832
Puls
mngen und heftigen Leidenschaften wird er beschleunigt, lebhafter, unordentlich;von Freude häufig, lebhaft, kräftig; von anhaltendem Kummer wird er schwach,langsam, weich, klein. Hieraus leuchtet hervor, daß der Puls zwar ein höchst wich-tiges Zeichen des innern Zustandes des Organismus sein kann, aber auch, welchesorgfältige und genaue Beobachtung, Rücksicht auf alle Verhältnisse und Übungin der Untersuchung und Beurtheilung der feinen Unterscheidungen nothwendigsind, wenn er für den Arzt es werden soll. Wenn z. B. die Art des Pulses, welchebei dem Kinde Regel ist, bei einem Erwachsenen stattfände, so würde dieser in be-deutendem Zustande von Krankheit sich befinden, und wenn ein Mensch den Pulsdes Morgens hätte, der am Abend fein Regeipuls sein kann, so würde er ebenfallskrank sein rc. Jede Abweichung von dem Regelpuls eines Menschen deutet folg-lich auf einen krankhaften Zustand. Bei Schwäche des Organismus überhaupt,besonders des irritabcln Systems, bei abweichender Beschaffenheit der Blutmasse,Mangel an gut assimilirtem Nahrungsstoffe und gehöriger Belebung durch An-nahme des Oxygens, ist der Puls weniger häufig, schwach, langsam, weich, dochkann er dabei voll, zuweilen auch groß sein. Ist das Geschäft der Irritabilität durchirgend eine Einwirkung in seiner Regel so zerrüttet, daß es sich der Herrschaft desNervensystems entzieht, so entsteht der Zustand, den wir, wenn er allgemein ist,Kleber, wenn er örtlich ist, Entzündung nennen, und der Puls ist dann häufiger,ats die Regel crfodert. Ist dabei die Kraft der Irritabilität selbst erhöht oder dochungeschwächt, so ist der Puls zugleich hart; oft auch stark, schnell, voll und groß,in Entzündungen jedoch öfter auch hart, schnell und klein; ist aber die Irritabilitätim Sinken, so ist bei dem fieberhaften Zustande der Puls zwar häufig, zuweilennoch voll, zugleich aber weich, oft auch schwach und klein. Diese Beschaffenheitdes Pulses nimmt zu, je mehr die Irritabilität herabsinkt, sodaß er, wenn sie demErlöschen nahe kommt, nur noch als schwaches Zittern der Arterie bemerkbar ist. Istdie Einwirkung des Nervensystems unregelmäßig oder über die Regel verstärkt,z. B. bei ungleicher Vertheilung der Naturkraft, geringer Irritabilität und gestei-gerter Sensibilität, bei empfindlichem, reizbarem Nervensystem, so entsteht oft einhäufiger, ein ungleicher, unordentlicher, aussctzendcr Puls, wie bei Krämpfen, beikrankhaftem Reiz im Unterleibe, z. B, von Würmern, bei Hypochondristen undHysterischen. Bei mechanischen Hindernissen des Kreislaufs, z. B. Wassersuchtdes Herzbeutels, Polypen im Herzen oder in den großen Arterien rc., entsteht einungleicher, aussetzender Puls. Da der Puls ein so wichtiges Zeichen ist, den innernZustand des Organismus zu erkennen, so war cs natürlich, daß die Ärzte jedesZeitalters sich bemühten, durch genaue Beobachtung desselben seine Bedeutung inRücksicht des innern Zustandes zu erforschen. Zwar ist es zweifelhaft, ob Hippo-krates schon Kenntnis von dem Pulse gehabt habe. Doch wurden bald nach ihmdie Ärzte, besonders aus der alexandrinischen Schule, auf die wahre Bedeutungdesselben aufmerksamer. Obgleich ihre Erklärungen desselben, wegen mangelhafterKenntnisse der Anatomie und Physiologie, noch verschieden und schwankend waren,so vermehrten sie doch die Hülfsmittel zur Unterscheidung der einzelnen Krankheitendurch sorgfältige Beobachtung des Pulses in denselben schon bedeutend. Archigenesaus Apamea z. B. nahm schon den Pulsschlag als natürliche Erweiterung des Her-zens und der Schlagadern an. Aretäus aus Kappadocien erklärte ihn (wie schonvor ihm Athenäus aus Cilicien) als eine Bewegung, die durch eine natürliche unddem Willen nicht unterworfene Ausdehnung der dem Herzen und den Schlagaderneigenthü-nlichen Wärme, die den Grund der Bewegung des Herzens und derSchlagadern enthält, hcrvorgebracht wird. Ec beschrieb die vielen, einzelnen Krank-huren cigenthümlichen Pulsarten. Galen hat verschiedene Schriften über den Pulsgeschrieben. Von Galen an machte die Lehre des Pulses wenig oder gar keine Fort-schritte; G rün war, wie in der Medicrn überhaupt, so auch hier der Führer der