Er war ganz nahe, ein stiller, beinah ländlicher Platz.Das Thor stand halb offen, denn es führte ein öffentlicherWeg durch den Kirchhof, und Philipp trat mit geräuschlo-sem Schritt ein. Es war jetzt nahe am Abend ; die Sonnewar aus den Nebeln, die den übrige» Tag geherrscht,gebrochen, und die Strahlen von Westen fielen glänzend undheilig auf den feierlich ernsten Platz.
„Mutter! Mutter!" schluchzte der Waise, indem ervor dem frischen grünen Hügel niedersank; „hieher —hieher bin ich gekommen, nm meinen Eid zu wiederholen,um nochmals zu schwören, daß ich treu erfüllen will diePflicht, die Du Deinem unglücklichen Sohn anfgetragen!Und in dieser Stunde darf ich wohl fragen, ob auf dieserErde ein Elenderer und Jammervollerer lebt?"
Während solche Worte sich aus seinem Munde ran-gen, erhob sich dicht in der Nähe eine laute, schrillendeStimme — die gebrochene, schmerzliche Stimme des schwa-chen, aber mit heftiger Leidenschaft ringenden Alters.
„Fort, Verworfener! Du bist verflucht!"
Philipp fuhr auf und schauderte, als ob diese Wortean ihn gerichtet wären und ans dem Grabe kämen. Aberwie er sich auf die Kniee erhob und das wilde Haar sichaus den Augen streichend, sich verwirrt umsah, erblickteer in geringer Entfernung und im Schatten der Mauer,zwei Gestalten; die Eine, ein alter Mann mit grauemHaar, saß auf einem zusammenflürzenden hölzernen Grab,der untergehenden Sonne gegenüber; die Andere, einMann, dem Anschein nach noch in den kräftigsten Jahren,