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5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
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Neigungen, Triebe.

solchen Wesen, die wir als lebendige bezeichnen, also nicht in den Mineralien undCrystallen, sondern zu allererst bei den Pflanzen, die wenigstens Triebe, wenn auchnoch keine Neigungen und Begierden zeigen. Die Triebe der Pflanzen hängen aberaufs innigste mit ihrer Entwicklung zusammen. Alles Lebendige entwickelt sich, auchder menschliche Geist, so fern er etwas lebendiges ist, und die erste und niedrigsteForm der Entwicklung finden wir eben in dem Pflanzenleben. Alles, was sich ent-wickelt, ist nicht von Haus aus, was cs sein soll, sondern es hat sich erst zu dem zumachen, wozu eS bestimmt ist, indem es über sich hinausgeht und ein fremdes in Besitznimmt und sich assimilirt. Die Pflanze erscheint uns als Same, sie ist aber als Samenoch nicht das, was sie sein soll, sondern sie macht sich erst zu dem, Wozu sie bestimmtist, in dem sie die allgemeinen Elemente der Natur: das Wasser, specificirte Flüssigkeiten,die Luft, das Licht und die Wärme in sich eind'ringen läßt^ in der Aufnahme desFremden ihr unmittelbares Dasein als Same zerstört, aber in dieser Zerstörung ihreigentliches, wahres Dasein als lebendige Pflanze hervorbringt. Aber auch als leben-dige Pflanze hat sie kein ruhiges und abgeschlossenes Dasein, sondern sie ist nur, so-fern sie sich fort und fort reproducirt. Sie reproducirt sich aber nicht bloß, indem siesich selbst erhält, sondern auch indem sie ihre Gattung sortpflanzt. Diese innere Noth-wendigkeit der Pflanze, durch Aneignung eines anderen und Hingabe an ein anderessich als Individuum hervorzubringen und in der Gattung sich zu erhalten, ist der Triebder Pflanze. Diese auf Selbsterhaltung und Fortpflanzung der Gattung hinzielendeKraft finden wir auch bei den Thieren und bei den Menschen, wenn auch schon beiden Thieren in ganz anderen und höheren Formen und bei dem Menschen vollendsverbunden mit der über die gcsammte Natnrnothwendigkeit hinausgehcnden Kraft desfreien Geistes. Es ist aber von großer Wichtigkeit, das Niedere über dem Höheren

nicht zu übersehen und namentlich nicht zu vergessen, daß auch in dem Menschen der

Trieb nach sinnlicher Selbsterhaltung und nach Fortpflanzung sich geltend inacht undWohl beachtet nur mit den geistigen Trieben in ein harmonisches Verhältnis zu setzenist, wenn der Mensch nicht eine Beute des sinnlichen Triebes werden soll. Bleiben

wir noch einen Augenblick bei den Thieren stehen, so bemerken wir, daß sich der Trieb

hier zuerst zur Begierde steigert. Das Thier unterscheidet sich von der Pflanze imwesentlichen dadurch, daß es eine centrale Einheit hat oder vielmehr eine centrale Ein-heit ist und als solche Empfindung und willkürliche Bewegung hat, während die Pflanzenur ein peripherisches Leben führt und daher in dumpfer Gefühllosigkeit verharrt. Auchbei dein Thiere kommt es auf nichts anderes, als auf individuelle Selbsterhaltung undFortpflanzung der Gattung an; aber das Thier empfindet dasjenige, was zu seinerEntwicklung dient, und bewegt sich darnach hin und in diesem Gefühl von denjenigenGegenständen, die zu seiner Selbstentwicklung nothwendig sind, hat es Begierde. Obsich in dem Thiere der Lebenstrieb auch schon zur Neigung und zur Leidenschaft erhebt,ist zweifelhaft. Man kann aber die rührende Liebe, die manche Thiere zu ihren Jungenzeigen, recht wohl als eine Form der Neigung bezeichnen und die blinde Wuth, inwelche die Thiere in manchen Fällen, z. B. wenn man ihnen ihre Jungen raubt, ver-setzt werden, kann auch wohl als eine Art Leidenschaft angesehen werden. Aber dasist wohl gewiß, daß die drei zuletzt genannten Formen des Entwicklungstriebes, nämlichdie Begierde, die Neigung und die Leidenschaft erst im Menschen klar und bestimmtgeschieden hervortreten. Wir halten uns daher auch bei der allgemeinen Erklärung dieserpsychologischen Bestimmungen, so wie bei der Unterscheidung derselben an den Menschen,um nach diesen Betrachtungen ihre Bedeutung für die sittliche Erziehung ins Licht zustellen. Zunächst ist nun hervorzuheben, daß die Begierde, die Neigung und die Lei-denschaft rein psychologische Bestimmungen d. h. Regungen und Bewegungen der Seelesind, die als solche mit der Moral noch nichts zu thun haben, sondern eben so sehrgut als böse, edel oder gemein, sinnlich oder übersinnlich sein können. Der Hunger undDurst nach sinnlicher Speise und sinnlichem Tranke sind nicht mehr noch minder Begier-