Druckschrift 
6 (1830)
Entstehung
Seite
138
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Philipp Melanchthon

die Universität sich fast gänzlich aufgelöst hatte, und unter den 8

obwaltenden Umstanden kaum wieder vollständig hergestellt wer- s

den konnte. Die Lehrer und Studierenden waren zerstreut, jene !zum Theil unwiederbringlich ihrem vorigen Wirkungskreise ent-rissen, die Stiftungen und Ausstattungen zerrüttet, alle Hilft- 'quellen erschöpft, die Kräfte der neuen Regierung theils noch sobeschränkt, theils so mannichfach in Anspruch genommen, daßvon ihr kaum zureichende Unterstützung gewährt werden konnte,wenn sie auch den guten Willen dazu hatte. Dennoch war csin jeder Beziehung Pflicht, mit Fleiß und Treue zu versuchen,ob man nicht einer Anstalt, welche auf den Gang der Reforma-tion, auf die Ausbreitung der reinen evangelischen Lehre, auf §die wissenschaftliche Bildung Deutschlands einen sehr wichti-gen Einfluß gehabt hatte, wieder aufzuhelfcn, und ihr, wenn sieauch nicht zu dem vorigen Glanze wieder erhoben werden konnte,doch eine neue segensreiche Wirksamkeit zu sichern vermöge. Kaumaber hatte Melanchthon den Entschluß gefaßt, dazu die Hand ,zu bieten, als eine neue und schwere Prüfung für ihn eintrat. ^Der unglückliche Johann Friedrich, dessen redlicher und lgroßmüthiger Eifer für die Kicchenverbcsserung auch durch dashärteste Mißgeschick nicht erschüttert werden konnte, empfand kaumso schmerzlich den Verlust des ganzen Kurkreises, als der ihm theurenUniversität Wittenberg, welche, was Friedrich der Weise,ihr edelmüthiger Stifter, je von ihr gehofft, im reichsten Maßegeleistet hatte. Er sann daher selbst in seiner traurigen Gefan-genschaft darauf, eine ähnliche Anstalt in dem kleinen, seinerHerrschaft noch unterworfenen Gebiete zu gründen, und empfahldiese Angelegenheit seinen Prinzen, welche jetzt das Land verwal-teten. Gern, wohl nicht ohne eifersüchtigen Hinblick auf denGlanz, welcher das neue Kurfücstcnthum auszeichnete, aber ia-uch aus eigener wohlwollender Neigung bemühten sie sich, den sWunsch des ehrwürdigen Vaters zu erfüllen, und die aus Wit- ,tenberg geflüchteten Professoren in Jena, dessen Lage vorzüg-lich günstig war, zu versammeln. Am wenigsten konnte manMelanchthon's gefeierten Namen und einflußreiche Wirksam-keit entbehren wollen; aus ihn rechnete man um so mehr, alsec durch die zartesten Bande dem um des evangelischen Bekennt-nisses willen gedrückten Fücstenhause verbunden war; an ihnvor Allen erging also der Ruf, nach Jena zu kommen und dieStiftung der neuen Universität zu befördern. Dieser Ruf ver-setzte ihn in einen so schweren Kamps mit sich selbst, in eine so