Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
219
Einzelbild herunterladen
 

Neigungen, Triebe.

219

bindung steht, zu bestimmen; ja gewißermaßen giebt es kein größeres Glück des Men-schen nach außen hin, als in einer freien Weise den Willen anderer Menschen von edlerDenkungsart zu bestimmen, und der Ertrag unseres Lebens zeigt sich vornehmlich darin,daß unsere Leistungen in einem Kreise von Menschen nicht bloß anerkannt, sondernauch als ein Motiv für ihr Denken und Thun befolgt werden. Aber auch das Herrschenüber andere ist nicht das Letzte und Absolute; wird es dazu gemacht und geht derMensch ganz in dem Verlangen auf, über andere zu herrschen, und benutzt er alle seineKräfte und Tätigkeiten, um dieses eine zu erreichen, wird also die Herrschbegierdc, dieim Grunde jedem Menschen inne wohnt, zur Leidenschaft, so entsteht die Herrschsucht,die eben so wenig eine sittliche Berechtigung hat, als die Selbstsucht, die Habsucht unddie Ehrsucht.

Aus den bisherigen Erörterungen geht zur Genüge hervor, daß die Triebe desMenschen, die durch sein Verhältnis als Person zu andern Personen bestimmt werden,geistiger und sittlich berechtigter sind, als die blos sinnlichen Triebe. Während die sinn-lichen Triebe, so fern sie nicht durch anderweitige Verbindungen geheiligt werden, fürsich nur noch dem man möchte sagen animalischen Naturindividnum angehören, erscheintder Mensch in seinen persönlichen Trieben als selbstbewußtes Ich gegenüber anderenWesen von derselben Beschaffenheit und Würde. Daher können die aus dem Begriffeder Persönlichkeit entspringenden Triebe, wenn sie gehörig entwickelt und gekräftigtWerden, dazu dienen, die sinnlichen Triebe zu beherrschen und zn mäßigen und so denMenschen wenigstens bis ans einen gewißen Grad sittlich zu cultiviren. Dieser Punctist für die Erziehung von großer Wichtigkeit und wird daher auch in den meisten Lehr-büchern der Pädagogik gebührend hcrvorgehoben und auch in der Erziehungspraxis,oft sogar mehr als billig und recht ist, geltend gemacht. Ist das Gefühl der persön-lichen Würde in dem Menschen bis zn einem gewißen Grade ausgebildet, so unterläßter vieles Gemeine und Niedrige, wozu ihn seine Sinnlichkeit wohl Hinreißen möchte,weil er es unter seiner Würde hält, sich so weit zn erniedrigen. Wenn ein Menschin dem Streben, sich eine unabhängige Stellung in der Welt zn begründen, mit Fleißund Geschick seinem Berufe lebt, und um sich einen wünschenswertsten Wohlstand zuerwerben, nüchtern und mäßig lebt und alle Ausschweifungen, welcher Art sie auch seinmögen, streng meidet, weil sie ihm nur Geld und Zeit kosten und seine Thätigkeitund die Frucht derselben lähmen und mindern; so hat ihn ja die Liebe znm Eigenthumund zu einer unabhängigen Stellung im Leben in seiner sittlichen Verfassung um ein gutesTheil gefördert. Und wie mächtig kann erst ein Wohl entwickeltes Ehrgefühl auf dieBändigung böser Begierden einwirken! Namentlich die Jugend sehnt sich von Herzennach der Anerkennung derjenigen, denen sie zur Leitung übergeben ist, besonders derEltern, der Lehrer und der Erwachsenen überhaupt, und scheut den Tadel und die Ver-achtung derselben. Die Scham, die das Kind vor seinen Eltern oder der Schüler vorseinen Lehrern hat, entspringt aus dem Ehrgefühl, denn ich schäme mich vor andernMenschen, wenn ich etwas gethan habe, wovon ich weiß, daß es mir die Achtung der-jenigen entzieht öder vermindert, die ich selbst hoch zu achten habe. Und wie vielesBöse wird aus Scham unterlassen und wie vieles Gute wird gewirkt, weil eS demMenschen darauf ankommt, Ehre bei solchen Menschen einzulegen, die Einfluß und Ur-theil haben! Wie oft ist es zunächst das einzige Mittel, gewiße Schüler ans ihrernatürlichen Trägheit heranszureißen, daß in ihnen durch Lob und Tadel und durchWetteifer mit andern Schülern der Ehrgeiz erweckt und genährt wird!

So viel Gutes aber auch diese Triebe, die ans dem Streben nach persönlicherSelbständigkeit, Ehre und Macht entspringen, bewirken, so sind sie doch nicht die höch-sten Motive der Sittlichkeit, sondern haben nur einen relativen Werth und müßen sichden rein geistigen Trieben zuletzt unterordnen und sich in ihnen aufheben, wenn sienicht doch zuletzt eine Verzerrung des menschlichen Gemüths bewirken sollen. Die reingeistigen Triebe des Menschen entspringen aber aus der Bestimmung desselben, Träger

- i

- 1 ,.'

ö,' '