Pädagogik des Alten Testaments.
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in Israel die pädagogische Reflexion erwacht war. Im allgemeinen aber gilt von derPädagogik des A. T. das Gleiche, was von der Theologie desselben, daß es nämlichverhältnismäßig nicht vieles in der Form eigentlicher Lehre gibt, dagegen in dengeschichtlichen Thatsachen, welche es vorführt, in den Ordnungen und Lebensgestalten,die es erzeugt, eine Fülle von Lehrinhalt ausprägt. Ist doch die ganze alttestament-liche Offenbarung selbst eine große göttliche Pädagogik, ein Gesichtspunkt, unterden seine geschichtliche Führung zu stellen, Israel ausdrücklich angewiesen wird (5 Mos.8, 5.), und der ebenso wieder im Neuen Testament für die Bestimmung seines Ver-hältnisses zum Alten maßgebend ist (Gal. 3, 24. f.; 4, 1—7.). Wie nun z. B. diealttestamentliche Bedeutung der Ehe mehr noch, als aus den ausdrücklichen Ans-sprüchen hierüber, daraus zu erkennen ist, daß der Bund Gottes mit seinem er-wählten Volke als ein ehlicher angeschaut wird, ebenso ist, wie das A. T. das Eltern-und Kindesverhältnis aufgefaßt wissen will und in welches Licht von ihm Weg undZiel der Erziehung gestellt wird, vor allem zu lernen an der alttestamentlichen Ideeder Vater- und Sohnschaft Gottes, an der Erziehung des Erstgeborenen, den Gottaus Egypten gerufen (2 Mos. 4, 22.; Hos. 11, 1.), an der Führung der Kinder,die er zwar, nachdem er sie großgezogen und in die Höhe gebracht (Jes. 1, 2.), umihrer Untreue willen verstoßen (5 Mos. 32, 19. s.), aber auch so nicht aufgegeben hat,vielmehr durch das Gericht hindurch zur Wiederaufnahme in das Kindesrecht leitet(Jer. 31, 20.), bis in der freien Gotteskindschaft des Neuen Bundes das Ziel dergöttlichen Erziehung erreicht ist. Im Zusammenhang mit dieser Führung des Volkeswird nicht bloß in der providentiellen Leitung jedes einzelnen ebenfalls eine göttlichePädagogie erkannt (vergl. z. B. Ps. 32, 8.; Spr. 3, 11. f.), sondern es empfängtdorther auch alle menschliche erziehende Thätigkeit Norm und Antrieb. — Aus demGesagten erklärt es sich, daß die alttestamentliche Geschichte, wie Rosenkranz(S. 192) mit Recht bemerkt, von „pädagogisch interessanten Situationen und Charak-teren als ewigen Exempeln" voll ist und so eine wahre Fundgrube pädagogischer Weisheitbildet. Und unter denselben Gesichtspunkt, wie die geschichtliche Führung Israels, sindauch die unter diesem Volke aufgerichteten theokratischen Ordnungen zu stellen; sie allesind, was v. Zezschwitz (S. 226) von der Beschneidung und der Taufe Johannissagt, „pädagogische Mittel in dem großen Weltkatechumenat, den Gott in seinem VolkIsrael darstellte zur Vorbereitung auf den Eintritt des Christenthums." Wir schließenhiernach in die Aufgabe der alttestamentlichen Pädagogik wesentlich auch dies ein, diegöttliche Erziehungsweisheit aufzuzeigen, die in der Geschichte und den Institutionendes Alten Bundes sich ausgeprägt hat, indem erst hiedurch die Gestaltung der Erziehungin Israel in das rechte Licht tritt, wie auch in Israel selbst die pädagogische Theorie,welche einen Theil der alttestamentlichen Chokma bildet, an der Betrachtung der gött-lichen Ordnungen und Wege sich entwickelt hat.
Durch das bisher Ausgeführte ist bereits auch der Standpunct angedeutet, vonwelchem die folgende Darstellung ausgeht. Schon in dem Namen „Pädagogik desAlten Testaments" ist ausgedrückt, daß wir es hier nicht mit einem Erzeugnis dernatürlichen Entwicklung des hebräischen Volksthums, sondern mit einem Product derOffenbarung zu thun haben. Wenn auch die theokratische Erziehung an die natürlichenLebensverhältnisse des Volkes und an die ererbte Volkssitte anknüpft, so hat sie dochals theokratische ihre Wurzel nicht in dem Naturgrund des Volkslebens, ist also nichthebräische Nationalerziehung in dem Sinn, in dem man von einer griechischen undrömischen redet, ist vielmehr den Systemen der Nationalerziehung principiell entgegen-gesetzt. Hat doch der natürliche Volksgeist des alten Israels aus eigenen Mittelnüberhaupt auf keinem Gebiet menschlicher Cultur etwas erarbeitet, was ein wahrhaftgeschichtliches Leben gehabt hätte. Auf jeden derartigen Nationalitätsruhm soll Israelverzichten. Seine Herrlichkeit hat es nur als das durch die freie ErwählungsgnadeGottes ins Dasein gerufene Bundesvolk (5 Mos. 7, 7.; 32, 6.; Jes. 43, 15., 21.; 44,