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China
Volkes mit etwas zu günstigen Farben geschilderthatte. Erst nach langwierigen Verhandlungen umunbedeutende Etiquettefragen gelang es den Ver-tretern der europäischen Großmächte, eine förm-liche Audienz bei dem 1873 für mündig erklärtenKaiser zu erlangen, die sich für Entwickelung nähererBeziehungen vollständig resultatlos erwies. Daßder Haß der Bevölkerung gegen die Fremden nochnicht nachgelassen hat, beweisen die zahlreichenMordanfälle gegen Europäer in den Hafenstädten,vor Allein die Ermordung des französischen Con-fuls nebst mehreren Missionären u. BarmherzigenSchwestern in Tientsin im Juni 1870: es be-durfte der ganzen Besonnenheit des Prinzen Kong,den Ausbruch weiterer feindlicher Vorkommnissezu verhindern. Wie die bedeutenden kriegerischenNüstungen der Regierung die Probe bestehen wer-den, muß die Zukunft lehren; ein nur iin letztenMoment beigelegter kriegerischer Zwist (1874) überdie Besetzung von Formosa (s. Japan u. Formosa)ließ sie nicht in allzu glänzendem Lichte erscheinen.Ende 1874 starb der junge Kaiser, nachdem ereben unter großen Feierlichkeiten vermählt war,ohne in die Geschicke des Landes irgendwie einge-griffen zu haben. Da sein Nachfolger Kuang-sunoch nicht das Kindesalter überschritten hat, sohaben die Regentschaft u. die mit ihr verbundenenJntrignen der vornehmsten Würdenträger ihrenAbschluß noch nicht gefunden. Die Ermordung desengl. Gesandtschaftssccretars Margary(Febr. 1875),der die Binnenronte von Indien nach CH. überBirma erforschte, beim Eintritt in die Prov.Jünnan,schien, da die chines. Behörden zögerten, mit Unter-suchung des Falles u. Bestrafung der Thäter Vor-gehen zu wollen, einen Conflict mit England herauf-zubeschwören, nach vielen Verhandlungen wurdenindeß die Forderungen des engl. Gesandten sowolin Betreff der ihm gebührenden Ehrenbezeugungen,als hinsichtlich Zulassung eines Engländers zur Con-trols des Gerichtsverfahrens bewilligt. Eine nichtzu unterschätzende Erscheinung ist die infolge derUebervölkerung mehr u. mehr sich steigernde massen-hafte Auswanderung der Chinesen nach Australien,Kalifornien, SAmerika und Westindieu, wohin sietheils als Kaufleute, theils als Handwerker undTagearbeiter, theils als Colonisteu gehen. Eng-länder u. Nordamerikaner haben sich hauptsächlichdes Geschäftes bemächtigt, diese Leute, wenn esArbeiter sind, unter dem Namen chinesische Kuliüber die See zu führen, besonders an Orte, wosonst Negersklaven gearbeitet haben. Diese Wan-derungen der Chinesen sind nicht neu; sie habensich schon seit Jahrhunderten theils über die be-nachbarten asiatischen Länder, theils über die Insel-welt ergossen, die von Sumatra bis nach Austra-lien und zu den Philippinen reicht, in größerenMassen aber erst seit dem Erscheinen der europäi-schen Seemächte in ihren Gewässern. Wo chine-sische Einwanderer einmal Fuß gefaßt haben, ver-mehren sie sich in starker Progression und sindgeneigt, nach u. nach die einheimischen Völker zuunterjochen. In der Mongolei sind sie die Her-ren des fruchtbaren Landes und eines großenTheils der zahlreichen Heerden der Nomaden; inSiam waren sie vor nicht langer Zeit vorherr-schend; man rechnete ihre Anzahl auf dem asiati-
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scheu Festlande und im Archipel schon 1830 aufwenigstens 3 Millionen Seelen. In den Jahren1820 u. den folgenden begann die Auswanderungnach Brasilien; seit 1848 ziehen die Bewohner dersüdöstlichen Provinzen in großen Schaaren nachCalifornien u. Oregon, um sich durch Ackerbau u.Krämerei Vermögen zu erwerben; ihre Mäßigkeitu. Betriebsamkeit machen sie überall zu gesuchte»Arbeitern; ihre Geschlossenheit und Zusammen-gehörigkeit verleiht ihnen aber eine Macht, derenZunahme in Californien schon mehrfach Besorg-nisse hervorgerufen hat.
Die Urtheile über die Zukunft des ChinesischenReiches sind sehr getheilt. Angesichts der nochimmer traurigen inneren Verhältnisse, der unge-nügenden äußeren Macht, sind viele Kenner derdortigen Verhältnisse geneigt, an einen baldigenZerfall des alten Reiches zu glauben. Anderseitsist wohl zu beachten, daß die Macht der Re-gierenden über die ungeheuren Volksmassen unddie Staatsverwaltung mit verhältnißmäßig sehrunbedeutenden Executivkräften allein möglich istdurch die seit 3000 Jahren eingewurzelte u. festin den Gemüthern eingeprägte Achtung vor derObrigkeit u. Autorität, die in wenigen Jahrenkaum wird erschüttert werden können. Scheinenans diese Weise die inneren Umwälzungen im eigent-lichen CH. mehr gegen die Dynastie gerichtet zusein, als gegen den Bestand des Reiches, so läßtsich der Zustand des Landes eher als der Unter-gang von der offenbar entarteten Mandschu-Dy-nastie zu einer neuen bezeichnen, ein Schicksal,das CH. schon mehrmals ohne Gefahr für seinenBestand durchgemacht hat. Wol sind in den letz-ten Jahrzehnten ungeheure Länderstrecken des Rei-ches verloren gegangen, und, wie es scheint,definitiv, aber durchschnittlich mit Unterthanen vonnicht alt-chinesischer Cnltur; ob unter diesen einefremde Regierung, die sich nicht den Eigenthüm-lichkeiten der unterworfenen Bevölkerung würdeanschließen wollen, lange Dauer haben würde, läßtdie Betrachtung der Geschichte des chinesischen Volkessehr zweifelhaft erscheinen.
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Zur Geschichte: die einheimischen Quellen s-u. Chinesische Literatur; außerdem: Mailla, Uist.