234
Niethammer.
Philosophie einführen, überzeugte sich aber, daß ihm trotz Niethammers Klarheit, Schärfeund Lehrtalent das Organ für Speculation abgehe. Im I. 1797 wurde er außeror-dentlicher Professor und vermählte sich mit der Wittwe des geheimen Kirchenraths Doe-derlein, Frau Johanne Rosine Eleonore, geb. von Eckardt. In diese Zeit fällt diephilosophische Zeitschrift, die er mit Fichte herausgab und die ihm nebst seinen starkbe-suchten Vorlesungen über Dogmatik und Kirchengeschichte und seinen homiletischen undkatechetischen Hebungen einen geachteten Namen machte. ES wurde ihm von der Re-gierung Aussicht auf ein Ordinariat gemacht. Ehe aber diese sich verwirklichte, nahmer einen Ruf der bayerischen Regierung als Professor der Theologie nach Würzburg anund siedelte im Herbst 1804 dahin über. Daselbst lehrte er als Mitglied der neuer-richteten theologischen Facultät neben seinen früheren Collcgen von Jena, Paulus, Hu-feland, Schelling, bis Würzburg im I. 1806 an den Großherzog von Toscana abge-treten wurde, worauf Niethammer als Landesdirectionsrath für das Schul- und Kirchen-wesen nach Bamberg kam. Hier fand er Gelegenheit, Hegel, der nach der Schlachtbei Jena ausgeplündert und aussichtslos zu seinem alten Freund flüchtete, dauernd zubeschäftigen, bis er ihm später das Gymnasialrectorat in Nürnberg zuwenden konnte.Im Februar 1808 wurde Niethammer als Centralschulrath der protestantischen Confes-sion bei dem Ministerium des Innern nach München berufen und ihm hauptsächlich dieLeitung der Gymnasien übertragen, deren Reform er bewerkstelligen sollte. WenigeJahre zuvor hatte Wißmair einen Lehrplan für sie ausgearbeitet, der das humanistischeund realistische Prinzip verschmelzen sollte, aber die Schulen mit Realien überlud undden Lehrern, welche für eine solche Encyklopädie aller Wissenschaften nicht vorbereitetWaren, meistens nichts übrig ließ, als die vorgeschriebcnen Lehrbücher auswendig lernenzu lassen, ohne sich viel mit Erklärung derselben zu befassen. Die Schulen katho-lischer Confessiou waren fast ausschließlich mit Geistlichen besetzt, die, wenn sie auchnicht im Besitze eines ausgebreiteten Wissens waren, doch für das Lateinische nochvon den Jesuitenschulen her eine sichere Methode überkommen hatten, sich ihren Berufangelegen sein ließen und bei ihren Schülern Achtung genoßen. Unter den protestan-tischen Schulen zeichnete sich das Gymnasium der vormals preußischen Provinz Ansbachaus, aber die meisten anderen Schulen dieser Konfession, besonders in den ehemaligenReichsstädten, befanden sich in einem kläglichen Verfall. Zwar zu Rectoren und Con-rectoren wählte man gerne gelehrte Männer, aber die übrigen Stellen wurden meistensmit verkommenen Kandidaten besetzt, die ebensowenig Kenntnisse besaßen, als sie durchihr Betragen Achtung erwerben konnten.
Das ungefähr war der Zustand der bayerischen Gymnasien, als Niethammer vondem Minister Montgelas beauftragt wurde, einen neuen Lehrplan für sie auszuarbeiten.Entschlossen diesen auf das Princip des Humanismus zu gründen und wohlbekannt mitdem Widerstande, den er dabei zu erwarten hatte, schrieb er gleichsam zur Vorbereitungund Rechtfertigung seines Lehrplans das Buch: der Streit des Humanismus und Phi-lanthropinismus (Jena 1808). Es ist diese Schrift die erste, in der beide Principienmit Sachkenntnis einander entgegcngestellt werden, wenn gleich nicht zu leugnen ist,daß die Art, wie Niethammer beide auffaßt, von vornherein das Ucbergewicht auf diehumanistische Seite neigen mußte.*) Er konnte nicht von dem factischen Thatbestand aus-gehen, denn die Schulen, die das humanistische Princip vertraten, litten in der That anvielen Mängeln, so daß die Borwürfe des Philauthropinismus unmöglich alle als unbe-rechtigt zurückgewiesen werden konnten. Niethammer legt daher die Doppelnatur desMenschen als eines rationalen und animalen Wesens zu Grunde und setzt den Unterschiedzwischen Humanismus und Philanthropinismus darein, daß jener die geistige, dieser dieanimale Seite des Menschen in's Auge fasse. Zwar könne der Humanismus, einseitigaufgefaßt, zur Schwärmerei oder zum Pedantismus verleiten, aber weit mehr trage doch
*) Nrgl. den Art. Niemeyer.
D. Red.