Druckschrift 
Tristan : 6 Novellen
Entstehung
Seite
261
Einzelbild herunterladen
 

— 261 —

Er entkleidete sich, legte sich zur Ruhe, löschtedas Licht. Er flüsterte zwei Namen in das Kissenhinein, diese paar keuschen, nordischen Silben, die ihmseine eigentliche und ursprüngliche Liebes-, Leides-und Glückesart, das Leben, das simple und innigeGefühl, die Heimat bezeichneten. Er blickte zurückaus die Jahre seit damals bis auf diesen Tag. Ergedachte der wüsten Abenteuer der Sinne, der Nervenund des Gedankens, die er durchlebt, sah sich zer-fressen von Ironie und Geist, verödet und gelähmtvon Erkenntnis, halb aufgerieben von den Fiebernund Frösten des Schaffens, haltlos und unter Ge-wissensnöten zwischen krassen Extremen, zwischenHeiligkeit und Brunst hin- und hergeworfen, raffi-niert, verarmt, erschöpft von kalten und künstlich er-lesenen Exaltationen, verirrt, verwüstet, zermartert,krank — und schluchzte vor Reue und Heimweh.

Um ihn war es still und dunkel. Aber von untentönte gedämpft und wiegend des Lebens süßer, tri-vialer Dreitakt zu ihm herauf.

9 .

Tonio Kröger saß im Norden und schrieb anLisaweta Jwanowna, seine Freundin, wie er es ihrversprochen hatte.

Liebe Lisaweta dort unten in Arkadien, wohinich bald zurückkehren werde, schrieb er. Hier ist nunalso so etwas wie ein Brief, aber er wird Sie wohlenttäuschen, denn ich denke, ihn ein wenig allgemein