214
Neigungen, Triebe.
die Begierde, die in der Neigung liegt, befriedigt wird. So viel über die Neigungenund Begierden ini allgemeinen und über ihr Verhältnis zu einander.
Was nun endlich die psychologische Natur der Leidenschaft betrifft, so kann sie sichaus jeder Neigung und aus jeder Begierde entwickeln; Neigungen und Begierden brau-chen sich nur bis zu dem Grade zu steigern, daß das lebendige Subjeet ganz darin auf-geht und ihnen gegenüber unmächtig wird, so werden sie zu Leidenschaften. Dasmenschliche Ich birgt in sich eine Fülle von Momenten, die eine vernünftige Totalitätbilden und die jedes an seinem Theile in dieser Totalität ihre Berechtigung haben undder Berücksichtigung und Entwicklung bedürfen. Die ersten und wichtigsten Unterschiedein dieser vernünftigen Totalität sind das Sinnliche und Geistige, — dieses vertretendurch die selbstbewußte, denkende und wollende Seele, jenes durch den lebendigen Körper.Aber jeder dieser beiden Grundfactoren unseres Seins, chic Seele und der Leib, istwieder eine Totalität für sich und hat als solche seine Momente in sich und jedes dieserMomente bedarf der Anregung und Entwicklung und das Bedürfnis darnach zeigt sichin dem Menschen als eine bestimmte Neigung oder als eine bestimmte Begierde. Erhältnun eine Neigung oder Begierde eine solche Energie, daß sie den Menschen ganz undgar beherrscht und jeden anderen Trieb nur in so weit anskommen läßt, als er derherrschenden Neigung oder Begierde dient, so entsteht die Leidenschaft. Daher kommtes aber, daß die meisten Leidenschaften unmoralisch sind und den Menschen auf Irr-wege führen oder ganz zerstören; das Unmoralische der meisten Leidenschaften bestehtaber darin, daß in denselben Triebe des menschlichen Lebens, die nur Momente desselbensein sollen, zur Totalität erhoben werden, wodurch der menschliche Organismus zu einemZerrbilde gemacht werden muß. Nichts desto weniger ist die Leidenschaft an sich noch keines-wegs unmoralisch und verwerflich, sondern sie ist zunächst nur eine psychologische Bestim-mung, wie die Begierde und die Neigung, und es kommt lediglich ans den Inhalt der-selben an, ob sie unmoralisch oder moralisch und in welchem Grade sie in dem ersteren Falleunmoralisch ist. Die Trunksucht z. B. ist eine Leidenschaft und zwar eine höchst verwerflicheund unmoralische. Sie ist eine Leidenschaft, weil die Begierde zu trinken sich des ganzenMenschen bemächtigt, so daß alle anderen Triebe diesem einen dienen und auch die Ver-standesthätigkcit des Trunksüchtigen nur darauf gerichtet ist, sich hinreichende Mittelzur Befriedigung seiner Leidenschaft zu erwerben. Die Trunksucht ist aber eine unsitt-liche und höchst zerstörende Leidenschaft, weil in ihr die Begierde zu trinken, die zurErhaltung des sinnlichen Lebens befriedigt werden muß, so sehr potenzirt wird, daß siegleichsam als Zweck des Lebens angesehen wird, während sie doch nur ein Mittel zurErhaltung des sinnlichen Lebens sein soll, das seinerseits wieder nur als ein Mittel- zur Realisirung geistiger und sittlicher Zwecke betrachtet werden kann. Ganz anderswird die Sache, wenn die Leidenschaft auf eine Idee sich bezieht, in welcher der Menschden Zweck seines Lebens zu suchen hat. In diesem Falle ist sie so wenig unsittlich,daß sie vielmehr als eine unwiderstehliche sittliche Kraft bestimmt werden muß; sie istdann so wenig zerstörend, daß der Mensch durch dieselbe vielmehr aus sich alles macht,was er nur irgend werden kann und soll, und auch in der Welt das leistet, waser nur irgend leisten kann. Man nehme nur eine der unendlichen Ideen, diekeine bloß relative Bedeutung haben, sondern das Absolute selbst sind, und man wirdfinden, daß für den Menschen nichts besseres und erhebenderes gedacht werden kann,als Wenn er mit einem leidenschaftlichen Triebe für dieselbe erfüllt ist. Eine solcheIdee oder vielleicht die Idee der Ideen ist die Idee der Wahrheit. Der Mensch solldie Wahrheit nicht bloß erkennen, sondern er muß sie lieben, d. h. mit lebendiger Nei-gung ihr ergeben und mit lebendiger Begierde erfüllt sein, sich ihrer immer völligerzu bemächtigen. Diese Liebe zur Wahrheit hat keine Grenzen und je inniger, je tieferund durchdringender sie ist, desto würdiger, fruchtbarer und befreiender wird sie sein-Und das höchste Glück und den höchsten sittlichen Werth würde derjenige Mensch haben,von dem man sagen könnte, daß in ihm die Liebe zur Wahrheit zur Leidenschaft ge-