Pflanze auf Dächern kultiviert, ursprünglich wohl um primitive lehmbedeckte Dachfirste und Mauerkronen gegen eineAuswaschung zu schützen und zusammenzuhalten (Laus). Aus der Beobachtung, dass sie durch Blitzschlag kaumgeschädigt wird, entwickelte sich vielleicht der Glaube, die Pflanze schütze das Haus, auf welchem sie wachse,vor Blitzschlag; sie wurde deshalb vielfach angebaut. Karl der Grosse befahl ihre Kultur in seinem „Capitularede villis"; im Eichstätter botanischen Garten (Hortus Eystettensis, 1613) wurde sie unter dem Namen „S6dumvulgäre" kultiviert. Auch heute noch wird sie auf Stroh. und Ziegeldächern, auf Mauern, Schornsteinen, aufRolandsfiguren oder auf irgendwelchen Postamenten aus Holz oder Stein gern gepflanzt; immerhin verschwindetsie mit dem Zurückgehen der Strohdächer und des primitiven Mauerwerkes mehr und mehr. Wann die Pflanzeverdorrt ist, so stirbt jemand im Hause. In Graubünden und im Toggenburg hin und wieder meint man, dass dasBlühen der Pflanze Unglück bringe. Auch volksmedizinisch findet das Kraut vielfach Anwendung. So werden diegequetschten Blätter gegen Hautausschläge und offene Wunden sowie gegen Bienenstiche verwendet, ebenso auchder ausgepresste Saft der Pflanze. Letzterer soll auch bei Brandwunden und wunden Brustwarzen, ferner gegenHühneraugen und Sommersprossen förderlich sein, innerlich genommen bei Halsentzündungen und gegen diebei Dys= und Amenorrhoe auftretenden Uterusneuralgien. Mit Fett gemischt ergibt er eine Kropfsalbe •, auchgegen Katarrh der Augenlider, gegen aufgesprungene, rissige Haut, Schwerhörigkeit und Ohrenschmerz wirder verwendet; ebenso trinkt man ihn als Wurmmittel. Der Absud der Pflanze in Wein gilt z. B. in Steiermarkals Fiebermittel; die abgeschnittenen Blätter sollen in hohle Zähne gesteckt den Zahnschmerz lindern. Inmanchen Gegenden werden Blätter und junge Sprosse als Salat verwendet. In Engadin werden sie in Trink,wasser gelegt um demselben einen erfrischenden Geschmack zu geben. Hauswurzsaft zusammen mit Gummi,rotem Arsenik und Alaun galt früher als ein Arkanum, das auf die Hand gestrichen gestatten sollte, glühendesEisen anzufassen.
1398. Sempervivum Wulfenii ') Hoppe (= S. globiferum Wulfen non L.). Gelbe Haus»würz. Taf. 141, Fig. 1; Fig. 925 und Fig. 931 a und b.
Pflanze ausdauernd, 10 bis 30 cm hoch. Rosetten sternförmig ausgebreitet, 4 bis 7 cmbreit. Rosettenblätter länglich=spatelig, plötzlich zugespitzt, 15 bis 40 mm lang und 8 bis 15 mmbreit, seegrün, an der Basis rot, auf der Fläche kahl, am Rande dicht drüsig gewimpert. Stengel
unten kahl, oberwärts drüsig=zottig.
Fig. 925. Sempervivum Wulfenii Hoppe, beiTrafoi (Tirol;.Phot. Eisenlohr, Tübingen.
In Deutschland vollständig fehlend. —zerstreut bis ziemlich verbreitet, in den nördlichen
Stengelblätter länglich, plötzlich zugespitzt, am Rande (oftnur gegen die Basis) drüsig gewimpert. Blüten*stand reich verzweigt, dicht=blütig. Blüten 18 bis33 mm im Durchmesser, etwa 15»zählig, stern=förmig ausgebreitet, mit 12 bis 18 Kronblättern.Kelchblätter lanzettlich, gelb=grün, dicht drüsen»haarig. Kronblätter 8 bis 11 mm lang, lineal=lanzettlich, lang zugespitzt, aussen dicht drüsigflaumig, gelb, an der Basis mit einem rotenFleck, beim Trocknen grün werdend. Schüpp»chen aufrecht, länglich-viereckig. Staubfäden rot,drüsig gewimpert; Staubbeutel gelb. Frucht»knoten drüsenhaarig; Griffel kahl, kürzer als derFruchtknoten. — VII, VIII.
Ziemlich selten und meist nicht häufigauf Felsen und Felsschutt, auf Magermatten undin Kleinstrauchheiden sonniger Lagen der Alpen;von 1750 m (Sasso della Padella bei Primör) bis2610 m (Berninagebiet). Meist auf kalkarmerUnterlage, im Ober* und Unterengadin jedochauch auf kalkreichen Böden.
In Oesterreich in Tirol in den Zentralalpen ziemlichKalkalpen (Lech» und Loisachgebiet, Unterinntal) fehlend,