in der Nähe Steinkohlenminen u. Kalkbrllche. Hier wurde Sir Thomas Middleton, einer der hervorragendsten Generale der Parlamentsheere, u. die Gräfin von Warwick, später die Gattin des Dichters Addison, geboren. Chirnstde, Dorf in der schott. Grafsch. Berwick; 1203 Ew.; Humes Geburtsort. Chirogrammatomantie (v. Gr.), die Kunst, den Charakter, die Neigungen, Fähigkeiten u. Eigenschaften eines Menschen aus seiner Handschrift zu benrtheilen; besonders von Adolf Henze in der Leipziger Jllustrirten Zeitung geübt. Wenn auch ohne Zweifel die Handschrift des Menschen, gleich allen Äußerungen desselben, durch seinen Charakter mit bedingt wird, so fehlt es doch noch an festen Merkmalen, welche den Zusammenhang beider in einzelnen Fällen Nachweisen, n. es ist unsicher, ob solche gesunden werden können. ChirograPtzarisch(v.Gr.),was anfeinerHand- - Chiromantie. schrift (ChirogrLphum) beruht; daher: chiro- grapharischer Gläubiger (OkiroAr-rpkarius, Ost, orsäitor), der seine Forderungen nur aus einem schriftlichen Vertrage, nicht aus einem dienstlichen Rechtsverhältnisse herleitet; s. u. Gläubiger; 6k. äebitor, ein Schuldner, der durch eine ausgestellte Handschrift verpflichtet ist; chirographarische Klage (OkiroArapkaria aotno), Klage, durch die ein Gläubiger oder dessen Erben von dem Schuldner oder dessen Erben die Erfüllung der in der andschrift enthaltenen Verpflichtung verlangen; kiroIrapbarin, ouutüo, Handschrift, Obligation; OK. poonnin, Geld, das gegen eine solche Handschrift ausgeliehen worden. Grotesend.' Chirologie (v. Gr.), Fingersprache, bes. für Taube. Chiromantie (v. Gr.), Weissagung aus der Hand; die angebl. Kunst, aus den 5 Hauptlinien u. 7 Nebenlinien der inneren Hand, aus den zwischen diesen Linien befindlichen Stellen(Räumen), aus den fleischigen Theilen unter den ersten scheinbaren Gelenken (den 5 Bergen) der Finger, aus den unter dem kleinen Finger liegenden erhabenen, fleischigen Theilen der inneren Hand (dem Mondberge), aus den Nägeln der Finger n. s. w. den körperlichen, intellektuellen u. sittlichen Zustand eines Menschen zu erkennen u. sein Schicksal zu prophezeihen. Diese Kunst soll eine Erfindung der Chaldäer, von diesen auf die Ägypter, von den Ägyptern auf die Zigeuner übergegangen sein, die sie noch heute professionsmäßig üben. Die Griechen erlernten sie von den Ägyptern. Aristoteles lehnte die Meinung nicht ab, daß nach dem Umfange der Lebenslinie die Lebensdauer eines Menschen bestimmt werden könne. Eine zusammenhängende Darstellung der CH. findet sich zuerst in dem Tranmbuche des Artemidoros Daldianos (s. d.) um die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. Später vereinigte sich diese Kunst mit der Astrologie. Ihren Höhenpunkt erreichte sie unter den europäischen Völkern des 16. u. 17. Jahrhunderts. Den Glauben an sie förderten Cardanns und Theophrastns Paracelsus. Dieser gab ihr jedoch eine Ausdehnung, die ihren ursprünglichen Begriff weit überschritt, indem er unter ihr die jedem Arzte unentbehrlicheKnnst verstand, aus den äußeren Signaturen n. Lineanienten der Menschen, Thiere, Pflanzen, Mineralien rc. deren innere Qualität zu erkennen. Noch im Anfänge des 18. Jahrh. wurden auf den meisten deutschen Universitäten chiromantische Vorlesungen gehalten. Bei den Indern steht die CH. heute noch in Blüthe. Daß sie auch in gebildeten europäischen Kreisen unserer Tage noch Glauben findet, beweisen die Erfolge einer Lenormand in Paris u. so mancher anderen minder berühmten Priestern: dieser Kunst. Vgl. außer Artemidoros: Cocles, Okiromunbia. oto., Bonn 1517, Fol.; dessen Olrirom. anuxkr., ebd. 1523, Folio, u.ö.; dessen Okiromuntüns ocmrxen- äium, Straßb. 1534; Joh. ab Jndagine (Johann von Hagen) Introcluetionso uxotslssmatieao slo- gantss iu tfllriromantiam, Dk^sioAnomiam, L.stro- lo^iam nadnralom sto., Frankfurt a. M., ohne Jahreszahl, wahrscheinlich 1522, Straßb. 1522, mit Holzschnitten, deutsch: Künst der CH-, das. 1523, Folio; Aut. Piccioli, Do munns iusxootioos, 779 diroin^s - Bergamo 1578; De la Chambre, 8ur lg, slriro- mantia, Par. 1653; Joh. Prätorius, Rdssanrus olürowantis, Jena 1661—64; dessen 6olls§inm ouriosum Privatissimum piiMoAnm.-eiiiromaut.- mstoposeop.-antdropoi-Aioum, Fkf. u. Lpz. 1699, 1713, mit Kupfern; Phil. May, l,a clüromarttis msäioals, Haag 1665; Hözing, Institntionos diiromautioas, Jena 1674; dessen Clrirom. lrar- moviea, ebend. 1677; G. B. della Porta, Voiia oiiiroüsiouomia, Neap. 1677; Nie. Pompeji, krasoexta eliiromant:., Venedig 1680; Johann Jngebert, Ldiromantia, mstoposeoxia st plr^- sioAnomia ouriosa-praotioa, Frkf. a. M., 1689, 4. Ausg., 1729; Gocklenius, Chiromantische n. physiognomische Betrachtungen, Hamburg 1692; Abu Haly Ben Omar, Lstrolo§ia tsrrestris, ans dem Arab., Freystadt 1703; Penschel, Abhandl. der Physiognomie, Metoposkopie u. Chiromantie, Leipz. 1760. /X Obiromxs, so v. w. Fingerthier. Chiron (Cheiron), Sohn des Kronos und der Philyra, einer Tochter des Okeanos, der gerechteste der Kentauren, obwol er mit diesen nur die Gestalt gleich hatte, halb Pferd, halb Mensch, im Übrigen aber ihnen fernstand, denn sie waren die Nachkommen desJxion u. der Nephele. Seine Gestalt erhielt er aber daher, daß sein Vater, als er die Philyra entführte, aus Furcht vor der eifersüchtigen Rhea sich in ein Pferd verwandelt hatte. CH. lebte in einer Höhle am Berge Pclion in Thessalien, wo ihn die Argonauten besuchten, wo er den Nestor, Theseus, Achilleus, Asklepios, Herakles, die beiden Homerischen Ärzte Podalirios und Machaon und viele andere edle Griechen erzog u. bildete, wo er mit dem Orpheus einen Wettgesang einging u. von woher er die gewaltige Esche seinem Freunde Pelens als Lanze sandte. Nach seinem freiwilligen Tode — er war ja eigentlich unsterblich — wurde er unter die Sterne versetzt. Er vertritt die Wissenschaft der Heiland Sternkunde, die Wahrsage- und Tonkunst; er war berühmt als Kenner heilsamer Kräuter; die Magnesier opferten ihm, als dem Urheber der Arzneikunst. Unter den Heilpflanzen, deren Kennt- niß er besessen haben soll, wurde eine nach ihm (lbironinm genannt, wahrscheinlich §sruia> Opox- anax; auch das Osutaurenm hat von ihm seinen Namen. Dioskorides unterscheidet zwei Arten, eine größere, die unserer Lsrttanrsa entspricht, und eine kleinere, die man, indeß mit Unrecht, für Lr^Urrasa Osntanrinm hält (Hecker). Nach ihn; wurden auch jene kräuterkundigen, geheimnißvoll und unentgeltlich heilenden Männer von Pelion Chironiden genannt. Fernergab erden chno- nischen Geschwüren den Namen. Er war nämlich von Herakles zufällig in einem Kampfe, den dieser mit den Kentauren hatte, durch einen vergifteten Pfeil verwundet worden; die Wunde heilte nicht, sondern wandelte sich in ein unheilbares Geschwür um, weshalb er sich, wie schon bemerkt, freiwillig den Tod gab. Daher wurden später alle hartnäckigen Geschwüre Chironische genannt, so z. B. noch von Paul v. Ägina, während Andere eine ganz bestimmte Form darunter verstanden. CelsuS z. B. bezeichnet als solche: veraltete, große, an u. für sich gefahrlose Geschwüre mit harten, angc- - Chirurgie. schwollenen, schwieligen Rändern, spärlichem, übelriechendem Ansflusse, mäßigen Schmerzen und Mangel jeder Neigung zur Heilung. Thamhayn. Chiroplastik (v. Gr.), die Kunst, mit den Händen aus weichem Material Kunstgegenstände zu formen. elüroptsrs, Handflügler (s. d.); Ordnung der Säugethiere, wohin z. B. die Fledermäuse gehören. Chrrorrheuma, rheumatische Schmerzen in den Händen (s. Rheumatismus). Chirotheca (Chir.), so v. w. Panzerhand- schnh; ein Verband zum Einwickeln der Finger, z. B. nach Verbrennungen, um das Verwachsen der Finger zu verhüten. Chirotherrnm (Petref.), das Thier, dessen Fährten man 1834 aus Platten von buntem Sandstein bei Hildburghausen entdeckte. Diese Tritte haben große Ähnlichkeit mit Handeindrücken, u. es wechseln größere mit kleineren regelmäßig ab, woraus folgt, daß Vorder- u. Hinterfüße des Thieres verschieden gewesen sein müssen. Chirurg (v. Gr.) ein praktischer Arzt, der sich hauptsächlich auf die Behandlung der in das Gebiet der Chirurgie (s. d.) gehörigen Krankheiten legt. In früheren Zeiten (s. Chirurgie, deren Geschichte) bildeten die Ch-en einen eigenen Stand für sich u. wurden allgemein Wundärzte genannt. Man unterschied sie in Wundärzte I. n. Wundärzte II. Klasse. Nach den neueren Gesetzen haben die Wundärzte I. Klasse (auch wol früher Me- dico-CH-eu genannt, da sie auch berechtigt waren, innere Krankheiten zu behandeln, was die Wundärzte II. Kl. nicht dursten) das Recht, sich praktische Ärzte zu nennen, u. ist ihnen gleichzeitig die volle Ausübung der ärztlichen Praxis gestattet. Die Wundärzte II. Kl. hatten nur Las Recht, äußere leichtere Krankheiten n. Verletzungen zu behandeln, mußten in schwierigeren Fällen einen Wundarzt I. Kl. od. einen prakt. Arzt zu Rache ziehen u. durften nach den Bestimmungen der Gesetze wenigstens keine inneren Krankheiten behandeln, was sie aber doch oft thaten. Viele von ihnen waren zu gleicher Zeit Bader u. Barbiere, u. sie nahmen wol dieselbe Stellung ein, wie zu unserer Zeit die Barbiere, die zu gleicher Zeit approbirte Heildiener sind. Beide Klassen von Wundärzten sind jetzt auf den Aussterbeetat gesetzt, d. h. es werden jetzt keine Wundärzte I. u. ll. Kl. mehr approbirt. Wer sich jetzt als vom Staate approbirter Wundarzt oder CH. niederlassen will, muß vorher — wenigstens in Deutschland — das ganze medicinische Staatsexamen bestanden haben, also gleichzeitig praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer sein. E. Berns. Chirurgie (Glrirnr^ia, gr. Wundarzneikunst) bezeichnet den Theil der ärztlichen Wissenschaft, welcher uns mit den pathologischen u. therapeutischen Verhältnissen aller der Krankheiten bekannt macht, die zu ihrer Heilung besonders den kunstgemäßen Gebrauch der Hände erfordern und zulasten, eine Erklärung, die freilich nicht allseitig zutrifft, sich aber eben nicht besser geben läßt, so viel man sich auch abgemüht hat, etwas Besseres zu finden. Diesen Theil der ärztlichen Wissenschaft streng von dem sog. medicinischeu abzwei- 730 Chirurgie. gen zu wollen, wie vielfach versucht worden ist, geht nicht an, u. alle diese Versuche müssen den Stempel des Gezwungenen u. Willkürlichen tragen, weil die Verhältnisse des lebenden Körpers viel zu innig in einander eingreifen u. in einander übergehen, als daß sie eine derartige Scheidung zulassen könnten. Die trotzdem im praktischen Leben vorhandene ist also nicht als eine durchgreifende zu betrachten, sie ist sogar in vieler Beziehung wünschenswerth, ja nothwendig, um namentlich den Lehrvortrag zu erleichtern. — Man unterscheidet in der CH. einen allgemeinen Theil, welcher sich mit den Krankheilen beschäftigt, die nicht einen bestimmten Sitz haben (Blutüberfüllungen, Entzündungen, Eiterungen, Verhärtungen, Erweichungen, Brand, Geschwülste rc.), und einen speciellen, welcher Kenntniß von den Erkrankungen der einzelnen Systeme, Organe und Gegenden gibt. Die chirurgische Therapeutik zerfällt in die Lehre der chirurgischen Heilmittel (Arzneien, Verbände, Instrumente, mechanische Vorrichtungen) und in die Lehre der chirurg. Operationen (Akiurgie), deren es blutige u. unblutige gibt. Ein Theil dieser Operationslehre ist die namentlich in den letzten Jahrzehnten zu so hohem Aufschwünge gekommene Olt. onrtornm od. die plastische CH., die den theilweisen Wiederersatz verloren gegangener Theile sich zur Aufgabe stellt, z. B. der Nase (Rhinoplastik), der Augenlider (Blepharoplastik), der Lippen (Cheiloplastik) rc., oder auch den Verschluß widernatürlicher Öffnungen, z. B. des Kehlkopfes in Folge krankhafter Vorgänge rc. Die dazu nothwendigsn gesunden Hautlappen werden in der Nähe, gewöhnlich dreiecksweise (Burow), mit großer Sorgfalt ausgeschnitten u. von ihrer Unterlage zum Theil gelöst, damit sie dann seitlich verschoben, an die betreffende Stelle angelegt u. hier zusammengenäht werden können. Die einstweilen bleibende Brücke, d. h. der Theil, der vorläufig noch die Verbind- nng mit der alten Umgebung erhält u. so die Er-- nährung vermittelt, wird erst später getrennt, wenn die Lappen mit einander verwachsen sind. Berühmt waren schon die alten Inder durch ihre künstliche Nasenbildung; sie nahmen den Lappen aus der Stirn. Übertragungen ferner liegender Theile, z. B. der Haut des Oberarmes zur Nasenbildung, haben nicht den günstigen Erfolg u. werden heutzutage kaum noch benutzt. Noch ungewisser ist das früher geübte Verfahren, die entsprechenden Hautstücke ganz zu lösen u. dann zu übertragen, weil sie fast ansnahmelos durch Ernährungsmangel absterben. — Als Abthcilungen der CH. ließen sich noch anführen die Oll. oastrsnsis, die es mit den besonders im Kriege vorkommenden Verletzungen u. Erkrankungen zu thun hat, deren Spuren sich bereits bei Lykurgos finden, die aber erst bei den Römern unter Cäsar, Liberins, Ger- manicns u. Trajanus zu hohen Ehren kam, dann wieder bis in das 13. Jahrh. hinein spurlos verschwand, u. die Oll. korsnoiz, die sich auf gerichtliche Begutachtungen bezieht. Während das Studium der Geschichte der Me- dicin jeden Wahrheitsfreund Niederdrücken muß, ist es die Geschichte der Chirurgie, die erhebt. Freilich finden wir auch hier den Wechsel von Licht n. Schatten, aber doch nicht jene verhängnißvollenRück- schritte, nicht jenes mehrfache Zurücksinken in die alte Barbarei, wenn einmal fester Fuß gefaßt war. Der Mangel an klarer Einsicht wird nicht verdeckt durch pomphafte Phrasen, sondern Einfachheit, Bestimmtheit, Klarheit, Würde finden sich fast stetig in den Schriften der großen Meister aller Zeiten. So hat diese Wissenschaft schon lange die Bezeichnung: LIsckioing. ekkioax, die wirklich helfende Medicin, sich verschafft u. sich zu einer bedeutenden Höhe und Sicherheit emporgeschwungen, die namentlich in den letzten Jahren eine staunenswerthe geworden ist. — Die eigentliche Geschichte beginnt erst mit Hippokrates (430 v. Chr.), wenn wir auch wissen, daß die feinsinnigen Inder schon sehr viel früher in der CH. Ausgezeichnetes leisteten u. selbst schon den Staar operirten. Kärglicher sind die Nach- richten von den Ägyptern u. Orientalen. In Griechenland wird Chiron (s. d.) gerühmt; aus der Ilias sind uns seine beiden Schüler Machaon u. Podalirios bekannt, gleich groß als Helden u. Wundärzte, dieser als Erfinder des Aderlasses; ferner Demokedes v. Kroton (524), der Leibarzt des bekannten Polykrates, der ihm 2 Talente (SOOO N) Jahrgehalt gab. Bis zur Zeit des Hippokrates macht die CH. bedeutende Fortschritte; schon war die Trepanation bekannt, die Behandlung der Wunden war einfach, die der Knochenbrüche und Verrenkungen der unseren fast gleich, das glühende Eisen wurde nach bestimmten Vorschriften mit Vortheil benutzt, die Augen- Heilkunde war theilweise ansgebildet. Neben Hippokrates ist namentlich als Vertreter dieser Zeit u. Richtung Diokles v. Carysthos (364 v. Chr.) zu nennen, der besonders als Anatom, wenn auch nicht in unserem Sinne, der CH. wesentliche Dienste leistete. Geringer waren die Fortschritte von dieser Zeit bis zur Gründung der Alexan- drinischen Schule unter Herophilos u. Erasistra- tos (300 v. Chr.). Durch Alexanders Feldzüge waren die Kenntnisse außerordentlich bereichert worden; Herophilos u. Erasistratos öffneten jetzt menschliche Leichen, wasAristoteles nicht gewagthätte, u. leuchteten mit der Fackel der Anatomie den Zeitgenossen vor. Der Aufschwung der CH. war ein ganz bedeutender, sie fing an eine selbständige Stellung anzunehmen, denn bis dahin war ihre Ausübung streng niit der der inneren Medicin verbunden gewesen. Erasistratos gab ein treffliches Werk über die Wunden heraus, die Lehre der Eingeweidebrüche wurde begründet (Gorgias, Heron, Sostratos), die des Steinschnittes vonHippo- kratischen Vornrtheilen befreit, die Augenheilkunde erweitert, die Lehre vergifteter Wunden, durch Thiere beigebracht, mit ausgenommen, aber auch die Anwendung der Bandagen u. künstlichen Vorrichtungen, namentlich bei Brüchen u. Verrenkungen, in das Übermaß ausgedehnt. Von Alexandrien verbreitete sich die Kunst über die damals bekannte Erde. Zu den Römern, welche die Heilkunst als einen gemeinen Erwerb ansahen, kam 100 v. Chr. Asklepiades v. Bithynien, nachdem hundert Jahre früher Archagathos zwar freundlich ausgenommen war, aber nicht viele Geschäfte gemacht hatte. Jener führte die bereits von den Alten empfohlene Eröffnung der Luftröhre bei Chirurgie. 781 erstickenden Anschwellungen wieder ein und gab praktische Anhaltspunkte für Len Aderlaß; sein Nachfolger Themison stiftete die methodische Schule, behandelte Milzanschwellnngen mit einem glühenden Dreizack, welcher in dieselbe cingesenkt wurde, u. führte die von Nikander bereits empfohlenen Blutegel bei Entzündungskrankheiten ein. Einer seiner Anhänger, Philomenos, leistete Vorzügliches in der Geburtshilfe, dis damals noch mit der CH. vereinigt war, indeß nur selten von Männern geübt wurde. Vor Allen aber ans jener Zeit ist Celsus zu nennen (s. d.). Tbessalos v. Dralles erwarb sich Verdienst um die Behandlung der Geschwüre, Tryphon d. Ä. wandte den Katheter bei nicht entzündlichen Harnverhaltungen an, Archigenes v. Apamea stellte die Anzeigen für die Abnahme der großen Gliedmaßen auf n. bediente sich zur Blutstillung einer Art Tourniquet u. der Unterbindung; auch gab er die erste gute Zahnheilkunde heraus. Galenos, zu dessen Zeit in Rom schon besondere Chirurgen ihre Praxis betrieben, hat der CH. mehr durch Verbesserung der Theorie Vortheil gebracht, am meisten aber hob Antyllos die CH. auf ihren Höhepunkt (280 n. Chr.). Trat sie auch von jetzt ab unter dem Drucke der ganzen äußeren Verhältnisse nicht mehr so erfinderisch wie früher auf, so leistete sie doch »och Erfreuliches. Aber mehr und mehr wurde ihr Charakter matter u. lahmer, und der Stillstand war unverkennbar. Manches herrliche Denkmal der Vorzeit rettete noch die Sammlung des Oribasios v. Pergamos, deS trefflichen Leibarztes des Julianus, od. die Compilation des Wius v. Amida, des Justinianus Zeitgenossen; als aber Alexandrien 640 durch die Daracenen zerstört war, da schloß mit Paul v. Ägina die griechische CH. ab, die in diesem noch ein Mal einen herrlichen Vertreter gesunden hatte. Die Nacht des Mittelalters begann bereits hereinzubrechen. Der Aberglaube u. weiter die Scholastik begannen jede Wissenschaft in Fesseln zu legen; in der medicini- schen herrschten wol Galenos' Formen, aber nicht sein Geist. — So kann es nicht Wunder nehmen, wenn die CH. mehr und mehr in die Hände unwissender Bader gelangte, namentlich als auf den Concilien in Tours 1163 u. Würzburg 12S8 den Geistlichen die Ausübung untersagt wurde. Von hier an beginnt die Trennung der inneren Ärzte u. der Chirurgen u. auf lange Zeit hin der Verfall der CH. Stein- u. Bruchschneidcr, Augen- u. Zahnärzte zogen nun im Laude umher u. entwürdigten größtentheils die Knust. Der Einfluß der Araber war unbedeutend; die herrschende Weichlichkeit machte unter ihnen die CH. zu einer Pflaster- u. Salbenkunst, obwol einige tüchtige Vertreter zu nennen sind: Abnl Kasim, Avicenna u. A. (1170). In Italien begegnen wir einem ersten Wiederaufblühen in der (großentheils auf dem Wissen der Araber beruhenden) Schule zu Salerno (1060—1250), wozu auch Friedrichs II. Medici- Nalgesetze beitragen mochten, sowie der' mächtige durch die Kreuzzüge veranlaßte Umschwung; aber im Vorherrschen des Mechanischen u. den arabischen Anschauungen lagen immer noch bedeutsame Fehler; wir nennen hier Roger v. Parma (1206) und den allerdings späteren Vidus (Vidius, Guido !Guidi), 1531, der auf das Studium der Hippokratischen Schriften zurückgriff. In Frankreich war es Jean Pitard, Leibwundarzt Ludwigs IX., der 1260 die erste chirurgische Akademie in Paris gründete, welche schnell anfblühte, die Eifersucht der Ärzte im höchsten Grade erregte u. Anlaß zu den unseligen Rangstreitigkeiten gab, die erst 1577 damit endeten, daß diese Akademie akademische Würden ertheilen durfte. Hier wirkten namentlich Lanfranci (1295) und der berühmte Guy de Chauliac (1363), der Wiederhersteller der wissenschaftlichen CH., dessen Schriften zwei Jahrhunderte lang mustergiltig blieben. In Deuisch- land sind aus jener Zeit Brunschwig u. Wurz zu nennen, Letzterer namentlich wegen seiner richtigen Anschauung der Schußwunden (1545), u. vor Men Paracelsus. Aber erst mit dein Wiedererwachen der Änatomie konnte ein wirklich neuer Aufschwung der CH. vor sich gehen. Wieder war eS Frankreich, in dem auch jetzt eine Menge vorzüglicher Wundärzte auftraten, so Ambrosius Pare (1509—90), ursprünglich Barbier, dann Leibarzt bei Heinrich II. u. Franz II., Karl IX. u. Heinrich III., welcher sich ein bleibendes Verdienst erwarb durch seine vereinfachte Wundbehandlung, indem er besonders die frische Vereinigung der Ränder, sowie die Unterbindung der Gefäße, namentlich bei Amputationen, betonte, u. durch Angabe neuer Methoden. In seinem Sinne handelten weiter Chaumel, Gnille- meau, der namentlich über Trepanation u. die Anwendung des Feuers mustergiltig schrieb, Franco, der sich um die Eingeweidebrüche verdient machte, Covillart, welcher Len Steinschnitt verbesserte. In Deutschland Bartisch (Augenarzt), Fabricins v. Hilden, der die CH. trefflich bearbeitete, Geiger u. Gesner, der sich durch seine Libliotbsea etürurjg. bekannt machte. In Len Niederlanden Forestns u. Fyens, die namentlich die Operationsmethoden verbesserten. In Spanien A'guero, Martine; de Leiva. In Italien Maggi, Tagliacozzi, der große Beförderer der plastischen CH., n. Severin (1580—1656), der die operative CH. gründlich bearbeitete und namentlich auch um die Lehre von den Absccssen sich verdient machte. In England, wo nach der Entdeckung des Blutlauscs durch Harvey die Transfusion und Infusion vielfach erörtert und geübt wurde, fing man im 17. Jahrh. an, die bis dahin gänzlich vernachlässigte CH. zu bearbeiten. Richard Wiesemann, königl. Leibarzt, der englische Pare, wurde Vater derselben und erwarb sich namentlich um die Behandlung der Eingeweidebrllche große Verdienste; I. CH. Woolhouse, königl. Ängcnarzt, gab ein Werk über die Thränenwcge heraus, das noch heute Werth hat; Brown schrieb eine wichtige Arbeit über die Wunden; W. Cooper glänzte als Anatom und bereicherte die CH. mit werthvollen Beobachtungen; Morel erfand das Tourniquet; Lasnier entdeckte den wahren Sitz des Staarcs. Deutschland rühmte sich in dieser Zeit eines Scultet und Purmann, die größere Werke über die Ge- sammt-CH. schrieben. JnFrankreich gelangtedie CH. im 17. Jahrhundert unter Ludwig XIV. zu einer großen Blüthe; die vorzüglichsten Krankenhäuser wurden unter tüchtigen Lehrern glänzende Bildungsstätten, die vielen Kriege gaben eine 782 6!iii'urAiku. Menge Stoff u. Gelegenheit zur Ausbildung. Wenn trotzdem der Erfolg nicht immer der entsprechende war, so lag dies hauptsächlich in den widerwärtigen, schon erwähnten Rangstreitigkeiten der Facnltät n. des Collegiums der Chirurgen, auS denen 1656 die erstere als Siegerin hervorging. Berühmte Chirurgen dieser Zeit waren Berth. Saviard (1656—1702), Joh. Vigier (1659), I. A. Lambert (1656), der sich namentlich um die Knochenkrankheiten verdient machte, De la Vauguyon (1698), der die operative CH. und Verbandlehre mit Beifall bearbeitete, Franz Pou- part (1695), der neben der gesammten CH. besonders die Bruchlehre würdigte; der glänzendste aber, Peter Dionis, zu Ende des Jahrh. Auch die Niederlande blieben in der Erhebung der CH. nicht zurück, auch sie stellten ein ansehnliches Contingent. — Aber noch war im Allgemeinen die CH. wenigstens in Deutschland mit dem Barbierthum zu innig verbunden, noch hatte sie sich hier keines besonderen Lehrstuhls zu erfreuen, u. die Facultäten blickten mit Hochmuth ans sie herab. Aber die Noth trat bald für sie ein. Das Bcdürf- niß der Kriegsheere zwang die Regiernngcn, vorzügliche Lehranstalten zu gründen, mit denen die Universitäten im eigenen Interesse wetteifern mußten. 1685 wurde in Berlin das Oolloxium ms- äisnm geschaffen, 1713 u. 1724 zu einer Lehranstalt erweitert u. unter Friedrich II. noch weiter ausgedehnt. 1795 folgte das Medicin.-chirurg. Fricdrich-Wilhelms-Jnstitnt. In Österreich errichtete Joseph II. 1780 eine Medic.-chirurg, Akademie für das Militär, u. in Dresden wurde 1815 das OollsAium msäioo-obirnrssio. zur Medic.- chirurg. Akademie erhoben. Zahlreiche chirurgische Schulen folgten diesen größeren Anfängen. In Frankreich wurde der alte Streit in einer ehrenvollen Weise durch Gründung der ^.oaäsmis royale äs obirniFis 1731 geschlichtet, u. nun begann an dieser Petit seine Arbeiten, die sich eines bleibenden Ruhmes erfreuten. Ihm zur Seite stand Auel, dessen Behandlung der Pulsader-Geschwülste Aufsehen erregte, Morand, Le Dran, La Faye, Ravaton u. v. A., sowie die späteren Default (1744—95), Sabatier (1737—1811), Percy, Dupuytren, Larrey, Chopart, Boyer, Delpech, Roux, Lallemand, Begin, Civiale, Amufsat, die für die einzelnen Zweige, wie für die Gesammtheit ganz Vorzügliches leisteten. Die Niederlande folgten — es sei nur Camper genannt, und von den Neueren E. Sandifort, A. Bonn, Rich, Logger, Hendriks. In England erfreute ein Cheselden durch seine klassischen Lei- stungen namentlich auf dem Gebiete des Blasensteinschnittes und der künstlichen Pupillenbildung die Zeitgenoffen; Sharp, Pott, White, I. Hunter, B. Bell, später Abernethy, A. Cooper, Lawrence, Brodie, S. Cooper, Cline, Hennen, Guthrie, Erichsen stehen als Heroen der CH. da. Italien eiferte gleichfalls, nicht zurückzubleiben, u. that es darin Spanien zuvor; es stellte Lan- cisi (1728), Marini u. zu Anfang des 19. Jahrh. Scarpa, Vacca Bcrlinghieri, Paletta rc.; Spanien den Gimbernati. In Deutschland und Österreich war es Lorenz Heißter (1683—1758), Schüler von Rnysch u. Boerhave, Professor in Helmstädt, der den neuen Aufschwung veranlaßt und durch die Gründlichkeit n. Vielseitigkeit seiner Leistungen einen unglaublichen Einfluß auf sein Vaterland u. nach außen hin ausübte. Ihm folgten: Guenz, Platner in Leipzig, deren elastisch geschriebene Werke noch heute reellen und histo- rischen Werth haben, Bilguers, Kaspar v. Sie- bold, Theben, Schmucker, vor Allen A. G. Rich. ter, der als Stern erster Größe glänzte, dann Bernstein, Loder, Mnrsinna. Alle diese Meister konnten ihren Zweck nur dadurch erreichen, daß sie die CH. aus dem Zwange einseitiger philosophischer Systematik Herausnahmen u. zur Natur- Beobachtung zurückkehrten, daß sie vor Allem die Anatomie u. Physiologie allseitig heranzogen, alle Hilfswissenschaften redlich benutzten u. ein naturgemäßes Heilverfahren anstrebten. Auf diesem Boden u. unter den begünstigenden äußeren Momenten konnte sich erst der Zweig der CH. zu einem lebensvollen kräftigen Baume gestalten, erst jetzt konnte er als Früchte die hervorragenden Leistungen der neueren deutschen Chirurgen zur Reife bringen, die Leistungen eines Gräfe, Walther, Rust, Dzondi, Textor, Chelius, Roser, Schuh, Pitha, des herrlichen Stromeyer, u. wie sie Alle heißen. Der geniale Dieffenbach brachte die plastische CH. zu hoher Vollendung, sowie die Schieloperationen und die unterhautlichen Sehnen- u. Muskeldurch- schneidungen (Myotomie und Tenotomie), worin ihm namentlich Burow nachfolgte; MiLdeldorps führte den galvanischen Strom in den chirurgischen Heilschatz ein und benutzte den durch ihn glühend gemachten Platindraht namentlich zur Abschnürung von Geschwülsten; Burns lehrte Kehlkopfgeschwülste von innen heraus entfernen und erleichterte die Diagnose derartiger Erkrankungen durch die Construirung trefflicher Beleuchtungsapparate; Esmarch erwarb sich das Verdienst der Einführung des unblutigen OperationsversahrenS mittels elastischer Binden; eines der segensreichsten Erfolge aber darf sich R. Bolkmann rühmen, der in Deutschland Listers wunderbare Methode der Wundverbände eingeführt hat. Neben diesen deutschen und englischen Leistungen seien übrigens die französischen Neueren nicht vergessen. Mal- gaigne hat durch wissenschaftliche Untersuchung der normalen u. pathologischen Verhältnisse des menschlichen Körpers den verschiedenen Operationsmethoden vielfach sicheren Grund u. Boden verliehen u. eine sichtende, scharfe Kritik geübt. Ferner haben Civiale, Heurteloup, Amuffat die Lehre von der Zertrümmerung der Blasensteine außerordentlich bereichert u. wissenschaftlich begründet. — Die Benutzung der Betäubungsmittel, namentlich durch Dieffenbach eingeführt, hat selbstverständlich der Ausdehnung der operativen Eingriffe wesentliche» Vorschub geleistet. S. die Arbeiten v. Ammon, Bernstein, Hecker, Jsensce, Sprengel. Thamh-y->. llkirurgien (fr.), Wundarzt; 6b. mag'or, in der franz. Armee Öber-(Regiments-)Chirurg; Ob. sn obsk, Generalstabsarzt; Obirurgisns äs robs lonAus und äs robs oourbs, Bezeichnung für die Mitglieder des durch Pitard gegründeten Collegiums der Chirurgen in Paris (s. Chirurgie, Gesch.), welche den Rang der LlaAistri in pbz-sisa hatten u. deren lange Kleider trugen, 783 Chirurgisches Besteck — Chiswick. sowie für die ihre Kunst handwerksmäßig erlernenden gewöhnlichen Chirurgen, die nur den kurzen Rock tragen durften. In dem Streite der Facultät wider dieses Collegium, dessen Ansehen den Neid Jener regege macht hatte u. der Jahrhunderte lang fortdauerte (zunächst bis 1656), standen die gewöhnlichen ON-s (äs rods oourbs) auf Seite der Facultät. Thamhayn. Chirurgisches Besteck, s. Besteck. Chirurgische Instrumente, alle die meist metallenen mechanischen Werkzeuge, deren der Chirurg sich zu seinen Operationen, zum Schneiden, Stechen, Bohren, Sägen, Brennen u. dgl. bedient. Die gewöhnlichsten, wodurch eine Trennung der Theile beabsichtigt wird, sind von Stahl u. werden von eigenen Künstlern (Instrumenten- machern) angefertigt. Sie müssen fein, aus gut gehärtetem Stahl bereitet, vorzüglich scharf sein u. sorgfältig in Stand gehalten werden. Dazu gehört vor allein Rücksicht auf Reinlichkeit, Verhütung der Bildung von Rost an den metallenen Theilen durch sorgfältiges Abreiben u. Trocknen nach jedesmaligem Gebrauche u. Sorge für einen trockenen Aufbewahrungsort. Manche empfehlen die Ch-n I., besonders wenn sie selten gebraucht werden, mit gnteni Öl einzureiben, um so das Ansetzen von Rost zu verhüten. An feuchten Orten ist dies allerdings die beste Aufbewahrnngsmethode, sonst genügen sorgfältiges Abreiben u. wiederholtes Reinigen vollständig. Entstandener Rost wird am besten durch ein Stück Weiden- oder anderes weiches Holz u. Schmirgelpulver weggenommen, die Politur aber ihnen wiedergegeben, indem man sie mit einem trockenen, feinen Tuche u. Asche reibt. Größere mechanische Vorrichtungen, z. B. zum Einrichten von Verrenkungen, Knochenbrüchen rc., heißen chirurgische Maschinen. E. Berns.» Chirurgischer Knoten, Knoten, welcher bei der Anlegung von Wundnähten u. der Unterbind- u ng von Gefäßen benutzt wird u. entsteht, indem die Enden der Fäden zweimal durch die erste Schlinge durchgesteckt werden, wodurch das Nachgeben erschwert wird. Chirurgische Krankheiten , Krankheiten, welche Folgen äußerer Verletzungen sind; s. Krankheiten. Chirurgische Operation, jeder mechanische Eingriff in den kranken Körper, der mit Hilfe von Instrumenten vorgenommen wird u. die Trennung von Geweben oder die Wiedervereinigung getrennter Theile, die Entfernung von Neubildungen (Geschwülsten) oder Fremdkörpern, oder die Neubildung verloren gegangener Theile (z. B. der Nase, Lippe rc.) bezweckt. Zur Ausführung einer jeden Ch-n O. gehören eine genaue anatomische Kenntniß des ganzen menschlichen Körpers, besonders aber des Theils, an dem man gerade operiren will, um die Gefahren, welchen der Kranke durch eine Operation ausgesetzt wird (Verletzung eines wichtigen Theils, Unterbindung von Gefäßen rc.), gut würdigen zu können; eine genaue Kenntniß des dabei anzuwendenden Verfahrens u., wenn nicht am Lebenden, so doch am Leichnam erlangte Fertigkeit. Bevor man zur Ausführung einer Ch-n O. schreitet, hat man noch verschiedene Vorbereitungen zn treffen. Dahin gehören: 1) Sorge für die nöthigen Instrumente u. Ber- bandstücke, die während der O. benutzt werden, für warmes u. kaltes Wasser, Handtücher rc.; 2) je nach der Lage des Falles die Herbeiziehnng eines oder mehrerer Assistenten; 3) Beschaffung eines guten, besonders eines gut erleuchteten Zimmers; 4) bequeme Lagerung des Patienten; 5) Vorkehrungen, um etwa unerwartet während der Operation eintretenden Störungen sofort begegnen zu können, u. endlich 6) in schwierigen Fällen Einleitung der Narkose durch Chloroformiren (s. d.). Vor allen Dingen ist keine ch. O., kleinere od. größere, zu unternehmen, bevor nicht der Kranke — od. falls derselbe nicht dazu im Stande sein sollte, dessen nächste Angehörige — die Einwilligung dazu gegeben haben. Scheint es daher dem Arzte unumgänglich nöthig, daß wegen irgend eines Leidens eine Operation gemacht werde, so ist es nicht allein seine Pflicht, sondern auch eine Regel der Klugheit, daß er durch vernünftiges Zureden dem Kranken die Zweckmäßigkeit derselben klar mache u. ihn anderseits auch zugleich auf die Gefahren derselben u. die schlimmen Folgen, die vielleicht durch Unterlassung derselben entstehen würden, Hinweise. EineuKranken zu einerOperation zwingen darf mau auf keinen Fall u. ihn nur dann zu ^überreden suchen, wenn man ganz bestimmt voraussehen kann, daß der Kranke ohne die Operation rettungslos verloren ist u. einem sicheren u. dabei qualvollen Tode entgegengeht, während noch Hoffnung vorhanden ist, Laß durch die Operation das Leben gerettet, oder wenigstens die Qualen erträglicher gemacht werden. E.B-rns. Chisago, County im nordam. Uniousstaate Minnesota, u. 45° n. B. u. 92° w. L.; gut bewaldetes, fruchtbares Hügelland mit zahlreichen Seen u. vom St. - Croix-Fluß durchzogen; 5699 Ew; Countysitz: Taylors Falls. Chise (türk.), so v. w. Kis; s. u. Beutel. Chislehurst, Dorf u. Kirchspiel in der engl. Grafschaft Kent, 19lcm südöstl. von London, Station der South - Eastern - Eisenbahn; alterthümliche, aus Kieselstein erbaute Kirche; 2083 Ew. Aus C. stammte Sir Nicolas Bacon; hier wurde 1500 Sir Francis Walsingham. der Staatssecretär der Königin Elisabeth, geboren, u. hier starb 1623 in einem altmodischen, kleinen, von einem herrlichen Park umgebenen Schlößchen der Alterthumforscher u. Geschichtschreiber Camden, von dem das Gebäude den Namen Camden House erhielt. In letzter Zeit war dasselbe berühmt als der Sterbeort Napoleons III. u. als Wohnsitz der Exkaiserin Eugenie u. ihres Sohnes. Nach dem Sturze des Kaiserreiches hatte Letztere ihre Wohnung daselbst genommen, u. auch Napoleon III. begab sich dorthin, nachdem er durch den Präliminarfrieden von Versailles (26. Febr. 1871) aus der Kriegsgefangenschaft auf Wilhelmshöhe bei Kassel entlassen wurde. Er st. dort 9. Jan. 1873 und ward am 15. in der katholischen Kapelle des Ortes beigesetzt; später jedoch fand er in einer kleinen, von der Kaiserin erbauten Nebenkapelle seine letzte Ruhestätte. Am 16. März 1874 fand in CH. in Anwesenheit mehrerer tausend Franzosen die Mündigsprechung des kaiserlichen Prinzen statt. Vanting. Chiswick, Dorf u. Parlamentsflecken in der engl. 784 Chitin — Grafschaft Middlcscx, an der Themse, 7^/z km westl. von Hyde Park Corner in London, Station des Brentford-Loop-Zweiges der Sonth-Wcstern- Eisenbahn; Gärten der Hortioultnral Looist^, die jetzt nur noch ausschließlich zu experimentalen Zwecken benutzt werden; 8508 Ew. (1871). CH. hat eine alte, hart an der Themse gelegene Kirche, an welche der Gottesacker stößt, auf dem der Maler Hogarth u. bis 1871 auch der italienische Dichter u. Patriot Ugo Foscolo begraben liegen (des Letzteren Alche ward 1871 nach Florenz übergeführt, das von Italienern errichtete Grabmal aber ward gelassen). CH. besitzt manche schöne Gärten n. einige beachtenswerthe Landhäuser, namentlich das dem Herzog von Devonshire gehörige, jetzt an den Prinzen von Wales vermie- thete Chiswick House, mit ausgesuchter Gemäldesammlung, vom Grafen Burlington in Nachahmung der Billa Capra bei Vicenza erbaut. Hier starben die Staatsmänner Fox (1807) u. Canning (1827). Bartling. Chitin (Chem.) der Stoff, welcher das Skelett u. den Panzer aller Gliederthiere bildet. Er ist der Hauptbestandtheil der Flügeldecken der Käfer, der Bedeckungen der Spinnen, der Panzer der Crustaceen; hieraus, des. ans den Flügeldecken der Maikäfer, stellt man das CH. durch successive Behandlung mit Wasser, Alkohol, Äther, Essigsäure u. Kalilauge dar, wobei es als weiße durchscheinende Substanz zurückbleibt, welche meist die Form des Gewebes, oft auch die ganze Gestalt des Thicres zeigt, ans welchem sie dargcstellt wurde. So läßt sich ein gesottener Krebs durch ähnliche, aber höchst vorsichtige Behandlung mit oben genannten Lösungsmitteln in ein weißes Ch- Skelett verwandeln, welches nichts von der ursprünglichen Form verloren hat. In concentrirter Schwefelsäure ist das CH. ohne Färbung löslich; mit Wasser verdünnt u. gekocht liefert die Lösung Ammoniak u. Traubenzucker. Clöre». Chiton (gr. Ant.), das Untergewand, oft einzige Gewand der Griechen; der dorische war wollen, kurz u. ärmellos; der ionische länger u. leinen. Der letztere hatte entweder zwei Ärmel od. Armlöcher, dann hieß er Oü. aiaplrimaoedalos, welcher von den Freien getragen wurde, od. nur eines für den linken Arm, während der rechte Arm u. ein Theil der Brust unbedeckt blieb; er hieß Dxomis n. war die Tracht der Sklaven. Auch die Frauen trugen den CH.; der dorische war auch hier wollen, nicht gar lang, bis an die Brust zu- sammcngenäht, die oberen Theile über die Schultern zusammengeheftet; der ionische leinen, bis an die Füße reichend, faltenreich, oft mit weiten Ärmeln. Auch wurde oft das obere Ende des verlängerten Chiton nochmals übergeworfen und mit dem Gürtel (Ltropüion) befestigt; dies hieß Doppeel-CH. (Diplom) und findet sich oft mit dem reizendsten Faltenspiel des Bausches (Lolpcw) auf bildlichen Darstellungen. Unter Perikles ver- tauschten die Athener den weichlicheren ion. CH. mit dem dorischen. Es waren zuweilen auch Verzierungen, Blumen:c. eingewebt (Ob. Labastiütos). Riese.' Chittiicr (a. Geogr.), auch Söhne Chats, sowie Hatiter, in den ältesten Zeilen Einwohner - Chlcidlii. von Palästina, zwischen den Kanaanitern u. Am», ritcrn.in Len von S. nach N. sich ziehenden Gebirgen. Chittcnden, County im nordam. Unionsstaaie Vermont, u. 44° n. B. u. 73° w. L.; 36,480 Ew.> Countysitz: Burlington. ' Chittim, bei den Juden entfernte Länder des Westens, wahrsch. Cypern. ChtUN, die biblische Aussprache des Namens des babylon. Gottes Kaiwan, K?wan, d. i. des Saturnus. Der Name bezeichnet den Gott als den Festen, Zuverlässigen. Chiusa (ital.), so v. w. Klause, Paß. 1) CH. di Pesio, Stadt in der Prov. u. dem Bez. Cuneo des Königreichs Italien (Piemont), am Pesio; altes Schloß (Mirabella); Kinderbewahranstalt, Spital; Geschirrfabrikation, Glas- u. Spiegelhütte Seidenweberei; 6338 Ew. 2) CH. San Michele, Flecken im Bez. Susa der ital. Prov. Turin, o» der Dora Riparia; 1086 Ew.; dabei auf einem Berge die einst sehr berühmte u. reiche Benedic- tinerabtei San Michele della CH., die zum Be- gräbniß der sardin. (j. ital.) Könige dient; dabei der Paß, den der Longobardenkönig Desiderius gegen Karl d. Gr. befestigte. 3) CH. Sclafani, Stadt im Bez. Corleone der ital. Prov. Palermo, auf Sicilien; Seidenraupenzucht, Weinbau; 6968 Ew. 4) C. di Verona, s. Berner Klause. Chiusi, Stadt im Bez. Montepulciano der ital. Prov. Siena (Toscana), an der Chiana, die hier den Lago di CH. bildet, der mildem nahen See von Montepulciano durch einen Kanal verbunden ist, Station der röm. Eisenbahn; Bischofssitz, eine aus Quadern u. Platten antiker Paläste erbaute Kathedrale init 18 antiken Marmorsäulen; reiche Ausgrabungen etruskischer u. römischer Alterthümer, die zum großen Theil nach Florenz gekommen sind; 4660 Ew. — CH. ist das alte Camers bei den Etruskern u. Clusium (s. d.) bei den Römern und wurde im Mittelalter durch eine Überschwemmung der Chiana zerstört, wobei zugleich die ganze Gegend in einen Sumpf verwandelt wurde; das Land ist durch die 1823 vollendete» Dammarbeiten wieder trockengelegt. Chivafso, feste Stadt in der ital. Prov. u. dem Bez. Turin (Piemont), am linken User des Po, Station der Eisenbahn Turin-Mailand n. einer Zweigbahn nach Jvrea; Gymnasium, Technische Schule; königliches Gestüt; Korn-u. Viehhandel; 9002 Ew. CH. ist als Schlüssel zur Lombardei sehr wichtig; es war Hoflager der Markgrafen von Montferrat, kam unter Amadeus VI. an Savoyen, wurde zweimal von den Franzosen genommen, aber 1649 wieder an Savoyen abgetreten; im Juni 1705 von Vendome belagert. Chiton, Staat, s. Khiwa. Chize, Rechnungsmllnze, so v. w. Kitze. Chizerots, s. u. Burins. Chladni, Ernst Florenz Friedrich, bedeutender deutscher Physiker, geb. 30. Nov. 1756 in Wittenberg; studirte anfangs die Rechte, dann Naturwissenschaften; war fast fortwährend aus Reisen, ohne amtliche Stellung u. lebte nur vom Ertrage seiner Werke u. seiner akustischen Vorlesungen. CH. machte in der Lehre vom Schalle (Chladnische Klangfiguren) wichtige Enldeä- deckungen; er st. 3. April 1827 zu Breslau. Unter Chlcidmschc Klangfigureil — Chlingeiispcrger. 785 seinen aknstischen Werken sind von besonderer Bedeutung: Entdeckungen über die Theorie des Klanges, Lpz. 1787; Die Akustik, ebd. 1802, n. Ausg., 1830, franz., Par. 1809; Neue Beitr. zur Akustik, Lpz. 1817; Beitr. zur prakt. Akustik u. zur Lehre vom Instrumentenbau (Clavicylinder u. verwandte Instrumente), ebd. 1821. Auch war CH. der Erste, der schon 1794 in seiner berühmten Schrift: Über den Ursprung der von Pallas gefundenen u. anderer sehr ähnlichen Eisenmassen u. über einige damit in Verbindung stehende Naturerscheinungen (Riga) gegen die allgemeine Annahme der Gelehrten für den Glauben des Volkes eintrat, daß Stein- u. Eisenmassen wirklich vom Himmel herabfallen könnten, u. diese Annahme mit allen Mitteln der Wissenschaft verfocht. Lange nachdem endlich selbst bei den französischen Gelehrten diese Annahme als richtig erkannt war, schrieb CH. seine vorzügliche Arbeit: Über Feuermeteore n. über die mit denselben herabgefalleuen Massen, Wien 1819, wozu später zahlreiche Nachträge in Gisberts Annalen erschienen. Vgl. Bernhardt, CH., der Akustiker. Witteub. 1856. r. Chladnische Klangfiguren, s. Schall. Oblam^äoooocns ^4. Lrarr-r, Pflanzengattung aus der Algenfamilie der 6onokisas Volvoeinvas, rundliche Zellen mit rothem oder grünlichem Inhalte, welche durch einfache oder doppelte Zweitheilung Schwärmsporen bilden, die sich mit einer zarten, farblosen, durchscheinenden, weit abstehenden Hülle umgeben. Durch weitere Theilung gehen aus diesen großen Schwärmsporen je 4 Tochter» zellen hervor, welche sich weiter theilen u. zuletzt dicke Zellenconglomerate bilden. Arten: 6K. plu- vialis ^4. Lvaren (üaomotoeoeous pl. krotoeoeons pl. LÄkm'nA), bildet röthliche Massen in kleinen Vertiefungen auf Felsblöcken u. Steinen; erscheint bisweilen in größeren Massen u. gibt dann zu dem Volksaberglanben vom Blutregeu (s. d.) Veranlassung. 6K. nivalis findet sich ost in großen Schneefeldern in der Schneeregion der Alpen (rother Schnee). Engler. Lblampäomonss, Algengattung der 6osnokioao- Volvoolneas, einzellige Algen mit durchsichtiger Hllllmcmbran, welche sich durch Schwärmer vermehren. Diese sind entweder Makrozoosporcn, od. Mikrozoosporen. Die ersteren, kleine, von einer durchsichtigen Hülle eiugeschlosseue Plasmakörper, mit rothem Fleck und 2 Wimpern, entstehen zu je 2 od. 4 in einer Zelle; aus einzelnen dieser Schwärmsporen gehen durch succes- sive Zweitheilung je 8 kleinere Schwärmsporen, die Mikrozoosporcn, hervor, welche keinen rochen Fleck besitzen. Von diesen kleinen Schwärmern können sich je 2 mit ihrem spitzen Ende nähern u. zn einer Zelle verschmelzen, welche einen Ruhezustand durchmachen u. dann in normaler Weise fortvsgetiren kann. Aus den großen Schwärmern dagegen gehen sofort neue Individuen hervor. Die Arten 6K. pnlvisculus ZVi»'., 6K. okbnsa ^4. 6K. multiüliis u. a. färben im Frühjahre u. Herbste die Wasserbehälter grün. Englcr. Olilam'/äopkorus (Küraßthier), Gattung aus der Familie der Gürtelthiere, mit hinteu abgestutztem Körper. Chlamys (gr.Ant.), Kleidungsstück der Männer, PicrerL Univerlal-Ccmversations-Lexikon. k. Ausl > erst mit dem Einkitt in das Jünglingsalter getragen, eine Art Mantel, der über die eine Schulter geworfen u. dann mit einer Spange zusammengc- heftet wurde; ursprünglich eine makedonische und thcssalische Tracht, später in Griechenland bes. als Kriegs- u. Neisemantel getragen; auf Denkmälern ist es daher u. a. die gewöhnliche Kleidung des Odysseus. Ricke. Chläna (gr. Ant., eklaina)", starkes wollenes Oberkleid, von Männern als Mantel in der Kälte über dem 6kiton getragen, über die Schultern geworfen u. mit einer Spange befestigt; ähnliche dienten auch in der Nacht als Decken. Feiner u. weicher hießen sie llklains n. wurden von Frauen n. Männern znm Staate getragen. Chlapowski, 1) Desiderius, poln. General, geb. 1788 im Großherzogthnm Posen; nahm 1807 unter der polnischen Jnsurrection Dienste, ward Ordonnanzoffizier Napoleons u. dann Escadrous- chef der Gardecavalerie; 1813 nahm er seinen Abschied, weil er sich nicht genug befördert glaubte, u. zog sich auf seine Güter in Posen zurück; 1830 schloß er sich der polnischen Revolution an, erhielt erst ein Regiments-, dann von Chlopicki ein Bri- gade-Commando u. nach der Schlacht von Gro- chow eine Division, an deren Spitze er den Aufstand in Lithauen unterstützte, wohin er im Mai 1831 vorgedrungen war. In Bialystock hätte er beinahe den Großfürsten Constantin gefangen genommen, wenn dieser nicht durch seine Gemahlin, die Fürstin Lowicz, deren Schwester mit CH. vermählt war, gewarnt worden wäre. Mit Gielgud vereinigt, versuchte er mit 5000 Lithauern einen Angriff ans Wilna, der aber so wenig gelang, daß er sich über die preußische Grenze zurllckziehen n. dort die Waffen strecken mußte. Die Preußen gaben ihm erst nach längerer Haft n. Bezahlung eines bedeutenden Strafgeldes die Freiheit, worauf er wieder in stiller Zurückgezogenheit auf seinen Gütern lebte. Er schr.: kisbtros sur lv» svsoomsnts militalrss sn ?olo§ns eb on lü- tkuanls, Par. 1839. 2) Stanislaus, Bruder des Vor., ebenfalls Theilnehmer an dem poln. Aufstande, namentlich an den von Ersterem geleiteten Unternehmungen in Lithauen. Lagai.- Chlidon (gr. Ant.), Fuß-, Arm- u. Halsband. Chlingeksperster, Name zweier bedeutenden juristischen Rechtslehrer n. Schriftsteller. 1) Christoph v. CH., geb. 1651; stndirte in Ingolstadt u. wurde schon 1677 Professor der Rechte daselbst, wo er die Digesten, llns publicum u. Criminal- recht lehrte, während er in seinen schriftstellerischen Arbeiten auch auf anderen Gebieten thälig war, als im Proceß, Feudal- u. Kanonischen Rechte, n. häufig in schwierigen Rechtsfragen von fürstlichen Personen um sein Nechtsgntachten angegangen wurde. 1693 in den Adelsstand erhoben, wurde er 1698 Vorstand des Nathscollegiums. Er st. 1720, eine Masse werthvoller juristischer Werke hintcrlassend. 2) Hermann Anton v. CH., Sohn d. Vor., geb. 1685 in Ingolstadt; studirte dort u. wurde 1707 auch Professor der Rechte daselbst. Er st. 1755. Auch von ihm existirt eine ganze Reihe werthvoller juristischer Schriften, unter denen namentlich die über Bayerisches Landrecht n. Hofmarken große Beachtung fanden; bemerkcnswc.th v. Band. 5 g 786 Chloanthit - sind auch seine Consilia oivilia u. oriminalia, je 2 Bde., 1734 u. 1738. Vgl. Prantl, Gesch. der Ludw.-Maximil.-Universität, München 1872, I. u. II. Bd. r->g-,i. Chloanthit (Min.), nach Breithanpt die im regulären System krystallisirende Varietät des Arsennickels, zinnweiß, doch leicht grau und schwärzlich anlaufend; nicht selten mit Nickelblüthe grün ausblühend (daher der Name, v. gr. oiüo- anbiiss, aufgrünend). Chloderich, Sohn Siegberts, des Königs der Ripuarischen Franken; führte 507 Chlodwig dem Großen gegen die Westgothen ein Hilfsheer zu; tödtete auf Chlodwigs Rath seinen Vater ans der Jagd im Buchonischen Walde; als er sich niederbückte, um dem Gesandten Chlodwigs die in einem Kasten aufbewahrten Schätze seines Vaters zu zeigen, wurde ihm der Kopf mit der Streitaxt zerschmettert. Chlodio, angeblich Sohn Faramunds; war 428—448 König der Franken (s. d.). Sein Nachfolger war Merowig. Chlodömir (Chlodomer, Chlodomar), 2. Sohn Chlodwigs I. n. der Chlotilde, geb. 495; war 511—524König vonAquitanien;s.Franken(Gesch.). Chlodowald (Clotoald), St., Sohn des fränkischen Königs Chlodomir, Enkel Chlodwigs I. u. Chlotildens. Wahrscheinlich bald nach Chlodo- mirs Tode (524) bewogen dessen Brüder Childe- bert u. Chlotar ihre Mutter Chlotilde, die Chlo- domirs drei Knaben zu sich genommen hatte, trügerisch zur Auslieferung derselben. Zwei starben unter Chlotars Mörderhand; den dritten, Chlodowald, retteten getreue Männer; er begab sich aller Ansprüche auf die Negierung, wurde Mönch u. Priester; st. um 560 u. wurde in dem von ihm gebauten, nach ihm benannten Kloster St. Cloud begraben. Er wurde kanonistrt; Tag: 7. September. /X Chlodwig (Chlodowech, Ludwig), der Begründer des Frankenreiches, geb. 465, SohnChil- derichs I., der neben anderen Stammeskönigen über die zwischen Somme u. Maas wohnenden Salischen Franken gebot, u. der von diesem verführten thüringischen Königin Bastna; folgte 481 seinem Vater in der Regierung. In kurzer Zeit unterwarf er sich alles von den Saliern eingenommene Land. Er schlug den Syagrius, der in Gallien noch einen Rest der alten Nömerherr- schaft behauptete, mit Hilfe der Ripuarischen Franken 486 bei Soissons u. gewann hierdurch das Land bis zur Seine. Er begünstigte, wie es schon sein Vater gethan hatte, den römischen Katholicismus, vermählte sich 493 mit der demselben angehörenden burgnndischen Königstochter Chlotilde (Lhrotechildis) u. erlaubte die katholische Taufe seiner Kinder. Nach der Überlieferung versprach er, als ihn die Alemannen in der furchtbaren Schlacht bei Zülpich 496 zu überwältigen drohten, mit lauter Stimme dem Christengotte, wenn er ihm den Sieg verleihe, die Taufe anzunehmen, siegte, empfing am Christfeste aus den Händen des Erzbischofs Remigius von Reims die Taufe u. die Salbung, u. 3000 Franken ließen sich mit ihm taufen. Durch neuere Forschungen ist jedoch diese Darstellung berichtigt wor- — Chlopicki. den: „Die Schlacht bei Zülpich", bemerkt A. Pfafj in seiner Deutschen Geschichte, Bd. 1, S. 208, „ward von den Ripuariern geschlagen; die Ale- manncnschlacht, in welcher Chlodowech siegte, fand am Oberrhein u. zu einer Zeit statt, wo er mit seinen Schwestern, deren eine, Albofleda, seitdem Theoderich der Große heimgeführt hatte, längst Christ geworden war." Indem der neue Constan- tin, wie er bei Gregor von Tours heißt, anstatt des unter den deutschen Stämmen herrschenden Arianismus den römischen Katholicismus bekannte, gewann er die ihm unterworfenen Römer u. die in kirchlicher Beziehung gleichgesinnten Nachbarn. Er trat nun als Vorfechter des orthodoxen Bekenntnisses gegen ketzerische u. heidnische Germanen auf. Die an der Küste zwischen Seine u. Loire wohnenden Armoricaner, die linksrheinischen Alemannen u. die rechtsrheinischen zwischen Main u. Neckar erkannten seine Oberhoheit an. Hier- auf kehrte er seine Waffen, um Blutrache für seine Gattin zu üben, gegen den Burgunderkönig Gundobald, schlug ihn 500 bei Dijon an der Ouche, begnügte sich aber auf die Intervention Theodcrichs des Großen mit dem Versprechen eines Tributs. 507 griff er die arianischen West- gothen an, schlug sie n. tödtete selbst ihren König Manch II., Theoderichs Eidam, bei Bougle in der Nähe von Poitiers. Er entriß den Westgothen Aquitanien; Theoderich rettete seinem unmündigen Enkel Amalrich das schmale Küstenland zwischen der Rhone n. den Pyrenäen. CH. erhielt auf seine Bitte vom oströmischen Kaiser Anasta- sios den Titel eines Consuls, der ihn über die beschränkte Sphäre eines deutschen Heerkönigs erheben sollte; dann räumte CH. mit nichtswürdiger Treulosigkeit u. Grausamkeit die übrigen fränkischen Dynastien, soweit er sie nur zu erreichen vermochte, aus dem Wege u. vereinigte den ganzen Volksstamm unter seinem Scepter. 27. Nov. 511 st. er in Paris. Seine 4 Söhne theilten sich, nach Salischem Rechte, in das Reich. (S. Franken, Geschichte.) Über 3 andere fränkische Könige dieses Namens aus dem Geschlechts der Merovinger s. die Stammtafel in dem Art. Franken. Chloe (gr., die Grünende, Keimende), 1) Beiname der Demeter; ihr wurden gefeiert dieCKIooin am 6. Thargclion (im April) mir Spielen und Tänzen. 2) Christin in Korinth, durch deren Hausgenossen Paulus von den in Korinth statt- findenden Streitigkeiten Nachricht erhalten hatte. 3) In der Periode der Schäfergedichte u. Schäferromane gewöhnlich in denselben Name einer Schäferin. Chlopicki, Joseph, polnischer General und Diktator in Polen während der Revolution von 1830, geb. 24. März 1771 in Galizien von adeligen, aber armen Eltern; wurde 1787 Soldat, diente mit Auszeichnung, namentlich im Treffen bei Raclawice 1794, unter Kosciuzko in Polen, wurde Adjutant beim General Rymkiewicz, schloß sich 1797 dem von Dombrowski für französische Dienste errichteten polnischen Corps an, kämpfte unter demselben 1799 —1801 namentlich ruhmvoll in Italien, folgte 1806 Dombrowskis Rufe zur Erhebung Polens u. zeichnete sich, im selben Jahre zum Obersten ernannt, bei Eylau n. Fried- 787 Chlor. land aus. Von 1808—11 focht er rühmlich, inzwischen 1809 mit einem Brigade-Commando betraut, unter Suchet in Spanien n. darauf 1812 gegen Rußland bei Smolensk u. an der Moskwa, wo er schwer verwundet wurde. Wiederhergestellt, schloß er sich von Neuem Napoleons Heer an, nahm aber, weil er sich zurückgesetzt glaubte, seinen Abschied u. ging nach Paris. 1814 nach Polen zurückgekehrt, wurde er vom Kaiser Alexander zum Divisionsgeneral in der neu gebildeten polnischen Armee ernannt, verließ jedoch nach einer Zwistigkeit mit dem Großfürsten Constantin den Dienst u. lebte in Warschau. An den späteren politischen Umtrieben u. revolutionären Ver- bindungen in Polen nahm er keinen Antheil, auch nicht an der Erhebung von Warschau 29./30. Nov. 1830, mußte aber doch dem Drängen schließlich folgen, dem Administrationsrathe beitreten u. 5. Der. die Dictatur übernehmen. Gesetzmäßigkeit u. den Weg der Versöhnung mit Rußland offen zu erhalten, war sein Streben in dieser Stellung, u. ofsen gab er seine Ansicht zu erkennen, daß er sich von einem Kampfe mit Rußland auf die Dauer keinen Erfolg verspreche, vielmehr nur auf dem Wege der Vermittelung mit dem Kaiser eine sichere Gewähr für genaue Beobachtung der Constitution zu erlangen sei. Deshalb von den demokratischen Clubisten angefeindet, legte er 18. Dec. nach Er- Lssuung des Reichstages die Dictatur nieder, mußte jedoch, da der größte Theil des Volkes, das Militär u. der Adel auf seiner Seite war, schon am 20. Dec. dieselbe, u. zwar mit ausgedehnteren Befugnissen wieder übernehmen. Jnüeß wegen seines Fcsthaltens an seinen Principien und seiner Strenge gegen die anarchischen Bestrebungen vom Patriotischen Verein zur Rechenschaft gezogen, legte er 23. Jan. 1831 die Diciatnr wiederum nieder, trat aber, zum Erweise seiner vaterländischen Gesinnungen, im Februar als Soldat in die Armee unter dem neuen Generalissimus Fürsten Michael Radziwill, mit dem Versprechen, denselben mit seinem Rathe zu unterstützen. So war CH. die Seele der wichtigsten Kriegsoperationen, bei denen er sich durch persönliche Tapferkeit auszeichnete. Seine Unerschrockenheit zeigte er namentlich bei Wawer 19. u. 20. Febr., wo ihm hauptsächlich die Behauptung des Schlachtfeldes zu danken war, u. als 25. Febr. der Angriff der Russen unter Diebitsch erneuert wurde, commandirie er den rechten Flügel, Bataillon für Bataillon ins Feuer führend. 2 Pferde waren schon unter ihm gefallen, als er einen Angriff auf das Erlengehölz anordncte; hier tödtete eine Granatkugel sein 3. Pserd u. warf ihn selbst, an beiden Füßen schwer verwundet, zu Boden. 10. März ließ er sich zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nach Krakau bringen, wo er in stiller Zurückgezogenheit lebte bis zu seinem Tode, 30. Sepl^ 1854. Lag-» " Chlor (lat. Oblornm), chemisches Element, dessen Zeichen 61, dessen Atomgewicht 35,5 ist. Es ist ein Gas von schwach grünlich-gelber Farbe und eigenthümlichem, durchdringendem Geruch. Selbst in kleinen Mengen eingeathmet, wirkt es auf die Athmungswertzeuge äußerst schädlich ein u. verursacht heftigen Husten, Erstickungszufälle, Blutspeien rc. Gegen diese Zufälle schützt man sich beim Arbeiten mit CH. durch gleichzeitiges Einathmen von Ammoniak (Cigarrenrauch), oder von Weingeistdampf, indem man einen mit verdünntem Weingeist befeuchteten Schwamm vor Mund und Nase bindet, oder auch nur ein mit Weingeist befeuchtetes Stück Zucker in den Mund nimmt. Das spec. Gewicht des Ch-s auf Luft bezogen ist 2,^, 11 desselben wiegt 3,„g A. Durch starken Druck (4 Atmosphären) u. starke Abkühlung (bis — 40" 0.) wird es zu einer gelblichgrünen Flüssigkeit von 1,5s spec. Gewicht verdichtet, die mit Wasser sich nicht mischt u. auch bei den niedrigsten Tcmperaturgraden nicht gefriert. Das CH. ist in Wasser löslich, u. zwar nimmt 1 Vol. Wasser bei 10" 3 Vol. CH., bei 30" nur 1,55 Vol. auf. Die Lösung, CH-Wasser (Lgua eblorata, lägnor Oblori, Oblorum volnbnm), besitzt Farbe u. Geruch des Ch-s, zersetzt sich aber am Tageslichte sehr schnell u. muß deshalb im Dunkeln aufbewahrt werden. Bei etwa 0° scheidet sich aus ihm eine Verbindung von CH. u. Wasser, Ch- hydrat (61 -l- 5H.5O), in gelben Krystallcn aus, die sich bei gewöhnlicher Temperatur unter Aufbrausen in CH. u. Ch-wasser zersetzt. Das CH. ist nicht brennbar und unterhält weder die Verbrennung, noch die Athmung; es verbindet sich aber direct mit fast allen Elementen, namentlich gern mit den Metallen, oft unter Feuererscheinung; so entzünden sich Phosphor, Bor u. Silicium in Ch-gas von selbst, ebenso gewisse fein zertheilte Metalle (Antimon, Arsen, Wismuth, unechtes Blattgold rc.); sehr dünne Drähte von Eisen, Messing u. Nensilber verbrennen unter Funkensprühen, wenn sie erhitzt in Ch-gas eingetaucht werden. Besonders stark ist die Verwandtschaft des Ch-s zum Wasserstoff. Ein Gemisch aus gleichen Raumtheilen beider Gase bleibt im Dunkeln unverändert, im zerstreuten Tageslichte geht die Vereinigung langsam, im direkten Sonnenlichte, sowie in dem Lichte des brennenden Magnesiums u. eines brennenden Gemenges von Schwefelkoh- lenstoffdamps und Stickoxydgas augenblicklich unter heftiger Explosion von Statten; ebenso wirken der elektrische Funke u. die Berührung mit einem brennenden Körper. Auf diesem energischen Vereinigungsbestreben beruht die zersetzende Wirkung des Ch-s auf wasserstoffhaltige Körper; es entzieht ihnen den Wasserstoff ganz, oder wenigstens theilweise, u. veranlaßt dadurch die Entstehung verschiedenartiger Zersetzungsproducte. Ist gleichzeitig Sauerstoff vorhanden, so wird dieser als stark oxydirendes Ozon in Freiheit gesetzt, n. das CH. wirkt dann mittelbar als kräftiges Oxydationsmittel. Beispielsweise wird schwefeligeSäure bei Gegenwart von Wasser durch CH. in Schwefelsäure, schwefelsaures Eisenoxydul in schwefelsaurcs Eisenoxyd verwandelt. In ähnlicher Weise wirkt das CH. aus organische Körper; so werden alle stickstofffreien organischen Farbstoffe durch CH. rasch gebleicht, d. h. unter Bildung von wenig gefärbten Zersetzungsproducten zersetzt, und alle Riech- u. Ansteckungsstoffe (Miasmen) zerstört. Hierauf beruht die umfangreiche Anwendung des Ch-s zum Bleichen u. als Desinsectionsmittel. Da aber das CH. weder als Gas, noch in Lösung leicht transportabel ist, so benutzt man jetzt zu diesen Zwecke 50 * 788 Chloral — 61ilc>rantlius. nur die sog. Bleichsalze, namentlich aber den Ch- kalk (s. d.). In der Natur findet sich das CH. nirgends frei, sondern nur in Verbindung mit gewissen Metallen; die verbreitetste Verbindung ist das Ch-natrium (Steinsalz, Kochsalz, Seesalz). Zur Darstellung des Ch-s füllt man einen Kolben mit Stücken von Braunstein (Mangansuperoxyd) u. fügt langsam unter schwachem Erwärmen starke Salzsäure zu, oder man erhitzt ein inniges Ge- menge von 1 Th. Braunstein, 4 Th. Kochsalz u. 2 Th. concentrirter Schwefelsäure. Im ersteren Falle erfolgt die Bildung des CH-S nach der Gleichung: LlnO, -s- 4II61 — LlnOIz -I- 2LO -I- Ol, Mangansuperoxyd u. Salzsäure geben Manganchlorid u. Wasser u. Chlor, im anderen: M-rOI -I- LlnOr -s- 2Hz80t ^ MzSOz -j- Nn80« -I- 2^0 -I- 01^ Chlor- u. Brcmn- u. Schwefel- geben schwefels. u. schwefels. u. Wasser u. Chlor. Natrium stein säure Natron Mauganoxydul Soll das Gas in Glocken aufgefangen werden, so benutzt man als Sperrflüssigkeit warmes Wasser. Bei der Darstellung im Großen schlägt man fast ausschließlich den ersteren Weg ein u. verwendet große Ballons aus Steinzeug ov. innen getheerte Kästen aus Sandsteinplatten. Bei dem fortwährenden Steigen der Braunsteinpreise hat man in neuester Zeit versucht, die Anwendung desselben ganz zu umgehen. Nach dem Verfahren von Deacon, welches sich in England, aber auch schon auf dem Cvntincnt einzubllrgern beginnt, leitet man ein Gemisch von Ch-wasserstofs u. Luft bei etwa 400" bis 500° 6. über gewisse stark erhitzte Substanzen (am zweckmäßigsten Thonkugcln, die mit Kupfervitriol getränkt sind), wodurch dasselbe zum grö ßeren Theil in CH. n. Wasser zersetzt wird. Aus dem Gasgemisch entsernt man den nnzersetzten Ch-wasserstoff durch Waschen mit Wasser, den Wasserdampf durch Abkühlung oder durch Cakesstücke, die mit Schwefelsäure getränkt find. Der Kupfervitriol selbst erleidet bei dem Proceß keinerlei Veränderung. Das so dargestellte CH. ist zwar durch Luft verunreinigt, eignet sich aber sehr gut namentlich zur Darstellung von Ch-kalk. — Das CH. wurde 1774 von Scheele entdeckt und Lephlogistisirte Salzsäure genannt; später hielt man es für die Sauerstoffverbindnng eines unbekannten Elements (Murium), erst 1810 wurde es von Davy als Element erkannt u. erhielt den Namen Chlor, vom gr. oirlürös, gelb-grün. Hetzer. Chlorst! (Trichloraldehyd, Chem.) 6zMIgO, der Aldehyd der Trichloressigsäure; entsteht durch directe Einwirkung von Chlor auf Aldehyd, sowie durch Einleitcn von Chlor in absoluten Alkohol, so lange cs noch absorbirt wird u. Salzsäure entweicht. Hierbei bildet sich eine Verbindung des Ch-s mit Wasser, das Ch-hydrat, als kristallinische Masse, welche durch Destillation mit concentrirter Schwefelsäure in CH. u. Wasser zerlegt wird. Das CH. ist eine farblose, durchdringend riechende und zu Thränen reizende Flüssigkeit, die bei 94,/ siedet. In geschlossenen Gesäßen ausbewahrt, verwandelt es sich in eine weiße, feste Masse, eine polymere Verbindung, die bei 180° wieder in gewöhnliches CH. zerfällt. Es besitzt die Eigenschaft, Silber aus ammoniakalischer Silbernitratlösung zu reduciren, verbindet sich wie der Aldehyd mit Ammoniak u. sauren schwefeligsauren Alkalien zu kry- stallinischcn Masten. Durch Oxydation geht es in Trichloressigsäure über, in Berührung mit wässerigen Alkalien spaltet es sich in Chloroform u. Ameisensäure. Mit Wasser verbindet es sich zu Ch-hydrat l^HOIgO^O, großen weißen Krystallen, die bei 46" schmelzen u. zwischen 9L u. 98° sieden, in Wasser leicht löslich sind u. weniger scharf riechen, als das CH. Alkohol vereinigt sich mit CH. zn Ch-alkoholat Dieses bildet farblose, bei 56" schmelzende, bei 115 —117° siedende Krystalle. Das Ch-hydrat hat medicinische Anwendung gefunden, indem es, eingenommen, beruhigend u. schmerzstillend wirst u. einen ruhigen Schlaf ohne üble Nachwirkungen erzeugt. Diese anälthefirende Wirkung beruht auf der durch das alkalische Blut hervorgerusencn Spaltung des Ch-s in Ameisensäure u. Chloroform, welch letzteres als directe Ursache der Be- ! täubung anznsehen ist. Llörm. Chloralalkoholat, s. Chloral. Chloralhydrat, s. Chloral. Chloraluminrrrm, s. Aluminiumchlorid. Chlorammonium, s. Ammoniumchlorid. Chloranil (Tetrachlorchinon, Chem.) bildet sich neben Mono-, Di- u. Trichlorchiiwn bei der Einwirkung von chlorsaurein Kali u. Salzsäure auf Cbinon, auch auf andere organische Verbindungen (Phenol, Anilin, Salicylsäure, Jsaün n. a. m.). Es bildet goldgelbe, unzersetzt subli- mirbare Schuppen, in kaltem Master unlöslich, in kaltem Alkohol schwer, in heißem leicht löslich. Mit Phosphorpentachlorid erhitzt gibt es Perchlorbenzol 6«6Ig. Verdünnte warme Kalilauge löst es mit rother Farbe, wonach sich beim Erkalten purpurfarbene Nadeln des Kaliumsalzes der Ch- sänre LgOIsO/OL^ abscheiden, die durch Schwefelsäure in die freie Ch-säure röth- lich-weiße, glänzende Blättchen, zerlegt werden. Clären. OblorsntknoZno, dikotyle Pflanzenfamilie aus der Klasse der kipsritns, Bäumchen oder Sträucher, selten einjährige Kräuter, mit aromatischem Gerüche u. gegenständigen, knotig-gegliederten Ästen, gegenständigen, gestielten, einfachen, fiedernervigen Blättern, kleinen, zwitterigen od. diklinischen Blii- then ohne Blüthenhülle, einfächerigem Fruchtknoten mit einem hängenden, orthotropen Eichen; Frucht eine Steinfrucht. Die Familie ist tropisch und zählt nur wenige Gattungen: lloäxoswnm, Obloranbbns, Faroanära u. ^8earlnn. Englcr.' Chloränthie, (Vergrünung), ist die in Blü- then nicht selten auftretende Verwandlung der Blumenblätter, Staub- u. Fruchtblätter in Laubblätter (rllckschreitende Metamorphose); man beobachtet diese Erscheinung besonders häufig bei Prikolinm ropsns ^7. Engler. ebloi-antkus , Pflanzengatt, aus der Fam. der OiliorantbaLsas, Halbsträucher mit kleinen, 789 Chlorantimon in gegenständigen und paarweise abwechselnden Ähren stehenden Zwitterblüthen. Dieselben enthalten 3 mit einander zu einer Aappigeu Schuppe verwachsenen Staubblätter, von denen die beiden seitlichen nur zur Hälfte entwickelt sind, u. einen Stengel. Art: 6b. oküoinalis Llume, immergrüner Halbstrauch, in feuchten Wäldern Javas; die der virginischen Schlangenwurz ähnliche Wurzel wird wie diese als kräftiges Reizmittel in bösartigen Fiebern gebraucht; die Samen sind sti- mulirend. Engler.' Chlorantimon, s. Antimonchloride. Chlorarsen, f. Arsenchlorid. Chlorate, so v. w. Chlorsänresalze. Chlorbaryum, s. Baryumchlorid. Chlorblei, f. Bleichlorid. Chlorcadmium, s. Cadmiumchlorid. Chlorcalciuin, s. Calciumchlorid. Chlorchromsäure (Chromacichlorid), chemische Verbindung von Chrom, Chlor und Sauerstoff, deren Formel OrO^lI ist; bildet eine dunkel rothe, an der Luft gelbrothe, erstickende Dämpfe ausstoßende Flüssigkeit, die mit Wasser sich sofort in Chromsänre u. Chlorwasserstoff zersetzt. Sie wirkt mit größter Heftigkeit auf alle Körper, welche sich mit Chlor od. Sauerstoff verbinden; Schwefel, Phosphor u. Alkohol werden unter heftiger Explosion entzündet. Man gewinnt sie, indem man ein zusammengeschmolzenes Gemenge von dichrom- scmrem Kali u. Kochsalz in einer Retorte mit con- centrirter Schwefelsäure übergießt u. das Destillat in einer stark abgekühlten Vorlage aufsammelt. Hetzer. Chloreisen, s. Eisenchloride. Chlorgold, s. Goldchlorid. Chlorhydrat, s. u. Chlor. Chlorhydrin (Monochlorhydrin) neutrale, ätherisch riechende, ölartige Flüssigkeit, welche durch längeres Erhitzen von mit Chlorwasserstoffgas gesättigtem Glycerin auf 100° erhalten wird; in Wasser, Alkohol und Äther lös- lich. Durch Wasserstoff im Entstehnngszustande geht es in Propylenalkohol über. Dichlorhydrin vzillgOizO, ein bei 178° siedendes, ätherisch riechendes Ol, entsteht, wenn Glycerin längere Zeit mit großem Überschuß an rauchender Salzsäure erhitzt wird. Wasserstoff im Entstehungszustande verwandelt es in Isopropylalkohol. Trichlor- hydrin durch Destillation des vorigen mit Phosphorpentachlorid darstellbar, farbloses, gegen 158", siedendes, dem Chloroform ähnlich riechendes Öl, welches sich durch Behandeln mit Silberoxyd u. Wasser in Glycerin zurückverwan- Leln läßt. Clören. Chloride (Chem.), Verbindungen des Chlors mit positiven Elementen. Existiren mehrere Chlorverbindungen desselben Elements, so heißt die chlorärmste das Chlorür, dann folgt das Chlorid, endlich das Per- oder Snperchlorid. Chlorige Säure, chemische Verbindung von Chlor, Wasserstoff ».Sauerstoff, nach der Formel MIO 2 zusammengesetzt. Sie entsteht beim Auflösen des Chlorigsäureanhydrits in Wasser. Ihre wässerige Lösung ist grünlich-gelb gefärbt, von brennendem Geschmacke u. besitzt ein außerordentliches Bleichvermögen, das mehr als lOmal grö- — Chlorit. ßer ist, als das des ChlorwafserS. Auf Metalle wirkt sie sehr heftig ein u. verwandelt sie theils in Chlorverbindungen, theils in Oxyde. Die chlorigsauren Salze, in denen der Wasserstoff der chlorigen Säure durch ein Metall ersetzt ist, sind meist in Wasser löslich u. zersetzen sich beim Erwärmen unter Explosion. Eine praktische Anwendung findet weder die Säure, noch ein Salz derselben. Hetzer. Chlorigsäureanhydrit (wasserfreie chlorige Säure) ist eine chemische Verbindung von Chlor u. Sauerstoff (Formel 61^0,); grünlich-gelbes Gas von starkem, chlorähnlichem Gerüche, das sich bei gelindem Erwärmen in seine Elemente zersetzt. Es wirkt etwa 14mal stärker bleichend, als Chlor. Im Wasser löst es sich unter Bildung von chloriger Säure ans. Man erhält es durch gelindes Erwärmen von chlorsaurem Kali mit arseniger Säure u. einer verdünnten Salpetersäure. Hetzer. Chlorimctrie (Chlorometrie) ist derjenige Zweig der analytischen Chemie, der die quantitative Bestimmung der im Chlorkalk (u. ähnlichen Bleichsalzen) enthaltenen Chlormenge, von der allein der Handelswerth desselben abhängt, zur Aufgabe hat. Früher begnügte man sich damit, die Menge Jndigolösung von bekanntem Gehalte zu ermitteln, welche durch eine abgewogene Menge Chlorkalk entfärbt werden konnte. Bei den neueren chlorometrischen Methoden, deren Zahl übrigens sehr groß ist, benutzt man die Eigenschaft des Chlors u. der unterchlorigen Säure, bei Gegenwart von Wasser oxydirend zu wirken, n. bestimmt demgemäß die Menge einer oxydirbaren Substanz, welche durch eine genau bekannte Menge Chlorkalk oxydirt wird, od. umgekehrt die Menge Chlorkalk, welche zur Oxydation einer bekannten Menge der oxydirbaren Substanz erforderlich ist. Als oxydirbaren Körper benutzte Gay-Lnssac (nach ihm Penot u. Mohr) arsenige Säure, die in Arsensäure verwandelt wird; Graham (und Otto) wendet schweselsaures Eisenoxydul an, welches sich zu schwefelsanrem Eisenoxyd oxydirt. Wagner ermittelt die Jodmenge, welche aus Jodkalinm durch den Chlorkalkauszug freigemacht wird. Der Chlorgehalt des Bleichkalkes wird entweder in Gewichts- procenten (wol das Zweckmäßigste) angegeben, oder, wie namentlich in Frankreich, nach dem Vorgänge von Gay-Lussac in Graden, die ausdrücken, wie viel 1 Chlorgas aus 1 lc§ Chlorkalk erhalten werden können. Da 1 1 Chlor 3,ig wiegt, so verwandelt man französische Grade durch Multiplication mit 0,zig in Gewichtsprocente (deutsche Grade). H-tz-r. Chloris (griech., von eblliros, grün-gelb; die Saatgrüne), griechischer Frauenname, 1) Gattin des Windgottes Zephyros u. Mutter des Karpos (Frucht), von Ovidius mit der römischen Blumengöttin Flora (s. d.) identificirt. 2) Tochter des Königs Amphion von Theben n. der Niobe. Als Apollon und Artemis ihre Geschwister erschaffen, blieb sie (nach Pausanias) mit ihrem Bruder Amyklas allein verschont, wurde aber aus Schreck über den plötzlichen Tod ihrer Geschwister so bleich, daß sie, vorher Meliböa geheißen, den Namen CH. (die Bleiche) erhielt. Chlorst, Mineral, von Werner seiner lauch- » 790 Chlorite — bis schwärzlich-grünen Farbe wegen so genannt. Die hexagonalen Krystalle sind Lurch Vorherrschen der Basis taselsörinig u. meist zn Wulst- od. kegel- sörmigcn Gruppen vereinigt, häufig erscheinen sie anderen Mineralien als feine Schüppchen aufge- strcut. Ost tritt der CH. auch als Pseudomorphose ans, so nach Orthoklas, Turmalin, Hornblende, Quarz, Granat, Kalkspath u. a. Er ist durchscheinend bis durchsichtig, schimmernd, wachsglän- zcnd, schwer schmelzbar, von splitterigem oder erdigem Bruch: Härte 1 bis 2; spec. Gewicht 2„g bis 2,gz; enthält Thon-, Kiesel- und Bittererde, Eisenoxydul u. Wasser. Am häufigsten als Chloritschiefer (s. d.); erdig kommt er als sogenannte Grünerde (Ch-erde) in hell- oder dunkelgrünen, erdigen, absärbenden Massen bei Verona am Monte Baldo, Zweibrücken, in Norwegen und anderen Orten vor; wird als Malerfarbe benutzt. Lehmann.* Chloritschiefer (Geogn.), ein schieferiges Gemenge von Quarz n. Chlorit aus der llrschrefer- sorrnation, der in Tirol u. in den Alpen häufig auftritt; er enthält häufig Magneteisenstein und Kupferkies u. tritt gewöhnlich in Begleitung von Gneis und Glimmerschiefer auf, häufig wird er durch zahlreiche Quarz- u. Kalkspathgänge durchsetzt, wie namentlich der CH., auf welchem Katharinenburg steht. Am Ural in der Nähe von Be- resow enthält er Gold, welches in dem gangförmig auftretenden Quarz eiugesprengt ist. Chlorjod (Jodchlorid, Jodchlorür) ist eine chemische Verbindung von Chlor und Jod nach der Formel 61fl. Es bildet eine rothbranne, stark nach Chlor u. Jod riechende Flüssigkeit, die sich bei Einwirkung von trockenem Chlorgas auf trockenes Jod bildet. Bei längerer Einwirkung entsteht dreifach Chlorjod (Jodsuperchlorid Ü61g), ein schön gelber, kristallinischer, zerfließlicher, leicht schmelzbarer Körper. Hetzer. Chlorkali (Dan äs flavslls) ist im Wesentlichen eine Auflösung von unterchlorigsaurem Kali in Wasser, die als Bleichflüssigkeit (Fleckwasser) dient. Man stellt sie dar, indem man Chlor durch eine kalte Auflösung von Kali oder kohlensanrem Kali leitet, oder indem man einen wässerigen Chlorkalkauszug mit kohlensaurem oder schwefel- saurem Kali'fällt u. filtrirt. Hetzer. Chlorkalium, s. n. Kalium. Chlorkalk (Bleichkalk, Lalsaria okrlorata, Oirlo- rurs äs skiu-ux, OKIoriäs ok lims, LIsaoüinA pvtv- äer), ein Körper, der bei Einwirkung von Chlor auf feuchtes Kalkhydrat entsteht u. als wesentliche Be- standtheile unterchlorigsauren Kalk, Chlorcalcium n. Kalkhydrat zu enthalten scheint. Er bildet ein weißes, zusammenballendes Pulver von chlorähnlichem Gerüche, welches von kaltem Wasser thcil- weise unter Zurücklassung von Kalkhydrat gelöst wird. Der CH. (sowie sein wässeriger Auszug) entwickelt unter dem Einflüsse schwacher Säuren, selbst der Kohlensäure der Luft, stark bleichende unterchlorige Säure; stärkere Säuren (Schwefelsäure, Salzsäure) zersetzen ihn unter Bildung von Chlor. Beim längeren Liegen an der (immer kohlcnsäurehaltigen) Luft wird er, namentlich bei Gegenwart von Feuchtigkeit, allmählich vollständig zersetzt; Tageslicht befördert die Zersetzung. Man - Chlorkalk. muß ihn deshalb in gut verschlossenen Gesäßen (im Großen in dichten Fässern von trockenem Holze) aufbewahren, aber selbst dann tritt manchmal aus bis jetzt noch nicht ermittelten Gründen eine freiwillige Zersetzung desselben ein. Der CH. ist wegen seiner massenhaften Verwendung zum Bleichen (s. d.) eines der wichtigsten Producte der chemischen Industrie; in England allein beläuft sich die jährliche Production auf annähernd 2 Will. Ctr. Fast überall ist seine Fabrikation mit der Sodasabrikation nach dem Leblancschen Verfahren verbunden, weil man bei der letzteren große Mengen von Chlorwasserstoff, resp. Salzsäure als Nebenprodukte erhält, aus denen man durch Erwärmen mit Braunstein, oder nach dem Deaconsche» Verfahren (s. u. Chlor) das erforderliche Chlor erzeugt. Zu seiner Darstellung verwendet man einen möglichst reinen gebrannten Kalk, den man auf einer mit hohen Rändern versehenen, siebartig durchlöcherten Schaufel einige Zeit in Wasser taucht u. auf Haufen wirft. Das so entstehende feine Pulver von Kalkhydrat, welches noch etwa 6—8 pCt. Wasser enthalten muß, wird auf einem Cylindersiebe von allen größeren Stückchen befreit u. in die Absorptionskammern gebracht. Dieselbe» bestehen ans Bleiplatten, od. aus getheerten Mauersteinen od. Sandsteinplatten u. enthalten niedrige Bänke aus getheertem Holze oder Steinen, aus welchen der Kalk in dünner Schicht ausgebreitet wird. Das aus den Entwicklern kommende Chlorgas passirt vor seinem Eintritte in die Kammer einige leere Steinzeng- oder Bleigefäße, in welchen es abgekühlt n. möglichst von Wasserdampf befreit wird. Die Absorption desselben geht rasch n. unter Wärmeentwickelung von Statten, weshalb der Gasstrom von Zeit zu Zeit ermäßigt werden muß. Das fertige Product wird aus de» Kammern heransgczogen, durch einander geschau- felt und in Fässer verpackt. Über die chemische Zusammensetzung des Ch-s herrschen verschiedene Ansichten. Früher betrachtete man ihn allgemein als eine Mischung von Kalkhydrat mit Chlorcal- cium und unterchlorigsaurem Kalk, welche ihre Bleichkraft der durch schwache Säuren daraus frei- werdenden unterchlorigen Säure verdankt, während stärkere Säuren, z. B. Schwefelsäure, auch das Chlorcalcium unter Bildung von Chlorwasserstoff zersetzen und so, da unterchlorige Säure ». Chlorwasserstoff sich sofort in Wasser und freies Chlor umsetzen, den ganzen Chlorgehalt des Ch-es (etwa 20—30 pCt.) zur Wirkung bringen. Nach neueren Versuchen scheint aber die bleichende Verbindung ans Calcium, Sauerstoff u. Chlor nach der Formel 6a00l2 zusammengesetzt zu sein. Ausführlicheres über diesen Gegenstand s. in Dinglers Polytechnischem Centralblatt OOXI. S. 31. Der CH. dient hauptsächlich zum Bleichen von Leinen, Baumwolle rc. (s. u. Bleichen), ferner zur Zerstörung von Riechstoffen u. Miasmen, indem man ihn in flachen Gefäßen, wol auch nach dem Besprengen mit Essigsäure, verdünnter Schwefelsäure oder Salzsäure, in die zu desinficirenden Räume stellt; in Fänlniß begriffene Körper (Cadaver rc.) bestreut man mit CH., oder benetzt sie mit einer Auslösung desselben. Immer ist dabei zu berücksichtigen, daß Chlor u. unterchlorige Säure die Chlorkiescl — Athmungsorgane heftig angreifen. Da gewisse Metalloxyde, z. B. Eijenoxydhydrat, Kupseroxyd- hydrat, Kobalt- u. Nickeloxydulhydrat, schon bei gewöhnlicher oder nnr wenig erhöhter Temperatur Ch-lösung unter Entwickelung von Sauerstoff zersetzen, so hat man ihn neuerdings auch zur Darstellung dieses Gases in Vorschlag gebracht. Endlich findet CH. u. Ch-lösung vielfache Anwendung als Oxydations- u. Lösungsmittel, so bei der Darstellung von übermangansaurem Kali, Blei- superoxyd, Mangansuperoxyd, von Chloral und Chloroform, zur Extraction des Goldes rc. Er wurde zuerst 1799 von CH. Tenannt in Glasgow fabrikmäßig dargestellt. Hetzer. Chlorkiesel (Chlorsilicium, Siliciumchlorid), chemische Verbindung der Elemente Chlor u. Silicium (Litllz), farblose, an der Luft stark rauchende, leicht bewegliche Flüssigkeit, die bei 50° siedet. Mit Wasser zusammengebracht, zersetzt es sich mit diesem sofort in Kieselsäure (81O2) und Chlorwasserstoff. Man erhält es durch Erhitzen eines Gemenges von Kieselsäure u. Kohle in einem Strome von trockenem Chlorgas. Hetzer. Chlorkohlenoxyd (Carbonylchlorür, Phosgen- gas; Chem.) 6001,, entsteht durch directe Vereinigung von Chlor u. Kohlenoxyd im Sonnenlichte und wird dargestellt durch Erwärmen von Chloroform mit dichromsaurem (sog. doppeltchromsaurem) Kali u. Schwefelsäure, wobei man es als ein farbloses, erstickend riechendes u. zu Thränen reizendes Gas vom spec. Gew. 3,^» erhält, welches blaues Lackmuspapier röthet u. sich zu einer bei 8° siedenden Flüssigkeit verdichten läßt. Das Gas zerfällt mit Wasser in Salzsäure n. Kohlensäure, mit Alkoholen in Salzsäure u. die Äther der Chlorkohlensänre, welche für sich nicht darstellbar ist. Clären. „ Chlorkohlensäureäther (Chlorkohlensäure- Äthyläther, Chem.) LOOI.O.OzUg, farblose, erstickend riechende und zu Thränen reizende Flüssigkeit vom spec. Gewicht 1,i» und dem Siedepunkte 94°, welche durch Einleiten von Chlorkohlenoxyd in abgekühlten absoluten Alkohol entsteht. Clören. Chlorkohlenstoff, s. u. Kohlenstoffchloride. Chlorkupfer, s. Kupserchloride. Chlormagnesia (Namsays oder Gronvelles Bleichflüssigkeit) ist eine Auflösung von unter- chlorigsaurer Magnesia in Wasser, die man durch Fällung einer Chlorkalklösung mit Bittersalz und darauf folgende Filtration darstellt. Sie wirkt bleichend und wird mit Vortheil namentlich bei zarteren Stoffen angewandt. Hetzer. Chlormagnesium, s. Magnesiumchlorid. Chlormangan, s. Mauganchloride. Chlormercnr (Quecksilberhornerz, Min.), natürlich vorkommendes Quecksilberchlorür; krystalli- sirt in kleinen tetragonalen Säulen, die zu einem dünnen weißlichen Überzüge vereinigt sind; selten. Chlormctalle, Verbindung des Chlors mit Metallen; s. n. den betreffenden Metallen. Chlormonoxyd, so v. w. Unterchlorigsäure- anhydrid. Chlornatrium, so v. w. Kochsalz. Chlornatron (Lau äs Iiavarragus), eine oleichend wirkende Flüssigkeit, die im Wesentlichen Chloroform. 791 eine Auflösung von unterchlorigsaurem Natron in Wasser ist. Sie wird genau wie Chlorkali dargestellt, nnr wendet man überall statt der Kalisalze die entsprechenden Natronsalze an. Chlorochlorsäure, zweifach chlorige Chlor- säure, chemische Verbindung von Chlor n. Sauerstoff, nach der Formel OI^O^ od. 61,0» -l- 261,0» zusammengesetzt. Sie bildet ein lebhast gelb-grün gefärbtes Gas u. wurde deshalb von ihrem Entdecker (Davy) Euchlorine genannt. Sie zersetzt sich mit Heftigkeit beim gelinden Erwärmen in Chlor u. Sauerstoff. H-tz-r. Chloroform (Trichlormethan, Chem.) 6U6Iz, entsteht bei der Einwirkung von Chlorgas auf Chlormethyl, Grubengas, sowie bei der Destillation von Holzgeist, Weingeist, Aceton, essigsaurem Kali u. anderen organischen Verbindungen mit Chlorkalk. Es wird im Großen dargestellt, indem man in einer geräumigen kupfernen Destillirblase 50 Thle. Chlorkalk in 100 Thln. heißem Wasser vertheilt und 3 Theile Alkohol hinzufllgt. Durch rasches Erhitzen wird die Reaktion eingeleitet, worauf bei 80" die Destillation in stürmischer Weise beginnt u. nach Wegnahme des Feuers von selbst zu Ende geht. Das Destillat besteht aus zwei Schichten, aus Wasser u. einer darunter befindlichen Mischung von CH. u. Alkohol. Beide werden getrennt u. letztere durch Waschen mit Wasser vom Alkohol, durch kohlensaures Kali vom Chlor u. schließlich durch Chlorcalcium vom Wasser befreit u. rectificirt. Man erhält auf diese Weise das CH. als eine farblose, angenehm süßlich und ätherisch riechende Flüssigkeit von anfangs brennendem, nachher süßem Geschmack; spec. Gewicht 1,4»; Siedepunkt 62°. Es ist nur schwer entzündlich; ein damit getränkter Docht brennt mit grün gesäumter Flamme unter Entwickelung von Salz- säuredämpfen. Es ist mit Wasser nicht mischbar, sinkt darin unter, ertheilt demselben aber beim Schütteln einen süßen Geschmack. Alkohol u. Äther lösen es leicht, Schwefelsäure nicht. Das CH. löst Jod mit Purpurfarbe, ferner Schwefel, Phosphor, Fette, Harze, namentlich Kautschuk, welcher nach dem Verdampfen unverändert zurllckbleibt. Durch Chlor wird es in Salzsäure u. Chlorkohlenstoff (OOI4) verwandelt. Mit alkoholischer Kalilösung verwandelt es sich in der Wärme in ameisensaures Kali n. Chlorkalium. Beim Erhitzen mit wässerigem od. alkoholischem Ammoniak auf 180° (bei Gegenwart von Kalihydrat auf 100°) liefert es Cyanammonium u. Chlorammonium. Rauchende Salpetersäure verwandelt es in Chlorpikrin; der Nothglllhhitze ausgesetzt, zerfällt es in Salzsäure, Chlor u. andere Products. Das CH. besitzt, außer seiner technischen Verwendung zur Lösung gewisser Harze, in der Chirurgie eine wichtige Anwendung als ämasstLstioum (anodynisches Mittel): seine mit Luft gemengten Dämpfe rufen eingeathmet einen Zustand vollständiger Gefühl- u.Bewußtlosigkeit hervor, während dessen an dem Chloroformirten die schwersten Operationen, ohne Schmerz zu verursachen, vorgenommen werden können. Äußerlich dient es bei Einreibungen als schmerzstillendes Mittel. Reines CH. muß in Wasser zu Boden sinken ohne Trübung, welch letztere aus einen Gehalt an Alkohol deutet. Derselbe ist auch an der 792 Chloroformircn. grimm Farbe erkennbar, welche die Flüssigkeit beim Versetzen mit einer Mischling von Kalium- bichroinat u. Schwefelsäure annimmt. Es darf Pflanzensarben (Lackmus) nicht verändern und salpetersaures Silberoxyd nicht fällen. Clören. Chloroforiniren, durch EinathmenvonChloro- form betäuben. Von Professor Sir James A Simpson in Edinburgh 1847 zuerst in die ärztliche Praxis eiugeführt, verdrängte es bald wegen seiner schneller und leichter eintretenden Wirkung den 1846 von Jackson zu dem gleichen Zwecke angewandten Äther. Die „Begeisterung, mit der das Chloroform von den Ärzten ausgenommen u. dem Äther vorgezogen wurde, verwandelte sich aber bald in Mißtrauen, als von allen Seiten her von Todesfällen bei Anwendung des Chloroforms berichtet wurde. Erst allmählich, als sich herausstellte, daß dieselben nur der falschen Anwendung — Abschließen der Luft, Einathmen zu concentrirter Chloroformdämpse — zuzuschreiben seien, gelangte es wieder in Änsehen u. wird jetzr bei allen größeren Operationen — chirurgischen sowol, wie augenärztlichen u. geburtshilflichen — in Deutschland wenigstens fast ausschließlich angewandt. Bon einigen Autoren wird ihm allerdings wegen angeblich größerer Ungefährlichkeit der Äther, von noch anderen eine Mischung von Äther u. Chloroform vorgezogen. Es ist aber noch nicht erwiesen, daß das Chloroform den Äther an Gefährlichkeit übertreffe; einer allgemeineren Anwendung des Äthers als Betäubungsmittel anstatt des Chloroforms stehen die technischen Schwierigkeiten bei der Anwendung des ersteren entgegen. Vor allen Dingen ist bei der Anwendung des Chloroforms auch darauf zu achten, daß dasselbe chemisch rein sei (das Chloroform wird im Handel sehr verfälscht), denn bei einer Anzahl der infolge des Ch-s ein- getrctenen Todesfälle hat eine genaue Untersuchung des angewandten Chloroforms ergeben, daß dasselbe verunreinigt war u. diesen Verunreinigungen die Unglücksfälle znzuschreiben waren. Die bald nach Einführung des Chloroforms construir- ten complicirten Apparate zum Einathmen desselben sind wieder verlassen, u. man bedient sich jetzt meist einer zusammcngefalteten Compreffe oder Serviette, oder der von Skinner zuerst angegebenen, später vielfach modificirten Körbe aus Metalldrahtgeflecht, die mit dünnem Flanell überzogen sind. Äuf diese gießt man das Chloroform u. hält sie dann dem Patienten vor Mund und Nase, muß dabei aber stets auf das Sorgfältigste beachten, daß man nicht zu viel Chloroform auf einmal aufgießt u. der atmosphärischen Luft genügenden Zutritt gestattet. Die Quantität des benutzten Chloroforms ist sehr verschieden u. richtet sich nach der Constitution, dem Alter u. Geschlechts der Patienten. So vertragen starke, an den Genuß geistiger Getränke gewöhnte Männer zuweilen außerordentlich große Dosen, während bei Kindern oder schwachen Personen die Betäubung schon in kurzer Zeit eintritt. Die zur Betäubung hinreichende Dosis beträgt bei letzteren zuweilen nur 3—5 §, während bei ersteren zuweilen 20—50 § zur Verwendung kommen, bevor die Betäubung eintritt. Dabei ist aber wohl zu berücksichtigen, daß ein Theil des angewandten Chloroforms sich unbenützt verflüchtigt, die Menge des wirklich ei», geathmeten also nie genau angegeben werden kann. In äußerst seltenen Fällen tritt selbst nach länge, rer Zeit ('/--1 Stunde) fortgesetzten Ch-s keine Betäubung ein (ja, der chloroformirende Arzt it vielleicht selbst eher betäubt, als der Patient), und ist dann von weiterem CH. Abstand zu nehmen. Sobald die Betäubung eingetreten ist, muß das Chloroform entfernt werden. Hört die Betäubung vor Beendigung der Operation, wegen deren mini sie unternahm, oder vor Erreichung des bei ihr-r Einleitung beabsichtigten Zweckes wieder auf, so chlorosormirt man wieder von Neuem u. kann so die Betäubung auf mehrere Stunden ansdehnen. Neuerdings wird zur Unterstützung und längeren Dauer der Betäubung die Einspritzung einer schwachen Dosis Morphium unter die Haut (sub- cntane Morphium-Jnjection) niit vielem Erfolge angewandt. Vor der Änwendung des Chloroforms muß der Patient genau auf den Zustand seiner Brustorgane (Herz n. Lunge) untersucht werden, da bei verschiedenen Krankheiten dieser Organe das Chloroform nicht benutzt, oder nur mit der äußersten Vorsicht angewandt werden darf; dann darf der Patient in den letzten Stunden vor dem CH. nichts essen, da er sonst das Genossene während oder nach der Betäubung wieder ausbrechen würde; ferner muß er in eine bequeme Lage — am besten horizontale Rückenlage mit mäßig erhöhtem Kopfe — gebracht, u. alle die Brust u. den Unterleib drückenden, also das Athmen behindernden Kleidungsstücke müssen gelockert oder entfernt werden. Zu vermeiden ist das CH. bei allen leichteren Operationen u. bei solchen, bei denen mangelndes Bewußtsein des Patienten Gefahren bringen könnte (z. B. bei Operationen im Munde, bei denen der Kranke das Blut auswerfen muß). Dagegen empfiehlt sich seine Anwendung bei allen größeren u. länger dauernden, besonders aber bei sehr schmerzhaften Operationen. Die früher von verschiedenen Seiten gegen die Anwendung des Chloroforms in der geburtshilflichen Praxis, sowol bei natürlichen, als bei künstlichen Geburten, vorgebrachten Gründe, daß durch das CH. die die Geburt befördernden Wehen gar leicht gestört würden und der Arzt bei künstlichen Geburten durch CH. u. Aufheben des Gefühls der Kreißenden den Wegweiser für seine leicht verletzenden Instrumente verliere, haben sich als nicht stichhaltig erwiesen, da ein mit der nöthigen Vorsicht geleitetes CH. keinen irgend wie erheblich störenden Einfluß auf die Wehen ansübt (ja, man sieht nicht selten, da heftige Schmerzen das gehörige Verarbeiten der Wehen verhindern, nach dem Gebrauche des Chloroforms die Wehen weit wirksamer werden indem ein kräftigeres Mitpressen der Kreißenden eintritt), u. ein Arzt bei der Anwendung seiner verletzenden Instrumente sich nicht auf das Gefühl der Kreißenden verlasse» darf, sondern seinem eigenen Gefühl und dem Resultat seiner Untersuchung vertrauen muß. Bei schwierigen Geburten ist selbst in vielen Fallen wegen der damit verbundenen äußerst heftige» Schmerzen eine genaue Untersuchung ohne CH. nicht möglich, wieviel weniger eine Operation! Als Zeichen der cingetretenen Wirkung des Ch-s 7O3 Chloromclan - ist die vollständige Empfindungslosigkeit gegen äußere Reize — selbst Berührung der Hornhaut des Auges ruft keine Bewegung der Augenlieder mehr hervor — u. die vollständige Erschlaffung sämmtlicher Muskeln anzusehen, der aber stets ein je nach der Individualität verschiedenes, längeres oder kürzeres Stadium mehr oder minder starker Aufregung vorhergeht. Bei den ineisten Personen stellt sich während oder nach dem CH. Erbrechen ein, besonders wenn sie kurz vorher Etwas gegessen haben, wcßhalb dies zu vermeiden ist (s. o.). Die Vortheile des Ch-s sind also, wie sich aus dem Gesagten ergibt, sowol sür den Arzt, wie für den Patienten in manchen Fällen sehr roße. Dem Patienten wird nicht nur der Schmerz ei der Operation, sondern auch die Angst vor derselben erspart; daher entschließt sich jetzt auch mancher Kranke früher zu einer Operation, und hiervon hängt in manchen Fällen das Gelingen derselben (besonders bei bösartigen Geschwülsten n. Neubildungen, wie Krebs fBrustkrebss rc.) hauptsächlich ab. Der Arzt kann kühnere Eingriffe machen, braucht sich nicht zn überstürzen, sondern kann alles mit der größten Ruhe u. Umsicht ausführen n. wird durch die SchmerzenSänßer- ungen u. die Unruhe des Patienten nicht in seiner Thätigkeit gehindert. Außerdem kann er jetzt Operationen machen, an die man früher wegen der damit verbundenen heftigen Schmerzen nicht denken konnte (z. B Ausmeißeln eines Stückes aus einem Knochen rc.). Die Nachihsile des Ch-s (ein äußerst unangenehmes, dem sogen. Katzen- > jannner gleiches, aber meist noch viel größeres ! ffbelbefinden, das mehrere Tage anhalten kann, Erbrechen während oder kurz nach der Operation, das bisweilen äußerst heftig auftritt u. mehrere Tage dauert, so daß der Patient nichts genießen kann, Asphyxie (s. d.) oder Tod kommen hiergegen nur wenig in Betracht; die beiden erstgenannten schwinden bald nach der Operation, ohne üble Folgen zu hinterlassen, u. die beiden letztgenannten lassen sich durch vorsichtiges Überwachen des Ch-s meist vermeiden. Die Statistik in England hat auf 35,000 Chloroformirte 11 Todes- sälle ergeben, also 1 Todesfall durchschnittlich auf M00, ein Procentsatz, mit dem wir wohl zufrieden sein können in Anbetracht der Vielen, denen ohne CH. vielleicht nicht mehr zu helfen gewesen wäre. Außer bei Operationen hat man das CH. noch in verschiedenen, besonders krampfhaften od. schmerz- > hasten Krankheiten mit vielem Erfolge angewandt, ! I» z. B. bei den Krämpfen (Lelampoia) der s Schwangeren od. Kreißenden, dem nervösen Asthma, - dann bei Hundswnth rc. In den letzten Jahren 1 ist es bei diesen Krankheiten durch die neuerdings j m Aufnahme gekommenen Einspritzungen von Morphium unter die Haut u. durch das Chloral- hydrat mehr und mehr verdrängt worden. Eine ' besonders auch für die gerichtliche Medicin nicht unwichtige Verwendung des Chloroforms zur Entdeckung sogenannter simnlirter Krankheiten, zumal äußerer Gebrechen, hat schon öfters, u. zwar sicher und schnell, Aufschluß und Entscheidung gegeben, denn in der durch CH. bewirkten Behebung hört alle Simulation, zumal äußerer »den und Gebrechen, auf. Vgl. Koch, Über. — Chlorophyll. das Chloroform u. seine Anwendung in der Chirurgie, Lpz. 1874. E. Berus. Chloromelän (Cronstedit, Min.), rhvmbod- drische, meist, zu radialstengeligen Aggregaten vereinigte Krystalle, von rabenschwarzer Farbe; mit dunkelgrünem Strich, glasglänzend und undurchsichtig; Härte: 2,^; spec. Gewicht 3,, bis 5,z, enthält Kieselsäure, Eisenoxyd, Eisenoxydul und Wasser; Przibram in Böhmen, Cornwall in England. Lchmann. Chlorometrie, s. Chlorimetrie. Lblorom>ron T'si's., s. Vertieiltaria Kurs. Chloropäl, unreiner Opal von serpentinartigem Ansehen, von Unghwar (Unghwarit) und Mnnkacz in Ungarn n. a. O. Chlorophän (Min.), die in der Hitze phos- phorescirendcn Varietäten des Flußspathes. Chlorophyll (Blattgrün). Die grüne Färbung der meisten Pflanzentheile rührt von mikroskopisch kleinen, grün gefärbten Körnchen, den Chlorophyllkörnern, her, welche dem Protoplasma eingebettet sind; auch ist bei einigen niederen Algen das ganze Protoplasma grün gefärbt, u. bei einigen Conjugaten, wie LlouAsotia, 8piro§/rn, 2xFNöma u. a., haben die grün gefärbten Protoplasmapartien die Gestalt von Platten, Spiralbändern u. Sternen. Bei den Chlorophyllkörnern findet sehr häufig eine Vermehrung durch Zwci- theilung statt. Alle Chlorophyllkörper bestehen aus einer farblosen Grundsubstanz, welche nur durch ihre Form von dem Protoplasma verschieden ist, u. ans Chlorophyll, welches durch Lösungsmittel wie Alkohol od. verdünnte Essigsäure sehr leicht extrahirt werden kann. Das Absorptionsspektrum einer weingeistigen, unveränderten Lösung zeigt nach Kraus 7 Bänder, von denen 4 schmale in der ersten, 3 breite in der zweiten Spectralhälfte liegen; die 4 ersten Bänder liegen in Roth, Orange, Gelb u. Lichtgrlln; das erste ist allein scharf begrenzt u. eine totale Absorption, alle anderen sind schattenartig begrenzt. Alle Kormophyten u. Chlorophyll-Algen geben das gleiche Spectrum, u. zwar stimmt das Spectrum der Lösung in allem Wesentlichen mit dem des lebenden Blattes überein. Das Chlorophyllspectrnm ist ein Combinations- spectrnm, es entsteht durch Übereinanderlagerung der Spectra wenigstens zweier Farbstoffe, eines gelben u. eines blau-grünen, von denen der crstere nur Absorptionen in Blau u. Violett, der letztere in diesem u. vorwiegend in Roth bis Grün besitzt. Demnach sieht Kraus das Chlorophyll als ein Farbstoffgemisch wenigstens zweier Pigmente an. Schüttelt man eine alkoholische Chlorophylllösung mit Benzol, so erscheint in letzterem blau-grüner Farbstoff, Kyanophyll, u. im Alkohol gelber Farbstoff, Tantophyll; der crstere verursacht die Bänder des CH. in Roth, Orange, Gelb n. Grün u. besitzt außerdem 3 Bänder in Blau u. Violett; der anvere besitzt 3 Bänder in Blau u. Violett. Das Tantophyll ist identisch mit dein Farbstoff etiolirter Pflanzen n. einem großen Theil des Anthoxantins, des Blnmengclbs. In vielen Fällen wird die grüne Farbe der Pflanzentheile durch andere Farbstoffe verdeckt, welche sich im Zellsafte gelöst vorfinden, so z. B. beim wilden Wein, .bei der Blntbuche, vielen Amarantacecu. Bei 794 Chlorvsamid — vielen bunt gefärbten Algen aber ist ein im Wasser löslicher Farbstoff, Phykochrom, Rhodophyll od. Melanophyll, mit einem anderen in Alkohol löslichen Farbstoff verbunden, der ein Gemenge von CH. n. einem gelben Farbstoff, Phyko- xanthin, Larstcllt. (Ausführlicheres über diesen Gegenstand in Kraus, Zur Kenntniß der Chlorophyllfarbstoffe, Stuttgart 1872 .) Unter dem Einfluß des Sonnenlichtes bilden sich im Innern der Chlorophyllkörper Einschlüsse von Stärkekörnchen, die dann oft so stark anwachsen, daß die Substanz des Chlorophyllkorns selbst nur noch einen sehr dünnen Überzug bildet. Auch der grüne Farbstoff selbst kann nur unter Mitwirkung des Lichtes entstehen, denn man beobachtet bei Pflanzen, die im Finstern cultivirt worden, daß wol die Chloro- phyllkörper sich aus der übrigen Masse ausscheiden, Laß sie aber gelb sind u. erst unter dem Einfluß des Lichtes grün werden; diese Wirkung des Lichtes kommt vorzugsweise den minder brechbaren Strahlen zu. Endlich ist auch zur Entstehung des Chlorophyllfarbstoffes nothwendig, daß der Pflanzen- theil gewisse, wenn auch sehr geringe Mengen Eisen bei seiner Ernährung ausnehme. Engler. Chlorosannd, Product der Einwirkung des Chlors auf Salicylsänre (s. d.). Chloröse (Chlorosis, gr.), Bleichsucht. Chlorospinell (Min.), grasgrüne Varietät des Spinells; Strich gelblich weiß, im Bruch glänzend, Glasglanz, an den Kanten durchscheinend; Härte u. spcc. Gewicht wie Spinell; chemische Zusammensetzung 57 ,^ Thonerde, 14 ,„ Eisenoxyd, 27,4g Magnesia, 0,«2 Kupferoxyd; findet sich eingewachssn in Talkschiefer in Begleitung von kristallinischem Magneteisenstein u. gelbem Granat, bei Slatoust am Ural. l!blorox>lon D6., Pflanzengatt, ans der Fam. der Rntaceen, Baum mit paarig-gefiederten Blättern, kleinen, end- oder achselständige Rispen bildenden, ötheiligen Blüthen; Blumenblätter genagelt, 10 Staubblätter, am Grunde der hypogynischen Scheibe eingefügt; Fruchtknoten llfächcrig mit 8 aufsteigenden Eichen in jedem Fache; Frucht eine längliche, lederartige, fachspaltig aufspringende, 3 klappige Kapsel. Einzige Art: 6b. 8rvistsnia Ä< 7 .; (Atlasholzbaum), auf dem Himalaja; liefert reichliches Harz, welches wahrscheinlich auch als Dammaraharz in den Handel kommt; das grünlichgelbe Holz nimmt eine schöne Politur an und ist als Seiden- oder Atlasholz bekannt. Engler. Chlorpikrin (Nitrochloroform, Chem.), farbloses, bei 112° siedendes, nicht brennbares Öl, von der Formel 6(862)613, von äußerst durchdringendem, zu Thränen reizendem Geruch; spec. Gewicht l,gg; entsteht bei der Destillation von Alkohol oder Holzgeist mit Salpeter u. Schwefelsäure, sowie bei der Destillation vieler Nitroverbindungen (Pikrinsäure) mit Chlorkalk. Mit Essigsäure n. Eisenfeile erhitzt wird es in Methylamin verwandelt. Clären. Chlorriiuchernng, Desinfection mittels Chlor (s- d.). Chlorsalpetcrsiiurc, chemische Verbindung von Chlor, Stickstoff u. Sauerstoff, deren Formel 8O26I ist. Sie bildet eine rothbraune, bei 5 " siedende Flüssigkeit, die mit Wasser sofort in Chlor- - Chlorsüuresalze. Wasserstoff u. Salpetersäure sich umsetzt. Sie entsteht bei Einwirkung von trockenem Chlorgas auf flüssige Untersalpetersäure. Dabei entsteht gleichzeitig die bei 5 ° siedende chlorsalpetrige Säure ( 8061 ). Diese letztere kann auch aus Königs- Wasser, sowie durch Einwirkung von Chlor aus Stickoxydgas neben Chloruntersalpetersäure (8O6I2) erhalten werden. Alle drei Verbindungen scheinen dem Chlorwasserstoffe analog gebildet zu sein, indem sie an Stelle des Wasserstoffes die Radicale Stickoxyd, resp. Untersalpetersäure enthalten. H-tzer. Chlorsalpetrige Säure, s.Chlorsalpetersäure. Chlorsäure, chemische Verbindung von Chlor, Wasserstoff n. Sauerstoff, deren Formel 8610 z. Die concentrirte wässerige Lösung derselben ist farblos, syrupdick, geruchlos u. von stark saurem Geschmack; sie röthet anfangs blauen Lackmus, bleicht ihll aber dann vollständig. Papier, Leinwand rc., in die Säure getaucht ü. vorsichtig getrocknet, entzünden sich von selbst u. verbrennen unter Fnnkensprühen. Beim Erwärmen zersetzt sie sich sehr leicht, bei ihrer Darstellung muß deshalb jede Erwärmung vermieden werden. Man zerlegt entweder chlorsanres Kali durch Kieselfluorwasserstoffsäure, oder chlorsauren Baryt durch verdünnte Schwefelsäure u. conceutrirt die verdünnte Lösung durch Verdunsten unter dem Recipienten der Luftpumpe. Hetz". Chlorsäurcsalze (Chlorate, chlorsaure Salze) sind chemische Verbindungen, welche dadurch entstehen, daß der Wasserstoff der Chlorsäure (s. d.) durch eine entsprechende Menge eines Metalls ersetzt wird. Sie sind alle in Wasser löslich; das Kalium-, Baryum- u. Silbersalz krystallistren, das Magnesium- u. Calciumsalz sind zerfließlich. Beini Erhitzen geben sie allen Sauerstoff ab und verwandeln sich in Chlormetalle; mit brennbaren Körpern (Schwefel, Phosphor, Kohle, Zucker:c.) gemengt, detoniren sie beim Schlagen, Reiben od. Erwärmen sehr heftig, weshalb dergleichen Gemenge stets mit größter Vorsicht behandelt werden müssen. Durch Schwefelsäure werden sie unter starker Erhitzung zersetzt, wobei sich stark bleichende Unterchlorsäure bildet. Das wichtigste Salz ist das chlorsaure Kali (chlorsaures Kalium, Kalium- chlorat, L 6 I 0 g). Es bildet farblose, perlmutterglänzende Krystallblättchen von bitterlichem Geschmack, die in kaltem Wasser schwer, in heißem leicht löslich sind. Bei vorsichtigem Erwärmen schmilzt es ohne Zersetzung, bei stärkerem Erwärmen zerlegt es sich in Sauerstoff u. Chlorkalium, besonders leicht, wenn man es mit Braunstein, Eisenoxyd od. Kupferoxyd gemengt hat. Gemische von chlorsaurem Kali mit brennbaren Substanzen (Schwefel, Schwefelantimon, Kohle, Zucker rc.), die man durch vorsichtiges Mischen der seingepulverten Ingredienzien auf einer weichen Unterlage darstellt, brennen beim Stoßen u. Reiben, sowie beim Erwärmen außerordentlich heftig, oft unter starker Explosion ab u. werden deshalb zur Darstellung von Ziindrequisiten (Zündhölzern, Zündpillen, Zündspicgeln), sowie zu Feuerwerkssätzen (s. Buntfeuer) benutzt. Außerdem dient das chlorsaure Kali zur Darstellung von Sauerstoff (1 üz liefert 273 ,s I Gas), ferner als kräftiges Oxyda- 795 Chlorschwcfcl tionsmittel bei vielen chemischen Processen, z. B. bei der Bereitung des übermangansauren Kalis, u. in der Zengdrnckerei. Man erhält es, indem man Chlorgas durch eine heiße wässerige Lösung von Kali od. kohlensaurem Kali leitet u. erkalten läßt. Da aber hierbei ein großer Theil des Kalis in wenig werthvolles Chlorkalium verwandelt wird, so schlägt man bei der Darstellung im Großen einen anderen Weg ein. Man leitet Chlorgas durch heiße Kalkmilch, zieht die klare Lösung von chlorsanrem Kalk ab u. zersetzt sie durch eine genügende Menge von Chlorkalium. Aus der eingedampften Lösung scheidet sich das chlorsaure Kali in Krystallen ab u. wird durch Umkrystalli- streu von dem anhängcnden Chlorcalcium gereinigt. Hetzer. Chlorschivefel, s. Schwefelchlorür. Chlorsilber (Kerargyrit, Hornsilber, Silber- horuerz; Min.), in kleinen Würfeln des tesseralen Systems, die häufig zu einem krustenartigen Überzüge gruppirt sind, weißlich od. schwach gefärbt; Härte 1—spec. Gewicht 5,§; enthält 76 pCt. Silber u. 24pCt. Chlor; mit gediegenem Silber besonders in den oberen Teufen der Gänge: Freiberg u. Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, Kongsberg in Norwegen, Schlangenberg am Altai, wo es in blechartigen Anflügen auf Hornstein auftritt, Peru, Chile, Mexico. Lehmann. Chlorstickstoff, Verbindung von Chlor und Stickstoff (201,). Er entsteht in Form von gelblichen, öligen Tropfen bei Einwirkung von Chlorgas auf Salmiaklösung, sowie bei der Elektrolyse von Salmiaklösung. Bei seiner Darstellung ist die größte Vorsicht nöthig, da er bei der leisesten Erschütterung oder Erwärmung, namentlich auch durch bloße Berührung mit gewissen Substanzen, wie Phosphor, Kautschuk, Fetten u. Ölen, mit furchtbarer Heftigkeit explodirt, wobei die stärksten, selbst gußeiserne Gefäße zerschmettert werden. Sein Entdecker, Dulong (1812), verlor dabei ein Auge n. einige Finger. Hetzer. Chlorstrontium, s. Strontiumchlorid. Chloruntersalpetersänre, s. Chlorsalpeter- säure. Chlorüre, Verbindungen des Chlors mit elek- tropositivcn Elementen (s. u. Chloride). Chlorwaffer, gesättigte Auflösung von Chlor in Wasser (s. u. Chlor). Sie dient theils zu innerem medicinischem Gebrauche, theils als Waschmittel zur Zerstörung von Contagien. Da sich Gold in CH. leicht auflöst, so benutzt man dieses auch zur Gewinnung des Goldes aus goldarmen kiesigen Erzen. Hetzer. Chlorwasserstoff (Ch-säure, Wafferstoffchlorid, Hvickcrm irz-ärooüloriouin, ^o.mur!atiouM;Chem.), Ncroindung des Chlors mit Wasserstoff, nach der Formel 201 zusammengesetzt, farbloses, an feuchter Luft dicke weiße Nebel bildendes Gas von stechend saurem Gerüche u. Geschmacke, nicht brennbar und weder die Verbrennung, noch die Athmung unterhaltend; spec. Gew. 1,,,«. Durch starken Druck (40 Atmosphären) wird cs zu einer farblosen Flüssigkeit verdichtet. Es löst sich in Wasser außerordentlich leicht auf, 1 Vol. Wasser absorbirt bei 0" etwa 500 Vol., bei gewöhnlicher Temperatur 400 Bol. Die wässerige Lösung heißt — Chlotilde. wässerigeChlorwasserstoffsäure,Salzsäure (s. d.). Der CH. kann durch directe Vereinigung der Elemente erhalten werden, indem man ein Gemisch aus gleichen Raumtheilen Chlor u. Wasserstoff der Einwirkung des Tageslichtes aussetzt; im Lirecten Sonnenlichte, durch einen elektrischen Funken oder durch Erwärmen tritt unter starker Explosion eine augenblickliche Vereinigung ein. Gewöhnlich stellt man ihn durch Übergießen von Kochsalz mit Schwefelsäure (10 Thle. Kochsalz, 17V, Thle. Schwefelsäure, 4 Thle. Wasser) u. gelindes Erwärmen dar. Als Nebenprobuct erhält man den CH. in großer Menge bei der Fabrikation der Soda (s. d.) aus Kochsalz nach dem Leblancschen Verfahren. Hetzer. Chlorzink, s. Zinkchlorid. Chlorzinn, s. Zinnchlorid. Chlotar hießen 4 fränkische Könige (Mero- vinger): CH. I., geb. 497, der jüngste Sohn Chlodwigs I.; erhielt bei der Theilung nach dessen Tode (511) das Reich von Soissons. Von seinen Brüdern trachtete ihm Theuderich nach dem Leben, verband sich aber wieder mit ihm gegen die Thüringer. Später kämpfte er mit Childebert gegen die Burgunder; beide Völkerwurden denFranken unterthan. Auch gegen die Söhne ihres Bruders Chlodomir von Orleans zogen sie vereint, tödteten zwei davon n. nahmen ihr Reich. Theoderichs Sohn Theudebert (seit 535) u. Childebert verbanden sich aber wieder gegen CH., der sich mit Mühe ihrer erwehren konnte. Zweimal empörte sich sein Sohn Chramn gegen ihn, bis CH. Letzteren mit Weib u. Kind verbrennen ließ. Zu seiner Gattin Jugun- dis nahm CH. noch deren Schwester Areguudis als zweite Frau. Ein Krieg gegen die Sachsen endete mit einer blutigen Niederlage Ch-s. Als Theodeberts Sohn Theodebald starb, konnte CH., da seine übrigen Brüder ohne Nachkommen hingeschieden waren, 558 das ganze Frankenreich in seiner Hand vereinigen und starb 561, worauf seine 4 Söhne das Reich abermals theilten. CH. II., Enkel des Vor. u. Sohn Chilpcrichs I., von der Fredegunde; folgte seinem Vater als Kind von nicht einem Jahre 584 unter Vormundschaft seiner Mutter in Nenstrien. Nach dem Tode der Letzteren 597 mußte er die von ihr im Kriege init Brunehilde gemachten Eroberungen, namentlich Paris, herausgeben. Er verband sich 608 mit Brunehildes Enkel Theodebert gegen dessen Bruder Theoderich; aber nach dem frühen Tode der feindlichen Brüder besetzte er ihr Land, ließ Brunehilde hinrichten (613) u. vereinigte wieder das ganze Frankenreich unter seiner Herrschaft. Zwar gab er 622 seinem Sohne Dagobert Austrasieu, gerieth aber bald in Streit mit ihm; doch führten sie vereint Krieg gegen die Sachsen u. Wenden. Die verwahrlosten sittlichen u. kirchlichen Zustände des Reiches suchte er zu verbessern, hatte aber wenig Erfolg dabei. Er st. 628. Ihm folgte Dagobert. CH. III. (656—670) und CH. IV. (717—718) sind unbedeutend. S. Franken (Gesch.) u. Mero- vinger. Hemie-Am Nhhir. Chlotilde (Chrotachildis), 1) Tochter Chilpe- richs, der mit seinen Brüdern Gnndobald, Gode« gisel u. Godomar das Burgundische Reich theilte. Godomar u. Chilperich starben von GundobaldS 796 Chlum — Hand; derselbe ließ die Gemahlin Chilperichs ertränken, verschonte aber ihre Töchter Crona nnd CH. Als Chlodwig bei Gundobald um CH. an- hiclt, wagte dieser nicht, das Gesuch des mächtigen Frankenkölligs abzulchnen, und 493 führte Chlodwig die schöne u. geistreiche Prinzessin heim. Sie trug wesentlich dazu bei, daß ihr Gemahl, der, wie sein Vater Childerich, das katholische Christenthum begünstigte, zu demselben übertrat. Sie verlor ihn 511 durch den Tod. Während im Jahre 523 die Ostgothen in Burgund ein- fislen, wo Siegmnnd 516 seinem Vater Gundobald in der Herrschaft gefolgt war, forderte CH. ihre Söhne zu einem Rachezuge in dieses Land für die Ermordung ihrer Eltern ans. Die Bur- gunden erlitten eine Niederlage. Chlodomir ließ den König Siegmund mit Weib u. Kindern in einen Brunnen stürzen. Er selbst fiel in einer unglücklichen Schlacht. 534 vereinigten Childebert u. Chlotar das Land mit dem Fränkischen Reiche. In der Absicht, das Reich ihres Bruders Chlodomir unter sich zu theilen, machten Childebert u. Chlotar einen Mordanschlag auf dessen drei Söhne, die von CH. mit besonderer Zärtlichkeit gehütet wurden. Es gelang ihnen, durch die vor- gcspiegelte Absicht, den Knaben das väterliche Erbe anszuhändigen, sie der Großmutter zu entlocken. Der unglücklichen Mutter gaben sie anheim, zwischen Schwertu. Scheeresür die Kinder zu wählen; sie erklärte sich für das erstcre. Zwei von den Knaben durchbohrte Childebert; der dritte, Chlo- dowald (s. d.), wurde gerettet. CH. starb 544 in einem Kloster zu Tours. Sie erhielt deu Beinamen ^postola Rranvorum. Vgl. Renneville, Leben der heiligen CH., Paris 1809. 3) Tochter der Vorigen und Chlodwigs, seit 526 Gemahlin Amalrichs, Königs der Westgothen. Chlum, Dorf bei Köuiggrätz (Böhmen), einer der Hauptschlüssclpnnkte der Benedekschen Position in der Schlacht bei Köuiggrätz; s. Österreichisch- Prenßisch-Jtal. Krieg von 1866. Chlmneh, 1) Stadt in der Bezirkshauptmann- schaft Neu-Bidschow in Böhmen, au der Cydlina, westlich von Königgrätz, an der Österr. NWest- bahn; Schloß Karlskrou mit Fasanerie, Kapelle u. Thiergarten; Bezirksgericht; großes Bräuhans, Zuckerfabrik; Ackerbaun. Pferdezucht; 3276 Ew.; in der Nähe Mincralbad und große, fischreiche Teiche. 3) Dorf in der böhmischen Bczirkshaupt- mannschafl Wittingau, an derFranz-Josephs-Bahn; Schloß mit schönen Gärten u. Kapelle; Spiritusbrennern; 1609 Ew.; in der Nähe Josephsthal, Bergbau auf Eisenstein, Gußwerk, Nägclfabrika- tion, Glasraffiuerie. 3) (Hoch-Ch.) Marktflecken in der böhm. Bezirkshauptmaunschast Selczan; altes Schloß; Spiritusbreuuerei; 746 Ew.; auf der Domaine gleichen Namens 83 Teiche mit 211 Hektaren Oberfläche. Cicalek. Chmel, Joseph, deutscherGeschichtforscher, geb. 16. März 1798 in Olmlltz; trat in das Chor- hcrrenstift St. Florian in Ober-Ästerrcich u. wurde daselbst Bibliothekar, 1834 2. Archivar u. 1846 Vicedircctor des Geh. Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien. Mit der Gründung der Kaiser!. Akademie der Wissenschaften in Wien Mitglied derselben, erzielte er, daß 1847 ans seinen An- Chmclnickij. trag eine Commission zur Erforschung der vaterländischen Geschichte u. zur Herausgabe ihrer Quellen ernannt wurde, an deren Veröffentlichungen dem Archiv für Kunde österreichischer Geschichtz.' quellen, seit 1848 sich C. sehr lebhaft betheiligte. Sein Gebiet war die Geschichte Kaiser Friedrichs in. (auch IV. genannt) u. Maximilians I. CH. starb 28. November 1858 zu Wien. Er gab ferner heraus: Materialien zur österreichischen Geschichte, Wien 1832—40, 5 Thle.; LvAssts, Rnpsrti rgg, Rom., Frankfurt 1834; Rsgsstn Rricksriei III. Rom. impsrsboris, Wien 1838—40, 2 Thle.; Der österreichische Geschichtforscher, ebda. 1838 bis 1843, 3 Bde.; Die Handschriften der k. k. Hosbibliothek in Wien, ebda. 1840 f., 2 Bde.; Geschichte des Kaisers Friedrich IV., Hamb. 1846 bis 1843, 2 Bde.; Urkunden, Briefe u. Acten- stücke zur Geschichte Maximilians I., Stuttgart 1844; Actenstücke zur Geschichte Kroatiens und Slawoniens 1526 u. 1527, Wien 1846, u. Herbersteins Gesandschaftsreise nach Spanien 1518, ebd. 1846, bilden den 1. u. 2. Bd. des Habsburg. Archivs; Nonumsnia RabsbuiAiou (1473—1576), von welchen C. nur 3 Bde. herausg., die Zeit bis 1477 umfassend, ebda. 1854 — 58. Cicalel. Chmelnickij, 1) Bogdan Sinovi, Kosaken« hetman u. Anstifter des Kosakenaufstandes gegen Polen, geb. 1593 in der Ukraine, Sohn des aus ^ Polen verbannten Edelmanns Michael CH.; wurde nach der Niederlage der Kosaken bei Kumajki von diesen 1638 an den König Wladislaw IV. von Polen mit dem Anerbieten gesendet, daß sich die Kosaken ihm wieder unterwerfen wollten, und erwarb sich Las Vertrauen des Königs in der Art, daß derselbe ihn zum Secretär der Saporoger Kosaken ernannte. Jndeß von Neidern verdächtigt u. ans des Königs Gunst verdrängt, reizte er die Kosaken zum Kampfe gegen Polen, stellte sich als Hetman an die Spitze eines Heeres, trat mit dem Zar von Moskau, enger aber mit den Tataren der Krim in Verbindung, deren Khan ihm mit einem Heere zu Hilfe kam, worauf er die Polen hart drängte, die Belagerungen von Lemberg u. Zamosc 1648 nur gegen Erlegung großer Contribution aufhob; die Friedensanerbietungen des neuen Königs Johann Kasimir lehnte er ab, nachdem der Khan der Tataren ihm auf Polens Betrieb seine Hilfe entzogen hatte. Da Kasimir neuerdings die Kosaken zu unterwerfen suchte, begann er mit Hilfe der Türken den Kampf von Neuem, schloß jedoch, als die Kosaken beiBere- steczko von den Polen geschlagen wurden, 1654 mit dem Zar Alexej Michailowitsch einen Vertrag, durch welchen er dessen Oberhoheit anerkannte und ihm Heeresfolge versprach gegen Garantirnng der alten Rechte und Freiheiten der Kosaken. Die Folge dieses Vertrages war ein Krieg zwischen Russen n. Polen, während dessen CH. 25. Aug. 1657 starb, wahrscheinlich von den auf Polens Seite stehenden Türken vergiftet. Vgl. Kosto- marow, B. CH., Petersb. 1859, 2 Bde. 3) G eorg, Sohn des Vorigen; war Hetman der Kosaken, verlor aber, beim Tode seines Vaters erst 16 Jahre alt, diese Würde durch Treulosigkeit seines Vormundes Wigowski. Nachdem er 1662 Mönch geworden, dann in polnische u. darauf in türkische Chmclvw - Gefangenschaft gerathen war, wurde er 1677 unter türkischem Schutze von Neuem zum Hetman der Kosaken ernannt, unterwarf sich die diesseitige Ukraine n. blieb 1679 in dem Treffen bei Kisi- kermen gegen die Russen. 3) Nikolai Jwano- wicz, russ. Lnstspieldichter, geb. ll.Ang. 1789 in Petersburg, Nachkomme des Vor.; wurde nach Beendigung seiner Studien Dolmetscher im Ministerium des Auswärtigen u. widmete sich der diplomatischen Laufbahn. Im Jahre 1812 nahm er als Adjutant des Generals Kutusow theil am Kriege gegen Napoleon. Nach Beendigung des Krieges wurde er Chef der Kanzlei des Gencralgonver- neurs Miloradowicz, 1829 Gouverneur von Smolensk, für dessen Wiederaufblühen er eine rastlose Thätigkeit entfaltete, 1837 Gouverneur von Archangelsk, zog sich aber 1833 aus dem Staatsdienste zurück u. starb 20. Sept. 1845 in Petersburg. Er übersetzte mehrere französische Lustspiele ins Russische, namentlich Tartuffe und die Schule der Frauen von Moliöre, u. verfaßte eine Anzahl dramatischer Arbeiten, von denen einige auf der Bühne großen Beifall fanden. Die bekanntesten darunter sind: Luftschlösser, Die Schauspieler unter einander, Des Zaren Wort, Der russische Faust, das historische Drama: Sinowi (Zenobius) Bog- dan CH., oder die Einverleibung Klein-Rußlands. Sämmtliche Werke, Petersb. 1849, 3 Bde. Lag«.* Chmelow, Markts!, im Kreise Romny des russischen Gouv. Poltawa; starker Tabakbau (jährlich über 1,600,000 ic§ Ausfuhr); 5000 Ew. Chmiclnik, 1) Stadt im russisch-polnischen Gouv. Kielce; 5031 Ew., darunter viele Juden; in der Nähe ergiebige Kupfer- u. Bleibergwerke. 2) (Chmjelnik) Stadt im Kreise Litin des russischen Gouv. Podolien, am Bug; Tabak- u. Getreidebau; vorzügliches Vieh; 7707 Ew. Chnodömar, Häuptling der Alemannen; leistete 353 dem Constantins gegen Magnentins Beistand u. erhielt dafür die Erlaubniß, in Gallien zu wohnen. Bald entzweite er sich wieder mit dm Römern, schlug den Cäsar Decentius und durchstreifte u. verheerte lange ungehindert Gallien, bis er 357 bei Straßburg von Julianus geschlagen u. gefangen nach Nom gebracht wurde, wo er starb. Chnnbis, s. Kneph. Owanas (v. Gr.), die Hinteren Nasenöffnungen (s. d.). Choanorrhagie, Nasenbluten. Chobah (a. Geogr.), Ort nördlich von Da- mascus. Bis hierher verfolgte Abraham die gegen ihn verbündeten oberasiatischen Könige. Zur Zeit des Eusebios gab es noch einen Flecken dieses Namens, von Ebioniten bewohnt, vielleicht das spätere Hoba, j Stunde nördlich von Damascus. Chobdo, s. Kobdo. Choc (sr.), der geschlossene Angriff der Reiterei. Chocen (Chotzen), Stadt in der Bezirkshaupt- mannschast Hohenmauth in Böhmen, östlich von Pardubitz, an der stillen Adler, Station der Staatsbahnlinie Wien-Prag; Spiritusbrennerei, Flachsgarnspinnerei; 3526 Ew. Chocholna, Klein- (Kis-Ch.), Dorf im Co- mitat Trencsin (Ungarn), an der Waag; vorzügliche Mineralquellen, die gegen Lähmungen, lang-1 - Choctaw. 7S7 wierige Fieber u. Hypochondrie besonders wirksam sind; 105 Ew. Chocolade, Masse ans den gerösteten n. von den Schalen befreiten Cacaobohnen (s. Cacao). Diese werden in den CH.-Fabriken warm zwischen Granitwalzen zu einem dickflüssigen Brei zerrieben, welcher unter Zuthat von feinem Zucker (häufig noch Vanille u. a. Gewürzen) in Formen und dann durch rasches Abkllhlen zum Erstarren gebracht wird. Die gewöhnliche Form ist die Tafel. Die berühmtesten Ch.-Fabriken sind die französischen in Paris, Lyon, Bayonne, Genua, die schweizerischen, namentlich in Neufchatel; andere bedeutende Fabriken sind in Turin, Mailand, Berlin, Dresden, Leipzig, Köln u. s. w. Die Gesund- Heits-Ch. besteht aus bloßen gerösteten Cacaobohnen u. Zucker, ohne Zusatz von Gewürz, und wird besonders in Gesundheitszuständen, bei denen der Reiz von Gewürzen schädlich sein kann, zumal bei Kindern angewandt. Auch werden Heilsubstanzen zugemischt, wie das Isländische Moos (Moos-CH.) für hektische Kranke, oder China (China-Ch.), oder der Cacaobrei wird mit Salep, oder Satzmehl von Kartoffeln u. nährenden Substanzen versetzt. Von dieser Art ist der in Frankreich beliebte Olloeolab aimlsptigns. Die CH. wird für sich als Leckerei genossen, auch kommt sie als Zusatz zu Conditorwaaren n. a. Zubereitungen. Auch werden aus CH-en-Masse allerhand Figuren gefertigt. Die gewöhnlichste Verwendung findet die CH. als warmes Getränk, welches wegen des großen Neichthnms der Cacaobohnen an Albumin (18°/o), Fett (55°"„), Zucker u. Stärke (23"/o) n. des Gehaltes an einem der Nerventhä- tigkeit belebenden Stoffe, dem Theobromin, und an aromatischem, ätherischem Öl zugleich in hohem Maße anregend u. nährend wirkt u. daher als Nahrungsmittel, wie auch als Stärkungsmittel für Neconvalescenten, Bleichsüchtige rc. sehr zu empfehlen ist. Man unterscheidet Wasser« n. Milch- Ch., je nachdem zu ihrer Bereitung Wasser oder Milch verwendet wird. Wein-CH. ist mehr erregend, da zu dem Reize des Weines noch der der CH. u. der dieser beigemengten Gewürze hinzutritt; sie ist in diätetischer Hinsicht dem Glühwein ähn- lich. Die CH. wurde in Europa 1520 durch die Spanier bekannt, welche sie unter dem Namen 0neaoba,8gnL-tmitI (den sie in Chocolatl umwan- Lelten) in Mexico vorfanden. Anfänglich war die Bereitung in Europa ein Geheimniß; seil aber 1606 die CH. von dem Florentiner Carletti, der lange in Westindien gewesen, in Florenz eingesührt war, wurde sie in ganz Europa, besond. in Spanien u. Italien, verbreitetes Lieblingsgetränk; überall entstanden Ch.-Fabriken, welche darin wetteiferten, die CH. sowol in vorzüglicher Güte, als auch verschiedenartig zuzubereiten. Für die Verbesserung der CH.-Fabrikation war u. A. namentlich Hermann in Paris thätig. Vgl. Mitscherlich, Der Cacao u. die CH., Berl. 1859. Chocoladenbaum ist Mwobroinn 6aeao. Choctaw, 1) County im nordam. Unionsstaate Alabama, n. 37°n. Br. u. 88° w. L.; 12,676 Ew.; Countysitz: Butler. 2) County im nordam. Un- nionsstaate Mississippi, u. 33° n. Br. u. 89° w. L.; 16,988 Ew.; Countysitz: GreenSborough. 798 Choctaws — Choctaws (Chartas), Jndianervolk vom ap- palachischen Volksstamme in NAmerika, das ehemals in den Staaten Alabama, Mississippi und Arkansas seine Wohnsitze hatte, jetzt aber mit mehreren anderen Stämmen im Indianer-Gebiete des W. der Vereinigten Staaten lebt. Sie treiben ausgedehnten Ackerbau, besitzen gute Häuser, Felder, auf denen Mais u. Baumwolle in großer Menge gebaut werden, ansehnlichen Viehstand, Säge- u. Mahlmühlen rc.; sie sind Christen».haben eine derjenigen der Cherokesen ähnliche Verfassung. S. über das Nähere d. Art. Jndianergebiet. Choezim (Chotin, Chotim), Stadt u. Festung in der russ. Prov. Bessarabien, am Dnjestr; Ci- tadelle; Kreisschule; Fabrikation von Lichtern, Leder, Ziegeln; 20,917 Ew. Bei CH. 1621 Sieg der Polen unter Wladislaw IV., 1673 derselben unter Joh. Sobiesky, 28. August 1739 der Russen unter Münuich über die Türken; 30. October 1768 Niederlage der Russen durch die Türken. Als wichtige Festung u. Dnjestrübergang war CH. oft der Zankapfel u. ergab sich 1674 an Hussein Pascha, wurde 30. Aug. 1739 u. 1769 von den Russen u. 1788 von den Österreichern belagert u. erobert; 1806 von den Russen erobert und 1812 im Frieden von Bukarest an diese abgetreten. Chodawendikjar, türk. Vilajet im NW. von Kleinasien, entsprechend dem alten Bithynien, My- sien u. WPHrygien; grenzt östl. an die Vilajet Ka- stamnni u. Angora, südöstl. an Koma, südwestl. an Aidin, westl. an das Ägäische Meer u. das Lima Bigha vom Vilajet der Inseln des Weißen Meeres, nordwestl. an das Marmara-Meer n. den Polizeibezirk von Constantinopel, nördl. an das Schwarze Meer; ist von Gebirgen bis 2600 in durchzogen; vom Snssurlü, Sakaria n. a. Flüssen bewässert; 74,791,g (1358,g s^M); 1,030,244 Ew.; zerfällt in die Lima Kodscha Jli (Hauptort Jsmid), CH. (H. Brussa), Karassi (H. Balikesri), Kjutahia u. Karahissar; Hauptstadt Brussa. Chodkjewicz, Jan Karol, polnischer Feldherr, geb. 1560, Sohn des Castellans zu Wilna u. Gouverneurs von Livland; machte nach Vollendung seiner Erziehung auf der Jesniten-Made- mie zu Wilna Reisen, focht in den Niederlanden unter Alba u. Moritz von Nassau, nahm, ins Vaterland zurückgekehrt, Antheil an den Siegen Zamoyskis über Michael, Fürsten der Walachei, u. unter Zolkjewski an den Feldzügen gegen die aufständischen Kosaken u. wurde Feldhetman von Lithauen. Seit 1602 commandirte er gegen die Schweden in Livland, siegte bei Dorpat u. Weissenstein u., darauf zum Großhetman von Lithauen ernannt, bei Kirkholm über Karl IX., konnte aber, da ihm das Heer wegen rückständigen Soldes den Gehorsam versagte, den Sieg nicht weiter verfolgen. 1611 führte er aus Siegmunds III. Befehl den Krieg gegen Rußland für den falschen Demetrius, mußte aber wegen zu geringer Unterstützung das von ihm occupirte Moskau wieder verlassen u. in Rußland umherziehen, bis ihm endlich nach verschiedenen Kämpfen 1618 durch den Vertrag von Dewulina freier Rückzug nach Polen gewährt wurde. 1620 übernahm er nach Zolkjewskis Tod den Oberbefehl gegen die Tür- Chvdowiccki. ken, st. aber nach mehreren siegreichen Kämpfen 1621 in Choczim. Er hinterließ eine Beschreibung seiner Feldzüge im Manuscript. 2) Alexander, Graf v. CH., ans derselben Familie, rnss. General; widmete seine Reichthllmer den Künsten u. Wissenschaften u. beschäftigte sich bes. mit der Chemie. Als Polen sich 1812 gegen Rußland erhob, schloß er sich dem Aufstande an, bildete auf eigene Kosten ein Infanterieregiment; 1818 Woiwode des Königreichs Polen, nahm er, vom Großfürsten Constantin persönlich beleidigt, seine Entlassung; 1825 wegen Verdachtes der Theil- nahme an der gegen Kaiser Nikolaus gerichteten Militär-Verschwörung verhaftet, wurde er nach Sibirien verbannt. Er schr. die 2 Tragödien Cato u. Virginia, die Oper Wladislaw Jagellon u. a.; auch ein Werk über die Chemie. Lagai.» Chodowiecki, 1) Daniel Nikl., berühmter deutscher Maler u. Kupferstecher, geb. 16. Oct. 1726 in Danzig; erhielt den ersten Unterricht in der Kunst von seinem Vater, übte sich schon in Berlin als Kanfmannslehrling im Zeichnen, Malen u. Kupferstechen u. lebte daun vom Porzellanmalen u. Porträtiren. Seine Studien vollendete er auf der Privatakademie von Rode u. ging dann zur Ölmalerei über, welche er wegen Mangels an freier Zeit des Nachts üben mußte. Seit 1756 begann er zu radiren u. brachte es bald in diesem Fache zu einer bedeutenden Geschicklichkeit. Allgemeine Anerkennung errang sein Talent durch sein erstes größeres Ölgemälde: Jean Calas' Abschied von seiner Familie u. durch die danach angefertigte Radirnng. Von da an war sein Ruhm begründet; er gab den Betrieb der Miniaturmalerei gänzlich auf u. befaßte sich fast allein mit Zeichnen n. Radiren, wobei er eine große Productivität an den Tag legte. Auf einer 1773 zum Besuche der Mutter in Danzig zu Pferde unternommenen Reise Ch-s entstand sein aus 108 Blättern Zeichnungen bestehendes Tagebuch, ein höchst interessantes Bild der gesellschaftlichen Zustände jener Zeit. Nach Berlin zurückgekehrt, arbeitete er für Lavatcrs phystognomische Fragmente, wobei ihm seine seltene Beobachtungsgabe ungemein zu Statten kam. Man hat von ihm 2012 radirte Blätter, die geistreich gedacht u. charakteristisch gezeichnet sind. Auch in der Email- malerei zeichnete er sich aus. Er st. 7. Febr. 1801 als Director der Akademie der bildenden Künste in Berlin. Zu dem Basedowschen Elementarwerke u. zu den meisten belletristischen Schriften seiner Zeit lieferte er die illustrirenden Kupfer. Ölgemälde von ihm befinden sich im Museum in Berlin: Das Blindekuhspiel u. Der Hahuenschlag. CH. verdankt seinen wohlverdienten Ruhm ganz allein seiner Genialität u. seiner Thätigkeit, in der ihm kein Lehrer zur Seite stand. Allerdings haben seine wenigen Ölbilder keine höhere Bedeutung, erweisen sich vielmehr lediglich als Versuche, doch eröfsuete er als Zeichner u. Kupferstecher eine ganz neue Bahn. Sich vielfach, ja zumeist an die literarischen Erzeugnisse seiner Zeit anlehnend, brachte er den Charakter dieser Zeit mit ebenso viel Geist als liebenswürdiger Naivetät zur Darstellung, wobei ihm weder das Edle, noch das Niedrige entging. Dieselbe Sicherheit wie im 799 Chodscha - Erfassen zeigt sich in der Wiedergabe des Erfaßten. Harte, feine, aber feste u. sichere Umrisse n. leicht getuschte Schatten genügen ihm, um Meisterwerke voll Leben, Änmuth u. Heiterkeit zu schaffen u. noch dazu in den kleinsten Maßverhält- niflen, so daß er infolge seiner Universalität den ersten Rang unter den deutschen Kleinmcistern einnimmt. Erweist sich CH. auch als von Natur gutmüthig, zu Scherz geneigt u. liebenswürdig, so verfolgt er doch die Thorheiten seiner Zeit mit beißendem Spotte u. übt über das Laster strengstes Gericht. Weniger glücklich ist er auf dem ihm ungewohnten Felde idealer Darstellungen. Literarisches Berzeichniß sämmtlicher Kupferstiche von CH., Berl. 1814. 2 ) Gottfried, Bruder u. Gehilfe des Vor., geb. 1728; malte Jagden u. Landschaften in Miniatur u. in Email; st. 1781. 3 ) Wilhelm, Sohn von CH. 1), Kupferstecher in Berlin, geb. 1765; stach, wie Jener, Charakterfiguren; st. 1805. Regnet.» Ä-odscha (türk.), Lehrer, bes. Neligionslehrer der türkischen Prinzen; nach dem Scheikh ul Islam der Vornehmste unter den Ulema. Chodziesen (Chodschesen, Chodzicsz), 1) Kreis im Regbez. Bromberg der preuß. Pro». Posen, zu beiden Seiten der Netze u. des Netzebruches; von 4l,« km der OBahn durchschnitten; fruchtbar; 1093,gz mkm (19,n I^M); 52,677 Ew., Vorherr, schend Deutsche. 2 ) Kreisstadt darin, an einem See; 1 kathol. u. 1 cvang. Kirche, Synagoge; Volksbank; Ziegeleien, Porzellanfabrikation; 3092 Ew. Chodzko, 1) Jakob Leonhard, polnischer Geschichtschreiber, geb. 6. Nov. 1800 in Oborek im Palatinat Wilna; studirte in Wilna, begleitete 1819 den Fürsten Michael Orginski als Secrctär aus dessen Reisen, gab in Paris, wo er seit 1826 lebte, dessen Memoiren heraus, ward nach den Jnlitagen 1830 Lafayettes Adjutant u. nach dem Ausbruche der polnischen Revolution vom polnische- Gouvernement beauftragt, Polens Interessen in Paris zu wahren; nach der Ankunft der polnischen Emigranten in Frankreich wurde er Mitglied des Nationalcomites. Er schr.: Obssrvaticms snr In koloKns st Iss Dcäonais, Par. 1827; Hist, äss Isgüoils polonaisos sn ItaUs saus 1s oowmavcksmsnt du Asusral Dombrorvski, Par. 1829—32, 2 Bde.; Klus ssguisss oiirsuoloAique äs pickst, äs In tittöraturs polon., ebd. 1829; I-ss Dolonais sn Itckis, ebd. 1830; Distoiro äss löAions polonaisss ä 1'armss äu Miin st äu Dannys, 1831; Klistairs populairs äs kolsAns, 14. Aust., 1864; Lseusil äss traitäs, sonvon- tions et astss äixlomatignss eonesrnant 1a?o- loxns, 1762—1862, Par. 1862, unter dem Pseudonym Graf dÄngeberg. Auch lieferte er eine neue Ausgabe von Maltebrnns laicksan äs 1a koloßns anoienns st moäsrns, Par. 1830, 2 Bde., führte die oberste Leitung bei Herausgabe von Im DolsAvs tckstorigus, 11t., monnment, et pittoresgns, ebd. 1837—41, 4 Bde., 7. Ausl., 1847 f., u. bearbeitete einen cktlas äss sept Parties äs la kotsAns. 2 ) Alexander Ba- reyko, ein Verwandter des Vor., Orientalist, geb. 11. Juli 1804 in Krzywice in Lithauen; lebte 1829—41 in Persien; er sehr.: Orammairs persans. Par. 1852; I>s äwAman turo, ebd. 1854;^ - Choiscul. übersetzte Körruglus Abenteuer u. Gesänge (persischer Volksroman) ans dem Persischen ins Englische, Lond. 1842, deutsch von Wolfs, Jena 1843; gab heraus: Lpssimsns »I tlis populär postrg' ok ksrsia, Lond. 1842, u. DjnnAni Olisiiääst (religiöse Dramen, welche im Monat Moharrem in Persien aufgeführt werden), Par. 1852; Oram- maire palsoslavv, 1869. 1) Lagai.» Choi, Stadt in der pers. Prov. Aserbeidschan, am Kotur u. an der nach Erzerum führenden Karawanenstraße, in fruchtbarer Gegend; schön gebaut; 20—30,000 Ew. Choiseul, alte französische Familie, welche nach I. Biguier ihren Ursprung von dem Grasen Hugo von Bassigny u. Boulogne-sur-Mcr (lebte um 937) n. nach Le Laboureur, dessen Meinung wol die richtigere ist, von den Grasen von Langres ableitet u. sich seit dem 16. Jahrh. in 3 Linien theilte: L.) Erste Linie: Choiseul-Beaupre, gestiftet von Franyois Joseph CH. - Beaupre (welcher Generalgouverneur von S. Domingo war u. von seiner Gemahlin, einer geb. Gräfin Stain- ville, im letzten Viertel des 17. Jahrh. den Namen Choiseul-Stainville annahm. Sein Enkel war der Staatsmann Herzog Etienne Frany. v. Ch.-Amboise (s. CH. 4), für welchen die schon unter seinem Vater 1722 zum Marquisat erhobenen Besitzungen des Hauses zum Herzog- thnrn CH. erhoben wurden. D) Zweite Linie» 1593 gegründet, bestand in 3 Nebenlinien - a.) CH.-Gouffier, gestiftet von CH. 6); i>) CH.-Daillecourt; o) C h. - S tainville, welche 1785 die Herzogswllrde von der ersten Linie erbte, aber 1838 erlosch. 0) Dritte Linie: Ch.-Praslin, s. CH. 1) u. 2). Als die Marquis von CH. -Praslin ausstarben, kam Praslin an die Grafen von Chevigny, welche auch zu dem Hause CH. gehörten u. seit 1478 eine besondere Linie bildeten, u. wurde 1762 zum Herzogthum erhoben; s. Praslin. Merkwürdig sind: I) Charles de CH., Marquis von Praslin u. Chaources, Herr v. Plessis-Saint-Jean, bekannt als Marschall v. Praslin, geb. 1553; zeichnete sich 1575 bei der Belagerung von La Fere, 1589 bei der von Paris u. 1592 in der Schlacht von Anmale aus; war nach einander Generalstatthalter in der Champagne u. Gouverneur von Troyes, 1619 Marschall von Frankreich, 1622 Gouverneur von Saintonge; 1621 u. 1622 war er mit im Kriege gegen die Hugenotten; st. 1. Febr. 1626. Er hat 47 Treffen mitgemacht u. ist 22 Mal verwundet worden. 2 ) Cesarde CH.,Graf v.Plessis- Praslin, Neffe des Vor., geb. im Febr. 1598, bekannt als Marschall du Plessis; stand schon im Alter von 14 Jahren an der Spitze eines Regiments, zeichnete sich als Diplomat u. in den Feldzügen in Frankreich u. Italien 1627—45 aus, eroberte 1645 Rosas in Catalonien, wofür er den Marschallsstab empfing; 1646 ging er wieder nach Italien u. schlug 30. Juni 1648 den Marquis von Caracdne bei Cremona. Zur Zeit der Fronde leistete er der Sache des Königs bedeutende Dienste, vertheidigte mit Erfolg Saint - Denis, schlug die Pariser u. die Spanier, unterwarf Bordeaux u. besiegte Turenne bei Rethel 23. Dec. 1650; 1665 ^ wurde er Herzog von CH. u. Pair, brachte den 800 Choisy — Vertrag zwischen Ludwig XIV. u. Karl II. gegen Holland zu Stande. Er st. 23. Dec. 1675 zu Paris. Seine Memoiren (von 1628 bis 1671), Par. 1676. 3) Claude de CH., Marquis von Franciöres, geb. 1. Jan. 1632, bekannt als Marschall von Choiseul; focht zuerst 1649 bei Vitry-sur-Seine, 1664 in Ungarn gegen die Türken, trug viel zum Gewinnen der Schlacht von St. Gotthard bei, nahm 1669 ruhmreichen Antheil an der Belagerung von Candia, diente 1672 in Holland, dann unter Conde u. Turenne, wurde 1676 Ge- uerallieutenant, befehligte 1684 die Truppen des Kurfürsten von Köln, zwang 1689 den Kurfürsten von Bayern zum Rückzuge, wurde 1693 Marschall u. war 1693» 1696 u. 1697 Oberbefehlshaber am Rhein. Er st. 15. März 1711. 4) Etienne Francois, Herzog von Ch.-Amboise, geb. 28. Juni 1719, hieß früher Graf von Stainville; wurde früh Soldat, 1743 Oberst, 1748 Marbchal de Camp u. 1749 Generallicutenant; 1753 Gesandter in Rom n. seit 1757 in Wien, brachte er die Allianz zwischen Österreich u. Frankreich zu Stande. Anfangs war die Pompadour, die er durch ein Witzwort beleidigt hatte, seine Feindin; später aber wurde sie seine Gönuerin, u. er wurde Lurch sie 1758 zum Minister, Herzog n. Pair erhoben; 1761 übernahm er zeitweilig das Marine- u. Kriegsministerium u. 1766 das Ministerium des Auswärtigen, schloß den Familienvertrag der Bourbonischen Höfe, eroberte Corsica, organisirte die französische Armee neu u. auf preußischem Fuße, legte Artillerie- u. Ingenieurschulen an, wendete große Summen auf Befestigung der Colonien, schuf eine neue Flotte (74 Linienschiffe, 50 Fregatten). 1770 wurde er durch die Jutriguen der Dnbarry, welche ohne sein Wissen des Königs Maitresse nach der Pompadour n. am Hofe ein- gefiihrt worden war, seines Amtes entlassen u. nach seinem Landgute Chantelonp verwiesen. Nach dem Tode Ludwigs XV. 1774 kehrte CH. an Len Hof zurück, ohne jedoch wieder ins Ministerium zu treten. Er st. im Mai 1785, tief verschuldet. 1778 ließ er in Chantelonp seine Nsmoirss drucken. Lebensbeschreibung von K. v. Schlözer, Berl. 1848. 5) Louise Honorine Crozat du Chatel de CH., Gemahlin des Vor., höchst wohlthätig; obgleich von ihrem Gemahl getrennt lebend, trat sie doch ihre Rente von 400,000 Fcs. dessen Gläubigern ab, lebte fast dürftig in einem Kloster, u. als dies aufgehoben wurde, von der Revolution verschont in Paris. Sie starb dort 1801. Vgl. 6ras8ot, ülaciams cks Oll. ob son Isinps, Par. 1874. 6) Marie Gabriel Laurent Auguste, Graf v. Ch.-Gouffier, geb. 27. Sept. 1752; unternahm 1776eine Reisenach Griechenland u. Asien u. gab nach seiner Rückkehr die Resultate seiner Entdeckungen heraus, was ihm den Eintritt in die Akademie verschaffte; 1784 wurde er Gesandter bei der Pforte u. blieb es auch zu Anfang der Revolution. Seine Correspondenz mit den Brüdern Ludwigs XVI. fiel der republikanischen Armee 1793 beim Rückzüge aus der Champagne in die Hände; er entging aber der Verhaftung durch Entfernung von Constantinopel, begab sich 1800 nach Petersburg, wurde von Paul I. zum Staatsrath n. Directvr der Akademie der Schönen - Cholera. Künste n. aller kaiserl. Bibliotheken ernannt, mußte aber wegen seines vertrauten Verhältnisses mit dem Grafen Cobentzl Rußland wieder verlassen; 1802 kehrte er nach Frankreich zurück, wurde später von Ludwig XVIII. zum Pair von Frankreich n. Minister ernannt. Er st. 20. Juni 1817 in Aachen. CH. schr.: VoxuAS pitborssgns dg la. Oroes, Par. 1782, n. Aust, von Miller u. Hase, 1841, 3 Bde., mit histor. Notizen; LIsinoirs sur I'Hippodroms d'OIxmpis, 8ur I'ori§ins du Loa- porus tllraeicus u. 8ur l'oxiatsuos d'üoinörs. 7) Charles Raynard Laure Felix, Herzog v. Ch.-Praslin, geb. 24. März 1778; war Kammerherr des Kaisers Napoleon n. 1814 Oberst der Naticnalgarde; indenlOOTagen wurde erPair,aber von der Restauration aus der Kammer ausgestoßen u. verbannt; kehrte jedoch 1819 nach Paris zurück. CH. st. 28. Juni 1841. Seine Gemahlin war eine geb. Tonnelier de Breteuil. 8) Charles Laure Hngues Theobald, Herzog von Ch.-Praslin, Sohn des Bor., geb. 29. Juni 1805; war 1839 ^ bis 1842 Deputirter, dann Ehrencavalier der Herzogin von Orleans u. seit 1845 Pair. Er vermählte sich 1845 mit einer Tochter des Marschalls Sebastians, die 18. August 1847 in ihrem Hause, in der Rus du ll^ullourA 8t.-Houors, ermordet gefunden wurde. Es fiel bald der Verdacht auf den Herzog selbst, der wegen eines Verhältnisses mit der Gouvernante seiner Kinder mit seiner Gemahlin langem Zwietracht gelebt hatte. Am 21. Ang. wurde der Herzog deshalb nach dem Luxembourg abgeführt, wo er 24. Ang. infolge genommenen Giftes starb. Über seine Schuld war kein Zweifel. Volchert.» Choift) (CH.-le-Roi), Marktflecken im Arrond. Sceanx des sranz. Dep. Seine, an der Seine, Station der Orleans-Bahn; einer der schönsten Orte um Paris; Schloß u. Park; Fabrikation in Tuch, Filz, Kesseln, Sparterie, Töpferei, Fayence und Porzellan, Glas, Maroquin u. chem. Producten; 5099 Ew. Chokand, s. Kokand. Chol (hebr.), nicht heilig; so z. B. die Wochentage im Gegensätze zu Sabbathen u. Festen; CH. ha Moed (d. i. gemeine Festtage), die Zwischeu- tage zwischen den beiden ersten u. beiden letzten Tagen des Oster- u. Hüttenfestes, die nicht denselben Grad der Heiligkeit haben, wie die ersten n. letzten Festtage, u. an denen daher leichte Arbeiten u. solche zu verrichten gestattet sind, die nur mit Schaden bis nach dem Feste verschoben würden. Cholacrol (Chem.) 0,IIl„Xt0ig, blaßgelbes, betäubend riechendes, in Wasser wenig, in Alkohol n. Äther leicht lösliches Öl, welches bei der Be» Handlung von Cholsänre u. Cholo'tdinsäure mit Salpetersäure neben anderen Zersetznngsproducten entsteht. Bei 100° zersetzt es sich unter Explosion. Clören. Cholalsäure, so v. w. Cholsänre. Cholera (v. hebr. ollAs rä, böse Krankheit). (Hierbei 1 Karte.) CH. ist die Bezeichnung für zwei ihrem Ursprünge u. ihrer Verbreitung nach völlig verschiedene Krankheiten, die sog. Ollolora uosbrs.8 u. die indische (asiatische) Cholera (Ollolora. morllus), die beide nur das gemeinsam haben, daß sie mit gußweisen wässerigen Entleer- v r vt». LrUlscX ^ l« ^ ^ XA v c i.>x ^ ox^s 0 cler t^-_ ML cm>i.L«^ im 5. 1865 81 i beuden Thee, Einwickelung in erwärmte wollene Decken u. Auflegen eines warmen Breiumschlages (oder einer Wärmflasche rc.) aus den Leib n. un- ! ter die Füße in Transpiration zu kommen suchen. Von Speisen nehme er gar nichts zu sich, um den Magen nicht zur Entleerung anzuregen. Ist Brechneigung oder Erbrechen vorhanden, so empfiehlt sich wieder das Verschlucken von Eisstllck- chen, oder das Trinken geringer Mengen in Eis gekühlten SelterserWassers; die übrigen Anordnungen sind dem so schnell als möglich herbeizurufen- dcn Arzte zu überlassen. Ist der Ch-anfall glücklich überstanden, so ist durch eine vorsichtige, nahrhafte Kost auf die Hebung der zurückgebliebenen Entkräftung einzuwirken. > Abgesehen von der älteren, sehr zahlreichen Ch.- ' Literatur, bleiben von der neueren hauptsächlich zu erwähnen: v. Pettenkoser, Über die Verbreitungsart der CH., Münch. 1855; Ders., Fünf Fragen aus der Ätiologie der CH., Pappeuheims Monatsschr. 1859, 1. Heft; Ders., CH. u. Bodenbeschaffenheit, Bayer. Jntelligenzblatt 1861; Ders., Verbreitnngsart der CH. in Indien, nebst Atlas, Braunschw. 1871; Ders., Die Ch-epidemie in der k. bayer. Gefangcnenanstalt Lausen a. d. Salzach, im Aufträge der Ch.-Commission für das Deutsche Reich, Berl. 1875; A. Hirsch, Rückblick auf die I neuere Ch.-Literatur, Schmidts Jahrbücher 1855 u. 1856; G. v. d. Busch, Die Ch-epidemie in ^ Dänemark von 1853, Brem. 1858; Ackermann, Die CH. im 1.1859 in Mecklenburg, Rost. 1860; Dosumsnbs übabistiguss sb näministratiks von- vernant Io otwlers, äs 1854, Par. 1862; Verhandlungen der Ch.-Conferenz in Weimar 1867, Münch. 1867; Thomas, Bericht zur Lehre von der CH., Schmidts Jahrb., Bd. 137; Küchenmeister, Handbuch der Lehre von der Verbreitung der CH., Erlang. 1872; Hirsch, Handbuch der hist.-geogr. Pathologie, Erlang. 1860, Bd. I.; I Ed. W. Sabell, Die CH., ihre Entstehung n. Ver- ! breitung rc., Berl. 1871; Albu, Deutsche Zeitschrift f. prakt. Medicin 1875, Nr. 35—39, Leipzig. Kunze. Choleriker (Cholericns, cholerischer Mensch) ist ein Mensch, dem das sog. cholerische Temperament (s. Temperament) eigen ist; im Unterschiede von den drei anderen Temperamenten ist der cholerische Mensch leicht erregbar u. empfänglich für gewisse Ursachen von Gefühlen, die das Handeln des Menschen bestimmen, dabei aber auch beharrlich in der Ausübung des einmal Vorgesetzten. Woiff. Cholerine (fr., Med.), leichter Grad einer Er« — Cholet. krankung an Cholera; einfache, d. h. nicht durch das Choleragift hervorgerufene Brechdurchfälle, wie sie im Sommer namentlich bei Kindern häufig Vorkommen, dürfen nicht mit dem Namen CH. belegt werden. Vgl. Cholera. Kunze. Cholesteatom (Med.), harte, langsam wachsende, nicht bösartige Balggeschwulst. Das CH. besteht aus einem fibrösen Balge (Kapsel), in den ein milchweißer bis hellgelber, perlmutterähnlich glänzender, fetter Brei, bestehend ans Fetten u. dichten Schichten von Oberhautzellen, eingeschlossen ist. Das CH. sitzt gewöhnlich unter der Haut, im Untcrhautzellgewebe, u. vorzüglich in den weichen Hirnhäuten. Die unter der Haut sitzenden können meist leicht u. ohne Gefahr der Rückkehr operirt werden. E. B-riL Cholesterin (Chem.) , Bestandtheil der Galle u. der in den Gallengängen u. der Gallenblase sich bildenden Gallensteine, welche letztere oft nur aus CH. bestehen. , Es kommt ferner auch im Gehirne, Rückenmarke, in den Nerven, im Eidotter, im Blute, Eiter u. vielen anderen Theilen u. Flüssigkeiten des Thicrkörpers vor. Außerdem ist es im Pflanzenreiche sehr verbreitet, wo es namentlich in den Pflanzensamen, in Hülsenfrüchten (Erbsen), im Mais, Roggen, in der Gerste u. in allen jungen Pflanzentheilen angetroffen wird. Zur Darstellung werden Gallensteine, nachdem sie durch kochendes Wasser von Gallenfarbstoffen, Gallensäuren u. unorganischen Salzen befreit sind, mit siedendem Alkohol ausgezogen. Nach dem Filtriren u. Erkalten scheidet es sich in weißen, perlmutterglänzenden, fettig anzufühlenden Blättchen aus, welche geschmack- u. geruchlos sind, bei 145° schmelzen u. bei 360° nnzer- setzt sublimiren. In Wasser ist es gar nicht, in kaltem Alkohol wenig, in heißem, sowie in Äther- leicht löslich. Das CH. verhält sich wie ein ein- werthiger Alkohol u. bildet mit Säure zusammengesetzte Äther, von denen der Stearinsäure-, But- tersäure-, Essigsäure- und Benzo'esäure-CH-äther, dargestellt sind. Letzteres sind feste, krystallisirbare Substanzen. Durch Oxydation mit Salpetersäure bildet es neben flüchtigen FettsänrenCholesterin- säure OsHzoOs, eine amorphe, weiße, in Wasser leicht lösliche Masse, welche mit Silber ein kry- stallisirbares Salz liefert. Clören. Cholestrophan(Dimethylparabansäure,Chem.) OsHglissOg, bildet sich durch längere Einwirkung von Chlor auf Caffern, sowie von Jodmethyl auf das Silbersalz der Parabansäure als breite, silberglänzende, leicht schmelzbare u. snblimirbare Blättchen. Clören. Cholet, Stadt im gleichnamigen Arr. des franz. Dep. Maine-et-Loire, an der Maine, Station der Orleans-Bahn; Gericht 1. Instanz; bed. Batist-, Siamoise-, Taschentücher- u. Flanellfabr., Wollen-, Baumwollen- u. Leinwandspinnerei, Bleicherei (der industrielle Bezirk von CH. begreift 7 Cantone mit 80 Gemeinden u. 125,774 Ew.); bedeut. Handel mit den gewerblichen Erzeugnissen, Schiefer, Holz, Korn, Pferde u. Vieh (jährl. werden 90—100,000 fette Ochsen, 150—200,000 Schafe, 30—35,000 fette Schweine rc. verkauft); 13,552 Ew., wovon 11,328 in der Stadt selbst. Hier 17. Oct. 1793 Niederlage der Vendeer (s. Bendeekrieg) u. Tod 808 CholiamVus Bonchamps; 7. Februar 1795 wurde CH. von Stafflet genommen, aber bald wieder verloren (s. ebd.); 7. April 1795 wurde Dufirat in der Nahe von den Royalisten geschlagen (s. ebd.). Choliambus (v. Gr., hinkender Jambus), auch nach seinem Erfinder Hipponax (540 v. Chr.) Hipponaelous genannt, eine Umbildung des 6fü- ßigen Jambus (Trimeters) durch Vertauschung des 6. Fußes mit einem Trochäus od. Spondeus: Der Choliambiis ist ein Vers für Kunstrichter, Die überall voll Naseweillheit mitwrechen Und Eins nur wissen sollten: daß sie Nichts wissen. (W. A. Schlegel.) Cholin(Biliueuriu,Sinkaliu; Chem.)0xH^O„ eine starke Base, welche in der Galle, im Gehirne, im Eidotter vorkommt, aber auch aus dem Sina- pin, dem Alkaloid des Senfsamens, durch Kochen mit Kali- oder Barythydrat erhalten werden kann. Es ist sehr zerfließlich, daher nur schwierig kry- stallisirbar, reagirt stark alkalisch, zieht aus der Luft Kohlensäure an, verbindet sich mit Säuren zu gut krystallisirenden Salzen. Beim Erhitzen zerfällt es in Trimethylamin u. Äthylenalkohol. Clören. Cholin, Kreisstadt des russischen Gouv. Pskow, an der schiffbaren Lowat; lebhafter Handel mit Flachs, Hanf u. a. Landesproducten,' 5667 Ew. Der Ackerbau des Kreises ist jedoch seit der Bauern- Emaucipation sehr zurückgegangen. Cholmogory, Kreisstadt des russischen Gouv. Archangelsk, aus einer Insel der Dwina; Navigationsschule; vorzügliche Rindviehzucht; 1580 Ew.; Geburtsort des Dichters Lomonossow. Choloidinfäure (Chem.) eine zu den Gallensäuren gehörende organische Säure; entsteht aus der Cholsäure durch Erhitzen aus 100" oder Kochen mit Säuren als amorphe, in Wasser unlösliche, in Äther wenig, in Alkohol leicht lösliche Masse, die durch Erhitzen auf 300° oder Kochen mit Salzsäure in Dyslysin sich verwandelt. Sie bildet mit Basen amorphe Salze. Clören. Cholos (Mestizen), Mischlinge von Weißen u. Indianern; bilden die überwiegende Bevölkerung in Peru. Ihrem physischen Charakter nach scheinen sie, den meisten Berichterstattern zufolge, auf tieferer Stufe zu stehen, als die Indianer; günstiger urtheilt dagegen von Tschudi über sie. Nach ihrer Farbe sind sie sehr verschieden, je nach der größeren oder geringeren Mischung des Blutes; Manche von ihnen sind so weiß wie die spanischen Creolen. 2) Ch.-Jndianer, im Staate Panama, an der SKüste des Golfes von Darien, welche ihre Wohnungen am Wasser auf Pfählen 2—2,^ m über dem Boden zu bauen Pflegen. Kolpe. Cholsäure (Cholalsäure, Chem.) eine Gallensäure, Spaltungsprodukt der Glycochol- und Tanrocholsäure, farblose, glänzende OktaLder, anfangs durchsichtig, hernach undurchsichtig werdend, von intensiv bitterem, hinterher süßlichem Geschmacke, in Wasser sehr wenig, in Alkohol u. Äther leicht löslich, wird durch mehrtägiges Kochen der krystallisirten Galle mit Barytwaffer od. Kalilauge dargcstellt. Mit Alkalien bildet sie leicht lösliche, krystallisirbarc, mit den übrigen Basen schwer lösliche oder unlösliche Salze. Mit etwas — Chomel. Zuckerlösung u. concentrirter Schwefelsäure ver- setzt, färbt sie sich schön purpurroth, eine Reaction, welche auch die übrigen Gallcnsäuren zeigen; beim Erhitzen auf 200", sowie beim Kochen mit Säuren verwandelt sie sich in Cholo'idinsäure. Clören. Cholui, Marktflecken im Kreise Wjasniki des ruff. Gouvernements Wladimir; Fertigung von Heiligenbildern auf Lindenholz; 4 große Jahrmärkte; 3000 Ew. Cholüla (San Pedro, vor Cortez Churultecal genannt), mexicanische Stadt im Staate Puebla, 2138 m über dem Meere; einst eine der mächtigsten des Azteken-Reiches (20,000 Häuser, über 150,000 Ew.), hat sie jetzt kaum 6000 Ew.; berühmt die Ruinen der Tempelpyramide (Teokalli) des Quetzalcoatl, die in ihrer Basis 420 in maß u. 52 in hoch war; auf ihrer Spitze jetzt eine Kirche mit prachtvoller Aussicht auf die Gebirge. Chomel, 1) Pierre Jean Baptiste, franz. Botaniker, geb. 1671 zu Paris; wandte sich, nachdem er bereits im 14. Jahre seine literar. Studien vollendet hatte, der Medicin u. Botanik zu, promo- virte 1697, bereiste von 1700 ab, um seines Freundes Tournefort Vorhaben, eine allgemeine Geschichte der Pflanzen Frankreichs zu schreiben, zu unterstützen, die Auvergne, namentlich Puy de Dome, die Höhen des Cantal, das Bourbonnais u. die Pflanzenreichen Berge der Nachbarschaft, untersuchte gleichzeitig die verschiedensten Mineralwasser u. kehrte, reich an Ausbeute, auch bis dahin unbekannter Pflanzen, nach Paris zurück, wo er Leibarzt des Königs, 1702 Schüler der Akademie, 1707 (1720) Mitglied derselben u. 1738 Decan der Facultät wurde; st. 3. Juni 1740. Von 1703—1720 überreichte er der Akademie sieben Abhandlungen, die Geschichte u. Beschreibung der Pflanzen, Mineralwasser und außergewöhnliche Krankheiten betreffend, u. gab eine Abhandlung heraus: H>rö§s cies planlos usnsllos etc., Par. 1712, 1715, 1725, Amsterdam 1750, mit einem Supplement, das 1730, 1761 u. 1810 wieder aufgelegt wurde. Er hat darin besonders die Erfolge seiner mit Vorliebe betriebenen Studien der Eigeu- thümlichkeiten u. Wirkungen der Pflanzen niedergelegt u. in der Darstellung seinen eigenen Gang eingeschlagen. Es ist jedenfalls für lange Zeit das vollständigste Werk der Art gewesen, das einen bestimmten, bedeutenden Fortschritt anzeigte, wenn es auch in der Genauigkeit von Geoffrois: lfla- liörs möäioalo stellenweise übertroffen wird u. CH. in der Auswahl seiner Gewährsmänner nicht eben sehr kritisch verfuhr. 2) Jean Baptiste Louis, des Vor. Sohn, geb. zu Paris; studirte Medicin, promovirte 1738, wurde Leibarzt des Königs, Ehrenmitglied des König!. Collegiums zu Nancy, 1754 Decan der Facultät; st. 11 . April 1765. Berühmt hat er sich gemacht durch sein Werk: lüssai lüstorigno sur Io mscksoins on Uranos, Par. 1762, in dem er nicht nur die Entwickelung der medicinischen Wissenschaft in Frankreich darstellt, sondern auch eine Geschichte der Pariser medicinischen Facultät gibt, sowie der Männer, welche sich besonders in ihr hervorge- than haben, u. eine Geschichte der epidemischen Krankheiten, die am weitesten um sich gegriffen haben, anfllgt. 3) Auguste Francois, Enkel 80S C Homer — von CH. I), geb. 1788 in Paris; promovirte 1813, wurde Oberarzt am Höpitui äs la Otraiits, 1826 Professor der Pathologie an der üeols äs Nsäs- oins u. bei der medicinischen Facultät, Ritter der Ehrenledion, Mitglied der Akademie der Medicin; schr. DIoinsllbs äs patirolozxio Zsusrals, Paris 1817, 1824, 1835, auf Befehl des Sultans ins Türkische übersetzt von Osman Effendi, Constant. 1836; Malis äss kisvrss et äss malaäiss pssti- lontisllss. Par. 1826, auch deutsch von Becker: Die Fieber« u. Pestkrankheiten, Lpz. 1822; 1-s- ycms äs eliuigus msäieals, Par. 1834, u. noch eine Menge geschätzter kleiner Abhandlungen. Er st. 10. April 1858 in Morsang an der Orge. Thamhaqn. Chomer (bibl. Ant.), eigentl. Haufen, Gemäß für trockene u. flüssige Dinge; enthielt bei trockenen Dingen 10 Epha, 30 Seah, 180 Kab; bei flüssigen 10 Bath. Chomjäkow, Alexei Stepanowitsch, russ. Schriftsteller, geb. Mai 1804 zu Moskau; entfloh, nachdem er eine ausgezeichnete Erziehung im elterlichen Hause erhalten, namentlich historische Wissenschaften betrieben, kaum 17 Jahre alt, bei der Nachricht vom Aufstande der Griechen (1821) dem elterlichen Hause, um an der Bewegung der Gräco-Slavensich zu betheiligen, wurde aberzurück- geholt u. mußte hierauf 1822 in das Gardecava- lerieregiment eintreten. 1825 nahm er jedoch als Lieutenant schon seinen Abschied, ging nach Paris, besuchte dann Deutschland, die Schweiz u. Ober- Italien u. wandte auf der Rückreise noch seine besondere Aufmerksamkeit den westslavischen Ländern zu. In wissenschaftlichem Interesse auch nahm er 1828 als Offizier im Geueralstabe An- theil an dem Kriege Rußlands gegen die Türkei, reichte sofort nach dem Friedensschluffe seinen Abschied ein u. widmete sich jetzt nur mehr literarischen Arbeiten, die zumeist der panslavistischeu Richtung dienten u. in vielen Beziehungen hohen linguistischen Werth haben, wie namentlich seine Vergleichung russischer Wörter mit dem Sanskrit, veröffentlicht in den Nachrichten der 2. Abth. der Petersburger Akademie, dann die Resultate seiner Reisebeobachtungen unter den WSlaven in der Lusslcaja Lssöäa, deren eifriger Mitarbeiter er war seit 1856, wie früher an der Zeitschrift Nosicveitjauiu. 1857 wurde CH. Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften u. 1858 Vorsitzender der Moskauer Gesellschaft der Freunde der russischen Literatur. Einen reichen Schatz für Linguistik enthält sein in Handschrift nachgelassenes roßesWerk: Über allgemeineGeschichte. Außerdem etheiligte er sich auch an dem Organ Rußlands für Staatswirthschaft: Ökonomischer Anzeiger, förderte industrielle Unternehmungen, u. endlich that er sich auch als Dichter hervor. In dieserBeziehung sind zu nennen: die Tragödien Jermak u. Der falsche Demetrius u. eine Sammlung lyrischer Gedichte, 1844. Eine Sammlung seiner Poesien erschien 1861 nach seinem infolge eines Choleraanfalles 5. Oct. (23. Sept.) 1860 eingetretenen Tode. «agai. Chon (Chons, Khunsu), ägyptischer Gott, Sohn des Amun u. mit dem griechischen Herakles iden- tificirt; er trug Zeitmesser oder Scepter in der Chondrogcn. Hand, die Mondscheibe auf dem Kopfe u. bisweilen einen Sperberkopf u. wurde verehrt in Nieder-Ägyplen, wo er seinen Tempel an einer Nilmündung hatte, welche davon die Herakles- tische hieß n. ein westlicher Abfluß der Kanopi- schen war. Obonäeills L., Pflanzengatt, aus der Fam der Oompositas-Liodoriaosas (XIX. 1), mehrjährige, meist kahle Kräuter mit fiederspaltigen Grund- blättern, ganzrandigen od. wenig gezähnten Slen- gelblättern u. gelben, endständigeu oder armblü- thige Rispen bildenden Blüthenköpfen; Hüllkelch meist achtblätterig, an der Basis mit einem Außenkelche von kurzen Blättchen; Früchtchen vielrippig, an der Spitze weichstachelig, mit einem Krönchen um den Schnabel. Arten: 1. 6tt. juuosa mit lineal-lauzettlichen bis linealischen Stengelblätlern, aufrechten, ruthenförmigen Ästen u. langgeschnäbel- ten Früchtchen; auf sonnigen Hügeln, m trockenen Wäldern, meist auf Sandboden. 2. 6i>. xrsuau- itw'iäss PM., mit schwächeren, nicht ruthenförmi- gen Zweigen und in lockeren Rispen stehenden Köpfen; findet sich auf dem Kiese der Flußbetten alpiner Flüsse und Bäche. Das Kraut war sonst als Hsrba ebonärillas vsras officinell u. gegen Durchfälle, Schlangenbiß rc. angewendet. Auch der in wärmeren Gegenden aus der verwundeten Pflanze ausschwitzende, an der Luft gummiartig verhärtende Saft officinell. Engler.» Chondrin (Knorpelleim, Chem.), eine Leimart, welche durch anhaltendes Kochen der permanenten Knorpel, d. h. der eigentlichen, nicht erhärtenden Knorpel (der Rippen-, Gelenkkopf-, Nasen-, Luftröhrenknorpel), der Hornhaut des Auges, sowie der jungen, noch weichen Knochen dargestellt wird. Es besitzt die größte Ähnlichkeit mit dem gewöhnlichen Knochenleim oder Glutin; seine Lösung gelatinirt beim Erkalten u. bildet nach dem Trocknen eine ähnliche glasartige Masse wie das Glutin. Gegen Reageutien aber verhält es sich anders als dieses. Die Lösungen des Ch-s werden außer durch Gerbsäure auch durch Essigsäure, Salzsäure, verdünnte Schwefelsäure, Alauulösung, schwefelsaures Eisenoxyd, essigsaures Bleioxyd u. a. Metallsalze gefällt, was bei Glutin nicht der Fall ist. Der Niederschlag durch Salzsäure u. Schwefelsäure (nicht der durch Essigsäure) löst sich im Überschüsse der Säuren wieder auf. Quecksilberchlorid trübt Ch-lösungen nur, während es in Glutinlösungen einen starken Niederschlag hervorbringt. Mit Salzsäure gekocht, liefert es Traubenzucker. Als Zersetzungsproduct des Ch-s mit Schwefelsäure tritt nur Leucin, kein Glycocoll, wie bei Glutin, auf. In seiner chemischen Zusammensetzung stimmt es ebenfalls mit dem Knochenleim annähernd überein, es enthält indeß weniger Stickstoff (14—15"/o), als dieser (18°/o), u. weniger Schwefel. Im Übrigen vergl. die Art. Glutin u. Leim. Clörea. OkonärTtss, bereits im Silur austretende Pflan- zenaatt. aus der Fam. derFucoiden(Tanqalqen). Chondrodrt, s. Humit. Chondrogen, Chondrin bildendes Gewebe, Hauptbestandrheil der permanenten Knorpel u. der Kuocheuknorpel im früheren Fötusalter; gibt mit Wasser gekocht Chondrin. 810 Olioriäroiiis, — Chopersk. Lbonäröms (Med.), Knorpelgeschwulst. Chon- drosis, Verknorpelung. Obonäros KaeL/r., Pflanzengatt, aus der Algen- sam. derk?1oriäsas-6r^ptooarpsas, mit gallertartige schlüpferigem, dichotomisch verzweigtem, oben flachem Thallus, in welchen die Sporenlager eingeseukt find. Art: 6ü. erispus Arevrlks, häufig in der NSee; enthält sehr viel Gallerte, diente längst den Küsteubewohnern von Irland rc. als Nahrungsmittel, wie das Carrageen. Engter» likonstos, Muschelgatt, der paläozoischen Periode, mit rundlichen Schalen u. mit Stachelröhren besetzt. Art: 6ii. earvinnlabg, (kroäuetus latus häufig im filurischen Kalk. Chonra (a. Geogr.), in ältester Zeit ein Landstrich im südöstlichen Lucanien u. östl. Bruttium, die vom Vultur n. Apenninus eingeschlossene Niederung. Die Bewohner, Choner, gehörten zum Stamme der Önotrer. Choniätes, Niketas, s. Niketas. Chönix (gr. Ant.), 1) Maß bei den Griechen, getheilt in 4 Kotylä, der 48. Theil eines Me- dimnos (Scheffel) — 1 , 0 «. 1, so viel als gewöhnlich Getreide aus eines Menschen Tagekost gerechnet wird; daher 8) tägliche Kost. Chonos-Archipel, Inselgruppe kleiner Eilande an der südlichen WKüste von SAmerika, im S. der Insel ChiloS; gute Häfen, von wenigen Indianern bewohnt; dem Namen nach zur Republik Chile gehörig. Chopart, Francois,franz. Arzt, geb. 30.Oct. 1743 (1750) zu Paris; nannte sich nach seiner Mutter (sein Vater hieß Turlure), erhielt eine sorgfältige Erziehung, wurde 1761 Magister der Freien Künste, widmete sich mit großer Vorliebe der Chirurgie, besuchte zu dem Zwecke mit ausdauerndem Fleiße das Mösl Oien, das Mpitsl äs In I'itis u. das Lisötrs, wo er fich namentlich mit syphilitischen Krankheiten beschäftigte, erhielt 1767 den Preis der Chirurgischen Akademie für seine Arbeit über Impus (l,s saraetsrs st 1s traitsmsnt äss loupss), das folgende Jahr eine ehrenwerthe Nennung für seine Abhandlung über den Gegenstoß bei Kopfverletzungen (Ims eontrs-oouxs äans Iss Issions äs 1a tsts). 1770 wurde er Magister der Chirurgie, stieg von Stufe zu Stufe, wurde Vorsitzender des Chirurgischen Collegs, folgte 1782 Bordenaave im Lehrstuhl der Physiologie, übernahm später die Professur für chirurgisch» Pathologie u. wirkte hier mit Eifer u. Erfolg bis zu seinem durch Cholera veranlaßten Tode, 21. Juni 1795. CH. hat sich durch sein Verfahren, den Plattfuß im Sprunggelenke abzunehmen, ein großes Verdienst erworben, weil dadurch dem Leidenden der zur Fortbewegung wesentlichste Theil des Fußes, das ganze Fersenstück, erhalten bleibt, so daß sogar die Hilfe des Stockes entbehrlich wird. Mit seinem Freunde Pesault zusammen gab er heraus: st?raits äss mslaäiss olürurAialss st äss oxsrations gui Isar oonvisunsnt, Par. 1780; ferner schr. er: 1'raits äss malaäiss äss voiss uriuairss, Par. 1791. Thamhayu. Choper, Fluß des Europäischen Rußland, der in den Sümpfen des Gouvernements Pensa entspringt, die Gouvernements Saratow, Woronesch durchfließt, im Lande der Dänischen Kosaken sich nach einem Laufe von 740 km mit dem Don vereinigt u. unter anderen die Worona aufnimmt. An ihm die Choperskische Steppe, ein von Waldungen u. Wiesen bedeckter Landstrich, der sich außer für Viehzucht auch für Ackerbau u. Obstzucht (bes. Pflaumen) trefflich eignet u. entsprechend bebaut wird. Chopersk, Kreisstadt im ruff. Gouvernement Woronesch, am Choper; verfallene Festungswerke; Kathedrale; Militärhospital; Rathhaus, Kaufhof, Magazine; Schiffswerft: Handel mit Landes- producten, Jahrmärkte; Viehzucht; 7289 Ew 1 4 China Cholera VerMchniß der Illustrationen zum vierten Band. Karten: Sette. .740 . .800 Tafeln: Lamers, obsenrs n. Lamers Ineitis. Centrisugälkrast. Im Text: Brillen Fig 1. Normalgebautes (emetropisches) Auge. — Fig. 2. Wirkung einer Convexlinse. — Fig. S. Wirkung einer Convexlinse auf ein weitsichtiges Auge . — Fig. 4. UebersichtigeS (hypermetropisches) Auge. — Fig. S. Kurfichtiges (myopisches) Auge. — Fig. 6. Wirkung einer Concavliuse. — Mg- .. .. Centralbewegung. 82 83 84 8b 86 87 89 492 60S