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5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
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Ordnungssinn, Ordnungsliebe.

das Unbekümmertsein um Einhalten der Zeit, um eine auf den Leib passende Kleidung,um Beisammenbleiben des Zusammengehörigen in Schulgeräthen, Spielsachen u. dgl.als angeborne Untugend auf, und gereicht andern zum Anstoße, sei es nun, daß dieWillkürlichkeit eines unbotmäßigen Charakters dahinter steckt, oder daß in solchemWesen nur die Kehrseite einer mit überwiegender Lebhaftigkeit nach anderen Seiten hingehenden Gemüths- und Geistesthätigkeit zu Tage tritt. In letzterer Form ist sienamentlich bei geistig originalen, productiven Naturen etwas so häufiges, daß manGenialität und Neigung, zur äußern, wo nicht auch Innern Unordnung als Corrclateanzusehen pflegt. Gewiß ist, daß die Entfaltung des Genies, als eines die gewöhn-lichen Schranken überhaupt durchbrechenden geistigen Lebens, auch die Schranken deräußern Ordnung als etwas werthloses erscheinen läßt, und daß der auf große Ver-hältnisse gerichtete Geist die Forderung, auch das Kleinste im äußern Leben zu beachten,als eine Beeinträchtigung seiner eigenthümlichen Thätigkeitsweise empfindet. DaßGenialität und Ordnungssinn nicht ohne weiters Antipoden sind, beweist u. a. GöthesBeispiel, der in seiner Jugend schon große Pünctlichkeit an den Tag legte und eine regel-mäßigeTageseintheilung sich zur Gewohnheit gemacht hatte; beweist das Beispiel Friedrichsdes Großen, der im ersten Puncte gleichgültig, im zweiten desto strenger war; beweistüberhaupt das Beispiel einer großen Anzahl der bedeutendsten Geister in der Welt-geschichte, welche vornehmlich durch den in Anwendung ihrer Zeit bewiesenen Ord-nungssinn das Mittel fanden, die umfassende Thätigkeit ihrer Kräfte zu entfalten, aufwelcher ihre weltgeschichtlichen Leistungen beruhten. Beispiele entgegengesetzter Art sindSchiller und insbesondere Jean Paul, dessen Erscheinung und Haushaltung bis zurGrenze des sittlich noch Möglichen gierig. Die Ursachen sowohl der günstigen alsder ungünstigen Naturbestimmtheit liegen ohne Zweifel mit in der körperlichen Organi-sation, wenn gleich bis in diese Tiefen des schaffenden Lebens der forschende Geistnicht mehr einzudringen vermag. Nicht minder hat man sich aber auch zu vergegen-wärtigen, daß die Beschaffenheit des Ordnungssinnes zu dem ganzen Organismuseines Geistes und Charakters in mehr als bloß zufälliger und äußerlicher Beziehung steht.Der Ordnungssinn ist nicht bloß, wie wir oben sagten, die günstige Bedingung, unterwelcher eine Persönlichkeit leichter zu geistiger Größe gelangt, er ist die ursprünglicheund selbständige Form, in welcher sich der geistige Inhalt ergießt, er ist das ancr-schaffene Tempo, in welchem sich der Geist bewegt. Niemand kann den Einfluß ver-kennen, den Göthes pünctliche und regelmäßige Natur auf seine genialen Producteausgeübt hat. Dieses Theilen uud Sondern, diese überall hervortretende Vorliebefür Schranke und Ebenmaß hat eben seinem dichterischen Schaffen den Charakter derKlarheit und Ruhe gegeben, ohne den er niemals Göthe geworden wäre, währendumgekehrt der üppig wuchernde Stil Jean Pauls die gänzliche Ungebundenheit seinerLebensweise als deutlichen Stempel an der Stirne trägt. Die mit Schranken- undFornilosigkeit verbundene Freiheit des Schaffens behauptet ihr Recht, zum Beweise,daß denn doch Geist und Materie, Inhalt und Form nicht schlechthin einander decken.Aber sie hat mehr den Werth einer Protestation gegen die Uebergriffe des Kamaschen-knopfes, als den einer selbständigen geistigen Lebenspotenz, da hingegen die Ordnungs-liebe als eine positive Tugend auch die höhere Stelle einnimmt.

Die Erziehungskunst hat von dem angegebenen Thatbestande den richtigen Ge-brauch zu machen, um den angeborenen Ordnungssinn zur Ordnungsliebe zu entwickeln,beziehungsweise ihn zu Wecken. Das erstere erscheint als pädagogisches Bedürfnis,weil angeborene Eigenschaften theils durch sittliche Erschlaffung, theils durch spätereseinseitiges Hervortreten anderer Momente Noth leiden, ja verschwinden, theils, wieoben bemerkt, eine falsche, wuchernde Richtung einschlagen können. Der Erzieher wirddem überwiegenden Triebe nach äußerer Ordnung nicht entgegentreten, vielmehr ihnmit steter Anerkennung behandeln, aber dem eigensinnigen Festhalten der Regel in derZeiteintheilung, bei welcher auch Pflichten der Liebe hintangesetzt werden, die gebührenden