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5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
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Neigungen, Triebe.

das vernünftige Maß hinausgehende Befriedigung der Begierde nach dem Schlaf! Zu-erst verkürzt man sich hiedurch auf eine unverantwortliche Weise das geistige Leben.Denn wenn man jeden Tag auch nur eine einzige Stunde zu viel schliefe, so vergeudeteman in einem Leben, das 60 Jahre dauerte, nicht weniger als 21,900 Stunden, indenen sich der Mensch, wenn er die Zeit weise und zweckmäßig anwendet, ein ganzungeheures geistiges Capital erarbeiten könnte. Aber zu viel Schlaf läßt den Menschennicht bloß in seinem geistigen Erwerbe zu kurz kommen, sondern es erschlafft ihn nochdazu, macht ihn faul und bequem, üppig, verschafft ihm Wohl auch unter Umständeneine zu große Korpulenz, die ihm an der geistigen Arbeit hinderlich ist. Das vernünf-tige Maß in der Befriedigung der sinnlichen Triebe, die zur individuellen Selbsterhaltungdienen, ist allerdings bei verschiedenen Menschen verschieden. Mancher Mensch kommtz. B. recht gut mit 5 Stunden täglichen Schlafes aus, während andere 8 Stundenbrauchen. Um so mehr aber ist es die Pflicht jddes Menschen, das seiner Natur ent-sprechende Maß zu ermitteln und danach zu leben, und die Beobachtung des rechtenMaßes kann man in Wahrheit als die Tugend der Mäßigkeit bezeichnen. Ungleichgrößere Schwierigkeiten bietet die Behandlung des zweiten der oben genannten aufdas sinnliche Selbst des Menschen bezüglichen Triebe, nämlich des Geschlechtstriebesdar. Wollen wir aufricktig sein, so werden wir das Geständnis nicht zurückhalten können,daß ein großer Theil des gegenwärtigen Geschlechts an einer unvernünftigen Befriedigungdes Geschlechtstriebes krankt. Ist es nicht so weit gekommen, daß ein Mensch demandern gegen Bezahlung zum Mittel der Wollust dient?*) Gehn nicht schon auf dieseWeise Tausende von Menschen sittlich und geistig und zuletzt auch physisch zu GrundesUnd dann beachte man die zahlreichen Opfer, welche das scheußliche Laster der Onanieund ähnliche schon seit langen Zeiten gefordert haben und noch immer fordern, undwie in solchen Lastern diejenige Kraft des Organismus, die für das wunderbare, inseiner Art heilige Mysterium der Zeugung bestimmt ist, zum Mittel des gemeinstenSinnenkitzels herabgewürdigt wird? Und wie wird die Ehe, die durch die lebendige Gemein-schaft aller geistigen, bürgerlichen und sinnlichen Interessen allein den Geschlechtstriebberechtigen und heiligen kann, so häufig gebrochen und zur Beute einer thierischen Be-gierde gemacht? Bedenkt man dieses und alles Ueble, was damit zusammenhängt, sowird man nicht bezweifeln können, daß die Verirrungen des Geschlechtstriebes von allenNachtseiten unseres Lebens die dunkelsten sind. Vor allem aber geziemt es dem Erzieher,diesem Uebel scharf ins Auge zu sehen, da nur eine vernünftige Erziehung im Standesein möchte, bessere Zustände herbei zu führen. Denn leider! zeigt die Erfahrung, daßein Mensch, der in dieser Beziehung seine Jugend befleckt oder vergeudet, in den meistenFällen für sein ganzes Leben ein Sklave dieser Leidenschaft bleibt und sie selbst bei denbesten Vorsätzen nicht brechen und bleibend überwinden kann. Keine Leidenschaft undBegierde ist so heftig und unwiderstehlich, als die aus dem Geschlechtstriebe entspringende,wenn er sich des Menschen einmal beinächtigt hat. Darum gilt es in dieser Hinsichtvorzubanen und dem Knaben und Mädchen eine solche geistige Verfassung zu geben,daß der Jüngling und die Jungfrau vor jeder Verirrung gesichert sind und selbst indem Falle, daß sie sich niemals verheirathen, doch fern davon bleiben, diesem Triebeals solchem Raum zu geben. Was in dieser Hinsicht durch Mäßigkeit, Abhärtung,Gymnastik, Fernhaltung aller die Phantasie nach dieser Seite hinlenkenden Lectüre,durch eine geordnete Thätigkeit, in der die Anregung des Nervenlebens nicht zu sehrüberwiegt, durch die äußerste Vorsicht in der Wahl des Umgangs und andere Veran-staltungen geschehen kann, das weiter anszuführen, liegt diesem Aufsätze fern. Wohl

*) Sollte dieser Vorwurf nur dem gegenwärtigen Geschlechts zu machen sein? Im Mittel-alter hatten selbst kleine Städte ihre Bordelle (gemeine Franenhäuser"), deren viele erst durchdie Reformation aufgehoben wurden. Auch an Exempel wie Ulrich von Hutten darf erinnertwerden, um die ältere Zeit nicht in ein allzugünstiges Licht gegenüber der jetzigen treten zulassen. Anm. d. Red.