Druckschrift 
1 (1857)
Entstehung
Seite
206
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Zehntes Kapitel.

ein frisches Mädchengesicht bemerkt, das häufig am Fenster lagund verstohlen zu ihm herabblickte, wenn er einige auffallendeBewegungen gemacht. In der Langeweile greift man nachAllem, und so beschloß denn auch der Kammerherr vonWenden, jenes Haus und Fenster in förmlichen Belagerungs-zustand zu versetzen. Rosa war dieser Mühe schon werth,bas müßte er sich am ersten Morgen gestehen, als er dieäußerste Parallele eröffnet und eine Demontirbatterie aufge-führt hatte, bestehend aus einem kolossalen Opernglas, ver-mittelst dessen er die Nachbarin auf zwei Schritte heranzog.Ei der Tausend! wo hatte er bis jetzt seine Augen gehabt?War das ein prächtiges Geschöpf! Und gelehrig, bildsam.Dies Kompliment glaubte er ihr schon nach einigen Stundenmachen zu müssen. Wenn sie auch anfänglich nur flüchtigund schüchtern hcrüberschautc, so gewöhnte sie sich doch baldan seine Blicke; ja, sie konnte lächeln, wenn er in einermelancholischen Attitüde am Fenster stand, sie konnte lachenund ihren Kopf aufwerfcn, wenn er einen Vcilchenstrauß,von welchen Blumen er während seines Zimmcrarresteseine unglaubliche Anzahl consumirtc, schmachtend an die Lip-pen brachte. Wie sie hieß und wer sie war, wußte er amAbend des ersten Tages; am Morgen des zweiten schenkteer seinen sämmtlichen Bekannten kleine zierliche Cigarrcnetuisaus Stroh geflochten, so daß einige aus die Vcrmuthungkamen, er habe vielleicht einen alten Florentiner Onkel be-erbt, der ein Lager in Stroharbeitcn gehalten.