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5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
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Niemcycr.

ein, als Lehrer an der deutschen und lateinischen Schule der Franckeschen Stiftungen.In seinem 23. Jahre promovirte er für den akademischen Lehrerberuf durch eine Disser-tation cko similituäino Lomorioa, und begann nun seine Vorlesungen über Literatur-geschichte, Homer, die griechischen Tragiker, Horaz und andere Schriftsteller. Wie erals einziger Vertreter dieses Fachs bis zur Berufung Fr. Aug. Wolfs 1783 an derUniversität eine wesentliche Lücke ausfüllte, so hatte er als Schriftsteller durch die Aus-gaben, die er von der Ilias und ausgewählten Tragödien des Sophokles und Euripidesveranstaltete, das nicht geringe Verdienst, einem tiefen Bedürfnis der Schule und Lite-ratur der Zeit in weiter anregender Weise zu Hülfe zu kommen. Man muß dabeierwägen, daß bis dahin nur die Ausgaben Homers von Hager und Schrevelius in denHänden der Schüler waren, um dieses Verdienst zu würdigen. Seine griechischen Tra-gödien wurden durch vier Auflagen in 6000 Exemplaren verbreitet, und als Wolf, dersich über Niemeyers Ilias sehr günstig äußerte, so wenig er sonst die wissenschaftlicheBedeutung desselben gerade hoch anschlug, seine Recension herausgab, zog sie dieserselbst in den Verlag der Anstaltsbuchhandlung. Auch hörte er sein ganzes Leben langnie ans, mit den Alten sich zu beschäftigen, seinen Geschmack, seinen humanen Sinn, seinFormtalent an ihren Schriften zu bilden, und von einer ungedruckteu Uebersetznng derAndria des Terenz wird erzählt, daß sie bei Aufführung dieses Stückes durch die Wei-marschen Schauspieler vor Schiller und Goethe zu Grunde gelegt ward.

Nur kurz erwähnen wir hier Niemeyers dichterische Leistungen, religiöse Dramen,Oratorien, Hymnen in Klopstockscher Weise, deren Wirkung damals keine unbedeutendewar, zumal so weit er an dem geschätzten Kapellmeister Rolle in Magdeburg einentüchtigen Componisten fand. Von seinen religiösen Liedern haben sich manche im Ge-meindegesang erhalten. Klopstock selbst lernte er auf seiner ersten Reise kennen, mitEbert und Andern stand er in nahem Verkehr. Bis in den späten Abend seines Lebensblieb dem gefühl- und gemüthreichen Mann die Poesie eine treue, lohnende Freundin,die ihm besonders für Schulfeste und andere Feierlichkeiten stets praktische Dienste leistete.Eine Sammlung seinerreligiösen Gedichte" erschien 1811; 2. Anfl. 1828. Seinschon 1785 erschienenes Gesangbuch für höhere Schulen, 1800 durch einen Anhang zuSelbsterbauung für Jünglinge vermehrt, erlebte 1825 die 10. Ausl.

Doch zuvor schon, ehe Niemeyer als Philolog und Dichter sich versucht, war er alstheologischer Schriftsteller mit großem Erfolg aufgetreten, indem schon 1775 der ersteBand derCharakteristik der Bibel" erschien, ein Werk, das den Ruhm des erst 21Jahre alten Jünglings schnell über ganz Deutschland verbreitete. Niemeyer reiht sichdamit in die Zahl der seltenen Männer ein, welche in den Jahren des Jünglingsaltersschon in männlicher Leistung vor ihre Zeit treten. Was nun zuvörderst den Charakterder theologischen Wirksamkeit Niemeyers betrifft, so kann man sagen, daß der Theologeebenso zugleich durchweg Pädagog war, wie der Pädagog in ihm Hand in Hand mitdem Theologen gieng. So umfassend seine Gelehrsamkeit war, so waren ihm docheigentlich gelehrte Arbeiten über theologische Materien fremd. Das geistlose Formel-wesen oder gar das Gezanke kirchlicher Streittheologie war seinem Charakter zuwider,der seinen Bestrebungen durchweg eine praktische, gemeinnützige Richtung vorzeichnete.Es sind hier zum Verständnis zwei Factoren ins Auge zu fassen, welche in ihren ein-seitigen Entwicklungsformen streng gegensätzlich, Niemeyer, wie sie in Halle repräsentirtwaren, charakteristisch in sich verschmolz. Tritt uns der Schüler Semlers, Nösselts,Griesbachs unzweideutig in jener freisinnigen Geistesrichtung entgegen, welche überallauf vernünftige Erkenntnis ausgehend, die Ergebnisse der Wissenschaft und die Tat-sachen des Glaubens möglichst in Einklang zu bringen suchte, so bewahrte ihn dagegender so zu sagen traditionelle Zusammenhang, in welchem er mit dem Spenerschen Pie-tismus stand, dessen Grundsätze Francke in den Halleschen Anstalten verkörpert hatte,ebenso nicht nur vor der religiösen Freigeisterei der damals in Deutschland sehr einflußreichenSchriften der englischen Deisten, sondern auch vor der religiösen Seichtigkeit der phi-