Druckschrift 
2 (1857)
Entstehung
Seite
1383
Einzelbild herunterladen
 

die Gemiither wieder ins Gleichgewicht, sein ruhiger Ernst flösste Italien Achtlingund Ehrfurcht ein. Sein Genie wusste die gefährlichen Puncte tactvoll zu umgehenund eine Bevölkerung zu gewinnen, die nahe daran war, der Verbindung mit Öster-reich ganz zu entsagen. Was er im Kriege begonnen, das setzte er mit gleichemErfolge im Frieden fort, die Erhaltung Italiens für Österreich.

Der Feldmarschall hat alle seine Kriegsgefährten, die mit ihm begonnen,überlebt und sogar viele Andere, die viel später in die Armee getreten. Er istder Veteran der Heere Europa’s. Allein das Alter machte nachgerade seine Ansprüchegeltend; nicht Beschwerden oder Krankheiten haben ihn niedergedrückt, sein Geistist frisch, sein Gedächtniss noch mächtig, sondern die Jahre allein verweigernseinem Körper jene Regsamkeit, deren er in der wichtigen Stellung eines General-Gouverneurs so dringend bedarf.

Dieses fühlte der grosscKricgcr und desshalb sah er sich auch genöthigt, dieBitte um Enthebung von seinem schwierigen Posten Sr. Majestät bei dem Besuchein Italien zu unterbreiten. Wie sehr der Kaiser dieses Ansuchen, aber auch dieVor-dienste des Fcldmarschalls zu würdigen wusste, zeigt folgendes Handschreiben,das wir in seinem ganzen Umfange folgen lassen:

„Lieber Fcldmarschall Graf Radetzky!

Mit jenem tiefen Pflichtgefühle und der treuen Hingebung, womit Sie in demZeiträume von 72 Dienstjahren Meiner Armee als unübertroffenes Beispiel voran-leuchten, haben Sie Mir auch nun bei Meinem Eintreffen in Meinem lombardisch-venetianischcn Königreiche mit edler Aufrichtigkeit die Bürde Ihres hohen Altersgeschildert und zugleich die Bitte um Enthebung von dem Posten eines Armcc-Commandanten und General-Gouverneurs unterlegt.

Ich habe dieser Bitte mit dem tiefsten Bedauern nur aus dem Grunde nach-gegeben, weil Ihre Befreiung von so grosser Last der Geschäfte Mir allein dieHoffnung gewährt, Ihr Mir so theuros und ruhmvolles Leben noch für eine Reihevon Jahren in ungetrübtem Wohlsein erhalten zu sehen. Ich befehle unter einemAlles an, was auf Ihre künftige persönliche Stellung Bezug hat. Sie werden stetsin jedem Meiner Schlösser, sowohl zu Stra, Monza, in der Villa reale zu Mailand,als zu Wien in Meiner Burg, im Palasto des Augartens, dann zu Hetzendorf nachIhrer Wahl mein herzlich gern gesehener Gast und Ich dadurch in der Lage sein,Mich, so oft Ich cs bedarf, Ihrer weisen Ansichten und Ihres erprobten Ratlieserfreuen zu können. Und so mögen Sic noch lange Meiner Armee das lebendigsteVorbild unseres Ruhmes, geliebt und geehrt von Mir und allen österreichischenHerzen, in der dankbarsten Erinnerung Ihres Monarchen, wie in Ihren eigenenglanzvollen Erinnerungen den Lohn einer so thatenreichen Vergangenheit gemessen.

Mailand, am 28. Februar 1857.

Franz Joseph m. p