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5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
206
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das Wesen des Neides aus, lassen aber auch über die negative und positive Verwerf-lichkeit desselben, als absoluter Lieblosigkeit und absoluter Ungerechtigkeit keinen Zweifel;denn wer es schon nicht ertragen kann, daß ein andrer neben ihm in irgend einer Be-ziehung glücklich ist, wem also die Menschen eigentlich nur dann erträglich sind, wennes ihnen schlecht geht, der trägt doch das Aenßerste von Uebelwollen in sich; er würdealle um sich her berauben, wenn er daran nicht gehindert wäre; und wer den Neben-menschen, ohne daß dieser Böses verübt und speciell ihm etwas zu leide gcthan hätte,also überhaupt ohne allen in dessen sittlichem Verhalten liegenden Grund schon des-wegen haßt, weil ihni etwas gutes widerfahren ist, für den cxistirt der Maßstab derGerechtigkeit, das Gewicht des Menschenwerthcs gar nicht mehr. Wie aber ein solchesIndividuum mit seinem Hasse nicht nur den Nebenmenschen trifft, sondern eigentlichGott hassen muß, der seine Gäben so gar nicht nach dem Sinne des Neidischen aus-theilt: so frißt der Unmnth ihm auch am eigenen Herzen; jeder Tag bringt demselbenneuen Stoff und so ist er der unglücklichste der Menschen. Befriedigung findet er nurdann, wenn es ihm gelingt, dem andern dasjenige, um was er ihn beneidet, zu ent-ziehen oder den Genuß desselben ihm zu verbittern', oder wenn ein Mißgeschick ohnesein Znthun das besessene oder in Aussicht stehende Glück des Mitmenschen zerstört,daher die Schadenfreude sich als notwendige Folge des Neides, als das einzige Ge-fühl der Genngthnung für denselben einstellt. Eine andere Form neidischer Gesinnung,die sittlich eben so schlecht ist, Weil sie den gleichen Grad von Egoismus verräth, istdiejenige, da man das fragliche Gut oder Glück selber nicht entbehrt, aber nur nichtzngebcn will, daß ein anderer desselben Gutes theilhaftig sei; selbst wenn dieses seinTheilhaben daran nicht eine Verkürzung des eigenen Rechtes oder Genusses bewirkt,will man doch dieses Genusses nur dann froh sein, wenn man der einzige ist; derNeid erscheint hier in der Gestalt, daß man nur glücklich ist, wenn man den Neid derandern erregt; auch darin liegt die absolute Negation alles Gemeinschaftssinnes, allerLiebe. Indessen läßt der Neid auch mildere Grade zu, was namentlich dann derFall ist, wenn der Nebenmensch nur so lange beneidet wird, als man sich neben ihmzurückgesetzt glaubt, dagegen die volle Zufriedenheit eintritt, wenn diese Zurücksetzunggehoben oder man durch irgend eine anderweitige Begünstigung entschädigt wird. Indieser Gestalt des Neides fehlt jener bösartige Zug, daß man ein Gut nicht für sichselbst begehrt, sondern nur nicht dulden will, daß ein anderer es habe; eS ist auch oftschwer zu sagen, ob das Bittere, was im Gefühle des Znrückgesetztseins liegt, wirklichNeid ist. Denn eine erfahrene Ungerechtigkeit gar nicht empfinden zu sollen, muthetuns kein Sittcngebot zu; die Sittlichkeit stumpft das Bewußtsein dessen, was wir Werthsind, keineswegs ab, noch macht sie uns blind gegen die Mängel anderer, so daß wirjede Bevorzugung eines andern ans lauter christlicher Demnth gerecht finden müßten.Aber hier zeigt die ethische Analyse auch deutlich die scharfe Gränze, die das Gebietdes Neides von derartigen durchaus wahren und gerechtfertigten Empfindungen trennt.Ich kann einen Menschen eines Glückes, das ihm widerfahren ist und auf das ich An-spruch hatte, für unwürdig halten, aber es kommt nun darauf an, ob dieses Urtheilbei mir jenen Acrger und Unmnth über mein Schicksal und jenen Haß gegen denGlücklichen hervorruft oder nicht. Ist es der Fall, dann ist der Neid mit seiner Qualüber mich gekommen; aber das ist keineswegs eine psychologische Nothwendigkeit. Esgiebt bekanntlich doch auch Menschen, die sich in das, was über sie kommt, mag esnoch so schmerzlich sein, zu ergeben wissen, die ein herbes Schicksal, die die kleinen wiedie großen Ungleichheiten in der Welt zu tragen verstehen, ohne jenen Acrger, jenenZorn in sich äufkommen zu lassen; und die auch im Stande sind, dem, welcher einglücklicheres Loos gezogen hat, es zu gönnen, auch wenn sie ihn dessen nicht für würdighalten müßen; die im Stande sind, sich so weit selbst zu entänßern und fremdes Glückmitzugenießen, daß sie auch einem solchen Menschen, sich in seine Lage und Stimmunghineindenkend, Theilnahme schenken, also z. B. ihn ohne alle Falschheit beglückwünschen