Neigungen, Triebe.
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«hne dieses Object nicht leben und gedeihen zu können, ans der Notwendigkeit,gerade dieses Object zu besitzen und zu haben und sich durch dasselbe zu ergänzen,wenn das Subject sein soll, wozu es bestimmt ist oder sich wenigstens bestimmt glaubt.Aber dieses Bedürfnis des Subjects, ein Object zu haben und zu besitzen, dieses Ge-fühl, es nicht entbehren zu können und eben darum sich ihm zuwenden zu müßen,beruht auf einer Begierde und ist selbst eine Begierde.
Diese abstracten Bestimmungen über die Untrennbarkeit der Begierden und derNeigungen erhalten aber einen viel größeren Grad der Anschaulichkeit und werden indemselben Maße überzeugender, als man sie für einzelne Begierden und Neigungenin Betracht zieht. Betrachten wir z. B. die Herrschbegierde, so besteht sie in dem Triebe,den Willen anderer Menschen durch meinen Willen zu bestimmen; aber der Wille deranderen Menschen ist ebenso unabhängig und frei als der meinige und durch äußereBewältigung kann ich niemals den Willen eines anderen Menschen für mich gewinnen;sondern nur dadurch, daß ich ihm diene, kann ich nach und nach dahin kommen, ihnzu beherrschen, d. h. indem ich mich ihm gegenüber entänßere, ihm meine körperlichenund geistigen Kräfte zur Disposition stelle und in dieser Art sein äußeres und inneresLeben fördere. Wenn ich so dem anderen etwas wesentliches leiste und gewähre, somache ich ihn von mir recht abhängig und beherrsche ihn in einer freien Weise. Be-trachten wir aber den eben geschilderten Weg, auf welchem allein diese freie und daherwirkliche und wahrhafte Herrschaft über den Willen eines anderen Menschen möglichist, so finden wir, daß cs Selbstentäußerung ist zu Gunsten des anderen, den ich be-herrschen möchte, Hingebung an ihn, Aufopferung meiner für seine Interessen.— alsodasjenige, was wir als den Trieb der Neigung bezeichnet haben. Wer die Menschenbeherrschen wollte, ohne sie zu lieben, der würde etwas sehr thörichtes oder vielmehretwas unmögliches unternehmen. Daß es aber umgekehrt gewiß eine bloße Einbildungwäre, wenn jemand meinen sollte, daß es eine Neigung geben könnte ohne eine ent-sprechende Begierde, das lehrt die Blüte der Neigung — die Liebe in allen Formenund Arten. Am entschiedensten möchte es sich wohl an der Geschlechtsliebe zeigen,daß die reinsten, scheinbar idealsten und uneigennützigsten Neigungen doch bei ihrerFortentwicklung unabweislich zu Begierden hinführen, zur Begierde nach Besitz undGenuß. Aber wir sehen von solchen mehr noch an das Sinnliche anstreifenden Bei-spielen ab, um zu zeigen, daß auch die geistigste Neigung stets eine Begierde im Hinter-gründe hat und zu einer Begierde hiudrängt, wenn sie nicht auch als Neigung vertrock-nen und sich anfheben soll. Blau denke sich die reinste, uneigennützigste und geistigsteLiebe eines Menschen zu einem anderen Menschen, etwa die Liebe einer Mutter zuihrem Kinde, oder die Liebe eines Freundes zu einem edlen Freunde oder eines Jüng-lings zn einem sittlich und geistig ausgezeichneten Manne; so groß auch die Hingebung,Aufopferungsfähigkeit und Dieustfertigkeit des Liebenden gegen den Geliebten sein möge,immer ist doch damit auch das Verlangen verbunden, dem Geliebten nahe zu sein, mitihm umzugehcn, mit ihm zu sprechen, seinen Geist in sich aufzunehmcn, seine Theil-uahme zn finden; ja dieses Verlangen, das nichts anderes ist, als eine Begierde, wirdum so tiefer und heftiger sein, je inniger die Liebe war. Auf dieser llntrennbarkeit derNeigung und der Begierde beruht auch die Wahrheit, daß die volle und entwickelte Nei-gung die gegenseitige Neigung ist. Je unbedingter ich einen anderen Menschen liebe,für einen um so herrlicheren Besitz, für einen um so schöneren Genuß muß ich es an-sehen und danach begierig sein, auch von ihm wieder geliebt zu werden. Diese Begierde,wieder geliebt zu werden, liegt immer in der Liebe zu einem Menschen, ja ich kennekeine größere Begierde als die Begierde, von einem Menschen, den ich von ganzemHerzen liebe, wieder geliebt zu werden, und darum ist die gegenseitige Liebe zweierMenschen das Höchste der Neigung, sofern sie sich auf Menschen bezieht, weil sich in ihrine höchste Neigung mit der höchsten und edelsten Begierde verbindet oder vielmehr weil