Puls 93 t
vereinigt und regelt, so offenbart sich demnach durch den Puls auch die Einwirkungdes Nervensystems, der Grad von Lebensthätigkeit desselben. Da endlich auch dieFunction des Nervensystems selbst nur der Ausdruck der realen Darstellung desorganischen Lebens ist, die wir Naturkrast nennen (s. Physiologie), so ist derPulsschlag auch überhaupt eine einzelne Äußerung der Naturkraft oder Lebenskraft.So gibt uns der Puls ein Merkmal von der Beschaffenheit der Blutmaffe, vondem Grade der Kraft des arteriellen Systems, von der Art der Einwirkung desNervensystems, und dem Stande der organischen Naturkrast überhaupt, und sovielfältig die Blulmasse in ihrer Mischung, das Arteriensystem in dem Stande sei-ner Function, das Nervensystem in seiner Einwirkung, die Lebenskraft selbst inihrer Energie abweichen kann, so vielfältige Abänderungen des Pulsschlages muffenauch dadurch bewirkt werden. Die hauptsächlichsten Rücksichten bei dem Pulse findnun theils die Zahl der Schläge, welche in einer gewissen Zeit aufeinanderfolgen,und die Ordnung und das Zeitmaß, in welchem dies geschieht, theils die Art, wiejeder einzelne sich darstellt. Zn erster« Rücksicht ist also die Zahl der Pulsschlägehäufiger oder seltener; in stets gleichem Zeitmaße, ordentlich; oder in abweichendenZeitmaßen, unordentlich; ungleich, in Rücksicht der Folge aufeinander, des An-schlags, der Stärke; aussetzend, sodaß nach einem Schlagt oder mehren Schlägeneiner fehlt rc. In der zweiten Rücksicht ist der Puls in seinen einzelnen Schlägenstark oder schwach; die Ausdehnung der Ader schnell oder langsam; in EinemSchlage oder unterbrochen und in Absätzen; dem äußern Drucke widerstehend odernachgebend ( hart oder weich); mit viel oder wenig Blutmaffe versehen; voll oderleer; in seiner Ausdehnung großem oder kleinern Raum einnehmend; groß oderklein. Der regelmäßige Stand aller dieser Bestimmungen ist aber ebenso verschie-den als der Stand des Lebens in dem organischen Cyklus, den es durchläuft, nachden verschiedenen Lebensaltern; in der Spaltung des schaffenden und bildenden Cha-rakters, nach den 2 verschiedenen Geschlechtern; in der realen Darstellung der Le-bensidee; nach den verschiedenen Individuen, nach dem Temperament; endlichnach dem Kreise des Lebens im Sonnenlicht und in der Finsterniß, nach dem Wa>chen und Schlafe, und nach zufälligen Einwirkungen von Nahrung, Getränken,Gemüthsbewegungen rc. verschieden ist. Bei dem Kinde erreicht der Regelpulsdie höchste Zahl; er schlägt in der Zeitabtheilung einer Minute 100 — 110 Mal,ist dabei gleichmäßig, schwach, schnell, mehr weich als hart, klein, nicht voll. Beidem Zünglinge hat die Zahl schon etwas abgenommen, sie beträgt etwa 90, etwasdarunter oder darüber. Dabei ist der Puls gleichmäßig, kräftig, etwas schnell undlebhaft, etwas stärker, doch noch mehr weich als hart, mäßig voll, mehr klein alsgroß. Bei dem Erwachsenen beträgt die Zahl 75, der Puls ist sehr gleichmäßig,,kräftig, aber gemäßigt, zwischen weich und hart schwebend, ebenso im Mittel zwi-schen voll und leer, zwischen groß und klein. Zm Greisenalter sinkt die Zahl derSchläge wol auf 60. Der Puls ist zuweilen ungleichmäßig, stark, aber langsam,hart, mehr voll als leer, mehr groß als klein. Bei dem weiblichen Geschlecht istder Puls, im Verhältnisse zu dem des männlichen Geschlechts, häufiger, schwächer,schneller, lebhafter, weicher, voller und kleiner. Bei dem sogen, sanguinischen Tem-perament ist der Puls häufiger, lebhafter, weicher und voller; bei dem cholerischenweniger häufig, gemäßigter, härter, stärker; bei dem phlegmatischen langsamer,schwächer, weicher, voller; bei dem melancholischen langsam, hart und stark. Früh-morgens ist der Puls sparsamer, langsamer, gemäßigter; Nachmittags und zumAbend hin wird er häufiger, schneller, lebhafter. Bei dem Genüsse von Pflanzen-nahrung ist er gemäßigter, langsamer, schwächer, voller, weicher; bei Fleischnah-rung , nach dem Genüsse von Gewürzen, geistigen Getränken wird er häufiger, leb-hafter, härter. In reiner, Heller Lust wird er häufig, lebhaft, schnell, in feuchter,unreiner Lust matt, langsam, weniger häufig. Von plötzlichen GemüthSerschütte-
59 *