734
Chile (Gevgr. u. Statist.).
abgetheilt. Hauptstadt des Landes, Sitz derRegierung u. des Congresses rc. ist Santiago deChile. Verfassung u. Verwaltung: CH. istnach der am 25. u. 27. Mai 1833 beschworenenConstitution eine unabhängige Republik; alle Sou-veränen ruht im Volke; die Verfassung ist reprä-sentativ. Die Presse ist frei; persönliche Freiheitu. Eigenthum gewährleistet; Briefgeheimniß unver-letzlich ; polizeiliche Ueberwachung findet nicht statt.An der Spitze der vollziehenden Gewalt steht einPräsident, vom Volke auf 5 Jahre gewählt, zumzweiten Mal auf fernere 5 Jahre wieder wählbar;ihm zur Seite steht das von ihm ernannte Staats-ministerinm: Inneres u. Äußeres (Staatssekretär,zugleich Vice-Präsident), Justiz, Cultus u. öffent-licher Unterricht, Finanzen, Krieg u. Marine; sowieein Staatsrath, bestehend aus den Ministern, zweihöheren Gerichtsbeamten, einem Bischof, einemGeneral oder Admiral, einem Steuer-Chef, zweiEx-Ministern u. zwei Ex-Jntendanten; an derSpitze der Verwaltung jeder einzelnen Provinzsteht ein vom Präsidenten ernannter Intendant,ein Oberbefehlshabern. Steuerchef. Die gesetz-gebende Gewalt übt ein Congreß (OonArssonaoionai) aus, bestehend ans dem Senat von 20 aus9 Jahre gewählten Mitgliedern u. der Deputirten-kammer (1 auf je 20,000 Ew. mit 3jähriger Amts-Lauer). Zur Wählbarkeit für den Senat sind 36Jahre u. 2000 Pesos jährliche Einkünfte, für dieDeputirtenkammer 21 Jahre (wenn verheirathet),oder 25 Jahre (wenn unverheirathet) u. 500Pesos jährliche Einkünfte erforderlich; die Wahlzum Senat ist indirect, zur Deputirtenkammerdirect. Diäten erhalten nur die nicht in Santiagowohnhaften Congreßmitglieder (kaum die Hälfte);Budget n. das Recht, Krieg u. Frieden, sowie Staats-u. Handelsverträge zu schließen, gehört zur Compe-tenz des Congresses. Die Sitzungen währenjedesJahr vom 1. Juni bis 31. August; die übrigen9 Monate überwacht ein Ausschuß von 7 Sena-toren (Lommisoion eonssrvackors.) die Verfassung.Die richterliche Gewalt wird durch 22 Magi-straturas geübt; sie sind verantwortlich und nurkraft richterlichen Erkenntnisses absetzbar. Ober-appellationsgericht zu Santiago; Appellaiions-gerichte zu Serena u. Concepcion; unterste In-stanz in Städten die Cabildos, in Dörfern dieAlcalden; bei Preßvergehen werden Geschworene zu-gezogen. Finanzen: nach dem Budget für 1874:Einnahme: 14,260,310 Pesos (ä 5 Fcs. — 4 Ll),zur Hülste von den Zöllen; Ausgaben 16,009,183Pesos. Die Staatsschuld belief sich Ende 1872auf 53,897,022 Pesos. Bewaffnete Macht:a) Linientruppen: etwa 3216 Mann, mit 9 Gene-ralen u. 10 Obersten, b) Nationalgarde (Infanterie,Cavalerie u. Artillerie) 35,092 M.; außerdem istbeim Ausbruch der Feindseligkeiten gegen aus-wärtige Mächte jeder Chilene zum Kriegsdiensteverpflichtet, ausgenommen Geistliche n. Richter.Die Seemacht zählte 1874 14 Schiffe mit 120Geschützen. Nationalflagge: zwei gleich großehorizontale Streifen, der obere halb getheilt, ander Seite des Flaggenstockes blau mit weißemStern, außen weiß, der untere roth. Wappen:«in quergetheilter Schild, oben blau, unten roth,mit einem fünfeckigen silbernen Stern in der Mitte,
gehalten von einem gekrönten Condoru. einem gekrön-tenHuamn(6srvrisebiisllsis). Religion: Staats-religion ist die römisch-katholische unter einem Erzbi-schofzuSantiago u.Bischöfenzu Serena, Concepcionu. Ancud (San Carlos); die niedere Geistlichkeit istwenigzahlreich; von geistlichen Orden finden sich na-mentlich Augustiner, Franciscaner u. Dominicanern,deren Klöster. Alle anderen Culte haben seitdemam 27. Juni 1865 angenommenen Toleranzge-setze frei Religionsausübung, und die Errichtungvon Schulen ist auch den Nicht-Katholiken gestattet.Für Schul- u. höheren wissenschaftlichenUnterricht bestehen zu Santiago eine Universität(die alte Universität San Felipe, 1842 reorgani-sirt, zugleich oberste Aufsichtsbehörde des gesamm-ten Unterrichtswesen der Republik; an derselbenlehrten 1857 allein 5 deutsche Professoren, wieüberhaupt das deutsche wissenschaftliche Elementin CH. von großem Einfluß ist), ein National-institut (Lyceum), zwei Kollegien oder Seminarien,Militärakademie, Bergbauakademie, Handelsaka-demie, Zeichnen- und Malerakademie, Ackerbau-schule, ferner Normalschulen und Kollegien inallen Provinzialhauptstädten, sowie zahlreiche Ele-mentarschulen im ganzen Staate; Sternwarte(1849 gegründet), öffentliche Bibliothek, naturhisto-rische Sammlungen rc.; die herrschende Sprachtist die spanische. Sociale Zustände: die ge-summte weiße Bevölkerung zerfällt fast nur in iStände: Reiche (namentlich große Grundeigen-thümer) n. Arme; eine wohlhabende eigentlicheMittelklaffe fehlt fast gänzlich. Die Chilenen sindkräftig u. gut gebaut, von mittlerer Größe u.ziemlich gebräunt, die Frauen schlank und leiden-schaftlich; die Kleidung größtentheils europäisch,doch fehlt der indianische Mantel (Poncho) selten.Die Frauen verstehen es, mit vielem Geschmackindianische n. europäische Moden zu verschmelzen.Die Sicken sind einfach; Gastfreundschaft u. Zu-vorkommenheit sind Hauptcharakterzüge; Musik n.Poesie sind geliebt; Rohheiten, Schlägereien, Trunk-sucht, Diebstahl, Mord u. Brandstiftungen sindhöchst seltene Ausnahmen; Thüren und Fensterwerden selten verschlossen. Den Kindern wird vonfrühester Jugend an viel freier Wille gelaffen;ebenso einfach wie die Sitten ist die Kost, dochliebt man starke Gewürze, namentlich den spanischenPfeffer. Ackerbau wird bei der üppigen Boden-beschaffenheit u. wegen des reichen Ernteertragesseit den letzten Jahren immer stärker betrieben, sodaß die Ausfuhr der landwirthschaftlichen Produktedie des Bergbaues schon übertrifft. Am meisten wirdgebaut Weizen, dann Mais u. Gerste, Kartoffeln,Bohnen (ein Hanptnahrnngsmittel) u. Kohl; derWeinbau steht verhältnißmäßig noch auf niedererStufe, obwol die Trauben aufs Üppigste gedeihen;ein bedeutender Fortschritt macht sich in neuesterZeit aber auch hier bemerklich. Vieh- (sowolRindvieh- u. Schaf-, als Pferde-) Zucht großartig;einzelne große Grnndeigenthümer besitzen bis zu
12.000 Stück: im Ganzen sind über H Mill. Stiick ^Rindvieh, über 1 Mill. Schafe und Ziegen, fast i
200.000 Pferde gezählt. Die Industrie ist kaumvertreten, selbst an den nothwendigsten Handwerkernist großer Mangel; fast alle Bedürfnisse werdenaus den Bereinigten Staaten u. Europa bezogen.