Oekonomische Arbeiten.
241
,uüßen, und darüber die Anleitung ihrer Kinder versäumt. Daher der häufige Fall,daß eine fleißige und geschickte Mutter uufleißige und ungeübte Töchter hat.
Weit weniger Rücksicht auf die Uebung in häuslichen Arbeiten wird in den höhe-ren Ständen genommen. Das Familienleben bietet hier nicht so ungesucht wie sonstdie Gelegenheit dazu dar ss. d. Art. Handarbeit). Eine zweckmäßige Gelegenheit aberzu machen, davon halten mancherlei Gründe ab. Man glaubt die natürliche Freiheitder Kinder, die schon durch das theoretische Lernen zu sehr beschränkt erscheint, nichtauch noch durch die Fessel der häuslichen Arbeiten vermindern zu dürfen. Eine gewisseUngebundenheit und Wildheit in den Entwicklungsjahren hält man für geboten undsetzt voraus, daß in reiferen Jahren Kenntnis und Geschick in den häuslichen Dingen,soweit es nöthig sei, bald gewonnen werden. Noch häufiger aber hält hievon wirklicheoder eingebildete Vornehmheit ab. Diese sieht in häuslicher Beschäftigung ein Zeichenniederer Herkunft und hält sie für eine Schande, und wähnt, die Kinder der besserenStände haben sich durch vornehmes Nichtsthun und nichtige Spielereien vor andernauszuzeichnen. Oder aber, wenn man so vernünftig ist, in der Arbeit der Kindernichts standeswidriges zu erkennen, so müssen es doch feinere Arbeiten, Ausführungenvon Zeichnungen, von Prachtstücken des neuesten Modejournals sein. Daher kommtes, daß manche Tochter aus reichem, vornehmem Hause zwar eine bewundernswertheGewandtheit in künstlichen Arbeiten besitzt, dagegen in den einfachsten Dingen desHauswesens unerfahren und ungeübt ist. Sie hat nie mit Hand angelegt an der Ord-nung und Reinigung der Zimmer, der Verfertigung und Ausbesserung des Weißzeugsund der Kleidungsstücke, am Kochen und Backen, am Pflanzen der Gartengewächseu. dgl. Und wird nun auch vor dem Eintritt in den Hausstand ein Curs im Kochen undNähen genommen, so ist damit doch für das mannigfache Detail des häuslichen Lebenswenig gewonnen, man hat keine erfahrungsmäßige, sichere Kenntnis der Stoffe undihrer Verwendung, der Geräthe und Einrichtungen gesammelt; man weiß sich in Füh-rung des Hauswesens nicht zn rathen, kann die Dienstboten nicht mit Sachkenntnisbeaufsichtigen und seiner Zeit auch seine Kinder zu häuslichen Arbeiten nicht anleiten.Man hat tanzen gelernt und kann nicht gehen. Hiegegen kann man übrigens in man-chen höherstehenden und wahrhaft gebildeten Familien mit Freuden eine ReactionWarnehmen, die zur Natur und zu der bessern alten Sitte zurückkehrt.
Ein weiteres Hindernis besteht in einseitiger Bevorzugung der geistigen Beschäfti-gung. Das Lernen in der öffentlichen Schnle und im Privatunterricht, und oft inSachen, die an Werth weit hinter den häuslichen Arbeiten zurückstehen, das Lesen,das in Lesewuth ausartct und auch die ungesundesten Stoffe nicht verschmäht, dasMusiciren, auch wo die natürliche Begabung fehlt, läßt man in einer Menge vonFamilien, oft bis tief in den Mittelstand herunter, so sehr alle Zeit und Kraft derKinder verschlingen, daß sogar eine fröhliche Bewegung im Freien und ein frisches, ge-sundes Wachsthum gehindert wird, und noch viel weniger Zeit und Lust übrig bleibt,sich in ökonomischen Arbeiten zu üben und einem überreizten, unpraktischen und arbeits-scheuen Wesen zu entgehen.
Man sieht, in den breiten Mittelständen des Volks findet sich noch am ehesten das richtigeVerhältnis zwischen geistiger und körperlicher Erziehung in der Anleitung derKinderzuhäus-lichcn Geschäften, während diese in den untern und obern Regionen der menschlichenGesellschaft bis zum Verschwinden zurücktreten. Die Extreme berühren sich auch hier.
Fragt man, ob diesen für das ganze Volk wie das einzelne Familienleben ver-derblichen Einseitigkeiten nicht abgeholfen werden könne, so ist darauf nicht leicht einebefriedigende Antwort zu geben. Wir haben hier das innere Gebiet des häuslichenLebens vor uns, das durch sittliche Verkommenheit, durch zwingende Noth, durch tief-wurzelnde Sitten und Vorurthcile abnorm geworden ist, das in sich die Kräfte zurHülfe nicht hat, und auf das auch von außen nur schwer bessernd eingewirkt werden
Pädfig. Eikcyklopadie. V. 10