Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
954
Einzelbild herunterladen
 

954

Naturwissenschaften.

ebenfalls berücksichtigt haben. Dagegen ließe sich, wenn Zeit zu einer gründlichenBehandlung der Mineralogie in Obcrclassen wäre, gewiß nichts einwenden, aberChemie, Physik und Mechanik sind hier viel wichtigere Lehrfächer, in den unterenClassen läßt sie sich nur so betreiben, wie etwa der praktische Bergmann sich mit ihrbekannt macht, und in dieser Weise würde sie den Schiller, der durch das Bestimmenvon Pflanzen und Thieren gewöhnt ist, sich der Gründe bewußt zu werden, warum ereine Art als die erkennt, die sie in Wirklichkeit ist, nicht befriedigen. Es ist zwar schönfür ihn, die Gesteine und Erden zu kennen, die den Boden bilden, auf dem diePflanzen wachsen, die er findet, aber so viel kann ohne eigentlichen Unterricht aufExcursioncn ihm leicht erklärt werden (s. Art.Naturgeschichte" S. 116). Auchlernt er gelegentlich des Unterrichts in der Chemie eine ziemliche Anzahl Mineralienals natürlich vorkommende anorganische Verbindungen kennen und hat hier wenigstensdurch die Berücksichtigung der chemischen Zusammensetzung ein wesentliches Unterschei-dungsmerkmal derselben. Man hat namentlich für Zoologie und Botanik, wenn mandie nöthige Zeit nicht zu haben glaubte,systematische Uebersichtcn" vorgeschlagen.Aber hierdurch lernt der Schüler die Thiere und Pflanzen nicht kennen, er wird nurmit dem System bekannt. Das System aber hat eigentlich gar keine reale Existenz,es existirt nur in der Wissenschaft, es ist von dem Forscher ersonnen, um Ordnungin die Vielheit zu bringen, und offen gestanden, das rechte ist noch gar nicht da. Mitdem Alphabet, nach dem die Wörter einer Sprache im Wörterbuch geordnet stehen,kennt man aber doch die Wörter noch nicht, sondern weiß nur, wohin die mit be-stimmter Buchstabenfolge im Wörterbuch gehören. Auch die Gattungen, die Fa-milien, die Ordnungen cxistiren nicht in der Natur, ihre Charaktere sind nur abstracteBegriffe und ihre Namen sind gleichsam Ueberschriften über Gruppen von all denArten, unter deren Eigenschaften die Merkmale, welche die Gattungs-, Familiencharaktereu. s. w. bilden, sich befinden. Nur die Arten mit ihren Varietäten existiren, denn wodurchsich die zu ihnen gehörenden Individuen unterscheiden, ist alles unwesentlich und erbtsich nicht sicher fort, aber auch ihr Bestand im Verlaufe längerer Zeiten ist angezweifelt.An sie also, wie sie jetzt wenigstens bestehen, muß sich das Studium halten, das Systemmit den Charakteren der höheren und niederen Gruppen ist nur Mittel, die Arten zuordnen und das Wiedererkennen, das Bestimmen zu erleichtern; beim Mittel aberstehen bleiben führt sicher nicht zum Zweck. Deshalb ist auch mit der Kenntnis vonRepräsentanten, wenn sie, was ihr Name sagt, die Träger von Familien- oder Ord-nungscharakteren rc. und so die Vertreter der dahin gehörigen Artcngrnppcn sind, nichtviel anzufangen. Die Kenntnis dessen, was größeren Gruppen von Thieren undPflanzen oder allen gemeinsam ist, die allgemeine Zoologie und Botanik, hat in derWissenschaft allerdings ihre volle Bedeutung, man darf sich aber nicht darauf beschränken,man muß an die Naturkörper selbst herantreten und an dem lebenden Einzelnen seinStudium des Allgemeinen machen, man wäre sonst in Gefahr, vor lauter Wald dieBäume nicht zu sehen. Es klebt einem solchen Verfahren, das sich bloß mit systema-tischen Uebersichtcn und Repräsentanten beim Unterricht zu schaffen macht, immer einStück Buchwissen an. Nur der vollen hingebenden Betrachtung des Einzelnen undGanzen erschließt sich die Natur, wie sie wirklich ist. Deshalb sind auch die natur-wissenschaftlichen Exkursionen*) von so bedeutender Wichtigkeit, sie sorgen dafür, daßüber der methodischen Untersuchung des Einzelnen nicht die unbefangene Anschauungdes Ganzen verloren geht. Die durch die Wissenschaft zurecht gelegte Natur, die manim Zimmer studiren kann, darf nicht den Sinn und Blick für die große freie lebendigeNatur verderben. Eine vielfach vertheidigte und auch ins Leben geführte Ansicht istendlich die, daß die einzelnen Gebiete inwiederholten, von einander getrenntenEnrsen" zu lehren seien.**) Es hat dieselbe wirklich manches für sich. Die verschie-

*) Das Nähere über diese behandelt der ArtikelNaturgeschichtliche Excursioneu."

**) Wenn auf den österreichischen Gymnasien die naturwissenschaftlichen Fächer in solchen von