Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
580
Einzelbild herunterladen
 

580

Oppositionsgeist.

zungenfertige Frechheit, welcher eine derbe und kurze Abfertigung gebührt, sich auspsychologischen Gründen nicht mit fener Originalität verbinden wird, deren Schonungwir empfehlen.

Uebrigens hat der Lehrer, welchem die Opposition edlerer Naturen häufiger vor-kommt, wenn er sie auch noch so leicht zu bewältigen weiß, dennoch stets Grund, auchbei sich selbst einzukehren, und sich die Frage zu stellen, ob seine Leitung auch dierechte ist. Auch der sattelfesteste Reiter eines edlen Rosses wird nicht jedes Stutzen,Bäumen und Ohrenspitzen seines Thieres für gleichgültig halten. Ter Erzieher aber,dem die Pflege einer Menschenseele anvertraut ist, soll sich nicht auf eine herzloseSicherheit in der Handhabung der Amtsgewalt verlassen, sondern er soll sich fragen,ob er fest im Geist der Wahrheit und der Liebe steht, und ob er auch der zartenKeime des Guten wartet, die in keiner Prüfung, bei keiner Jnspection nachweisbarund doch in ihrer zukünftigen Entfaltung oft werthvoller sind, als alle ostensiblen Resultate.

Bei der eben besprochenen Form ruht die negative Aeußerung des Oppositions-geistes auf einem positiven Grunde. Schlimmer steht es mit der Opposition jenernegativen Naturen, welche Herbart in seinen Briefen über die Anwendung derPsychologie auf die Pädagogik so treffend bezeichnet:Die Erfahrung zeigt unleugbarGeister, die verneinen;" sie zeigt deren schon im frühen Knabenalter. Es gibt Kin-der, denen nichts recht ist, die in alles einen bittern Tropfen hineintragen, überalltadeln, schmähen, verleumden, weil sie überall eine Kehrseite erblicken, und selbst imGenüsse nie eigentlich froh werden. Das Böse keimt bei ihnen so leicht und so früh,daß man unwillkürlich an Erbsünde erinnert wird. Zuweilen, doch nicht immer, läßtsich etwas disharmonisches in ihrem Körperbau Nachweisen, daß aber ein solches auchtief verborgen liegen könne, wen wird das Wundern? Jeder tüchtige Erzieher wirdsolche Subjecte zwar unter strenge Regierung nehmen, ihnen Ncspcct, ja Furcht ein-flötzen, dabei sich hüten, sie unnöthig zu reizen, unv am wenigsten mit ihnen scherzen.Aber das sind Palliative. Sorgfältige Diät, strenges Maß im Lernen und Genießen,vielleicht Arzenei ist ihnen nöthig; Erheiterung, wenn man diese nur auf unschuldigeWeise schaffen kann, ist heilsam." lins will übrigens scheinen, daß solche negativeNaturen nicht immer, wie es Herbart hier annimmt, aus vegetativen Mängeln her-vorgehen, sondern daß auch die Starrköpfigkeit des Gewohnheitsmenschen oft ganzähnliche Erscheinungen erzeugt. Ja sogar die Blasirtheit, die immer eine hohle Nega-tivität der ganzen Stimmung hervorbringt, ist leider in großen Städten oft schon frühin die Jugend eingedrungen. In beiden Fällen wird das Nebel weniger im gewohn-ten Laufe des Schullebcns hervortreten, als vielmehr gerade dann, wenn der Lehrereine ungewöhnliche Anregung zu gesteigerter geistiger Thätigkeit zu geben versucht,oder wenn er überhaupt etwas neues bringt, dem die frischere Jugend entgegenjubelt.Da gilt es denn, sich des ungeduldigen Aergers zu erwehren, offene Unarten scharfzu rügen und im übrigen auf die langsamen und dauernden Wirkungen einer ge-sunden Disciplin zu vertrauen.

Die dritte Form des individuellen Oppositionsgeistes leitet bereits zu den Er-scheinungen der gemeinschaftlichen Opposition hinüber, insofern es unzweifelhaft Cha-raktere giebt, welche am Verhetzen und Aufstiften andrer Freude haben und sich inder Rolle eines Anführers zu allen schlimmen Streichen gefallen. Wir wollen nichtleugnen, daß durch unruhige Köpfe dieser Art vorübergehend auch in wohlgeordneteSchulverhältnisse eine fatale Störung gebracht werden kann; im ganzen wird manaber annehmen können, daß ihnen ihr Werk nur da gelingt, wo der Boden schonmehr oder weniger vorbereitet war. So leicht auch die im Finstern schleichende Ver-führung zu andern bösen Streichen führt zu heimlichem Wirthshausbesuch, Straßen-unsug und andern Dingen so wird doch selbst der überlegene und erfahrne Un-ruhstifter, der an eine Schule verschlagen wird, in welcher Ehrfurcht gegen die Lehrerheimisch und eingewurzelt ist, sich dem herrschenden Tone in der Regel fügen müßen.