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Naturwissenschaft»,
womit er zur Bestimmung der Pflanze oder zur Einsicht in den chemischen oder phy-sikalischen Hergang wirklich gelangt. Er bleibt nicht dabei stehen, daß er etwassieht, sondern es knüpfen sich Urtheile und Schlüsse an das Gesehene, und auchmit dem, was er sieht, ohne danach zu suchen, versucht er eine Denkoperation.Das ist ein anderes Sehen, ein viel bewußteres, könnte man sagen, als wenn ersonst das Auge auf etwas richtet. Für diese Art des Sehens, das nicht bei dembloßen Sinneseindruck stehen bleibt, sondern weiteres an ihn anknüpft und dasauch nicht-bloß auf das, was der Zufall dem Auge gegenüber bringt, sondern aufBestimmtes zu bestimmtem Zweck gerichtet ist, für diese planmäßige Sinneswarnehmung,für die Beobachtung giebt ihm kein weiteres Lehrfach, als die die Natur betreffendendie rechte volle Gelegenheit. Und wenn er hierzu richtig angeleitet wurde, so fehlt esnicht, daß er Freude an dieser Thätigkeit gewinnt, er wiederholt sie gern und ausfreien Stücken, denn sie bringt ihm immer Neues, er gewinnt die Natur und was siebietet lieb und erlangt dadurch wieder einen Sporn, der ihn zu weiteren solchenBeobachtungen treibt, und wenn sein Lehrer ihn verläßt und die Schule ihn nichtmehr anhält, so ist er doch gewonnen für die Naturbeobachtung und wird sich nichtleicht mehr von ihr trennen. Es hat sich ihm eine Welt erschlossen, die reicheAnschauungen und Erkenntnisse seinem Geiste darbietcn und die in edelster Weise seinGemüth fesseln wird, während der, dessen Sinneswarnehmung nicht cultivirt wurde,keine Ahnung davon hat, was er in der Natur finden könnte, und auch, wo es sonst,etwa im Menschenleben, erfordert wird, scharf und sicher zu beobachten, wird seinwohlgeübter Sinn ihn nicht im Stiche lassen.
Wenn schon allein die Ausbildung der Sinne und ihre Erziehung zur planmäßigenBeobachtung eine dem jugendlichen Alter angemessene Beschäftigung mit den Dingender Natur als nothwendig fordert, so tritt als zweiter Grund für die Aufnahme natur-wissenschaftlicher Studien in den Gang der Jugendbildung hinzu der weitere Einflußder exacten Methode, die die naturwissenschaftliche Forschung in der Aufsuchung desZusammenhangs der Einzelhergänge in der Natur, in der Aufstellung der gemeinsamenNormen, nach denen sie stattsinden, und in der Ermittlung der zu Grunde liegendenUrsachen befolgt, nicht nur auf die geistige Erziehung, sondern mittelbar auch auf dieLäuterung des Charakters. Dadurch, daß der jugendliche Geist in ihr geübt wird,gewöhnt er sich an scharfes, streng logisches Denken,*) er lernt das Wahre von demHalbwahren unterscheiden, er erlaubt der Phantasie nicht, ihn von dem stricten Wegder an die richtig vollzogenen Beobachtungen sich anreihenden Schlußfolgerungen ab-zulenken, sondern knüpft an sie nur gerade das an, was an sie angeknüpft werden kann,er lernt der als feststehend erkannten Thatsache eine Ansicht, die er gern aufrechterhalten möchte, zum Opfer bringen, er sucht diese sicher gehende Weise zu seinem
*) Es ist dies nicht so zu verstehen, als wäre nicht auch in anderen Wissenschaften einscharfes, streng logisches Denken nothwendig. Im Gegentheil, ein Denken, finde es in irgendeiner Wissenschaft, im Leben oder sonst wo statt, das nicht streng logisch ist, ist kein rechtesDenken, und alle genaue, gründliche und sichere Erkenntnis, durch Denkoperationen gewonnen,ist mir Resultat eines streng logischen Denkens. Darin jedoch unterscheiden sich die Naturwissen-schaften von den übrigen Wissenschaften, daß in ihnen sich eine Abweichung von dem strenglogischen Denken sogleich aufs empfindlichste rächt. Beim Bestimmen eines Thiers oder einerPflanze macht der leiseste Jrrthnm das ganze Verfahren illusorisch, ein ganz geringes Versehenbei einer chemischen Untersuchung läßt das Resultat werthlos werden, und ebenso eine unbedeutendeTäuschung oder eine noch so kleine Abweichung von dem richtigen Gang in den Urtheilcn undSchlüssen, die an eine Beobachtung angeknüpft werden, wird rückwirkend und stellt die Beobach-tung selbst, die für sich richtig war, in ein falsches Licht. Deshalb verlangen die Naturwissen-schaften eine solche Schärfe und Genauigkeit und deshalb ist die bei ihnen zur Anwendungkommende exacte Forschnngsweise eine so strenge Schule für den jugendlichen Geist. Unter denübrigen Wissenschaften bat diese Eigenthümlichkeit in dem Grad nur die Mathematik mit ihnengemein.