Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
609
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Aerzte noch immer eine besondere Vorliebe für ihn behalten,die freilich in der gegenwärtigen Zeit bei den jüngeren reinverflogen zu sein scheint. Sydenham hatte in meiner Jugendfür mich viel Anziehendes, und zugleich hatte ich doch einenAbscheu, seine Heilarten zu versuchen: anderen Aerzten istes eben so ergangen; was ist doch der Grund diese«" gleich-zeitigen Zu- und Abneigung? Meines Erachtens folgender.Sydenham hat einen schlichten, geraden Verstand, das ist schonetwas, was die meisten Praktiker anspricht. Er verwirft dieherrschende Theorie als unzulänglich zur Erkenntniss des Wesensder Krankheiten, er spricht darüber ganz unumwunden seineMeinung aus; er ist kein Heuchler, kein Larvenmann, sonderner ist ein wahrhaftiger Mann. Alle Aerzte, die die Unzulänglich-keit ihrer eigenen Schultheorie sich auch nur dunkel dachten,sie fühlten, mussten also zu ihm, als zu einem nahen Geistes-verwandten hingezogen werden, wenn gleich seine wunderlichenHeilarten sie eisig zurückstiessen. Höchstwahrscheinlich hat aucheine dunkle Verstandesverrichtung in den Köpfen der Aerzte,eine Ahnung des grossen Vortheils, der aus Sydenhams Natur-beobachtung künftig einmahl der Heilkunst erwachsen könne,demselben eine ausgezeichnete Hochachtung erhalten, von derdie Hochachtenden sich selbst, gerade weil sie die Frucht einerdunklen Verstandesverrichtung war, keine Rechenschaft zugeben vermochten.

Wie kam es denn aber, dass Sydenhams Naturbeobachtungauf seine eigene Praxis so wenig Einfluss hatte ? Meine Mei-nung darüber ist folgende. Sydenham trug die Fesseln, dieihm in seiner Jugend die Schule angenietet, bis an sein Ende;er hat freilich tüchtig daran geschüttelt, sich bass bemühet,ihrer los zu werden, nimmer hat er aber die Nietnägel ent-deckt, durch welche sie unlöslich an ihm hafteten. Das isteine Bildersprache, werden die Leser sagen. Ganz recht,das ist auch eine Bildersprache; sie bezeichnet aber treffendden Zustand des Sydenhamischen Geistes. Er suchte dasIrrige, das Unzulängliche der damahls gängigen Theorie indieser Theorie selbst, und sah nicht ein, dass er es einzio-

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in der Grundfeste derselben hätte suchen müssen, in dem End-punkte, von dem sie ausging. Sie, wie alle frühere und spätereII. 39