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Neigungen, Triebe.
des Geistes zu sein. Dieser Begriff des Geistes, dem der Mensch soll dienstbar sein,ist zwar bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten, ja selbst im Christenthumin den verschiedenen Perioden seiner Geschichte verschieden, immer aber versteht manunter dem Geiste das für sich seiende Allgemeine, dem sich das individuelle Selbstbe-wußtsein des Menschen gemäß verhalten soll oder das für sich seiende Unendliche, inwelchem sich das endliche Bewußtsein des Menschen bestimmen und verklären soll. Hätteder Mensch nicht von Haus aus diese Bestimmung, ein Träger des Geistes zu sein,das für sich seiende Allgemeine zu individualisiren oder das Unendliche in endlicherForm darznstellen, so könnte auch nicht von geistigen Trieben die Rede sein. Da eraber in Wahrheit diese Bestimmung hat, so giebt sie sich auch von Jugend auf unddas ganze Leben hindurch als ein Drang des Innern zu erkennen, den der MenschWohl durch sein verkehrtes Verhalten schwächen und verdunkeln, aber nimmermehr auf-heben und vertilgen kann. Um nur eins anzuführen, so lebt in jedem Menschen das Gewissen,das zu jeder Zeit seine Stimme mehr oder weniger vernehmen läßt; das Gewissen ist aber derlebendige Trieb zum Guten, der auch selbst in dem Falle in uns lebt und wirkt, wenn wir aufbösen Wegen wandeln, ja dann gerade am meisten zu einer empfindlichen Macht sich gestaltet,die uns straft und peinigt. Im Grunde ist der Geistestrieb des Menschen nur einer, näm-lich der Trieb des einzelnen Menschen, sich mit dem göttlichen Geiste in ein freies Ver-hältnis zu setzen, aber dieser eine Grundtrieb giebt sich doch je nach den unterschiedenenBestimmungen, die in der menschlichen Seele liegen, besonders drei verschiedene Formen;er erscheint entweder nämlich als Erkenntnistrieb oder als Bildungstrieb oder endlichals Freiheitstrieb. Kaum ist das Kind über die erste Dumpfheit des Lebens hinaus,so äußert sich in ihm sogleich der Erkenntnistrieb und dieser Trieb verläßt den Men-schen sein Leben lang nicht wieder. Der Mensch bleibt infolge dieses Triebes niemalsbei den unmittelbaren und einzelnen Erscheinungen der äußeren oder inneren Weltstehen und beruhigt sich nicht bei dem Einzelnen und Aeußerlichen, sondern sucht undfindet in dem Einzelnen ein Allgemeines, in dem Aeußerlichen ein Innerliches, in demWirklichen ein Ewiges und Unendliches, welches er als die Wahrheit bezeichnet undverehrt und in dessen Besitz er sich erst wahrhaft befriedigt und beruhigt. Aufwelchen Theil des natürlichen oder geistigen Universums sich die Erkenntnis auch hin-wenden möge, immer wird sie, wann sie ihr Ziel erreicht, auf den Menschen einenerhebenden, bessernden und befreienden Einfluß ausüben. Eine Erkenntnis, die denMenschen nicht sittlich bessert, ist keine Erkenntnis, sondern nur eine Ansammlung vonäußerlichen Kenntnissen und Vorstellungen, in die der Mensch mit seinem Wesen nichteindringt. Dringt er aber wirklich ein in die Sache, was sich besonders durch einlebendiges Interesse für sie zu erkennen giebt, so erhebt die Erkenntnis den Menschenüber sein endliches Wesen und läßt ihn in der Ergreifung einer bestimmten Wahrheitfür den Augenblick seine Bestimmung erreichen. Daher giebt cs kein vorzüglicheresMittel, den Menschen zu dem zu machen, was er sein und werden soll, als die Be-friedigung des Erkenntnistriebes, wenigstens beruht alle wahre Bildung wesentlich aufder Befriedigung des Erkenntnistriebcs und wenn dieser in der rechten Weise und Folgebefriedigt wird, so daß der Schüler wirklich in die Sache eingeweiht wird, so gehtnach und nach ein Licht in seinem Innern ans, das sein ganzes Leben erleuchtet undihn weder in sinnliche Gemeinheit noch in persönlichen Egoismus versinken läßt. Dennje klarer und tiefer der Mensch die Wahrheit erkannt hat, desto mehr drängt es ihn,sein ganzes Leben nach der Idee der Wahrheit zu gestalten. Und dieses Verlangen undBemühen des Menschen, das erkannte Licht der Wahrheit in alle Dunkelheit seines viel-verzweigten äußeren und inneren Lebens hineinscheinen zu lassen und nichts in sich zu dulden,was der erkannten Wahrheit nicht entspricht, das bezeichne ich als den Freiheitstrieb;denn die Freiheit besteht nicht darin, daß ich meinen Eigenwillen überall durchsetze, son-dern darin, daß ich nieinen Willen und damit mein ganzes Thun und Handeln, ja meinganzes Sein und Leben ohne Zwang den Bestimmungen der Wahrheit unterordne.