628
Pädagogik.
des gewirkten Lebens, sondern als Leben schaffende, ursprüngliche Aktivität, so daß sieselbst der Kraftmittelpunct des endlichen Lebens wird, sofern der Mensch sie im Glaubenund in der Liebe ergreift und sein Ich mit ihr identificirt. Begriff und Idee werdenoft verwechselt; aber der höchste und zugleich leichteste Begriff ist etwas, die höchsteund zugleich schwerste Idee ist Gott.
Die subjektive Seite des Erkennens ist das Fürwahrhalten oder der Glaube.Es kann als ein Widerspruch erscheinen, wenn der objektivsten Function unsers Seelen-lebens, welche es doch mit der Wahrheit als solcher zu thun hat und alle subjektivenBeimischungen zurückweist, eine subjektive Seite zugeschrieben wird; und es erklärt sichvielleicht aus diesem Scheine, wenn einige Denker dem Glauben als psychologischemMomente allzuwenig Beachtung schenken, andre dagegen, denen seine große Bedeutungnicht entgangen, ihn von der Erkenntnis ganz trennen und für eine rein subjektiveErscheinung und Gabe erklären möchten. Der Glaube aber ist nicht ein zur Erkenntnisgleichsam hinzugebrachter subjektiver Act, sondern er ist die durch die Wahrheit in unserzeugte Subjektivität, er ist die Subjektivität, d. i. die principielle Kraft der Wahrheitselbst, in uns zu der unsrigen geworden. Die Wahrheit gewinnt uns, im genauenWortverstande; wie wir mit ihr ursprünglich in der Vernunftanlage eins sind, werdenwir es jetzt, indem wir glauben, in persönlicher Wirklichkeit. Dies gilt unmittelbarfreilich nur von den Ideen. Die Gewißheit der Sinnenwelt als eines selbständigenund reellen Lebenskreises scheint eine rein objektive zu sein, das Fürwahrhaltcn einabgenöthigtes oder ein sich ohne weiteres Besinnen von selbst verstehendes, sobald Auf-merksamkeit und Beobachtung mit gehöriger Schärfe und Genauigkeit ihr Werk gethan.Jedoch eine nähere Untersuchung zeigt, daß ohne allgemeine Voraussetzungen principiellerArt, namentlich ohne Anwendung des Causalitätsbegriffes die Bilder der Sinne unsebensowenig wie die der Phantasie von dem Dasein eines reellen Lebens außer unsüberzeugen würden. Aber jene Voraussetzungen sind unbewußt und mögen deswegenWohl Gefühl aber nicht Glaube genannt werden. Das begriffliche Denken andrerseitsist zwar vollkommen bewußt; aber die Begriffe, da sie abstrakt und gleichsam nurSchattenrisse des Seins sind, mir die Regel, „die Weise von dem Ding" (wie Ratichsagte) geben, können sich nicht selbst bewähren, die folgerichtigste Verkettung derselbenbleibt hypothetisch, wenn sich ihr Anfangspunkt nicht entweder an die Wirklichkeit derAnschauungswelt oder an die höhere der Ideen anlehnt. Nur diese bewähren sich selbstund gewinnen unser selbstbewußtes Leben, nachdem sie zuvor in Gefühl und Ahnungsich geltend gemacht haben. Doch findet der unmittelbare Glaube in zweifellosesterGewißheit und zu vollster persönlicher Freiheit nur in der Erkenntnis Gottes seinenPlatz, welche allein im Stande ist, jeden Rest des Zwiespalts zwischen dem Ich undseinem idealen Inhalt (wie ein solcher z. B. bei den Alten auch während der höchstenMacht und Blüte der Vaterlandsidee noch blieb) zu tilgen, und mit der völligsten Hin-gebung und Unterordnung zugleich die vollkommenste Befriedigung des Selbstbewußtseinsund die reinste Harmonie des Seelenlebens zu begründen.
Die pädagogische Erkenntnislehre hat noch von den Momenten zu reden, in welchensich die Erkenntnis vollzieht, sofern sie ein Proceß unserer Thätigkeit ist. Diese Mo-mente sind Aufmerksamkeit, Erfassung (Perception) und Aneignung. Es istnicht nöthig, über Wesen, Ideal und Bedingungen der ersten beiden dieser Acte unszu verbreiten; es besteht hier unsers Wissens keine wesentliche Differenz unter den Theo-retikern. Nur über die Aneignung erlauben wir uns wenige Worte. Die Kraft, wodurchErkenntnis irgend welcher Art angecignet, d. i. zu einem bleibenden Besitz der Seelegemacht wird, kann nur die nämliche sein, wodurch sie für uns entstanden ist und sichvollendet hat. Dies ist die Anwendung eines allgemeinen Lebensgesetzes, ohne dessenBeachtung alles Leben, bei dem eifrigsten Bemühen es zu erhalten, uns unter der Handverloren gehen muß. Es kommt also bei der Erkenntnis auf die Energie der Auf-merksamkeit und auf die Vollkommenheit der Perception an, und wenn beide nichts zu