können. Was sie hiezu fähig macht, das ist nicht schwer zu sagen. Es sind zweiDinge, deren Namen uns alsbald mitten in das Christenthnm versetzen: der Glaubeund die Liebe. Wer des Glaubens lebt, daß kein Sperling vom Dach und- kein Haarvom Haupte fällt ohne den Willen des himmlischen Vaters, der weiß auch die unver-dienteste Zurücksetzung unter den Gesichtspunct göttlicher Fügung zu stellen; kennt erauch vielleicht ganz Wohl die menschliche Bosheit, Parteilichkeit, Undankbarkeit, die ihmdas Leid angethan, so bleibt er kraft seines Glaubens nicht bei dieser nächsten, vorAugen liegenden Ursächlichkeit stehen, sondern giebt Gott die Ehre, durch dessen Zulas-sung allein auch dies Unrecht möglich geworden ist, der aber Recht hat und Recht be-hält in allem seinem Thun. Daraus erhellt, daß nur wer Glauben hat vor demNeide gesichert ist oder vielmehr den Anwandlungen desselben, die bei keinem ausblei-ben, Widerstand zu leisten und sich ihrer zu erwehren vermag. Sofort: wer den
Menschen mit solch herzlicher Liebe zugethan ist, daß er, wie die Schrift sagt, nicht
auf das Seine sieht, sondern aus das, was des andern ist, daß er fremde Freudeebenso mitfühlt wie fremdes Leid: der ist im Stande, auch in dem angeführten Fallesich selbst, sein eigenes Recht, sein Hoffen und Leiden, so zu vergessen, daß er dieFreude des andern, der ihm vorgezogen worden, mit diesem fühlt; also sagen wir wie-derum: nur wer die rechte Liebe hat, ist gesichert vor dem Neid; und die beiden Sätzelaufen in den einzigen zusammen: nur über den Christen hat der Dämon des Neides
keine Gewalt, — was umgekehrt, negativ so lautet: über wen dieser Dämon noch Ge-
walt hat, der ist kein Christ.
Wie sich die Erziehung zu diesem sittlichen Uebel zu stellen habe, ist hiernach un-schwer zu bestimmen. Würde dasselbe erst mit reiferem Alter eintreten, wo der Kampfum die Stellung im Leben angcht, so wäre die Aufgabe eine prophylaktische; es müßtennur jene beiden christlichen Grundgesinnungen, Glaube und Liebe, in des Kindes Seelegründlich eingepflanzt und großgezogen werden, so wäre dem Neide der Zugang ver-sperrt. Aber die Sache verhält sich umgekehrt; ehe diese Gesinnungen in der Kindes-seele Wurzel fasten können, ist der Neid schon da, eine Erfahrung, die kein aufrichtigerPädagog ableugnen kann und die, mehr als irgend ein anderes Phänomen im Kindes-leben, das Vorhandensein eines radicalen Bösen, d. h. der Erbsünde, unwiderleglichbeweist. Augustin erinnert sich in seinen Confessionen (I, 7), einen ungeberdigen, zor-nigen Kleinen gesehen Zn haben, der, an der Brust der Amme liegend, mit zorngelber,bitterer Miene auf seinen Milchbruder schaute (vicki s^o et oxpsrtus sum Lalantsmparvulum, noncluna logusdatur, et intuskmtur pallickus araaro aspeotu oollaotansurnsuum). Und wie viel hundertmal ist es zu sehen, daß ein Kind von ein paar Jahrendas etwa die Großmutter irgendwohin mitnimmt, unverhohlen sein Misvergnügen be-zeugt, wenn sie etwa noch ein anderes Kind mitnehmen will! Wie scharf vollends siehtsolch ein kleiner Bursche auf die Hand der Mutter, ob das Butterbrot» oder das StückKuchen, was sie dem Bruder oder der Schwester giebt, nicht größer ist, als das seinige,und welches Geschrei erhebt sich, wenn solch eine Differenz bemerkbar wird — von dendurchdringenden Blicken gar nicht zu reden, womit die Mädchen gegenseitig ihren Anzugmustern und die, wo ihnen irgend ein plus von Eleganz begegnet, mit Verdruß aufden eigenen Putz sich zurücklenken! Je jünger das Kind noch ist, um so weniger kannschon mit jenen sittlichen Großmächten, Glaube und Liebe, dem Hebel entgegengearbeitetWerden; um sie in solcher Weise wirken zu lassen, ist das Kindesherz noch zu klein nnddas Borpredigen von diesen Tugenden ist vergeblich. Da bleibt also nichts übrig, alsdie Zucht, welche keinen Ausbruch des Neides duldet, welche jeder Regung desselbenmit scharfem Wort, ja mit angemessener Strafe (z. B. Entziehung der Gabe, mit derdas Kind nicht zufrieden war, weil es sie für kleiner hielt, als die dem andern ver-liehene) entgegentritt. Damit ist zwar, weil es nur äußere, gewaltsame Gegenwirkungist, die Wurzel des Bösen nicht ausgerissen; aber wie die Wirkung der Zucht in vielenFällen die ist, daß durch die gewaltsame Verhinderung des Ausbruches, der Bethäti-