Einleitung.
IX
Nüchterner, geschäftlicher geben sich die Bürgerlichen Briefe. Ans diesenKreisen sind auch intime, herzliche und anmutige Familienbriefe weit wenigererhalten als aus den fürstlichen Kreisen, für die in dem ersten Bande jagenugsam Belege gegeben worden sind. Für die äußere Kulturgeschichte,das Leben und Treiben und die Sittengeschichte wird aber mancherlei ge-wonnen, und auch für das innere Leben kommen doch wenigstens einigeStücke in Betracht. Scherz und Humor fehlen nicht, wie übrigens auch nichtin der geistlichen Abteilung.
Weiteres wird in allen diesen Beziehungen von dem Rest der nochzu veröffentlichenden bürgerlichen Briefe (1476—1499) zu erwarten sein.Von ihrer Aufnahme in den vorliegenden Band ist abgesehen, weil sie mitden Handelsbriefen, die ich wohl mit Recht als Sondergruppe ausgeschiedenhabe, zusammen den Band allzu umfangreich gemacht haben würden. Sieund die Handelsbriefe, die dein Wirtschaftshistoriker viel bringen werden,sollen den dritten Band dieser Sammlung bilden.
Auch von den Briefen des vorliegenden Bandes ist eine größere Zahlbereits gedruckt (nicht selten recht fehlerhaft), aber meist zerstreut und anOrten, die schwer zugänglich sind. Zum Teil stellten diese gedruckten Briefeaber nur Bruchstücke einer größeren, dem betr. Herausgeber nicht bekanntenGruppe dar. Das gilt namentlich von den wenigen, von Birlinger in derAlemannia veröffentlichten Söflinger Briefen. Sein der lllmer Stadt-bibliothek entstammendes Material wird in dem vorliegenden Bande durchdas viel größere des Stuttgarter Archivs nicht nur außerordentlich ver-mehrt, sondern überhaupt erst im Zusammenhang erklärlich und verständlich.Von bereits gedruckten Briefen, die in unsere Sammlung gehören, hoffe ichkeine wesentlichen Stücke übersehen zu haben, soweit das überhaupt auf Grundder mir zugänglichen einschlägigen Literatur zu sagen möglich ist. Einemaufmerksamen Forscher könnte auffallen, daß die bereits von mir in derGeschichte des Deutschen Briefes S. 43, Anm. 1 zitierten Briefe der Dorotheaund der Brigitta Holzschuher, beide angeblich von 1496, die ich in der Zeit-schrift für Kulturgeschichte Bd. I, S. 97 ff. (Nr. III und IV) mitgeteilthabe, sowie die ebenda S. 95 f. (als Nr. I und II) veröffentlichten Briefederselben Brigitta (angeblich vor 1496) in unserer Abteilung: Geistlichefehlen. Indessen habe ich bereits in der Zeitschrift für KulturgeschichteIII, S. 215 f. festgestellt, daß die von Flegler herrührende Datierung auf1496 unzutreffend ist und für dieselbe vielmehr das Jahr 1509 in Betrachtkommt. Die Briefe fallen also nicht mehr in den von mir in Betrachtgezogenen Zeitraum.
Die Zusammenfassung des überhaupt erreichbaren Materials, nicht nur desinnerlich zusammenhängenden, sondern auch des vereinzelten, aus verschiedenenGegenden und Schichten stammenden, ist ein leitender Gesichtspunkt dieserSammlung. Wieviel irreführende oder wenigstens einseitige Anschauungen