Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
601
Einzelbild herunterladen
 

Ortskunde.

601

Bezeichnung Ortskunve in diesem erweiterten Sinne mit H'eimatskunde znsammen-fallen, als der 5lenntnis des Wohnortes und seiner nächsten Umgebungnach den oerschiedenen Beziehungen und Richtungen, wie sie für denBildungsgrad des Schülers zulässig sind.

Demnach wird die Heimatskunde, was ihren Inhalt betrifft wir haben hiervorzugsweise die Volksschule im Auge Naturgeschichtliches enthalten, die Naturkörperaller drei Reiche vorführen, soweit sie die Heimat betreffen; sie wird aus die Erschei-nungen des Luftkreises aufmerksam machen und sie, so weit es möglich ist, aus derNaturlehre erklären; sie wird den Himmel betrachten und nach Bedürfnis den Gangund die Veränderungen der Himmelskörper an Modellen zu veranschaulichen suchen,außerdem aber die Lage und Beschaffenheit des Wohnortes und der Umgebung, die He-bungen des Bcdens, den Lauf des Baches oder Flusses beachten, und endlich das Lebender Bewohner nach den den Kinderjahrcn zugänglichen Beziehungen und den Wohnortselbst nach seiner geschichtlichen und politischen Stellung in ihren Kreis ziehen; sie wirdmit einem Worte ans das enge Gebiet der Heimat beschränkt alles das enthalten, wasman unter Weltbünde, als den coucentrisch erweiterten Kreis der Heimatsknnde zuverstehen pflegt. So viel und so vielerlei dies auch zu sein scheint, so sind es dochnur Verhältnisse, in denen jeder lebt; Dinge, die tagtäglich an uns vorüber gehenoder im Verlauf eiues Jahres regelmäßig wiederkehren, und es dürfte doch der MüheWerth sein, sic in der Volksschule der Beobachtung zu würdigen. Wie viele Menschengehen nicht bloß an den Wunderwerken der Natur, sondern auch an andern Dingen, dieder Beachtung Werth sind, vorüber, weil man sie nicht darauf hingewiesen, weil mansie nicht sehen gelehrt hat. Das sollte denn neben anderem die Schule zu erreichensuchen, daß der Schüler ans etwas achten lernt, weil cs nur dadurch möglich wird, dieDinge in der Welt kennen und richtig beurtheilen zu lernen. Hat der Schüler gelernt,auf das, was um ihn her vorgeht, zu merken, so wird er auch später seine Aufmerk-samkeit auf die Verhältnisse seiner Heimat überhaupt richten und fähig werden, sichüber die Zustände deS Einzelnen und der Gesammtheil und die Mittel, sie zu verbessern,ein Urthcil zu bilden. So wird er mit Bewußtsein eine Heimat besitzen und anihr sesthalten, da jeder Hügel, die Stelle am Bache, der Wald mit seinem geheimnis-vollen Rauschen ihm lieb geworden; mit Bewußtsein wird er die Heimat in sein Herzschließen, wenn die Vorzeit an seinem Innern vorübergeht, aus der so manche Denk-zeichen in seine Zeit hineinragen. Das werden wir von dem, der stumpfsinnig anallem vorübergeht, nicht zu erwarten haben, oder der vielleicht nur gewöhnt wurde mitseinen Kenntnissen in der Fremde herumzuschweifen, der aus Afrika und Amerika zuerzählen weiß vom Kolibri bis zum Nilpferd, und dabei vielleicht nicht einmal zehnGewächse seiner Heimat bei Namen rufen kann, am wenigsten es weiß, wozu sienützen; der Wohl weiß, wo Peking und Calcutta liegt, aber den Weg in die nächsteStadt nicht anzugeben weiß. Ans zweierlei ist aber hierbei zu merken: einmal, daß esbei dem Unterrichte über die Heimat nicht darauf abgesehen ist, die Schüler zu Natur-forschern oder Sternsehern zu machen; sodann, daß man nicht glauben darf, es sei mitder Heimat allein abgethan, und man habe nicht nöthig einen Blick in die Weite Fernezu thnn. Vielmehr wird es zur Vergleichung nothwendig sein, andere Länder undErdtheile mit ihren Eigcnthümlichkciten und Schönheiten zu betrachten. An dem Frem-den lernt man auch hier das Einheimische, so wie an dem Einheimischen das Fremdeverstehen, (ein Satz, der ja auch für die Muttersprache volle Geltung hat,) und es kannnicht fehlen, daß durch Vergleichung eine Ahnung von dem wunderbaren Zusammen-hänge im Naturleben und von der geistigen nnd religiösen Entwickelung der Völkerauch bei dem schlichten Manne geweckt wird.

Die Auswahl des Stoffes hängt nur von der Fassungskraft der Schüler und derKenntnis und Geschicklichkeit des Lehrers ab. Es gibt eine Menge Dinge, welche imallgemeinen wegen der dazu nöthigen Vorkenntnisse, oder weil sie, um überhaupt ver-