Druckschrift 
Tristan : 6 Novellen
Entstehung
Seite
93
Einzelbild herunterladen
 

93

Er besaß einen gelblichen Teint, seine Augen aberwaren glühend schwarz wie Kohlen und tief um-schattet. Diese Augen verrieten nichts Gutes. Ver-schiedene Aerzte hatten ihm, in ernsten und offenenGesprächen unter zwei Männern, nicht mehr vieleMonate gegeben... Uebrigens war sein dunklesHaar seitwärts glatt gescheitelt.

Er hatte in Berlin — obgleich Berlin nicht derAusgangspunkt seiner Reise war — gelegentlich mitseiner Handtasche aus rotem Leder den grade ab-gehenden Schnellzug bestiegen, er hatte geschlafen,und nun, da er erwachte, fühlte er sich so völlig derZeit enthoben, daß ihn das Behagen durchströmte. Erbesaß keine Uhr. Er war glücklich, an der dünnen,goldenen Kette, die er um den Hals gehängt trug, nurein kleines Medaillon in seiner Westentasche zu wissen.Er liebte es nicht, sich in Kenntnis über die Stundeoder auch nur den Wochentag zu befinden, denn aucheinen Kalender hielt er sich nicht. Seit längerer Zeithatte er sich der Gewohnheit entschlagen, zu wissen,den wievielten Tag des Monats oder auch nur, wel-chen Monat, ja sogar welche Jahreszahl man schrieb.Alles muß in der Luft stehen, pflegte er zu denken,und er verstand ziemlich viel darunter, obgleich es eineetwas dunkle Redewendung war. Er ward seltenoder niemals in dieser Unkenntnis gestört, da er sichbemühte, alle Störungen solcher Art von sich fern zuhalten. Genügte es ihm vielleicht nicht, ungefähr zubemerken, welche Jahreszeit man hatte? Es ist ge-wissermaßen Herbst, dachte er, während er in die