Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

Napoleon.

5

gesteigert, daß er den Eltern die Kinder beiderlei Geschlechts vom 5. bis 12. Jahreentrissen, für die gesammte Jugend des Vaterlandes eine gemeinschaftliche Erziehungfestgesetzt und dadurch ganz wie Plato in der Republik (Ulat. ä. rsx. VII. 540 f.), einenneuen Stamm, der unberührt wäre von den Vorurtheilen des gealterten Geschlechtes,hergebildet wissen wollte (Hahn a. a. O. S. 123). Und bei aller Freiheit des Unter-richts sollten die Lehrer und Lehrerinnen doch in der Praxis an die vom Nationalconventgebilligten Schulbücher gebunden sein. In Beziehung auf die Lehrgegenstände und Lehr-anstalten aber hatte die Revolution allmählich vollständig tabula rasa gemacht. Con-dorcet hatte in dem Entwurf eines Unterrichtsplans, den er (April 1792) der gesetz-gebenden Versammlung vorlegte, das Studium der alten Sprachen für eher schädlichals nützlich erklärt und der Mathematik und Physik die erste Stelle im Secundärunter-richt angewiesen. Der Convent hob im Jahr 1793 alle Kollegien und Facultäten aufdem Gebiete der Republik auf und decretirte den Verkauf ihrer Güter. *) Die Grün-dung von Centralschulen**) zum Zwecke des Unterrichts in allen Wissenschäften undKünsten hatte keinen irgend nennenswerthcn Erfolg, indem dieselben nur in Paris undetlichen anderen Städten einigen Fortgang hatten, während dagegen trotz der Regie-rungsmaßregeln da und dort in den Provinzen Schulen sich erhielten und sogar neueaufblühten, welche die alten Traditionen des Unterrichts festhielten und weiter fortpflanzten.

In diesem Chaos von Trümmern und unreifen Bildungen, über welchem aber wieein Geist, der mit neuen Schöpfungen umgieng, die Idee des Staatsmonopols und derCentralisation schwebte, sonderte die Consularregierung mit vorsichtiger Hand zuerst einigelichte Stellen aus und gründete aus dem unter verschiedenen Formen und Namen erhal-tenen Grundvermögen des ehemaligen Collegiums Ucmis 1s Zranck im Jahr 1800 viergroße Cvllegien in Paris, Fontainebleau, Versailles und St. Germain und ein Real-colleginm in Compisgne. In den erstem Anstalten, welche Schüler bis zum 18. Jahreumfaßten, kam vorerst die lateinische Sprache wieder zu Ehren. Das Griechische bliebzunächst unberücksichtigt. Das mit dem Papst abgeschlossene Concordat (15. Juli 1801)schien auch den Schulen wieder die Grundlage der Religion und des Christenthums ***) zusichern und im Jahr 1802 ergieng ein umfassendes Gesetz über den höheren Schul-unterricht, dessen Grundzüge auch bei der späteren Entwicklung geblieben sind. DerHauptgegenstand desselben war die Errichtung der Lyceen, welche nun an die Stelleder Centralschulen und der ehemaligen Cvllegien traten. Den Text dieses Gesetzes ent-hält der Moniteur vom 2. Florsal au 10. Dasselbe wurde eingebracht in den gesetz-gebenden Körper den 30. Germinal 10, (20. April 1802), discutirt im Tribunat inden Sitzungen vom 68. Florsal und dort mit 80 gegen 9 Stimmen angenommen,sofort am 10. und 11. Florsal (30. April und 1. Mai 1802) im gesetzgebenden Körperberathen und dort mit 251 gegen 17 Stimmen gutgeheißen. Wir bemerken diese con-stitutionelle Art der Entstehung des Gesetzes ausdrücklich gegenüber von der autokrati-schen Form, unter der die späteren Ordnungen, die wir zu erwähnen haben werden,ins Leben traten. Das Gesetz enthält in 9 Titeln 44 Artikel. Unter diesen beschäf-

*) Der Dichter Beranger, der in diesen Zeiten aufwuchs und seine Bildung in einer Schuleerhielt, die nach den Vorschriften des Convents eingerichtet war, hat daher nie Latein gelernt.

**) Gesetz vom 3. Brumaire an 4.

***> Es giebt keinen wahren Unterricht ohne Erziehung und keine Erziehung ohne Moral undReligion. Die Lehrer haben in der Wüste gepredigt, weil man unklugerweise behauptet hat, esdürfe in den Schulen nicht von Religion gesprochen werden. Seit 10 Jahren ist der Unterrichtohne allen Erfolg. Man muß von neuem die Religion zur Grundlage des Unterrichts machen.Die Kinder sind der traurigsten Trägheit, dem kläglichsten VaKibondiren Preis gegeben; sie lebenohne einen Begriff von Gott, ohne eine Idee von Recht und Unrecht. Daher kommen die rohen,groben Sitten, die wiloe Grausamkeit des Volks. Ganz Frankreich ruft die Religion zur Hülfefür die Moral und Gesellschaft herbei; so die Rhetorik von Portalis im oorxs Isxlslatik.Moniteur an 10. Nr. 196. S. 785. Hahn a. a. O. S. 128.