Neigungen, Triebe.
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aber liegt es in seiner Bestimmung, darauf aufmerlsam zu machen, daß nach aller psy-chologischen Erfahrung jeder bösen Neigung und Begierde nur dadurch gründlich vorgebautwird, daß man in dem Menschen zeitig genug edle und gute Neigungen und Begierdenerweckt, die stark genug sind, den bösen und unedlen Neigungen und Begierden, wennsie eintreten, Widerstand zu leisten und sie zu überwinden. Durch Vorstellungen, War-nungen, ErmahmMgen und Strafen allein wird man in keinem Menschen böse Sittenund Gewohnheiten fern halten oder beseitigen; wenn man dagegen das Interesse unddie Neigung für etwas hohes und gutes in ihm zu erwecken und kräftig zu machenweiß, so gleitet das Böse von selbst von ihm ab. Und so wird man auch den sinnlichenTrieben im Menschen nur dadurch ihre normale Stellung geben können, daß man dieedleren Triebe so weit entwickelt, daß sie jene überwiegen und vor ihnen den Vorranghaben.
Es ist aber schon oben erwähnt, daß die edleren Triebe doppelter Art sind, näm-lich solche, die mit der persönlichen Stellung des Menschen zu andern Menschen Zusam-menhängen und solche, die aus seiner rein geistigen Wesenheit entspringen. Bondiesen haben wir nun zu reden. Der Mensch ist ein Wesen, das nur in Gemeinschaftmit seines Gleichen sich menschlich entwickeln und überhaupt nur so existiren kann, unddaher liegt es von Haus aus in seiner Statur, ein bestimmtes Verhältnis zu andernMenschen einzuuehmen, Forderungen an sie zu stellen und ihnen Dienste zu leisten.Diese bestimmte Stellung, die der Mensch anderen Menschen gegenüber einnimmt undeinzunehmen berechtigt ist, macht seine Persönlichkeit aus. Das Thier hat als solchesIndividualität, aber keine Persönlichkeit, weil ihm das Selbstbewußtsein fehlt; es er-scheint daher dem Menschen gegenüber nur als eine Sache. Der Mensch ist wegendes in seiner natürlichen Individualität wirksamen geistigen Princips eine Person undmuß als solche von andern Menschen geachtet werden und seinerseits auch andere alsPersonen achten. Und diese Anerkennung und Achtung, die ihm andere gewähren, istselbst eine Erscheinungsform seiner Persönlichkeit, die wir mit dem Namen der Ehrebezeichnen. Ferner aber giebt sich die Persönlichkeit des Menschen zu erkennen durchein bestimmtes Besitzthnm, und schon unmittelbar durch die natürliche Gestalt, in welcherdas Selbst des Menschen sich zu fühlen und zu empfinden giebt. Mit dieser persön-lichen Stellung, die der Mensch zn anderen Menschen einnimmt, hängen nun mehrereTriebe zusammen, die als eine neue Elaste von Steigungen, Begierden und Leidenschaftenin dem menschlichen Leben zur Geltung kommen. Der Trieb, sein unmittelbares Selbstandern gegenüber zn erhalten, erscheint als Selbstliebe, der Trieb, seinen Willen inäußere Dinge zu legen und sie dadurch dein Gebrauche von Seiten anderer zu entziehen,zeigt sich als Eigenthumsliebe und endlich der Trieb, sich in der Achtung anderer zuerhalten, giebt sich als Ehrliebe zu erkennen. Alle drei Triebe können in dem Men-schen zn einem solchen Grade der Stärke heranwachscn, daß sie den Menschen alleinbeherrschen und dann werden sie zu Leidenschaften; die Selbstliebe nämlich wird dannzur Selbstsucht, die Eigenthnmsliebe zur Habsucht und znm Geiz, und die Ehrliebe zurEhrsucht. Wäre die Persönlichkeit das Absolute im Menschen, so wären auch die Lei-denschaften, die aus der Liebe zur Persönlichkeit entspringen, nicht unsittlich, sondernsittlich und in jeder Art zu pflegen, aber die Persönlichkeit des Menschen hat nur einerelative Bedeutung und soll nur dazu dienen, höhere Ideen zu realisiren, wie die Ideendes Wahren, des Guten, des Heiligen, der Gerechtigkeit n. s. w.; daher haben auchdie Neigungen, die ans Erhaltung und Entwicklung der Persönlichkeit sich beziehen, ihrebestimmte Grenze an der Idealwelt und haben sich innerhalb dieser Grenze zn halten,um sittlich berechtigt zu sein. Aber innerhalb dieser Grenze sind sie eben so berechtigt,als ihre Befriedigung und Geltendmachung nothwcndig und geboten ist. Um diese ihrerelative Nothwendigkeit und selbst sittliche Wirkung zu erkennen, betrachten wir sie ein-zeln noch genauer. Was wäre der Mensch ohne Selbstliebe? Durch sic allein be-hauptet er sich als ein selbständiges Wesen allen anderen Wesen gegenüber, durch sie