XIV
liehe dramatische Handlung hervortritt und ihre Seele bil-det, ist dach wieder, wie dies auch scheu von Andern be-merkt worden ist, das rein individuelle Interesse und Ge-schick, der formelle Ehrgeiz, die Familien- und dynastischenZwecke w. Selbst beim Tell, mit welchem MeisterwerkeSchiller dem Begriff des historischen Dramas am nächstengekommen ist, macht sich dies noch insofern geltend, als dieeigentliche rettende That nicht aus dem ringenden nationa-len Freiheitspathos der Rütli-Männer, sondern aus dergerechten Gegenwehr des in seiner individuellen Gefühls-welt in seinen theuersten Familien-Interessen angegriffenenund sich in diesen vertheidigenden Helden hervorgeht. -—Was ich dagegen seit lange für die höchste Aufgabeder historischen Tragödie, und somit der Tragödie über-haupt, halte, ist, die großen eultur-historischcn Proccsse derZeiten und Völker, zumal des eigenen, zum eigentlichenSubjecte der Tragödie, zur dramatisch zu gestaltendenSeele derselben zu machen, die großen Cultnrgedanken sol-cher Wendcepochen und ihren ring-ndcn Kampf zu deineigentlichen zu dramatisirenden Gegenstand zu nehmen. Sodaß es sich in einer solchen Tragödie nicht mehr um dieIndividuen als solche handelt, die vielmehr nur die Trä-ger und Verkörperungen dieser tief-innersten kämpfendenGegensätze des allgemeinen Geistes sind, sondern um jenegrößesten und gewaltigsten Geschicke der Nationen, —Schicksale, welche über das Wohl und Wehe des gesumm-ten allgemeinen Geistes entscheiden und von den dramati-schen Personen mit der verzehrenden Leidenschaft, welchehistorische Zwecke erzeugen, zu ihrer eigenen Lebensfragegemacht werden.
Bei alledem hielt ich es für vollkommen möglich, denIndividuen aus der Bestimmtheit der Gedanken und Zwecke