Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
629
Einzelbild herunterladen
 

Pädagogik.

629

wünschen übrig ließen, so würde schon ihr einmaliger Vollzug den bleibenden Besitz ver-bürgen. Sofern dies nicht der Fall ist, so ist Wiederholung nöthig, doch so, daß dabei dieseEnergie und Vollkommenheit sich wirklich steigern. Sobald die Aufmerksamkeit ermattet,die Erfassung unvollständig und oberflächlich wird, so schadet die Wiederholung derErkenntnis und ihrer wahren Aneignung. Die Anschauung muß daher in ihrer unwill-kürlichen Lebendigkeit und Innigkeit und in ihrer vollen Objectivität reproducirt werden;der Begriff muß sich wiederholt vollziehen in der vollen Activität des denkenden Be-wußtseins zugleich mit einer lebendigen Erinnerung an die entsprechenden Anschauungen,woraus er erwachsen. Die höchste und vollste Thätigkeit der Seele aber erfordert dieIdee; vor allem und dies ist ihr allein eigen die Wiederholung jener zugleich ob-jekiven wie subjectiven Erhebung zur innern Einheit des Bewußtseins mit dem an sich Wah-ren und ursprünglich Lebendigen, welche den Glauben ausmacht, und diese Wiederholunghat nicht bloß gelegentlich, sondern in täglicher Jnnigung, rein um der Wahrheit unddes durch sie gegebenen göttlichen Lebens willen, zu geschehen. Man darf dies Andacht,ja Gebet nennen; denn jede Idee ist ein Schöpferwort Gottes. Hierbei ist die Klarheitder begrifflichen Erkenntnis, als die objective Seite des Glaubens, eingeschlossen; denndie Begriffe, obschon sie in der Entwicklung unseres Bewußtseins von den Anschauungenausgehen, sind doch an sich das in Objectivität aufgefaßte Gesetz der Idee selbst, dieWeise ihres Lebens, und das Bewußtsein der Idee kann sich nicht wiederholen ohnedie denkende Neproduction der zugehörigen Begriffe, die jetzt freilich, psychologisch ge-nommen, nicht mehr als bloße Begriffe erscheinen. Auch die Anschauung ' betheiligtsich wie bei der Erweckung, so bei der Aneigung der Ideen. Gebilde idealer Phantasie,in Kunstwerken dargestellt, können durch wiederholte Anschauung auch den Besitz derIdee, woraus sie entsprungen, wenigstens von der objectiven Seite, in uns fester be-gründen. Von ernsterer und tieferer Wirksamkeit aber sind Anschauungen wirklichen,gegenwärtigen oder vergangenen Lebens, das der Idee entspricht. Wie der Begriff,im Lichte der Jvee, von seinem hypothetischen Charakter befreit, zur Erkenntnis einesabsoluten Gesetzes wird, so bleibt nun auch die Anschauung, nachdem ihre Idee erkanntist, philosophisch genommen, nicht bloße Anschauung, sondern nimmt Theil nicht nuran der Klarheit des Begriffs, sondern auch an der unbedingten Würde und Geltungder Idee. Sooft wir sie wiederholen, erzeugt sich auch diese wieder in uns. Die Wichtig-keit dieses Verhältnisses für die religiöse und sittliche Bildung leuchtet ein. Fragenwir noch, wie zu dem Gesagten der Begriff des Gedächtnisses und insbesondere dessen,was wir Auswendiglernen nennen, sich verhalte. Gedächtnis scheint ursprünglich ganzim allgemeinen, ohne Unterschied der Erkenntnis arten, den intellectuellen Besitz, dasfortwährende Gedachtwerden eines Gegenstandes in mir zu bezeichnen, der zwar nichtimmer dem selbstbewußten Augenblick der Gegenwart angehört aber stets bereit ist,durch Erinnerung in das volle Bewußtsein zurückzukehren. Allein der herrschende Ge-brauch des Wortes hat sich auf die concrete Objectivität der Anschauungswelt beschränkt(allerdings nicht bloß der äußern), und es ist daher nicht zufällig, daß gerade Pesta-lozzi auch das Gedächtnis wieder zu Ehren brachte. Wie in der Anschauung nur dieAufmerksamkeit ein Moment der Selbstthätigkeit ist, die Erfassung aber hier, abgesehenvon etwa nöthigen begrifflichen Erläuterungen, sich durch das Object selbst in reinreceptiver Weise im Bewußtsein vollzieht, so denkt man auch bei der gedächtnismäßigenEinprägung an keine andre Selbstthätigkeit als an die der wiederholten Aufmerksamkeit,weshalb es eben so widersprechend wie unfruchtbar ist, Begriffe und Regeln, derenPerception wesentlich auf der Selbstthätigkeit des Denkens beruht, mit dem bloßenGedächtnis festhalten zu wollen. Das Auswendiglernen ist eine ganz bestimmte An-wendung des Gedächtnisses; man prägt die Bezeichnung, insbesondre die sprachlicheeines Gedankenkreises ein und verknüpft ihn selbst dadurch auf vermittelte und äußer-liche Weise mit dem Bewußtsein. So kann man nicht nur Anschauungen, sondern selbstMathematische Formeln, grammatische Regeln, ja Glaubenslehren gleichsam an sich an-