64
I. 6. Groß-Dmtsche und Klein-Deutsche.
Venedch" wie ihn die „Brustbilder ans der Paulskirchc" nennen, sah nunerst österreichische Jntrigue wo doch Oesterreich gleich im Frühjahr kund-gethan hatte daß es sich in Bezug auf alle Frankfurter Beschlüße Prü-fung und Vereinbarung Vorbehalte. Aber hatte nicht das so viel kleinereund minder mächtige Sachsen im Hochsommer (88. August) in ganzgleicher Weise den Grundsatz aufgestellt, daß die in Frankfurt zu gebendeVerfassung nicht ohne Genehmigung der eigenen gesetzgebenden Gewaltenim Königreich eingeführt werden solle? Erst am 31. October besann sichBiedermann aus Leipzig auf diesen Beschluß, interpellirte das Reichs-Ministerium was dieses dagegen zu thun gesonnen sei, und stellte am 6.November den Antrag die sächsische Negierung zur Zurücknahme desselbenzu verhalten. Das preußische Cabinet hatte mit dem eigenmächtigen Waf-fenstillstand von Malmö, mit der Ablehnung eines ReichSsCommissarsEnde Oetober, mit seiner unzweideutigen Haltung gegen die beiden Reichs-Commissarien im November, wiederholt gezeigt daß cS seinen eigenenWeg zu gehen entschlossen sei; die Berliner Linke hatte durch den Jaco-bh'schen Antrag über die Wahl des Reichsverwesers, durch den d'Ester-Waldeck'schen über die Giltigkeit der Neichsgcsetze, durch den Waldeck'schcnüber die Unterstützung Wiens, durch den Philipps'schen über die Rechteder Provinz Posen sattsam kundgcgeben wie sie es in praktischen Fragenmit der Oberhoheit des Frankfurter Parlaments gehalten wissen wolle.Aber dennoch führte der Ncichsverweser, offenbar nm eS mit der Mehr-heit der National-Versammlnng nicht zu verschütten, am 21. NovemberBerlin gegenüber eine Sprache als ob in allen preußischen Landen derHochgcbietende niemand wäre als Er ^). Die Eröffnung des Parlamentszu Brandenburg, die Auslösung desselben und die Octroyirung vom 5.Deecmber antworteten deutlich daß jene Nolle in Preußen wer andererzu spielen entschlossen sei, und zwar ohne in Frankfurt erst anzufragenoder sich in dessen Schutz zu begeben. Und in gleicher Weise kam von Ol-müz Antwort: nicht unter das in der Paulskirche vertretene Deutsch-land wolle sich Oesterreich stellen; sondern neben Deutschland, auf ei-genen Füßen und in eigenem Wirkungskreise gedenke cs seine Stellungzu nehmen und zu behaupten.
Die Wahrheit war daß die deutsche National-Versammlnng die Macht,die sic im Frühjahr und Sommer den cingeschüchtertcn Negierungen ge-genüber gewonnen, längst nicht mehr besaß, und daß das Ansehen das sieeine Zcitlang beanspruchen zu können schien in den Augen der kräftigeren