VII
Kämpfe und Strebungen, aus deren machtvollem allgemeinenUntergrund wieder die kolossalen Gestalten eines Luther,Ulrich von Hutten, Franz von Sickingen in leuchtenderGröße und scharfgeschnittner Bestimmtheit heraustreten. —Und merkwürdig! — Gerade mit dieser Zeit nationaler Er-hebung und Kämpfe, und gerade durch ihr Resultat, habenwir ausgehört ein Volk zu sein, ein nationales Dasein undeine nationale Geschichte überhaupt zu haben!
Dieser Widerspruch ist im Allgemeinen auch von denGeschichtsforschern mehr oder weniger richtig anerkannt.Was vielleicht nicht so richtig und klar erkannt ist — min-destens nicht im Allgemeinen und bei weitem nicht bis in alleseine Consegnenzen hinein — und dennoch damit anfs engstezusammenhängt, ist die Stellung, welche Luther zu demresormatorischen Triebe jener Zeit einnimmt. Ichbrauche wohl erst nicht zu sagen, daß ich dem Katholieis-mus gegenüber durchaus ans protestantischem Standpunktstehe, auch sonst der großen Gestalt dieses Mannes mitwarmer Liebe hingegeben bin. Aber mit Unrecht stellt mansich gewöhnlich vor, als habe Luther das reformatorische Be-wußtsein mehr oder weniger erst geschaffen. Dies refor-matorische Bewußtsein, das ich von der Reformationselbst genau unterscheide, war vielmehr Lnthern und derReformation nicht nur entschieden präexistent, sondern eswar auch erfüllt von einer aus dem Wiedererwachen derWissenschaften hervorgegangenen frei-menschlichen Begei-sterung, durchweht von dem Hauche eines sich eben so sehrzu seinen ethischen wie politischen Consequenzen treibendenrein humanen Freiheitspathos, welches erst durch Lutherund die Folgezeit in das enge Bette einseitiger dogmatisch-theologischer Richtung eingedämmt wurde.
Dies der Reformation präexistente Bewußtsein war