Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
634
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

634

licher Betrug, empörende Undankbarkeit, an Diebstahl gren-zende Habsucht, schmutziger Geiz, hochverrätherische Gesin-nungen, Fanatismus und tiefe Geistesrohheit, in dem kleinenOrte so unvermischt, so nackt, so ganz schamlos hervortre-ten , dass ein rechtlicher Mann, den das Schicksal in einsolches Nest verschlagen, sich, hat er eine etwas dichterischeNatur, leicht einbilden könnte, durch einen bösen Zauber indas Reich der Teufel versetzt zu sein. Ist einmahl ein Städtchenzu einer gewissen Höhe der Entartung gelangt, so ziehen sichalle rechtlichen Leute (deren gibt es doch an allen Orten)gleich den Schnecken in ihre Gehäuse zurück. Fremde, sindsie nicht selbst entartete Wesen, lassen sich dort nicht nieder,und haben sie es aus Unkunde gethan, so entfliehen sie dochgar bald der unheiligen Stätte. Der rechtliche und gebildeteArzt, der eine solche Verschlechterung seiner Mitbürger erlebt,muss entweder mit ihnen ein Teufel werden, oder, hat erAnlage zum Heiligen, so muss gerade das Scheussliche, dasZurückstossende, das Ekelhafte der geschändeten Menschen-natur, ihn, wo nicht zum vollendeten, doch zum halben Hei-ligen machen; aber freilich, nicht zum triumphirenden, sondernzum büssenden.

Endlich gebe ich zu, dass die angebliche Wohlhabenheitoder gar Reichheit kleiner Städte meist nur Schein ist, sichzuweilen bloss von der Windbeutelei etlicher wohlhabendenEinwohner herschreibt, indess wirklich die Mehrzahl der Bürgerin so beschränkten Vermögensumständen lebt, dass kaum einDrittel, oder Viertel die Bemühungen des Arztes nur ganzmässig zu bezahlen vermag. Ist nun die Umgegend einessolchen Städtchens auch nicht wohlhabend, so muss der Arzt,hat er nicht eigenes Vermögen, sich sehr einschränken, wenner als ehrlicher Mann bestehen will; ja hat ihn das Schicksalmit einer zahlreichen Familie gesegnet, so werden ihn dieNahrungssorgen, wie böse Geister, auf seiner mühseligen Pilger-fahrt verfolgen.

Die Leser sehen, dass ich die unheimliche Stellung klein-städtischer Aerzte keinesweges verhehle; allein jetzt stelle ichauch die Frage auf: wie können solche unheimliche äussereUmstände die Ausbildung des Arztes behindern ? wie können