Druckschrift 
11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
781
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Voltaire 761

zur Schau stellt, die unkünstlerische Absichtlichkeit zu rügen, mit welcher er die Ten-enzen des Tages und seine persönlichen Bestrebungen einsticht. Ein wahres Kunst-werk ist kein Gelegenheitsgedicht. Ungeachtet seines sprudelnden Witzes hat V. imLustspiele nichts Vorzügliches geleistet. Der Grund liegt in der Eigenthümlichkeitseiner Phantasie und der damaligen Gssellschaftsbildung. Die,,Henriadereichan einzelnen glänzenden Stellen, ermangelt des wahren epischen Charakters, istdabei verfehlt in der Anlage des Ganzen und steht als Erzeugniß der Kunst weithinter derpucclle ä'Orlcans", einem Meisterstücke der komischen Muse. Unterseinen historischen Arbeiten sind das8ieelc äe Louis XIV et XV", sowie dieHistoire (le Olrarles XII", derIlssai 8ur I'Iüstnirs Generale, sur le»nroeur« et l'csprit des natious", reich an politischen Blicken, und haben daherNoberlson's Kenncrurtheil für sich gewonnen. Als Geschichtsforscher ist er nichtzu nennen, sein Verdienst liegt in der glücklichen Darstellung, die als ein Pflege-kind der angeführten siccles beide ohne genau bewußtes Streben treffend wieder-gibt. Der durchlaufende Gcundirrthum ist die hohe Meinung von der franz. Un-überlccfflichkeit, gegen welche die übrigen modernen Völker als vermeinte Barbarenin den Schatten gestellt werden. Dabei wird die reine Ansicht, das treue Auffassender Gegenstände fortwährend gestört durch die unverträgliche Einmischung einerspöttischen, flachen Aufklärerei. Die philosophischen Romane, Abhandlungen,kleinern Poesien, Erzählungen, Dialogen u. s. w. zeigen überall den umfassendenGeist und gewandten seinen Darsteller; überhaupt ist V. in der Gattung der piece»iugitivcs einzig zu nennen. Haller, sein großer Zeitgenosse, erkennt V.'s entschie-denen Vorrang vor Rousseau in Allem an, wo Witz und Einbildungskraft dieSprache des Herzens überglänzen. Als Prosaiker ist er unerreichbar, so schön undglänzend ist sein Ausdruck, so reich sein Witz. Unter allen franz. Schriftstellern ister vielleicht Derjenige, der die Eigenthümlichkeiten seiner Nation am vollendetstenin seinen Werken spiegelt, daher er auch immer ein Licblingsautor für die Weltleulebleiben wird. Die geistreiche Marquise du Ehlltelct war seine innige Freundin, da-her sind dieLettres inöilites de A. la Vlarq. <Iu OliLtclet et »upplement ä la.corrcspondence de Voltaire avec le roi deVrusse etc., avecdes notes lristoi."(Paris 1818) ein anziehender Beitrag zu V.'s Biographie. Vgl.La vie rle Vol-taire par Oondorcet" (deutsch mit Zusätzen, Berl. 1791); ,iLa vie de Voltairepar A." (Acrcicr) (Genf 1788);klxamen des vuvra^es «le A. de Voltairepar A. lünFuet" (Brüssel 1788);Vie litteraire de Volt. reiÜAee par de I.u-elret". Als Menschen und Privatmann schildert ihn mehr der Abbe Duvernet inderVie «le Voltaire sniviv d'aneedotes, gui eomposent sa vie privee" (Paris1797) und ,,Aein. sur V^vlt. et sur ses ouvr. par IVa^nieres et LonAcliamps,sos seeretaires" (Paris 1826, 2 Bde.). Waynicrcö mußte der Kaiserin Katha-rine die von ihr gekaufte Bibliothek V.'s in Petersburg so anordnen, wie sie in Fer-ncy gestanden halte. DieVie de Voltaire" von Mazure, Obcraufsehcr der Stu-dien, ist sehr parteiisch. V.'S Werke wurden von Beaumarchais zu Kehl 1784 fg. in70 Bdn. 4., 8., und 92 Bdn. 12. herausgegeben; und von Palissot mit Anmerk.zu Paris 1796 fg. Noch erschienenI'ieees iaedites" (Paris 1820). Neuer-dings hat sich zwar die alte Verfolgung in und außer Frankreich wieder gegen seineSchriften erhoben; dennoch sind seit 1817 bis 24 in Paris 11 verschiedene Ausg.derOeuvres de V." erschienen; die wohlfeilste von Touquet 1820, und es wur-den davon 2,133,000 Exempl. verkauft. 1823 fand man in der kaiserl. Eremitagezu Petersburg ungedruckle Werke V.'s: das wichtigste ist ein bitterer Commenlarüber Nousseau'sOontrat social", das zweite ein seitdem gedrucktes Märchen.Duponi's Ausg. der Werke V.'s in 70 Bdn. erschien 1826 fg. Eine ziemlich voll-ständige, aber wol nicht ganz unparteiische Übersicht der zahlreichen literar. Kriege V.'Sgibt dasPableau ^liilosspliigue «le Vesxrit <Ie Ar. de Voltaire" (Genf 1771).