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Neigungen, Triebe.
zuopfern, damit nur der andere wachse und zunehme, damit er frei und glücklich sei.Aber auch die Liebe zu einer Idee, z. B. die Liebe zu einer Wissenschaft ist mit dieserSelbstentäußerung und Hingebung verbunden; man sehe nur zu, wie sich einer verhalt,der Liebe zur Philosophie hat, und man wird sich bald überzeugen, daß er dieser Wis-senschaft Zeit und Kraft widmet, für sie arbeitet und thätig ist und alles aufbietet, umihr zu dienen und ihre Herrlichkeit zu verkündigen und geltend zu machen. Hält manzusammen, was bisher von den Neigungen und Begierden gesagt worden ist, so wirdman ohne Zweifel bestätigt finden, daß beide einander entgegengesetzt sind. Die Be-gierde sagt gleichsam zu dem Object, auf das sie sich bezieht: her damit! dagegen sagtdie Neigung zum Objecte: nimm mich hin, ich gehöre dir an! In der Begierde be-trachtet sich das lebendige Subject als die Totalität und das Object als das in dieserTotalität aufzuhebende Moment; in der Neigung dagegen betrachtet das Subject ge-rade das Object der Neigung als die Totalität, der das Subject als dienendes Gliedsich unterzuordnen bereit ist. In der Begierde sieht sich das Subject als den Mittel-punkt eines Kreises an, dem das Object als ein Punct der Peripherie angehören soll,in der Neigung dagegen betrachtet sich das Subject als einen verschwindenden Puncteines höheren Ganzen, welches in dem Object der Neigung angeschaut wird. In derBegierde will das Subject genießen, in der Neigung will es dem anderen Genüsseverschaffen; in der Begierde will das Subject besitzen, in der Neigung sich besitzenlassen; in der Begierde will es herrschen, in der Neigung dem andern dienen; in derBegierde'will es Selbstzweck sein und das Object als Mittel behandeln, in der Nei-gung will es sich als Mittel bethätigen, damit ein höherer Zweck realisirt werde.
Aber so entgegengesetzt Neigungen und Begierden in der menschlichen Seele sind,so setzen sie sich doch gegenseitig voraus, rufen sich gegenseitig hervor, und ergänzenund vollenden sich gegenseitig. Sie verhalten sich gleichsam wie die beiden Pole einesMagnets, die, so sehr sie einander entgegengesetzt sind, doch eben so fest mit einanderin untrennbarer Verbindung stehen und erst mit und durch einander den Magnet Her-vorbringen.
Es läßt sich schon im allgemeinen begreiflich machen, daß keine Begierde ohneNeigung und keine Neigung ohne Begierde gedacht werden kann, sondern daß beide —Correlate sind, von denen das eine von dem andern vorausgesetzt und gefordert wird;aber auch in der praktischen Erfahrung wird man durch die zahlreichsten Beispiele aufdie untrennbare Verbindung beider und ihre Wechselwirkung hingewiesen. Was dieallgemeine Begründung dieser Wahrheit betrifft, so kann sie nur aus dem Begriff derBegierde und Neigung hergeleitet werden. Aus den obigen Bestimmungen geht aberhinlänglich hervor, daß die Begierde der Trieb ist, sich ein anderes anzueignen, dieNeigung aber der Trieb, sich einem andern hinzugebeu. Geht nicht schon aus diesenDefinitionen hervor, daß keine Begierde ohne Neigung und eben so auch keine Neigungohne eine entsprechende Begierde gedacht werden kann? Denn betrachten wir zuerst dieBegierde, so ist das Object, auf dessen Aneignung sie geht, jedenfalls ein dem begeh-renden Subjecte Aeußeres und daher von diesem stets mehr oder weniger unabhängigund selbständig. Es kann daher nicht so ohne weiteres von dem begehrenden Subjecteergriffen und genossen werden, sondern es sind stets erst gewisse Bedingungen zu er-füllen, durch welche die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Objects aufgehoben unddem begehrenden Subjecte zugewandt wird. Diesen Bedingungen muß sich das Subjectfügen, muß dem Objecte zu gefallen sich abmühen, arbeiten, auf sich selbst in man-cherlei Beziehung Verzicht leisten, muß sich zu dem Objecte hinbewegen, um es zuerlangen. Mit anderen Worten: das begehrende Subject muß, um das Object seinerBegierde zu gewinnen, über sich selbst hinausgehcn und sich dem Objecte zuwcnden undin diesem Verhalten ist das Wesen einer Neigung ausgedrückt. Andererseits entspringtdie Neigung eines Subjects zu einem Objecte, die Liebe zu einer Sache ohne allenZweifel aus dem Bedürfnis des Subjects nach diesem Objecte, aus dem Bewußtsein,