Pädagogik.
617
anznschließen; er kann weder die Idee zu dem Stoffe, noch den Stoff zn der Ideenach seiner Willkür wählen; er hat vor allem sich und sein Streben mit der gegebenenEinheit beider wahrheitsgemäß in hingebender Treue des nachbildenden Gedankens undder aufnehmenden Liebe und Sorge übereinstimmend zu machen, das Leben gleichsamin Gemüth und Willen zu adoptiren, und er wird auf diese Weise in beiden Fällen,mag er bloß erhalten und fördern oder etwas neues schaffen, sowohl dem Stoffewie der Idee, d. i. beiden im Vereine dienen, wenn schon das eine Mal mehr derStoff, das andere Mal mehr die Idee in seiner dienenden Thätigkeit vorantretenmag. Wir können diese Künste, welche es mit dem Lebendigen zu thun haben, nacheinem von K. Ehr. Fr. Krause eingeführten Sprachgebrauchs innige Künste nennen,wegen des innigen Anschlusses an das gegebene Leben, welchen sie fordern und inWelchem das Grundgesetz ihrer Methode liegt. Man könnte sie auch dienende Künstenennen. Sie haben von dieser Seite betrachtet, jenen freiherrschenden Künsten derPhantasie gegenüber nothwendig den Charakter der Bescheidenheit; jenes stolze Ge-fühl der frei aus dem Innern gewählten Idee und der unbedingten Beherrschung einesnach bloßer Zweckmäßigkeit gewählten Stoffes bleibt ihnen fremd; je höher der Stoff,den sie zu bearbeiten haben, mit seiner inwohnenden Idee in der Reihe der lebendigenWesen steht, desto weniger ist daS subjective Walten der Phantasie und Neigung,desto weniger der Despotismus des Meißels hier zulässig. Die Würde aber und daseigentümlich Erhebende in diesen Künsten liegt in der Größe der Aufgabe und indem Bewußtsein der Einheit mit einem höhern schöpferischen Witten.
Die Mannigfaltigkeit der innigen Künste bestimmt sich nach den Gebieten undStufen des Lebens in Natur und Menschenwelt. Der Gärtner und seine Berufs-verwandten sind innige Künstler in niederer Stufe, ebenso die, welche Thiere anf-ziehen und «brachten. Die höhere Bedeutung der innigen Kunst, ihre Würde undEhre tritt erst da hervor, wo der Mensch zum Objecte derselben wird. Ein Künstlerdieser Stufe ist der Staatsmann im weitesten Sinne des Worts, mag er Völker undReiche oder kleinere Kreise, wie Gemeinden, gut regieren, ein solcher ist der Seel-sorger und Vorsteher einer christlichen Gemeinschaft, ein solcher der Lehrer und Mcn-schenbildner jeder Art, insbesondere der eigentliche Erzieher. Aber nicht bloß durch dieGröße und den Werth des Zweckes unterscheiden sich alle diese von jenen andern,welche Pflanzen und Thiere zum Object nehmen, sondern eben so sehr auch durch dieTiefe in ihrer Einwirkung und, was damit zusammenhängt, durch das Verhältnis,welches ihre Persönlichkeit und ihr eignes inneres Leben zn dem Objecte einnimmt.Denn der, welcher Pflanzen zieht, dringt mit seinem unmittelbaren Einflüsse in dasInnere ihres Lebens nicht ein; er muß dies dem Walten der Natur überlassen, welcheser nur durch Vermittlung äußerer Bedingungen unterstützen kann. Er vermag nichtmehr zu leisten, weil das Wesen der Pflanze seinem eigenen Wesen zu fern steht,als daß er in Lebensgemeinschaft mit ihr zu treten vermöchte. Nicht viel näher stehtuns das Wesen der Thiere; auch hier fehlen die Kräfte eines wahrhaft persönlichen,innerlich freien Lebens nach Art des menschlichen, und die gegenseitige Aufnahme bleibtunvollkommen; von eigentlicher Geselligkeit kann nicht die Rede sein. Ganz andersder Mensch in seinem Verhältnis znm Menschen. Wir haben an einander unsersgleichen, es ist dasselbe Wesen und Leben, das wir alle in uns tragen, und da wirunS als freie, geistige Wesen, je mehr wir wahrhaft Mensch sind, über die Grenzenunserer Individualität erheben können, ohne sie aufzuheben, so daß wir selbst fremdeIndividualitäten in uns nachznbildcn im Stande sind, so können wir gegenseitig unseinander vollkommen in Bewußtsein, Willen und That aufnehmen durch Vermitt-lung der gesammten sinnlichen Erscheinung und ganz besonders der Sprache, derenGemeinsamkeit selbst der sprechendste Beweis der innern Einheit der Menschen untereinander ist. So sind wir nun auch im Stande, uns gegenseitig an einander unddurch einander zu bilden, nicht etwa nur im Aeußern, sondern wesentlich und zuerst im