Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
630
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

noch eben so verständlich und belehrend sein, als zu derZeit, da sie mitgetheilt wurde *).

Wird die geheimärztliche Lehre in einem künftigen Punkte der Zeit von derMehrzahl der Aerzte als verstandesrecht und für die Uebung der Kunst alsvorzüglich brauchbar anerkannt werden?

Darüber lässt sich für und wider sprechen. Hat manbloss den menschlichen Verstand im Auge, so muss man dieFrage unbedenklich bejahen; denn was dunkel in dem Ver-stände der Menschen hegt, das wird bestimmt, früher oderspäter, von dem einen oder dem andern zur mittheilbarenKlarheit gebracht, Anklang in manchen Köpfen finden. Obaber nach hundert oder anderthalbhundert Jahren die geheim-ärztliche Lehre von der Mehrzahl der Aerzte als eine ver-standesrechte und für die Uebung der Kunst vorzüglich brauch-

*) Kann man das auch von der Schullehre behaupten? Ich sage, Nein.Meine Behauptung stützt sich nicht auf ein Wähnen und Meinen, sondernauf folgenden thatsächlichen Wechselschluss. Es haben, vorzüglich seitdem Verfalle der Galenischen Lehre, gar viele verständige praktischeAerzte versucht, uns durch Mittheilung ihrer Erfahrung zu belehren.Wäre ihre Erfahrung mittelst der Lehre, die sie bekannt, wirklich mit-theilbar gewesen, so müsste entweder die Medizin schon vor unser allerGeburt, die wir jetzt leben und uns Aerzte nennen, zum höchsten Punktemöglicher Vollendung gelangt sein; oder wir alle müssten faule Bäucheund ruchlose Gesellen sein, die es verschmähet, die Erfahrung unsererVorgänger uns anzueigenen; oder es muss an sich unmöglich sein, ver-mittelst der Schullehre ärztliche Erfahrung also mitzutheilen, dass dieBetheilten befähiget werden, das Mitgetheilte zum Heile ihrer Krankenrichtig zu benutzen; da ich nun unmöglich zugeben kann, dass die Aerzteunserer Zeit träge Gesellen sind, und eben so wenig zugeben kann, dassdie Kunst kranke Menschen gesund zu machen sich gegenwärtig auf demhöchsten Punkte möglicher Vollkommenheit befinde (die Menge von Büchernund Journalaufsätzen, welche uns, vom In- und Auslande, die Gegenwarttäglich bietet, und die doch sämmtlich dazu dienen sollen, die Medizinzu vervollkommnen, spricht ja schlagend dagegen): so muss ich den letz-ten Satz für wahr halten, nämlich, dass das Mittheilen der ärztlichenErfahrung durch die Schullehre, das heisst, durch eine auf angemassteKenntniss des belebten Menschenleibes basirte Lehre unmöglich ist, zumwenigsten nur höchst unvollkommen geschehen kann.